Country im Süden der USA

Wo die Musik wohnt

Im Südstaat Tennessee der USA lebt die Country-Musik. Unsere Autoren begeben sich in Nashville auf Spurensuche und treffen dabei Fiddler, Banjo-Spieler und ehemalige Kollegen von Elvis Presley.

Es ist heiß in Nashville im Sommer, bis spät in die Nacht. Leider ist unser Zimmer ein klimatisierter Albtraum. Ohne Fenster, karg, kalt und laut, ein durchdringender Geruch von Reinigungsmitteln durchweht das noch neue Hostel direkt am Cumberland River. Wir sind in die Hauptstadt der Country-Musik gekommen, um viel Musik zu hören, aber auch, um mehr über die Musiker und ihre Geschichten zu erfahren. Um die Ecke ist der Broadway, an dem wir am Abend unserer Ankunft unsere Erkundungstour beginnen.

Der Broadway ist ein überwältigender Ort. Aus jeder der zahllosen Bars tönt Live-Musik, und wenn es nur ein Mann mit Gitarre ist. Manche Bars haben gleich mehrere Ebenen, wie „Rippy’s“, die obere Etage ist halb offen, weshalb man dort sogar rauchen darf. Wer allerdings erwartet, dass es in Nashville nur Country zu hören gibt, darf sich schnell eines Besseren belehren lassen. Die Band, die oben bei „Rippy’s“ spielt, gibt ein bisschen Lynyrd Skynyrd zum Besten, ein bisschen Hendrix. Dazu gibt es Pulled Pork und Fries. Uns ist es zu laut. Auf der Straße ist es allerdings noch lauter. Hier mischen sich die Klänge aus den verschiedenen Clubs mit Straßenmusik.

Und das ist nicht nur am Abend so, wie wir am nächsten Tag feststellen. Es geht schon am Vormittag los. „Tootsie’s“, eine legendäre Kneipe, in der sich früher Country-Stars die Wartezeit bis zu ihren Konzerten im benachbarten Ryman Auditorium verkürzten, wenn sie im benachbarten Ryman Auditorium auftreten sollten, hat eine große Dachterrasse. Als wir es uns an der Sonne gemütlich gemacht haben, tritt ein Musiker an uns heran. Er sammelt Geld ein. Ob sie bezahlen müssen, um zu spielen, frage ich ihn. Nein, das nicht, 40 Dollar Fixum bekommt er, den Rest machen die Trinkgelder. Das gelte für die meisten hier. „Ein hartes Leben“, stöhnt er. Der Broadway scheint eine Menge Leute auf diese Weise am Leben zu erhalten.

Vater des Bluegrass

Aber natürlich wird in Nashville auch immer noch das große Geschäft gemacht. Hier treten auch die großen Stars auf. Wir haben Glück: Im Ryman Auditorium gibt es eine Reihe von Bluegrass-Konzerten, und ein paar Tage nach unserer Ankunft spielt Ricky Skaggs dort, wo früher die „Grand Ole Opry“ residierte, jene legendäre Radioshow, die Nashville eigentlich erst zur „Music City“ machte. Skaggs stand angeblich schon mit sechs Jahren auf der Bühne – neben Bill Monroe, dem Vater der Bluegrass-Musik, einem Stil der Country-Musik, der in teilweise halsbrecherischer Geschwindigkeit auf akustischen Instrumenten gespielt wird und Einflüsse traditioneller Musik aus den Appalachen, Jazz und Blues vereint.

Seit den Achtzigerjahren ist Skaggs ein Star, der nicht nur Bluegrass spielt. Er war Bandmitglied von Country-Rock-Ikone Emmylou Harris und von Jazz-Legende Charlie Haden.

Ein echtes Urgestein hier ist der Fiddler Buddy Spicher. Vor einigen Tagen hatten wir den 77-Jährigen besucht, um mit ihm über seinen Werdegang zu sprechen. Über Nashville und das Fiddeln. Seit den Fünzigerjahren macht Spicher Musik, spielte mit Dolly Parton, aber auch mit Elvis Presley und Ray Charles.

Heute hat er sich weitgehend aus dem Geschäft zurückgezogen, lebt über dem „Fiddle House“, einer Geigenwerkstatt, gibt aber immer noch Unterricht und hat ab und zu Arbeit im Studio. Er zeigt sich über die heutige Musikszene desillusioniert: „Es geht nur noch ums Geldverdienen.“ Es sei wichtig, gut auszusehen, musikalisches Können hingegen zweitrangig. „Heute wird bei der Aufnahme dafür gesorgt, dass die Musiker passabel klingen.“

Anfassen verboten

Buddy Spicher hat sich das Geigenspiel als Kind selbst beigebracht. Seine beiden Onkel, erzählt er, spielten Fiddle, aber er durfte ihre Instrumente nicht berühren. „Wenn sie draußen beim Heumachen waren, habe ich mich hereingeschlichen, und ihre Fiddle unter dem Bett hervorgeholt.“ Er versuchte, die Melodien nachzuahmen, die er auf den Grammophonplatten seiner Mutter hörte. „Ich habe die komplizierten Stellen so oft gehört, bis die Platten völlig abgenutzt waren.“ Musik, so sah es sein Vater, sei ein Zeitvertreib, aber kein Beruf. Mit 13 lief er von zu Hause weg, um in einem Studio vorzuspielen. Mit 14 hatte er die ersten Jobs als Musiker.

Spicher erzählt uns, wir müssten unbedingt Roni Stoneman kennenlernen, wenn wir mehr über Bluegrass erfahren wollen. Veronica „Roni“ Stoneman sprudelt schon am Telefon über vor Geschichten und will sich gern mit uns unterhalten.

Aber bevor wir Stoneman treffen, verbringen wir den Tag in East Nashville, einem Stadtteil, der nichts von der Betriebsamkeit des Broadway hat. Hier wohnen viele Studenten, das Bild prägen szenige Cafés und Second-Hand-Läden, von denen uns einer ins Auge fällt, weil er von einem großen Gemälde geziert wird, auf dem berühmte Musikerinnen verewigt sind. „Fanny’s House Of Music“ ist eine Kombination aus Musikladen, Musikschule und einem Raum mit Vintage Clothing.

Im Haus der Musik

Leigh Maples und Pamela Cole betreiben seit über fünf Jahren ihr „Haus der Musik“. Selbst in dieser Stadt, in der Musik allgegenwärtig ist, wollen Kinder nicht unbedingt ein Instrument erlernen, erfahren wir im Gespräch mit den beiden. Cole, die im ländlichen Tennessee zur Welt kam, hat miterlebt, dass Musik auch einen ganz anderen Stellenwert haben kann. „Zuhause war die ganze Zeit Musik um uns herum.“

Sie erzählt, dass sehr oft Eltern mit Kindern zu ihnen kommen, die erfolglos versucht hätten, die Zöglinge zu unterrichten. „In Nashville gibt es vielleicht mehr Musiker als anderswo“, sagt sie. „Aber es ist schwierig für Eltern, ihre Kinder zu unterrichten. Die wollen das oft nicht.“ Sie glaube sogar, dass die Präsenz von Musik auch ein Problem sein könne: „Dass Musik etwas Schönes ist und es nicht darum geht, reich und berühmt zu werden, geht in Nashville leicht verloren, gerade wegen des Musikgeschäfts.“

Das war in der Familie von Roni Stoneman, die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren aufwuchs, ganz anders. Die Tochter von Ernest „Pop“ Stoneman, einem der ersten kommerziell erfolgreichen Country-Musiker, erzählt uns, dass in ihrem Zuhause überall Instrumente herumstanden. „Er baute sie selbst“, erzählt Stoneman. „Und jedes Mal, wenn jemand von uns Kindern anfing zu spielen oder daran interessiert zu sein schien, räusperte er sich, weil wir uns um die Instrumente prügelten. Wir lebten vier Jahre lang in einem Haus mit nur einem Zimmer. Aber Daddy baute unsere Instrumente, und er beobachtete, um welche Instrumente wir uns stritten. Eines Tages kam er von der Arbeit, mit einem Banjo-Hals, den er während der Mittagspause geschnitzt hatte. Das werde ich nie vergessen.“

Musikmachen war Männderdomäne

So kam es, dass Roni Stoneman schon als Kind lernte, Banjo zu spielen. Allerdings merkte sie früh, dass das Musikmachen eine Männerdomäne war. Als einmal ein bekannter Banjo-Spieler bei den Stonemans zu Besuch war, um mit Ronis Bruder Scotty zu spielen, erzählte sie stolz, sie spiele auch Banjo. Der Besuch habe daraufhin gesagt: „Das tust du nicht.“ Der Grund: „Du bist ein Mädchen.” Was die junge Musikerin wütend machte: „Ich trat ihn so doll wie ich konnte, und er schrie, weil ich ihn am Schienbein getroffen hatte.”

Papa Pop

Was Stoneman aber mindestens genauso wichtig ist, ist die Geschichte ihres Vaters Ernest „Pop“ Stoneman, der einen wichtigen Anteil daran hatte, dass der New Yorker Produzent Ralph Peer 1927 sein mobiles Studio in Bristol, Tennessee aufbaute, um sogenannte Hillbilly-Musiker aufzunehmen. Darunter waren unter anderem die Carter Family und Jimmie Rodgers, die ersten Stars der Szene – die Bristol Sessions wurden so zum „Urknall der Country Music“. Dabei war Ernest Stoneman schon vorher als Musiker erfolgreich. Roni nimmt uns mit nach Hause, um uns eine Walze mit „The Titanic“ vorzuspielen, die ihr Vater 1924 aufgenommen hat.

Uncle Pen

Nach unserem Besuch in Nashville fahren wir aufs Land und statten der wöchentlichen „Barn Jamboree“ in Rosine, Kentucky, einen Besuch ab. Was uns dort erwartet, davon haben wir nur eine sehr vage Vorstellung. Inmitten der rollenden Hügel von Kentucky liegt das rund 40 Einwohner zählende Dorf, die Wiege des Bluegrass. Hier liegt auch Bill Monroe begraben und hier steht die Hütte von „Uncle Pen“, der einen großen Einfluss auf Monroe hatte. Und zwei Meilen weiter, in Jerusalem Ridge, das Geburtshaus. Seit 22 Jahren treffen sich hier an jedem Freitag Musiker aus der Region und gelegentlich von weiter weg, um in der Scheune miteinander zu spielen. Old Time Music, Bluegrass und ein bisschen Country.

Es scheint zunächst, als würden Repertoire und instrumentale Fertigkeiten von Generation zu Generation weitergegeben. Aber auch hier haben sich die Zeiten gewandelt. Ein junges Mädchen singt „You Ain’t Woman Enough To Take My Man“ von Loretta Lynn, wobei sie den Text von ihrem Smartphone abliest. Ein zehnjähriger Junge, der mit den Erwachsenen Fiddle spielt, muss mit einigem Nachdruck zum Üben überredet werden. Sein Großvater, auch ein Fiddler, erzählt uns, dass der Junge lieber am Computer spielt. Weswegen die beiden ausgemacht haben: Der Kleine darf eine Stunde am Computer spielen, wenn er dafür eine Stunde an der Geige übt.

Letzter Überlebender

Wir fahren weiter ins 550 Kilometer entfernte Bristol zur Eröffnung des „Birthplace of Country Music“-Museums. Zur Feier des Tages hat sich auch Ralph Stanley angekündigt, einer der letzten Überlebenden der ersten Bluegrass-Generation. Wir brechen in strömendem Regen am frühen Morgen auf, um den Stanleys Auftritt noch zu erwischen. Eigentlich hätten wir es gerade so schaffen müssen. Aber wir bekommen nur noch den letzten Song seines Auftritts mit. Bristol liegt einerseits in Tennessee, andererseits in Virginia, wo es immer schon eine Stunde später ist. Das Museum liegt jenseits der Grenze.

Es erzählt von den „Bristol Sessions“, mit allem, was ein modernes Museum zu bieten hat, interaktiv, multimedial, mit Filmen und natürlich viel Musik. So öffnet es den Blick auf eine Welt, in der es noch kein Fernsehen gab, geschweige denn ein Internet. Eine Welt, in der Menschen aus einfachsten Verhältnissen, wie Ernest Stoneman mit seiner Frau und ihren 14 Kindern die Musik schufen, aus der später nicht nur eine millionenschwere Industrie wurde, sondern die auch einen wesentlichen Einfluss auf die gesamte Popkultur hatte: Elvis Presleys erste Platte enthielt mit „Blue Moon of Kentucky“ einen Song von Bill Monroe.

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