<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title></title>
	<atom:link href="https://www.weltseher.de/tag/schicksale/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.weltseher.de</link>
	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Mon, 26 Oct 2015 22:13:31 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=5.4.16</generator>

<image>
	<url>https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/02/favicon1.png</url>
	<title>Schicksale &#8211; WELTSEHER</title>
	<link>https://www.weltseher.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Suche in Trümmern</title>
		<link>https://www.weltseher.de/nepal-suche-in-truemmern/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/nepal-suche-in-truemmern/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Sep 2015 22:03:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Nepal]]></category>
		<category><![CDATA[Erdbeben]]></category>
		<category><![CDATA[Helfer]]></category>
		<category><![CDATA[Kathmandu]]></category>
		<category><![CDATA[Naturkatastrophe]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Sebastian Stenzel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=4953</guid>

					<description><![CDATA[Im April und Mai erschütterte Nepal eine Serie von verheerenden Erdbeben. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben. Viele Nationen schickten Helfer in die Krisenregion im Himalaja. Doch nicht alle fanden jemanden zum helfen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/nepal-suche-in-truemmern/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Im April und Mai erschütterte <strong>Nepal</strong> eine Serie von verheerenden Erdbeben. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben. Viele Nationen schickten Helfer in die Krisenregion im Himalaja. Doch nicht alle fanden jemanden zum helfen.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Mit angestrengtem Blick versucht Irakli West, etwas mit dem Fernglas aus dem kleinen ovalen Flugzeugfenster hinaus in der Dunkelheit zu erkennen. Der Airbus kreist seit einer gefühlten Ewigkeit im Luftraum über dem Flughafen Kathmandu – in der Hoffung, endlich eine Landegenehmigung zu erhalten. An Board der Air-India-Maschine sind nicht nur Nepalesen, die zurück in ihre Heimat wollen – auch drei Rettungsteams aus Deutschland und Großbritannien fliegen mit. Irakli West, 46 Jahre, ist Teamleader des sechsköpfigen Search-and- Rescue-Teams der deutschen Hilfsorganisation „@fire“, dem auch ich angehöre.</p>
<p style="text-align: justify;">Drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben, das Ende April Nepal und Teile von China und Indien erschütterte, sind wir endlich in der Hauptstadt Kathmandu gelandet. Das Land befindet sich im Ausnahmezustand. Niemand interessiert sich ernsthaft für die Sicherheitskontrolle. Obwohl die Metalldetektoren wild piepen, können wir unbesehen den Passagierbereich verlassen. Der Eingang zur Abflughalle ist von Menschen belagert, im Ankunftsbereich warten unzählige Nepalesen auf Angehörige – zahlreiche Männer und Frauen liegen auf den Bürgersteigen eng an eng und schlafen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Schlafen neben Flugzeugen</h2>
<p style="text-align: justify;">Unser Camp schlagen wir schließlich am späten Abend auf einer großen Wiese auf dem Flughafengelände auf. Soldaten patrouillieren am Zaun. Endlich, nach der 24-stündigen kräftezehrenden Reise, liege ich auf einem Feldbett und schließe die Augen. Durch einen ohrenbetäubenden Lärm schrecke ich wieder auf – es klingt, als würde gleich ein Flugzeug durch unser Zelt fliegen. Stattdessen landet es auf der Landebahn rund 200 Meter neben uns. In den kommenden Tage nehme ich die fünfminütlichen Starts und Landungen direkt neben unserem Basislager kaum noch wahr.</p>
<p style="text-align: justify;">Am darauffolgenden Tag kann unsere Arbeit endlich beginnen. Viel zu viel Zeit ist seit dem Beben bereits vergangen – die Überlebenschancen in den Trümmern schwinden mit jeder Stunde. Gerade aufgrund der in Nepal vorherrschenden Ziegelbauweise gibt es in zusammengestürzten Häusern kaum Hohlräume, in denen Verschüttete länger überleben können. Mit unseren beiden Rettungshunden und technischem Ortungsgerät brechen wir am Morgen zusammen mit einem englischen Rettungsteam in das Naturschutzgebiet Sundarijal zehn Kilometer nordöstlich von Kathmandu auf. Wir haben den Auftrag, mehrere Gebäudekomplexe, darunter ein Hotel, ein Militärstützpunkt und eine Wasseraufbereitungsanlage, zu erkunden und nach Überlebenden abzusuchen.</p>
<div id="aesop-gallery-5126-1"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-5126" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
																			data-width=""
																																						data-keyboard="true"
																			data-nav=thumbs																			data-allow-full-screen="native"
																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150428_AtFire_EQ-Nepal_sst-0241.jpg" data-caption="Teamleader Irakli West während der Sucharbeiten in der Ortschaft Nayapati." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150428_AtFire_EQ-Nepal_sst-0192.jpg" data-caption="Rettungshund Loki und Hundeführer Denny Stübling bei der Fahrt zum Einsatzort." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150428_AtFire_EQ-Nepal_sst-0181.jpg" data-caption="Das gemischte Team von @fire und SARAID bepackt den gemieteten Transporter in der Base of Operations." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150429_AtFire_EQ-Nepal_sst-0309.jpg" data-caption="Drei Männer stehen an einem eingestürzten Haus in Kathmandu." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150429_AtFire_EQ-Nepal_sst-0324.jpg" data-caption="Ein Schulgebäude in Kathmandu ist umgekippt und lehnt an einem Nachbargebäude." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150429_AtFire_EQ-Nepal_sst-0366.jpg" data-caption="An einem Haus in einem Dorf in Kathmandu ist die Giebelwand eingestürzt - die Ziegel liegen auf der Straße." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150428_AtFire_EQ-Nepal_sst-0208.jpg" data-caption="Ein Motorroller liegt in Nayapati unter dem Schutt einer Hausfront begraben." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150429_AtFire_EQ-Nepal_sst-0430.jpg" data-caption="Helfer im Gespräch mit der Armed Police Force." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150428_AtFire_EQ-Nepal_sst-0240.jpg" data-caption="Die Bewohner der Ortschaft Nayapati und Militärs beobachten die Sucharbeiten des deutschen Rettungsteams." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150428_AtFire_EQ-Nepal_sst-0189.jpg" data-caption="Am Straßenrand haben Menschen in Kathmandu Zelte aufgeschlagen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150430_AtFire_EQ-Nepal_sst-0514.jpg" data-caption="Hundeführer Denny Stübling setzt seinen Rettungshund Loki in den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes in Kathmandu ein." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150430_AtFire_EQ-Nepal_sst-0724.jpg" data-caption="Ein @fire-Helfer schaut in ein Loch zu einem Hohlraum, in dem zwei SARAID-Helfer nach Überlebenden suchen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150430_AtFire_EQ-Nepal_sst-0527.jpg" data-caption="Zahlreiche Menschen verfolgen die Sucharbeiten an einem eingestürzten Gebäude in Kathmandu." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/20150427_AtFire_EQ-Nepal_sst-0068.jpg" data-caption="Das @fire-Team auf dem Flughafen in Kathmandu." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Sebastian Stenzel</p></div>
<h2 style="text-align: justify;">Los gehts</h2>
<p style="text-align: justify;">Unsere Gerätschaften &#8211; eine Searchcam, ein Horchgerät und Werkzeuge &#8211; verstauen wir auf dem Dach eines Sprinters, den wir vor Ort mitsamt eines Fahrers organisiert haben. Bei der Fahrt durch die Straßen Kathmandus fällt auf: Obwohl die meisten Häuser unversehrt sind, schlafen viele Menschen im Freien. Auf allen Wiesen sind Zelte aufgeschlagen – sogar auf dem begrünten Mittelstreifen einer vierspurigen Straße. Angespannt beobachten meine Teammitglieder und ich die asiatische Fahrweise. Hupend und im Gegenverkehr überholend schlängeln wir uns wie unzählige andere Autos und Mopeds. Die Situation in der Hauptstadt scheint nicht so schlimm wie angenommen. Nur vereinzelt sind Gebäude beschädigt oder eingestürzt. Die meisten kleinen Garagengeschäfte am Straßenrand haben geöffnet, auf den Straßen, die am Rande der Stadt mehr Feldwegen gleichen, herrscht reger Verkehr.</p>
<p style="text-align: justify;">Langsam nähern wir uns dem Ziel, die Straße wird schmaler, die Steigung extremer. In einer Ortschaft treffen wir etliche Menschen auf einem Platz, die unter Planen Schutz vor dem Regen suchen, Kinder nutzen herumstehende Busse zum Spielen. Wir halten, damit unser Teamleader nach dem weiteren Weg schauen kann. Sofort sind wir von einer Menschentraube umgeben, die Leute wollen wissen, wer wir sind und was wir machen. „What’s the name of the dog“, fragt mich ein kleiner Junge. „Pollux, ein belgischer Schäferhund“, antworte ich ihm.</p>
<p style="text-align: justify;">Dann bitten uns auch schon Bewohner um Hilfe. In einem der Häuser könnten noch Verschüttete sein. In gebrochenem Englisch sagt einer: „Das war ein Hotel, zwei Personen kamen noch rechtzeitig heraus, zwei andere könnten noch drin sein.&#8220; Mein Kollege Lars Prößler schickt Pollux ins Gebäude. Mehrmals klettert der Hund über die Trümmer der eingebrochenen Decke, doch er findet niemanden. Mit der Searchcam &#8211; einer Teleskopkamera &#8211; schaue ich noch durch ein Fenster in das zweite Obergeschoss. Auch hier ist nichts zu erkennen, das auf Überlebende hinweist.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kaputt in den Feldbetten</h2>
<p style="text-align: justify;">Mittlerweile ist Nachmittag. Der Gebäudekomplex in Sundarijal, den wir eigentlich absuchen sollen, ist wegen der zerstörten Straßen nicht mehr mit dem Auto zu erreichen. Lediglich ein vierstündiger Fußmarsch führt noch in das Gebiet – ohne Helikopter macht das für ein Rettungsteam keinen Sinn. Nach Tüten-Fertiggerichten als Abendessen fallen wir müde und kaputt auf unsere Feldbetten.</p>
<p style="text-align: justify;">Früh morgens geht es wieder weiter. Diesmal wird unser Team geteilt. Ich fahre mit der ersten Gruppe samt der beiden Hunde durch Kathmandu. Plötzlich hören wir eine Lautsprecherdurchsage. Unser Dolmetscher erklärt uns: „Das ist ein Sprecher, der von der Regierung bezahlt wird. Er sagt, dass alles sicher sei, sich niemand Sorgen machen müsse und das normale Leben weitergehe.“</p>
<p style="text-align: justify;">Als wir nach einiger Fahrtzeit das Stadtzentrum verlassen, treffen wir auf unzählige der typischen, bunt bemalten nepalesisch-indischen Lastwagen. Wir halten am Straßenrand. Zwei Kameraden machen sich auf die Suche nach unserer Einsatzstelle &#8211; einer eingestürzten Schule. Mit einem Rettungshund und weiteren Kollegen kommen wir kurz darauf nach. Aber eingestürzt ist die Schule nicht, eher nach rechts weggeknickt und nun lehnt sie an einem Nachbarhaus. Wenn zum Zeitpunkt des Bebens Menschen im Schulgebäude waren, werden sie sich längst selbst gerettet haben &#8211; auch die Anwohner vermissen niemanden. Die Rettungshunde schlagen nicht an.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Was sollen wir eigentlich hier?</h2>
<p style="text-align: justify;">Klar, an dieser Stelle kann man sich fragen: Was sollen wir eigentlich hier? Braucht man unsere Hilfe überhaupt? Nichts als rumfahren. Vergeblich nach jemanden suchen, den wir aus den Trümmern retten können. Und vor allem: warten. Aber ich bin nicht frustriert. Denn so ist der Alltag von Katastrophenhelfern. Wir wollen nicht die Helden spielen, sondern sind Teil eines koordinierten Einsatzes der Vereinten Nationen. Nur so kann den Menschen in Nepal bei dieser unfassbaren Tragödie wenigstens etwas geholfen werden. Ich erfahre, dass andere Teams Überlebende aus eingestürzten Gebäuden retten können. Das klappt nur, weil sich alle Retter darauf verlassen können, dass jeder sich um seinen Sektor kümmert. Und mein Sektor heißt: J.</p>
<p style="text-align: justify;">Der liegt im Nordosten Kathmandus. Mit unserem Sprinter und einem Minibus fahren wir am nächsten Morgen die Straßen ab. Vorbei an kleinen Garagengeschäften gelangen wir zu einem vollständig eingestürzten Gebäude. Menschenmassen stehen um die Trümmer herum, mit bloßen Händen graben Anwohner und Soldaten im Schutt. Im Gespräch mit den Anwohnern versuchen wir mehr herauszufinden. „Das war ein fünfstöckiges Haus“, erzählen uns zwei Männer. „Und hier war mal ein Spielplatz.&#8220; Sie deuten auf den Trümmerhaufen vor ihnen. Vermisst werde aber niemand mehr.</p>
<p style="text-align: justify;">Um sicherzugehen, dass sich tatsächlich niemand mehr unter dem Schuttberg befindet, kommen erneut unsere beiden Rettungshunde zum Einsatz. In einem Randbereich der Trümmer hält Loki inne. Der Hundeführer gibt allerdings schnell Entwarnung: Unter den Trümmern liegen nur Schweineköpfe aus einer Metzgerei.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Ein Klopfen</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Hunde sind bereits zurück in den Fahr­zeu­gen, da ordern uns die eng­li­schen Kollegen, mit denen wir unterwegs sind, zurück. Sie möchten wei­ter­su­chen, jemand will ein Klop­fen gehört haben. Mit schril­len­den Tril­ler­pfei­fen ver­treibt die nepa­le­si­sche Poli­zei die Schau­lus­ti­gen. Doch wie­der schnüf­feln die Hunde ver­ge­bens. Das Klop­fen ist nicht mehr zu hören. So bre­chen wir schließ­lich end­gül­tig ab. Nach dem Besuch eines Klos­ters, das kaum zer­stört ist, machen wir uns wie­der auf den Rück­weg. Sektor J haben wir erkundet.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Basislager wartet schon unser Team­lei­ter Ira­kli West. „Für uns ist der Ein­satz vorbei“, sagt er. „Die Such- und Ret­tungs­phase wurde für been­det erklärt. Jetzt geht es um die Ber­gung von Lei­chen, das ist nicht unsere Auf­gabe.” Ich hatte mich vor diesem Einsatz natürlich mental auf den Anblick von Toten vorbereitet. Retter, die nach dem furchtbaren Erdbeben vor fünf Jahren in Haiti waren, hatten mir von ihren Erlebnissen damit erzählt. Am Ende wird einen aber nichts auf diese Erfahrungen vorbereiten können. Ich bin erleichtert, dass mir das erspart geblieben ist. Schon morgen soll es nach Hause gehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Freitagmorgen. In einem Lastwagen des saudi-arabischen Teams und einem nepalesischen Militär-Laster fahren wir zum „Tribhuvan International Airport“, dem Flughafen in Kathmandu. Nach 24 Stunden Wartezeit hebt der Airbus endlich ab &#8211; und damit fällt auch die Anspannung von mir.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/nepal-suche-in-truemmern/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„Wir haben nichts!&#8220;</title>
		<link>https://www.weltseher.de/wir-haben-nichts/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/wir-haben-nichts/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 Jul 2015 21:32:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serbien]]></category>
		<category><![CDATA[EU]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlingspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Hauke Heuer]]></category>
		<category><![CDATA[NGO]]></category>
		<category><![CDATA[Preševo]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=4781</guid>

					<description><![CDATA[Der Ort Preševo in Serbien erlebt derzeit einen Flüchtlingsansturm. Die Menschen weichen hierher aus, weil das EU-Land Bulgarien seine Grenzen dicht macht. Niemand in der Kleinstadt ist darauf vorbereitet. Die humanitären Umstände sind entsprechend verheerend.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wir-haben-nichts/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Ort Preševo in Serbien erlebt derzeit einen Flüchtlingsansturm. Die Menschen weichen hierher aus, weil das EU-Land Bulgarien seine Grenzen dicht macht. Niemand in der Kleinstadt ist darauf vorbereitet. Die humanitären Umstände sind entsprechend verheerend.</strong></p>
<p style="text-align: left;">Das ist also der Arsch der Welt“, sagt mein guter Freund Daniel und schüttelt ungläubig mit dem Kopf. Wir waren nach Preševo in Südostserbien gekommen, um einen ehemaligen Kommandanten der albanischen Untergrundarmee UÇK zu interviewen. Die Kleinstadt wirkte wie ausgestorben, wie eine verlassene Westernstadt inmitten der ärmsten Region Serbiens. Einer jener Orte, in dem die braunen Ziegelmauern Ohren haben und marodierende Kinderbanden mit großen Augen hinter den Ecken lauern und einen auf Schritt und Tritt beschatten. Ich war froh, als wir den Ort wieder verlassen konnten. Das war vor einigen Wochen.</p>
<p style="text-align: left;">Nun ist es Anfang Juli und ich schlucke ordentlich als eine serbische Kollegin mir rät: „Fahr nach Preševo. Da ist im Moment die Hölle los.“ Die 35.000-Seelen-Gemeinde solle seit rund zwei Wochen einem Flüchtlingslager gleichen. Immer mehr Menschen wählen die Route über Südserbien, um nach Mitteleuropa zu gelangen. Der Grund: Die Sicherheitsvorkehrungen an der nahegelegenen bulgarischen Grenze werden permanent verschärft. Ein Durchkommen ist dort kaum noch möglich.</p>
<h2 style="text-align: left;">Flüchtlings-Kolonnen</h2>
<p style="text-align: left;">Gemeinsam mit Mitarbeitern der serbischen NGO „Centar E8“ will ich die Situation begutachten. Schon auf der Schnellstraße sehen wir die ersten Kolonnen. Große Gruppen marschieren von Preševo aus nach Nordserbien. Sie tragen kaum Gepäck – nur ihre Schlafsäcke am Gürtel. Die Frage nach dem Weg erübrigt sich. Ein junger Mann schwenkt bereits die Handfläche, wie die Kelle eines Verkehrspolizisten, als wir die Scheibe herunterlassen und zeigt unmissverständlich in Richtung Zentrum, in Richtung Polizeistation. Wir parken den Wagen unweit der Moschee. Als wir aussteigen, ruft der Muezzin auffallend leiernd zum Gebet. „Das kommt nur vom Band. Mehr kann man sich hier nicht leisten“, sagt eine meine Begleiterinnen.</p>
<p style="text-align: left;">In den Straßen rund um die Polizeistation bestätigen sich die Berichte meiner Kollegin. Hunderte Männer, Frauen und Kinder – vorwiegend aus dem Mittleren Osten sowie Nord- und Zentralafrika – hocken auf den Bordsteinen oder direkt auf der Straße und warten auf ihre Dokumente für die Weiterreise in Richtung Ungarn.</p>
<p style="text-align: left;">Überall liegt Müll. Leere Plastikflaschen und Verpackungen füllen den Straßengraben. Die Massen drängen sich dazwischen unter den Bäumen, um Schutz im Schatten zu finden. Einige hängen mit allen vier Gliedmaßen am Zaun der Polizeistation und versuchen mit der Handvoll Polizisten zu verhandeln, die das Gelände vor der Stürmung sichern. Die Beamten reagieren nicht, sie tragen Mundschutz, wie man ihn aus Krankenhäusern kennt, und Gummihandschuhe.</p>
<div id="aesop-gallery-4803-2"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4803" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
																			data-width="100%"
																																						data-keyboard="true"
																			data-nav=thumbs																			data-allow-full-screen="native"
																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-17-von-26.jpg" data-caption="Bis zu 600 Flüchtlinge erreichen Preševo am Tag und harren bis zu drei Tage vor der Polizeistation aus, bevor sie ihre Dokumente zur Weiterreise bekommen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-24-von-26.jpg" data-caption="Die meisten Flüchtlinge stammen aus dem Mittleren Osten und Afrika. Sie hoffen auf Sicherheit und ein besseres Leben in Mitteleuropa." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-5-von-26.jpg" data-caption="Muhammed aus Damaskus versucht mit seiner siebenköpfigen Familie, Deutschland zu erreichen und hofft, Preševo möglichst schnell verlassen zu können." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-12-von-26.jpg" data-caption="Vor dem Zaun warten die Flüchtlinge, um sich von der Polizei Dokumente zur Weiterreise ausstellen zu lassen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-3-von-26.jpg" data-caption="Die Nummern auf den Handrücken der Flüchtlinge sind die Eintrittskarte auf den Innenhof der Polizei." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-16-von-26.jpg" data-caption="Ein Polizist trägt Mundschutz." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-1-von-26.jpg" data-caption="Der Albaner Agon Ajeti versucht, den Flüchtlingen so gut es geht zu helfen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-6-von-26.jpg" data-caption="In abrissfertigen Häusern schlafen die Flüchtlinge auf Pappe, Decken und dem nackten Boden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-8-von-26.jpg" data-caption="Diese zwei Wasserkanister des Serbischen Roten Kreuzes können die Flüchtlinge nur unzureichend versorgen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-11-von-26.jpg" data-caption="Die Stadtbewohner stellen eine Wasserleitung zur Verfügung." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-22-von-26.jpg" data-caption="Zwei Flüchtlingskinder erfrischen sich. Die Temperaturen Anfang Juli betragen weit über 30 Grad Celsius." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-4-von-26.jpg" data-caption="Der Palästinenser Rodi will ebenfalls nach Deutschland. Zu Fuß möchte er die Grenze nach Ungarn überqueren. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-19-von-26.jpg" data-caption="Flüchtlinge warten zwischen Müll." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Hauke Heuer</p></div>
<h2 style="text-align: left;">Die Nerven liegen blank</h2>
<p style="text-align: left;">Wir treten mit halb gehobenen Händen durch das Tor und suchen das Gespräch mit dem ranghöchsten Uniformträger. Der zeigt sofort mit dem Finger entgegen unserer Laufrichtung. Wir diskutieren, fragen nach konkreten Zahlen. „Bis vor ein paar Wochen sind hier 20 bis 30 Personen am Tag aufgetaucht. Heute registrieren wir bis zu 600 Menschen täglich“, nuschelt der Polizist durch seinen Mundschutz und schiebt uns bestimmt Richtung Ausgang. „Wie ist die Situation?“, fragt meine serbische Begleiterin. „Wir sind zu wenige und vollkommen überfordert. Das sehen sie doch!“, antwortet der Beamte denkbar patzig und schließt mit einem lauten Knall hinter uns das Tor. Die Nerven liegen blank.</p>
<p style="text-align: left;">Wieder auf der Straße wird die Überforderung sichtbar – es geht einfach nichts voran. Lange Schlangen bilden sich vor einem provisorischen Büro gegenüber der Polizeistation. Nummern werden mit schwarzer Tinte auf die Handrücken der Wartenden geschrieben – die Eintrittskarte für den umzäunten Hof der Polizei. Hier gibt es die eigentlichen Dokumente. Teilweise müssen die Flüchtlinge bis zu drei Tage warten bis sie das entsprechende Papier in der Hand halten.</p>
<p style="text-align: left;">Währenddessen brennt die heiße Balkansonne und die zwei einzigen großen blauen Wasserkanister sind leer. Einmal am Tag kommen die Helfer des Serbischen Roten Kreuzes und verteilen Lebensmittel. Nur ungefähr ein Drittel der Menschen erhält eine Ration. Der Rest wird auf den Folgetag vertröstet. „Wir haben nichts! Unser Essen geben wir den Kindern und den Alten“, sagt Muhammed aus Damaskus, der mit seiner siebenköpfigen Familie auf dem Weg nach Deutschland ist, um dem syrischen Bürgerkrieg zu entkommen.</p>
<h2>Berichte von Misshandlung durch mazedonische Polizei</h2>
<p style="text-align: left;">Gemeinsam mit seinem Vater und der kleinen Schwester steht Muhammed am einzigen Wasserhahn, den die Bevölkerung den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt hat und füllt Plastikflaschen auf. In Mazedonien sei es ihm noch schlimmer ergangen, berichtet er. „Die Polizei in Mazedonien hat uns einfach angehalten, mit Knüppeln geschlagen und Geld gefordert, damit sie wieder verschwinden“.</p>
<p style="text-align: left;">Insgesamt 500 Euro habe Muhammeds rund 20-köpfige Reisegruppe herausrücken müssen, um die Polizisten zu befrieden. Es ist eine unter vielen vergleichbaren Erfahrungen, von denen die Flüchtlinge aus dem Nachbarland berichten. Seit Monaten leidet Mazedonien unter innenpolitischen Konflikten und gewalttätigen Ausschreitungen. Im serbischen Preševo fühlt sich der ehemalige Architekturstudent deshalb relativ sicher.</p>
<p style="text-align: left;">Zudem ist die albanische Bevölkerung hier überwiegend muslimisch und auch die Flüchtlinge kommen meist aus muslimischen Ländern. Sie hoffen in Preševo daher auf mehr Solidarität als in den christlichen Nachbarregionen. Der albanische Serbe Agon Ajeti möchte diese Hoffnung nicht enttäuschen. „Als immer mehr Menschen in unseren Ort kamen, haben wir leerstehende Gebäude zumindest für die Familien zur Verfügung gestellt und versucht, soviel Trinkwasser und Nahrungsmittel aufzutreiben, wie wir konnten“, sagt er.</p>
<p style="text-align: left;">Ajeti führt uns durch die notdürftig mit Decken ausgelegten Abrisshäuser, die in seinem Besitz sind. Auf den nackten Betonböden liegen ein paar Decken. Nur wenn es regnet, dürfen Hunderte der Fremden in die nahegelegene Gaststätte von Fazlin Besnir, in der sonst Hochzeiten gefeiert werden.</p>
<h2 style="text-align: left;">Von serbischer Regierung allein gelassen</h2>
<p style="text-align: left;">Gemeinsam mit mehreren Männern aus Preševo sitzen wir im Saal der Gaststätte und lauschen. Sie alle sind empört, mit der Lage in ihrem Ort überfordert und fühlen sich von der serbischen Regierung, die die albanischen Gebiete traditionell links liegen lässt, allein gelassen.</p>
<p style="text-align: left;">Ajeti, ein großgewachsener junger Mann in den Dreißigern, ergreift das Wort: „Wir rufen die Europäische Union und NGOs auf, uns zu helfen. Wir brauchen einfach alles“, sagt er mit ernster Miene. Seine Mitstreiter nicken bestimmt. „Die Flüchtlinge sind unsere Brüder. Sie kommen zu uns, weil sie die Moschee sehen und wissen, dass ihnen hier geholfen wird. Und natürlich helfen wir, denn wir Albaner wissen, wie es ist, auf der Flucht zu sein“, sagt ein junger Mann und fügt kopfschüttelnd hinzu, „alles organisieren wir selber: Unterkünfte, Essen, Wasser, Windeln und Ärzte, aber unsere Kapazitäten sind überschritten. Diese Stadt ist sehr arm. Mit dieser Entwicklung hat niemand gerechnet“.</p>
<p style="text-align: left;">Wir gehen zurück zu den Flüchtlingen und suchen das Gespräch. Die Stimmung ist gespannt. Schnell sind wir von mehreren Dutzend Menschen umringt, die sich gegenseitig schubsen, wild durcheinander reden und hoffen, von uns Informationen zu erhalten, die ihre Weiterreise beschleunigen. Sie greifen nach jedem Strohhalm. Den meisten Männern sieht man die Strapazen ihrer Reise an. Sie wirken müde, ausgemergelt und rastlos.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Unser Haus ist zerbombt&#8220;</h2>
<p style="text-align: left;">Der Palästinenser Rodi spricht am besten Englisch. Sein Dorf nahe Damaskus sei von der Terrormiliz Islamischer Staat angegriffen worden. &#8222;Unser Haus ist zerbombt&#8220;, sagt er. Nun sucht er Zuflucht und ein besseres Leben in Europa. „Wir reisen in Gruppen. Nur so sind wir geschützt. Dafür dauert es Tage bis alle ihre Dokumente haben“, erklärt Rodi. Es sei nicht gut, einfach nur auf der Stelle zu sitzen und zugrunde zugehen. Er wolle einfach nur noch weiter. Nach Ungarn und von dort aus nach Deutschland. „Ich will möglichst schnell die Sprache lernen und studieren. Damit meine Familie stolz auf mich sein kann. Zurück kann ich nicht“, sagt der 26-Jährige und lüftet sein Basecap.</p>
<p style="text-align: left;">Weil ich weiß, wie man in Europa und Deutschland mit Flüchtlingen umgeht, versuche ich Rodi zu erklären, dass das nicht so leicht sein wird. Dass es wahrscheinlich schwer sein wird, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Ich ernte reihum enttäuschte Blicke. Gefolgt von Widerworten.</p>
<p style="text-align: left;">Viele der Flüchtlinge hier wurden in Griechenland registriert. Die Polizei greift die Menschen auf, meist nachdem sie die Ägäis mit einem Boot überquert haben, und nimmt Fingerabdrücke. Einen Antrag auf Asyl stellen die Flüchtlinge in Griechenland meist nicht, denn sie wollen nach Mitteleuropa. Und die Griechen lassen sie ziehen. Dass die Flüchtlinge in den mitteleuropäischen EU-Staaten aber Gefahr laufen, wieder zu den krisengeplagten Hellenen abgeschoben zu werden, ist ihnen nicht bekannt.</p>
<p style="text-align: left;">Immer mehr Menschen scharen sich um uns, während wir die europäische Flüchtlingspolitik erklären. Mehrere Männer übersetzen simultan aus dem Englischen. Doch die Flüchtlinge schütteln ungläubig mit dem Kopf. Zu groß ist ihre Hoffnung. Zu nah ist das Ziel Mitteleuropa. Sie klammern sich an ihren Optimismus.</p>
<h2 style="text-align: left;">Rote Kreuz scheint überfordert</h2>
<p style="text-align: left;">Kurz vor unserem Aufbruch bahnen sich zwei Wagen des Serbischen Roten Kreuzes ihren Weg durch die wartende Menschenmasse. Es werden Nahrungsmittel verteilt – wieder einmal zu wenig. Wir sprechen einen Helfer auf die fehlenden Zelte an – es wurden bisher nur zwei aufgestellt – und fragen nach dem Grund für die unzureichende Wasserversorgung.</p>
<p style="text-align: left;">Erst will der Helfer nicht mit uns reden und schaut weg. Wir fragen noch einmal nach. „Das wird sich morgen alles ändern. Wir tun, was wir können. Hier gibt es kein Problem“, blafft der Mann entnervt zurück – auch das Rote Kreuz scheint überfordert. Nur eines ist sicher: Die Abriegelung der EU-Grenze in Bulgarien hält die Flüchtlinge nicht auf. Sie treibt die Menschen durch eine der derzeit ärmsten und politisch instabilsten Regionen Europas. Das Elend ist vorprogrammiert.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/wir-haben-nichts/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>4</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Diorella</title>
		<link>https://www.weltseher.de/ich-bereue-nichts/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/ich-bereue-nichts/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 21 Jun 2015 21:31:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Bichsel]]></category>
		<category><![CDATA[Prostitution]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Transsexualität]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=4728</guid>

					<description><![CDATA[Stell dir vor, dein Land leidet unter der schlimmsten Krise seit Jahrzehnten und du bist eine in die Jahre gekommene, transsexuelle Prostituierte. Willkommen in Diorellas Leben. In Griechenland verteilt sie tagsüber Essen an Bedürftige und verkauft nachts ihren Körper. Doch wegen der Wirtschaftskrise geht auch dieses Geschäft schlecht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ich-bereue-nichts/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Stell dir vor, dein Land leidet unter der schlimmsten Krise seit Jahrzehnten und du bist eine in die Jahre gekommene, transsexuelle Prostituierte. Willkommen in Diorellas Leben. In Griechenland verteilt sie tagsüber Essen an Bedürftige und verkauft nachts ihren Körper. Doch wegen der Wirtschaftskrise geht auch dieses Geschäft schlecht.</strong></p>
<p style="text-align: left;">Diorella hockt auf dem Boden, vor sich einen Haufen weißer Plastiktüten. Ihr blondes Haar fällt ihr über die Schultern, emsig füllt sie die einzelnen Tüten mit Lebensmitteln.</p>
<p style="text-align: left;">Jeden Mittwoch sortiert die Griechin Essensspenden, die an bedürftige Menschen aus der Transcommunity verteilt werden. Im Namen der Greek Transgender Association GTGA engagiert sich Diorella für die «am meisten gefährdete Minderheit im Land während der Krise», wie sie selbst sagt.</p>
<p style="text-align: left;">Die 88 Mitglieder der Gruppe bezahlen monatlich einen kleinen Solidaritätsbetrag, um die Miete eines Büros zu bezahlen. Aus diesem Topf kann Diorella auch mal Geld nehmen, um die Säcke in nicht ganz so guten Zeiten aufzufüllen.</p>
<p style="text-align: left;">Neben der Essensverteilung engagiert sich die Sechzigjährige wie ihre anderen Kolleginnen und Kollegen aus der Transcommunity auch auf Demonstrationen oder an Veranstaltungen für eine Verbesserung ihrer rechtlichen Situation.</p>
<p style="text-align: left;">Diorellas Arbeit für die GTGA ist ehrenamtlich. Über die Organisation, die seit 2010 in dieser Form existiert, fand ich den Kontakt zu ihr.</p>
<h2 style="text-align: left;">Grenzschließung verhindert Geschlechtsumwandlung</h2>
<p style="text-align: left;">Diorella wuchs in den Fünfzigerjahren in Athen auf. Mit ungefähr 13 Jahren, sagt sie, realisierte sie ihre weibliche Geschlechtsidentität und führte während ihrer Pubertät eine Beziehung mit einem Mann.</p>
<p style="text-align: left;">Damals organisierte sich Diorella einen Termin beim Gynäkologen Dr. Georges Bouru in Casablanca, einem Pionier der geschlechtsangleichenden Operationen und international bekannt in der Szene. Sie konnte den Termin jedoch nicht wahrnehmen, da die Militärdiktatur in Griechenland die Grenzen abriegelte.</p>
<p style="text-align: left;">Diorella hatte keine andere Wahl, als sich diesem Schicksal zu fügen. Risikolos wäre sie nicht über die Grenze gekommen. Einen neuen Versuch machte sie nicht, ihre Umwandlung wurde daher nie vollzogen.</p>
<p style="text-align: left;">Ich durfte Diorella bei unserem Treffen in ihre Wohnung begleiten. Sie besitzt zwei kleine Wohnungen in Athen. In der einen lebt sie, die andere nutzt sie zum Arbeiten – seit einigen Jahren muss Diorella ihren Lebensunterhalt mit Prostitution finanzieren und sagt dazu nur: «Was soll ich sonst noch arbeiten?»</p>
<p style="text-align: left;">Diese Zweitwohnung vermietet sie an andere Frauen weiter. Durch die wirtschaftliche Krise in Griechenland leidet auch die Prostitution. Ein Kunde, der vorher bis zu zwei Mal die Woche bei ihr war, komme heute nur noch alle zwei Monate.</p>
<div id="aesop-gallery-4731-3"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4731" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
																			data-width="100%"
																																						data-keyboard="true"
																			data-nav=thumbs																			data-allow-full-screen="native"
																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_07.jpg" data-caption="Zu Hause liest Diorella am liebsten ein Buch oder blättert in einem Magazin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_02.jpg" data-caption="Die Frauen der Greek Transgender Association im Büro in Athen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_03.jpg" data-caption="Auf dem Gemüsemarkt in ihrer Nachbarschaft ist Diorella ein bekanntes  Gesicht." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_04.jpg" data-caption="Das Lieblingsparfüm gibt’s im Chinaladen günstiger." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_06.jpg" data-caption="Diorellas Wohnung lebt von alten Erinnerungen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_07.jpg" data-caption="Zu Hause liest Diorella am liebsten ein Buch oder blättert in einem Magazin." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Martin Bichsel</p></div>
<h2 style="text-align: left;">Ein Leben der Lust</h2>
<p style="text-align: left;">Die Wohnung, in der Diorella wohnt, ist ein Museum der Erinnerung. Überall hängen Bilder von Menschen, Porträts, die meisten schwarz-weiss. In filigranen Goldrahmen zieren Babykleider die Wände, Diorellas Schränke sind vollgehängt mit Kostümen aus ihren jüngeren Jahren.</p>
<p style="text-align: left;">Diorella arbeitete jahrelang als Tänzerin und Entertainerin in diversen Clubs und Cabarets in Athen und auf den griechischen Inseln.</p>
<p style="text-align: left;">Ihr größter Wunsch war es schon als Jugendliche, eine Schauspielschule zu besuchen. Sie schwärmt für die großen Stars der Sechziger Jahre – Marlon Brando, Greta Garbo, Brigitte Bardot. Doch ihre Mutter erlaubte ihr diesen Weg nicht.</p>
<p style="text-align: left;">So erlernte Diorella den Beruf der Dekorateurin und versuchte, sich das Geld für die Schauspielschule selbst zu verdienen. In den Achtzigerjahren lernte sie in Athen eine Frau kennen, die ihr Tanz und Schauspiel näher brachte.</p>
<p style="text-align: left;">Diorella ist eine selbstbewusste Frau, eine Persönlichkeit, die weiß, was sie will. Sie macht keinen Hehl aus ihrer Geschichte und steht zu sich.</p>
<h2 style="text-align: left;">Die Schwester erbte zwei Häuser, sie nichts</h2>
<p style="text-align: left;">Als ich die Griechin freitags auf den Markt begleite, trägt sie einen bunten Kaftan über einer orangefarbenen Hose. Ihre Einkaufstasche ist farblich darauf abgestimmt, ihre Augen sind verdeckt von einer übergroßen Sonnenbrille, ihr Haar ist frisch frisiert.</p>
<p style="text-align: left;">Diorella ist eine auffällige Erscheinung, auch auf dem vollen Markt. Aber genauso freundlich wie sie selbst ist, wird sie auch bedient. Sie lacht mit den Leuten an den Marktständen und erledigt ihre Einkäufe mit Gelassenheit. Man kennt sie hier. Sie kauft immer freitags kurz vor Marktschluss ein, weil Obst und Gemüse dann weniger kosten.</p>
<p style="text-align: left;">Als ihre Mutter starb, vererbte diese zwei Häuser an Diorellas Schwester, sie selbst ging damals leer aus. &#8222;Mir wird nichts geschenkt&#8220;, sagt sie.</p>
<p style="text-align: left;">Und trotzdem sagt sie mit Bestimmtheit, dass sie eine gute Mutter gehabt habe. Auch zur Schwester hat Diorella ein gutes Verhältnis – deren Tochter lebt mit Familie in Athen, der Sohn mit sechs Kindern in Amerika.</p>
<h2 style="text-align: left;">Lebensfroh trotz Polizei-Schikanen</h2>
<p style="text-align: left;">Diorellas Nichte besucht sie regelmässig mit ihren vier Kindern, sie kennen ihre Geschichte. Auch ausserhalb ihrer Familie und der Transcommunity pflegt sie viele Freundschaften mit Leuten, die sie kennt «seit wir Babies sind».</p>
<p style="text-align: left;">Diorella ist eine positive, lebenslustige Frau. Nach der Diktatur in Griechenland gönnte sie sich einige Fernreisen, sie holte den ersehnten Schauspielunterricht nach. Es ist ihr wichtig, liebevoll und sozial gut integriert zu sein.</p>
<p style="text-align: left;">In ihren Erzählungen tauchen aber auch immer wie der Geschichten von Widrigkeiten auf, die nicht nur auf einer wirtschaftlich schwierigen Lage beruhen.</p>
<p style="text-align: left;">Beispielsweise wenn sie davon erzählt, wie sie als Prostituierte manchmal von der Polizei mit Absicht festgehalten und von Freitag bis Montag eingesperrt wurde, um ihr die lukrativen Wochenenden zu vermiesen.</p>
<p style="text-align: left;">Doch auch damit hat Diorella gelernt zu leben, so schnell haut sie nichts um. &#8222;Meine Verrücktheit hält mich am Leben&#8220;, sagt sie und lacht schallend.</p>
<hr />
<p><em>Während acht Jahren hat der Fotograf Martin Bichsel 11 Transmenschen in der Schweiz, Europa, Japan, Sibirien und Nordafrika in deren Alltag fotografiert und die Lebensgeschichten notiert. Das Ergebnis – ein Bild- und Textband – soll Zugang schaffen zu einem Thema, bei welchem zu oft weggeschaut und stigmatisiert wird:<strong> <a href="http://www.amazon.de/Trans-Visit-Lebensgeschichten-Martin-Bichsel/dp/3952411469" target="_blank">zum Buch</a></strong>.</em></p>
<p><a href="http://www.amazon.de/Trans-Visit-Lebensgeschichten-Martin-Bichsel/dp/3952411469" target="_blank">        <div id="aesop-image-component-4728-1"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-center aesop-image-component-caption-left" style=max-width:400px;>
                                                                                <img src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/tr2.jpeg"                                    alt="tr2">
                            
                        

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        </a></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/ich-bereue-nichts/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Trans*visit Japan</title>
		<link>https://www.weltseher.de/transvisit-japan/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/transvisit-japan/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Apr 2015 05:15:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Japan]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Bichsel]]></category>
		<category><![CDATA[Osaka]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Transsexualität]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=4407</guid>

					<description><![CDATA[Auf der Suche nach den Transmenschen bereist unser Autor Martin Bichsel die Welt. Im japanischen Osaka fand er Rikuto, der sich für einen tabulosen Umgang mit dem Thema Transidentität einsetzt. Dabei hilft ihm eine besondere Eigenheit der japanischen Gesellschaft.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/transvisit-japan/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Auf der Suche nach den Transmenschen bereist unser Autor Martin Bichsel die Welt. Im japanischen Osaka fand er Rikuto, der sich für einen tabulosen Umgang mit dem Thema Transidentität einsetzt. Dabei hilft ihm eine besondere Eigenheit der japanischen Gesellschaft.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Rikuto lebt in Osaka. Vom Stadtzentrum aus dauert die Zugfahrt zu ihm nach Hause eine gute Stunde. Auch wenn man auf dem Weg Reisfelder passiert, ist man hier immer noch in Osaka, einer Stadt, die durch das Zusammenwachsen von Dörfern organisch zu einer Metropole geworden ist. Hier, in einem schmalen, dreistöckigen Einfamilienhaus, wohnt Rikuto. Er ist hier aufgewachsen, es ist sein Elternhaus – mittlerweile jedoch leider ohne Eltern. 2010 starb sein Vater an einem Herzschlag, und seit 2012 seine Mutter an Krebs starb, ist Rikuto Vollwaise.</p>
<p style="text-align: justify;">Sein einziger Bruder lebt mit seiner Frau in Tokio. Alle paar Monate sieht er die beiden, sie kennen Rikutos Lebensgeschichte, ihr Verhältnis ist sehr gut. Meinen ersten Kontakt zu Rikuto hatte ich über Facebook. Durch meine Recherchen in der japanischen Transszene stieß ich auf den Studenten. Rikuto war sofort bereit, mich an seinem Alltag teilhaben zu lassen. Seine einzige Angst waren anfänglich Sprachprobleme; so war bei unserem ersten Treffen ein Übersetzer dabei. Es stellte sich aber rasch heraus, dass Rikutos Sorge unbegründet war. Sein Englisch ist gut, wir unterhielten uns lebhaft.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Merkte es im Jugendalter</h2>
<p style="text-align: justify;">Bereits im Jugendalter spürte Rikuto, dass seine Geschlechtsidentität nicht seinem Körper entsprach. Er informierte sich im Internet und fand auf Foren viele Antworten auf seine offenen Fragen und Menschen mit ähnlichen Geschichten. Mit einigen von ihnen hat er Freundschaften entwickelt und trifft sie ab und zu – sei es für einen persönlichen Austausch oder aber auch, um gemeinsam Veranstaltungen für die Transcommunity zu organisieren. Rikuto ist in verschiedenen Gruppen aktiv.</p>
<div id="aesop-gallery-4409-4"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4409" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
																			data-width="1150px"
																			data-autoplay=20000																			data-keyboard="true"
																			data-nav=thumbs																			data-allow-full-screen="native"
																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_01.jpg" data-caption="Rikuto mit Freunden in der Whisky-Bar, in der er viermal pro Woche arbeitet. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_02.jpg" data-caption="Auf dem Weg nach Hause geht Rikuto an einem Reisfeld vorbei." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_03.jpg" data-caption="Beim Mittagessen zuhause. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_05.jpg" data-caption="Rikuto auf dem Weg zur Universität." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_06.jpg" data-caption="Rikuto im Gespräch mit seinen Kommilitoninnen. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_08.jpg" data-caption="Rikuto ist Mitorganisator der &quot;LGBT-Jungbürgerfeier&quot;." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Martin Bichsel</p></div>
<p style="text-align: justify;">An einer Privatuniversität in Osaka studiert er Business Administration. Hier gründete der umtriebige Student ein monatliches Treffen für Transmenschen, Homo- und Bisexuelle: die &#8222;Salad Bowl&#8220;. An diesen Abenden kommen mittlerweile gut 20 Menschen zusammen. Sie werden auch an der nächsten &#8222;Kansai Rainbow Parade&#8220; Flyer zur Mitgliederwerbung verteilen. Für diese Parade werden rund 600 Menschen erwartet.</p>
<p style="text-align: justify;">Als ich Rikuto an die Universität begleite, fällt mir auf, wie oft er stehen bleibt und mit Leuten redet, lacht, sich vertraut austauscht. Viele seiner engen Freundinnen und Freunde hat er im Studium kennengelernt. Sie kennen ihn und seine Geschichte. Auch sein bester Freund Motoki, ebenfalls Transmann, studiert hier. Mit ihm würde er gerne bald eine Europareise machen. Rikutos Vater wusste nie, dass er zwei Söhne und nicht eine Tochter und einen Sohn hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Mutter vertraute sich Rikuto zwar an, sie war mit der Nachricht jedoch überfordert. Um mit der hormonellen Angleichung zu beginnen, brauchte Rikuto Gutachten von zwei verschiedenen Psychiatern, die seine männliche Geschlechtsidentität bestätigen. Einer von ihnen überwies den Studenten später an ein Krankenhaus, wo er mit der Hormontherapie begann.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Fürs Amt ist er noch eine Frau</h2>
<p style="text-align: justify;">Rikutos amtliche Namens- und Geschlechtsänderung kann aber erst erfolgen, wenn er sich einer operativen Sterilisation und einer Mastektomie unterzogen hat. Wenn er in zwei Jahren sein Studium abgeschlossen hat, möchte er die beiden Operationen durchführen lassen. Er wünscht sich, danach offiziell als Mann bei einer Firma eingestellt zu werden. Eine berufliche Karriere ist Rikuto dabei nicht wichtig. Er arbeitet bereits jetzt, während des Studiums, vier Mal wöchentlich als Kellner in einer Whiskybar, um sich etwas für seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Jedoch sieht er seine Erfüllung weniger in der Erwerbsarbeit als in seinem Engagement sowohl in eigener Sache als auch für die Community.</p>
<p style="text-align: justify;">Anderen jungen Transmenschen hilft Rikuto als Mitorganisator der &#8222;LGBT-Jungbürgerfeier&#8220; – der Feier zum Erreichen der Volljährigkeit. Normalerweise feiern die Japaner dieses Fest in traditionellen, geschlechterspezifischen Kimonos. An dieser speziellen Feier hingegen darf man sich kleiden, wie man möchte. Obwohl die meisten jungen Erwachsenen innerhalb einer traditionellen Familienstruktur immer noch an der klassischen Feier teilnehmen müssen, ist dieses alternative Angebot ein Lichtblick und ein Ort des Austausches und der Aufklärung.</p>
<p style="text-align: justify;">Zur Aufklärung trägt auch das japanische Fernsehen seinen Teil bei. In einer Gesellschaft, in der Männer problemlos feminin aussehen dürfen, wo die Grenzen zwischen den Geschlechtern sich langsam ästhetisch auflösen, kolportiert auch das Fernsehen entsprechende Bilder. Immer öfter sind Transmenschen Gäste in japanischen Talkshows. Rikuto freut sich darüber: &#8222;Auch das ist Aufklärung und Enttabuisierung&#8220;. Zudem verzichten immer mehr junge Frauen und Männer auf eine geschlechterspezifische Sprache und kommunizieren in einer geschlechtsneutralen Form. So selbstverständlich auch Rikuto.</p>
        <div id="aesop-image-component-4407-2"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-center aesop-image-component-caption-right" style=max-width:80%;>
                        
                            <a class="aesop-lightbox"
                               href="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/tr2.jpeg"
                               title="Anzeige">
                                <p class="aesop-img-enlarge"><i
                                            class="aesopicon aesopicon-search-plus"></i> Vergrößern                                </p>
                                                                    <img src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/tr2.jpeg"                                            alt="tr2">
                                                                </a>

                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Anzeige
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        


<h6 style="text-align: justify;"><em>Während acht Jahren hat der Fotograf Martin Bichsel 11 Transmenschen in der Schweiz, Europa, Japan, Sibirien und Nordafrika in deren Alltag fotografiert und die Lebensgeschichten notiert. Das Ergebnis – ein Bild- und Textband – soll Zugang schaffen zu einem Thema, bei welchem zu oft weggeschaut und stigmatisiert wird:<strong> <a href="http://www.amazon.de/Trans-Visit-Lebensgeschichten-Martin-Bichsel/dp/3952411469" target="_blank">zum Buch</a></strong>.</em></h6>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/transvisit-japan/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ruhesitz für verwelkte Blumen</title>
		<link>https://www.weltseher.de/ruhesitz-fuer-verwelkte-blumen/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/ruhesitz-fuer-verwelkte-blumen/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Mar 2015 01:14:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mexiko]]></category>
		<category><![CDATA[Altenheim]]></category>
		<category><![CDATA[Anja Reiter]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Mexico City]]></category>
		<category><![CDATA[Prostitution]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=4260</guid>

					<description><![CDATA[In der Altstadt von Mexico City befindet sich das weltweit einzige Altersheim für Prostituierte. Im sogenannten „Haus der schönen Blumen“ sollen die Sex-Arbeiterinnen in Würde altern können. Manche der in die Jahre gekommenen Damen bieten sich immer noch ihren Freiern an. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ruhesitz-fuer-verwelkte-blumen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong> In der Altstadt von Mexico City befindet sich das weltweit einzige Altersheim für Prostituierte. Im sogenannten „Haus der schönen Blumen“ sollen die Sex-Arbeiterinnen in Würde altern können. Manche der in die Jahre gekommenen Damen bieten sich immer noch ihren Freiern an. </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Nur selten verirren Touristen sich in die engen Gassen rund um den Plaza San Sebastián in Mexico City. Obwohl der Platz nur wenige Minuten vom historischen Zentrum entfernt liegt, wirkt das Viertel heruntergekommen und schäbig. In Tepito regiert das Gesetz der Straße: Fliegende Händler preisen lautstark Plastikramsch und Süßigkeiten an, auf Bordsteinkanten hocken Obdachlose, dazwischen türmen sich Müll und Essensreste. Drängelnde Passanten schieben sich an den Marktschreiern vorbei, leicht bekleidete Frauen halten nach Freiern Ausschau.</p>
<p style="text-align: justify;">Neben dem Irrsinn auf der Straße liegt eine unscheinbare hölzerne Doppeltür mit einem Metallknauf. „Buenas?“, beantwortet ein Türsteher zögerlich das Klopfen. Er beschützt die Bewohnerinnen des zweistöckigen Hauses vor neugierigen Blicken und dem Elend der Straße. Diejenigen, die er eintreten lässt, gelangen in einen ruhigen, überdachten Innenhof – in der Mitte plätschert ein Brunnen, um den sich grüne Pflanzen ranken. Draußen wird unaufhörlich weiter gedrängelt, gegrapscht, geklaut. Drinnen sticken alte Damen, schweigen oder starren in die Luft.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch es sind keine typischen Altersheim-Bewohnerinnen, die hier ihren Lebensabend verbringen. Alle Frauen, die hier leben, haben als Prostituierte gearbeitet – oder tun es immer noch. Geschäftsführerin Jesica Vargas González winkt uns in ihr Büro herein. „Unser Projekt ist weltweit einzigartig“, erzählt sie stolz. Hinter ihrem Schreibtisch ranken sich die Portraits der Bewohnerinnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Derzeit residieren 27 Seniorinnen zwischen 50 und 81 Jahren im Casa Xochiquetzal, was auf Deutsch so viel wie „Haus der schönen Blumen“ bedeutet. Viele der Frauen arbeiteten direkt im Bezirk Tepito, vor den Türen ihres jetzigen Altersruhesitzes. Auf den Straßen der Acht-Millionen-Metropole verdienten sie ihr Geld mit erotischen Dienstleistungen. Doch als ihre jugendlichen Reize schwanden, mussten viele erkennen: In der mexikanischen Konsumgesellschaft haben auch Prostituierte ein Ablaufdatum, sobald die Haut runzelig wird.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Aus einem Box-Museum wird ein Altersheim</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Idee für die Casa Xochiquetzal wurde 2001 geboren: Carmen Mu<em>ñ</em>oz, die ihr Geld selbst einst als Sexarbeiterin verdiente, war schockiert vom Elend ihrer früheren Kolleginnen. Verstoßen von ihren Familien, sah sie einige von ihnen auf der Straße schlafen, zugedeckt nur mit einer Plastikplane – im Stich gelassen von der Gesellschaft. Die betagten Damen mussten sich ein paar Münzen für eine warme Mahlzeit erbetteln oder in Mülleimern wühlen. Berührt von dem, was sie sah, beschloss Carmen Mu<em>ñ</em>oz ihnen einen sicheren Unterschlupf zu schaffen.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1" style="max-width:1200px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1200:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="16000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierteJesicaVargas_Reiter03-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Geschäftsführerin Jesica Vargas in ihrem Büro.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituMamaEde_Reiter11-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mama Ede: Die Beschäftigungstherapeutin Edelmira Lomeli Hurtado, auch genannt Mama Ede, unterstützt die Bewohnerinnen, wo sie kann.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierten_concep_juanita-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Rosa Belen beim Sticken. (l.) Concepción ist stolz auf ihre Stickerei: Sol steht für die Sonne Mexikos. (r.)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_prostituierten_Celia_Gloria_reiter-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Celia ist gern in Gesellschaft. (l.) Gloria hat dreizehn Kinder von vier verschiedenen Männern. (r.)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierte_Canela_BDesrus-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Canela geht mit einem fremden Hund spazieren. (© Bénédicte Desrus)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_reiter_Amalia_BenedicteDesrus1-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Amalia in ihrem Schlafzimmer. (© Bénédicte Desrus)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_prostitutionVictoria_BenedicteDesrus-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Victoria besucht ihre Tochter in Pachuca.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1200px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierteJesicaVargas_Reiter03-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituMamaEde_Reiter11-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierten_concep_juanita-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_prostituierten_Celia_Gloria_reiter-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierte_Canela_BDesrus-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_reiter_Amalia_BenedicteDesrus1-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_prostitutionVictoria_BenedicteDesrus-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<p style="text-align: justify;">Nach langer Lobby-Arbeit unterstützte die Stadtregierung Carmen Mu<em>ñ</em>oz dabei, das Projekt Casa Xochiquetzal zum Leben zu erwecken. Der damalige Bürgermeister stellte das Gebäude zur Verfügung – ein zweistöckiges Stadthaus aus dem 18. Jahrhundert. Einst beheimatete es ein Box-Museum, nun wurde es zum Altenheim für Prostituierte umgebaut.</p>
<p style="text-align: justify;">Carmen Mu<em>ñ</em>oz restaurierte das Gebäude mit der Unterstützung von anderen Aktivistinnen und Helferinnen. Monatelang schrubbten die Frauen die Böden, bauten Backöfen und Badezimmerarmaturen ein und besorgten günstige Möbelstücke. Seit 2006 ist die Casa Xochiquetzal Heimat für die „schönen Blumen“. Betagte Prostituierte, für die Gesellschaft unsichtbar geworden, erhalten hier Unterschlupf, Nahrung und medizinische Betreuung. Die Sozialarbeiterin, die von allen hier Mama Ede genannt wird, hilft ihnen dabei, Papiere und Identitätsnachweise zu besorgen – in der mexikanischen Bürokratie oft ein erster Schritt zurück ins Sozialsystem und in ein geregeltes Leben. Das Projekt ist von Spendengeldern abhängig. „Die Suche nach Geldgebern ist aber schwierig“, seufzt Jesica Vargas. „Im katholischen Macho-Land Mexiko spenden die Menschen eben lieber für kranke Kinder als für alte Prostituierte.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">Aus ehemaligen Konkurrentinnen werden Mitbewohnerinnen</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Bewohnerinnen sind gastfreundlich. Dem Besuch aus Deutschland präsentieren sie stolz ihr eigenes Heim: die Küche, zwei Fernsehräume, Badezimmer, die einzelnen Schlafräume. „Ich bin so stolz, hier leben zu dürfen“, erklärt Amalia, die durch ihr kleines Reich führt und sich wegen des Chaos in ihrem Zimmer keine großen Gedanken zu machen scheint. Für Ordnung und Sauberkeit in den privaten Zimmern sind die Frauen selbst zuständig. Die wenigen persönlichen Gegenstände, die sie besitzen, pinnen sie stolz an die Wände: Fotografien, Stickereien, Heiligenbilder. „Viele Frauen hier sind sehr religiös“, erzählt Jesica Vargas.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Alltag in der Casa Xochiquetzal nimmt derweil seinen Lauf.Aus einem alten Radio klimpern mexikanische Chansons, sie erzählen von Herzschmerz und der großen Liebe. An die wahre Liebe glauben hier in der Casa Xochiquetzal nur die wenigsten. Die meisten stolperten Zeit ihres Lebens von einer kaputten Beziehung in die nächste oder wurden von ihren Männern zur Prostitution gezwungen. Die Frauen sind über die Jahre dickhäutig geworden, ihr Ton ist rau. Eine wichtige Regel lautet deshalb: Respekt voreinander. Die Bewohnerinnen sind Schicksalsgenossinnen, aber eben auch ehemalige Konkurrentinnen – manche Konflikte schwelen bis heute und machen ein harmonisches Zusammenleben schwierig.</p>
<p style="text-align: justify;">Auf Plastikstühlen sitzt eine Gruppe Frauen im Innenhof und stickt traditionelle Muster in Kissenbezüge. Die Stimmung ist entspannt und erinnert fast an ein gewöhnliches Altenheim. Doch der Schein trügt. Eine grauhaarige Frau wimmert in das Telefon auf dem Flur, Tränen rinnen ihre ledrigen Wangen hinunter. Viele der Frauen wurden von ihren Kindern, Enkeln und Geschwistern verstoßen – aus Scham oder Unsicherheit. An ihrem Lebensabend sind sie nun alleingelassen. Doch sie haben zumindest ein Dach über dem Kopf – anders als viele andere Prostituierte, die auf Mexikos Straßen schlafen müssen und keinen Schutz haben vor Gewalt und ökonomischer Unsicherheit.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Keine Männer, keine Drogen</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Aufnahmekriterien für das einzigartige Altersheim sind simpel: Wer einen Schlafplatz möchte, muss über fünfzig sein, als Prostituierte gearbeitet haben und keine Unterstützung von seiner Familie bekommen. Die meisten Frauen haben über Mundpropaganda von dem Projekt erfahren. Einmal eingezogen, müssen sie sich an einige Regeln halten: Keine Männer, keine Drogen. Das eigene Zimmer sauber halten und in der Küche helfen. Das wöchentliche Treffen besuchen. Bis spätestens zehn Uhr abends zu Hause sein. Wer länger aus ist, muss eine Adresse und eine Telefonnummer zurücklassen. Gewissenhaft tragen sich die ehemaligen Sexarbeiterinnen deshalb in ein dickes Buch ein, das am Eingang bereit liegt. „Das ist nicht für alle einfach“, erzählt Jesica Vargas. „Viele haben ihr ganzes Leben lang ohne gewohnte Strukturen verbracht.“ So verwundert es nur auf den ersten Blick, dass manch eine Bewohnerin sich nach einigen Monaten wieder davonstiehlt und das raue Straßenleben dem gemachten Bett vorzieht.</p>
<p style="text-align: justify;">Allen Bewohnerinnen ist es freigestellt, ob sie ihren Beruf als Prostituierte weiterführen wollen oder nicht. Nur die Schwelle zur Casa Xochiquetzal darf keiner der Männer übertreten. Norma, eine der Bewohnerinnen, besucht immer noch gerne ihr altes „Büro“, einen verlotterten Platz ganz in der Nähe, wo sich Prostituierte und Freier treffen – und Norma noch gut bekannt ist. Norma fühlt sich geehrt, wenn insbesondere jüngere Männer Interesse an ihr zeigen. Andere, wie Canela, verkaufen lieber Süßigkeiten, um sich ein bisschen Kleingeld für Make-up oder Softdrinks zu verdienen.</p>
<p style="text-align: justify;">Manche Schicksale der Frauen lassen einen ratlos-bedrückt zurück, wenn man sie erzählt bekommt. Canela, eine der ältesten Bewohnerinnen des Hauses, leidet am Down-Syndrom. Schon als Kind wurde sie von ihrem Stiefvater missbraucht. Heute ist sie glücklich, ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben. „Sie ist die glücklichste im Haus“, erzählt Jesica Vargas. Viele der Frauen sind schwer krank, einige haben Aids. So wie Conchita, die bei ihren Großeltern aufwuchs und bereits mit dreizehn Jahren in die Fänge des Prostitutionsgewerbes geriet. Die mollige Ein-Meter-Vierzig-Frau ist froh, dass sie in der Casa Xochiquetzal die nötigen Medikamente bekommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Jesica Vargas ist täglich mit solch traurigen Schicksalen konfrontiert. Doch die Begegnungen mit den Frauen machen sie nicht kaputt, wie sie erzählt. Im Gegenteil. „Es macht mich stark, weil die Frauen so stark sind“, sagt sie. Trotz der sehr traurigen Geschichten würden die Frauen tagtäglich Stärke, Liebe und Dankbarkeit beweisen. „Ich lerne hier das Leben kennen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Besuch in der Casa Xochiquetzal heißt es Abschied nehmen von den „schönen Blumen“. Sozialarbeiterin Mama Ede begleitet den Gast aus Deutschland durch das Gewirr der Straßen. Sicher schlängelt sich die kleine Frau durch die Menschenmenge, die Handtasche stets fest im Griff. Mama Ede hat noch eine wichtige Besorgung zu erledigen: Medikamente aus der Apotheke für ihre Schützlinge.</p>
<div id="aesop-gallery-4286-5"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-stacked-gallery-wrap    " >				<!-- Aesop Stacked Gallery Desktop -->
				<script>

						jQuery(document).ready(function($){

							var stackedResizer = function(){
								$('.aesop-stacked-img').css({'height':($(window).height())+'px'});
                                
                            							}
							stackedResizer();

							$(window).resize(function(){
								stackedResizer();
							});
						});

				</script>
												<div id="aesop-stacked-img-4279" class="aesop-stacked-img" style="Xbackground-image:url('https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_bildband_PortadaLibro_MediaRes.jpg');background-size:100%;background-position:center center">
																			<div class="aesop-stacked-caption">In ihrem Buch „Las amo­ro­sas más bra­vas“ („Tough Love“) prä­sen­tie­ren die Doku­men­tar­fo­to­gra­fin Béné­dicte Des­rus und die Auto­rin Celia Goméz Ramos intime Por­träts der Frauen, die im Casa Xochi­quetzal woh­nen. Sechs Jahre besuchte Des­rus die Frauen für ihre ein­dring­li­che Fotoreportage.Um das bilin­guale (spanisch-englische) Buch zu bestel­len, kon­tak­tiere: proyecto.xochiquetzal@gmail.com.(Ein Teil des Erlö­ses wird an die Casa Xochi­quetzal gespendet.)</div>
																	</div>
								<style>#aesop-stacked-img-4279{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_bildband_PortadaLibro_MediaRes.jpg);}  @media screen and (min-width:768px){#aesop-stacked-img-4279{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_bildband_PortadaLibro_MediaRes-1250x958.jpg);}}   @media screen and (min-width:1200px){#aesop-stacked-img-4279{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_bildband_PortadaLibro_MediaRes.jpg);}}  </style></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/ruhesitz-fuer-verwelkte-blumen/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>6</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Mit Schauspiel gegen Genitalverstümmelung</title>
		<link>https://www.weltseher.de/mit-kindlicher-comedy-gegen-eine-grausame-tradition/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/mit-kindlicher-comedy-gegen-eine-grausame-tradition/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2015 00:12:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Beschneidung von Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Elisabeth Lehmann]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=2673</guid>

					<description><![CDATA[Beschneidung von jungen Mädchen in Ägypten gilt als Tradition, obwohl es verboten ist – und soll zudem die Frauen auf dem rechten Weg halten. Eine Theatergruppe versucht mit ihrem Spielen gegen die Genitalverstümmelung anzugehen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/mit-kindlicher-comedy-gegen-eine-grausame-tradition/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Beschneidung von jungen Mädchen in Ägypten gilt als Tradition – und soll zudem die Frauen auf dem rechten Weg halten. Eine Theatergruppe versucht mit ihrem Spielen gegen die Genitalverstümmelung anzugehen.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Viel Platz ist nicht in dem kleinen Raum des Gemeindezentrums von Camboha, einem Dorf in Oberägypten. Dicht an dicht sitzen die Mädchen nebeneinander. Doch Ahmed bahnt sich seinen Weg durch die Reihen von Holzbänken, kreischend, quietschend, in einem pinkfarbenen Kleid. Verfolgt von Sami, der ihm nachstellt mit den Worten „Hej, Kätzchen, wie geht’s Dir? Warte doch mal!“ Die Zuschauerinnen lachen Tränen, jede von ihnen hier kennt das Phänomen Belästigung aus dem eigenen Alltag. Von außen betrachtet scheint es nun noch absurder.</p>
<p style="text-align: justify;">Szenenwechsel: Nun ist Sami die Frau. Er hat sich ein blaues Kopftuch umgeworfen, das er mit einer Hand am Kinn zusammenhält. Mit der anderen gestikuliert er wild in Richtung Schauspielerkollegin Sherin. „Du musst deine Tochter beschneiden lassen. Sie gerät sonst auf Abwege. Dann schaut sie links und rechts.“ Die Mädchen kichern immer noch, doch nun ist es kein ausgelassenes mehr, sondern eher ein verlegenes. Denn auch diese Szene kennt jede von ihnen aus eigener Erfahrung. Die Erinnerungen an den Tag der eigenen Beschneidung sind bei vielen noch nicht verblasst.</p>
<p style="text-align: justify;">Nada Sabet, die Regisseurin des Stücks „HaraTV“, unterbricht die Szene. „Ok, was habt ihr gerade gesehen?“ Und plötzlich wird es still in dem kleinen Raum. Auffällig viele Mädchen starren auf ihr Handy, spielen mit ihren Fingern, zupfen ihre Kopftücher zurecht, um die unangenehme Stille zu überbrücken. Ein älterer Mann in Galabeya, dem traditionellen Gewand, steckt seinen Kopf neugierig durch die geöffnete Tür. Der Hausmeister vermutlich. „Wenn er da steht, kann ich nicht reden“, sagt ein zierliches Mädchen, ganz in Blau gekleidet, schließlich. Über Themen wie die Beziehung zwischen Mann und Frau, Sexualität oder gar Beschneidung zu sprechen, ist in Ägypten nicht einfach. In Gegenwart des anderen Geschlechts unmöglich. Nada Sabet bittet den Mann aus dem Raum und zaghaft entspinnt sich eine Diskussion.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Mit einer Rasierklinge werden Klitoris und Schamlippen entfernt</h2>
<p style="text-align: justify;">Über 90 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren sind in Ägypten beschnitten. Egal, ob auf dem Land oder in Kairo, ob Muslimin oder Christin, ob Akademikerin oder Analphabetin. Das ist die Bilanz von Unicef. Höhere Zahlen gibt es nur in Somalia oder Sudan. Bei dem Eingriff werden den Mädchen im Alter zwischen neun und 13 Jahren Klitoris und Schamlippen entfernt, oft von einer Beschneiderin mit einer Rasierklinge, im besten Falle von einem Arzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Rada, das zierliche Mädchen in Blau, meldet sich als Erste zu Wort. „Wir sind hier alle beschnitten. Für uns kommt diese Aufklärungskampagne zu spät.“ Doch den Machern von „HaraTV“ geht es nicht allein darum, Beschneidung abzuschaffen. Sie sind realistisch genug, um zu wissen, dass sich jahrhundertealte Traditionen nicht durch 30 Minuten Comedy wandeln. Es gehe vor allem darum, ein Tabu zu brechen, zu diskutieren, abseits von Religion und Medizin. Auch Wege zu zeigen, wie Frauen trotz Beschneidung eine Art Sexualleben haben können.</p>
<div id="aesop-parallax-component-2673-1"  class="aesop-component aesop-parallax-component ">
			<script>
				jQuery(document).ready(function($){

				    					var img 	  = $('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-2673-1 .aesop-parallax-sc-img')
					, 	
					setHeight = function() {

					         /* if height is not explicitly defined */
							img.parent().imagesLoaded( function() {

								var imgHeight 		= img.height()
								,	imgCont     	= img.parent()

								
									imgCont.css('height', imgHeight)

															});
														if ($('#aesop-parallax-component-2673-1').height() > img.height()) {
								$('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-2673-1').css('height',img.height());
								$('#aesop-parallax-component-2673-1').css('height',img.height());
							}

						}

					$(window).on('load',function(){
					    setHeight();
					});
					

					$(window).resize(function(){
						setHeight();
					});
									
								var obj = $('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-2673-1 .aesop-parallax-sc-floater');
					
								function scrollParallax2673_1(){
									var height 			= obj.height(),
										offset 			= obj.offset().top,
										scrollTop 		= $(window).scrollTop(),
										windowHeight 	= $(window).height(),
										floater 		= Math.round( (offset - scrollTop) * 0.1),
										floaterposition = 'left';
										direction = 'up';
										
									// only run parallax if in view
									var rect = $(obj)[0].getBoundingClientRect();

									if (rect.bottom<=0 || (rect.top+100) > $(window).height()) 
									{
										return;
									}		

                                    //scroll ratio									
									var ratio = 1.0-(rect.bottom/($(window).height()+(rect.bottom-rect.top-100)));
																		   var dist = (obj.parent().height())*0.33;
																		
									
									if (direction =='right') {									
										obj.css({'transform':'translate3d('+ratio*dist+'px, 0px, 0px)'});
									} else if (direction =='left') {
										obj.css({'transform':'translate3d(-'+ratio*dist+'px, 0px, 0px)'});
									} else if (direction =='up') {
										obj.css({'transform':'translate3d(0px, -'+ ratio*dist+'px, 0px)'});
									} else if (direction =='down') {
										obj.css({'transform':'translate3d(0px, '+ ratio*dist+'px, 0px)'});
									}
								} // end if on floater
								scrollParallax2673_1();
								$(window).scroll(function() { scrollParallax2673_1(); });
							
											}); // end jquery doc ready
			</script>

						  <figure class="aesop-parallax-sc aesop-parallax-sc-2673-1" style="">
			  
			
				
									<div class="aesop-parallax-sc-floater floater-left" data-speed="10">
											</div>
				
									<a class="aesop-lb-link aesop-lightbox" rel="lightbox" title="" href="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/lehman_aegypten_samy_frauenkleider.jpg"><i class="aesopicon aesopicon-search-plus"></i></a>
								    <img class="aesop-parallax-sc-img " src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/lehman_aegypten_samy_frauenkleider.jpg" alt="lehman_aegypten_samy_frauenkleider.jpg" >
				
				
			</figure>

			
		</div>

		

<p style="text-align: justify;">Das Konzept geht auf. Eine nach der anderen erzählt von ihren Erinnerungen, wie es ist, in Ägypten als Frau geboren zu werden. Davon, dass sie als Kinder nicht auf der Straße spielen durften wie die Jungs im Dorf, dass sie viele Pflichten im Haus und auf dem Feld haben, dass sie von klein auf gemaßregelt werden. Und schließlich ist es Rada, die sich traut, hier im geschützten Raum das auszusprechen, was viele junge Mädchen denken: „Ich werde meine Tochter ganz sicher nicht beschneiden lassen. Ich will nicht, dass sie genauso leidet wie ich.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">„Es hilft den Mädchen, rein zu bleiben“</h2>
<p style="text-align: justify;">Diese Erfahrung machten sie oft, erzählt Nada Sabet während einer kleinen Pause zwischen zwei Aufführungen. Sie kippelt mit ihrem Plastikstuhl an einem Geländer. Dahinter fließt der Nil, der hier deutlich sauberer ist als im vier Stunden entfernten Kairo. „Die junge Generation kann sich oft noch an ihre eigene Beschneidung erinnern und ist deshalb leichter zu überzeugen.“ Nada macht mit ihrem Handy ein paar Fotos von der Gruppe. Sie muss jeden Schritt des Projekts dokumentieren, so will es der Geldgeber, der Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen, für den Nada „HaraTV“ entwickelt hat. Bis Ende des Jahres jeden Tag drei Dörfer, drei Vorstellungen, drei Gratwanderungen. Es prallen Welten aufeinander, wenn die Hauptstädter anreisen. Auch bei der nächsten Station an diesem Tag wird das wieder deutlich.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Schule ein paar Kilometer weiter. Eine Kinderschar hat den weißen Bus von Nada und Kollegen schon seit dem Ortseingang durch die engen Gassen des Dorfes begleitet. Besuch aus der Hauptstadt ist nicht alltäglich. Wieder sitzen die Frauen und Mädchen dicht an dicht auf Holzbänken, wieder bahnt sich Ahmed im pinkfarbenen Kleid seinen Weg durch die Reihen, auf der Flucht vor Sami, der ihm nachstellt. Wieder versucht Sami Sherin von der Unumgehbarkeit einer Beschneidung zu überzeugen. Doch diesmal sitzen auch ältere Frauen im Publikum, Frauen, die Sami im blauen Kopftuch mit überdrehten Gesten parodiert.</p>
<p style="text-align: justify;">Batta Abd El Munaim hat ihre Arme vor der Brust verschränkt. Die große goldene Creole im linken Ohr hebt sich vom Schwarz ihres Schleiers ab. Ihr Gesicht ist von der Sonne gebräunt, gütig, aber reserviert. Ab und zu lächelt sie über das Schauspiel der Hauptstädter, überzeugen kann es die 50-Jährige nicht. Natürlich müsse Beschneidung sein. Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, wiederholt sie das Müssen ein zweites, ein drittes Mal. „Es hilft den Mädchen, rein zu bleiben.“ Was genau sie unter Reinheit versteht, diese Antwort bleibt Batta schuldig. „Wir können nicht auf jedes Mädchen einzeln aufpassen, dass es nicht auf Abwege gerät. Wir brauchen sie schließlich auf dem Feld.“ Battas Worte spiegeln das Frauenbild der ägyptischen Gesellschaft: Es spricht Mädchen die Fähigkeit ab, ihre Sexualität zu kontrollieren.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Trotz Verbot werden Tausende verstümmelt</h2>
<p style="text-align: justify;">Nada hört Batta geduldig an, gibt ihre Aussagen ans Publikum weiter zur Diskussion. Nicht urteilen, das ist Teil des Konzepts. Dazu gehört auch, Meinungen zuzulassen, die es so eigentlich schon nicht mehr geben dürfte. Beschneidung steht seit 2008 offiziell unter Strafe. Doch wo kein Kläger, da kein Richter. Trotz Verbots werden nach wie vor tausende Mädchen verstümmelt, Prozesse gibt es bisher nur einen einzigen. Sohair Al Bataa hat ihre Beschneidung nicht überlebt. Ihr Vater und der behandelnde Arzt stehen deshalb vor Gericht. Beschneidungsgegner feiern den Prozess als Revolution, ein Urteil steht noch aus.</p>
<p style="text-align: justify;">Die zweite Aufführung des Tages neigt sich dem Ende zu. Die Frauen und Mädchen im Saal diskutieren wild durcheinander, sind aufgewühlt, Nada hat Mühe, die Diskussion zu lenken. Sie hebt einen Arm und bittet um Ruhe. Mit dem anderen erteilt sie einer Frau in der Ecke das Wort. Auf ihrem Schoß schläft ein kleines Mädchen. Sie habe noch ein zweites Kind, sagt sie, auch eine Tochter. 13 sei sie jetzt. Seit Wochen hadere sie, ob sie das Mädchen beschneiden lassen solle oder nicht. Doch nun sei sie sich sicher, es nicht zu tun. Es ist ein versöhnlicher Abschluss für diese Vorstellung und für Nada ein Zeichen, dass es sinnvoll ist, was sie hier tun.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/mit-kindlicher-comedy-gegen-eine-grausame-tradition/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>3</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Gelobte, unbekannte Heimat</title>
		<link>https://www.weltseher.de/gelobte-unbekannte-heimat/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/gelobte-unbekannte-heimat/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 02 Nov 2014 21:44:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Nepal]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Minderheiten]]></category>
		<category><![CDATA[Sascha Lübbe]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Tibet]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=2640</guid>

					<description><![CDATA[In Nepal leben rund 20.000 tibetische Flüchtlinge und deren Nachkommen. Viele von ihnen ohne Dokumente, ohne Rechte und ohne Tibet jemals gesehen zu haben. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/gelobte-unbekannte-heimat/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>In Nepal leben rund 20.000 tibetische Flüchtlinge und deren Nachkommen. Viele von ihnen ohne Dokumente, ohne Rechte und ohne Tibet jemals gesehen zu haben.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Lobsang Tsering ist ein ernster, junger Mann. Der 36-Jährige mit dem akkurat frisierten Haar und der randlosen Brille antwortet kurz und präzise, seine Worte wählt er mit Bedacht. Nur wenn er über den Umgang der chinesischen Regierung mit Tibetern spricht, hebt er die Stimme. Dann ahmt er das Geräusch von Schüssen nach und demonstriert, wild gestikulierend, wie Polizisten mit Schlagstöcken gegen Demonstranten vorgehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Lobsang ist einer von rund 20.000 Exiltibetern, die heute im südlichen Nachbarland Nepal leben. Seine Eltern waren Teil der ersten großen Flüchtlingswelle, die 1959 – neun Jahre nach dem Einmarsch der chinesischen Armee – das Land verließ. 80.000 Tibeter folgten ihrem Oberhaupt, dem Dalai Lama, damals ins Exil. Die meisten nach Indien; andere, wie Lobsangs Eltern, gingen nach Nepal. Lobsang wurde in der Hauptstadt Kathmandu geboren, ging in eine tibetische Schule, später schloss er sich einem Kloster an. 2002 zog die Klostergemeinschaft nach Pokhara, in den Norden des Landes. Heute ist Lobsang ihr Sekretär, verwaltet die Finanzen und organisiert die Aktivitäten der Klosterschule, die 90 Schüler im Alter von sechs bis 18 Jahren beherbergt.</p>
<p style="text-align: justify;">„Ich habe in Nepal keine Rechte“, erklärt er, während er über das Schulgelände führt. „Ich darf kein Land kaufen, nicht wählen gehen und nicht einmal Auto fahren“. Der Grund: Lobsang hat keine offiziellen Dokumente. Weil er Bürger eines Staates ist, der international nicht anerkannt wird. Bestechung oder eine Heirat mit einer Nepalesin wären für ihn die einzigen, wenn auch vagen Möglichkeiten auf einen nepalesischen Pass gewesen – Möglichkeiten, die für ihn nicht in Frage kamen. Lobsang ist verheiratet, hat zwei Kinder. Auch seine Frau ist Nachfahre tibetischer Flüchtlinge. Darauf legt er Wert.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-2642-2" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-2642-2 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-2642-2 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-2642-2 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="12000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel3_nrpal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In Tashi Palkhiel, der ältesten tibetischen Siedlung bei Pokhara, verteiben sich die Einheimischen ihre Zeit mit Karten spielen. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule1_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description"> Die Pem Tsal Sakya-Klosterschule in Pokhara. Hier leben und lernen etwa 90 Schüler. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule2_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Kinder in der Klosterschule sind im Alter von sechs bis 18 Jahren. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule3_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der Koch der Klosterschule verpflegt die 90 Schüler. © Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/LobsangTsering_nepal_Luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Lobsang Tsering, Sekretär der Pem Tsal Sakya-Klosterschule, ist Exiltibeter und lebt in Nepal ohne offizielle Dokumente. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/LamoNamgang_nepal_Luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Lamo Namgang floh als Kind aus Tibet nach Nepal. © Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_6_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Tashi Palkhiel ist eine Siedlung bei Pokhara. Hier leben etwa 1000 Exiltibeter. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_4_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das Viertel entstand Anfang der 1960er Jahre, zunächst als provisorisches Zeltlager. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_5_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mit nationaler und internationaler Hilfe wurde aus Tashi Palkhiel eine feste Siedlung. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Stupa_in_Bodnath_bei_Kathmandu_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das Herz der tibetischen Gemeinschaft in Kathmandu: Der Stupa von Bodhnath, einer der größten in der Welt. ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kloster_bei_TashiPalkhiel_nepal_luebbe.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kathmandu_nepal_luebbe_haeuser.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">©Sascha Lübbe</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kathmandu_2_Nepal_Luebbe_menschenmenge.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der alltägliche Wahnsinn: Straßenszene aus Kathmandu ©Sascha Lübbe</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-2642-2-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel3_nrpal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule1_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule2_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Klosterschule3_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/LobsangTsering_nepal_Luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/LamoNamgang_nepal_Luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_6_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_4_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/TashiPalkhiel_5_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Stupa_in_Bodnath_bei_Kathmandu_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kloster_bei_TashiPalkhiel_nepal_luebbe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kathmandu_nepal_luebbe_haeuser-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kathmandu_2_Nepal_Luebbe_menschenmenge-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<p style="text-align: justify;">Nach Angaben des UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, besitzt mindestens die Hälfte der Exiltibeter in Nepal keine Dokumente. Bevor 1989 der Kriegszustand über die tibetische Hauptstadt Lhasa verhängt wurde, wurden die Flüchtlinge zwar aufgenommen, die entsprechenden „refugee cards“ aber nur teilweise ausgestellt. Seit 1990 nimmt Nepal gar keine tibetischen Flüchtlinge mehr auf, Neuankömmlinge werden direkt nach Indien geleitet, in einigen Fällen, so vermuten Menschenrechtsorganisationen, sogar zurückgeschickt. Dokumente werden seitdem weder ausgestellt noch verlängert, auch nicht für die in Nepal geborenen tibetischen Nachkommen. Und so sitzen Menschen wie Lobsang bis heute in Nepal fest. Ohne Papiere können sie nicht reisen – und damit auch nicht nach Tibet zurückkehren.</p>
<h2 style="text-align: left;">Das bestimmende Gefühl ist Aussichtslosigkeit</h2>
<p style="text-align: justify;">Lamo Namgang dürfte zurück, sie hat einen nepalesischen Pass. Aber sie will nicht. Nicht so lange die Chinesen in Tibet an der Macht sind. Die 65-Jährige wurde in Lhasa geboren. Ihre Eltern starben kurz nach dem Einmarsch der chinesischen Armee. Und so machte sie sich 1959 allein mit ihren zwei Brüdern und zwei Schwestern auf den beschwerlichen Weg über das Himalaya-Hochland. Zwei Monate habe die Flucht gedauert. „Wir waren Kinder und haben uns ständig verlaufen“, sagt sie. Drei Jahre ging sie in Nepal zur Schule, dann fing sie an, zu sticken und zu weben. Heute verkauft sie selbstgestrickte Socken und Mützen auf einem Marktplatz unweit von Lobsangs Klosters, im Herzen von Tashi Palkhiel, der ältesten der vier tibetischen Siedlungen bei Pokhara. Das Viertel entstand Anfang der 1960er Jahre, zunächst als provisorisches Zeltlager; mit nationaler und internationaler Hilfe, unter anderem der Schweizer Regierung, wurde daraus eine feste Siedlung. Rund 1000 Menschen leben heute hier, in kleinen pittoresken Häusern mit weißen Fassaden. Es ist sauber und gepflegt. Und doch, hört man sich hier um, ist das bestimmende Gefühl Aussichtslosigkeit.</p>
<p style="text-align: justify;">„Wir gelten in Nepal als Menschen zweiter Klasse“, sagt Tenzin Urgyen, ein 23-jähriger kräftiger Mann mit tätowierten Oberarmen und Dreadlocks, der mit seinen Freunden ein paar Meter weiter Fußball spielt. Sein Vater wurde in Tibet geboren, seine Mutter kam auf der Flucht nach Nepal zur Welt. Er selbst wurde hier geboren, in Tashi Palkhiel. Zehn Jahre ging er in eine tibetische Schule. Heute arbeitet er, wie viele seiner Freunde, ohne offizielle Genehmigung in einem Restaurant, verkauft Souvenirs in den Bergen. „Es gibt nur wenige junge Tibeter, die studieren können. Unsere Jobaussichten sind schlecht. Ohne Papiere hat man keine Chance“, sagt der junge Mann. Aber Tenzin lehnte sich auf. Als es im März 2010 zu Protesten in Kathmandu kam, waren auch er und seine Freunde dabei – und wurden inhaftiert. Seitdem habe es Hungerstreiks und eine steigende Zahl von Selbstverbrennungen gegeben, öffentliche Demonstrationen aber seien die Ausnahme. Zu groß sei die Furcht vor Repressionen, im Land herrsche „ein Klima der Angst“.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Eindruck, den Kai Müller, Geschäftsführer der International Campaign for Tibet (ICT) in Deutschland, bestätigt: „Die Situation der Tibeter in Nepal hat sich drastisch verschlechtert, insbesondere im Zuge der 2008 ausgebrochenen Unruhen in Tibet.“ Müller spricht von Einschränkungen der Versammlungs-, Religions- und Meinungsfreiheit. So sei es Exiltibetern unter anderem verboten, den Geburtstag des Dalai Lama öffentlich zu feiern und tibetische Riten zu zelebrieren. Auch staatliche Überwachung und willkürliche Verhaftungen hätten zugenommen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Leben in der „Sandwich-Situation&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Problem ist Nepals geographische und politische Lage – die „Sandwich-Situation“, wie Gopal Krishna Siwakoti, Präsident der nepalesischen Menschenrechtsorganisation INHURED international, es nennt: „Das kleine Land Nepal liegt eingeklemmt zwischen zwei großen Nationen, China und Indien. Wenn Nepal die tibetischen Flüchtlinge anerkennt und ihre Rechte stärkt, ist das ein deutlicher Schlag gegen die chinesische Regierung. Daher schreckt unsere Regierung davor zurück.“ Immer wieder lasse die Führung in Peking verlauten, dass sie keine pro-tibetischen Strömungen in Nepal toleriere. Siwakoti spricht von „allen Arten von politischen Drohungen“, die China auf Nepal ausübe. „Wir sind von China abhängig, sowohl finanziell als auch politisch. Unsere Regierung demonstriert mit ihrer Politik immer wieder, dass Nepal nicht stark genug ist, um unabhängig zu existieren.“ Indien hingegen, wo heute die meisten Exiltibeter leben, wolle die ohnehin schon komplizierten Beziehungen zu China nicht noch weiter belasten.</p>
<p style="text-align: justify;">Und so geraten Menschen wie Tenzin zwischen die Mühlen dreier Staaten – gefangen in für sie fremden Ländern. Denn obwohl Tenzin Tibet nie gesehen hat, ist es für ihn doch sein Heimatland. Freundschaftliche Kontakte zu den nepalesischen Nachbarn bestünden zwar, tiefe Bindungen aber gebe es nicht. Die scheiterten nicht zuletzt aufgrund der Sprachbarriere; Tenzin spricht Tibetisch, sein Nepalesisch ist bruchstückhaft. Ob er Wünsche hat? Nur zurück nach Tibet, sagt er. Das habe er schon in der Kindheit so gelernt.</p>
<h2 style="text-align: left;">„Wir sollten den Nepalesen dankbar sein“</h2>
<p style="text-align: justify;">Aber es geht auch anders. Keine 200 Kilometer entfernt, in Kathmandu, ist der Ton schon gemäßigter. „Ich bin hier geboren und lebe hier – also bin ich auch Nepalese“, sagt Tashi Tsering im Garten seines Shechen Guest Houses. Der 36-jährige Hotelier ist groß und stämmig, hat buschiges, wildes Haar, seine Hände sind ständig in Bewegung, wenn er spricht. Auch Tashi ist Nachfahre tibetischer Flüchtlinge, aber einer mit nepalesischem Pass.</p>
<p style="text-align: justify;">Tashi hatte Glück. Seine Siedlung, Jorpati Khampa, habe sich in den 1970ern „gut gestellt“ mit der nepalesischen Regierung, habe den Kontakt gesucht, sich engagiert, sagt er. Und so erhielten die meisten Bewohner nepalesische Pässe. Viele von ihnen hätten heute gut bezahlte Jobs, die Siedlung stehe finanziell deutlich besser da, als viele andere tibetische Enklaven im Land. Aber das hatte seinen Preis: In der tibetischen Gemeinschaft sei der Kurs der Siedlung damals nicht gern gesehen worden. Tashi spricht von Spannungen mit anderen Siedlungen in Nepal, aber auch mit der tibetischen Exilregierung in Indien. Viele hätten die Siedler als „Verräter“ am Heimatland gesehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Tashi indes fühlt sich angekommen in Nepal. Er ist verlobt mit einer Nepalesin, hat Arbeit, kann reisen. „Wir sollten den Nepalesen dankbar sein“, sagt er. „Immerhin haben sie uns aufgenommen und wir bezahlen nichts für das Land, auf dem wir leben“. Er sieht Kooperation als einzigen Weg: Sich im Land zu engagieren – und zu integrieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch Kai Müller von der ICT (International Campaign for Tibet) spricht von den „historisch engen Bindungen zwischen Tibet und Nepal“. Die derzeitige, von Misstrauen geprägte Beziehung beider Völker sei eine „Anomalie“. Doch so lange Nepal wirtschaftlich und politisch von China abhängig bleibt und China die Forderung der tibetischen Exilregierung nach Autonomie der tibetischen Gebiete ablehnt, wird sich daran vermutlich wenig ändern.</p>
<p style="text-align: justify;">Und so bleibt den Exiltibetern nur die Möglichkeit, sich mit der Situation zu arrangieren. Jeder auf seine Weise. So unterschiedlich ihre Ansichten dabei auch sind, in einem sind sie sich jedoch einig: in der Verurteilung der unrechtmäßigen Aneignung Tibets durch die Chinesen. Das sieht der traditionsbewusste Schulsekretär Lobsang aus Pokhara so, und das sieht der gut integrierte Hotelier Tashi aus Kathmandu so. Und so sahen sie das auch schon früher. Die beiden gingen gemeinsam zur Schule. Sie sind Freunde, seit Jahren schon.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/gelobte-unbekannte-heimat/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ohne Wasser kein Leben</title>
		<link>https://www.weltseher.de/ohne-wasser-kein-leben/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/ohne-wasser-kein-leben/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Oct 2014 05:36:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marokko]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Landwirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Tilo Mahn]]></category>
		<category><![CDATA[Tiout]]></category>
		<category><![CDATA[Wasser]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=2506</guid>

					<description><![CDATA[Hassan Morssli erlebt jeden Tag, was es heißt, in Marokko von der Natur abhängig zu sein. Das dringend benötigte Wasser für seine Oase geht Jahr für Jahr ein Stück mehr verloren. Die Bauern in Südmarokko stolpern in einen Wettlauf zwischen Klimaveränderung und autodidaktischer Bauplanung.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ohne-wasser-kein-leben/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Hassan Morssli erlebt jeden Tag, was es heißt, in Marokko von der Natur abhängig zu sein. Das dringend benötigte Wasser für seine Oase geht Jahr für Jahr ein Stück mehr verloren. Die Bauern in Südmarokko stolpern in einen Wettlauf zwischen Klimaveränderung und autodidaktischer Bauplanung.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Wenn Hassan Morssli von seinem Tal auf die Berge blickt, sucht er die hellen Flecken im Schatten der Gipfel. Dort, wo die sengende Sonne Marokkos die hinter Felsen verborgenen Schneefelder noch nicht schmelzen konnte, liegt für ihn der Ursprung seines Lebensunterhalts. Die Schneeschmelze aus den Bergen bringt den Bauern das ersehnte Wasser. Hassan Morssli und die anderen warten jedes Jahr auf einer der Hochebenen Südmarokkos, eingekeilt zwischen Atlas- und Antiatlasgebirge, dass die Natur ihnen gibt, was sie zum Ackerbau brauchen.</p>
<p style="text-align: justify;">Aus bis zu 4000 Metern Höhe suchen sich die Flussläufe nach dem Winter ihren Weg durch Schluchten und Täler, die auch Tausende von Touristen auf ihrem Weg durch das Land durchqueren. Im kleinen Dorf Tiout empfängt Hassan Morssli die Reisenden wie ein ruhender Pol inmitten der Aufregung über viel zu viele Eindrücke. Auf den Ackerflächen in den langen grünen Streifen seiner Oase verfolgt er zusammen mit ihnen die letzten Ausläufer der Flüsse, die seine Felder bewässern. Der Weg durch sein selbst ernanntes Paradies führt Hassan Morssli und seine Gäste tief in einen Blätterwald, mal dicht und grün, mal kahl und stachelig. Je nach Jahreszeit, abhängig davon, wie weit das Wasser schon gekommen ist.</p>
<p style="text-align: justify;">Immer wieder geht der 57-jährige Marokkaner in die Knie und hält seine linke Hand in die Kanäle zwischen den Feldern. Sein anderer Arm schweift über die erdigen Beete und Sträucher vor ihm, während er seinen Gästen erzählt. „Was wir hier finden, ist über Jahre hinweg von unseren Eltern gehegt und gepflegt worden. Hier wachsen Mandeln genauso wie alle Arten von Gemüse, immer im Rhythmus der Fruchtfolge und der Reifezeiten. Dieses Reichtum an Ernte und diesen Rhythmus, den unsere Eltern hier einst vorgegeben haben, verfolgen wir seit Jahrzehnten weiter.“</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-tiout-marokko-3" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-tiout-marokko-3 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-tiout-marokko-3 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-tiout-marokko-3 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="120000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Baum_Ziegen_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Um an die Früchte des Arganbaumes zu gelangen, klettern Ziegen auch gerne mal in Bäume. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Ackerbau_Oase_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Entlang der Wasserläufe im Süden von Marokko wird Ackerbau betrieben. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Ackerbau_trocken_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Durch Hitze und Sonne dörrt die Oberfläche des Bodens aus. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Dattelstauden_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Dattelpalmen wachsen vorwiegend in trockenen Gebieten. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Frauen_waschen_fluss_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Noch heute waschen viele Menschen auf dem Land ihre Wäsche im Fluss. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Oase_fluss_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Entlang einer Wasserquelle grünt das Leben. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Hassan_Morssli_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Hassan Morssli will die Tradition der Landwirtschaft der Eltern und Großeltern fortführen. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Wasserreservoire_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das große Wasserreservoir in Tiout, eine Betongrube inmitten der Oase, dient als Auffang- und Sammelbecken. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Ackerbau_Oase_Berge_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Wasserversorgung auf dem Land ist komplizierter. Staatliche Stellen kümmern sich immer erst um die Städte. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_souss_tal_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Oase_Tiout_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In der Oase von Tiout wachsen Orangen, Datteln, Feigen und Granatäpfel, über weite Flächen aus furchigem Boden, dürren Sträuchern und hohen Palmen verteilt. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Tal_Ammeln_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Menschen haben ihre Häuser an den Rand der Oase gebaut. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Anti_Atlas_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Schneeschmelze im Frühjahr bringt das ersehnte Wasser in die Flussläufe. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Sahara_Auslaeufer_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Jedes Jahr wächst die Sahara und verschlingt ein Stück fruchtbaren Boden. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_sahara_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Tilo Mahn</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-tiout-marokko-3-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Baum_Ziegen_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Ackerbau_Oase_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Ackerbau_trocken_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Dattelstauden_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Frauen_waschen_fluss_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Oase_fluss_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Hassan_Morssli_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Wasserreservoire_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Ackerbau_Oase_Berge_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_souss_tal_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Oase_Tiout_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Tal_Ammeln_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Anti_Atlas_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Sahara_Auslaeufer_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_sahara_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<h2 style="text-align: left;">Die Tradition weiterführen</h2>
<p style="text-align: justify;">Nicht weit von der Oase von Tiout, in der nahe gelegenen Stadt Taroudant, ist Hassan Morssli aufgewachsen. Sein Großvater war Bauer, seine Eltern haben die vererbten Parzellen zwischen Palmen und Sträuchern bewirtschaftet. Hassan ist der nächste Erbe und Teil einer neuen Entwicklung in Marokko. Als Sohn einer Bauersfamilie hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Tradition seiner Eltern und Großeltern weiterzuführen. Allerdings kaum noch mit Spitzhacke und Rechen, sondern vielmehr als moderner Verwalter seines Ackerlandes und Fremdenführer für Touristen.</p>
<p style="text-align: justify;">Wer etwas über die Oase in Tiout in Südmarokko am Fuße des Antiatlasgebirges erfahren will, kommt selten an Hassan Morsslis Erzählungen vorbei. An der Straßengabelung zu einem Feldweg Richtung Oase empfängt er seine Gäste und bietet Ihnen gegen Bezahlung eine Tour im eigenen Fahrzeug, zu Fuß oder auf dem Rücken eines Esels durch sein Paradies an.</p>
<p style="text-align: justify;">Zusammen mit drei Generationen lebt Hassan Morssli am Rande der Oase von Tiout, eine der größten und fruchtbarsten in Südmarokko. Grüne Terrassen, braune Ackerfurchen und gelbe Dattelstauden zeichnen ein buntes Bild vor die kargen Riesenecken des Antiatlasgebirges. “Klein-Kalifornien” nennen die Marokkaner die Gegend wegen der vielen Zitrusplantagen, die das Braun der Steine und Felsen mit leuchtenden Farben durchbrechen. Doch um ihren Schatz zu bewahren und interessierten Touristen marokkanischen Ackerbau erklären zu können, müssen Hassan Morssli und die anderen Bauern jedes Jahr ein Stück mehr mit den klimatischen Bedingungen in ihrem Land kämpfen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Ständige Suche nach neuen Quellen</h2>
<p style="text-align: justify;">Der gläubige Moslem will seinen Gästen zeigen, was es heißt, von Natur und Wetterwechsel im 21.Jahrhundert abhängig zu sein. Während er den Gruppen auf der Tour durch Schlupflöcher aus weichen Blättern und über Trampelpfade entlang der Ackerfurchen reife Datteln von den Palmen pflückt und frischen Klee vom Feld rupft, erzählt er von früher. „Inzwischen ist der Wasservorrat in Marokko immer weiter zurückgegangen. Viele Trockenzeiten haben das Wasser weniger werden lassen. Unsere Eltern erzählen noch heute von großen Wasserwegen mit 20 bis 25 Kanälen, die sich hier durchgezogen haben. So hatte man noch weit entfernt von den Dörfern Zugang zu Wasser. Heute sieht man deutlich, dass sich die Oase selbst aufgrund des Wassermangels zurückgezogen hat und den Trockenzeiten Tribut zollen muss.“</p>
<p style="text-align: justify;">In der Oase von Tiout wachsen Orangen, Datteln, Feigen und Granatäpfel, über weite Flächen aus furchigem Boden, dürren Sträuchern und hohen Palmen verteilt. Wer hier eine Parzelle als Ackerland hat, kann sicher sein, dass er auch regelmäßig etwas erntet – bei Weitem keine Selbstverständlichkeit im trockenen Marokko. Mal mehr Ertrag, mal weniger, mal früher, mal später. Der Zugang zu Wasser im Land ist bestimmt durch große geologische Unterschiede in den Regionen und stellt die Bevölkerung vor die Herausforderung, ertragreiche Quellen ständig neu erschließen zu müssen.</p>
<p style="text-align: justify;">Das große Wasserreservoir in Tiout, eine Betongrube inmitten der Oase, dient als Auffang- und Sammelbecken. Im Sommer gehen Kinder im klaren Gebirgswasser schwimmen. Seinen Gästen erklärt Hassan Morssli am Ufer der Ablaufkanäle, wie die Bauern ihr Wasser speichern und es möglichst verlustfrei auf die riesige Fläche aus Hunderten von Parzellen verteilen. An den abzweigenden Kanälen fischt er einzelne Blätter aus dem Wasser und setzt sie fünfzehn Meter weiter stromaufwärts wieder ein. Die beiden taumelnden grünen Schiffe biegen an einer Abzweigung exakt in den Kanal, aus dem Hassan Morssli sie entnommen hat. Das klare Wasser ohne ein einziges Blatt oder Dreck auf der Oberfläche läuft geradeaus weiter in das weiter verzweigte System, das die Parzellen der Oase von Tiout ernährt. „So reinigen wir auf einfache Weise unser kostbares Wasser“, sagt Hassan Morssli.</p>
<h2 style="text-align: left;">Zuerst die Stadt, dann das Land</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Quellen sind vorhanden, nur müssen sie erschlossen und gesteuert werden. Über Hunderte von Kilometern liegen im Tal rund um die Oasen Leitungen im sandigen Boden begraben. Ein Netz aus Rohren zieht sich über alle Höhenlagen durch ganz Marokko, von Verteilungsschacht zu Verteilungsschacht. Zwischen kargen Hochebenen, trockenen Flussläufen, überlaufenen Städten und satten Oasen sind die Wege oft weit, die das Wasser aus den wenigen Ursprungsquellen und Stauseen zurücklegen muss. Unter der Decke aus Steinen, Sand und Steppe versiegt vieles, bevor es am Ziel ankommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Hassan Morssli und die anderen Bauern wollten nie abhängig sein von den geplanten Fernleitungen der Regierung. Sie haben in ihrer Oase ihre eigenen Kanäle geschaffen, um das Wasser zu bündeln und zu leiten. Vom großen Reservoir zweigen lange Betonrinnen in alle Richtungen. An Zwischenmauern läuft das Wasser durch Löcher und fällt in kleinen Wasserfällen auf die nächste Stufe des Bewässerungssystems „Die Kanäle bestanden früher aus Lehm, Erde und Steinen. Aber nachdem die Quelle hier in Hochzeiten viel Wasser anbringt, haben wir uns entschieden, die Kanäle zu begradigen und sie aus Beton zu bauen, damit kein Wasser verloren geht“, erklärt Hassan Morssli.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwischen den großen Städten, entlang der nicht enden wollenden Serpentinenstraßen und Gebirgsketten, liegen immer mehr künstliche Wasserwege vergraben. Alle paar hundert Meter schrauben sich schnabelförmige Wasserrohre aus dem Boden, unter dem die Wasserleitungen im Auftrag der nationalen Trinkwasserbehörde ONEP (Office National de l`Eau Potable) verlegt sind. Die ONEP ist verantwortlich für die Versorgung der Städte. Felder, Oasen oder gar private Anschlüsse weit draußen auf dem Land fallen jedoch nicht in ihr Aufgabengebiet. Zuerst sollen die Zentren versorgt werden. Außerhalb der Städte sind die Leute häufig auf sich alleine gestellt.</p>
<h2 style="text-align: left;">Immer weniger Regen</h2>
<p style="text-align: justify;">Hassan Mahdi ist einer der Mitarbeiter der ONEP in Taroudant. Wenn er nicht in seinem Büro sitzt, vor Flächenplänen und Skizzen, verfolgt er die Arbeit seiner Angestellten draußen in der Steppe. „Wir haben hier in Marokko ein halbwegs funktionierendes Wasserernährungssystem. Wenn wir allerdings neue Wasserwege erschließen wollen, muss zuerst geprüft werden, wo es eine geeignete Quelle dafür gibt. Und alles muss anhand verlässlicher Informationen belegt sein. Erst dann kann man Bohrungen planen und durchführen. Das Ganze dauert unglaublich lange und ist sehr aufwendig.“</p>
<p style="text-align: justify;">Marokko ist darauf angewiesen, seine geologischen Eigenheiten möglichst effizient zu nutzen. Schmelzwasser aus den Bergen, Niederschläge während des Winters und unterirdische Quellen müssen so erschlossen werden, dass das gesammelte Wasser die Bevölkerung über die trockenen und heißen Sommermonate bringt. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge während der letzten 30 Jahre ist um ein gutes Drittel gesunken im Vergleich zu den vorausgegangenen 30 Jahren. Das wichtige Oberflächenwasser kann in Marokko bisher nur zu knapp zwei Drittel ausgeschöpft werden. Zu schwer ist es in einigen Regionen zugänglich. Zu wenig ist die Infrastruktur in vielen Landesteilen noch ausgebaut.</p>
<p style="text-align: justify;">„Hydrologen kommen zu uns und untersuchen den Untergrund. Ein weiteres Büro, das die beauftragten Studien durchführt, erstellt dann Übersichten, die belegen müssen, ob die Maßnahmen rentabel sind oder nicht. Darin enthalten sein müssen alle anfallenden Kosten und Aufwände, sowohl in Bezug auf Energie als auch auf die Maßnahmen selbst. Das alles muss haargenau nachgewiesen werden“, erzählt Hassan Mahdi, der zuständig ist für die Planung in Taroudant.</p>
<p style="text-align: justify;">In Zusammenarbeit mit europäischen Organisationen versuchen die marokkanischen Behörden, auch auf dem Land das Wasser dorthin zu leiten, wo es am dringendsten gebraucht wird. Nur enden die Vorzeigeverfahren meist bei der Optimierung von Stauseen oder Salzwasser-Wiederaufbereitungsanlagen und erreichen nur selten die abgelegenen Gegenden. Besonders im Landesinneren, in den Tälern zwischen hoch aufragenden Gebirgsketten, müssen die Einwohner häufig auf sehr einfache Weise ihr Wasser speichern und bis zu ihrem Haus oder Grund leiten.</p>
<h2 style="text-align: left;">Am schnellsten hilft sich jeder selbst</h2>
<p style="text-align: justify;">„Wer in Marokko lebt, muss sich den Gegebenheiten der Natur anpassen“, betont Hassan Morssli, wenn er auf seiner Tour entlang der Wasserkanäle Palmblätter zur Seite schiebt und über die Rinde der Stämme streicht. Unterhalb der alten Kasbah, die auf der Anhöhe über der Oase thront und Touristen zum Mittagessen einlädt, deutet er am Wegesrand auf in den Hang geschlagene runde Betonsockel. Die verfallenen Brunnen zeugen von vergeblicher oder vergessener Mühe, an das tief liegende Grundwasser Marokkos zu gelangen.</p>
<p style="text-align: justify;">In Marokko darf jeder Bürger auf eigene Kosten nach Grundwasser bohren und es für sich auf seinem Grundstück nutzen. Eigene Reservoirs und primitive Kanalanlagen sollen das Wasser dort bündeln, wo die Bewohner es im Haus oder auf dem Feld brauchen. Lange Strecken von Betonrillen, Gartenschläuchen und verrosteten Wasserrohren schlängeln sich zwischen Arganbäumen über die Terrassenlandschaft rund um die kleinen Dörfer unterhalb der Gebirgsketten. Auf dem Land wird der Großteil des in Marokko verfügbaren Oberflächenwassers verbraucht. So schnell wie möglich, so lange es da ist. Immer abhängig davon, was der Winter bereitgestellt und der Sommer übriggelassen hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Klima-Experten sagen dem südlichen Mittelmeerraum eine deutliche Erwärmung voraus. Auch die Regenmassen könnten immer weniger werden, befürchten sie. Bis 2080 könnte sich die durchschnittliche Menge um 20 bis 40 Prozent verringern. Gleichzeitig entstehen in Marokko immer mehr Tourismuszentren und Industrie, deren Durst nach Wasser immer größer wird. Swimmingpools und Golfplätze stehen plötzlich auch dort, wo es eigentlich kaum festen Untergrund gibt. An der Grenze zur Wüste und im trockenen Bergland plantschen die Touristen in hellblau gekachelten Becken, um sich den staubigen Sand vom Körper zu waschen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Das Vertrauen in Gott ist größer als in die Regierung</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn Hassan Morssli in seiner Oase zwischen grünem Klee und roten Granatäpfeln steht, deutet er immer wieder stolz in alle Richtungen, um die Ausmaße der größten Grünfläche im Umkreis zu unterstreichen. Den Touristen, die zu ihm kommen, um einen Blick in sein Paradies zu erhaschen, erklärt er geduldig, warum den Bauern für eine ausreichend ertragreiche Ernte immer mehr Erfahrung und Ausdauer fehlen. „Das Wasser ist weniger geworden und im gleichen Atemzug sind die Leute weniger geworden, die hier arbeiten. Wahrscheinlich sind die sogar schneller verschwunden. Die Jugendlichen wollen hier sowieso kaum noch arbeiten. Sie wollen woanders schnell Geld verdienen. Es gibt nur noch wenige, die wirklich Spaß daran haben, auf dem Feld zu sein, etwas mit der Hand zu schaffen oder zumindest einen Traktor zu fahren. Die Jugend zieht es in die Stadt und will leben wie in Europa.“</p>
<p style="text-align: justify;">Für die Zukunft soll auch der 2008 ins Leben gerufene Plan „Maroc vert“, grünes Marokko, der Landwirtschaft Marokkos mehr Aufmerksamkeit und Hilfe bringen. Auch das Thema Wasserversorgung steht als einer der zentralen Punkte ganz oben auf der Liste des Plans. Mit Begriffen wie moderne Anlagentechnik, technische Unterstützung oder begleitende Maßnahmen kann Hassan Morssli für die Zukunft seines Paradieses wenig anfangen. Seit drei Generationen halten seine Familie und die anderen Bauern die Oase von Tiout am Leben. Mit einfachen Mitteln und einem tiefen Vertrauen, das ihnen die Regierung nicht geben kann. „Sobald hier im Winter wieder genug Schnee liegt und es ausreichend regnet, kommt auch das Wasser zu uns zurück. Bisher hatten wir zum Glück nie ganz ernste Probleme. Es gibt immer noch Wasserquellen. Die Quellen unserer Eltern sind am Leben, sie sind nur etwas ermüdet. Dank Gott sind wir hier immer noch im Paradies.“</p>
<p style="text-align: justify;">Als Hassan Morssli beim Erzählen abermals die Hände nach oben reckt und den Blick hebt, streifen seine Augen den Jebel Toubkal. Marokkos höchster Berg verschwimmt am Horizont im Gegenlicht. Im diffusen Bild aus Sonne, Wolken und Nebelschwaden suchen die Augen von Hassan Morssli vergeblich nach hellen Flecken von Schnee. Dann wandert sein Blick weiter nach oben über die Wolken und Hassan Morssli lächelt in den Himmel.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/ohne-wasser-kein-leben/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>A House in Paradise</title>
		<link>https://www.weltseher.de/house-paradise/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/house-paradise/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Jul 2014 11:00:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kolumbien]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Bogotá]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Nick Jaussi]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Südamerika]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=430</guid>

					<description><![CDATA[Wenn es regnet, versteht man im Haus von Dona Alba das eigene Wort nicht mehr. Das Zinndach verstärkt den Lärm der Regentropfen. Ganz im Süden der Kolumbianischen Hauptstadt Bogotá wohnt sie gemeinsam mit ihrem Mann, zwei Kindern und den Großeltern in einem Armenviertel. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/house-paradise/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>In einem Kolumbianischen Armenviertel: Wenn es regnet, versteht man im Haus von Dona Alba das eigene Wort nicht mehr. Das Zinndach verstärkt den Lärm der Regentropfen und die Kälte dringt auch durch die dickste Decke. Ganz im Süden der Hauptstadt Bogotá wohnt Dona Alba in einer Wellblechhütte. Unter dem löchrigen Dach finden außer ihr noch der Vater, ihr Ehemann, die Mutter, der taube Sohn sowie die Tochter ein Plätzchen zum Schlafen.</strong></p>
</p>
</p>
<div class="su-spacer" style="height:1px"></div>
<p style="text-align: center;"><em><a href="http://weltseher.de/autoren/nick-jaussi-2/" target="_blank">von Nick Jaussi</a></em></p>
</p>
<div class="videoWrapper"><iframe src="//www.youtube.com/embed/8e4IJtzHGIs" width="1150" height="647" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></div>
<div class="su-spacer" style="height:50px"></div>
<p style="text-align: justify;">Manchmal bleiben auch die beiden Enkel über Nacht und machen ihre Hausaufgaben an einem wackeligen Tisch im Schlafzimmer. An einem Wochenende im September kamen die Freiwilligen der NGO Techo in das Armenviertel “Paradies”, um der Familie eine würdige Notunterkunft zu bauen. Viele der Freiwilligen sind aus dem reichen Norden der Stadt und studieren an einer der teuren privaten Unis. Trotzdem kommen sie hierher, machen sich schmutzig und bauen an zwei Tagen ein Holzhaus, welches auf Stelzen dem Wasser von oben und unten trotzten soll. Durch die Bauweise kann es besser der Kälte widerstehen und bietet den neuen Bewohnern eine bessere Unterkunft als zuvor. Allerdings ist auch diese gute Tat kein Werk für die Ewigkeit.</p>
</p>
</p>
<div class="su-spacer" style="height:50px"></div>
<h6 style="text-align: center;"><em>Links zum Artikel:</em><br />
<em><a href="http://www.techo.org/en/" target="_blank">Website der NGO Techo</a></em></h6>
<h6 style="text-align: center;">Wie unser Autor Dona Alba gefunden hat und warum er sich in Kolumbien sicher fühlt, erfährst Du im<br />
<a title="Autoreninterview mit Nick Jaussi" href="http://weltseher.de/autoreninterview-mit-nick-jaussi/"><img class="size-full wp-image-1480 aligncenter" src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2014/06/Siehdiewelt.png" alt="Autoren-Interview" width="200" height="50" data-id="1480" /></a></h6></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/house-paradise/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>2</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
