Die Abayudaya

Die Juden von Uganda

Selbst in Uganda weiß kaum einer, dass es in dem Land am Äquator eine jüdische Gemeinde gibt – die Abayudaya. Wie die Juden nach Uganda kamen und warum sie eigentlich keine „echten“ Juden sind.

Dem Mann in dem staubigen Straßencafé in Mbale fällt vor Schreck fast sein Telefon in den Tee. „Abayudaya? Zu der jüdischen Kirche?“, fragt er noch einmal, um sicherzugehen. „Ähm ja,“ antworte ich, „so ähnlich“. Er kann sich vor Begeisterung kaum halten: „Ein echter Jude aus Israel! Was für ein Tag.“ Als ich ihn aufkläre, dass ich kein Jude bin und auch nicht aus Israel komme, sondern aus Deutschland, macht er ein enttäuschtes Gesicht. Doch dann kehrt sein breites Grinsen zurück. „Ah, Deutschland – Fußballweltmeister!“

Nach einer etwas wirren Diskussion über die Wahrscheinlichkeit eines afrikanischen Fußballweltmeisters – wäre Ghana im letzten Jahr in der Gruppenphase nicht auf Deutschland getroffen -, passiert mir das Beste, was einem westlichen Reisenden in Uganda widerfahren kann: Meine Café-Bekanntschaft ruft seinen Lieblings-Boda-Boda-Fahrer herbei. Der bringt mich mit seinem knatternden Motorrad-Taxi für einen Freundschaftspreis zu meinem Ziel – die Abayuda.

Ich habe Glück, dass mein Boda-Boda-Fahrer weiß, wo sie zu finden sind. Denn kaum jemandem in Uganda scheint klar zu sein, dass es in dem Land am Äquator überhaupt eine praktizierende jüdische Gemeinde gibt. Viele wissen nicht einmal, dass das Judentum eine eigene Glaubensrichtung ist.

Wir tuckern vorbei an Holzhütten, Bananenstauden, angebundenen Ziegen, Gemüsebeten, Waldstücken. Kinder jagen barfuß flatternde Hühner über den matschigen Pfad. Sobald sie das Motorrad sehen, rufen sie mir hinterher „Muzungu, Muzungu!“, Übersetzung: Gib uns Süßigkeiten! Aber der weiße Mann hat leider schon all seine Kekse am Morgen im Bus aus Kampala aufgefuttert. Wie blöd von mir. Der Weg wird mit jedem Kilometer schmaler, die Vegetation immer dichter. Irgendwann behauptet der Fahrer wir seien da. „Hier ist Nabugoye.“ Um uns ist alles grün. Weil ich ungläubig schaue, schiebt er nach, dass ich nur noch durch diese Hecke springen müsse. Ich weiß, was Hecken sind. Worauf er zeigt, ist jedoch dichter Wald. Dennoch zahle ich und mein Fahrer knattert davon. Ich springe. Er hatte Recht.

„Bist du ein echter Jude aus Israel?“

Ein vielleicht 13-jähriger Junge in tadelloser Schuluniform schaut mich erstarrt an wie ein Reh im Aufblendlicht. Während ich mir meinen Landeplatz von den Knien klopfe, frage ich ihn nach dem Rabbi. „Bist du ein echter Jude aus Israel?“, fragt er auf Englisch. Diesmal ebbt die Enttäuschung schneller ab, als ich meine Herkunft entblöße. Es folgt eine messerscharfe Analyse des Halbfinalspiels gegen Brasilien. Der Junge, Joshua, führt mich an den Baracken der Schule vorbei. Welchen der deutschen Nationalspieler ich am besten finde, will er wissen. Sein Favorit ist Özil. Nein, doch Götze. Er schießt ein Tor in die Luft und reißt die Arme nach oben.

Joshua, der nun doch lieber Schweinsteiger mag, rennt einen kleinen Grashügel hinauf. Mir läuft Schweiß über die Stirn. Die Luft ist dünn in 1200 Meter Höhe. Als ich auch oben ankomme, stehe ich auf einem struppigen Bolzplatz und Joshua zirkelt um mich herum. Hinter dem Platz beginnt ein weites, satt grünes Tal, das wie ein dichter Garten wirkt. Ziegen meckern. Vor einigen der kleinen Hütten sind blaue Plastikplanen ausgebreitet, auf denen blasse Kaffeebohnen trocknen. Die meisten hier sind Bauern und bearbeiten ein paar kleine Parzellen Land. Hinter all dem erstreckt sich ein langer, buckliger Bergrücken. Aus Felswänden schießen Wasserfälle. Ich reibe mir die Augen. In diesem Licht werden die Wasserfälle zu Prismen und Regenbögen fallen aus dem Berg ins Tal. Schmetterlinge fliegen um uns herum. „Ihr lebt im Paradies“, sage ich leise. Sofort ist es mir peinlich. Joshua schaut mich an, zuckt mit den Achseln und sagt: „Neuer! Wir haben Neuer vergessen.“

Ein Abend bei Rabbi Sizomu

Wenige Minuten später stehen wir vor der Moses Synagoge. Ein kleiner, flacher Bau, mit strahlend weißer Frontfassade, schlumpfblauen Türen und nacktem Backstein an den Seiten. Sie ist eine von fünf. In ihrer Nähe wohnen aber die meisten Gemeindemitglieder. Neben einem Eingangstor aus Stahl steht eine Art Werbeschild. Darauf die computergenerierte Vision einer neuen Synagoge. Hell soll sie werden und ein geschwungenes, modernes Dach haben. Noch liegen nur ein paar Felssteine, wo sie irgendwann mal stehen soll. Joshua sagt, dass der Rabbi bestimmt noch im Krankenhaus arbeitet und verabschiedet sich. Gleich ist er mit anderen Kindern verabredet. Sie wollen Fußball spielen, natürlich. Vorher zeigt er mir aber noch den Weg zum Haus, des Rabbi.

Aus den weit aufgerissenen Augen einer Frau schießen Blitze. Sie treffen die Brust eines jungen Mannes mit schlecht sitzendem Anzug. Dramatisch fällt er zu Boden. In dem winzigen Wohnzimmer von Rabbi Gershom Sizomu kichern drei seiner Kinder und drei seiner Nichten und Neffen. Vorabendserien scheinen weltweit zwei Dinge gemein zu haben: Sie sind beliebt und abstrus. Die Blitze-Hexe der nigerianischen Soap ist allerdings einzigartig. Während der Rabbi mir einen Teller Hühnchen mit Reis reicht, tanzt sein zweijähriges Töchterchen um meine Beine. „Ich bin heute die Binzessin.“ „Prinzessin“, verbessert sie ihr Bruder gelangweilt. Rabbi Sizomu ist 45 Jahre alt. Als Kind musste er stets heimlich beten. „Vor mir führte mein Vater die Gemeinde“, sagt er, „und davor mein Großvater. Ich bin die dritte Generation.“ Seit 1993 ist nun er der spirituelle Anführer der Abayudaya. Ihr einziger.

Wie das Judentum nach Uganda kam

Der Rabbi erzählt mir die ungewöhnliche Geschichte der Abayugaya: Ihr Gründer war Semei Kakungulu – ein 1869 geborener Krieger, der für die britischen Kolonialherren kämpfte und von ihnen den christlichen Glauben übernahm. Die Briten ernannten ihn zwar zum Gouverneur von Ostuganda, machten ihn aber nicht zum König. Enttäuscht wandte sich Kakungulu dem Selbststudium der Bibel zu und von den Kolonialherren ab, die so ganz anders lebten als es sonntags gepredigt wurde. 1913 schloss er sich einer christlichen Sekte an, den Abamalaki, die scheinbar wahllos auch jüdische Bräuche aus dem Alten Testament ableitete. Nach einem Streit über das Beschneidungsgebot kam es vier Jahre später zum Bruch und Kakungulu zog sich mit seinen Anhängern in die Berge zurück. Er beschnitt seine Söhne, gab ihnen neue Namen wie Israel oder Nimrod und lebte seine ganz eigene Interpretation vom Judentum.

Bis dahin hatte im ganzen Land noch nie jemand einen tatsächlichen Juden gesehen. Das änderte sich als ein jüdischer Siedler sechs Monate mit ihm verbrachte. Der Sabbath wurde in der Gemeinde eingeführt, Synagogen gebaut und nur noch Tiere verzehrt, die selbst geschlachtet wurden. Kakungulu hielt allerdings bis zuletzt an einer Regel der Abamalaki fest: Er lehnte die moderne westliche Medizin komplett ab. 1928 starb er an Wundstarrkrampf. Heute betreibt die Gemeinde ein Krankenhaus in Mbale. Geblieben ist hingegen der Name: Abayudaya. Was schlicht „Kinder von Juda“ auf Luganda heißt.

Der Hitler von Uganda

Nach Kakungulus Tod lebten die Abayudaya jahrzehntelang zurückgezogen und unauffällig. Doch als sich 1971 ein grausamer Diktator an die Staatsspitze putschte, war es mit der Ruhe schnell vorbei. Idi Amin ließ alle Menschen im Land ermorden, die er für Konkurrenz hielt: Intellektuelle, Richter, ranghohe Offiziere. Weil die Armee nicht schnell genug die Gräber für die vielen Leichen schaufeln konnte, ließ er sie zu Hunderten in den Nil werfen, den Krokodilen zum Fraß. Sein Zorn richtete sich bald auch gegen die Juden von Uganda, weil Israel ihm die Lieferung von Waffen versagte. 3.000 Abayudaya soll es vor dem mörderischem Regime des durchgeknallten Hitler-Verehrers gegeben haben. Hunderte konvertierten währenddessen zum Christentum oder dem Islam, um der Verfolgung zu entfliehen. Gerade einmal 400 Abayudaya soll es noch gegeben haben, als sich Amin im April 1979 nach Libyen absetzte. Heute sind es wieder rund 2.000.

Am nächsten Morgen stehen die Türen der Moses Synagoge weit offen. Mit zwei seiner Rabbinerschüler liest Rabbi Sizomu im Talmud. Viermal die Woche kommen Seth und Aaron um sieben Uhr hier her, um Hebräisch zu lernen. Beide sind erwachsene Männer um die 40. Sie lesen holprig. Der Rabbi wiederholt jeden Satz noch einmal und berichtigt die Aussprache. Anschließend wird über die Passage diskutiert. „Insgesamt habe ich acht Schüler“, sagt Rabbi Sizomu, „aber ich bin der einzige, der Hebräisch in Israel richtig gelernt hat.“

Eine Gruppe konservativer Rabbis konvertierte 2002 etwa 400 Abayudaya offiziell zum Judentum. 2012 besuchten zwei Rabbis das Dorf Puti ganz in der Nähe, dessen Einwohner nach orthodoxen Regeln lebt. „Reformiert, konservative, orthodox, das ist Politik“, sagt der Rabbi. „Uns geht es um den Glauben.“ Durch Kakungulu haben die Abayudaya keine Wurzeln, die sich nach Israel ausstrecken, im Gegensatz zu den Igbo in Nigeria oder den Lemba im südlichen Afrika. Das Verhältnis zu den geistlichen Köpfen in Jerusalem macht dies schwierig.

Israel fühlt sich nicht zuständig

Organisation und Gruppen, die Juden bei der Migration nach Israel helfen fühlen sich oft nicht zuständig. „Wir arbeiten nicht mit Uganda“, heißt es dann knapp. Für Rabbi Sizomu steht aber fest, dass sich die Abayudaya auch nicht übermäßig verbiegen werden, um in Israel anerkannt zu werden. „Wir wollen unabhängig sein und unsere Gemeinde voranbringen. Das ist das Wichtigste für uns“, sagt er. „Nicht alles was in der Thora steht, können wir hier anwenden. Hier wachsen ja auch keine Oliven wie am Tempelberg.“ Eine Ausbildung in Jerusalem sei der Traum aller seiner acht Schüler, sagt Rabbi Sizomu. Aber leisten kann sie sich keiner. Er selbst wurde 2008 an der Ziegler Rabbinerschule in Los Angeles ordiniert.

Hinter der Synagoge von Nabugoye liegt eine grünblaue Plastikplane, auf der die Frau des Rabbis die frische Kaffeeernte ausgebreitet hat. Bevor der sich wieder um die Verwaltung des Krankenhauses kümmern muss, steht ein Besuch bei einem Schlachter an. Es gibt Fragen zum Koscheren. Wir verabschieden uns und ich laufe an der Synagoge vorbei den Hügel hinunter zur Schule.

Eine Schule für Juden, Christen und Muslime

Auf einer Veranda der drei dunklen Holzhäuser wartet Schulleiter Satte Jaffar auf mich. 308 Schüler werden hier unterrichtet. „Wir sind keine abgeschnittene Gemeinde“, sagt er, „hier leben auch Christen und viele Muslime. Aber unsere Schule ist nun einmal die beste hier“. Auch die Lehrer gehören verschiedenen Religionen an. Der Mathelehrer ist Moslem. Englisch wird von einem Juden unterrichtet. Die meisten Schüler sind zwischen 14 und 19 Jahren alt, nur ein kleiner Teil gehört zu den Abayudaya. Aus dem ganzen Land seien welche hier, auch um zum Judentum zu konvertieren. Jaffar führt mich zu den engen Klassenräumen, hier sitzen oft mehr als 50 Schüler. Die Kinder tragen Schuluniformen in hellblau und dunkelgrün – die Jungen in Hosen, die Mädchen in Röcken. Die Haare der Mädchen sind mit weißen Tüchern bedeckt, manche tragen eine islamische Hidschab, manche im typisch ugandischen Stil mit einen Knoten über dem Nacken fixiert.

Nach dem Rundgang setzen wir uns auf einen der großen Felsbrocken vor den Baracken. Dann fragt er mich mit ernstem Ton: „Gibt es in Europa wirklich Schulen, wo die Kinder lernen, Fußballspieler zu werden? Hier gibt es viele talentierte Kinder.“ Bestimmt meint er den fußballverrückten Joshua, der so viele Lieblingsspieler hat, dass er sich für keinen entscheiden kann.

Ein blechernes Knattern nähert sich. Meine Zeit ist schon um. Der Schuldirektor hat mir seinen Lieblings-Boda-Boda-Fahrer gerufen. Und der kennt sogar den Weg, um den Heckenwald herum. Auf der Wiese rennt eine Horde Kinder schreiend einem Ball hinterher. Als ich sehe, wer den Ball entführt hat, traue ich meinen Augen erst nicht. Es ist nicht etwa Joshua, der mit dem Ball davon stürmt, sondern tatsächlich eine Ziege.

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