Wintersonnenwende in Stonehenge

Der Ruf der Steine

Niemand weiß, wer Stonehenge vor Tausenden von Jahren errichtet hat. Umso stärker wirkt heute die Anziehungskraft des mysteriösen Bauwerks in England. Vor allem zu den Sonnenwenden. Dann kommen Druiden und Schaulustige zusammen, um den Lauf der Sonne zu feiern.

Die Zeremonie beginnt kurz vor Sonnenaufgang. Eigentlich würde die Sonne nun genau zwischen zwei riesigen Megalithen aufsteigen. Denn die Steine von Stonehenge sind so angelegt, dass die Wintersonnenwende zum mystischen Spektakel wird. Doch leider ist es bewölkt. Und kalt. Und windig. Ein Mann, Ende 50, in weißem Baumwollgewand und mit Cowboyhut, lässt sich davon nicht die Stimmung vermiesen und setzt zu einer Ansprache an. „Willkommen!“, ruft er mit ausgebreiteten Armen und seine Zuhörer drängen näher heran, um trotz des starken Windes seine Worte zu verstehen. Immerhin ist der Cowboyhutträger ein Druide.

Der keltische Kult der Druiden ist in Großbritannien als Religion anerkannt. Dessen Anhänger verehren Naturgottheiten wie Donner, Berge, Flüsse und die Sonne. Ihre Kultstätten sind die rund 100 englischen Henges (Steinkreise). Heute, am frühen Morgen des 22. Dezember 2014, fehlt ihrer bekanntesten Kultstätte Stonehenge neben der Sonne vor allem eines: Platz.

Wie aus einem Fantasy-Film

Zwischen den fünf Meter hohen, grob geschlagenen Steinkolossen drängen sich Familien mit kleinen Kindern, junge Hipster, asiatische Touristen, ein Dutzend weiterer, in bunte Gewänder gehüllte Druiden – rund 6.400 Menschen sind in der frostigen Graslandschaft Wiltshires zusammengekommen, um gemeinsam die Wintersonnenwende zu feiern.

Das Gros der Besucher reckt aus einiger Distanz Smartphones und Tablets in die Höhe, um das Geschehen zumindest auf Band zu bannen. Eine Gruppe von Druiden entzündet ein Feuer, sie sind gehüllt in erdfarbene Kostüme wie aus einem Fantasy-Film. Andere setzen mit Trommeln zu einem steten Viervierteltakt an. Ein Duo spielt auf Saiteninstrumenten mittelalterliche Musik dazu.

Dann verebben die Klänge im kalten Wind und der Druide mit Cowboyhut hält eine Plädoyer für Weltfrieden und Zusammenhalt, das ebenso gut auf ein Hippie-Festival gepasst hätte. Am Ende bittet er seine Zuhörer, gemeinsam mit erhobenen Händen Liebe und Frieden in alle vier Himmelsrichtungen zu entsenden.

Kurz vor den Sonnenaufgang des 22. Dezember 2014 sind etwa 6400 Schaulustige in Stonehenge zusammengekommen, um das Ende der längsten Nacht des Jahres zu feiern.
Eine Besucherin auf Tuchfühlung mit den Steinen. Nur zu den Sonnenwenden ist es erlaubt, die Megalithen zu berühren.
Eine Gruppe von neuzeitlichen Druiden tauscht sich nach der Veranstaltung aus.
Entgegen der allgemeinen Vorstellung vom Druiden als alten Mann mit langem Bart, gibt es auch weibliche Druiden.
"Die Steine haben mich gerufen", erklärt eine junge Druidin in die Kamera eines TV-Teams.
Ein Mädchen sitzt zwischen den Steinen und wundert sich, was die Erwachsenen für einen Bohei machen.
Trommeln zum Fest: Dank des starken Windes sind die Klänge der Druidenzeremonie schon aus der Ferne zu hören.
Liebe in alle Richtungen: Die Gäste und Druiden senden "Love and Peace" in alle vier Himmelsrichtungen.
Trotz des Bartes kein Druide: Zwei hippe Engländer schießen Schnappschüsse vom Wintersonnenwende-Event.
Amelia May Heath (rechts) hat in der Menge der Stonehenge-Besucher eine Beifahrerin für ihren Weg nach Bristol gefunden.
Zwei junge Britinnen haben sich für ihren Ausflug nach Stonehenge als Druidinnen verkleidet.
Über Stonehenge geht die Sonne auf, doch hinter den dicken Wolken über Wiltshire ist sie nur zu erahnen.
Gut gewappnet: Einige Besucher des Events haben sich für den kalten Morgen vorsorglich mit warmem Tee und Tassen ausgestattet.
Ein paar Besucher sind bereits einen Tag früher angereist, um auf den umliegenden Äckern zu zelten und zu feiern.
Die Camper haben den Kaffeeverkäufer Camden angelockt: Er tourt mit seinem Bulli durch England, um bei Festivals Heißgetränke zu verkaufen.
Druidin Charlotte kommt nach dem Event an den Steinen zur Ruhe. Seit zehn Jahren kommt sie her, um die Kraft Stonehenges zu spüren.
Für die Kinder werden die Steinzeitbrocken schnell zum Klettergerüst. Während der regulären Öffnungszeit wäre das streng verboten.

Als schließlich statt goldenen Strahlen nur mageres Sonnenlicht durch die Megalithen bricht und sich die Silhouette Stonehenges allmählich vom dem tristen Grün-Grau der Landschaft löst, stimmen die Druiden mit ihrer Gemeinde in die Worte “So mote it be” ein. Die keltische Version des “Amen” in der Kirche. Die längste Nacht des Jahres ist zu Ende. Eine neue Sonne ist geboren.

Die gebürtige Bristolerin Amelia May Heath kennt viele solcher Druidenriten. “Meine Mutter ist eine Hexe“, erzählt die 22-Jährige mit den weißblonden Haaren. „Sie hat mir immer die Wahl gelassen, ob ich mich mit ihrem Glauben auseinandersetze.“ Daher weiß Amelia einiges über den Glauben der neuzeitlichen Druiden an die Wiedergeburt oder mystische Naturkräfte, und sie kennt die wilden Geschichten über die Herkunft der Druiden aus Atlantis und ihre vermeintlich seherischen Fähigkeiten. „Meine Mutter glaubt an vieles davon, im Bekanntenkreis hilft sie als Heilerin und feiert ab und zu auch die Feste der Druiden“, sagt Amelia. Sie selbst könne dem Ganzen aber nicht viel mehr als Neugier abgewinnen.

Ihre Neugier reicht allerdings so weit, dass die Geschichtsstudentin des renommierten King’s College mitten in der Nacht aufgestanden ist, um in ihrem silbernen Kleinwagen zwei Stunden von London nach Stonehenge zu tingeln. „Ob man nun spirituell ist oder nicht, Stonehenge ist in jedem Fall ein besonderer Ort“, meint Amelia. Und obwohl sie bereits für ihr Studium das Unesco-Weltkulturerbe ausgiebig erkundet hat, schlängelt sie sich auch bei der Veranstaltung zur Wintersonnenwende in aller Ruhe durch die Touristenscharen, um das Megalithwerk von allen Seiten zu begutachten. Annähernd fünf Meter ragen die massiven Steinkolosse empor – geheimnisvolle Relikte einer Epoche Großbritanniens, über die trotz intensiver Forschung noch immer wenig bekannt ist. Inspirationsquelle für fantastische Geschichten. Projektionsfläche für die krudesten Theorien. Vor allem am heutigen Tag.

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Nicht berühren! Nicht besteigen!

Nach der Zeremonie verharrt der Großteil der Schaulustigen in der Kälte, um Stonehenge zu bestaunen – und es ausgiebig anzufassen. Denn normalerweise herrschen hier strenge Regeln: Hunde sind verboten, Müll darf auf dem Gelände um die Steinkreise nicht entsorgt werden. Enttäuscht sind viele Besucher über den Passus der Hausordnung, der ihnen verbietet, den Steinen zu nah zu kommen oder sie gar anzufassen. Knapp eine Million Gäste reist jedes Jahr an, um das von einem schulterhohen Zaun geschützte Weltkulturerbe zu besichtigen. Umgerechnet etwa 17 Euro müssen Stonehenge-Besucher für den Zaunblick bezahlen.

Aber heute ist alles anders. Zur Sommer- und Wintersonnenwende lockert die English Heritage, die sämtliche historische Bauten in Großbritannien verwaltet, ihre Regeln. Dann öffnet sie das seit 1901 eingezäunte Gelände, der Eintritt ist nun frei und kostenlos. Und das Security-Team aus Museumsmitarbeitern, Freiwilligen und abgestellten Polizisten ahndet Vergehen gegen die Hausordnung mit nachlässiger Gleichgültigkeit.

Zur Sommersonnenwende 1972 hat die Heritage erstmals zur gemeinsamen Feier geladen, seitdem haben sich die Events zu den Sonnenwenden zu Touristenattraktionen entwickelt. Beim Sommerevent herrschen gar Festival-artige Zustände: Im vergangenen Jahr kamen über 30.000 Menschen zusammen, campten auf den nahegelegenen Äckern, tranken und feierten.

Bei der Wintersonnenwende geht es wesentlich gediegener zu. Viele Touristen posen fröstelnd für Erinnerungsfotos an den verwitterten Steinen. Einige klettern ungehindert auf ihnen herum. Erst als ein paar Wagemutige versuchen, ein Stück als Souvenir aus den Doleriten der Bronzezeit herauszubrechen, schreitet die Security ein.

Wenig Fakten, viele Theorien

Amelia hält respektvolle Distanz zu den Steinen. „Ich habe sie einmal angefasst, das reicht mir“, sagt sie. „Ich muss jetzt nicht auch noch darauf rumklettern.“ Lieber wandelt sie zwischen den Touristen umher, um deren Gespräche zu belauschen. Wer Stonehenge besucht, scheint automatisch inspiriert zu sein, eigene Theorien zur Bedeutung des Steinkreises zu entwickeln. Ein paar von dicken Outdoor-Jacken geschützte Mittdreißger witzeln, jeden Moment könne ein Ufo landen, um sie alle einzusammeln. Ein älterer Herr mit Kappe tippt auf das Ziffernblatt auf seiner Uhr, um gespielt erleichtert ein „Die Welt ist ja immer noch nicht untergegangen?“ auszustoßen. Ein Druidin mit Efeukranz auf dem Kopf erklärt einem Kamerateam, Stonehenge habe eine magische Wirkung auf sie. „Die Steine haben mich gerufen. Es ist ein innerer Drang, hierher zu kommen.“

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5.000 Jahre alt

Amelia meint, sie sei zu sehr rationale Wissenschaftlerin, als dass sie sich eine eigene Theorie zu Stonehenge aus den Fingern saugen würde. Wie die Steine aus den 240 Kilometer entfernten Preseli Hills ihren Weg nach Wiltshire gefunden haben, wer sie dorthin gebracht hat und zu welchem Zweck, ob als frühes Observatorium, reine Grabanlage oder Opferstätte – all diese Fragen hat die Wissenschaft bislang nicht eindeutig beantwortet. Inzwischen datieren Forscher den Ursprung Stonehenges auf 3.100 vor Christus. Die noch heute sichtbaren Steine sind vermutlich bis 2.000 v. Chr. errichtet worden.

Eines zumindest ist klar: Die Erbauer legten die Steine so an, dass sich der Stand von Sonne und Mond im Lauf der Jahreszeiten verfolgen ließ. Die Steinzeitmenschen, so vermuten Wissenschaftler, konnten so die Jahreszeiten einteilen und den Ackerbau planen. Die beiden Sonnenwenden im Jahr, die den tiefsten und höchsten Abstand der Sonne vom Horizont markieren, sind dabei ganz besondere Ereignisse. Ob hier allerdings Menschen den Göttern geopfert oder selbsternannte Magier am Werk waren, das ist reine Spekulation.

Sicher ist nur, dass die alten Druiden, deren selbsternannte Nachfolger sich hier gerade als Hüter der Zeremonie geben, mit dem Bau von Stonehenge nichts zu tun hatten. Ihre Bewegung war erst im zweiten Jahrhundert vor Christus entstanden, später von der Christianisierung verdrängt und erst im 16. Jahrhundert von britischen Gelehrten wieder zum Leben erweckt worden. Den Touristen ist es egal, sie feiern den Druiden mit dem Cowboyhut.

Ufologen, Touristen und Hipster

Noch lange nach dem Sonnenaufgang umkreisen die Druiden die Steine und legen mit geschlossenen Augen Hand an die vermeintlichen spirituellen Energiequellen, um zu innerer Ruhe zu finden. Ein paar Mitzwanziger haben sich im Windschatten der Kolosse niedergelassen, um Joints zu drehen. Kinder haben einen umgestürzten Stein zu ihrem Klettergerüst erklärt. Mit der Zeit kommen viele von ihnen ins Gespräch: Ufologen halten fröhlichen Smalltalk mit Touristen. Angeschäkerte Hipster tanzen Hand in Hand mit Yuppies in Treckingklamotten um die Steine herum.

“Ich mag diese sehr offene, herzliche Atmosphäre”, sagt Hexen-Tochter Amelia. “Stonehenge erfüllt trotz der vielen Jahrhunderte Geschichte vermutlich immer noch den gleichen Zweck: Die Neugier bringt die Menschen zusammen.“ In bestimmten Zeiten sollen 40 Prozent der damals noch bedeutend kleineren britischen Bevölkerung hergepilgert sein, um die Sonnenwenden zu feiern. Jetzt reisen Menschen von überall her an, um zusammen zu rätseln.

Um kurz vor zehn Uhr wird das Miteinander beendet. Die Security geleitet die Besucher nach und nach vom Gelände, damit der reguläre, kostenpflichtige Museumsbetrieb fortgesetzt werden kann. Amelia wandert zurück zu ihrem Auto. Keine höhere Erkenntnis ist über sie gekommen. Kein Druide hat ihr einen Wundertrank gereicht. Kein Ufo hat sie abgeholt.

Dafür ist sie mit zwei Trampern ins Gespräch gekommen, die über die Weihnachtsfeiertage auch nach Bristol fahren wollen. “Ich nehme sie jetzt mit”, sagt Amelia und strahlt. “So spare ich zumindest ein bisschen Spritgeld.” Und sie hat jemanden, mit dem sie noch ein bisschen länger das Geheimnis von Stonehenge diskutieren kann.


Diese Reportage konnte Dank der Unterstützung von Holiday Inn Salisbury-Stonehenge und Germanwings entstehen. Damit war keinerlei Einflussnahme auf die Berichterstattung verbunden.

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