Die Entdeckung der Stille

Grönland ist die größte Insel der Welt und einer ihrer abgelegensten Orte. Es gibt nur wenige Menschen, dafür viel Schnee und Eis. Perfekt für die Erholung von der Zivilisation, fand unsere Autorin und machte sich auf den Weg.

Die Kopfhörer sind nötig, als der Helikopter startet. Obwohl der Flug vom ostgrönländischen Kulusuk zum Dorf Tasiilaq nur rund zehn Minuten dauert. Der Lärm schluckt die eigenen Worte.

Vielleicht fehlen sie mir deshalb beim Anflug auf die größte Siedlung Ostgrönlands. Oder es liegt an der Schönheit, die sich da vor dem Fenster ausbreitet. Schneebedeckte Berge, tiefblaues Wasser mit schwimmenden Eisklötzen und kleine Häusern inmitten von Sonnenschein. Rund 2.000 Menschen leben hier in Tasiilaq.

Es ist Ende August. In Grönland beginnt jetzt eigentlich schon die kalte Herbstzeit. Aber an diesem Tag ist es noch hochsommerlich warm: 15 Grad Celsius. Der Sonnenschein hat Pflanzen und Moose sichtbar verfärbt. Die perfekte Wandertemperatur.

Eisige Insel

Grönland ist faszinierend. Die größte Insel der Welt – mit 2,1 Millionen Quadratkilometern fast sechsmal so groß wie Deutschland. Doch angesichts fehlender Wege und Ausschilderungen sind eine gute Karte oder Ortskenntnisse nötig. Ohne einen guten Führer sollten sich Touristen nicht ins Gelände wagen. Ich habe dafür Robert Peroni gefunden.

Der Südtiroler bietet in seiner Begegnungsstätte „Rotes Haus“ Übernachtungen für Besucher aus aller Welt an. Und er verdient seinen Lebensunterhalt damit, seine Gäste Boots- und Trekkingtouren sowie im Winter Hundeschlittentouren erleben zu lassen.

Zudem bietet Peroni Extremtouren an. Er hat wildes, ergrautes Haar und steckt in Funktionskleidung. Er erzählt mir, dass er 1983 zusammen mit zwei Begleitern als erster das Inlandeis an der breitesten Stelle Grönlands überquert hat, ohne Hilfsmittel zu verwenden.

Doch heute lässt Peroni es lieber ruhiger angehen und berichtet ausführlich von den Schönheiten Grönlands, den Landschaften, auf die sich die Gäste einlassen müssten, um etwas von dieser Besonderheit mitzunehmen.

Der 1944 Geborene kam vor rund 20 Jahren hierher und blieb. Warum? Vielleicht faszinierte ihn die Einsamkeit – nur 56.000 Menschen leben auf der weltgrößten Insel – oder vielleicht die kalte, endlose Weite.

Die Probleme der Inuits

Was auch immer der Grund gewesen sein mag: Sein Leben widmet er nun der Erhaltung dieser Natur und will einen nachhaltigen Tourismus anbieten, der den 70 einheimischen Inuits, die für ihn arbeiten, eine Perspektive gibt.

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Robert Peroni. Extremsportler, Touristenführer und Buchautor: Kälte, Wind und Freiheit. Wie die Inuit mich den Sinn des Lebens lehrten (Piper Verlag)

Viele andere ihrer Landsleute haben die nicht. In Ostgrönland gibt es kaum Arbeit, die Jüngeren wollen aber oft trotzdem bleiben. Früher besaß die Familie einen hohen Stellenwert, doch diese Tradition brach mit dem Einzug der modernen Welt auf.

Arbeitslosigkeit, Gewalt in der Familie, Alkoholismus und Suizid sind Probleme, auf die die autonome Regierung in der Hauptstadt in Nuuk noch keine Antwort gefunden hat. Auch Dänemark, zu dem Grönland politisch gehört, scheint ratlos.

Wal-Gulasch

In Peronis Haus, das wie ein roter Farbklecks zwischen schneebedeckten Hügeln am tiefblauen Wasser liegt, herrscht immer Betrieb. Egal ob im Büro, im Haushalt oder in der Küche: ohne die Inuits geht hier nichts. Deshalb bekomme ich auch echte grönländische Küche serviert.

Zum Beispiel Walfleisch-Gulasch, bei dem sich Tierschützern zwar der Magen umdrehen dürfte. Doch leider schmeckt er ziemlich gut. “Mamara, Guena”, sage ich zum Koch, der mein frisch gelerntes Grönländisch für “Lecker, Danke” mit einem Lächeln quittiert.

Das ist das Signal zum Aufbruch. Frisch gestärkt verschanze ich meinen Körper unter wetterfester Kleidung, die Füße gesichert durch feste Wanderschuhe. Das Ziel: Peroni will uns zum fast unaussprechlichen Gipfel Qaqertivagajik führen. Ein Klassiker für Ostgrönland-Touristen.

An die Extremtour traue ich mich hingegen nicht heran. Stattdessen verspricht der “Wanderweg durch das Blumental” die Schönheit der Natur. Aber leider kommt etwas dazwischen.

Biester im Blumental

Gerne würde ich die arktischen Glockenblumen am Wegesrand bewundern, die Weidenröschen und das saftige Moos. Doch unzählige fiese Stechmücken haben etwas dagegen.

Im Sommer sei es noch viel schlimmer, bemerkt Peroni trocken und geht zügig voran. Dann seien die Blutsauger auf Nahrungssuche, um sich für die kalte Jahreszeit zu stärken. Und während er so erzählt, trabe ich fuchtelnd durchs Blumental.

Ich krame das Moskitonetz aus der Tasche und endlich ist Ruhe. Sobald es über Stein und Geröll in die Höhe geht, verschwinden die kleinen Plagegeister ganz. Das liegt an den kühleren Temperaturen in der Höhe.

Und am Wind, der uns nun auf 718 Metern ins Gesicht pustet. Stirnband und Mütze kommen jetzt ebenso zum Einsatz wie das Fernglas. Ich blicke hindurch und sehe die in der Ferne schwimmenden Eisstücke ganz groß. Bis zu 15 Meter sind sie hoch, winzig scheinen im Vergleich die Schiffe und Boote, die an den Riesen vorbeifahren.

“Die Eisberge in der Ferne versprechen Stille. Dort will ich hin.”

Plötzlich ist ein gewitterähnliches Grummeln zu hören. Wenn der Blick auf die mögliche Ursache dieses Krachens fällt, sind nur noch die Folgen erkennbar: Abgefallene Eisstücke, Wellenbewegungen rund um die Abbruchstelle, das Schwappen des eiskalten Wassers am Ufer. Nach dem Grummeln ist Ruhe. Vorerst.

Lauter wird es wieder, als sich unser Trupp dem Dorf Tasiilaq nähert. Das Jaulen von 1.500 Schlittenhunden macht sich breit, die während des Sommers nur an der Leine liegen und auf den Winter warten. Dann das Knattern eines Hubschraubers. Die Eisberge in der Ferne versprechen Stille. Dort will ich hin.

Möglich macht das der Inuit Julius Ignatiussen. Er fährt eines der vielen Motorboote, die hier in der Gegend durchs Wasser gleiten. Wie Peroni lebt auch Ignatiussen vom Tourismus.

Wie fotografiert man einen Gletscher?

Mit mehreren Kleidungsschichten, Handschuhen, dicken Socken und Schwimmweste ausgestattet, saust er mit rund 200 PS über das Meer. Mit im Boot sitzen ich und sechs andere Touristen, alle werden vom Auf und Ab des starken Seegangs durchgeschüttelt. Dann biegt das Boot in den Fjord ab. Und plötzlich ist es ganz still.

Sanft gleiten wir dahin, bevor wir sie sehen: die Eisberge. Blau und weiß strahlen die Formationen. Ihre Oberflächen glänzen, tropfen oder schimmern durchsichtig, als ob sie in der Sonne schwitzen.

Der Inuit hält das Boot an. “Ihr könnt fotografieren”, sagt er. Doch das ist gar nicht so einfach. Denn die Dimensionen sind kaum greifbar. Der kleine Mensch inmitten von Eisstücken. Sie stammen vom Polarstrom oder vom Inlandeis. Nur von den Strömungen des Wassers getragen, haben sie ihren Weg hierher gefunden und liegen jetzt vor mir.

Ignatiussen wirft den Motor wieder an. Nach drei Stunden Fahrt erreichen wir eine Wand. Aus der Ferne wirkt sie wie eine gewaltige Mauer. Je näher das Motorboot kommt, desto intensiver strahlen die weiß-blauen Töne des Knut Rasmussen-Gletschers. Ich richte meine Augen nach oben und bin überwältigt von der Wucht des zehn Meter hohen Gebildes.

Nichts als Eis

Einige Zeit gleitet das Boot am Gletscher entlang. Alle Mitfahrenden schweigen vor Staunen. Geräusche machen nur die kleinen Eisstücke, die gegen unser Boot stoßen. Es hört erst auf, als der Bootsführer den Rückweg einschlägt. Ich schaue den Eisstückchen nach, wie sie im Sonnenlicht funkeln.

Auch der Sermilik-Fjord, den wir auf dem Rückweg durchqueren, funkelt wie ein Diamant. Hier ist das Inlandeis sichtbar, das 80 Prozent der Fläche Grönlands ausmacht. An verschiedenen Stellen sind Teile aus dem Eis gebrochen, die nun dicht an dicht den 40 Kilometer langen Fjord übersäen.

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Semilik-Fjord
Der Semilik Fjord. Foto: Robert Peroni

Unser Boot hat angelegt und wir steigen ein 400 Meter hohes Felsplateau hinauf. Ich blicke hinunter auf den Fjord, der nun wie ein regungsloses Gemälde vor mir liegt. Große Stücke Eis und unendlich viele kleine. Es ist still, richtig still. Kein Hund, kein Vogel, keine Fliege ist zu hören. Die Zeit scheint angehalten und ich hole tief Luft. Ich merke, wie sich diese Ruhe auf mich überträgt.

Zurück zum roten Haus

Wir laufen hinunter und erst jetzt beginnt sich das Gemälde zu bewegen. Sobald sich die Entfernung zum Wasser verringert, werden die Eisstücke erkennbar, auch die Fließbewegungen des Wassers. Es rauscht, gluckert, knistert, tropft und schwappt. Die Stücke bewegen sich hin und her, manchmal brechen sie auseinander und treiben in Scherben weiter.

In der Ferne ist ein Gewitterrollen zu hören. Unsere Tagesreise ist beinahe beendet, wir nähren uns Peronis rotem Haus. Die Geräusche nehmen zu, je näher wir der Siedlung kommen. Motoren und jaulende Huskys.

Doch ich fühle sie noch. Die Stille des Eises. Sie fließt durch meinen Körper.

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