Traumwelt mit Schattenseiten

Weiße Sandstrände, türkisblaues Wasser – die Malediven sind ein Paradies, inszeniert für Touristen. Doch die wirklichen Probleme, vor denen der islamische Inselstaat im Indischen Ozean steht, bleiben dem Pauschalurlauber verborgen.

Sand wie Puderzucker, Wasser so türkis und klar, dass ich die Papageienfische gut am Grund sehen kann, 30 Grad und der Himmel strahlend blau. Der perfekte Strand. Schöner könnte es ein Reisekatalog nicht anpreisen. Doch dieser Strand ist menschenleer. Und das, obwohl sich dicht hinter mir Wohnhäuser an sauber betonierten Straßen reihen. Zudem stehen in regelmäßigen Abständen unübersehbare Hinweisschilder: „Baden im Bikini verboten“.

Ich bin im Paradies und trotzdem fühl ich mich fehl am Platz. Ich bin auf den Malediven. Als ich mich für einen spontanen Ausflug von Sri Lanka hierher entschied, habe ich noch von bunten Korallenriffs und schneeweißen Stränden geträumt, an welchen ich in der Sonne liegend eisgekühlte Cocktails schlürfe. Prinzipiell lassen sich diese Wünsche hier auch erfüllen, aber ich reise nicht zu einem Fünf Sterne Hotel, sondern auf das Herz der Inseln: die Hauptstadt Malé.

Zu der gleichnamigen Insel gehören auch die kleinen Inseln Villingili, Hulhulé und Hulhumalé. Letztere ist künstlich erschaffen worden, denn Platz ist knapp auf den Malediven und auf der Hauptinsel wird stetig neu gebaut. Während die übrigen Inseln eher ruhig und schwach entwickelt sind, findet in Malé das Leben statt. Die Menschen strömen zum arbeiten, studieren und leben in die Stadt. Als Folge explodierten die Mietpreise.

„Gegen Mittag wird ihr schwindlig“

Es ist ein Tag im Juli 2014, Ramadan Zeit. Vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang finde ich niemanden, der mir einen Kaffee, geschweige denn eisgekühlte Cocktails verkauft. Und während ich in sengender Hitze an geschlossenen Bars vorüber schlendere, durch enge Gässchen mit geschlossenen Restaurants, aus deren Fenstern der Duft von warmen Speisen weht, die schon jetzt für das Abendessen zubereitet werden, frage ich mich, wie all diese Menschen den Tag ohne einen einzigen Schluck Wasser überstehen.

Die Malediven sind ein Sinnbild für ein Urlaubsparadis mit fantastischen weißen Sandstränden und türkisblauem Meer.
Mit kleinen Booten, können sich Touristen von einer Insel zur nächsten bringen lassen.
Die Touristeninseln werden von den Einheimischen als „unbewohnte Inseln“ bezeichnet. Denn hier spielt sich eine Parallelwelt ab: Die Damenröcke sind kurz und der Alkohol fließt in Strömen.
Die Malediven bestehen aus etwa 1200 Inseln. Etwa 330.000 Menschen leben in dem islamischen Staat.
Malé ist die Hauptstadt und auch Hauptinsel der Malediven. Offiziell sind die Malediven eine Republik.
Mit kleinen Rollern düsen die jungen Menschen über die Hauptinseln. Die Frauen tragen dabei immer Kopftuch.
Auf den Malediven ist der Islam Staatsreligion. Wer kein Moslem ist, verliert seine Staatsbürgerschaft und muss das Inselparadis verlassen.
An den öffentlichen Stränden ist das tragen eines Bikinis verboten. Nur auf den speziellen Touristeninseln ist es erlaubt.
Es ist nicht so viel los auf dieser Touristeninsel. Unsere Autorin ist ganz allein am Strand.
Klimaveränderungen, Müll und Umweltschutz: Probleme, die früher oder später die Existenz der Malediven bedrohen könnten.

Sie tun es im Übrigen nicht immer besonders gut, erklärt mir Siad, den ich treffe, als ich zwischen all den sandfarbenen, zweistöckigen Häusern meine Low-Budget-Unterkunft suche. Siad ist selbstständiger Leiter einer kleinen Touristenagentur. Lange Jahre hat er in Deutschland studiert und gelebt, ist dann in sein Heimatland zurückgekehrt, um für Hotels zu arbeiten.

Mit einem zweideutigen Lächeln zeigt er auf ein kleines Mädchen, sie läuft gegenüber auf dem Fußweg. „Gegen Mittag wird ihr schwindlig“, sagt Siad. Er schimpft nicht, er stellt fest und wirft Fragen auf, die ich ihm nicht beantworten kann. Wer das Fasten bricht oder am Freitag arbeitet, riskiert eine Gefängnisstrafe. Denn der Freitag ist Feiertag.

„Fürs Arbeiten werde ich hier eingesperrt“

„Fürs Arbeiten werde ich hier eingesperrt“, bemerkt er achselzuckend. Auch die Schule bleibt während des gesamten Ramadans geschlossen. Doch wofür das alles, fragt mich Siad. „Wer glaubt, der weiß es nicht“, sagt er leise. Aber er glaube nicht an einen Gott, für den er den ganzen Tag nichts essen und trinken dürfe. Es sei nicht immer so gewesen. „Ich lebe nicht wegen der Politik hier, ich lebe hier, weil die Inseln so schön sind“. Siad lacht und schüttelt den Kopf, zeigt zum Himmel und fragt sich, welche Götter das jetzt wohl gehört haben und ihn dafür verdammen werden.

Die Malediven bestehen aus 1190 Inseln, von denen lediglich etwas mehr als 200 bewohnt sind. 80 Inseln sind allein für Touristen reserviert. Drei Jahrzehnte lang beherrschte der konservativ-islamische Präsident Maumoon Abdul Gayoom das Land. Seit 2013 ist sein Halbbruder Abdulla Yameen an der Macht.

Er hat damit sämtliche seit 2011 aufkeimende Reformbewegungen des Menschenrechtsaktivisten und Oppositionsführers Mohamed Nasheed wieder im Keim erstickt. Nasheed versuchte seit Mai 2011 durch eine friedliche Revolution das Land für mehr Toleranz und Nachhaltigkeit zu öffnen. Bis 2020 wollte er es klimaneutral gestalten. Vor allem für junge Menschen symbolisierte er die Hoffnung auf mehr Freiheit.

Steigt der Meeresspiegel an, verschwinden die Malediven

Doch mit den Rufen nach Demokratie, wurden auch die konservativen Gegenstimmen lauter. Schließlich sollten sie gewinnen. Nasheed verlor die Wahl gegen den Konservativsten Yameen. Alkoholkonsum, außerehelicher Geschlechtsverkehr, Abfall vom Glauben – darauf kann auf den Malediven die Todesstrafe drohen. Andere Religionen sind verboten. Konvertiten wird kurzerhand die Staatsbürgerschaft entzogen. Mit dieser Vorgehensweise sind die Malediven wahrhaft einzigartig in der Welt. Hinzu kommen die enormen ökologischen Herausforderungen, vor denen die nur knapp über dem Meeresspiegel liegenden Inseln stehen: sollte dieser steigen, werden die Malediven von der Weltkarte bald verschwunden sein.

Ich buche eine Tour bei Siad, um in den vermeintlich wahren Genuss der Traumwelt zu gelangen. Für 150 US-Dollar fährt er mich mit seinem Privatboot auf eine der Hotelinseln. Wir starten von einem abgelegenen Hafen, an welchem die Fischer in Hängematten schaukelnd die Mittagshitze überbrücken. Ihre Blicke schweifen teilnahmslos in die Ferne. Nur die Müllberge neben den Anlegestellen aus Beton stören die Idylle.

Siads Boot ist winzig und die Wellen umso höher. Schon nach zwei Minuten an Bord, ist mein Kleid durchnässt. Salzwasser schlägt mir ins Gesicht, vorbei rauschen kleine Inseln mit strahlend blauen Lagunen. Bald sitze ich nur noch im Bikini bekleidet da und Siad lacht, weil meine Freizügigkeit bestimmt die Götter verärgern wird.

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Kurze Röcke und Alkohol gibt es nur auf den Touristeninseln

Die Touristeninseln werden von den Einheimischen als „unbewohnte Inseln“ bezeichnet. Denn hier spielt sich eine Parallelwelt ab: Die Damenröcke sind kurz, der Alkohol fließt und auch sonst bleiben Touristen weitestgehend unberührt von allen islamischen Verboten auf den übrigen Inseln. Nur im Dezember 2011 war die schöne freie Welt bedroht, als die zahlreichen Massagesalons wegen „unislamischer Aktivitäten“ geschlossen werden sollten.

Letztlich konnten jedoch auch die konservativen Malediven nicht auf die Einkommensquelle Tourismus verzichten und so blieb das Verbot aus. Im „Paradise Island Resort“, auf welchem ich den Tag verbringe, ist Baden im Bikini dann zumindest erlaubt.

Direkt am Strand beginnen die bunten Korallenriffe, voll mit exotischen Fischen. Mittendrin paddle ich mit meinem Schnorchel herum und bin fasziniert von der Schönheit der Unterwasserwelt. Doch auch dieses Erlebnis besitzt einen bitteren Beigeschmack. Das überschaubare Areal ist nur ein Überbleibsel der einst riesigen Riffe. Es wurde bewusst als Touristenattraktion erhalten.

Ist der Tourismus für die Malediven Fluch und Segen zugleich?

Ursprünglich dienten die Korallenriffe als wichtiger und natürlicher Schutz vor Überschwemmungen. Durch den Bau der Hotelkomplexe wurden viele zerstört, zudem bedrohen Bauschutt und Abfälle, welche direkt ins Meer geleitet werden, das Ökosystem seit Jahren. Ich frage mich, ob der Tourismus, der den Malediven zur Berühmtheit verhalf, vielleicht auch ihr Untergang sein wird.

Gegen Abend kehre ich zu meiner bewohnten Insel zurück. Mittlerweile ist die Sonne untergegangen und Leben eingekehrt. Ich bin mit Nattu verabredet, einem 28-jährigen Webdesigner und Hobbyfotografen, der in Malé lebt. Von Hulhumalé nach Malé gelange ich mit der öffentlichen Fähre, doch es ist 19 Uhr und das gesamte Personal irgendwo zum Abendessen verschwunden. Das kann ich ihnen nicht verübeln. An einem Kiosk winken mich herzlich lächelnd ein paar Einheimische näher, spendieren mir Kaffee und Chili Nüsse und überbrücken mir so die Wartezeit.

Das Licht ist gedämpft in dem kleinen Restaurant „Seahouse“, in dem ich schließlich Nattu treffe. Von der Terrasse weht der Geruch des salzigen Meeres durch die glaslosen Fensterrahmen. An den Holztischen sitzen junge Frauen und Männer wie ich und trinken Tee, Orangensaft oder Cola, während sie gebannt das WM Fußballspiel Belgien gegen Argentinien verfolgen. Auch Nattu ist freundlich und aufgeschlossen.

Wer die Freiheit nicht kennt, vermisst sie auch nicht

Stundenlang berichtet er mir von seiner Arbeit und seinen Reisen. Mich interessiert vor allem, wie er das Leben in einem Land voller Verbote empfindet. Nattu, der erst letztes Jahr mit dem Rucksack durch Europa getrampt ist, hat dort eine Welt kennengelernt, in der vieles erlaubt ist, was hier unmöglich scheint. Aber er lächelt mich an, zuckt mit den Schultern: „Das ist mein Land, mein Zuhause. Ich bin so aufgewachsen. Und wer die grenzenlose Freiheit nicht kennt, der vermisst sie auch nicht.“

Ich versuche zu erfahren, wie es war, als letztes Jahr die Wahlen stattfanden und das politische Klima sich hätte ändern können. Aber über Politik und Religion redet auf den Malediven niemand gerne und auch Nattu senkt die Stimme und erklärt mir in nur wenigen Worten, dass er sich, wie viele andere, über einen Wahlsieg des Demokraten Nasheed gefreut hätte, aber so ist es jetzt nun einmal.

Die Malediven, so stelle ich bald fest, sind ein inszeniertes Paradies für Menschen wie mich – Touristen. Die wirklichen Probleme, vor dem das Land steht, bleiben dem Pauschalurlauber verborgen: die mangelhafte Infrastruktur und Verbindung zwischen den Inseln, der Müll, die Zerstörung der Umwelt und vor allem die streng islamische, konservative Autokratie.

Wenn die Politik sich nicht ändert und der Umweltschutz nicht verbessert wird, wird es die Malediven irgendwann nicht mehr geben. Doch trotz all dieser ernüchternden Einblicke, bleiben die Inseln in ihrer natürlichen Beschaffenheit ebenso wie die Wärme und Gelassenheit ihrer Bewohner einzigartig. Bei einem Spaziergang am Abend erinnern nur noch die Kopftuch tragenden Damen, welche auf ihren Motorrollern durch die engen Gassen sausen, dass das Leben hier von zahlreichen Vorschriften diktiert wird.

4 Kommentare:

  1. Ein vielschichtiger und reflektierter Bericht zum wachsenden (westlichen) #Tourismus in der arabischen Welt. Volltreffer!

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