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	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Sat, 14 Mar 2020 10:37:50 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Ostafrika &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Slum mit Stil</title>
		<link>https://www.weltseher.de/slum-mit-stil/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Mar 2020 16:56:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kenia]]></category>
		<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Nairobi]]></category>
		<category><![CDATA[Tilo Mahn]]></category>
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					<description><![CDATA[In Kenias Hauptstadt Nairobi wohnt ein Drittel der Bevölkerung in Slums.  Eine Million Menschen organisieren ihr Leben zwischen Bretter-Hütten, Rohbauten und Müll. Doch anstatt darüber zu jammern, wollen einige das Beste daraus machen. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/slum-mit-stil/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>In Kenias Hauptstadt Nairobi wohnt ein Drittel der Bevölkerung in Slums. Eine Million Menschen organisieren ihr Leben zwischen Bretter-Hütten, Rohbauten und Müll. Doch anstatt darüber zu jammern, wollen einige das Beste daraus machen. </strong></p>



<p>Mit ausgestrecktem Arm deutet Nicholas Kimeu über Wellblechdächer und ausgewaschene Straßen. »So viele Menschen sind hier aufgewachsen. Und dann leben sie halt einfach hier. Und die nächste Generation führt wieder das gleiche Leben.« Er sitzt auf einem Plastikkanister zwischen Wäscheleinen und wackeligen Regalen. Seine Augen sind leicht zusammengekniffen vor heller Sonne und Staub in der Luft, wenn er erzählt. »So entsteht ein Kreislauf, der immer wieder neu anfängt. Dadurch ändert sich an der Situation hier im Slum aber rein gar nichts.« </p>



<p>Eine Gasse weiter ist er zusammen mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder aufgewachsen. Zu viert in einem Zimmer, auf knapp zehn Quadratmetern, zwischen Holzpritschen, Matratzen, Kanistern und vielen Töpfen. Die Hütte der Eltern haben die Kinder verlassen, als ihre Mutter 2012 starb. Der Bruder wohnt jetzt gegenüber. Von seiner Tür aus kann Nicholas Kimeu auf das Dach des Hauses blicken. Dahinter erscheinen im staubigen Dunst am Horizont die Hochhausfronten der Westlands. Etwas weiter hinten erheben sich die grünen Hügel Nairobis voller moderner Wohnanlagen und »gated communities«, umzäunte Nachbarschaften für wohlhabendere Bewohner.&nbsp;</p>



<h2>Aus dem Slum aufs Cover</h2>



<p>Die Bäume und Wege zum Spazieren dort kennt Nicholas Kimeu nur aus Erzählungen und von Bildern. Er hat die Ellbogen auf den Knien abgestützt, zwischen den Handﬂächen rollt er eine Zeitschrift hin und her. »Hier in Mathare leben wir wie in einem Tal zwischen zu hohen Bergen. Um uns herum ragen die schillernden Gegenden auf. Und wir sitzen hier mittendrin.« Das Titelbild der Zeitschrift in Nicholas Kimeus Händen zeigt eine junge Kenianerin, stark geschminkt in einem orangen Kleid. Das Mädchen, Njoki Muriithi, ist das aktuelle Cover-Model des »Zoom Magazins«. Wie Nicholas Kimeu stammt sie aus Mathare, einem der zahlreichen Slums in Kenias Hauptstadt Nairobi. Die Magazinredaktion hat Njoki Muriithi als Gewinnerin des Monats durch ein Selﬁe von ihr ausgewählt. Für das neue Jugendmagazin mit Themen aus Musik, Mode und Subkultur – über das Leben im Slum.&nbsp;</p>


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																			data-click="true"><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-6.jpg" data-caption="Von Mathare, einem der größten Slums in Nairobi, blickt man über Wellblechdächer hinweg bis zum Horizont mit den Hochhausfronten der Westlands." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-1.jpg" data-caption="In der Bibliothek lesen Freiwillige den Kindern vor. Viele der Bücher stammen aus Spenden." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-2.jpg" data-caption="Nicholas Kimeu vor seiner Holzhütte im Slum – „Empire“, sein eigenes Reich, steht an die Tür gemalt. " alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-3.jpg" data-caption="Michael Maina ist regelmäßig in Mathare unterwegs – als Sozialarbeiter und Projektmanager. Er ist selbst in einem Slum aufgewachsen." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-4.jpg" data-caption="Das Leben in den Slums spielt sich auf der Straße ab. Kleine Geschäfte und Stände bestimmen die Infrastruktur." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-5.jpg" data-caption="Fußball wird überall gespielt und geschaut – die meisten Jugendlichen sind Fans von Vereinen aus der englischen Premier League." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-8.jpg" data-caption="Michael Maina und Nicholas Kimeu kennen sich schon lange. Inzwischen arbeiten sie gemeinsam in Projekten, die den Slum Mathare in einem anderen Licht erscheinen lassen sollen." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-9.jpg" data-caption="Ziegenrippchen garen im Rauch von Grillrosten. Von den Ständen weht ein süßlich brennender Geruch, der in der Nase beißt. Staub auf den Straßen weht wirbelnd durch die Luft." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-10.jpg" data-caption="„Es herrscht hier nicht nur Chaos, wie viele Leute gerne behaupten.“ Hinter dem Gewusel auf der Straße herrscht Struktur und Organisation. " alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-11.jpg" data-caption="Kaufen kann man fast alles am Straßenrand. Einkäufe sind meist verbunden mit einem Gespräch über den Alltag oder Fußball." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-12.jpg" data-caption="Nairobis Slums sind mit Müll überschüttet. Besonders die jüngeren Leute versuchen, dies zu ändern und das Leben im Slum so zu zeigen, wie es tatsächlich ist. " alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-13.jpg" data-caption="An den Häusern hängen tropfende Kleidungsstücke über Wäscheleinen. Viele der wenigen Häuser sind selbst gebaut." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-14.jpg" data-caption="Man kommt überall schnell hin. Und viele Leute hier betreiben ihren eigenen kleinen Handel. Vor allem aber herrscht Leben!" alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-15.jpg" data-caption="Die meisten Menschen hier nehmen große Strapazen für einfachste Dinge wie Wasser, Essen und eine halbwegs ordentliche Bleibe auf sich. Aber sie wissen trotzdem zu schätzen, wenn sie auch andere Anregungen bekommen." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-16.jpg" data-caption="In der MYSA Mathare Library können Kinder und Jugendliche lesen, zuhören und eigene Projekte planen und besprechen." alt=""></a></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Tilo Mahn</p></div>


<p>Nicholas Kimeu hat an der zweiten Ausgabe der Zeitschrift als Fotograf und Autor mitgearbeitet. »Ich habe mich irgendwann gefragt: Warum kommen ständig andere Leute hierher, um dann unsere Geschichten zu erzählen?«, sagt er. »Ich wollte die Gelegenheit nutzen, selbst zu erzählen. Ich wollte den Leuten meine Sicht auf die Kultur Nairobis und in Mathare näherbringen.« Nicholas Kimeu hat lange Zeit über seine Heimat nachgedacht. In Texten, Gedichten, in Filmen und auf Fotos hält er jetzt seine Gedanken, Ideen und Beschreibungen fest. An der Wand neben dem Spiegel hängt das erste Foto, das er gemacht hat: Zwei Kinder blicken hinter einer Ecke hervor in die Kameralinse. Dahinter verliert sich eine Gas se entlang winziger Rinnsale im rötlich lehmigen Bo den vor einem Teppich aus zerdrückten Plastikﬂaschen.&nbsp;</p>



<p>Wohl knapp eine Million von Nairobis geschätzten gut drei Millionen Einwohnern leben in einem der zahlreichen Slums der Stadt. Eingebettet zwischen Häuserblocks und Rohbauten aus Beton erstrecken sich auf riesigen Flächen und in Tälern die Hütten, Gassen und Stände derer, die sich anderen Wohnraum nicht leisten können. Unter ausgeblichenen Sonnenschirmen liegen auf Holztischen Plastikspielzeug und Bananenstauden aus. Ziegenrippchen garen im Rauch von Grillrosten. Kinder laufen Slalom um die Holzstangen der aufgespannten Planen und zwischen den geparkten Mofas. Alltägliches Treiben, wenn man in Mathare unterwegs ist.&nbsp;</p>



<h2>Sport und Bibliothek</h2>



<p>Vor den Füßen von Nicholas Kimeu rollt ein Ball über die Straße. Er kickt ihn in Richtung Straßenrand, hält kurz inne, wartet, was die Kinder machen. »Das hier ist die Wirklichkeit, die gelebte Wirklichkeit.« Als die Kinder dem Ball hinterhersausen, spricht er weiter. »Wir spüren die Trennung, die große Kluft zwischen Arm und Reich jeden Tag. Und der Grund dafür liegt auch in der Politik und im System.« Nicholas Kimeu ist auf dem Weg in die Bibliothek. Fast täglich geht er in die »MYSA Mathare Library«. Freunde hatten ihm vor Jahren beim Fußballspielen davon erzählt, dass sie sich dort regelmäßig treffen. Die Bibliothek ist eines der Projekte der Mathare Youth Sports Association, kurz MYSA. 1987 wurde MYSA als Hilfsorganisation gegründet und gehört mittlerweile zum Leben im Slum dazu – als Anlaufstelle für Beratung, als Ideengeber und als eine Art Kultur- und Sportzentrum. Über Fußball und andere Sportangebote kommen die Mitarbeiter mit Kindern und Jugendlichen auf der Straße und in Schulen in Kontakt. Sie wollen die Jugend stärken, ihnen Anregungen bieten. Das Ziel ist, soziale Kompetenzen und Selbstvertrauen zu vermitteln.&nbsp;</p>



<p>Bei den Treffen zeigen die Teilnehmer ihre Fotos, erzählen von ihren Projekten und Themen. Dann unterhalten sich die Mitarbeiter von MYSA mit den Jugendlichen über Drogen, Kriminalität und Bürgerrechte. Für diese Treffen fährt Michael Maina regelmäßig von seinem Büroplatz bei MYSA in Komarock im Osten Nairobis nach Mathare. Sein Weg führt ihn über die Juja Road, die oberhalb des Slums entlangführt. Als ehemaliger Teilnehmer von MYSA-Projekten kennt er die Bibliothek in Mathare noch aus den Anfängen. Inzwischen gibt es vier davon, verteilt über die Stadt. An der Straßenecke steigt Michael Maina aus einem der bunten Matatus, der typischen Kleinbusse in Nairobi. Zwischen lautem Motorknattern und dem Hupen der vorbeifahrenden Matatus muss er laut sprechen. »Die meisten Menschen hier nehmen große Strapazen für einfachste Dinge wie Wasser, Essen und eine halbwegs ordentliche Bleibe auf sich. Aber sie wissen trotzdem zu schätzen, wenn sie auch andere Anregungen bekommen.«&nbsp;</p>



<p>Mittlerweile ist er Programm-Manager für das Projekt »Shootback«. MYSA verleiht Kameras und andere Technik, damit die Teilnehmer wie Nicholas Kimeu auf eigene Faust ihr Viertel, ihre Freunde und ihre Umgebung fotograﬁeren, filmen und dokumentieren können. Michael Maina ist selbst in einem Slum groß geworden, etwas weiter entfernt vom Stadtzentrum. Mit der Arbeit bei MYSA will er auch gegen das trostlose Bild der Viertel ankämpfen. »Es herrscht hier nicht nur Chaos, wie viele Leute gerne behaupten. Die Straßen sind okay, auch wenn sie eben durch ein Slum führen«, sagt er, hebt seine Stimme noch mal an. »Man kommt überall schnell hin. Und viele Leute hier betreiben ihren eigenen kleinen Handel. Vor allem aber herrscht Leben!« Auf dem Weg durch Mathare bleibt Michael Maina alle paar Meter stehen, begrüßt Jugendliche und Kinder vor ihren Hütten mit Handschlag und Ghettofaust. Ein kurzer Spruch, ein schnelles Lächeln. Hammerschläge und Radiomusik begleiten die Gespräche über Alltag und Fußball. Ein süßlich brennender Geruch beißt in der Nase. Staub auf den Straßen weht wirbelnd durch die Luft.</p>



<h2>Kaum Platz zum Lesen</h2>



<p>Am Ende der Gasse bleibt Michael Maina vor einem dreistöckigen, bunt bemalten Haus stehen. Nicholas Kimeu steht hinter dem Blechzaun, auf dem in Grün gemalt steht: MYSA Mathare Library. Er unterhält sich mit anderen Jugendlichen. Michael Maina tippt ihm auf die Schulter. Ein verwunderter Blick, dann ein herzliches Umarmen. Die beiden bücken sich nacheinander durch den niedrigen Eingang der Bibliothek. </p>



<p>Drinnen hinter der Empfangstheke sitzen Kinder auf dem Boden und blättern in Bilderbüchern. Die Wände sind bunt bemalt mit Bäumen, Wiesen und spielenden Kindern. Im oberen Stockwerk stehen Regale voller Romane, Geschichtsbücher und Biograﬁen auf Englisch und Swahili. Michael Maina streift einige Buchrücken entlang. »Die meisten Hütten hier sind winzig. Zugang zu Bildung gibt es kaum. Das ist daheim nicht vorgesehen, und es gibt auch einfach keinen Rückzugsort zum Lesen«, erzählt er, während er Bücher in die Regale zurückschiebt. »Teilweise leben acht Familienmitglieder auf engstem Raum. Ein Zimmer dient häuﬁg als Wohnzimmer, Kinderzimmer und Schlafzimmer zugleich. Da gibt es einfach nicht genug Platz zum Lesen.«</p>



<p>Draußen vor den Fenster-Gitterstäben dreht sich rumpelnd eine Betonmischmaschine. Einige Schaulustige stehen herum. Ein älterer Mann stochert mit der Schaufel im Bauch der Betonmischmaschine. Dahinter stehen niedrige Mauern. Man erahnt den Grundriss für ein neues Haus. Dahinter hängen tropfende Kleidungsstücke über einer Wäscheleine. Nicholas Kimeu sitzt auf einem Stuhl am Fenster und verfolgt das Geschehen. »Wer weiß, vielleicht verlasse ich eines Tages diesen Ort. Aber vorher will ich hier etwas hinterlassen für die Zukunft. Nur vom bloßen Wunsch, hier wegzukommen, wird sich an diesem Ort nie et was ändern.«&nbsp;</p>



<p>Korruption und Konﬂikte zwischen Nationalitäten und Stammeszugehörigkeiten bestimmen seit Jahren das Leben in Kenia. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Nairobi deutlich sichtbar. Selbst Wohnraum im Umland oder an den Stadtgrenzen ist für viele Einwohner Nairobis kaum bezahlbar. Rund um die Bankentürme und Regierungsgebäude im Stadtzentrum entstehen neue Straßen und weitere Hochhäuser. Häuﬁg, bevor klar ist, wie ein Gebäude genutzt werden soll. Vorhaben, stattdessen Wohnungen in den ärmeren Vierteln zu bauen, sind immer wieder im Sand verlaufen. Nicholas Kimeu engagiert sich inzwischen dafür, in Mathare Bäume zwischen die Hütten zu pﬂanzen und die Straßen vor der Regenzeit besser zu befestigen. In einem seiner Texte schreibt er: »Wenn reiche Leute andere reiche Leute dafür bezahlen, da mit Handlanger dann die Ärmsten verantwortlich machen, ist das wie eine Nahrungskette, an deren Ende wir stehen.«&nbsp;</p>


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<p>MYSA will mehr Chancen schaffen, damit Jugendliche in Mathare nicht mehr nur am Ende stehen. Neben Spenden verdient die Organisation inzwischen auch eigenes Geld. Am Hauptsitz in Komarock bieten Mitarbeiter Fitnesskurse und Physiotherapie an. So können Projekte und Personal weiter ﬁnanziert werden. Teilnehmer können zu Mitarbeitern ausgebildet werden. Sie bekommen Punkte, wenn sie bei Fußballturnieren, bei Aufräumaktionen in Mathare oder AIDS-Präventionskursen mitmachen, wachsen lang sam in die Organisation rein. Michael Maina hat selbst diese Erfahrung gemacht. »Weil die Menschen merken, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, versuchen sie inzwischen auch viel mehr, etwas aus sich zu machen.« </p>



<p>Die beiden Freunde sind weitergezogen, um etwas zu essen. Mit einer Schale Kochbananen in der einen Hand und einem Programmheft in der anderen Hand steht Michael Maina im Innenhof eines improvisierten Kulturzentrums. Er unterhält sich mit Nicholas Kimeu über das bevorstehende Filmfest. Einmal im Jahr organisiert MYSA das Mathare Youth Film Festival. Nicholas Kimeu will dort seinen ersten Film vorführen. Michael Maina hofft, mit dem Festival noch mehr Aufmerksamkeit für die Projekte und die Teilnehmer zu bekommen. Er ist überzeugt: »Die meisten Leute, die wirklich etwas erreicht haben, stammen von dieser Seite der Stadt. Sie sind einfach kreativer aufgrund der Umstände, aus denen sie stammen. Manchmal erstaunt es die Slumbewohner selbst, zu was einige Leute im Stande sind.«&nbsp;</p>



<h2>Poesie aus dem Slum</h2>



<p>Michael Maina und die anderen Mitarbeiter gestalten Plakate, suchen weitere freiwillige Helfer. Zwischen den Filmen sollen auch Bands auftreten. Nicholas Kimeu stellt seine Schale zur Seite und räumt Teile einer Bühne aus dem improvisierten Büro vor die Graﬃti-Wand des Innenhofs. »Einige Menschen hier denken, sie sitzen für immer in diesem Loch fest, egal, was kommt. Aber ich sage: Nein!« Er zieht eine Leinwand zum Ausrollen unter dem Schreibtisch hervor, atmet tief. »Ich habe Dinge im Fernsehen gesehen, Bücher gelesen. Und ich habe eine Vorstellung für mich von einem besseren Leben.« Inzwischen hat Nicholas Kimeu so viele Gedichte geschrieben, dass er sie als Band veröffentlichen könnte. Noch sucht er nach einem Verlag, einem Abnehmer. »Das Schreiben über Mathare und mein Leben hat mir sehr geholfen, mit schweren Phasen meines Lebens umzugehen. Trotzdem versuche ich, das Persönliche in meinen Texten so klein wie möglich zu halten.«&nbsp;</p>



<p>Für den Rückweg zu seiner Hütte nimmt Nicholas Kimeu einen Umweg durch die steilen Gassen zwischen den Hütten. Nach dem Aufstieg auf festgetretenem Sandboden und Müllresten öffnet sich der Blick hinter einer Biegung. Auf der Anhöhe hinter einem Mauervorsprung bleibt Nicholas Kimeu stehen. Vor ihm liegt die riesige Fläche aus Brettern, Lehmwänden und Wellblechdächern der Hütten. Er dreht sich um und sagt: »Es geht hier nicht um mich. «</p>
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			</item>
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		<title>Gott liebt die Alten</title>
		<link>https://www.weltseher.de/gott-liebt-die-alten/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 10 Dec 2017 23:09:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Uganda]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Grundeinkommen]]></category>
		<category><![CDATA[Senioren]]></category>
		<category><![CDATA[Stephan Dietrich]]></category>
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					<description><![CDATA[Während die Industrieländer noch über das bedingungslose Grundeinkommen diskutieren, ist es in Uganda bereits Realität – zumindest bei den ärmsten Senioren. Unser Autor war bei der Auszahlung in einem kleinen Dorf dabei.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/gott-liebt-die-alten/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>Während die Industrieländer noch über das bedingungslose Grundeinkommen diskutieren, ist es in Uganda bereits Realität – zumindest bei den ärmsten Senioren. Unser Autor war bei der Auszahlung in einem kleinen Dorf dabei.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Gemächlich bewegen sich die letzten Nachzügler auf ihre Krücken gestützt zum haushohen Fikus-Baum vor den Gemeinderäumen von Otkwac. Im Schatten haben sich bereits die älteren Jahrgänge mehrerer Dörfer versammelt. Insgesamt etwa 400 Frauen und Männer lauschen dort so gut wie es noch geht dem Bezirksvorsteher. Es ist ein besonderer Tag im Distrik Kole im Norden Ugandas, es ist Zahltag. Alle Bewohner über 65 erhalten jeden zweiten Monat 50.000 Schilling, was etwa 15 Euro entspricht, und können damit machen was sie wollen. Eine Rente, ohne dass sie je etwas in ein Rentensystem eingezahlt haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Betrag erscheint bedeutungslos, aber für viele ist es eine wichtige Unterstützung um zumindest den Grundbedarf des Lebens zu decken. Jeder Dritte Bewohner lebt von weniger als einem Dollar am Tag und die Zahlung deckt im Durchschnitt zwei Drittel der monatlichen Ausgaben eines ganzen Haushalts in der Region. Um nach Kole zu kommen, fährt man von der Hauptstadt Kampala Richtung Norden, überquert den Nil kurz nach dem Ursprung im Viktoriasee und landet nach insgesamt etwa 250 Kilometern in einem ländlichen Gebiet voller Menschen, aber ohne Stadt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Das Armenhaus Ugandas</h2>
<p style="text-align: justify;">Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Südsudan, im Westen liegt der Kongo, im Osten Kenia. Der Norden ist das Armenhaus Ugandas. Bis vor einigen Jahren war er Schauplatz des Bürgerkriegs mit der Lord&#8217;s Resistance Army, dessen Anführer Joseph Kony wegen seiner Kinderarmee und schlimmer Menschenrechtsverletzungen berüchtigt ist. Der Konflikt hat sich in den Kongo verlagert, viele Probleme sind geblieben.</p>
<p style="text-align: justify;">Aber Uganda ist mehr als das Trübsal, dass die internationalen Schlagzeilen über den Bürgerkrieg, den ewig herrschenden Präsidenten Museveni oder die Kriminalisierung von Homosexualität vermuten lassen. Uganda ist ein aufstrebendes Land mit starkem Wirtschaftswachstum und sinkenden Armutsraten.</p>
<p style="text-align: justify;">Vor fünf Jahren hat die Regierung das &#8222;Social Assistance Grants for Empowerment Programm&#8220; mit Hilfe von internationalen Partnern ins Leben gerufen. Eine Art bedingungsloses Grundeinkommen, dass armutsbedrohten Menschen helfen soll, ihren Lebensstandard zu verbessern. Die Idee dahinter ist einfach: Die meisten Menschen wissen selber am besten, was ihnen fehlt. Statt viel Geld in die Überwachung und Umsetzung spezifischer Programme zu investieren, bleibt es hier jedem selber überlassen, was er mit dem Geld anfängt.</p>
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<h2 style="text-align: justify;">Die Alten haben es besonders schwer</h2>
<p style="text-align: justify;">Andrew Newton Ogei ist der technische Direktor im Kole Distrikt. Mit seinen 35 Jahren wirkt er jugendhaft zwischen den Senioren. Er erklärt, dass es besonders die Alten schwer haben in einer Region, in der der Staat nur am Rande vorkommt. Sozialabgaben oder direkte Steuern gibt es nicht. Im Alter sind daher viele auf ihre Familie und die Hilfe ihrer Kinder angewiesen. Wie dieses Gerüst in sich zusammenfällt, wenn eine Generation wegbricht, hat die Aids-Epidemie vieler Orts auf tragische Weise deutlich gemacht.</p>
<p style="text-align: justify;">Wie zum Beispiel bei Rose, 74. Die Witwe lebt mit ihren drei Enkelkindern auf einem Hof aus drei kleinen Lehmhütten. Ihr Mann ist letztes Jahr von einem Auto tödlich angefahren worden. Ihre Tochter war mit einem Polizisten verheiratetet. Der Mann und seine zwei Ehefrauen – Polygamie wird in Uganda praktiziert – sind an Aids gestorben. Nun kümmert sich Rose alleine um ihre Enkelkinder, auch wenn man ihr die Jahrzehnte harter Arbeit in der Landwirtschaft anmerkt.</p>
<p style="text-align: justify;">Von dem Geld des Programms kann sie Essen besorgen, schickt die Kinder in die Schule und investiert in den Hof. Sie zeigt auf mehrere Hühner, die zwischen den Hütten umherlaufen sowie eine Ziege, die im Hintergrund weidet. Die Auszahlungen in Otkwac sind nach draußen verlegt worden, weil es in den kleinen Verwaltungsräumen der Gemeinde bei weitem nicht genug Platz für die Menschenmenge gibt. Es ist wie ein kleines Ehemaligentreffen der Jahrgänge 1950 und älter. Zu diesem Anlass wird Festtagskleidung getragen. Bunte Röcke, Schlips und ein paar ziemlich große Sonnenbrillen vermischen sich zu einer farbenfrohen Menschenmenge.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Auszahlung bei tropischen Temperaturen</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Bezirksvorsteher ruft den Wartenden zu, dass sie ihre Simkarten bereit halten müssen. Danach wird ein Ort aus dem Distrikt nach dem anderen abgearbeitet. Simkarte, Fingerabdruck und die Geldscheine wechseln über einen wackligen Holztisch die Seiten. Der Rest bleibt unbeeindruckt von den tropischen Temperaturen auf dem Rasen sitzen. Im Laufe des Vormittags ziehen tief dunkle Wolken am Horizont auf, aber mit Hektik ist nicht zu rechnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Milton, 71, lebt wie fast alle von Subsitenzlandwirtschaft. Ein kurzer Blick in den Himmel reicht ihm, um zu sagen, dass es erst am Abend regnen wird. Sein Dorf Ocor liegt etwa zehn Kilometer die lehmig rote Straße hinunter. Er hat sich im Morgengrauen in die unendliche Ameisenstraße eingereiht, die sich von Sonnenauf- bis Untergang an den bunten Feldern und dem satten Grün des Moors entlangschlängelt. Die meisten gehen zu Fuß, in Gruppen, in einem Tempo, das nicht zu unterbieten ist. Dazu kommen die Boda-boda Fahrräder mit ausgebauten Gepäckträgern, auf denen unvorstellbare Mengen an Kisten, lebenden Tieren und Beifahren aufgeladen werden. Immer wieder reißen Motorräder Furchen in den Menschenstrom. Sobald Milton sein Geld erhalten hat, wird er sich wieder in den Strom einreihen. Ein guter Tag, sagt Milton.</p>
<p style="text-align: justify;">Neu ist die Idee des Grundeinkommens zur Armutsbekämpfung nicht. Anfang des Jahrtausends wurden so genannte &#8222;Conditional Cash Transfer&#8220; Programme in Lateinamerika getestet. Dabei wurden die Zahlungen an Bedingungen wie etwa den Schulbesuch der Kinder geknüpft. Die Ergebnisse waren vielversprechend und daraufhin wurden weltweit ähnliche Programme umgesetzt. Es zeigte sich aber, dass es sich meist nicht lohnt Bedingungen einzuführen, weil es nicht am Willen der Eltern fehlt, ihre Kinder in die Schule zu schicken, sondern an den finanziellen Mitteln dafür.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Grundeinkommen breitet sich unter den Armen aus</h2>
<p style="text-align: justify;">Auch ohne die Konditionierung haben die Programme ähnliche Auswirkungen, aber zu geringeren Kosten. Die Ausbreitung von &#8222;Cash Transfer&#8220; Programmen in Afrika ist beeindruckend. Allein bis zum Jahr 2009 zählte eine Weltbankstudie 120 ähnliche Interventionen. Das Programm in Uganda läuft bisher in 15 besonders armen Distrikten mit ungefähr 120.000 Empfängern. Es wurden zwei verschiedene Varianten des Programms getestet. Einmal für alle über 65 und die andere Variante für besonders armutsgefährdete Haushalte gemäß eines Index aus Anzahl an Waisenkindern und arbeitsunfähigen Personen im Haushalt.</p>
<p style="text-align: justify;">Um die Auswirkungen des Programms zu überprüfen, hat eine englische Beraterfirma eine sie untersucht. In der Studie sollten Programmempfänger mit ähnlichen Haushalten, die keine Zahlungen erhielten, verglichen werden. Der Nachweis positiver Effekte sollte auch helfen, das Programm vor politischen Konjunkturen zu schützen, da ein nachweisbar erfolgreiches Programm sich nur schwer zurücknehmen lässt. Allerdings gab es Probleme mit der Vergleichbarkeit der Kontroll- und Vergleichsgruppe, weshalb die Ergebnisse nicht so schlüssig sind, wie man das gerne hätte.</p>
<p style="text-align: justify;">Klar scheint aber, dass sich nur das Programm für die Senioren bewährt. Zu unverständlich waren die Kriterien für die Vergabe der Zahlungen an die besonders armutsbedrohten Familien. In der Evaluierung gaben einige Empfänger an, dass Gott entscheidet, wer das Geld bekommt. Ganz so ist es nicht, aber gerade in Gegenden mit hoher Armut, kann die Verteilung auch zu sozialen Spannungen führen. Wenn alle arm sind, wieso erhalten einige das Geld und andere nicht? Das Alter zu nehmen ist dagegen einfach zu verstehen und als legitimes Kriterium akzeptiert.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kein Grundeinkommen für alle</h2>
<p style="text-align: justify;">Eine politische Dimension ist aber bei der Entscheidung nicht ausgeschlossen. Im Gegensatz zu den Kindern gehen gerade die Älteren treu zum Wählen. So wurde im Lauf des Wahlkampfs Anfang des Jahres verkündet, dass das Program in den nächsten fünf Jahren in 40 weiteren Distrikten eingeführt werden soll. Komplett bedingungslos sind die Zahlungen allerdings nicht. Der Sozialwissenschaftler Firminus Mugumya von der Makerere Universität in Kampala weist darauf hin, dass das Programm schnell eingestellt werden würde, wenn es nicht effektiv wäre. Wenn die Menschen anfangen würden das Geld in den Viktoriasee zu werfen, würden die Zahlungen sofort gestoppt werden, schiebt er hinterher, um seinen Punkt zu verdeutlichen.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit dem Program soll die Armut reduziert werden, nur der Weg dorthin bleibt jedem selber überlassen. Auch wenn Firminus Mugumya das Programm als Erfolgsgeschichte bezeichnet, glaubt er nicht, dass es in Zukunft in ganz Uganda umgesetzt wird. Die finanziellen Möglichkeiten sind zu begrenzt und sollen erstmal dafür verwendet werden, den ärmsten Regionen zu helfen. Zu einem Grundeinkommen für alle wird es so schnell nicht kommen.</p>
<p>Bevor das Geld ausgezahlt wird, überweisen Mitarbeiter eines Telefonanbieters vor Ort mobiles Handygeld auf die Simkarten der Empfänger. Wer die Auszahlung verpasst, hat das Geld auf seiner Simkarte gespeichert und kann es sich beim nächsten Mal auszahlen lassen. Handygeld hat sich in Uganda etabliert. In jeden noch so kleinen Dorf gibt es Wechselstuben der Mobilfunkanbieter, in denen man die elektronische Währung in Bargeld tauschen kann. Aber häufig ist das gar nicht nötig. Man kann das Geld verschicken, damit bezahlen und es parallel zum Bargeld verwenden. Selbst ohne Handy kann die Simkarte als Sparkonto verwendet werden. Dazu kommt es aber eher selten, denn der Großteil wird gleich wieder investiert.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Gott liebt die Alten</h2>
<p style="text-align: justify;">Einige der Alten haben sich zu einem Netzwerk zusammengetan. Sie nennen sich „God loves the Elderly“. Gemeinsam bauen sie Zwiebeln an und in Notsituationen legen sie Geld zusammen, um einzelnen Mitgliedern zu helfen. Durch das Programm werden sie selbstständiger, können den Haushalt unterstützen und die Felder von jüngeren Hilfsarbeitern bestellen lassen. Aber nicht nur die Alten haben etwas von dem Programm. Mit dem Geld werden auch Schulkosten für Kinder beglichen und es fließt auch in die lokale Wirtschaft, wovon alle profitieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Allerdings gibt es auch Probleme. Die Mittel für das Programms sind so knapp, dass in Zukunft nur die 50 Ältesten Bewohner eines Distrikts das Grundeinkommen erhalten können. Dabei lässt sich oft nicht feststellen, wer wie alt ist, weil gerade die Älteren nicht über Geburtsnachweis oder andere offizielle Dokumente verfügen. In solchen Fällen schätzen Beamte der Regionalverwaltung das Alter. Das mag funktionieren, wenn alle über 65 die Zahlungen bekommen, aber im Zweifel das genaue Geburtsjahr festzustellen, scheint sehr schwierig und viel Raum für Willkür zu bieten. Erst die nächsten Jahre werden zeigen, wie sich diese Probleme in der Praxis lösen lassen.</p>
<p>Am frühen Nachmittag ist auch das letzte Dorf ausgezahlt. Zum Abschluss hievt der Bezirksvorsteher die letzten Empfänger auf ein Motorradtaxi. In zwei Monaten werden sie wiederkommen, wenn die nächste Auszahlung die Alten hier versammeln wird.</p>
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		<title>Der Hüter der zehn Gebote</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Nov 2015 08:11:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Äthiopien]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Aksum]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Philipp Hedemann]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Zehn Gebote]]></category>
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					<description><![CDATA[Wo ist die Bundeslade, in denen die biblischen zehn Gebote aufbewahrt werden? Die Äthiopier glauben: in ihrer heiligen Stadt Aksum. Dort darf sie nur ein Mann pro Generation zu Gesicht bekommen. Unser Autor Philipp Hedemann hat den Erben von Moses besucht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/der-hueter-der-zehn-gebote/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Wo ist die Bundeslade, in denen die biblischen zehn Gebote aufbewahrt werden? Die Äthiopier glauben: in ihrer heiligen Stadt Aksum. Dort darf sie nur ein Mann pro Generation zu Gesicht bekommen. Unser Autor Philipp Hedemann hat den Erben von Moses besucht.</strong></p>
<div class="titelbu">Josua führt die Israeliten mit der Bundeslade über den Jordan, Gemälde von Benjamin West, 1800</div>
<div class="buch">Diese Reportage stammt aus Philipp Hedemanns Buch: <a href="http://shop.dumontreise.de/dumont/dumont-reihen/der-mann-der-den-tod-auslacht-dumont-reiseabenteuer-dumont-reiseabenteuer_pid_906_50145.html" target="_blank">Der Mann, der den Tod auslacht</a> (DUMONT Reiseverlag)</div>
<p style="text-align: justify;">Indiana Jones suchte 1936 in einem Abenteuerfilm die sagenumwobene Bundeslade im Auftrag der amerikanischen Regierung in Ägypten. Die Truhe, in der die in zwei Steinplatten geschlagenen Zehn Gebote aufbewahrt werden, sollte nicht den Nazis in die Hände fallen, die mit ihrer Macht die Weltherrschaft erlangen wollten.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach vielen Explosionen und Schlägereien und ein paar mittelmäßigen Scherzen gelangte »Indy« in einem U-Boot der Nazischergen schließlich mit der heiligen Truhe auf eine kleine Insel, erlebte dort, wie die Steintafeln den fiesen Nazis zwischen den Fingern zu Staub zerfielen und die entweihte Truhe in einer gewaltigen Feuersbrunst ihre zerstörerische Gewalt entfaltete.</p>
<p style="text-align: justify;">Steven Spielbergs »Indiana Jones: Jäger des verlorenen Schatzes« gewann vier Oscars, war 1981 der erste der weltweit erfolgreichen Filme über den berühmtesten Archäologen Hollywoods. In Äthiopien war der Film hingegen kein Kassenschlager. Denn hier weiß jeder: Das ist alles Quatsch! Die Bundeslade mit den Zehn Geboten, die Moses von Gott empfangen hat, liegt in Aksum, der heiligen Stadt im Norden Äthiopiens. Dorthin bin ich mit einem Freund gerade im Geländewagen auf schlechten Straßen unterwegs.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Im Angesicht mit dem Hüter</h2>
<p style="text-align: justify;">In der heiligen Stadt hat nur ein einziger Priester Zugang zum Allerheiligsten. Und dieser Mann steht jetzt keine zehn Meter von uns entfernt. Gerade ist er aus der schlichten Kapelle herausgetreten, in der angeblich das wohl größte Mysterium des Christentums verwahrt wird. Kaiser Haile Selassie ließ die trutzige Kapelle der Kirche St. Maria von Zion erbauen, um die Truhe, um die so viel Tamtam gemacht wird, sicher zu verwahren. Doch mittlerweile regnet es durch die Decke. Notdürftig und nicht gerade standesgemäß haben die Hüter des Schatzes das Dach mit einer weißen Plastikplane abgedeckt. Es ist, wie so Vieles in Äthiopien, nur ein Provisorium.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5339-1"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                               title="Das ist die Kapelle, in der die Bundeslade aufbewahrt sein soll. Foto: Philipp Hedemann">
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                                Das ist die Kapelle, in der die Bundeslade aufbewahrt sein soll. Foto: Philipp Hedemann
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<p style="text-align: justify;">Direkt nebenan wird gerade die neue Kapelle errichtet, die den Schatz in Zukunft sicher beherbergen soll. Noch ragen die Baueisen aus dem Mauerwerk des grauen Rohbaus. Abba Gebre-Mesqel, der Hüter der Zehn Gebote, schaut vorbei, um den Baufortschritt an seinem zukünftigen Wirkungsort zu begutachten. Er ist der einzige Mensch seiner Generation, der die Bundeslade zu Gesicht bekommen darf.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich möchte unbedingt von ihm erfahren, wie sie denn nun aussieht, die Bundeslade. Kirchendiener Zemichael verschafft mir eine Audienz bei dem hageren, alten, bärtigen Mann. Das dachte ich zumindest. Doch als ich zu Abba Gebre-Mesqel vorgelassen werde, streckt er mir nur sein großes, hölzernes Kreuz entgegen, das ich küssen darf. Als ich nach der Macht der Bundeslade fragen möchte, wendet er sich ab und verschwindet wieder in der Kapelle, in der die mächtigste Kiste der Welt lagern soll. Fotografieren ist, na klar, auch verboten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">So sieht die Bundeslade aus</h2>
<p style="text-align: justify;">Der einzige lebende Mann, der die Bundeslade je mit eigenen Augen gesehen hat, spricht also nicht. Doch die Bibel verrät ziemlich genau, wie die Truhe aussehen soll. Im zweiten Buch Mose gibt Gott ihm klare Anweisungen, wie er die Truhe zu bauen habe. Im Alten Testament klingt die Bauanleitung so:</p>
<blockquote>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Macht eine Lade aus Akazienholz; dritthalb Ellen soll die Länge sein, anderthalb Ellen die Breite und anderthalb Ellen die Höhe. Du sollst sie mit feinem Gold überziehen inwendig und auswendig, und mache einen goldenen Kranz oben herum. Und gieße vier goldene Ringe und mache sie an ihre vier Ecken, also dass zwei Ringe auf einer Seite seien und zwei auf der anderen Seite. Und mache Stangen von Akazienholz und überziehe sie mit Gold und stecke sie in die Ringe an der Lade Seiten, dass man sie damit trage; sie sollen in den Ringen bleiben und nicht herausgetan werden. Und du sollst in die Lade das Zeugnis legen, das ich dir geben werde.&#8220;</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5339-2"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                               title="So hat sich der Künstler Julius Schnorr von Carolsfeld die Bundeslade im 19. Jahrhundert vorgestellt.">
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                                So hat sich der Künstler Julius Schnorr von Carolsfeld die Bundeslade im 19. Jahrhundert vorgestellt.
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        </div>
        </p>
<p>&nbsp;</p></blockquote>
<p style="text-align: justify;">So soll sie also aussehen, die Lade, die beim Auszug der Israeliten aus Ägypten unter Moses den Bund Gottes (daher der Name Bundeslade) mit dem Volk Israel symbolisieren sollte. Fragt sich nur, ob sie tatsächlich in der baufälligen Kapelle liegt, vor der wir stehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Denn dubiose Schatzsucher – von den Kreuzrittern bis zu Archäologen mit zweifelhaftem Ruf – wollen sie schon auf dem Tempelberg in Jerusalem, in einem Tempel in Unterägypten, in einer Höhle bei Qumran am Toten Meer, im Heiligtum Ngoma Lugundru in Simbabwe und in geheimen Gängen im Berg Neboin in Jordanien gefunden haben. Doch Kirchendiener Zemichael ist sich sicher: &#8222;Die Bundeslade ist hier. In Aksum.&#8220; Selbst gesehen hat er sie natürlich nicht, doch er dient als Diakon seit Jahren dem Hüter der Zehn Gebote.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Salomon lockt Saba ins Bett</h2>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Menilek, der Sohn der Königin von Saba und König Salomons brachte die Bundeslade von Jerusalem nach Aksum&#8220;, erklärt Zemichael uns. Laut dem &#8222;Kebra Negest&#8220; (Ruhm der Könige), einem im 13. Jahrhundert in Äthiopien verfassten Bericht, erfährt die im 10. Jahrhundert vor Christus in Aksum regierende, sagenhaft schöne Königin von Sabba vom sagenhaft weisen König Salomon und besucht ihn in Jerusalem. Mit einem perfiden Trick lockt der schlaue König die schöne Königin ins Bett.</p>
<p style="text-align: justify;">Das bleibt nicht ohne Folgen. Als die Monarchin nach Äthiopien zurückkehrt, wird Menilek geboren. Als dieser zweiundzwanzig Jahre alt ist, reist er nach Jerusalem. Der unverhofft zu Vaterehren gekommene Herrscher versucht, Menilek zum Bleiben zu überreden, bietet ihm die Thronfolge an. Doch Menilek will zurück zu seiner Mutter nach Äthiopien.</p>
<p style="text-align: justify;">Salomon lässt den Sohn schweren Herzens ziehen, allerdings nicht ohne eine große Gefolgschaft. Auf der Heimreise erfährt Menilek, dass die Männer, die sein Vater ihm mitgegeben hat, ohne sein Wissen die Bundeslade mit den Zehn Geboten aus dem Tempel in Jerusalem haben mitgehen lassen. Als Salomon vom Diebstahl Wind bekommt, möchte er die Verfolgung aufnehmen, doch da wird Menilek auf wundersame Weise mit der Bundeslade nach Hause geflogen. Soweit, so logisch!</p>
<h2 style="text-align: justify;">Siebenfache Kraft der Sonne</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn die Bundeslade also nach Aksum geflogen ist, warum darf sie dann niemand außer Abba Gebre-Mesqel sehen, frage ich seinen Diener. &#8222;Wir beschützen euch vor der Bundeslade, nicht die Bundeslade vor euch&#8220;, sagt Zemichael geheimnisvoll. Laut dem Kirchendiener soll die Truhe die siebenfache Kraft der Sonne besitzen. Wer sie mit eigenen Augen sähe, würde sofort erblinden, erlahmen und schließlich sterben. Ein bisschen wie bei &#8222;Indiana Jones&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;">Nur der jeweils von seinem Vorgänger auf dem Totenbett auserwählte Priester ist immun gegen die Wundermacht der Truhe. Alle anderen Menschen kann sie zerstören. Da mit dem Raub der Bundeslade die göttliche Gegenwart und Gnade von Israel auf Äthiopien übergegangen und Aksum Jerusalem als geistliches Zentrum der Welt abgelöst haben soll, gibt es natürlich viele Neider. In Äthiopien erzählt man sich gerne die Geschichte, dass selbst der nicht gerade für Zimperlichkeit bekannte israelische Geheimdienst Mossad schon versucht haben soll, die Bundeslade zurück nach Jerusalem zu bringen. Natürlich ohne Erfolg.</p>
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                                Weitere äthiopische Abenteuer gibt es in Philipp Hedemanns Buch
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        </div>
        </p>
<p style="text-align: justify;">Um Geheimdienstler, neugierige Touristen und Hobbyarchäologen vor sich selbst zu schützen, würden die Hüter der Bundeslade offensichtlich ziemlich weit gehen. Rund um die Kapelle, in der die Truhe verwahrt wird, sitzen Polizisten in blauen Tarnfleckanzügen mit Kalaschnikows auf dem Schoss. &#8222;Wenn jemand versuchen würde, in die Kapelle einzudringen, würden sie notfalls schießen. Zunächst auf die Beine, wenn das nicht reicht, auch auf den Oberkörper&#8220;, sagt Zemichael.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Glaube als Gewissheit</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich frage ihn, ob er verstehen könne, dass viele Ferenji (so nennt man in Äthiopien weiße Ausländer)  Zweifel daran hegen würden, ob die Bundeslade überhaupt in der Kapelle in Aksum liege. &#8222;Ja&#8220;, antwortet der fromme Diener. &#8222;Aber das ist euer Problem, nicht unseres. Wir wissen ja, dass sie da ist.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist diese Gewissheit, die das oftmals nicht einfache Leben in Äthiopien manchmal einfacher macht. Ich kenne einen äthiopischen Ingenieur, der seinem Gebet mehr vertraut als seinen statischen Berechnungen. Ich kenne einen Äthiopier, der Biologie studiert hat und überzeugt ist, dass wir von Adam und Eva abstammen und nicht von Lucy, der rund 3,2 Millionen Jahre alten Äthiopierin, deren Skelettreplik wir uns gemeinsam im Museum in Addis angeschaut haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich habe Historiker getroffen, die eher mündlich überlieferten äthiopischen Mythen vertrauen als naturwissenschaftlichen archäologischen Untersuchungsmethoden. Ich kenne einen äthiopischen Arzt, der in Amerika studiert hat und auf die Heilkraft des heiligen Wassers schwört. Ich habe viele äthiopische Freunde, die Mitleid mit mir haben, weil mir ihre Gewissheiten fehlen. Manchmal beneide ich sie.</p>
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		<title>Rendezvous mit einer Leiche</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 Aug 2014 10:56:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Madagaskar]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Schnohr]]></category>
		<category><![CDATA[Christof Mattes]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kulte]]></category>
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					<description><![CDATA[Auf Madagaskar gibt es ganz besondere Familientreffen. Dann holen die Lebenden ihre toten Verwandten aus der Gruft und berichten ihnen das Neueste aus ihrem Leben. Anders als bei uns ist der Tod dort kein Tabuthema. Doch der Kult behindert die Entwicklung des Landes. Unsere Autoren haben das Totenfest besucht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/rendezvous-mit-einer-leiche/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Auf Madagaskar gibt es ganz besondere Familientreffen. Dann holen die Lebenden ihre toten Verwandten aus der Gruft und berichten ihnen das Neueste aus ihrem Leben. Anders als bei uns ist der Tod dort kein Tabuthema. Doch der Kult behindert die Entwicklung des Landes. Unsere Autoren haben das Totenfest besucht.</strong></p>
<p>Gleich wird Mirana ihren Vater treffen. Sie wird ihn in die Arme schließen und ihm Neuigkeiten aus ihrem Leben erzählen. Vom Job, der neuen Wohnung und von der Hochzeit, bei der er nicht anwesend sein konnte. Ihr Vater wird nicht antworten. Er ist seit über drei Jahren tot. Trommelschläge hallen über den Hügel. Trompeten und Flöten tönen in der Luft. Vor der gemauerten Gruft aus Granitstein herrscht erwartungsvolles Gedränge. Gesprächsfetzen und Gelächter vermischen sich mit der Musik.</p>
<p style="text-align: justify;">Die ersten Leute beginnen zu tanzen, einige schwenken die madagassische Nationalflagge, andere recken gerollte Bastmatten in den Himmel. Kinder tollen schreiend über die Wiese, Frauen tuscheln kichernd, die Männer stoßen mit Bier und Toaka Gasy an, einem selbst gebrannten Schnaps aus Zuckerrohr und Reis. Mirana sitzt etwas abseits im kümmerlichen Schatten eines vertrockneten Eukalyptusbaums. Unablässig zwirbelt sie eine Strähne ihres schwarzen Haares zwischen den Fingern.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein alter Mann steht auf der vier mal vier Meter großen Gruft. Als die Band die Nationalhymne anstimmt, nimmt er seinen Hut ab und senkt das Haupt. Kaum ist der letzte Ton verklungen, tritt er nach vorn, blickt in die Menge und breitet seine Arme aus. Mit fester Stimme spricht er über einen, der lange verstorben ist und den kaum jemand der rund 600 Anwesenden persönlich kennt: Samuel ist der gemeinsame Ahne der acht Großfamilien, die heute den Weg nach Malakialina – einem Dorf im madagassischen Hochland – auf sich genommen haben.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Für die Lebenden gibt es Regeln und Tabus. Warum? Das wissen nur die Toten.&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Alle Gäste gehören zu den Merina, dem größten Volksstamm Madagaskars. Fast alle sind Christen, dennoch ist der traditionelle Ahnenkult nach wie vor weit verbreitet. Wer stirbt, ist nicht tot. Im Gegenteil: Die Verstorbenen steuern das Leben der Hinterbliebenen aus der Gruft. Sie wachen über die Gemeinschaft und weisen den Lebenden den richtigen Weg. Im Gegenzug kümmern diese sich um die Gräber und veranstalten alle paar Jahre die Famadihana, die „Umbettung der Toten“. Außerdem ist es ihre Pflicht, die Fadys einzuhalten. Fadys sind Tabus – Verbote, die je nach Dorf oder Familie unterschiedlich sind: Bestimmte Ackerflächen dürfen nicht genutzt, gewisse Tiere nicht geschlachtet oder ein Wald nicht betreten werden. Warum? Das wissen nur die Toten.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-madagaskar-totenumbettung-1" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-madagaskar-totenumbettung-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-madagaskar-totenumbettung-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-madagaskar-totenumbettung-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="400000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1895_famadihama_31.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In dem Dorf Malakialina auf Madagaskar holen die Lebenden alle paar Jahre ihre toten Verwandten aus der Gruft.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_2238_famadihama_3.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch Kinder erzählen den in Tüchern und Matten eingewickelten Leichen, was es neues in ihrem Leben gibt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_2254_famadihama_3.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Eigentlich ist Weinen bei einer "Famadihana" verboten. Doch die 31-jährige Mirana wird hier mit dem toten Vater auf dem Schoß von ihren Gefühlen überwältigt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1905_famadihama_31.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Während die Leichen herausgeholt werden, hält dieser alte Mann eine Rede.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1667_famadihama_31.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Eine Blaskapelle sorgt für ekstatische Musik.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1919_famadihama_31.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Immer wieder fallen Knochen aus den modrigen Leichentüchern. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1199_famadihama_2.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Derweil steht auf dem Festgelände neben Bier auch selbstgebrannter Schnaps bereit.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1257_famadihama_2.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Unmengen an Essen werden herangeschleppt, viele Madagassen verschulden sich für diese Feste.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1408_famadihama_2.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch Schweine werden geschlachtet.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1943_famadihama_31.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Überall verstreut sitzen Familien mit Leichen ihrer Ahnen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1993_famadihama_2.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Bis in die frühen Morgenstunden wird getrunken und getanzt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1112_famadihama_1.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Tiana hat das Fest organisiert und sich dafür hoch verschuldet.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_2017_famadihama_31.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Bevor sie die Leichen wieder in die Gruft tragen, beschriften die Dorfbewohner die Matten mit den Namen der Toten.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1044_famadihama_1.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Bis zur nächsten Famadihana ruhen die Toten wieder in Frieden in ihrer Gruft.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-madagaskar-totenumbettung-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1895_famadihama_31-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_2238_famadihama_3-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_2254_famadihama_3-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1905_famadihama_31-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1667_famadihama_31-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1919_famadihama_31-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1199_famadihama_2-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1257_famadihama_2-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1408_famadihama_2-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1943_famadihama_31-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1993_famadihama_2-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1112_famadihama_1-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_2017_famadihama_31-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/MG_1044_famadihama_1-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<p style="text-align: justify;">„Heißen wir unsere Ahnen willkommen“, ruft der alte Mann auf der Gruft und verliest den Namen des ersten Toten, der heute das Grab verlassen wird. Unter großem Jubel drängen sich fünf Männer nach vorne. Einer kniet nieder und zieht an einem kleinen Hebel, der in der Erde versteckt liegt. Eine Staubwolke steigt aus der Gruft, als sich das massive Steintor einen Spalt öffnet. Die Männer stürmen in die Gruft, die Bastmatte im Anschlag. Drinnen liegen die Toten, eingewickelt in Leichentücher, in steinernen Etagenbetten übereinander. Die Band spielt wieder. Laut und schräg. Immer schneller schlagen die Trommler den Takt, immer wilder werden die Bewegungen der Tänzer. Zuckende Körper, brennende Sonne. Es riecht nach Schweiß und Alkohol. Wenig später kehren die fünf Männer zurück ans Tageslicht – mit den Überresten ihres Vorfahren. Die Bastmatte haben sie um den Toten gewickelt, damit keine Knochen herunterfallen, falls das Leichentuch in der Zwischenzeit mürbe geworden ist. Mühsam bahnen sich die Männer ihren Weg durch die Menge. Bedrohlich schwankt die Leiche über ihren Köpfen auf und ab, im Takt ihrer Schritte, im Takt der Musik.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Tote wird schon erwartet. Auf der trockenen Wiese sitzen sich ein paar Frauen und Kinder gegenüber. Die Männer legen ihnen die Leiche auf die Oberschenkel. Vorsichtig berühren sie die Bastmatte, die den toten Körper nicht vollständig umschließt. Das Leichentuch ist mit Stockflecken gesprenkelt und verströmt einen modrigen Geruch. Immer mehr Namen werden verlesen, immer mehr Tote verlassen ihr Grab. Schließlich ist der gesamte Platz mit Leichen übersät. Einige sind von außen nicht mehr als Überreste eines Menschen identifizierbar. Nach Jahrzehnten in der Gruft ist fast nur noch eine schmale Hülle aus Leichentüchern übrig. Wer keinen direkten Angehörigen in einer Bastmatte hat, wandert von Familie zu Familie. Die Musiker, fünfzehn Männer in blauen Trainingsanzügen der Equipe Tricolore, ziehen das Tempo noch einmal an. Trance und Tod. Rasende Körper, aufgerissene Augen. Zu ihren Füßen die Leichen. Ganz still.</p>
<h2 style="text-align: left;">Die Leiche des Vaters umarmen</h2>
<p style="text-align: justify;">Mirana sitzt neben ihrem Vater. Schweigend, schluchzend. Zu sehr schmerzen die schönen Erinnerungen an ihre Kindheit. Nichts ist momentan ferner als ihr Alltag in der Hauptstadt Antananarivo, wo die 31-jährige gemeinsam mit ihrem Mann lebt. Seit dem Abschluss als Master of Commerce &amp; Management arbeitet sie in einer Organisation, die Mikrokredite an Kleinunternehmer verteilt. Ein guter Job, eine andere Welt. Mirana trägt ein schwarzes T-Shirt von Calvin Klein, schwarze Nike-Turnschuhe und eine Brille mit markantem Rand. Zuhause gibt es Internet und die neusten Filme auf DVD. Hier sitzt sie nun auf dem Land und umarmt die Überreste ihres Vaters.</p>
<p style="text-align: justify;">In den westlichen Ländern stirbt man meist allein. Mit der Pflege der Alten will sich kaum jemand belasten. Aufgebahrte Leichen gibt es bei einer Trauerfeier immer seltener. Das Thema wird ausgeblendet. Der Tod ist vielleicht das letzte große Tabu unserer Gesellschaft. Vielleicht boomen auch deshalb Feuerbestattungen. Urnen sind abstrakter. Inzwischen werden schon deutlich mehr als die Hälfte der Deutschen nach ihrem Tod verbrannt, sagt das Verbraucherinstitut Aeternitas. Tendenz weiter steigend. Auf Madagaskar ist das anders. Der Tod gehört zum Leben. Für die Menschen vom Stamm der Merina ist es gewissermaßen ein Ziel, Ahne zu werden. Natürlich will niemand sterben, doch das wahre Leben beginnt in ihrem Glauben erst mit dem Tod. Einerseits ist das tröstlich. Anderseits gibt es unter den Lebenden auf dem Land weder Ehrgeiz noch Zeitdruck. Die Menschen ordnen sich vollkommen den Bedürfnissen der Sippe und der Ahnen unter.</p>
<p style="text-align: justify;">Seinen Ursprung hat der Brauch in Südostasien. Insbesondere aus Borneo kamen wohl im 8. Jahrhundert immer wieder Seefahrer über das Meer und siedelten sich auf Madagaskar an. Die Umbettung der Toten wird in der Regel alle fünf bis elf Jahre durchgeführt. Wichtig ist, dass es eine ungerade Zahl ist. Sie ist nicht teilbar und symbolisiert so den Zusammenhalt innerhalb der Familie sowie zwischen den Lebenden und den Toten. Der Zeitpunkt ist abhängig von den finanziellen Möglichkeiten der Familie und dem spirituellen Druck durch die Toten. Denn oft erscheinen sie ihren Nachfahren im Traum. Friert der Tote im Traum, ist ein frisches Leichentuch fällig. Das Einwickeln ist wichtiger Bestandteil der Zeremonie. Die Tücher haben verschiedene Farben und sind je nach Status der Familie von unterschiedlicher Qualität. Man zeigt, was man hat. Im Leben und danach.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Die Zeremonie hilft beim Verdrängen, Konzentrieren, Funktionieren.&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Auch bei den Merina ist eine Beerdigung traurig. Ein Abschied. Bei der Famadihana hingegen überwiegt die Freude über das Wiedersehen. Weinen ist verboten. Mirana hat sich wieder unter Kontrolle, die Tränen sind versiegt. Die Zeremonie hilft beim Verdrängen, Konzentrieren, Funktionieren. Gemeinsam mit ihrer Familie kleidet sie ihren Vater neu ein. Vorsichtig legen sie die Leiche zunächst mit der Bastmatte auf den Boden. Anschließend wird das alte Bündel mit größter Sorgfalt angehoben. Das neue Tuch wird eng um den Toten gewickelt und mit Bändern verschnürt. Jetzt wird die Leiche geherzt, gestreichelt und gedrückt. Miranas Lippen bewegen sich ununterbrochen, ihre Finger krallen sich ins frische Leichentuch.</p>
<p style="text-align: justify;">Überall dasselbe Bild: Frauen reden behutsam auf ihre toten Männer ein. Erzählen, was seit ihrem Ableben passiert ist: Wer geheiratet hat, wer weggezogen ist oder wer ein neues Haus gebaut hat. Neue Familienmitglieder werden den Toten vorgestellt. Ein Junge isst ein Sandwich, während er seinen Opa zum ersten Mal in seinem Leben berührt. Ein Mann setzt eine Flasche Rum an den Hals und streichelt mit der anderen Hand den Leichnam seines Bruders. Auch der Tote geht nicht leer aus und bekommt einen großzügigen Schuss auf das Tuch gekippt. Alkohol ist allgegenwärtig auf einer Famadihana. Denn trotz aller Fröhlichkeit flößt der Kontakt mit dem Tod Angst ein. Diesen Zwiespalt lösen die meisten Madagassen auf ihre eigene Art – mit hochprozentigem Toaka Gasy. Während die Toten in der Sonne liegen, haben sich manche Gäste in den Schatten verzogen. Einer liegt bereits hinter einem Strauch, und schläft seinen Rausch aus. Seine Kappe mit der Aufschrift „I love Jesus“ liegt neben ihm im trockenen Gras.</p>
<p style="text-align: justify;">In fast allen Religionen ist die Totenruhe heilig. Wer sie stört, dem drohen in der Regel nicht nur spirituelle, sondern auch irdische Sanktionen. In Deutschland steht darauf eine mehrjährige Haftstrafe. Hier in dem madagassischen Dorf Malakialina sind fast alle Anwesenden auf der Totenfeier Christen. Oben auf der Gruft thront ein kleines Kreuz. Für die Familien der Merina ist das kein Widerspruch zum Ahnenkult. In ihrer Vorstellung vermitteln die Toten zwischen den Lebenden und Gott, denn nur sie können mit ihm in Verbindung treten. Die Kirche sieht das etwas anders. Vor allem die obersten Protestanten des Landes lehnen die Famadihana ab. Doch sie müssen sich mit den uralten Brauch arrangieren, zu tief ist er im Volk verwurzelt. Wer als Christ eine Totenfeier durchführt, integriert einfach Gebete oder Bibelverse in die alten Rituale. Früher wurde das Datum für die Famadihana von einem Seher bestimmt – für die Kirche nicht hinnehmbar. Also hat die Großfamilie von Mirana den Termin dieses Mal selbst festgelegt.</p>
<h2 style="text-align: left;">Die Ahnen stehen in der Hierarchie über uns</h2>
<p style="text-align: justify;">Mirana hat ihre ganz persönliche Ansicht zu der Zeremonie. Für sie ist die Leichenumbettung ein Fest für die Hinterbliebenen, damit sich alle Familienmitglieder regelmäßig treffen. Gemeinsam essen, tanzen und feiern – das ist für viele der jüngeren Gäste das Wichtigste an diesem Wochenende. „Natürlich respektiere ich die Ahnen, aber sie haben in meiner Denkweise keine Macht über mich“, sagt Merina leise, aber mit trotzigem Unterton. Tiana Rokotomamonjy sieht das anders. Er trägt eine braune Stoffhose, ein weißes Shirt und die Verantwortung für die Famadihana. Der 43-jährige Kunsthandwerker ist hoch angesehen in der Familie. Mit seiner Ehefrau und acht Kindern lebt er am Fuße des Hügels, auf dem die Gruft steht. „Die Ahnen stehen in der Hierarchie über uns. Sie zu verärgern kann großes Unglück herbeiführen und der ganzen Familie schaden“, sagt Tiana. So hätten Misserfolge ihre Ursachen stets in der Vergangenheit: Wer ein Fady gebrochen hat, verarmt. Wer die Famadihana nicht durchführt, werde Pech ernten.</p>
<p style="text-align: justify;">Aufgrund dieser Denkweise, sagen Entwicklungshelfer der Weltbank und des Weltwährungsfonds hinter vorgehaltener Hand, sei Madagaskar nicht entwickelbar. Dem Land sei nur mit der Ausrottung der Geister zu helfen. Nach wie vor gehört Madagaskar zu den ärmsten Ländern der Welt. 2011 betrug das Pro-Kopf-Einkommen nach Angaben des Auswärtigen Amtes circa 428 US-Dollar. Versuche, die Landwirtschaft zu rationalisieren, scheiterten immer wieder an den Fadys. Die immensen Kosten für die Leichenumbettungen lähmen die Wirtschaft: Für Essen, Trinken, die Band und neue Leichentücher kommen leicht mehrere Tausend Euro zusammen. Die Menschen sparen ihr Geld für die Toten. Viele Familien müssen sogar ihr Land oder Vieh verkaufen, andere verschulden sich auf Jahre. Die Ausgaben werden oft nur noch von der Investition in den Bau einer Gruft übertroffen. Meist sind die Grabstätten sogar teurer als Wohnhäuser und reich mit Figuren oder Malereien verziert. In der Gruft werde man schließlich länger wohnen als in einem Haus, sagen die Merina.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch der außenpolitische Druck zeigt bei manchen Regierungsmitgliedern inzwischen Wirkung. Immer wieder spielen Politiker mit dem Gedanken, den Ahnenkult zu verbieten. Doch die Umsetzung könnte einen blutigen Preis kosten. „Die Tradition abzuschaffen, würde bedeuten, die Seele und Kultur der Madegassen zu töten“, sagt Tiana. „Das würde eine Revolution geben.“ Monatelang hat er diese Famadihana geplant und sich in Unkosten gestürzt. Er hat die Genehmigung der Regierung eingeholt und gemeinsam mit den Familienältesten den Ablauf der Feier festgelegt. In den letzten Tagen war Tiana kaum ansprechbar. Fahrig lief er vor seinem Haus hin und her, ständig klingelte sein Telefon und wer ihn gut kannte, bemerkte das unkontrollierte Zucken am linken Auge. Schließlich galt es, die Erwartungen der Gäste zu erfüllen, der lebenden wie der toten: Die Band, das Festzelt, die Musiker – alles muss stimmen. Die Gäste müssen satt nach Hause gehen, die Toten wohlwollend gestimmt werden.</p>
<p style="text-align: justify;">Als die Kraft der Sonne nachlässt, werden an der Gruft die Stifte gezückt. Jedes frische Leichentuch wird mit dem Namen der Verstorbenen versehen. So können sie bei der nächsten Famadihana identifiziert werden. Mirana drückt ihren Vater noch einmal fest an sich und streichelt sanft über seine Stirn. Ein letzter Gruß, ein Abschied auf Zeit. Im Takt der Musik werden die Leichen von den Angehörigen zurück in die Gruft getragen. Aus einem Bündel ragen Turnschuhe heraus. Rhythmisch wippen sie auf und ab, bevor sie wieder im Grab verschwinden und auf die nächste Famadihana warten.</p>
<h2 style="text-align: left;">Leichenteile im Handgepäck</h2>
<p style="text-align: justify;">Bis dahin bleibt das massive Steintor geschlossen. Wer in der Zwischenzeit stirbt, wird nur provisorisch begraben. Erst bei der nächsten Famadihana graben die Nachfahren diese Leichen aus und bringen sie ins Familiengrab. Zumeist kostengünstig mit den Kleinbussen, die auf Madagaskar den fehlenden öffentlichen Fern- und Nahverkehr ersetzen. Im Winter, nur dann darf die Totenumbettung durchgeführt werden, sieht man beinahe täglich die „Taxi Brousse“ mit aufgesetzter Nationalflagge durch die Landschaft sausen. Die Flagge signalisiert, dass das Fahrzeug einen Toten transportiert. „Für uns ist es sehr wichtig, im Familiengrab in der Heimat bestattet zu sein“, sagt Tiana. „Sonst findet der Geist keinen Frieden.“ Auch die Hinterbliebenen kämen nicht zur Ruhe. Ihre Aufgabe ist es, den Toten um jeden Preis heimzubringen. Wenn der Verwandte im Ausland bestattet liegt, übersteigt der Rücktransport oft das Budget der Familie. So ist es keine Seltenheit, dass die Leichen gelegentlich in die Flugzeuge geschmuggelt werden – in Einzelteilen als Handgepäck.</p>
<p style="text-align: justify;">Tiana wirkt erleichtert. Alles hat geklappt wie geplant. Die Toten dürften zufrieden sein. Für die Lebenden dagegen ist die Feier nicht vorbei. Tiana hält eine kurze Rede über den Zusammenhalt des Clans und betont die Wichtigkeit, an Traditionen festzuhalten. Danach stellt er alle Gäste namentlich vor. Ein wichtiger Akt der Famadihanas: Nur wenn sich alle Familienmitglieder kennen, kann Inzest aus Unwissenheit vermieden werden. Die Band packt noch einmal ihre Flöten, Trommeln und Trompeten aus, wilde Sprünge, stundenlanges Tanzen. Der Zuspruch zum Toaka Gasy bleibt unverändert hoch, die Luft über der Tanzfläche riecht nach Destillat. Die Gäste fallen sich freudetrunken in die Arme, nur in einer Ecke kommt eine alte Fehde ans schummrige Mondlicht, die Tiana gerade noch schlichten kann.</p>
<p style="text-align: justify;">Am nächsten Morgen vegetieren die meisten Gäste antriebslos im Schatten, rauchen mühevoll die erste Zigarette des noch jungen Morgens. Blutunterlaufene Augen, alkoholschwangerer Atem, gelallte Worthülsen. Geschlafen hat kaum einer. Die meisten Großfamilien machen sich direkt auf den Heimweg. Tiana bleibt vor seinem Haus zurück. Müde schaut er den abfahrenden Autos und Bussen hinterher und lächelt. Das erste Mal seit Tagen. Ab sofort muss er sparen. Für die nächste Famadihana.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Immer mehr Lebende wollen ihr Geld für das Leben ausgeben, statt für die Toten.&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Mirana hingegen glaubt nicht an eine Zukunft der Leichenumbettung: „Das Leben auf Madagaskar wird immer schwieriger.“ Die Wirtschaft stagniert und die politische Situation war in den letzten Jahren geprägt von Korruption und illegalen Machtübernahmen. „Schon jetzt haben sich die zeitlichen Abstände zwischen den Umbettungen fast überall vergrößert und ich denke, das wird sich so fortsetzen.“ Doch es ist nicht nur die Ökonomie, die die Tradition bedroht, sondern auch die moderne Lebensweise. Internet und Fernsehen heizen das Bedürfnis nach Autos, Handys und westlichem Lebensstil an. Immer mehr Lebende wollen ihr Geld für das Leben ausgeben, statt für die Toten. Vor allem in den Städten kehren sie den Ahnen den Rücken.  Wer nicht durch Unglück oder Krankheit an die Macht aus den Gräbern erinnert wird, bleibt den Famadihanas fern. Familienbanden bröckeln, besonders wenn Teile des Clans in die Stadt ziehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Mirana aber will noch nicht ganz loslassen. Wenn sie einmal stirbt, wird sie in der Familiengruft ihres Mannes beigesetzt. „Wenn wir beide einmal tot sind, werde ich glücklich sein, neben ihm zu liegen“, sagt sie und fügt hinzu: „Was mit meinen Knochen passiert, ist zweitrangig.“</p>
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