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	<description>Magazin für Reportagen</description>
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	<title>Flüchtlinge &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Flucht als Dauerzustand</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Sep 2015 06:28:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgerkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
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		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
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					<description><![CDATA[Anderthalb Jahre nach Ausbruch des ukrainischen Bürgerkrieges sitzen noch immer 1,4 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land fest. Eine Reise in die Donbass-Stadt Kramatorsk am Rande der Front.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/flucht-als-dauerzustand/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Anderthalb Jahre nach Ausbruch des ukrainischen Bürgerkrieges sitzen noch immer 1,4 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land fest. Eine Reise in die Donbass-Stadt Kramatorsk am Rande der Front.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es sei doch nur Feuerwerk, logen die Eltern, als Granaten hinter dem Zug einschlugen. In der sprichwörtlich letzten Minute war Familie Tratschuk den Kämpfen um Luhansk entkommen. Alles hatte schnell gehen müssen. Rasch noch von den Nachbarn verabschieden, die trotz der Gefahr bleiben wollten. Würden sie auf die beiden Katzen und die Schildkröte aufpassen? Danke und passt auf euch auf!, fielen sie sich beim Abschied in die Arme. Dann schnell zum Bahnhof, den Zug nach Kiew erwischen. Die Zwillinge schrien. Veronika und Viktoria, acht Jahre alt, leiden unter frühkindlichem Autismus. Im Gleichklang schlugen sie panisch die Hände über dem Kopf zusammen – wie immer, wenn eine Kleinigkeit von ihrer täglichen Routine abwich, etwa eine neue Jacke. Bei der Flucht vor Granatangriffen wirkte die Geste seltsam untertrieben.</p>
<p style="text-align: justify;">„Feuerwerk kennen sie und der Gedanke hat sie beruhigt“, sagt Mutter Julia, die die Geschichte in der Sicherheit des Caritas-Büros in Kiew erzählt, wo die Familie psychologisch betreut wird. Kuscheltiere und bunte Stifte für die Maltherapie liegen herum. Seit jenem Julitag im vergangenen Jahr leben die Tratschuks bei Verwandten in der 800 Kilometer entfernten Hauptstadt der Ukraine.</p>
<h2 style="text-align: justify;">2,3 Millionen auf der Flucht</h2>
<p style="text-align: justify;">Sie sind mit ihrem Schicksal nicht allein. Nach <a href="http://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/ocha_ukraine_situation_update_number_7_14_august_2015.pdf" target="_blank">Angaben der Vereinten Nationen</a> mussten rund 2,3 Millionen Menschen wegen der Kämpfe zwischen ukrainischen Regierungstruppen und pro-russischen Separatisten das Donbass verlassen. 925.000 gingen ins Ausland, 1,4 Millionen blieben in der Ukraine. Viele haben Unterschlupf bei Verwandten oder Freunden in sicheren Teilen des Landes gefunden. Die meisten aber harren am Rande der Konflikzone aus. Bald würde wieder Frieden sein, hatten viele gehofft. Doch inzwischen sind schon 19 Monate vergangen. Die Waffenruhe ist brüchig. Immer wieder kommt es zu Gefechten. Eine politische Lösung ist nicht in Sicht.</p>
<p style="text-align: justify;">An das ferne Echo von Gewehrfeuer hat man sich auch in Kramatorsk gewöhnt, einer 160.000-Einwohner-Stadt direkt an der Frontlinie. Wie graue Riesen erheben sich die Umrisse von Plattenbauten in die Dunkelheit, ihre Fenster hängen wie grimmige Augen über den Straßen. Wir befinden uns hier noch auf ukrainischem Gebiet. Aber keine 80 Kilometer südlich thronen schon die ebenso grauen Plattenbauten der &#8222;Volksrepublik Donezk&#8220;. Und 130 Kilometer östlich die der &#8222;Volksrepublik Luhansk&#8220;. Es spielt keine Rolle, dass kein Staat der Welt die selbsternannten Republiken der Separatisten anerkennt. In der umkämpften Donbass-Region zählt nur die durch Waffengewalt geschaffene Realität.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-13.jpg" data-caption="Ukrainische Sprengstoff-Experten entschärfen Blindgänger nach Gefechten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-10.jpg" data-caption="Dieses Haus bei Slowjansk ist zerbombt und das Garagentor von Kugeln durchlöchert." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-9.jpg" data-caption="Ein Haus bei Slowjansk nach Gefechten zwischen Separatisten und ukrainischer Armee." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-11.jpg" data-caption="Durch Blindgänger sterben auch lange nach Ende der Gefechte noch Menschen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-14.jpg" data-caption="Familie Tratschuk mit den autistischen Zwillingen in der Sicherheit des Kiewer Caritas-Büros." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-15.jpg" data-caption="Viktoria leidet wie ihre Zwillingsschwester Veronika an frühkindlichem Autismus. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-6.jpg" data-caption="Lilja und drei ihrer sieben Kinder in der Flüchtlingsunterkunft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg" data-caption="Priester Wasyl Iwanjuk rast in seinem roten Lada durch die Stadt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-4.jpg" data-caption="Natalia übt täglich mit ihrer Geige." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-16.jpg" data-caption="Eine Spielzeugpuppe in einer Flüchtlingsunterkunft in Kiew." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-8.jpg" data-caption="Ein zerstörtes Haus bei Slowjansk." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Markus Huth</p></div>
<h2 style="text-align: justify;">Der Soldaten-Priester</h2>
<p style="text-align: justify;">Das begreift auch der Mann am Steuer des roten Ladas, der durch die Straßen von Kramatorsk rast, als wolle er einer Gewehrkugel entkommen. Priester Wasyl Iwanjuk koordiniert für die Caritas die Flüchtlingshilfe vor Ort. Bei jedem Schlagloch stößt sein samtroter Klerikerhut fast an die Decke. Trotzdem nimmt der Priester den Fuß nicht vom Gaspedal. Auch den Gurt legt er nie an. „Langsame Ziele sind leichter zu treffen und unangeschnallt komme ich aus einem brennenden Fahrzeug besser raus“, sagt Iwanjuk. Der 48-Jährige weiß, wovon er spricht. Denn bevor er ein Mann Gottes in der ukrainisch griechisch-orthodxen Kirche wurde, war er Oberstleutnant in der Roten Armee gewesen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vielleicht geriet er deshalb nicht in Panik, als ihn Separatisten an einem Checkpoint aus dem Auto zerrten und mit vorgehaltener Waffe mit dem Tod bedrohten. Weil er Katholik sei und aus dem westukrainischen Lwiw stamme, hätten die pro-russischen Kämpfer ihn als „ukrainischen Nationalisten“ erschießen wollen, erinnert sich Iwanjuk.</p>
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                               title="Priester Wasyl Iwanjuk">
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                                Priester Wasyl Iwanjuk
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<h2 style="text-align: justify;">„Wer mehr geleistet hat, soll mich erschießen“</h2>
<p style="text-align: justify;">Er habe in die Gewehrläufe erwidert, dass er seit 23 Jahren im Donbass lebt, hier sechs Kirchen gegründet, vier Kinder großgezogen und zwei Häuser gebaut hat. Und forderte schließlich: „Wer mehr geleistet hat, soll mich erschießen.“ Daraufhin hätten die verdutzten Kämpfer ihn ziehen lassen. Natürlich hat er ihnen verschwiegen, dass einer seiner Söhne für die ukrainische Armee an der Front kämpft. Und dass er diesen regelmäßig dort besucht und seine Einheit vor Einsätzen segnet. Ihren Kampf hält Iwanjuk für gerecht, weil sie ihre Heimat verteidigen. Den Krieg in ein fremdes Land zu tragen, sei hingegen Sünde.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Wir sind da&#8220;, sagt Iwanjuk, biegt links ab und parkt in einem finsteren Hof, umstellt von Plattenbau-Riesen, die nun weniger bedrohlich, als schützend wirken. Hier hat der Priester eine der vielen Familien untergebracht, die vor dem Bürgerkrieg geflüchtet sind. Widerwillig rumpelt der klapprige Fahrstuhl in den vierten Stock. Was beim Bau der Hochhäuser in den 70er-Jahren noch neueste Technik war, wirkt heute wie ein archäologisches Artefakt. Ostukraine, Westukraine, Russland: damals nur nebensächliche Etiketten. Alle waren Sowjets. Vom ukrainischen Lwiw im Westen bis ins russische Wladiwostok im Osten erstreckte sich die Sowjetunion, mit über 22 Millionen Quadratkilometern eines der größten Staatsgebiete, die die Welt je gesehen hat. Und die sowjetische Propaganda feierte die kohlereiche Donbass-Region als ihr industrielles Herz.</p>
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                               title="Lilja und ihre beiden jüngsten Kinder">
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                                Lilja und ihre beiden jüngsten Kinder
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<p style="text-align: justify;">Diese stolze Zeit des Donbass kennt die Frau, die nun die Tür öffnet, nur noch aus den Geschichten der Eltern. Grau ist Liljas Haut, grau das Kopftuch, das die dunkelblonden Haare zusammenhält, grau auch der Pullover. Sie sieht älter aus als die 34 Jahre, die sie ist. So als hätten die Strapazen der vergangenen Monate ihr die Farbe entzogen. Als die Sowjetunion in einzelne Teilstaaten zerfiel, war Lilja zehn Jahre alt. Und in der neuen Ukraine feierte niemand mehr das Donbass. Stattdessen wurde es zum Inbegriff für Misswirtschaft, Massenentlassungen und Perspektivlosigkeit.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Bomben im Oktober</h2>
<p style="text-align: justify;">Lilja kann ihre Landsleute in den Separatisten-Gebieten verstehen, die wieder auf bessere Zeiten für das Donbass an der Seite Russlands hoffen. Ihr Mann schlug sich im Heimatdorf Makijiwka als selbstständiger Metallhändler durch. Sie kümmerte sich um den Haushalt und die sieben Kinder. „Wir hatten nicht viel zum Leben, aber es hat gereicht. Wir wollten nicht gehen“, sagt sie. Doch dann schlugen im Oktober Bomben ein. Weil sie in der Nähe des Donezker Flughafens wohnten, sei ihr Dorf ins Visier der ukrainischen Artillerie geraten. Ein Bekannter fuhr die Familie nach Kramatorsk. Am Ende fühlte sie sich der Ukraine dann doch näher als Russland.</p>
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<p style="text-align: justify;">Und während Lilja die Geschichte ihrer Flucht erzählt, erklingt aus dem Nebenzimmer Geigenmusik. Die fünfzehnjährige Tochter Natalia ist froh, dass sie das Instrument aus dem Elternhaus retten konnte. So wie ihre Schwester das Cello. „Das Piano mussten wir leider zurücklassen. Die Kinder sind alle sehr musikalisch und üben täglich“, sagt die Mutter stolz. Auf dem Arm hält sie das jüngste ihrer sieben Kinder. Kurz bevor es geboren wurde, war der Bürgerkrieg ausgebrochen. „Bevor das alles passiert ist“, sagt sie, „dachte ich, dass Ukrainer und Russen Brüder und Schwestern sind. Ich wünsche mir einfach nur Frieden.“</p>
<p style="text-align: justify;">„Was ist mit dem Licht im Schlafzimmer los?“, fragt der Priester. Es gehe schon eine Weile nicht mehr, antwortet Lilja. Es ist eng in der Zweizimmerwohnung, es gibt nur wenige Möbel, im Schlafzimmer liegt eine Matratze auf dem Boden. Iwanjuk macht eine Notiz, verabschiedet sich und eilt, begleitet von Natalias Geigenmusik, hinunter zum roten Lada. Er sagt, dass es inzwischen 40.000 Flüchtlinge in Kramatorsk gebe, das nur viermal mehr Einwohner hat. Die Mittel reichten aber nur für gut 1.500 Bedürftige.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Geringe Spendenbereitschaft</h2>
<p style="text-align: justify;">Zurück in Kiew räumt der ukrainische Caritas-Präsident, Andrij Waskowycz, ein: „Wir sind vom Ausmaß der humanitären Krise überrascht worden“. Der Mann mit der dezenten Brille, im dunklen Anzug, gescheiteltes, weißes Haar, wirkt wie ein Professor und sitzt in einem Restaurant, in dem die Kellner westukrainische Trachten tragen. Um die Ecke liegt der Majdan, jener zentrale Platz, wo alles begann: die Unruhen oder der Freiheitskampf, je nach Perspektive. Waskowycz sagt, das Hilfsbudget von zwei Millionen Euro, größtenteils finanziert vom deutschen Staat, reiche hinten und vorne nicht. Die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung sei gering, auch in Deutschland. Andere Hilfsorganisationen klagen ebenfalls über zu wenig Mittel. 316 Millionen Dollar brauchen die Vereinten Nationen von den Mitgliedsstaaten für die Hilfe in der Ukraine, nur gut ein Drittel davon haben sie erhalten. Am dringendsten ist die Lage laut UN-Helfern vor Ort innerhalb der Separatisten-Gebiete, wo die medizinische Versorgung teilweise zusammengebrochen sei.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Grund für die Spendenunwilligkeit sind die fehlenden Bilder der Not. Denn trotz des Flüchtlingsansturms werden die ukrainischen Städte nicht von Obdachlosen oder hungernden Bettlern überflutet. Die ukrainische Zivilgesellschaft, meint Waskowycz, sei stark und habe die größte Not zunächst aufgefangen. Die Weltöffentlichkeit nehme den Konflikt deshalb eher als politisches Problem, statt als humanitäre Katastrophe war. Dass im Donbass ganze Felder vermint sind und immer noch Menschen durch Blindgänger sterben, ist den wenigsten bekannt. Die Zahl der Toten des Konflikts von bisher wenigstens 6.800 steigt auch wegen der gelegentlichen Scharmützel an der Frontlinie weiter. Der Caritas-Mann warnt: je länger der Konflikt dauere, desto mehr würden die Heimatlosen für das ganze Land zum Problem. Es drohe gar eine weitere Destabilisierung der ukrainischen Gesellschaft.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Weitere Destabilisierung droht</h2>
<p style="text-align: justify;">Das spürt auch Familie Tratschuk mit den autistischen Zwillingen, die nach ihrer Flucht aus Luhansk bei Verwandten in Kiew Obdach gefunden haben. Im vergangenen Sommer sei die Atmosphäre ihnen gegenüber noch voller Hilfsbereitschaft gewesen, berichtet Vater Oleg, der als Journalist arbeitet. Inzwischen gelten die Flüchtlinge aber als Konkurrenten um Arbeitsplätze und Wohnraum. Und während die Armee westukrainische Männer zum Wehrdienst einzieht und an die Front schickt, kommen junge Männer aus dem Osten und erhalten als Flüchtlinge staatliche Zuwendung. Auch die Tratschuks haben einen gesunden Sohn, Wladyslaw ist 17 und wird bald im wehrdienstfähigen Alter sein. „Ich habe Angst, dass er an die Front muss“, sagt Mutter Tatjana. Sie hätten manchmal das Gefühl, dass die Westukrainer ihre Landsleute aus dem Donbass als Verräter wahrnehmen. Wie konnten sie es nur zulassen, dass die Separatisten so stark werden?</p>
<p style="text-align: justify;">Auch wegen dieses Stigmas sind die meisten Flüchtlinge nicht weit nach Westen gezogen, sondern harren in frontnahen Städten wie Kramatorsk aus. So wie Lilja und ihre sieben Kinder, die schnellstmöglich ins Dorf Makijiwka zurückkehren wollen und hoffen, dass das Haus noch steht. Ob das Piano noch unversehrt ist?, fragt Natalia und setzt die Geige wieder ans Kin. Sie alle warten weiter auf Frieden. Und während sie warten, rast durch die graue Plattenbau-Landschaft von Kramatorsk des Priesters roter Lada.</p>
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																			<div class="aesop-stacked-caption">Priester Wasyl Iwanjuk rast in seinem roten Lada durch die Stadt.</div>
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								<style>#aesop-stacked-img-5087{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg);}  @media screen and (min-width:768px){#aesop-stacked-img-5087{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-1250x833.jpg);}}   @media screen and (min-width:1200px){#aesop-stacked-img-5087{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg);}}  </style><p class="aesop-component-caption">Foto: Markus Huth</p></div>
<p style="text-align: center;"><em>Transparenzhinweis: Unser Autor Markus Huth war im Donbass mit der Hilfsorganisation <strong><a href="http://weltseher.de/flucht-als-dauerzustand/" target="_blank">Caritas International</a></strong> unterwegs, die Teile der Reisekosten getragen hat.</em></p>
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		<title>„Wir haben nichts!&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 Jul 2015 21:32:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serbien]]></category>
		<category><![CDATA[EU]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlingspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[NGO]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Ort Preševo in Serbien erlebt derzeit einen Flüchtlingsansturm. Die Menschen weichen hierher aus, weil das EU-Land Bulgarien seine Grenzen dicht macht. Niemand in der Kleinstadt ist darauf vorbereitet. Die humanitären Umstände sind entsprechend verheerend.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wir-haben-nichts/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Ort Preševo in Serbien erlebt derzeit einen Flüchtlingsansturm. Die Menschen weichen hierher aus, weil das EU-Land Bulgarien seine Grenzen dicht macht. Niemand in der Kleinstadt ist darauf vorbereitet. Die humanitären Umstände sind entsprechend verheerend.</strong></p>
<p style="text-align: left;">Das ist also der Arsch der Welt“, sagt mein guter Freund Daniel und schüttelt ungläubig mit dem Kopf. Wir waren nach Preševo in Südostserbien gekommen, um einen ehemaligen Kommandanten der albanischen Untergrundarmee UÇK zu interviewen. Die Kleinstadt wirkte wie ausgestorben, wie eine verlassene Westernstadt inmitten der ärmsten Region Serbiens. Einer jener Orte, in dem die braunen Ziegelmauern Ohren haben und marodierende Kinderbanden mit großen Augen hinter den Ecken lauern und einen auf Schritt und Tritt beschatten. Ich war froh, als wir den Ort wieder verlassen konnten. Das war vor einigen Wochen.</p>
<p style="text-align: left;">Nun ist es Anfang Juli und ich schlucke ordentlich als eine serbische Kollegin mir rät: „Fahr nach Preševo. Da ist im Moment die Hölle los.“ Die 35.000-Seelen-Gemeinde solle seit rund zwei Wochen einem Flüchtlingslager gleichen. Immer mehr Menschen wählen die Route über Südserbien, um nach Mitteleuropa zu gelangen. Der Grund: Die Sicherheitsvorkehrungen an der nahegelegenen bulgarischen Grenze werden permanent verschärft. Ein Durchkommen ist dort kaum noch möglich.</p>
<h2 style="text-align: left;">Flüchtlings-Kolonnen</h2>
<p style="text-align: left;">Gemeinsam mit Mitarbeitern der serbischen NGO „Centar E8“ will ich die Situation begutachten. Schon auf der Schnellstraße sehen wir die ersten Kolonnen. Große Gruppen marschieren von Preševo aus nach Nordserbien. Sie tragen kaum Gepäck – nur ihre Schlafsäcke am Gürtel. Die Frage nach dem Weg erübrigt sich. Ein junger Mann schwenkt bereits die Handfläche, wie die Kelle eines Verkehrspolizisten, als wir die Scheibe herunterlassen und zeigt unmissverständlich in Richtung Zentrum, in Richtung Polizeistation. Wir parken den Wagen unweit der Moschee. Als wir aussteigen, ruft der Muezzin auffallend leiernd zum Gebet. „Das kommt nur vom Band. Mehr kann man sich hier nicht leisten“, sagt eine meine Begleiterinnen.</p>
<p style="text-align: left;">In den Straßen rund um die Polizeistation bestätigen sich die Berichte meiner Kollegin. Hunderte Männer, Frauen und Kinder – vorwiegend aus dem Mittleren Osten sowie Nord- und Zentralafrika – hocken auf den Bordsteinen oder direkt auf der Straße und warten auf ihre Dokumente für die Weiterreise in Richtung Ungarn.</p>
<p style="text-align: left;">Überall liegt Müll. Leere Plastikflaschen und Verpackungen füllen den Straßengraben. Die Massen drängen sich dazwischen unter den Bäumen, um Schutz im Schatten zu finden. Einige hängen mit allen vier Gliedmaßen am Zaun der Polizeistation und versuchen mit der Handvoll Polizisten zu verhandeln, die das Gelände vor der Stürmung sichern. Die Beamten reagieren nicht, sie tragen Mundschutz, wie man ihn aus Krankenhäusern kennt, und Gummihandschuhe.</p>
<div id="aesop-gallery-4803-3"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4803" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-17-von-26.jpg" data-caption="Bis zu 600 Flüchtlinge erreichen Preševo am Tag und harren bis zu drei Tage vor der Polizeistation aus, bevor sie ihre Dokumente zur Weiterreise bekommen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-24-von-26.jpg" data-caption="Die meisten Flüchtlinge stammen aus dem Mittleren Osten und Afrika. Sie hoffen auf Sicherheit und ein besseres Leben in Mitteleuropa." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-5-von-26.jpg" data-caption="Muhammed aus Damaskus versucht mit seiner siebenköpfigen Familie, Deutschland zu erreichen und hofft, Preševo möglichst schnell verlassen zu können." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-12-von-26.jpg" data-caption="Vor dem Zaun warten die Flüchtlinge, um sich von der Polizei Dokumente zur Weiterreise ausstellen zu lassen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-3-von-26.jpg" data-caption="Die Nummern auf den Handrücken der Flüchtlinge sind die Eintrittskarte auf den Innenhof der Polizei." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-16-von-26.jpg" data-caption="Ein Polizist trägt Mundschutz." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-1-von-26.jpg" data-caption="Der Albaner Agon Ajeti versucht, den Flüchtlingen so gut es geht zu helfen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-6-von-26.jpg" data-caption="In abrissfertigen Häusern schlafen die Flüchtlinge auf Pappe, Decken und dem nackten Boden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-8-von-26.jpg" data-caption="Diese zwei Wasserkanister des Serbischen Roten Kreuzes können die Flüchtlinge nur unzureichend versorgen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-11-von-26.jpg" data-caption="Die Stadtbewohner stellen eine Wasserleitung zur Verfügung." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-22-von-26.jpg" data-caption="Zwei Flüchtlingskinder erfrischen sich. Die Temperaturen Anfang Juli betragen weit über 30 Grad Celsius." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-4-von-26.jpg" data-caption="Der Palästinenser Rodi will ebenfalls nach Deutschland. Zu Fuß möchte er die Grenze nach Ungarn überqueren. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-19-von-26.jpg" data-caption="Flüchtlinge warten zwischen Müll." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Hauke Heuer</p></div>
<h2 style="text-align: left;">Die Nerven liegen blank</h2>
<p style="text-align: left;">Wir treten mit halb gehobenen Händen durch das Tor und suchen das Gespräch mit dem ranghöchsten Uniformträger. Der zeigt sofort mit dem Finger entgegen unserer Laufrichtung. Wir diskutieren, fragen nach konkreten Zahlen. „Bis vor ein paar Wochen sind hier 20 bis 30 Personen am Tag aufgetaucht. Heute registrieren wir bis zu 600 Menschen täglich“, nuschelt der Polizist durch seinen Mundschutz und schiebt uns bestimmt Richtung Ausgang. „Wie ist die Situation?“, fragt meine serbische Begleiterin. „Wir sind zu wenige und vollkommen überfordert. Das sehen sie doch!“, antwortet der Beamte denkbar patzig und schließt mit einem lauten Knall hinter uns das Tor. Die Nerven liegen blank.</p>
<p style="text-align: left;">Wieder auf der Straße wird die Überforderung sichtbar – es geht einfach nichts voran. Lange Schlangen bilden sich vor einem provisorischen Büro gegenüber der Polizeistation. Nummern werden mit schwarzer Tinte auf die Handrücken der Wartenden geschrieben – die Eintrittskarte für den umzäunten Hof der Polizei. Hier gibt es die eigentlichen Dokumente. Teilweise müssen die Flüchtlinge bis zu drei Tage warten bis sie das entsprechende Papier in der Hand halten.</p>
<p style="text-align: left;">Währenddessen brennt die heiße Balkansonne und die zwei einzigen großen blauen Wasserkanister sind leer. Einmal am Tag kommen die Helfer des Serbischen Roten Kreuzes und verteilen Lebensmittel. Nur ungefähr ein Drittel der Menschen erhält eine Ration. Der Rest wird auf den Folgetag vertröstet. „Wir haben nichts! Unser Essen geben wir den Kindern und den Alten“, sagt Muhammed aus Damaskus, der mit seiner siebenköpfigen Familie auf dem Weg nach Deutschland ist, um dem syrischen Bürgerkrieg zu entkommen.</p>
<h2>Berichte von Misshandlung durch mazedonische Polizei</h2>
<p style="text-align: left;">Gemeinsam mit seinem Vater und der kleinen Schwester steht Muhammed am einzigen Wasserhahn, den die Bevölkerung den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt hat und füllt Plastikflaschen auf. In Mazedonien sei es ihm noch schlimmer ergangen, berichtet er. „Die Polizei in Mazedonien hat uns einfach angehalten, mit Knüppeln geschlagen und Geld gefordert, damit sie wieder verschwinden“.</p>
<p style="text-align: left;">Insgesamt 500 Euro habe Muhammeds rund 20-köpfige Reisegruppe herausrücken müssen, um die Polizisten zu befrieden. Es ist eine unter vielen vergleichbaren Erfahrungen, von denen die Flüchtlinge aus dem Nachbarland berichten. Seit Monaten leidet Mazedonien unter innenpolitischen Konflikten und gewalttätigen Ausschreitungen. Im serbischen Preševo fühlt sich der ehemalige Architekturstudent deshalb relativ sicher.</p>
<p style="text-align: left;">Zudem ist die albanische Bevölkerung hier überwiegend muslimisch und auch die Flüchtlinge kommen meist aus muslimischen Ländern. Sie hoffen in Preševo daher auf mehr Solidarität als in den christlichen Nachbarregionen. Der albanische Serbe Agon Ajeti möchte diese Hoffnung nicht enttäuschen. „Als immer mehr Menschen in unseren Ort kamen, haben wir leerstehende Gebäude zumindest für die Familien zur Verfügung gestellt und versucht, soviel Trinkwasser und Nahrungsmittel aufzutreiben, wie wir konnten“, sagt er.</p>
<p style="text-align: left;">Ajeti führt uns durch die notdürftig mit Decken ausgelegten Abrisshäuser, die in seinem Besitz sind. Auf den nackten Betonböden liegen ein paar Decken. Nur wenn es regnet, dürfen Hunderte der Fremden in die nahegelegene Gaststätte von Fazlin Besnir, in der sonst Hochzeiten gefeiert werden.</p>
<h2 style="text-align: left;">Von serbischer Regierung allein gelassen</h2>
<p style="text-align: left;">Gemeinsam mit mehreren Männern aus Preševo sitzen wir im Saal der Gaststätte und lauschen. Sie alle sind empört, mit der Lage in ihrem Ort überfordert und fühlen sich von der serbischen Regierung, die die albanischen Gebiete traditionell links liegen lässt, allein gelassen.</p>
<p style="text-align: left;">Ajeti, ein großgewachsener junger Mann in den Dreißigern, ergreift das Wort: „Wir rufen die Europäische Union und NGOs auf, uns zu helfen. Wir brauchen einfach alles“, sagt er mit ernster Miene. Seine Mitstreiter nicken bestimmt. „Die Flüchtlinge sind unsere Brüder. Sie kommen zu uns, weil sie die Moschee sehen und wissen, dass ihnen hier geholfen wird. Und natürlich helfen wir, denn wir Albaner wissen, wie es ist, auf der Flucht zu sein“, sagt ein junger Mann und fügt kopfschüttelnd hinzu, „alles organisieren wir selber: Unterkünfte, Essen, Wasser, Windeln und Ärzte, aber unsere Kapazitäten sind überschritten. Diese Stadt ist sehr arm. Mit dieser Entwicklung hat niemand gerechnet“.</p>
<p style="text-align: left;">Wir gehen zurück zu den Flüchtlingen und suchen das Gespräch. Die Stimmung ist gespannt. Schnell sind wir von mehreren Dutzend Menschen umringt, die sich gegenseitig schubsen, wild durcheinander reden und hoffen, von uns Informationen zu erhalten, die ihre Weiterreise beschleunigen. Sie greifen nach jedem Strohhalm. Den meisten Männern sieht man die Strapazen ihrer Reise an. Sie wirken müde, ausgemergelt und rastlos.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Unser Haus ist zerbombt&#8220;</h2>
<p style="text-align: left;">Der Palästinenser Rodi spricht am besten Englisch. Sein Dorf nahe Damaskus sei von der Terrormiliz Islamischer Staat angegriffen worden. &#8222;Unser Haus ist zerbombt&#8220;, sagt er. Nun sucht er Zuflucht und ein besseres Leben in Europa. „Wir reisen in Gruppen. Nur so sind wir geschützt. Dafür dauert es Tage bis alle ihre Dokumente haben“, erklärt Rodi. Es sei nicht gut, einfach nur auf der Stelle zu sitzen und zugrunde zugehen. Er wolle einfach nur noch weiter. Nach Ungarn und von dort aus nach Deutschland. „Ich will möglichst schnell die Sprache lernen und studieren. Damit meine Familie stolz auf mich sein kann. Zurück kann ich nicht“, sagt der 26-Jährige und lüftet sein Basecap.</p>
<p style="text-align: left;">Weil ich weiß, wie man in Europa und Deutschland mit Flüchtlingen umgeht, versuche ich Rodi zu erklären, dass das nicht so leicht sein wird. Dass es wahrscheinlich schwer sein wird, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Ich ernte reihum enttäuschte Blicke. Gefolgt von Widerworten.</p>
<p style="text-align: left;">Viele der Flüchtlinge hier wurden in Griechenland registriert. Die Polizei greift die Menschen auf, meist nachdem sie die Ägäis mit einem Boot überquert haben, und nimmt Fingerabdrücke. Einen Antrag auf Asyl stellen die Flüchtlinge in Griechenland meist nicht, denn sie wollen nach Mitteleuropa. Und die Griechen lassen sie ziehen. Dass die Flüchtlinge in den mitteleuropäischen EU-Staaten aber Gefahr laufen, wieder zu den krisengeplagten Hellenen abgeschoben zu werden, ist ihnen nicht bekannt.</p>
<p style="text-align: left;">Immer mehr Menschen scharen sich um uns, während wir die europäische Flüchtlingspolitik erklären. Mehrere Männer übersetzen simultan aus dem Englischen. Doch die Flüchtlinge schütteln ungläubig mit dem Kopf. Zu groß ist ihre Hoffnung. Zu nah ist das Ziel Mitteleuropa. Sie klammern sich an ihren Optimismus.</p>
<h2 style="text-align: left;">Rote Kreuz scheint überfordert</h2>
<p style="text-align: left;">Kurz vor unserem Aufbruch bahnen sich zwei Wagen des Serbischen Roten Kreuzes ihren Weg durch die wartende Menschenmasse. Es werden Nahrungsmittel verteilt – wieder einmal zu wenig. Wir sprechen einen Helfer auf die fehlenden Zelte an – es wurden bisher nur zwei aufgestellt – und fragen nach dem Grund für die unzureichende Wasserversorgung.</p>
<p style="text-align: left;">Erst will der Helfer nicht mit uns reden und schaut weg. Wir fragen noch einmal nach. „Das wird sich morgen alles ändern. Wir tun, was wir können. Hier gibt es kein Problem“, blafft der Mann entnervt zurück – auch das Rote Kreuz scheint überfordert. Nur eines ist sicher: Die Abriegelung der EU-Grenze in Bulgarien hält die Flüchtlinge nicht auf. Sie treibt die Menschen durch eine der derzeit ärmsten und politisch instabilsten Regionen Europas. Das Elend ist vorprogrammiert.</p>
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		<title>Wir sind Rohingya</title>
		<link>https://www.weltseher.de/wir-sind-rohingya/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 May 2015 06:00:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Thailand]]></category>
		<category><![CDATA[Bangkok]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Minderheiten]]></category>
		<category><![CDATA[Muslime]]></category>
		<category><![CDATA[Myanmar]]></category>
		<category><![CDATA[Rohingya]]></category>
		<category><![CDATA[Sandra Weller]]></category>
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					<description><![CDATA[Drei bis vier Millionen Rohingya leben staatenlos im Exil. In ihrer Heimat Myanmar wird die muslimische Minderheit verfolgt. Allein seit 2012 starben Hunderte, Tausende flohen. U Kyaw Thien und seiner Frau gelang die Flucht nach Thailand – aber sie mussten mehr zurücklassen als ihr Hab und Gut.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wir-sind-rohingya/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Drei bis vier Millionen Rohingya leben staatenlos im Exil. In ihrer Heimat Myanmar wird die muslimische Minderheit verfolgt. Allein seit 2012 starben Hunderte, Tausende flohen. U Kyaw Thien und seiner Frau gelang die Flucht nach Thailand – aber sie mussten mehr zurücklassen als ihr Hab und Gut.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Für uns gibt es keinen Platz. Nirgendwo.&#8220; U Kyaw Thien senkt den Kopf und schüttet ein wenig Butter, Mehl und Wasser in eine blaue Schüssel.</p>
<p style="text-align: justify;">In einer ruhigen Seitenstraße in Bangkok leben er und seine Frau Alima in einem kleinen Zimmer. Sie wohnen dort zur Untermiete in einem einstöckigen Haus. In der von Hochhäusern geprägten, pulsierenden Metropole fallen sie nicht auf. Thailands Hauptstadt hat mehr als 14 Millionen Einwohner, niemand fragt hier, woher sie kommen. Zur Mittagszeit brennt die Sonne auf die Stadt. Trotzdem müssen U Kyaw Thien und Alima in ihrem Zimmer das Neonlicht anschalten. Der Fensterspalt ist zu schmal, um genügend Licht hereinzulassen.</p>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien ist ein ruhiger Mann Anfang fünfzig mit sanfter Stimme. Einen Longy, den traditionellen burmesischen Rock, den auch Männer tragen, hat er um seine Hüfte gebunden. Alima sitzt nicht weit von ihm auf dem Teppich. Regungslos starrt sie auf einen Stapel Fotos. Auf den Bildern ist ihre Tochter zu sehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie haben Küchenutensilien und ein paar Hängeschränke in dem kleinen Zimmer arrangiert. Decke und Kissen, auf denen sie schlafen, werden tagsüber an die Seite gelegt, Hemden und Gebetsteppiche hängen an der Wand. Der Gaskocher steht vor der Tür. Im Hintergrund flimmert ein Fernseher ohne Ton. Koffer stapeln sich in einer Ecke. Es sieht so aus, als sei hier jemand gerade erst eingezogen. U Kyaw Thien wohnt aber schon seit 17 Jahren hier. Alima ist 2012 zu ihm gekommen. Aus ihrem Heimatland Myanmar mussten sie beide fliehen; ihre Tochter konnten sie nicht mitnehmen.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-rohingya-1" style="max-width:1200px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1200:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-rohingya-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-rohingya-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-rohingya-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="12000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_Thien-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">U Kyaw Thien floh in den 90er aus Myanmar nach Thailand. Im ehemaligen Burma hätten ihn die Sicherheitsbehörden sonst eingesperrt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_frau_thien-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Alima heiratete U Kyaw Thien Mitte der 90er. Wenige Jahre später musste ihr Mann aus dem Land fliehen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_frau_reis-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Gemeinsam kochen Alima und U Kyaw Thien Reis.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_frau_lachen-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In einem kleinen Zimmer in Bangkok leben Alima und U Kyaw Thien.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_ausweis-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ausweise und die 'Weiße Karte' von U Kyaw Thien.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_stand-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Abends verkauft UKyaw Thien am Straßenrand Roti-Brot.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_stand_kunde-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mit dem Verkauf von Roti-Brot an Thailänder kann sich das Paar ein bescheidenes Leben finanzieren.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_zaun-1200x647.jpg" alt="" title="" /> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-rohingya-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1200px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_Thien-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_frau_thien-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_frau_reis-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_frau_lachen-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_ausweis-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_stand-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_stand_kunde-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_zaun-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<h2 style="text-align: justify;">Illegale Einwanderer aus Bangladesch</h2>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien und Alima wurden in einem kleinen Dorf in einer westlichen Provinz geboren, die zu dieser Zeit noch Arakan hieß. Ihre Eltern gehörten einer muslimischen Volksgruppe an, die eine eigene Sprache und Kultur pflegen – den Rohingya.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Herkunft der Rohingya ist stark umstritten. Während sie sich selbst als ursprüngliche Bewohner dieser Region betrachten, sehen viele Burmesen in ihnen illegale Einwanderer aus Bangladesch. Von ihnen werden sie nicht als Rohingya, sondern als „Bengalen“ bezeichnet.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Länder im Osten des Golfs von Bengalen wurde schon seit der Antike von arabischen Händlern besucht. Es gibt Hinweise, dass sich Rohingya bereits im 8. und 9. Jahrhundert in der buddhistisch geprägten Region niedergelassen haben könnten. Während der britischen Kolonialzeit (1823 bis 1948) wurde die Besiedlung durch Arbeiter aus dem heutigen Indien und Bangladesch intensiviert.</p>
<p style="text-align: justify;">Als Birma sich 1948 die Unabhängigkeit von den Briten erkämpfte, wurden mehr als 130 ethnische Volksgruppen Teil des Unionsstaates Birma. Die Rohingya wurden dabei nicht als eine der offiziellen Volksgruppen des Landes anerkannt- sie sollten nicht zu dem neuen Staat gehören. Nach wenigen Jahren übernahm das Militär die Macht.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Mit der Unabhängigkeit kamen die Repressionen</h2>
<p style="text-align: justify;">Schon seit 1948 litten die Rohingya unter vielfältigen und grausamen Repressionen. Heiligtümer, Infrastruktur und Siedlungsgebiete wurden zerstört, privater Boden konfisziert. Durch auferlegte Reisebeschränkungen und Sprachbarrieren wurde der muslimischen Volksgruppe der Zugang zu Schulen und Krankenhäusern erschwert. Nicht ungewöhnlich waren illegale Inhaftierungen, illegale Besteuerung, Zwangsarbeit; viele wurden gefoltert, manche getötet. Zum ersten großen Exodus kam es während einer brutalen Militäroperation im Jahr 1978, rund 200.000 Rohingya flohen damals in das benachbarte Bangladesch.</p>
<p style="text-align: justify;">Solange U Kyaw Thien denken kann, gab es die Diktatur. Er war drei Jahre alt, als sich das Militär 1962 an die Macht putschte, Diskriminierungen gehörten zu seinem Alltag. 1979 – ein Jahr nach der großen Militäroperation, bei der er Freunde verloren hatte – verließ U Kyaw Thien sein Dorf in Arakan. Er war begeistert, als er in die damalige Hauptstadt Rangun kam. &#8222;Ich war noch sehr jung und fühlte mich zum ersten Mal frei&#8220;, erinnert er sich. Das Militär rekrutierte gerade, auch Rohingya. &#8222;Ich habe mich sofort beworben. Lieber wollte ich mich mit dem Feind verbündete, als gegen ihn zu kämpfen.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Damals war U Kyaw Thien 20 Jahre alt. Die folgenden 13 Jahre kämpfte er auf der Seite des brutalen Regimes. In einem Gefecht gegen die Kachin, eine andere ethnische Volksgruppe, wurde er angeschossen. Mit 33 Jahren und dem Status als Kriegsveteran kehrte er zurück in sein Dorf. Arakan hieß mittlerweile Rakhaing, Rangun hieß Yangon und Birma hieß Myanmar. Das Militär hatte dem Land, den Provinzen und den Städten neue Namen verliehen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die &#8218;Weiße Karte&#8216;</h2>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien knetet die Masse in der blauen Schüssel zu einem Teig. Bis zum Abend soll der Teig fertig werden. Er wird dann an der Straße stehen und Roti-Brot an Thailänder verkaufen. Mit dem Geld kann er sich und Alima ein bescheidenes Leben finanzieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Teig muss noch etwas stehen. Er wäscht sich die Hände. Dann kramt er Dokumente aus einem der Hängeschränke hervor. Er zieht einen weißen, laminierten Ausweis heraus. Ein junger Mann schaut ernst von dem Foto des Dokuments.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Das ist meine `Weiße Karte`&#8220;, erklärt er, mit den Finger auf die Karte deutend. Auf der &#8222;National Temporary Registration Card&#8220;, der so genannten Weißen Karte /White Card, ist vermerkt: &#8222;Der Inhaber ist kein Staatsbürger von Myanmar.&#8220; Ein Geburtsort ist nicht angegeben.</p>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien greift eine andere Weiße Kart heraus, auf der eine junge Frau abgebildet ist. &#8222;Das ist Alima&#8220;, erklärt er und beginnt zu erzählen: &#8222;Ich habe Alima zum ersten Mal gesehen, nachdem ich 1992 in mein Dorf zurück gekehrt war. Ich half im Laden meines Vaters aus. Sie arbeitete gegenüber in dem Geschäft ihrer Eltern.&#8220; Bald verliebten sie sich. Alima war erst 17 Jahre alt. Deshalb mussten sie noch ein Jahr warten, bis sie heiraten konnten. &#8222;Es war eine glückliche Zeit&#8220;, schwärmt er. Alima lächelt verlegen. Er besaß noch eine Kriegsveteranenkarte aus seiner Zeit beim Militär, mit der er einen besonderen Status genoss.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach drei Jahren änderte sich die Lage. Auf Drängen der Vereinten Nationen hin sollten auch für Rohingya Ausweise vergeben werden. Ohne Dokumente besaßen sie keine Rechte und keinen Anspruch auf Schutzmaßnahmen. Durch die vielen Rohingya-Flüchtlinge, die mangels Pässen oft keinen Immigrantenstatus erhielten, weitete sich das Problem auch auf die umliegenden Länder aus.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Flucht ins Ausland</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Militärregime entwarf für Rohingya die `Weiße Karte`. Diese Karten erhielten freilich nur wenige: Das Ganze war eine Alibi-Handlung, um dem internationalen Druck nachzugeben; um Bereitschaft vorzutäuschen, die Rohingya endlich zu »legalisieren«. Manche mussten dazu gezwungen werden, diese Papiere anzunehmen. Sie wollten das Dokument nicht, das sie zwar ausweist, zugleich aber deutlich macht, dass sie keine Staatsbürger von Myanmar sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Rahmen dieser Erneuerungen verlor U Kyaw Thien 1996 seinen Kriegsveteranenstatus. Sein Dokument wurde durch eine Weiße Karte ersetzt. &#8222;Sie nahmen mir alle meine Rechte&#8220;, erinnert er sich. Verzweifelt fuhr er nach Yangon, in die Stadt, in der er sich einst so frei gefühlt hat. Ohne sich an die nun auch für ihn gültigen Vorschriften zu halten. Denn Rohingya, die sich von einen Ort in einen anderen Ort bewegen wollen, müssen zuvor eine kostenpflichtige Genehmigung beantragen. Erst dann dürfen sie ihren Aufenthaltsort verlassen.</p>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien hatte keine Genehmigung beantragt. In Yangon erreichte ihn eine erschreckende Nachricht: Er stand auf der schwarzen Liste. Grund war das fehlende Reisedokument. Besitzen Rohingya diese Genehmigung nicht oder überschreiten sie die darin ausgewiesene Route, dürfen sie nicht mehr zurückkehren. Sie sind dann verpflichtet, Myanmar zu verlassen; ansonsten werden sie inhaftiert.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit Hilfe eines Schleppers versteckte sich U Kyaw Thien in einem Lastwagen und floh 1996 über die Landgrenze nach Mae Sot in Thailand. Alima, die im Dorf geblieben war, machte sich große Sorgen. Das Letzte, was sie von ihrem Mann gehört hatte, war, dass das Militär nach ihm suchte. Mit finanzieller Unterstützung durch andere geflohene Rohingya gelangte U Kyaw Thien bis nach Bangkok. Dort angekommen, hatte er zum ersten Mal seit seiner Flucht die Möglichkeit, seine Frau zu kontaktieren. Und erfuhr: Alima ist schwanger.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kontakt halten, war nicht einfach</h2>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien greift nach einen Stapel Fotos, der vor Alima liegt. &#8222;Das ist Suemaya, unsere Tochter&#8220;, erklärt er und betrachtet versonnen die Bilder. Auf einem der Fotos sieht man ein kleines Mädchen von drei Jahren. Auf einem anderen trägt das Mädchen eine Schuluniform. Eine weitere Aufnahme zeigt sie neben ihrer Mutter. &#8222;Gesehen habe ich sie nie&#8220;, sagt U Kyaw Thien ganz leise. Auf einem Bild sieht man U Kyaw Thien, Alima und Suemaya dennoch zusammen. &#8222;Da wurde ich mit dem Computer eingesetzt&#8220;, lacht er etwas verlegen und fährt etwas ernster fort: &#8222;Das ist das einzige Familienfoto, das es von uns gibt.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Den Kontakt zu halten, war nicht einfach. &#8222;Wir haben uns Briefe geschrieben und Fotos geschickt&#8220;, erinnert sich Alima. &#8222;Telefonieren war schwierig. Ich musste zwei Stunden von meinem Dorf in die nächste Stadt laufen, wenn ich mit U Kyaw Thien telefonieren wollte.&#8220; Aufgrund der Reisebeschränkungen musste auch Alima jedes Mal eine Reisegenehmigungen beantragen. &#8222;Manchmal hatte ich nicht genug Geld, aber manchmal konnte ich auch Suemaya mit zum Telefonieren in die Stadt nehmen&#8220;, sagt sie, während sie die Bilder betrachtet. &#8222;Das waren schöne Momente, wenn ich meine Tochter mit ihrem Vater sprechen hörte.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Später, im Rahmen der ersten Reformen, wurde die Kommunikation etwas einfacher. Eine der Reformen erlaubte zum Beispiel Mobiltelefone.</p>
<p style="text-align: justify;">Myanmar erlebte Anfang des Jahrtausends unruhige Zeiten. Die so genannte Safran-Revolution, die 2007 von Mönchen angeführt wurde, richtete sich zunächst gegen den 500-prozentigen Anstieg der Preise von Benzin und Gas und weitete sich dann zu Protesten gegen das Regime insgesamt aus. Die Demonstrationen, an denen sich mehr als 100.000 Menschen beteiligten, wurden blutig niedergeschlagen; inoffizielle Beobachter sprechen von über 200 Toten. Im Gegensatz zu der großen Revolution von 1988 in Myanmar, die ebenfalls blutig niedergeschlagen wurde, blieben die Ereignisse dieses Mal nicht unbeobachtet. Obwohl die Junta die Internetverbindung unterbrach, gelangten Bilder und Videos in die internationalen Medien.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Internationale Sanktionen beenden Militärdiktatur</h2>
<p style="text-align: justify;">Der internationale Druck wuchs. Die Junta wusste, sie würde den internationalen Sanktionen nicht länger standhalten können. 2010 fanden dann die ersten Wahlen seit 40 Jahren in Myanmar statt. Die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wurde aus dem Hausarrest entlassen. Für Rohingya wurden als Zeichen des guten Willens weitere Weiße Karten verteilt. An den Wahlen teilnehmen durften sie aber nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Die weder frei noch fair gehaltenen Wahlen wurden schon kurze Zeit später für ungültig erklärt und 2012 wiederholt. Seitdem wurden schrittweise Reformen eingeleitet, und Aung San Suu Kyis Partei, die »Nationale Liga für Demokratie« (NLD), erhielt erstmals, als einzige Oppositionspartei, Sitze im Parlament.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Rohingya hofften, dass nun auch für sie positive Änderungen stattfinden. Für sie ist Aung San Suu Kyi, ebenso wie für die Burmesen, ein Symbol für Menschenrechte und demokratische Freiheit. Doch für Rohingya veränderte sich nichts zum Besseren, ganz im Gegenteil.</p>
<p style="text-align: justify;">Im April 2012 wurde im Rakhaing-Staat – dem ehemaligen Arakan – ein buddhistisches Mädchen tot aufgefunden. Drei muslimische Männer wurden angeklagt. Ein Rachefeldzug begann, der den Anfang einer Reihe von blutigen Zusammenstößen zwischen Muslimen und Buddhisten in der Provinz markierte. Über 200 Menschen starben auf beiden Seiten, Häuser wurden niedergebrannt und heilige Stätten zerstört. Von den 800.000 in Myanmar lebenden Rohingya wurden rund 110.000 innerhalb des Landes vertrieben. Andere flohen in die umliegenden Länder. In vielen Städten leben sie in Ghetto-ähnlichen Bezirken, ohne Zugriff auf Lebensmittel. Die Vorschriften gegen sie wurden stark verschärft.</p>
<h2 style="text-align: justify;">»Bewegung 969«</h2>
<p style="text-align: justify;">Seit dem Vorfall verzeichnen nationalistische Gruppen großen Zulauf, insbesondere die »Bewegung 969«. Der Name der Gruppe ist eine Art buddhistischer Variante einer Verschwörungstheorie: In einem Land, in dem der Glaube an die Macht der Zahlen stark verankert ist, soll die Zahl 969 den kosmologischen Gegensatz zu der -spirituell aufgeladenen Zahl – 786 aus dem Koran bilden. 969 bezieht sich auf die neun Attribute des Buddhas, die sechs Attribute seiner Lehren und die neun Attribute des Sangha, der Mönchsregeln. Dementsprechend sieht die „Bewegung 969“ sich verantwortlich für den Erhalt des buddhistischen Myanmar. Ihr Kopf ist Wirathu, ein buddhistischer Mönch.</p>
<p style="text-align: justify;">Im April 2013 wurde in einem Kloster im Süden des Landes ein 969-Logo entworfen und überall verteilt. Die Bewegung ergriff das ganze Land und richtete sich nun gegen alle Muslime. 969-Aufkleber schmückten Geschäfte, Taxis, sogar die Polizeiwagen. Sie markieren die buddhistische Zugehörigkeit und besagen, dass Muslime hier unerwünscht sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Viele Burmesen sagen, dass sie Angst haben, ihre buddhistische Identität zu verlieren. Bestärkt durch lokale Medien, glauben sie, dass täglich Rohingya über die Grenze aus dem benachbarten Bangladesch ins Land kommen würden. Vorurteile besagen, dass muslimische Männer viele Frauen haben, die viele Kinder bekommen – zu viele.</p>
<p style="text-align: justify;">Über Generationen weitergegebene Vorurteile lassen sich nicht so einfach beseitigen. Eine Strategie der Militärjunta war es, Unruhe zu stiften, um dann wieder Ordnung zu schaffen. Eine inszenierter Beweis, dass das Militär notwendig ist. Es gibt Vermutungen, dass auch die jetzigen Unruhen strategisch-politisch motiviert sind. Die nächsten Wahlen stehen 2015 an.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Zwei-Kind-Politik für Rohingya</h2>
<p style="text-align: justify;">Auch Aung San Suu Kyi hatte zunächst keine Stellung bezogen zu den Vorwürfen, dass Menschrechtsverletzungen an den Rohingya begangen würden. Für sie ist der Konflikt ein großes Dilemma: Ergreift sie Partei für die Rohingya, verprellt sie ihre burmesischen Anhänger. Schweigt sie, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit als Menschenrechtlerin auf internationaler Ebene. Im Mai 2013 sprach die 68-Jährige sich erstmals gegen die angestrebte Regelung einer Zwei-Kind-Politik für Rohingya aus.</p>
<p style="text-align: justify;">In Yangon sieht man mittlerweile nicht mehr so viele 969-Aufkleber wie in anderen Städten; auch die Straßensperren, die manche muslimische Stadtviertel voneinander trennten, sind abgebaut. Für ausländische Investoren und Touristen wirft es kein gutes Licht auf Myanmar, wenn der Konflikt zu öffentlich, zu sichtbar ist. Eine von den vielen, bis vor kurzem, noch immer gesperrten Regionen Myanmars war der Rakhaing-Staat. Genehmigungen, um dorthin zu reisen, waren kaum zu bekommen: Internationale Berichterstatter wurden nicht gerne gesehen. &#8222;Wenn ein Rohingya mit einem Ausländer in Rakhaing redet, kann er ins Gefängnis kommen&#8220;, beschreibt Alima die Situation.</p>
<p style="text-align: justify;">Es war 2012, als Alima gerade bei Freunden in Yangon zu Besuch war. Ihre Tochter konnte sie nicht begleiten: Sie hatten nicht genug Geld für zwei Reisegenehmigungen. Außerdem musste Suemaya zur Schule gehen, sie blieb deshalb bei ihrer Großmutter.</p>
<p style="text-align: justify;">Alima wollte eigentlich nur kurz bleiben. Als im April die Unruhen ausbrachen, wurden sofort die Reisebeschränkungen verschärft. Rohingya mussten an dem Ort bleiben, an dem sie sich gerade befanden. Alima hörte von gezielten Übergriffen, auch in Yangon. Sie fühlte sich nicht mehr sicher. Zurückkehren in ihr Dorf konnte sie aber auch nicht. Aus Angst lieh sich Alima Geld für einen Schlepper und floh verzweifelt nach Thailand, zu ihrem Mann.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Illegal im Land</h2>
<p style="text-align: justify;">2012 sehen U Kyaw Thien und Alima sich zum ersten Mal seit 16 Jahren wieder. Die Freude ist jedoch getrübt; zu groß ist die Sorge um ihre Tochter, die Alima zurücklassen musste. &#8222;Wir leben mit Angst in unserem Herzen&#8220;, sagt U Kyaw Thien. Zurückkehren dürfen sie nicht. Ihre Tochter mit Hilfe von Schleppern zu sich zu holen, können sie sich nicht leisten. Außerdem ist eine Flucht gefährlich.</p>
<p style="text-align: justify;">Suemaya lebt nun bei ihrer Großmutter. &#8222;Sie muss jetzt ihren Schulabschluss machen, das ist das Wichtigste&#8220;, sagt Alima, wie um sich zu beruhigen. Manchmal hellt sich ihre Miene plötzlich auf. Wenn sie davon erzählt, dass ihre Tochter gerne in den Sportunterricht geht. Oder wie hübsch sie in einem Kleid aussieht. Aber schnell legt sich wieder eine Schwere über ihr Gesicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Alima brät vor der Tür noch schnell ein wenig Reis auf dem kleinen Gaskocher, für U Kyaw Thien. Langsam senkt sich die Sonne. Es wird Abend.</p>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien zieht den Longyi aus und streift sich eine Jeans und eine Schürze mit thailändischer Schrift über. Mit dem Longyi würde er zu sehr auffallen, zu anders aussehen, womöglich als Immigrant aus Myanmar erkannt werden. U Kyaw Thien und Alima sind illegal im Land.</p>
<p style="text-align: justify;">Wie viele Rohingya in Thailand leben, ist nur schwer zu ermitteln. 20.000 bis 30.000 zählt man in Aufnahmelagern. Diejenigen Rohingya, die wie U Kyaw Thien und Alima, die wie viele andere im Untergrund leben, sind nicht verzeichnet.</p>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien rollt seinen Wagen, mit dem er die Rotis verkaufen wird, auf die Straße. Schon bald kommen die ersten Kunden und bestellen Roti mit Banane und süßer Milch. Alima steht neben ihm und hilft, wo sie kann. In ihren Gedanken ist sie bei ihrer Tochter.</p>
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		<title>Gelobte, unbekannte Heimat</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 02 Nov 2014 21:44:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Nepal]]></category>
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					<description><![CDATA[In Nepal leben rund 20.000 tibetische Flüchtlinge und deren Nachkommen. Viele von ihnen ohne Dokumente, ohne Rechte und ohne Tibet jemals gesehen zu haben. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/gelobte-unbekannte-heimat/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>In Nepal leben rund 20.000 tibetische Flüchtlinge und deren Nachkommen. Viele von ihnen ohne Dokumente, ohne Rechte und ohne Tibet jemals gesehen zu haben.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Lobsang Tsering ist ein ernster, junger Mann. Der 36-Jährige mit dem akkurat frisierten Haar und der randlosen Brille antwortet kurz und präzise, seine Worte wählt er mit Bedacht. Nur wenn er über den Umgang der chinesischen Regierung mit Tibetern spricht, hebt er die Stimme. Dann ahmt er das Geräusch von Schüssen nach und demonstriert, wild gestikulierend, wie Polizisten mit Schlagstöcken gegen Demonstranten vorgehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Lobsang ist einer von rund 20.000 Exiltibetern, die heute im südlichen Nachbarland Nepal leben. Seine Eltern waren Teil der ersten großen Flüchtlingswelle, die 1959 – neun Jahre nach dem Einmarsch der chinesischen Armee – das Land verließ. 80.000 Tibeter folgten ihrem Oberhaupt, dem Dalai Lama, damals ins Exil. Die meisten nach Indien; andere, wie Lobsangs Eltern, gingen nach Nepal. Lobsang wurde in der Hauptstadt Kathmandu geboren, ging in eine tibetische Schule, später schloss er sich einem Kloster an. 2002 zog die Klostergemeinschaft nach Pokhara, in den Norden des Landes. Heute ist Lobsang ihr Sekretär, verwaltet die Finanzen und organisiert die Aktivitäten der Klosterschule, die 90 Schüler im Alter von sechs bis 18 Jahren beherbergt.</p>
<p style="text-align: justify;">„Ich habe in Nepal keine Rechte“, erklärt er, während er über das Schulgelände führt. „Ich darf kein Land kaufen, nicht wählen gehen und nicht einmal Auto fahren“. Der Grund: Lobsang hat keine offiziellen Dokumente. Weil er Bürger eines Staates ist, der international nicht anerkannt wird. Bestechung oder eine Heirat mit einer Nepalesin wären für ihn die einzigen, wenn auch vagen Möglichkeiten auf einen nepalesischen Pass gewesen – Möglichkeiten, die für ihn nicht in Frage kamen. Lobsang ist verheiratet, hat zwei Kinder. Auch seine Frau ist Nachfahre tibetischer Flüchtlinge. Darauf legt er Wert.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-2642-2" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-2642-2 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-2642-2 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-2642-2 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="12000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel3_nrpal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In Tashi Palkhiel, der ältesten tibetischen Siedlung bei Pokhara, verteiben sich die Einheimischen ihre Zeit mit Karten spielen. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule1_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description"> Die Pem Tsal Sakya-Klosterschule in Pokhara. Hier leben und lernen etwa 90 Schüler. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule2_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Kinder in der Klosterschule sind im Alter von sechs bis 18 Jahren. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule3_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der Koch der Klosterschule verpflegt die 90 Schüler. © Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/LobsangTsering_nepal_Luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Lobsang Tsering, Sekretär der Pem Tsal Sakya-Klosterschule, ist Exiltibeter und lebt in Nepal ohne offizielle Dokumente. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/LamoNamgang_nepal_Luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Lamo Namgang floh als Kind aus Tibet nach Nepal. © Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_6_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Tashi Palkhiel ist eine Siedlung bei Pokhara. Hier leben etwa 1000 Exiltibeter. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_4_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das Viertel entstand Anfang der 1960er Jahre, zunächst als provisorisches Zeltlager. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_5_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mit nationaler und internationaler Hilfe wurde aus Tashi Palkhiel eine feste Siedlung. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Stupa_in_Bodnath_bei_Kathmandu_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das Herz der tibetischen Gemeinschaft in Kathmandu: Der Stupa von Bodhnath, einer der größten in der Welt. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kloster_bei_TashiPalkhiel_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kathmandu_nepal_luebbe_haeuser.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kathmandu_2_Nepal_Luebbe_menschenmenge.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der alltägliche Wahnsinn: Straßenszene aus Kathmandu ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-2642-2-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel3_nrpal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule1_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule2_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule3_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/LobsangTsering_nepal_Luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/LamoNamgang_nepal_Luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_6_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_4_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_5_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Stupa_in_Bodnath_bei_Kathmandu_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kloster_bei_TashiPalkhiel_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kathmandu_nepal_luebbe_haeuser-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kathmandu_2_Nepal_Luebbe_menschenmenge-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<p style="text-align: justify;">Nach Angaben des UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, besitzt mindestens die Hälfte der Exiltibeter in Nepal keine Dokumente. Bevor 1989 der Kriegszustand über die tibetische Hauptstadt Lhasa verhängt wurde, wurden die Flüchtlinge zwar aufgenommen, die entsprechenden „refugee cards“ aber nur teilweise ausgestellt. Seit 1990 nimmt Nepal gar keine tibetischen Flüchtlinge mehr auf, Neuankömmlinge werden direkt nach Indien geleitet, in einigen Fällen, so vermuten Menschenrechtsorganisationen, sogar zurückgeschickt. Dokumente werden seitdem weder ausgestellt noch verlängert, auch nicht für die in Nepal geborenen tibetischen Nachkommen. Und so sitzen Menschen wie Lobsang bis heute in Nepal fest. Ohne Papiere können sie nicht reisen – und damit auch nicht nach Tibet zurückkehren.</p>
<h2 style="text-align: left;">Das bestimmende Gefühl ist Aussichtslosigkeit</h2>
<p style="text-align: justify;">Lamo Namgang dürfte zurück, sie hat einen nepalesischen Pass. Aber sie will nicht. Nicht so lange die Chinesen in Tibet an der Macht sind. Die 65-Jährige wurde in Lhasa geboren. Ihre Eltern starben kurz nach dem Einmarsch der chinesischen Armee. Und so machte sie sich 1959 allein mit ihren zwei Brüdern und zwei Schwestern auf den beschwerlichen Weg über das Himalaya-Hochland. Zwei Monate habe die Flucht gedauert. „Wir waren Kinder und haben uns ständig verlaufen“, sagt sie. Drei Jahre ging sie in Nepal zur Schule, dann fing sie an, zu sticken und zu weben. Heute verkauft sie selbstgestrickte Socken und Mützen auf einem Marktplatz unweit von Lobsangs Klosters, im Herzen von Tashi Palkhiel, der ältesten der vier tibetischen Siedlungen bei Pokhara. Das Viertel entstand Anfang der 1960er Jahre, zunächst als provisorisches Zeltlager; mit nationaler und internationaler Hilfe, unter anderem der Schweizer Regierung, wurde daraus eine feste Siedlung. Rund 1000 Menschen leben heute hier, in kleinen pittoresken Häusern mit weißen Fassaden. Es ist sauber und gepflegt. Und doch, hört man sich hier um, ist das bestimmende Gefühl Aussichtslosigkeit.</p>
<p style="text-align: justify;">„Wir gelten in Nepal als Menschen zweiter Klasse“, sagt Tenzin Urgyen, ein 23-jähriger kräftiger Mann mit tätowierten Oberarmen und Dreadlocks, der mit seinen Freunden ein paar Meter weiter Fußball spielt. Sein Vater wurde in Tibet geboren, seine Mutter kam auf der Flucht nach Nepal zur Welt. Er selbst wurde hier geboren, in Tashi Palkhiel. Zehn Jahre ging er in eine tibetische Schule. Heute arbeitet er, wie viele seiner Freunde, ohne offizielle Genehmigung in einem Restaurant, verkauft Souvenirs in den Bergen. „Es gibt nur wenige junge Tibeter, die studieren können. Unsere Jobaussichten sind schlecht. Ohne Papiere hat man keine Chance“, sagt der junge Mann. Aber Tenzin lehnte sich auf. Als es im März 2010 zu Protesten in Kathmandu kam, waren auch er und seine Freunde dabei – und wurden inhaftiert. Seitdem habe es Hungerstreiks und eine steigende Zahl von Selbstverbrennungen gegeben, öffentliche Demonstrationen aber seien die Ausnahme. Zu groß sei die Furcht vor Repressionen, im Land herrsche „ein Klima der Angst“.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Eindruck, den Kai Müller, Geschäftsführer der International Campaign for Tibet (ICT) in Deutschland, bestätigt: „Die Situation der Tibeter in Nepal hat sich drastisch verschlechtert, insbesondere im Zuge der 2008 ausgebrochenen Unruhen in Tibet.“ Müller spricht von Einschränkungen der Versammlungs-, Religions- und Meinungsfreiheit. So sei es Exiltibetern unter anderem verboten, den Geburtstag des Dalai Lama öffentlich zu feiern und tibetische Riten zu zelebrieren. Auch staatliche Überwachung und willkürliche Verhaftungen hätten zugenommen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Leben in der „Sandwich-Situation&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Problem ist Nepals geographische und politische Lage – die „Sandwich-Situation“, wie Gopal Krishna Siwakoti, Präsident der nepalesischen Menschenrechtsorganisation INHURED international, es nennt: „Das kleine Land Nepal liegt eingeklemmt zwischen zwei großen Nationen, China und Indien. Wenn Nepal die tibetischen Flüchtlinge anerkennt und ihre Rechte stärkt, ist das ein deutlicher Schlag gegen die chinesische Regierung. Daher schreckt unsere Regierung davor zurück.“ Immer wieder lasse die Führung in Peking verlauten, dass sie keine pro-tibetischen Strömungen in Nepal toleriere. Siwakoti spricht von „allen Arten von politischen Drohungen“, die China auf Nepal ausübe. „Wir sind von China abhängig, sowohl finanziell als auch politisch. Unsere Regierung demonstriert mit ihrer Politik immer wieder, dass Nepal nicht stark genug ist, um unabhängig zu existieren.“ Indien hingegen, wo heute die meisten Exiltibeter leben, wolle die ohnehin schon komplizierten Beziehungen zu China nicht noch weiter belasten.</p>
<p style="text-align: justify;">Und so geraten Menschen wie Tenzin zwischen die Mühlen dreier Staaten – gefangen in für sie fremden Ländern. Denn obwohl Tenzin Tibet nie gesehen hat, ist es für ihn doch sein Heimatland. Freundschaftliche Kontakte zu den nepalesischen Nachbarn bestünden zwar, tiefe Bindungen aber gebe es nicht. Die scheiterten nicht zuletzt aufgrund der Sprachbarriere; Tenzin spricht Tibetisch, sein Nepalesisch ist bruchstückhaft. Ob er Wünsche hat? Nur zurück nach Tibet, sagt er. Das habe er schon in der Kindheit so gelernt.</p>
<h2 style="text-align: left;">„Wir sollten den Nepalesen dankbar sein“</h2>
<p style="text-align: justify;">Aber es geht auch anders. Keine 200 Kilometer entfernt, in Kathmandu, ist der Ton schon gemäßigter. „Ich bin hier geboren und lebe hier – also bin ich auch Nepalese“, sagt Tashi Tsering im Garten seines Shechen Guest Houses. Der 36-jährige Hotelier ist groß und stämmig, hat buschiges, wildes Haar, seine Hände sind ständig in Bewegung, wenn er spricht. Auch Tashi ist Nachfahre tibetischer Flüchtlinge, aber einer mit nepalesischem Pass.</p>
<p style="text-align: justify;">Tashi hatte Glück. Seine Siedlung, Jorpati Khampa, habe sich in den 1970ern „gut gestellt“ mit der nepalesischen Regierung, habe den Kontakt gesucht, sich engagiert, sagt er. Und so erhielten die meisten Bewohner nepalesische Pässe. Viele von ihnen hätten heute gut bezahlte Jobs, die Siedlung stehe finanziell deutlich besser da, als viele andere tibetische Enklaven im Land. Aber das hatte seinen Preis: In der tibetischen Gemeinschaft sei der Kurs der Siedlung damals nicht gern gesehen worden. Tashi spricht von Spannungen mit anderen Siedlungen in Nepal, aber auch mit der tibetischen Exilregierung in Indien. Viele hätten die Siedler als „Verräter“ am Heimatland gesehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Tashi indes fühlt sich angekommen in Nepal. Er ist verlobt mit einer Nepalesin, hat Arbeit, kann reisen. „Wir sollten den Nepalesen dankbar sein“, sagt er. „Immerhin haben sie uns aufgenommen und wir bezahlen nichts für das Land, auf dem wir leben“. Er sieht Kooperation als einzigen Weg: Sich im Land zu engagieren – und zu integrieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch Kai Müller von der ICT (International Campaign for Tibet) spricht von den „historisch engen Bindungen zwischen Tibet und Nepal“. Die derzeitige, von Misstrauen geprägte Beziehung beider Völker sei eine „Anomalie“. Doch so lange Nepal wirtschaftlich und politisch von China abhängig bleibt und China die Forderung der tibetischen Exilregierung nach Autonomie der tibetischen Gebiete ablehnt, wird sich daran vermutlich wenig ändern.</p>
<p style="text-align: justify;">Und so bleibt den Exiltibetern nur die Möglichkeit, sich mit der Situation zu arrangieren. Jeder auf seine Weise. So unterschiedlich ihre Ansichten dabei auch sind, in einem sind sie sich jedoch einig: in der Verurteilung der unrechtmäßigen Aneignung Tibets durch die Chinesen. Das sieht der traditionsbewusste Schulsekretär Lobsang aus Pokhara so, und das sieht der gut integrierte Hotelier Tashi aus Kathmandu so. Und so sahen sie das auch schon früher. Die beiden gingen gemeinsam zur Schule. Sie sind Freunde, seit Jahren schon.</p>
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