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	<description>Magazin für Reportagen</description>
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	<title>Bräuche &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Wirbeltanz im Wartesaal</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Dec 2017 11:06:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Türkei]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wirbeltanz-im-wartesaal/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Jeder Schritt scheint mit Bedacht gewählt. Zeitlupenartig betreten die zehn Männer das hölzerne, achteckige Teehaus. Sie tragen bodenlange schwarze Überwürfe. Und zylinderförmige, konische Filzhüte, die noch höher sind als die Zipfelmasken der Semana-Santa-Büßer. Wie in Trance stellen sie sich im Halbrund auf. Sie nehmen auf weißen Schaffellen Platz. Etwas abseits sitzt der Vorbeter. Musik setzt ein, Gesang, Flötenklänge, später Percussion und Saiteninstrumente.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Männer stehen auf. Sie schreiten an ihrem Vorbeter, dem Chij, entlang, grüßen ihn, küssen ihn, legen die schwarzen Umhänge ab. Das Gewand darunter ist blütenweiß. Und mündet in einem bodenlangen Rock mit enormem Durchmesser. Ganz langsam beginnen sich die Männer um die eigene Achse zu drehen. Anfangs liegen ihre Arme über Kreuz auf ihrer Brust. Die linke Hand auf der rechten Schulter. Und umgekehrt. Das linke Bein bleibt stets wie eine Achse am Boden verhaftet. Das rechte stößt ab und löst die Drehbewegung aus. Immer schneller rotieren die Männer um die eigene Achse. Die Arme breiten sich nun aus. Die rechte Hand zum Himmel gerichtet. Die linke zur Erde. Im Kreis wirbelnd scheinen sie zu schweben. Wie Gestirne drehen sie sich um die eigene Achse und gleichzeitig in einem weiteren Kreis durch den Raum. Ihre aufgeblähten Röcke wirken wie die Ringe des Saturn. Sie sind Derwische. Mitglieder eines seit 1925 in der Türkei verbotenen Mystiker-Ordens.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich erlebe die Sema, den Tanz der Derwische, im Mevlana-Kloster in Istanbul. Der Begriff Kloster, Tekke, hat sich gehalten, obwohl diese Oase der Ruhe im quirligen Stadtteil Galata seit dem Verbot unter Atatürk offiziell ein Museum ist und die Tanzzeremonie nicht mehr religiöser Ritus, sondern eine Art Folklore-Aufführung. &#8222;Galata Mevlevihane Müzesi&#8220;, so nennt sich das 1492 gegründete Kloster heute. Heerscharen von Touristen bestaunen alljährlich die Derwisch-Vorführungen. Und erleben einen Islam, der dem Zen ähnelt. Oder der inneren Versenkung mittelalterlicher Mystiker im Christentum. Wie viele Religionen hat auch der Islam eine mystische Seite, wo die Annäherung an das Göttliche durch die Überwindung des eigenen Ichs erfolgt.</p>
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<h2 style="text-align: justify;">Der Meister Eckhardt des Islam</h2>
<p style="text-align: justify;">Dem Sitzen im ZEN entspricht im Sufismus der Wirbeltanz. Die Methode geht auf Rumi zurück, den großen Dichter und Sufi-Meister des 13. Jahrhunderts. Den Meister Eckhardt des islamischen Kulturkreises. Das Mevlana-Kloster am Bosporus wurde zwei Jahrhunderte nach Rumis Tod gegründet. Wenn man das kleine Tor zum Klostergelände durchschreitet, fällt man aus Raum und Zeit. Der Hof strahlt eine Ruhe und Abgeschiedenheit aus, die nicht von dieser Welt scheint. Besonders wenn man gerade von der lauten, hektischen, überfüllten Einkaufsmeile Istiklal Caddesi kommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Grabsteine im Klosterfriedhof wirken wie versteinerte Sufi-Tänzer. Die Stelen mit den arabischen Inschriften sind die Körper. Darauf thronen die zylindrischen Hüte, manchmal aufgestockt um einen steinernen Turban. Gottesacker und Tanzsaal sind Orte des Übergangs. Die Filzhüte der Derwische, Sikke, symbolisieren Grabstelen, denn das Ego soll ja tanzend zu Grabe getragen werden. Und die weißen Gewänder sind Grabtücher, um das überwundene Ich zu beerdigen. Sufismus ist wie Zen transpersonale Spiritualität. Der Derwisch wird eins mit einem größeren Ganzen, indem er seine Eigenständigkeit als Person aufgibt. Und das große Ganze ist der Kosmos, den der Tanz spiegelt. Die Tänzer werden in Trance zu Gestirnen, die sich sowohl um die eigene Achse drehen, als auch im harmonischen Zusammenspiel mit anderen den Mittelpunkt des Universums umkreisen. Gegen den Uhrzeigersinn, also gegenläufig zum natürlichen Fluss der Dinge, der stets im Tod mündet.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Schönheit dieses Konzepts büßt ihre Wirkung verblüffend wenig dadurch ein, dass Touristen bei der Zeremonie zuschauen. In den Klosterräumen gibt es eine Dauerausstellung, die mit zahlreichen Exponaten über islamische Mystik, Sufi-Traditionen und die Geschichte des Ordens informiert. Das Mevlana-Kloster ist unbestreitbar ein Museum. Und der achteckige, holzgetäfelte Teeraum ist unverkennbar Bühne für ein Touristen-Spektakel. Aber so fühlte es sich nicht an. Da war noch etwas. Haben die Sufis schlitzohrig ihre Existenz gesichert, indem sie ihre Kultur für ein nicht-initiiertes Publikum öffneten?</p>
<h2 style="text-align: justify;">In der Millionenstadt am Bosporus</h2>
<p style="text-align: justify;">Als die Tanzzeremonie in dem Istanbuler Teehaus vorbei ist, komme ich ganz allmählich wieder an in der profanen Alltagswelt der Millionenstadt am Bosporus. Ich schlendere durch das Galata-Viertel und frage mich, wie viel authentischer Sufismus (benannt nach dem arabischen suf, Wolle, was auf das Wollgewand der Asketen anspielt) noch in dem steckt, was ich gerade erlebt habe. Ob mystische Erfahrung überhaupt möglich ist, wenn man eine Methode der Verinnerlichung vorgeblich auf ihre äußerliche Ästhetik reduziert? Die Oberfläche wirkte stimmig: Ambiente, Trachten, Choreographie. Was aber, wenn der Kloster-Rahmen als Kulisse wegfällt? Würde das einen Teil des Zaubers nehmen?</p>
<p style="text-align: justify;">In Istanbul gibt es noch andere Orte, an denen Derwisch-Tänze vorgeführt werden. Ich habe das Wirbeln der Sufis zum ersten Mal in eigentümlichem Ambiente erlebt. Im Wartesaal des Sirkeci-Bahnhofes, der Endhaltestelle des legendären Orientexpresses. Der holzgetäfelte Raum ist gewaltig hoch. Seine Rosettenfenster haben unverkennbar etwas Sakrales. Wie in Kathedralen des europäischen Mittelalters. Hier haben ein Jahrhundert lang Orientreisende auf den Luxuszug gewartet, der sie zurück nach Wien, München oder Paris bringen sollte. 1883 nahm die legendäre Bahnverbindung den Betrieb auf. Ab 1889 endete sie in der Sirkeci-Station, dieser kleinen Kathedrale des romantischen Reisens.</p>
<p style="text-align: justify;">Sufi-Mystik im Wartesaal – was zunächst als bizarre Kombination erscheint fühlt sich, wenn man sich darauf einlässt, durchaus stimmig an. Ich war mehrmals bei der Tanzzeremonie im Sirkeci-Bahnhof. Und dachte jedes Mal, dass die klassischen Orientreisenden von jeher wohl auch Pilger waren. Ihre Hoffnungen und Sehnsüchte ähnelten vermutlich denen von Erkenntnissuchenden an anderen mythischen Orten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sufis im Bahnhof</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Derwisch-Tänze machen sich im Bahnhof besonders unverdächtig. Zeitvertreib und Zerstreuung für Reisende. Ablauf und Choreographie in dem leicht heruntergekommenen Wartesaal sind nicht nennenswert anders als im Mevlana-Kloster. Nur dass hier die Musiker im Saal sind &#8211; zum Anfassen nahe. Und die Besucher nicht durch eine hölzerne Balustrade abgetrennt sind von dem Raum, den die Derwische durchwirbeln. Sie hocken auf billigen Plastik-Stühlen, quasi auf der Tanzfläche. Anfangs denke ich, wie demütigend es sein muss, seine heiligen Traditionen an einem derart profanen Ort zu praktizieren. Aber erstaunlich schnell löst sich die Architektur als Kulisse der Zeremonie auf. Sobald die Sema in Gang kommt, ist das Ambiente vergessen. Die Wirbeltänze entfalten die gleiche hypnotische Wirkung wie im Teehaus des Klosters. Die Rotation scheint einen förmlich in die Tiefen des Universums zu ziehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Derwisch-Rituale sind getanzte Kosmologie. Rumi initiierte eine Kosmologie des Tanzes. Das kosmische Ganze wird in einem strengen Ritual ertanzt. Zu dieser Gesamtheit gehört der Makrokosmos der Gestirne ebenso wie der Mikrokosmos von Protonen und Elektronen. Galaktische Weiten ebenso wie atomare Tiefen. Ein visionäres Konzept für einen Mystiker des 13. Jahrhunderts, lange vor Galileo. Obwohl Bewegungen und Choreographie der Sema dynamisch und im Fluss sind, sich in den Raum hineinbewegen, ihn ausfüllen, ziehen sich die Tanzenden spürbar in die innere Versenkung zurück. Der hypnotische Anblick und die Klänge der Sufi-Musik nehmen auch den unbeteiligten Betrachter mit auf eine Art spirituelle Reise. Das fünfköpfige Ensemble spielt auf mit einer Kamantsche (einer persischen Stachelgeige), der Baglama (einer Saz, die türkische Langhalslaute), der Oud (Kurzhalslaute) und natürlich der Rohrflöte Ney. Die Sufis glauben, beim Spielen der Ney wird der Atem Gottes zu Klang.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch am Zielbahnhof des Orientexpresses ergreift mich die Schönheit der Sufi-Kontemplation. Hier scheint mir das Umschiffen des staatlichen Verbotes noch listenreicher. Aber das bleibt reines Bauchgefühl. Meine eigenen romantischen Projektionen. Wunschdenken. Denn kann ein uraltes Ritual gelebte Spiritualität und folkloristische Zerstreuung zugleich sein?</p>
<h2 style="text-align: justify;">An Rumis Grab</h2>
<p style="text-align: justify;">Um das herauszufinden, reise ich nach Anatolien, nach Konya, der Wirkungsstätte Rumis. Es ist der 17. Dezember, der Todestag des großen Mystikers, den seine Verehrer traditionell als Feiertag begehen. Nicht ein Hauch von Orient-Romantik umweht die Zugfahrt nach Konya. Der ultramoderne Hochgeschwindigkeitszug saust von Istanbul in wenigen Stunden durch gepflegte Kulturlandschaften ans Ziel. Genug Zeit, mir den Lebensweg des Mystikers in Erinnerung zu rufen.</p>
<p style="text-align: justify;">Rumi, der 1207 in Balkh, im heutigen Afghanistan, geboren wurde, hieß eigentlich Dschelaleddin. Der Vater war ein geachteter Rechtsgelehrter und Theologe. Daher fand er, nach der Flucht der Familie vor Dschingis Khans anrückenden Mongolen und einer Irrfahrt gen Westen, eine Anstellung im anatolischen Konya. Konya war Herrschaftssitz der oströmischen Seldschuken. So entstand Dschelaleddins Beiname: Rumi, der Römer. Bis zu einer Schlüsselbegegnung, die seinem Leben eine völlig neue Ausrichtung geben sollte, folgte Rumi zunächst in Konya den Fußstapfen seines Vaters, wurde Gelehrter und Familienvater.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Wendepunkt in Rumis Leben kam, als im Jahre 1244 der Derwisch und Wandermönch Shams-e-Tabrizi in Konya eintraf. Zwischen beiden Männern entspann sich etwas ganz und gar Unerhörtes. Eine Art intellektuelle amour fou. Rumi und Shams wurden einander geistige Sparringspartner, Seelenverwandte, Inspirationsquell. Sie verschmolzen zu einer symbiotischen Einheit. Inwieweit ihre Beziehung auch eine sexuelle Ebene hatte, wird entweder diskret übergangen oder ist tatsächlich nicht eindeutig überliefert. Seinerzeit war die Männerfreundschaft jedenfalls ein gesellschaftlicher Skandal. Rumi vernachlässigte Familie und Alltag. Woraufhin seine Angehörigen dafür sorgten, dass Shams Konya verließ. Der hatte vermutlich berechtigte Sorge um Leib und Leben. Als Rumi vor Kummer über den Verlust des Geliebten zu zerbrechen drohte, holten seine Söhne den Vertriebenen für kurze Zeit aus dem Exil in Damaskus zurück. Nur um ihn gleich darauf zu ermorden. Sie holten ihn eines Abends in Rumis Haus ab, führten ihn aus der Stadt. Das war im Jahre 1248. Shams ward nie mehr gesehen. Rumi lebte noch bis zum Jahr 1273.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Lehre der allumfassenden Liebe</h2>
<p style="text-align: justify;">Aus diesem Verlust heraus entwickelte Rumi seine Lehre von der allumfassenden Liebe, die der Seele auf den Pfad zur Vollkommenheit verhilft. Seinen Verlust beklagte er in Versen, die ihn bis heute zum meistgelesenen Dichter persischer Sprache machen. Vor allem aber wirkte Rumi als geistiger Gründer des Mevlevi-Ordens, des Ordens der Tanzenden Derwische. Eines Tages soll ihn der Rhythmus, den die Kesselmacher auf Konyas Markt mit ihren Schmiedehämmern schlugen, zu einem spontanen Wirbeltanz inspiriert haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Schule machende Methodik war geboren. Mevlana, Rumis Beiname, bedeutet &#8222;unser Meister&#8220;. Und das persische Derwisch kann mit &#8222;streng asketisch lebender Mönch&#8220; übersetzt werden. Die Methode der inneren Versenkung im tranceartigen Wirbeltanz hat Rumi nach seiner spontanen Eingebung auf dem Markt verfeinert und ausdifferenziert. Das mystische Grundprinzip ist das gleiche wie in anderen Praktiken von &#8222;Entwerdung&#8220;, von Erkenntnis und Auflösung. Aber Rumis kosmischer Tanz berührt mich als Methodik von besonderer Schönheit und Originalität, die noch dazu den unbeteiligten Betrachter miteinzubeziehen vermag. Die formelle Bruderschaft jedoch, in die Rumis Erben seine Lehren überführten, hat die Säkularisierung der Türkei nicht überlebt. In seltsamem Kontrast zu der Verehrung des Mystikers, auf die ich an Rumis Wirkungsstätte stoße.</p>
<p style="text-align: justify;">Für viele Muslime kommt der Pilgerort Konya gleich nach Mekka. Doch ein spürbar spirituelles Flair ergreift mich nicht bei der Ankunft an Konyas eher schmucklosem Bahnhof. Von dort folgt man zu Fuß einer schnurgeraden Magistrale ins Zentrum. Der Stadtkern unterscheidet sich mit seinen zahllosen Läden, Boutiquen, Restaurants und Cafés nicht nennenswert von anderen türkischen Städten. Die Zwei-Millionen-Stadt ist wirklich seltsam unspektakulär, wie Reisende unisono beklagen &#8211; trotz der majestätischen Kulisse des Taurus-Gebirges. Angeblich hat Konya annähernd so viele Moscheen wie das siebenmal so große Istanbul. Ins Auge springt das nicht. Dafür wirkt die Millionenstadt zu europäisch, zu wenig orientalisch. Unübersehbar ist jedoch: Das Geschäft mit dem Sufi-Erbe blüht in Konya.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Vermarktung des Sufi-Erbes</h2>
<p style="text-align: justify;">An jeder Straßenecke findet sich ein &#8222;Mevlana Hotel&#8220;, ein &#8222;Sufi Kebab&#8220;, Stände des &#8222;Mevlana Taksi&#8220; &#8211; Fuhrunternehmens oder ein &#8222;Hotel Rumi&#8220;. Auch die Ampelmännchen an den Straßenlaternen sind einzigartig: Grell neonfarben leuchtende Derwischfiguren. Heckenpflanzen werden so zurechtgeschnitten, das sie wie Wirbeltänzer aussehen. Konya vermarktet sein Sufi-Erbe ebenso aggressiv wie die Altstadt von Jerusalem die Passionsgeschichte.</p>
<p style="text-align: justify;">Ziel der Rumi-Pilger ist das Grab des Mystikers, der Rumi-Schrein. Der Sarkophag, auf dem unübersehbar der Derwisch-Filzhut des Dichters liegt. Eine markante grüne Kuppel weist den Weg zu der Anlage, die auf der Mevlevi-Tekke gründet, die Rumis Sohn Sultan Veled einrichten ließ. Sie besteht aus dem Mausoleum, einer Moschee, einem Tanzhaus (Semahane), 17 Derwisch-Zellen, einer Küche und einem Reinigungsbrunnen. In der Küche mussten Novizen 1001 Tage Dienst tun, bis sie als Derwisch initiiert wurden. Heute ist das ehemalige Klostergelände ebenso streng gesichert wie der Topkapi-Palast in Istanbul. In einer Sicherheitsschleuse werden Bekleidung und Taschen der Besucher gescannt und durchleuchtet. Dann steht man auf dem Klosterhof, wo sich viele Pilger rituell Füße und Hände reinigen, bevor sie das Mausoleum betreten. Jeder Besucher muss die Schuhe ausziehen oder einen blauen Plastiküberzug darüber streifen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein großer, dunkler Raum, direkt unterhalb der markanten grünen Kuppel, ist Rumis letzte Ruhestätte. Sein mit einem goldbestickten Samtüberwurf bedeckter Sarg wird durch ein hohes Eisengitter vor allzu überschwänglichen Verehrern geschützt. So kann man den Sarkophag zwar nicht berühren, aber keinesfalls übersehen: Rumis Turban ist darauf drapiert. Die Menschen klammern sich an das Gitter. Manche sind emotional so überwältigt, dass sie in Tränen ausbrechen. Es gibt einen Gebetsraum für Männer und einen für Frauen. Der Rest des Klosterbaus und des Tempelbezirks ist ein Museum, wie in Istanbul. Überwiegend Frauen sitzen auf dem nackten Fußboden, wie Schülerinnen auf Klassenfahrt. Sie lehnen an den Schaukästen, die Kleidungsstücke Rumis und andere Sufi-Devotionalien zur Schau stellen. Mein Lieblingsexponat bleibt leider eine Behauptung. In einem mit Perlmutt-Rauten verzierten Holzkästchen soll sich angeblich ein Barthaar Mohammeds befinden. Die Floskel ‚beim Barte des Propheten‘ möchte ihren Ursprung in Konya haben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Verehrt wie ein Volksheiliger</h2>
<p style="text-align: justify;">Hier im Rumi-Mausoleum wird der Dichterfürst wie ein Volksheiliger verehrt. Die Pilger, die jedes Jahr am 17. Dezember, dem Todestag Rumis, in Scharen aus allen Landesteilen nach Konya kommen, suchen nicht nur die innere Einkehr an der letzten Ruhestätte ihres Idols. Sie wollen auch Spektakel, Zeitvertreib, Zerstreuung. Von der zum Museum degradierten Mevlevi-Tekke aus dem 13. Jahrhundert laufe ich eine Magistrale stadtauswärts entlang trauriger Ruinen auf einem trostlosen Brachland. Und komme zu einem kolossalen Betonmonstrum, dem modernistischen Kultur- und Kongresszentrum von Konya. &#8222;Mevlana Kültür Merkezi&#8220; nennt sich der seelenlose, futuristische Gigantbau in Form einer Pyramide.</p>
<p style="text-align: justify;">Dessen Siebzigerjahre-Moderne steht in seltsamem Kontrast zu den Besuchern, die er zum Rumi-Gedenken anzieht. Busladung nach Busladung wird hier abgeladen, um einem Show-Programm mit Derwisch-Einlage beizuwohnen. Wohlgenährte, rustikale Damen mit Kopftüchern und groben Strickjacken dominieren die Besucherströme. Nervös, spürbar von der ungewohnten Situation überfordert, suchen sie ihre Plätze in der gewaltigen Arena auf. Und auch während der Vorstellung ebbt das Kommen und Gehen nicht ab. Ständig muss jemand zur Toilette oder sonst etwas erledigen. Ständig wird getuschelt, geschnattert. Mit Handys photographiert, Selfies gemacht. Um sich zu vergewissern, dass man nicht allein ist in dem Kulturpalast, der wie das Innere eines gewaltigen UFOs anmutet.</p>
<p style="text-align: justify;">Irgendwie will hier nichts zusammenpassen. Nicht nur die etwas derben, fülligen Landpomeranzen und die megamoderne Arena. Das knappe Doppeldutzend an Sufi-Musikern auf der Orchester-Empore ist zwar traditionell gekleidet &#8211; ebenso die rund 50 Derwisch-Tänzer -, aber die Inszenierung hat dennoch etwas von gepflegter Samstagsabendunterhaltung. Bis hin zu der knalligen, äußerst farbenfrohen Lightshow. Mystisch sieht anders aus. Stelle ich mir zumindest anders vor. Die Regie hat Wert darauf gelegt, dass ein kulturelles Unterhaltungsprogramm die eigentliche Sema umrahmt. So ist der Derwisch-Tanz ein Programmpunkt unter vielen in einer weltlichen Großveranstaltung.</p>
<p style="text-align: justify;">Erdogans Wähler stelle ich mir so vor wie die Besucher in Konyas Kulturpalast. Fraglos fromm, traditionell in Erscheinung und Weltbild, konservativ im Denken und Empfinden. Und wenig aufmüpfig, weil Teil eines unverrückbaren Systems, autoritär und hierarchisch. Sie tragen dieses System, sind seine Stützen. Und damit weit entfernt von der inneren Freiheit und Unabhängigkeit wahrer Mystiker. Tröstlich allein, dass die Zeremonie überlebt hat. Und ein klein wenig subversiv wirkt, wenn sie ihre zahlreichen Zuschauer trotz des unwürdigen Ambientes in ihren Bann schlägt. Sich von Konyas Popcorn-Sema mitreißen lassen, ihren Rhythmus aufnehmen, ihr gebannt folgen: Das ist Mystik light im Schnupperpaket. Und damit mehr als eine Bruderschaft im Verborgenen erreichen könnte, grinse ich in mich hinein.</p>
<p style="text-align: justify;">Und doch bin ich niedergeschlagen auf dem Rückweg vom Kulturzentrum. Wenn es das gewesen sein sollte mit dem Sufismus im 21. Jahrhundert, dann hätte Atatürk ganze Arbeit geleistet. Der Mevlevi-Orden mag einen subversiven Weg des Eigenerhalts gefunden haben und seine heiligen Zeremonien gerettet, indem sie scheinbar zum öffentlichen Spektakel wurden. Aber als gesellschaftliche Kraft von Belang, die die herrschende Kultur auf inspirierende Weise in Frage stellt, wirken die Ordensbrüder nicht. Mit großem Glück gelingt mir dann aber doch ein kurzer Einblick in eine Art Hinterhof-Sufismus, den kein Fremdenverkehrsbüro einem ans Herz legen würde.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Hintertreppen-Mystik, oder: Die unerwartete Dikhr</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Ladengeschäft ‚Dervish Brothers Center‘ wirkt von außen wie ein weiterer der zahllosen Souvenirläden in Konya, die ein Stück vom Rumi-Kuchen abhaben wollen. Aber hinter dem Geschäftsnamen, der scheinbar auf ausländische Konsumtouristen abzielt, verbirgt sich tatsächlich eine Art Bruderschaft. Empfohlen hatten es mir zwei australische Backpacker, die ich bei der kommerziellen Derwisch-Vorführung am Nachmittag kennen gelernt hatte. &#8222;Dervish Brothers&#8220;, das sei “the real thing!“, wurde mir nahegelegt.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Laden ist sein eigener Kosmos. Hier Inventur zu machen, dürfte eine Lebensaufgabe sein. Bis zur Decke ist das Geschäft mit Kruscht und Krempel vollgestopft. Selbst das Wanddekor hat mehrere Schichten: Handgeknüpfte Teppiche als Grundierung. Darüber hängen Plakate, Wasserpfeifen, Fayencen, gerahmte Kalligraphie, Rumi-Portraits. Auf den kreuz und quer durcheinander stehenden Rattanregalen finden sich Sufi-Literatur, Töpferarbeiten, Musikinstrumente, Kopftücher und Ethno-Klamotten. In den Glasvitrinen lassen sich Steine, Kristalle, Talismane, Schmuckstücke, Handschmeichler, Gebetsketten und andere Kleinodien bestaunen. In der hinteren Ecke hocken Musiker rund um einen niedrigen Tisch. Sie trinken Tee, stimmen Saz und Oud, trommeln sich ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Als sie zu spielen beginnen, springen zwei Frauen spontan auf. Sie beginnen, sich langsam um die eigene Achse zu drehen. Ganz nach Derwisch-Art. Alle Anwesenden wirken wie eine verschworene Gemeinschaft, der es letztlich egal ist, ob sich Kunden in den Laden verirren oder nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Hier treffe ich Üzeyir Özyurt, der sich selber &#8222;Sufi-Professor&#8220; nennt. Tatsächlich ist er so eine Art Sufismus-Koryphäe. Die Expertise hat er sich selber draufgeschafft. Und gut vermarktet: Er ist gern gesehener Talkshow-Gast zum Thema Mystik. Özyurt gehört das &#8222;Dervish Brothers Center&#8220;. Ich frage ihn, ob der 17. Dezember heute noch mehr ist als der Stichtag für ein Touristenspektakel. &#8222;Oh, ja&#8220;, antwortet Özyurt. &#8222;Es ist die Hochzeitsnacht von Mevlana Dschellaledin Rumi. &#8222;Seb-i-Arus&#8220;, als er starb und in der Ewigkeit wiedergeboren wurde, auf dem Pfad Gottes. Er selbst nannte es seine Brautnacht, &#8222;Seb-i-Arus&#8220; (sprich: Schebbi Aruss).</p>
<p style="float: right; margin-left: 100px;"><a href="http://mediennerd.de/sieben-geschichten-vom-glauben/" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-size: 12px; margin-bottom: 10px; text-align: center; text-transform: uppercase;">Diese Reportage stammt aus Sebastians Buch</span><img src="http://www.mitteldeutscherverlag.de/images/stories/virtuemart/product/9783954629190_w.jpg" width="350" /></a></p>
<h2 style="text-align: justify;">Liebe oder tot</h2>
<p style="text-align: justify;">Alle seien eingeladen mitzufeiern. Jede Nation, jede Religion sei willkommen. &#8222;Nur die Liebe im Herzen zählt&#8220;, sagt Özyurt, ganz wie Rumi es lehrte. &#8222;Wir verehren Gott und die Liebe. Rumi leitet uns dabei an!&#8220; Das Prinzip sei einfach und ungeheuer kompliziert zugleich: &#8222;Viele Leute leben auf dieser Welt, ohne je wahrhaftige Liebe zu erfahren&#8220;, klagt Üzeyir Özyurt. &#8222;Für uns sind das Tote! Wenn Du Dich verliebst, dann wirst Du wiedergeboren, für die Ewigkeit. Und Du spürst, dass Du am Leben bist. Allein die Liebe verleiht Dir Lebensenergie!&#8220; Immer wieder streut er ein langgezogenes &#8222;Huu!&#8220; ein, das er den Atem des Lebens nennt. Im Sufismus ist Hu ein Synonym für Gott. Wie das englische &#8222;He&#8220;, ER. Oder Hu ist ein verstärkendes Beiwort, wie in Allah Hu, das in so vielen Sufi-Liedern und Gedichten vorkommt. Allah Hu bedeutet so viel wie &#8222;Gott selbst&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;">Dem schwärmerischen Sufi-Professor verdanke ich dann auch den entscheidenden Hinweis. Leicht zögerlich empfiehlt er eine Sufi-Zeremonie, die irgendwann später am Abend stattfinden soll. Eine Dhikr, ein rituelles Gottgedenken, wie es Sufis und Derwische seit dem 8. Jahrhundert pflegen. Auf ein Papierchen kritzelt er eine Adresse, die in einer der dunklen Altstadtgassen liegt. Die Suche nach dem Ort der Dhikr entpuppt sich als gar nicht so einfach. Ich stehe in einem spärlich beleuchteten Sträßchen vor einem abgeranzten Haus. Und weiß zunächst nicht, wohin. Die Adresse stimmt. Aber nichts deutet darauf hin &#8211; kein Hinweis, kein Namensschild -, dass hier im Hinterhaus Dutzende von mystisch-angehauchten Gleichgesinnten zusammen gekommen sind, zu einem archaischen Ritual, zu Ehren Rumis, an dessen Todestag. Ich fasse mir ein Herz und trete ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Licht in dem abgedunkelten Raum ist so schummerig, dass sich meine Augen erst daran gewöhnen müssen. Schon auf der Gasse, vor der Tür, war gedämpft der rhythmische Sprechgesang der Teilnehmer der Sufi-Zeremonie zu hören. Es war nicht ganz einfach, sich überhaupt in den Raum vorzukämpfen. Im Takt des Sprechgesangs werfen die Teilnehmer ihre Köpfe und Oberkörper vor und zurück, immer wieder vor und zurück, in einem monotonen Rhythmus, der sie in Trance versetzt. Ein Vorsänger, den ich erst ganz allmählich in den Tiefen des Raumes ausmachen kann, gibt Melodie und Verse vor.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sich dem Rhythmus hingeben</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Wände des langgestreckten Raumes sind mit Teppichen behängt. Am anderen Ende sitzen die Würdenträger oder Altvorderen. Sie hocken im Schneidersitz am Boden und spielen Saiteninstrumente oder Trommeln. Sie haben lange Bärte, tragen orangefarbene Turbane und weite Gewänder mit Westen darüber. Vielleicht sind sie moderne Sufi-Meister. Zwei jüngere, ganz ähnlich Gekleidete laufen in der schmalen Gasse auf und ab, die die Singenden und sich vor und zurück Wiegenden in der Mitte des Raumes gelassen haben. Diese jüngeren Sufis stacheln die Menge an, zu skandieren und sich dem Rhythmus hinzugeben.</p>
<p style="text-align: justify;">Mystik ist Trance. Gott nähert man sich in einem anderen Bewusstseinszustand. Eine Art kollektiver Rausch hat den Raum ergriffen. Einer der Anheizer ist ein baumlanger Kerl, etwas mondgesichtig mit schwarzumrandeter Hornbrille. Sein zottiger schwarzer Vollbart und sein halblanges, struppiges Haar quellen unter dem Turban hervor. Neben ihm dreht sich ein ähnlich Gekleideter in Derwisch-Manier, gegen den Uhrzeigersinn und in endlosen Kreisbewegungen. Dann stehen auch andere, europäisch gekleidete Teilnehmer auf und versuchen sich ebenfalls an einer improvisierten Eigenvariante des Wirbeltanzes. Kaum zu glauben, dass der heillos überfüllte Raum überhaupt noch Tanzfläche öffnen kann. Die Menge skandiert: ‚La-Ilaha-Ill-Allah, hu‘ – es gibt keinen Gott außer Gott.</p>
<p style="text-align: justify;">Anfänglich befremden mich der monotone Gesang und das ekstatische Wippen. Ich denke an einen satanistischen Kult, der sich in rasender Trance zu Dingen hinreißen lässt, die kein Einzelner je für sich für möglich gehalten hätte. Auffällig viele Westler sind mit dabei. Darunter das australische Traveller-Pärchen, das ich am Nachmittag bereits bei der Derwisch-Showeinlage kennengelernt hatte. Auch auf die beiden war der Funke der Ekstase übergesprungen und sie hatten sich dem archaischen Trance-Tanz hingegeben. Die Australierin war nicht die einzige Frau, im Gegenteil.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Frauen willkommen</h2>
<p style="text-align: justify;">Von der harschen Männerdominanz eines Steinzeit-Islam sind wir hier Welten entfernt. Die anwesenden Frauen sind so ziemlich das Gegenteil der Traditionalistinnen vom Kulturpalast mit ihren Kopftüchern und bodenlangen Röcken. Das Trance-Ritual hat so eine durchaus moderne Anmutung. Überraschend jung sind die Teilnehmer. Von der Kleidung und Aufmachung her wirken sie eher wie Hippies auf mich, die auf dem Weg nach Goa hier hängen geblieben sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Atatürk und Erdogan wären sich sicher einig in ihrem Entsetzen über den Hinterhof-Sufismus von Konya. Atatürk, weil das Kultische überlebt hat. Und Erdogan, weil dies nichts mehr mit staatstragender AKP-Frömmigkeit zu tun hat. Auch der strenge Formalismus der Sema-Vorführungen, ihre klösterliche Ernsthaftigkeit und choreographische Disziplin, gehen der Trance-Séance von Konya völlig ab. Sie wirkt spontaner, impulsiver und damit subversiver auf mich. Auch nicht so elitär wie die Tanzspektakel der Initiierten. Demokratischer. Eine subkulturelle Nische, die im Halbdunkel überlebt. Diese Hintertreppen-Mystik ist mehr noch als die getarnten Sufi-Rituale in den Museen und Kulturzentren eine Provokation. Ein Infragestellen sowohl von Erdogans autoritärer Einheitskultur als auch der militanten Fundamentalisten.</p>
<p style="text-align: justify;">Islamistische Hardliner hassen Tanz und Musik, Vergnügen und Genuss. Toleranz, Pluralismus und Friedfertigkeit der Sufis waren ihnen von jeher ein Dorn im Auge. Auch politische Führer, die sich und ihre Herrschaft religiös begründen, eine Art göttlichen Auftrag reklamieren, haben in den Mystikern von jeher eine Bedrohung gesehen. Gehorsame Gläubige am Gängelband einer autoritären Priesterkaste sind berechenbarer. Und damit beherrschbarer. Mystiker jedoch, die den direkten, unvermittelten Zugang zu Gott suchen, die nur IHN als Autorität anerkennen und ihre eigenen Rituale und Zeremonien kreieren, sind ihnen suspekt. Mystiker gelten ihnen als Anarchisten, die sich nicht an weltliche Ordnung gebunden fühlen. Ein zarter Hauch dieses Geistes weht noch immer durch Istanbul und Konya.</p>
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		<title>Die letzten Deutschen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Apr 2017 15:58:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[In Kirgisistan kämpft das letzte deutsche Dorf Zentralasiens gegen das Verschwinden. Markus Huth wollte es besuchen, stieß in der sektenartigen Gemeinde aber auf einige Schwierigkeiten.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-letzten-deutschen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In Kirgisistan kämpft das letzte deutsche Dorf Zentralasiens gegen das Verschwinden. Unser Autor Markus Huth wollte es besuchen, stieß in der sektenartigen Gemeinde aber auf einige Schwierigkeiten.</strong></p>
<p><a href="https://www.amazon.de/dp/B01NAG60VT/ref=dp-kindle-redirect?_encoding=UTF8&#038;btkr=1" target="_blank">        <div id="aesop-image-component-6715-1"              class="aesop-component aesop-image-component "
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<p>Rot-was?<br />
Also Rot-Weiß auf Pommes war mir ein Begriff.<br />
Aber die Skulptur aus Blech-Buchstaben aus der Kategorie »die hässlichsten Ortseingangsschilder der Welt« formte: »Rot-Front«.</p>
<p>Ich lugte an dem rostigen Scheusal vorbei und erkannte eine lange, gerade Straße, an der sich zu beiden Seiten ein paar Häuschen wie beim Fahnenappell aufgestellt hatten. Der wolkenverhangene Himmel verbreitete Untergangsstimmung.</p>
<p>Wir waren etwa eine Autostunde östlich von der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Ein paar Kilometer im Norden begann Kasachstan, und im Süden lagen die Berge des Tian Shan. In dieses Kaff verirrte sich sicher kein Tourist. Mein Reisebgleiter Franz und ich waren auch nur aus einem Grund hier: Wir wollten sie mit eigenen Augen sehen. Die Deutschen.</p>
<p>Denn, warum auch immer, an dieser Stelle in Kirgisistan lebte seit Generationen eine deutsche Gemeinde. Die letzte Zentralasiens. Und so seltsam wie der Sachverhalt an sich, so seltsam war auch der Name dieses Ortes.</p>
<p>Zugegeben, »Rot-Front« klang zwar schon irgendwie deutsch.<br />
Aber gleichzeitig auch nicht.<br />
Jedenfalls sehr aus der Zeit gefallen. Das war auch nicht verwunderlich. Denn »Rotfront!« war damals in der Weimarer Republik der Gruß eines paramilitärischen Kampfverbands der Kommunistischen Partei Deutschlands gewesen.</p>
<p>Ich stellte mir also vor, wie ein Haufen uniformierter Kommunisten im Chor »Rotfront!« brüllte und dabei die geballten Fäuste nach oben streckte. Wohnten die jetzt etwa hier am Ende der Welt? Aus Frust, weil es mit dem Kommunismus nicht gut ausgegangen war?</p>
<p>Erwartungsvoll lugte ich noch mal am rostigen Ortseingangsschild vorbei. Doch martialische Schlachtrufe waren nicht zu hören. Stattdessen gackerten ein paar Hühner über die Betonstraße. Vögel zwitscherten. Obstgärten und Einfamilienhäuser ließen Bauernhofidylle statt Kommunismus-Nostalgie auf kommen. Der Klassenkampf fand gerade woanders statt.</p>
<p>»Ja, wo sind’s jetz, deine deutschen Freunde?«, fragte Franz, der Österreicher ist.<br />
Gute Frage.<br />
Dass ich keine Antwort wusste, war umso enttäuschender, da das der einzige Teil meiner planlosen Reise gewesen war, den ich hatte planen wollen. Schließlich konnte ich nicht einfach unangemeldet bei meinen deutschen &#8230; äh, was sagte man denn dafür heute?<br />
Volksgenossen?<br />
Das war Nazi-Sprech.<br />
Das Volk hatte sich aus dem modernen Sprachgebrauch irgendwie verabschiedet.<br />
Landsleute?<br />
Nun ja, wir kamen nicht aus demselben Land.<br />
Oha, das würde ein schwieriger Besuch werden. Allein mit der Wortwahl begab man sich schon auf ganz dünnes Eis.</p>
<p>Ich entschied mich schließlich für den politisch korrekten und gendergerechten Terminus »KulturpartizipantenInnen«.<br />
Also: Dass wir hier verloren und unangemeldet vor dem Dorf meiner KulturpartizipantenInnen standen, war wirklich nicht meine Schuld. Ich hatte alles versucht. Noch aus Deutschland eine Mail an die kirgisische Botschaft mit der Bitte um einen Kontakt geschrieben. Und sogar eine Antwort bekommen.<br />
Vom »Volksrat der Deutschen Kirgisistans«.<br />
(Das mit der sensiblen Wortwahl hatte man meinen KulturpartizipantenInnen am anderen Ende der Welt anscheinend noch nicht verraten.) Jedenfalls »begrüßte« der Volksrat meinen Besuch und sicherte mir »allseitige Unterstützung« zu, samt Delegation in Rot-Front. Als ich das las, ließ meine Fantasie schon eine Blaskapelle aufspielen. Der weit angereiste Reporter würde garantiert mit allen Ehren empfangen werden!</p>
<p>Es gab da nur ein Problem.<br />
Der Volksrat meldete sich nicht mehr.<br />
Auch nach mehreren Nachfragen inklusive eines letzten verzweifelten »Ich bin jetzt in Kirgisistan!«-Notrufs nicht. Was war da los? Egal. Sicher nur ein technisches Problem. Ich hatte beschlossen, einfach auf eigene Faust nach Rot-Front zu fahren. Und jetzt standen wir hier, wie nicht bestellt und schon gar nicht abgeholt.</p>
<p>»Suchen wir eben den Bürgermeister«, schlug ich vor.<br />
Leider hing an keinem der Häuser ein Bürgermeister-Schild.<br />
»Ich weiß, wo der Bürgermeister ist«, sagte plötzlich eine Stimme hinter mir.<br />
Unseren kirgisischen Taxifahrer hatte ich ganz vergessen. Er hatte uns bis zum »Rot-Front«-Schild gefahren, wo ich fälschlicherweise gehofft hatte, irgendwelche Deutsche zu sehen. Zum Glück war er noch da. Also wieder rein ins Auto. Nach einigen Feldern stoppten wir im Nachbardorf vor einem prächtigen Rathaus.</p>
<p>»Guten Tag, wir suchen die Deutschen«, grüßte ich die Empfangsdame, eine Kirgisin.<br />
Sie griff zum Hörer und wies uns in einen großen Raum, dessen Wände mit Landschafts- und Pferdebildern behangen waren. Dort saß hinter einem großen Schreibtisch eine weitere Kirgisin im Hosenanzug. Offenbar die Bürgermeisterin.<br />
Also noch mal: »Hallo, sehr erfreut, wir wollen zu den Deutschen.«<br />
»Ja, hier leben einige deutsche Familien. Aber wieso haben Sie sich nicht angemeldet?«<br />
Gkrtzkrtgrrr, Volksrat!<br />
Wollte ich motzen.</p>
<p>Aber wir brauchten jetzt eine schnelle Lösung. Vor allem für die Nacht. Denn ein Hotel hatte das rotfronte Häuserhäufchen sicher nicht zu bieten. Also fand ich einige entschuldigende Worte, woraufhin die Bürgermeisterin ebenfalls zum Telefon griff und schließlich zu Franz und mir sagte: »Kommen Sie mit, aber versprechen kann ich nichts.«<br />
Wenig später waren wir wieder am rostigen »Rot-Front«- Schild.<br />
Und hier hatte sich inzwischen etwas Entscheidendes verändert.</p>
<p>Da waren plötzlich Menschen auf der Straße!<br />
Immerhin eine Hand voll. Und das waren nicht irgendwelche Menschen. Denn wie Kirgisen sahen die nicht aus. Eine kräftige blonde Frau in Jogginghose und Schlabberpulli schob einen Kinderwagen vor sich her. Neben ihr stützte sich ein alter Mann vom Typ »Opa erzählt vom Krieg« auf einen Gehstock. Und hinter einem Lattenzaun standen zwei blonde Kinder. Ihre blauen Augen waren auf Franz und mich gerichtet, als wir aus dem Taxi stiegen.<br />
Es gab keinen Zweifel: Wir hatten die Kirgisistan-Deutschen gefunden.</p>
<p>Erstkontakt!<br />
Aber wo war die Blaskapelle?<br />
Wo das Empfangskomitee?<br />
Stattdessen starrten sie uns skeptisch und schweigend an. Herzlich willkommen sah anders aus. Ich versuchte, das Eis zu brechen.<br />
»Guten Tag«, sagte ich auf Deutsch zu der blonden Mutti. »Wir sind aus Deutschland angereist &#8230;«<br />
»&#8230; und Österreich«, warf Franz ein.<br />
»Jedenfalls interessieren wir uns für die deutsche Minderheit in Kirgisistan«, sagte ich und fügte wichtigtuerisch hinzu:<br />
»Ich bin Journalist.«</p>
<p>Da musterte die Walküre mich von oben bis unten. Und warf mir abschließend einen verächtlichen Blick zu.<br />
Jetzt bekam sogar die kirgisische Bürgermeisterin Mitleid.<br />
»Sie und Ihr Mann haben doch ein großes Haus«, sagte sie auf Russisch. »Könnten Sie den jungen Männern heute Nacht Ihr Gästezimmer vermieten? Oder wissen Sie, bei wem sie unterkommen könnten?«</p>
<p>Die Blonde glotzte, als hätte man sie gebeten, zwei verlauste Ratten in Pflege zu nehmen.<br />
»Also, das geht wirklich nicht«, empörte sie sich auf Russisch und fügte auf Deutsch hinzu: »Wir haben keinen Platz!«<br />
Der Opa lächelte altersmilde und begann eine Geschichte zu erzählen. »Damals neunzehnhundert &#8230;«<br />
»Schhhh!«, brachte ihn die Walküre zum Schweigen.  Dann zog sie zügig mit dem Kinderwagen weiter. Der Opa schleppte sich im Schneckentempo auf einen Hauseingang zu. Und auch die blonden Kinder rannten davon.  »Na, dann kommt mal mit, wir finden schon ein Bett für euch«, sagte die kirgisische Bürgermeisterin.</p>
<p>Einige Häuser weiter wummerte die kleine, energische Frau an ein Tor.<br />
Ein junger, drahtiger Kirgise im Muskelshirt öffnete und staunte, was ihm das Schicksal da vor sein Haus gespült hatte. Nach kurzem Palaver mit der Beamtin sagte er:<br />
»Entschuldigt, meine Frau ist verreist &#8230; Also kann sie euch nicht bewirten. Und ich habe nur zwei Matratzen, die ich euch ins Wohnzimmer legen kann. Aber wenn euch das nichts ausmacht, seid ihr herzlich willkommen.«<br />
Machte der Witze?<br />
Dieser Engel!</p>
<p>Und so begab es sich, dass ich im Dorf der Deutschen bei einem Kirgisen Zuflucht fand.<br />
Der Engel hieß Samat. Er war Anfang dreißig und wahrscheinlich der gutmütigste Mensch in diesem Dorf. Sein Haus mit dem idyllischen Garten kam mir vor wie eine Insel der Gastfreundschaft. An jenem Abend tranken wir zusammen Wodka und brachen Brot. In blumigen Geschichten erzählte uns Samat, was für großartige Menschen diese Deutschen im Dorf angeblich waren. Hervorragende Baumeister, mit den schönsten Häusern, fleißig, ehrlich, hilfsbereit und großzügig.<br />
Da klaffte gerade ein ziemlicher Abgrund zwischen seinen Beschreibungen und meiner eben gemachten Erfahrung.<br />
Das Ganze war mir ein Rätsel.</p>
<p>Schließlich führte uns Samat in sein Wohnzimmer, wo die versprochenen Matratzen samt frischem Bettzeug auf dem Boden lagen. In der Ecke stand ein Klavier und darauf das Bild eines toten Verwandten, der Pianist gewesen war. Als ich langsam unter den Augen des toten Pianisten einschlief, nahm ich mir vor, am kommenden Tag das Rätsel der schroffen Deutschen zu lösen.</p>
<p>Der nächste Tag begann mit Samats fröhlichem Lachen.<br />
»Guten Morgen, Jungs, Frühstück!«<br />
Ich konnte seine gute Stimmung nicht ganz teilen. Schließlich wollte ich mehr über die Deutschen hier erfahren, hatte aber keine Ahnung, wie.</p>
<p>Samat riet uns, einfach mal die Straße entlangzulaufen und an den Haustüren zu klingeln.<br />
Der Kirgise zeigte mit fuchtelnden Armen, in welchen Häusern seine deutschen Nachbarn wohnten. Das war die erste Überraschung: In dem Achthundert-Seelen-Dorf waren sie klar in der Unterzahl. Nur noch knapp hundert Deutsche lebten hier.<br />
Von wegen deutsches Dorf!<br />
Nach dem Frühstück machten Franz und ich uns auf.</p>
<p>Die Häuser der Deutschen lagen an der anderen Straße von Rot-Front, die schmaler war als die Hauptstraße und genauso schnurgerade parallel zu ihr verlief. Schlanke Pappeln ragten in den grauen Himmel und wankten im Wind. Ein ausgeschlachteter alter Lastwagen lag vor einem Haus, daneben ein uralter Krankenwagen und ein grasendes Pferd. Gespenstische Atmosphäre. Wie bei unserer Ankunft am Vortag war kein Mensch auf der Straße. Alle schienen sich vor uns in ihren Häusern zu verstecken.</p>
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                                Rot-Front sehen und sterben. Foto: Markus Huth
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<p>Immerhin hatte Samat nicht gelogen.<br />
Die Häuser der Deutschen waren tatsächlich in besserem Zustand als die der Kirgisen. Sauberer und gepflegter. Vor allem die Gärten.</p>
<p>Ding-dong.</p>
<p>Klopf-klopf.</p>
<p>Bei Haus Nummer eins machte schon mal keiner auf.<br />
»Hallo? Hallo?«, rief ich. »Besuch aus Deutschland! Presse!«<br />
Als einzige Reaktion kläffte ein Hund und sprang scheppernd gegen die Innenseite des hohen Metalltors.</p>
<p>Bei Haus Nummer zwei passierte was.<br />
Nach minutenlangem Klopfen kam ein kräftiger Blonder ans Gatter. Noch ganz verschlafen.<br />
»Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?«<br />
»Vada is nich da. Kommt heut Abend widda.«<br />
Wumms. Gatter zu.<br />
Diese Deutschen wollten ganz klar nichts mit mir zu tun haben.<br />
Statt Blaskapelle wurde das Abblasen der Aktion immer wahrscheinlicher.</p>
<p>Da sah ich plötzlich vor Haus Nummer drei eine Gestalt stehen, die uns beobachtete.<br />
Ein Mann um die sechzig, mit grauer Jogginghose und weißem Shirt, das einen Bierbauch zusammendrückte. Ein gepflegter grauer Schnauzer und eine dicke Hornbrille verliehen dem Ruhrpott-Stil etwas Hipsterhaftes.<br />
»Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?«, versuchte ich es ein letztes Mal.<br />
Ich überlegte kurz, ob ich vielleicht mal »Rotfront!« rufen und die Faust heben sollte. Aber wie ein Kommunist sah der nicht aus.</p>
<p>»Mit den anderen habt ihr kein Glück, was?«, grinste der Fremde wissend.<br />
In seinen Worten schwang ein seltsam altertümlicher Dialekt mit. Klang irgendwie nach Plattdeutsch. Er schien etwas beleidigt, dass ich gefragt hatte, ob er Deutsch spreche.<br />
»Unsere Eltern haben uns beigebracht: Auf der Straße könnt ihr sprechen, was ihr wollt. Aber zu Hause wird Deutsch geredet!«<br />
Der Mann hieß Hermann.<br />
»Wenn die anderen mitkriegen, dass ich mit euch rede, gibt’s Ärger. Aber das ist mir egal. Ich bin sowieso der Sonderling«, sagte er rebellisch.</p>
<p>Ich stellte ihm die alles entscheidende Frage: Warum um Himmels willen waren hier alle so schroff zu uns?<br />
»Da seid ihr Journalisten doch selbst schuld. Warum berichtet ihr auch so einen Mist?«<br />
Erst jetzt erfuhr ich, was Sache war.</p>
<p>Die Rotfrontler hegten einen tiefen Groll gegen die Presse aus Deutschland.<br />
Im Dorf herrschte ein regelrechter Pakt, nicht mit Journalisten zu sprechen.  Anders, als ich gedacht hatte, war ich nicht der erste Reporter, der sich an dieses Ende der Welt verirrt hatte. Das ZDF und mehrere deutsche Zeitungen waren schon hier gewesen, es gab einen Dokumentarfilm, und sogar die New York Times hatte über das letzte deutsche Dorf in Kirgisistan geschrieben.<br />
Und ganz offensichtlich gefiel den Dorfbewohnern nicht, was man über sie berichtete.</p>
<p>Jetzt leuchtete mir auch ein, warum der in Bischkek sitzende »Volksrat« sich nicht mehr gemeldet hatte. Selbst der hatte wahrscheinlich nicht mit dem Unwillen der Rotfrontler gerechnet.<br />
Womit hatte ich das verdient?</p>
<p>»Immer werden wir als zurückgebliebene Hinterwäldler oder Sekte dargestellt«, erregte sich Hermann.<br />
Er war Rot und ich die Front.<br />
Ihn regte auf, dass die Reportagen, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Deutschland über Rot-Front erschienen waren, die Dorfbewohner lächerlich gemacht hätten. Dass die Journalisten sich meistens auf den altertümlichen und religiösen Lebensstil der Dorfbewohner stürzten. Und zwar immer nach dem Motto: Eine Welt wie vor hundert Jahren. Mit Viechern und Feldern. Frauen, die lange Röcke und geflochtene Haare trügen, früh heirateten und viele Kinder bekämen. Moderne Technologien gäbe es nicht, und alle redeten immerzu von Jesus.</p>
<p>»Fast alle von uns waren schon in Deutschland oder skypen mit ihren Verwandten«, insistierte Hermann. »Wir wissen, was in der Welt los ist.«<br />
Nachdem er seinem Ärger Luft gemacht hatte, wurde er etwas freundlicher.</p>
<p>Doch dann fragte ich:  »Was für eine Art Sekte sind Sie denn?«<br />
Sein Bauch begann nervös zu zucken.<br />
»Wir sind keine Sekte!«<br />
Immerhin erkannte Hermann nun seinen Bildungsauftrag und plauderte so ganz nebenbei die Geheimnisse von Rot-Front aus.</p>
<p>Die Geschichte dieser störrischen Dorf bewohner begann vor fast fünfhundert Jahren mit den Mennoniten. Eine evangelische Glaubensgemeinschaft außerhalb der Kirche. Von den Mainstream-Christen unterscheiden sie sich vor allem dadurch, dass sich ihre Mitglieder erst als Erwachsene taufen lassen. Der Name geht auf den friesischen Theologen Menno Simons zurück, der im 16. Jahrhundert als Reformator wirkte.</p>
<p>Das erklärte schon mal, warum Hermanns Dialekt an Plattdeutsch erinnerte.<br />
Denn viele Vorfahren der Rotfrontler kamen aus Friesland.  Die Mennoniten leben ein sehr traditionelles Leben. Moderne Technologien wie Fernsehen, Radio oder sogar Autos lehnen sie oft ab. Dahinter steht der Wunsch, den Einfluss der Außenwelt auf die Gemeindemitglieder sowie deren Bewegungsradius zu beschränken, um alle beisammenzuhalten.</p>
<p>Der Grad der Weltfremdheit variiert von Gemeinde zu Gemeinde.<br />
Die Rotfrontler, die ich bisher gesehen hatte, waren zumindest nicht durch besondere Kleidung aufgefallen. Zum Beispiel hatte die dicke Blonde mit dem Kinderwagen weder Rock noch geflochtene Haare getragen, sondern sah im Schlabberlook eher aus wie Cindy von Marzahn.<br />
Auch Hermann wirkte nicht gerade wie ein religiöser Fanatiker. In seinem Hof stand zudem ein dickes Auto. Nur eines fehlte. Anders als bei den kirgisischen Häusern hatten die Deutschen keine Antennen auf dem Dach. Fernsehen wurde hier offenbar nicht geschaut.</p>
<p>Derweil fuhr Hermann mit der Geschichte vom Mennoniten-Exodus fort.<br />
»Was hat unsere deutschen Vorfahren also Tausende von Kilometern nach Kirgisistan verschlagen?«<br />
Jedenfalls nicht die Lust auf ein Nomadenleben mit Pferden.<br />
Vielmehr war es die nackte Not.<br />
Denn die Mennoniten wurden von allen Seiten diskriminiert. Von den Katholiken und Lutheranern, weil sie keine Kinder taufen wollten. Und vom Staat, weil sie als strenge Pazifisten den Militärdienst verweigerten. Wegen ihres Glaubens verfolgt, waren die Gemeinden regelmäßig auf der Flucht. Immer auf der Suche nach einem Ort, wo man sie in Ruhe ließ.<br />
Von den heute weltweit zwei Millionen Mennoniten leben die meisten in Afrika und Amerika. Kein Wunder, dass die Rotfrontler lieber unter sich blieben und die Abgeschiedenheit bevorzugten.<br />
Und abgeschiedener als in Kirgisistan ging es kaum.<br />
Wie kamen die Rotfrontler nur auf diesen Ort am Ende der Welt?</p>
<p>Schuld war eine russische Zarin mit deutschen Wurzeln. Katharina die Große hatte im 18. Jahrhundert die Idee, ihr menschenarmes Riesenreich mit ausländischen Bauern zu besiedeln. Vor allem von den Deutschen, die Fleiß, gutes Vieh und fortgeschrittene Anbaumethoden mitbrachten, erhoffte sie sich viel.</p>
<p>Sie vergab Land, versprach Steuer- und Religionsfreiheit und auch Befreiung vom Militärdienst.  Ein Angebot wie gemacht für die Mennoniten.<br />
Viele waren daher unter den Hunderttausenden Deutschen, die sich an den Ufern der Wolga und des Schwarzen Meeres niederließen. Die Kolonisten gründeten zahlreiche Dörfer, in denen deutsche Kultur und Sprache fernab der Heimat bewahrt wurden.<br />
Leider liefen die von Katharina zugesicherten Privilegien irgendwann aus. Bald sollten auch die Deutschen Steuern zahlen und ihre Söhne zum Militär schicken. Ein No-Go für die friedliebenden Mennoniten.<br />
Eine neue Lösung musste her.<br />
Und die hieß Zentralasien.</p>
<p>Als die Krone Ende des 19. Jahrhunderts Siedler für frisch eroberte Gebiete in Zentralasien suchte, sahen die Mennoniten erneut ihre Chance gekommen. Wieder befreit vom Wehrdienst, gründeten etwa hundert Mennoniten-Familien vier Dörfer im Tal des Flusses Talas. Das liegt etwa vierhundert Kilometer östlich vom heutigen Rot-Front.<br />
Bald platzten diese Dörfer aus allen Nähten, und die vielen Landlosen wurden zum Problem.</p>
<p>1927 wies die kommunistische Regierung den Mennoniten deshalb einen weiteren Siedlungsort im Tal des Flusses Tschüi zu.<br />
»Rot-Front!«, rief ich ungeduldig.<br />
»Nein«, sagte Hermann. »Bergtal.«<br />
Wie jetzt Bergtal?<br />
Hermann öffnete seine Zauntür.<br />
Wir folgten ihm in den Garten und standen nun hinter dem Bauernhaus. Größer hätte der Kontrast zum rostigen »Rot-Front«-Schild am Ortseingang nicht ausfallen können.</p>
<p>Scheinbar endlose Felder, bedeckt mit locker aufgeworfenem Heu und gepressten Ballen, lagen vor mir und am Horizont die Berge des Tian Shan. Drei blonde Buben rannten spielend auf einen tuckernden Traktor zu. Ein Hund kläffte. Hohe Laubbäume raschelten im Wind.<br />
Ich fragte mich, warum jemand diesen idyllischen Ort ausgerechnet in »Rot-Front« umbenannt hatte.</p>
<p>Die Antwort trug Schnurrbart.<br />
Denn damals lag Bergtal im Sowjetreich. Und dessen Diktator Josef Stalin misstraute seinen deutschen Untertanen als angeblichen Agenten Hitler-Deutschlands. Quasi als Loyalitätszusicherung nannte man Bergtal, nachdem das Land der Bauern zwangskollektiviert worden war, in Rot-Front um.  Leider verfehlte der neue Name seinen Zweck. Denn der misstrauische Stalin wähnte unter den Russlanddeutschen weiterhin Verräter und Spione.<br />
Außerdem duldete er nur eine Religion, und die hieß Kommunismus.</p>
<p>Bis in die fünfziger Jahre hinein gab der Stalin-Staat daher sein Bestes, um die deutsche Kultur auch in Rot-Front auszurotten. Unterrichtsverbot für Deutsch an Schulen, Verbot religiöser Zusammenkünfte, Ausgangssperren, Verhaftungen, Hinrichtungen und sklavenähnliche Zwangsarbeit. Der einzige Vorteil der Rotfrontler war, dass sie nicht wie die meisten anderen Russlanddeutschen ihrer Heimat entrissen und nach Zentralasien deportiert wurden. Denn sie lebten ja schon hier.</p>
<p>Das war aber eine deprimierende Geschichte.<br />
Jetzt bekam ich sogar Mitleid mit den schroffen Deutschen.</p>
<p>»Wir haben den Kirgisen viel zu verdanken«, sagte Hermann plötzlich.<br />
Die hätten ihre deutschen Nachbarn während der sowjetischen Unterdrückung vor den Behörden geschützt. Bei sich zuhause versteckt, wenn Verhaftungen drohten. Oder die religiösen Treffen der Mennoniten vor der Polizei geheim gehalten.</p>
<p>Dann hatte Hermann noch eine These, wie die Kirgisen geholfen hätten, die deutsche Kultur im Dorf zu bewahren: Anders als bei den Russlanddeutschen, die mit Russen zusammenlebten, käme es mit den Kirgisen wegen der großen kulturellen und äußerlichen Unterschiede kaum zur »Vermischung«.<br />
»Aha«, sagte ich.<br />
Klang ziemlich Volksrat.<br />
Doch Hermann lachte nur.<br />
»Da seid ihr schockiert, was? Aber bei uns gibt’s kein Multikulti. Wir müssen überleben.«<br />
»Aha«, sagte Franz.</p>
<p>Und so standen wir mit Hermann und blickten auf die ländliche Idylle.<br />
Immer noch verfolgt von den blonden Buben, tuckerte der Traktor in Richtung Haus.<br />
»Ihr müsst jetzt gehen«, sagte Hermann besorgt. Er hätte ja gar nicht mit mir sprechen dürfen. Doch zum Abschied gab er uns noch einen Tipp:<br />
»Geht zum Bethaus, wenn ihr mehr wissen wollt.«</p>
<p>Bethaus?<br />
Was war das denn?<br />
Sicher so etwas wie eine Kirche.<br />
Das bedeutete, dass wir dort mit etwas Glück den wichtigsten Mann einer mennonitischen Gemeinde treffen würden, den Pastor. Beziehungsweise so eine Art Pastor. Denn die Mennoniten haben einen »Bruderrat«, der einen Bruder zum Sprecher bestimmt.<br />
Jedenfalls war das Bethaus, wie alles in einem Zwei-Straßen-Dorf, nicht schwer zu finden.<br />
Keine zehn Minuten später standen wir vor dem Gebäude.</p>
<p>Es reihte sich harmonisch ins Glied der an der schnurgeraden Straße angetretenen Häuschen. Mit einem wichtigen Unterschied. Das Bethaus war sehr viel größer. Schon der gepflegte und gerade Holzzaun unterschied sich deutlich von den windschiefen Artgenossen nebenan.<br />
Dahinter lag stolz wie ein Stück Käsekuchen ein Gebäude mit sauber verputzter, gelblicher Fassade. Der Grundriss hatte die Form eines länglichen Rechtecks, bedeckt von einem spitz zulaufenden Dach. Die schmucklosen Fenster waren mannshoch. Wir standen quasi vor einem Kirchenschiff, dem der Glockenturm fehlte.</p>
<p>Ich musste nun überlegt vorgehen.<br />
Sicher würde der Pastor Journalisten genauso grollen wie die anderen Deutschen, denen ich in Rot-Front bisher begegnet war.<br />
Was tun?</p>
<p>Da kamen wie ein Geschenk des Himmels zwei Autos angefahren und hielten direkt neben uns.<br />
Heraus stiegen Deutsche. Allerdings keine aus Rot-Front.<br />
Sondern aus Niedersachsen.<br />
»Guten Tag. Wollen Sie auch zur Führung?«, fragte eine Frau mit blondierter Frisur.<br />
Insgesamt standen nun drei Pärchen mittleren Alters plus ein kirgisischer Reiseleiter neben mir.<br />
»Äh. Guten Tag &#8230; ja«, sagte ich verdutzt.<br />
Dann hörte ich das Knattern eines Motorrads.<br />
Keine Minute später stieg ein Herr von einem weinroten Zweirad, nahm einen altmodischen Helm ab und sagte mit rollendem R:<br />
»Da sind sie ja. Herzlich willkommen in Bergtal!«</p>
<p>Das musste der Pastor sein.  Langsam begriff ich, was hier gerade passierte. Wir waren zufällig in eine angemeldete Touristengruppe aus Deutschland geraten. Und für den Pastor musste es so aussehen, als ob Franz und ich dazugehörten.</p>
<p>Das stürzte mich direkt in einen ethischen Konflikt.<br />
Denn die journalistische Berufsehre hätte jetzt verlangt, dass ich das Missverständnis sofort aufklärte und mich als Journalist zu erkennen gäbe.<br />
Allerdings hätte mich der Pastor dann garantiert zum Teufel gejagt.<br />
Und ich war doch nicht Tausende Kilometer zum letzten deutschen Dorf am Ende der Welt gereist, um mich jetzt davonjagen zu lassen. Ich musste doch erfahren, wie das Bethaus aussah.<br />
Eine Frage der Ehre.<br />
Nein, outen ging nicht.<br />
Also blieb nur eines: Undercover-Einsatz.<br />
Klappe halten. Mitspielen.</p>
<p>Der Pastor schüttelte mir, ich konnte es gar nicht fassen, freundlich die Hand.<br />
Er erzählte uns gleich, dass seine Vorfahren aus Ostpreußen stammten, was das rollende R erkläre. Seine Kleidung war nicht besonders auffällig: Der schlanke Mittfünfziger mit den strahlend blauen Augen hatte ein seriöses Kragenhemd in eine Jeans gesteckt und trug Anzugschuhe. Ein Mann, wie man ihn in jeder Sparkasse treffen konnte.<br />
Auffällig war dafür seine Kopf- und Bartfrisur.<br />
Oberlippenbärtchen und strenger Rechts-Scheitel waren in Deutschland seit Na-Sie-wissen-schon-wem aus der Mode gekommen. Hier anscheinend nicht. Doch das rollende Ostpreußen-R des Pastors hatte nichts Bedrohliches. Er sprach mit einer hellen, herzlichen Stimme, die die frohe Botschaft Jesu verkündete.</p>
<p>»Kommen Sie doch herein«, bat er ins Bethaus.<br />
Ich folgte ihm durch die große Eingangstür und staunte. Von Innen sah es aus wie eine echte Kirche. Honigfarbenes Holzbraun war die dominierende Farbe. Wir standen in einem großen Raum, in dem sich lange Bänke Lehne an Lehne reihten. Hier war Platz für wenigstens tausend Gläubige. In sechs Metern Höhe hing eine Holzkassettendecke. Es gab sogar eine erhöhte Galerie für noch mehr Betende. Und vorne eine Kanzel für den Prediger. Dort stand jetzt der Pastor, zeigte mit erhobenem Arm in eine Richtung und rief:<br />
»In dieser Richtung liegt Deutschland!«</p>
<p>Die Niedersachsen freuten sich.<br />
Ich schaute mich weiter um.<br />
An den Wänden standen in großen Buchstaben Bibelsprüche auf Deutsch und Russisch.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Sehet, ich komme bald!<br />
Offenbarung 22,7</p>
</blockquote>
<p>Hoffentlich sehr bald.<br />
Gott musste sich wirklich beeilen, wenn er hier noch Mennoniten antreffen wollte.<br />
Denn der Pastor berichtete nun vom Niedergang seiner Gemeinde. Sie hätte Ende der achtziger Jahre noch fast tausend Mitglieder gezählt. Das Bethaus sei stets gut gefüllt gewesen. Jetzt waren es nur noch rund hundert, von denen nur gut ein Dutzend regelmäßig auf ansonsten leeren Bänken saß.</p>
<p>Was war geschehen?<br />
Hatten die stalinistischen Repressionen gewirkt?<br />
Oder lag es an der »Vermischung« mit Kirgisen, vor der sich der dicke Hermann so fürchtete?<br />
Nein.<br />
Schuld, so der Pastor resigniert, war der »Deutschland-Virus«.<br />
Eine höhere Gewalt, die nichts mit Gott zu tun hatte.<br />
Und das kam so: Schon bald nachdem die Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre zerfallen war, hatte die meisten Deutschen nichts mehr in dem kleinen Dorf gehalten. Wie den anderen so genannten Spätaussiedlern aus dem postsowjetischen Raum versprach die Bundesrepublik auch ihnen die Staatsbürgerschaft und ein Erste-Welt-Leben in Deutschland.</p>
<p>In der Hoffnung auf ein bequemeres Dasein verkauften viele Mennoniten daher Haus und Hof an Kirgisen.  Die griffen gerne zu. Schließlich liegt das Dorf nicht weit von Bischkek. Und für das Gütesiegel »Gebaut von Deutschen« zahlten sie sogar höhere Preise als üblich. Schon bald war das deutsche Dorf mehrheitlich in kirgisischen Händen.</p>
<p>Derweil schrieben die Ausgewanderten an die Zurückgebliebenen in der kirgisischen Heimat.<br />
Viele waren in der nordrhein-westfälischen Stadt Detmold gelandet. Und berichteten von bemerkenswerten Dingen wie Krankenversicherung und Toiletten in der Wohnung statt Plumpsklo hinterm Haus.<br />
Fast jeder Brief enthielt eine klare Botschaft: Kommt nach.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Meine Zeit steht in deinen Händen.<br />
Psalm 31,16.</p>
</blockquote>
<p>Beim Anblick dieses Bibelspruchs an der Wand fragte ich mich, wie lange es die Deutschen hier noch aushalten würden.<br />
Es war nun fast genau neunzig Jahre her, dass sie Bergtal gegründet hatten. Noch mal neunzig würde mangels Nachwuchs schwierig werden.<br />
Doch der Pastor gab sich kämpferisch.<br />
»Ich gehe nicht.«<br />
Zwar sei er schon einige Male zu Besuch in Deutschland gewesen. Und seine Tochter lebe inzwischen dort. Doch er hatte für das Leben in Deutschland nur ein Wort, wobei er das R nun mahnend rollte:  »Abgerrrissen.«</p>
<p>Familien, die in Bergtal zusammen gewesen waren, sich umeinander gekümmert hätten, seien in Deutschland nun »abgerrrissen«.<br />
Der eine wohne hier, der andere da.<br />
Die Alten blieben oft alleine.<br />
Die Niedersachsen nickten nachdenklich.<br />
»Bei uns in Deutschland«, sagte ein Typ mit Sonnenbrille und schwarzem ACDC-Shirt, »dreht sich doch alles nur noch um Konsum.«<br />
Oha. Das artete hier langsam zur Systemkritik aus.<br />
Der Pastor warf nun ein, dass manche der Ausgewanderten inzwischen sogar zurückgekommen seien, weil sie vom Leben in Deutschland enttäuscht waren.</p>
<p>Ich war zwiegespalten.<br />
Als jemand aus einer Generation, die glaubt, Heimat ist überall da, wo sich der Computer automatisch mit dem Internet verbindet, verstand ich hier nur Volksrat. Soll doch jeder leben, wo und wie er möchte. Was der Pastor Gemeinschaft nannte, war für mich soziale Kontrolle.<br />
Andererseits konnte ich auch seine Frustration verstehen.<br />
Da hatten diese Mennoniten jahrhundertelang die Abgeschiedenheit gesucht. Endlich einen Platz am Ende der Welt gefunden. Technologien gemieden, die ihren Zusammenhalt bedrohten. Der staatlichen Repression getrotzt. Und am Ende reichte das Versprechen auf Absicherung und ein ordentliches Badezimmer, um die Gemeinschaft zu zerreißen.</p>
<p>Jetzt führte der Pastor die Touristengruppe in einen dunklen Keller.<br />
Wir standen vor einer Tafel mit historischen Fotos aus jenen Tagen, da Rot-Front noch ein gut bevölkertes deutsches Dorf war. Auf manchen waren lächelnde Männer, meist im Anzug, abgebildet, daneben lächelnde Frauen, mit Kopftuch oder geflochtenen Haaren. Oft hielten sie Instrumente in den Händen. Akkordeons, Lauten und Tuben. Musizieren wurde hier eindeutig wichtig genommen. Und dann war da noch ein anderes altes Schwarz-Weiß-Bild. Darauf lag einer der Gründer Bergtals als alter Greis aufgebahrt zwischen seinen Verwandten. Auf seinem Sarg in großen altdeutschen Buchstaben:<br />
»Ruhe in Frieden!«</p>
<p>Ob auch die deutsche Geschichte von Rot-Front demnächst in Frieden ruhen würde?<br />
Zumindest diese Führung ruhte jetzt in Frieden.<br />
Der Pastor führte uns aus dem Bethaus und schüttelte jedem zum Abschied die Hand.</p>
<p>Die Niedersachsen wollten ein Foto.<br />
»Aber nur für den Privatgebrauch«, insistierte der Geistliche. »Nicht, dass das in der Zeitung landet. Sie glauben gar nicht, was für ein Unsinn in Deutschland über uns geschrieben wird.«<br />
Nachdem die Niedersachsen mit ihren Autos abgedüst waren, standen Franz und ich immer noch neben dem Pastor.<br />
»Was machen Sie denn noch hier? Ich dachte, Sie gehören auch zu der Gruppe &#8230;«<br />
Meine Tarnung war nicht länger zu halten.<br />
»Also &#8230; na ja &#8230; das ist so«, begann ich zu erklären und stellte mich auf einen Zornesausbruch ein.<br />
Doch es kam schlimmer.<br />
Die stahlblauen Augen des Pastors füllten sich ob dieser fiesen Täuschung mit tiefster menschlicher Enttäuschung. Jetzt hätte er nur noch sagen müssen: Immer wenn jemand lügt, muss das Jesuskind weinen.<br />
Ich kam mir vor wie ein Stück Dreck.<br />
Dann erwiderte er nur:  »Schreiben Sie bitte keinen Unsinn. Wenn Sie möchten, können Sie heute Abend zur Gebetsstunde kommen.«<br />
Dann fuhr er mit seinem Motorrad davon.<br />
Verdammt. Dabei hatte ich mir doch vorgenommen, Unsinn zu schreiben. Jetzt ging das natürlich nicht mehr.</p>
<p>Es reichte langsam.<br />
Ich hatte von Rot-Front genug.<br />
Im Vergleich zu den kirgisischen Kirgisen waren die kirgisischen Deutschen eine echte Zumutung. Jesus hin, Jesus her, meinen Seelenfrieden würde ich hier sicher nicht finden.<br />
Ich freute mich jetzt schon auf Bischkek.</p>
<p>Erst mal aber spazierten wir zurück zu Samats Haus.<br />
Vorbei an abweisenden Pappeln und ausgeschlachteten Lastwagen.<br />
Das Abendessen stand bereits auf dem Tisch, der draußen im Hof aufgestellt war. Die zwei Köpfe der hauseigenen Hühner, die für dieses Mahl ihr Fleisch gegeben hatten, lagen nicht weit davon entfernt auf dem Boden und beobachteten mit gespannt-starrem Blick, ob uns ihre Gabe denn auch schmeckte.</p>
<p>Ungläubig hörten die toten Hühnerköpfe und unser kirgisischer Gastgeber zu, wie ich über die abweisenden Deutschen schimpfte.<br />
»Das ist sicher ein Missverständnis. Diese tollen Leute«, widersprach Samat.<br />
Nach einem weiteren Wodka sagte er:  »Die schönste Frau im Dorf ist eine Deutsche. Blond und groß. Eine Schönheit! Die Ärmste ist schon dreißig und findet hier keinen Mann. Weil die Mennoniten nur unter sich heiraten dürfen.«<br />
Jetzt wurde es interessant.<br />
»Sie ist bestimmt heute im Bethaus.«<br />
Richtig, die Gebetsstunde!</p>
<p>Also wieder rüber zum Bethaus.</p>
<p>Inzwischen war es dunkel und kalt geworden.<br />
Wie gigantische Augen leuchteten die großen Fenster des Käsekuchen-Gebäudes in der Finsternis. Davor stand ein Minibus, aus dem ein paar greise Gestalten stiegen. Die Gemeinde hatte einen Fahrdienst, um die Alten zu den Veranstaltungen zu bringen. Neugierig und schweigend starrten sie Franz und mir hinterher, als wir hineingingen. Dann setzte Getuschel ein. Drinnen war der Raum hell erleuchtet. Die Bibelsprüche strahlten mit aller Kraft.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde.<br />
1. Johannes 1,7</p>
</blockquote>
<p>Voller Sünde setzte ich mich auf eine der langen Bänke vor der Kanzel.<br />
Platz war genug. In der großen Halle versammelten sich außer uns und dem Pastor nur vierzehn weitere Menschen. Zwölf davon waren ältere bis ganz alte Frauen, sogar eine uralte Kirgisin war darunter.<br />
Die beiden anderen fielen sofort ins Auge.<br />
Ganz hinten saß eine hübsche junge Frau neben einer noch jüngeren. Offenbar Schwestern. Beide mit blonden Zöpfen und in keuschen langen Röcken. Ihre Blicke waren auf die Gesangsbücher gerichtet. Franz und mich würdigten sie keines Blickes.<br />
Diese Damen flirteten nur mit Jesus.</p>
<p>Derweil eröffnete der Pastor die Gebetsstunde.<br />
Überraschenderweise wurde hier nicht Deutsch, sondern Russisch geredet.<br />
So erreichte man wohl mehr Gläubige.<br />
»Wir singen nun Lied 68 aus dem Gesangsbuch.«<br />
Der Pastor stimmte an, die Frauen sangen kräftig mit:</p>
<p><em>»Oh, ich armer Sünder! Wahrlich, ein solcher bin ich; wenn Gott der Unsterbliche nicht voller Gaben wäre, nicht voller Liebe wäre und mich nicht retten würde, so wäre ich in dieser Welt schon längst gestorben.«</em></p>
<p>Franz und ich summten nur.<br />
Okay. Ich hatte alles gesehen, was ich sehen wollte.<br />
Es gab da nur ein Problem.<br />
Von der Gebetsstunde waren erst drei Minuten vergangen.</p>
<p>Die restlichen siebenundfünfzig bestanden zum Großteil ebenfalls aus Singen.<br />
Insgesamt sollten es an diesem Abend sieben Lieder werden, die Franz und ich nur peinlich textunsicher mitsummten. Die restliche Zeit standen einige der Alten auf und sprachen persönliche Gebete, dankten Jesus für die Ernte oder hofften auf den Seelenfrieden eines Verstorbenen.<br />
Irgendwann war es vorbei.</p>
<p>Der Pastor warf mir zum Abschied einen enttäuschten Blick zu.<br />
Ich war mir sicher, dass das Jesuskind weinte.<br />
Die Alten geisterten hinaus zu ihrem Minibus. Und die beiden jungen Blondinen eilten wortlos nach Hause.  Auch wir machten uns zum letzten Mal auf den Weg zu Samats Haus, dieser Insel der Gastfreundschaft in diesem ansonsten schroffen Dorf.</p>
<p>Ich erschrak, als mich in der kalten Dunkelheit vor dem Bethaus plötzlich eine Gestalt auf Deutsch ansprach.<br />
»Guten Abend, Sie sind doch der Journalist. Haben Sie bitte keinen schlechten Eindruck von uns. Gastfreundschaft ist uns normalerweise wichtig.«<br />
So lernten wir Agnes kennen.<br />
Eine kleine, kräftige Frau um die sechzig. Sie sah aus wie eine Mennonitin aus den deutschen Presseberichten: das ergraute Haar zu einem Kranz geflochten, langer schwarzer Rock und eine altertümliche rote Jacke mit Goldrand. Ihre Goldzähne glänzten im Mondlicht.<br />
»Ihr begleitet mich nach Hause, und wir können etwas reden«, sagte sie fast schon entschuldigend.</p>
<p>Auf dem Heimweg unter dunklen Pappeln klagte sie ihr Früher-war-alles-besser-Leid.<br />
»Als es noch mehr Deutsche gab, hatten wir eine große Bücherei, eine funktionierende Kolchose, Kultur, Arbeit und Geld. Heute ist das Dorfleben trist. Die Kirgisen machen nichts. Sie beschweren sich sogar, weil wir Deutschen zu viel arbeiten und sie schlecht aussehen lassen.«<br />
Ihre größte Sorge aber war ihre älteste Tochter, die Dorfschönheit.</p>
<p>Einen heiratsfähigen Mann gebe es für sie im Dorf nicht.<br />
Und in Kirgisistan habe sie keine berufliche Perspektive.<br />
»In Deutschland wird man für Bildung bezahlt, hier muss man für Bildung bezahlen. Aber wir haben das Geld nicht.«<br />
Und so müsse die Tochter putzen gehen. Für reiche Russen in Bischkek.<br />
Jeden Tag pendle das Aschenputtel per Marschrutka in die eine Stunde entfernte Hauptstadt. Ein möglicher Ausweg aus der Misere ist Deutschland. Die nötigen Dokumente für die Ausreise, erklärte Agnes, hätten sie schon in der Tasche.<br />
»Aber noch halten wir durch. Die Familie würde ja doch nur zerreißen.«</p>
<p>Wir standen nun vor ihrem Haus.<br />
Der Mond lugte hinter einer Wolke hervor und tauchte die Berge in silbernes Licht.<br />
Der Wind streichelte die Felder wie eine Katze.<br />
»Und diese Natur, ich würde sie so vermissen. Das ist meine Heimat«, war sich Agnes plötzlich sicher.</p>
<p>Sie entschuldigte sich nochmals für die schlechte Gastfreundschaft.<br />
Aber ich müsse das verstehen. Die Presse habe dem Dorf so schwer zugesetzt.<br />
Dünnhäutige Mennoniten, fluchte ich innerlich.<br />
Nun betonte Agnes noch, was für tollen selbst gemachten Kuchen sie ihren Gästen normalerweise anbiete.<br />
Hatte sie Kuchen gesagt?<br />
Würde sie uns vielleicht doch noch in ihr Haus bitten?<br />
Durften wir etwa mit der schönen Tochter sprechen?<br />
Erwartungsvolle Pause.</p>
<p>Zerstört von einem enttäuschenden:<br />
»Nun gut, ich muss nun ins Haus. Gute Nacht. Und schreiben Sie keinen Unsinn.«<br />
Das war’s.<br />
Agnes’ rundliche Silhouette verschwand im Haus.</p>
<p>Und für mich war klar: Nichts wie raus aus Rot-Front.<br />
Vor dem Einschlafen nahm ich mir noch vor, den maximal möglichen Unsinn zu schreiben.</p>
<p style="margin-top:60px;font-size:18px;color:#aaa;padding-top:40px;padding-bottom:40px;border-top:1px solid;margin-bottom:80px;border-bottom:1px solid;text-align:center">
Die Recherche zu dieser Reportage wurde von <a href="https://www.studiosus.com/" target="_blank">Studiosus Reisen</a> unterstützt.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Das Sperma der Götter</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 May 2016 08:43:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[England]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Druiden]]></category>
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					<description><![CDATA[In England blüht die Tradition der Druiden wieder auf. Unser Autor Sebastian Hesse hat einige von ihnen besucht, um herauszufinden was der ganze Hokuspokus um Bäume, Misteln und Steinkreise soll.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/das-sperma-der-goetter/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In England blüht die Tradition der Druiden wieder auf. Unser Autor Sebastian Hesse hat einige von ihnen besucht, um herauszufinden was der ganze Hokuspokus um Bäume, Misteln und Steinkreise soll.</strong></p>
<p>Allzu viel Phantasie braucht man nicht, um sich vom Glastonbury Tor aus eine Inselwelt herbeizu(tag)träumen. Zahlreiche Hügel haben die radikale Kultivierung der Landschaft in der Grafschaft Somerset überstanden. Früher, so erklärt es mir Pat Mead, sei die Gegend regelmässig überschwemmt worden. Feuchtes Marschland, das große Teile des Jahres unter Wasser stand. Die Hügel jedoch hätten aus der Wasserfläche heraus geragt. Sie seien zu Inseln geworden. Und, wie so oft im südenglischen Nebel, nur noch schemenhaft zu erkennen gewesen. Hier entstand einst die Legende von Avalon. Jener mythischen Insel, auf der das irdische Leben des Sagenkönigs Artus endete. Die Apfelinsel, wie die Kelten sie nannten. Pat jedoch erzählt die Geschichte anders. Für Pat liegt hier tatsächlich Avalon. Bis heute. Wegen Avalon ist sie einst nach Glastonbury gezogen. Denn Pat Mead ist Druidin.</p>
<p>In England berichten Menschen mit einer spirituellen Ader häufig über ihre prägende Begegnung mit einem Ort. Die Zuneigung für einen Landstrich wird gerne schwärmerisch verklärt. Landbewohner in England ziehen ein Lebensgefühl aus der Geographie, die sie umgibt. Sie verspüren eine intensive Verbundenheit mit natürlichen Orten: Achtung, Tiefe. Das hat mit der Schönheit unberührten Landes zu tun, seinen Farben und Gerüchen. Aber auch mit dem, was Menschen mit entsprechendem Sensorium in diese Landschaften hineinlesen können. Was sie an Mythologie dechiffrieren an Orten, zu denen sie sich intuitiv hingezogen fühlen. An solchen Orten überlappen sich geographische und mythische Landschaften. Nach keltischem Glauben existieren an bestimmten Orten Übergänge zwischen der Menschenwelt und der Anderswelt.</p>
<h2>Für König Artus</h2>
<p>Diese instinktive Verbundenheit mit einem Landstrich war es, die Pat Mead einst nach Glastonbury gebracht hat. „Ich bin wegen Artus zum ersten Mal hierher gekommen“, erzählt sie mir. „In einem Buch hatte ich ein Bild vom Glastonbury Tor gesehen. Und eine innere Stimme sagte: Geh da hin! Das haben wir dann auch gemacht, mein Mann und ich. Sind hierher gezogen!“ Ursprünglich stammt sie aus den britischen Midlands bei Birmingham. Einer spontanen Eingebung folgend verlagerte sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann ihren Lebensmittelpunkt an den Fuß des Glastonbury Tors. Über Nacht brachen sie ihre Zelte ab, um einem merkwürdigen Sog gen Westen zu folgen.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-2.jpg" data-caption="Zum Ritual geschmückte Frauen mit Blumenschmuck auf dem Primrose Hill" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-9.jpg" data-caption="Druiden haben sich zum &quot;Spring Equinox Ritual&quot; am Tower Hill in London aufgereiht" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-10.jpg" data-caption="Druiden bilden am Tower Hill in London einen rituellen Kreis" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-4.jpg" data-caption="Am Primrose Hill wird ins Horn geblasen" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-5.jpg" data-caption="Diese zwei Kinder finden das mystische Spektakel am Primrose Hill besonders spannend" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-6.jpg" data-caption="Ein Blumenmädchen am Primrose Hill" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-7.jpg" data-caption="Rechts im Bild: Philip Carr-Gomm" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-8.jpg" data-caption="Druiden-Spektakel vor der berühmten Tower Bridge in London" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden.jpg" data-caption="Ob hier wirklich alles Jungfrauen sind, wissen wir nicht. Jedenfalls erklimmt der &quot;Jungfrauenzug&quot; den Primrose Hill" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-3.jpg" data-caption="Druidisches Schattenspiel am Primrose Hill " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-21.jpg" data-caption="Druidinnen am Tower Hill" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23.jpg" data-caption="Bei dieserZeremonie vor dem Glastonbury-Tor reißt diese Druidein beschwörend die Arme nach oben" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-26.jpg" data-caption="Zwei Druidinnen in Avebury" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-27.jpg" data-caption="Adrian und JJ bei der Mistelernte" alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Sebastian Hesse</p></div>
<p>Pats Bungalow hat wenig gemeinsam mit den urigen Cottages des ländlichen Englands. Er ist modern, funktional, eher einfach und schmucklos. Auch die Einrichtung läßt nicht darauf schließen, dass hier jemand mit ausgeprägt spirituellem Sensorium lebt. Pat und ich sitzen in ihrem kleinen Wohnzimmer, auf einer Sofagarnitur, die bessere Tage gesehen hat. Wir trinken Tee und beobachten die Dachse, die auf ihrer kleinen Terrasse nach Leckerbissen suchen. Pat hat als junges Mädchen Deutsch gelernt und hört heute noch regelmässig deutsche Radiosendungen. Sie spielt im Verein Tischtennis. Und Theater in einer Laienspieltruppe. Und sie engagiert sich in ihrem druidischen Grove. Grove, Hain, nach den heiligen Hainen der heidnischen Priester. So nennen sich die Ortsgruppen der druidischen Orden. Der in Glastonbury nennt sich Appleseed Grove.</p>
<h2>Lebendiger Mythos</h2>
<p>So unscheinbar ihr Haus, so spektakulär ist die Lage ihres Grundstücks. Ein Hohlweg führt vom Chalice Well Garden den Hügel hinauf zu Pat. Wenn man ihn zu Ende läuft, steht man am Fusse des Tor. Mehrfach am Tag schaut sie hoch auf den magischen Hügel. Hinauf zu dem geheimnisvollen Turm auf seinem Gipfel. Die erhabene Szenerie bestärkt sie immer wieder aufs Neue darin, dass der Umzug nach Glastonbury zwangsläufig und alternativlos war. Der alte Mythos ist für Pat sehr lebendig: „Oh, er lebt, ja! Vor allem, wenn ich von Westen her nach Glastonbury hereinkomme. Da fährt man über eine bestimmte Brücke, die Pomparles Bridge. Früher war hier ein großer See, den der Fluß Brue gespeist hat. Das soll der See der ‚Lady of the Lake’ gewesen sein, die Artus das Schwert Excalibur gab. Daran muss ich immer denken, wenn ich über die Brücke fahre: Das ist wie nach Hause kommen. Ich bin zurück in Avalon und ich bin in Sicherheit!“</p>
<p>Dieses besondere Gespür für die Magie eines Ortes ist auf den britischen Inseln bemerkenswert ausgeprägt. In seltsamem Kontrast zum beinahe völligen Verschwinden von Wildnis und unberührter Natur in den englischen Grafschaften. Adrian Rooke ist wie Pat Mitglied des größten britischen Druidenordens, des Order of Bards, Ovates and Druids, kurz OBOD. Ich besuche ihn in Bristol. Dort wohnt der Sozialarbeiter im Gartenhaus auf dem Grundstück seines Sohnes. Adrian entspricht viel mehr als die pensionierte Lehrerin Pat meinen Vorstellungen von jemandem neuheidnischen, naturreligiösen Glaubens.</p>
<h2>Schamanischer Steinkreis</h2>
<p>Adrian trägt sein angegrautes Haar lang, ist über und über mit tribal tatoos bedeckt. Er schmückt sich mit Amuletten, Ohrringen und allerhand anderem Schmuck, den er teilweise selber hergestellt hat. Ein gewaltiges Bett füllt das Wohn- und Schlafzimmer in seinem Gartenhaus fast völlig aus. Für Adrian ist es weit mehr als nur eine Schlafstätte. Hier meditiert er, liest dicke Wälzer über Glaube, Leben und Rituale seiner Ahnen. Hier schnitzt er die Zauberstäbe, die er auf Druidentreffen verkauft. Handschmeichler sind Adrians hölzerne Fetische. Und obendrein sollen sie Glück bringen. Adrian hat Suppe gekocht. Nach dem Essen nimmt er mich mit zu einem Steinkreis in der Nähe von Bristol. Zu einer Art schamanischer Séance.</p>
<p>Tags drauf fahre ich mit Adrian und seinem Freund Jay-Jay auf eine Apfelfarm auf dem Lande, irgendwo zwischen Bristol und Glastonbury. Die beiden haben mich eingeladen an einer jährlichen Zeremonie teilzunehmen, die ihnen heilig ist. Und zu der sie noch nie einen Außenstehenden mitgenommen haben. Wir gehen Misteln schneiden. In den Baumkronen der Apfelbäume wächst und gedeiht die heilige Pflanze der Druiden besonders üppig. Der Apfel-Farmer ist froh, dass ihm jemand den Parasiten dezimiert. Und Adrian und Jay-Jay machen reiche Beute für die bevorstehende Wintersonnenwendfeier ihres Druidenordens.</p>
<p>Auf dem Farmgelände steigt Adrian mit einer Leiter in die Baumkronen, sägt die Mistelzweige ab und wirft sie mit Bedacht vom Baum. So, dass JJ sie auffangen kann. Damit sie nicht den Boden berühren. „Die Mistel ist eine einzigartige Pflanze. Weil sie keine Wurzeln hat, die sie mit der Erde verbinden“, erklärt mir Adrian. „Misteln sind Himmelspflanzen, Sonnenpflanzen.“</p>
<h2>Göttliches Sperma</h2>
<p>Er zerdrückt die weißen Beeren der Mistel in seiner Hand. Und hat die klebrige Masse daraus zwischen den Fingern. Die erinnert an Sperma. „Unsere Ahnen haben geglaubt, es handele sich um das Sperma der Götter“, sagt er, „das mitten im Winter das Land neu befruchtet.“ Und JJ ergänzt: „Die alten Druiden haben die Mistel besonders verehrt, wenn sie in den Kronen der Eichen wuchs. Die Eiche galt als Baum der Sonne. Bei der rituellen Mistelernte wurde der Samen der Sonne wieder mit der Erde verbunden.“ Darum sei die Mistel ein Symbol für die Wiedergeburt zur Wintermitte. Die Rückkehr der Sonne. „Deshalb küsst man sich heute noch unter dem Mistelzweig“, schmunzelt JJ, „weil dieses Ritual etwas Lebensbejahendes hat!“</p>
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<p>JJ, Adrian und ich laden die frisch geschnittenen Mistelzweige in den Kofferraum von Adrians klapprigem Toyota. Am Abend werden die beiden den Versammlungsraum für das Druidentreffen mit den heiligen Pflanzen dekorieren. „Das verbindet uns mit diesem Land und dieser Jahreszeit“, sagt Adrian Rooke bevor wir abfahren. „Und es verbindet uns mit etwas sehr Altem, das seit Jahrtausenden verehrt wird!“ Diese Verbundenheit mit Natur und Geschichte, so viel habe ich bereits begriffen, ist die zentrale Erfahrung im modernen Druidentum.</p>
<h2>Ritual in der längsten Nacht</h2>
<p>Beim Morgengrauen des nächsten Tages stehe ich dann, am Ende der längsten Nacht des Jahres, zu Sonnenaufgang im Chalice Well Garden in Glastonbury. Es liegt noch Frühnebel über der Gartenanlage am Fusse des Tor, wenige Fussminuten von Pat Meads Haus entfernt. Nur schemenhaft sind die Teilnehmer des Rituals zu erkennen, mit dem die Rückkehr des Lichts begrüßt werden soll. Rund hundert Neo-Druiden würdigen am kürzesten Tag des Jahres mit ihrer Zusammenkunft den ewigen Kreislauf der Natur. Den verläßlichen Wechsel von Finsternis und Absterben zu neuem Licht und Leben. Ein Grossteil der Druiden trägt ein langes, mönchsähnliches Gewand aus grobem, ungefärbtem Leinen. Verziert allenfalls mit Fibeln oder Broschen in keltischem Ornament. Ein großer Kreis wird gebildet. In der Mitte steht Ann-Marie, die das Ritual anleitet.</p>
<p>Ann-Marie trägt bei der morgendlichen Kälte eine Pelzmütze und einen langen, grünen Samtüberwurf. Wie Pat hatte auch sie ein Erweckungserlebnis in der Natur, das sie für das Druidentum empfänglich machte. „Das war in Cornwall“, erzählt sie mir, „dort gibt es noch Ecken, die vom Menschen unberührt scheinen. Das Bodmin Moor etwa. Dort konnte ich die Seele der Erde spüren!“ Seither geht es ihr nach eigener Aussage darum, “am kosmischen Tanz teilzunehmen.“ Dieses Grundgefühl begleitet sie inzwischen längst durch den Alltag: „Wenn ich morgens die Augen öffne, dann ist da dieser kurze Moment, bevor man ganz wach wird. Als wenn man dem ganzen Universum einen guten Morgen wünscht!“</p>
<p>Zur Sonnenwende begrüßt Ann-Marie die Mitglieder des größten britischen Druidenordens. Um mit ihnen das Wiedererwachen der Natur zur Halbzeit ihres winterlichen Tiefschlafs zu begehen. Dieses Ritual ehrt ein zyklisch wiederkehrendes Naturereignis, spiegelt den natürlichen Kreislauf, betont sie. Es geht in der Zeremonie um das scheinbar absterbende Licht, seine Wiederkehr, das Schneiden der Mistelzweige, die heute noch in Großbritannien zur Weihnachtszeit gehören wie der Christbaum. In jeder der vier Himmelsrichtungen verkörpert je ein Druide den Norden, den Süden, den Westen, den Osten. Die vier Himmelsrichtungen haben in der druidischen Naturverehrung eine ähnlich große Bedeutung wie die vier Elemente oder die vier Jahreszeiten.</p>
<p>Das Licht, das sich am kürzesten Tag weitgehend zurückgezogen hat, wird durch eine Kerze in einem sturmfesten Leuchter versinnbildlicht. Die Kerze erlischt und wird sogleich wieder entzündet. So wie das das Licht im Frühjahr zurückkehrt, stärker wird, länger die Natur erhellt und diese allmählich aus dem Winterschlaf zurückholt. Um diesen Prozess des Absterbens und Neuerwachens, des Regenerierens in der Dunkelheit, des neuen Lebens, das dem abgestorbenen Alten verlässlich folgt, geht es in dem Ritual.</p>
<h2>„AAAWWWEEENNN!!!“</h2>
<p class="p1"><span class="s1">AWEN intonieren die Druiden von Glastonbury stimmgewaltig aus vielen Kehlen. Es klingt wie ein Urlaut, dem buddhistischen OM nicht unähnlich. Der ganze Körper vibriert, wenn man das keltische Wort AWEN möglichst langgestreckt singt. Es entsteht eine Schwingung, eine Art Ur-Rhythmus, der die Ritual-Teilnehmer in Gleichklang mit ihrer natürlichen Umwelt bringen soll. AWEN ist nicht nur das Mantra, sondern auch das graphische Symbol des Druidenordens. Und bedeutet so viel wie ‚die drei Lichtstrahlen’. Viele Druiden tragen das AWEN-Symbol als Brosche oder Amulett. Es zeigt drei Lichtpunkte, aus denen drei Lichtstrahlen fallen, umrahmt von drei konzentrischen Kreisen. Die Lichtpunkte symbolisieren Sonnenaufgänge. In, je nach Jahreszeit, leicht unterschiedlicher Himmelsrichtung. Und die Kreise stehen für die drei Zirkel der Schöpfung in der keltischen Mythologie. Intoniert wird das AWEN bei jeder neo-druidischen Zusammenkunft, als fester Bestandteil jedes neo-druidischen Rituals. Ebenso wichtig ist der ‚Sacred Vow’: „We swear by peace and love to stand, heart by heart and hand to hand. Mark, oh Spirit, and hear us now, confirming this, our sacred vow!“ Wie das ‚Vater unser’ zum christlichen Gottesdienst gehört dieser Schwur zu jeder druidischen Zusammenkunft. Aber wie authentisch sind diese modernen Zeremonien? Wie stark wurzeln sie in wahrhaft uralten Traditionen?</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Es gibt da nämlich ein Dilemma. Von den historischen Vorbildern der Neo-Druiden, der vorchristlichen Priesterkaste der keltischen Hemisphäre, ist eigentlich recht wenig bekannt. In einem der uralten Wirtshäuser von Glastonbury treffe ich eine Koryphäe auf diesem Gebiet: Den Historiker </span><span class="s2">Ronald Hutton</span><span class="s1">. Der Geschichtsprofessor aus Bristol entspricht kaum den gängigen Vorstellungen von einem Hochschullehrer und Wissenschaftler. Hutton trägt das dünne Haar mehr als schulterlang. Seine dicke Brille scheint einige Nummern zu groß für einen schmächtigen Mann wie ihn. Sein listiges Blinzeln entgeht mir jedoch nicht, als er mich über einem Pint Ale freundlich angrinst. Und zunächst einmal desillusioniert: „Die Quellenlage zu den Druiden ist mehr als dürftig“, sagt Hutton, „alle zeitgenössischen Quellen stammen aus griechischer oder römischer Feder. Und man könnte sie locker auf sechs Seiten abdrucken!“</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Die keltischen Priester verfügten nicht über eine eigene Schriftkultur. „Etwas mehr findet sich in der mittelalterlichen Literatur Irlands“, sagt der Geschichtsprofessor, „aber die ist hunderte von Jahren nach der Christianisierung entstanden!“ Sonst gibt es nur noch Volkssagen und Mythen. „Als postmoderne Menschen können wir uns da etwas herauspicken und unser eigenes Druidenbild zusammen stellen.“ Bei aller Beliebigkeit sei eines aber klar, so der Spezialist für Naturreligionen: „Die Druiden waren im antikischen Europa die einzigen Leute, die von den Römern und Griechen respektiert wurden! Die sie gefürchtet haben. Und von denen sie sich inspirieren ließen!“ Daran ändere auch die Widersprüchlichkeit der zeitgenössischen Quellen nichts, meint Hutton. „Für manchen Autoren der Antike waren die Druiden weise und gütig, verstanden sie die Welt besser als jeder andere. Für andere waren sie blutrünstige Wilde und Barbaren.“ Dieser Kontrast mache sie so faszinierend.</span></p>
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<p>Sprachwissenschaftler sagen, der Begriff ‚Druide’ setzt sich aus zwei Silben zusammen. Aus dem gälischen und auch walisischen ‚Dru’ &#8212; zu deutsch: Eiche. Und ‚Id’, &#8211; abgeleitet vom indogermanischen ‚Wid’ &#8212; zu deutsch: Wissen. Der Druide bringt also Wildnis und Wissen, Natur und Weisheit zusammen. Der Begriff Druide kann als Aufforderung verstanden werden, die Qualitäten von ‚Dru-’, der Wildnis, und ‚-id’, der Weisheit, in sich zu vereinen.</p>
<p>Ronald Huttons Hinweis auf den postmodernen Selbstbedienungsladen hatte mich aufhorchen lassen. Keine Naturreligion in Europa kann auf eine durchgängige, gewachsene, Jahrhunderte überdauernde Geschichte zurückblicken. Was heute wieder auflebt, ist zwangsläufig eine Konstruktion aus Projektionen, Wunschphantasien, Wissensfragmenten, Idealisierungen und Phantasieelementen. „Die größte Schwäche des Druidentums ist gleichzeitig seine größte Stärke“, sagt Philip Carr-Gomm. Er sollte es wissen, denn er ist ‚Chief Druid’, der Mann an der Spitze des ‚Orders of Bards, Ovates and Druids’.</p>
<h2>Besuch beim Chef-Druiden</h2>
<p>Ich habe Philip Carr-Gomm in Glastonbury kennen gelernt. Und dann so manches Mal wiedergetroffen. Seinen Druidenorden leitet der 1952 geborene aus seinem Privathaus in Sussex, in dem malerischen Städtchen Lewis. Wir sitzen bei einer Tasse Tee in seinem Arbeitszimmer, das erwartungsgemäss bis unter die Decke mit Büchern vollgestopft ist. Philip stammt aus London, hat Psychologie studiert, eine Montessori-Schule gegründet, Bücher geschrieben und Tarot-Decks designed. Und eben eine druidische Gemeinschaft aus dem 18. Jahrhundert weiter entwickelt zu einem Esoterik-Angebot, das Anhänger in ganz Europa und den USA hat.</p>
<p>Wer den Weg des Druiden gehen will, in Carr-Gomms Auslegung, der kann einen Fernkurs absolvieren. Den muss man bestellen, sich schicken lassen und und sich über drei Initiationsstufen hinweg zum Neo-Druiden ausbilden lassen. Und das tun überraschend viele: 1200 Leute arbeiten sich gerade durch den druidischen Lehrstoff, erklärt mir Carr-Gomm. Schaffen sich keltische Mythologie, Naturkunde, Anleitungen zu Kreativität drauf. Den Lehrstoff gibt es nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Tschechisch, Französisch, Holländisch, Deutsch, Italienisch und Portugiesisch. „Den Kurs haben U-Boot-Matrosen der amerikanischen Navy absolviert“, sagt Carr-Gomm nicht ohne Stolz. „Leute, die in der Wüste in einem Flüchlingslager in Darfour arbeiteten. Obwohl das hart ist. Denn beim Druidentum geht es ja auch um die Beziehung zwischen Orten und Spiritualität. Es wurzelt in Wäldern, in europäischen Landschaften. Nicht in der Wüste, wie Christentum und Islam.“</p>
<h2>Bruderschaft wie Freimaurer</h2>
<p>Die weltweit rund zehntausend Mitglieder seines Druidenordens sieht Philip Carr-Gomm als Nachfahren derer, die das Druidentum vor rund 300 Jahren widerbelebt haben. Grob habe es das drei Strömungen gegeben, erklärt mir der Chief Druid. ‚Kulturelle Druiden’ nennt er diejenigen, die keltische Sprachen und Mythologie rekonstruieren. Dann gäbe es die ‚druidischen Bruderschaften’, eine Art Freimaurertum, das sich im 19. Jahrhundert ausbildete. In deren Logen wurde Mummenschanz gepflegt, mit langen Gewändern und falschen Bärten. Es gibt ein legendäres Photo von Sir Winston Churchill mit falschem Bart in Stonehenge. Auch Churchill war Mitglied einer Druidenloge. „Und schließlich gibt es als dritte Spielart uns: Leute, die Druidentum als einen spirituellen Weg sehen.“</p>
<p>Auch der junge Carr-Gomm war ein Suchender, als er mit elf Jahren Ross Nichols über den Weg lief. Der 1902 geborene und 1975 gestorbene Nichols war Dichter und Hochschullehrer. Als Druide nannte er sich ‚Nuinn’. „Als 11-jähriger bin ich dem damaligen Chef Druid begegnet. Er hat mir dieses Empfinden von Landschaft als heilige Landschaft vermittelt. Das Gespür für magische Orte. Heilige Haine, Steinkreise, Zauberberge. Das hat mich angesprochen: Diese Ahnung, dass sich hinter der Oberfläche von Autobahnkreuzen und Industrielandschaften etwas anderes befindet. Dass hinter dieser Fassade noch immer verzauberte Landschaften schlummern!“</p>
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<p>1988 trat der Psychologe Carr-Gomm an die Spitze des Druidenordens. Geleitet wurde er von der Überzeugung, dass viele seine eigene spirituelle Orientierungslosigkeit und diffuse Ahnung von etwas sehr Altem, aber längst Vergessenem teilen. „Je mehr sich die Menschen von den etablierten Religionen entfremdeten“, sagt Carr-Gomm, „je mehr ihr Unbehagen angesichts der ökologischen Krise wuchs, desto stärker wurde das Bedürfnis nach neuen spirituellen Wegen. Nach etwas, das in Traditionen wurzelt, das authentisch ist und vor allem frei von Dogmen.“</p>
<h2>Bedürfnis nach Gemeinschaft</h2>
<p>Ebenso ausgeprägt, so Carr-Gomms Überzeugung, sei das Bedürfnis nach Anleitung und Gemeinschaft. Um seinen Orden möglichst frei von Dogmen zu halten und eine größtmögliche Klientel anzusprechen, hat er die rituelle Naturverehrung zum zentralen Kern seiner Lehre gemacht. „Sich in der Natur zu bewegen, die natürlichen Kreisläufe annehmen und etwa die Jahreszeiten wirklich leben: Das macht uns menschlicher und mitfühlender“, so Carr-Gomm. „Als Druiden wollen wir das verstärken, indem wir über das Jahresrund hinweg diesen Kreislauf mit Ritualen begleiten.“ So wie zur Wintersonnenwende in Gastonbury.</p>
<p>Das Neo-Druidentum, übrigens seit 2011 offiziell von der ‚Charity Commission for England and Wales’ als Religion anerkannt und damit steuerlich auf einer Stufe mit der Church of England, ist beileibe kein ländliches Phänomen. Zweimal im Jahr, jeweils zur Tag-und-Nacht-Gleiche, kann man in der achteinhalb-Millionen-Metropole London Druiden beim Ausüben ihrer Rituale beobachten. Im Frühjahr am Themseufer, direkt neben dem Tower. Und im Herbst auf dem Primrose Hill, am Nordrand des Regent’s Park, der Erhebung mit dem besten Blick über die Stadt. Als wären sie einer Zeitkapsel entstiegen tauchen an diesen beiden symbolträchtigen Tagen urplötzlich die Druiden im hektischen Großstadtgewusel auf.</p>
<p>Die meisten von ihnen tragen knöchellange weiße Gewänder mit Hauben, die eher an altmodische Krankenschwestertracht erinnern, denn an das Outfit von Naturreligiösen. Einige der teilnehmenden Frauen haben sich jedoch Blumen ins Haar geflochten. Manche tragen Erntegaben in Schalen. Andere ein Schwert oder das meterlange Horn, dessen Klang die Zeremonie eröffnet. Die beginnt und endet damit, dass die Druiden einen Kreis bilden. Ein gemeinsames Ganzes, das keinen Anfang und kein Ende kennt.</p>
<h2>Beim Stadt-Druiden</h2>
<p>Auf dem Primrose Hill lerne ich bei einer dieser Zeremonien JT Morgan kennen. Mit einem kleinen Kreis Gleichgesinnter zelebriert er im Hawthorn Grove, einem Hagedornhain, seine eigenen, selbstgeschriebenen Rituale. JT ist für mich der Inbegriff eines Stadt-Druiden. Anderntags besuche ich ihn auf Arbeit. Morgan ist Schneidermeister von Beruf, nennt sich daher auch Jay the Tailor, und betreibt seine Schneiderei in einem alten Eisenbahnbogen im Londoner Stadtteil Hammersmith. Ein urbaneres Setting kann man sich kaum vorstellen. Morgan hat es nie auf’s Land gezogen. Allein auf freier Wildbahn ist sein Ding nicht. Dafür kennt JT in den Londoner Parks jeden Strauch, jeden Baum und beinahe jeden Halm. Die Vögel, die Nagetiere. Alles was kreucht und fleucht.</p>
<p>JT sucht und bewundert die Natur in ihren Nischen. Die natürlichen Mikrokosmen, die es an den unerwartetsten Stellen zu entdecken gilt. In Hinterhöfen, auf Verkehrsinseln, an den Rändern der Parkplätze, auf den Dachterrassen, sogar in den Schlaglöchern. Wo immer der Asphalt aufbricht und den Boden entsiegelt, da kommt Natur zurück. Für JT Morgan ist es kein Widerspruch, großstädtisch zu leben und gleichzeitig Natur zu verehren. Das ist für ihn auch der Kern seines Druidentums: „Wenn jemand nicht nur mit den Bäumen redet, sondern auch noch eine Antwort erhält, dann ist er ein Druide.“ Ansonsten ist JT herrlich gelassen und undogmatisch. Man dürfe das mit den Druiden auch nicht allzu ernst nehmen, meint er. Und müsse aufpassen, die Riten und Gebräuche nicht ins Lächerliche zu ziehen.</p>
<p>„Druiden lieben es, keltische Begriffe zu benutzen. Bei näherer Betrachtung entpuppen die sich aber oft als erfunden: Sie sind unecht. Und viele wissen nicht einmal, wie man sie ausspricht!“ Morgans eigene Rituale sind daher durchgehend auf Englisch. Um möglichst viele anzusprechen, denn der kleinste gemeinsame Nenner sei die Ahnung davon, dass die Welt aus mehr als nur einer stofflich-materiellen Ebene besteht: „Die Liebe zur Natur muss mit einem gewissen Hang zu Spiritualität einhergehen; – ohne eine spirituelle Ebene des Daseins zu akzeptieren geht es nicht!“</p>
<h2>Dunkle Germanen vs. keltische Lichtgestalten</h2>
<p>Naturverehrung und Geschichtsbewusstsein – das hatte mir schon der Geschichtsprofessor Ronald Hutton als wichtigste Zutaten des druidischen Gebräus anempfohlen. „Die Abgelöstheit von natürlichen Lebenszusammenhängen und einer geschichtlichen Tradition; das ist am Ende das Dilemma des modernen Menschen“, so der Akademiker, der zwischen Hörsaal und heiligen Hainen pendelt. Ich muss an Deutschland denken. Wo zwar die Ökologiebewegung stark ist; was übrigens immer wieder von den britischen Druiden hervorgehoben wird. Sich jedoch in einer germanischen Tradition zu verorten, kann einen bekanntlich schnell in Erklärungsnöte bringen. Vermutlich boomt deshalb die Rückbesinnung auf das keltische Erbe in den entsprechenden deutschen Regionen.</p>
<p><img class="aligncenter wp-image-6398 size-full" src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23.jpg" alt="3-23" width="1700" height="1134" data-id="6398" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23.jpg 1700w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-1250x834.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-400x267.jpg 400w" sizes="(max-width: 1700px) 100vw, 1700px" /></p>
<p>Wie Pilze sind in den zurückliegenden Jahren Keltenmuseen, Keltenforts, Keltenhügel und Keltenfestivals aus dem Boden geschossen. Wo die Germanen die dunklen Ahnen sind, erleben die keltischen Lichtgestalten jetzt ihre unerwartete Renaissance. Ronald Hutton und Philip Carr-Gomm könnten in ihrer Analyse der Defizite des modernen Menschen im Digitalzeitalter recht haben. Weit über ihr englisches Wirkungsfeld hinaus.</p>
<p>Das Druidentum, das beide praktizieren, hat mich jedoch zunächst wegen seiner so britischen Schrulligkeit angezogen. Und dazu gehören zentral die Schauplätze. Stonehenge, Avebury, Tintagel, das Bodmin Moor und immer wieder dieses Glastonbury, wohin wir zum Schluss noch einmal zurückkehren.</p>
<h2>Liegt hier König Artus?</h2>
<p>Die vielen skurrilen Esoterik-Läden im Ortskern von Glastonbury, das Überangebot an Selbsterfahrungs-Seminaren und Kursen, die schamlose Vermarktung des Images als spirituell besonderer Ort haben den Ort dennoch nicht seine unbestreitbare Magie genommen. Im Herzen von Glastonbury findet sich eine der malerischsten Ruinen Englands: Die der Glastonbury Abbey, geschliffen im 16. Jahrhundert während der Reformationswirren. Ihre Überreste sind immer noch so eindrucksvoll, das man eine Ahnung kriegt von deren Pracht, als sie noch die wohlhabendste Klosterkirche Englands war.</p>
<p>Zur Legende wurde sie, als im 12. Jahrhundert das Gerücht aufkam, Artus sei auf dem Klostergelände begraben. Die britische Krone war elektrisiert. Mönche wurden mit umfangreichen Ausgrabungsarbeiten beauftragt. 1191 soll der Legende nach, zwei Meter unter der Erde, ein großes Kreuz aus Blei gefunden. Darauf soll gestanden haben: ‚Hier ruht König Artus, begraben in Avalon’. Zwei weitere Meter tiefer wurde dann angeblich ein Eichensarg ausgebuddelt. Mit zwei Skeletten darin. Das eines großen Mannes mit einer Schwertwunde im Schädel. Und das einer Frau, vermutlich Ginevra, Artus’ Gattin.</p>
<p>Der Auftraggeber und Finanzier des archäologischen Unterfangens, König Edward I., ein erklärter Artus-Fan, ließ die Gebeine daraufhin in einer pompösen Zeremonie beisetzen und eine prunkvolle Artus-Grabstätte errichten. Dabei ging es auch ganz profan um weltliche Macht. Edward wußte um die mythologische Bedeutung des Sagenkönigs für die aufmüpfigen Waliser. Ähnlich wie beim Kyffhäuser glaubten die, Artus schlafe nur und könne ihnen jederzeit in der Stunde der Not zur Hilfe eilen. Dem konnte Edward nun entgegen halten: Seht, Artus ist tot. Wir haben seine Gebeine. Er wird niemals zurückkommen.</p>
<h2>Die bizarrste Attraktion</h2>
<p>Heute freilich gibt es keine Spur mehr vom Bleikreuz, von den königlichen Knochen und der edwardianischen Prunkstätte mit dem Grabstein aus schwarzem Marmor. Alles verschwunden, zerstört, 1539 geschliffen unter Heinrich VIII. Doch als Mythos ist die Sage so lebendig wie eh und je. Ich schlendere mit Julie Hayes über das Klostergelände. Sie ist die Museumspädagogin der Abbey und erzählt mir ihre persönliche Geschichte. Mit Worten, die mich sehr an die Erlebnisse der Druiden erinnern: „Ich selber stamme ursprünglich nicht von hier, sondern aus Nottinghamshire. Aber ich hatte das Gefühl, nach Hause zurück zu kehren. Dieser Ort ist ganz besonders: Er strahlt Ruhe aus. Man vergisst, dass es eine Welt jenseits von Glastonbury gibt!“</p>
<p>Die vielleicht bizarrste Attraktion von Glastonbury verbindet den Ort aber nicht mit Keltenerbe oder Artus-Mythos, sondern dem blutjungen Christentum. Die Briten glauben, sie seien eine der ersten Nationen Europas gewesen, zu der die Lehre des Gekreuzigten weitergetragen wurde. Als Beweis dafür muss der Glastonbury Thorn herhalten: Ein Dornenbusch, der aus dem Wanderstab von Josef von Arimathäa gewachsen sein soll. Als der Mann, der dem hingerichteten Erlöser sein Grab in Jerusalem überlassen haben soll, nach Christi Kreuzigung ausgerechnet nach Glastonbury kam. Der feste Glaube daran, dass England in der Hierarchie der auserwählten Länder kurz hinter dem Heiligen Land kommt, reicht bis ins Herz des Königshauses hinein. Wenn die Queen alljährlich ihre Weihnachtsansprache im Fernsehen hält, dann liegt ein Zweig dieses Weißdornbusches vor ihr auf dem Tisch. Angeblich hat Josef von Arimathäa auch den Heiligen Gral mit nach Glastonbury gebracht. Genug Sagenstoff also, um Heerscharen von Sinnsuchern anzulocken. So mancher bleibt für immer. So wie Pat Mead.</p>
<p>Ich treffe mich mit Pat auf dem Hügel, auf dem der Thorn thront. Oder gethront hat, denn kurz vor unserem Wiedersehen haben Vandalen den mythenumrankten Busch in einer nächtlichen Aktion abgeholzt. Ein unerhörtes Sakrileg, das tagelang für Schlagzeilen im Königreich sorgte. Da aber über die Jahre genügend Ableger des verehrten Gehölzes an anderen Orten erfolgreich eingepflanzt wurden, etwa im Londoner Kew Gardens, konnte der Weißdorn durch einen gärtnerischen Kniff wiederbelebt werden. Das robuste Gehölz wurde zu neuem Leben erweckt.</p>
<h2>Heiliger Stumpf</h2>
<p>Als ich Pat treffe, stehen wir noch vor einem traurigen Stumpf. „Ich hatte das erst für einen kranken Scherz gehalten“, erinnert sie sich. Doch die Nachricht, die sich wie ein Lauffeuer in Glastonbury verbreitet, war wahr. Eine „Schockwelle“ sei durch den Ort gegangen, so Pat, Menschen aller Weltanschauungen seien zu dem Baumstumpf gepilgert, um sich ein Bild von der zerstörerischen Tat zu machen. Für die Druidin lag jedoch auch etwas Tröstliches in der Tragödie: „Wicca-Hexen waren da, Druiden, Vertreter der örtlichen Kirchen – alle waren schockiert und verstört angesichts des trostlosen Baumstumpfs, der lange eines der Wahrzeichen von Glastonbury war. Alle haben beieinander gestanden.“ Und so hatte der Weißdorn auch im Ableben noch Magie über den Ort gebracht.</p>
<p>Diese Episode bringt für mich sowohl den genius loci von Glastonbury, als auch das Erfolgsrezept der Druiden-Renaissance auf den Punkt. Wie hatte es schon Ronald Hutton formuliert, der druidische Gelehrte: „As postmodern people we take our pick!“ Wir basteln uns unsere ganz eigene Patchwork-Spiritualität. Auch Philip Carr-Gomm, der Chief Druid, weiss, dass im Zeitalter der Beliebigkeit nicht nur Sehnsucht nach Sinn entsteht, sondern aufgrund der zahllosen Ausweichmöglichkeiten auch eine tiefsitzende Scheu vor Bindung und Verpflichtung. Sein Neo-Druidentum ist eine Art naturschwärmerische Meditationsanleitung, dem Zen gar nicht so unähnlich, und daher kompatibel mit fast allen Credos auf dem Markt.</p>
<p>„Und so gibt es Leute, die sich Druiden nennen und Monotheisten sind, oder Duotheisten, Polytheisten, Pantheisten. Ja, sogar Atheisten“, sagt Carr-Gomm und schüttelt den Kopf. „Dieses ganze Konzept von Theismen bringt uns nicht weiter. Das Druidentum zieht wenig aus Theologie. Und viel aus der Natur: Sich in ihr bewegen, sich von ihr nähren lassen.“</p>
<p>Pat Mead verkörpert diese Haltung wie niemand sonst, den ich auf meinen Druidenpfaden getroffen habe. Und sie ist am richtigen Ort, denn nirgends sonst als in Glastonbury gibt es diesen postmodernen Cocktail aus Mythen und Traditionen. Wir stehen am Thorn und blicken hinüber zum Tor: Wie der sich über der Kleinstadt erhebt mit dem Turm der geschliffenen Klosteruine St. Michaels auf seinem Gipfel. Vielleicht ist die Erfolgsgeheimnis der spirituellen Hauptstadt Britanniens in Wahrheit ganz banal. Und erklärt sich schlicht aus der betörenden Schönheit dieses Anblicks.</p>
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		<title>Wo die Musik wohnt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 May 2016 23:50:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Andreas Schnell]]></category>
		<category><![CDATA[Bluegrass]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Südstaat Tennessee der USA lebt die Country-Musik. Unsere Autoren begeben sich in Nashville auf Spurensuche und treffen dabei Fiddler, Banjo-Spieler und ehemalige Kollegen von Elvis Presley.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wo-die-musik-wohnt/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Im Südstaat Tennessee der USA lebt die Country-Musik. Unsere Autoren begeben sich in Nashville auf Spurensuche und treffen dabei Fiddler, Banjo-Spieler und ehemalige Kollegen von Elvis Presley.</strong></p>
<p>Es ist heiß in Nashville im Sommer, bis spät in die Nacht. Leider ist unser Zimmer ein klimatisierter Albtraum. Ohne Fenster, karg, kalt und laut, ein durchdringender Geruch von Reinigungsmitteln durchweht das noch neue Hostel direkt am Cumberland River. Wir sind in die Hauptstadt der Country-Musik gekommen, um viel Musik zu hören, aber auch, um mehr über die Musiker und ihre Geschichten zu erfahren. Um die Ecke ist der Broadway, an dem wir am Abend unserer Ankunft unsere Erkundungstour beginnen.</p>
<p>Der Broadway ist ein überwältigender Ort. Aus jeder der zahllosen Bars tönt Live-Musik, und wenn es nur ein Mann mit Gitarre ist. Manche Bars haben gleich mehrere Ebenen, wie „Rippy&#8217;s“, die obere Etage ist halb offen, weshalb man dort sogar rauchen darf. Wer allerdings erwartet, dass es in Nashville nur Country zu hören gibt, darf sich schnell eines Besseren belehren lassen. Die Band, die oben bei „Rippy&#8217;s“ spielt, gibt ein bisschen Lynyrd Skynyrd zum Besten, ein bisschen Hendrix. Dazu gibt es Pulled Pork und Fries. Uns ist es zu laut. Auf der Straße ist es allerdings noch lauter. Hier mischen sich die Klänge aus den verschiedenen Clubs mit Straßenmusik.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-2.jpg" data-caption="In den Kneipen am Broadway in Nashville gibt es ohne Pause Livemusik, in einigen wird auch getanzt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-3.jpg" data-caption="In der Country Music Hall of Fame kann man die Instrumente von Country-Größen wie Johnny Cash und Hank Williams anschauen sowie eine beeindruckende Sammlung goldener Schallplatten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-4.jpg" data-caption="Im Station Inn abseits des Trubels vom Broadway spielen Bluegrass-, Western- und Countrybands. Die Steelguitar ist dabei ein entscheidendes Instruement. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-5.jpg" data-caption="Ein Plattenladen in Nashville: Hier gibt es LPs, Singles und Kassetten mit Bluegrass und Country; CDs findet man nicht. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-7.jpg" data-caption="Buddy Spicher hat als Kind mit dem Fiddle-Spiel begonnen und hat mit zahlreichen Musikern im Studio gestanden, darunter Bob Dylan, Bill Monroe und Dolly Parton. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-9.jpg" data-caption="Geigenreparatur im Fiddle House." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-10.jpg" data-caption="Geigenbauerin Jennifer Halenar schnitzt Intarsien für eine neue Geige." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-11.jpg" data-caption="In Fannys House of Music werden nicht nur Instrumente verkauft, sondern auch große Musikerinnen geehrt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-13.jpg" data-caption="Leigh Maples zeigt ein Bild ihrer Mutter, die als Kind Gitarre spielte. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-14.jpg" data-caption="In Nashville wird überall musiziert - hier an einer Straßenkreuzung in East Nashville." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-18.jpg" data-caption="Auf dem Weg durch die Hügel von Kentucky finden sich am Wegesrand alte Straßenkreuzer." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-21.jpg" data-caption="Die &quot;Rosine Barn Jamboree&quot; findet in einer alten Scheune statt. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-23.jpg" data-caption="Auch die jungen Musiker aus der Gegend sind bei der Jamboree dabei." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-25.jpg" data-caption="Anlässlich der Eröffnung des &quot;Birthplace of Country Music Museum&quot; in Bristol, Tennesse, tritt Ralph Stanley auf. Hier signiert er einem Fan die Gitarre. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-26.jpg" data-caption="Roni Stoneman spielt bei der Eröffnung des Museums Banjo - auch an ihre Eltern wird im neu eröffneten Museum erinnert. " alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Katharina Draheim</p></div>
<p>Und das ist nicht nur am Abend so, wie wir am nächsten Tag feststellen. Es geht schon am Vormittag los. „Tootsie&#8217;s“, eine legendäre Kneipe, in der sich früher Country-Stars die Wartezeit bis zu ihren Konzerten im benachbarten Ryman Auditorium verkürzten, wenn sie im benachbarten Ryman Auditorium auftreten sollten, hat eine große Dachterrasse. Als wir es uns an der Sonne gemütlich gemacht haben, tritt ein Musiker an uns heran. Er sammelt Geld ein. Ob sie bezahlen müssen, um zu spielen, frage ich ihn. Nein, das nicht, 40 Dollar Fixum bekommt er, den Rest machen die Trinkgelder. Das gelte für die meisten hier. „Ein hartes Leben“, stöhnt er. Der Broadway scheint eine Menge Leute auf diese Weise am Leben zu erhalten.</p>
<h2>Vater des Bluegrass</h2>
<p>Aber natürlich wird in Nashville auch immer noch das große Geschäft gemacht. Hier treten auch die großen Stars auf. Wir haben Glück: Im Ryman Auditorium gibt es eine Reihe von Bluegrass-Konzerten, und ein paar Tage nach unserer Ankunft spielt Ricky Skaggs dort, wo früher die „Grand Ole Opry“ residierte, jene legendäre Radioshow, die Nashville eigentlich erst zur „Music City“ machte. Skaggs stand angeblich schon mit sechs Jahren auf der Bühne – neben Bill Monroe, dem Vater der Bluegrass-Musik, einem Stil der Country-Musik, der in teilweise halsbrecherischer Geschwindigkeit auf akustischen Instrumenten gespielt wird und Einflüsse traditioneller Musik aus den Appalachen, Jazz und Blues vereint.</p>
<p><iframe width="930" height="523" src="https://www.youtube.com/embed/KYTvj9Z_rlo?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Seit den Achtzigerjahren ist Skaggs ein Star, der nicht nur Bluegrass spielt. Er war Bandmitglied von Country-Rock-Ikone Emmylou Harris und von Jazz-Legende Charlie Haden.</p>
<p>Ein echtes Urgestein hier ist der Fiddler Buddy Spicher. Vor einigen Tagen hatten wir den 77-Jährigen besucht, um mit ihm über seinen Werdegang zu sprechen. Über Nashville und das Fiddeln. Seit den Fünzigerjahren macht Spicher Musik, spielte mit Dolly Parton, aber auch mit Elvis Presley und Ray Charles.</p>
<p>Heute hat er sich weitgehend aus dem Geschäft zurückgezogen, lebt über dem „Fiddle House“, einer Geigenwerkstatt, gibt aber immer noch Unterricht und hat ab und zu Arbeit im Studio. Er zeigt sich über die heutige Musikszene desillusioniert: „Es geht nur noch ums Geldverdienen.“ Es sei wichtig, gut auszusehen, musikalisches Können hingegen zweitrangig. „Heute wird bei der Aufnahme dafür gesorgt, dass die Musiker passabel klingen.“</p>
<h2>Anfassen verboten</h2>
<p>Buddy Spicher hat sich das Geigenspiel als Kind selbst beigebracht. Seine beiden Onkel, erzählt er, spielten Fiddle, aber er durfte ihre Instrumente nicht berühren. „Wenn sie draußen beim Heumachen waren, habe ich mich hereingeschlichen, und ihre Fiddle unter dem Bett hervorgeholt.“ Er versuchte, die Melodien nachzuahmen, die er auf den Grammophonplatten seiner Mutter hörte. „Ich habe die komplizierten Stellen so oft gehört, bis die Platten völlig abgenutzt waren.“ Musik, so sah es sein Vater, sei ein Zeitvertreib, aber kein Beruf. Mit 13 lief er von zu Hause weg, um in einem Studio vorzuspielen. Mit 14 hatte er die ersten Jobs als Musiker.</p>
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<p>Spicher erzählt uns, wir müssten unbedingt Roni Stoneman kennenlernen, wenn wir mehr über Bluegrass erfahren wollen. Veronica „Roni“ Stoneman sprudelt schon am Telefon über vor Geschichten und will sich gern mit uns unterhalten.</p>
<p>Aber bevor wir Stoneman treffen, verbringen wir den Tag in East Nashville, einem Stadtteil, der nichts von der Betriebsamkeit des Broadway hat. Hier wohnen viele Studenten, das Bild prägen szenige Cafés und Second-Hand-Läden, von denen uns einer ins Auge fällt, weil er von einem großen Gemälde geziert wird, auf dem berühmte Musikerinnen verewigt sind. „Fanny&#8217;s House Of Music“ ist eine Kombination aus Musikladen, Musikschule und einem Raum mit Vintage Clothing.</p>
<h2>Im Haus der Musik</h2>
<p>Leigh Maples und Pamela Cole betreiben seit über fünf Jahren ihr „Haus der Musik“. Selbst in dieser Stadt, in der Musik allgegenwärtig ist, wollen Kinder nicht unbedingt ein Instrument erlernen, erfahren wir im Gespräch mit den beiden. Cole, die im ländlichen Tennessee zur Welt kam, hat miterlebt, dass Musik auch einen ganz anderen Stellenwert haben kann. „Zuhause war die ganze Zeit Musik um uns herum.“</p>
<p>Sie erzählt, dass sehr oft Eltern mit Kindern zu ihnen kommen, die erfolglos versucht hätten, die Zöglinge zu unterrichten. „In Nashville gibt es vielleicht mehr Musiker als anderswo“, sagt sie. „Aber es ist schwierig für Eltern, ihre Kinder zu unterrichten. Die wollen das oft nicht.“ Sie glaube sogar, dass die Präsenz von Musik auch ein Problem sein könne: „Dass Musik etwas Schönes ist und es nicht darum geht, reich und berühmt zu werden, geht in Nashville leicht verloren, gerade wegen des Musikgeschäfts.“</p>
<p>Das war in der Familie von Roni Stoneman, die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren aufwuchs, ganz anders. Die Tochter von Ernest „Pop“ Stoneman, einem der ersten kommerziell erfolgreichen Country-Musiker, erzählt uns, dass in ihrem Zuhause überall Instrumente herumstanden. „Er baute sie selbst“, erzählt Stoneman. „Und jedes Mal, wenn jemand von uns Kindern anfing zu spielen oder daran interessiert zu sein schien, räusperte er sich, weil wir uns um die Instrumente prügelten. Wir lebten vier Jahre lang in einem Haus mit nur einem Zimmer. Aber Daddy baute unsere Instrumente, und er beobachtete, um welche Instrumente wir uns stritten. Eines Tages kam er von der Arbeit, mit einem Banjo-Hals, den er während der Mittagspause geschnitzt hatte. Das werde ich nie vergessen.“</p>
<h2>Musikmachen war Männderdomäne</h2>
<p>So kam es, dass Roni Stoneman schon als Kind lernte, Banjo zu spielen. Allerdings merkte sie früh, dass das Musikmachen eine Männerdomäne war. Als einmal ein bekannter Banjo-Spieler bei den Stonemans zu Besuch war, um mit Ronis Bruder Scotty zu spielen, erzählte sie stolz, sie spiele auch Banjo. Der Besuch habe daraufhin gesagt: „Das tust du nicht.“ Der Grund: „Du bist ein Mädchen.” Was die junge Musikerin wütend machte: „Ich trat ihn so doll wie ich konnte, und er schrie, weil ich ihn am Schienbein getroffen hatte.”</p>
<p><iframe width="930" height="523" src="https://www.youtube.com/embed/WFN4Dp-p7cQ?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<h2>Papa Pop</h2>
<p>Was Stoneman aber mindestens genauso wichtig ist, ist die Geschichte ihres Vaters Ernest „Pop“ Stoneman, der einen wichtigen Anteil daran hatte, dass der New Yorker Produzent Ralph Peer 1927 sein mobiles Studio in Bristol, Tennessee aufbaute, um sogenannte Hillbilly-Musiker aufzunehmen. Darunter waren unter anderem die Carter Family und Jimmie Rodgers, die ersten Stars der Szene – die Bristol Sessions wurden so zum „Urknall der Country Music“. Dabei war Ernest Stoneman schon vorher als Musiker erfolgreich. Roni nimmt uns mit nach Hause, um uns eine Walze mit „The Titanic“ vorzuspielen, die ihr Vater 1924 aufgenommen hat.</p>
<h2>Uncle Pen</h2>
<p>Nach unserem Besuch in Nashville fahren wir aufs Land und statten der wöchentlichen „Barn Jamboree“ in Rosine, Kentucky, einen Besuch ab. Was uns dort erwartet, davon haben wir nur eine sehr vage Vorstellung. Inmitten der rollenden Hügel von Kentucky liegt das rund 40 Einwohner zählende Dorf, die Wiege des Bluegrass. Hier liegt auch Bill Monroe begraben und hier steht die Hütte von „Uncle Pen“, der einen großen Einfluss auf Monroe hatte. Und zwei Meilen weiter, in Jerusalem Ridge, das Geburtshaus. Seit 22 Jahren treffen sich hier an jedem Freitag Musiker aus der Region und gelegentlich von weiter weg, um in der Scheune miteinander zu spielen. Old Time Music, Bluegrass und ein bisschen Country.<br />
<iframe width="930" height="698" src="https://www.youtube.com/embed/skSUX7pNmSU?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Es scheint zunächst, als würden Repertoire und instrumentale Fertigkeiten von Generation zu Generation weitergegeben. Aber auch hier haben sich die Zeiten gewandelt. Ein junges Mädchen singt „You Ain’t Woman Enough To Take My Man“ von Loretta Lynn, wobei sie den Text von ihrem Smartphone abliest. Ein zehnjähriger Junge, der mit den Erwachsenen Fiddle spielt, muss mit einigem Nachdruck zum Üben überredet werden. Sein Großvater, auch ein Fiddler, erzählt uns, dass der Junge lieber am Computer spielt. Weswegen die beiden ausgemacht haben: Der Kleine darf eine Stunde am Computer spielen, wenn er dafür eine Stunde an der Geige übt.</p>
<h2>Letzter Überlebender</h2>
<p>Wir fahren weiter ins 550 Kilometer entfernte Bristol zur Eröffnung des „Birthplace of Country Music“-Museums. Zur Feier des Tages hat sich auch Ralph Stanley angekündigt, einer der letzten Überlebenden der ersten Bluegrass-Generation. Wir brechen in strömendem Regen am frühen Morgen auf, um den Stanleys Auftritt noch zu erwischen. Eigentlich hätten wir es gerade so schaffen müssen. Aber wir bekommen nur noch den letzten Song seines Auftritts mit. Bristol liegt einerseits in Tennessee, andererseits in Virginia, wo es immer schon eine Stunde später ist. Das Museum liegt jenseits der Grenze.</p>
<p>Es erzählt von den „Bristol Sessions“, mit allem, was ein modernes Museum zu bieten hat, interaktiv, multimedial, mit Filmen und natürlich viel Musik. So öffnet es den Blick auf eine Welt, in der es noch kein Fernsehen gab, geschweige denn ein Internet. Eine Welt, in der Menschen aus einfachsten Verhältnissen, wie Ernest Stoneman mit seiner Frau und ihren 14 Kindern die Musik schufen, aus der später nicht nur eine millionenschwere Industrie wurde, sondern die auch einen wesentlichen Einfluss auf die gesamte Popkultur hatte: Elvis Presleys erste Platte enthielt mit „Blue Moon of Kentucky“ einen Song von Bill Monroe.</p>
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		<title>Fest des Schneesterns</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jun 2015 05:16:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Peru]]></category>
		<category><![CDATA[Andreas Schmidt]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Cusco]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Qoyllur Riti]]></category>
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					<description><![CDATA[Jedes Jahr kurz vor Fronleichnam findet im peruanischen Hochgebirge eine der größten Pilgerwanderungen Südamerikas statt. Mehr als 100.000 Gläubige kommen dabei zusammen und besteigen einen Gletscher, um Jesus und die Naturgötter zu ehren. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/fest-des-schneesterns/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Jedes Jahr kurz vor Fronleichnam findet im peruanischen Hochgebirge eine der größten Pilgerwanderungen Südamerikas statt. Mehr als 100.000 Gläubige kommen dabei zusammen und besteigen einen Gletscher, um Jesus und die Naturgötter zu ehren.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Ein letzter steiler, schweißtreibender Anstieg, und ich erreiche das Höhenplateau auf gut 5000 Meter Höhe. Nur langsam beruhigt sich mein Puls, und ich beobachte die berauschend schöne, vollkommen fremde Welt. Vor der spektakulären Bergkulisse steigen die ersten Pilger in ihren leuchtend roten Festtagstrachten auf den grellweißen Gletscher.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Schlepptau, mit Seilen abgesichert, transportieren sie ihre hölzerne Reliquie. Vor dem aufgestellten Kreuz senken sie andächtig die Köpfe und verharren einige Sekunden in stillem Gebet. Gebannt verfolge ich das Schauspiel.</p>
<p style="text-align: justify;">Bereits zwei Tage zuvor beginnt für mich dieses Abenteuer Qoyllur Riti in Cusco. Buskolonnen stehen im Ort bereit, um die vielen Pilger ins vier Stunden entfernte Mahuayani zu bringen, den Startpunkt der Wanderung.</p>
<p style="text-align: justify;">Einem Lindwurm gleich ziehen dort Scharen schwer bepackter, in farbenfrohen Festtagstrachten gekleideter Pilger musizierend in Richtung Kapelle, wo der Legende nach 1780 einem Schäferjungen das Christuskind erschien. Auf dem Grabstein des Jungen soll eine Christusabbildung zum Vorschein gekommen sein, die alsQoyllur Riti, quechua für „Schneestern“, bekannt wurde.</p>
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<h2 style="text-align: justify;"><strong>Christentum und Naturgötter in Eintracht  </strong></h2>
<p style="text-align: justify;">An den unzähligen Wegkreuzen entlang der 10 km langen Strecke halten die Pilger zur Andacht inne. Als endlich der Gipfel des 5400 Meter hohen Nevado Cinajara in Sicht kommt, opfern sie Kokablätter, um die Apus, die Berggeister, gnädig zu stimmen. Im Nebeneinander mit dem Christentum haben die Berge – als Brücke zwischen Menschen und Göttern – und die Mutter Erde, die Pachamama, ihren hohen Symbolwert behalten.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach gut vier Stunden erreiche ich das Ziel auf 4600 Meter Höhe. Umgeben von der majestätischen Bergwelt steht die Kapelle auf einer kargen, lediglich mit Ichu-Grasbüscheln bedeckten Hochebene, auf der bereits Unmengen von Ständen und Zelten aufgebaut sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich schlendere über das Festgelände und beobachte fasziniert, was um mich herum geschieht: die maskierten Tanzgruppen, die eine nach der anderen auf dem Vorplatz der Kapelle aufmarschieren; die Frauen, die in den notdürftig mit Plastikplanen abgedeckten, dampfenden Garküchen „pfutti“, eine kräftige Suppe aus Alpaccafleisch und gefriergetrockneten Kartoffeln, zubereiten; und die Gläubigen, die fünf Stunden lang Schlange stehen, um am Schrein des verstorbenen Hirtenjungen Mariano Kerzen anzuzünden.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Bei 15 Grad unter Null</h2>
<p style="text-align: justify;">Mitten im Trubel sorgen die Ucucus, mythische Kreaturen halb Mensch halb Bär – in Wirklichkeit Menschen in zottigen Bärenkostümen –, mit schrillen Pfeiftönen, notfalls auch mit sanften Hieben ihrer aus Lamaleder geflochtenen Peitsche für Ordnung. Die Chunchos, Tänzer aus der Amazonasregion, die sich als direkte Nachfahren der Inkas bezeichnen, ragen mit ihrem farbenprächtigen Ara-Federschmuck aus der Menge hervor.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Quellos, aus dem Aymara-Sprachraum, fallen hingegen durch Stoff-Lamas auf, die sich auf ihrem Rücken tänzelnd auf und ab bewegen. Mehr als 100 verschiedene Tänze werden bei Qoyllur Riti aufgeführt, wobei sich anhand der Kostüme und der Tanzstile erkennen lässt, aus welcher Region die Gruppen stammen.   Nur langsam löse ich mich von der Magie dieses Ortes und stelle mein Zelt am Rande des bunten Treibens auf. An Schlaf ist allerdings kaum zu denken. Trotz Ohrenstöpsel sind die Gesänge und das rhythmische Trommeln auch mitten in der Nacht noch ohrenbetäubend laut.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Thermometer wird auf 15 Grad unter Null fallen, so kalt, dass das Wasser in meinen Trinkflaschen zu Eis gefriert. Trotz der klirrenden Kälte verbringen viele Pilger die Nacht unter freiem Himmel, eingehüllt in Plastikplanen und Decken. Einige schlafen überhaupt nicht; tanzend und musizierend, von Kokablättern und selbst gebranntem Zuckerrohrschnaps gestärkt, kämpfen sie gegen die Erschöpfung und den Schlafentzug an.Manche kommen sogar ganze drei Tage lang ohne jeden Schlaf aus.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kreuz gegen Apus</h2>
<p style="text-align: justify;">Dieses freiwillige Martyrium fordert jedoch auch Opfer: Jedes Jahr erfrieren Pilger oder sterben an Erschöpfung.   Unter strahlendem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel verlasse ich am nächsten Morgen mit den anderen Pilgern den Zeltplatz. Das gefrorene Gras knirscht unter meinen nach der Nacht noch schwerfälligen Schritten.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Prozession auf den Sincara-Gletscher ist einer der Höhepunkte des Festes. Verkleidete Tänzer, die Pabluchas, tragen hölzerne Kreuze auf den heiligen Gletscher und widmen sich während der gesamten Nacht rituellen Zeremonien. Erst nach dem Sonnenaufgang am folgenden Morgen steigen sie feierlich zur Kapelle hinab. Insgesamt acht „naciones“, Provinzen aus der Region Cusco, schicken ihre Delegationen auf den Gletscher.</p>
<p style="text-align: justify;">Der christlichen Symbolik des Kreuzes steht dabei der Glaube an die Apus gegenüber. Bereits inpräkolumbianischer Zeit wurden Berggipfel und Gletscher als heilige Orte verehrt,wo versucht wurde, mit den Geistern in Kontakt zu treten und sie mittels Opfergaben um reiche Ernten und gutes Wetter zu bitten. Die Gebräuche dieser archaischen Religion haben sich bei den andinen Bergvölkern bis heute erhalten und nach Ankunft der Spanier mit christlichen Elementen vermischt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Heiliges Gletscherwasser vom Berg</h2>
<p style="text-align: justify;">Ein lang gezogener dumpfer Klang ertönt: Pututus, als Blasinstrumente umfunktionierte große weiße Muscheln, die bereits zu Inkazeiten als Kommunikationsmittel verwendet wurden, rufen traditionell zum Aufbruch der Prozession.</p>
<p style="text-align: justify;">Angeführt von einer schwarz-rot gekleideten, wild musizierenden Pilgerkolonne aus Acomayo folge ich dem serpentinenartigen Geröllweg, dem Höhenplateau entgegen. Wanderer, beladen mit Kanistern voller Gletscherwasser und riesigen Eisstücken – der Glaube an die gesundheitsfördernde Wirkung des heiligen Gletscherwassers ist weit verbreitet – kommen uns auf dem schmalen Weg entgegen. Allmählich wird der Pfad steiler und das Atmen fällt schwerer.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit vor Anstrengung verzerrten Gesichtern quälen sich die beiden Kreuzträger mit ihrer schweren Last auf dem holprigen Zickzack-Weg keuchend vorwärts. Die Ehre, die ihnen mit dieser Aufgabe zuteil wird, ist ihnen dennoch deutlich anzusehen. Die Männer wurden von den Mitgliedern ihrer Gemeinschaft für dieses ruhmreiche Unterfangen ausgewählt, aufgeben kommt für sie nicht infrage.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kreuz auf dem Gletscher</h2>
<p style="text-align: justify;">Dann beginnt es zu regnen, der Pfad verwandelt sich innerhalb kürzester Zeit in eine Schlammpiste. Mehrfach rutschen wir ab und können uns gerade noch auf den Beinen halten. Der Weg über die glitschige, lose Geröllmasse erfordert unsere ganze Konzentration. Das Geräusch entfernter Steinschläge hinterlässt zudem ein mulmiges Gefühl. Endlich erreichen wir den Gletscher.</p>
<p style="text-align: justify;">Dort stehen Angehörige der Bergwacht bereit, um den Transport des Kreuzes auf den Gletscher mit Seilen abzusichern. Mühevoll arbeiten sich drei Pilger, das grüne Kreuz mit dem Christusemblem auf den Schultern, beim Anstieg über das Eis empor. Mit bangen Blicken und in absoluter Stille verfolgen die übrigen Gläubigen das gefährliche Manöver am Fuß des Gletschers.</p>
<p style="text-align: justify;">Die andächtige Atmosphäre wird plötzlich durch laute Trommelschläge unterbrochen. Die nächste Prozession rückt bereits Richtung Gletscher vor, diesmal eine ganz in Gelb gekleidete Pilgerschar aus Antar. Einer nach dem anderen zieht sich mithilfe des Seiles aufs Eis. Am höchsten Punkt des Gletschers stellen sie das Kreuz auf, verankern es im Schnee und formieren sich im Halbkreis um die Reliquie.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wünsche für ein paar Soles</h2>
<p style="text-align: justify;">Als wäre dieser Anblick nicht schon unwirklich genug, kommt trotz des Regens die Sonne zum Vorschein und lässt die Szenerie im grellen Gegenlichterstrahlen.  In einigen Metern Entfernung talabwärts wird dieselbe Zeremonie vorbereitet. Beide Gruppen werden bei zweistelligen Minustemperaturen auf gut 5000 Meter Höhe die Nacht verbringen, um den Berggottheiten so nahe wie möglich zu sein.</p>
<p style="text-align: justify;">Ermattet begleite ich einige Pilger zurück zur Kapelle, wo bereits das nächste Highlight wartet. Qoyllur Riti, das „Fest der Wünsche, ist in vollem Gange. Die Gläubigen stellen kleine Spielzeugautos und Mini-Plastikhäuser in die aus Stein nachgebildeten Altäre oder klemmen ganze Bündel Papiergeld unter die Mauern. Mit einem Kinderspiel hat dieser Brauch allerdings nichts zu tun, vielmehr symbolisieren diese Miniaturausgaben die sehnlichsten Wünsche der Pilger.</p>
<p style="text-align: justify;">Seine „Wünsche“ muss man allerdings nicht den Berg hinaufschleppen. Bei den Händlern ist alles, was das Herz begehrt, erhältlich: „Dreißigtausend Dollar für 5 Soles, dreißigtausend Dollar für 5 Soles“, brüllt ein Verkäufer in das Menschengewühl, „zwei Häuser zum Preis von einem“ ein anderer. Häuser, Lastwagen, Spielgeld verschiedener Währungen, Universitätsabschlüsse jeglicher Fachrichtung, Heiratsurkunden und natürlich das in Peru als Glückssymbol geltende Gürteltier werden von den Verkäufern angepriesen. Ich esse noch ein paar Anticuchos, Rinderherz-Fleischspieße, und lege mich völlig erschöpft ins Zelt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Coca-Tee und eine Parade</h2>
<p style="text-align: justify;">Am nächsten Morgen – nach einem aufputschenden Coca-Tee – beobachte ich von einer Anhöhe aus die Rückkehr der Gruppen vom Gletscher. Kaum habe ich meinen „Logenplatz“ eingenommen, öffnet sich der Vorhang und macht die Bühne frei für ein neuerliches Spektakel. Von der tief stehenden Morgensonne ins Rampenlicht gerückt, marschieren die Pabluchas in Reih und Glied – einer Militärparade gleich – den Berg hinunter.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Erschöpfung, aber auch der Stolz ist in ihren Gesichtern deutlich zu lesen. Im Tal werden sie bereits von einer applaudierenden und tanzenden Menschenansammlung erwartet. Feierlich werden die Kreuze wieder an ihren Platz gebracht, dicht gedrängt stehen Hunderte Gläubige auf dem Kapellenvorplatz, um dem Schauspiel beizuwohnen.  Auf dem Rückweg nach Cusco lasse ich die Qualen und Freuden der letzten Tage noch einmal Revue passieren. Trotz der Strapazen blicke ich mit Wehmut auf das „Fest des Schneesterns“ zurück.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Bei Qoyllur Riti, dem „Fest des Schneesterns“, verschmelzen uraltes andines Brauchtum und christliche Traditionen miteinander. Nicht umsonst wurde die Pilgerreise im Jahr 2011 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.</em></p>
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		<title>Die Büßer der Semana Santa</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Jun 2015 20:42:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Spanien]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Sebastian Hesse]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu Ostern ziehen überall in Andalusien Kapuzenmänner in langen Prozession durch die Straßen: Sie wollen für ihre Sünden büßen, aus Scham über ihre Taten ihre Identität aufgeben. Die Heilige Woche, Semana Santa, ist ihre Zeit.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-buesser-der-semana-santa/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Zu Ostern ziehen überall in Andalusien Kapuzenmänner in langen Prozessionen durch die Straßen: Sie wollen für ihre Sünden büßen, aus Scham über ihre Taten ihre Identität aufgeben. Die Heilige Woche, Semana Santa, ist ihre Zeit.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Ein sanftes Schaudern überkommt mich jedes Mal, wenn mir die Kapuzenmänner der Semana Santa auf einer der uralten Gassen Andalusiens begegnen. Während der Karwoche trifft man überall in den Dörfern und Städten des spanischen Südens auf sie. Nirgends sonst habe ich je ein derart finsteres und ernsthaftes Ritual des Büßens erlebt. In den Nächten vor Ostern entfaltet der Begriff <em>todernst </em>seine volle Bedeutung.</p>
<p style="text-align: justify;">Hier geht es um ewige Verdammnis. Selbstverschuldete Verdammnis. Und um den verzweifelten Versuch, in einem Ritual das Unabwendbare doch noch zu verhindern. Barfuß und vermummt prozessieren die Bußfertigen durch ihre Ortschaften. ‚Seht her, wir bereuen’, wollen die <em>Nazarenos</em> und <em>Penitentes</em> sagen. Schweigend zum Ausdruck bringen. Ihre Sühne kennt keine Worte. Und keine Lieder. Nur schamvolles Schweigen. Buße tun ist keine heitere Angelegenheit.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Prozessionen der Semana Santa sind so effektvoll, weil sie so unheimlich, geheimnisvoll, bedrohlich wirken. Das macht sie so anziehend. Besonders die nächtlichen Umzüge. Das schummrige Licht. Das verwirrende Gassengeflecht der uralten Ansiedelungen. Die Menschenmassen, die den Ritus mit Leben füllen. Und natürlich die Masken. Sich maskieren, das eigene Antlitz verhüllen: Da will jemand unerkannt bleiben. Üblicherweise weil er Böses im Schilde führt. Und dafür nicht belangt werden will. In der Semana Santa geht es aber um das genaue Gegenteil. Darum, aus Scham seine Individualität aufzugeben. Sich einzureihen in die Legion der namenlosen Sünder. Buße tun heißt, sich selbst preis zu geben.</p>
<h2 style="text-align: justify;"> Ästhetik erinnert an Ku Klux Klan</h2>
<p style="text-align: justify;">Natürlich denken die meisten Semana Santa Besucher an den Ku Klux Klan. Der rassistische Geheimbund aus den amerikanischen Südstaaten hatte sich die Spitzhauben-Ästhetik bei den Karfreitags-Büßern abgeguckt. Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, denn zum protestantisch geprägten KKK gehört auch ein militanter Anti-Katholizismus. Der Klan wurde Weihnachten 1865 gegründet, gut drei Jahrhunderte nachdem sich die Karwochen-Prozessionen etabliert hatten.</p>
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<p style="text-align: justify;">Die blütenweißen Kapuzengewänder symbolisierten den Klansmitgliedern ursprünglich die Geister gefallener Konföderierten-Soldaten. Sehr schnell hatten sie dann verstanden, wie effektvoll sich in den Spitzhauben-Gewändern vor brennenden Kreuzen Angst und Schrecken verbreiten ließ. Um Macht auszuüben. Den spanischen Prozessions-Teilnehmern liegt das fern. Angst und Schrecken verströmt hier allein die Ahnung, welche Konsequenzen das eigene Handeln haben könnte. Buße tun heißt, sich reumütig auf die eigenen Verfehlungen zu konzentrieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Bruderschaften jedoch, die die Karwochen-Umzüge veranstalten, haben durchaus auch etwas geheimbündlerisches. Eingeweihte können an den Farben und Wappen der Büßergewänder ablesen, welcher <em>Hermandad</em> oder <em>Cofradía</em> sie angehören. Jede Bruderschaft ist einem eigenen Gotteshaus zugehörig, von dem aus sich die jeweilige Prozession in Bewegung setzt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Geleitschutz für den Paso</h2>
<p style="text-align: justify;">Allein in Sevilla gibt es über fünfzig. In den größeren Städten bilden die Vermummten oft nur eine Art Geleitschutz für die eigentliche Preziose ihrer Bruderschaft: Den Paso. Pasos sind gewaltige Tische, auf denen lebensgroß das Personal der Passionsgeschichte auftritt. Vor allem der Gekreuzigte und die in Andalusien besonders verehrte Jungfrau Maria. Aber auch Judas, Maria Magdalena, Johannes der Täufer.</p>
<p style="text-align: justify;">Die lebensechte Figuren sind aus Holz, handgeschnitzt, bemalt und, vor allem bei der Gottesmutter, in prunkvolle Gewänder gehüllt. Etwa mit goldenem Faden bestickte Samtumhänge. Jesu Gewand, um das die römischen Söldner gewürfelt haben sollen, ist natürlich aus echtem Stoff. Das Rot seines Blutes wird zu Saisonbeginn aufgefrischt. Damit die optische Wirkung von Christi Leid nicht verwittert.</p>
<p style="text-align: justify;">Die opulenten Blumengestecke, Explosionen der Farbigkeit auf dem knarzigen alten Holz, hauchen den Episoden aus der Leidensgeschichte zusätzliches Leben ein. Manche der gewaltigen Holztische sind mit Laternen ausgestattet. Viele Prozessionen ziehen sich bis in die Morgenstunden, während der <em>Madrugá</em>, der Nacht vom Gründonnerstag auf den Karfreitag.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Mühsal der Costaleros</h2>
<p style="text-align: justify;">Das schummrige Licht der Paso-Laternen leuchtet die Szenen aus wie expressionistische Stummfilmklassiker. Ergriffenheit und Berührtheit, mit denen sich die Andalusier jedes Jahr aufs Neue in den Anblick der Pasos vertiefen, sind verblüffend. Und ansteckend: Auch ich kann den Blick kaum abwenden von der lebensechten Darstellung des Passionsgeschehens. Die hölzernen Tableaus zu betrachten, strengt die Augen an. Eine Bildmeditation, bei der sich der Blick irgendwann nach innen richtet. Buße tun heißt, ein Stück weit in die eigene Seele zu blicken.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch das ist gar nichts im Vergleich zur Mühsal der Träger. Die Pasos sind ungeheuer schwer. Oft braucht es ein Dutzend Männer oder mehr um sie anzuheben. Und dann durch die Gassen zu tragen. Stundenlang. Es ist eine besondere Ehre, einen Paso tragen zu dürfen. Und eine Mühsal, ein ritueller Akt der Reinigung.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Costaleros</em> heißen die Träger der tonnenschweren Holzgestelle. Nach <em>el Costal</em>. Das ist eine Art Kopftuch. Es lindert die Mühsal, wenn die <em>Costaleros </em>beim Tragen ihre Schultern mit dem Kopf entlaste. Während <em>Nazarenos</em> und <em>Penitentes</em> durch kleine Sehschlitze blicken, laufen die Träger der Pasos blind durch die Gassen. Sie verschwinden hinter einem schweren Vorhang, der rund um den Motivtisch läuft und den Anschein erweckt, der Paso würde schweben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Auf der Grenze zwischen den Kulturen</h2>
<p style="text-align: justify;">Durch Klopfzeichen erfahren die <em>Costaleros</em>, dass sie die Richtung wechseln müssen. Schon den Paso durch schmale Kirchentüren ins Freie zu bugsieren ist ein kompliziertes Manöver. Und zur richtigen Herausforderung wird es, sobald der gewaltige Figurentisch eine steile Treppe hinuntergetragen werden muss. Alle Verantwortung lastet auf den Schultern der <em>Costaleros</em>, denn nichts wird bei den Semana Santa – Prozessionen so ehrfürchtig, ergriffen und aufmerksam betrachtet wie die oft jahrhundertealten Pasos. Buße tun heißt, sich ganz dem hinzugeben, der die Sünden der Welt auf sich nahm.</p>
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<p style="text-align: justify;">Vejer der la Frontera gehört zu den sogenannten ‚pueblos blancos’, den weißen Dörfern Andalusiens. Wie eine Trutzburg thront der Ort auf einem Tafelberg. Von Vejer aus kann man über die Meerenge von Gibraltar hinweg nach Afrika schauen.</p>
<p style="text-align: justify;">Viele Orte in Andalusien tragen den Beinahmen ‚de la Frontera’. Sie lagen einst an der Kulturgrenze zwischen muslimischer und christlicher Welt. Vejer stammt aus der Maurenzeit. Und das sieht man. Das wabenartige Stadtgebilde mit den weißgetünchten Wänden könnte auch irgendwo in Nordafrika stehen, in Marokko oder Tunesien. Wenn die Sonne auf Vejer hinunterbrennt, dann muss man die Augen zukneifen: So sehr blendet das Licht, das die Wände des ‚pueblo blanco’ zurückwerfen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Nur ein Hauch liegt zwischen Verzweiflung und Lebensfreude</h2>
<p style="text-align: justify;">Doch seine eigentliche Magie entfaltet Vejer erst bei Nacht. Vor allem wenn sich die Büßerprozessionen im Dickicht der Gassen verlieren. Eng sind die gepflasterten Sträßchen, steinern, baum- und strauchlos. Und sie entziehen sich dem Blick, indem sie immer wieder nach wenigen Metern abknicken, abrupt die Richtung ändern, sich im Gewirr mit immer weiteren Sträßchen und Durchgängen verlieren.</p>
<p style="text-align: justify;">So stelle ich mir die Gassen Jerusalems zu Lebzeiten Jesu vor. Die Wege durch die alten Dörfer und Städte Andalusiens sind atmosphärisch ganz nah dran am Schauplatz der Passionsgeschichte. Sie scheinen alle nach Golgatha zu führen. Schaurig können sie sein, eine seltsame Verzweiflung tief aus dem Inneren des Büßers heraus erwecken. So wie an jenem finsteren Tag, als der Mensch seinen Erlöser ans Kreuz schlug. Buße tun heißt, die Erinnerung daran zu bewahren, wie fern der Mensch seinem Gott sein kann.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Semana Santa – Spektakel hat aber auch etwas ganz Diesseitiges, Weltliches. Trauer und Verzweiflung liegen ganz nahe bei Genuss und Lebensfreude. In Sevilla etwa stehen die Menschen gerade noch ergriffen entlang der Prozessionsroute. Um kurz darauf in der nächsten Bodega mit einem Sherry in der Hand über das Spektakel zu fachsimpeln. Die Kinder sind ohnehin bestochen. Wie im Karneval regnet es Naschkram entlang der Prozessionen. „Un Caramelo, un Caramelo“, betteln sie. Und tragen ein kleines Körbchen am Arm. Für ihre Beute. Buße tun heißt durchaus auch, sich die Mühsal zu versüßen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sevilla ist die Hauptstadt der Semana Santa</h2>
<p style="text-align: justify;">Sevilla ist die Hauptstadt der Semana Santa. Nirgends gibt es mehr Bruderschaften, Prozessionen, Pasos, Besucher und Spektakel. Während der Karwoche herrscht Ausnahmezustand in Sevilla. Es ist Gründonnerstag. Ich bin zeitig in die Stadt gekommen und stehe am Eingang einer der zahllosen Kirchen der Stadt. Allmählich trudeln die Prozessionsteilnehmer der Gemeinde ein. Ihre Zipfelhüte tragen sie noch unterm Arm.</p>
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<p style="text-align: justify;">Die Büßerkutte muss noch ein wenig zurechtgezupft werden. Noch tragen die Ankommenden Schuhe. Am Kircheneingang ist eine Art Türsteher postiert. Er gewährt nur denen Zutritt, die dazu gehören. Zuschauer sind nicht erwünscht, wenn letzte Hand am Paso angelegt wird. Bei der Aufstellung.</p>
<p style="text-align: justify;">In Sevilla ist mir ein anderer Aspekt der Karwochenumzüge klargeworden. Der Wettbewerb zwischen den Beteiligten. Jede Kirchengemeinde der Stadt ist dabei. Schickt ihre vermummte Abordnung los auf die Prozessionsroute, die immer die Kathedrale der Stadt zum Ziel hat.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Sänger in Schwarz</h2>
<p style="text-align: justify;">Wer hat seinen Paso am eindrucksvollsten ausgestattet? Welche Bruderschaft lockt die meisten Sänger auf die Balkone entlang der Umzugsroute? Deren Flamenco-ähnlicher Klagegesang liefert, außer bei den Schweigeprozessionen, den Klangteppich für die Umzüge. Wenn die Balkonsänger ins Freie treten, stehen die Prozessionen still und verstummen ihre Teilnehmer.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Sänger tragen Schwarz. Die Sängerinnen zusätzlich einen Schleier. Mit ihrem Klagegesang treten sie in unmittelbaren Kontakt mit dem Personal der Passionsgeschichte. Die tieftraurigen Melodien bilden eine Art Zeitbrücke zurück zum Karfreitagsgeschehen. Für die Dauer der kurzen Gesangseinlagen scheinen die Zuschauer zu entschwinden. Für einen kurzen Moment scheint das Universum nur aus Sänger und Besungenem zu bestehen.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Saetas</em>, zu deutsch ‚Pfeile’, heißen diese gesungenen Stoßgebete. Und wie beim Flamenco durchbrechen die Zuhörer ihr andächtiges Zuhören schon mal durch ein anstachelndes <em>Ay!</em> Wenn der akustische Pfeil von der Sehne ist, kann durchaus noch ein <em>Olé!</em> folgen. Dann zieht die Prozession weiter. Buße tun heißt, die eigene Fehlbarkeit als Teil des unabänderlichen Laufs der Dinge zu akzeptieren.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Im Schulterschluss zu Zwang und Konformität</h2>
<p style="text-align: justify;">Was mich dann aber immer wieder aus Melancholie und Versenkung herausholt, sind die vielen neuzeitlichen Uniformen. Und die Nerv tötenden Blaskapellen. Vermutlich soll deren Rumstata-Musik Ermüdende bei Marschierlaune halten. Die Spielmannszüge sehen aus wie Militärkapellen. Die <em>Guardia Civil</em> marschiert mit. An ihren Uniformjacken ist immer noch das Liktorenbündel aufgenäht. Jene Äxte im Rutenbündel, die auf Latein <em>Fasces </em>heißen. Daher der Begriff ‚Faschismus’. Liktorenbündel waren Fetische der Macht.</p>
<p style="text-align: justify;">Mir kommt dann in Erinnerung, dass Spanien ja zu meinen Lebzeiten noch eine faschistische Diktatur war. 1975 starb der Diktator. Sein Regime währte noch zwei Jahre länger. Bis zu den ersten freien Wahlen in Spanien. Zu Zeiten des Franquismus wurde der sogenannte <em>nacional catolicismo</em>, ‚Nationalkatholizismus’, gepflegt. Die Kirche hatte sich trefflich mit der weltlichen Macht arrangiert. Talar und Uniform standen Schulter an Schulter. Die Einen beherrschten und kontrollierten die Menschen im Diesseits. Die Anderen behaupteten die Deutungshoheit für den Weg ins Jenseits.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Schulterschluss übten sie den gleichen Zwang zur Konformität aus. Wer hier bequem leben und dort den ewigen Frieden finden wollte, der lehnte sich nicht auf, der passte sich lieber an. Zwischen Uniform hier und Büßergewand dort schwand der Spielraum für Individualität. Während der Semana Santa scheint die Dualität aus weltlicher und geistlicher Macht noch sehr effektvoll am Werk. Buße tun heißt zwar, im Ornament der sündigen Masse aufzugehen. Aber auf Vergebung hoffen darf nur, wer sich zur Eigenverantwortung bekennt.</p>
<p style="text-align: justify;">Solcherlei Gedanken gehen mir durch den Kopf, als ich auf einer namenlosen Gasse in einer andalusischen Kleinstadt stehe. Minutenlang war ich versunken in den Anblick des Gemarterten mit der Dornenkrone, der sein schweres Holzkreuz zur Stätte seines Todes schleppt. Ich frage mich, was es wohl damals mit den Augenzeugen gemacht hat, die ihm am eigentlichen Karfreitag auf der Via Dolorosa begegnet waren.</p>
<p style="text-align: justify;">Ob sie spüren konnten, mit wem sie es da zu tun hatten? Ob sie ahnten, welch kolossale Folgen dieser Opfertod haben würde? Die Obsession des Katholizismus mit der ewigen Schuld, die sich immer nur kurzzeitig und in kleinen Häppchen begleichen lässt, wird nirgends so eindrucksvoll inszeniert, wie während der Semana Santa in Andalusien. Ihre alljährliche Wiederkehr nach immer gleichem Ritual verleiht auch dem, der nicht an Erlösung und Auferstehung glaubt, den Hauch einer Ahnung davon, was Ewigkeit bedeutet.</p>
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		<title>Schlüpf in die Ledersandalen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Jan 2015 23:47:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Österreich]]></category>
		<category><![CDATA[Alexandra Stanic]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Marko Mestrovic]]></category>
		<category><![CDATA[serbische Folklore]]></category>
		<category><![CDATA[Wien]]></category>
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					<description><![CDATA[Das hier sind die Füße der Europameister in serbischer Folklore. Sie gehören dem Verein „Kud Stevan Mokranjac“ aus Wien, der sich bei der Europameisterschaft in Banja Luka, Bosnien-Herzegowina, gegen 60 Konkurrenten durchgesetzt hat. Unsere Autoren haben die Tänzer begleitet und berichten, warum der Volksbrauch so wichtig für die serbische Gemeinschaft ist. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/schluepf-die-ledersandalen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Das hier sind die Füße der Europameister in serbischer Folklore. Sie gehören dem Verein „Kud Stevan Mokranjac“ aus Wien, der sich bei der Europameisterschaft in Banja Luka, Bosnien-Herzegowina, gegen 60 Konkurrenten durchgesetzt hat. Unsere Autoren haben die Tänzer begleitet und berichten, warum der Volksbrauch so wichtig für die serbische Gemeinschaft ist.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Ein Mädchen in einer gold verzierten Tracht und mit buntem Haarschmuck aus Silberketten und Federn zieht sich gestrickte Socken über die Knie. Sie bindet lederne Sandalen um ihre Knöchel, streicht ihr Kostüm glatt. Ihr Name ist Suzana Todic, sie ist 19 Jahre alt und Folklore-Tänzerin bei dem serbischen Verein „Kud Stevan Mokranjac“ aus Wien.</p>
<p style="text-align: justify;">Um sie herum herrscht reges Treiben. In der einen Ecke der Garderobe stehen ein paar Jungs, schlüpfen in weiße, mit Blumen bestickte Hemden und helfen sich gegenseitig beim Festmachen des Bauchgürtels. Sie atmen tief ein und halten die Luft an, der Gürtel muss hauteng sitzen. Auf der anderen Seite probt eine Gruppe von stark geschminkten und in Trachten gekleidete Mädchen ein altes serbisches Volkslied.</p>
<p style="text-align: justify;">Suzana richtet sich auf, blickt strahlend in ihr Spiegelbild und erneuert ihren pinken Lippenstift. Bis sie so aussieht, wie es für den Auftritt gedacht ist, braucht sie mindestens eine Stunde. „Das Anziehen und Schminken geht eigentlich schnell, die Frisur kostet am meisten Zeit“, so die 19-Jährige. Obwohl der Gesang im Hintergrund eine beruhigende Wirkung hat, ist die Stimmung im Umkleidezimmer konzentriert und angespannt. Eine der Sängerinnen läuft nervös im Raum hin und her, übt immer wieder den Text ein. „Sie ist aufgeregt, weil sie zum ersten Mal auf der Bühne singen wird“, erklärt Suzana.</p>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Folklore kann man sich in etwa so vorstellen: Eine Gruppe von traditionell gekleideten Mädchen und Jungen performt eine Show, die alte Bräuche widerspiegelt. Manchmal geht es um Hochzeiten, Festlichkeiten oder um ein Neugeborenes. Das Ganze ist kombiniert mit altertümlichem Gesang, Gedichten und einem Volkstanz, der je nach Region eine andere Schrittfolge hat.</p>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Auch das Aussehen der Trachten ist abhängig von der Gegend. Folklore ist auf dem ganzen Balkan verbreitet und beinhaltet die Tradition verschiedener ethnischer Gemeinschaften. In Wien hat sich eine eigene Subkultur entwickelt. In der gesamten ex-jugoslawischen Community ist Folklore ein Bestandteil für die Aufrechterhaltung alter Werte, doch vor allem in der serbischen Szene ist der Volksbrauch wichtig. So gibt es fünf große serbische Vereine in Wien: Stevan Mokranjac, Karadjordje, Branko Radicevic, Bambi und Jedinstvo.</p>
<h2 class="TextA" style="text-align: justify;"><b>„Kein simples Herumgeh</b><b>üpfe</b><b>“</b></h2>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Suzana selbst tanzt seit zwei Jahren bei &#8222;KUD Stevan Mokranjac&#8220; im zehnten Wiener Gemeindebezirk. Der Klub bereitet sich für einen Auftritt beim serbischen Fernsehsender &#8222;RTS&#8220; vor. Mehrere Wiener Vereine sind anwesend, aber als Gewinner der diesjährigen Europameisterschaft in serbischer Folklore muss sich der Klub Stevan Mokranjac von seiner besten Seite zeigen. Im Herbst haben sie sich gegen insgesamt 60 Teilnehmer bei der EM in Banja Luka, Bosnien-Herzegowina, bewiesen und sind nun zum zweiten Mal infolge Sieger.</p>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Mit 99 Punkten von 100 möglichen erreichten sie die höchste Punkte-Vergabe in der Geschichte. Auf die Frage, wie sie das geschafft haben, antwortet der Choreograph des Vereins, Milorad Runjo, folgendes: &#8222;Ich verlange viel Disziplin, es gibt nur fünf Minuten Pause in dem zweistündigen Intensivtraining.&#8220; Das Training findet drei Mal die Woche statt, nur wer regelmäßig trainiert, darf auch mittanzen. Suzana erzählt, dass die Proben knallhart sein, die Tänzer müssten vollen Körpereinsatz zeigen. „Das ist kein simples Herumgehüpfe, nach zwei Stunden ist jeder von uns völlig erschöpft.“</p>
<p class="TextA" style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-serbische-folklore-wien-1" style="max-width:1200px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1200:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-serbische-folklore-wien-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-serbische-folklore-wien-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-serbische-folklore-wien-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="160000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_tanzen-1200x647.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_sandalen-1200x647.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_mehrtanzen-1200x647.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_lippenstift-1200x647.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_kostuem-1200x647.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_guertel-1200x647.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_gruppe-1200x647.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_gesicht-1200x647.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_anziehen-1200x647.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_singen-1200x647.jpg" alt="" title="" /> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-serbische-folklore-wien-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1200px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_tanzen-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_sandalen-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_mehrtanzen-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_lippenstift-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_kostuem-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_guertel-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_gruppe-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_gesicht-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_anziehen-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/stanic_wien_folklore_singen-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<h2 class="TextA" style="text-align: justify;"><b>&#8222;Folklore ist ein Teil von mir&#8220;</b><b></b></h2>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Der 36-jährige Choreograph Milorad hat als Kleinkind mit Folklore begonnen und leitete mit 14 seine erste Gruppe. &#8222;Bist du einmal in den Sandalen, bleibst du ein Leben lang in ihnen&#8220;, sagt er lachend. Suzana besucht sein Training regelmäßig. Seit sie mit 12 Jahren mit Folklore angefangen hat, kann sie sich ein Leben ohne nicht mehr vorstellen.</p>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Die Tänzer touren oft durch ganz Europa, besuchen andere serbische Folklore-Vereine und tanzen bei verschiedenen Veranstaltungen. Die Reisen finanzieren sich die Tänzer selbst. &#8222;Ich identifiziere mich als Folklore-Tänzerin&#8220;, erklärt die junge Serbin. &#8222;Folklore ist einfach ein Teil von mir.&#8220; Der Großteil ihres Freundeskreises tanzt, die Mitglieder und der Verein sind eng miteinander verbunden.</p>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Einer von Suzanas Tanzpartnern, Ivan Ban, kann ihr nur zustimmen. Seit vier Jahren tanzt der Schüler bei dem Verein Stevan Mokranjac. &#8222;Tanzen ist alles für mich, es ist wie eine Sucht&#8220;, beschreibt der 18-Jährige seine Folklore-Liebe. Während er redet, schlüpft er in eine bestickte Weste, zieht seine Strümpfe weiter hoch. &#8222;Mein Leben dreht sich um Folklore, alles andere ist nebensächlich&#8220;, sagt Ivan. Vielen anderen in seinem Alter scheint es genauso zu gehen. Allein in dem Klub Stevan Mokranjac tanzen über 200 Personen.</p>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Vor allem Kinder und junge Erwachsene haben Gefallen an der Tradition gefunden. &#8222;Sehr viele Eltern schicken ihre Sprösslinge zum Folklore, weil es ein sicherer Ort ist und so die serbische Tradition erhalten bleibt&#8220;, meint Sasa Bozinovic, stellvertretender Obmann des Vereins. Insgesamt gibt es fünf Gruppen, angefangen von den ganz Kleinen bis hin zu der Hauptgruppe. In der Hauptgruppe ist die Jüngste 15, der Älteste 25. Es gibt aber keine fixe Gruppe, die immer auftritt. Es kommt ganz darauf an, wer am besten tanzt, immer bei den Proben ist und wie viele Personen auf die Bühne sollen.</p>
<h2 class="TextA" style="text-align: justify;"><b>Tracht, Schritt, Musik</b></h2>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Der 45-jährige Stellvertreter erzählt weiter, dass der Gesamtwert der Trachten im fünfstelligen Bereich liegt. Es handelt sich um handgefertigte Einzelstücke, die am Balkan hergestellt wurden und bis zu 150 Jahre alt sind. Anhand der Kleidung erkennt jeder Folklore-Kenner, woher die vorgeführten Stücke stammen.</p>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Zwei weitere Kriterien sind die Schrittwahl und die Musik. So sieht man anhand dieser drei Dinge, aus welcher Region des Balkans der Tanz gewählt wurde oder ob es sich um kroatische, bosnische oder mazedonische Vereine handelt. Suzana bestätigt diese Aussage. &#8222;Wenn ich die Melodie eines Tanzes höre, weiß ich, was für eine Schrittfolge gewählt wird&#8220;, ist sie sich sicher.</p>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Bei dem Auftritt für das serbische Fernsehen hat sich KUD Stevan Mokranjac für einen vlachischen Tanz entschieden, der aus der Region der serbisch-rumänischen Grenze stammt. Es bleiben noch 20 Minuten, bevor die Show beginnt. Die Mimik des Choreographen wird streng, er befiehlt der Sängerinnen-Gruppe ein letzte Probe. Nebenbei weist er ein paar Jungs zurecht, deren Kappen schief sitzen. Er zieht die Schürze eines Mädchens enger, richtet ihren Haarschmuck. Alle müssen perfekt aussehen.</p>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Er unterbricht die Sängerinnen, eine von ihnen kann den Text nicht ganz auswendig. Sie müssen von vorne anfangen. Danach ruft er: &#8222;Jungs und Mädchen, ich will euch nebeneinander stehen sehen!&#8220; Die Tanzpaare platzieren sich in der kleinen Garderobe, halten sich an den Händen. Die Mädchen strahlen über beide Backen, die Jungs blicken stolz ins Nichts.</p>
<h2 class="TextA" style="text-align: justify;"><b>Mehr als nur ein Hobby</b></h2>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Nach stundenlangem Warten und Vorbereiten ist es soweit: Die EM-Sieger sind an der Reihe. Als die Gruppe die Bühne betritt, stimmen die Musiker des Vereins mit Trommel, Ziehharmonika und Flöte die Melodie eines vlachischen Liedes an. 20 Personen bewegen sich in gleichem Tempo, die bunt bestickten Trachten der Mädchen schwingen in der Luft. Ledersandalen berühren kurz den Boden, bevor sie wieder in die Höhe schnellen.</p>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Einer der Jungs pfeift zwischendurch, die Mädchen lachen übers ganze Gesicht. Die Melodie wird schneller, ein kurzer, hoher Schrei ertö<span lang="EN-US">nt w</span>ährend des Tanzes &#8211; alles Teil der Show. Das Publikum applaudiert, der Auftritt ist gut gelungen. Die Stimmung der Tänzer ist jetzt entspannt, sie marschieren direkt zur Garderobe, reden ausgiebig miteinander. &#8222;Ich kann es kaum erwarten, raus aus dieser Tracht zu sein&#8220;, sagt Suzana. &#8222;Sie ist zwar schön, aber nicht bequem.&#8220; Am nächsten Tag findet wieder eine Probe statt, der Verein muss sich für die nächsten Auftritte vorbereiten.</p>
<p class="TextA" style="text-align: justify;">Geld verdienen die Tänzer übrigens keins, aber darum geht es den Jugendlichen auch gar nicht. &#8222;Wir tanzen nicht, weil es nur ein Hobby ist oder weil wir Geld bekommen wollen&#8220;, erklärt die 19-Jährige. „Wir tanzen Folklore, weil es eine Verbindung zu unserer Tradition ist.“</p>
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		<title>Der Ruf der Steine</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 18 Jan 2015 22:01:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[England]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Julien Menand]]></category>
		<category><![CDATA[Kulte]]></category>
		<category><![CDATA[Mark Heywinkel]]></category>
		<category><![CDATA[Sonnenwende]]></category>
		<category><![CDATA[Stonehenge]]></category>
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					<description><![CDATA[Niemand weiß, wer Stonehenge vor Tausenden von Jahren errichtet hat. Umso stärker wirkt heute die Anziehungskraft des mysteriösen Bauwerks in England. Vor allem zu den Sonnenwenden. Dann kommen Druiden und Schaulustige zusammen, um den Lauf der Sonne zu feiern.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/der-ruf-der-steine/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>Niemand weiß, wer Stonehenge vor Tausenden von Jahren errichtet hat. Umso stärker wirkt heute die Anziehungskraft des mysteriösen Bauwerks in England. Vor allem zu den Sonnenwenden. Dann kommen Druiden und Schaulustige zusammen, um den Lauf der Sonne zu feiern.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Zeremonie beginnt kurz vor Sonnenaufgang. Eigentlich würde die Sonne nun genau zwischen zwei riesigen Megalithen aufsteigen. Denn die Steine von Stonehenge sind so angelegt, dass die Wintersonnenwende zum mystischen Spektakel wird. Doch leider ist es bewölkt. Und kalt. Und windig. Ein Mann, Ende 50, in weißem Baumwollgewand und mit Cowboyhut, lässt sich davon nicht die Stimmung vermiesen und setzt zu einer Ansprache an. „Willkommen!“, ruft er mit ausgebreiteten Armen und seine Zuhörer drängen näher heran, um trotz des starken Windes seine Worte zu verstehen. Immerhin ist der Cowboyhutträger ein Druide.</p>
<p style="text-align: justify;">Der keltische Kult der Druiden ist in Großbritannien als Religion anerkannt. Dessen Anhänger verehren Naturgottheiten wie Donner, Berge, Flüsse und die Sonne. Ihre Kultstätten sind die rund 100 englischen Henges (Steinkreise). Heute, am frühen Morgen des 22. Dezember 2014, fehlt ihrer bekanntesten Kultstätte Stonehenge neben der Sonne vor allem eines: Platz.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wie aus einem Fantasy-Film</h2>
<p style="text-align: justify;">Zwischen den fünf Meter hohen, grob geschlagenen Steinkolossen drängen sich Familien mit kleinen Kindern, junge Hipster, asiatische Touristen, ein Dutzend weiterer, in bunte Gewänder gehüllte Druiden – rund 6.400 Menschen sind in der frostigen Graslandschaft Wiltshires zusammengekommen, um gemeinsam die Wintersonnenwende zu feiern.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Gros der Besucher reckt aus einiger Distanz Smartphones und Tablets in die Höhe, um das Geschehen zumindest auf Band zu bannen. Eine Gruppe von Druiden entzündet ein Feuer, sie sind gehüllt in erdfarbene Kostüme wie aus einem Fantasy-Film. Andere setzen mit Trommeln zu einem steten Viervierteltakt an. Ein Duo spielt auf Saiteninstrumenten mittelalterliche Musik dazu.</p>
<p style="text-align: justify;">Dann verebben die Klänge im kalten Wind und der Druide mit Cowboyhut hält eine Plädoyer für Weltfrieden und Zusammenhalt, das ebenso gut auf ein Hippie-Festival gepasst hätte. Am Ende bittet er seine Zuhörer, gemeinsam mit erhobenen Händen Liebe und Frieden in alle vier Himmelsrichtungen zu entsenden.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-stonehenge-2" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-stonehenge-2 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-stonehenge-2 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-stonehenge-2 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="6000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_02.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Kurz vor den Sonnenaufgang des 22. Dezember 2014 sind etwa 6400 Schaulustige in Stonehenge zusammengekommen, um das Ende der längsten Nacht des Jahres zu feiern.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9711.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Eine Besucherin auf Tuchfühlung mit den Steinen. Nur zu den Sonnenwenden ist es erlaubt, die Megalithen zu berühren.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9737.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Eine Gruppe von neuzeitlichen Druiden tauscht sich nach der Veranstaltung aus. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9768.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Entgegen der allgemeinen Vorstellung vom Druiden als alten Mann mit langem Bart, gibt es auch weibliche Druiden.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9849.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">"Die Steine haben mich gerufen", erklärt eine junge Druidin in die Kamera eines TV-Teams.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9757.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein Mädchen sitzt zwischen den Steinen und wundert sich, was die Erwachsenen für einen Bohei machen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_03.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Trommeln zum Fest: Dank des starken Windes sind die Klänge der Druidenzeremonie schon aus der Ferne zu hören.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_05.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Liebe in alle Richtungen: Die Gäste und Druiden senden "Love and Peace" in alle vier Himmelsrichtungen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_06.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Trotz des Bartes kein Druide: Zwei hippe Engländer schießen Schnappschüsse vom Wintersonnenwende-Event.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_07.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Amelia May Heath (rechts) hat in der Menge der Stonehenge-Besucher eine Beifahrerin für ihren Weg nach Bristol gefunden.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_10.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Zwei junge Britinnen haben sich für ihren Ausflug nach Stonehenge als Druidinnen verkleidet.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9707.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Über Stonehenge geht die Sonne auf, doch hinter den dicken Wolken über Wiltshire ist sie nur zu erahnen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9779.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Gut gewappnet: Einige Besucher des Events haben sich für den kalten Morgen vorsorglich mit warmem Tee und Tassen ausgestattet.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9667.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein paar Besucher sind bereits einen Tag früher angereist, um auf den umliegenden Äckern zu zelten und zu feiern.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9673.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Camper haben den Kaffeeverkäufer Camden angelockt: Er tourt mit seinem Bulli durch England, um bei Festivals Heißgetränke zu verkaufen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_09.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Druidin Charlotte kommt nach dem Event an den Steinen zur Ruhe. Seit zehn Jahren kommt sie her, um die Kraft Stonehenges zu spüren.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_11.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Für die Kinder werden die Steinzeitbrocken schnell zum Klettergerüst. Während der regulären Öffnungszeit wäre das streng verboten.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-stonehenge-2-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_02-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9711-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9737-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9768-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9849-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9757-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_03-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_05-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_06-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_07-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_10-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9707-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9779-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9667-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/MG_9673-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_09-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Stonehenge_11-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<p style="text-align: justify;">Als schließlich statt goldenen Strahlen nur mageres Sonnenlicht durch die Megalithen bricht und sich die Silhouette Stonehenges allmählich vom dem tristen Grün-Grau der Landschaft löst, stimmen die Druiden mit ihrer Gemeinde in die Worte “So mote it be” ein. Die keltische Version des “Amen” in der Kirche. Die längste Nacht des Jahres ist zu Ende. Eine neue Sonne ist geboren.</p>
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                                                    <p class="aesop-character-cap"> Amelia May Heath: Meine Mutter ist eine Hexe.</p>
                        
                        
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<p style="text-align: justify;">Die gebürtige Bristolerin Amelia May Heath kennt viele solcher Druidenriten. “Meine Mutter ist eine Hexe“, erzählt die 22-Jährige mit den weißblonden Haaren. „Sie hat mir immer die Wahl gelassen, ob ich mich mit ihrem Glauben auseinandersetze.“ Daher weiß Amelia einiges über den Glauben der neuzeitlichen Druiden an die Wiedergeburt oder mystische Naturkräfte, und sie kennt die wilden Geschichten über die Herkunft der Druiden aus Atlantis und ihre vermeintlich seherischen Fähigkeiten. „Meine Mutter glaubt an vieles davon, im Bekanntenkreis hilft sie als Heilerin und feiert ab und zu auch die Feste der Druiden“, sagt Amelia. Sie selbst könne dem Ganzen aber nicht viel mehr als Neugier abgewinnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ihre Neugier reicht allerdings so weit, dass die Geschichtsstudentin des renommierten King&#8217;s College mitten in der Nacht aufgestanden ist, um in ihrem silbernen Kleinwagen zwei Stunden von London nach Stonehenge zu tingeln. „Ob man nun spirituell ist oder nicht, Stonehenge ist in jedem Fall ein besonderer Ort“, meint Amelia. Und obwohl sie bereits für ihr Studium das Unesco-Weltkulturerbe ausgiebig erkundet hat, schlängelt sie sich auch bei der Veranstaltung zur Wintersonnenwende in aller Ruhe durch die Touristenscharen, um das Megalithwerk von allen Seiten zu begutachten. Annähernd fünf Meter ragen die massiven Steinkolosse empor – geheimnisvolle Relikte einer Epoche Großbritanniens, über die trotz intensiver Forschung noch immer wenig bekannt ist. Inspirationsquelle für fantastische Geschichten. Projektionsfläche für die krudesten Theorien. Vor allem am heutigen Tag.</p>
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<h2 style="text-align: left;">Nicht berühren! Nicht besteigen!</h2>
<p style="text-align: justify;">Nach der Zeremonie verharrt der Großteil der Schaulustigen in der Kälte, um Stonehenge zu bestaunen – und es ausgiebig anzufassen. Denn normalerweise herrschen hier strenge Regeln: Hunde sind verboten, Müll darf auf dem Gelände um die Steinkreise nicht entsorgt werden. Enttäuscht sind viele Besucher über den Passus der Hausordnung, der ihnen verbietet, den Steinen zu nah zu kommen oder sie gar anzufassen. Knapp eine Million Gäste reist jedes Jahr an, um das von einem schulterhohen Zaun geschützte Weltkulturerbe zu besichtigen. Umgerechnet etwa 17 Euro müssen Stonehenge-Besucher für den Zaunblick bezahlen.</p>
<p style="text-align: justify;">Aber heute ist alles anders. Zur Sommer- und Wintersonnenwende lockert die English Heritage, die sämtliche historische Bauten in Großbritannien verwaltet, ihre Regeln. Dann öffnet sie das seit 1901 eingezäunte Gelände, der Eintritt ist nun frei und kostenlos. Und das Security-Team aus Museumsmitarbeitern, Freiwilligen und abgestellten Polizisten ahndet Vergehen gegen die Hausordnung mit nachlässiger Gleichgültigkeit.</p>
<p style="text-align: justify;">Zur Sommersonnenwende 1972 hat die Heritage erstmals zur gemeinsamen Feier geladen, seitdem haben sich die Events zu den Sonnenwenden zu Touristenattraktionen entwickelt. Beim Sommerevent herrschen gar Festival-artige Zustände: Im vergangenen Jahr kamen über 30.000 Menschen zusammen, campten auf den nahegelegenen Äckern, tranken und feierten.</p>
<p style="text-align: justify;">Bei der Wintersonnenwende geht es wesentlich gediegener zu. Viele Touristen posen fröstelnd für Erinnerungsfotos an den verwitterten Steinen. Einige klettern ungehindert auf ihnen herum. Erst als ein paar Wagemutige versuchen, ein Stück als Souvenir aus den Doleriten der Bronzezeit herauszubrechen, schreitet die Security ein.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wenig Fakten, viele Theorien</h2>
<p style="text-align: justify;">Amelia hält respektvolle Distanz zu den Steinen. „Ich habe sie einmal angefasst, das reicht mir“, sagt sie. „Ich muss jetzt nicht auch noch darauf rumklettern.“ Lieber wandelt sie zwischen den Touristen umher, um deren Gespräche zu belauschen. Wer Stonehenge besucht, scheint automatisch inspiriert zu sein, eigene Theorien zur Bedeutung des Steinkreises zu entwickeln. Ein paar von dicken Outdoor-Jacken geschützte Mittdreißger witzeln, jeden Moment könne ein Ufo landen, um sie alle einzusammeln. Ein älterer Herr mit Kappe tippt auf das Ziffernblatt auf seiner Uhr, um gespielt erleichtert ein „Die Welt ist ja immer noch nicht untergegangen?“ auszustoßen. Ein Druidin mit Efeukranz auf dem Kopf erklärt einem Kamerateam, Stonehenge habe eine magische Wirkung auf sie. „Die Steine haben mich gerufen. Es ist ein innerer Drang, hierher zu kommen.“</p>
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		</div>

		
<h2 style="text-align: justify;">5.000 Jahre alt</h2>
<p style="text-align: justify;">Amelia meint, sie sei zu sehr rationale Wissenschaftlerin, als dass sie sich eine eigene Theorie zu Stonehenge aus den Fingern saugen würde. Wie die Steine aus den 240 Kilometer entfernten Preseli Hills ihren Weg nach Wiltshire gefunden haben, wer sie dorthin gebracht hat und zu welchem Zweck, ob als frühes Observatorium, reine Grabanlage oder Opferstätte &#8211; all diese Fragen hat die Wissenschaft bislang nicht eindeutig beantwortet. Inzwischen datieren Forscher den Ursprung Stonehenges auf 3.100 vor Christus. Die noch heute sichtbaren Steine sind vermutlich bis 2.000 v. Chr. errichtet worden.</p>
<p style="text-align: justify;">Eines zumindest ist klar: Die Erbauer legten die Steine so an, dass sich der Stand von Sonne und Mond im Lauf der Jahreszeiten verfolgen ließ. Die Steinzeitmenschen, so vermuten Wissenschaftler, konnten so die Jahreszeiten einteilen und den Ackerbau planen. Die beiden Sonnenwenden im Jahr, die den tiefsten und höchsten Abstand der Sonne vom Horizont markieren, sind dabei ganz besondere Ereignisse. Ob hier allerdings Menschen den Göttern geopfert oder selbsternannte Magier am Werk waren, das ist reine Spekulation.</p>
<p style="text-align: justify;">Sicher ist nur, dass die alten Druiden, deren selbsternannte Nachfolger sich hier gerade als Hüter der Zeremonie geben, mit dem Bau von Stonehenge nichts zu tun hatten. Ihre Bewegung war erst im zweiten Jahrhundert vor Christus entstanden, später von der Christianisierung verdrängt und erst im 16. Jahrhundert von britischen Gelehrten wieder zum Leben erweckt worden. Den Touristen ist es egal, sie feiern den Druiden mit dem Cowboyhut.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Ufologen, Touristen und Hipster</h2>
<p style="text-align: justify;">Noch lange nach dem Sonnenaufgang umkreisen die Druiden die Steine und legen mit geschlossenen Augen Hand an die vermeintlichen spirituellen Energiequellen, um zu innerer Ruhe zu finden. Ein paar Mitzwanziger haben sich im Windschatten der Kolosse niedergelassen, um Joints zu drehen. Kinder haben einen umgestürzten Stein zu ihrem Klettergerüst erklärt. Mit der Zeit kommen viele von ihnen ins Gespräch: Ufologen halten fröhlichen Smalltalk mit Touristen. Angeschäkerte Hipster tanzen Hand in Hand mit Yuppies in Treckingklamotten um die Steine herum.</p>
<p style="text-align: justify;">“Ich mag diese sehr offene, herzliche Atmosphäre”, sagt Hexen-Tochter Amelia. “Stonehenge erfüllt trotz der vielen Jahrhunderte Geschichte vermutlich immer noch den gleichen Zweck: Die Neugier bringt die Menschen zusammen.“ In bestimmten Zeiten sollen 40 Prozent der damals noch bedeutend kleineren britischen Bevölkerung hergepilgert sein, um die Sonnenwenden zu feiern. Jetzt reisen Menschen von überall her an, um zusammen zu rätseln.</p>
<p style="text-align: justify;">Um kurz vor zehn Uhr wird das Miteinander beendet. Die Security geleitet die Besucher nach und nach vom Gelände, damit der reguläre, kostenpflichtige Museumsbetrieb fortgesetzt werden kann. Amelia wandert zurück zu ihrem Auto. Keine höhere Erkenntnis ist über sie gekommen. Kein Druide hat ihr einen Wundertrank gereicht. Kein Ufo hat sie abgeholt.</p>
<p style="text-align: justify;">Dafür ist sie mit zwei Trampern ins Gespräch gekommen, die über die Weihnachtsfeiertage auch nach Bristol fahren wollen. “Ich nehme sie jetzt mit”, sagt Amelia und strahlt. “So spare ich zumindest ein bisschen Spritgeld.” Und sie hat jemanden, mit dem sie noch ein bisschen länger das Geheimnis von Stonehenge diskutieren kann.</p>
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<a href="https://www.germanwings.com/de.html" target="_blank"><img src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/01/Germanwings.jpg" alt="" width="160px" align="left" border="0" /></a></p>
<p class="anzeigentext">Diese Reportage konnte Dank der Unterstützung von <a href="http://hisalisbury-stonehenge.co.uk/?gclid=CIa75IHgncMCFQHJtAodIiMA-Q" target="_blank"><strong>Holiday Inn Salisbury-Stonehenge</strong></a> und <a href="https://www.germanwings.com/de.html" target="_blank"><strong>Germanwings</strong></a> entstehen. Damit war keinerlei Einflussnahme auf die Berichterstattung verbunden.</p>
<p class="anzeigentext">
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		<title>&#8222;Makai, Dude!&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Oct 2014 06:57:17 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Kalifornien]]></category>
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		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[Surfen]]></category>
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					<description><![CDATA[In Kalifornien ist Surfen nicht nur Wassersport, sondern Kultur. Im Küstenort Oceanside gibt es dafür sogar ein Museum. Neben einem Hai-Gebiss und jeder Menge Brettern hütet das Haus ein ganz besonderes Exponat.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/makai-dude/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>In Kalifornien ist Surfen nicht nur Wassersport, sondern Kultur. Im Küstenort Oceanside gibt es dafür sogar ein Museum. Neben einem Hai-Gebiss und jeder Menge Brettern hütet das Haus ein ganz besonderes Exponat.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Von der Küste vor San Francisco runter nach Los Angeles bis zur mexikanischen Grenze nach San Diego: In Rudeln lauern Surfer auf ihren Brettern und starren auf den Pazifik. Plötzlich: Tzzzschhh! Kurz vor dem zischenden Geräusch der brechenden Welle weiß jeder Surfer: Jetzt geht’s los. Aufstehen, Gleichgewicht halten und die Welle reiten wie ein Cowboy den Bullen.</p>
<p style="text-align: justify;">„Awesome, Dude!“, rufen sich die Wellenreiter am Ufer zu, egal ob langhaarig und durchtrainiert oder moppelig und kahlköpfig. Mit triefenden Surfbrett unterm Arm, die Haut durch jahrelange Sonnenbestrahlung ganz golden, kommen sie breit lächelnd und pitschnass aus dem Ozean getrottet. „Super, Kumpel!“ reicht hier als Übersetzung wohl nicht aus.</p>
<h2 style="text-align: left;">Die Hüterin des Surf-Erbes</h2>
<p style="text-align: justify;">Denn Surfen ist in Kalifornien nicht nur Wassersport. Es ist Lebensgefühl, Mentalität, ja sogar Teil des kulturellen Erbes. Das findet zumindest Jane Schmauss. Die Dame in der bunten Blümchenbluse ist hauptberufliche Hüterin dieses Erbes – als  Mitbegründerin und Historikerin des <a href="http://surfmuseum.org/" target="_blank">„California Surf Museums“</a>.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Gebäude in der Küstenstadt Oceanside ist nicht größer als eine Fastfood-Filiale, hat ein wellenförmiges Dach und einen Metallsurfer als Logo an der Fassade. Innen stehen Surfbretter in allen Farben, hübsch ausgeleuchtet wie Skulpturen in einer Galerie. Dazu Erklärtafeln und historische Fotos von tollkühnen Männern und Frauen, Legenden der Surf-Geschichte.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-surfen-kalifornien-3" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-surfen-kalifornien-3 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-surfen-kalifornien-3 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-surfen-kalifornien-3 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="40000000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6965.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Surfer gehören in kalifornischen Küstenorten zum Alltagsbild. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7808.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Kalifornien machte Surfen zu einer Industrie und das Image vom langhaarigen, gebräunten Wellenreiter zum weltweiten Exportschlager. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7132.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Sogar Verkehrsschilder mit Surfern darauf gibt es. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6592.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Hüterin des kalifornischen Surf-Erbes: Jane Schmauss ist Historikerin am "California Surf Museum". © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6746.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Im Museum sind historisch wichtige Surfbretter wie Skulpturen ausgestellt. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6775.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In den Anfangstagen des Surfens waren die Bretter noch lang und schwer. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6789.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Moderne Surfbretter sind kürzer, spitzer, schneller und haben Steuerflossen am Boden. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6969.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Doch egal welches Brett: Nass wird jeder Surfer. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6651.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch das Gebiss eines Tigerhais bewahrt Schmauss im Museum auf. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6722.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein Hai hatte 2003 auch die 13-jährige Surferin Bethany Hamilton vor Hawaii attackiert und biss ihr den Arm ab. Hamilton schaffte es einarmig zur Profisurferin und ihr Unfallbrett steht heute im Museum. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6711.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der Tigerhai biss ein großes Stück des Surfbretts heraus. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6984.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch vor Kalifornien gibt es Haie. Das Risiko einer Attacke ist aber gering. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7055.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Liebe zu Wellen lässt Surfer einfach nicht los. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7989.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Surfer sind Rudeltiere. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_5627.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Aber eine Welle kann immer nur ein Surfer reiten. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_8048.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der Begründer des modernen Surfens: In der "Surf City" Huntington Beach haben sie Duke Kahanamoku ein Denkmal errichtet. © Markus Huth</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-surfen-kalifornien-3-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6965-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7808-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7132-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6592-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6746-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6775-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6789-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6969-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6651-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6722-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6711-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6984-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7055-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7989-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_5627-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_8048-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<h2 style="text-align: left;">Museum platzt aus allen Brettern</h2>
<p style="text-align: justify;">„Surfen hat die kalifornische Identität mitgeprägt“, behauptet die Historikerin. Statt zwischen Bücherregalen, steht ihr Schreibtisch zwischen Surfbrettern. Langen und kurzen, bunten und schmucklosen, spitzen und abgerundeten. Über 300 Bretter befinden sich im Museum, einige in den Ausstellungen, die meisten im Lagerraum. Das Museum platze inzwischen aus allen Nähten, sagt Schmauss. Was vor fast 30 Jahren als Freundschafts-Projekt von ein paar Surf-Liebhabern begann, ziehe heute immer mehr Besucher an. Weit über 500.000 Menschen hätten das kleine Museum seitdem besucht.</p>
<p style="text-align: justify;">Als Schmauss, damals noch Restaurant-Besitzerin, und ihre Freunde 1986 anfingen, ein paar alte Bretter in ihrem Lokal auszustellen, war die Erinnerung an die Anfänge der kalifornischen Surfwelt noch präsent. „Geld spielte für die ersten Surfer keine Rolle. Wir wollten die Erinnerung dieser Pionierphase für die nachfolgenden Generationen bewahren&#8220;, sagt Schmauss. Denn heute ist Surfen zu einer milliardenschweren Industrie geworden.</p>
<h2 style="text-align: left;">Teures Brett</h2>
<p style="text-align: justify;">Es gibt Wettkämpfe, Werbung, vermarktbare Stars und Mode. Bretter für jede Wellen- und Wetterlage werden industriell gefertigt und weltweit verkauft, genauso wie Neoprenanzüge. Experten-Schätzungen zufolge surfen in den USA um die zwei Millionen Menschen, weltweit könnten es über 20 Millionen sein. „Es ist ein riesiger Markt geworden“, sagt Schmauss. Und einige Museums-Exponate, die die Vorbesitzer damals auf den Müll werfen wollten, sind heute viel Geld wert.</p>
<p style="text-align: justify;">Zum Beispiel das von Kratzern und Rillen durchfurchte Brett am Beginn der Ausstellung „Eine kurze Geschichte der Surfbretter“. Das drei Meter lange Teil aus Mammutbaumholz sieht aus wie ein gigantisches Bügelbrett. Nahe der Spitze ist das Wort „Makai“ eingraviert. „Das ist Hawaiianisch und bedeutet: Zum Meer“, erklärt Schmauss und fügt hinzu: „Falls es authentisch ist, ist es heute über 15.000 Dollar wert.“</p>
<h2 style="text-align: left;">Der Vater des modernen Surfens</h2>
<p style="text-align: justify;">Grund für den stolzen Preis ist der Mann auf dem Schwarzweiß-Foto daneben: Mit nacktem Oberkörper und altmodischen Badehosen bis unter die durchtrainierte Brust lächelt er in die Kamera :„Duke Kahanamoku – Der Vater des modernen Surfens“, steht über dem Foto. Der 1890 in Honolulu geborene Surfvater, sagt Schmauss, sei mit hoher Wahrscheinlichkeit der Schöpfer des Bretts. Gesichert ist es aber nicht, da er es leider nicht signiert hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Als Kahanamoku surfte, waren die Bretter viel länger und schwerer als die heutigen. Perfekt für gemächliche Langstrecken-Wellenritte, wie der Besucher im Surf-Museum erfährt. Auch dass das Surfen eine jahrhundertelange Tradition in Polynesien hat. Nach Kalifornien kam der Sport vor ziemlich genau 100 Jahren.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Juni 1914 heuerte ein Hawaiianer als Rettungsschwimmer im benachbarten Touristenörtchen Huntington Beach an. Im Gepäck hatte er ein zweieinhalb Meter langes Brett, womit er unter den staunenden Augen von Passanten auf den Wellen herumritt. Sogar die Lokalzeitung berichtete am nächsten Tag. Der Mann hatte bald Schüler und Kalifornien wurde die Wellenreiter nicht mehr los.</p>
<h2 style="text-align: left;">Die tragische &#8222;Mona-Lisa&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">In allen kalifornischen Küstenorten sind sie inzwischen Teil des Alltags. Surfen wird in der Schule unterrichtet, Wettkämpfe ziehen tausende Zuschauer an die Strände und es gibt sogar Verkehrsschilder mit Surfern darauf. In Huntington Beach, genannt „Surf City“, steht heute eine Statue von Duke Kahanamoku. Und es gibt auch hier ein Surf-Museum. „Aber wir sind älter“, insistiert Jane Schmauss schroff und geht zügig zum nächsten Exponat: „Unsere Mona-Lisa.“ Die lächelt allerdings nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Stattdessen scheint das Exponat, ein weiß-rotes-blaues Surfbrett, das Maul aufzureißen wie ein angreifender Hai. Tatsächlich hat ein Tigerhai ein Stück herausgebissen – und den Arm der darauf liegenden Surferin gleich mit. Das Schicksal der 13-jährigen US-Amerikanerin Bethany Hamilton hatte 2003 in der Szene für Aufsehen gesorgt.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Surfer sind Kämpfer&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Auf dem besten Weg zur Profisurferin verlor sie bei einem Haiangriff vor Hawaii fast ihr Leben und schließlich den linken Arm. Dann passierte das Unglaubliche. Keine drei Wochen später stand das blonde Mädchen wieder auf einem Surfbrett. Auch einarmig schaffte Hamilton es zur Profisurferin, gewann zahlreiche Wettkämpfe und ist heute eine gefragte Motivationsrednerin.</p>
<p style="text-align: justify;">„Surfer sind eben Kämpfer“, sagt Schmauss. Dem Hai dürfe man indes nicht böse sein. „Der hatte sie wahrscheinlich mit einer Meeresschildkröte verwechselt.“ Was auch immer die Absichten des Hais gewesen sein mögen: Das Surfbrett wollte Hamilton wegen der bösen Erinnerung nicht mehr in ihrer Nähe haben und hat es dem Museum geliehen. Und das, sagt Schmauss, obwohl ihr andere viel Geld dafür geboten hätten. Aber sie habe mit der Tragödie keinen Profit machen wollen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Surfer leben gefährlich</h2>
<p style="text-align: justify;">Aus ihrem Arbeitszimmer holt die Surf-Historikerin ein Tigerhai-Gebiss und hantiert damit herum. „Fühlen Sie mal diese scharfen Zähne!“ Mit dem Ding erschrecke sie oft Kinder, erzählt sie, damit die im Ozean gut aufpassen. Denn auch vor Kalifornien gibt es Haie. Und manchmal auch stürmische See.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Einklang mit der Natur leben, das Hier und Jetzt genießen, weil es vielleicht kein Morgen gibt – das sei die Mentalität von Surfern. „Deshalb lassen manche die Arbeit auch mal liegen, wenn die Wellen gerade gut sind“, fügt Schmauss grinsend hinzu. Das Wort „faul“ käme ihr nie über die Lippen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Gefährlicher Lieblingstrick</h2>
<p style="text-align: justify;">Derweil lauern draußen am Pier von Oceanside, keine 500 Meter vom Surf-Museum entfernt, zwei Dutzend Wellenreiter auf die nächste Welle. Die Abendsonne legt goldene Farbtöne auf das Wasser, in dem sich die Köpfe als dunkle Pünktchen mit den Wellen auf und ab bewegen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Mann mit blondem Bart, der aussieht wie ein tätowierter Wikinger, springt auf und gleitet schwungvoll zum Ufer. Kaum angekommen, schwimmt er samt Brett auch schon wieder &#8222;Makai&#8220; – zum Meer. Doch den Lieblingstrick des kalifornischen Publikums schafft heute keiner: Wenn es einem Surfer gelingt, zwischen den hölzernen Pfeilern des Piers hindurchzugleiten, schreien alle besonders laut: „Awesome, Dude!“</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-surfen-kalifornien-zusatz-4" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-surfen-kalifornien-zusatz-4 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-surfen-kalifornien-zusatz-4 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-surfen-kalifornien-zusatz-4 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" 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		<title>Die Haut Gottes</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2014 01:01:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bosnien-Herzegowina]]></category>
		<category><![CDATA[Alexandra Stanic]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[christlich]]></category>
		<category><![CDATA[Katholisch]]></category>
		<category><![CDATA[Kulte]]></category>
		<category><![CDATA[Marko Mestrovic]]></category>
		<category><![CDATA[Tattoo]]></category>
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					<description><![CDATA[Verblasste Tinte aus Muttermilch, Spucke und Ruß unter der Haut alter Frauen: In Bosnien-Herzegowina gibt es noch heute Reste eines alten christlichen Tattookults, der noch aus der Zeit der osmanischen Besatzung stammt.   <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-haut-gottes/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong><strong><strong><strong>Verblasste Tinte aus Muttermilch, Spucke und Ruß unter der Haut alter Frauen: </strong></strong></strong>In Bosnien-Herzegowina gibt es noch heute Reste eines alten christlichen Tattookults, der noch aus der Zeit der osmanischen Besatzung stammt. <strong>  </strong></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Nicol Lovrić zupft an ihrem Pullover, streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. In ihrer Hand hält sie ein altes, vergilbtes Foto. „Das sind meine Oma und ich“, sagt sie mit traurigem Lächeln. „Sie ist gestorben, als ich sechs war.“ Nicols Vater erzählt der 23-Jährigen immer wie ähnlich sie ihrer toten Großmutter ist. Genauso aufbrausend und stur. Sie hat das gleiche Grübchen wenn sie lacht und dieselben strahlenden Augen. Auf dem Foto erkennt man ein Tattoo auf der Hand ihrer verstorbenen Großmutter. „Ich will es mir unbedingt nachstechen lassen“, erklärt die Sonderschullehrerin. „Es ist nicht nur ein Symbol für meine Oma, sondern auch ein Zeichen der Zugehörigkeit und die Erhaltung einer Tradition.“</p>
<h2 style="text-align: left;"><strong>Spiritueller Schutz vor Osmanen</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Die genaue Zahl an traditionell tätowierten, katholischen Frauen auf dem Balkan ist nicht bekannt. Tea Mihajlović begann 2008 mit der Recherche über den über 500 Jahre alten Brauch. Sie machte sich die Nachforschung des alten Katholikenkults zum Hobby, weil sie die Tradition ihrer Vorfahren fasziniert. Die 29-Jährige hat mit etwa 200 traditionell tätowierten Frauen gesprochen. „Es ist mehr als nur Dekoration, es dient zur Identitätserkennung“, erklärt die junge Mutter.</p>
<p style="text-align: justify;">Katholische Gemeinden in Bosnien und Herzegowina litten während der osmanischen Herrschaft. Viele der Katholiken konvertierten zum Islam, Kinder wurden entführt und Mädchen zwangsverheiratet. Junge Frauen tätowierten sich gegenseitig Kreuze und andere historische Zeichen auf Hände, Brust, Rücken und Stirn. So kennzeichneten sie sich für den Fall einer Entführung und verwendeten die Kreuze und Ornamente als spirituellen Schutz vor Osmanen.</p>
<h2 style="text-align: left;"><strong>Verbindung zur Religion<br />
</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Ganze Gruppen von Mädchen im Alter zwischen drei und sechs wurden meist am 19. März, dem Tag des heiligen Josip, oder am 25. März, „blagovijest“, der „Maria Verkündung“ tätowiert. Beide Termine sind wichtige katholische Feiertage in der Karwoche. Ruža Jonjić war bei ihrer ersten Tätowierung am 19. März 1949 sechs Jahre alt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die heute 70-Jährige Ruža ist in Kupres geboren und aufgewachsen. Hier hat sie geheiratet, Kinder bekommen und ihren Mann verloren. Jeden Sonntag besucht sie die gleiche Kirche, seit über 60 Jahren. Ruža blickt auf ihren Handrücken. Sie empfindet ihre Tätowierung als Verbindung zu ihrer Religion. „Ich bin sehr stolz auf meine Tattoos“, erklärt sie. Sie greift nach dem Anhänger an ihrer goldenen Halskette, es ist ein Kreuz. „Als Katholikin gehören sie zu mir.“ Ihre Stimme wird bestimmter. „Es wäre eine Schande, würde ich mich dafür schämen oder sie gar verstecken.“</p>
<p style="text-align: justify;">Die Tattoos sind verzierte Kreuze oder Ornamente. Die genaue Bedeutung kennen selbst die tätowierten Frauen nicht mehr genau. Es war ein Brauch, der über die Jahrhunderte eingehalten wurde. Die beliebtesten Stellen zum Stechen waren Unterarme, Hände und Finger. Kreuze auf Brust und Stirn waren bei älteren Generationen üblich, nur sind diese Frauen mittlerweile gestorben. Auch die Männer zierten einst die gleichen Zeichen, die sind aber ebenfalls tot.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-die-haut-gottes-5" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-die-haut-gottes-5 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-die-haut-gottes-5 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-die-haut-gottes-5 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="500000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2432-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Tattoos werden mit Ruß, Honig, Spucke und Kohle gestochen, je nach Region unterscheidet sich die Mixtur. Foto © Marko Mestrović </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2414-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Bedeutung der Ornamente und Zeichen kennen die Menschen nicht mehr. Foto © Marko Mestrović </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2360-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description"> "Hier in der Gegend hat jede Frau in meinem Alter mindestens ein Tattoo“, erzählt die 82-jährige Zora (links). Eine moderne Variante der alten Symbolik: Junge Frauen gehen der Tradition ihrer Großmütter nach (rechts). Foto © Marko Mestrović </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2300-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die 76-Jährige Milica bekam ihr erstes Tattoo mit sieben. Heute sind ihre Hände rau und ledern, die gestochenen Symbole schwer zu erkennen. Foto © Marko Mestrović </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2283-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ruža empfindet ihre Tätowierung als Verbindung zu ihrer Religion (links). Der alte Tattoo-Kult ist Teas Hobby geworden. Auch sie hat ein Symbol auf ihrem Arm verewigt. Foto © Marko Mestrović </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2484-1150x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Tattoos sind verzierte Kreuze oder Ornamente. Die beliebtesten Stellen zum Stechen waren Unterarme, Hände und Finger. Foto © Marko Mestrović </div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-die-haut-gottes-5-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2432-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2414-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2360-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2300-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2283-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/MG_2484-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<h2 style="text-align: left;"><strong>Ruß, Honig, Spucke und Muttermilch</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Die 82-jährige Zora Stojanović bekam wie Ruža ihr erstes Tattoo am 19. März, im Jahre 1944. „Ich war damals 13 Jahre alt“, erzählt die 20-fache Großmutter mit schelmischem Lachen.</p>
<p style="text-align: justify;">Für das Stechen der Tätowierungen wurden eine einfache Nadel und eine Mischung aus Ziegen- oder Muttermilch einer Frau, deren Erstgeborenes männlich war, verwendet. Hinzu kam entweder Ruß, Honig, Spucke oder Kohle. Je nach Region unterschied sich die Mixtur. Die meisten traditionell tätowierten Frauen leben in den bosnischen Städten Kupres, Prozor, Travnik und Jajce.</p>
<p style="text-align: justify;">Zora wohnt in einem Dorf in den Bergen der Region Rama in Herzegowina. Sie hat ein kleines Häuschen und nur einen direkten Nachbarn. Die Fahrt in die nächstgelegene Stadt Prozor dauert 20 Minuten. „Hier in der Gegend hat jede Frau in meinem Alter mindestens ein Tattoo“, sagt sie und schenkt sich eine Tasse schwarzen Kaffee ein. „Es war damals einfach eine Kennzeichnung von katholischen Mädchen.“</p>
<h2 style="text-align: left;"><strong>Junge Mädchen wurden gehänselt<br />
</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">„Eine alte Legende besagt, dass ein katholisches Mädchen vor langer Zeit von einem Osmanen entführt wurde. Er befahl ihr, dass tätowierte Kreuz von ihrer Haut zu kratzen. Sie folgte seinem Befehl und entdeckte ein in ihren Knochen geritztes Kreuz“, beginnt Milica Simić ihre Erzählung. Die 76-Jährige richtet ihre Frisur, streift ihr schwarzes Kleid glatt. Milicas Einfamilienhaus ist groß und wirkt aufgeräumt. Im Wohnzimmer hängt ein großes Kreuz aus Holz, in der Küche ein Foto des Papstes.</p>
<p style="text-align: justify;">Milica hatte nie Probleme wegen ihrer Tattoos. Obwohl der Trend während des Kommunismus aufhörte. Frauen verloren ihre Arbeitsplätze. Junge Mädchen wurden gehänselt. „Mich haben sie nie schikaniert“, erinnert sich die Witwe. „Aber ich kannte viele Mädchen, die aufgrund der Zeichen ausgelacht wurden.“ Ein Grund warum die letzte traditionell tätowierte Frau 1984 gestochen wurde.</p>
<p style="text-align: justify;">Die 76-Jährige Milica bekam ihr erstes Tattoo mit sieben. Heute sind ihre Hände rau und ledern, die gestochenen Symbole schwer zu erkennen. „Damals hat man sie besser erkannt“, erzählt die praktizierende Katholikin. „Aber ich habe meine Hände eben all die Jahre genutzt, meine Haut ist verbraucht.“</p>
<h2 style="text-align: left;"><strong>Der Großmutter huldigend</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Nicols Hände sind jung, unverbraucht und gepflegt. Bald soll die Innenseite ihres Unterarms das gleiche Symbol tragen wie das ihrer verstorbenen Großmutter. „Zwischen meiner Oma und mir gab es immer eine besondere Verbindung“, sagt Nicol und legt das Bild der beiden beiseite.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Vater der 23-Jährigen teilt die Begeisterung seiner Tochter. Mit Freunden hat sie noch nicht darüber gesprochen. „Es ist eher eine familiäre Angelegenheit.“ Nicol will die Tradition ihrer Großmutter aufrechterhalten. Sie will verhindern, dass der katholische Kult in Vergessenheit gerät. Sie wird still, wirkt gedankenverloren. „Meine Oma wäre sicher glücklich über mein Tattoo.“</p>
<h2 style="text-align: left;"><strong>Aus alt mach neu</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Wie Nicol hatte auch Maja Brkan eine außergewöhnliche Beziehung zu ihrer Großmutter. Den Rücken der jungen Frau schmückt ein Ornament, das aussieht wie ein Traumfänger. Für Maja ist das Tattoo mehr als nur eine Kennzeichnung ihres Glaubens. „Meine Oma hatte auch eines und ich war als Kind immer so fasziniert davon“, schwelgt die 21-Jährige in Kindheitserinnerungen. „Deswegen habe ich mich auch für ein Symbol aus dieser Zeit entschieden.“</p>
<p style="text-align: justify;">Ob Anker, Federn oder Liebessprüche – Tattoos sind die Modeerscheinung des 21. Jahrhunderts. Mädchen wie Maja und Nicol nutzen die Tradition vergangener Generationen um ihre eigenen Tätowierungen einzigartig zu machen. Sie verbinden Vergangenes mit dem Trend von heute und drücken so ihre Zugehörigkeit aus. Ähnlich wie es ihre Großmütter einst taten. Maja wird im November heiraten. „Ich habe mein Hochzeitskleid extra so ausgesucht, dass mein Tattoo zu sehen ist“, erzählt die zukünftige Ehefrau.</p>
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