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	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Sun, 10 Jan 2016 22:28:44 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Osteuropa &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Flucht als Dauerzustand</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Sep 2015 06:28:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgerkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
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		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
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					<description><![CDATA[Anderthalb Jahre nach Ausbruch des ukrainischen Bürgerkrieges sitzen noch immer 1,4 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land fest. Eine Reise in die Donbass-Stadt Kramatorsk am Rande der Front.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/flucht-als-dauerzustand/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Anderthalb Jahre nach Ausbruch des ukrainischen Bürgerkrieges sitzen noch immer 1,4 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land fest. Eine Reise in die Donbass-Stadt Kramatorsk am Rande der Front.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es sei doch nur Feuerwerk, logen die Eltern, als Granaten hinter dem Zug einschlugen. In der sprichwörtlich letzten Minute war Familie Tratschuk den Kämpfen um Luhansk entkommen. Alles hatte schnell gehen müssen. Rasch noch von den Nachbarn verabschieden, die trotz der Gefahr bleiben wollten. Würden sie auf die beiden Katzen und die Schildkröte aufpassen? Danke und passt auf euch auf!, fielen sie sich beim Abschied in die Arme. Dann schnell zum Bahnhof, den Zug nach Kiew erwischen. Die Zwillinge schrien. Veronika und Viktoria, acht Jahre alt, leiden unter frühkindlichem Autismus. Im Gleichklang schlugen sie panisch die Hände über dem Kopf zusammen – wie immer, wenn eine Kleinigkeit von ihrer täglichen Routine abwich, etwa eine neue Jacke. Bei der Flucht vor Granatangriffen wirkte die Geste seltsam untertrieben.</p>
<p style="text-align: justify;">„Feuerwerk kennen sie und der Gedanke hat sie beruhigt“, sagt Mutter Julia, die die Geschichte in der Sicherheit des Caritas-Büros in Kiew erzählt, wo die Familie psychologisch betreut wird. Kuscheltiere und bunte Stifte für die Maltherapie liegen herum. Seit jenem Julitag im vergangenen Jahr leben die Tratschuks bei Verwandten in der 800 Kilometer entfernten Hauptstadt der Ukraine.</p>
<h2 style="text-align: justify;">2,3 Millionen auf der Flucht</h2>
<p style="text-align: justify;">Sie sind mit ihrem Schicksal nicht allein. Nach <a href="http://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/ocha_ukraine_situation_update_number_7_14_august_2015.pdf" target="_blank">Angaben der Vereinten Nationen</a> mussten rund 2,3 Millionen Menschen wegen der Kämpfe zwischen ukrainischen Regierungstruppen und pro-russischen Separatisten das Donbass verlassen. 925.000 gingen ins Ausland, 1,4 Millionen blieben in der Ukraine. Viele haben Unterschlupf bei Verwandten oder Freunden in sicheren Teilen des Landes gefunden. Die meisten aber harren am Rande der Konflikzone aus. Bald würde wieder Frieden sein, hatten viele gehofft. Doch inzwischen sind schon 19 Monate vergangen. Die Waffenruhe ist brüchig. Immer wieder kommt es zu Gefechten. Eine politische Lösung ist nicht in Sicht.</p>
<p style="text-align: justify;">An das ferne Echo von Gewehrfeuer hat man sich auch in Kramatorsk gewöhnt, einer 160.000-Einwohner-Stadt direkt an der Frontlinie. Wie graue Riesen erheben sich die Umrisse von Plattenbauten in die Dunkelheit, ihre Fenster hängen wie grimmige Augen über den Straßen. Wir befinden uns hier noch auf ukrainischem Gebiet. Aber keine 80 Kilometer südlich thronen schon die ebenso grauen Plattenbauten der &#8222;Volksrepublik Donezk&#8220;. Und 130 Kilometer östlich die der &#8222;Volksrepublik Luhansk&#8220;. Es spielt keine Rolle, dass kein Staat der Welt die selbsternannten Republiken der Separatisten anerkennt. In der umkämpften Donbass-Region zählt nur die durch Waffengewalt geschaffene Realität.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-13.jpg" data-caption="Ukrainische Sprengstoff-Experten entschärfen Blindgänger nach Gefechten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-10.jpg" data-caption="Dieses Haus bei Slowjansk ist zerbombt und das Garagentor von Kugeln durchlöchert." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-9.jpg" data-caption="Ein Haus bei Slowjansk nach Gefechten zwischen Separatisten und ukrainischer Armee." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-11.jpg" data-caption="Durch Blindgänger sterben auch lange nach Ende der Gefechte noch Menschen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-14.jpg" data-caption="Familie Tratschuk mit den autistischen Zwillingen in der Sicherheit des Kiewer Caritas-Büros." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-15.jpg" data-caption="Viktoria leidet wie ihre Zwillingsschwester Veronika an frühkindlichem Autismus. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-6.jpg" data-caption="Lilja und drei ihrer sieben Kinder in der Flüchtlingsunterkunft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg" data-caption="Priester Wasyl Iwanjuk rast in seinem roten Lada durch die Stadt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-4.jpg" data-caption="Natalia übt täglich mit ihrer Geige." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-16.jpg" data-caption="Eine Spielzeugpuppe in einer Flüchtlingsunterkunft in Kiew." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-8.jpg" data-caption="Ein zerstörtes Haus bei Slowjansk." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Markus Huth</p></div>
<h2 style="text-align: justify;">Der Soldaten-Priester</h2>
<p style="text-align: justify;">Das begreift auch der Mann am Steuer des roten Ladas, der durch die Straßen von Kramatorsk rast, als wolle er einer Gewehrkugel entkommen. Priester Wasyl Iwanjuk koordiniert für die Caritas die Flüchtlingshilfe vor Ort. Bei jedem Schlagloch stößt sein samtroter Klerikerhut fast an die Decke. Trotzdem nimmt der Priester den Fuß nicht vom Gaspedal. Auch den Gurt legt er nie an. „Langsame Ziele sind leichter zu treffen und unangeschnallt komme ich aus einem brennenden Fahrzeug besser raus“, sagt Iwanjuk. Der 48-Jährige weiß, wovon er spricht. Denn bevor er ein Mann Gottes in der ukrainisch griechisch-orthodxen Kirche wurde, war er Oberstleutnant in der Roten Armee gewesen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vielleicht geriet er deshalb nicht in Panik, als ihn Separatisten an einem Checkpoint aus dem Auto zerrten und mit vorgehaltener Waffe mit dem Tod bedrohten. Weil er Katholik sei und aus dem westukrainischen Lwiw stamme, hätten die pro-russischen Kämpfer ihn als „ukrainischen Nationalisten“ erschießen wollen, erinnert sich Iwanjuk.</p>
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                               title="Priester Wasyl Iwanjuk">
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                                Priester Wasyl Iwanjuk
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<h2 style="text-align: justify;">„Wer mehr geleistet hat, soll mich erschießen“</h2>
<p style="text-align: justify;">Er habe in die Gewehrläufe erwidert, dass er seit 23 Jahren im Donbass lebt, hier sechs Kirchen gegründet, vier Kinder großgezogen und zwei Häuser gebaut hat. Und forderte schließlich: „Wer mehr geleistet hat, soll mich erschießen.“ Daraufhin hätten die verdutzten Kämpfer ihn ziehen lassen. Natürlich hat er ihnen verschwiegen, dass einer seiner Söhne für die ukrainische Armee an der Front kämpft. Und dass er diesen regelmäßig dort besucht und seine Einheit vor Einsätzen segnet. Ihren Kampf hält Iwanjuk für gerecht, weil sie ihre Heimat verteidigen. Den Krieg in ein fremdes Land zu tragen, sei hingegen Sünde.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Wir sind da&#8220;, sagt Iwanjuk, biegt links ab und parkt in einem finsteren Hof, umstellt von Plattenbau-Riesen, die nun weniger bedrohlich, als schützend wirken. Hier hat der Priester eine der vielen Familien untergebracht, die vor dem Bürgerkrieg geflüchtet sind. Widerwillig rumpelt der klapprige Fahrstuhl in den vierten Stock. Was beim Bau der Hochhäuser in den 70er-Jahren noch neueste Technik war, wirkt heute wie ein archäologisches Artefakt. Ostukraine, Westukraine, Russland: damals nur nebensächliche Etiketten. Alle waren Sowjets. Vom ukrainischen Lwiw im Westen bis ins russische Wladiwostok im Osten erstreckte sich die Sowjetunion, mit über 22 Millionen Quadratkilometern eines der größten Staatsgebiete, die die Welt je gesehen hat. Und die sowjetische Propaganda feierte die kohlereiche Donbass-Region als ihr industrielles Herz.</p>
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                               title="Lilja und ihre beiden jüngsten Kinder">
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                                Lilja und ihre beiden jüngsten Kinder
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<p style="text-align: justify;">Diese stolze Zeit des Donbass kennt die Frau, die nun die Tür öffnet, nur noch aus den Geschichten der Eltern. Grau ist Liljas Haut, grau das Kopftuch, das die dunkelblonden Haare zusammenhält, grau auch der Pullover. Sie sieht älter aus als die 34 Jahre, die sie ist. So als hätten die Strapazen der vergangenen Monate ihr die Farbe entzogen. Als die Sowjetunion in einzelne Teilstaaten zerfiel, war Lilja zehn Jahre alt. Und in der neuen Ukraine feierte niemand mehr das Donbass. Stattdessen wurde es zum Inbegriff für Misswirtschaft, Massenentlassungen und Perspektivlosigkeit.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Bomben im Oktober</h2>
<p style="text-align: justify;">Lilja kann ihre Landsleute in den Separatisten-Gebieten verstehen, die wieder auf bessere Zeiten für das Donbass an der Seite Russlands hoffen. Ihr Mann schlug sich im Heimatdorf Makijiwka als selbstständiger Metallhändler durch. Sie kümmerte sich um den Haushalt und die sieben Kinder. „Wir hatten nicht viel zum Leben, aber es hat gereicht. Wir wollten nicht gehen“, sagt sie. Doch dann schlugen im Oktober Bomben ein. Weil sie in der Nähe des Donezker Flughafens wohnten, sei ihr Dorf ins Visier der ukrainischen Artillerie geraten. Ein Bekannter fuhr die Familie nach Kramatorsk. Am Ende fühlte sie sich der Ukraine dann doch näher als Russland.</p>
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<p style="text-align: justify;">Und während Lilja die Geschichte ihrer Flucht erzählt, erklingt aus dem Nebenzimmer Geigenmusik. Die fünfzehnjährige Tochter Natalia ist froh, dass sie das Instrument aus dem Elternhaus retten konnte. So wie ihre Schwester das Cello. „Das Piano mussten wir leider zurücklassen. Die Kinder sind alle sehr musikalisch und üben täglich“, sagt die Mutter stolz. Auf dem Arm hält sie das jüngste ihrer sieben Kinder. Kurz bevor es geboren wurde, war der Bürgerkrieg ausgebrochen. „Bevor das alles passiert ist“, sagt sie, „dachte ich, dass Ukrainer und Russen Brüder und Schwestern sind. Ich wünsche mir einfach nur Frieden.“</p>
<p style="text-align: justify;">„Was ist mit dem Licht im Schlafzimmer los?“, fragt der Priester. Es gehe schon eine Weile nicht mehr, antwortet Lilja. Es ist eng in der Zweizimmerwohnung, es gibt nur wenige Möbel, im Schlafzimmer liegt eine Matratze auf dem Boden. Iwanjuk macht eine Notiz, verabschiedet sich und eilt, begleitet von Natalias Geigenmusik, hinunter zum roten Lada. Er sagt, dass es inzwischen 40.000 Flüchtlinge in Kramatorsk gebe, das nur viermal mehr Einwohner hat. Die Mittel reichten aber nur für gut 1.500 Bedürftige.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Geringe Spendenbereitschaft</h2>
<p style="text-align: justify;">Zurück in Kiew räumt der ukrainische Caritas-Präsident, Andrij Waskowycz, ein: „Wir sind vom Ausmaß der humanitären Krise überrascht worden“. Der Mann mit der dezenten Brille, im dunklen Anzug, gescheiteltes, weißes Haar, wirkt wie ein Professor und sitzt in einem Restaurant, in dem die Kellner westukrainische Trachten tragen. Um die Ecke liegt der Majdan, jener zentrale Platz, wo alles begann: die Unruhen oder der Freiheitskampf, je nach Perspektive. Waskowycz sagt, das Hilfsbudget von zwei Millionen Euro, größtenteils finanziert vom deutschen Staat, reiche hinten und vorne nicht. Die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung sei gering, auch in Deutschland. Andere Hilfsorganisationen klagen ebenfalls über zu wenig Mittel. 316 Millionen Dollar brauchen die Vereinten Nationen von den Mitgliedsstaaten für die Hilfe in der Ukraine, nur gut ein Drittel davon haben sie erhalten. Am dringendsten ist die Lage laut UN-Helfern vor Ort innerhalb der Separatisten-Gebiete, wo die medizinische Versorgung teilweise zusammengebrochen sei.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Grund für die Spendenunwilligkeit sind die fehlenden Bilder der Not. Denn trotz des Flüchtlingsansturms werden die ukrainischen Städte nicht von Obdachlosen oder hungernden Bettlern überflutet. Die ukrainische Zivilgesellschaft, meint Waskowycz, sei stark und habe die größte Not zunächst aufgefangen. Die Weltöffentlichkeit nehme den Konflikt deshalb eher als politisches Problem, statt als humanitäre Katastrophe war. Dass im Donbass ganze Felder vermint sind und immer noch Menschen durch Blindgänger sterben, ist den wenigsten bekannt. Die Zahl der Toten des Konflikts von bisher wenigstens 6.800 steigt auch wegen der gelegentlichen Scharmützel an der Frontlinie weiter. Der Caritas-Mann warnt: je länger der Konflikt dauere, desto mehr würden die Heimatlosen für das ganze Land zum Problem. Es drohe gar eine weitere Destabilisierung der ukrainischen Gesellschaft.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Weitere Destabilisierung droht</h2>
<p style="text-align: justify;">Das spürt auch Familie Tratschuk mit den autistischen Zwillingen, die nach ihrer Flucht aus Luhansk bei Verwandten in Kiew Obdach gefunden haben. Im vergangenen Sommer sei die Atmosphäre ihnen gegenüber noch voller Hilfsbereitschaft gewesen, berichtet Vater Oleg, der als Journalist arbeitet. Inzwischen gelten die Flüchtlinge aber als Konkurrenten um Arbeitsplätze und Wohnraum. Und während die Armee westukrainische Männer zum Wehrdienst einzieht und an die Front schickt, kommen junge Männer aus dem Osten und erhalten als Flüchtlinge staatliche Zuwendung. Auch die Tratschuks haben einen gesunden Sohn, Wladyslaw ist 17 und wird bald im wehrdienstfähigen Alter sein. „Ich habe Angst, dass er an die Front muss“, sagt Mutter Tatjana. Sie hätten manchmal das Gefühl, dass die Westukrainer ihre Landsleute aus dem Donbass als Verräter wahrnehmen. Wie konnten sie es nur zulassen, dass die Separatisten so stark werden?</p>
<p style="text-align: justify;">Auch wegen dieses Stigmas sind die meisten Flüchtlinge nicht weit nach Westen gezogen, sondern harren in frontnahen Städten wie Kramatorsk aus. So wie Lilja und ihre sieben Kinder, die schnellstmöglich ins Dorf Makijiwka zurückkehren wollen und hoffen, dass das Haus noch steht. Ob das Piano noch unversehrt ist?, fragt Natalia und setzt die Geige wieder ans Kin. Sie alle warten weiter auf Frieden. Und während sie warten, rast durch die graue Plattenbau-Landschaft von Kramatorsk des Priesters roter Lada.</p>
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																			<div class="aesop-stacked-caption">Priester Wasyl Iwanjuk rast in seinem roten Lada durch die Stadt.</div>
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								<style>#aesop-stacked-img-5087{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg);}  @media screen and (min-width:768px){#aesop-stacked-img-5087{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-1250x833.jpg);}}   @media screen and (min-width:1200px){#aesop-stacked-img-5087{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg);}}  </style><p class="aesop-component-caption">Foto: Markus Huth</p></div>
<p style="text-align: center;"><em>Transparenzhinweis: Unser Autor Markus Huth war im Donbass mit der Hilfsorganisation <strong><a href="http://weltseher.de/flucht-als-dauerzustand/" target="_blank">Caritas International</a></strong> unterwegs, die Teile der Reisekosten getragen hat.</em></p>
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		<title>„Wir haben nichts!&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 Jul 2015 21:32:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serbien]]></category>
		<category><![CDATA[EU]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlingspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[NGO]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Ort Preševo in Serbien erlebt derzeit einen Flüchtlingsansturm. Die Menschen weichen hierher aus, weil das EU-Land Bulgarien seine Grenzen dicht macht. Niemand in der Kleinstadt ist darauf vorbereitet. Die humanitären Umstände sind entsprechend verheerend.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wir-haben-nichts/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Ort Preševo in Serbien erlebt derzeit einen Flüchtlingsansturm. Die Menschen weichen hierher aus, weil das EU-Land Bulgarien seine Grenzen dicht macht. Niemand in der Kleinstadt ist darauf vorbereitet. Die humanitären Umstände sind entsprechend verheerend.</strong></p>
<p style="text-align: left;">Das ist also der Arsch der Welt“, sagt mein guter Freund Daniel und schüttelt ungläubig mit dem Kopf. Wir waren nach Preševo in Südostserbien gekommen, um einen ehemaligen Kommandanten der albanischen Untergrundarmee UÇK zu interviewen. Die Kleinstadt wirkte wie ausgestorben, wie eine verlassene Westernstadt inmitten der ärmsten Region Serbiens. Einer jener Orte, in dem die braunen Ziegelmauern Ohren haben und marodierende Kinderbanden mit großen Augen hinter den Ecken lauern und einen auf Schritt und Tritt beschatten. Ich war froh, als wir den Ort wieder verlassen konnten. Das war vor einigen Wochen.</p>
<p style="text-align: left;">Nun ist es Anfang Juli und ich schlucke ordentlich als eine serbische Kollegin mir rät: „Fahr nach Preševo. Da ist im Moment die Hölle los.“ Die 35.000-Seelen-Gemeinde solle seit rund zwei Wochen einem Flüchtlingslager gleichen. Immer mehr Menschen wählen die Route über Südserbien, um nach Mitteleuropa zu gelangen. Der Grund: Die Sicherheitsvorkehrungen an der nahegelegenen bulgarischen Grenze werden permanent verschärft. Ein Durchkommen ist dort kaum noch möglich.</p>
<h2 style="text-align: left;">Flüchtlings-Kolonnen</h2>
<p style="text-align: left;">Gemeinsam mit Mitarbeitern der serbischen NGO „Centar E8“ will ich die Situation begutachten. Schon auf der Schnellstraße sehen wir die ersten Kolonnen. Große Gruppen marschieren von Preševo aus nach Nordserbien. Sie tragen kaum Gepäck – nur ihre Schlafsäcke am Gürtel. Die Frage nach dem Weg erübrigt sich. Ein junger Mann schwenkt bereits die Handfläche, wie die Kelle eines Verkehrspolizisten, als wir die Scheibe herunterlassen und zeigt unmissverständlich in Richtung Zentrum, in Richtung Polizeistation. Wir parken den Wagen unweit der Moschee. Als wir aussteigen, ruft der Muezzin auffallend leiernd zum Gebet. „Das kommt nur vom Band. Mehr kann man sich hier nicht leisten“, sagt eine meine Begleiterinnen.</p>
<p style="text-align: left;">In den Straßen rund um die Polizeistation bestätigen sich die Berichte meiner Kollegin. Hunderte Männer, Frauen und Kinder – vorwiegend aus dem Mittleren Osten sowie Nord- und Zentralafrika – hocken auf den Bordsteinen oder direkt auf der Straße und warten auf ihre Dokumente für die Weiterreise in Richtung Ungarn.</p>
<p style="text-align: left;">Überall liegt Müll. Leere Plastikflaschen und Verpackungen füllen den Straßengraben. Die Massen drängen sich dazwischen unter den Bäumen, um Schutz im Schatten zu finden. Einige hängen mit allen vier Gliedmaßen am Zaun der Polizeistation und versuchen mit der Handvoll Polizisten zu verhandeln, die das Gelände vor der Stürmung sichern. Die Beamten reagieren nicht, sie tragen Mundschutz, wie man ihn aus Krankenhäusern kennt, und Gummihandschuhe.</p>
<div id="aesop-gallery-4803-3"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4803" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-17-von-26.jpg" data-caption="Bis zu 600 Flüchtlinge erreichen Preševo am Tag und harren bis zu drei Tage vor der Polizeistation aus, bevor sie ihre Dokumente zur Weiterreise bekommen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-24-von-26.jpg" data-caption="Die meisten Flüchtlinge stammen aus dem Mittleren Osten und Afrika. Sie hoffen auf Sicherheit und ein besseres Leben in Mitteleuropa." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-5-von-26.jpg" data-caption="Muhammed aus Damaskus versucht mit seiner siebenköpfigen Familie, Deutschland zu erreichen und hofft, Preševo möglichst schnell verlassen zu können." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-12-von-26.jpg" data-caption="Vor dem Zaun warten die Flüchtlinge, um sich von der Polizei Dokumente zur Weiterreise ausstellen zu lassen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-3-von-26.jpg" data-caption="Die Nummern auf den Handrücken der Flüchtlinge sind die Eintrittskarte auf den Innenhof der Polizei." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-16-von-26.jpg" data-caption="Ein Polizist trägt Mundschutz." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-1-von-26.jpg" data-caption="Der Albaner Agon Ajeti versucht, den Flüchtlingen so gut es geht zu helfen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-6-von-26.jpg" data-caption="In abrissfertigen Häusern schlafen die Flüchtlinge auf Pappe, Decken und dem nackten Boden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-8-von-26.jpg" data-caption="Diese zwei Wasserkanister des Serbischen Roten Kreuzes können die Flüchtlinge nur unzureichend versorgen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-11-von-26.jpg" data-caption="Die Stadtbewohner stellen eine Wasserleitung zur Verfügung." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-22-von-26.jpg" data-caption="Zwei Flüchtlingskinder erfrischen sich. Die Temperaturen Anfang Juli betragen weit über 30 Grad Celsius." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-4-von-26.jpg" data-caption="Der Palästinenser Rodi will ebenfalls nach Deutschland. Zu Fuß möchte er die Grenze nach Ungarn überqueren. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-19-von-26.jpg" data-caption="Flüchtlinge warten zwischen Müll." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Hauke Heuer</p></div>
<h2 style="text-align: left;">Die Nerven liegen blank</h2>
<p style="text-align: left;">Wir treten mit halb gehobenen Händen durch das Tor und suchen das Gespräch mit dem ranghöchsten Uniformträger. Der zeigt sofort mit dem Finger entgegen unserer Laufrichtung. Wir diskutieren, fragen nach konkreten Zahlen. „Bis vor ein paar Wochen sind hier 20 bis 30 Personen am Tag aufgetaucht. Heute registrieren wir bis zu 600 Menschen täglich“, nuschelt der Polizist durch seinen Mundschutz und schiebt uns bestimmt Richtung Ausgang. „Wie ist die Situation?“, fragt meine serbische Begleiterin. „Wir sind zu wenige und vollkommen überfordert. Das sehen sie doch!“, antwortet der Beamte denkbar patzig und schließt mit einem lauten Knall hinter uns das Tor. Die Nerven liegen blank.</p>
<p style="text-align: left;">Wieder auf der Straße wird die Überforderung sichtbar – es geht einfach nichts voran. Lange Schlangen bilden sich vor einem provisorischen Büro gegenüber der Polizeistation. Nummern werden mit schwarzer Tinte auf die Handrücken der Wartenden geschrieben – die Eintrittskarte für den umzäunten Hof der Polizei. Hier gibt es die eigentlichen Dokumente. Teilweise müssen die Flüchtlinge bis zu drei Tage warten bis sie das entsprechende Papier in der Hand halten.</p>
<p style="text-align: left;">Währenddessen brennt die heiße Balkansonne und die zwei einzigen großen blauen Wasserkanister sind leer. Einmal am Tag kommen die Helfer des Serbischen Roten Kreuzes und verteilen Lebensmittel. Nur ungefähr ein Drittel der Menschen erhält eine Ration. Der Rest wird auf den Folgetag vertröstet. „Wir haben nichts! Unser Essen geben wir den Kindern und den Alten“, sagt Muhammed aus Damaskus, der mit seiner siebenköpfigen Familie auf dem Weg nach Deutschland ist, um dem syrischen Bürgerkrieg zu entkommen.</p>
<h2>Berichte von Misshandlung durch mazedonische Polizei</h2>
<p style="text-align: left;">Gemeinsam mit seinem Vater und der kleinen Schwester steht Muhammed am einzigen Wasserhahn, den die Bevölkerung den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt hat und füllt Plastikflaschen auf. In Mazedonien sei es ihm noch schlimmer ergangen, berichtet er. „Die Polizei in Mazedonien hat uns einfach angehalten, mit Knüppeln geschlagen und Geld gefordert, damit sie wieder verschwinden“.</p>
<p style="text-align: left;">Insgesamt 500 Euro habe Muhammeds rund 20-köpfige Reisegruppe herausrücken müssen, um die Polizisten zu befrieden. Es ist eine unter vielen vergleichbaren Erfahrungen, von denen die Flüchtlinge aus dem Nachbarland berichten. Seit Monaten leidet Mazedonien unter innenpolitischen Konflikten und gewalttätigen Ausschreitungen. Im serbischen Preševo fühlt sich der ehemalige Architekturstudent deshalb relativ sicher.</p>
<p style="text-align: left;">Zudem ist die albanische Bevölkerung hier überwiegend muslimisch und auch die Flüchtlinge kommen meist aus muslimischen Ländern. Sie hoffen in Preševo daher auf mehr Solidarität als in den christlichen Nachbarregionen. Der albanische Serbe Agon Ajeti möchte diese Hoffnung nicht enttäuschen. „Als immer mehr Menschen in unseren Ort kamen, haben wir leerstehende Gebäude zumindest für die Familien zur Verfügung gestellt und versucht, soviel Trinkwasser und Nahrungsmittel aufzutreiben, wie wir konnten“, sagt er.</p>
<p style="text-align: left;">Ajeti führt uns durch die notdürftig mit Decken ausgelegten Abrisshäuser, die in seinem Besitz sind. Auf den nackten Betonböden liegen ein paar Decken. Nur wenn es regnet, dürfen Hunderte der Fremden in die nahegelegene Gaststätte von Fazlin Besnir, in der sonst Hochzeiten gefeiert werden.</p>
<h2 style="text-align: left;">Von serbischer Regierung allein gelassen</h2>
<p style="text-align: left;">Gemeinsam mit mehreren Männern aus Preševo sitzen wir im Saal der Gaststätte und lauschen. Sie alle sind empört, mit der Lage in ihrem Ort überfordert und fühlen sich von der serbischen Regierung, die die albanischen Gebiete traditionell links liegen lässt, allein gelassen.</p>
<p style="text-align: left;">Ajeti, ein großgewachsener junger Mann in den Dreißigern, ergreift das Wort: „Wir rufen die Europäische Union und NGOs auf, uns zu helfen. Wir brauchen einfach alles“, sagt er mit ernster Miene. Seine Mitstreiter nicken bestimmt. „Die Flüchtlinge sind unsere Brüder. Sie kommen zu uns, weil sie die Moschee sehen und wissen, dass ihnen hier geholfen wird. Und natürlich helfen wir, denn wir Albaner wissen, wie es ist, auf der Flucht zu sein“, sagt ein junger Mann und fügt kopfschüttelnd hinzu, „alles organisieren wir selber: Unterkünfte, Essen, Wasser, Windeln und Ärzte, aber unsere Kapazitäten sind überschritten. Diese Stadt ist sehr arm. Mit dieser Entwicklung hat niemand gerechnet“.</p>
<p style="text-align: left;">Wir gehen zurück zu den Flüchtlingen und suchen das Gespräch. Die Stimmung ist gespannt. Schnell sind wir von mehreren Dutzend Menschen umringt, die sich gegenseitig schubsen, wild durcheinander reden und hoffen, von uns Informationen zu erhalten, die ihre Weiterreise beschleunigen. Sie greifen nach jedem Strohhalm. Den meisten Männern sieht man die Strapazen ihrer Reise an. Sie wirken müde, ausgemergelt und rastlos.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Unser Haus ist zerbombt&#8220;</h2>
<p style="text-align: left;">Der Palästinenser Rodi spricht am besten Englisch. Sein Dorf nahe Damaskus sei von der Terrormiliz Islamischer Staat angegriffen worden. &#8222;Unser Haus ist zerbombt&#8220;, sagt er. Nun sucht er Zuflucht und ein besseres Leben in Europa. „Wir reisen in Gruppen. Nur so sind wir geschützt. Dafür dauert es Tage bis alle ihre Dokumente haben“, erklärt Rodi. Es sei nicht gut, einfach nur auf der Stelle zu sitzen und zugrunde zugehen. Er wolle einfach nur noch weiter. Nach Ungarn und von dort aus nach Deutschland. „Ich will möglichst schnell die Sprache lernen und studieren. Damit meine Familie stolz auf mich sein kann. Zurück kann ich nicht“, sagt der 26-Jährige und lüftet sein Basecap.</p>
<p style="text-align: left;">Weil ich weiß, wie man in Europa und Deutschland mit Flüchtlingen umgeht, versuche ich Rodi zu erklären, dass das nicht so leicht sein wird. Dass es wahrscheinlich schwer sein wird, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Ich ernte reihum enttäuschte Blicke. Gefolgt von Widerworten.</p>
<p style="text-align: left;">Viele der Flüchtlinge hier wurden in Griechenland registriert. Die Polizei greift die Menschen auf, meist nachdem sie die Ägäis mit einem Boot überquert haben, und nimmt Fingerabdrücke. Einen Antrag auf Asyl stellen die Flüchtlinge in Griechenland meist nicht, denn sie wollen nach Mitteleuropa. Und die Griechen lassen sie ziehen. Dass die Flüchtlinge in den mitteleuropäischen EU-Staaten aber Gefahr laufen, wieder zu den krisengeplagten Hellenen abgeschoben zu werden, ist ihnen nicht bekannt.</p>
<p style="text-align: left;">Immer mehr Menschen scharen sich um uns, während wir die europäische Flüchtlingspolitik erklären. Mehrere Männer übersetzen simultan aus dem Englischen. Doch die Flüchtlinge schütteln ungläubig mit dem Kopf. Zu groß ist ihre Hoffnung. Zu nah ist das Ziel Mitteleuropa. Sie klammern sich an ihren Optimismus.</p>
<h2 style="text-align: left;">Rote Kreuz scheint überfordert</h2>
<p style="text-align: left;">Kurz vor unserem Aufbruch bahnen sich zwei Wagen des Serbischen Roten Kreuzes ihren Weg durch die wartende Menschenmasse. Es werden Nahrungsmittel verteilt – wieder einmal zu wenig. Wir sprechen einen Helfer auf die fehlenden Zelte an – es wurden bisher nur zwei aufgestellt – und fragen nach dem Grund für die unzureichende Wasserversorgung.</p>
<p style="text-align: left;">Erst will der Helfer nicht mit uns reden und schaut weg. Wir fragen noch einmal nach. „Das wird sich morgen alles ändern. Wir tun, was wir können. Hier gibt es kein Problem“, blafft der Mann entnervt zurück – auch das Rote Kreuz scheint überfordert. Nur eines ist sicher: Die Abriegelung der EU-Grenze in Bulgarien hält die Flüchtlinge nicht auf. Sie treibt die Menschen durch eine der derzeit ärmsten und politisch instabilsten Regionen Europas. Das Elend ist vorprogrammiert.</p>
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		<title>Zwischen Heimatliebe und Kriegsangst</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2015 05:33:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Konflikte]]></category>
		<category><![CDATA[Marie Zahout]]></category>
		<category><![CDATA[Moskau]]></category>
		<category><![CDATA[Simon Schütt]]></category>
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					<description><![CDATA[Russland befindet sich im Umbruch: Ukraine-Krise, Ölpreis-Verfall und westliche Sanktionen setzen dem Land zu. „Es ist ein Albtraum“, beschreibt die 21-jährige Moskauerin Alexandra Kostina die aktuelle Lage in Russland.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/zwischen-heimatliebe-und-kriegsangst/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Russland befindet sich im Umbruch: Ukraine-Krise, Ölpreis-Verfall und westliche Sanktionen setzen dem Land zu. „Es ist ein Albtraum“, beschreibt die 21-jährige Moskauerin Alexandra Kostina die Lage in Russland.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Ich habe Angst vor einem Krieg in Russland“, sagt Alexandra Kostina. Seit mehr als zehn Monaten schwelt der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland auch militärisch. Noch immer besetzen russische Separatisten ostukrainische Gebiete. Die im Minsker Abkommen vereinbarte Waffenruhe ist für viele Experten bereits gescheitert.</p>
<p style="text-align: justify;">Westliche Politiker machen vor allem die kompromisslose Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putins für die Situation verantwortlich. „Ich vertraue Putin, dass er mit der Einnahme der Krim einen Plan verfolgt“, sagt Kostina. Und weiter: „Das Vorgehen ist nicht mehr rückgängig zu machen – die Krim wird nicht mehr unabhängig sein können.“</p>
<p style="text-align: justify;">Alexandra Kostina war sechs Jahre alt, als Putin 1999 zum ersten Mal Ministerpräsident wurde. Mit seinem Amtsantritt verbinden viele Russen nach den mageren Zeiten während der Sowjetunion und Perestroika einen wirtschaftlichen Aufschwung im Land. Im August 2014 lag die Zahl der Arbeitslosen in Russland laut dem russischen Statistik-Dienst Rosstat bei 4,8 Prozent.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Noch ist Putin beliebt</h2>
<p style="text-align: justify;">Im gleichen Monat verzeichnete Deutschland eine Quote von 6,7 Prozent. Die soziale Komponente der annähernden Vollbeschäftigung wird von Russen oft betont. Einen Grund für die geringen Arbeitslosenzahlen sieht die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer in Arbeiten, die in Deutschland längst von Maschinen erledigt werden oder rationalisiert wurden. Dazu zählen zum Beispiel Aufseherarbeiten in der U-Bahn: In einem Kasten sitzt jemand und beobachtet die Rolltreppe. In Deutschland gibt es schlichtweg einen Notfallknopf. Es sind zahlreiche hausgemachte Probleme, die Russland neben westlichen Sanktionen und Ölpreisverfall zu bewältigen hat. Selbst Regierungschef Dmitri Medwedew betonte Ende Januar, eines der Grundübel liege in den seit Jahren schneller als die Produktivität gestiegenen Gehältern.</p>
<p style="text-align: justify;">Noch ist Putin so beliebt wie vor der Krise. Wie eine Befragung des unabhängigen Moskauer Lewada-Zentrums ergab, will jeder Zweite in Russland Putin auch nach 2018 weiter im Amt sehen. An der Wand neben dem Arbeitsplatz von Alexandra Kostina hängt ein Schwarz-Weiß-Porträt des russischen Präsidenten. Sie hat es am 18. Dezember 2014 aufgehängt. Der Rubel ist an diesem Tag um mehr als elf Prozent innerhalb von weniger als 24 Stunden gefallen.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-leben-in-moskau-1" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-leben-in-moskau-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-leben-in-moskau-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-leben-in-moskau-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="16000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_Zahout-schuett_Blick_stadt-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Abseits der wirtschaftlichen Zentren Moskau und St. Petersburg haben junge Menschen kaum Chancen auf eine gut bezahlten Arbeitsplatz.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_zahout_schuett_Basilius-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Russland ist laut seiner Verfassung von 1993 ein säkulares Land. Trotzdem wurde 2000 die Wahl Wladimir Putins zum Präsidenten in einem Gottesdienst gefeiert. (Basilius-Kathedrale in Moskau)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_zahout_schuett_businessviertel-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Moskau City, das internationale Geschäftzentrum am Ufer der Moskwa: Angeblich sollen etwa ein Drittel der Bürofläche leer stehen. (©Marie Zahout)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_zahout_schuett_Alexandra-Putin-2-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Im Hintergrund von Alexandra Kostina hängt Putin an der Pinnwand - Satire, wie sie selber sagt. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_zahout_schuett_kaufen-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Spätestens seit dem Währungssturz setzen die Leute jeden verdienten Rubel sofort um. Hat eine Packung Milch im Dezember noch etwa 30 Rubel gekostet, müssen Kunden mittlerweile mehr als 40 Rubel für das gleiche Produkt bezahlen. (©Marie Zahout)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_zahout_schuett_kreml-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Machtzentrale in Russland: der Kreml</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_Zahout_schuett_metro_leute-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die durchschnittliche Lebenserwartung für einen russischen Mann liegt ohnehin bei nur 64 Jahren und ist damit mehr als zehn Jahre geringer als die deutscher Männer.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-leben-in-moskau-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_Zahout-schuett_Blick_stadt-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_zahout_schuett_Basilius-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_zahout_schuett_businessviertel-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_zahout_schuett_Alexandra-Putin-2-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_zahout_schuett_kaufen-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_zahout_schuett_kreml-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Moskau_Zahout_schuett_metro_leute-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<p style="text-align: justify;">Während Anleger am Morgen noch 72 Rubel für einen Euro bekamen, waren es am Abend des gleichen Tages schon mehr als 80 Rubel. Der niedrige Ölpreis und westliche Sanktionen als Reaktion auf die Ukraine-Krise führen seit Monaten zu einem Absturz der Währung. „Das ist Satire“, erklärt Kostina das Präsidenten-Porträt neben sich. Putin würde es sicher dennoch freuen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">„Was für ein Barbie-Girl“</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Präsident liebt die Selbstinszenierung: Er zeigt sich halbt nackt beim Angeln und beim Reiten. Als Taucher, Jäger und beim Skifahren beweist er seine sportliche Abenteuerlust. Erst Wochen später hat Kostina ein Bild ihres Mannes daneben gehängt. Er ist ein großer Anhänger Putins.</p>
<p style="text-align: justify;">Alexandra Kostina ist 1,79 Meter groß und trägt Kleidergröße null. Die blondierten Haare reichen ihr fast bis zur Hüfte. Ihre Fingernägel sind manikürt und die Lippen mit rotem Lippenstift betont. „Was für ein Barbie-Girl“, witzelt ein Kollege über sie. Die 21-Jährige arbeitet als Marketing Managerin bei einer Consulting-Firma in Moskau.</p>
<p style="text-align: justify;">Nebenbei studiert sie „Banken, Finanzen und Investitionen“ im Master. Kostina spricht fünf Sprachen. Ihr Deutsch ist nahezu akzentfrei. Damit ist sie eine Ausnahme unter ihren Landsleuten. In den meisten russischen Schulen werden Fremdsprachen kaum gelehrt. Sascha, wie die Kollegen sie unter ihrem russischen Spitznamen nennen, mag Luxus.</p>
<h2 style="text-align: justify;">„Ich trinke keine Coca Cola“</h2>
<p style="text-align: justify;">Ihre Handtaschen sind von Edel-Marken wie Prada oder Louis Vuitton. Understatement ist ein Fremdwort in Russland. Täglich telefoniert Alexandra Kostina mit ihren Eltern, die in Moskau leben, oder schreibt mit ihnen über Whatsapp. Ihr Großvater kommentiert regelmäßig Fotos seiner Enkelin auf Facebook. Auf einem der Bilder auf ihrem Facebook-Profil posiert sie in einem Tank-Top mit dem Druck einer amerikanischen Flagge auf der Brust.</p>
<p style="text-align: justify;">„Ich trinke keine Coca Cola“, sagt hingegen Aleksey Surugov, ein Freund Kostinas. „Das kommt aus den USA.“ Sein Lieblingssänger ist der amerikanische Künstler Justin Timberlake. Russland ist ein Land voller Widersprüche. Der russische Dichter Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew hat einmal gesagt: „Verstehen kann man Russland nicht, und auch nicht messen mit Verstand. Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land.“</p>
<p style="text-align: justify;">Spätestens seit dem Währungssturz setzen die Leute jeden verdienten Rubel sofort um. Auch das Weihnachtsfest fiel für die meisten Russen noch üppiger aus als sonst. „Ich überlege mir eine Rolex zu kaufen. Meine Mutter hat mir geraten, alles Geld sofort auszugeben“, sagt Kostina. „Ich habe etwas Geld übrig und kaufe nun einen BMW“, erzählt eine Arbeitskollegin von ihr.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Der Preis für ein iPhone um 20 Prozent gestiegen</h2>
<p style="text-align: justify;">Nur zu gut erinnern sich ihre Kollegen noch an die Russlandkrise Ende der 1990er Jahre. „Bei der aktuellen Situation weiß ich nicht, wie lange das Geld auf der Bank noch etwas wert ist.“ Trotz ihrer Ersparnisse muss sie die Summe durch einen Kredit aufstocken. Tatsächlich sind die Preise vieler Güter rasant gestiegen. Nicht einmal vier Wochen nach dem russischen Weihnachtsfest am 7. Januar hat der Preis eines iPhones um 20 Prozent zugenommen, von 40.000 auf 50.000 Rubel.</p>
<p style="text-align: justify;">„Lebensmittel und Kleidung sind von einem Tag auf den anderen teurer geworden“, sagt Kostina. Hat eine Packung Milch im Dezember noch etwa 30 Rubel gekostet, müssen Kunden mittlerweile mehr als 40 Rubel für das gleiche Produkt bezahlen. „Ich kaufe weniger Fleisch und Fisch“, sagt Alexandra Kostina. „Wenn ein selbstgekochtes Abendessen für zwei Personen schon 800 Rubel kostet, könnten wir davon im Restaurant essen gehen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Die Regale der Supermärkte sind trotz des Lebensmittelembargos gegen den Westen gut gefüllt, auch wenn die Auswahl geringer geworden ist. „Ehrlich gesagt verstehe ich diese Lebensmittelsanktionen nicht“, so Kostina. „Selbst Sojamilch aus Österreich kann ich kaufen.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">Hamsterkäufe heizen Preise zusätzlich an</h2>
<p style="text-align: justify;">Viele Waren kommen über Weißrussland oder Kasachstan in die russische Föderation. Babynahrung und laktosefreie Produkte dürfen sowieso importiert werden. Denn nicht alle Produkte können aus alternativen Quellen bezogen werden. Umso verwunderlicher, dass gerade ein russisches Grundnahrungsmittel knapp zu werden droht.</p>
<p style="text-align: justify;">Buchweizen wird in Russland traditionell als Brei zum Frühstück oder als Beilage zum Mittagessen serviert. In den Regalen der Geschäfte ist derzeit vielerorts kaum noch Gretschka zu finden, wie Buchweizen in Russland genannt wird. Nach Angaben der nationalen Statistikbehörde Rosstat ist der Preis für Buchweizen seit November um mehr als 48 Prozent gestiegen. Vermutlich halten Händler den Buchweizen aus Hoffnung auf weitere Preissteigerungen zurück. Hamsterkäufe der Verbraucher tragen ihr Übriges dazu bei.</p>
<p style="text-align: justify;">Kostinas Familie investiert derzeit vor allem in Antiquitäten. Ihr Vater hat Werkzeug wie Hacken, die aus dem Mittelalter stammen, gekauft. Später möchte er die Geräte gewinnbringend an Sammler verkaufen. Auch Kunstdrucke des russischen Malers Ivan Shishkin aus dem 18. Jahrhundert sammelt er. „Wir hätten unser Erspartes früher in Dollar tauschen sollen“, sagt Kostina.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Alkoholkonsum ist ein großes Problem</h2>
<p style="text-align: justify;">Aktien hingegen hält sie momentan für eine unsichere Geldanlage: „Die Wertpapiere von Yandex beispielsweise sind derzeit im Keller.“ Das russische Unternehmen ist vor allem bekannt durch seine gleichnamige Internet-Suchmaschine, die in Russland als Pendant zu Google gilt.</p>
<p style="text-align: justify;">Kostina lebt zusammen mit ihrem Mann zur Miete in einer Zweizimmerwohnung in Moskau. Im Herbst letzten Jahres haben die beiden geheiratet. Da kannten sie sich gerade einmal drei Monate. Die Lebensplanung der wenigsten Russen ist langfristig angelegt. So schließt kaum ein Russe eine Lebensversicherung ab.</p>
<p style="text-align: justify;">Die durchschnittliche Lebenserwartung für einen russischen Mann liegt ohnehin bei nur 64 Jahren und ist damit mehr als zehn Jahre geringer als die deutscher Männer. Hauptursache, wie aus einer Studie der russischen Akademie der medizinischen Wissenschaften hervorgeht, ist dafür ein hoher Alkoholkonsum. Wodka ist bei Russen ungebrochen beliebt.</p>
<h2 style="text-align: left;">Laut Kritikern will Putin das Volk mit billigem Alkohol ruhigstellen</h2>
<p style="text-align: justify;">Während es dem letzten Sowjetpräsidenten Michail Gorbatschow gelang, die Sterblichkeit infolge von Alkoholmissbrauch durch eine hohe Besteuerung hochprozentiger Getränke zu senken, entgingen dem Staat dadurch wichtige Einnahmen.</p>
<p style="text-align: justify;">Wladimir Putin sprach sich gegen eine Preiserhöhung bei Alkohol aus. Am 1. Februar wurde der offizielle Mindestpreis sogar herabgesetzt. Ein halber Liter Wodka ist nun bereits für 185 Rubel (ca. 2,50 Euro) zu haben. Putin begründet das damit, den Konsum illegal gebrannten Alkohols verhindern zu wollen. Kritiker sehen darin aber die Absicht, das Volk mit billigem Alkohol ruhigzustellen und jeden etwaigen Widerstand zu verhindern.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Firma bei der Alexandra Kostina angestellt ist, wurde von einem Deutschen gegründet. Heute sagen die Mitarbeiter: „Wir sind enttäuscht von den Deutschen. Sobald die Krise in Russland begann, hat sich der Großteil unserer Geschäftspartner aus Deutschland zurückgezogen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Nach einem Rückgang von Investitionen europäischer Firmen in Russland weitet das Consulting-Unternehmen seinen Markt auf Asien aus. Vor allem asiatische Praktikanten sollen den Einstieg durch ihr kulturelles Wissen über den Alltag und ihre Sprachkenntnisse erleichtern.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Berechtigte Kritik oder Angriff aufs Vaterland?</h2>
<p style="text-align: justify;">Kostina selbst ist ebenfalls auf Jobsuche. Wichtig ist ihr ein Gehalt in Dollar. Sie schreibt Bewerbungen für Stellen in den USA, Asien und Europa. Abseits der wirtschaftlichen Zentren Moskau und St. Petersburg haben junge Menschen kaum Chancen auf eine gut bezahlte Stelle.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Film „Leviathan“ des russischen Regisseurs Andrej Swjaginzews stellt dies eindringlich dar. Er zeichnet ein düsteres Bild vom Russland fernab der Großstadt: Es wird viel getrunken, geflucht und die Menschen sind der Behördenwillkür ausgesetzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Einen Golden Globe hat der Streifen schon gewonnen. Für den Oscar war er nominiert. In Russland selbst hat „Leviathan“ eine Diskussion ausgelöst. Während die einen ihn als realitätsgetreues Porträt loben, kritisieren die anderen ihn als Angriff aufs Vaterland.</p>
<p style="text-align: justify;">Für Alexandra Kostina zeigt der Film ein wahrheitsgetreues Bild, das nur keiner sehen möchte. Sie liebt ihr Heimatland. „Ich bekomme sehr schnell Heimweh, vermisse Moskau und meine Familie“, sagte sie noch vor einigen Monaten. Heute klingt das anders: „Es ist ein Albtraum.“</p>
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		<title>Goldrausch in den Karpaten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Jan 2015 01:44:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Rumänien]]></category>
		<category><![CDATA[Eva Konzett]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[In den rumänischen Bergen schickt ein kanadischer Investor sich an, Edelmetalle mit Zyanid abzubauen. Obwohl noch Lizenzen für den Abbau fehlen, hat die Abwanderung aus dem Städtchen Rosia Montana längst begonnen. Sogar die Toten weichen dem Golddurst. Und das alles für ein Projekt, welches vielleicht nie zustande kommen wird. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/goldrausch-den-karpaten/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="p1" style="text-align: left;"><strong>In den rumänischen Bergen schickt ein kanadischer Investor sich an, Edelmetalle mit Zyanid abzubauen. Obwohl noch Lizenzen für den Abbau fehlen, hat die Abwanderung aus dem Städtchen Rosia Montana längst begonnen. Sogar die Toten weichen dem Golddurst. Und das alles für ein Projekt, welches vielleicht nie zustande kommen wird.</strong></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Dass der ganze Spuk vorbei sein könnte, weiß Sorin Jurca, als die Nachbarin sein Geschäft betritt. Älter sieht sie aus, gedrückter mit dem Mantel, der ihr irgendwie an den Schultern hängt, wie das Kleidungsstück eines älteren Geschwisters, in das das jüngere noch nicht hineingewachsen ist. „Ich möchte bitte Milch und Zucker“, sind die ersten Worte, die Sorin Jurca von seiner Nachbarin hört, nach etlichen Jahren, in denen sie ihn ignorierte. Bei zufälligen Begegnungen im Dorf hat sie ihn nicht einmal mehr gegrüßt.</span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Als Kinder haben sie  in derselben Straße gespielt. Es war keine persönliche Fehde, die die beiden getrennt hat. Auch keine längst vergangene Liebschaft hat sie auseinander gebracht, in der die Enttäuschung des einen noch nachwirkt. Die Teilung der beiden Nachbarn, die nicht nur die beiden betrifft, sondern auch das ganze Dorf entzweit hat, bringt ein Außenstehender. Das kanadische Bergbau-Unternehmen Gabriel Resources ist in den 1990er Jahren ins siebenbürgische Dorf Roṣia Montana im Apuseni-Gebirge, einen Ausläufer der Karpaten, gekommen. Hier, 430 Kilometer von der rumänischen Hauptstadt Bukarest entfernt, verspricht der Investor der verarmten Gemeinde seitdem eine goldene Zukunft. Wenn sie nur ihre Berge für eine Mine opfern. </span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Für die einen kommen die Kanadier als letzte Rettung, die anderen glauben den salbungsvollen Worten nicht. Sorin Jurca gehört zu der zweiten Gruppe. Die Nachbarin nicht. In Roṣia Montana bedeutet dies über Jahre den Bann von Freundschaften. Den Verlust von Kollegen und Stille in den Familien.</span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">In dem Gestein rund um Roṣia Montana lagern heute noch die größten Gold- und Silbervorkommen Europas. Bereits in der Antike haben die Menschen hier Stollen in den Berg getrieben. Im Mittelalter kennt halb Europa das Gold aus dem Osten. Jahrhunderte später mühen sich die Minenarbeiter in Roṣia Montana für den Ruhm der Habsburger ab. Erst in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen schuften die Menschen in Rosia Montana in den eigenen Säckel, bevor die Minen unter dem kommunistischen Regime verstaatlicht werden. </span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-3404-2" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-3404-2 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-3404-2 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-3404-2 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="0"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_haus_see_nebel.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">An einem See liegt dieses alte Holzhaus oberhalb von Rosia Montana. Die Ortschaft ist eine der ältesten in Rumänien.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_weg_mann.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein Mitarbeiter der Rosia Montana Gold Corp. (RMGC) unternimmt einen Morgenspaziergang. Die meisten Mitarbeiter des Unternehmens sind nur befristet eingestellt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_stadt_rosiamontana.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mitten in Rosia Montana - ein RMGC Mitarbeiter auf dem Weg zur Arbeit. Viele Menschen haben die Stadt bereits verlassen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_mann_frau_bauer.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Diese beiden Menschen in Rosia Montana wehren sich seit vielen Jahren gegen das Bergbau-Projekt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_fluss_zyankalie.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die rote Farbe des Baches kommt durch einen hohen Gehalt an Eisen und anderen Mineralien. Diesem Wasserlauf verdankt die Ortschaft ihren Namen. Rosia ist eine Ableitung von "roşu", was im rumänischen "rot" bedeutet. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_bergbau_uebertage_wuest.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Blick auf eine der ehemaligen Goldabbaustellen über der Stadt Rosia Montana.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_frau_schnaps.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In Corna, einem Dorf in der Nähe von Rosia Montana, sollen Auffangbecken für das Bergbau-Projekt gebaut werden. Adriana Cioara und ihre Familie weigern sich, ihr Haus dafür zu verkaufen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_mann_zimmer_gebeugt.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Loredan Cioara fühlt sich von dem Bergbauunternehmen unter Druck gesetzt, weil er sich mit seiner Frau weigert, sein Haus zu verkaufen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_mann_kanzel.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Arpad Palfi, der Priester der unitarischen Kirche in Rosia Montana, hat während der Exhumierung des ersten Grabes aus der BIbel gelesen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_mann_mann.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Später haben Arpad und Dorel, der Totengräber, versucht, sich gegen die Verlegung der Toten zu wehren. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_grab_leer.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein bereits leer geräumtes Grab in Rosia Montana. Die Gebeine wurden nach Abrud gebracht.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_grab_negru.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In Abrud, eine Stadt in der Nähe von Rosia Montana, werden die Toten wieder zur Ruhe gebettet - in neuen Gräbern. Viele der neuen Gräber sind aber noch leer. Es sind die Ruhestätten für die noch lebenden - bezahlt von RMGC.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_mann_tisch.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Cătălin Hosu, ein Sprecher von RMGC, erklärt, dass die Ausbeutung des verbliebenen Goldes bei Rosia Montana mit Zyanid zu 100% nachhaltig ist und die Umwelt nicht schädigen würde. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_Tuer_bergbau_zeichen.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der Eingang zum Bergbaumuseum des staatlichen Bergwerks: In Rosia Montana wurde über viele Jahrhunderte hinweg Gold abgebaut. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_raum_leer_stuehle_bergbau.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">An den Wänden hängen Poster aus vergangenen Zeiten. Rosia Montana hat eine über zwei Jahrtausende alte Goldbergbaugeschichte. </div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-3404-2-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_haus_see_nebel-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_weg_mann-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_stadt_rosiamontana-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_mann_frau_bauer-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_fluss_zyankalie-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_bergbau_uebertage_wuest-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_frau_schnaps-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_mann_zimmer_gebeugt-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_mann_kanzel-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_mann_mann-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_grab_leer-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_grab_negru-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_mann_tisch-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_Tuer_bergbau_zeichen-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/konzett_rum_raum_leer_stuehle_bergbau-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Doch auch der Kommunismus ringt dem Berg nicht alle seine Schätze ab. Geschätzte 3000 Tonnen Gold und 1600 Tonnen Silber schlummern noch immer in der Region. Auf sie hat es Gabriel Resources abgesehen. In einem Joint-Venture mit dem Staat, der Roṣia Montana Gold Corporation (RMGC), wollen die Kanadier den Berg mit Zyanid anbohren. Die Edelmetalle haben verschiedenen Schätzungen und je nach Goldpreis einen Wert von sieben bis 30 Milliarden Dollar. Ende der 1990er Jahre erhält das Joint-Venture eine erste Tagebaulizenz. 2002 wird der erste Bebauungsplan vorgestellt. </span></p>
<h2 class="p2" style="text-align: left;">Angst vor dem giftigen Zyanid</h2>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Doch die Dorfbewohner fürchten das Zyanid, welches das Gold aus dem Stein waschen soll. Sie glauben den Versprechungen von RMGC nicht vorbehaltlos, die in ihren Hochglanzprospekten von Umweltstandards sprechen. Sie wissen um die tödliche Kraft des Zyanids.</span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Mehr als hundert Meter hoch soll die Staumauer des Abklärungsbecken werden, in dem sich der zyanidhaltige Schlamm sammelt. Ein ähnliches Becken ist 2000 im 200 Kilometer entfernten Baia Mare gebrochen. Zyanid, wenn auch in höherer Konzentration als in Roşia Montana vorgesehen, vergiftete die Böden und das Grundwasser. Es war eine der größten Naturkatastrophen Südosteuropas. </span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Die Menschen haben Baia Mare nicht vergessen. In einem Land wie Rumänien, das Umweltverordnungen immer noch als Prügel aus Brüssel versteht, stützen sie sich eher auf die eigene Erfahrung denn auf das Vertrauen in die Politiker in der Hauptstadt. Zahlreiche Dorfbewohner haben Angst, auf einem Giftberg sitzen zu bleiben, wenn die Investoren längst wieder verschwunden sind. „Wäre es nicht besser die antiken Stollen nicht zu fluten, und dieses Erbe dafür touristisch zu nutzen?“ fragt Sorin Jurca laut. Die eigene Identität als Bergbaudorf auszustellen, anstatt dem Berg  noch einmal und nur für wenige Jahre zu Leibe zu rücken?</span></p>
<h2 class="p2" style="text-align: left;">Auch die Toten verlassen den Ort</h2>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Sorin Jurca ist eine Seele von einem Mann. Großgewachsen mit einem kleinen Bauch, der das T-Shirt, nach außen wölbt, serviert er den Gästen in seinem kleinen Laden Kaffee. Bis zur Decke stapelt sich auf wenigen Quadratmetern hier alles, was die Dorfbewohner zum Leben brauchen. Seifen, Servietten und sogar Südfrüchte hat der Mitt-40-er mit raspelkurzen Haaren im Angebot. Hinter dem Tresen frieren zwei Wellensittiche im Käfig. </span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Sorin Jurca hat sich seit Anbeginn gegen das Goldminenprojekt gestellt. „Ich habe mich nicht blenden lassen“, sagt er und bietet Kekse an. Als in den 1990er Jahren die ersten Gäste aus Westeuropa gekommen sind, habe er verstanden, wie gut sich die historische Bergarbeiterkultur inmitten idyllischer Landschaft touristisch verkaufen lasse. „Außerdem liegt mir etwas an diesem Flecken hier“, sagt er. Seine Vorfahren haben schon in Roṣia Montana gelebt und geschuftet, manchmal mehr und manchmal weniger erfolgreich. Hier liegen seine Wurzeln begraben. </span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Nur die Großeltern sind fortgegangen – allerdings erst nach ihrem Tod. „Meine Tante hat mir die Großeltern gestohlen“, erzählt Sorin Jurca. Vor drei Jahren will er Blumen an ihr Grab legen, doch Großvater und Großmutter sind nicht mehr da. Die Tante hat in Roşia Montana alles verkauft und ist in die Kreisstadt Alba Iulia umgezogen. Ihre verstorbenen Eltern hat sie mitgenommen. Sorin Jurca erzählt eine Geschichte, die im Werbeprospekt von RMCG nicht vorkommt. Es ist die Geschichte der Toten in Roşia Montana. Und wie sie gegangen sind. Hunderte müssen es sein. </span></p>
<h2 class="p2" style="text-align: left;">Der Tod ist die letzte große Investition</h2>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Die Toten sind den Bohrungen des Bergbaukonzerns im Weg. Ebenso hunderte Häuser rund um den Dorfkern herum. Für beide hat das Unternehmen eine Lösung gefunden: Wer seine Liegenschaft verkauft, darf seine Verstorbenen mitnehmen, so der Handel, mit dem RMGC in Roṣia Montana von Häuschen zu Häuschen geht. Die Firma zahlt die Exhumierung der Verstorbenen und ein neues Grab im Tal. Eine letzte Ruhestätte für die Lebenden zahlt das Unternehmen gleich mit. Umgerechnet 3000 Euro kostet hier ein Grab. Für die Menschen in der Region ist das mehr als ein halber Jahreslohn. Der eigene Tod ist für viele Rumänen die letzte große Investition. </span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Arpad Palfi ist einer der Pfarrer, die sich um das Seelenwohl der Menschen in Roşia Montana kümmert. Mit einem großen Eisenschlüssel öffnet er das Nebentor der Kirche, der unitarischen Gemeinde, eine protestantische Kirche der ungarischen Minderheit. Seit den 1970er Jahren steht der kleine Mann mit dem Spitzbart der unitarischen Gemeinde in Roşia Montana vor. </span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Er hat seine Gemeinde durch die Jahre des Kommunismus geführt, als die eigene Meinung wenig zählt, das Prestige der Bergarbeiter dafür umso mehr. Und durch die Jahre danach, die für viele Bewohner schlimmer sind. Als die Arbeitslosigkeit um sich greift, weil die staatlich gestützten Minen nicht wirtschaftlich arbeiten. Als mit dem Ende des Bergbaus auch das Selbstbewusstsein der Bergkumpel schwindet und nur noch trotziger Stolz übrig bleibt. </span></p>
<h2 class="p2" style="text-align: left;">Trotz fehlender Lizenzen sind Hunderte schon umgezogen</h2>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Palfi war es auch, der die erste Exhumierung begleitete. Der Bischof hatte ihn darum gebeten. Und so steigt der Pfarrer im Sommer 2004 auf die Kanzel, die Bibel in der Hand. Er schlägt das Buch Ezechiel auf: „Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel“, beginnt Palfi zu lesen. Die Stelle hat er selbst ausgesucht. Für die Exhumierung eines Gläubigen gibt es keine Liturgie.</span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Es werden nicht zum ersten Mal Tote umgebettet. Auch in Rumänien nicht. Doch in Roṣia Montana werden die Friedhöfe zu einem Zeitpunkt umgegraben, als noch niemand sagen kann, ob das Projekt überhaupt umgesetzt wird. Schließlich fehlen noch wesentliche Lizenzen, etwa die Umweltverträglichkeitsprüfung. Die Behörden in Bukarest halten den Entscheid zurück. </span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Hunderte Familien sind aber schon in die eigens gebauten Siedlungen am Bergrand umgezogen – nicht immer ganz freiwillig, sagen sie im Dorf. Die Schornsteine ihrer bunten Häuser, die sich an den engen Gassen entlang des Hanges schmiegen, sind den Winter über kalt geblieben. Auf den Wäschespinnen in den kleinen Gärten, neben dem Gemüsebeet, hängen keine Tücher. Auf der ungepflasterten Straße gehen nur noch wenige zu den letzten Ausläufern des Dorfes, oben am Waldrand hoch. </span></p>
<h2 class="p2" style="text-align: left;">30 Familien blockieren das Bergbauprojekt</h2>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">2013 sind es noch rund 30 Familien, die sich dagegen sperren, ihre Häuser zu verkaufen. Doch 30 Familien reichen aus, um den Projektablauf hinauszuzögern. Denn nach bestehendem rumänischem Recht können sie nicht von einem privaten Unternehmen enteignet werden. Eine Hürde, die die sozialdemokratisch geführte Regierung trotz Eigeneinsatz nicht schleifen kann. Mehrfach greift sie in diesem Jahr mit ihren projektfreundlichen Gesetzesentwürfen in die parlamentarische Leere, weil einige sich nicht an den Fraktionszwang halten, als draußen Tausende Rumänen auf die Straße gehen. </span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Die Menschen demonstrieren für den Umweltschutz und gegen das Projekt und die Machenschaften, die sie dahinter vermuteten. Millionen Euro, die RMGC in landesweite Werbekampagnen steckt, versickern. Die schwarz-weiße Botschaft von Fortschritt oder Untergang im strukturschwachen Apuseni-Gebirge kommt bei den Rumänen immer weniger an. Selten hat Bukarest mehr versammelte Bürger gesehen.</span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Auch die Rumänische Akademie, die höchste wissenschaftliche Instanz des Landes, hat sich gegen das Projekt ausgesprochen und dieses Urteil mehrfach bestätigt. In Siebenbürgen mobilisieren die protestantischen Kirchen die ungarische Minderheit gegen die Mine. Schließlich kommt das Projekt unter die Wahlkampfräder der Präsidentschaftswahlen im November 2014. </span></p>
<h2 class="p2" style="text-align: left;">Regierung spricht von misslungener Privatisierung</h2>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Denn niemand greift die Goldschürfer auf, solange in Bukarest die Machtverhältnisse nicht geklärt sind. Der inzwischen neu gewählte rumänische Präsident Klaus Iohannis hat das Projekt aber bereits im Sommer als „misslungene Privatisierung“ bezeichnet, die nur dem Investor zu Gute komme. Unterstützung hört sich anders an. Da hat der Investor schon mit einer Milliardenklage gedroht.</span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Weniger als 20 Jahre, nachdem die Kanadier den ersten Schritt in das Dorf im Apuseni-Gebirge gesetzt haben, ist heute nur dessen Hülle übrig geblieben. Dutzende Häuser im Dorf stehen ungenutzt da, wie bunte Plastikgebäude einer Modelleisenbahn. Auf dem runden Dorfplatz trifft sich keiner mehr. Nur noch ein Auto nutzt hier und da die Leere Fläche als Abstellplatz. Die Apotheke hat längst zugemacht. Der Arzt kommt nur noch zweimal in der Woche nach Roṣia Montana. In den Schulen werden zwei Stufen in einer Klasse unterrichtet. Und selbst die Kirchen leiden. In seiner kleinen unitarischen Gemeinde muss Arpad Palfi den sonntäglichen Gottesdienst manchmal alleine halten. Doch der Pfarrer hat das Dorf noch nicht aufgegeben. Wo eine Kirche stehe, da gebe es auch Leben, sagt er. Auf den Friedhöfen ist Gras über die Grabnarben gewachsen. </span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Die Nachbarin komme jetzt regelmäßig, versuche aber immer noch, das Geschäft unerkannt wieder zu verlassen, sagt Sorin Jurca und lächelt milde. Tief sitzt das Misstrauen in den Gassen und zwischen den Menschen in Roṣia Montana. Es ist das einzige Erbe, das die Kanadier Rosia Montana hinterlassen haben. Ihre Büros in der Gemeinde haben sie offenbar geräumt, allen Angestellten jedenfalls gekündigt. Vom großen Versprechen nach Arbeitsplätzen und einer goldenen Zukunft sind nur die zerfransten Poster an den Säulen und Hauswänden geblieben.</span></p>
<p class="p2" style="text-align: justify;"><span class="s1">Zumindest könne er seine Nachbarin jetzt am nächsten Sonntag auf dem Weg zu Kirche grüßen, seufzt Jurca. Sie, die im März ihren Job bei RMGC verloren hat, möchte nun die Zimmer in ihrem Haus an Touristen vermieten. Nur ein Bad muss sie zuvor noch bauen.</span></p>
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		<title>Die Ästhetik von Depression</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Nov 2014 00:34:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Axel Heimken]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Konflikte]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor dem Bürgerkrieg in der Ukraine war unser Autor Axel Heimken mit dem Auto von Donezk nach Charkiw unterwegs. Heute wird das Gebiet von pro-russischen Separatisten beherrscht und ist heftig umkämpft. Was ist das für ein Ort, für den so viele sterben?<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ukraine/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Vor dem Bürgerkrieg in der Ostukraine war unser Autor Axel Heimken mit dem Auto von Donezk nach Charkiw unterwegs. Heute wird dieses Gebiet von pro-russischen Separatisten beherrscht und ist heftig umkämpft. Was ist das für ein Ort, für den so viele sterben?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Wenn ich an die Ukraine denke, sind in meinem Kopf immer noch die Bilder von einer Fahrt durch den Osten des Landes präsent. Während der Fußball-Europameisterschaft 2012 habe ich als Sportfotograf im Stadion von Donezk gearbeitet und mich auch zweimal mit dem Auto auf einen knapp 300 km langen Weg nach Charkiw gemacht (beide Städte waren Spielorte der EM). 300 km quer durch die Ostukraine – eine Reise in die Vergangenheit, zu einem Ort, an dem die Zeit stillsteht. Als ob ein Farbfilm die Farbe verliert, der Fernseher auf einmal nur noch blasse Bilder zeigt.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Weg in die große Industriestadt Charkiw führt über Straßen mit gewaltigen Schlaglöchern. Und nun auch das noch: Wir haben eine Schlechtwetterphase erwischt. Mitten im Juni ergießen sich immer wieder heftige Schauer über unseren Mietwagen. Ein Albtraum für den Fahrer. Solange es trocken war, konnte ich den Weg und die Schlaglochtiefe noch abschätzen, mit den gefluteten Löchern ist das nicht mehr möglich. Was bleibt, ist Schritttempo.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Bitte kehren Sie bei der nächsten Gelegenheit um&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Alle paar Kilometer wechselt das Navigationssystem meines Smartphones die Fahrtrichtung um mindestens 180 Grad. Die vorgeschlagenen Wege und Straßen existieren nicht oder führen in ganz andere Richtungen als die gewünschte. Während des Kalten Krieges hatten die sozialistischen Staaten absichtlich fehlerhafte Karten an Ausländer verteilt, um den Gegner zu verwirren. Ich bekomme gerade das ungute Gefühl, dass mich mein Navi für den Klassenfeind hält. Und das obwohl die Ukraine Europa wohl noch nie so nahe war wie zu dieser EM im Sommer 2012.</p>
<p style="text-align: justify;">In der Hauptstadt Kiew sah ich, wie Tausende Fußballfans aus Dutzenden Nationen ausgelassen zusammen feierten. Die Ukrainer fieberten hier nach dem frühen Ausscheiden ihres Teams mit den anderen europäischen Nationen mit, egal ob Frankreich, England oder Deutschland. Ein Meer des Jubels, des Lächelns, der Farben.</p>
<h2 style="text-align: left;">Endzeitstimmung</h2>
<p style="text-align: justify;">Hier, im Nirgendwo zwischen Donezk und Charkiw, ist diese Fröhlichkeit nur noch eine blasse Erinnerung. Mit meinem Text-Kollegen auf dem Beifahrersitz passiere ich alte Industriegebiete, Gebäude und winzige Städtchen, zu denen mir nur der abgedroschene Spruch „Die haben schon bessere Zeiten gesehen“ in den Sinn kommt. Laternen, die nicht mehr leuchten, säumen die Straßen. In der Dunkelheit erhellen einzig die Scheinwerfer unseres Autos und das schwache Fensterlicht aus sanierungsbedürftigen Häusern unsere Fahrt.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-ukraine-heimken-3" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-ukraine-heimken-3 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-ukraine-heimken-3 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-ukraine-heimken-3 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="90000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_05.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Schlaglöcher machen ostukrainische Straßen schwer passierbar. Besonders fies: Nach Regen ist die Lochtiefe unklar.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_11.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das Ziel der Reise: Charkiw. An diesem Kunstwerk ist es in Russischer, nicht Ukrainischer Sprache angebracht. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_16.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Alle paar Kilometer verkaufen Bauern und Händler an improvisierten Ständen ihre Ware.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_03.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Passt schon. Die Ukrainer transportieren pragmatisch.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_17.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Sowjetische Ehrenmale erinnern an die Gefallenen des "Großen Vaterländischen Krieges".</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_15.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Während der gesamten Fahrt sieht unser Autor die Sonne nicht.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_02.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Alte Züge auf endlosen Gleisanlagen. Manche fahren noch, andere scheinen ihr letztes Grab gefunden zu haben.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_12.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Da kommt Stimmung auf. Bei "Sultan" gibt's sogar den deutschen Gartenzwerg.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_14.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auf einem Acker wie diesem wird das Passagierflugzeug MH-17 abstürzen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_04.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Meteorologen behaupten, dass auch in der Ostukraine mal die Sonne scheint.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_13.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch Industrieschornsteine schmücken die Landschaft.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-ukraine-heimken-3-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_05-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_11-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_16-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_03-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_17-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_15-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_02-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_12-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_14-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_04-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Ukraine_Axel_Coloe_13-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<p style="text-align: justify;">Wir fahren an einem alten Industriekomplex vorbei und im Radio läuft „Nothing Else Matters“ von Metallica – und das auch noch in einer akustischen Version mit Streichern. Endzeitstimmung. Das ist die passende Musik zu der deprimierenden Vorstellung des Films „Ostukraine“ der durch die Autofenster projiziert wird. Vielleicht hilft ja runter kurbeln.</p>
<h2 style="text-align: left;">Zurück im Kalten Krieg</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich frage nach dem Weg, doch man spricht hier nur Russisch, vielleicht noch Ukrainisch. Nicht dass das wichtig wäre, ich verstehe von beidem kein Wort. Weiter westlich hatte ich mich aber wenigstens noch mit Englisch durchschlagen können. Hier schauen mich die Menschen misstrauisch an. Mir scheint, ich bin der erste Westler, den so mancher zu Gesicht bekommt. Ich möchte ihnen zurufen: &#8222;Der Krieg ist vorbei, entspannt euch!&#8220; Stattdessen kurble ich die Scheibe wieder hoch.</p>
<p style="text-align: justify;">Denn ich bekomme gerade selbst Zweifel, ob der Kalte Krieg wirklich schon vorbei ist. Nicht nur, dass mein Navi mich in die Irre führen will. Wir passieren auch immer mehr Monumente und Denkmäler, auf denen Hammer und Sichel prangen. Machtsymbolik der untergegangenen Sowjetunion. Steinerne Soldaten, die an die Gefallenen des &#8222;Großen Vaterländischen Kriegs&#8220; erinnern, wie sie den Russlandfeldzug Nazi-Deutschlands hier nennen. Einige Historiker meinen, dass die Erinnerung an diesen Krieg das Wichtigste ist, dass früher die Sowjetunion und heute Russland zusammenhält.</p>
<h2 style="text-align: left;">Das Land des Nicht-Lächelns</h2>
<p style="text-align: justify;"><div class="su-spacer" style="height:20px"></div>
<iframe style="border: 0;" src="https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m29!1m12!1m3!1d4859095.447910185!2d35.96218199886592!3d48.99898942106173!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!4m14!1i0!3e0!4m5!1s0x40e0909500919a2d%3A0x36335efdc5856f84!2sDonezk%2C+Oblast+Donezk%2C+Ukraine!3m2!1d48.015882999999995!2d37.80285!4m5!1s0x4127a09f63ab0f8b%3A0x2d4c18681aa4be0a!2sCharkiw%2C+Oblast+Charkiw%2C+Ukraine!3m2!1d49.9935!2d36.230382999999996!5e1!3m2!1sde!2sde!4v1416202914184" width="100%" height="350" frameborder="0"></iframe><br />
<div class="su-spacer" style="height:40px"></div>
<p style="text-align: justify;">Und wir zwei Deutsche, vielleicht schlimmer: ahnungslose Sportreporter, kurven hier durch und fragen nach dem Weg. Immer wenn ich die Chance bekomme, zu fragen, habe ich wieder einen Menschen gefunden, dessen Sprache ich nicht spreche und der mir nicht wohlgesonnen zu sein scheint. Ich kann nicht kommunizieren. Und so bleiben nur die Bilder und Eindrücke einer langen Fahrt. Einer Fahrt, bei der das Auffälligste an den Menschen ist, dass ich nie jemanden lachen sehe.</p>
<p style="text-align: justify;">Zuerst vermute ich Zufall. Also beschließe ich, genauer hinzuschauen. Schließlich sogar in jedes sich mir zeigende Gesicht am Wegesrand. Doch niemand lacht. Weder die Menschen, die an der Straße Dinge des täglichen Lebens verkaufen und deren improvisierten Stände alle paar Kilometer auftauchen. Noch die Fahrer der schmutzigen Ladas, deren Baujahr kaum noch schätzbar ist. Passanten gehen meist stoisch, langsam ihres Weges. Ein bisschen gebückt so als würden sie nicht wollen, dass man sie bemerkt.</p>
<h2 style="text-align: left;">Kommendes Grab für MH-17</h2>
<p style="text-align: justify;">Auf der mehrstündigen Fahrt durch unzählige Örtchen sehe ich kein einziges Kind spielen. Dafür aber Menschen, die auf ihrem Weg alte Bahngleise kreuzen. Endlose Schienen, für die es keine richtigen Übergänge gibt. Auf einigen der Gleisanlagen haben Züge nach langem Rosten ihr letztes Grab gefunden. Immer wieder passieren wir graue Schornsteine, nur aus wenigen drückt sich Qualm in den Wolken behangenen Himmel. Bald wieder endlose Ackerflächen. Stille.</p>
<p style="text-align: justify;">Kaum vorstellbar, dass in ziemlich genau zwei Jahren auf einem dieser Äcker das Passagierflugzeug MH-17 abstürzen wird. Laut, krachend, blutig. Fast 300 Menschen werden sterben, vermutlich weil ostukrainische Separatisten das Flugzeug aus Versehen abschießen. In einem grausamen Bürgerkrieg kämpfen sie dafür, dass dieser Ort bei Russland bleiben kann. Sich nicht mit dem Rest der Ukraine Europa nähert, dessen Fußballfest hier im Sommer 2012 gerade ausgerichtet wird.</p>
<h2 style="text-align: left;">Ein Raumschiff zwischen Plattenbauten</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Separatisten, sind das die gleichen Menschen, die ich unterwegs gesehen habe? Die stoischen, gleichgültigen, gebückten? Sie schienen mir eher am Leben nicht mehr interessiert zu sein. Hier im zeitlosen Nirgendwo, in einem Land ohne Lächeln.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach langer Fahrt erreichen wir Charkiw. Die zweitgrößte Stadt der Ukraine, dominiert von Plattenbauten. Nur das Stadion hat die Form eines gewaltigen gequetschten Donuts. Wenn es nachts bunt erleuchtet ist, liegt der Donut wie ein außerirdisches Raumschiff inmitten der alten Stahlarbeiterstadt.</p>
<p style="text-align: justify;">Für die EM ist die Spielstätte des Stadtklubs &#8222;Metalist&#8220; umgebaut worden, für 75 Millionen Euro, um über 41.000 Zuschauern Platz zu bieten. Allein: Die wollen ihn nicht, viele Sitze bleiben leer. Die Eintrittspreise zur EM sind für die meisten Ukrainer unerschwinglich. Warum haben sie mit dem Geld nicht die vielen Schlaglöcher repariert? Die werden noch da sein, wenn die Fußballwelt längst weitergezogen ist.</p>
<h2 style="text-align: left;">Russische Flaggen überall</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenige ausländische Fußballfans haben die Reise nach Charkiw auf sich genommen. Als die Deutschen die Niederländer hier in der Vorrunde besiegen, interessiert das von den Einheimischen kaum jemanden. Das Publikum schwingt russische Fahnen, obwohl die russische Mannschaft während der gesamten EM nicht hier spielt. Ich fühle mich jedenfalls nicht sonderlich willkommen. Abreise nach Donezk, wo die Stimmung sogar noch russischer ist.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenigstens das Navi kann mich nicht mehr austricksen, ich kenne nun den Weg. Vorbei an endlosen Äckern, alten Industrieanlagen durch Schlaglöcher und beobachtet von ernsten, fahlen Gesichtern. Dass hier bald ein Bürgerkrieg toben wird, hätte ich mir damals im Sommer 2012 nicht vorstellen können. Warum kämpfen sie dafür, dass dieser Ort so bleibt wie er ist, frage ich mich heute. Dieser Ort, an dem die Zeit still steht.</p>
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		<title>Die Haut Gottes</title>
		<link>https://www.weltseher.de/die-haut-gottes/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2014 01:01:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bosnien-Herzegowina]]></category>
		<category><![CDATA[Alexandra Stanic]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[christlich]]></category>
		<category><![CDATA[Katholisch]]></category>
		<category><![CDATA[Kulte]]></category>
		<category><![CDATA[Marko Mestrovic]]></category>
		<category><![CDATA[Tattoo]]></category>
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					<description><![CDATA[Verblasste Tinte aus Muttermilch, Spucke und Ruß unter der Haut alter Frauen: In Bosnien-Herzegowina gibt es noch heute Reste eines alten christlichen Tattookults, der noch aus der Zeit der osmanischen Besatzung stammt.   <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-haut-gottes/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong><strong><strong><strong>Verblasste Tinte aus Muttermilch, Spucke und Ruß unter der Haut alter Frauen: </strong></strong></strong>In Bosnien-Herzegowina gibt es noch heute Reste eines alten christlichen Tattookults, der noch aus der Zeit der osmanischen Besatzung stammt. <strong>  </strong></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Nicol Lovrić zupft an ihrem Pullover, streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. In ihrer Hand hält sie ein altes, vergilbtes Foto. „Das sind meine Oma und ich“, sagt sie mit traurigem Lächeln. „Sie ist gestorben, als ich sechs war.“ Nicols Vater erzählt der 23-Jährigen immer wie ähnlich sie ihrer toten Großmutter ist. Genauso aufbrausend und stur. Sie hat das gleiche Grübchen wenn sie lacht und dieselben strahlenden Augen. Auf dem Foto erkennt man ein Tattoo auf der Hand ihrer verstorbenen Großmutter. „Ich will es mir unbedingt nachstechen lassen“, erklärt die Sonderschullehrerin. „Es ist nicht nur ein Symbol für meine Oma, sondern auch ein Zeichen der Zugehörigkeit und die Erhaltung einer Tradition.“</p>
<h2 style="text-align: left;"><strong>Spiritueller Schutz vor Osmanen</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Die genaue Zahl an traditionell tätowierten, katholischen Frauen auf dem Balkan ist nicht bekannt. Tea Mihajlović begann 2008 mit der Recherche über den über 500 Jahre alten Brauch. Sie machte sich die Nachforschung des alten Katholikenkults zum Hobby, weil sie die Tradition ihrer Vorfahren fasziniert. Die 29-Jährige hat mit etwa 200 traditionell tätowierten Frauen gesprochen. „Es ist mehr als nur Dekoration, es dient zur Identitätserkennung“, erklärt die junge Mutter.</p>
<p style="text-align: justify;">Katholische Gemeinden in Bosnien und Herzegowina litten während der osmanischen Herrschaft. Viele der Katholiken konvertierten zum Islam, Kinder wurden entführt und Mädchen zwangsverheiratet. Junge Frauen tätowierten sich gegenseitig Kreuze und andere historische Zeichen auf Hände, Brust, Rücken und Stirn. So kennzeichneten sie sich für den Fall einer Entführung und verwendeten die Kreuze und Ornamente als spirituellen Schutz vor Osmanen.</p>
<h2 style="text-align: left;"><strong>Verbindung zur Religion<br />
</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Ganze Gruppen von Mädchen im Alter zwischen drei und sechs wurden meist am 19. März, dem Tag des heiligen Josip, oder am 25. März, „blagovijest“, der „Maria Verkündung“ tätowiert. Beide Termine sind wichtige katholische Feiertage in der Karwoche. Ruža Jonjić war bei ihrer ersten Tätowierung am 19. März 1949 sechs Jahre alt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die heute 70-Jährige Ruža ist in Kupres geboren und aufgewachsen. Hier hat sie geheiratet, Kinder bekommen und ihren Mann verloren. Jeden Sonntag besucht sie die gleiche Kirche, seit über 60 Jahren. Ruža blickt auf ihren Handrücken. Sie empfindet ihre Tätowierung als Verbindung zu ihrer Religion. „Ich bin sehr stolz auf meine Tattoos“, erklärt sie. Sie greift nach dem Anhänger an ihrer goldenen Halskette, es ist ein Kreuz. „Als Katholikin gehören sie zu mir.“ Ihre Stimme wird bestimmter. „Es wäre eine Schande, würde ich mich dafür schämen oder sie gar verstecken.“</p>
<p style="text-align: justify;">Die Tattoos sind verzierte Kreuze oder Ornamente. Die genaue Bedeutung kennen selbst die tätowierten Frauen nicht mehr genau. Es war ein Brauch, der über die Jahrhunderte eingehalten wurde. Die beliebtesten Stellen zum Stechen waren Unterarme, Hände und Finger. Kreuze auf Brust und Stirn waren bei älteren Generationen üblich, nur sind diese Frauen mittlerweile gestorben. Auch die Männer zierten einst die gleichen Zeichen, die sind aber ebenfalls tot.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-die-haut-gottes-4" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-die-haut-gottes-4 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-die-haut-gottes-4 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-die-haut-gottes-4 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="500000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2432-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Tattoos werden mit Ruß, Honig, Spucke und Kohle gestochen, je nach Region unterscheidet sich die Mixtur. Foto © Marko Mestrović </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2414-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Bedeutung der Ornamente und Zeichen kennen die Menschen nicht mehr. Foto © Marko Mestrović </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2360-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description"> "Hier in der Gegend hat jede Frau in meinem Alter mindestens ein Tattoo“, erzählt die 82-jährige Zora (links). Eine moderne Variante der alten Symbolik: Junge Frauen gehen der Tradition ihrer Großmütter nach (rechts). Foto © Marko Mestrović </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2300-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die 76-Jährige Milica bekam ihr erstes Tattoo mit sieben. Heute sind ihre Hände rau und ledern, die gestochenen Symbole schwer zu erkennen. Foto © Marko Mestrović </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2283-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ruža empfindet ihre Tätowierung als Verbindung zu ihrer Religion (links). Der alte Tattoo-Kult ist Teas Hobby geworden. Auch sie hat ein Symbol auf ihrem Arm verewigt. Foto © Marko Mestrović </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2484-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Tattoos sind verzierte Kreuze oder Ornamente. Die beliebtesten Stellen zum Stechen waren Unterarme, Hände und Finger. Foto © Marko Mestrović </div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-die-haut-gottes-4-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2432-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2414-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2360-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2300-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2283-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2484-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<h2 style="text-align: left;"><strong>Ruß, Honig, Spucke und Muttermilch</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Die 82-jährige Zora Stojanović bekam wie Ruža ihr erstes Tattoo am 19. März, im Jahre 1944. „Ich war damals 13 Jahre alt“, erzählt die 20-fache Großmutter mit schelmischem Lachen.</p>
<p style="text-align: justify;">Für das Stechen der Tätowierungen wurden eine einfache Nadel und eine Mischung aus Ziegen- oder Muttermilch einer Frau, deren Erstgeborenes männlich war, verwendet. Hinzu kam entweder Ruß, Honig, Spucke oder Kohle. Je nach Region unterschied sich die Mixtur. Die meisten traditionell tätowierten Frauen leben in den bosnischen Städten Kupres, Prozor, Travnik und Jajce.</p>
<p style="text-align: justify;">Zora wohnt in einem Dorf in den Bergen der Region Rama in Herzegowina. Sie hat ein kleines Häuschen und nur einen direkten Nachbarn. Die Fahrt in die nächstgelegene Stadt Prozor dauert 20 Minuten. „Hier in der Gegend hat jede Frau in meinem Alter mindestens ein Tattoo“, sagt sie und schenkt sich eine Tasse schwarzen Kaffee ein. „Es war damals einfach eine Kennzeichnung von katholischen Mädchen.“</p>
<h2 style="text-align: left;"><strong>Junge Mädchen wurden gehänselt<br />
</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">„Eine alte Legende besagt, dass ein katholisches Mädchen vor langer Zeit von einem Osmanen entführt wurde. Er befahl ihr, dass tätowierte Kreuz von ihrer Haut zu kratzen. Sie folgte seinem Befehl und entdeckte ein in ihren Knochen geritztes Kreuz“, beginnt Milica Simić ihre Erzählung. Die 76-Jährige richtet ihre Frisur, streift ihr schwarzes Kleid glatt. Milicas Einfamilienhaus ist groß und wirkt aufgeräumt. Im Wohnzimmer hängt ein großes Kreuz aus Holz, in der Küche ein Foto des Papstes.</p>
<p style="text-align: justify;">Milica hatte nie Probleme wegen ihrer Tattoos. Obwohl der Trend während des Kommunismus aufhörte. Frauen verloren ihre Arbeitsplätze. Junge Mädchen wurden gehänselt. „Mich haben sie nie schikaniert“, erinnert sich die Witwe. „Aber ich kannte viele Mädchen, die aufgrund der Zeichen ausgelacht wurden.“ Ein Grund warum die letzte traditionell tätowierte Frau 1984 gestochen wurde.</p>
<p style="text-align: justify;">Die 76-Jährige Milica bekam ihr erstes Tattoo mit sieben. Heute sind ihre Hände rau und ledern, die gestochenen Symbole schwer zu erkennen. „Damals hat man sie besser erkannt“, erzählt die praktizierende Katholikin. „Aber ich habe meine Hände eben all die Jahre genutzt, meine Haut ist verbraucht.“</p>
<h2 style="text-align: left;"><strong>Der Großmutter huldigend</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Nicols Hände sind jung, unverbraucht und gepflegt. Bald soll die Innenseite ihres Unterarms das gleiche Symbol tragen wie das ihrer verstorbenen Großmutter. „Zwischen meiner Oma und mir gab es immer eine besondere Verbindung“, sagt Nicol und legt das Bild der beiden beiseite.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Vater der 23-Jährigen teilt die Begeisterung seiner Tochter. Mit Freunden hat sie noch nicht darüber gesprochen. „Es ist eher eine familiäre Angelegenheit.“ Nicol will die Tradition ihrer Großmutter aufrechterhalten. Sie will verhindern, dass der katholische Kult in Vergessenheit gerät. Sie wird still, wirkt gedankenverloren. „Meine Oma wäre sicher glücklich über mein Tattoo.“</p>
<h2 style="text-align: left;"><strong>Aus alt mach neu</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Wie Nicol hatte auch Maja Brkan eine außergewöhnliche Beziehung zu ihrer Großmutter. Den Rücken der jungen Frau schmückt ein Ornament, das aussieht wie ein Traumfänger. Für Maja ist das Tattoo mehr als nur eine Kennzeichnung ihres Glaubens. „Meine Oma hatte auch eines und ich war als Kind immer so fasziniert davon“, schwelgt die 21-Jährige in Kindheitserinnerungen. „Deswegen habe ich mich auch für ein Symbol aus dieser Zeit entschieden.“</p>
<p style="text-align: justify;">Ob Anker, Federn oder Liebessprüche – Tattoos sind die Modeerscheinung des 21. Jahrhunderts. Mädchen wie Maja und Nicol nutzen die Tradition vergangener Generationen um ihre eigenen Tätowierungen einzigartig zu machen. Sie verbinden Vergangenes mit dem Trend von heute und drücken so ihre Zugehörigkeit aus. Ähnlich wie es ihre Großmütter einst taten. Maja wird im November heiraten. „Ich habe mein Hochzeitskleid extra so ausgesucht, dass mein Tattoo zu sehen ist“, erzählt die zukünftige Ehefrau.</p>
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