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	<description>Magazin für Reportagen</description>
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	<title>Ostasien &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Unterwegs in Nordkorea</title>
		<link>https://www.weltseher.de/unterwegs-in-nordkorea/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Sep 2020 20:28:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Nord Korea]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Korea]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Oliver Rühle]]></category>
		<category><![CDATA[Nordkorea]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Nachdem ihm das Regime doch noch ein Visum ausgestellt hat, reist unser Autor durch Nordkorea. Umgeben von kommunistischer Architektur und dem Personenkult der Kims versucht er, eine Frage zu beantworten: Wie sind die Menschen hier wirklich?<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/unterwegs-in-nordkorea/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Nachdem ihm das Regime doch noch ein Visum ausgestellt hat, reist unser Autor durch Nordkorea. Umgeben von kommunistischer Architektur und dem Personenkult der Kims versucht er, eine Frage zu beantworten: Wie sind die Menschen hier wirklich?</strong></p>



<p>Mehrere Anläufe hatte ich gebraucht, um diese Reisen nach Nordkorea überhaupt antreten zu können. Offenbar hatte mich das kommunistische Regime wegen meiner Artikel in deutschen Medien über die Kim-Dynastie auf eine schwarze Liste für Journalisten gesetzt. 2015 hatten mir die Nordkoreaner das Visum für die Begleitung einer deutschen Bundestagsdelegation noch verweigert. Drei Jahre später ging dann plötzlich alles ganz schnell. Es war es wie so oft im Leben: man muss die richtigen Leute kennenlernen.</p>



<p>Ich hatte Glück, dass ich die Fotografin Xiomara Bender für ein Interview zu ihrem Nordkorea-Bildband “The Power of Dreams” traf. Durch sie eröffnete sich mir ein ganz anderer Zugang zu meinem journalistischen Lieblingsthema – der nun schon 72 Jahre alten Diktatur. Xiomara fotografiert seit 2011 regelmäßig in Nordkorea, kennt das Land gut. Durch ihren Vater Andreas Bender, der weltweit als Reiseführer für eher ungewöhnliche Reiseziele operiert und als einer der ersten Deutschen eine Reiseleiterlizenz für Nordkorea seitens des kommunistischen Regimes erhielt, kann sich Xiomara auf ein seit über 30 Jahren quasi gegenseitiges Vertrauensverhältnis zwischen ihrer Familie und der nordkoreanischen Tourismusbehörde verlassen.</p>



<p>Die Behörde verfolgt die strikte Aufgabe, alle Ausländer im Land zu kontrollieren und während des Besuchs mit mindestens zwei sogenannten Reiseführern auf Schritt und Tritt zu begleiten. Dank Xiomaras Vater bekam ich nun ganz problemlos ein Visum für Nordkorea und begleitete Sie 2018 zwei Mal in das abgeschottete Land am Ende der Welt.</p>


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                                Der 170 Meter hohe Couch’e-Turm in Pjöngjang, benannt nach der Staatsideologie der Kim-Dynastie.
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<p>Sicher wusste die nordkoreanische Seite, dass ich als Journalist und weniger als Tourist agieren würde. Aber offenbar bekam ich das Prädikat „harmlos“ verliehen. Und ja, Nordkorea hat sich in den letzten Jahren etwas geöffnet, natürlich auch des Geldes wegen. Das von internationalen Handels-Sanktionen geplagte Land hat nicht viele Gelegenheiten, an harte Währungen heranzukommen. Und irgendwie muss Diktator Kim Jong-un ja seinen extravaganten Lebensstil mit Luxusautos, Privatjet, Palästen und Zuchtpferden finanzieren, während sein Volk in ärmlichen Verhältnissen lebt.</p>



<h2>Touristen als Devisen-Bringer fürs Unrechtsregime</h2>



<p>So bin auch ich letztlich nur ein Devisen-Bringer für das Unrechtsregime. Dessen muss sich jeder Nordkoreareisende bewusst sein. Schließlich brachte mein Aufenthalt pro Einreise dem nordkoreanischen Staat etwa 2.500 Euro ein. Ein teures Unterfangen also. Vom Abflug (von Peking oder Shanghai) an übernimmt die staatliche Tourismusbehörde die Kontrolle. Sie legt Hotels, Restaurants und Zeitpläne fest. Wirklich Ruhe vor den “Guides” hat man erst, wenn man von jenen im zentralen “Ausländerhotel” in der Hauptstadt Pjöngjang abgegeben wird und es hinter einem die Türen schließt. Der graue Wolkenkratzer am Ufer des Flusses Taedong ist ein Gefängnis light, denn auf eigene Faust darf man ihn nicht verlassen.</p>



<p>In die internationalen Schlagzeilen war das Hotel 2016 geraten: der junge Student und US-Amerikaner Otto Warmbier wurde verhaftet, weil er hier ein Propagandaplakat von der Wand gestohlen haben soll. Die Nordkoreaner verurteilten den Tourist dafür zu 15 Jahren Arbeitslager. Dort fiel er unter immer noch ungeklärten Umständen ins Koma und starb nach seiner Auslieferung 2017 in den USA.</p>



<p>Hier checke ich ein und beginne meine Nordkorea-Reise. Individuelle Wünsche für Route und Abläufe lassen die Hotel-Angestellten, immer in Abstimmung mit der Tourismusbehörde, bis zuletzt unbeantwortet oder im Vagen. Gleichzeitig versuchen sie aber Alles, um Gäste zufriedenzustellen. Das liegt in der Mentalität der Koreaner.</p>



<p>Für Touristen, die nicht wie ich journalistisch tätig sind, ist der Visa-Antrag heutzutage problemlos. So waren während meines ersten Aufenthalts anlässlich der Feierlichkeiten zu 70 Jahren Nordkorea im September 2018 so viele Ausländer im Land wie niemals zuvor. Der Großteil davon Chinesen, für die Nordkorea eine Art Kolonie ist. Und so führen sie sich vor Ort auch auf. Bald sollen rund eine Million chinesische Touristen pro Jahr kommen, vermelden Nordkorea-Analysten.</p>



<p>Wie das in der Praxis aussehen soll, bleibt mir ein Rätsel. Für viele Chinesen ist ein Nordkorea-Trip eine Reise in die eigene kommunistisch-maoistische Vergangenheit, inklusive Kontrolle und Gängelung. Viele sind nur bedingt an den Kulturreisen durchs Land interessiert, sondern wollen in die neu gebauten Spa-Hotels oder in die Skigebiete, die allesamt fernab großer Siedlungen liegen und gut zu kontrollieren sind. Aus nordkoreanischer Sicht bedeutet „perfekter Tourismus“, wenn Gäste kommen, die ihr Geld mitbringen – und ansonsten gut abgeschirmt von der Bevölkerung im Hotel oder einem isolierten Gebirge bleiben.</p>



<h2>Leer und sonderbar zart</h2>



<p>Hinter dem Fenster meines Hotelzimmers liegt Pjöngjang. Meine ersten Gedanken: diese große Leere, das Nichts zwischen den Gebäuden und Menschen. Das Leben muss sich hier zwischen breiten Straßen, Plattenbauten und weitläufigen Plätzen und Propaganda-Monumenten abspielen. Damit folgt die nordkoreanische Hauptstadt einer bei kommunistischen Diktaturen beliebten Architektur. Im sowjetischen Moskau – an der sich die &#8222;Demokratische Volksrepublik Nordkorea&#8220; bei der Gründung im Jahr 1948 zunächst orientierte – ließ Stalin historische, verwinkelte Nachbarschaften abreißen, um breite Boulevards und lange Sichtachsen anzulegen. So konnten sich die Bewohner nicht so gut verstecken, aber dafür die Partei und Armee besser aufmarschieren. Gewaltige Monumente mit den Symbolen des Staates und den Antlitzen seiner Führer sollten dem Regime Größe und einen Hauch von Ewigkeit verleihen.</p>


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<p>Die Sowjetunion gibt es nicht mehr, aber Nordkorea ist noch da. Dessen Propaganda-Apparat erscheint so effektiv, dass selbst Stalin neidisch geworden wäre. Der Personenkult mit Statuen und Plakaten begann mit dem Staatsgründer: Kims Großvater, Kim, der &#8222;Große Führer&#8220; und trotz seines Ablebens vor sechsundzwanzig Jahren heute immer noch der &#8222;ewige Präsident&#8220; Nordkoreas. Und Kims Vater, Kim, die &#8222;Sonne der Nation&#8220;, verstorben 2011, ist immer noch &#8222;ewiger Generalsekretär&#8220; der Kommunistischen Partei.</p>



<p>Seit fast zehn Jahren ist der dritte Kim an der Macht. Das Staatsfernsehen verkündet nur seine Erfolge, die Armut im Land oder die große Hungersnot in den 90er-Jahren werden nicht erwähnt. Für jeden Bürger wäre öffentliche Kritik Selbstmord. Der Staatskult geht sogar soweit, dass die Nordkoreaner ihre Kim-Führer für Halbgötter halten, die anders als Normalsterbliche nie auf Toilette müssen. So berichtete es jedenfalls der nordkoreanische Flüchtling Kang Chol-hwan im Buch &#8222;Die Aquarien von Pjöngjang&#8220;.</p>



<p>Mit diesen Gedanken blicke ich um mich. Kann es wirklich sein, dass die fünfundzwanzig Millionen Menschen in diesem Land an so einen Quatsch glauben? Wenn ich hier leben würde, täte ich sicher nur so, um zu überleben. Aber sicher sein, kann ich nicht. Wer weiß schon, was zwei Generationen Gehirnwäsche anrichten können. Zumal das Regime alles versucht, um Informationen von der Außenwelt fernzuhalten, ein offenes Internet gibt es nicht.</p>



<h2>Ferner Planet</h2>



<p>Bereits auf der Taxi-Fahrt vom Flughafen zum Hotel versuchte ich, einen Blick auf die Menschen in den Straßen zu erhaschen. Sie wirkten auf mich wie uniforme aber zarte, fast zerbrechliche Wesen. Ihre Erscheinung scheint aufrichtig und unbehelligt, und zieht mich sogleich in einen Bann. Sie kommen mir verwandt vor, aber gleichzeitig wie Außerirdische von einem fernen, unbekannten Planeten. Oder bin ich hier der Außerirdische, von einem klassenverfeindeten Himmelskörper?</p>



<p>Ich kann es bis heute nicht benennen, so skurril erscheinen die jeweiligen, gegensätzlichen Wahrheiten, wenn der Rest der Welt – wie ich – auf Nordkorea trifft. Und dann dieses Gefühl, wie in einem Bernstein eingeschlossen zu wandeln, Besucher einer konservierten Kultur zu sein. Zu Gast in einer Apparatur, in welcher Denunziation und strikte Überwachung herrschen, Deportationen und Machtmissbrauch zur Tagesordnung zählen und kaum Individualität möglich ist, bzw. als Entfaltungsform der eigenen Biografie völlig unbekannt sein muss.</p>



<p>Wie unter einer Glocke erscheint mir das Leben hier, draußen Unmengen Wasser, drinnen ein wenig Luft zum Atmen. Sie wissen es einfach nicht besser. Vielleicht ist Nordkorea die Tiefsee unter den Ländern der Erde. Kaum Licht dringt ein. Kein Internet, keine Mode, keine Popkultur, keine Pornografie, kein Hollywood, kein Ami auf dem Mond, keine Droge, keine Verheißung, keine Möglichkeit der freien Entscheidung.</p>



<p>Um so neugieriger stürze ich mich auf den ersten echten Nordkoreaner, mit dem ich sprechen darf. Und das auf fast perfektem Deutsch. Er ist einer meiner Reise-Aufpasser und nennt sich ausgerechnet &#8222;Bruce Lee&#8220;, wie die Hollywood-Kampfsport-Ikone. Ansonsten will er aber von westlicher Kultur noch nichts gehört haben – oder hat es wirklich nicht. &#8222;Die Beatles? Noch nie gehört!&#8220;, sagt er.</p>



<p>Doch dann geht es endlich los. Unsere Reisegruppe samt Aufpasser darf aus dem Hotel und ich sitze in einem Kleinbus-Taxi japanischer Fabrikation. Neben Xiomara, den beiden Aufpassern und mir besteht unsere Gruppe noch aus meinem besten Freund Felix. Auf einer der breiten, endlos wirkenden Straßen der Drei-Millionen-Metropole Pjöngjang, mit den weitläufigen Sichtachsen entlang der in Pastelltönen angemalten Prachtbauten. Viel Verkehr gibt es nicht. Es ist die Straßeninfrastruktur einer Großstadt mit dem Verkehrsaufkommen eines Dorfs. Am Straßenrand absolviert eine Gruppe von uniformierten Frauen einen Appell. So viel Raum und Platz.</p>



<h2>Seltsam bekannt</h2>



<p>Eine Hauptstadt mit der Atmosphäre einer Filmkulisse. Alles erscheint akkurat und künstlich. Nicht am Leben gewachsen, sondern inszeniert nach den Plänen der Kim-Dynastie. Unsere Reiseleiter verordnen Stops vor Gebäuden und Monumenten. &#8222;Bitte nicht mit den Menschen sprechen&#8220;, sagt Bruce Lee. In meiner Erinnerung verschwimmen die Eindrücke. Fast fühle ich mich heimgesucht durch eine seltene Welt – vielleicht die Letzte ihrer Art.</p>



<p>Trotzdem kenne ich die Symmetrien der Stadt bereits von irgendwoher. Manche Farben, auch Gerüche, vielleicht auch die Mode mit ihren strengen Schnitten, kommen mir bekannt vor. Ganz bestimmt aber die Pjöngjanger Straßenbahnen, denn die roten Tatra-Wagen aus der ehemaligen Tschechoslowakei, erinnern mich an meine eigene Kindheit in der DDR. Auf vielleicht denselben Sitzschalen saß ich in Dresden auf dem Weg in den Kindergarten, in welchem wir uns auf den gleichen Klettergerüsten die Knie und Köpfe aufschlugen. Meine eigene Vergangenheit wird lebendig. Die Idee von der sozialistischen Stadt, ich erkenne sie wieder.</p>



<p>Wenn ich jetzt während des Schreibens an Nordkorea zurückdenke, erinnere ich mich vor allem immer wieder an ein zärtliches Gefühl den Menschen gegenüber. Auslöser vor Ort war ein sonderbarer und berührender Moment zugleich – und das ausgerechnet während einer Militärparade.</p>



<p>Die große Parade soll den 70. Gründungstag von Nordkorea feiern. Die Reise-Aufpasser haben uns am Rande eines großen Prachtboulevards positioniert. Erwartet hatte ich Waffen. Stählerne Kanonen und bedrohliche Raketen. Feindselige Prahlerei und frenetisch zelebrierte Propaganda. Vor allem aber rechnete ich mit Aggression und Hysterie – gegen die USA, den Imperialismus, die westliche Welt. Wie sonst sollte die letzte stalinistische Diktatur ihren runden Geburtstag zelebrieren?</p>


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                                Militärparade zum 70. Gründungstag
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<p>Doch es ist der friedvollste, fröhlichste und bunteste Aufmarsch, den ich bisher erlebt habe. Und so stehe ich also da, neugierig und erstaunt, inmitten einer dieser typischen, ausladenden und ellenlang geraden Prachtstraßen Pjöngjangs. Währenddessen rollen die Lastwagenkonvois mit offener Ladefläche vorbei, auf der sehr junge, zierliche Soldaten und Soldatinnen jubeln. Sie halten Luftballons, statt Gewehren, und sie winken ungeniert und lachen fast kindlich zu der Menge an hübsch herausgeputzten Nordkoreanern am Straßenrand, welche ihrerseits je Konvoi ein herzliches &#8222;Danke!&#8220; ausrufen. Die Frauen in traditioneller, bonbonfarbener Tracht, die Männer mit schlichten Krawatten und in grautönigen Sakkos.</p>



<p>Für mich ist es ein Klischee-zerschmetterndes Bild, wie die aus Sowjetzeiten stammenden LKW auf mich zurollen und ausgelassene Freude, statt Zorn transportieren. Ich stehe allein auf weitem Asphalt, keiner der zahlreichen Polizisten, Ordnungshüter oder einer unserer beiden obligatorischen Aufpasser haben mich daran gehindert, die Menschenmenge zu durchbrechen und einfach auf die Fahrbahn zu treten. Ich glaube in diesem Moment war die Kontrolle über uns verlorengegangen, denn ein jeder aus unserer Gruppe verschwand für einige Augenblicke in der Menge der jubelnden Nordkoreaner. Und so recke ich meine Hand mal links mal rechts aus, zu den Händen der vielleicht jüngsten Garde der nordkoreanischen Armee. Die zierlichen Handflächen schlagen von oben auf die meine. Manche der gegenseitigen Berührungspunkte kann ich für Sekunden festhalten, indem sich mein Blickfeld mit dem jeweiligen Kopf auf dem Konvoi mitdreht.</p>



<h2>Formation und Gemeinschaft</h2>


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                                Eine junge Mutter mit Kind in der Siedlung einer Agrargenossenschaft im Nordosten Nordkoreas.
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<p>Und dann endlich verlassen wir Pjöngjang und das Ausländerhotel. Wir dürfen andere Teile Nordkoreas sehen, dessen Fläche etwa so groß ist wie Bayern und Niedersachsen zusammen. Wirkliche Reisefreiheit gibt es natürlich nicht. Die Tourismusbehörde hat die Route samt Unterkünften lange im voraus festgelegt und auch die beiden Aufpasser kommen mit. Trotzdem: besser als nichts. Die wohlhabende Hauptstadt ist für das normale Leben in Nordkorea nicht repräsentativ, die knapp drei Millionen Einwohner gehören vor allem zur gesellschaftlichen Elite und deren Dienstpersonal. Die restlichen zweiundzwanzig Millionen Nordkoreaner brauchen zum Betreten einen Passierschein. Und so rollen wir im Kleinbus mehrere hundert Kilometer Richtung Nordosten ans Japanische Meer, zu den Küstenstädten Hamhung und Wonsan.</p>



<p class="p3"><span class="s1">Wonsan ist ein harter Schnitt zur herausgeputzten Hauptstadt. Hier geht es nun ein paar Stufen abwärts: triste Plattenbauten, kaputte Straßen und Fensterscheiben, bedrückende Stimmung, jeder scheint von Arbeit oder Maßnahmen getrieben, alte LKW transportieren Menschen auf die Reis- und Sojafelder. Undefinierbare Gerüche liegen in der Luft. Spätestens hier wird überdeutlich, dass Nordkorea ein bitterarmes und immer noch vom Krieg geprägtes Land ist. Leben am Ende der Welt, so fühlt es sich an. Dabei wäre die Hafenstadt am Japanischen Meer wohl eine Touristenhochburg, wenn Nordkorea sich weiter öffnen würde. </span></p>



<p class="p3"><span class="s1">Strände mit feinstem Sand machen das Umland von Wonsan, mit den alten Kieferwäldern, nämlich zum Idyll. Stolz führen uns die Reise-Aufpasser an einen dieser Strände und lassen uns baden. Es fühlt sich absurd und beklemmend an. Ich denke an die vielen Menschen, die in diesem Wasser ihr Leben gelassen haben, weil sie der Freiheit am Horizont entgegen ruderten, in der Hoffnung, Japan zu erreichen. Viele Nussschalen verließen schon diese Küste. Mit dem Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können – dabei ist die Küste Japans viel zu weit weg, viele Boote kentern oder die verzweifelten Flüchtlinge verhungern auf offener See. Wer Nordkorea als Nordkoreaner verlässt, muss es für immer tun, tot oder lebendig.</span></p>


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<p>Unser Kleinbus folgt der Küste nach Norden. Nach etwa hundert Kilometern erreichen wir die zweitgrößte Stadt des Landes: Hamhung. An deren<span class="s1"> Wiederaufbau war acht Jahre lang die „Deutsche Arbeitsgruppe Hamhung“ maßgeblich beteiligt, eine Gruppe von Architekten und Ingenieuren aus der DDR. Tatsächlich erinnert es an Eisenhüttenstadt oder Hoyerswerda, mit den Arbeitersiedlungen und Plattenbauwohnungen in Reihe und Glied. Die Industriestadt scheint wie aus der Zeit gefallen, direkt aus den frühen Achtzigern.</span></p>



<p><span class="s1">Während die Hauptstadtbewohner Ausländer mittlerweile gewöhnt sind, fühlt man sich als solcher in Wonsan oder Hamhung wie ein Exot. Die Nordkoreaner reagieren grundsätzlich freundlich und respektvoll, fast zärtlich und naiv. Sie winken oder lachen, wenn man sie dazu animiert. Besonders in Hamhung. Während Wonsan auf mich einen trostlosen Eindruck macht, bleibt von Hamhung der Eindruck eines gewissen Eigenlebens. Menschen, die an der Straßenecke miteinander plaudern, Männer, die hockend Eis essen, Kinder, welche am Springbrunnenrand sitzen. Aber auch hier: Städtebau nach Prinzip. Die Allmacht des Systems in der Architektur. Breite Straßen, überdimensionale Kim-Monumente, weite Flächen und Flure. Hier kann sich niemand verstecken.</span></p>



<h2>Auf dem Land</h2>



<p>Zwischen den Städten passieren wir im Kleinbus das Land mit seinen Dörfern, Fabriken und landwirtschaftlichen Genossenschaften. Sie finden sich am Meer wie im Gebirge. Dazwischen Felder, Ebenen und Hügel. Alle Kraft für die genossenschaftliche Produktion. Ein Eindruck dominierte meine Wahrnehmung dabei immer wieder, egal ob Stadt oder Land: Das Auftreten der Menschen in Formationen und immerzu in Gemeinschaft. Ob bei der Maisernte, beim Tai Chi am Ufer des Flusses Taedong, bei gymnastischen Übungen oder Tanzeinlagen am Straßenrand der pseudo-modernistischen Hauptstadt. Niemand scheint allein, entscheidet selbstständig nach seinem eigenen Gefallen oder hegt auch nur irgendeine denkbare, vergleichbare Freiheit, wie wir sie kennen und um deren Verwirklichung wir uns ereifern. Dieses Wissen schwingt ständig in meinem Hinterkopf mit und trübt das romantische Erscheinungsbild, die sonst ursprüngliche Natürlichkeit des Anblicks.</p>


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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea.jpg" data-caption="Hügelfelder zwischen den Ballungszentren." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-2-1.jpg" data-caption="Irgendwo zwischen Pjöngjang und Wonsan." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-3.jpg" data-caption="Eine LPG in Zentralnordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-4.jpg" data-caption="Nordkoreanische Landschaft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-6-1.jpg" data-caption="Frauen auf dem Weg zur Feldarbeit." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-24.jpg" data-caption="Ein Transporter mit Erntehelfern." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-31.jpg" data-caption="Ein Dorf im Norden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-34.jpg" data-caption="Berglandschaften sind typisch für Nordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-33.jpg" data-caption="Mit dem Touristen-Bus einmal quer durch Nordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-32-1.jpg" data-caption="Transporter mit Arbeitern prägen den Verkehr." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Ländliches Nordkorea</p></div>


<p>Den absoluten Superlativ dieser Gruppendynamik stellt das Arirang-Festival dar, welches ich im &#8222;Stadion Erster Mai&#8220; in Pjöngjang zur Premiere anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten erleben kann. Eine akribisch perfektionierte Inszenierung der siebzigjährigen Geschichte Nordkoreas, eine gewaltige Choreografie abertausender Akrobaten, Tänzer, Athleten, Musiker und Kindergruppen. In einer Synchronität jenseits von etwas je Gesehenem, von welcher hiesige Choreografen nur träumen können. In einer Ästhetik und Epik welche man mit jener einer Leni Riefenstahl vergleichen kann – allerdings in Farbe. Die Organisation von Massen beherrscht wohl kaum ein anderes Land derartig optimiert und konditioniert, wie es die Ideologie der Kim-Dynastie seinen Untertanen durch Drill und Disziplinierung auferlegt hat.</p>



<p>Unsere Tribüne ist keine hundert Meter Luftlinie von der Herrscherloge entfernt, in welcher kein Geringerer als Kim Jong-un selbst Platz genommen hat. Ein sonores Raunen geht durch das größte Stadion der Welt, mit einem Fassungsvermögen für etwa 150.000 Menschen, als der oberste Führer höchstpersönlich in Erscheinung tritt. Gefeiert wie ein Messias, wie ein Gott. Doch was weiß ich schon, der eingebildete Freie? Das ist eine ganz andere Frage, bei welcher ich immer noch überlege, wie meine persönliche Antwort ausfällt.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1200x795.jpg" alt="" data-id="7389" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/nordkorea-11/" class="wp-image-7389" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1200x795.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-600x398.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-768x509.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1536x1018.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-150x99.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1320x875.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1250x828.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-400x265.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11.jpg 2000w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1200x794.jpg" alt="" data-id="7388" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/nordkorea-12-2/" class="wp-image-7388" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1200x794.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-600x397.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-768x508.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1536x1017.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-150x99.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1320x874.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1250x828.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-400x265.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1.jpg 2000w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li></ul><figcaption class="blocks-gallery-caption">„The Glorious Country“ – die Choreografie der Massen anlässlich des 70. Geburtstags der Diktatur.</figcaption></figure>



<h2>Der Reisende wird gespiegelt</h2>



<p>So oder so: Nordkorea hält uns Westlern den Spiegel vor. Das Land am Ende der Welt ist schlicht und einfach das ganze Gegenteil dessen, was wir aus Deutschland von unserem Leben im Überfluss kennen. Was an Eindrücken dominiert, fühlt sich absurd und auch befremdlich an. Aber ebenso bleibt eine unglaubliche, seltene Form der Schönheit jenseits der Uniformierung und Kollektivierung zurück.</p>



<p>Was nimmt man mit, zurück in die westliche Welt? Mein Ziel, das wahre Wesen der Menschen in Nordkorea zu erkunden, ist gescheitert. Die Sprachbarriere, das Kontaktverbot und die ständige Beobachtung durch die Reise-Aufpasser haben es unmöglich gemacht – allein durch Lächeln, Nicken und Winken lassen sich keine Lebenswelten austauschen. Ich sah gewissenhafte aber müde, schüchterne aber entschlossene, freundliche aber disziplinierte Menschen. Doch das ist nur mein subjektiver Eindruck.</p>



<p>Der Nordkoreaner, der mir am meisten ans Herz wuchs, war ausgerechnet mein Reise-Aufpasser &#8222;Bruce Lee&#8220;, ein Diener des Propaganda-Systems. Der Abschied am Flughafen ging mir ins Mark. Es ist seltsam, doch die Reiseführer werden automatisch zu Vertrauten, weil sie unsere Sprache sprechen und die einzige Anlaufstelle für Wünsche und Informationen sind. Bei gemeinsamen Mahlzeiten und einem Glas koreanischem Eichelschnaps ergeben sich automatisch Gespräche. Zwar hatte &#8222;Bruce Lee&#8220; behauptet noch nie von den Beatles gehört zu haben, dafür kannte er sich überraschend gut mit aktuellen Entwicklungen in Deutschland aus.&nbsp; </p>



<p>Vielleicht war es nur ein Spiel, doch ich hatte das Gefühl, das sich ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte. Je besser wir uns verstanden, desto freier durfte ich mich bewegen, fast wie zur Belohnung. <span class="s1">Es gab sogar Momente der Komplizenschaft, welche ich besser für mich behalte, damit ich niemanden nachhaltig in Gefahr bringe. Wer weiß, wer hier mitliest. Ich möchte glauben, dass Bruce Lee es ehrlich meinte. Die Reiseführer sind in der Regel ausgesprochen gut ausgebildete und wissbegierige Nordkoreaner und Nordkoreanerinnen, welchen normalerweise die Welt offen stehen würde. In einem anderen Land, in einem anderen Leben. Durch den regelmäßigen Kontakt mit Ausländern wächst auch ihre Neugier an der Welt da draußen.</span></p>



<p>Am Ende bleibt: Die Reise hat meine persönliche Verbindung zu Nordkorea verstärkt, vielleicht wegen der eigenen deutschen Teilungs- und Wiedervereinigungsgeschichte. Ich glaube fest daran, dass eine Wiedervereinigung Nord- und Südkoreas möglich ist. <span style="font-size: inherit;">Behutsam und sensibel müsste es dann allerdings vonstattengehen. So fragil scheinen die Seelen der Menschen durch ihr Unwissen, ihre Unschuld. Ein Moment bleibt mir in besonderer Erinnerung: Ich lief allein auf weiter Flur über ein paradiesisches Sandstück an der Ostküste Nordkoreas, die Sonne schien wie auf einer Urlaubspostkarte und ich blickte über das Japanische Meer, quasi in Richtung Freiheit. </span></p>


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                                Das Japanische Meer – die Ostküste Nordkoreas bei Wonsan
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<p><span style="font-size: inherit;">Zwei Tage später steige ich ganz selbstverständlich und privilegiert in den Flieger nach Peking. Keinen der Menschen, denen ich in Nordkorea begegnet bin, werde ich wahrscheinlich je wiedersehen.</span></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>So bunt kann eine Grauzone sein</title>
		<link>https://www.weltseher.de/so-bunt-kann-eine-grauzone-sein/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/so-bunt-kann-eine-grauzone-sein/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2015 05:16:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Anne Renzenbrink]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Graffiti]]></category>
		<category><![CDATA[Peking]]></category>
		<category><![CDATA[Street Art]]></category>
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					<description><![CDATA[Mal sind sie winzig und versteckt, mal springen sie sofort ins Auge: Schriftzüge in allen Farben schmücken die grauen Wände Pekings. In Chinas Hauptstadt ist eine kleine, aber feine Graffiti-Szene entstanden. Und die Regierung? Zeigt sich überraschend tolerant. Ein Besuch.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/so-bunt-kann-eine-grauzone-sein/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Mal sind sie winzig und versteckt, mal springen sie sofort ins Auge: Schriftzüge in allen Farben schmücken die grauen Wände Pekings. In Chinas Hauptstadt ist eine kleine, aber feine Graffiti-Szene entstanden. Und die Regierung? Zeigt sich überraschend tolerant. Ein Besuch.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es sieht nicht so aus, als müsste es schnell gehen. Die Sprühdosen stehen einige Meter hinter ihnen, dazwischen liegen ihre Taschen. Eine kleine Leiter haben sie aufgestellt, um auch den oberen Teil des Stahlcontainers zu besprühen. Angst vor dem Erwischt werden, abruptes Wegrennen, das scheint die drei Graffitisprayer gerade nicht zu beschäftigen.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie gehen ein paar Schritte zurück, begutachten ihre Motive, fügen hier und da noch eine schwarze Linie, einen blauen Punkt hinzu. Autos fahren vorbei. Passanten bleiben stehen, machen Fotos oder gehen achtlos weiter. Es ist halb drei nachmittags. Willkommen im 798, dem Künstlerviertel Pekings.</p>
<p style="text-align: justify;">Etwa 15 Kilometer weiter südlich, am berühmten Tian&#8217;anmen Platz, überwachen Sicherheitskräfte die Eingänge, lenken Passanten durch Absperrungen, durchleuchten ihre Taschen. Sprühdosen müssen draußen bleiben. Vor 26 Jahren wurde hier eine Demokratiebewegung brutal niedergeschlagen.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Platz und die hohe Sicherheitsstufe erinnern daran, dass China ein autoritäres Land ist. Ein Land, in dem nicht nur Künstler verfolgt und Medien zensiert werden. Graffiti lässt sich nicht googeln. Die Suchmaschine ist wie viele andere Internetseiten gesperrt. Aber drei Menschen besprühen ungestört am helllichten Tag eine Wand?</p>
<p><div id="aesop-gallery-4989-4"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4989" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking_2.jpg" data-caption="Besprühte Stahlcontainer im Künstlerviertel 798. Das Viertel liegt im Nordosten Pekings." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_pekin6.jpg" data-caption="Pekings &quot;Graffiti Wall of Fame&quot; ist eine kilometerlange Mauer in der Nähe des Künstlerviertels." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking9.jpg" data-caption="Die Jing Mi Lu ist eine stark befahrene Straße in Richtung Flughafen. Hier steht Pekings &quot;Graffiti Wall of Fame.&quot;" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking_11.jpg" data-caption="Rund 40 Sprayer gibt es laut Schätzungen aus der Szene in Peking." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking13.jpg" data-caption="Ein Sprayer sprüht während eines Street-Art Events in Peking." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking14.jpg" data-caption="Leere Sprühdosen liegen nach einem Street-Art Event in Peking in einem Einkaufswagen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking12.jpg" data-caption="Im Künstlerviertel 798 finden Street-Art Events statt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking10.jpg" data-caption="In einem Hinterhof im Künstlerviertel 798 hat sich ein Sprayer aus Taiwan verewigt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking8.jpg" data-caption="Der Künstler Zhang Dali gilt als Vater des Graffiti in Peking." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking7.jpg" data-caption="Die Graffiti-Szene in Peking hat sich in kurzer Zeit weit entwickelt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_peking5.jpg" data-caption="Sprayer aus aller Welt haben sich im Künstlerviertel 798 verewigt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_peking4.jpg" data-caption="Ein besprühter Bus steht im Künstlerviertel 798 in Peking." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking3.jpg" data-caption="In Chinas erstem Graffiti-Laden &quot;400ml&quot; werden Sprühdosen verkauft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking1.jpg" data-caption="Die Pekinger ABS Crew sprühte das Bild als Reaktion auf die steigenden Preise für Schweinefleisch in China." alt=""></div></div></p>
<p style="text-align: justify;">Es bleibt nicht bei einem Container. Bunte Schriftzüge finden sich auf Mauern, Stromkästen, Rollläden, Hauswänden und Brücken in der Stadt verteilt. In den vergangenen sieben Jahren hat sich in Peking eine kleine, aber lebendige Graffiti- Szene entwickelt. Während Sprayer in vielen westlichen Ländern nachts auf die Straßen ziehen, unter Zeitdruck sprühen und mit hohen Strafen rechnen müssen, genießen sie hier mehr Freiheiten. Zwar ist Graffiti in China offiziell illegal. Doch die chinesischen Behörden neigen dazu, wegzuschauen, und Pekings Einwohner beobachten eher neugierig als die Polizei zu rufen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Graffiti ist weniger eine Verschmutzung</h2>
<p style="text-align: justify;">In der chinesischen Gesellschaft werden Sprayer nicht verunglimpft. „Graffiti wird hier als etwas interessantes wahrgenommen, weniger als Verschmutzung“, sagt Norbert Kirbach, ein Kunsthistoriker aus Deutschland, der einige Jahre in Peking gesprüht und sich mit urbaner Kunst befasst hat. Zum einen ist die Szene noch sehr jung und überschaubar. Für die Menschen in Peking ist Graffiti etwas neues und die wenigen Sprayer gelten noch als etwas besonderes.</p>
<p style="text-align: justify;">„Das Publikum ist weniger übersättigt als im Westen“, sagt Kirbach. Gleichzeitig ist Graffiti in China ein teures Hobby, das sich nur die Mittelschicht leisten kann. Es ist nicht mit Klischees wie Armut oder Kriminalität behaftet. Doch die Gründe könnten noch tiefer in der Gesellschaft verankert sein.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Blick in die Geschichte des Landes zeigt: Chinesen malen und schreiben seit tausenden von Jahren auf Wände, Berge und Bäume. In gewisser Weise sei Graffiti Teil ihrer Kultur, sagt Lance Crayon, der mit „Spray Paint Beijing“ eine Dokumentation über die Szene in der Hauptstadt gedreht hat. „Die meisten Leute in Peking finden, dass Graffiti ihre Stadt schöner aussehen lässt. Und das tut es auch.“</p>
<p style="text-align: justify;">Seine Anfänge nahm Graffiti in Südchina. Von Hongkong über Shenzhen und Guangzhou kam die Sprühdose schließlich nach Peking. Heute zählt die 20- Millionen-Einwohner-Stadt laut Schätzungen aus der Szene rund 40 Sprayer, aber nicht alle sind konstant aktiv. Nicht einmal 1000 sind es im ganzen Land. Der Künstler Zhang Dali gilt als Vater des Graffiti in Peking und besprühte Ende der 1990er Jahre alte Gebäude in der Stadt mit seinem unverkennbarem Symbol, dem Umriss eines Kopfes.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch Wandmalereien gab es schon vorher. „Mao Zedong flog von der Uni, weil er Slogans in den Schlafsaal seiner Lehrer malte. In gewisser Weise war er ein Graffitikünstler“, sagt Crayon. Richtig Fuß fassen konnte die Szene in Peking erst um 2008 herum, und zwar dort, wo auch der Container steht, zusammen mit vielen anderen buntbemalten Flächen und Kunstwerken.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Künstlerviertel 798</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Künstlerviertel 798 ist ein ehemaliger Industriekomplex am nordöstlichen Stadtrand Pekings. In den alten Fabrikgebäuden mit hohen Decken und großen Fenstern sind jetzt Cafés und zahlreiche Galerien mit zeitgenössischer Kunst angesiedelt. Junge Leute kaufen in kleinen Läden Schallplatten und Vintage-Mode, Jugendliche im Hipster-Look radeln auf Fixies mit hellgrünen Reifen durch die Straßen.</p>
<p style="text-align: justify;">Wer das Szeneviertel am Südeingang betritt, kann ihn eigentlich nicht verfehlen: Chinas ersten Graffiti-Laden, „400 ml.“ Chinesischer Hip Hop dröhnt aus den Lautsprechern, die Wände sind schwarz bemalt. Ein chinesischer Sprayer, der sich als Scar vorstellt, steht im Laden. Sprühdosen, nach Farben getrennt, stapeln sich in einem dunklen Holzregal, aber auch Kappen, T-Shirts und Skateboards stehen im Angebot.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Dose mit guter Farbe kostet in China 42 Yuan, umgerechnet gut 6 Euro, eine von schlechter Qualität etwas mehr als 2 Euro. „Das ist sehr viel Geld für junge Leute“, sagt ANDC. Der 27-jährige Besitzer des Ladens, der lieber nur unter seinem Tag-Namen auftreten möchte, kann sich Sprühdosen mittlerweile leisten. Er blickt bereits auf eine lange Graffitikarriere zurück.</p>
<p style="text-align: justify;">Als er 2005 an der Uni zum ersten mal einen Sprayer in Aktion sah, war er so begeistert, dass er selber mit dem Sprühen anfing. Zunächst wussten seine Eltern nichts vom neuen Hobby. Sie arbeiten für die chinesische Regierung, nach der Uni halfen sie dem Sohn, einen guten Job bei einer Firma zu bekommen. „Aber die Arbeit hat keinen Spaß gemacht, es war jeden Tag das gleiche. Dann habe ich gekündigt“, sagt ANDC.</p>
<p style="text-align: justify;">Zusammen mit einem Freund startete er 2007 die ABS Crew. Heute sind sie zu fünft und eine der erfolgreichsten Graffiti-Crews in Peking. „Wir wollen eine neue Graffiti- Kultur in China aufbauen“, sagt ANDC und erzählt, wie sie nach Europa reisten, Sprayer aus anderen Ländern trafen und sich austauschten.</p>
<p style="text-align: justify;">2012 eröffneten sie „400 ml“ und sprühen heute nicht mehr nur an die Wand, sondern entwerfen Grafikdesign und arbeiten im Auftrag für Firmen wie Red Bull, Audi und Adidas. ABS Crew holte für China den ersten Platz in internationalen Graffiti-Wettbewerben und organisiert Street-Art Events und Ausstellungen in Peking. „Mir geht es gut, ich bin sehr zufrieden“, sagt ANDC und man sieht es ihm an.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Wir sind keine Gangster&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Eine chinesische Graffiti-Erfolgsgeschichte. Und ein Beispiel dafür, wie weit entwickelt die Szene nach so kurzer Zeit schon ist. „So etwas dauerte früher in den 90ern viel länger, da wir vieles noch selbst entdecken mussten, was heute per Internet leicht zu finden ist“, sagt Kirbach. Heute sei der weltweite Austausch etwa über spezielle Dosen oder Materialien einfacher und das habe auch die chinesischen Sprayer beeinflusst. „Technisch sind sie sehr ausgereift und malen auf hohem Niveau. Besonders interessant sind jene, die traditionelle chinesische Motive im Graffiti einbinden.“</p>
<p style="text-align: justify;">Neben ABS sprühen noch eine Handvoll weitere Crews in Peking. „Beef“ gebe es keinen, sagt ANDC, und meint damit die Feindschaft zwischen Gruppen. Er spricht gutes Englisch, doch überlegt bisweilen kurz und muss einige chinesische Begriffe auf seinem Laptop übersetzen. Wörter wie „Beef“ aber kommen ohne zu zögern. Graffiti-Jargon, weite schwarze Hose, Sneakers, rote Baseball-Kappe: Auf den ersten Blick könnte er als Rapper durchgehen. Auch auf den Graffiti-Events in Peking legen DJs Hip Hop auf, es wird Breakdance getanzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch ANDC betont immer wieder: „Wir sind keine Gangster.“ In China sind Sprayer vielmehr oft Kunststudenten, die aus Interesse an der Kunst und nicht unbedingt aus Liebe zur Rap-Musik mit dem Malen beginnen. Unter die chinesischen Sprayer in Peking mischen sich Sprayer aus aller Welt. Sie schätzen das interessierte chinesische Publikum, die vielen Flächen zum Sprühen und die Freiheiten.</p>
<p style="text-align: justify;">In der Dokumentation „Spray Paint Beijing“ erzählt ein schwedischer Sprayer, wie er sich mit Chinesen zum Sprühen getroffen hat: Die Dosen in der Hand, seine Kamera um den Hals, immer bereit, loszurennen. Die chinesischen Sprayer verteilen ihre Dosen überall, sie lassen sich Zeit. Am Ende musste er eine halbe Stunde warten, bis sie fertig gesprüht hatten.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch die Freiheiten sind nicht grenzenlos, Sprayer können in Schwierigkeiten kommen. Wann wird ein Auge zugedrückt, wann gibt es Ärger? Eine klare Grenze existiert nicht. „Graffiti ist in China relativ geduldet, solange die Autoritäten nicht direkt herausgefordert werden“, sagt Kirbach. In Peking heißt das: Keine Farbe auf heilige oder historische Stätten wie Tempeln. Auch bei Regierungs- und Unternehmensgebäuden hört die Toleranz der Behörden auf. Im 798 können Sprayer Farbe bekommen, da es ein ausgewiesenes Künstlerviertel ist.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Strafen sind willkürlich, aber meistens mild</h2>
<p style="text-align: justify;">Für die vielen anderen grauen Fassaden und Betonmauern Pekings gibt es ebenfalls keine klaren Regeln, noch ist die Szene dafür zu klein. „Es gibt in dem Sinne kein Gesetz gegen das Malen“, sagt Kirbach. Wird ein Sprayer erwischt, entscheide der jeweils verantwortliche Polizist, wie er mit ihm umgeht, oder man einige sich gleich mit dem Besitzer der besprühten Fläche.</p>
<p style="text-align: justify;">Das klingt nach Willkür, und so sieht es in der Praxis oft auch aus. Sollten Strafen anfallen, sind sie meistens mild. Oft sind es kleinere Geldstrafen von umgerechnet 40 Euro. ANDC erzählt von Polizisten, die Sprayern noch erlauben zu Ende zu sprühen und ein Foto zu machen, bevor die Wand übermalt wird. John ist ein Sprayer aus Europa, der seit zwei Jahren in Peking sprüht und seinen richtigen Namen nicht verraten möchte.</p>
<p style="text-align: justify;">Er sprüht tagsüber und nachts, auch in den Hutongs, den engen, traditionellen Gassen Pekings. Wird er von der Polizei erwischt, bleibt er stehen und versucht zu verhandeln, anstatt wegzurennen. „Man wird vernünftig behandelt, nicht wie ein Krimineller“, sagt er. Doch härtere Strafen kommen vor, wenn auch selten. ANDC und ein paar Freunde verbrachten einige Tage hinter Gittern, nachdem sie auf die Wand eines Fabrikgebäudes gesprüht hatten. Befreundete Sprayer von John mussten China verlassen und in ihre Heimatländer zurückfliegen. „Wirst du beim Besprühen eines Zuges erwischt, dann war&#8217;s das“, sagt John.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein paar Kilometer vom Künstlerviertel 798 entfernt liegt die Jing Mi Lu, eine stark befahrene Straße Richtung Flughafen. Zu Stoßzeiten staut sich der chaotische Verkehr, es ist laut und Fahrräder und Roller warten in Scharen vor der roten Ampel. Auf der Seite, noch hinter dem Bürgersteig und leicht versteckt hinter Bäumen, steht Pekings „Graffiti Wall of Fame.“ Nur beim zweiten Hinsehen ist sie von der Straße aus zu erkennen. Zahlreiche bunte Schriftzüge, aufwendige Bilder und Tags schmücken die kilometerlange Mauer.</p>
<p style="text-align: justify;">Auffällig: Ein Schwein, das mit einem großen Küchenmesser geschlachtet wird. Die Klinge ist blutig und der Körper bereits in einige Scheiben zerlegt. Das Schwein raucht Zigarre und guckt wütend. Neben seinem Kopf liegen Geldbündel und Münzen. Das Werk der ABS Crew ist eine Anspielung auf den Ärger über die steigenden Preise für Schweinefleisch, einer wichtigen Zutat in Chinas Küche. Doch das ist eher die Ausnahme, politische Themen werden meist gemieden.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwar seien viele Sprayer in Peking politisch bewusst und machen in ihren Motiven auch mal Anspielungen, jedoch stark stilisiert, so Kirbach. Vielmehr geht es ihnen um das reine Malen. „Sie verstehen sich als Teil der weltweiten Graffitiszene, nicht als politische Aktivisten“, sagt Kirbach. „Im Graffiti ist der Akt des Malens selbst politisch, die Aneignung des urbanen Raumes ist immer und überall ein Statement.“</p>
<p style="text-align: justify;">Hinter den Bäumen, geschützt vor dem Verkehr, verläuft ein schmaler Weg gleich neben der Mauer entlang. Vereinzelt kommen Spaziergänger vorbei und schauen sich die Werke an. Ob sie in einigen Jahren immer noch auf eine bunte Mauer schauen werden? „Sollte die Graffiti-Szene in Peking explodieren, werden die Behörden eingreifen“, sagt Crayon.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch danach sieht es momentan nicht aus, auch wenn Graffiti in anderen chinesischen Städten wächst, insbesondere im Süden des Landes, wo das Wetter besser ist. Zwar rücken neue Sprayer nach, einige verlassen aber auch die Stadt oder hören irgendwann mit den Sprühen auf.</p>
<p style="text-align: justify;">Für ANDC unvorstellbar. Das Street-Art-Event im Künstlerviertel 798 hat gerade begonnen. Er sprüht, blaue dicke Buchstaben auf gelben Hintergrund. Es riecht nach Farbe. Aufhören komme nicht in Frage, sagt er. „Graffiti ist mein Leben.“</p>
<p style="text-align: justify;">
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		<title>Trans*visit Japan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Apr 2015 05:15:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Japan]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Bichsel]]></category>
		<category><![CDATA[Osaka]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Transsexualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Auf der Suche nach den Transmenschen bereist unser Autor Martin Bichsel die Welt. Im japanischen Osaka fand er Rikuto, der sich für einen tabulosen Umgang mit dem Thema Transidentität einsetzt. Dabei hilft ihm eine besondere Eigenheit der japanischen Gesellschaft.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/transvisit-japan/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Auf der Suche nach den Transmenschen bereist unser Autor Martin Bichsel die Welt. Im japanischen Osaka fand er Rikuto, der sich für einen tabulosen Umgang mit dem Thema Transidentität einsetzt. Dabei hilft ihm eine besondere Eigenheit der japanischen Gesellschaft.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Rikuto lebt in Osaka. Vom Stadtzentrum aus dauert die Zugfahrt zu ihm nach Hause eine gute Stunde. Auch wenn man auf dem Weg Reisfelder passiert, ist man hier immer noch in Osaka, einer Stadt, die durch das Zusammenwachsen von Dörfern organisch zu einer Metropole geworden ist. Hier, in einem schmalen, dreistöckigen Einfamilienhaus, wohnt Rikuto. Er ist hier aufgewachsen, es ist sein Elternhaus – mittlerweile jedoch leider ohne Eltern. 2010 starb sein Vater an einem Herzschlag, und seit 2012 seine Mutter an Krebs starb, ist Rikuto Vollwaise.</p>
<p style="text-align: justify;">Sein einziger Bruder lebt mit seiner Frau in Tokio. Alle paar Monate sieht er die beiden, sie kennen Rikutos Lebensgeschichte, ihr Verhältnis ist sehr gut. Meinen ersten Kontakt zu Rikuto hatte ich über Facebook. Durch meine Recherchen in der japanischen Transszene stieß ich auf den Studenten. Rikuto war sofort bereit, mich an seinem Alltag teilhaben zu lassen. Seine einzige Angst waren anfänglich Sprachprobleme; so war bei unserem ersten Treffen ein Übersetzer dabei. Es stellte sich aber rasch heraus, dass Rikutos Sorge unbegründet war. Sein Englisch ist gut, wir unterhielten uns lebhaft.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Merkte es im Jugendalter</h2>
<p style="text-align: justify;">Bereits im Jugendalter spürte Rikuto, dass seine Geschlechtsidentität nicht seinem Körper entsprach. Er informierte sich im Internet und fand auf Foren viele Antworten auf seine offenen Fragen und Menschen mit ähnlichen Geschichten. Mit einigen von ihnen hat er Freundschaften entwickelt und trifft sie ab und zu – sei es für einen persönlichen Austausch oder aber auch, um gemeinsam Veranstaltungen für die Transcommunity zu organisieren. Rikuto ist in verschiedenen Gruppen aktiv.</p>
<p><div id="aesop-gallery-4409-5"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4409" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_01.jpg" data-caption="Rikuto mit Freunden in der Whisky-Bar, in der er viermal pro Woche arbeitet. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_02.jpg" data-caption="Auf dem Weg nach Hause geht Rikuto an einem Reisfeld vorbei." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_03.jpg" data-caption="Beim Mittagessen zuhause. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_05.jpg" data-caption="Rikuto auf dem Weg zur Universität." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_06.jpg" data-caption="Rikuto im Gespräch mit seinen Kommilitoninnen. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_08.jpg" data-caption="Rikuto ist Mitorganisator der &quot;LGBT-Jungbürgerfeier&quot;." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Martin Bichsel</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">An einer Privatuniversität in Osaka studiert er Business Administration. Hier gründete der umtriebige Student ein monatliches Treffen für Transmenschen, Homo- und Bisexuelle: die &#8222;Salad Bowl&#8220;. An diesen Abenden kommen mittlerweile gut 20 Menschen zusammen. Sie werden auch an der nächsten &#8222;Kansai Rainbow Parade&#8220; Flyer zur Mitgliederwerbung verteilen. Für diese Parade werden rund 600 Menschen erwartet.</p>
<p style="text-align: justify;">Als ich Rikuto an die Universität begleite, fällt mir auf, wie oft er stehen bleibt und mit Leuten redet, lacht, sich vertraut austauscht. Viele seiner engen Freundinnen und Freunde hat er im Studium kennengelernt. Sie kennen ihn und seine Geschichte. Auch sein bester Freund Motoki, ebenfalls Transmann, studiert hier. Mit ihm würde er gerne bald eine Europareise machen. Rikutos Vater wusste nie, dass er zwei Söhne und nicht eine Tochter und einen Sohn hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Mutter vertraute sich Rikuto zwar an, sie war mit der Nachricht jedoch überfordert. Um mit der hormonellen Angleichung zu beginnen, brauchte Rikuto Gutachten von zwei verschiedenen Psychiatern, die seine männliche Geschlechtsidentität bestätigen. Einer von ihnen überwies den Studenten später an ein Krankenhaus, wo er mit der Hormontherapie begann.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Fürs Amt ist er noch eine Frau</h2>
<p style="text-align: justify;">Rikutos amtliche Namens- und Geschlechtsänderung kann aber erst erfolgen, wenn er sich einer operativen Sterilisation und einer Mastektomie unterzogen hat. Wenn er in zwei Jahren sein Studium abgeschlossen hat, möchte er die beiden Operationen durchführen lassen. Er wünscht sich, danach offiziell als Mann bei einer Firma eingestellt zu werden. Eine berufliche Karriere ist Rikuto dabei nicht wichtig. Er arbeitet bereits jetzt, während des Studiums, vier Mal wöchentlich als Kellner in einer Whiskybar, um sich etwas für seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Jedoch sieht er seine Erfüllung weniger in der Erwerbsarbeit als in seinem Engagement sowohl in eigener Sache als auch für die Community.</p>
<p style="text-align: justify;">Anderen jungen Transmenschen hilft Rikuto als Mitorganisator der &#8222;LGBT-Jungbürgerfeier&#8220; – der Feier zum Erreichen der Volljährigkeit. Normalerweise feiern die Japaner dieses Fest in traditionellen, geschlechterspezifischen Kimonos. An dieser speziellen Feier hingegen darf man sich kleiden, wie man möchte. Obwohl die meisten jungen Erwachsenen innerhalb einer traditionellen Familienstruktur immer noch an der klassischen Feier teilnehmen müssen, ist dieses alternative Angebot ein Lichtblick und ein Ort des Austausches und der Aufklärung.</p>
<p style="text-align: justify;">Zur Aufklärung trägt auch das japanische Fernsehen seinen Teil bei. In einer Gesellschaft, in der Männer problemlos feminin aussehen dürfen, wo die Grenzen zwischen den Geschlechtern sich langsam ästhetisch auflösen, kolportiert auch das Fernsehen entsprechende Bilder. Immer öfter sind Transmenschen Gäste in japanischen Talkshows. Rikuto freut sich darüber: &#8222;Auch das ist Aufklärung und Enttabuisierung&#8220;. Zudem verzichten immer mehr junge Frauen und Männer auf eine geschlechterspezifische Sprache und kommunizieren in einer geschlechtsneutralen Form. So selbstverständlich auch Rikuto.</p>
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        </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<h6 style="text-align: justify;"><em>Während acht Jahren hat der Fotograf Martin Bichsel 11 Transmenschen in der Schweiz, Europa, Japan, Sibirien und Nordafrika in deren Alltag fotografiert und die Lebensgeschichten notiert. Das Ergebnis – ein Bild- und Textband – soll Zugang schaffen zu einem Thema, bei welchem zu oft weggeschaut und stigmatisiert wird:<strong> <a href="http://www.amazon.de/Trans-Visit-Lebensgeschichten-Martin-Bichsel/dp/3952411469" target="_blank">zum Buch</a></strong>.</em></h6>
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