Unterwegs in Algier

Wo die Zeit still steht

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Wenn man ein Lineal auf eine Mittelmeerkarte legt, kann man fast eine Senkrechte im rechten Winkel von Barcelona nach Algier ziehen, der Hauptstadt Algeriens – des größten Landes Afrikas. Unser Autor hat sich auf die gegenüberliegende Seite begeben und ein unbeweglich wirkendes, starres Land vorgefunden, dessen ambitionierte Jugend die letzte Rettung sein könnte.

Die Flugroute zieht gefühlt eine Gerade im rechten Winkel über die auf dem Bordmonitor angezeigte Landkarte. Zwischen Startpunkt und Landedestination klafft ein großer blauer Fleck, wie ein leeres Zentrum – das Mittelmeer. Die Maschine auf dem Weg zur anderen Seite, ans gegenüberliegende Ufer der katalanischen Metropole Barcelona, ist nur eine Stunde in der Luft und fast leer.

Nach der wie mit dem Lineal gezogenen Linie durch die Luft, dreht die Boeing 737 nach Westen ab und unter dem linken Flügel breitet sich die nordafrikanische Küste aus: Unerschlossene Strände, halbmondartige Buchten, Steilküstenabschnitte, Schilfinseln zwischen Feldern, Gewächshäusern, vereinzelt Rauch, dann wieder Feld an Feld, unverputzte Häuser, Betonruinen, Hütten, Minarette, erstaunlich viel grüne Farbe. Die Piloten sehen wahrscheinlich schon die weite Bucht von Algier, der Hauptstadt Algeriens, vor sich ausgebreitet. Die Landschaft erscheint mit jeder Sekunde detaillierter und mit jedem Meter Sinkflug wird mir die baldige Ankunft in Afrikas größtem Land bewusster.

Ich war voller Stereotype

Wenige Minuten später knallt der Stempel in den Pass. „Passen Sie auf sich auf“, hatte der Mitarbeiter der algerischen Botschaft in Berlin-Pankow nach der Visa-Vergabe noch gemahnt. Es klang nach einer Mischung aus Drohung und einem Bruchteil Fürsorge. Algerien zeigt sich skeptisch gegenüber jeder Form von Besuch. Nun verschwinden die Schiebetüren rechts und links in der Wand und die Empfangshalle des Flughafens von Algier eröffnet sich.

Insaf steht unübersehbar links vor einer Säule. Sie ist zierlich, trägt offenes, lockiges Haar, das Größte an ihr ist das Lächeln, welches Sie uns unmittelbar entgegenwirft. Insaf winkt mich und meinen Reisegefährten sofort zu sich. Die Begrüßung ist südländisch, französisch, Küsschen rechts, links. Salut und Salam gleichermaßen. Während im Gebäude selbst fast Stille und vor allem kaum Betriebsamkeit herrscht, geschieht draußen davor das ganze Gegenteil und eine enorme Lebendigkeit umzingelt mich sofort, überwältigt mich gewissermaßen. Unmengen von Autos und kleinen Lieferwagen scheinen alle zur gleichen Zeit gestartet zu sein und wollen sich alle durch dasselbe Ausfahrtstor pressen.

Abgase, Zigarettenrauch, eingedellte Taxis sind erste dominante Eindrücke. Insaf hupt energisch, schimpft vergnügt und schiebt sich kompromisslos und vor allem selbstbewusst mit ihrem kleinen Wagen Reifenlänge um Reifenlänge zum Ausgang vor. Ich sitze amüsiert und angenehm verwundert auf dem Beifahrersitz. Die Medizinstudentin Insaf wirkt beachtlich emanzipiert und freiheitlich, vor allem für ihr junges Alter von 23 Jahren. Beachtlich, weil ich andere Stereotype im Kopf hatte, für die ich mich eigentlich schämen muss: Kopftuch, tradiertes Auftreten, eine gewisse Rückständigkeit. Gegenteile zur westlich geprägten Moderne und weitere Vorurteile.

Insaf statt ISIS

Ich habe Insaf über Couchsurfing kennengelernt. Ich war auf der Suche nach Einheimischen vor Ort, die uns treffen, mit Empfehlungen helfen und vor allem mit uns offen sprechen würden. Ich wollte ein paar Dinge in Erfahrung bringen, denn ich weiß nicht viel über das abgeschottete, riesengroße Land, welches unter Europäern nicht unbedingt als Tourismusmagnet gilt und in Deutschland jüngst ausschließlich in den Debatten um sogenannte sichere Herkunftsländer eine Erwähnung findet. Oder aber wenn es um ISIS- oder al-Qaida-Ableger in den südlichen Grenzgebieten zu Libyen, Niger und Mali geht, sprich islamistischen Terrorismus. Insaf war die Erste, die mir auf der Couchsurfing-Seite geantwortet hatte. Und seitdem um unser Wohl besorgt war – bis zum Schluss.

Meine Mutter weiß es, meine Schwester weiß es. Nur mein Vater nicht. Insaf, 23 Jahre, über ihre Entscheidung kein Kopftuch mehr zu tragen

Stichwort „Sicheres Herkunftsland“: Kaum ein großer Verkehrsknotenpunkt ohne Polizeikontrolle auf dem Weg in die algerische Hauptstadt. Auch mitten auf den Autobahnen sind Checkpoints des Militärs. Auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum von Algier müssen wir gleich an zwei Sperren anhalten. Ein offenbar gängiges Prozedere, welches alle Beteiligten nüchtern und routiniert über sich ergehen lassen. Die schick Uniformierten stehen bei den Kontrollen entweder auf dem Mittelstreifen oder an der Straßenkreuzung, winken durch oder halten an. Bei Dunkelheit schaltet man besser das Licht im Innenraum des Wagens an und löscht die Scheinwerfer. So können die teilweise mit Maschinenpistolen bewaffneten Männer besser erkennen, wer im Auto sitzt.

Wir müssen für die Militärs ein sonderbares Bild bieten: Die zarte Insaf mit zwei großgewachsenen, westlich aussehenden Männern in ihrem kleinen Auto. Doch nie werden die Uniformierten unhöflich oder harsch. Im Gegenteil: Die Polizisten und Soldaten gehen wie Gentlemen mit uns um, vor allem mit Insaf. Dabei repräsentiert sie eine Fraulichkeit, die in dem sehr religiösen, islamischen Staat selten zu sehen ist. Vielleicht nur in den Großstädten, wie hier in Algier. Das Kopftuch abzulegen, ist eine grundsätzliche Entscheidung, die einem Beben gleichkommt. Dem Ende eines bisherigen Lebens. Insaf hat sich im letzten Jahr dazu entschieden. Eine bewusste Entscheidung, die Sie keineswegs bereut.

„Meine Mutter weiß es, meine Schwester weiß es. Nur mein Vater nicht. Wenn ich nach Hause zu meinen Eltern fahre, lege ich es wieder an. Es würde ihn zu sehr verletzen. Irgendwann werde ich es ihm verraten“, erklärt Insaf. Sie ist besorgt über den Zustand der Religion: „Ich glaube das Religionen allgemein die Menschen spirituell führen sollen, doch leider wird der Glauben als Werkzeug missbraucht, die Menschen zu dominieren.“

Mondäne Melancholie

Algier, die weiße Millionen-Stadt am Meer, erstreckt sich die weite urbane Bucht entlang und die Hänge hinauf. Im ehrwürdigen Herzen, der Kasbah, verlieren sich die endlosen Gassen im Gewirr der ineinander geschachtelten Bauten aus überwiegend osmanischer Zeit. Eine bitterarme Gegend, in der es nach Kardamom, Couscous und Kohle riecht, nach Pisse stinkt. Kinder spielen neben in sich zusammensackenden Gebäuden Fußball, dürre Katzen folgen auf Schritt und Tritt. Müllberge häufen sich zu immensen Halden inmitten dieses altstädtischen Wohngebiets aus dem 16. Jahrhundert, eines von sieben UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten in Algerien.

Dagegen breit angelegte Boulevards nach europäischem Vorbild, so wollte die Besatzungsmacht Frankreich einen besseren Überblick, größere Kontrolle über die Algerier erzielen, Meerpromenaden mit weißen, ehrlicherweise verblassenden, bröckelnden französischen Kolonialfassaden unterhalb der Kasbah. Weltstädtische, elegante Bürgerhäuser, gebaut für die einst vielen Franzosen der ehemaligen Kolonialmacht der Maghreb-Staaten Marokko, Algerien und Tunesien. Algiers Äußeres erinnert an sein südfranzösisches Hafengegenüber Marseille. Doch die Anmut Algiers ist eine andere. Mondän charmant auf der einen, orientalisch bescheiden auf der anderen Seite. Und mittendrin Melancholie.

Zwar scheint die Zeit hier ein Stückweit stehen geblieben zu sein, doch gealtert wurde trotzdem. Der 80-jährige algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika passt dazu ins Bild. Er gilt seit Längerem als gesundheitlich stark angeschlagen. Seit einem Schlaganfall im Jahr 2013 trat er kaum mehr öffentlich auf und verließ nur noch selten seine Residenz, in der er gelegentlich ausländische Staatsgäste empfängt. Meistens sitzt er im Rollstuhl. Bouteflika steht seit 1999 an der Spitze Algeriens – bald 20 Jahre. Seit dem Ende des Bürgerkriegs der 1990er-Jahre, als der Staat gegen die Islamisten kämpfte und es bis zu 150.000 Tote gab, galt das System Bouteflika als Garant für Stabilität. Seine Partei gewann auch jüngst wieder die Parlamentswahlen. Zwar mit deutlichen Verlusten, aber an den Machtverhältnissen wird sich zwangsläufig nichts ändern. Insaf möchte über ihren Präsidenten nichts Schlechtes sagen. Algerien habe Bouteflika viel zu verdanken, er habe dem Land Frieden gebracht. Und doch wirkt das riesige Land heute unbeweglich, steckt fest, ohnmächtig vor den gewaltigen Herausforderungen.

Die Bevölkerung leidet vor allem unter enormer Arbeitslosigkeit, sowie Wohnungsnot, unzureichender Gesundheitsversorgung und steigenden Preisen. Zulange hat sich Algerien auf seine Ölexporte versteift, keine Innovationen angestoßen. Jetzt droht der Staatsbankrott. „Dabei gehört uns, der Jugend, das Land“, sagt Insaf. Etwa die Hälfte der rund 40 Millionen Einwohner Algeriens ist unter 30 Jahre alt. Ein Drittel der jungen Algerier hat keinen Job, keine Aufgabe – und ist somit leichte Beute für die Islamisten im Land. Andere wollen ihr Glück im europäischen Ausland versuchen. So auch Insaf.

Wenn es um die algerische Zukunft geht, werden Vergleiche zu Libyen gezogen. Was wird nach Bouteflikas Tod mit Algerien geschehen? Der Zusammenbruch in Einzelteile? So lesen sich die Zeitungsartikel über Algerien, die infolge der sogenannten Flüchtlingskrise seit 2015 in Deutschland publiziert wurden. Die Menschen, die wir treffen, widersprechen dem.

Am liebsten nach Deutschland

Insaf liebt Algerien wie ihre eigenen Eltern. Sie sagt: „Man sucht sie sich nicht aus, aber lernt von ihren Werten. Und dafür bin ich meinem Land dankbar. Ich fühle mich hier auch sicher, kann nachts alleine nach Hause fahren und fürchte mich nicht. Und das auch, obwohl es ungewöhnlich für eine Frau in Algerien ist, allein zu wohnen, so wie ich. Da aber alle Nachbarn alles beobachten, behaupte ich, ich würde mit meiner Schwester wohnen – die ist oft genug zu Besuch, so dass es den Anschein hat.“ Und dennoch will sie Algerien spätestens in zwei Jahren  verlassen, am liebsten nach Deutschland, um dort Ärztin zu werden.

Algerien ist das flächenmäßig größte Land Afrikas (6,5 Mal die Fläche Deutschlands) – es ist fast unmöglich, sich in kurzer Zeit ein umfassendes Bild der Zustände des Maghreb-Staates zu verschaffen. Das lerne ich schon am ersten Tag nach unserer Ankunft. Ich sitze in einem Café am Nationaltheater von Algier. Hier sind ausschließlich Männer, lesen Zeitung, trinken Cola oder Tee. Ich habe mich mit einigen Kontakten von Couchsurfing verabredet, einer ist Souhil. Der 22 Jahre alte Englisch-Student ist voller Stolz auf sein Land. „Schreib‘ nicht“, sagt er, „du wärst in Algerien gewesen. Um das behaupten zu können, musst Du den Norden kennen, den Osten und Westen gesehen haben, die Berge und Wüsten bereisen. Überall verschiedene Mentalitäten, unterschiedliche Menschen, völlig andere Gegebenheiten – andere Probleme. Klar, wollen wir alle mal hier raus, aber nicht um jeden Preis. Das hier ist unser Land und hier gehören wir hin.“ Schließlich sei das Leben in Algerien auch immer weiter gegangen und einen weiteren Krieg werde es nicht mehr geben, dafür sei das System zu stark, meint Souhil.

Es ist mir nicht möglich, die Interviewpartner, welche sich mit mir in jenem Café verabredet haben, auf die gemeinsamen Getränke einzuladen. Sie versperren mir den Weg zur Bar, als ich den Anschein mache, die Rechnung zu begleichen. Die berühmte arabische Gastfreundschaft ist omnipräsent. Auf der Straße werden Selfies verlangt und am allersten Tag war es für Insaf alternativlos, mich zu allem und jedem einzuladen.

An einem Nachmittag treffe ich den 67-jährigen Mohammed, der aber lieber Med genannt werden möchte. Wenn er sich nicht im Internet in Foren und auf Blogs politisch oder gesellschaftskritisch äußert, kümmert er sich um Straßenhunde. In einem Land, in dem Hunde als haram (verboten) gelten, ist das keine leichte Aufgabe.
Aus Lautsprechern einer Moschee tönt das Gebet des Muezzin über die Uferpromenade Algiers. Med sagt, dass er mit dem Islam und Religion überhaupt nichts anfangen könne. „Religion ruft in mir nur schlechte Gedanken hervor. Religion trennt die Menschen voneinander“, findet er. Trotzdem würde er dem streng islamischen Algerien nie den Rücken kehren. „Algerien ist mein ‚home sweet home‘ und auch wenn ich beispielsweise in Frankreich gelebt habe, würde ich immer wieder hierher zurückkehren.“

Das System wird weitermachen wie bisher. Med (67), über die Zukunft Algeriens

Wir laufen durch seinen Stadtteil. Die Möwen schreien, über uns die weißgrauen Fassaden mit den blauen Fensterläden, französische Balkone, schmale Austritte, Palmen säumen den Platz. „Nach mehr als zehn Jahren des Terrors ist Algerien jetzt auch ein sicheres Land. Wir Algerier sind zwar verhältnismäßig arm, doch sehr sehr freundlich.“ Was passiert, wenn Präsident Bouteflika stirbt? „Überhaupt nichts. Das System wird weitermachen wie bisher“.

Stille in der Stadt

So viel Geld muss sein, trotz Finanzkrise und Inflation – ein 1,4 Milliarden Euro teures Prestige-Objekt soll die Bouteflika-Ära in Stein meißeln: In Algier entsteht seit 2011 die größte Moschee Afrikas und nach Mekka und Medina das drittgrößte muslimische Gotteshaus der Welt. Nach einem Entwurf des Frankfurter Architekturbüros „KSP Jürgen Engel Architekten“. Übrigens nicht der einzige ausländische Bestandteil des gigantischen Monuments. Denn was als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gedacht war, um die algerische Arbeitslosenquote zu drosseln, hat sich als Täuschung entpuppt. Deutsche Architekten, deutsche Statiker, italienischer und türkischer Kalkstein und vor allem ausschließlich chinesische Bauerbeiter, kaum ein Algerier legt hier Hand an.

Das 265 Meter hohe, höchste Minarett der Welt sticht wie ein gigantischer Leuchtturm des Islam aus der Bucht von Algier heraus. Für diesen Giganten wurden zahlreiche Bewohner evakuiert, die den Baumaßnahmen weichen mussten. Nicht nur deshalb ist die Baustelle bei den Menschen Algiers eher unbeliebt und wird stark kritisiert, statt deren Fertigstellung ersehnt. Abgesehen davon hat Algerien bereits fast 15.000 Moscheen. Wir sehen das moderne Beton-Minarett vom Balkon unserer zentralen Unterkunft aus in den Himmel ragen. Es ist, als bewache das unfertige Gotteshaus den weiten algerischen Küstenstreifen und das Meer vor Eindringlingen.

Europa oder Afrika?

Unter uns Algier eine Stunde nach dem fünften Tagesgebet: Wie ausgestorben, alle Läden geschlossen, kaum ein Auto auf den Straßen, kaum ein Mensch zu sehen. Stille, Trauermoment, Angst, Friedlichkeit, eine seltsame Mischung. Noch nie habe ich eine Metropole derart außer Betrieb erlebt. Fast unvorstellbar, dass vor unserer Haustür in den frühen Morgenstunden wieder der absolute Trubel immense Lautstärken erzeugt. Dattelverkäufer, Teemacher, Motorroller.

Ich bin zurück bei Insaf. Sie fährt mich durch die Nacht von Algier, mit der Selbstverständlichkeit eines ausgebufften Taxifahrers, der vor dem Einsteigen seiner Fahrgäste weiß, wohin sie wollen. Die Stadt ist schwach und gelblich beleuchtet, wie ein großer Parkplatz oder ein Kasernenhof. Oben vom militaristischen Freiheitsdenkmal aus sehen wir die große Stille von Algier ausgebreitet vor uns liegen. Ein dunkles Panorama, sonderbar für eine Hauptstadt. Einige Jungs stehen um eine Bank versammelt und rauchen. Nur der Alkohol fehlt und wir wären in einem osteuropäischen Klischeebild. Wo das Meer sein sollte, scheint ein großer schwarzer Vorhang auf der Stadt aufzuliegen und hinter diesem Vorhang, auf der gegenüberliegenden Seite, nur einen geraden Strich entfernt – Europa. So nah, dass ich begreife, dass das hier nicht Afrika ist.

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