Ismailiten in Tadschikistan

Ein Fest auf dem Dach der Welt

Während in einem großen Teil von Tadschikistan die Menschen sich dem konservativen Islam zuwenden, gibt es in den hohen Bergen des Pamir an der Grenze zu Afghanistan die islamische Glaubensgemeinschaft der schiitischen Ismailiten, die ihren eigenen Weg geht.

Wir sind umgeben von braunen, kargen Bergen, zwischen denen immer wieder schneebedeckte Gipfel hervorblitzen. Ein Lied schallt aus den Boxen des vollbesetzten Nissan Terracan: „Sestrionka Moja – Musulmanka moja“ (Mein Schwesterchen – Meine Muslima). Ein poppiges Lied, das junge Frauen anregen soll, Kopftuch zu tragen. Auf unserer Reise wird es uns immer wieder begegnen.

Der wilde, graue Gebirgsfluss ist während der abenteuerlichen Fahrt auf der Fernstraße M41 unser ständiger Begleiter und an diesem Abschnitt zugleich die natürliche Grenze zu einem der gefährlichsten Länder der Erde – Afghanistan. Kritisch beäugen wir das Geschehen auf der anderen Flussseite, wo sich ab und an einsame Häuser und einzelne Menschen zeigen. Dabei stellen wir fest, dass die Grenze nicht nur zwischen den Flussufern, sondern noch deutlicher in unseren Köpfen verläuft. „Früher kamen die Afghanen nachts über die Grenze, klauten hier Lebensmittel und verschwanden wieder mit ihren Booten. Aber nun ist es hier sicher“, berichtet Rustam, der Fahrer des Jeeps.

Wir sind unterwegs auf dem legendären Pamir Highway, der zweithöchstgelegenen Fernstraße der Welt. Der Highway ist hier eine holprige und ausgewaschene Schotterpiste in den Bergen, die erst seit einigen Wochen wieder befahrbar ist. Über die Winter- und Frühlingsmonate ist die Region vom Rest des Landes abgeschnitten. Dann kommt man nur einmal wöchentlich mit einer kleinen Tupolev buchstäblich zwischen den schneebedeckten Berggipfeln hindurch nach Khorog.

Von Dushanbe erreichen wir nach 16 Stunden anstrengender Autofahrt Khorog, die Hauptstadt der autonomen Provinz Nagorno-Badakhshan. Hier in 2000 Metern Höhe ist es staubig, trocken und heiß – nur der rauschende, graue Bergfluss bringt uns Erfrischung. Von einem Einheimischen bekommen wir den Tipp, das nahgelegene Dorf Tusyon zu besuchen. Wenig später sitzen wir dichtgedrängt in einem Kleinbus sowjetischer Bauart und fahren den Fluss immer weiter hinauf.

„Mein Mann ist respektvoll, er hat eine gute Familie“

Als wir das Dorf erreicht haben, ist der Bus fast leer. Eine junge Frau spricht uns an. Schnell kommen wir ins Gespräch, die in einer Einladung in das Haus ihrer Familie mündet. Zu Fuß gehen wir das letzte Stück den Berg hinauf. Ein plätschernder Bergbach fließt neben dem Weg, satte, grüne Wiesen umgeben die kleine Dorfsiedlung und die Sonne wärmt die Esel und Ziegen, die am Straßenrand liegen. Das weiße, schlichte Haus mit den Beeten voller Möhren, Schnittlauch und roter Beete rundet das Bild ab.

Die Frau heißt Nurana und bittet uns hinein in das klassische Pamirskij Dom, ein arttypisches Haus für das Pamirgebirge. Bevor wir widersprechen können, stehen Brot, Butter, Kumys und jeweils eine Schale salzigen Shir Chais mit geschmolzener Butter vor uns. Ob wir denn verheiratet seien und wie viele Kinder wir hätten, fragt Fairuza, die ebenfalls in dem Haus lebt und uns beim Essen beobachtet. Sie ist erst vor kurzem in das Haus ihrer neuen Familie gezogen. „Nach der Heirat ziehen die Frauen zu den Familien ihrer Männer“, erklärt sie. Sie scheint zufrieden: „Mein Mann ist respektvoll, er hat eine gute Familie.“

Das Haus mit seinen zwei großen, quadratischen Räumen beheimatet drei Generationen und insgesamt elf Menschen. Alle essen, leben und schlafen gemeinsam in den Räumen. Mit unserer Vorstellung von Privatsphäre drängen sich uns viele Fragen auf, die wir vorerst lieber beiseite schieben.

Nach einiger Zeit kommt Nurana aus der Küche und bietet uns an, zum Abend zu bleiben. Die ismailitische Dorfgemeinde feiert heute ihr großes Fest. Die Vorbereitungen zu den Festlichkeiten haben wir vor einem Tag bereits in Khorog bemerkt, doch noch ahnen wir nicht, wie bedeutend dieses Fest für das Dorfleben sein wird.

Ismailiten gehören zur schiitischen Glaubensgemeinschaft. Ein Teil der Rund 18 Millionen Gläubigen lebt neben Indien und Pakistan auch im tadschikischen Pamirgebirge. Am 11. Juli feiern sie ihr wichtigstes Fest, an dem sie ihrem lebenden Imam Aga Khan huldigen.

Wo anders lockt das Geld

Wir begleiten Nurana nach draußen. Sie führt uns vorbei an kleinen ummauerten Hinterhöfen zu einem anderen Haus, wo sich viele Frauen und Kinder aus dem Dorf versammelt haben. „Hier backen die Frauen Brot für heute Abend.“ Bei der Feier wird es Kurotob geben, ein traditionell tadschikisches Gericht, bestehend aus Brot, frischem Quark und Salat. Gemeinsam bücken sich die Frauen über den Lehmofen, an dessen Wänden das runde, fein verzierte Brot klebt.

Die Mädchen tragen akkurat geflochtene, geschmückte Zöpfe. Alle scheinen etwas aufgeregt zu sein, besonders die Jungen. „Immer mehr von den jungen Leuten hier gehen weg. Hier finden sie keine Arbeit, und wo anders lockt sie das Geld“, berichtet uns später Anastasia Woluschtschuk, die Direktorin der örtlichen Dorfschule. Stets macht sie einen strengen Eindruck, doch die Gemeinde hängt ihr wirklich am Herzen. „Die Jagd nach dem Geld macht die Menschen kaputt. Sie sind nicht mehr für-, sondern gegeneinander. Die Solidarität schwindet“, mahnt sie.

Die Frauen bringen uns zum Haus eines älteren Mannes, wo sich am Abend die gesamte Dorfgemeinde versammeln wird, um das Fest zu feiern. Hier laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren: Der Raum muss eingeteilt und geschmückt werden. Vorher gibt es eine Generalprobe. „Der Höhepunkt heute Abend ist unser Tanz am Ende“, berichtet eines der Mädchen im Raum. Währenddessen weist Nurana selbstbewusst die Menschen an ihren Platz und hält Notizen parat, um alles im Blick zu behalten. „In Tusyon haben wir eine starke Gemeinde. Vier Mal im Jahr organisieren wir ein Nachbarschaftstreffen.“

Unabhängigkeit von der Regionalverwaltung

Anastasia, die Direktorin, klärt uns über die Strukturen im Dorf auf: „Gemeinsam im Komitee beschäftigen wir uns mit verschiedenen Fragen: Wie können wir die Sauberkeit in unserem Ort verbessern? Oder wer verlegt die Bewässerungskanäle? Mit welchen Mitteln können wir die Turnhalle erneuern?“ Sie erzählt uns vom Aufbau einer eigenen Gasreserve. „Im Winter kommt das Gas aus Khorog bei uns nicht an. Deshalb haben wir für eigene Reserven gesorgt.“ Damit schafft sich die Gemeinde eine gewisse Unabhängigkeit von der Regionalverwaltung.

Schließlich ist es soweit: In den Räumen, in denen wir am Morgen noch das regionaltypische Frühstück genießen durften versammelt sich die gesamte Familie, um gemeinsam zu den Festräumlichkeiten hinüberzugehen. Alt wie Jung tragen traditionelle Kleidung in leuchtenden Rot- und Grüntöten, die Stimmung ist feierlich, Nurana und die Kleinen scheinen nervös und freudig zugleich zu sein. Es herrscht eine Stimmung aus Vorfreude und Anspannung. Vor dem feierlich geschmückten Haus stehen unzählige Schuhpaare.

Lautes Gemurmel, gespannte Gesichtsausdrücke und plötzlich wird es still: Das Programm beginnt. Nach einer scheinbar lustigen Anmoderation eines hübschen, jungen Pärchens wird das Gebet in vier Sprachen von arabisch bis russisch von Kindern und Jugendlichen der Dorfgemeinschaft vorgetragen. Es wird gesungen, viel erzählt und heimische Melodien gespielt. Schließlich versammeln sich die Frauen und Mädchen zum abschließenden Tanz. Zu melodischen Klängen schwingen die Frauen ausdrucksvoll ihre Hände und Beine. Das Programm, das Nurana mit der Jugend einstudiert hat, ist reibungslos abgelaufen, alle im Raum applaudieren. Stolz lassen sich die Frauen feiern und eröffnen das Essen, welches nun in großen Schalen zwischen die Zuschauer gestellt wird.

“Bei uns gibt es keine Diebe”

Nach dem Fest sprechen wir nochmal mit Fairuza und der Direktorin. „Wir wollen unsere Traditionen bewahren“, bemerkt Anastasia. Deshalb sei es besonders wichtig, die Jungen mit in die Festlichkeiten einzubeziehen. „Bei uns gibt es keine Diebe, du brauchst deine Tür nachts nicht abzuschließen. Die Kinder können bis zur in die Abendstunde draußen spielen – das wollen wir uns bewahren.“

Fairuza erklärt, dass sich das Leben im Vergleich zu früher stark verändert hat, vor Allem für die Frauen: „Ich werde immer noch schief angeschaut, weil ich meinem Mann noch keine Kinder geboren habe. Der Druck ist da. Trotzdem ist beispielsweise unsere Bildungssituation besser geworden, vor allem für die Mädchen. Heutzutage besuchen wir die Schule elf Jahre lang. Männer und Frauen sind beide für die Erziehung und den Haushalt verantwortlich. Beide gehen zur Arbeit und beide verdienen Geld. Das ist nur bei uns so, im Norden dürfen die Frauen nicht arbeiten.“ Dort sind die Ansichten konservativer.

Die Frauen von Tusyon wirken engagiert, tough, aufmerksam und wach. Auf uns wirkt es erstaunlich, dass an der Grenze zu einem Land wie Afghanistan, wo stets über die Gewalt gegenüber Frauen und deren Unterdrückung berichtet wird, Frauen und Mädchen eine aktive Rolle in ihrer Gemeinschaft wie selbstverständlich ausüben. Dabei ist es für die Frauen selbstverständlich – nur unsere Grenzen im Kopf machen sich mal wieder bemerkbar und lassen uns oft mit den falschen Erwartungen an die Menschen herantreten.

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