Transszene

Trans*visit Japan

Auf der Suche nach den Transmenschen bereist unser Autor Martin Bichsel die Welt. Im japanischen Osaka fand er Rikuto, der sich für einen tabulosen Umgang mit dem Thema Transidentität einsetzt. Dabei hilft ihm eine besondere Eigenheit der japanischen Gesellschaft.

Rikuto lebt in Osaka. Vom Stadtzentrum aus dauert die Zugfahrt zu ihm nach Hause eine gute Stunde. Auch wenn man auf dem Weg Reisfelder passiert, ist man hier immer noch in Osaka, einer Stadt, die durch das Zusammenwachsen von Dörfern organisch zu einer Metropole geworden ist. Hier, in einem schmalen, dreistöckigen Einfamilienhaus, wohnt Rikuto. Er ist hier aufgewachsen, es ist sein Elternhaus – mittlerweile jedoch leider ohne Eltern. 2010 starb sein Vater an einem Herzschlag, und seit 2012 seine Mutter an Krebs starb, ist Rikuto Vollwaise.

Sein einziger Bruder lebt mit seiner Frau in Tokio. Alle paar Monate sieht er die beiden, sie kennen Rikutos Lebensgeschichte, ihr Verhältnis ist sehr gut. Meinen ersten Kontakt zu Rikuto hatte ich über Facebook. Durch meine Recherchen in der japanischen Transszene stieß ich auf den Studenten. Rikuto war sofort bereit, mich an seinem Alltag teilhaben zu lassen. Seine einzige Angst waren anfänglich Sprachprobleme; so war bei unserem ersten Treffen ein Übersetzer dabei. Es stellte sich aber rasch heraus, dass Rikutos Sorge unbegründet war. Sein Englisch ist gut, wir unterhielten uns lebhaft.

Merkte es im Jugendalter

Bereits im Jugendalter spürte Rikuto, dass seine Geschlechtsidentität nicht seinem Körper entsprach. Er informierte sich im Internet und fand auf Foren viele Antworten auf seine offenen Fragen und Menschen mit ähnlichen Geschichten. Mit einigen von ihnen hat er Freundschaften entwickelt und trifft sie ab und zu – sei es für einen persönlichen Austausch oder aber auch, um gemeinsam Veranstaltungen für die Transcommunity zu organisieren. Rikuto ist in verschiedenen Gruppen aktiv.

An einer Privatuniversität in Osaka studiert er Business Administration. Hier gründete der umtriebige Student ein monatliches Treffen für Transmenschen, Homo- und Bisexuelle: die „Salad Bowl“. An diesen Abenden kommen mittlerweile gut 20 Menschen zusammen. Sie werden auch an der nächsten „Kansai Rainbow Parade“ Flyer zur Mitgliederwerbung verteilen. Für diese Parade werden rund 600 Menschen erwartet.

Als ich Rikuto an die Universität begleite, fällt mir auf, wie oft er stehen bleibt und mit Leuten redet, lacht, sich vertraut austauscht. Viele seiner engen Freundinnen und Freunde hat er im Studium kennengelernt. Sie kennen ihn und seine Geschichte. Auch sein bester Freund Motoki, ebenfalls Transmann, studiert hier. Mit ihm würde er gerne bald eine Europareise machen. Rikutos Vater wusste nie, dass er zwei Söhne und nicht eine Tochter und einen Sohn hat.

Der Mutter vertraute sich Rikuto zwar an, sie war mit der Nachricht jedoch überfordert. Um mit der hormonellen Angleichung zu beginnen, brauchte Rikuto Gutachten von zwei verschiedenen Psychiatern, die seine männliche Geschlechtsidentität bestätigen. Einer von ihnen überwies den Studenten später an ein Krankenhaus, wo er mit der Hormontherapie begann.

Fürs Amt ist er noch eine Frau

Rikutos amtliche Namens- und Geschlechtsänderung kann aber erst erfolgen, wenn er sich einer operativen Sterilisation und einer Mastektomie unterzogen hat. Wenn er in zwei Jahren sein Studium abgeschlossen hat, möchte er die beiden Operationen durchführen lassen. Er wünscht sich, danach offiziell als Mann bei einer Firma eingestellt zu werden. Eine berufliche Karriere ist Rikuto dabei nicht wichtig. Er arbeitet bereits jetzt, während des Studiums, vier Mal wöchentlich als Kellner in einer Whiskybar, um sich etwas für seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Jedoch sieht er seine Erfüllung weniger in der Erwerbsarbeit als in seinem Engagement sowohl in eigener Sache als auch für die Community.

Anderen jungen Transmenschen hilft Rikuto als Mitorganisator der „LGBT-Jungbürgerfeier“ – der Feier zum Erreichen der Volljährigkeit. Normalerweise feiern die Japaner dieses Fest in traditionellen, geschlechterspezifischen Kimonos. An dieser speziellen Feier hingegen darf man sich kleiden, wie man möchte. Obwohl die meisten jungen Erwachsenen innerhalb einer traditionellen Familienstruktur immer noch an der klassischen Feier teilnehmen müssen, ist dieses alternative Angebot ein Lichtblick und ein Ort des Austausches und der Aufklärung.

Zur Aufklärung trägt auch das japanische Fernsehen seinen Teil bei. In einer Gesellschaft, in der Männer problemlos feminin aussehen dürfen, wo die Grenzen zwischen den Geschlechtern sich langsam ästhetisch auflösen, kolportiert auch das Fernsehen entsprechende Bilder. Immer öfter sind Transmenschen Gäste in japanischen Talkshows. Rikuto freut sich darüber: „Auch das ist Aufklärung und Enttabuisierung“. Zudem verzichten immer mehr junge Frauen und Männer auf eine geschlechterspezifische Sprache und kommunizieren in einer geschlechtsneutralen Form. So selbstverständlich auch Rikuto.

Während acht Jahren hat der Fotograf Martin Bichsel 11 Transmenschen in der Schweiz, Europa, Japan, Sibirien und Nordafrika in deren Alltag fotografiert und die Lebensgeschichten notiert. Das Ergebnis – ein Bild- und Textband – soll Zugang schaffen zu einem Thema, bei welchem zu oft weggeschaut und stigmatisiert wird: zum Buch.

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