Textil-Handel in Tansania

Fluch und Segen der Mitumba

60.000 Tonnen Kleidung aus Deutschland landen jedes Jahr in Afrika. In Tansania ist die Nachfrage nach der Second-Hand-Kleidung groß. Seit es „Mitumba“ gibt, wie die Klamotten aus dem Westen genannt werden, spürt die einheimische Textilindustrie starke Einbußen.

Mancy Vansa steht vor einem Kleider-Haufen, der doppelt so groß ist wie sie. Die junge Frau stürzt sich auf den Stoffberg und zieht Röcke, T-Shirts und Kleider in allen möglichen Farben und mit verschiedenen Mustern heraus. Die Medizin-Studentin ist auf dem größten Second-Hand-Markt in Dar Es Salaam – auf dem Karume-Markt. Auf dem Markt an der Uhuru Straße in der tansanischen Hauptstadt bieten Händler auf rund 20.000 Quadratmetern all die Kleidung an, die in Europa nicht mehr gebraucht wird.

Bereits auf dem Weg zum Markt tauche ich in die Welt der Einheimischen ein. Je näher ich komme, desto lauter wird es. Staub wirbelt immer wieder auf. Ich sehe kaum mehr Touristen, nur Hier und Da mischen sich ein paar von ihnen unter die Tansanier, die sich durch die Hallen und Gassen auf dem Marktgelände zwängen. Sie alle sind auf der Suche nach „Mitumba“, wie die Kleidung, die aus dem Westen nach Tansania kommt, genannt wird.

Kleidung nur ein- oder zweimal getragen

Auch Mancy, die ich auf ihrem Streifzug über den Karume-Markt begleite, ist auf der Suche nach passenden Kleidungsstücken. Sie selbst trägt eine verwaschene Jeans und ein benutztes Oberteil von H&M. Mancy ist ein großer Fan der Mitumba: “Die Kleidung hat eine sehr gute Qualität und ist dabei auch noch billig. Im Laden zahle ich für eine Jeans umgerechnet 19 Euro. Hier bekomme ich zwei, vielleicht sogar drei Hosen dafür”, erzählt sie, während sie immer mehr Klamotten aus dem Berg fischt.

Aus den Lautsprechern dröhnt Werbung, Telefone klingeln, die Händler brüllen Angebote in die Menschenmassen und zerren einen regelrecht zu ihren Ständen. Die ständige Beschallung, der Lärmpegel, das Angebot an Kleidung und die Zahl der Suchenden und Wühlenden überfordern mich. Mir wird bewusst, dass all die angebotenen Kleidungsstücke von den Menschen im Westen vielleicht nur ein- oder zweimal getragen wurden, bevor sie in der Altkleidersammlung landeten.

Das Gedrängel auf dem Karume-Markt in Dar Es Salaam ist groß. Alle wollen ein Schnäppchen machen.
Die Näherinnen in Dar Es Salaam profitieren vom Mitumba-Trend. Sie haben jeden Tag genug Arbeit.
Rund 60.000 Tonnen Altkleider gehen jährlich aus Deutschland nach Afrika. Es sind die Klamotten, die in Deutschland entweder übrig bleiben oder weggegeben werden.
Eine Tansanierin batikt Stoff. Der Handel mit Mitumba bereitet der heimischen Textilindustrie schwere Zeiten. Etwa 80.000 Menschen haben dadurch ihre Arbeit verloren.
Nach drei Stunden hat Mancy zwei Jeans ergattern können: "Es war ein guter Preis. Wenn ich diese Jeans im Shoppingcenter kaufen würde, würde ich für vier Euro nur eine Hose bekommen - so habe ich zwei".

Rund 60.000 Tonnen Altkleider gehen jährlich aus Deutschland nach Afrika. Es sind die Klamotten, die in Deutschland entweder übrig bleiben oder weggegeben werden. Was mit dem Geld passiert, das durch den Verkauf des Überschusses gewonnen wird, bleibt oft unklar. Kritiker wie Thomas Ahlmann von Fairwertung fordern mehr Transparenz bei dem Geschäft mit der Altkleidung: „Die Hilfsorganisationen behalten in der Regel nur 50 Prozent der Second-Hand-Kleidung in Deutschland, der Rest wird anders genutzt.“ Während ein Anteil recycelt und zum Beispiel als Putzlappen wieder verwertet wird, landet ein nicht mehr verwertbarer Teil im Müll. Der Rest geht nach Afrika.

“Man muss lange suchen, bis man etwas Gutes findet”

Die Nachfrage nach der Second-Hand-Kleidung in Tansania ist groß. Das Geschäft mit Mitumba läuft. Die Tansanier auf dem Karume-Markt sind im Shoppingrausch, wirken gestresst. Mitumba hat sich mittlerweile zu einem Markenzeichen entwickelt. Die Secondhand-Kleidung aus Europa ist Fashiontrend und Kulturstatus zugleich. Deswegen und aufgrund des Preises kommen so viele Tansanier auf den Karume-Markt. Ein Oberteil kostet im Durchschnitt umgerechnet 25 Cent. Auch Mancy zögert nicht lange und arbeitet sich von Kleiderhaufen zu Kleiderhaufen.

“Man muss lange suchen, bis man etwas Gutes findet. Manche Kleidungsstücke sind abgetragen, zerrissen oder es fehlt ein Knopf. Aber dann geht man zu den Näherinnen. In Tansania hat jeder seinen eigenen Näher”, sagt die 23-Jährige. Die Näherinnen sitzen in den engen Gassen, bedeckt mit Plastik und Stoffen, und passen die Kleidung aus dem Westen an die Körpergrößen der Afrikaner an. Meistens ist es Akkord-Arbeit bei 40 Grad. Im Durchschnitt verdient eine Mitumba-Näherin umgerechnet 50 Euro im Monat.

Jarida Peter ist eine der Näherinnen. Sie hat ihren alten Beruf aufgegeben und den Job gewechselt: “Vorher habe ich Brötchen verkauft. Aber damit konnte ich nicht so viel verdienen wie mit Mitumba. Hier habe ich jeden Tag Arbeit und die Leute kommen direkt vorbei, wenn sie etwas auf dem Markt gefunden haben. An Arbeit mangelt es hier nie”.

Preise legen Großhändler am Hafen fest

Mitumba ist aus der tansanischen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Seit den 90er Jahren sind Importprodukte in Tansania erlaubt – die Konsequenz: Die wirtschaftliche Lage des Landes änderte sich rapide, manche Branchen wurden komplett durch die Produkte des Westen ersetzt – ein Beispiel ist die Textilbranche. Man spart Produktionskosten in Tansania und die Qualität aus dem Ausland ist besser.

Die Großhändler in Tansania haben längst verstanden, dass man mit der Kleidung aus dem Westen Geld machen kann. Sie nehmen die Textil-Ware im Hafen in Dar Es Salaam in Empfang und sortieren die 60-Kilo-Ballen mit Kleidung nach Qualität. Die besseren Klamotten landen in Mitumba-Shops. Diese sogenannte First-Class-Mitumba hat fast die Qualität neuer Kleidungsstücke, sie ist dafür aber auch dreimal so teuer wie die Kleidung, die auf dem Karume-Markt angeboten wird. Die Preise legen die Großhändler am Hafen fest. Wie genau diese sich zusammensetzen, bleibt undurchsichtig. Käufer wie Mancy merken, dass es Preisabsprachen gibt: “Hier auf dem Karume-Markt sind die Produkte billiger. Dafür muss man aber auch suchen und kaputte Kleidung aussortieren. Das ist nervig.”

Mitumba verdrängt einheimische Textilbranche

Traditionskleidung wie Kanga und Kitenge wird immer seltener gekauft, seit der Markt mit Mitumba brummt. Heute wird die Traditionskleidung oft nur noch zu besonderen Anlässen getragen, zu Hochzeiten oder großen Gottesdiensten. Die Tansanier wickeln die bunten langen Stoffe dann gekonnt um den Körper, Frauen binden sich die Tücher auch oft um den Kopf. Dabei gilt: je bunter der Stoff, desto besser. Oft verkörpern die Farben die Naturvielfalt Tansanias und die Lebensfreude, die die Menschen haben.

Hillary Teri besitzt ein kleines Textil-Unternehmen für traditionelle Kleidung. Das Geschäft läuft nur schleppend: “Viele in der Branche können ihre Sachen kaum verkaufen. Die Nachfrage ist zu gering und manche verlieren ihre Jobs.” In den letzten Jahren haben 80.000 Menschen in der tansanischen Textilindustrie ihre Arbeit verloren. Hillary Teri will weiterkämpfen, denn Tradition sei ihm wichtig. Interesse für die traditionelle Kleidung zeigen heute meist nur noch die reichen Menschen aus Tansania oder die Ausländer: “Mitumba beherrscht den Markt, keine Frage. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die Traditionskleidung irgendwann völlig in den Schatten bei uns gedrängt wird. Deshalb werde ich weiter versuchen, meine Stoffe zu verkaufen.”

Zwei Jeans für vier Euro

Entwicklungen, mit denen die Generation von Mancy aufgewachsen ist und über die sie sich keine Gedanken macht. Mitumba ist billig. Es ist die Kleidung, die auch die Stars im Fernsehen tragen – ein Trend, den man mitmachen will. Mancy hat eine Facebook-Gruppe mit ihren Freunden, in der sie sich austauschen, auf welchen Märkten die billigsten und besten Klamotten zu finden sind. Auf dem Karume-Markt ist die Suche immer schwierig, aber der Preis ist dafür gering. Nach drei Stunden hat Mancy zwei Jeans ergattern können: “Es war ein guter Preis. Wenn ich diese Jeans im Shoppingcenter kaufen würde, würde ich für vier Euro nur eine Hose bekommen – so habe ich zwei”.

Mitumba hat Tansania verändert. Die Tradition rückt in den Hintergrund, Menschen verlieren ihre Jobs in der einheimischen Textilindustrie und Frauen bekommen als Näherinnen neue Berufsperspektiven. Für die Gesellschaft ist Mitumba ein Statussymbol: Die einzige Möglichkeit, dem Westen etwas näher zu sein.

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