<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title></title>
	<atom:link href="https://www.weltseher.de/category/amerika/lateinamerika/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.weltseher.de</link>
	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Mon, 15 Jun 2020 18:54:39 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=5.4.16</generator>

<image>
	<url>https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/02/favicon1.png</url>
	<title>Lateinamerika &#8211; WELTSEHER</title>
	<link>https://www.weltseher.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Mit dem Tod in der Cordillera</title>
		<link>https://www.weltseher.de/mit-dem-tod-in-der-cordillera/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 May 2020 08:22:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Peru]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Anden]]></category>
		<category><![CDATA[Berge]]></category>
		<category><![CDATA[Laura Anninger]]></category>
		<category><![CDATA[Reisen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.weltseher.de/?p=7289</guid>

					<description><![CDATA[Zu Fuss und mit Zelt wanderte unsere Autorin durch die peruanischen Anden. Trotz der beeindruckenden Naturkulisse in viertausend Metern Höhe ist es eine erschütternde Begegnung, die sie nicht mehr los lässt.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/mit-dem-tod-in-der-cordillera/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Zu Fuss und mit Zelt wanderte unsere Autorin durch die peruanischen Anden. Trotz der beeindruckenden Naturkulisse in viertausend Metern Höhe ist es eine erschütternde Begegnung, die sie nicht mehr los lässt.</strong></p>



<p>Die Zahl der Menschen, die uns seit dem ersten Tag begegnet waren, konnte ich an beiden Händen abzählen. Unser Fahrer Nazario war der erste. In seinem Kleinbus, auf dessen Rückbank wir uns die Glieder verrenkten, konnte der kurze Mann aufrecht stehen. Sein grober Wollpullover war viel zu groß für den zierlichen Körper. Sein Gesicht war von der Sonne gegerbt, der Blick klar. Mit der Rechten stützte Nazario sich an der unverkleideten Innenwand ab, während wir uns gemächlich, Steine und Ziegen umkurvend, die Anden hochschraubten. Keine noch so spitze Kurve konnte Nazario überraschen. Er kannte sie alle.</p>



<p>Seit 20 Jahren, sagte Nazario, fuhr er die knapp hundert Kilometer lange Route regelmäßig: Von Cajacay, einem kleinen Dorf in den peruanischen Anden, nach Llamac, ein noch kleineres Dorf und zugleich sein Geburtsort. In Cajacay lud er Touristen ein, und später noch ein paar Waren: etwa die drei Stellagen Inka-Cola und die sechs Packungen Klopapier, die bei jeder Wegbiegung quer durch den Bus rutschten. Unterwegs versilberte Nazario seine Waren wieder an zahlende Käufer. Nur mich und meinen Freund, die einzigen Touristen weit und breit, brachte er gegen ein kleines Trinkgeld weiter nach Cuartelhain. Dann deutete er seiner Rechten vage Richtung Bergkamm. &#8222;No les preocupen&#8220;, sagte Nazario, nur keine Sorge. Er war am Ziel – doch für uns ging die Reise jetzt erst richtig los.</p>



<p>Denn hier startete unser Trek. Nazarios beruhigenden Worten zum Trotz: ein bisschen Sorge hatte ich doch. Unser Weg sollte uns eine Woche durch den Gebirgszug <em>Cordillera Huayhuash</em> führen. Zwischen Kühen, Mulis und Lamas, vorbei an Gletschern und Seen, über Bergkämme auf 4.000 Metern Höhe. Eine wilde Welt. Wir waren Tageswanderungen entfernt von Arztpraxen, Supermärkten und sauberem Trinkwasser. Es war Ende Februar, die Zeit, in der die <em>Cordillera</em> den Einheimischen gehört. Die Zeit, die zu kalt ist, um Touristengruppen in die Berge zu führen. In hundert Kilometer Umkreis waren wir die einzigen Gringos.</p>


<div id="aesop-gallery-7295-1"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-7295" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
																			data-width="100%"
																																						data-keyboard="true"
																			data-nav=thumbs																			data-allow-full-screen="native"
																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru.jpg" data-caption="Rechts unten ein Korral, in dem die Einheimischen Rinder zusammentreiben. Gebaut aus dem Material, das es hier im Übermaß gibt: Steine" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-7.jpg" data-caption="Die Cordillera Huayhuash ist 30 Kilometer lang und eine der höchsten Gebirgsketten der Anden" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-6.jpg" data-caption="Der Gletscher des Yerupajá Chico, des kleinen Yerupajá mit seinen 6.089 Metern Höhe" alt=""></div></div>


<p>Am ersten Tag der Wanderung sahen wir nicht viel außer Geröll. Erst am Abend, als die Wolken träge den Gipfel des <em>Rondoy</em>, diesem Koloss von einem Berg, umschwammen, fanden sie uns. Es waren Vater und Sohn. Beide trugen kniehohe Gummistiefel und Jogginghosen. Wir schnauften uns die Anstrengung aus den Gliedern. Als sie sich uns gegenüber setzten, fand ich kaum Luft in meinen Lungen. Doch, so schien es, brauchte man auf diesen Höhen ohnehin kaum Worte.</p>



<p>&#8222;Zum Huayhuash?&#8220;, fragte der Vater auf Spanisch.<br>&#8222;Sí.&#8220;<br>&#8222;Ihr wisst, das ist hin und zurück ein Fussmarsch von sieben Tagen?&#8220;<br>&#8222;Sí.&#8220;<br>&#8222;Ohne Führer?&#8220;<br>&#8222;Sí.&#8220;</p>



<p>Der Vater nickte wissend, während er an uns vorbeisah, den Blick zum Berggipfel gerichtet, hinter dem langsam die Sonne unterging. Er zog einen Block aus der Hosentasche, riss einen Zettel ab, schrieb etwas darauf. Eine Rechnung über 70 Sol Wegegeld, umgerechnet knapp 20 Euro. Die wenigen Einwohner der Communities, denen das Land gehört, verlangen von Besuchern einen Beitrag für die Übernachtung. Ein paar Scheine wechselten den Besitzer. Dann stapften zwei Paar Gummistiefel gemächlich von uns fort durch das feuchte Gras. Irgendwo außer Sichtweite musste ihre Hütte stehen. Jetzt im Herbst, wo kaum Touristen Geld über die Berge tragen, musste das Leben hier so rau sein wie der Wind, dachte ich mir, als ich mich im Zelt in den Schlafsack einmummelte.</p>



<p>Tag zwei führte mir vor Augen, was es heißt, Reisende zu sein. Wir genossen die Weite, die Abgeschiedenheit, die Wildheit der Anden. Bald würden wir in unser bequemes Leben in Österreich zurückkehren. Für die nächsten Menschen, die wir trafen, war diese Wildheit Alltag. Es waren ein Mann und eine Frau, die dieser Natur Tag für Tag ihre Lebensgrundlage abrangen. Er sah uns, als wir bis zu den Waden im warmen Wasser durch das Moor stapften. Die Lagune <em>Carhuacocha</em> war über die Ufer getreten und hatte das flache Talbecken mit einer Wasserschicht überzogen. Dutzende Pferde und Mulis grasten am Ufer, das Wasser störte sie nicht. Der Mann trug robuste Gummistiefel, einen Lederhut und Overall. Er war besser gerüstet als wir, in unseren Wanderstiefeln schmatze das Wasser bei jedem Schritt. Ob es einen trockenen Weg gab? Wir fanden ihn jedenfalls nicht. Der Mann winkte uns zu sich.</p>


        <div id="aesop-image-component-7289-1"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-center aesop-image-component-caption-left" style=max-width:700px;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-4.jpg 2000w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-4-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-4-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-4-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-4-1536x1024.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-4-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-4-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-4-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-4-400x267.jpg 400w' sizes='(max-width: 2000px) 100vw, 2000px' src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-4.jpg"                                    alt="Peru-4">
                            
                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Ein Andenbewohner führt uns zu seiner Hütte.
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        


<p>&#8222;Wollt ihr Forelle?, rief er, &#8222;kommt!&#8220;<br>Forelle klang gut. Ein trockener Ort auch. Und so gingen wir mit.<br>Der Mann führte uns zu seinem Zuhause. Hier, eingebettet zwischen See und Gletscher, standen drei steinerne, reetbedeckte Hütten. Eine war verfallen. Eine war zum Schlafen. Aus ihr kam nun eine Frau mit klaren Augen, Gummistiefeln an den Füßen, der schlanke Körper umspielt von einem bodenlangen Rock. Sie trug vier kleine, schimmernde Forellen in der Hand. Die dritte Hütte war zum Kochen. In diese verschwand die Frau für einige Zeit. Dann kam sie mit zwei Tellern zurück, auf jedem zwei knusprig-braune Forellen und zwei grünlich-schimmernde Kartoffeln. Wir setzten uns auf Pferdedecken unter freiem Himmel. Die braunen, feinen Haare fühlten sich angenehm warm an.</p>



<p>Wir aßen, verscheuchten die kleinen, verfilzten Hunde, die sich die Lefzen leckten. Dabei beobachteten wir den Mann, wie er ein junges Muli einfing. Er band es an einem hölzernen Pflock an und versuchte behutsam, eine der groben Decken auf seinen Rücken zu legen. In ein paar Monaten würde er aus dem Jährling ein Reittier gemacht haben. Die Fische schmeckten herrlich. Die Kartoffeln waren mehlig und trocken. Sie wuchsen hier auf über viertausend Meter Höhe, am gegenüberliegenden Hang standen die Pflänzchen in akkurat angelegten Reihen.</p>



<p>Wir bezahlten unser Mahl mit ein paar Sol, bedankten uns, stapften weiter, durch das Moor, der eisigen Gletscherluft und unserem Lagerplatz entgegen. In der Nacht des zweiten Tages ließ uns der Gletscher keine Ruhe. Jedes Mal, wenn ein Stück Eis knarzte, dann in die Tiefe stürzte, und im Wasser der Lagune aufschlug, schien es mir, als passiere dies eine Handbreit von meinem Ohr entfernt. Der Mensch, so heißt es, gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Aber auch an die Gefahr, an die Naturgewalten, an die Wucht eines Gletschersturzes? Als ich da so lag, nur von der durchfeuchteten Zeltwand von den Naturgewalten abgeschirmt, kamen mir diese Überlegungen wie Wunschdenken vor.</p>



<p>Am Morgen des dritten Tages hallten die Gletscherstürze in meinen Hirnwindungen nach. Der Regen trommelte, vom Zeltdach tropfte Wasser auf unsere Schlafsäcke. Wir stiegen in unsere klamme Kleidung, packten das Zelt ein und machten uns auf den Weg. Am dritten Tag wartete der <em>Paso Siula</em>, mit seinen 4.890 Metern darauf, überwunden zu werden. Wir kämpften uns die Schottermassen hinauf. Jeder Meter eine kleine Überwindung, bei jedem Schritt das Schmatzen der nassen Socken in den feuchten Stiefeln. Kaum war das Zelt am Lagerplatz aufgestellt, verschanzten wir uns. Tag drei bestand nur aus dem Prasseln des Regens und uns im Zelt.</p>


        <div id="aesop-image-component-7289-2"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-center aesop-image-component-caption-right" style=max-width:700px;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-2.jpg 2000w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-2-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-2-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-2-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-2-1536x1024.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-2-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-2-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-2-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-2-400x267.jpg 400w' sizes='(max-width: 2000px) 100vw, 2000px' src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-2.jpg"                                    alt="Peru-2">
                            
                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Tag drei verbringen wir im Zelt, nur ein Hund leistet uns Gesellschaft.
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        


<p>Heute ist Tag vier.<br>Die Berge um mich sind in unwirkliches Licht getaucht. Ein Zauber in dieser wilden, rauen Welt. Er schafft es nicht, meine Stimmung zu heben. Obwohl er prachtvoll begann, ist Tag vier ein Trauertag.</p>



<p>Als die Sonne auf zwölf Uhr stand, hatten wir schon den ersten Pass erklommen. Wir belohnten uns mit Nüssen und trockenen Müsliriegeln. Die Natur belohnte uns mit Sonne und der Unwirklichkeit der peruanischen Anden. Mir saß die Vorfreude im Bauch. Es war warm. Heute würden wir das Zelt neben heißen Quellen aufschlagen. Das erste Mal seit fünf Tagen würden wir uns waschen können. Diese Vorstellung allein war eine Verheißung.</p>



<p>Als wir die Plastikverpackungen der Müsliriegel in unsere Hosentaschen stopften, überholten sie uns. Eine Familie auf einem braunen, muskulösen Wallach. Am Rücken der Frau, in einem bunt gestreiften, groben Tragetuch, abgeschirmt vom Wind, hing ein vierjähriges Mädchen. Seine Backen rot, die Pupillen vor Neugierde geweitet. Die Mutter wendete ihren Blick schüchtern gegen Boden. Der Mann strahlte uns an.</p>


        <div id="aesop-image-component-7289-3"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-right aesop-image-component-caption-left" style=max-width:400px;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-3.jpg 1333w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-3-400x600.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-3-800x1200.jpg 800w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-3-768x1152.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-3-1024x1536.jpg 1024w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-3-100x150.jpg 100w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-3-1320x1980.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-3-1250x1875.jpg 1250w' sizes='(max-width: 1333px) 100vw, 1333px' src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-3.jpg"                                    alt="Peru-3">
                            
                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Eine einsame Hütte am Wegesrand.
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        


<p>„Woher seid ihr?“, fragte der Vater gleich auf Spanisch.<br>„Austria.“<br>„Oh, Australia“, er nickte. Die Länder klingen auf Spanisch sehr ähnlich.<br>„No, Austria.“<br>„Ah, Austria!“ Er lächelte das höfliche Lächeln der Uneingeweihten.<br>„Al lado de Alemania“, half ich: neben Deutschland.<br>„Ah, Alemania!“<br>Er nickte zufrieden. Deutschland, schien es, kannte man auch hier.<br>„A las aguas calientes?“, fragte er, ob wir zu den heißen Quellen gingen.<br>„Sí.“</p>



<p>Der Mann lächelte. Sonntags, so schien es, hatten nicht nur wir, sondern auch die Einheimischen gute Laune. Sonntag war Waschtag. Die Familie ritt zu den heißen Quellen. Wir brauchten länger. Zu Fuss über sumpfige Inseln aus giftgrünem Moos wanderten wir dem <em>Lago Viconga</em> entgegen. Als der See am Horizont auftauchte, diese stechend blaue Fläche, mutete er fast wie eine Fata Morgana an. Hier aus dem Nirgendwo entsprang also das Wasser, das in der Millionenmetropole Lima in die Duschwannen fließt. Am flachen Ufer des Sees graste eine Lamaherde. Weiße flauschige Jungtiere lagen träge im Gras. Hinter ihnen wuchsen die Berge in den Himmel. Die Sonne erhellte das Gletschereis. Das Weiß stach in den Augen. Das war Peru, wie man es aus Reisekatalogen kennt. Eine Postkartenidylle.</p>


<div id="aesop-gallery-7304-2"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-7304" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
																			data-width="700px"
																																						data-keyboard="true"
																			data-nav=thumbs																			data-allow-full-screen="native"
																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-9.jpg" data-caption="Hier leben Lamas in der Umgebung, für die sie gezüchtet wurden" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-8.jpg" data-caption="Der Lago Viconga ist einer der Wasserreservoirs für die 9-Millionen-Metropole Lima." alt=""></div></div>


<p>Entzückt trottete ich den schmalen Pfad neben der Lagune entlang. Das Hundebellen in der Ferne war zu vernachlässigen. Das Huftrappfeln hinter uns, das unvermittelt lauter wurde, zwang uns zu handeln. Wir sprangen zur Seite, den Hang hinauf. Sekunden später trabten sie vorbei. Ein Junge, kaum zehn Jahre alt, saß ohne Sattel auf dem Rücken eines braunen Pferds. Das Tier schnaufte durch die Nüstern. Der Junge stieß das atemlose Schluchzen eines Kindes aus seiner Kehle. Mit den ledernen Zügelenden holte er aus, und ließ sie mit der Kraft eines Halbstarken auf sein Tier nieder. Ein Luftzug, ein Schluchzen, dann waren die beiden vorbei.</p>



<p>&#8222;Que pasó?&#8220;, rief ich hinterher, irgendwas schlimmes musste passiert sein.<br>&#8222;Muerto!&#8220;, presste der Junge hervor, ohne zu erklären, was er mit &#8222;tot&#8220; meinte. Dann verschwanden Pferd und Reiter im Stechtrab aus unserem Blickfeld. Minuten später, wir begannen den Abstieg ins Tal, sahen wir sie wieder. Das Pferd stand auf einem Felsvorsprung. Der Junge zusammengesunken auf seinem Rücken. Sein Schluchzen war lauter. Wir näherten uns langsam.<br>&#8222;Hola niño, que pasó?&#8220;, erkundigte ich mich erneut.<br>Geräuschvoll schluchzte der Junge auf.<br>&#8222;Te podemos ayudar?&#8220; Können wir dir helfen?<br>Der Junge atmete hektisch. Ich stellte mich an die Flanke des Pferdes und strich über das seidige Fell.<br>Schließlich sagte er: &#8222;Mi…papa…esta muerto&#8230;&#8220;,<br>presste er unter zwei kurzen Atemzügen hervor.</p>



<p>Seine Augen waren rot, die Backen noch röter. Da war viel Staub in seinem kleinen Gesicht. Die schweren Tränen hatten ihn zur Seite gespült und konturlose Flecken freigewaschen. Sie zogen sich von den Augenhöhlen bis unters Kinn. Bei jedem Atemzug vibrierte der zierliche Körper. Ich fühlte ein Zittern unter meiner Hand, als ich über seinen Rücken strich. Was sollte ich sonst tun?<br>Sein Vater sei tot, hatte er gesagt.<br>Auch die schwarze Trainingsjacke war von einer Schicht dünnen Staubes überzogen. Wie reagierte man auf das Leid eines anderen? Hilflos strich ich weiter. Den Hals des Pferdes, den Rücken des Jungen entlang. Das Schluchzen, es wurde kaum leiser.<br>&#8222;No pasa nada&#8220;, sagte ich hilflos. Es sei doch nichts passiert.<br>Was für eine leere, dumme Aussage. Die Worte einer Unwissenden. Dieses Kind fühlte das genaue Gegenteil. Hier in der Abgeschiedenheit der <em>Corriela Huayhuash</em>, in dieser rauen, unwegsamen Welt, hier wo man jedes seiner Tiere mit Argusaugen hüten und dem Boden ein bisschen Fruchtbarkeit abringen muss, war es gerade erst passiert. Hier war ein Vater gestorben. Ein Vorbild. Ein Ernährer. Einer, der unersetzlich ist.</p>



<p>&#8222;Wohin gehst du?&#8220;, fragte ich den Jungen.<br>&#8222;Zu meinem Onkel&#8220;, schluchzte er.<br>&#8222;Wir begleiten dich, in Ordnung? Wo ist dein Onkel?&#8220;<br>Mit aller Kraft zeigte der Junge ins Tal. Sein zitternder Finger deutet auf einen blauen Punkt. Wie versteinert standen wir neben dem Jungen und seinem Pferd und sahen dem Punkt zu, wie er größer wurde. Mit großen Schritten kämpfte sich da jemand den steinigen Hang hinauf. Dann stürzte ein schlanker Mann in Trainingshosen auf uns zu.<br>&#8222;Que pasó?&#8220;, brüllte der Onkel. &#8222;Esta muerto!&#8220;, schluchzte sein Neffe.<br>Das Pferd schien verstanden zu haben. Es machte keinen Schritt von der Stelle. Auch nicht, als der Onkel die Arme um den Jungen schlang und aus seiner Kehle pure Verzweiflung drang. Eine Tonne Schmerz komprimiert in einem Laut. Ich wandte den Blick ab. Tränen verschwammen vor meinen Augen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war nutzlos, ich war starr, ich war Geröll. Der Mann schwang sich auf den Pferderücken, den Jungen vor sich, in der Hand die Zügelenden, die er auf die Pferdeflanken niederließ. Dann waren sie fort.</p>



<p>Mechanisch setzte ich einen Schritt vor den anderen, stieg ins Tal ab. Mich überrollte das menschlichste, doch vielleicht das sinnloseste aller menschlichen Gefühle: Mitleid. Was sollten wir schon tun? Der Boden verschwamm vor meinem Blick. Die beiden Gestalten, die uns entgegen den Berg hinaufstürzten bemerke ich erst, als sie schon fast vor mir standen. Ich sah in das Gesicht einer stämmigen Frau mit schweren schwarzen Zöpfen. In ihren Augen standen Tränen. In meinen auch. Sie verstand. Dann rannte sie weiter. Zur Totenwache?</p>



<p>Tag vier ist bald vorbei. Unweit von hier, in einer spartanischen, steinernen Hütte wütet die Trauer und reißt der Tod Löcher in Existenzen. Ich bewege meine Füße durch das warme Thermalwasser. Algenpartikel spielen um meine Zehen. Das kitzelt, aber angenehm. Die Sonne verschwindet hinter dem Gletscher. Das ist schön. Es zu genießen fühlt sich zynisch an. Heute ist Tag vier. Wir sind hier bald wieder weg. Woran der Vater des Jungen gestorben ist, werde ich nicht erfahren. Zu fragen, schien mir pietätlos. Sicher ist nur: Das harte Leben in der <em>Cordiellra Huayhuash</em> geht weiter.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das Königreich der Schlange</title>
		<link>https://www.weltseher.de/das-koenigreich-der-schlange/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/das-koenigreich-der-schlange/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Oct 2017 13:36:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mexiko]]></category>
		<category><![CDATA[Calakmul]]></category>
		<category><![CDATA[Danilo-Roessger]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://www.weltseher.de/?p=6884</guid>

					<description><![CDATA[Wer sich für die Geschichte der Maya interessiert, aber Touristenhorden vermeiden möchte, sollte nach Calakmul reisen. Die Stadt gehörte seinerzeit zu den mächtigsten Königreichen der Mayawelt und wird gegenwärtig noch zum Großteil von dichtem Regenwald überwuchert.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/das-koenigreich-der-schlange/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Wer sich für die Geschichte der Maya interessiert, aber Touristenhorden vermeiden möchte, sollte nach Calakmul reisen. Die Stadt gehörte seinerzeit zu den mächtigsten Königreichen der Mayawelt und wird gegenwärtig noch zum Großteil von dichtem Regenwald überwuchert.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Man mag es kaum glauben, wenn man auf die Landkarte schaut: Tief im Dschungel von Mexikos Osten liegt eine der ehemals größten und einflussreichsten Maya-Stätten aller Zeiten. Sie heißt Calakmul und kontrollierte über mehrere Jahrhunderte die gesamte Region.</p>
<p style="text-align: justify;">Nachdem die Mayakultur des zentralen Tieflands im zehnten Jahrhundert kollabierte, wurde das Gebiet immer weiter vom Dschungel verschlungen und geriet in Vergessenheit. Erst 1931 entdeckte der Botaniker Cyrus Lundell das Gelände eher zufällig, als er geeignete Bäume für die Produktion von Kaugummi suchte. Die Archäologen waren fasziniert von den gigantischen Tempeln mitten im Nirgendwo und begannen mit den Ausgrabungen, die jedoch jahrzehntelang nur schleppend vorangingen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Auf eigene Faust</h2>
<p style="text-align: justify;">Mittlerweile gibt es findige Tourenveranstalter, die All-Inklusive-Pakete nach Calakmul anbieten – allerdings ist man dort schnell 60 Euro los. Etwas unangemessen, da der Eintritt zum Gelände umgerechnet weniger als vier Euro kostet. Ich mache mich deshalb auf eigene Faust auf den Weg.</p>
<p style="text-align: justify;">Die nächstgelegene Stadt ist Xpujil, ein 4000-Seelen-Örtchen entlang des Highways zwischen den beiden Urlaubsorten Campeche und Chetumal. Einzelne Hotels und Restaurants sind vorhanden, dennoch ist Xpujil eher ein Zwischenstopp für müde LKW-Fahrer als ein Traveller-Treff. Aufgrund der günstigen Lage ist es trotzdem keine schlechte Idee, hier zu übernachten.</p>
<p style="text-align: justify;">Um zur Zufahrtsstraße nach Calakmul zu gelangen, ist man zunächst auf den örtlichen Nahverkehr angewiesen. Nur zweimal täglich besteht die Gelegenheit, öffentliche Busse abzupassen: Fünf Uhr in der Frühe und vormittags um elf. Letzterer ist keine Option, wenn man später nicht in Zeitnot geraten möchte. Zudem kann die Mittagshitze in diesen Breitengraden gnadenlos sein, sodass sich zeitiges Erscheinen lohnt.</p>
<p><div id="aesop-gallery-6889-3"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6889" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
																			data-width="100%"
																																						data-keyboard="true"
																			data-nav=thumbs																			data-allow-full-screen="native"
																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/10/Maya-3.jpg" data-caption="Dichter Dschungel überwuchert die Reste der Maya-Stätte Calakmul. Vor allem die vielen Stelen interessieren die Forscher – doch vieles ist noch Spekulation. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/10/Maya-2.jpg" data-caption="Dichter Dschungel überwuchert die Reste der Maya-Stätte Calakmul. Vor allem die vielen Stelen interessieren die Forscher – doch vieles ist noch Spekulation. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/10/Maya-4.jpg" data-caption="Dichter Dschungel überwuchert die Reste der Maya-Stätte Calakmul. Vor allem die vielen Stelen interessieren die Forscher – doch vieles ist noch Spekulation. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/10/Maya-6.jpg" data-caption="Dichter Dschungel überwuchert die Reste der Maya-Stätte Calakmul. Vor allem die vielen Stelen interessieren die Forscher – doch vieles ist noch Spekulation. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/10/Maya-9.jpg" data-caption="Dichter Dschungel überwuchert die Reste der Maya-Stätte Calakmul. Vor allem die vielen Stelen interessieren die Forscher – doch vieles ist noch Spekulation. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/10/Maya-8.jpg" data-caption="Dichter Dschungel überwuchert die Reste der Maya-Stätte Calakmul. Vor allem die vielen Stelen interessieren die Forscher – doch vieles ist noch Spekulation. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/10/Maya-3.jpg" data-caption="Dichter Dschungel überwuchert die Reste der Maya-Stätte Calakmul. Vor allem die vielen Stelen interessieren die Forscher – doch vieles ist noch Spekulation. " alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Danilo Rößger</p></div></p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Viel Glück!&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Bus erscheint überraschend pünktlich. Während ich einsteige, stelle ich fest, dass ich der einzige Nicht-Mexikaner zu sein scheine. Keine Spur von weiteren Touristen. Nach knapp 40 Minuten Fahrt auf schnurgerader Straße hält der Fahrer entlang des Highways an und entlässt mich in die Morgendämmerung. „Hier ist der Zufahrtsweg nach Calakmul. Viel Glück!“</p>
<p style="text-align: justify;">Ich stehe vor einer alten Informationstafel, zwei baufälligen Hütten und einer Schranke, an der zwei Wächter stehen. „Dies hier ist der erste Kontrollpunkt, allerdings können wir dich noch nicht passieren lassen. Das Gelände öffnet erst in anderthalb Stunden“, geben sie mir zu verstehen. Ich frage, wie lange ein Fußmarsch dauern würde und bekomme verdutztes Grinsen entgegengebracht: „Nun, von hier aus sind es zwanzig Kilometer bis ins Biosphärenreservat – und vierzig weitere bis zur Ausgrabungsstätte.“</p>
<p style="text-align: justify;">Öffentlichen Transport zum Eingang der Anlage gäbe es keinen. Allerdings wissen die Schrankenwärter durchaus, dass nicht wenige Individualreisende den Weg nach Calakmul auf sich nehmen. „Bisher ist hier noch niemand hängen geblieben. Trampen ist kein Problem.“ So harre  ich in der Morgenkälte am Rande des Dschungels aus und hoffe auf baldige Erlösung.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Per Anhalter zur Ruine</h2>
<p style="text-align: justify;">Nach einiger Zeit erscheint das erste Auto. Die Insassen, ein amerikanisches Pärchen älteren Semesters, lassen mich nach kurzem Zögern in ihren Mietwagen einsteigen. Ich bezahle rund 20 Pesos – rund einen Euro – Wegzoll und befinde mich kurz darauf auf einer schmalen Straße, die immer weiter in den Dschungel hineinführt. Nach rund einer Stunde Fahrt entlang üppiger Vegetation ist das Eingangsschild von Calakmul zu erkennen. Der angrenzende Parkplatz ist weder groß noch belebt, lediglich zwei weitere Autos befinden sich hier. Endlich scheint die Morgensonne durch die Bäume.</p>
<p style="text-align: justify;">Drei verschiedene Routen führen über das Gelände: Kurz, mittel und lang, wobei letztere gut und gerne sieben Stunden in Anspruch nehmen kann. Ich entscheide mich für die mittlere Route. Sie deckt die wichtigsten Gebäude ab und führt vorbei an ehemaligen Palästen, Wohnsiedlungen und Zeremonialstätten. Trotz der enormen Ausmaße ist die Wegführung erstaunlich übersichtlich. Überall stehen Wegweiser, damit sich niemand in den Tiefen des Dschungels verirrt. Es ist beinahe wie in einem künstlich angelegten Park.</p>
<p style="text-align: justify;">Calakmul, gemäß dem historischen Namen „Chan“ auch als „Königreich der Schlange“ bezeichnet, lieferte sich mehrere erbitterte Kämpfe um die Vorherrschaft des Tieflandes. Der größte Rivale war dabei das hundert Kilometer entfernte Tikal im heutigen Guatemala, das Calakmul nach mehreren Kriegen schließlich in die Knie zwang. Zahlreiche Inschriften lassen darauf schließen, dass sowohl diese Kriege als auch interne Streitigkeiten den Einfluss des Imperiums nach dem siebenten Jahrhundert rapide verringerten. Bis zum Beginn des zehnten Jahrhunderts können Forscher die Geschichte der Stadt datieren, für die Jahre danach existieren keinerlei Belege mehr über deren Existenz.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wichtige Stelen</h2>
<p style="text-align: justify;">Besonders wichtig für die Historiker sind die 117 Stelen, die sich überall auf dem Gelände befinden und Aufschluss über die Geschichte der Dynastien geben. Viele dieser Stelen sind jedoch kaum noch entzifferbar, sodass über manche Ereignisse nur Vermutungen angestellt werden können. Mexikanische Projekte wie das Nationalinstitut für Anthropologie und Geschichte sorgen seit den 1980er Jahren dafür, dass die Ausgrabungen andauern und immer mehr Informationen über Calakmul zum Vorschein kommen.</p>
<p style="text-align: justify;">Heute befindet sich neben einigen Archäologen kaum eine Seele auf dem Gelände – nicht einmal Souvenirhändler. So kann ich mich voll und ganz darauf konzentrieren, die steilen Stufen der Ruinen zu erklimmen. Von oben zeigen sich die wahren Ausmaße des ehemaligen Imperiums: Soweit das Auge reicht: keine Siedlung, kein Haus, kein Sendemast. Nur scheinbar endloser Dschungel, aus dem punktuell Pyramiden und Tempel emporragen. Das mächtigste Bauwerk und gleichzeitig eines der größten der gesamten Maya-Welt ist „Struktur II“, eine 45 Meter hohe Pyramide. Sie wurde nach ihrer Errichtung mehrmals vergrößert und diente den Herrschern als Palastgebäude. Bislang wurden im Inneren der Pyramide vier Gräber entdeckt, unter anderem vom König Yuknoom Yich&#8217;aak K&#8217;ahk&#8216;, der Calakmul in seiner Blütezeit regierte.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Calakmul behält seine Geheimnisse</h2>
<p style="text-align: justify;">Das dichte Blätterdach lässt mich nur mutmaßen, wie viel von dieser riesigen Stätte noch freizulegen ist. Neben den rund 6.000 Bauwerken, die die Ausgrabungen bereits zu Tage gebracht haben, ist eine unbekannte Anzahl weiterer Strukturen noch immer von dichter Vegetation überwuchert. Wie viele es sein mögen, weiß niemand. Auch die tatsächliche Einwohnerzahl lässt die Forscher derzeit noch spekulieren. Man geht davon aus, dass 50.000 Menschen im Siedlungsgebiet lebten – und 100.000 weitere im unmittelbaren Umkreis. Aufgrund der schieren Größe des Geländes ist ein Vielfaches jedoch nicht unwahrscheinlich.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach rund fünf Stunden erreiche ich erschöpft wieder den Eingang – im Bewusstsein, nur einen Teil des Geländes ausgekundschaftet zu haben. Für den Rückweg bietet mir ein Mitarbeiter eine Fahrt zurück an. Er bringt mich bis zum Ende der Zufahrtsstraße und verlangt bis Xpujil einen saftigen Aufpreis, den ich dankend ablehne. Glücklicherweise wird der Highway von vielen Pendlern frequentiert, sodass mich schon nach kurzer Zeit ein Einheimischer in seinem Sportwagen mitnimmt. Glück gehabt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die teilweise von Ungewissheit geprägte An- und Abfahrt waren dieses Erlebnis definitiv wert. Auch wenn bislang nur ein Bruchteil von Calakmul erforscht wurde, herrscht eine einzigartige Atmosphäre auf dem Gelände. Die Zukunft wird zeigen, wie viel Informationen über die Geschichte des Schlangenkönigreichs noch zum Vorschein kommen – und wie viele Besucher es noch anziehen wird.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/das-koenigreich-der-schlange/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Fest des Schneesterns</title>
		<link>https://www.weltseher.de/fest-des-schneesterns/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/fest-des-schneesterns/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jun 2015 05:16:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Peru]]></category>
		<category><![CDATA[Andreas Schmidt]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Cusco]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Qoyllur Riti]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=4696</guid>

					<description><![CDATA[Jedes Jahr kurz vor Fronleichnam findet im peruanischen Hochgebirge eine der größten Pilgerwanderungen Südamerikas statt. Mehr als 100.000 Gläubige kommen dabei zusammen und besteigen einen Gletscher, um Jesus und die Naturgötter zu ehren. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/fest-des-schneesterns/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Jedes Jahr kurz vor Fronleichnam findet im peruanischen Hochgebirge eine der größten Pilgerwanderungen Südamerikas statt. Mehr als 100.000 Gläubige kommen dabei zusammen und besteigen einen Gletscher, um Jesus und die Naturgötter zu ehren.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Ein letzter steiler, schweißtreibender Anstieg, und ich erreiche das Höhenplateau auf gut 5000 Meter Höhe. Nur langsam beruhigt sich mein Puls, und ich beobachte die berauschend schöne, vollkommen fremde Welt. Vor der spektakulären Bergkulisse steigen die ersten Pilger in ihren leuchtend roten Festtagstrachten auf den grellweißen Gletscher.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Schlepptau, mit Seilen abgesichert, transportieren sie ihre hölzerne Reliquie. Vor dem aufgestellten Kreuz senken sie andächtig die Köpfe und verharren einige Sekunden in stillem Gebet. Gebannt verfolge ich das Schauspiel.</p>
<p style="text-align: justify;">Bereits zwei Tage zuvor beginnt für mich dieses Abenteuer Qoyllur Riti in Cusco. Buskolonnen stehen im Ort bereit, um die vielen Pilger ins vier Stunden entfernte Mahuayani zu bringen, den Startpunkt der Wanderung.</p>
<p style="text-align: justify;">Einem Lindwurm gleich ziehen dort Scharen schwer bepackter, in farbenfrohen Festtagstrachten gekleideter Pilger musizierend in Richtung Kapelle, wo der Legende nach 1780 einem Schäferjungen das Christuskind erschien. Auf dem Grabstein des Jungen soll eine Christusabbildung zum Vorschein gekommen sein, die alsQoyllur Riti, quechua für „Schneestern“, bekannt wurde.</p>
<p><div id="aesop-gallery-4722-4"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4722" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
																			data-width=""
																																						data-keyboard="true"
																			data-nav=thumbs																			data-allow-full-screen="native"
																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/Peru_schmidt_schneestern.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/peru_schmidt_tracht_blau.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/Peru_schmidt_frauen_tracht.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/Peru_schmidt_tanz_sonne.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/Peru_schmidt_lama.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/Peru_schmidt_kreuz_weg.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/Peru_schmidt_kreuz_rot_aufgestellt.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/Peru_schmidt_banner.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/peru_schmidt_tanz_maske.jpg" data-caption="" alt=""></div></div></p>
<h2 style="text-align: justify;"><strong>Christentum und Naturgötter in Eintracht  </strong></h2>
<p style="text-align: justify;">An den unzähligen Wegkreuzen entlang der 10 km langen Strecke halten die Pilger zur Andacht inne. Als endlich der Gipfel des 5400 Meter hohen Nevado Cinajara in Sicht kommt, opfern sie Kokablätter, um die Apus, die Berggeister, gnädig zu stimmen. Im Nebeneinander mit dem Christentum haben die Berge – als Brücke zwischen Menschen und Göttern – und die Mutter Erde, die Pachamama, ihren hohen Symbolwert behalten.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach gut vier Stunden erreiche ich das Ziel auf 4600 Meter Höhe. Umgeben von der majestätischen Bergwelt steht die Kapelle auf einer kargen, lediglich mit Ichu-Grasbüscheln bedeckten Hochebene, auf der bereits Unmengen von Ständen und Zelten aufgebaut sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich schlendere über das Festgelände und beobachte fasziniert, was um mich herum geschieht: die maskierten Tanzgruppen, die eine nach der anderen auf dem Vorplatz der Kapelle aufmarschieren; die Frauen, die in den notdürftig mit Plastikplanen abgedeckten, dampfenden Garküchen „pfutti“, eine kräftige Suppe aus Alpaccafleisch und gefriergetrockneten Kartoffeln, zubereiten; und die Gläubigen, die fünf Stunden lang Schlange stehen, um am Schrein des verstorbenen Hirtenjungen Mariano Kerzen anzuzünden.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Bei 15 Grad unter Null</h2>
<p style="text-align: justify;">Mitten im Trubel sorgen die Ucucus, mythische Kreaturen halb Mensch halb Bär – in Wirklichkeit Menschen in zottigen Bärenkostümen –, mit schrillen Pfeiftönen, notfalls auch mit sanften Hieben ihrer aus Lamaleder geflochtenen Peitsche für Ordnung. Die Chunchos, Tänzer aus der Amazonasregion, die sich als direkte Nachfahren der Inkas bezeichnen, ragen mit ihrem farbenprächtigen Ara-Federschmuck aus der Menge hervor.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Quellos, aus dem Aymara-Sprachraum, fallen hingegen durch Stoff-Lamas auf, die sich auf ihrem Rücken tänzelnd auf und ab bewegen. Mehr als 100 verschiedene Tänze werden bei Qoyllur Riti aufgeführt, wobei sich anhand der Kostüme und der Tanzstile erkennen lässt, aus welcher Region die Gruppen stammen.   Nur langsam löse ich mich von der Magie dieses Ortes und stelle mein Zelt am Rande des bunten Treibens auf. An Schlaf ist allerdings kaum zu denken. Trotz Ohrenstöpsel sind die Gesänge und das rhythmische Trommeln auch mitten in der Nacht noch ohrenbetäubend laut.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Thermometer wird auf 15 Grad unter Null fallen, so kalt, dass das Wasser in meinen Trinkflaschen zu Eis gefriert. Trotz der klirrenden Kälte verbringen viele Pilger die Nacht unter freiem Himmel, eingehüllt in Plastikplanen und Decken. Einige schlafen überhaupt nicht; tanzend und musizierend, von Kokablättern und selbst gebranntem Zuckerrohrschnaps gestärkt, kämpfen sie gegen die Erschöpfung und den Schlafentzug an.Manche kommen sogar ganze drei Tage lang ohne jeden Schlaf aus.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kreuz gegen Apus</h2>
<p style="text-align: justify;">Dieses freiwillige Martyrium fordert jedoch auch Opfer: Jedes Jahr erfrieren Pilger oder sterben an Erschöpfung.   Unter strahlendem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel verlasse ich am nächsten Morgen mit den anderen Pilgern den Zeltplatz. Das gefrorene Gras knirscht unter meinen nach der Nacht noch schwerfälligen Schritten.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Prozession auf den Sincara-Gletscher ist einer der Höhepunkte des Festes. Verkleidete Tänzer, die Pabluchas, tragen hölzerne Kreuze auf den heiligen Gletscher und widmen sich während der gesamten Nacht rituellen Zeremonien. Erst nach dem Sonnenaufgang am folgenden Morgen steigen sie feierlich zur Kapelle hinab. Insgesamt acht „naciones“, Provinzen aus der Region Cusco, schicken ihre Delegationen auf den Gletscher.</p>
<p style="text-align: justify;">Der christlichen Symbolik des Kreuzes steht dabei der Glaube an die Apus gegenüber. Bereits inpräkolumbianischer Zeit wurden Berggipfel und Gletscher als heilige Orte verehrt,wo versucht wurde, mit den Geistern in Kontakt zu treten und sie mittels Opfergaben um reiche Ernten und gutes Wetter zu bitten. Die Gebräuche dieser archaischen Religion haben sich bei den andinen Bergvölkern bis heute erhalten und nach Ankunft der Spanier mit christlichen Elementen vermischt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Heiliges Gletscherwasser vom Berg</h2>
<p style="text-align: justify;">Ein lang gezogener dumpfer Klang ertönt: Pututus, als Blasinstrumente umfunktionierte große weiße Muscheln, die bereits zu Inkazeiten als Kommunikationsmittel verwendet wurden, rufen traditionell zum Aufbruch der Prozession.</p>
<p style="text-align: justify;">Angeführt von einer schwarz-rot gekleideten, wild musizierenden Pilgerkolonne aus Acomayo folge ich dem serpentinenartigen Geröllweg, dem Höhenplateau entgegen. Wanderer, beladen mit Kanistern voller Gletscherwasser und riesigen Eisstücken – der Glaube an die gesundheitsfördernde Wirkung des heiligen Gletscherwassers ist weit verbreitet – kommen uns auf dem schmalen Weg entgegen. Allmählich wird der Pfad steiler und das Atmen fällt schwerer.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit vor Anstrengung verzerrten Gesichtern quälen sich die beiden Kreuzträger mit ihrer schweren Last auf dem holprigen Zickzack-Weg keuchend vorwärts. Die Ehre, die ihnen mit dieser Aufgabe zuteil wird, ist ihnen dennoch deutlich anzusehen. Die Männer wurden von den Mitgliedern ihrer Gemeinschaft für dieses ruhmreiche Unterfangen ausgewählt, aufgeben kommt für sie nicht infrage.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kreuz auf dem Gletscher</h2>
<p style="text-align: justify;">Dann beginnt es zu regnen, der Pfad verwandelt sich innerhalb kürzester Zeit in eine Schlammpiste. Mehrfach rutschen wir ab und können uns gerade noch auf den Beinen halten. Der Weg über die glitschige, lose Geröllmasse erfordert unsere ganze Konzentration. Das Geräusch entfernter Steinschläge hinterlässt zudem ein mulmiges Gefühl. Endlich erreichen wir den Gletscher.</p>
<p style="text-align: justify;">Dort stehen Angehörige der Bergwacht bereit, um den Transport des Kreuzes auf den Gletscher mit Seilen abzusichern. Mühevoll arbeiten sich drei Pilger, das grüne Kreuz mit dem Christusemblem auf den Schultern, beim Anstieg über das Eis empor. Mit bangen Blicken und in absoluter Stille verfolgen die übrigen Gläubigen das gefährliche Manöver am Fuß des Gletschers.</p>
<p style="text-align: justify;">Die andächtige Atmosphäre wird plötzlich durch laute Trommelschläge unterbrochen. Die nächste Prozession rückt bereits Richtung Gletscher vor, diesmal eine ganz in Gelb gekleidete Pilgerschar aus Antar. Einer nach dem anderen zieht sich mithilfe des Seiles aufs Eis. Am höchsten Punkt des Gletschers stellen sie das Kreuz auf, verankern es im Schnee und formieren sich im Halbkreis um die Reliquie.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wünsche für ein paar Soles</h2>
<p style="text-align: justify;">Als wäre dieser Anblick nicht schon unwirklich genug, kommt trotz des Regens die Sonne zum Vorschein und lässt die Szenerie im grellen Gegenlichterstrahlen.  In einigen Metern Entfernung talabwärts wird dieselbe Zeremonie vorbereitet. Beide Gruppen werden bei zweistelligen Minustemperaturen auf gut 5000 Meter Höhe die Nacht verbringen, um den Berggottheiten so nahe wie möglich zu sein.</p>
<p style="text-align: justify;">Ermattet begleite ich einige Pilger zurück zur Kapelle, wo bereits das nächste Highlight wartet. Qoyllur Riti, das „Fest der Wünsche, ist in vollem Gange. Die Gläubigen stellen kleine Spielzeugautos und Mini-Plastikhäuser in die aus Stein nachgebildeten Altäre oder klemmen ganze Bündel Papiergeld unter die Mauern. Mit einem Kinderspiel hat dieser Brauch allerdings nichts zu tun, vielmehr symbolisieren diese Miniaturausgaben die sehnlichsten Wünsche der Pilger.</p>
<p style="text-align: justify;">Seine „Wünsche“ muss man allerdings nicht den Berg hinaufschleppen. Bei den Händlern ist alles, was das Herz begehrt, erhältlich: „Dreißigtausend Dollar für 5 Soles, dreißigtausend Dollar für 5 Soles“, brüllt ein Verkäufer in das Menschengewühl, „zwei Häuser zum Preis von einem“ ein anderer. Häuser, Lastwagen, Spielgeld verschiedener Währungen, Universitätsabschlüsse jeglicher Fachrichtung, Heiratsurkunden und natürlich das in Peru als Glückssymbol geltende Gürteltier werden von den Verkäufern angepriesen. Ich esse noch ein paar Anticuchos, Rinderherz-Fleischspieße, und lege mich völlig erschöpft ins Zelt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Coca-Tee und eine Parade</h2>
<p style="text-align: justify;">Am nächsten Morgen – nach einem aufputschenden Coca-Tee – beobachte ich von einer Anhöhe aus die Rückkehr der Gruppen vom Gletscher. Kaum habe ich meinen „Logenplatz“ eingenommen, öffnet sich der Vorhang und macht die Bühne frei für ein neuerliches Spektakel. Von der tief stehenden Morgensonne ins Rampenlicht gerückt, marschieren die Pabluchas in Reih und Glied – einer Militärparade gleich – den Berg hinunter.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Erschöpfung, aber auch der Stolz ist in ihren Gesichtern deutlich zu lesen. Im Tal werden sie bereits von einer applaudierenden und tanzenden Menschenansammlung erwartet. Feierlich werden die Kreuze wieder an ihren Platz gebracht, dicht gedrängt stehen Hunderte Gläubige auf dem Kapellenvorplatz, um dem Schauspiel beizuwohnen.  Auf dem Rückweg nach Cusco lasse ich die Qualen und Freuden der letzten Tage noch einmal Revue passieren. Trotz der Strapazen blicke ich mit Wehmut auf das „Fest des Schneesterns“ zurück.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Bei Qoyllur Riti, dem „Fest des Schneesterns“, verschmelzen uraltes andines Brauchtum und christliche Traditionen miteinander. Nicht umsonst wurde die Pilgerreise im Jahr 2011 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.</em></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/fest-des-schneesterns/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>3</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ruhesitz für verwelkte Blumen</title>
		<link>https://www.weltseher.de/ruhesitz-fuer-verwelkte-blumen/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/ruhesitz-fuer-verwelkte-blumen/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Mar 2015 01:14:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mexiko]]></category>
		<category><![CDATA[Altenheim]]></category>
		<category><![CDATA[Anja Reiter]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Mexico City]]></category>
		<category><![CDATA[Prostitution]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=4260</guid>

					<description><![CDATA[In der Altstadt von Mexico City befindet sich das weltweit einzige Altersheim für Prostituierte. Im sogenannten „Haus der schönen Blumen“ sollen die Sex-Arbeiterinnen in Würde altern können. Manche der in die Jahre gekommenen Damen bieten sich immer noch ihren Freiern an. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ruhesitz-fuer-verwelkte-blumen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong> In der Altstadt von Mexico City befindet sich das weltweit einzige Altersheim für Prostituierte. Im sogenannten „Haus der schönen Blumen“ sollen die Sex-Arbeiterinnen in Würde altern können. Manche der in die Jahre gekommenen Damen bieten sich immer noch ihren Freiern an. </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Nur selten verirren Touristen sich in die engen Gassen rund um den Plaza San Sebastián in Mexico City. Obwohl der Platz nur wenige Minuten vom historischen Zentrum entfernt liegt, wirkt das Viertel heruntergekommen und schäbig. In Tepito regiert das Gesetz der Straße: Fliegende Händler preisen lautstark Plastikramsch und Süßigkeiten an, auf Bordsteinkanten hocken Obdachlose, dazwischen türmen sich Müll und Essensreste. Drängelnde Passanten schieben sich an den Marktschreiern vorbei, leicht bekleidete Frauen halten nach Freiern Ausschau.</p>
<p style="text-align: justify;">Neben dem Irrsinn auf der Straße liegt eine unscheinbare hölzerne Doppeltür mit einem Metallknauf. „Buenas?“, beantwortet ein Türsteher zögerlich das Klopfen. Er beschützt die Bewohnerinnen des zweistöckigen Hauses vor neugierigen Blicken und dem Elend der Straße. Diejenigen, die er eintreten lässt, gelangen in einen ruhigen, überdachten Innenhof – in der Mitte plätschert ein Brunnen, um den sich grüne Pflanzen ranken. Draußen wird unaufhörlich weiter gedrängelt, gegrapscht, geklaut. Drinnen sticken alte Damen, schweigen oder starren in die Luft.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch es sind keine typischen Altersheim-Bewohnerinnen, die hier ihren Lebensabend verbringen. Alle Frauen, die hier leben, haben als Prostituierte gearbeitet – oder tun es immer noch. Geschäftsführerin Jesica Vargas González winkt uns in ihr Büro herein. „Unser Projekt ist weltweit einzigartig“, erzählt sie stolz. Hinter ihrem Schreibtisch ranken sich die Portraits der Bewohnerinnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Derzeit residieren 27 Seniorinnen zwischen 50 und 81 Jahren im Casa Xochiquetzal, was auf Deutsch so viel wie „Haus der schönen Blumen“ bedeutet. Viele der Frauen arbeiteten direkt im Bezirk Tepito, vor den Türen ihres jetzigen Altersruhesitzes. Auf den Straßen der Acht-Millionen-Metropole verdienten sie ihr Geld mit erotischen Dienstleistungen. Doch als ihre jugendlichen Reize schwanden, mussten viele erkennen: In der mexikanischen Konsumgesellschaft haben auch Prostituierte ein Ablaufdatum, sobald die Haut runzelig wird.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Aus einem Box-Museum wird ein Altersheim</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Idee für die Casa Xochiquetzal wurde 2001 geboren: Carmen Mu<em>ñ</em>oz, die ihr Geld selbst einst als Sexarbeiterin verdiente, war schockiert vom Elend ihrer früheren Kolleginnen. Verstoßen von ihren Familien, sah sie einige von ihnen auf der Straße schlafen, zugedeckt nur mit einer Plastikplane – im Stich gelassen von der Gesellschaft. Die betagten Damen mussten sich ein paar Münzen für eine warme Mahlzeit erbetteln oder in Mülleimern wühlen. Berührt von dem, was sie sah, beschloss Carmen Mu<em>ñ</em>oz ihnen einen sicheren Unterschlupf zu schaffen.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1" style="max-width:1200px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1200:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="16000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierteJesicaVargas_Reiter03-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Geschäftsführerin Jesica Vargas in ihrem Büro.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituMamaEde_Reiter11-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mama Ede: Die Beschäftigungstherapeutin Edelmira Lomeli Hurtado, auch genannt Mama Ede, unterstützt die Bewohnerinnen, wo sie kann.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierten_concep_juanita-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Rosa Belen beim Sticken. (l.) Concepción ist stolz auf ihre Stickerei: Sol steht für die Sonne Mexikos. (r.)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_prostituierten_Celia_Gloria_reiter-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Celia ist gern in Gesellschaft. (l.) Gloria hat dreizehn Kinder von vier verschiedenen Männern. (r.)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierte_Canela_BDesrus-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Canela geht mit einem fremden Hund spazieren. (© Bénédicte Desrus)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_reiter_Amalia_BenedicteDesrus1-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Amalia in ihrem Schlafzimmer. (© Bénédicte Desrus)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_prostitutionVictoria_BenedicteDesrus-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Victoria besucht ihre Tochter in Pachuca.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1200px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierteJesicaVargas_Reiter03-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituMamaEde_Reiter11-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierten_concep_juanita-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_prostituierten_Celia_Gloria_reiter-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierte_Canela_BDesrus-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_reiter_Amalia_BenedicteDesrus1-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_prostitutionVictoria_BenedicteDesrus-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<p style="text-align: justify;">Nach langer Lobby-Arbeit unterstützte die Stadtregierung Carmen Mu<em>ñ</em>oz dabei, das Projekt Casa Xochiquetzal zum Leben zu erwecken. Der damalige Bürgermeister stellte das Gebäude zur Verfügung – ein zweistöckiges Stadthaus aus dem 18. Jahrhundert. Einst beheimatete es ein Box-Museum, nun wurde es zum Altenheim für Prostituierte umgebaut.</p>
<p style="text-align: justify;">Carmen Mu<em>ñ</em>oz restaurierte das Gebäude mit der Unterstützung von anderen Aktivistinnen und Helferinnen. Monatelang schrubbten die Frauen die Böden, bauten Backöfen und Badezimmerarmaturen ein und besorgten günstige Möbelstücke. Seit 2006 ist die Casa Xochiquetzal Heimat für die „schönen Blumen“. Betagte Prostituierte, für die Gesellschaft unsichtbar geworden, erhalten hier Unterschlupf, Nahrung und medizinische Betreuung. Die Sozialarbeiterin, die von allen hier Mama Ede genannt wird, hilft ihnen dabei, Papiere und Identitätsnachweise zu besorgen – in der mexikanischen Bürokratie oft ein erster Schritt zurück ins Sozialsystem und in ein geregeltes Leben. Das Projekt ist von Spendengeldern abhängig. „Die Suche nach Geldgebern ist aber schwierig“, seufzt Jesica Vargas. „Im katholischen Macho-Land Mexiko spenden die Menschen eben lieber für kranke Kinder als für alte Prostituierte.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">Aus ehemaligen Konkurrentinnen werden Mitbewohnerinnen</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Bewohnerinnen sind gastfreundlich. Dem Besuch aus Deutschland präsentieren sie stolz ihr eigenes Heim: die Küche, zwei Fernsehräume, Badezimmer, die einzelnen Schlafräume. „Ich bin so stolz, hier leben zu dürfen“, erklärt Amalia, die durch ihr kleines Reich führt und sich wegen des Chaos in ihrem Zimmer keine großen Gedanken zu machen scheint. Für Ordnung und Sauberkeit in den privaten Zimmern sind die Frauen selbst zuständig. Die wenigen persönlichen Gegenstände, die sie besitzen, pinnen sie stolz an die Wände: Fotografien, Stickereien, Heiligenbilder. „Viele Frauen hier sind sehr religiös“, erzählt Jesica Vargas.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Alltag in der Casa Xochiquetzal nimmt derweil seinen Lauf.Aus einem alten Radio klimpern mexikanische Chansons, sie erzählen von Herzschmerz und der großen Liebe. An die wahre Liebe glauben hier in der Casa Xochiquetzal nur die wenigsten. Die meisten stolperten Zeit ihres Lebens von einer kaputten Beziehung in die nächste oder wurden von ihren Männern zur Prostitution gezwungen. Die Frauen sind über die Jahre dickhäutig geworden, ihr Ton ist rau. Eine wichtige Regel lautet deshalb: Respekt voreinander. Die Bewohnerinnen sind Schicksalsgenossinnen, aber eben auch ehemalige Konkurrentinnen – manche Konflikte schwelen bis heute und machen ein harmonisches Zusammenleben schwierig.</p>
<p style="text-align: justify;">Auf Plastikstühlen sitzt eine Gruppe Frauen im Innenhof und stickt traditionelle Muster in Kissenbezüge. Die Stimmung ist entspannt und erinnert fast an ein gewöhnliches Altenheim. Doch der Schein trügt. Eine grauhaarige Frau wimmert in das Telefon auf dem Flur, Tränen rinnen ihre ledrigen Wangen hinunter. Viele der Frauen wurden von ihren Kindern, Enkeln und Geschwistern verstoßen – aus Scham oder Unsicherheit. An ihrem Lebensabend sind sie nun alleingelassen. Doch sie haben zumindest ein Dach über dem Kopf – anders als viele andere Prostituierte, die auf Mexikos Straßen schlafen müssen und keinen Schutz haben vor Gewalt und ökonomischer Unsicherheit.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Keine Männer, keine Drogen</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Aufnahmekriterien für das einzigartige Altersheim sind simpel: Wer einen Schlafplatz möchte, muss über fünfzig sein, als Prostituierte gearbeitet haben und keine Unterstützung von seiner Familie bekommen. Die meisten Frauen haben über Mundpropaganda von dem Projekt erfahren. Einmal eingezogen, müssen sie sich an einige Regeln halten: Keine Männer, keine Drogen. Das eigene Zimmer sauber halten und in der Küche helfen. Das wöchentliche Treffen besuchen. Bis spätestens zehn Uhr abends zu Hause sein. Wer länger aus ist, muss eine Adresse und eine Telefonnummer zurücklassen. Gewissenhaft tragen sich die ehemaligen Sexarbeiterinnen deshalb in ein dickes Buch ein, das am Eingang bereit liegt. „Das ist nicht für alle einfach“, erzählt Jesica Vargas. „Viele haben ihr ganzes Leben lang ohne gewohnte Strukturen verbracht.“ So verwundert es nur auf den ersten Blick, dass manch eine Bewohnerin sich nach einigen Monaten wieder davonstiehlt und das raue Straßenleben dem gemachten Bett vorzieht.</p>
<p style="text-align: justify;">Allen Bewohnerinnen ist es freigestellt, ob sie ihren Beruf als Prostituierte weiterführen wollen oder nicht. Nur die Schwelle zur Casa Xochiquetzal darf keiner der Männer übertreten. Norma, eine der Bewohnerinnen, besucht immer noch gerne ihr altes „Büro“, einen verlotterten Platz ganz in der Nähe, wo sich Prostituierte und Freier treffen – und Norma noch gut bekannt ist. Norma fühlt sich geehrt, wenn insbesondere jüngere Männer Interesse an ihr zeigen. Andere, wie Canela, verkaufen lieber Süßigkeiten, um sich ein bisschen Kleingeld für Make-up oder Softdrinks zu verdienen.</p>
<p style="text-align: justify;">Manche Schicksale der Frauen lassen einen ratlos-bedrückt zurück, wenn man sie erzählt bekommt. Canela, eine der ältesten Bewohnerinnen des Hauses, leidet am Down-Syndrom. Schon als Kind wurde sie von ihrem Stiefvater missbraucht. Heute ist sie glücklich, ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben. „Sie ist die glücklichste im Haus“, erzählt Jesica Vargas. Viele der Frauen sind schwer krank, einige haben Aids. So wie Conchita, die bei ihren Großeltern aufwuchs und bereits mit dreizehn Jahren in die Fänge des Prostitutionsgewerbes geriet. Die mollige Ein-Meter-Vierzig-Frau ist froh, dass sie in der Casa Xochiquetzal die nötigen Medikamente bekommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Jesica Vargas ist täglich mit solch traurigen Schicksalen konfrontiert. Doch die Begegnungen mit den Frauen machen sie nicht kaputt, wie sie erzählt. Im Gegenteil. „Es macht mich stark, weil die Frauen so stark sind“, sagt sie. Trotz der sehr traurigen Geschichten würden die Frauen tagtäglich Stärke, Liebe und Dankbarkeit beweisen. „Ich lerne hier das Leben kennen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Besuch in der Casa Xochiquetzal heißt es Abschied nehmen von den „schönen Blumen“. Sozialarbeiterin Mama Ede begleitet den Gast aus Deutschland durch das Gewirr der Straßen. Sicher schlängelt sich die kleine Frau durch die Menschenmenge, die Handtasche stets fest im Griff. Mama Ede hat noch eine wichtige Besorgung zu erledigen: Medikamente aus der Apotheke für ihre Schützlinge.</p>
<p><div id="aesop-gallery-4286-5"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-stacked-gallery-wrap    " >				<!-- Aesop Stacked Gallery Desktop -->
				<script>

						jQuery(document).ready(function($){

							var stackedResizer = function(){
								$('.aesop-stacked-img').css({'height':($(window).height())+'px'});
                                
                            							}
							stackedResizer();

							$(window).resize(function(){
								stackedResizer();
							});
						});

				</script>
												<div id="aesop-stacked-img-4279" class="aesop-stacked-img" style="Xbackground-image:url('https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_bildband_PortadaLibro_MediaRes.jpg');background-size:100%;background-position:center center">
																			<div class="aesop-stacked-caption">In ihrem Buch „Las amo­ro­sas más bra­vas“ („Tough Love“) prä­sen­tie­ren die Doku­men­tar­fo­to­gra­fin Béné­dicte Des­rus und die Auto­rin Celia Goméz Ramos intime Por­träts der Frauen, die im Casa Xochi­quetzal woh­nen. Sechs Jahre besuchte Des­rus die Frauen für ihre ein­dring­li­che Fotoreportage.Um das bilin­guale (spanisch-englische) Buch zu bestel­len, kon­tak­tiere: proyecto.xochiquetzal@gmail.com.(Ein Teil des Erlö­ses wird an die Casa Xochi­quetzal gespendet.)</div>
																	</div>
								<style>#aesop-stacked-img-4279{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_bildband_PortadaLibro_MediaRes.jpg);}  @media screen and (min-width:768px){#aesop-stacked-img-4279{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_bildband_PortadaLibro_MediaRes-1250x958.jpg);}}   @media screen and (min-width:1200px){#aesop-stacked-img-4279{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_bildband_PortadaLibro_MediaRes.jpg);}}  </style></div></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/ruhesitz-fuer-verwelkte-blumen/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>6</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ausverkauf im Kaffeeparadies</title>
		<link>https://www.weltseher.de/ausverkauf-im-kaffeeparadies/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/ausverkauf-im-kaffeeparadies/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Nov 2014 07:20:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Panama]]></category>
		<category><![CDATA[Birte Schmidt]]></category>
		<category><![CDATA[Boquete]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kaffee]]></category>
		<category><![CDATA[Landwirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=2669</guid>

					<description><![CDATA[Carlos verdient sein Geld mit Kaffeebohnen, seit er zehn Jahre alt ist. Seine Farm liegt in Boquete, einem kleinen Dorf umgeben von Bergen und Regenbögen. Doch Carlos sieht sein Kaffeeparadies in Gefahr, seit der Bürgermeister den Ort als Altersresidenz für US-Bürger vermarktet: mit eingezäunten Wohnanlagen und Cheeseburgern zum Schnäppchenpreis.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ausverkauf-im-kaffeeparadies/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Carlos verdient sein Geld mit Kaffeebohnen, seit er zehn Jahre alt ist. Die Farm, auf der er arbeitet, liegt in Boquete, einem kleinen Dorf umgeben von Bergen und Regenbögen. Der örtliche Bürgermeister hat die Schönheit des Ortes erkannt und vermarktet ihn als Altersresidenz für US-Bürger: mit eingezäunten Wohnanlagen und Cheeseburgern zum Schnäppchenpreis.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Se vende“ &#8211; „Zu verkaufen“ steht auf vielen Schildern am Rande der Hauptstraße, die sich wie ein endloses Band über die kleinen Hügel durch den lebendigen Stadtkern schlängelt. In Mitten eines Tals in der Hochebene von Chiriqui und am Fuße des Vulkans Baru liegt das panamaische Bergdorf Boquete, ein 22.000-Einwohner-Paradies mit unzähligen Kaffeefeldern und farbenfrohen Blumenplantagen, das derzeit zu großen Teilen zum Verkauf steht.</p>
<p style="text-align: justify;">„Erst kürzlich war ein englischer Tourist hier, der die zwei Wörter auf den Schildern für den Namen des Dorfes gehalten hat, so verbreitet sind die hier“, erzählt Carlos und seine Stimme klingt dabei so verbittert, dass man ihm die eigentlich viel zu perfekte Anekdote fast glauben möchte.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn er die Stirn in Falten legt, dann funkeln seine dunklen Augen und er wirkt entschieden. Carlos hat in seinem Leben für hiesige Verhältnisse schon viel erreicht. Der Sohn einer Kaffeepflückerfamilie ist in Boquete geboren und aufgewachsen, verdient sein Geld mit der roten Kaffeefrucht, seit er im Alter von zehn Jahren nach der Schule mit seinen Geschwistern auf der Plantage zum Lebensunterhalt der Familie beitrug.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-kaffeeanbau-panama-2" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-kaffeeanbau-panama-2 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-kaffeeanbau-panama-2 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-kaffeeanbau-panama-2 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="12000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_carlos_kaffee_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Carlos arbeitet auf einer Kaffeeplantage in Panama. Im Alter von zehn Jahren, direkt nach der Schule, hat er so zum Lebensunterhalt der Familie beigetragen. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_boquete_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In Mitten eines Tals in der Hochebene von Chiriqui und am Fuße des Vulkans Baru liegt das panamaische Bergdorf Boquete. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_Kaffee_setzlinge_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die kleinen Setzlinge werden später einmal die Bohnen hervor bringen, die den morgendlichen Kaffee möglich machen. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_mokka_kaffee_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In Boquete sind die Bedingungen für den Kaffeeanbau optimal. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffeebohnen_ungepuhlt_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Eigentlich sind Kaffeebohnen die Kerne innerhalb der roten Kaffeefrucht. Erst wenn die Schale entfernt ist kommen die "Bohnen" zum Vorschein. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_ungeroestet_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ohne die rote Hülle und noch ungeröstet sind die Kerne eher hellbraun. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_roestanlage_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Vor der Röstung müssen die "Bohnen" noch getrocknet werden. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_trocknen_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auf den Plantagen werden die "Bohnen" in der Sonne getrocknet und später dann je nach Bedarf geröstet. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_plantage_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das Land auf dem die Plantage liegt kostet mittlerweile ein Vielfaches seines ursprünglichen Preises. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_carlos_bohnen_riechen.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description"> © Birte Schmidt</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-kaffeeanbau-panama-2-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_carlos_kaffee_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_boquete_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_Kaffee_setzlinge_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_mokka_kaffee_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffeebohnen_ungepuhlt_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_ungeroestet_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_roestanlage_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_trocknen_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_plantage_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_carlos_bohnen_riechen-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Ideale Bedingungen für den Kaffeeanbau</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Bedingungen für den Kaffeeanbau hier sind ideal: Das Klima im Hochland ist konstant warm, selten heiß, und Regen gibt es hier fast zehn Monate im Jahr. Dazu sorgt das Vulkangestein für einen besonders nährstoffreichen und fruchtbaren Boden. Bäume bunt bedeckt mit Orangen, Zitronen, Mango, Papaya, Bananen, Avocado und Guave spenden dem Kaffee zudem tagein tagaus den so notwendigen Schatten.</p>
<p style="text-align: justify;">Inzwischen ist Carlos 34 und seine Haut gezeichnet von der jahrelangen harten Arbeit auf den Feldern unter der brütenden Sonne Zentralamerikas. Graue Linien durchziehen sein schwarzes Haar, die ihn ein bisschen älter machen und einen lustigen Kontrast zu seinem jungenhaften Charme schaffen, mit dem er stolz von dem Haus am Stadtrand erzählt, das er für sich und seine Familie gekauft hat. Das Geld für den Kredit verdient er als festangestellter Fremdenführer, der Touristen über die Kaffeeplantagen von „Café Ruiz“ führt und Kaffeeseminare gibt.</p>
<p style="text-align: justify;">Carlos spricht fließend Englisch, das sei wichtig sagt er, denn während viele Touristen zumindest rudimentäre Spanischkenntnisse mitbringen, kann sich eine immer größer werdende Gruppe gar nicht in der Landessprache verständigen. Gringos nennen sie die hier, die englischsprachigen Ausländer vor allem aus den USA.</p>
<h2 style="text-align: left;">Gringos entdecken die Idylle</h2>
<p style="text-align: justify;">Ende der 80er kamen die ersten Fremden in die Stadt, kauften günstiges Land in dem Ort, der ebenso sicher wie modern und für US-amerikanische Verhältnisse besonders günstig war. „Ein Freund von mir hat sein Land für 50 Cent pro Quadratmeter verkauft, 5000 Dollar der Hektar“, erzählt Carlos und lässt vermuten, dass er es ihm noch heute übel nimmt.</p>
<p style="text-align: justify;">Denn in den kommenden Jahren entdeckten immer mehr Gringos Carlos’ kleines Paradies zwischen den grünen Berghängen, als einen sicheren Ort, klimatisch günstig gelegen, perfekt geeignet als Alterssitz mit allen Vorzügen, die ihnen aus der Heimat bekannt sind – nur eben zu einem viel günstigeren Preis.</p>
<p style="text-align: justify;">„Die erste Gated Community, eine umzäunte Wohnanlage also, entstand dort, wo zuvor eine wunderschöne Kaffeefarm gelegen hatte, fruchtbar, grün, umgeben nur von Bäumen und mit einem kleinen Fluss, der mitten hindurch floss“, erzählt Carlos. Heute stehen dort 300 Häuser, nahezu identisch im Aussehen mit ihren cremefarbenen Fassaden, dazu gibt es einen Golfplatz, zahlreiche Swimmingpools, Bars, Restaurants und ein Theater. „Eine kleine eingezäunte Stadt mit 24-stündiger Sicherheitsüberwachung“, sagt Carlos. Auch ein Hotel steht auf dem Gelände, 450 Dollar kostet die Übernachtung. „Mehr als ein durchschnittlicher Monatslohn in Boquete“, fügt Carlos mit dunkler Stimme hinzu.</p>
<h2 style="text-align: left;">Hinter Zäunen leben die US-Amerikaner</h2>
<p style="text-align: justify;">„Wenn du in so einer Community lebst, darfst du dein Haus nicht einfach in der Farbe streichen, wie du es möchtest, alle sind einheitlich beige. Du darfst deine Wäsche nicht raushängen, Kinder dürfen nicht in den Pool springen und du darfst nicht mehr als einen Hund haben. Es ist ein Gefängnis für reiche Leute.“</p>
<p style="text-align: justify;">Den Amerikanern aber gefällt’s. Hinter großen Zäunen verbarrikadieren sich auf einem Gelände, zu dem Carlos als Einheimischer keinen Zutritt hat. Und wenn, dann nur unter strengen Sicherheitsmaßnahmen.</p>
<p style="text-align: justify;">Nachdem ein Lifestyle-Magazin in den USA über Boquete berichtet hatte, gab es hier einen regelrechten Bau-Boom. Die Einheimischen verkauften ihr Land und die sechs Meter hohen Bäume wichen Golfplätzen und Hotelanlagen. Eine Million Dollar gibt es inzwischen für einen Hektar Land und Carlos Freund wird sich vermutlich über seinen schlechten Deal von einst ärgern.</p>
<h2 style="text-align: left;">Discounts und Benefits, sogar für Burger von McDonald</h2>
<p style="text-align: justify;">Man brauche kein Spanisch lernen, wenn man es nicht wollte, wirbt das amerikanische Lifestyle-Magazin AARP, und im Supermarkt gebe es importierte US-Produkte. Man könne einem Bridgeclub beiwohnen, Golf spielen, Freiwilligenarbeit unterstützen und Freunde zum Lunch oder während der Happy Hour in Bars und Restaurants treffen. Mit einem Budget von 2000 Dollar käme man als Paar gut über die Runden heißt es. Der US-Dollar ist übrigens Landeswährung.</p>
<p style="text-align: justify;">Dazu gibt es jede Menge Discounts und Benefits. 20 bis 50 Prozent Rabatt bekommen Auswanderer auf Flüge, Busse und Züge, auf Filme, Konzerte, Restaurantbesuche, ja sogar auf Arzt- und Krankenhausrechnungen. Ein älterer Herr, der von seiner Rente lebt, verkündet stolz, dass er sogar Rabatt für einen McDonald’s Burger bekommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Für manch einen bedeutet der Umzug auch den Beginn eines Neuanfangs. Das Rentnerehepaar Rich Lipner und Dee Harris, beide pensionierte Lehrer, kamen 2003 aus Kalifornien nach Boquete, kauften dort eine sieben Hektar große Kaffeeplantage für 135.000 Euro. Der amerikanischen Huffingtonpost erzählen sie, was aus dem Land geworden ist. „In den vergangenen Jahren haben wir ungefähr 80.000 Euro investiert, um ein neues 1000 Quadratmeter großes Gästehaus zu bauen und das ursprüngliche 2000 Quadratmeter große Haus zu renovieren“, sagt Lipner. „Wir leben hier sehr komfortabel von unseren Pensionsgehältern. Wir haben ein neues und wunderbares Kapitel in unserem Leben begonnen.“</p>
<h2 style="text-align: left;">Landverkauf bringt mehr als Kaffeeanbau</h2>
<p style="text-align: justify;">„Man macht mehr Geld, wenn man sein Land verkauft, als wenn man eine Kaffeefarm betreibt“, sagt Carlos und blickt trübselig auf das weite grüne Land seiner Heimat.</p>
<p style="text-align: justify;">Der ursprüngliche Eigentümer hatte es einst seinem Sohn Plinio vererbt, der, heute 92, jahrelang sparte und schließlich weiteres Land dazukaufte in dem Vertrauen, dass hier die Kaffeepflanzen besonders gut und ertragreich gediehen. Inzwischen ist es zum größten Kaffeeunternehmen Panamas herangewachsen, die elf Plantagen liegen weiter fest in Familienhand. Längst schon arbeiten auch Plinios Kinder mit.</p>
<p style="text-align: justify;">„Die Farm ist 60 Hektar groß, das gebe 60 Millionen Dollar“, weiß Carlos. Trotzdem hat die Familie Ruiz bisher allen Verlockungen widerstanden, das Land für ein Vielfaches seines Ursprungspreises zu verkaufen. Vielleicht, weil ihre Geschäfte noch gut laufen. Vielleicht aber auch nur so noch lange, wie sie es sich leisten kann. Denn die Umsätze der Kaffeeindustrie in Panama sinken stetig.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/ausverkauf-im-kaffeeparadies/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das verlassene Paradies</title>
		<link>https://www.weltseher.de/das-verlassene-paradies/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/das-verlassene-paradies/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 17 Aug 2014 11:00:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Argentinien]]></category>
		<category><![CDATA[Jasmin Lörchner]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Ruinen]]></category>
		<category><![CDATA[Südamerika]]></category>
		<category><![CDATA[Urlaub]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=30</guid>

					<description><![CDATA[Jahrelang diente die Kurstadt Villa Epecuén wohlhabenden Argentiniern als Urlaubsoase. Bis 1985 ein Damm brach und die Stadt überflutet wurde. Mehr als 20 Jahre später gibt der See die Stadt wieder frei. Ein Streifzug durch eine bedrückende Ruine.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/das-verlassene-paradies/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Jahrelang diente die Kurstadt Villa Epecuén wohlhabenden Argentiniern als Urlaubsoase. Bis 1985 ein Damm brach und die Stadt überflutet wurde. Mehr als 20 Jahre später gibt der See die Stadt wieder frei. Ein Streifzug durch eine bedrückende Ruine.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Unwirklich. Das ist mein erster Gedanke, als wir aus dem Auto steigen. Eben waren wir noch im idyllischen Nirgendwo, jetzt sind wir mitten in der Apokalypse. Die Straße endet abrupt vor uns, sie ist überlagert von einer zentimeterdicken Schlammschicht – mit unserem Mietwagen kommen wir hier nicht durch. Vom Horizont her schlängelt sich ein schmaler Graben auf uns zu, in dem schmutziges Wasser steht. Fliegenschwärme hocken auf dem feuchten Boden. Rechts und links der Straße säumen kahle Bäume den Wegesrand, strecken ihre blattlosen Äste wie mahnende Finger gen Himmel. Stumme Zeugen der Zerstörung.</p>
<p style="text-align: justify;">Wir sind zu den Ruinen von Villa Epecuén gefahren. 60 Jahre lang war die Stadt neben Mar del Plata einer der beliebtesten Urlaubsorte der Argentinier. Bis der angrenzende See Lago Epecuén 1985 über die Ufer trat und die Stadt verschluckte. Erst 24 Jahre später gibt der See den Kurort wieder frei. Seit 2009 zieht sich das Wasser langsam zurück. Straßenzug um Straßenzug taucht wieder auf. Doch auch im Dezember 2012, als wir nach Villa Epecuén kommen, steht ein Teil der Stadt noch immer unter Wasser.</p>
<h2 style="text-align: left;">Der Untergang des Ferienparadieses</h2>
<p style="text-align: justify;">Unser Besuch beginnt in der ehemaligen Bahnstation der Stadt. Sie beherbergt heute ein kleines Museum, das Fotos und Überbleibsel aus der Blütezeit des Ortes konserviert. Hier erfährt man, dass die Stadt in den 20’er Jahren gegründet wurde und sich schon bald zu einem beliebten Urlaubsort mauserte. Villa Epecuén liegt rund 600 Kilometer von Buenos Aires entfernt. Der Salzgehalt des Lago Epecuén ist ähnlich hoch wie der im Toten Meer. Er zog wohlhabende Hauptstädter und einfache Arbeiter in die Stadt, die bald den Ruf eines ausgezeichneten Kurortes hatte. Während gut betuchte Damen mit Heilbädern ihr Hautbild verfeinerten, kurierten Bergarbeiter ihre in den Minen geschundenen Lungen. Zu Spitzenzeiten fanden pro Jahr 25.000 Touristen den Weg in die Stadt, in der sonst nur 1500 Menschen leben. Der Ansturm wurde so groß, dass Villa Epecuén eine eigene Eisenbahnanbindung bekam.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Bilder im Museum zeigen einen trubeligen Badeort, auf dessen Hauptstraße sich die Autos drängen. Mittendrin ein Fernbus, der neue Urlauber in die Stadt bringt. Badegäste lachen fröhlich in die Kamera, während sie sich auf einem großen Schwimmreifen durch das Wasser treiben lassen. Die Aufschrift „Lago Epecuén 1984“ auf dem Schwimmreifen datiert das Foto auf wenige Monate vor dem Untergang des Ferienparadieses.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-argentinien-villa-epecuen-3" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-argentinien-villa-epecuen-3 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-argentinien-villa-epecuen-3 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-argentinien-villa-epecuen-3 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="2147483647"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_Allee_Loerchner.jpg" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description"> Die Avenida Alvear liegt etwas höher als der Rest der Stadt. Sie führt zum Campingplatz und dem ehemaligen Schlachthaus von Villa Epecuen. © Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_wasser_loerchner.jpg" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Als das Wasser begann sich zurückzuziehen, bildeten diese knorzigen Bäume offenbar eine natürliche Barriere. Hier sammelten sich allerhand Kleinteile und Schrott an. © Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_treppe_loerchner.jpg" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mitten im Trümmerfeld eine Treppe. Die Wände des Hauses, das hier stand, sind eingestürzt und fortgespült worden. Jetzt erobern sich kleine Gräser zaghaft den Lebensraum zurück. © Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_Tische_loerchner-1150x647.jpg" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch nach dem Rückzug des Wassers ist der Picknickplatz unbenutzbar. Der Boden ist noch immer so feucht, dass man zentimetertief einsinkt. © Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_Schlachthof_loerchner.jpg" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das ehemalige Schlachthaus der Stadt blieb als einziges von der Zerstörung verschont. Doch auch am "Matadero" nagt der Zahn der Zeit, betreten sollte man die Ruine besser nicht. © Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_ruinen_loerchner-1150x647.jpg" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Treppe ins Nirgendwo scheint ein letztes Überbleibsel der einstigen Vergnügungsmeile: Wenige Meter von hier stand das Tanzlokal "Bim Bam Bum". © Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_rost_loerchner.jpg" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In manchen Straßenzügen blieb kein Stein auf dem anderen. Die einstigen Häuser sind verschwunden, an ihrer Stelle blieb nur Schlamm. © Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_Platz_Loerchner.jpg" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Fundamente, Trümmer und eine schlammige Straße sind die Zeugen der Flut. Mittendrin die Überreste eines Hauses, dessen große Fenster an die Durchreichen eines Schnellrestaurants erinnern. © Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_Baum_loerchner.jpg" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch Waschbecken und Fässer spülte der Lago Epucuén durch die Stadt. Die Überreste des einstigen Lebens der Touristenstadt rosten und rotten in der Sonne vor sich hin. © Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_Auto_baum_loerchner.jpg" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das Wasser hat dem alten Ford seine Hülle geraubt. Einzig Karosserie, Motorblock und die von Salz und Witterung weiß geblichenen Reifen sind geblieben. © Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_auto_loerchner.jpg" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Darüber, warum die Besitzer ihn zurücklassen haben, kann man nur spekulieren. Der alte Ford ist das einzige Gefährt, das wir in der Trümmerstadt zu sehen bekommen. © Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-argentinien-villa-epecuen-3-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_Allee_Loerchner-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_wasser_loerchner-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_treppe_loerchner-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_Tische_loerchner-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_Schlachthof_loerchner-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_ruinen_loerchner-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_rost_loerchner-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_Platz_Loerchner-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_Baum_loerchner-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_Auto_baum_loerchner-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Argentinien_Villa_Epecuen_auto_loerchner-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="© Jasmin Lörchner und Joergen Naskrent" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Der Anfang vom Ende</h2>
<p style="text-align: justify;">Eine holprige Allee führt uns in die Stadt. Hier sind die Bäume noch grün – das letzte Leben vor der Einöde. Der Asphalt ist aufgesprungen und zwingt uns zum Slalom. Als wir die Allee verlassen, sehen wir plötzlich die Ruinen von Villa Epecuén – wir wähnen uns in einer Kulisse von Roland Emmerichs nächstem Apokalypse-Film. Die Häuser um uns herum sind teilweise regelrecht pulverisiert.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Anfang vom Ende begann mit einem Wetterumschwung. Jahrlang litt die Region unter einer intensiven Trockenperiode, in deren Folge sich das Wasser des Lago Epecuén immer weiter zurückzog. Um zu verhindern, dass der schwindende See den Touristenstrom unterbricht, ließ die Regionalregierung der Provinz Buenos Aires 1978 einen Kanal bauen, der Wasser aus fernen Gewässern sammelte und in sechs Seen leitete – der letzte von ihnen: der Lago Epecuén. Die Gefahr, der Lago Epecuén könne austrocknen, war gebannt. Doch die Folgen einer Regenperiode hatte offenbar niemand bedacht.</p>
<p style="text-align: justify;">Als 1985 ein Jahr mit ungewöhnlich viel Regen anbrach, stiegen der Wasserspiegel des Lago Epecuén und des zuführenden Kanals stetig an. Obwohl sich die Lage über Wochen zuspitzte, reagierten die zuständigen Behörden nicht. Provinz und Regierung schienen gelähmt, das Land kämpfte mit den Folgen der Militärdiktatur. Argentinien war zerrüttet und lag wirtschaftlich danieder. Der glücklose neue Präsident Roul Alfonsin kämpfte mit einer viel zu hohen Inflation und versuchte, eine stabile Demokratie aufzubauen. Die Gefahrenlage am Lago Epecuén ging im Regierungschaos unter – es fühlte sich schlichtweg niemand richtig zuständig.</p>
<h2 style="text-align: left;">Tragödie ohne Tote &#8211; ein Wunder</h2>
<p style="text-align: justify;">Wir laufen die Avenida de Mayo hinunter. Neben uns taucht das Hotel Monterreal auf. In den 70ern eröffnet, beherbergte es 31 Apartments. Heute ist es eines der wenigen Gebäude, das noch steht. Schräg gegenüber liegt das Hotel Parque in Trümmern. Das obere Geschoss des einstigen Prachtbaus von 1937 ist auf die untere Etage gestürzt. Absurd türmen sich die Betonteile übereinander. Dort wo einst sicher ein hübscher Garten war, steht noch eine verrostete Schubkarre. Obwohl das Vorderrad längst weggeschwemmt wurde, wirkt es, als hätte der Gärtner die Karre gerade erst abgestellt. Wäre da nicht dieses Trümmerfeld um uns herum.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Wasser des Lago Epecuén bahnte sich am 10. November 1985 seinen Weg in die Stadt. Nach den wochenlangen Regenfällen hielt der Damm, der die Stadt schützte, den Wassermassen nicht mehr stand. Er brach an mehreren Stellen, so dass das Wasser unaufhaltsam in die Stadt drückte. Einwohner und Touristen mussten fluchtartig die Stadt verlassen – dass niemand zu Tode kam, ist noch heute ein Rätsel. Villa Epecuén versank innerhalb weniger Stunden. Die Fluten konservierten eine blühende Touristenstadt.</p>
<p style="text-align: justify;">27 Jahre später ist davon nichts mehr übrig. Auf den Ruinen blühen die Salzkristalle. Es riecht muffig. Obwohl die Sonne brennt, tragen wir lange Kleidung. Das stehende Gewässer ist ein Paradies für Mücken. Immer wieder müssen wir Pausen einlegen und uns neu mit Mückenspray einnebeln. Dann geht es weiter durch das Trümmerfeld. Die für den Menschen heilende Wirkung des Salzwassers war für die Gebäude der Stadt pures Gift. Das Salz hat sich in den Beton gefressen und ihn porös werden lassen.</p>
<p style="text-align: justify;">Und doch stoßen wir immer wieder auf Spuren der Zivilisation. Inmitten der Ruinen rostet ein Bettgestell vor sich hin. Unter einem toten Baum steckt eine intakte Badewanne im Schlamm fest. Auf einem Betonblock steht ein Kasten unversehrter Cola-Flaschen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Ein Überlebender &#8211; El Matadero</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn uns das Wasser den Weg versperrt, klettern wir über die Ruinen zum nächsten trockenen Platz. Plötzlich stehen wir in einer Hauseinfahrt, in der noch die Sandsäcke liegen. Als hätten die Bewohner erst gestern ihre Vorsichtsmaßnahmen getroffen.</p>
<p style="text-align: justify;">Man erzählt sich, dass einige Einwohner auf die Dächer ihrer Häuser kletterten, um den Rückgang der Fluten abzuwarten. Doch das Wasser wich nicht zurück. Bis zum Frühjahr 1986 stieg der Pegel auf vier Meter. 1993 lagen Teile der Stadt acht bis zehn Meter unter Wasser.</p>
<p style="text-align: justify;">Nur ein einziges Gebäude am Rande der Stadt lag so hoch, dass die Fluten es nie erreichen konnten: el Matadero. Das einstige Schlachthaus ist heute die Heimat unzähliger Taubenkolonien und die perfekte Kulisse für Mutproben. Graffitis zeugen von Ausflügen der örtlichen Jugend hierher. Schon tagsüber wirkt das Gebäude wenig einladend. Wie unheimlich muss es erst nachts sein, wenn die Tauben gurren und das Gebäude nur noch vom Mond angestrahlt wird.Direkt nebenan liegt der alte Campingplatz &#8211; doch nur der verlassene Spielplatz erinnert noch daran, dass hier einst diejenigen Besucher wohnten, die nicht genügend Geld für eines der guten Hotels der Stadt hatten. Ich schubse eine der verwitterten Wippen an. Sie quietscht. Dann legt sich wieder Stille über den Ort.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/das-verlassene-paradies/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>A House in Paradise</title>
		<link>https://www.weltseher.de/house-paradise/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/house-paradise/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Jul 2014 11:00:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kolumbien]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Bogotá]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Nick Jaussi]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Südamerika]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=430</guid>

					<description><![CDATA[Wenn es regnet, versteht man im Haus von Dona Alba das eigene Wort nicht mehr. Das Zinndach verstärkt den Lärm der Regentropfen. Ganz im Süden der Kolumbianischen Hauptstadt Bogotá wohnt sie gemeinsam mit ihrem Mann, zwei Kindern und den Großeltern in einem Armenviertel. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/house-paradise/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>In einem Kolumbianischen Armenviertel: Wenn es regnet, versteht man im Haus von Dona Alba das eigene Wort nicht mehr. Das Zinndach verstärkt den Lärm der Regentropfen und die Kälte dringt auch durch die dickste Decke. Ganz im Süden der Hauptstadt Bogotá wohnt Dona Alba in einer Wellblechhütte. Unter dem löchrigen Dach finden außer ihr noch der Vater, ihr Ehemann, die Mutter, der taube Sohn sowie die Tochter ein Plätzchen zum Schlafen.</strong></p>
</p>
</p>
<p><div class="su-spacer" style="height:1px"></div></p>
<p style="text-align: center;"><em><a href="http://weltseher.de/autoren/nick-jaussi-2/" target="_blank">von Nick Jaussi</a></em></p>
</p>
<div class="videoWrapper"><iframe src="//www.youtube.com/embed/8e4IJtzHGIs" width="1150" height="647" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></div>
<p><div class="su-spacer" style="height:50px"></div></p>
<p style="text-align: justify;">Manchmal bleiben auch die beiden Enkel über Nacht und machen ihre Hausaufgaben an einem wackeligen Tisch im Schlafzimmer. An einem Wochenende im September kamen die Freiwilligen der NGO Techo in das Armenviertel “Paradies”, um der Familie eine würdige Notunterkunft zu bauen. Viele der Freiwilligen sind aus dem reichen Norden der Stadt und studieren an einer der teuren privaten Unis. Trotzdem kommen sie hierher, machen sich schmutzig und bauen an zwei Tagen ein Holzhaus, welches auf Stelzen dem Wasser von oben und unten trotzten soll. Durch die Bauweise kann es besser der Kälte widerstehen und bietet den neuen Bewohnern eine bessere Unterkunft als zuvor. Allerdings ist auch diese gute Tat kein Werk für die Ewigkeit.</p>
</p>
</p>
<p><div class="su-spacer" style="height:50px"></div></p>
<h6 style="text-align: center;"><em>Links zum Artikel:</em><br />
<em><a href="http://www.techo.org/en/" target="_blank">Website der NGO Techo</a></em></h6>
<h6 style="text-align: center;">Wie unser Autor Dona Alba gefunden hat und warum er sich in Kolumbien sicher fühlt, erfährst Du im<br />
<a title="Autoreninterview mit Nick Jaussi" href="http://weltseher.de/autoreninterview-mit-nick-jaussi/"><img class="size-full wp-image-1480 aligncenter" src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2014/06/Siehdiewelt.png" alt="Autoren-Interview" width="200" height="50" data-id="1480" /></a></h6></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/house-paradise/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>2</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
