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	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Sun, 25 Mar 2018 09:49:51 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Nordafrika &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Wo die Zeit still steht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Mar 2018 11:38:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Algerien]]></category>
		<category><![CDATA[Algier]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Oliver Rühle]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
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					<description><![CDATA[Wenn man ein Lineal auf eine Mittelmeerkarte legt, kann man fast eine Senkrechte im rechten Winkel von Barcelona nach Algier ziehen, der Hauptstadt Algeriens – des größten Landes Afrikas. Unser Autor hat sich auf die gegenüberliegende Seite begeben und ein unbeweglich wirkendes, starres Land vorgefunden, dessen ambitionierte Jugend die letzte Rettung sein könnte.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wo-die-zeit-still-steht/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Wenn man ein Lineal auf eine Mittelmeerkarte legt, kann man fast eine Senkrechte im rechten Winkel von Barcelona nach Algier ziehen, der Hauptstadt Algeriens – des größten Landes Afrikas. Unser Autor hat sich auf die gegenüberliegende Seite begeben und ein unbeweglich wirkendes, starres Land vorgefunden, dessen ambitionierte Jugend die letzte Rettung sein könnte.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Flugroute zieht gefühlt eine Gerade im rechten Winkel über die auf dem Bordmonitor angezeigte Landkarte. Zwischen Startpunkt und Landedestination klafft ein großer blauer Fleck, wie ein leeres Zentrum – das Mittelmeer. Die Maschine auf dem Weg zur anderen Seite, ans gegenüberliegende Ufer der katalanischen Metropole Barcelona, ist nur eine Stunde in der Luft und fast leer.</p>
<p style="text-align: left;">Nach der wie mit dem Lineal gezogenen Linie durch die Luft, dreht die Boeing 737 nach Westen ab und unter dem linken Flügel breitet sich die nordafrikanische Küste aus: Unerschlossene Strände, halbmondartige Buchten, Steilküstenabschnitte, Schilfinseln zwischen Feldern, Gewächshäusern, vereinzelt Rauch, dann wieder Feld an Feld, unverputzte Häuser, Betonruinen, Hütten, Minarette, erstaunlich viel grüne Farbe. Die Piloten sehen wahrscheinlich schon die weite Bucht von Algier, der Hauptstadt Algeriens, vor sich ausgebreitet. Die Landschaft erscheint mit jeder Sekunde detaillierter und mit jedem Meter Sinkflug wird mir die baldige Ankunft in Afrikas größtem Land bewusster.</p>
<p style="text-align: justify;"><iframe style="border: 0;" src="https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m14!1m12!1m3!1d2876704.6747811274!2d1.2317093876101932!3d38.99277412513215!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!5e1!3m2!1sde!2ses!4v1517151258154" width="100%" height="450" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></p>
<h2 style="text-align: justify;">Ich war voller Stereotype</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenige Minuten später knallt der Stempel in den Pass. &#8222;Passen Sie auf sich auf&#8220;, hatte der Mitarbeiter der algerischen Botschaft in Berlin-Pankow nach der Visa-Vergabe noch gemahnt. Es klang nach einer Mischung aus Drohung und einem Bruchteil Fürsorge. Algerien zeigt sich skeptisch gegenüber jeder Form von Besuch. Nun verschwinden die Schiebetüren rechts und links in der Wand und die Empfangshalle des Flughafens von Algier eröffnet sich.</p>
<p style="text-align: justify;">Insaf steht unübersehbar links vor einer Säule. Sie ist zierlich, trägt offenes, lockiges Haar, das Größte an ihr ist das Lächeln, welches Sie uns unmittelbar entgegenwirft. Insaf winkt mich und meinen Reisegefährten sofort zu sich. Die Begrüßung ist südländisch, französisch, Küsschen rechts, links. Salut und Salam gleichermaßen. Während im Gebäude selbst fast Stille und vor allem kaum Betriebsamkeit herrscht, geschieht draußen davor das ganze Gegenteil und eine enorme Lebendigkeit umzingelt mich sofort, überwältigt mich gewissermaßen. Unmengen von Autos und kleinen Lieferwagen scheinen alle zur gleichen Zeit gestartet zu sein und wollen sich alle durch dasselbe Ausfahrtstor pressen.</p>
<p style="text-align: justify;">Abgase, Zigarettenrauch, eingedellte Taxis sind erste dominante Eindrücke. Insaf hupt energisch, schimpft vergnügt und schiebt sich kompromisslos und vor allem selbstbewusst mit ihrem kleinen Wagen Reifenlänge um Reifenlänge zum Ausgang vor. Ich sitze amüsiert und angenehm verwundert auf dem Beifahrersitz. Die Medizinstudentin Insaf wirkt beachtlich emanzipiert und freiheitlich, vor allem für ihr junges Alter von 23 Jahren. Beachtlich, weil ich andere Stereotype im Kopf hatte, für die ich mich eigentlich schämen muss: Kopftuch, tradiertes Auftreten, eine gewisse Rückständigkeit. Gegenteile zur westlich geprägten Moderne und weitere Vorurteile.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Insaf statt ISIS</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich habe Insaf über Couchsurfing kennengelernt. Ich war auf der Suche nach Einheimischen vor Ort, die uns treffen, mit Empfehlungen helfen und vor allem mit uns offen sprechen würden. Ich wollte ein paar Dinge in Erfahrung bringen, denn ich weiß nicht viel über das abgeschottete, riesengroße Land, welches unter Europäern nicht unbedingt als Tourismusmagnet gilt und in Deutschland jüngst ausschließlich in den Debatten um sogenannte sichere Herkunftsländer eine Erwähnung findet. Oder aber wenn es um ISIS- oder al-Qaida-Ableger in den südlichen Grenzgebieten zu Libyen, Niger und Mali geht, sprich islamistischen Terrorismus. Insaf war die Erste, die mir auf der Couchsurfing-Seite geantwortet hatte. Und seitdem um unser Wohl besorgt war – bis zum Schluss.</p>
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                        style="font-size:2em;color:#e26299;">
                <span>Meine Mutter weiß es, meine Schwester weiß es. Nur mein Vater nicht.</span>
                <cite class="aesop-quote-component-cite">Insaf, 23 Jahre, über ihre Entscheidung kein Kopftuch mehr zu tragen</cite>            </blockquote>

            
            </div>
            
<p style="text-align: justify;">Stichwort „Sicheres Herkunftsland“: Kaum ein großer Verkehrsknotenpunkt ohne Polizeikontrolle auf dem Weg in die algerische Hauptstadt. Auch mitten auf den Autobahnen sind Checkpoints des Militärs. Auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum von Algier müssen wir gleich an zwei Sperren anhalten. Ein offenbar gängiges Prozedere, welches alle Beteiligten nüchtern und routiniert über sich ergehen lassen. Die schick Uniformierten stehen bei den Kontrollen entweder auf dem Mittelstreifen oder an der Straßenkreuzung, winken durch oder halten an. Bei Dunkelheit schaltet man besser das Licht im Innenraum des Wagens an und löscht die Scheinwerfer. So können die teilweise mit Maschinenpistolen bewaffneten Männer besser erkennen, wer im Auto sitzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Wir müssen für die Militärs ein sonderbares Bild bieten: Die zarte Insaf mit zwei großgewachsenen, westlich aussehenden Männern in ihrem kleinen Auto. Doch nie werden die Uniformierten unhöflich oder harsch. Im Gegenteil: Die Polizisten und Soldaten gehen wie Gentlemen mit uns um, vor allem mit Insaf. Dabei repräsentiert sie eine Fraulichkeit, die in dem sehr religiösen, islamischen Staat selten zu sehen ist. Vielleicht nur in den Großstädten, wie hier in Algier. Das Kopftuch abzulegen, ist eine grundsätzliche Entscheidung, die einem Beben gleichkommt. Dem Ende eines bisherigen Lebens. Insaf hat sich im letzten Jahr dazu entschieden. Eine bewusste Entscheidung, die Sie keineswegs bereut.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Meine Mutter weiß es, meine Schwester weiß es. Nur mein Vater nicht. Wenn ich nach Hause zu meinen Eltern fahre, lege ich es wieder an. Es würde ihn zu sehr verletzen. Irgendwann werde ich es ihm verraten&#8220;, erklärt Insaf. Sie ist besorgt über den Zustand der Religion: „Ich glaube das Religionen allgemein die Menschen spirituell führen sollen, doch leider wird der Glauben als Werkzeug missbraucht, die Menschen zu dominieren.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">Mondäne Melancholie</h2>
<p style="text-align: justify;">Algier, die weiße Millionen-Stadt am Meer, erstreckt sich die weite urbane Bucht entlang und die Hänge hinauf. Im ehrwürdigen Herzen, der Kasbah, verlieren sich die endlosen Gassen im Gewirr der ineinander geschachtelten Bauten aus überwiegend osmanischer Zeit. Eine bitterarme Gegend, in der es nach Kardamom, Couscous und Kohle riecht, nach Pisse stinkt. Kinder spielen neben in sich zusammensackenden Gebäuden Fußball, dürre Katzen folgen auf Schritt und Tritt. Müllberge häufen sich zu immensen Halden inmitten dieses altstädtischen Wohngebiets aus dem 16. Jahrhundert, eines von sieben UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten in Algerien.</p>
<p style="text-align: justify;">Dagegen breit angelegte Boulevards nach europäischem Vorbild, so wollte die Besatzungsmacht Frankreich einen besseren Überblick, größere Kontrolle über die Algerier erzielen, Meerpromenaden mit weißen, ehrlicherweise verblassenden, bröckelnden französischen Kolonialfassaden unterhalb der Kasbah. Weltstädtische, elegante Bürgerhäuser, gebaut für die einst vielen Franzosen der ehemaligen Kolonialmacht der Maghreb-Staaten Marokko, Algerien und Tunesien. Algiers Äußeres erinnert an sein südfranzösisches Hafengegenüber Marseille. Doch die Anmut Algiers ist eine andere. Mondän charmant auf der einen, orientalisch bescheiden auf der anderen Seite. Und mittendrin Melancholie.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwar scheint die Zeit hier ein Stückweit stehen geblieben zu sein, doch gealtert wurde trotzdem. Der 80-jährige algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika passt dazu ins Bild. Er gilt seit Längerem als gesundheitlich stark angeschlagen. Seit einem Schlaganfall im Jahr 2013 trat er kaum mehr öffentlich auf und verließ nur noch selten seine Residenz, in der er gelegentlich ausländische Staatsgäste empfängt. Meistens sitzt er im Rollstuhl. Bouteflika steht seit 1999 an der Spitze Algeriens – bald 20 Jahre. Seit dem Ende des Bürgerkriegs der 1990er-Jahre, als der Staat gegen die Islamisten kämpfte und es bis zu 150.000 Tote gab, galt das System Bouteflika als Garant für Stabilität. Seine Partei gewann auch jüngst wieder die Parlamentswahlen. Zwar mit deutlichen Verlusten, aber an den Machtverhältnissen wird sich zwangsläufig nichts ändern. Insaf möchte über ihren Präsidenten nichts Schlechtes sagen. Algerien habe Bouteflika viel zu verdanken, er habe dem Land Frieden gebracht. Und doch wirkt das riesige Land heute unbeweglich, steckt fest, ohnmächtig vor den gewaltigen Herausforderungen.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-10.jpg" data-caption="Insaf studiert Medizin und spricht gut Deutsch. Sie hofft, ihr Studium in Heidelberg beenden zu können und möchte 
danach gern eine Zeit ehrenamtlich arbeiten – zum Beispiel in den Palästinensergebieten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-21.jpg" data-caption="Algier – die weiße Stadt. Vor allem die Wasserfront im Zentrum ist im französischen Kolonialstil erbaut, Prachtbauten
des sogenannten „Empire colonial“." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-25.jpg" data-caption="Insaf übersetzt ein Gespräch mit einem Anwohner." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-24.jpg" data-caption="West-Algier erzählt davon, dass die schlechte wirtschaftliche Situation dem Mittelstand stark zusetzt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-22.jpg" data-caption="Die weite Bucht von Algier mit der neuen Moschee im Osten, die wie ein gigantischer Leuchtturm in den Himmel ragt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-17.jpg" data-caption="Im ganzen Land ist die Vielzahl an Moscheen auffällig und überall entstehen weitere, hier ein Gotteshaus eines Fischerdorfs im Osten von Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-7.jpg" data-caption="Viele Fassaden faulen im wahrsten Sinne vor sich hin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-13.jpg" data-caption="Souhil (links) und Zakaria (rechts), Englisch-Studenten aus Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-3.jpg" data-caption="Das Zentrum von Algier mit der berühmten großen Post (links)." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-11.jpg" data-caption="Fußball ist enorm wichtig für Algerier, überall findet man einen Platz, wo gekickt werden kann. Ein Idol ist der Franzose Zinédine Zidane, früherer Weltfußballer und Sohn algerischer Einwanderer." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-5-1.jpg" data-caption="Kinder spielen mit einem kaputten Ball in der Kasbah, der Altstadt von Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-9.jpg" data-caption="Die Menschen leben in der Hauptstadt teilweise in Häusern, die von einer prachtvollen, längst vergangenen Zeit erzählen…" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-12.jpg" data-caption="Med: „Nach mehr als zehn Jahren des Terrors ist Algerien jetzt auch ein sicheres Land. Wir Algerier sind zwar verhältnismäßig
arm, doch sehr sehr freundlich.“" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-15.jpg" data-caption="Außerhalb der Stadt dominiert die Landwirtschaft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-14.jpg" data-caption="Blick in den frühen Morgenstunden auf den Hafen von Algier." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Marc Oliver Rühle</p></div>
<p style="text-align: justify;">Die Bevölkerung leidet vor allem unter enormer Arbeitslosigkeit, sowie Wohnungsnot, unzureichender Gesundheitsversorgung und steigenden Preisen. Zulange hat sich Algerien auf seine Ölexporte versteift, keine Innovationen angestoßen. Jetzt droht der Staatsbankrott. &#8222;Dabei gehört uns, der Jugend, das Land&#8220;, sagt Insaf. Etwa die Hälfte der rund 40 Millionen Einwohner Algeriens ist unter 30 Jahre alt. Ein Drittel der jungen Algerier hat keinen Job, keine Aufgabe – und ist somit leichte Beute für die Islamisten im Land. Andere wollen ihr Glück im europäischen Ausland versuchen. So auch Insaf.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn es um die algerische Zukunft geht, werden Vergleiche zu Libyen gezogen. Was wird nach Bouteflikas Tod mit Algerien geschehen? Der Zusammenbruch in Einzelteile? So lesen sich die Zeitungsartikel über Algerien, die infolge der sogenannten Flüchtlingskrise seit 2015 in Deutschland publiziert wurden. Die Menschen, die wir treffen, widersprechen dem.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Am liebsten nach Deutschland</h2>
<p style="text-align: justify;">Insaf liebt Algerien wie ihre eigenen Eltern. Sie sagt: „Man sucht sie sich nicht aus, aber lernt von ihren Werten. Und dafür bin ich meinem Land dankbar. Ich fühle mich hier auch sicher, kann nachts alleine nach Hause fahren und fürchte mich nicht. Und das auch, obwohl es ungewöhnlich für eine Frau in Algerien ist, allein zu wohnen, so wie ich. Da aber alle Nachbarn alles beobachten, behaupte ich, ich würde mit meiner Schwester wohnen – die ist oft genug zu Besuch, so dass es den Anschein hat.&#8220; Und dennoch will sie Algerien spätestens in zwei Jahren  verlassen, am liebsten nach Deutschland, um dort Ärztin zu werden.</p>
<p style="text-align: justify;">Algerien ist das flächenmäßig größte Land Afrikas (6,5 Mal die Fläche Deutschlands) – es ist fast unmöglich, sich in kurzer Zeit ein umfassendes Bild der Zustände des Maghreb-Staates zu verschaffen. Das lerne ich schon am ersten Tag nach unserer Ankunft. Ich sitze in einem Café am Nationaltheater von Algier. Hier sind ausschließlich Männer, lesen Zeitung, trinken Cola oder Tee. Ich habe mich mit einigen Kontakten von Couchsurfing verabredet, einer ist Souhil. Der 22 Jahre alte Englisch-Student ist voller Stolz auf sein Land. &#8222;Schreib&#8216; nicht&#8220;, sagt er, &#8222;du wärst in Algerien gewesen. Um das behaupten zu können, musst Du den Norden kennen, den Osten und Westen gesehen haben, die Berge und Wüsten bereisen. Überall verschiedene Mentalitäten, unterschiedliche Menschen, völlig andere Gegebenheiten – andere Probleme. Klar, wollen wir alle mal hier raus, aber nicht um jeden Preis. Das hier ist unser Land und hier gehören wir hin.&#8220; Schließlich sei das Leben in Algerien auch immer weiter gegangen und einen weiteren Krieg werde es nicht mehr geben, dafür sei das System zu stark, meint Souhil.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist mir nicht möglich, die Interviewpartner, welche sich mit mir in jenem Café verabredet haben, auf die gemeinsamen Getränke einzuladen. Sie versperren mir den Weg zur Bar, als ich den Anschein mache, die Rechnung zu begleichen. Die berühmte arabische Gastfreundschaft ist omnipräsent. Auf der Straße werden Selfies verlangt und am allersten Tag war es für Insaf alternativlos, mich zu allem und jedem einzuladen.</p>
<p style="text-align: justify;">An einem Nachmittag treffe ich den 67-jährigen Mohammed, der aber lieber Med genannt werden möchte. Wenn er sich nicht im Internet in Foren und auf Blogs politisch oder gesellschaftskritisch äußert, kümmert er sich um Straßenhunde. In einem Land, in dem Hunde als haram (verboten) gelten, ist das keine leichte Aufgabe.<br />
Aus Lautsprechern einer Moschee tönt das Gebet des Muezzin über die Uferpromenade Algiers. Med sagt, dass er mit dem Islam und Religion überhaupt nichts anfangen könne. &#8222;Religion ruft in mir nur schlechte Gedanken hervor. Religion trennt die Menschen voneinander&#8220;, findet er. Trotzdem würde er dem streng islamischen Algerien nie den Rücken kehren. „Algerien ist mein &#8218;home sweet home&#8216; und auch wenn ich beispielsweise in Frankreich gelebt habe, würde ich immer wieder hierher zurückkehren.&#8220;</p>
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                        style="font-size:2em;color:#e26299;">
                <span>Das System wird weitermachen wie bisher.</span>
                <cite class="aesop-quote-component-cite">Med (67), über die Zukunft Algeriens</cite>            </blockquote>

            
            </div>
            
<p style="text-align: justify;">Wir laufen durch seinen Stadtteil. Die Möwen schreien, über uns die weißgrauen Fassaden mit den blauen Fensterläden, französische Balkone, schmale Austritte, Palmen säumen den Platz. „Nach mehr als zehn Jahren des Terrors ist Algerien jetzt auch ein sicheres Land. Wir Algerier sind zwar verhältnismäßig arm, doch sehr sehr freundlich.“ Was passiert, wenn Präsident Bouteflika stirbt? „Überhaupt nichts. Das System wird weitermachen wie bisher“.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Stille in der Stadt</h2>
<p style="text-align: justify;">So viel Geld muss sein, trotz Finanzkrise und Inflation – ein 1,4 Milliarden Euro teures Prestige-Objekt soll die Bouteflika-Ära in Stein meißeln: In Algier entsteht seit 2011 die größte Moschee Afrikas und nach Mekka und Medina das drittgrößte muslimische Gotteshaus der Welt. Nach einem Entwurf des Frankfurter Architekturbüros &#8222;KSP Jürgen Engel Architekten&#8220;. Übrigens nicht der einzige ausländische Bestandteil des gigantischen Monuments. Denn was als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gedacht war, um die algerische Arbeitslosenquote zu drosseln, hat sich als Täuschung entpuppt. Deutsche Architekten, deutsche Statiker, italienischer und türkischer Kalkstein und vor allem ausschließlich chinesische Bauerbeiter, kaum ein Algerier legt hier Hand an.</p>
<p style="text-align: justify;">Das 265 Meter hohe, höchste Minarett der Welt sticht wie ein gigantischer Leuchtturm des Islam aus der Bucht von Algier heraus. Für diesen Giganten wurden zahlreiche Bewohner evakuiert, die den Baumaßnahmen weichen mussten. Nicht nur deshalb ist die Baustelle bei den Menschen Algiers eher unbeliebt und wird stark kritisiert, statt deren Fertigstellung ersehnt. Abgesehen davon hat Algerien bereits fast 15.000 Moscheen. Wir sehen das moderne Beton-Minarett vom Balkon unserer zentralen Unterkunft aus in den Himmel ragen. Es ist, als bewache das unfertige Gotteshaus den weiten algerischen Küstenstreifen und das Meer vor Eindringlingen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Europa oder Afrika?</h2>
<p style="text-align: justify;">Unter uns Algier eine Stunde nach dem fünften Tagesgebet: Wie ausgestorben, alle Läden geschlossen, kaum ein Auto auf den Straßen, kaum ein Mensch zu sehen. Stille, Trauermoment, Angst, Friedlichkeit, eine seltsame Mischung. Noch nie habe ich eine Metropole derart außer Betrieb erlebt. Fast unvorstellbar, dass vor unserer Haustür in den frühen Morgenstunden wieder der absolute Trubel immense Lautstärken erzeugt. Dattelverkäufer, Teemacher, Motorroller.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich bin zurück bei Insaf. Sie fährt mich durch die Nacht von Algier, mit der Selbstverständlichkeit eines ausgebufften Taxifahrers, der vor dem Einsteigen seiner Fahrgäste weiß, wohin sie wollen. Die Stadt ist schwach und gelblich beleuchtet, wie ein großer Parkplatz oder ein Kasernenhof. Oben vom militaristischen Freiheitsdenkmal aus sehen wir die große Stille von Algier ausgebreitet vor uns liegen. Ein dunkles Panorama, sonderbar für eine Hauptstadt. Einige Jungs stehen um eine Bank versammelt und rauchen. Nur der Alkohol fehlt und wir wären in einem osteuropäischen Klischeebild. Wo das Meer sein sollte, scheint ein großer schwarzer Vorhang auf der Stadt aufzuliegen und hinter diesem Vorhang, auf der gegenüberliegenden Seite, nur einen geraden Strich entfernt – Europa. So nah, dass ich begreife, dass das hier nicht Afrika ist.</p>
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		<title>Mit Schauspiel gegen Genitalverstümmelung</title>
		<link>https://www.weltseher.de/mit-kindlicher-comedy-gegen-eine-grausame-tradition/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/mit-kindlicher-comedy-gegen-eine-grausame-tradition/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2015 00:12:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Beschneidung von Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Elisabeth Lehmann]]></category>
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		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
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					<description><![CDATA[Beschneidung von jungen Mädchen in Ägypten gilt als Tradition, obwohl es verboten ist – und soll zudem die Frauen auf dem rechten Weg halten. Eine Theatergruppe versucht mit ihrem Spielen gegen die Genitalverstümmelung anzugehen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/mit-kindlicher-comedy-gegen-eine-grausame-tradition/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Beschneidung von jungen Mädchen in Ägypten gilt als Tradition – und soll zudem die Frauen auf dem rechten Weg halten. Eine Theatergruppe versucht mit ihrem Spielen gegen die Genitalverstümmelung anzugehen.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Viel Platz ist nicht in dem kleinen Raum des Gemeindezentrums von Camboha, einem Dorf in Oberägypten. Dicht an dicht sitzen die Mädchen nebeneinander. Doch Ahmed bahnt sich seinen Weg durch die Reihen von Holzbänken, kreischend, quietschend, in einem pinkfarbenen Kleid. Verfolgt von Sami, der ihm nachstellt mit den Worten „Hej, Kätzchen, wie geht’s Dir? Warte doch mal!“ Die Zuschauerinnen lachen Tränen, jede von ihnen hier kennt das Phänomen Belästigung aus dem eigenen Alltag. Von außen betrachtet scheint es nun noch absurder.</p>
<p style="text-align: justify;">Szenenwechsel: Nun ist Sami die Frau. Er hat sich ein blaues Kopftuch umgeworfen, das er mit einer Hand am Kinn zusammenhält. Mit der anderen gestikuliert er wild in Richtung Schauspielerkollegin Sherin. „Du musst deine Tochter beschneiden lassen. Sie gerät sonst auf Abwege. Dann schaut sie links und rechts.“ Die Mädchen kichern immer noch, doch nun ist es kein ausgelassenes mehr, sondern eher ein verlegenes. Denn auch diese Szene kennt jede von ihnen aus eigener Erfahrung. Die Erinnerungen an den Tag der eigenen Beschneidung sind bei vielen noch nicht verblasst.</p>
<p style="text-align: justify;">Nada Sabet, die Regisseurin des Stücks „HaraTV“, unterbricht die Szene. „Ok, was habt ihr gerade gesehen?“ Und plötzlich wird es still in dem kleinen Raum. Auffällig viele Mädchen starren auf ihr Handy, spielen mit ihren Fingern, zupfen ihre Kopftücher zurecht, um die unangenehme Stille zu überbrücken. Ein älterer Mann in Galabeya, dem traditionellen Gewand, steckt seinen Kopf neugierig durch die geöffnete Tür. Der Hausmeister vermutlich. „Wenn er da steht, kann ich nicht reden“, sagt ein zierliches Mädchen, ganz in Blau gekleidet, schließlich. Über Themen wie die Beziehung zwischen Mann und Frau, Sexualität oder gar Beschneidung zu sprechen, ist in Ägypten nicht einfach. In Gegenwart des anderen Geschlechts unmöglich. Nada Sabet bittet den Mann aus dem Raum und zaghaft entspinnt sich eine Diskussion.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Mit einer Rasierklinge werden Klitoris und Schamlippen entfernt</h2>
<p style="text-align: justify;">Über 90 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren sind in Ägypten beschnitten. Egal, ob auf dem Land oder in Kairo, ob Muslimin oder Christin, ob Akademikerin oder Analphabetin. Das ist die Bilanz von Unicef. Höhere Zahlen gibt es nur in Somalia oder Sudan. Bei dem Eingriff werden den Mädchen im Alter zwischen neun und 13 Jahren Klitoris und Schamlippen entfernt, oft von einer Beschneiderin mit einer Rasierklinge, im besten Falle von einem Arzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Rada, das zierliche Mädchen in Blau, meldet sich als Erste zu Wort. „Wir sind hier alle beschnitten. Für uns kommt diese Aufklärungskampagne zu spät.“ Doch den Machern von „HaraTV“ geht es nicht allein darum, Beschneidung abzuschaffen. Sie sind realistisch genug, um zu wissen, dass sich jahrhundertealte Traditionen nicht durch 30 Minuten Comedy wandeln. Es gehe vor allem darum, ein Tabu zu brechen, zu diskutieren, abseits von Religion und Medizin. Auch Wege zu zeigen, wie Frauen trotz Beschneidung eine Art Sexualleben haben können.</p>
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<p style="text-align: justify;">Das Konzept geht auf. Eine nach der anderen erzählt von ihren Erinnerungen, wie es ist, in Ägypten als Frau geboren zu werden. Davon, dass sie als Kinder nicht auf der Straße spielen durften wie die Jungs im Dorf, dass sie viele Pflichten im Haus und auf dem Feld haben, dass sie von klein auf gemaßregelt werden. Und schließlich ist es Rada, die sich traut, hier im geschützten Raum das auszusprechen, was viele junge Mädchen denken: „Ich werde meine Tochter ganz sicher nicht beschneiden lassen. Ich will nicht, dass sie genauso leidet wie ich.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">„Es hilft den Mädchen, rein zu bleiben“</h2>
<p style="text-align: justify;">Diese Erfahrung machten sie oft, erzählt Nada Sabet während einer kleinen Pause zwischen zwei Aufführungen. Sie kippelt mit ihrem Plastikstuhl an einem Geländer. Dahinter fließt der Nil, der hier deutlich sauberer ist als im vier Stunden entfernten Kairo. „Die junge Generation kann sich oft noch an ihre eigene Beschneidung erinnern und ist deshalb leichter zu überzeugen.“ Nada macht mit ihrem Handy ein paar Fotos von der Gruppe. Sie muss jeden Schritt des Projekts dokumentieren, so will es der Geldgeber, der Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen, für den Nada „HaraTV“ entwickelt hat. Bis Ende des Jahres jeden Tag drei Dörfer, drei Vorstellungen, drei Gratwanderungen. Es prallen Welten aufeinander, wenn die Hauptstädter anreisen. Auch bei der nächsten Station an diesem Tag wird das wieder deutlich.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Schule ein paar Kilometer weiter. Eine Kinderschar hat den weißen Bus von Nada und Kollegen schon seit dem Ortseingang durch die engen Gassen des Dorfes begleitet. Besuch aus der Hauptstadt ist nicht alltäglich. Wieder sitzen die Frauen und Mädchen dicht an dicht auf Holzbänken, wieder bahnt sich Ahmed im pinkfarbenen Kleid seinen Weg durch die Reihen, auf der Flucht vor Sami, der ihm nachstellt. Wieder versucht Sami Sherin von der Unumgehbarkeit einer Beschneidung zu überzeugen. Doch diesmal sitzen auch ältere Frauen im Publikum, Frauen, die Sami im blauen Kopftuch mit überdrehten Gesten parodiert.</p>
<p style="text-align: justify;">Batta Abd El Munaim hat ihre Arme vor der Brust verschränkt. Die große goldene Creole im linken Ohr hebt sich vom Schwarz ihres Schleiers ab. Ihr Gesicht ist von der Sonne gebräunt, gütig, aber reserviert. Ab und zu lächelt sie über das Schauspiel der Hauptstädter, überzeugen kann es die 50-Jährige nicht. Natürlich müsse Beschneidung sein. Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, wiederholt sie das Müssen ein zweites, ein drittes Mal. „Es hilft den Mädchen, rein zu bleiben.“ Was genau sie unter Reinheit versteht, diese Antwort bleibt Batta schuldig. „Wir können nicht auf jedes Mädchen einzeln aufpassen, dass es nicht auf Abwege gerät. Wir brauchen sie schließlich auf dem Feld.“ Battas Worte spiegeln das Frauenbild der ägyptischen Gesellschaft: Es spricht Mädchen die Fähigkeit ab, ihre Sexualität zu kontrollieren.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Trotz Verbot werden Tausende verstümmelt</h2>
<p style="text-align: justify;">Nada hört Batta geduldig an, gibt ihre Aussagen ans Publikum weiter zur Diskussion. Nicht urteilen, das ist Teil des Konzepts. Dazu gehört auch, Meinungen zuzulassen, die es so eigentlich schon nicht mehr geben dürfte. Beschneidung steht seit 2008 offiziell unter Strafe. Doch wo kein Kläger, da kein Richter. Trotz Verbots werden nach wie vor tausende Mädchen verstümmelt, Prozesse gibt es bisher nur einen einzigen. Sohair Al Bataa hat ihre Beschneidung nicht überlebt. Ihr Vater und der behandelnde Arzt stehen deshalb vor Gericht. Beschneidungsgegner feiern den Prozess als Revolution, ein Urteil steht noch aus.</p>
<p style="text-align: justify;">Die zweite Aufführung des Tages neigt sich dem Ende zu. Die Frauen und Mädchen im Saal diskutieren wild durcheinander, sind aufgewühlt, Nada hat Mühe, die Diskussion zu lenken. Sie hebt einen Arm und bittet um Ruhe. Mit dem anderen erteilt sie einer Frau in der Ecke das Wort. Auf ihrem Schoß schläft ein kleines Mädchen. Sie habe noch ein zweites Kind, sagt sie, auch eine Tochter. 13 sei sie jetzt. Seit Wochen hadere sie, ob sie das Mädchen beschneiden lassen solle oder nicht. Doch nun sei sie sich sicher, es nicht zu tun. Es ist ein versöhnlicher Abschluss für diese Vorstellung und für Nada ein Zeichen, dass es sinnvoll ist, was sie hier tun.</p>
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		<title>Ohne Wasser kein Leben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Oct 2014 05:36:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marokko]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Landwirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Tilo Mahn]]></category>
		<category><![CDATA[Tiout]]></category>
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					<description><![CDATA[Hassan Morssli erlebt jeden Tag, was es heißt, in Marokko von der Natur abhängig zu sein. Das dringend benötigte Wasser für seine Oase geht Jahr für Jahr ein Stück mehr verloren. Die Bauern in Südmarokko stolpern in einen Wettlauf zwischen Klimaveränderung und autodidaktischer Bauplanung.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ohne-wasser-kein-leben/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Hassan Morssli erlebt jeden Tag, was es heißt, in Marokko von der Natur abhängig zu sein. Das dringend benötigte Wasser für seine Oase geht Jahr für Jahr ein Stück mehr verloren. Die Bauern in Südmarokko stolpern in einen Wettlauf zwischen Klimaveränderung und autodidaktischer Bauplanung.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Wenn Hassan Morssli von seinem Tal auf die Berge blickt, sucht er die hellen Flecken im Schatten der Gipfel. Dort, wo die sengende Sonne Marokkos die hinter Felsen verborgenen Schneefelder noch nicht schmelzen konnte, liegt für ihn der Ursprung seines Lebensunterhalts. Die Schneeschmelze aus den Bergen bringt den Bauern das ersehnte Wasser. Hassan Morssli und die anderen warten jedes Jahr auf einer der Hochebenen Südmarokkos, eingekeilt zwischen Atlas- und Antiatlasgebirge, dass die Natur ihnen gibt, was sie zum Ackerbau brauchen.</p>
<p style="text-align: justify;">Aus bis zu 4000 Metern Höhe suchen sich die Flussläufe nach dem Winter ihren Weg durch Schluchten und Täler, die auch Tausende von Touristen auf ihrem Weg durch das Land durchqueren. Im kleinen Dorf Tiout empfängt Hassan Morssli die Reisenden wie ein ruhender Pol inmitten der Aufregung über viel zu viele Eindrücke. Auf den Ackerflächen in den langen grünen Streifen seiner Oase verfolgt er zusammen mit ihnen die letzten Ausläufer der Flüsse, die seine Felder bewässern. Der Weg durch sein selbst ernanntes Paradies führt Hassan Morssli und seine Gäste tief in einen Blätterwald, mal dicht und grün, mal kahl und stachelig. Je nach Jahreszeit, abhängig davon, wie weit das Wasser schon gekommen ist.</p>
<p style="text-align: justify;">Immer wieder geht der 57-jährige Marokkaner in die Knie und hält seine linke Hand in die Kanäle zwischen den Feldern. Sein anderer Arm schweift über die erdigen Beete und Sträucher vor ihm, während er seinen Gästen erzählt. „Was wir hier finden, ist über Jahre hinweg von unseren Eltern gehegt und gepflegt worden. Hier wachsen Mandeln genauso wie alle Arten von Gemüse, immer im Rhythmus der Fruchtfolge und der Reifezeiten. Dieses Reichtum an Ernte und diesen Rhythmus, den unsere Eltern hier einst vorgegeben haben, verfolgen wir seit Jahrzehnten weiter.“</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-tiout-marokko-1" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-tiout-marokko-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-tiout-marokko-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-tiout-marokko-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="120000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Baum_Ziegen_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Um an die Früchte des Arganbaumes zu gelangen, klettern Ziegen auch gerne mal in Bäume. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Ackerbau_Oase_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Entlang der Wasserläufe im Süden von Marokko wird Ackerbau betrieben. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Ackerbau_trocken_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Durch Hitze und Sonne dörrt die Oberfläche des Bodens aus. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Dattelstauden_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Dattelpalmen wachsen vorwiegend in trockenen Gebieten. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Frauen_waschen_fluss_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Noch heute waschen viele Menschen auf dem Land ihre Wäsche im Fluss. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Oase_fluss_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Entlang einer Wasserquelle grünt das Leben. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Hassan_Morssli_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Hassan Morssli will die Tradition der Landwirtschaft der Eltern und Großeltern fortführen. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Wasserreservoire_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das große Wasserreservoir in Tiout, eine Betongrube inmitten der Oase, dient als Auffang- und Sammelbecken. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Ackerbau_Oase_Berge_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Wasserversorgung auf dem Land ist komplizierter. Staatliche Stellen kümmern sich immer erst um die Städte. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_souss_tal_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Oase_Tiout_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In der Oase von Tiout wachsen Orangen, Datteln, Feigen und Granatäpfel, über weite Flächen aus furchigem Boden, dürren Sträuchern und hohen Palmen verteilt. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img 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<h2 style="text-align: left;">Die Tradition weiterführen</h2>
<p style="text-align: justify;">Nicht weit von der Oase von Tiout, in der nahe gelegenen Stadt Taroudant, ist Hassan Morssli aufgewachsen. Sein Großvater war Bauer, seine Eltern haben die vererbten Parzellen zwischen Palmen und Sträuchern bewirtschaftet. Hassan ist der nächste Erbe und Teil einer neuen Entwicklung in Marokko. Als Sohn einer Bauersfamilie hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Tradition seiner Eltern und Großeltern weiterzuführen. Allerdings kaum noch mit Spitzhacke und Rechen, sondern vielmehr als moderner Verwalter seines Ackerlandes und Fremdenführer für Touristen.</p>
<p style="text-align: justify;">Wer etwas über die Oase in Tiout in Südmarokko am Fuße des Antiatlasgebirges erfahren will, kommt selten an Hassan Morsslis Erzählungen vorbei. An der Straßengabelung zu einem Feldweg Richtung Oase empfängt er seine Gäste und bietet Ihnen gegen Bezahlung eine Tour im eigenen Fahrzeug, zu Fuß oder auf dem Rücken eines Esels durch sein Paradies an.</p>
<p style="text-align: justify;">Zusammen mit drei Generationen lebt Hassan Morssli am Rande der Oase von Tiout, eine der größten und fruchtbarsten in Südmarokko. Grüne Terrassen, braune Ackerfurchen und gelbe Dattelstauden zeichnen ein buntes Bild vor die kargen Riesenecken des Antiatlasgebirges. “Klein-Kalifornien” nennen die Marokkaner die Gegend wegen der vielen Zitrusplantagen, die das Braun der Steine und Felsen mit leuchtenden Farben durchbrechen. Doch um ihren Schatz zu bewahren und interessierten Touristen marokkanischen Ackerbau erklären zu können, müssen Hassan Morssli und die anderen Bauern jedes Jahr ein Stück mehr mit den klimatischen Bedingungen in ihrem Land kämpfen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Ständige Suche nach neuen Quellen</h2>
<p style="text-align: justify;">Der gläubige Moslem will seinen Gästen zeigen, was es heißt, von Natur und Wetterwechsel im 21.Jahrhundert abhängig zu sein. Während er den Gruppen auf der Tour durch Schlupflöcher aus weichen Blättern und über Trampelpfade entlang der Ackerfurchen reife Datteln von den Palmen pflückt und frischen Klee vom Feld rupft, erzählt er von früher. „Inzwischen ist der Wasservorrat in Marokko immer weiter zurückgegangen. Viele Trockenzeiten haben das Wasser weniger werden lassen. Unsere Eltern erzählen noch heute von großen Wasserwegen mit 20 bis 25 Kanälen, die sich hier durchgezogen haben. So hatte man noch weit entfernt von den Dörfern Zugang zu Wasser. Heute sieht man deutlich, dass sich die Oase selbst aufgrund des Wassermangels zurückgezogen hat und den Trockenzeiten Tribut zollen muss.“</p>
<p style="text-align: justify;">In der Oase von Tiout wachsen Orangen, Datteln, Feigen und Granatäpfel, über weite Flächen aus furchigem Boden, dürren Sträuchern und hohen Palmen verteilt. Wer hier eine Parzelle als Ackerland hat, kann sicher sein, dass er auch regelmäßig etwas erntet – bei Weitem keine Selbstverständlichkeit im trockenen Marokko. Mal mehr Ertrag, mal weniger, mal früher, mal später. Der Zugang zu Wasser im Land ist bestimmt durch große geologische Unterschiede in den Regionen und stellt die Bevölkerung vor die Herausforderung, ertragreiche Quellen ständig neu erschließen zu müssen.</p>
<p style="text-align: justify;">Das große Wasserreservoir in Tiout, eine Betongrube inmitten der Oase, dient als Auffang- und Sammelbecken. Im Sommer gehen Kinder im klaren Gebirgswasser schwimmen. Seinen Gästen erklärt Hassan Morssli am Ufer der Ablaufkanäle, wie die Bauern ihr Wasser speichern und es möglichst verlustfrei auf die riesige Fläche aus Hunderten von Parzellen verteilen. An den abzweigenden Kanälen fischt er einzelne Blätter aus dem Wasser und setzt sie fünfzehn Meter weiter stromaufwärts wieder ein. Die beiden taumelnden grünen Schiffe biegen an einer Abzweigung exakt in den Kanal, aus dem Hassan Morssli sie entnommen hat. Das klare Wasser ohne ein einziges Blatt oder Dreck auf der Oberfläche läuft geradeaus weiter in das weiter verzweigte System, das die Parzellen der Oase von Tiout ernährt. „So reinigen wir auf einfache Weise unser kostbares Wasser“, sagt Hassan Morssli.</p>
<h2 style="text-align: left;">Zuerst die Stadt, dann das Land</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Quellen sind vorhanden, nur müssen sie erschlossen und gesteuert werden. Über Hunderte von Kilometern liegen im Tal rund um die Oasen Leitungen im sandigen Boden begraben. Ein Netz aus Rohren zieht sich über alle Höhenlagen durch ganz Marokko, von Verteilungsschacht zu Verteilungsschacht. Zwischen kargen Hochebenen, trockenen Flussläufen, überlaufenen Städten und satten Oasen sind die Wege oft weit, die das Wasser aus den wenigen Ursprungsquellen und Stauseen zurücklegen muss. Unter der Decke aus Steinen, Sand und Steppe versiegt vieles, bevor es am Ziel ankommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Hassan Morssli und die anderen Bauern wollten nie abhängig sein von den geplanten Fernleitungen der Regierung. Sie haben in ihrer Oase ihre eigenen Kanäle geschaffen, um das Wasser zu bündeln und zu leiten. Vom großen Reservoir zweigen lange Betonrinnen in alle Richtungen. An Zwischenmauern läuft das Wasser durch Löcher und fällt in kleinen Wasserfällen auf die nächste Stufe des Bewässerungssystems „Die Kanäle bestanden früher aus Lehm, Erde und Steinen. Aber nachdem die Quelle hier in Hochzeiten viel Wasser anbringt, haben wir uns entschieden, die Kanäle zu begradigen und sie aus Beton zu bauen, damit kein Wasser verloren geht“, erklärt Hassan Morssli.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwischen den großen Städten, entlang der nicht enden wollenden Serpentinenstraßen und Gebirgsketten, liegen immer mehr künstliche Wasserwege vergraben. Alle paar hundert Meter schrauben sich schnabelförmige Wasserrohre aus dem Boden, unter dem die Wasserleitungen im Auftrag der nationalen Trinkwasserbehörde ONEP (Office National de l`Eau Potable) verlegt sind. Die ONEP ist verantwortlich für die Versorgung der Städte. Felder, Oasen oder gar private Anschlüsse weit draußen auf dem Land fallen jedoch nicht in ihr Aufgabengebiet. Zuerst sollen die Zentren versorgt werden. Außerhalb der Städte sind die Leute häufig auf sich alleine gestellt.</p>
<h2 style="text-align: left;">Immer weniger Regen</h2>
<p style="text-align: justify;">Hassan Mahdi ist einer der Mitarbeiter der ONEP in Taroudant. Wenn er nicht in seinem Büro sitzt, vor Flächenplänen und Skizzen, verfolgt er die Arbeit seiner Angestellten draußen in der Steppe. „Wir haben hier in Marokko ein halbwegs funktionierendes Wasserernährungssystem. Wenn wir allerdings neue Wasserwege erschließen wollen, muss zuerst geprüft werden, wo es eine geeignete Quelle dafür gibt. Und alles muss anhand verlässlicher Informationen belegt sein. Erst dann kann man Bohrungen planen und durchführen. Das Ganze dauert unglaublich lange und ist sehr aufwendig.“</p>
<p style="text-align: justify;">Marokko ist darauf angewiesen, seine geologischen Eigenheiten möglichst effizient zu nutzen. Schmelzwasser aus den Bergen, Niederschläge während des Winters und unterirdische Quellen müssen so erschlossen werden, dass das gesammelte Wasser die Bevölkerung über die trockenen und heißen Sommermonate bringt. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge während der letzten 30 Jahre ist um ein gutes Drittel gesunken im Vergleich zu den vorausgegangenen 30 Jahren. Das wichtige Oberflächenwasser kann in Marokko bisher nur zu knapp zwei Drittel ausgeschöpft werden. Zu schwer ist es in einigen Regionen zugänglich. Zu wenig ist die Infrastruktur in vielen Landesteilen noch ausgebaut.</p>
<p style="text-align: justify;">„Hydrologen kommen zu uns und untersuchen den Untergrund. Ein weiteres Büro, das die beauftragten Studien durchführt, erstellt dann Übersichten, die belegen müssen, ob die Maßnahmen rentabel sind oder nicht. Darin enthalten sein müssen alle anfallenden Kosten und Aufwände, sowohl in Bezug auf Energie als auch auf die Maßnahmen selbst. Das alles muss haargenau nachgewiesen werden“, erzählt Hassan Mahdi, der zuständig ist für die Planung in Taroudant.</p>
<p style="text-align: justify;">In Zusammenarbeit mit europäischen Organisationen versuchen die marokkanischen Behörden, auch auf dem Land das Wasser dorthin zu leiten, wo es am dringendsten gebraucht wird. Nur enden die Vorzeigeverfahren meist bei der Optimierung von Stauseen oder Salzwasser-Wiederaufbereitungsanlagen und erreichen nur selten die abgelegenen Gegenden. Besonders im Landesinneren, in den Tälern zwischen hoch aufragenden Gebirgsketten, müssen die Einwohner häufig auf sehr einfache Weise ihr Wasser speichern und bis zu ihrem Haus oder Grund leiten.</p>
<h2 style="text-align: left;">Am schnellsten hilft sich jeder selbst</h2>
<p style="text-align: justify;">„Wer in Marokko lebt, muss sich den Gegebenheiten der Natur anpassen“, betont Hassan Morssli, wenn er auf seiner Tour entlang der Wasserkanäle Palmblätter zur Seite schiebt und über die Rinde der Stämme streicht. Unterhalb der alten Kasbah, die auf der Anhöhe über der Oase thront und Touristen zum Mittagessen einlädt, deutet er am Wegesrand auf in den Hang geschlagene runde Betonsockel. Die verfallenen Brunnen zeugen von vergeblicher oder vergessener Mühe, an das tief liegende Grundwasser Marokkos zu gelangen.</p>
<p style="text-align: justify;">In Marokko darf jeder Bürger auf eigene Kosten nach Grundwasser bohren und es für sich auf seinem Grundstück nutzen. Eigene Reservoirs und primitive Kanalanlagen sollen das Wasser dort bündeln, wo die Bewohner es im Haus oder auf dem Feld brauchen. Lange Strecken von Betonrillen, Gartenschläuchen und verrosteten Wasserrohren schlängeln sich zwischen Arganbäumen über die Terrassenlandschaft rund um die kleinen Dörfer unterhalb der Gebirgsketten. Auf dem Land wird der Großteil des in Marokko verfügbaren Oberflächenwassers verbraucht. So schnell wie möglich, so lange es da ist. Immer abhängig davon, was der Winter bereitgestellt und der Sommer übriggelassen hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Klima-Experten sagen dem südlichen Mittelmeerraum eine deutliche Erwärmung voraus. Auch die Regenmassen könnten immer weniger werden, befürchten sie. Bis 2080 könnte sich die durchschnittliche Menge um 20 bis 40 Prozent verringern. Gleichzeitig entstehen in Marokko immer mehr Tourismuszentren und Industrie, deren Durst nach Wasser immer größer wird. Swimmingpools und Golfplätze stehen plötzlich auch dort, wo es eigentlich kaum festen Untergrund gibt. An der Grenze zur Wüste und im trockenen Bergland plantschen die Touristen in hellblau gekachelten Becken, um sich den staubigen Sand vom Körper zu waschen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Das Vertrauen in Gott ist größer als in die Regierung</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn Hassan Morssli in seiner Oase zwischen grünem Klee und roten Granatäpfeln steht, deutet er immer wieder stolz in alle Richtungen, um die Ausmaße der größten Grünfläche im Umkreis zu unterstreichen. Den Touristen, die zu ihm kommen, um einen Blick in sein Paradies zu erhaschen, erklärt er geduldig, warum den Bauern für eine ausreichend ertragreiche Ernte immer mehr Erfahrung und Ausdauer fehlen. „Das Wasser ist weniger geworden und im gleichen Atemzug sind die Leute weniger geworden, die hier arbeiten. Wahrscheinlich sind die sogar schneller verschwunden. Die Jugendlichen wollen hier sowieso kaum noch arbeiten. Sie wollen woanders schnell Geld verdienen. Es gibt nur noch wenige, die wirklich Spaß daran haben, auf dem Feld zu sein, etwas mit der Hand zu schaffen oder zumindest einen Traktor zu fahren. Die Jugend zieht es in die Stadt und will leben wie in Europa.“</p>
<p style="text-align: justify;">Für die Zukunft soll auch der 2008 ins Leben gerufene Plan „Maroc vert“, grünes Marokko, der Landwirtschaft Marokkos mehr Aufmerksamkeit und Hilfe bringen. Auch das Thema Wasserversorgung steht als einer der zentralen Punkte ganz oben auf der Liste des Plans. Mit Begriffen wie moderne Anlagentechnik, technische Unterstützung oder begleitende Maßnahmen kann Hassan Morssli für die Zukunft seines Paradieses wenig anfangen. Seit drei Generationen halten seine Familie und die anderen Bauern die Oase von Tiout am Leben. Mit einfachen Mitteln und einem tiefen Vertrauen, das ihnen die Regierung nicht geben kann. „Sobald hier im Winter wieder genug Schnee liegt und es ausreichend regnet, kommt auch das Wasser zu uns zurück. Bisher hatten wir zum Glück nie ganz ernste Probleme. Es gibt immer noch Wasserquellen. Die Quellen unserer Eltern sind am Leben, sie sind nur etwas ermüdet. Dank Gott sind wir hier immer noch im Paradies.“</p>
<p style="text-align: justify;">Als Hassan Morssli beim Erzählen abermals die Hände nach oben reckt und den Blick hebt, streifen seine Augen den Jebel Toubkal. Marokkos höchster Berg verschwimmt am Horizont im Gegenlicht. Im diffusen Bild aus Sonne, Wolken und Nebelschwaden suchen die Augen von Hassan Morssli vergeblich nach hellen Flecken von Schnee. Dann wandert sein Blick weiter nach oben über die Wolken und Hassan Morssli lächelt in den Himmel.</p>
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		<title>Die Opium-Bauern vom Sinai</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Sep 2014 00:14:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Drogen]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Seit der blutigen Revolution 2011 bleiben in Ägypten die Touristen aus. Ein harter Schlag für die Beduinen auf der Sinai-Halbinsel. Viele von ihnen haben damit ihre Haupteinnahmequelle verloren. Ihre Alternative ist der Anbau von Opium<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-opium-bauern-vom-sinai/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong><span class="_5yl5" data-reactid=".33.$mid=11411729605940=20df68ccc472fbe2680.2:0.0.0.0.0"><span class="null">Seit der blutigen Revolution 2011 bleiben in Ägypten die Touristen aus. Ein harter Schlag für die Beduinen auf der Sinai-Halbinsel. Viele von ihnen haben damit ihre Haupteinnahmequelle verloren. Ihre Alternative ist der Anbau von Opium.</span></span></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Als Abu Saleh* seine Kamele zum Schlachter brachte, wusste er, dass es kein Zurück mehr gibt. Obwohl der stämmige Mann ihm nur einen Bruchteil des Geldes bot, das die Tiere eigentlich wert waren, blieb dem Beduinen keine andere Wahl. „Was hätte ich tun sollen“, sagt er, „ich hätte sie nicht weiter halten können“.</p>
<p style="text-align: justify;">Abu Saleh lebt im Süden der ägyptischen Sinai-Halbinsel, in der Nähe der Badeorte Scharm el-Scheich und Dahab. Früher hat er hier mit Touristen Safaritouren unternommen und damit seinen Lebensunterhalt verdient. Deutsche, Franzosen, Engländer und Amerikaner saßen auf den Rücken seiner Kamele. Heute kommen keine Touristen mehr. Und dort, wo er früher mit ihnen entlang ritt, wächst jetzt Opium.</p>
<h2 style="text-align: left;">Jede Saison kommen neue Felder hinzu</h2>
<p style="text-align: justify;">Seit zwei Jahren baut Abu Saleh den Stoff an. Fast jeden Tag fährt er mit seinem Toyota Pick-up Truck in die Wüste, um nach seinen Pflanzen zu sehen. Straßen gibt es hier nicht. Doch er weiß genau, wo es langgeht. Nach wenigen Kilometern tauchen die ersten Felder auf. Allein bis zu seiner Anbaufläche passiert er 13 Opiumplantagen. Insgesamt weiß er von etwa 100 Feldern in der nahen Umgebung. „Vor drei Jahren gab es hier noch kein einziges“, sagt er, „jede Saison kommen neue hinzu“.</p>
<p style="text-align: justify;">Wie Abu Saleh geht es vielen Beduinen. Sie alle haben als Köche in Hotelanlagen gearbeitet, als Tourguides und als Musiker, die abends traditionelle Beduinenmusik für Urlauber gespielt haben. Doch seit dem Beginn der Revolution 2011 meiden Touristen Ägypten als Reiseziel. Im vergangenen Jahr reisten knapp 9,5 Millionen Menschen in das Land. 2010, im Jahr vor der Revolution, kamen noch 14,7 Millionen. Seitdem fällt die Zahl jedes Jahr, auch für 2014 sind die Prognosen düster.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-aegypten-opium-bauern-2" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-aegypten-opium-bauern-2 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-aegypten-opium-bauern-2 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-aegypten-opium-bauern-2 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="40000000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6734.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein Beduine überprüft, ob der Schlafmohn reif für die Ernte ist. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6668.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Aus dem Saft des Schlafmohns wird später Heroin hergestellt. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6497.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Abu Saleh sorgt sich, dass das Militär seine Opiumfelder zerstört: "Dann könnte ich meine Familie nicht mehr ernähren." Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6507.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Abu Saleh und seine Kollegen beim Tee: Sie alle haben ihre Arbeit verloren, seit Touristen den Sinai meiden. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6577.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Abu Saleh vor seinem Opiumfeld: Er sagt, er wisse nicht, dass aus Opium Heroin hergestellt wird. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6583.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Neben seinem Zelt gräbt Abu Saleh ein Loch, um darin Brot fürs Mittagessen zu backen. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6594.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Einer von Abu Salehs jugendlichen Helfern knetet Teig für Brot, das die Beduinen im Feuer rösten. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6722.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der weiße Saft verfärbt sich an der Luft braun, später kann daraus Heroin gewonnen werden. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6541.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Opiumfelder im Süden des Sinai liegen nur wenige Kilometer von der Straße entfernt. Früher sind hier Touristen auf Kamelen durchgeritten. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6550.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Idylle trügt: Das rosa-lila Blumenmeer wird vielen Heroin-Abhängigen den Tod bringen. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-aegypten-opium-bauern-2-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6734-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6668-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6497-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6507-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6577-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6583-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6594-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6722-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6541-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6550-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<h2 style="text-align: left;">Touristen fürchten den Sinai</h2>
<p style="text-align: justify;">Wie das ägyptische Finanzministerium jüngst mitteilte, ist die Besucherzahl im Januar und Februar im Vergleich zum Vorjahr wiederum um knapp 30 Prozent eingebrochen. Für viele Familien ist das eine Katastrophe, denn der Tourismus ist der Motor der ägyptischen Wirtschaft. Direkt und indirekt hängen von ihm rund vier Millionen Arbeitsplätze ab – und damit etwa 16 Millionen Familienmitglieder. Keine Region hat es so hart getroffen wie den Sinai.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenige Meter von der asphaltierten Straße entfernt, die in den 50 Kilometer entfernten Badeort Dahab führt, sitzen einige Beduinen in einer heruntergekommenen Hütte. Die Stimmung ist gedrückt. In der Ecke kniet ein junges Mädchen. Es hat einen kleinen Teppich vor sich ausgebreitet, darauf liegt handgefertigter Schmuck, den niemand kauft.</p>
<p style="text-align: justify;">„Vor der Revolution kamen mindestens 60 Touristen am Tag“, klagt ihre Großmutter, die daneben sitzt. Sie hätten sich für die Safaris mit Essen eingedeckt und Souvenirs gekauft. „Heute kommt niemand mehr.“ Normalerweise wäre im März die beste Zeit für Wüstentouren. Das Wetter ist schon warm, aber die Sommerhitze ist noch nicht über die Halbinsel hereingebrochen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Von der Revolution gezeichnet</h2>
<p style="text-align: justify;">Von hier aus hat auch Abu Saleh früher seine Touren zum Katharinenkloster begonnen, dem ältesten bewohnten Kloster des Christentums. Der Beduine ist 30 Jahre alt, doch er sieht älter aus. Obwohl einen seine Augen freundlich anblicken, wirkt er vom Leben in der Wüste und in den Bergen gezeichnet: die Zähne sind schwarz verfärbt, seine Füße und Hände voller Schwielen. Wenn er spricht, klingt seine Stimme resigniert. Die drei Jahre des Umbruchs in Ägypten haben Spuren hinterlassen.</p>
<p style="text-align: justify;">„Dabei kenne ich den Tahrir-Platz nur aus dem Fernsehen“, sagt er, „ich war noch nie in Kairo“. Es frustriert ihn, dass sein Leben so drastisch von Ereignissen beeinflusst wurde, von denen er sich weit entfernt fühlt. „Was haben wir mit irgendwelchen Revolutionen zu tun?“, fragt er und meint damit die Gemeinschaft der Beduinen. „Keine Regierung hat sich jemals um uns gekümmert, und das wird sich auch mit der nächsten Regierung nicht ändern, egal, wer an die Macht kommt.“</p>
<h2 style="text-align: left;">Vom Tourismus zum Opium</h2>
<p style="text-align: justify;">Abu Saleh hat sein ganzes Leben im Sinai verbracht. Hier sind Großfamilien noch die Norm, er hat elf Brüder und Schwestern. Seine Familie gehört zu den Muszeina-Beduinen, dem zweitgrößten Stamm im Süden der Halbinsel. Das Hauptgeschäft der Muszeina war bisher der Tourismus. Auch Abu Saleh hat schon als kleiner Junge am Strand Steine und Handarbeiten an Touristen verkauft. Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr ist er zur Schule gegangen, danach hat er mit den Safaris begonnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr der Touristen hat er aufgegeben. Vor wenigen Wochen erst hat das Auswärtige Amt die Reisewarnung für den Sinai verschärft. Mitte Februar war eine Bombe in einem Bus an der ägyptisch-israelischen Grenze detoniert. Daraufhin haben die großen deutschen Reiseanbieter die noch verbliebenen Touristen ausgeflogen.</p>
<p style="text-align: justify;">Drei südkoreanische Touristen sowie der ägyptische Busfahrer waren bei dem Attentat ums Leben gekommen. Zu dem Anschlag hatten sich die Islamisten von Ansar Bait al-Maqdis bekannt. Ein alarmierender Vorfall, denn bis dato hatte die Terrorgruppe hauptsächlich im Nordsinai agiert und Ziele ägyptischer Sicherheitsbehörden angegriffen. Nun haben sie angekündigt, auch Touristen ins Visier nehmen zu wollen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Rosa und lila</h2>
<p style="text-align: justify;">Abu Salehs Feld liegt in einem flachen Tal, das von schroffen Bergen umringt ist. Er hat zwei Jungs angestellt, die zwischen den Pflanzen umherlaufen, sie bewässern und prüfen. In diesen Tagen blühen sie rosa und lila, sie stehen kurz vor der Ernte. Sechs Monate wächst das Opium, dann liegen die Felder bis September brach.</p>
<p style="text-align: justify;">In der Mittagspause sitzt Abu Saleh mit den Jungs in einem kleinen Zelt, wo sie Brot nach Beduinenart backen. Dafür legen sie einen Teigfladen aus Wasser, Mehl und Salz direkt in glühende Holzkohle. Einige Minuten später klopfen sie das fertige Brot mit Stöcken ab. Zu dem noch immer leicht staubigen Fladen gibt es Schafskäse und süßen Tee. So verbringen sie hier die Tage. Bis das Opium reif ist.</p>
<h2 style="text-align: left;">Beduinen dürfen kein Land besitzen</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Land, das sie bestellen, gehört ihnen nicht, denn Beduinen dürfen keinen Grund besitzen. Traditionell ist es so, dass jeder Beduinenstamm ein bestimmtes Gebiet kontrolliert. Will jemand auf dem Land etwas anbauen, legt er Steine um das Feld. Die Markierung signalisiert, dass es von jemandem beansprucht wird.</p>
<p style="text-align: justify;">Dass Beduinen nach ägyptischem Gesetz kein Land besitzen dürfen, hat auch seine Vorteile: Selbst wenn das Militär Felder findet und diese zerstört, können sie nur selten jemanden dafür zur Rechenschaft ziehen – schließlich gehört das Land offiziell dem Staat und nicht den Bauern.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch das Militär scheint sich in diesen Tagen ohnehin wenig für die Opiumbauern zu interessieren. „Vor zwei Monaten haben Jeeps die Gegend hier patrouilliert“, sagt Abu Saleh. Die Arbeiter auf den Feldern hätten sich dann in den Bergen versteckt. „Doch zerstört haben sie zum Glück nichts.“</p>
<h2 style="text-align: left;">Tolerieren die Behörden den Opium-Anbau?</h2>
<p style="text-align: justify;">Es gibt verschiedene Theorien, warum die Beduinen derzeit unbehelligt Opium anbauen können. Eine ist, dass Militär und Regierung aufgrund der politischen Umbrüche momentan andere Sorgen haben. Viele Opiumbauern glauben außerdem, dass die Behörden den Anbau tolerieren, weil sie schon genug Probleme mit Terroristen im Sinai haben und nicht auch noch frustrierte, arbeitslose Beduinen gegen sich aufbringen wollen. So steht in dem in dem Anfang März erschienenen Bericht der ägyptischen Antidrogenbehörde, dass seit 2011 „wegen Sicherheitsbedenken“ keine Felder mehr zerstört wurden.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine konkrete Zahl, wie viel Opium insgesamt im Sinai angebaut wird, gibt es nicht. Experten sind sich jedoch einig, dass sie im Vergleich zu Afghanistan und dem &#8222;Goldenen Dreieck&#8220; – bestehend aus Myanmar, Laos und Thailand – verschwindend gering ist. Laut den Vereinten Nationen haben im vergangenen Jahr allein Laos und Myanmar knapp 900 Tonnen Opium produziert, 18 Prozent der globalen Produktion. Und das ist noch wenig im Vergleich zu Afghanistan: 2013 wurden hier 5500 Tonnen Opium produziert.</p>
<h2 style="text-align: left;">Gerüchte machen die Runde</h2>
<p style="text-align: justify;">Doch trotz der geringen Größe bleibt das Opiumgeschäft auch für die Bauern im Sinai heikel. Einige Beduinen erzählen, wie das Militär morgens ihren Feldern gefährlich nahe gekommen sei, und Gerüchte machen die Runde, dass Soldaten Felder zerstört hätten. Abu Saleh sagt: „Wenn sie jetzt kämen, würde ich alles verlieren.“</p>
<p style="text-align: justify;">Der Beduine hat seine gesamten Ersparnisse in sein Feld gesteckt, 340 Quadratmeter misst es. Opium ist für die Bauern kein lukratives Geschäft, aber immer noch ertragreicher als Tomaten oder Gurken. Gemüse anzubauen würde sich in der Wüste nicht rechnen, da den geringen Verkaufserlösen hohe Bewässerungskosten gegenüber stünden. Die Beduinen müssen zur Bewässerung tiefe Brunnen betreiben, um an salzarmes Wasser zu gelangen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Der Gewinn? Ein Witz.</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn alles glatt läuft, wird Abu Saleh in dieser Saison knapp fünf Kilo rohes Opium ernten können. Für ein Kilo zahlen ihm Dealer etwas weniger als tausend Euro. Doch den Gewinn muss er sich mit seinem Geschäftspartner teilen. Dieser hatte das Feld zur Verfügung gestellt, im Gegenzug bewirtschaftet es der 30-Jährige. Abzüglich der Kosten für Samen, Bewässerung und Hilfskräfte rechnet er mit einem Gewinn von knapp 600 Euro. „Ein Witz“, sagt Abu Saleh, „als Tourguide habe ich im Jahr viel mehr verdient.“</p>
<p style="text-align: justify;">Abu Salehs Haus ist ein karger Betonbau in einem kleinen Dorf, durch das Kamele, Esel und Ziegen laufen. Das Leben eines Drogenbarons stellt man sich anders vor. In den Zimmern stehen keine Möbel, Licht gibt es nur in der Küche und im Wohnzimmer, in dem Teppiche als Sitzgelegenheiten dienen. Er hofft, dass er sich über den Sommer mit Gelegenheitsjobs durschlagen kann, um seine Frau und seine vier Kinder zu ernähren.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Wir sind einfach zu unerfahren&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Einige Kilometer weiter teilen sich Hamed, Mahmoud und Mohammed ein Feld. Auch sie sehnen sich nach der Zeit, als noch die Touristen in den Sinai strömten. Sie sagen, sie hätten gute Arbeit gehabt, als Musiker und Köche in Hotelanlagen. Auch ihre größte Sorge ist es, dass sie mit dem Opiumanbau nicht genug Geld zum Leben haben werden. „Wir sind einfach zu unerfahren“, sagt Hamed, 26, „es ist das erste Mal, dass wir Opium anbauen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Hamed steht am Feldrand und ritzt die Samenkapsel einer Pflanze mit einer Rasierklinge an. Dicker, weißer Saft quillt aus ihr heraus. Im getrockneten Zustand kann er zu Heroin verarbeitet werden. Doch damit wollen die Männer im Sinai nichts zu tun haben.</p>
<p style="text-align: justify;">„Wenn wir das Opium geerntet haben, kommen Dealer aus Oberägypten und kaufen es uns ab,“ sagt sein Partner Mohammed, 37. Sie sagen, sie wüssten nicht, was danach mit dem Stoff passiert. Ihnen scheint auch nicht bewusst zu sein, dass aus Opium Heroin entstehen kann. „Das kann nicht sein, das muss eine andere Pflanze sein“, sagt Hamed, „Opium ist doch gut, es lindert Schmerzen.“</p>
<h2 style="text-align: left;">Seit der Revolution sind die Drogen-Preise gestiegen</h2>
<p style="text-align: justify;">Tatsächlich gibt es keine Indizien dafür, dass Heroin in Ägypten im großen Stil hergestellt wird. Früher ging das meiste Opium nach Israel, wo es weiterverarbeitet wurde. Doch seit den Unruhen in Ägypten sichert Israel seine Grenzen wieder verstärkt und unterbindet damit weitgehend den Drogenhandel. Experten messen dies auch an einem Fakt: Seit der Revolution 2011 sind die Preise für Marihuana, Haschisch und Opium in Israel massiv gestiegen.</p>
<p style="text-align: justify;">Drogenanbau ist den streng gläubigen Beduinen nach der Lehre des Islam eigentlich verboten. Auch die Stammesführer haben jahrelang versucht, den Anbau zu unterbinden. Die Beduinen erzählen, wie die Clanchefs immer wieder darauf hingewiesen haben, dass die Stammesmitglieder ihr Geld im Tourismus machen sollen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Hoffen auf die Touristen</h2>
<p style="text-align: justify;">Abu Saleh sagt bitter: „Wir lassen uns von ihnen nichts mehr sagen. Schließlich können sie uns keine Alternativen bieten. Und was sollen sie schon machen? Wir haben doch kaum noch etwas zu verlieren.“</p>
<p style="text-align: justify;">Hamed, Mahmoud und Mohammed sehen das genauso. Aber wenn sie die Möglichkeit hätten, würden sie alle sofort wieder einer legalen Tätigkeit nachgehen. Der 24-jährige Mahmoud sagt: „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass die Touristen zurückkommen und ich wieder als Koch arbeiten kann.“</p>
<h6 style="text-align: justify;"><em>*Name geändert</em></h6>
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