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	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Mon, 26 Oct 2015 22:13:31 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Nepal &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Suche in Trümmern</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Sep 2015 22:03:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Nepal]]></category>
		<category><![CDATA[Erdbeben]]></category>
		<category><![CDATA[Helfer]]></category>
		<category><![CDATA[Kathmandu]]></category>
		<category><![CDATA[Naturkatastrophe]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Sebastian Stenzel]]></category>
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					<description><![CDATA[Im April und Mai erschütterte Nepal eine Serie von verheerenden Erdbeben. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben. Viele Nationen schickten Helfer in die Krisenregion im Himalaja. Doch nicht alle fanden jemanden zum helfen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/nepal-suche-in-truemmern/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Im April und Mai erschütterte <strong>Nepal</strong> eine Serie von verheerenden Erdbeben. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben. Viele Nationen schickten Helfer in die Krisenregion im Himalaja. Doch nicht alle fanden jemanden zum helfen.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Mit angestrengtem Blick versucht Irakli West, etwas mit dem Fernglas aus dem kleinen ovalen Flugzeugfenster hinaus in der Dunkelheit zu erkennen. Der Airbus kreist seit einer gefühlten Ewigkeit im Luftraum über dem Flughafen Kathmandu – in der Hoffung, endlich eine Landegenehmigung zu erhalten. An Board der Air-India-Maschine sind nicht nur Nepalesen, die zurück in ihre Heimat wollen – auch drei Rettungsteams aus Deutschland und Großbritannien fliegen mit. Irakli West, 46 Jahre, ist Teamleader des sechsköpfigen Search-and- Rescue-Teams der deutschen Hilfsorganisation „@fire“, dem auch ich angehöre.</p>
<p style="text-align: justify;">Drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben, das Ende April Nepal und Teile von China und Indien erschütterte, sind wir endlich in der Hauptstadt Kathmandu gelandet. Das Land befindet sich im Ausnahmezustand. Niemand interessiert sich ernsthaft für die Sicherheitskontrolle. Obwohl die Metalldetektoren wild piepen, können wir unbesehen den Passagierbereich verlassen. Der Eingang zur Abflughalle ist von Menschen belagert, im Ankunftsbereich warten unzählige Nepalesen auf Angehörige – zahlreiche Männer und Frauen liegen auf den Bürgersteigen eng an eng und schlafen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Schlafen neben Flugzeugen</h2>
<p style="text-align: justify;">Unser Camp schlagen wir schließlich am späten Abend auf einer großen Wiese auf dem Flughafengelände auf. Soldaten patrouillieren am Zaun. Endlich, nach der 24-stündigen kräftezehrenden Reise, liege ich auf einem Feldbett und schließe die Augen. Durch einen ohrenbetäubenden Lärm schrecke ich wieder auf – es klingt, als würde gleich ein Flugzeug durch unser Zelt fliegen. Stattdessen landet es auf der Landebahn rund 200 Meter neben uns. In den kommenden Tage nehme ich die fünfminütlichen Starts und Landungen direkt neben unserem Basislager kaum noch wahr.</p>
<p style="text-align: justify;">Am darauffolgenden Tag kann unsere Arbeit endlich beginnen. Viel zu viel Zeit ist seit dem Beben bereits vergangen – die Überlebenschancen in den Trümmern schwinden mit jeder Stunde. Gerade aufgrund der in Nepal vorherrschenden Ziegelbauweise gibt es in zusammengestürzten Häusern kaum Hohlräume, in denen Verschüttete länger überleben können. Mit unseren beiden Rettungshunden und technischem Ortungsgerät brechen wir am Morgen zusammen mit einem englischen Rettungsteam in das Naturschutzgebiet Sundarijal zehn Kilometer nordöstlich von Kathmandu auf. Wir haben den Auftrag, mehrere Gebäudekomplexe, darunter ein Hotel, ein Militärstützpunkt und eine Wasseraufbereitungsanlage, zu erkunden und nach Überlebenden abzusuchen.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150428_AtFire_EQ-Nepal_sst-0241.jpg" data-caption="Teamleader Irakli West während der Sucharbeiten in der Ortschaft Nayapati." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150428_AtFire_EQ-Nepal_sst-0192.jpg" data-caption="Rettungshund Loki und Hundeführer Denny Stübling bei der Fahrt zum Einsatzort." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150428_AtFire_EQ-Nepal_sst-0181.jpg" data-caption="Das gemischte Team von @fire und SARAID bepackt den gemieteten Transporter in der Base of Operations." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150429_AtFire_EQ-Nepal_sst-0309.jpg" data-caption="Drei Männer stehen an einem eingestürzten Haus in Kathmandu." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150429_AtFire_EQ-Nepal_sst-0324.jpg" data-caption="Ein Schulgebäude in Kathmandu ist umgekippt und lehnt an einem Nachbargebäude." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150429_AtFire_EQ-Nepal_sst-0366.jpg" data-caption="An einem Haus in einem Dorf in Kathmandu ist die Giebelwand eingestürzt - die Ziegel liegen auf der Straße." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150428_AtFire_EQ-Nepal_sst-0208.jpg" data-caption="Ein Motorroller liegt in Nayapati unter dem Schutt einer Hausfront begraben." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150429_AtFire_EQ-Nepal_sst-0430.jpg" data-caption="Helfer im Gespräch mit der Armed Police Force." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150428_AtFire_EQ-Nepal_sst-0240.jpg" data-caption="Die Bewohner der Ortschaft Nayapati und Militärs beobachten die Sucharbeiten des deutschen Rettungsteams." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150428_AtFire_EQ-Nepal_sst-0189.jpg" data-caption="Am Straßenrand haben Menschen in Kathmandu Zelte aufgeschlagen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150430_AtFire_EQ-Nepal_sst-0514.jpg" data-caption="Hundeführer Denny Stübling setzt seinen Rettungshund Loki in den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes in Kathmandu ein." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150430_AtFire_EQ-Nepal_sst-0724.jpg" data-caption="Ein @fire-Helfer schaut in ein Loch zu einem Hohlraum, in dem zwei SARAID-Helfer nach Überlebenden suchen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150430_AtFire_EQ-Nepal_sst-0527.jpg" data-caption="Zahlreiche Menschen verfolgen die Sucharbeiten an einem eingestürzten Gebäude in Kathmandu." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150427_AtFire_EQ-Nepal_sst-0068.jpg" data-caption="Das @fire-Team auf dem Flughafen in Kathmandu." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Sebastian Stenzel</p></div>
<h2 style="text-align: justify;">Los gehts</h2>
<p style="text-align: justify;">Unsere Gerätschaften &#8211; eine Searchcam, ein Horchgerät und Werkzeuge &#8211; verstauen wir auf dem Dach eines Sprinters, den wir vor Ort mitsamt eines Fahrers organisiert haben. Bei der Fahrt durch die Straßen Kathmandus fällt auf: Obwohl die meisten Häuser unversehrt sind, schlafen viele Menschen im Freien. Auf allen Wiesen sind Zelte aufgeschlagen – sogar auf dem begrünten Mittelstreifen einer vierspurigen Straße. Angespannt beobachten meine Teammitglieder und ich die asiatische Fahrweise. Hupend und im Gegenverkehr überholend schlängeln wir uns wie unzählige andere Autos und Mopeds. Die Situation in der Hauptstadt scheint nicht so schlimm wie angenommen. Nur vereinzelt sind Gebäude beschädigt oder eingestürzt. Die meisten kleinen Garagengeschäfte am Straßenrand haben geöffnet, auf den Straßen, die am Rande der Stadt mehr Feldwegen gleichen, herrscht reger Verkehr.</p>
<p style="text-align: justify;">Langsam nähern wir uns dem Ziel, die Straße wird schmaler, die Steigung extremer. In einer Ortschaft treffen wir etliche Menschen auf einem Platz, die unter Planen Schutz vor dem Regen suchen, Kinder nutzen herumstehende Busse zum Spielen. Wir halten, damit unser Teamleader nach dem weiteren Weg schauen kann. Sofort sind wir von einer Menschentraube umgeben, die Leute wollen wissen, wer wir sind und was wir machen. „What’s the name of the dog“, fragt mich ein kleiner Junge. „Pollux, ein belgischer Schäferhund“, antworte ich ihm.</p>
<p style="text-align: justify;">Dann bitten uns auch schon Bewohner um Hilfe. In einem der Häuser könnten noch Verschüttete sein. In gebrochenem Englisch sagt einer: „Das war ein Hotel, zwei Personen kamen noch rechtzeitig heraus, zwei andere könnten noch drin sein.&#8220; Mein Kollege Lars Prößler schickt Pollux ins Gebäude. Mehrmals klettert der Hund über die Trümmer der eingebrochenen Decke, doch er findet niemanden. Mit der Searchcam &#8211; einer Teleskopkamera &#8211; schaue ich noch durch ein Fenster in das zweite Obergeschoss. Auch hier ist nichts zu erkennen, das auf Überlebende hinweist.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kaputt in den Feldbetten</h2>
<p style="text-align: justify;">Mittlerweile ist Nachmittag. Der Gebäudekomplex in Sundarijal, den wir eigentlich absuchen sollen, ist wegen der zerstörten Straßen nicht mehr mit dem Auto zu erreichen. Lediglich ein vierstündiger Fußmarsch führt noch in das Gebiet – ohne Helikopter macht das für ein Rettungsteam keinen Sinn. Nach Tüten-Fertiggerichten als Abendessen fallen wir müde und kaputt auf unsere Feldbetten.</p>
<p style="text-align: justify;">Früh morgens geht es wieder weiter. Diesmal wird unser Team geteilt. Ich fahre mit der ersten Gruppe samt der beiden Hunde durch Kathmandu. Plötzlich hören wir eine Lautsprecherdurchsage. Unser Dolmetscher erklärt uns: „Das ist ein Sprecher, der von der Regierung bezahlt wird. Er sagt, dass alles sicher sei, sich niemand Sorgen machen müsse und das normale Leben weitergehe.“</p>
<p style="text-align: justify;">Als wir nach einiger Fahrtzeit das Stadtzentrum verlassen, treffen wir auf unzählige der typischen, bunt bemalten nepalesisch-indischen Lastwagen. Wir halten am Straßenrand. Zwei Kameraden machen sich auf die Suche nach unserer Einsatzstelle &#8211; einer eingestürzten Schule. Mit einem Rettungshund und weiteren Kollegen kommen wir kurz darauf nach. Aber eingestürzt ist die Schule nicht, eher nach rechts weggeknickt und nun lehnt sie an einem Nachbarhaus. Wenn zum Zeitpunkt des Bebens Menschen im Schulgebäude waren, werden sie sich längst selbst gerettet haben &#8211; auch die Anwohner vermissen niemanden. Die Rettungshunde schlagen nicht an.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Was sollen wir eigentlich hier?</h2>
<p style="text-align: justify;">Klar, an dieser Stelle kann man sich fragen: Was sollen wir eigentlich hier? Braucht man unsere Hilfe überhaupt? Nichts als rumfahren. Vergeblich nach jemanden suchen, den wir aus den Trümmern retten können. Und vor allem: warten. Aber ich bin nicht frustriert. Denn so ist der Alltag von Katastrophenhelfern. Wir wollen nicht die Helden spielen, sondern sind Teil eines koordinierten Einsatzes der Vereinten Nationen. Nur so kann den Menschen in Nepal bei dieser unfassbaren Tragödie wenigstens etwas geholfen werden. Ich erfahre, dass andere Teams Überlebende aus eingestürzten Gebäuden retten können. Das klappt nur, weil sich alle Retter darauf verlassen können, dass jeder sich um seinen Sektor kümmert. Und mein Sektor heißt: J.</p>
<p style="text-align: justify;">Der liegt im Nordosten Kathmandus. Mit unserem Sprinter und einem Minibus fahren wir am nächsten Morgen die Straßen ab. Vorbei an kleinen Garagengeschäften gelangen wir zu einem vollständig eingestürzten Gebäude. Menschenmassen stehen um die Trümmer herum, mit bloßen Händen graben Anwohner und Soldaten im Schutt. Im Gespräch mit den Anwohnern versuchen wir mehr herauszufinden. „Das war ein fünfstöckiges Haus“, erzählen uns zwei Männer. „Und hier war mal ein Spielplatz.&#8220; Sie deuten auf den Trümmerhaufen vor ihnen. Vermisst werde aber niemand mehr.</p>
<p style="text-align: justify;">Um sicherzugehen, dass sich tatsächlich niemand mehr unter dem Schuttberg befindet, kommen erneut unsere beiden Rettungshunde zum Einsatz. In einem Randbereich der Trümmer hält Loki inne. Der Hundeführer gibt allerdings schnell Entwarnung: Unter den Trümmern liegen nur Schweineköpfe aus einer Metzgerei.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Ein Klopfen</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Hunde sind bereits zurück in den Fahr­zeu­gen, da ordern uns die eng­li­schen Kollegen, mit denen wir unterwegs sind, zurück. Sie möchten wei­ter­su­chen, jemand will ein Klop­fen gehört haben. Mit schril­len­den Tril­ler­pfei­fen ver­treibt die nepa­le­si­sche Poli­zei die Schau­lus­ti­gen. Doch wie­der schnüf­feln die Hunde ver­ge­bens. Das Klop­fen ist nicht mehr zu hören. So bre­chen wir schließ­lich end­gül­tig ab. Nach dem Besuch eines Klos­ters, das kaum zer­stört ist, machen wir uns wie­der auf den Rück­weg. Sektor J haben wir erkundet.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Basislager wartet schon unser Team­lei­ter Ira­kli West. „Für uns ist der Ein­satz vorbei“, sagt er. „Die Such- und Ret­tungs­phase wurde für been­det erklärt. Jetzt geht es um die Ber­gung von Lei­chen, das ist nicht unsere Auf­gabe.” Ich hatte mich vor diesem Einsatz natürlich mental auf den Anblick von Toten vorbereitet. Retter, die nach dem furchtbaren Erdbeben vor fünf Jahren in Haiti waren, hatten mir von ihren Erlebnissen damit erzählt. Am Ende wird einen aber nichts auf diese Erfahrungen vorbereiten können. Ich bin erleichtert, dass mir das erspart geblieben ist. Schon morgen soll es nach Hause gehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Freitagmorgen. In einem Lastwagen des saudi-arabischen Teams und einem nepalesischen Militär-Laster fahren wir zum „Tribhuvan International Airport“, dem Flughafen in Kathmandu. Nach 24 Stunden Wartezeit hebt der Airbus endlich ab &#8211; und damit fällt auch die Anspannung von mir.</p>
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		<title>Gelobte, unbekannte Heimat</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 02 Nov 2014 21:44:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Nepal]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Tibet]]></category>
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					<description><![CDATA[In Nepal leben rund 20.000 tibetische Flüchtlinge und deren Nachkommen. Viele von ihnen ohne Dokumente, ohne Rechte und ohne Tibet jemals gesehen zu haben. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/gelobte-unbekannte-heimat/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>In Nepal leben rund 20.000 tibetische Flüchtlinge und deren Nachkommen. Viele von ihnen ohne Dokumente, ohne Rechte und ohne Tibet jemals gesehen zu haben.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Lobsang Tsering ist ein ernster, junger Mann. Der 36-Jährige mit dem akkurat frisierten Haar und der randlosen Brille antwortet kurz und präzise, seine Worte wählt er mit Bedacht. Nur wenn er über den Umgang der chinesischen Regierung mit Tibetern spricht, hebt er die Stimme. Dann ahmt er das Geräusch von Schüssen nach und demonstriert, wild gestikulierend, wie Polizisten mit Schlagstöcken gegen Demonstranten vorgehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Lobsang ist einer von rund 20.000 Exiltibetern, die heute im südlichen Nachbarland Nepal leben. Seine Eltern waren Teil der ersten großen Flüchtlingswelle, die 1959 – neun Jahre nach dem Einmarsch der chinesischen Armee – das Land verließ. 80.000 Tibeter folgten ihrem Oberhaupt, dem Dalai Lama, damals ins Exil. Die meisten nach Indien; andere, wie Lobsangs Eltern, gingen nach Nepal. Lobsang wurde in der Hauptstadt Kathmandu geboren, ging in eine tibetische Schule, später schloss er sich einem Kloster an. 2002 zog die Klostergemeinschaft nach Pokhara, in den Norden des Landes. Heute ist Lobsang ihr Sekretär, verwaltet die Finanzen und organisiert die Aktivitäten der Klosterschule, die 90 Schüler im Alter von sechs bis 18 Jahren beherbergt.</p>
<p style="text-align: justify;">„Ich habe in Nepal keine Rechte“, erklärt er, während er über das Schulgelände führt. „Ich darf kein Land kaufen, nicht wählen gehen und nicht einmal Auto fahren“. Der Grund: Lobsang hat keine offiziellen Dokumente. Weil er Bürger eines Staates ist, der international nicht anerkannt wird. Bestechung oder eine Heirat mit einer Nepalesin wären für ihn die einzigen, wenn auch vagen Möglichkeiten auf einen nepalesischen Pass gewesen – Möglichkeiten, die für ihn nicht in Frage kamen. Lobsang ist verheiratet, hat zwei Kinder. Auch seine Frau ist Nachfahre tibetischer Flüchtlinge. Darauf legt er Wert.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-2642-1" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-2642-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-2642-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-2642-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="12000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel3_nrpal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In Tashi Palkhiel, der ältesten tibetischen Siedlung bei Pokhara, verteiben sich die Einheimischen ihre Zeit mit Karten spielen. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule1_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description"> Die Pem Tsal Sakya-Klosterschule in Pokhara. Hier leben und lernen etwa 90 Schüler. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule2_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Kinder in der Klosterschule sind im Alter von sechs bis 18 Jahren. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule3_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der Koch der Klosterschule verpflegt die 90 Schüler. © Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/LobsangTsering_nepal_Luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Lobsang Tsering, Sekretär der Pem Tsal Sakya-Klosterschule, ist Exiltibeter und lebt in Nepal ohne offizielle Dokumente. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/LamoNamgang_nepal_Luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Lamo Namgang floh als Kind aus Tibet nach Nepal. © Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_6_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Tashi Palkhiel ist eine Siedlung bei Pokhara. Hier leben etwa 1000 Exiltibeter. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_4_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das Viertel entstand Anfang der 1960er Jahre, zunächst als provisorisches Zeltlager. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_5_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mit nationaler und internationaler Hilfe wurde aus Tashi Palkhiel eine feste Siedlung. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Stupa_in_Bodnath_bei_Kathmandu_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das Herz der tibetischen Gemeinschaft in Kathmandu: Der Stupa von Bodhnath, einer der größten in der Welt. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kloster_bei_TashiPalkhiel_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kathmandu_nepal_luebbe_haeuser.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kathmandu_2_Nepal_Luebbe_menschenmenge.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der alltägliche Wahnsinn: Straßenszene aus Kathmandu ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-2642-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel3_nrpal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule1_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule2_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule3_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/LobsangTsering_nepal_Luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/LamoNamgang_nepal_Luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_6_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_4_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_5_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Stupa_in_Bodnath_bei_Kathmandu_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kloster_bei_TashiPalkhiel_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kathmandu_nepal_luebbe_haeuser-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kathmandu_2_Nepal_Luebbe_menschenmenge-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<p style="text-align: justify;">Nach Angaben des UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, besitzt mindestens die Hälfte der Exiltibeter in Nepal keine Dokumente. Bevor 1989 der Kriegszustand über die tibetische Hauptstadt Lhasa verhängt wurde, wurden die Flüchtlinge zwar aufgenommen, die entsprechenden „refugee cards“ aber nur teilweise ausgestellt. Seit 1990 nimmt Nepal gar keine tibetischen Flüchtlinge mehr auf, Neuankömmlinge werden direkt nach Indien geleitet, in einigen Fällen, so vermuten Menschenrechtsorganisationen, sogar zurückgeschickt. Dokumente werden seitdem weder ausgestellt noch verlängert, auch nicht für die in Nepal geborenen tibetischen Nachkommen. Und so sitzen Menschen wie Lobsang bis heute in Nepal fest. Ohne Papiere können sie nicht reisen – und damit auch nicht nach Tibet zurückkehren.</p>
<h2 style="text-align: left;">Das bestimmende Gefühl ist Aussichtslosigkeit</h2>
<p style="text-align: justify;">Lamo Namgang dürfte zurück, sie hat einen nepalesischen Pass. Aber sie will nicht. Nicht so lange die Chinesen in Tibet an der Macht sind. Die 65-Jährige wurde in Lhasa geboren. Ihre Eltern starben kurz nach dem Einmarsch der chinesischen Armee. Und so machte sie sich 1959 allein mit ihren zwei Brüdern und zwei Schwestern auf den beschwerlichen Weg über das Himalaya-Hochland. Zwei Monate habe die Flucht gedauert. „Wir waren Kinder und haben uns ständig verlaufen“, sagt sie. Drei Jahre ging sie in Nepal zur Schule, dann fing sie an, zu sticken und zu weben. Heute verkauft sie selbstgestrickte Socken und Mützen auf einem Marktplatz unweit von Lobsangs Klosters, im Herzen von Tashi Palkhiel, der ältesten der vier tibetischen Siedlungen bei Pokhara. Das Viertel entstand Anfang der 1960er Jahre, zunächst als provisorisches Zeltlager; mit nationaler und internationaler Hilfe, unter anderem der Schweizer Regierung, wurde daraus eine feste Siedlung. Rund 1000 Menschen leben heute hier, in kleinen pittoresken Häusern mit weißen Fassaden. Es ist sauber und gepflegt. Und doch, hört man sich hier um, ist das bestimmende Gefühl Aussichtslosigkeit.</p>
<p style="text-align: justify;">„Wir gelten in Nepal als Menschen zweiter Klasse“, sagt Tenzin Urgyen, ein 23-jähriger kräftiger Mann mit tätowierten Oberarmen und Dreadlocks, der mit seinen Freunden ein paar Meter weiter Fußball spielt. Sein Vater wurde in Tibet geboren, seine Mutter kam auf der Flucht nach Nepal zur Welt. Er selbst wurde hier geboren, in Tashi Palkhiel. Zehn Jahre ging er in eine tibetische Schule. Heute arbeitet er, wie viele seiner Freunde, ohne offizielle Genehmigung in einem Restaurant, verkauft Souvenirs in den Bergen. „Es gibt nur wenige junge Tibeter, die studieren können. Unsere Jobaussichten sind schlecht. Ohne Papiere hat man keine Chance“, sagt der junge Mann. Aber Tenzin lehnte sich auf. Als es im März 2010 zu Protesten in Kathmandu kam, waren auch er und seine Freunde dabei – und wurden inhaftiert. Seitdem habe es Hungerstreiks und eine steigende Zahl von Selbstverbrennungen gegeben, öffentliche Demonstrationen aber seien die Ausnahme. Zu groß sei die Furcht vor Repressionen, im Land herrsche „ein Klima der Angst“.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Eindruck, den Kai Müller, Geschäftsführer der International Campaign for Tibet (ICT) in Deutschland, bestätigt: „Die Situation der Tibeter in Nepal hat sich drastisch verschlechtert, insbesondere im Zuge der 2008 ausgebrochenen Unruhen in Tibet.“ Müller spricht von Einschränkungen der Versammlungs-, Religions- und Meinungsfreiheit. So sei es Exiltibetern unter anderem verboten, den Geburtstag des Dalai Lama öffentlich zu feiern und tibetische Riten zu zelebrieren. Auch staatliche Überwachung und willkürliche Verhaftungen hätten zugenommen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Leben in der „Sandwich-Situation&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Problem ist Nepals geographische und politische Lage – die „Sandwich-Situation“, wie Gopal Krishna Siwakoti, Präsident der nepalesischen Menschenrechtsorganisation INHURED international, es nennt: „Das kleine Land Nepal liegt eingeklemmt zwischen zwei großen Nationen, China und Indien. Wenn Nepal die tibetischen Flüchtlinge anerkennt und ihre Rechte stärkt, ist das ein deutlicher Schlag gegen die chinesische Regierung. Daher schreckt unsere Regierung davor zurück.“ Immer wieder lasse die Führung in Peking verlauten, dass sie keine pro-tibetischen Strömungen in Nepal toleriere. Siwakoti spricht von „allen Arten von politischen Drohungen“, die China auf Nepal ausübe. „Wir sind von China abhängig, sowohl finanziell als auch politisch. Unsere Regierung demonstriert mit ihrer Politik immer wieder, dass Nepal nicht stark genug ist, um unabhängig zu existieren.“ Indien hingegen, wo heute die meisten Exiltibeter leben, wolle die ohnehin schon komplizierten Beziehungen zu China nicht noch weiter belasten.</p>
<p style="text-align: justify;">Und so geraten Menschen wie Tenzin zwischen die Mühlen dreier Staaten – gefangen in für sie fremden Ländern. Denn obwohl Tenzin Tibet nie gesehen hat, ist es für ihn doch sein Heimatland. Freundschaftliche Kontakte zu den nepalesischen Nachbarn bestünden zwar, tiefe Bindungen aber gebe es nicht. Die scheiterten nicht zuletzt aufgrund der Sprachbarriere; Tenzin spricht Tibetisch, sein Nepalesisch ist bruchstückhaft. Ob er Wünsche hat? Nur zurück nach Tibet, sagt er. Das habe er schon in der Kindheit so gelernt.</p>
<h2 style="text-align: left;">„Wir sollten den Nepalesen dankbar sein“</h2>
<p style="text-align: justify;">Aber es geht auch anders. Keine 200 Kilometer entfernt, in Kathmandu, ist der Ton schon gemäßigter. „Ich bin hier geboren und lebe hier – also bin ich auch Nepalese“, sagt Tashi Tsering im Garten seines Shechen Guest Houses. Der 36-jährige Hotelier ist groß und stämmig, hat buschiges, wildes Haar, seine Hände sind ständig in Bewegung, wenn er spricht. Auch Tashi ist Nachfahre tibetischer Flüchtlinge, aber einer mit nepalesischem Pass.</p>
<p style="text-align: justify;">Tashi hatte Glück. Seine Siedlung, Jorpati Khampa, habe sich in den 1970ern „gut gestellt“ mit der nepalesischen Regierung, habe den Kontakt gesucht, sich engagiert, sagt er. Und so erhielten die meisten Bewohner nepalesische Pässe. Viele von ihnen hätten heute gut bezahlte Jobs, die Siedlung stehe finanziell deutlich besser da, als viele andere tibetische Enklaven im Land. Aber das hatte seinen Preis: In der tibetischen Gemeinschaft sei der Kurs der Siedlung damals nicht gern gesehen worden. Tashi spricht von Spannungen mit anderen Siedlungen in Nepal, aber auch mit der tibetischen Exilregierung in Indien. Viele hätten die Siedler als „Verräter“ am Heimatland gesehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Tashi indes fühlt sich angekommen in Nepal. Er ist verlobt mit einer Nepalesin, hat Arbeit, kann reisen. „Wir sollten den Nepalesen dankbar sein“, sagt er. „Immerhin haben sie uns aufgenommen und wir bezahlen nichts für das Land, auf dem wir leben“. Er sieht Kooperation als einzigen Weg: Sich im Land zu engagieren – und zu integrieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch Kai Müller von der ICT (International Campaign for Tibet) spricht von den „historisch engen Bindungen zwischen Tibet und Nepal“. Die derzeitige, von Misstrauen geprägte Beziehung beider Völker sei eine „Anomalie“. Doch so lange Nepal wirtschaftlich und politisch von China abhängig bleibt und China die Forderung der tibetischen Exilregierung nach Autonomie der tibetischen Gebiete ablehnt, wird sich daran vermutlich wenig ändern.</p>
<p style="text-align: justify;">Und so bleibt den Exiltibetern nur die Möglichkeit, sich mit der Situation zu arrangieren. Jeder auf seine Weise. So unterschiedlich ihre Ansichten dabei auch sind, in einem sind sie sich jedoch einig: in der Verurteilung der unrechtmäßigen Aneignung Tibets durch die Chinesen. Das sieht der traditionsbewusste Schulsekretär Lobsang aus Pokhara so, und das sieht der gut integrierte Hotelier Tashi aus Kathmandu so. Und so sahen sie das auch schon früher. Die beiden gingen gemeinsam zur Schule. Sie sind Freunde, seit Jahren schon.</p>
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