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	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Sun, 10 Jan 2016 22:28:44 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Krieg &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Flucht als Dauerzustand</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Sep 2015 06:28:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgerkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
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		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
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					<description><![CDATA[Anderthalb Jahre nach Ausbruch des ukrainischen Bürgerkrieges sitzen noch immer 1,4 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land fest. Eine Reise in die Donbass-Stadt Kramatorsk am Rande der Front.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/flucht-als-dauerzustand/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Anderthalb Jahre nach Ausbruch des ukrainischen Bürgerkrieges sitzen noch immer 1,4 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land fest. Eine Reise in die Donbass-Stadt Kramatorsk am Rande der Front.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es sei doch nur Feuerwerk, logen die Eltern, als Granaten hinter dem Zug einschlugen. In der sprichwörtlich letzten Minute war Familie Tratschuk den Kämpfen um Luhansk entkommen. Alles hatte schnell gehen müssen. Rasch noch von den Nachbarn verabschieden, die trotz der Gefahr bleiben wollten. Würden sie auf die beiden Katzen und die Schildkröte aufpassen? Danke und passt auf euch auf!, fielen sie sich beim Abschied in die Arme. Dann schnell zum Bahnhof, den Zug nach Kiew erwischen. Die Zwillinge schrien. Veronika und Viktoria, acht Jahre alt, leiden unter frühkindlichem Autismus. Im Gleichklang schlugen sie panisch die Hände über dem Kopf zusammen – wie immer, wenn eine Kleinigkeit von ihrer täglichen Routine abwich, etwa eine neue Jacke. Bei der Flucht vor Granatangriffen wirkte die Geste seltsam untertrieben.</p>
<p style="text-align: justify;">„Feuerwerk kennen sie und der Gedanke hat sie beruhigt“, sagt Mutter Julia, die die Geschichte in der Sicherheit des Caritas-Büros in Kiew erzählt, wo die Familie psychologisch betreut wird. Kuscheltiere und bunte Stifte für die Maltherapie liegen herum. Seit jenem Julitag im vergangenen Jahr leben die Tratschuks bei Verwandten in der 800 Kilometer entfernten Hauptstadt der Ukraine.</p>
<h2 style="text-align: justify;">2,3 Millionen auf der Flucht</h2>
<p style="text-align: justify;">Sie sind mit ihrem Schicksal nicht allein. Nach <a href="http://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/ocha_ukraine_situation_update_number_7_14_august_2015.pdf" target="_blank">Angaben der Vereinten Nationen</a> mussten rund 2,3 Millionen Menschen wegen der Kämpfe zwischen ukrainischen Regierungstruppen und pro-russischen Separatisten das Donbass verlassen. 925.000 gingen ins Ausland, 1,4 Millionen blieben in der Ukraine. Viele haben Unterschlupf bei Verwandten oder Freunden in sicheren Teilen des Landes gefunden. Die meisten aber harren am Rande der Konflikzone aus. Bald würde wieder Frieden sein, hatten viele gehofft. Doch inzwischen sind schon 19 Monate vergangen. Die Waffenruhe ist brüchig. Immer wieder kommt es zu Gefechten. Eine politische Lösung ist nicht in Sicht.</p>
<p style="text-align: justify;">An das ferne Echo von Gewehrfeuer hat man sich auch in Kramatorsk gewöhnt, einer 160.000-Einwohner-Stadt direkt an der Frontlinie. Wie graue Riesen erheben sich die Umrisse von Plattenbauten in die Dunkelheit, ihre Fenster hängen wie grimmige Augen über den Straßen. Wir befinden uns hier noch auf ukrainischem Gebiet. Aber keine 80 Kilometer südlich thronen schon die ebenso grauen Plattenbauten der &#8222;Volksrepublik Donezk&#8220;. Und 130 Kilometer östlich die der &#8222;Volksrepublik Luhansk&#8220;. Es spielt keine Rolle, dass kein Staat der Welt die selbsternannten Republiken der Separatisten anerkennt. In der umkämpften Donbass-Region zählt nur die durch Waffengewalt geschaffene Realität.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-13.jpg" data-caption="Ukrainische Sprengstoff-Experten entschärfen Blindgänger nach Gefechten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-10.jpg" data-caption="Dieses Haus bei Slowjansk ist zerbombt und das Garagentor von Kugeln durchlöchert." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-9.jpg" data-caption="Ein Haus bei Slowjansk nach Gefechten zwischen Separatisten und ukrainischer Armee." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-11.jpg" data-caption="Durch Blindgänger sterben auch lange nach Ende der Gefechte noch Menschen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-14.jpg" data-caption="Familie Tratschuk mit den autistischen Zwillingen in der Sicherheit des Kiewer Caritas-Büros." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-15.jpg" data-caption="Viktoria leidet wie ihre Zwillingsschwester Veronika an frühkindlichem Autismus. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-6.jpg" data-caption="Lilja und drei ihrer sieben Kinder in der Flüchtlingsunterkunft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg" data-caption="Priester Wasyl Iwanjuk rast in seinem roten Lada durch die Stadt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-4.jpg" data-caption="Natalia übt täglich mit ihrer Geige." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-16.jpg" data-caption="Eine Spielzeugpuppe in einer Flüchtlingsunterkunft in Kiew." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-8.jpg" data-caption="Ein zerstörtes Haus bei Slowjansk." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Markus Huth</p></div>
<h2 style="text-align: justify;">Der Soldaten-Priester</h2>
<p style="text-align: justify;">Das begreift auch der Mann am Steuer des roten Ladas, der durch die Straßen von Kramatorsk rast, als wolle er einer Gewehrkugel entkommen. Priester Wasyl Iwanjuk koordiniert für die Caritas die Flüchtlingshilfe vor Ort. Bei jedem Schlagloch stößt sein samtroter Klerikerhut fast an die Decke. Trotzdem nimmt der Priester den Fuß nicht vom Gaspedal. Auch den Gurt legt er nie an. „Langsame Ziele sind leichter zu treffen und unangeschnallt komme ich aus einem brennenden Fahrzeug besser raus“, sagt Iwanjuk. Der 48-Jährige weiß, wovon er spricht. Denn bevor er ein Mann Gottes in der ukrainisch griechisch-orthodxen Kirche wurde, war er Oberstleutnant in der Roten Armee gewesen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vielleicht geriet er deshalb nicht in Panik, als ihn Separatisten an einem Checkpoint aus dem Auto zerrten und mit vorgehaltener Waffe mit dem Tod bedrohten. Weil er Katholik sei und aus dem westukrainischen Lwiw stamme, hätten die pro-russischen Kämpfer ihn als „ukrainischen Nationalisten“ erschießen wollen, erinnert sich Iwanjuk.</p>
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                               title="Priester Wasyl Iwanjuk">
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                                Priester Wasyl Iwanjuk
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<h2 style="text-align: justify;">„Wer mehr geleistet hat, soll mich erschießen“</h2>
<p style="text-align: justify;">Er habe in die Gewehrläufe erwidert, dass er seit 23 Jahren im Donbass lebt, hier sechs Kirchen gegründet, vier Kinder großgezogen und zwei Häuser gebaut hat. Und forderte schließlich: „Wer mehr geleistet hat, soll mich erschießen.“ Daraufhin hätten die verdutzten Kämpfer ihn ziehen lassen. Natürlich hat er ihnen verschwiegen, dass einer seiner Söhne für die ukrainische Armee an der Front kämpft. Und dass er diesen regelmäßig dort besucht und seine Einheit vor Einsätzen segnet. Ihren Kampf hält Iwanjuk für gerecht, weil sie ihre Heimat verteidigen. Den Krieg in ein fremdes Land zu tragen, sei hingegen Sünde.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Wir sind da&#8220;, sagt Iwanjuk, biegt links ab und parkt in einem finsteren Hof, umstellt von Plattenbau-Riesen, die nun weniger bedrohlich, als schützend wirken. Hier hat der Priester eine der vielen Familien untergebracht, die vor dem Bürgerkrieg geflüchtet sind. Widerwillig rumpelt der klapprige Fahrstuhl in den vierten Stock. Was beim Bau der Hochhäuser in den 70er-Jahren noch neueste Technik war, wirkt heute wie ein archäologisches Artefakt. Ostukraine, Westukraine, Russland: damals nur nebensächliche Etiketten. Alle waren Sowjets. Vom ukrainischen Lwiw im Westen bis ins russische Wladiwostok im Osten erstreckte sich die Sowjetunion, mit über 22 Millionen Quadratkilometern eines der größten Staatsgebiete, die die Welt je gesehen hat. Und die sowjetische Propaganda feierte die kohlereiche Donbass-Region als ihr industrielles Herz.</p>
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                               title="Lilja und ihre beiden jüngsten Kinder">
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                                Lilja und ihre beiden jüngsten Kinder
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<p style="text-align: justify;">Diese stolze Zeit des Donbass kennt die Frau, die nun die Tür öffnet, nur noch aus den Geschichten der Eltern. Grau ist Liljas Haut, grau das Kopftuch, das die dunkelblonden Haare zusammenhält, grau auch der Pullover. Sie sieht älter aus als die 34 Jahre, die sie ist. So als hätten die Strapazen der vergangenen Monate ihr die Farbe entzogen. Als die Sowjetunion in einzelne Teilstaaten zerfiel, war Lilja zehn Jahre alt. Und in der neuen Ukraine feierte niemand mehr das Donbass. Stattdessen wurde es zum Inbegriff für Misswirtschaft, Massenentlassungen und Perspektivlosigkeit.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Bomben im Oktober</h2>
<p style="text-align: justify;">Lilja kann ihre Landsleute in den Separatisten-Gebieten verstehen, die wieder auf bessere Zeiten für das Donbass an der Seite Russlands hoffen. Ihr Mann schlug sich im Heimatdorf Makijiwka als selbstständiger Metallhändler durch. Sie kümmerte sich um den Haushalt und die sieben Kinder. „Wir hatten nicht viel zum Leben, aber es hat gereicht. Wir wollten nicht gehen“, sagt sie. Doch dann schlugen im Oktober Bomben ein. Weil sie in der Nähe des Donezker Flughafens wohnten, sei ihr Dorf ins Visier der ukrainischen Artillerie geraten. Ein Bekannter fuhr die Familie nach Kramatorsk. Am Ende fühlte sie sich der Ukraine dann doch näher als Russland.</p>
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<p style="text-align: justify;">Und während Lilja die Geschichte ihrer Flucht erzählt, erklingt aus dem Nebenzimmer Geigenmusik. Die fünfzehnjährige Tochter Natalia ist froh, dass sie das Instrument aus dem Elternhaus retten konnte. So wie ihre Schwester das Cello. „Das Piano mussten wir leider zurücklassen. Die Kinder sind alle sehr musikalisch und üben täglich“, sagt die Mutter stolz. Auf dem Arm hält sie das jüngste ihrer sieben Kinder. Kurz bevor es geboren wurde, war der Bürgerkrieg ausgebrochen. „Bevor das alles passiert ist“, sagt sie, „dachte ich, dass Ukrainer und Russen Brüder und Schwestern sind. Ich wünsche mir einfach nur Frieden.“</p>
<p style="text-align: justify;">„Was ist mit dem Licht im Schlafzimmer los?“, fragt der Priester. Es gehe schon eine Weile nicht mehr, antwortet Lilja. Es ist eng in der Zweizimmerwohnung, es gibt nur wenige Möbel, im Schlafzimmer liegt eine Matratze auf dem Boden. Iwanjuk macht eine Notiz, verabschiedet sich und eilt, begleitet von Natalias Geigenmusik, hinunter zum roten Lada. Er sagt, dass es inzwischen 40.000 Flüchtlinge in Kramatorsk gebe, das nur viermal mehr Einwohner hat. Die Mittel reichten aber nur für gut 1.500 Bedürftige.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Geringe Spendenbereitschaft</h2>
<p style="text-align: justify;">Zurück in Kiew räumt der ukrainische Caritas-Präsident, Andrij Waskowycz, ein: „Wir sind vom Ausmaß der humanitären Krise überrascht worden“. Der Mann mit der dezenten Brille, im dunklen Anzug, gescheiteltes, weißes Haar, wirkt wie ein Professor und sitzt in einem Restaurant, in dem die Kellner westukrainische Trachten tragen. Um die Ecke liegt der Majdan, jener zentrale Platz, wo alles begann: die Unruhen oder der Freiheitskampf, je nach Perspektive. Waskowycz sagt, das Hilfsbudget von zwei Millionen Euro, größtenteils finanziert vom deutschen Staat, reiche hinten und vorne nicht. Die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung sei gering, auch in Deutschland. Andere Hilfsorganisationen klagen ebenfalls über zu wenig Mittel. 316 Millionen Dollar brauchen die Vereinten Nationen von den Mitgliedsstaaten für die Hilfe in der Ukraine, nur gut ein Drittel davon haben sie erhalten. Am dringendsten ist die Lage laut UN-Helfern vor Ort innerhalb der Separatisten-Gebiete, wo die medizinische Versorgung teilweise zusammengebrochen sei.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Grund für die Spendenunwilligkeit sind die fehlenden Bilder der Not. Denn trotz des Flüchtlingsansturms werden die ukrainischen Städte nicht von Obdachlosen oder hungernden Bettlern überflutet. Die ukrainische Zivilgesellschaft, meint Waskowycz, sei stark und habe die größte Not zunächst aufgefangen. Die Weltöffentlichkeit nehme den Konflikt deshalb eher als politisches Problem, statt als humanitäre Katastrophe war. Dass im Donbass ganze Felder vermint sind und immer noch Menschen durch Blindgänger sterben, ist den wenigsten bekannt. Die Zahl der Toten des Konflikts von bisher wenigstens 6.800 steigt auch wegen der gelegentlichen Scharmützel an der Frontlinie weiter. Der Caritas-Mann warnt: je länger der Konflikt dauere, desto mehr würden die Heimatlosen für das ganze Land zum Problem. Es drohe gar eine weitere Destabilisierung der ukrainischen Gesellschaft.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Weitere Destabilisierung droht</h2>
<p style="text-align: justify;">Das spürt auch Familie Tratschuk mit den autistischen Zwillingen, die nach ihrer Flucht aus Luhansk bei Verwandten in Kiew Obdach gefunden haben. Im vergangenen Sommer sei die Atmosphäre ihnen gegenüber noch voller Hilfsbereitschaft gewesen, berichtet Vater Oleg, der als Journalist arbeitet. Inzwischen gelten die Flüchtlinge aber als Konkurrenten um Arbeitsplätze und Wohnraum. Und während die Armee westukrainische Männer zum Wehrdienst einzieht und an die Front schickt, kommen junge Männer aus dem Osten und erhalten als Flüchtlinge staatliche Zuwendung. Auch die Tratschuks haben einen gesunden Sohn, Wladyslaw ist 17 und wird bald im wehrdienstfähigen Alter sein. „Ich habe Angst, dass er an die Front muss“, sagt Mutter Tatjana. Sie hätten manchmal das Gefühl, dass die Westukrainer ihre Landsleute aus dem Donbass als Verräter wahrnehmen. Wie konnten sie es nur zulassen, dass die Separatisten so stark werden?</p>
<p style="text-align: justify;">Auch wegen dieses Stigmas sind die meisten Flüchtlinge nicht weit nach Westen gezogen, sondern harren in frontnahen Städten wie Kramatorsk aus. So wie Lilja und ihre sieben Kinder, die schnellstmöglich ins Dorf Makijiwka zurückkehren wollen und hoffen, dass das Haus noch steht. Ob das Piano noch unversehrt ist?, fragt Natalia und setzt die Geige wieder ans Kin. Sie alle warten weiter auf Frieden. Und während sie warten, rast durch die graue Plattenbau-Landschaft von Kramatorsk des Priesters roter Lada.</p>
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																			<div class="aesop-stacked-caption">Priester Wasyl Iwanjuk rast in seinem roten Lada durch die Stadt.</div>
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								<style>#aesop-stacked-img-5087{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg);}  @media screen and (min-width:768px){#aesop-stacked-img-5087{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-1250x833.jpg);}}   @media screen and (min-width:1200px){#aesop-stacked-img-5087{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg);}}  </style><p class="aesop-component-caption">Foto: Markus Huth</p></div>
<p style="text-align: center;"><em>Transparenzhinweis: Unser Autor Markus Huth war im Donbass mit der Hilfsorganisation <strong><a href="http://weltseher.de/flucht-als-dauerzustand/" target="_blank">Caritas International</a></strong> unterwegs, die Teile der Reisekosten getragen hat.</em></p>
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		<title>Die Ästhetik von Depression</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Nov 2014 00:34:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Axel Heimken]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Konflikte]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor dem Bürgerkrieg in der Ukraine war unser Autor Axel Heimken mit dem Auto von Donezk nach Charkiw unterwegs. Heute wird das Gebiet von pro-russischen Separatisten beherrscht und ist heftig umkämpft. Was ist das für ein Ort, für den so viele sterben?<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ukraine/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Vor dem Bürgerkrieg in der Ostukraine war unser Autor Axel Heimken mit dem Auto von Donezk nach Charkiw unterwegs. Heute wird dieses Gebiet von pro-russischen Separatisten beherrscht und ist heftig umkämpft. Was ist das für ein Ort, für den so viele sterben?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Wenn ich an die Ukraine denke, sind in meinem Kopf immer noch die Bilder von einer Fahrt durch den Osten des Landes präsent. Während der Fußball-Europameisterschaft 2012 habe ich als Sportfotograf im Stadion von Donezk gearbeitet und mich auch zweimal mit dem Auto auf einen knapp 300 km langen Weg nach Charkiw gemacht (beide Städte waren Spielorte der EM). 300 km quer durch die Ostukraine – eine Reise in die Vergangenheit, zu einem Ort, an dem die Zeit stillsteht. Als ob ein Farbfilm die Farbe verliert, der Fernseher auf einmal nur noch blasse Bilder zeigt.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Weg in die große Industriestadt Charkiw führt über Straßen mit gewaltigen Schlaglöchern. Und nun auch das noch: Wir haben eine Schlechtwetterphase erwischt. Mitten im Juni ergießen sich immer wieder heftige Schauer über unseren Mietwagen. Ein Albtraum für den Fahrer. Solange es trocken war, konnte ich den Weg und die Schlaglochtiefe noch abschätzen, mit den gefluteten Löchern ist das nicht mehr möglich. Was bleibt, ist Schritttempo.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Bitte kehren Sie bei der nächsten Gelegenheit um&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Alle paar Kilometer wechselt das Navigationssystem meines Smartphones die Fahrtrichtung um mindestens 180 Grad. Die vorgeschlagenen Wege und Straßen existieren nicht oder führen in ganz andere Richtungen als die gewünschte. Während des Kalten Krieges hatten die sozialistischen Staaten absichtlich fehlerhafte Karten an Ausländer verteilt, um den Gegner zu verwirren. Ich bekomme gerade das ungute Gefühl, dass mich mein Navi für den Klassenfeind hält. Und das obwohl die Ukraine Europa wohl noch nie so nahe war wie zu dieser EM im Sommer 2012.</p>
<p style="text-align: justify;">In der Hauptstadt Kiew sah ich, wie Tausende Fußballfans aus Dutzenden Nationen ausgelassen zusammen feierten. Die Ukrainer fieberten hier nach dem frühen Ausscheiden ihres Teams mit den anderen europäischen Nationen mit, egal ob Frankreich, England oder Deutschland. Ein Meer des Jubels, des Lächelns, der Farben.</p>
<h2 style="text-align: left;">Endzeitstimmung</h2>
<p style="text-align: justify;">Hier, im Nirgendwo zwischen Donezk und Charkiw, ist diese Fröhlichkeit nur noch eine blasse Erinnerung. Mit meinem Text-Kollegen auf dem Beifahrersitz passiere ich alte Industriegebiete, Gebäude und winzige Städtchen, zu denen mir nur der abgedroschene Spruch „Die haben schon bessere Zeiten gesehen“ in den Sinn kommt. Laternen, die nicht mehr leuchten, säumen die Straßen. In der Dunkelheit erhellen einzig die Scheinwerfer unseres Autos und das schwache Fensterlicht aus sanierungsbedürftigen Häusern unsere Fahrt.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-ukraine-heimken-1" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-ukraine-heimken-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-ukraine-heimken-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-ukraine-heimken-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="90000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_05.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Schlaglöcher machen ostukrainische Straßen schwer passierbar. Besonders fies: Nach Regen ist die Lochtiefe unklar.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_11.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das Ziel der Reise: Charkiw. An diesem Kunstwerk ist es in Russischer, nicht Ukrainischer Sprache angebracht. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_16.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Alle paar Kilometer verkaufen Bauern und Händler an improvisierten Ständen ihre Ware.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_03.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Passt schon. Die Ukrainer transportieren pragmatisch.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_17.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Sowjetische Ehrenmale erinnern an die Gefallenen des "Großen Vaterländischen Krieges".</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_15.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Während der gesamten Fahrt sieht unser Autor die Sonne nicht.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_02.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Alte Züge auf endlosen Gleisanlagen. Manche fahren noch, andere scheinen ihr letztes Grab gefunden zu haben.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_12.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Da kommt Stimmung auf. Bei "Sultan" gibt's sogar den deutschen Gartenzwerg.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_14.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auf einem Acker wie diesem wird das Passagierflugzeug MH-17 abstürzen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_04.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Meteorologen behaupten, dass auch in der Ostukraine mal die Sonne scheint.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_13.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch Industrieschornsteine schmücken die Landschaft.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-ukraine-heimken-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_05-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_11-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_16-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_03-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_17-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_15-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_02-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_12-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_14-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_04-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_13-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<p style="text-align: justify;">Wir fahren an einem alten Industriekomplex vorbei und im Radio läuft „Nothing Else Matters“ von Metallica – und das auch noch in einer akustischen Version mit Streichern. Endzeitstimmung. Das ist die passende Musik zu der deprimierenden Vorstellung des Films „Ostukraine“ der durch die Autofenster projiziert wird. Vielleicht hilft ja runter kurbeln.</p>
<h2 style="text-align: left;">Zurück im Kalten Krieg</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich frage nach dem Weg, doch man spricht hier nur Russisch, vielleicht noch Ukrainisch. Nicht dass das wichtig wäre, ich verstehe von beidem kein Wort. Weiter westlich hatte ich mich aber wenigstens noch mit Englisch durchschlagen können. Hier schauen mich die Menschen misstrauisch an. Mir scheint, ich bin der erste Westler, den so mancher zu Gesicht bekommt. Ich möchte ihnen zurufen: &#8222;Der Krieg ist vorbei, entspannt euch!&#8220; Stattdessen kurble ich die Scheibe wieder hoch.</p>
<p style="text-align: justify;">Denn ich bekomme gerade selbst Zweifel, ob der Kalte Krieg wirklich schon vorbei ist. Nicht nur, dass mein Navi mich in die Irre führen will. Wir passieren auch immer mehr Monumente und Denkmäler, auf denen Hammer und Sichel prangen. Machtsymbolik der untergegangenen Sowjetunion. Steinerne Soldaten, die an die Gefallenen des &#8222;Großen Vaterländischen Kriegs&#8220; erinnern, wie sie den Russlandfeldzug Nazi-Deutschlands hier nennen. Einige Historiker meinen, dass die Erinnerung an diesen Krieg das Wichtigste ist, dass früher die Sowjetunion und heute Russland zusammenhält.</p>
<h2 style="text-align: left;">Das Land des Nicht-Lächelns</h2>
<p style="text-align: justify;"><div class="su-spacer" style="height:20px"></div>
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<div class="su-spacer" style="height:40px"></div>
<p style="text-align: justify;">Und wir zwei Deutsche, vielleicht schlimmer: ahnungslose Sportreporter, kurven hier durch und fragen nach dem Weg. Immer wenn ich die Chance bekomme, zu fragen, habe ich wieder einen Menschen gefunden, dessen Sprache ich nicht spreche und der mir nicht wohlgesonnen zu sein scheint. Ich kann nicht kommunizieren. Und so bleiben nur die Bilder und Eindrücke einer langen Fahrt. Einer Fahrt, bei der das Auffälligste an den Menschen ist, dass ich nie jemanden lachen sehe.</p>
<p style="text-align: justify;">Zuerst vermute ich Zufall. Also beschließe ich, genauer hinzuschauen. Schließlich sogar in jedes sich mir zeigende Gesicht am Wegesrand. Doch niemand lacht. Weder die Menschen, die an der Straße Dinge des täglichen Lebens verkaufen und deren improvisierten Stände alle paar Kilometer auftauchen. Noch die Fahrer der schmutzigen Ladas, deren Baujahr kaum noch schätzbar ist. Passanten gehen meist stoisch, langsam ihres Weges. Ein bisschen gebückt so als würden sie nicht wollen, dass man sie bemerkt.</p>
<h2 style="text-align: left;">Kommendes Grab für MH-17</h2>
<p style="text-align: justify;">Auf der mehrstündigen Fahrt durch unzählige Örtchen sehe ich kein einziges Kind spielen. Dafür aber Menschen, die auf ihrem Weg alte Bahngleise kreuzen. Endlose Schienen, für die es keine richtigen Übergänge gibt. Auf einigen der Gleisanlagen haben Züge nach langem Rosten ihr letztes Grab gefunden. Immer wieder passieren wir graue Schornsteine, nur aus wenigen drückt sich Qualm in den Wolken behangenen Himmel. Bald wieder endlose Ackerflächen. Stille.</p>
<p style="text-align: justify;">Kaum vorstellbar, dass in ziemlich genau zwei Jahren auf einem dieser Äcker das Passagierflugzeug MH-17 abstürzen wird. Laut, krachend, blutig. Fast 300 Menschen werden sterben, vermutlich weil ostukrainische Separatisten das Flugzeug aus Versehen abschießen. In einem grausamen Bürgerkrieg kämpfen sie dafür, dass dieser Ort bei Russland bleiben kann. Sich nicht mit dem Rest der Ukraine Europa nähert, dessen Fußballfest hier im Sommer 2012 gerade ausgerichtet wird.</p>
<h2 style="text-align: left;">Ein Raumschiff zwischen Plattenbauten</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Separatisten, sind das die gleichen Menschen, die ich unterwegs gesehen habe? Die stoischen, gleichgültigen, gebückten? Sie schienen mir eher am Leben nicht mehr interessiert zu sein. Hier im zeitlosen Nirgendwo, in einem Land ohne Lächeln.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach langer Fahrt erreichen wir Charkiw. Die zweitgrößte Stadt der Ukraine, dominiert von Plattenbauten. Nur das Stadion hat die Form eines gewaltigen gequetschten Donuts. Wenn es nachts bunt erleuchtet ist, liegt der Donut wie ein außerirdisches Raumschiff inmitten der alten Stahlarbeiterstadt.</p>
<p style="text-align: justify;">Für die EM ist die Spielstätte des Stadtklubs &#8222;Metalist&#8220; umgebaut worden, für 75 Millionen Euro, um über 41.000 Zuschauern Platz zu bieten. Allein: Die wollen ihn nicht, viele Sitze bleiben leer. Die Eintrittspreise zur EM sind für die meisten Ukrainer unerschwinglich. Warum haben sie mit dem Geld nicht die vielen Schlaglöcher repariert? Die werden noch da sein, wenn die Fußballwelt längst weitergezogen ist.</p>
<h2 style="text-align: left;">Russische Flaggen überall</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenige ausländische Fußballfans haben die Reise nach Charkiw auf sich genommen. Als die Deutschen die Niederländer hier in der Vorrunde besiegen, interessiert das von den Einheimischen kaum jemanden. Das Publikum schwingt russische Fahnen, obwohl die russische Mannschaft während der gesamten EM nicht hier spielt. Ich fühle mich jedenfalls nicht sonderlich willkommen. Abreise nach Donezk, wo die Stimmung sogar noch russischer ist.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenigstens das Navi kann mich nicht mehr austricksen, ich kenne nun den Weg. Vorbei an endlosen Äckern, alten Industrieanlagen durch Schlaglöcher und beobachtet von ernsten, fahlen Gesichtern. Dass hier bald ein Bürgerkrieg toben wird, hätte ich mir damals im Sommer 2012 nicht vorstellen können. Warum kämpfen sie dafür, dass dieser Ort so bleibt wie er ist, frage ich mich heute. Dieser Ort, an dem die Zeit still steht.</p>
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