Ostukraine vor dem Bürgerkrieg

Die Ästhetik von Depression

Vor dem Bürgerkrieg in der Ostukraine war unser Autor Axel Heimken mit dem Auto von Donezk nach Charkiw unterwegs. Heute wird dieses Gebiet von pro-russischen Separatisten beherrscht und ist heftig umkämpft. Was ist das für ein Ort, für den so viele sterben?

Wenn ich an die Ukraine denke, sind in meinem Kopf immer noch die Bilder von einer Fahrt durch den Osten des Landes präsent. Während der Fußball-Europameisterschaft 2012 habe ich als Sportfotograf im Stadion von Donezk gearbeitet und mich auch zweimal mit dem Auto auf einen knapp 300 km langen Weg nach Charkiw gemacht (beide Städte waren Spielorte der EM). 300 km quer durch die Ostukraine – eine Reise in die Vergangenheit, zu einem Ort, an dem die Zeit stillsteht. Als ob ein Farbfilm die Farbe verliert, der Fernseher auf einmal nur noch blasse Bilder zeigt.

Der Weg in die große Industriestadt Charkiw führt über Straßen mit gewaltigen Schlaglöchern. Und nun auch das noch: Wir haben eine Schlechtwetterphase erwischt. Mitten im Juni ergießen sich immer wieder heftige Schauer über unseren Mietwagen. Ein Albtraum für den Fahrer. Solange es trocken war, konnte ich den Weg und die Schlaglochtiefe noch abschätzen, mit den gefluteten Löchern ist das nicht mehr möglich. Was bleibt, ist Schritttempo.

„Bitte kehren Sie bei der nächsten Gelegenheit um“

Alle paar Kilometer wechselt das Navigationssystem meines Smartphones die Fahrtrichtung um mindestens 180 Grad. Die vorgeschlagenen Wege und Straßen existieren nicht oder führen in ganz andere Richtungen als die gewünschte. Während des Kalten Krieges hatten die sozialistischen Staaten absichtlich fehlerhafte Karten an Ausländer verteilt, um den Gegner zu verwirren. Ich bekomme gerade das ungute Gefühl, dass mich mein Navi für den Klassenfeind hält. Und das obwohl die Ukraine Europa wohl noch nie so nahe war wie zu dieser EM im Sommer 2012.

In der Hauptstadt Kiew sah ich, wie Tausende Fußballfans aus Dutzenden Nationen ausgelassen zusammen feierten. Die Ukrainer fieberten hier nach dem frühen Ausscheiden ihres Teams mit den anderen europäischen Nationen mit, egal ob Frankreich, England oder Deutschland. Ein Meer des Jubels, des Lächelns, der Farben.

Endzeitstimmung

Hier, im Nirgendwo zwischen Donezk und Charkiw, ist diese Fröhlichkeit nur noch eine blasse Erinnerung. Mit meinem Text-Kollegen auf dem Beifahrersitz passiere ich alte Industriegebiete, Gebäude und winzige Städtchen, zu denen mir nur der abgedroschene Spruch „Die haben schon bessere Zeiten gesehen“ in den Sinn kommt. Laternen, die nicht mehr leuchten, säumen die Straßen. In der Dunkelheit erhellen einzig die Scheinwerfer unseres Autos und das schwache Fensterlicht aus sanierungsbedürftigen Häusern unsere Fahrt.

Schlaglöcher machen ostukrainische Straßen schwer passierbar. Besonders fies: Nach Regen ist die Lochtiefe unklar.
Das Ziel der Reise: Charkiw. An diesem Kunstwerk ist es in Russischer, nicht Ukrainischer Sprache angebracht.
Alle paar Kilometer verkaufen Bauern und Händler an improvisierten Ständen ihre Ware.
Passt schon. Die Ukrainer transportieren pragmatisch.
Sowjetische Ehrenmale erinnern an die Gefallenen des "Großen Vaterländischen Krieges".
Während der gesamten Fahrt sieht unser Autor die Sonne nicht.
Alte Züge auf endlosen Gleisanlagen. Manche fahren noch, andere scheinen ihr letztes Grab gefunden zu haben.
Da kommt Stimmung auf. Bei "Sultan" gibt's sogar den deutschen Gartenzwerg.
Auf einem Acker wie diesem wird das Passagierflugzeug MH-17 abstürzen.
Meteorologen behaupten, dass auch in der Ostukraine mal die Sonne scheint.
Auch Industrieschornsteine schmücken die Landschaft.

Wir fahren an einem alten Industriekomplex vorbei und im Radio läuft „Nothing Else Matters“ von Metallica – und das auch noch in einer akustischen Version mit Streichern. Endzeitstimmung. Das ist die passende Musik zu der deprimierenden Vorstellung des Films „Ostukraine“ der durch die Autofenster projiziert wird. Vielleicht hilft ja runter kurbeln.

Zurück im Kalten Krieg

Ich frage nach dem Weg, doch man spricht hier nur Russisch, vielleicht noch Ukrainisch. Nicht dass das wichtig wäre, ich verstehe von beidem kein Wort. Weiter westlich hatte ich mich aber wenigstens noch mit Englisch durchschlagen können. Hier schauen mich die Menschen misstrauisch an. Mir scheint, ich bin der erste Westler, den so mancher zu Gesicht bekommt. Ich möchte ihnen zurufen: „Der Krieg ist vorbei, entspannt euch!“ Stattdessen kurble ich die Scheibe wieder hoch.

Denn ich bekomme gerade selbst Zweifel, ob der Kalte Krieg wirklich schon vorbei ist. Nicht nur, dass mein Navi mich in die Irre führen will. Wir passieren auch immer mehr Monumente und Denkmäler, auf denen Hammer und Sichel prangen. Machtsymbolik der untergegangenen Sowjetunion. Steinerne Soldaten, die an die Gefallenen des „Großen Vaterländischen Kriegs“ erinnern, wie sie den Russlandfeldzug Nazi-Deutschlands hier nennen. Einige Historiker meinen, dass die Erinnerung an diesen Krieg das Wichtigste ist, dass früher die Sowjetunion und heute Russland zusammenhält.

Das Land des Nicht-Lächelns


Und wir zwei Deutsche, vielleicht schlimmer: ahnungslose Sportreporter, kurven hier durch und fragen nach dem Weg. Immer wenn ich die Chance bekomme, zu fragen, habe ich wieder einen Menschen gefunden, dessen Sprache ich nicht spreche und der mir nicht wohlgesonnen zu sein scheint. Ich kann nicht kommunizieren. Und so bleiben nur die Bilder und Eindrücke einer langen Fahrt. Einer Fahrt, bei der das Auffälligste an den Menschen ist, dass ich nie jemanden lachen sehe.

Zuerst vermute ich Zufall. Also beschließe ich, genauer hinzuschauen. Schließlich sogar in jedes sich mir zeigende Gesicht am Wegesrand. Doch niemand lacht. Weder die Menschen, die an der Straße Dinge des täglichen Lebens verkaufen und deren improvisierten Stände alle paar Kilometer auftauchen. Noch die Fahrer der schmutzigen Ladas, deren Baujahr kaum noch schätzbar ist. Passanten gehen meist stoisch, langsam ihres Weges. Ein bisschen gebückt so als würden sie nicht wollen, dass man sie bemerkt.

Kommendes Grab für MH-17

Auf der mehrstündigen Fahrt durch unzählige Örtchen sehe ich kein einziges Kind spielen. Dafür aber Menschen, die auf ihrem Weg alte Bahngleise kreuzen. Endlose Schienen, für die es keine richtigen Übergänge gibt. Auf einigen der Gleisanlagen haben Züge nach langem Rosten ihr letztes Grab gefunden. Immer wieder passieren wir graue Schornsteine, nur aus wenigen drückt sich Qualm in den Wolken behangenen Himmel. Bald wieder endlose Ackerflächen. Stille.

Kaum vorstellbar, dass in ziemlich genau zwei Jahren auf einem dieser Äcker das Passagierflugzeug MH-17 abstürzen wird. Laut, krachend, blutig. Fast 300 Menschen werden sterben, vermutlich weil ostukrainische Separatisten das Flugzeug aus Versehen abschießen. In einem grausamen Bürgerkrieg kämpfen sie dafür, dass dieser Ort bei Russland bleiben kann. Sich nicht mit dem Rest der Ukraine Europa nähert, dessen Fußballfest hier im Sommer 2012 gerade ausgerichtet wird.

Ein Raumschiff zwischen Plattenbauten

Die Separatisten, sind das die gleichen Menschen, die ich unterwegs gesehen habe? Die stoischen, gleichgültigen, gebückten? Sie schienen mir eher am Leben nicht mehr interessiert zu sein. Hier im zeitlosen Nirgendwo, in einem Land ohne Lächeln.

Nach langer Fahrt erreichen wir Charkiw. Die zweitgrößte Stadt der Ukraine, dominiert von Plattenbauten. Nur das Stadion hat die Form eines gewaltigen gequetschten Donuts. Wenn es nachts bunt erleuchtet ist, liegt der Donut wie ein außerirdisches Raumschiff inmitten der alten Stahlarbeiterstadt.

Für die EM ist die Spielstätte des Stadtklubs „Metalist“ umgebaut worden, für 75 Millionen Euro, um über 41.000 Zuschauern Platz zu bieten. Allein: Die wollen ihn nicht, viele Sitze bleiben leer. Die Eintrittspreise zur EM sind für die meisten Ukrainer unerschwinglich. Warum haben sie mit dem Geld nicht die vielen Schlaglöcher repariert? Die werden noch da sein, wenn die Fußballwelt längst weitergezogen ist.

Russische Flaggen überall

Wenige ausländische Fußballfans haben die Reise nach Charkiw auf sich genommen. Als die Deutschen die Niederländer hier in der Vorrunde besiegen, interessiert das von den Einheimischen kaum jemanden. Das Publikum schwingt russische Fahnen, obwohl die russische Mannschaft während der gesamten EM nicht hier spielt. Ich fühle mich jedenfalls nicht sonderlich willkommen. Abreise nach Donezk, wo die Stimmung sogar noch russischer ist.

Wenigstens das Navi kann mich nicht mehr austricksen, ich kenne nun den Weg. Vorbei an endlosen Äckern, alten Industrieanlagen durch Schlaglöcher und beobachtet von ernsten, fahlen Gesichtern. Dass hier bald ein Bürgerkrieg toben wird, hätte ich mir damals im Sommer 2012 nicht vorstellen können. Warum kämpfen sie dafür, dass dieser Ort so bleibt wie er ist, frage ich mich heute. Dieser Ort, an dem die Zeit still steht.

One Comment:

  1. Klasse geschrieben! Da startet schon beim Text das Kopfkino, dass durch die starken (Stand)Bilder unterstützt wird.

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