Heiliger Berg Athos

Unter Mönchen

Athos ist eine autonome Mönchsgemeinde in Griechenland. Mit der Krise, Flüchtlingen oder EU-Politik haben die Kleriker auf dem heiligen Berg nichts am Hut. Besuch eines Ortes, an dem die Zeit stehen geblieben ist.

Es hat einen Moment gedauert, bis der Groschen gefallen ist. Bis ich kapiert habe, was ich da gerade gerade geküsst habe: Die Überreste von Menschen, die seit Jahrhunderten tot sind. In den Vitrinen in dem abgedunkelten Raum sind Teile von Skeletten drapiert. Knöchelchen und Schädeldecken. Reliquien. Körperteile von Heiligen. Die menschlichen Gebeine werden in kunstvoll geschmiedeten silbernen Schatullen aufgewahrt und die Sammlung in den Vitrinen präsentiert, die ich gerade wie in Trance abschreite und küsse.

Weiter kann man sich in Griechenland vermutlich nicht von der harten Alltagsrealität entfernen: Im schummrigen Halbdunkel der Klosterkapelle von Iviron, durch die ich mich gerade als Teil einer Prozession wie in Zeitlupe bewege, ist kein Raum für Sparauflagen, Rettungsschirme, einen Schuldenschnitt oder die Troika. Wie in den anderen Athosklöstern geht es hier um die Nähe zum Eigentlichen. Tagespolitik interessiert hier nicht. Wer hierher pilgert, entflieht den Banalitäten des Alltags — auch wenn sie existenziell scheinen. Athos ist für Orthodoxe, was Santiago de Compostela für Katholiken ist. Das zweitwichtigste Pilgerziel nach Jerusalem.

Burg ohne Fenster

Am Nachmittag bin ich nach einem anderthalb stündigen Fußmarsch in Iviron angekommen. Das Kloster liegt an der Ostküste der Halbinsel – direkt am Meer wie eine gewaltige Festung. Die unteren Stockwerke des burgähnlichen Baus haben so gut wie keine Fenster. Das obere Drittel dagegen erweckt den Eindruck, als seien kleinere Wohnhäuser auf den Rumpf gepropft worden. Es wimmelt von Balkonen, Austritten, Gucklöchern. Diese Architektur ist typisch für die 20 großen Klöster der unabhängigen Mönchsrepublik Athos.

Manche der Trutzburgen des Glaubens hängen so prekär an den steilen Felswänden, als würden sie jeden Moment ins Meer abrutschen. Etwa Símonos Pétras, das architektonisch an den Potala im tibetischen Lhasa erinnert. Immer wieder in ihrer gut tausendjährigen Geschichte sind die Athos-Klöster überfallen und ausgeplündert worden. Der Name Athos steht heute für die gesamte, rund 50 Kilometer lange Halbinsel. Der namensgebende Berg ragt am Südzipfel in den Himmel. Sein 2033 Meter hoher Gipfel ist meistens wolkenverhangen. Die Griechen nennen ihn Ágio Óros, den Heiligen Berg.

Zutritt nur für Männer

Den Athos und seine Klöster zu bereisen ist nicht ganz einfach. Zutritt wird generell nur Männern gewährt. Frauen sind unerwünscht. Touristen auch. Ernsthafte Pilger können das Diamonitirion beantragen, eine Art Passierschein. Wochen im Voraus muss man sich um das Diamonitirion bemühen, denn der Andrang ist groß. Das begehrte Dokument muss man telefonisch beantragen, in radebrechendem Englisch sein spirituelles Anliegen erklären. Dann wird’s mordern: Man faxt eine Kopie des Reisepasses und erhält per E-Mail Bescheid, ob man erwünscht ist oder nicht.

Der letzte frei zugängliche Ort vor der Athos-Grenze ist Ouranoúpoli. Zu deutsch ‚Himmelsstadt’. In Ouranoúpoli findet sich das Pilgerbüro, wo man das Diamonitirion ausgehändigt bekommt. Das Büro am Hafen ist eine Art Schalterhalle. Dort entrichtet man die 30 Euro Gebühr und lässt sich dann das Visum aushändigen. Nur zehn Nicht-Orthodoxen wird täglich der Zutritt zum Athos gewährt. Trotzdem sollte man zeitig erscheinen, denn seit der Öffnung Osteuropas ist die Zahl der Pilger enorm in die Höhe geschnellt. Orthodoxe aus Rußland und den Balkanstaaten pilgern in Heerscharen auf den Athos. Neben mir in der Ausgabeschlange steht, morgens um 7 Uhr 30, ein junger Russe mit atemberaubender Alkoholfahne.

Wenn man das Diamonitirion in den Händen hält, ist die erste Hürde genommen. Nun muss man nur noch einen Platz auf der Fähre ergattern, die die Pilgerströme an der Athos-Küste entlang zu dem kleinen Fähranleger Daphní bringt. Die Klöster sind nur auf dem Seeweg zu erreichen. Das Pilgerboot tuckert geschätzte 200 Meter parallel zur Küste und hält an vielen Klöstern. Erstaunlich, wie schnell es sich anfühlt, als spielten Raum und Zeit keine Rolle mehr.

Post für Pilger

Wäre man hier vor Hunderten von Jahren schon einmal entlang geschippert: Es hätte genauso ausgesehen. Aus dem Tagtraum von der stillstehenden Zeit wird man erst am Zielanleger wieder heraus gerissen. Von Daphní aus ächzt ein altersschwacher Bus die Serpentinen auf den Höhenrücken des Athos hinauf nach Karyés, der einzigen Ortschaft der Mönchsrepublik. Eigentlich ist Karyés nicht viel mehr als eine Häuserreihe mit einem Postamt, Devotionalienläden, einem Bäcker. Wenn der Pilgerbus aus Daphní eintrifft wird es kurzzeitig laut, hektisch und quirlig. Und schlagartig versinkt das Städtchen dann wieder im Dornröschenschlaf. Von Kariés aus wandere ich mit John, meiner Reisebekanntschaft aus England, los in Richtung Küste. Nach Iviron.

Der uralte Weg zieht sich in weiten Schwüngen den Bergrücken hinunter. Ich versuche mir vorzustellen, wie viele Pilger über die Jahrhunderte hinweg hierher gelaufen sind. Der Pfad jedenfalls gleicht einer Furche, so ausgetreten ist er. Auch in den Abschnitten mit grobem Steinpflaster. Über weite Strecken führt er als Hohlweg durch üppige Vegetation. Die Baumkronen bilden ein Laubgewölbe. Man schreitet durch eine Art grüne Passage. Ein parallel laufender Gebirgsbach erinnert mal mehr, mal weniger lautstark daran, dass er auch noch da ist. Abschnittsweise stürzt er als Wasserfall in die Tiefe. Und obwohl Menschen den Pfad mit ihren Fußsohlen über Jahrhunderte ausgetreten haben, fühlt es sich an als sein man mutterseelenallein in unberührter Natur.

Gelegentlich öffnet sich der Blick und man sieht den Athos. Eine ‚karge schwarze Pyramide’, nennt ihn der schottische Reiseschriftsteller William Dalrymple. Majestätisch, aber auch schroff und abweisend thront der Felsgigant über der Halbinsel. Sein oft schneebedeckter Gipfel weist hinauf in höhere Sphären. Dahin, wo die Mönche des Athos durch Askese, Strenge, Abgeschiedenheit und Einfachheit zu gelangen hoffen. Schon zu Lebzeiten näher bei Gott. Die Pilger lassen sie für kurze Zeit daran teilhaben. Immer nur für eine Nacht pro Kloster. Und nur für maximal drei Nächte insgesamt. Das gilt auch in Iviron, wo wir am frühen Nachmittag eintreffen.

Besoffener Ausblick

Jedes Kloster hat einen Quartiermeister, der den Pilgern ohne große Worte ihre Unterkunft zeigt. In unserem Fall ist es ein baumlanger, junger Mönch. John und ich teilen unsere Zelle mit Paul aus Baltimore. Der amerikanische IT-Spezialist ist glühender Verehrer byzantinischer Kunst. Wir beschnuppern uns auf dem Balkon unserer Zelle. Von hier hat man einen Ausblick, der besoffen macht. Auf die Klostergärten. Und die bewaldeten Hügel. Die unzähligen Schattierungen des Grüns erinnern an tropische Regenwälder.

Einmal eingezogen kümmert sich niemand mehr um die Pilger. Dass sie sich um fünf Uhr nachmittags zum Abendgebet im Katholikon einfinden, der Hauptkirche des Klosters, wird vorausgesetzt. Als Nicht-Orthodoxer muß man in manchen Klöstern mit einer Seitenkapelle oder Nebenkirche vorlieb nehmen. Nicht so in Iviron. Wir mischen uns unter die orthodoxen Pilger und Mönche und tauchen ein in den schier endlosen Fluß aus Gebet, Chorälen, Lesungen. Immer wieder muss man sich aus dem knarzenden Kirchengestühl erheben und bekreuzigen, wenn ein Mönch mit Weihrauchgefäß vorbeiläuft. Und man schreitet die Ikonen ab, die im schummrigen Halbdunkel der Kirche nur schemenhaft erkennbar sind. Vor diesen Fenstern in andere Sphären bekreuzigen sich die Gläubigen. Und sie küssen das Heiligenbildnis.

Das erste Mal gesehen hatte ich diesen Brauch in der orthodoxen Kathedrale St. Sophia im Londoner Stadtteil Bayswater. Der Kirche, in der der Trauergottesdienst für Bruce Chatwin stattfand, einem Konvertiten zur griechisch-orthodoxen Kirche. In London stand neben jeder Ikone ein Gemeindemitglied mit einem Wischlappen, um nach jeder rituellen Lippenberührung die Speichelreste des Küssenden wieder wegzuwischen. Derartige Hygienevorkehrungen gibt es im Kloster Iviron nicht. Und vermutlich auch nicht auf dem restlichen Athos.

Nach dem Abendgebet schreiten die Teilnehmer wie in einem Trancemarsch in die Seitenkapellen des Katholikons. Dort ist die Reliqiensammlung des Klosters hinter Glas ausgestellt. Versunken in den kleinen Marsch der Bewunderung wird jede einzelne Auslage abgeschritten und mit einem Kuss geehrt. Iviron rühmt sich, neben den Gebeinen von 145 Heiligen auch Marterwerkzeuge der Leiden Christi zu haben. Ich hatte mir vorgenommen, danach Ausschau zu halten. Doch der Sog des Ritus vereinnahmt mich derart, dass klare Gedanken, Konzentration auf Einzelnes nicht mehr stattfinden können. So sehr wird man Teil eines größeren Ganzen.

Klack zum Essen

Wie schon zum Abendgebet, so ruft auch zum Abendessen der Klang des Simandron, eine gewaltige Holzplanke am Eingang des Refektoriums, auf die mit einem hölzernen Hammer geschlagen wird. Lange Marmortische mit Holzbänken davor füllen den Speisesaal der Mönche. Die Pilger sitzen am Rand. Die Tische sind gedeckt. Erst auf das Zeichen des Abtes hin darf mit dem Essen begonnen werden. Das Nachmahl ist karg, aber sättigend: Linsen, Oliven, Nudeln, ein Glas Wein. Man ißt schweigend, um dem Mönch zu lauschen, der mit sonorer Stimme unermüdlich aus der heiligen Schrift vorliest. Unter seinem Vorlesen liegt nur der chaotische Rhythmus, den das Kratzen des Bestecks auf den Metalltellern beiträgt. So hektisch wie die Mönche die Pilger auf die Gasttische verteilt haben, so hektisch essen sie auch. Sie wissen, dass das Zeitfenster für das Nachmahl klein ist. Ebenso plötzlich wie es begann, hört es auch wieder auf. Der Abt gibt erneut ein Zeichen. Mönche und Pilger legen ihr Besteck hin, stehen auf, beten kurz und verlassen zügig das Refektorium. Es ist acht Uhr abends. Bettzeit.

Meine Mitpilger und ich stehen um vier Uhr in der Früh auf. Leisen Schrittes machen wir uns auf ins Katholikon. Einige Mönche haben die ganze Nacht durchgebetet. Allmählich füllt sich der dunkle Raum. Allmählich hellt er sich ein wenig auf. Mönche entzünden Kerzen. Deren Schein erlaubt eine Ahnung von den Kunstschätzen, die den Kirschenraum ausschmücken. Das Dauergebet mündet im orthodoxen Ritus aus Chorälen, Lesung und weiterem Gebet. Viele Stunden. Weit nach Morgengrauen endet die Andacht und geht in ein kurzes Frühstück im Refektorium über. Die Mönche verrichten danach ihr Tagewerk –  in der Bibliothek oder im Weinberg. Und die Pilger ziehen weiter.

In den anderen großen Athos-Klöstern, in Megístis Lávras oder Vatopédi, ist der Ablauf ganz ähnlich. Die nahegelegenen kann man abwandern. Die entlegeneren erreicht man mit Minibussen. Die Entfernungen auf dem Athos sollte man nicht unterschätzen. Die Höhenunterschiede sind zum Teil beträchtlich und der Zustand der Pilgerwege ist oft unvorhersehbar. An der Südspitze der Halbinsel bewahrt John und mich nur die Warnung dreier österreichischer Pilger davor, uns in sengender Hitze auf einen riskanten Gewaltmarsch zu machen. Vom Fähranleger Daphni aus haben wir eine Anschlußfähre genommen, die die Westküste weiter hinunterfährt. Bei erstaunlich starkem Seegang setzt uns das Boot an der Südspitze des Athos ab.

Der Abt empfängt persönlich

Der Blick vom hölzernen Balkon der Skite lenkt davon ab, weshalb man eigentlich hierher gekommen ist. Skiten sind die Einsiedelein, die es überall auf dem Athos gibt. Ich habe eben einen Ouzo und einen griechischen Kaffee kredenzt bekommen – vom Abt des kleinen Mönchsdorfs Skiti Kafsokalivion höchstpersönlich. Vater Seraphim sieht aus wie ein typischer Mönch vom Athos: Schwarzes, langes Gewand, schwarzer Filzzylinder, ein langer, grauer Rauschebaart und listige Äuglein hinter einer dicken Brille. Eigentlich war das Kloster Megístis Lávras unser Ziel, da es auf der Landkarte sehr nah aussah. Doch nach einem schweißtreibendem Aufstieg vom Fähranleger haben wir auf die drei österreichischen Pilger gehört, den Marsch zum Megístis Lávras unterlassen und stattdessen bei Vater Seraphim angeklopft, um nach einem Quartier zu fragen. Wie in allen Klöstern und Skitenen muss man sich ins dicke Besucherbuch eintragen, nebst Nummer des Diamonitirion.

Jetzt also Ouzo und Kaffee mit Blick auf die azurblaue See tief unter uns. Die Skiti Kafsokalivion liegt an einem steilen Felshang, besteht aus einer Kirche, mehreren Wirtschaftsgebäuden und mehreren Terassen mit Gärten oder einfachen Plätzen, wo man im Schatten gewaltiger Zypressen seinen Gedanken nachhängen kann. Skiten sind kleinere mönchische Ansiedelungen, die mehr Dörfern gleichen, als den wuchtigen Klosteranlagen. Deren Anzahl wird auf Athos immer auf 20 beschränkt bleiben. Doch Skiten gibt es in großer Anzahl in der Mönchsrepublik. Hier ist das Reglement lange nicht so strikt wie in den Klöstern. Um fünf Uhr gibt es in der Küche der Skite ein einfaches Mahl: Linseneintopf, Oliven, Brot und ein Glas Wein für die drei Mönche, die hier leben und die sieben Pilger, die heute hier übernachten werden. Während des Essens darf sogar geredet werden. Die Küche hat den behaglichen Charme eines alten Bauernhauses. Nur der mannshohe Siemens-Kühlschrank wirkt deplatziert. Auf einer der Terrassen der Skite stehen gewaltige Solarpanele, mit denen die Mönche ihren eigenen Strom generieren. Einen abendlichen Gottesdienst gibt es hier in der Skiti Kafsokalivion nicht. Allerdings dürfen wir uns die alte Kirche der Skite ansehen.

Vater Seraphim erzählt, nur eines seiner Elternteile sei orthodox gewesen. Das andere katholisch. Das erklärt sicher seine Herzlichkeit, denn Nicht-Orthodoxe sind nicht überall auf dem Athos wohlgelitten. Die drei Österreicher, – Wolfgang, Michael und Georg -, haben beispielsweise schlechte Erfahrungen gemacht. Die Reaktionen darauf, dass sie sich als Katholiken zu erkennen gaben, seien mitunter feindselig gewesen. Besonders bei den Bulgaren. Die sind vermutlich weniger Andersgläubigen begegnet als die Griechen oder die Russen. „Ortodoxie oder der Tod“ steht immer noch auf mancher Häuserwand am Athos. Katholiken gelten als Häretiker. Den vierten Kreuzzug im Jahre 1204, als Kreuzfahrer von Roms Gnaden Konstantinopel ausplünderten, will man ihnen nicht verzeihen, trotz päpstlicher Entschuldigung im Jahre 2001. Manches ist unabänderlich auf dem Athos.

Boom in Osteuropa

Anderes dagegen wandelt sich rapide. Nicht nur die Zahl der Pilger aus Osteuropa ist sprunghaft angestiegen, sondern auch die Zahl der Mönche aus den Ländern, die früher abgeriegelt hinter dem Eisernen Vorhang lagen. Von der Fähre aus war gut zu sehen, wie massiv das russische Kloster Panteleímonos erweitert wird. Gerüchte besagen, Moskau habe hier Elitesoldaten eingeschmuggelt. Die Hälfte der angeblichen Mönche seien militärische Spezialkräfte. Auch eine U-Boot-Anlegestelle unterhalb des Meeresspiegels soll es geben. Schon zu Zeiten des Kalten Krieges wurde über KGB-Agenten auf dem Athos spekuliert. Das mögen alles Verschwörungstheorien seien, aber der junge Russe, der in unserer Skite als eine Art Hausmeister herumwerkelt, ist sicher kein Mönchsanwärter. Er haust in einer primitiven Lehmhütte am Rande der Skite. „Könnte ein russischer Krimineller sein“, meint Wolfgang, „der sich hier dem Gefängnis entzieht!“

Wolfgang kennt sich aus auf dem Athos. Er war bereits fünf Mal hier. Am Anfang stand eine Tragödie. Wolfgangs Schwiegervater hatte seinem Sohn zur Matura, dem österreichischen Abitur, versprochen gemeinsam auf den Athos zu reisen. Daraus wurde aber nichts, da der Vater zu beschäftigt war. Dann kam der Sohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben und der Vater machte sich schwere Vorwürfe, das Versprechen nie eingelöst zu haben. Er pilgerte allein auf den Athos. Und tut das seither regelmässig. Irgendwann nahm er den Schwiegersohn mit. Wolfgang. Und der ist dem Athos seither ebenfalls verfallen.

Vater Seraphim tätschelt mir die Schulter. Er deutet auf meine Leica und will wissen, was sie gekostet hat. Er lässt sich sogar fotographieren. Mit einer Einschränkung: „No Facebook! No Facebook!“ So diesseitig wie der Abt der Skite Kafsokalivion sind nicht alle Mönche auf dem Athos.

Die kompromisslose Hingabe an die mönchischen Ideale macht nicht nur die Faszination aus, die der Athos auf seine Besucher ausübt. Sie hat vermutlich auch das Überleben dieses einzigartigen Ortes gesichert. Im 7. Jahrhundert haben die ersten Mönche im Schatten des Athos gesiedelt. Im Jahre 963 wurde dann das erste Kloster gegründet. Bis heute ist Megístis Lávras die Nummer eins in der Rangfolge der Athos-Klöster. Es werden nie mehr als 20 sein. So will es die Verfassung des Athos von 972. Sie gilt unverändert seit über tausend Jahren. Die Legende will es, dass die Jungfrau Maria im Jahre 49 nach der Geburt ihres Sohnes auf den Athos kam. Sie soll mit dem Schiff unterwegs gewesen sein nach Zypern.

Alle weiblichen Lebewesen wurden verbannt – bis auf Katzen

Auf der Halbinsel musste sie notankern, nachdem sie von einem Unwetter überrascht worden war. Von der Schönheit des Athos überwältigt, ließ sie sich die Halbinsel dann vom Auferstandenen schenken als ihren Garten. Diese Legende musste 1045 dafür herhalten, dass alle anderen weiblichen Wesen vom Athos verbannt wurden. Auch weibliche Tiere (Katzen gelten als Ausnahme). Historiker mutmaßen jedoch, dass der Frauenbann eine Konsequenz daraus war, dass die Belästigung der Töchtern von Bauern und Schäfern durch die Mönche überhand nahm. Heute leben noch rund zweitausend Mönche nach strikten Regeln auf dem teilautonomen Heiligen Berg. Sie haben der Nachwelt einen Ausschnitt des alten Byzanz erhalten.

Clyde und Edward kommen seit einem Vierteljahrhundert regelmäßig auf den Athos. Edward, der in der Schweiz lebt, seit den späten 80ern. Er ist sogar zur orthodoxen Kirche konvertiert. Clyde ist Anglikaner geblieben. Er lebt auf den Orkney Inseln. Die beiden Herren in ihren beigefarbenen Safarihemden dürften die 70 längst überschritten haben. Wir lernen uns beim Warten auf die Fähre in Daphni kennen. Beide zieht es immer wieder hierher: Wegen der Natur einerseits und wegen der Andersartigkeit. „Hier gibt es keinen Materialismus“, sagt Edward. Auch für den Mönch auf Zeit – in unserem Fall auf Kurzzeit – werden materielle Dinge sehr schnell bedeutungslos.

„Ein einziger echter Freund ist so viel mehr wert als alle Reichtümer“, meint Edward. Er hat lange in St. Gallen an der Internationalen Schule unterrichtet. Später betrieb er dann eine eigene Sprachenschule. In St. Gallen hatte er bereits im Chor einer othodoxen Gemeinde mitgesungen. Dann kam die Konversion. Den Schritt ist er aus Frustration über den Traditionsverlust in anderen Kirchen gegangen. Zum wiederholten Male höre ich auf dieser Reise, dass den meisten Konfessionen das Mystische des Glaubens, das im Herzen Empfundene abhanden gekommen ist.

Ich frage Edward, was es wohl mit den Mönchen macht, wenn jeder Tag exakt gleich abläuft und so die Zeit stillzustehen scheint. Schon die Frage ist ihm viel zu wissenschaftlich. Zu kopfig. Glauben habe vor allem mit Gefühl, mit Instinkt, mit Intuition zu tun. Beim Anblick überwältigend schöner Natur, wie hier auf dem Athos, beim Hören ergreifender Musik, wie die Choräle der Mönche, beim Lesen eines Gedichts könne man spüren, dass es andere Ebenen gibt, als die oberflächlich-materielle. Dass darunter etwas anderes, unendlich Tieferes existiert.

Wichtige Rituale

Und das schon von Anbeginn an, seit Urzeiten. Und weil die gefühlte Ahnung davon ebenso alt ist, seien Traditionen und überlieferte Rituale so wichtig. Edward hat sie in der orthodoxen Kirche und insbesondere auf dem Athos gefunden. Die modernen Kirchen seien verkopft, schnaubt er. Sie müssten zwanghaft andauernd ihren Glauben erklären und somit rechtfertigen, als würden sie gegen ihre eigenen Zweifel anargumentieren. Sie singen Popsongs in dem Wahn, dadurch zeitgemäss zu sein. Mit diesem Anbiedern an den Zeitgeist hätten sie ihre Seele verloren. Bei der katholischen Kirche habe es damit begonnen, dass der lateinische Ritus abgeschafft wurde.

Clyde hält sich bei diesem Thema lieber zurück. Obwohl er die Athos-Faszination voll und ganz teilt, ist er den radikalen Schritt der Konversion anders als sein Reisegefährte nicht gegangen. Doch seine Lebensentscheidungen muten nicht minder radikal an. Clyde schreibt Musik und sagt, in Glasgow etwa könne er das nicht. Er bräuchte Natur und Entlegenheit. Schon als junger Mann habe es ihn in die Wildnis gezogen. Einmal hatte er die idealen Arbeitsbedingungen gefunden: Auf einer fast unbewohnten Insel in der Nähe der Orkneys. Nach dieser eremitischen Episode zog er dann auf die Hauptinsel von Orkney, kaufte dort eine Cottage und etwas Land. Von seinem Haus aus kann er auf das Meer gucken. Clyde versucht, das karge Eiland wieder aufzuforsten. Er pflanzt einen Wald an. Auf seinem Land steht ein Windrad, das ihn mit Elektrizität versorgt. Hier komponiert er und lebt wie ein athonitischer Mönch.

Wenn er nicht gerade mit seinem Freund, dem pensionierten Sprachenlehrer aus der Schweiz, auf spiritueller Reise ist. In Nepal waren sie, in Laddakh, und haben in buddhistischen Klöstern übernachtet. Zwei weitere Pilger also, die auf dem Athos Ruhe, uralte, unverfälschte Traditionen und Zeitlosigkeit suchen vor der Kulisse ergreifend schöner Natur. Gemeinsam fahren wir auf der Fähre zurück in die materialistische Konsumwelt, aus der wir kamen. Mit etwas Hoffnung im Gepäck, dass sich der Geist von Athos nicht allzu schnell wieder verflüchtigen möge.

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