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	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Mon, 15 Jun 2020 18:54:39 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Peru &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Mit dem Tod in der Cordillera</title>
		<link>https://www.weltseher.de/mit-dem-tod-in-der-cordillera/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 May 2020 08:22:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Peru]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Anden]]></category>
		<category><![CDATA[Berge]]></category>
		<category><![CDATA[Laura Anninger]]></category>
		<category><![CDATA[Reisen]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu Fuss und mit Zelt wanderte unsere Autorin durch die peruanischen Anden. Trotz der beeindruckenden Naturkulisse in viertausend Metern Höhe ist es eine erschütternde Begegnung, die sie nicht mehr los lässt.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/mit-dem-tod-in-der-cordillera/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Zu Fuss und mit Zelt wanderte unsere Autorin durch die peruanischen Anden. Trotz der beeindruckenden Naturkulisse in viertausend Metern Höhe ist es eine erschütternde Begegnung, die sie nicht mehr los lässt.</strong></p>



<p>Die Zahl der Menschen, die uns seit dem ersten Tag begegnet waren, konnte ich an beiden Händen abzählen. Unser Fahrer Nazario war der erste. In seinem Kleinbus, auf dessen Rückbank wir uns die Glieder verrenkten, konnte der kurze Mann aufrecht stehen. Sein grober Wollpullover war viel zu groß für den zierlichen Körper. Sein Gesicht war von der Sonne gegerbt, der Blick klar. Mit der Rechten stützte Nazario sich an der unverkleideten Innenwand ab, während wir uns gemächlich, Steine und Ziegen umkurvend, die Anden hochschraubten. Keine noch so spitze Kurve konnte Nazario überraschen. Er kannte sie alle.</p>



<p>Seit 20 Jahren, sagte Nazario, fuhr er die knapp hundert Kilometer lange Route regelmäßig: Von Cajacay, einem kleinen Dorf in den peruanischen Anden, nach Llamac, ein noch kleineres Dorf und zugleich sein Geburtsort. In Cajacay lud er Touristen ein, und später noch ein paar Waren: etwa die drei Stellagen Inka-Cola und die sechs Packungen Klopapier, die bei jeder Wegbiegung quer durch den Bus rutschten. Unterwegs versilberte Nazario seine Waren wieder an zahlende Käufer. Nur mich und meinen Freund, die einzigen Touristen weit und breit, brachte er gegen ein kleines Trinkgeld weiter nach Cuartelhain. Dann deutete er seiner Rechten vage Richtung Bergkamm. &#8222;No les preocupen&#8220;, sagte Nazario, nur keine Sorge. Er war am Ziel – doch für uns ging die Reise jetzt erst richtig los.</p>



<p>Denn hier startete unser Trek. Nazarios beruhigenden Worten zum Trotz: ein bisschen Sorge hatte ich doch. Unser Weg sollte uns eine Woche durch den Gebirgszug <em>Cordillera Huayhuash</em> führen. Zwischen Kühen, Mulis und Lamas, vorbei an Gletschern und Seen, über Bergkämme auf 4.000 Metern Höhe. Eine wilde Welt. Wir waren Tageswanderungen entfernt von Arztpraxen, Supermärkten und sauberem Trinkwasser. Es war Ende Februar, die Zeit, in der die <em>Cordillera</em> den Einheimischen gehört. Die Zeit, die zu kalt ist, um Touristengruppen in die Berge zu führen. In hundert Kilometer Umkreis waren wir die einzigen Gringos.</p>


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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru.jpg" data-caption="Rechts unten ein Korral, in dem die Einheimischen Rinder zusammentreiben. Gebaut aus dem Material, das es hier im Übermaß gibt: Steine" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-7.jpg" data-caption="Die Cordillera Huayhuash ist 30 Kilometer lang und eine der höchsten Gebirgsketten der Anden" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-6.jpg" data-caption="Der Gletscher des Yerupajá Chico, des kleinen Yerupajá mit seinen 6.089 Metern Höhe" alt=""></div></div>


<p>Am ersten Tag der Wanderung sahen wir nicht viel außer Geröll. Erst am Abend, als die Wolken träge den Gipfel des <em>Rondoy</em>, diesem Koloss von einem Berg, umschwammen, fanden sie uns. Es waren Vater und Sohn. Beide trugen kniehohe Gummistiefel und Jogginghosen. Wir schnauften uns die Anstrengung aus den Gliedern. Als sie sich uns gegenüber setzten, fand ich kaum Luft in meinen Lungen. Doch, so schien es, brauchte man auf diesen Höhen ohnehin kaum Worte.</p>



<p>&#8222;Zum Huayhuash?&#8220;, fragte der Vater auf Spanisch.<br>&#8222;Sí.&#8220;<br>&#8222;Ihr wisst, das ist hin und zurück ein Fussmarsch von sieben Tagen?&#8220;<br>&#8222;Sí.&#8220;<br>&#8222;Ohne Führer?&#8220;<br>&#8222;Sí.&#8220;</p>



<p>Der Vater nickte wissend, während er an uns vorbeisah, den Blick zum Berggipfel gerichtet, hinter dem langsam die Sonne unterging. Er zog einen Block aus der Hosentasche, riss einen Zettel ab, schrieb etwas darauf. Eine Rechnung über 70 Sol Wegegeld, umgerechnet knapp 20 Euro. Die wenigen Einwohner der Communities, denen das Land gehört, verlangen von Besuchern einen Beitrag für die Übernachtung. Ein paar Scheine wechselten den Besitzer. Dann stapften zwei Paar Gummistiefel gemächlich von uns fort durch das feuchte Gras. Irgendwo außer Sichtweite musste ihre Hütte stehen. Jetzt im Herbst, wo kaum Touristen Geld über die Berge tragen, musste das Leben hier so rau sein wie der Wind, dachte ich mir, als ich mich im Zelt in den Schlafsack einmummelte.</p>



<p>Tag zwei führte mir vor Augen, was es heißt, Reisende zu sein. Wir genossen die Weite, die Abgeschiedenheit, die Wildheit der Anden. Bald würden wir in unser bequemes Leben in Österreich zurückkehren. Für die nächsten Menschen, die wir trafen, war diese Wildheit Alltag. Es waren ein Mann und eine Frau, die dieser Natur Tag für Tag ihre Lebensgrundlage abrangen. Er sah uns, als wir bis zu den Waden im warmen Wasser durch das Moor stapften. Die Lagune <em>Carhuacocha</em> war über die Ufer getreten und hatte das flache Talbecken mit einer Wasserschicht überzogen. Dutzende Pferde und Mulis grasten am Ufer, das Wasser störte sie nicht. Der Mann trug robuste Gummistiefel, einen Lederhut und Overall. Er war besser gerüstet als wir, in unseren Wanderstiefeln schmatze das Wasser bei jedem Schritt. Ob es einen trockenen Weg gab? Wir fanden ihn jedenfalls nicht. Der Mann winkte uns zu sich.</p>


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                                Ein Andenbewohner führt uns zu seiner Hütte.
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<p>&#8222;Wollt ihr Forelle?, rief er, &#8222;kommt!&#8220;<br>Forelle klang gut. Ein trockener Ort auch. Und so gingen wir mit.<br>Der Mann führte uns zu seinem Zuhause. Hier, eingebettet zwischen See und Gletscher, standen drei steinerne, reetbedeckte Hütten. Eine war verfallen. Eine war zum Schlafen. Aus ihr kam nun eine Frau mit klaren Augen, Gummistiefeln an den Füßen, der schlanke Körper umspielt von einem bodenlangen Rock. Sie trug vier kleine, schimmernde Forellen in der Hand. Die dritte Hütte war zum Kochen. In diese verschwand die Frau für einige Zeit. Dann kam sie mit zwei Tellern zurück, auf jedem zwei knusprig-braune Forellen und zwei grünlich-schimmernde Kartoffeln. Wir setzten uns auf Pferdedecken unter freiem Himmel. Die braunen, feinen Haare fühlten sich angenehm warm an.</p>



<p>Wir aßen, verscheuchten die kleinen, verfilzten Hunde, die sich die Lefzen leckten. Dabei beobachteten wir den Mann, wie er ein junges Muli einfing. Er band es an einem hölzernen Pflock an und versuchte behutsam, eine der groben Decken auf seinen Rücken zu legen. In ein paar Monaten würde er aus dem Jährling ein Reittier gemacht haben. Die Fische schmeckten herrlich. Die Kartoffeln waren mehlig und trocken. Sie wuchsen hier auf über viertausend Meter Höhe, am gegenüberliegenden Hang standen die Pflänzchen in akkurat angelegten Reihen.</p>



<p>Wir bezahlten unser Mahl mit ein paar Sol, bedankten uns, stapften weiter, durch das Moor, der eisigen Gletscherluft und unserem Lagerplatz entgegen. In der Nacht des zweiten Tages ließ uns der Gletscher keine Ruhe. Jedes Mal, wenn ein Stück Eis knarzte, dann in die Tiefe stürzte, und im Wasser der Lagune aufschlug, schien es mir, als passiere dies eine Handbreit von meinem Ohr entfernt. Der Mensch, so heißt es, gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Aber auch an die Gefahr, an die Naturgewalten, an die Wucht eines Gletschersturzes? Als ich da so lag, nur von der durchfeuchteten Zeltwand von den Naturgewalten abgeschirmt, kamen mir diese Überlegungen wie Wunschdenken vor.</p>



<p>Am Morgen des dritten Tages hallten die Gletscherstürze in meinen Hirnwindungen nach. Der Regen trommelte, vom Zeltdach tropfte Wasser auf unsere Schlafsäcke. Wir stiegen in unsere klamme Kleidung, packten das Zelt ein und machten uns auf den Weg. Am dritten Tag wartete der <em>Paso Siula</em>, mit seinen 4.890 Metern darauf, überwunden zu werden. Wir kämpften uns die Schottermassen hinauf. Jeder Meter eine kleine Überwindung, bei jedem Schritt das Schmatzen der nassen Socken in den feuchten Stiefeln. Kaum war das Zelt am Lagerplatz aufgestellt, verschanzten wir uns. Tag drei bestand nur aus dem Prasseln des Regens und uns im Zelt.</p>


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                                Tag drei verbringen wir im Zelt, nur ein Hund leistet uns Gesellschaft.
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<p>Heute ist Tag vier.<br>Die Berge um mich sind in unwirkliches Licht getaucht. Ein Zauber in dieser wilden, rauen Welt. Er schafft es nicht, meine Stimmung zu heben. Obwohl er prachtvoll begann, ist Tag vier ein Trauertag.</p>



<p>Als die Sonne auf zwölf Uhr stand, hatten wir schon den ersten Pass erklommen. Wir belohnten uns mit Nüssen und trockenen Müsliriegeln. Die Natur belohnte uns mit Sonne und der Unwirklichkeit der peruanischen Anden. Mir saß die Vorfreude im Bauch. Es war warm. Heute würden wir das Zelt neben heißen Quellen aufschlagen. Das erste Mal seit fünf Tagen würden wir uns waschen können. Diese Vorstellung allein war eine Verheißung.</p>



<p>Als wir die Plastikverpackungen der Müsliriegel in unsere Hosentaschen stopften, überholten sie uns. Eine Familie auf einem braunen, muskulösen Wallach. Am Rücken der Frau, in einem bunt gestreiften, groben Tragetuch, abgeschirmt vom Wind, hing ein vierjähriges Mädchen. Seine Backen rot, die Pupillen vor Neugierde geweitet. Die Mutter wendete ihren Blick schüchtern gegen Boden. Der Mann strahlte uns an.</p>


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                                Eine einsame Hütte am Wegesrand.
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<p>„Woher seid ihr?“, fragte der Vater gleich auf Spanisch.<br>„Austria.“<br>„Oh, Australia“, er nickte. Die Länder klingen auf Spanisch sehr ähnlich.<br>„No, Austria.“<br>„Ah, Austria!“ Er lächelte das höfliche Lächeln der Uneingeweihten.<br>„Al lado de Alemania“, half ich: neben Deutschland.<br>„Ah, Alemania!“<br>Er nickte zufrieden. Deutschland, schien es, kannte man auch hier.<br>„A las aguas calientes?“, fragte er, ob wir zu den heißen Quellen gingen.<br>„Sí.“</p>



<p>Der Mann lächelte. Sonntags, so schien es, hatten nicht nur wir, sondern auch die Einheimischen gute Laune. Sonntag war Waschtag. Die Familie ritt zu den heißen Quellen. Wir brauchten länger. Zu Fuss über sumpfige Inseln aus giftgrünem Moos wanderten wir dem <em>Lago Viconga</em> entgegen. Als der See am Horizont auftauchte, diese stechend blaue Fläche, mutete er fast wie eine Fata Morgana an. Hier aus dem Nirgendwo entsprang also das Wasser, das in der Millionenmetropole Lima in die Duschwannen fließt. Am flachen Ufer des Sees graste eine Lamaherde. Weiße flauschige Jungtiere lagen träge im Gras. Hinter ihnen wuchsen die Berge in den Himmel. Die Sonne erhellte das Gletschereis. Das Weiß stach in den Augen. Das war Peru, wie man es aus Reisekatalogen kennt. Eine Postkartenidylle.</p>


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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-9.jpg" data-caption="Hier leben Lamas in der Umgebung, für die sie gezüchtet wurden" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-8.jpg" data-caption="Der Lago Viconga ist einer der Wasserreservoirs für die 9-Millionen-Metropole Lima." alt=""></div></div>


<p>Entzückt trottete ich den schmalen Pfad neben der Lagune entlang. Das Hundebellen in der Ferne war zu vernachlässigen. Das Huftrappfeln hinter uns, das unvermittelt lauter wurde, zwang uns zu handeln. Wir sprangen zur Seite, den Hang hinauf. Sekunden später trabten sie vorbei. Ein Junge, kaum zehn Jahre alt, saß ohne Sattel auf dem Rücken eines braunen Pferds. Das Tier schnaufte durch die Nüstern. Der Junge stieß das atemlose Schluchzen eines Kindes aus seiner Kehle. Mit den ledernen Zügelenden holte er aus, und ließ sie mit der Kraft eines Halbstarken auf sein Tier nieder. Ein Luftzug, ein Schluchzen, dann waren die beiden vorbei.</p>



<p>&#8222;Que pasó?&#8220;, rief ich hinterher, irgendwas schlimmes musste passiert sein.<br>&#8222;Muerto!&#8220;, presste der Junge hervor, ohne zu erklären, was er mit &#8222;tot&#8220; meinte. Dann verschwanden Pferd und Reiter im Stechtrab aus unserem Blickfeld. Minuten später, wir begannen den Abstieg ins Tal, sahen wir sie wieder. Das Pferd stand auf einem Felsvorsprung. Der Junge zusammengesunken auf seinem Rücken. Sein Schluchzen war lauter. Wir näherten uns langsam.<br>&#8222;Hola niño, que pasó?&#8220;, erkundigte ich mich erneut.<br>Geräuschvoll schluchzte der Junge auf.<br>&#8222;Te podemos ayudar?&#8220; Können wir dir helfen?<br>Der Junge atmete hektisch. Ich stellte mich an die Flanke des Pferdes und strich über das seidige Fell.<br>Schließlich sagte er: &#8222;Mi…papa…esta muerto&#8230;&#8220;,<br>presste er unter zwei kurzen Atemzügen hervor.</p>



<p>Seine Augen waren rot, die Backen noch röter. Da war viel Staub in seinem kleinen Gesicht. Die schweren Tränen hatten ihn zur Seite gespült und konturlose Flecken freigewaschen. Sie zogen sich von den Augenhöhlen bis unters Kinn. Bei jedem Atemzug vibrierte der zierliche Körper. Ich fühlte ein Zittern unter meiner Hand, als ich über seinen Rücken strich. Was sollte ich sonst tun?<br>Sein Vater sei tot, hatte er gesagt.<br>Auch die schwarze Trainingsjacke war von einer Schicht dünnen Staubes überzogen. Wie reagierte man auf das Leid eines anderen? Hilflos strich ich weiter. Den Hals des Pferdes, den Rücken des Jungen entlang. Das Schluchzen, es wurde kaum leiser.<br>&#8222;No pasa nada&#8220;, sagte ich hilflos. Es sei doch nichts passiert.<br>Was für eine leere, dumme Aussage. Die Worte einer Unwissenden. Dieses Kind fühlte das genaue Gegenteil. Hier in der Abgeschiedenheit der <em>Corriela Huayhuash</em>, in dieser rauen, unwegsamen Welt, hier wo man jedes seiner Tiere mit Argusaugen hüten und dem Boden ein bisschen Fruchtbarkeit abringen muss, war es gerade erst passiert. Hier war ein Vater gestorben. Ein Vorbild. Ein Ernährer. Einer, der unersetzlich ist.</p>



<p>&#8222;Wohin gehst du?&#8220;, fragte ich den Jungen.<br>&#8222;Zu meinem Onkel&#8220;, schluchzte er.<br>&#8222;Wir begleiten dich, in Ordnung? Wo ist dein Onkel?&#8220;<br>Mit aller Kraft zeigte der Junge ins Tal. Sein zitternder Finger deutet auf einen blauen Punkt. Wie versteinert standen wir neben dem Jungen und seinem Pferd und sahen dem Punkt zu, wie er größer wurde. Mit großen Schritten kämpfte sich da jemand den steinigen Hang hinauf. Dann stürzte ein schlanker Mann in Trainingshosen auf uns zu.<br>&#8222;Que pasó?&#8220;, brüllte der Onkel. &#8222;Esta muerto!&#8220;, schluchzte sein Neffe.<br>Das Pferd schien verstanden zu haben. Es machte keinen Schritt von der Stelle. Auch nicht, als der Onkel die Arme um den Jungen schlang und aus seiner Kehle pure Verzweiflung drang. Eine Tonne Schmerz komprimiert in einem Laut. Ich wandte den Blick ab. Tränen verschwammen vor meinen Augen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war nutzlos, ich war starr, ich war Geröll. Der Mann schwang sich auf den Pferderücken, den Jungen vor sich, in der Hand die Zügelenden, die er auf die Pferdeflanken niederließ. Dann waren sie fort.</p>



<p>Mechanisch setzte ich einen Schritt vor den anderen, stieg ins Tal ab. Mich überrollte das menschlichste, doch vielleicht das sinnloseste aller menschlichen Gefühle: Mitleid. Was sollten wir schon tun? Der Boden verschwamm vor meinem Blick. Die beiden Gestalten, die uns entgegen den Berg hinaufstürzten bemerke ich erst, als sie schon fast vor mir standen. Ich sah in das Gesicht einer stämmigen Frau mit schweren schwarzen Zöpfen. In ihren Augen standen Tränen. In meinen auch. Sie verstand. Dann rannte sie weiter. Zur Totenwache?</p>



<p>Tag vier ist bald vorbei. Unweit von hier, in einer spartanischen, steinernen Hütte wütet die Trauer und reißt der Tod Löcher in Existenzen. Ich bewege meine Füße durch das warme Thermalwasser. Algenpartikel spielen um meine Zehen. Das kitzelt, aber angenehm. Die Sonne verschwindet hinter dem Gletscher. Das ist schön. Es zu genießen fühlt sich zynisch an. Heute ist Tag vier. Wir sind hier bald wieder weg. Woran der Vater des Jungen gestorben ist, werde ich nicht erfahren. Zu fragen, schien mir pietätlos. Sicher ist nur: Das harte Leben in der <em>Cordiellra Huayhuash</em> geht weiter.</p>
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		<title>Fest des Schneesterns</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jun 2015 05:16:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Peru]]></category>
		<category><![CDATA[Andreas Schmidt]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Cusco]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Qoyllur Riti]]></category>
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					<description><![CDATA[Jedes Jahr kurz vor Fronleichnam findet im peruanischen Hochgebirge eine der größten Pilgerwanderungen Südamerikas statt. Mehr als 100.000 Gläubige kommen dabei zusammen und besteigen einen Gletscher, um Jesus und die Naturgötter zu ehren. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/fest-des-schneesterns/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Jedes Jahr kurz vor Fronleichnam findet im peruanischen Hochgebirge eine der größten Pilgerwanderungen Südamerikas statt. Mehr als 100.000 Gläubige kommen dabei zusammen und besteigen einen Gletscher, um Jesus und die Naturgötter zu ehren.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Ein letzter steiler, schweißtreibender Anstieg, und ich erreiche das Höhenplateau auf gut 5000 Meter Höhe. Nur langsam beruhigt sich mein Puls, und ich beobachte die berauschend schöne, vollkommen fremde Welt. Vor der spektakulären Bergkulisse steigen die ersten Pilger in ihren leuchtend roten Festtagstrachten auf den grellweißen Gletscher.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Schlepptau, mit Seilen abgesichert, transportieren sie ihre hölzerne Reliquie. Vor dem aufgestellten Kreuz senken sie andächtig die Köpfe und verharren einige Sekunden in stillem Gebet. Gebannt verfolge ich das Schauspiel.</p>
<p style="text-align: justify;">Bereits zwei Tage zuvor beginnt für mich dieses Abenteuer Qoyllur Riti in Cusco. Buskolonnen stehen im Ort bereit, um die vielen Pilger ins vier Stunden entfernte Mahuayani zu bringen, den Startpunkt der Wanderung.</p>
<p style="text-align: justify;">Einem Lindwurm gleich ziehen dort Scharen schwer bepackter, in farbenfrohen Festtagstrachten gekleideter Pilger musizierend in Richtung Kapelle, wo der Legende nach 1780 einem Schäferjungen das Christuskind erschien. Auf dem Grabstein des Jungen soll eine Christusabbildung zum Vorschein gekommen sein, die alsQoyllur Riti, quechua für „Schneestern“, bekannt wurde.</p>
<p><div id="aesop-gallery-4722-3"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4722" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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<h2 style="text-align: justify;"><strong>Christentum und Naturgötter in Eintracht  </strong></h2>
<p style="text-align: justify;">An den unzähligen Wegkreuzen entlang der 10 km langen Strecke halten die Pilger zur Andacht inne. Als endlich der Gipfel des 5400 Meter hohen Nevado Cinajara in Sicht kommt, opfern sie Kokablätter, um die Apus, die Berggeister, gnädig zu stimmen. Im Nebeneinander mit dem Christentum haben die Berge – als Brücke zwischen Menschen und Göttern – und die Mutter Erde, die Pachamama, ihren hohen Symbolwert behalten.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach gut vier Stunden erreiche ich das Ziel auf 4600 Meter Höhe. Umgeben von der majestätischen Bergwelt steht die Kapelle auf einer kargen, lediglich mit Ichu-Grasbüscheln bedeckten Hochebene, auf der bereits Unmengen von Ständen und Zelten aufgebaut sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich schlendere über das Festgelände und beobachte fasziniert, was um mich herum geschieht: die maskierten Tanzgruppen, die eine nach der anderen auf dem Vorplatz der Kapelle aufmarschieren; die Frauen, die in den notdürftig mit Plastikplanen abgedeckten, dampfenden Garküchen „pfutti“, eine kräftige Suppe aus Alpaccafleisch und gefriergetrockneten Kartoffeln, zubereiten; und die Gläubigen, die fünf Stunden lang Schlange stehen, um am Schrein des verstorbenen Hirtenjungen Mariano Kerzen anzuzünden.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Bei 15 Grad unter Null</h2>
<p style="text-align: justify;">Mitten im Trubel sorgen die Ucucus, mythische Kreaturen halb Mensch halb Bär – in Wirklichkeit Menschen in zottigen Bärenkostümen –, mit schrillen Pfeiftönen, notfalls auch mit sanften Hieben ihrer aus Lamaleder geflochtenen Peitsche für Ordnung. Die Chunchos, Tänzer aus der Amazonasregion, die sich als direkte Nachfahren der Inkas bezeichnen, ragen mit ihrem farbenprächtigen Ara-Federschmuck aus der Menge hervor.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Quellos, aus dem Aymara-Sprachraum, fallen hingegen durch Stoff-Lamas auf, die sich auf ihrem Rücken tänzelnd auf und ab bewegen. Mehr als 100 verschiedene Tänze werden bei Qoyllur Riti aufgeführt, wobei sich anhand der Kostüme und der Tanzstile erkennen lässt, aus welcher Region die Gruppen stammen.   Nur langsam löse ich mich von der Magie dieses Ortes und stelle mein Zelt am Rande des bunten Treibens auf. An Schlaf ist allerdings kaum zu denken. Trotz Ohrenstöpsel sind die Gesänge und das rhythmische Trommeln auch mitten in der Nacht noch ohrenbetäubend laut.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Thermometer wird auf 15 Grad unter Null fallen, so kalt, dass das Wasser in meinen Trinkflaschen zu Eis gefriert. Trotz der klirrenden Kälte verbringen viele Pilger die Nacht unter freiem Himmel, eingehüllt in Plastikplanen und Decken. Einige schlafen überhaupt nicht; tanzend und musizierend, von Kokablättern und selbst gebranntem Zuckerrohrschnaps gestärkt, kämpfen sie gegen die Erschöpfung und den Schlafentzug an.Manche kommen sogar ganze drei Tage lang ohne jeden Schlaf aus.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kreuz gegen Apus</h2>
<p style="text-align: justify;">Dieses freiwillige Martyrium fordert jedoch auch Opfer: Jedes Jahr erfrieren Pilger oder sterben an Erschöpfung.   Unter strahlendem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel verlasse ich am nächsten Morgen mit den anderen Pilgern den Zeltplatz. Das gefrorene Gras knirscht unter meinen nach der Nacht noch schwerfälligen Schritten.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Prozession auf den Sincara-Gletscher ist einer der Höhepunkte des Festes. Verkleidete Tänzer, die Pabluchas, tragen hölzerne Kreuze auf den heiligen Gletscher und widmen sich während der gesamten Nacht rituellen Zeremonien. Erst nach dem Sonnenaufgang am folgenden Morgen steigen sie feierlich zur Kapelle hinab. Insgesamt acht „naciones“, Provinzen aus der Region Cusco, schicken ihre Delegationen auf den Gletscher.</p>
<p style="text-align: justify;">Der christlichen Symbolik des Kreuzes steht dabei der Glaube an die Apus gegenüber. Bereits inpräkolumbianischer Zeit wurden Berggipfel und Gletscher als heilige Orte verehrt,wo versucht wurde, mit den Geistern in Kontakt zu treten und sie mittels Opfergaben um reiche Ernten und gutes Wetter zu bitten. Die Gebräuche dieser archaischen Religion haben sich bei den andinen Bergvölkern bis heute erhalten und nach Ankunft der Spanier mit christlichen Elementen vermischt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Heiliges Gletscherwasser vom Berg</h2>
<p style="text-align: justify;">Ein lang gezogener dumpfer Klang ertönt: Pututus, als Blasinstrumente umfunktionierte große weiße Muscheln, die bereits zu Inkazeiten als Kommunikationsmittel verwendet wurden, rufen traditionell zum Aufbruch der Prozession.</p>
<p style="text-align: justify;">Angeführt von einer schwarz-rot gekleideten, wild musizierenden Pilgerkolonne aus Acomayo folge ich dem serpentinenartigen Geröllweg, dem Höhenplateau entgegen. Wanderer, beladen mit Kanistern voller Gletscherwasser und riesigen Eisstücken – der Glaube an die gesundheitsfördernde Wirkung des heiligen Gletscherwassers ist weit verbreitet – kommen uns auf dem schmalen Weg entgegen. Allmählich wird der Pfad steiler und das Atmen fällt schwerer.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit vor Anstrengung verzerrten Gesichtern quälen sich die beiden Kreuzträger mit ihrer schweren Last auf dem holprigen Zickzack-Weg keuchend vorwärts. Die Ehre, die ihnen mit dieser Aufgabe zuteil wird, ist ihnen dennoch deutlich anzusehen. Die Männer wurden von den Mitgliedern ihrer Gemeinschaft für dieses ruhmreiche Unterfangen ausgewählt, aufgeben kommt für sie nicht infrage.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kreuz auf dem Gletscher</h2>
<p style="text-align: justify;">Dann beginnt es zu regnen, der Pfad verwandelt sich innerhalb kürzester Zeit in eine Schlammpiste. Mehrfach rutschen wir ab und können uns gerade noch auf den Beinen halten. Der Weg über die glitschige, lose Geröllmasse erfordert unsere ganze Konzentration. Das Geräusch entfernter Steinschläge hinterlässt zudem ein mulmiges Gefühl. Endlich erreichen wir den Gletscher.</p>
<p style="text-align: justify;">Dort stehen Angehörige der Bergwacht bereit, um den Transport des Kreuzes auf den Gletscher mit Seilen abzusichern. Mühevoll arbeiten sich drei Pilger, das grüne Kreuz mit dem Christusemblem auf den Schultern, beim Anstieg über das Eis empor. Mit bangen Blicken und in absoluter Stille verfolgen die übrigen Gläubigen das gefährliche Manöver am Fuß des Gletschers.</p>
<p style="text-align: justify;">Die andächtige Atmosphäre wird plötzlich durch laute Trommelschläge unterbrochen. Die nächste Prozession rückt bereits Richtung Gletscher vor, diesmal eine ganz in Gelb gekleidete Pilgerschar aus Antar. Einer nach dem anderen zieht sich mithilfe des Seiles aufs Eis. Am höchsten Punkt des Gletschers stellen sie das Kreuz auf, verankern es im Schnee und formieren sich im Halbkreis um die Reliquie.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wünsche für ein paar Soles</h2>
<p style="text-align: justify;">Als wäre dieser Anblick nicht schon unwirklich genug, kommt trotz des Regens die Sonne zum Vorschein und lässt die Szenerie im grellen Gegenlichterstrahlen.  In einigen Metern Entfernung talabwärts wird dieselbe Zeremonie vorbereitet. Beide Gruppen werden bei zweistelligen Minustemperaturen auf gut 5000 Meter Höhe die Nacht verbringen, um den Berggottheiten so nahe wie möglich zu sein.</p>
<p style="text-align: justify;">Ermattet begleite ich einige Pilger zurück zur Kapelle, wo bereits das nächste Highlight wartet. Qoyllur Riti, das „Fest der Wünsche, ist in vollem Gange. Die Gläubigen stellen kleine Spielzeugautos und Mini-Plastikhäuser in die aus Stein nachgebildeten Altäre oder klemmen ganze Bündel Papiergeld unter die Mauern. Mit einem Kinderspiel hat dieser Brauch allerdings nichts zu tun, vielmehr symbolisieren diese Miniaturausgaben die sehnlichsten Wünsche der Pilger.</p>
<p style="text-align: justify;">Seine „Wünsche“ muss man allerdings nicht den Berg hinaufschleppen. Bei den Händlern ist alles, was das Herz begehrt, erhältlich: „Dreißigtausend Dollar für 5 Soles, dreißigtausend Dollar für 5 Soles“, brüllt ein Verkäufer in das Menschengewühl, „zwei Häuser zum Preis von einem“ ein anderer. Häuser, Lastwagen, Spielgeld verschiedener Währungen, Universitätsabschlüsse jeglicher Fachrichtung, Heiratsurkunden und natürlich das in Peru als Glückssymbol geltende Gürteltier werden von den Verkäufern angepriesen. Ich esse noch ein paar Anticuchos, Rinderherz-Fleischspieße, und lege mich völlig erschöpft ins Zelt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Coca-Tee und eine Parade</h2>
<p style="text-align: justify;">Am nächsten Morgen – nach einem aufputschenden Coca-Tee – beobachte ich von einer Anhöhe aus die Rückkehr der Gruppen vom Gletscher. Kaum habe ich meinen „Logenplatz“ eingenommen, öffnet sich der Vorhang und macht die Bühne frei für ein neuerliches Spektakel. Von der tief stehenden Morgensonne ins Rampenlicht gerückt, marschieren die Pabluchas in Reih und Glied – einer Militärparade gleich – den Berg hinunter.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Erschöpfung, aber auch der Stolz ist in ihren Gesichtern deutlich zu lesen. Im Tal werden sie bereits von einer applaudierenden und tanzenden Menschenansammlung erwartet. Feierlich werden die Kreuze wieder an ihren Platz gebracht, dicht gedrängt stehen Hunderte Gläubige auf dem Kapellenvorplatz, um dem Schauspiel beizuwohnen.  Auf dem Rückweg nach Cusco lasse ich die Qualen und Freuden der letzten Tage noch einmal Revue passieren. Trotz der Strapazen blicke ich mit Wehmut auf das „Fest des Schneesterns“ zurück.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Bei Qoyllur Riti, dem „Fest des Schneesterns“, verschmelzen uraltes andines Brauchtum und christliche Traditionen miteinander. Nicht umsonst wurde die Pilgerreise im Jahr 2011 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.</em></p>
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