Bürgerkrieg in der Ukraine

Flucht als Dauerzustand

Anderthalb Jahre nach Ausbruch des ukrainischen Bürgerkrieges sitzen noch immer 1,4 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land fest. Eine Reise in die Donbass-Stadt Kramatorsk am Rande der Front.

Es sei doch nur Feuerwerk, logen die Eltern, als Granaten hinter dem Zug einschlugen. In der sprichwörtlich letzten Minute war Familie Tratschuk den Kämpfen um Luhansk entkommen. Alles hatte schnell gehen müssen. Rasch noch von den Nachbarn verabschieden, die trotz der Gefahr bleiben wollten. Würden sie auf die beiden Katzen und die Schildkröte aufpassen? Danke und passt auf euch auf!, fielen sie sich beim Abschied in die Arme. Dann schnell zum Bahnhof, den Zug nach Kiew erwischen. Die Zwillinge schrien. Veronika und Viktoria, acht Jahre alt, leiden unter frühkindlichem Autismus. Im Gleichklang schlugen sie panisch die Hände über dem Kopf zusammen – wie immer, wenn eine Kleinigkeit von ihrer täglichen Routine abwich, etwa eine neue Jacke. Bei der Flucht vor Granatangriffen wirkte die Geste seltsam untertrieben.

„Feuerwerk kennen sie und der Gedanke hat sie beruhigt“, sagt Mutter Julia, die die Geschichte in der Sicherheit des Caritas-Büros in Kiew erzählt, wo die Familie psychologisch betreut wird. Kuscheltiere und bunte Stifte für die Maltherapie liegen herum. Seit jenem Julitag im vergangenen Jahr leben die Tratschuks bei Verwandten in der 800 Kilometer entfernten Hauptstadt der Ukraine.

2,3 Millionen auf der Flucht

Sie sind mit ihrem Schicksal nicht allein. Nach Angaben der Vereinten Nationen mussten rund 2,3 Millionen Menschen wegen der Kämpfe zwischen ukrainischen Regierungstruppen und pro-russischen Separatisten das Donbass verlassen. 925.000 gingen ins Ausland, 1,4 Millionen blieben in der Ukraine. Viele haben Unterschlupf bei Verwandten oder Freunden in sicheren Teilen des Landes gefunden. Die meisten aber harren am Rande der Konflikzone aus. Bald würde wieder Frieden sein, hatten viele gehofft. Doch inzwischen sind schon 19 Monate vergangen. Die Waffenruhe ist brüchig. Immer wieder kommt es zu Gefechten. Eine politische Lösung ist nicht in Sicht.

An das ferne Echo von Gewehrfeuer hat man sich auch in Kramatorsk gewöhnt, einer 160.000-Einwohner-Stadt direkt an der Frontlinie. Wie graue Riesen erheben sich die Umrisse von Plattenbauten in die Dunkelheit, ihre Fenster hängen wie grimmige Augen über den Straßen. Wir befinden uns hier noch auf ukrainischem Gebiet. Aber keine 80 Kilometer südlich thronen schon die ebenso grauen Plattenbauten der „Volksrepublik Donezk“. Und 130 Kilometer östlich die der „Volksrepublik Luhansk“. Es spielt keine Rolle, dass kein Staat der Welt die selbsternannten Republiken der Separatisten anerkennt. In der umkämpften Donbass-Region zählt nur die durch Waffengewalt geschaffene Realität.

Der Soldaten-Priester

Das begreift auch der Mann am Steuer des roten Ladas, der durch die Straßen von Kramatorsk rast, als wolle er einer Gewehrkugel entkommen. Priester Wasyl Iwanjuk koordiniert für die Caritas die Flüchtlingshilfe vor Ort. Bei jedem Schlagloch stößt sein samtroter Klerikerhut fast an die Decke. Trotzdem nimmt der Priester den Fuß nicht vom Gaspedal. Auch den Gurt legt er nie an. „Langsame Ziele sind leichter zu treffen und unangeschnallt komme ich aus einem brennenden Fahrzeug besser raus“, sagt Iwanjuk. Der 48-Jährige weiß, wovon er spricht. Denn bevor er ein Mann Gottes in der ukrainisch griechisch-orthodxen Kirche wurde, war er Oberstleutnant in der Roten Armee gewesen.

Vielleicht geriet er deshalb nicht in Panik, als ihn Separatisten an einem Checkpoint aus dem Auto zerrten und mit vorgehaltener Waffe mit dem Tod bedrohten. Weil er Katholik sei und aus dem westukrainischen Lwiw stamme, hätten die pro-russischen Kämpfer ihn als „ukrainischen Nationalisten“ erschießen wollen, erinnert sich Iwanjuk.

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Priester Wasyl Iwanjuk

„Wer mehr geleistet hat, soll mich erschießen“

Er habe in die Gewehrläufe erwidert, dass er seit 23 Jahren im Donbass lebt, hier sechs Kirchen gegründet, vier Kinder großgezogen und zwei Häuser gebaut hat. Und forderte schließlich: „Wer mehr geleistet hat, soll mich erschießen.“ Daraufhin hätten die verdutzten Kämpfer ihn ziehen lassen. Natürlich hat er ihnen verschwiegen, dass einer seiner Söhne für die ukrainische Armee an der Front kämpft. Und dass er diesen regelmäßig dort besucht und seine Einheit vor Einsätzen segnet. Ihren Kampf hält Iwanjuk für gerecht, weil sie ihre Heimat verteidigen. Den Krieg in ein fremdes Land zu tragen, sei hingegen Sünde.

„Wir sind da“, sagt Iwanjuk, biegt links ab und parkt in einem finsteren Hof, umstellt von Plattenbau-Riesen, die nun weniger bedrohlich, als schützend wirken. Hier hat der Priester eine der vielen Familien untergebracht, die vor dem Bürgerkrieg geflüchtet sind. Widerwillig rumpelt der klapprige Fahrstuhl in den vierten Stock. Was beim Bau der Hochhäuser in den 70er-Jahren noch neueste Technik war, wirkt heute wie ein archäologisches Artefakt. Ostukraine, Westukraine, Russland: damals nur nebensächliche Etiketten. Alle waren Sowjets. Vom ukrainischen Lwiw im Westen bis ins russische Wladiwostok im Osten erstreckte sich die Sowjetunion, mit über 22 Millionen Quadratkilometern eines der größten Staatsgebiete, die die Welt je gesehen hat. Und die sowjetische Propaganda feierte die kohlereiche Donbass-Region als ihr industrielles Herz.

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Lilja und ihre beiden jüngsten Kinder

Diese stolze Zeit des Donbass kennt die Frau, die nun die Tür öffnet, nur noch aus den Geschichten der Eltern. Grau ist Liljas Haut, grau das Kopftuch, das die dunkelblonden Haare zusammenhält, grau auch der Pullover. Sie sieht älter aus als die 34 Jahre, die sie ist. So als hätten die Strapazen der vergangenen Monate ihr die Farbe entzogen. Als die Sowjetunion in einzelne Teilstaaten zerfiel, war Lilja zehn Jahre alt. Und in der neuen Ukraine feierte niemand mehr das Donbass. Stattdessen wurde es zum Inbegriff für Misswirtschaft, Massenentlassungen und Perspektivlosigkeit.

Bomben im Oktober

Lilja kann ihre Landsleute in den Separatisten-Gebieten verstehen, die wieder auf bessere Zeiten für das Donbass an der Seite Russlands hoffen. Ihr Mann schlug sich im Heimatdorf Makijiwka als selbstständiger Metallhändler durch. Sie kümmerte sich um den Haushalt und die sieben Kinder. „Wir hatten nicht viel zum Leben, aber es hat gereicht. Wir wollten nicht gehen“, sagt sie. Doch dann schlugen im Oktober Bomben ein. Weil sie in der Nähe des Donezker Flughafens wohnten, sei ihr Dorf ins Visier der ukrainischen Artillerie geraten. Ein Bekannter fuhr die Familie nach Kramatorsk. Am Ende fühlte sie sich der Ukraine dann doch näher als Russland.

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Natalia übt täglich Geige

Und während Lilja die Geschichte ihrer Flucht erzählt, erklingt aus dem Nebenzimmer Geigenmusik. Die fünfzehnjährige Tochter Natalia ist froh, dass sie das Instrument aus dem Elternhaus retten konnte. So wie ihre Schwester das Cello. „Das Piano mussten wir leider zurücklassen. Die Kinder sind alle sehr musikalisch und üben täglich“, sagt die Mutter stolz. Auf dem Arm hält sie das jüngste ihrer sieben Kinder. Kurz bevor es geboren wurde, war der Bürgerkrieg ausgebrochen. „Bevor das alles passiert ist“, sagt sie, „dachte ich, dass Ukrainer und Russen Brüder und Schwestern sind. Ich wünsche mir einfach nur Frieden.“

„Was ist mit dem Licht im Schlafzimmer los?“, fragt der Priester. Es gehe schon eine Weile nicht mehr, antwortet Lilja. Es ist eng in der Zweizimmerwohnung, es gibt nur wenige Möbel, im Schlafzimmer liegt eine Matratze auf dem Boden. Iwanjuk macht eine Notiz, verabschiedet sich und eilt, begleitet von Natalias Geigenmusik, hinunter zum roten Lada. Er sagt, dass es inzwischen 40.000 Flüchtlinge in Kramatorsk gebe, das nur viermal mehr Einwohner hat. Die Mittel reichten aber nur für gut 1.500 Bedürftige.

Geringe Spendenbereitschaft

Zurück in Kiew räumt der ukrainische Caritas-Präsident, Andrij Waskowycz, ein: „Wir sind vom Ausmaß der humanitären Krise überrascht worden“. Der Mann mit der dezenten Brille, im dunklen Anzug, gescheiteltes, weißes Haar, wirkt wie ein Professor und sitzt in einem Restaurant, in dem die Kellner westukrainische Trachten tragen. Um die Ecke liegt der Majdan, jener zentrale Platz, wo alles begann: die Unruhen oder der Freiheitskampf, je nach Perspektive. Waskowycz sagt, das Hilfsbudget von zwei Millionen Euro, größtenteils finanziert vom deutschen Staat, reiche hinten und vorne nicht. Die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung sei gering, auch in Deutschland. Andere Hilfsorganisationen klagen ebenfalls über zu wenig Mittel. 316 Millionen Dollar brauchen die Vereinten Nationen von den Mitgliedsstaaten für die Hilfe in der Ukraine, nur gut ein Drittel davon haben sie erhalten. Am dringendsten ist die Lage laut UN-Helfern vor Ort innerhalb der Separatisten-Gebiete, wo die medizinische Versorgung teilweise zusammengebrochen sei.

Ein Grund für die Spendenunwilligkeit sind die fehlenden Bilder der Not. Denn trotz des Flüchtlingsansturms werden die ukrainischen Städte nicht von Obdachlosen oder hungernden Bettlern überflutet. Die ukrainische Zivilgesellschaft, meint Waskowycz, sei stark und habe die größte Not zunächst aufgefangen. Die Weltöffentlichkeit nehme den Konflikt deshalb eher als politisches Problem, statt als humanitäre Katastrophe war. Dass im Donbass ganze Felder vermint sind und immer noch Menschen durch Blindgänger sterben, ist den wenigsten bekannt. Die Zahl der Toten des Konflikts von bisher wenigstens 6.800 steigt auch wegen der gelegentlichen Scharmützel an der Frontlinie weiter. Der Caritas-Mann warnt: je länger der Konflikt dauere, desto mehr würden die Heimatlosen für das ganze Land zum Problem. Es drohe gar eine weitere Destabilisierung der ukrainischen Gesellschaft.

Weitere Destabilisierung droht

Das spürt auch Familie Tratschuk mit den autistischen Zwillingen, die nach ihrer Flucht aus Luhansk bei Verwandten in Kiew Obdach gefunden haben. Im vergangenen Sommer sei die Atmosphäre ihnen gegenüber noch voller Hilfsbereitschaft gewesen, berichtet Vater Oleg, der als Journalist arbeitet. Inzwischen gelten die Flüchtlinge aber als Konkurrenten um Arbeitsplätze und Wohnraum. Und während die Armee westukrainische Männer zum Wehrdienst einzieht und an die Front schickt, kommen junge Männer aus dem Osten und erhalten als Flüchtlinge staatliche Zuwendung. Auch die Tratschuks haben einen gesunden Sohn, Wladyslaw ist 17 und wird bald im wehrdienstfähigen Alter sein. „Ich habe Angst, dass er an die Front muss“, sagt Mutter Tatjana. Sie hätten manchmal das Gefühl, dass die Westukrainer ihre Landsleute aus dem Donbass als Verräter wahrnehmen. Wie konnten sie es nur zulassen, dass die Separatisten so stark werden?

Auch wegen dieses Stigmas sind die meisten Flüchtlinge nicht weit nach Westen gezogen, sondern harren in frontnahen Städten wie Kramatorsk aus. So wie Lilja und ihre sieben Kinder, die schnellstmöglich ins Dorf Makijiwka zurückkehren wollen und hoffen, dass das Haus noch steht. Ob das Piano noch unversehrt ist?, fragt Natalia und setzt die Geige wieder ans Kin. Sie alle warten weiter auf Frieden. Und während sie warten, rast durch die graue Plattenbau-Landschaft von Kramatorsk des Priesters roter Lada.

Transparenzhinweis: Unser Autor Markus Huth war im Donbass mit der Hilfsorganisation Caritas International unterwegs, die Teile der Reisekosten getragen hat.

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