Sufismus in der Türkei

Wirbeltanz im Wartesaal

In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.

Jeder Schritt scheint mit Bedacht gewählt. Zeitlupenartig betreten die zehn Männer das hölzerne, achteckige Teehaus. Sie tragen bodenlange schwarze Überwürfe. Und zylinderförmige, konische Filzhüte, die noch höher sind als die Zipfelmasken der Semana-Santa-Büßer. Wie in Trance stellen sie sich im Halbrund auf. Sie nehmen auf weißen Schaffellen Platz. Etwas abseits sitzt der Vorbeter. Musik setzt ein, Gesang, Flötenklänge, später Percussion und Saiteninstrumente.

Die Männer stehen auf. Sie schreiten an ihrem Vorbeter, dem Chij, entlang, grüßen ihn, küssen ihn, legen die schwarzen Umhänge ab. Das Gewand darunter ist blütenweiß. Und mündet in einem bodenlangen Rock mit enormem Durchmesser. Ganz langsam beginnen sich die Männer um die eigene Achse zu drehen. Anfangs liegen ihre Arme über Kreuz auf ihrer Brust. Die linke Hand auf der rechten Schulter. Und umgekehrt. Das linke Bein bleibt stets wie eine Achse am Boden verhaftet. Das rechte stößt ab und löst die Drehbewegung aus. Immer schneller rotieren die Männer um die eigene Achse. Die Arme breiten sich nun aus. Die rechte Hand zum Himmel gerichtet. Die linke zur Erde. Im Kreis wirbelnd scheinen sie zu schweben. Wie Gestirne drehen sie sich um die eigene Achse und gleichzeitig in einem weiteren Kreis durch den Raum. Ihre aufgeblähten Röcke wirken wie die Ringe des Saturn. Sie sind Derwische. Mitglieder eines seit 1925 in der Türkei verbotenen Mystiker-Ordens.

Ich erlebe die Sema, den Tanz der Derwische, im Mevlana-Kloster in Istanbul. Der Begriff Kloster, Tekke, hat sich gehalten, obwohl diese Oase der Ruhe im quirligen Stadtteil Galata seit dem Verbot unter Atatürk offiziell ein Museum ist und die Tanzzeremonie nicht mehr religiöser Ritus, sondern eine Art Folklore-Aufführung. „Galata Mevlevihane Müzesi“, so nennt sich das 1492 gegründete Kloster heute. Heerscharen von Touristen bestaunen alljährlich die Derwisch-Vorführungen. Und erleben einen Islam, der dem Zen ähnelt. Oder der inneren Versenkung mittelalterlicher Mystiker im Christentum. Wie viele Religionen hat auch der Islam eine mystische Seite, wo die Annäherung an das Göttliche durch die Überwindung des eigenen Ichs erfolgt.

Der Meister Eckhardt des Islam

Dem Sitzen im ZEN entspricht im Sufismus der Wirbeltanz. Die Methode geht auf Rumi zurück, den großen Dichter und Sufi-Meister des 13. Jahrhunderts. Den Meister Eckhardt des islamischen Kulturkreises. Das Mevlana-Kloster am Bosporus wurde zwei Jahrhunderte nach Rumis Tod gegründet. Wenn man das kleine Tor zum Klostergelände durchschreitet, fällt man aus Raum und Zeit. Der Hof strahlt eine Ruhe und Abgeschiedenheit aus, die nicht von dieser Welt scheint. Besonders wenn man gerade von der lauten, hektischen, überfüllten Einkaufsmeile Istiklal Caddesi kommt.

Die Grabsteine im Klosterfriedhof wirken wie versteinerte Sufi-Tänzer. Die Stelen mit den arabischen Inschriften sind die Körper. Darauf thronen die zylindrischen Hüte, manchmal aufgestockt um einen steinernen Turban. Gottesacker und Tanzsaal sind Orte des Übergangs. Die Filzhüte der Derwische, Sikke, symbolisieren Grabstelen, denn das Ego soll ja tanzend zu Grabe getragen werden. Und die weißen Gewänder sind Grabtücher, um das überwundene Ich zu beerdigen. Sufismus ist wie Zen transpersonale Spiritualität. Der Derwisch wird eins mit einem größeren Ganzen, indem er seine Eigenständigkeit als Person aufgibt. Und das große Ganze ist der Kosmos, den der Tanz spiegelt. Die Tänzer werden in Trance zu Gestirnen, die sich sowohl um die eigene Achse drehen, als auch im harmonischen Zusammenspiel mit anderen den Mittelpunkt des Universums umkreisen. Gegen den Uhrzeigersinn, also gegenläufig zum natürlichen Fluss der Dinge, der stets im Tod mündet.

Die Schönheit dieses Konzepts büßt ihre Wirkung verblüffend wenig dadurch ein, dass Touristen bei der Zeremonie zuschauen. In den Klosterräumen gibt es eine Dauerausstellung, die mit zahlreichen Exponaten über islamische Mystik, Sufi-Traditionen und die Geschichte des Ordens informiert. Das Mevlana-Kloster ist unbestreitbar ein Museum. Und der achteckige, holzgetäfelte Teeraum ist unverkennbar Bühne für ein Touristen-Spektakel. Aber so fühlte es sich nicht an. Da war noch etwas. Haben die Sufis schlitzohrig ihre Existenz gesichert, indem sie ihre Kultur für ein nicht-initiiertes Publikum öffneten?

In der Millionenstadt am Bosporus

Als die Tanzzeremonie in dem Istanbuler Teehaus vorbei ist, komme ich ganz allmählich wieder an in der profanen Alltagswelt der Millionenstadt am Bosporus. Ich schlendere durch das Galata-Viertel und frage mich, wie viel authentischer Sufismus (benannt nach dem arabischen suf, Wolle, was auf das Wollgewand der Asketen anspielt) noch in dem steckt, was ich gerade erlebt habe. Ob mystische Erfahrung überhaupt möglich ist, wenn man eine Methode der Verinnerlichung vorgeblich auf ihre äußerliche Ästhetik reduziert? Die Oberfläche wirkte stimmig: Ambiente, Trachten, Choreographie. Was aber, wenn der Kloster-Rahmen als Kulisse wegfällt? Würde das einen Teil des Zaubers nehmen?

In Istanbul gibt es noch andere Orte, an denen Derwisch-Tänze vorgeführt werden. Ich habe das Wirbeln der Sufis zum ersten Mal in eigentümlichem Ambiente erlebt. Im Wartesaal des Sirkeci-Bahnhofes, der Endhaltestelle des legendären Orientexpresses. Der holzgetäfelte Raum ist gewaltig hoch. Seine Rosettenfenster haben unverkennbar etwas Sakrales. Wie in Kathedralen des europäischen Mittelalters. Hier haben ein Jahrhundert lang Orientreisende auf den Luxuszug gewartet, der sie zurück nach Wien, München oder Paris bringen sollte. 1883 nahm die legendäre Bahnverbindung den Betrieb auf. Ab 1889 endete sie in der Sirkeci-Station, dieser kleinen Kathedrale des romantischen Reisens.

Sufi-Mystik im Wartesaal – was zunächst als bizarre Kombination erscheint fühlt sich, wenn man sich darauf einlässt, durchaus stimmig an. Ich war mehrmals bei der Tanzzeremonie im Sirkeci-Bahnhof. Und dachte jedes Mal, dass die klassischen Orientreisenden von jeher wohl auch Pilger waren. Ihre Hoffnungen und Sehnsüchte ähnelten vermutlich denen von Erkenntnissuchenden an anderen mythischen Orten.

Sufis im Bahnhof

Die Derwisch-Tänze machen sich im Bahnhof besonders unverdächtig. Zeitvertreib und Zerstreuung für Reisende. Ablauf und Choreographie in dem leicht heruntergekommenen Wartesaal sind nicht nennenswert anders als im Mevlana-Kloster. Nur dass hier die Musiker im Saal sind – zum Anfassen nahe. Und die Besucher nicht durch eine hölzerne Balustrade abgetrennt sind von dem Raum, den die Derwische durchwirbeln. Sie hocken auf billigen Plastik-Stühlen, quasi auf der Tanzfläche. Anfangs denke ich, wie demütigend es sein muss, seine heiligen Traditionen an einem derart profanen Ort zu praktizieren. Aber erstaunlich schnell löst sich die Architektur als Kulisse der Zeremonie auf. Sobald die Sema in Gang kommt, ist das Ambiente vergessen. Die Wirbeltänze entfalten die gleiche hypnotische Wirkung wie im Teehaus des Klosters. Die Rotation scheint einen förmlich in die Tiefen des Universums zu ziehen.

Derwisch-Rituale sind getanzte Kosmologie. Rumi initiierte eine Kosmologie des Tanzes. Das kosmische Ganze wird in einem strengen Ritual ertanzt. Zu dieser Gesamtheit gehört der Makrokosmos der Gestirne ebenso wie der Mikrokosmos von Protonen und Elektronen. Galaktische Weiten ebenso wie atomare Tiefen. Ein visionäres Konzept für einen Mystiker des 13. Jahrhunderts, lange vor Galileo. Obwohl Bewegungen und Choreographie der Sema dynamisch und im Fluss sind, sich in den Raum hineinbewegen, ihn ausfüllen, ziehen sich die Tanzenden spürbar in die innere Versenkung zurück. Der hypnotische Anblick und die Klänge der Sufi-Musik nehmen auch den unbeteiligten Betrachter mit auf eine Art spirituelle Reise. Das fünfköpfige Ensemble spielt auf mit einer Kamantsche (einer persischen Stachelgeige), der Baglama (einer Saz, die türkische Langhalslaute), der Oud (Kurzhalslaute) und natürlich der Rohrflöte Ney. Die Sufis glauben, beim Spielen der Ney wird der Atem Gottes zu Klang.

Auch am Zielbahnhof des Orientexpresses ergreift mich die Schönheit der Sufi-Kontemplation. Hier scheint mir das Umschiffen des staatlichen Verbotes noch listenreicher. Aber das bleibt reines Bauchgefühl. Meine eigenen romantischen Projektionen. Wunschdenken. Denn kann ein uraltes Ritual gelebte Spiritualität und folkloristische Zerstreuung zugleich sein?

An Rumis Grab

Um das herauszufinden, reise ich nach Anatolien, nach Konya, der Wirkungsstätte Rumis. Es ist der 17. Dezember, der Todestag des großen Mystikers, den seine Verehrer traditionell als Feiertag begehen. Nicht ein Hauch von Orient-Romantik umweht die Zugfahrt nach Konya. Der ultramoderne Hochgeschwindigkeitszug saust von Istanbul in wenigen Stunden durch gepflegte Kulturlandschaften ans Ziel. Genug Zeit, mir den Lebensweg des Mystikers in Erinnerung zu rufen.

Rumi, der 1207 in Balkh, im heutigen Afghanistan, geboren wurde, hieß eigentlich Dschelaleddin. Der Vater war ein geachteter Rechtsgelehrter und Theologe. Daher fand er, nach der Flucht der Familie vor Dschingis Khans anrückenden Mongolen und einer Irrfahrt gen Westen, eine Anstellung im anatolischen Konya. Konya war Herrschaftssitz der oströmischen Seldschuken. So entstand Dschelaleddins Beiname: Rumi, der Römer. Bis zu einer Schlüsselbegegnung, die seinem Leben eine völlig neue Ausrichtung geben sollte, folgte Rumi zunächst in Konya den Fußstapfen seines Vaters, wurde Gelehrter und Familienvater.

Der Wendepunkt in Rumis Leben kam, als im Jahre 1244 der Derwisch und Wandermönch Shams-e-Tabrizi in Konya eintraf. Zwischen beiden Männern entspann sich etwas ganz und gar Unerhörtes. Eine Art intellektuelle amour fou. Rumi und Shams wurden einander geistige Sparringspartner, Seelenverwandte, Inspirationsquell. Sie verschmolzen zu einer symbiotischen Einheit. Inwieweit ihre Beziehung auch eine sexuelle Ebene hatte, wird entweder diskret übergangen oder ist tatsächlich nicht eindeutig überliefert. Seinerzeit war die Männerfreundschaft jedenfalls ein gesellschaftlicher Skandal. Rumi vernachlässigte Familie und Alltag. Woraufhin seine Angehörigen dafür sorgten, dass Shams Konya verließ. Der hatte vermutlich berechtigte Sorge um Leib und Leben. Als Rumi vor Kummer über den Verlust des Geliebten zu zerbrechen drohte, holten seine Söhne den Vertriebenen für kurze Zeit aus dem Exil in Damaskus zurück. Nur um ihn gleich darauf zu ermorden. Sie holten ihn eines Abends in Rumis Haus ab, führten ihn aus der Stadt. Das war im Jahre 1248. Shams ward nie mehr gesehen. Rumi lebte noch bis zum Jahr 1273.

Lehre der allumfassenden Liebe

Aus diesem Verlust heraus entwickelte Rumi seine Lehre von der allumfassenden Liebe, die der Seele auf den Pfad zur Vollkommenheit verhilft. Seinen Verlust beklagte er in Versen, die ihn bis heute zum meistgelesenen Dichter persischer Sprache machen. Vor allem aber wirkte Rumi als geistiger Gründer des Mevlevi-Ordens, des Ordens der Tanzenden Derwische. Eines Tages soll ihn der Rhythmus, den die Kesselmacher auf Konyas Markt mit ihren Schmiedehämmern schlugen, zu einem spontanen Wirbeltanz inspiriert haben.

Eine Schule machende Methodik war geboren. Mevlana, Rumis Beiname, bedeutet „unser Meister“. Und das persische Derwisch kann mit „streng asketisch lebender Mönch“ übersetzt werden. Die Methode der inneren Versenkung im tranceartigen Wirbeltanz hat Rumi nach seiner spontanen Eingebung auf dem Markt verfeinert und ausdifferenziert. Das mystische Grundprinzip ist das gleiche wie in anderen Praktiken von „Entwerdung“, von Erkenntnis und Auflösung. Aber Rumis kosmischer Tanz berührt mich als Methodik von besonderer Schönheit und Originalität, die noch dazu den unbeteiligten Betrachter miteinzubeziehen vermag. Die formelle Bruderschaft jedoch, in die Rumis Erben seine Lehren überführten, hat die Säkularisierung der Türkei nicht überlebt. In seltsamem Kontrast zu der Verehrung des Mystikers, auf die ich an Rumis Wirkungsstätte stoße.

Für viele Muslime kommt der Pilgerort Konya gleich nach Mekka. Doch ein spürbar spirituelles Flair ergreift mich nicht bei der Ankunft an Konyas eher schmucklosem Bahnhof. Von dort folgt man zu Fuß einer schnurgeraden Magistrale ins Zentrum. Der Stadtkern unterscheidet sich mit seinen zahllosen Läden, Boutiquen, Restaurants und Cafés nicht nennenswert von anderen türkischen Städten. Die Zwei-Millionen-Stadt ist wirklich seltsam unspektakulär, wie Reisende unisono beklagen – trotz der majestätischen Kulisse des Taurus-Gebirges. Angeblich hat Konya annähernd so viele Moscheen wie das siebenmal so große Istanbul. Ins Auge springt das nicht. Dafür wirkt die Millionenstadt zu europäisch, zu wenig orientalisch. Unübersehbar ist jedoch: Das Geschäft mit dem Sufi-Erbe blüht in Konya.

Die Vermarktung des Sufi-Erbes

An jeder Straßenecke findet sich ein „Mevlana Hotel“, ein „Sufi Kebab“, Stände des „Mevlana Taksi“ – Fuhrunternehmens oder ein „Hotel Rumi“. Auch die Ampelmännchen an den Straßenlaternen sind einzigartig: Grell neonfarben leuchtende Derwischfiguren. Heckenpflanzen werden so zurechtgeschnitten, das sie wie Wirbeltänzer aussehen. Konya vermarktet sein Sufi-Erbe ebenso aggressiv wie die Altstadt von Jerusalem die Passionsgeschichte.

Ziel der Rumi-Pilger ist das Grab des Mystikers, der Rumi-Schrein. Der Sarkophag, auf dem unübersehbar der Derwisch-Filzhut des Dichters liegt. Eine markante grüne Kuppel weist den Weg zu der Anlage, die auf der Mevlevi-Tekke gründet, die Rumis Sohn Sultan Veled einrichten ließ. Sie besteht aus dem Mausoleum, einer Moschee, einem Tanzhaus (Semahane), 17 Derwisch-Zellen, einer Küche und einem Reinigungsbrunnen. In der Küche mussten Novizen 1001 Tage Dienst tun, bis sie als Derwisch initiiert wurden. Heute ist das ehemalige Klostergelände ebenso streng gesichert wie der Topkapi-Palast in Istanbul. In einer Sicherheitsschleuse werden Bekleidung und Taschen der Besucher gescannt und durchleuchtet. Dann steht man auf dem Klosterhof, wo sich viele Pilger rituell Füße und Hände reinigen, bevor sie das Mausoleum betreten. Jeder Besucher muss die Schuhe ausziehen oder einen blauen Plastiküberzug darüber streifen.

Ein großer, dunkler Raum, direkt unterhalb der markanten grünen Kuppel, ist Rumis letzte Ruhestätte. Sein mit einem goldbestickten Samtüberwurf bedeckter Sarg wird durch ein hohes Eisengitter vor allzu überschwänglichen Verehrern geschützt. So kann man den Sarkophag zwar nicht berühren, aber keinesfalls übersehen: Rumis Turban ist darauf drapiert. Die Menschen klammern sich an das Gitter. Manche sind emotional so überwältigt, dass sie in Tränen ausbrechen. Es gibt einen Gebetsraum für Männer und einen für Frauen. Der Rest des Klosterbaus und des Tempelbezirks ist ein Museum, wie in Istanbul. Überwiegend Frauen sitzen auf dem nackten Fußboden, wie Schülerinnen auf Klassenfahrt. Sie lehnen an den Schaukästen, die Kleidungsstücke Rumis und andere Sufi-Devotionalien zur Schau stellen. Mein Lieblingsexponat bleibt leider eine Behauptung. In einem mit Perlmutt-Rauten verzierten Holzkästchen soll sich angeblich ein Barthaar Mohammeds befinden. Die Floskel ‚beim Barte des Propheten‘ möchte ihren Ursprung in Konya haben.

Verehrt wie ein Volksheiliger

Hier im Rumi-Mausoleum wird der Dichterfürst wie ein Volksheiliger verehrt. Die Pilger, die jedes Jahr am 17. Dezember, dem Todestag Rumis, in Scharen aus allen Landesteilen nach Konya kommen, suchen nicht nur die innere Einkehr an der letzten Ruhestätte ihres Idols. Sie wollen auch Spektakel, Zeitvertreib, Zerstreuung. Von der zum Museum degradierten Mevlevi-Tekke aus dem 13. Jahrhundert laufe ich eine Magistrale stadtauswärts entlang trauriger Ruinen auf einem trostlosen Brachland. Und komme zu einem kolossalen Betonmonstrum, dem modernistischen Kultur- und Kongresszentrum von Konya. „Mevlana Kültür Merkezi“ nennt sich der seelenlose, futuristische Gigantbau in Form einer Pyramide.

Dessen Siebzigerjahre-Moderne steht in seltsamem Kontrast zu den Besuchern, die er zum Rumi-Gedenken anzieht. Busladung nach Busladung wird hier abgeladen, um einem Show-Programm mit Derwisch-Einlage beizuwohnen. Wohlgenährte, rustikale Damen mit Kopftüchern und groben Strickjacken dominieren die Besucherströme. Nervös, spürbar von der ungewohnten Situation überfordert, suchen sie ihre Plätze in der gewaltigen Arena auf. Und auch während der Vorstellung ebbt das Kommen und Gehen nicht ab. Ständig muss jemand zur Toilette oder sonst etwas erledigen. Ständig wird getuschelt, geschnattert. Mit Handys photographiert, Selfies gemacht. Um sich zu vergewissern, dass man nicht allein ist in dem Kulturpalast, der wie das Innere eines gewaltigen UFOs anmutet.

Irgendwie will hier nichts zusammenpassen. Nicht nur die etwas derben, fülligen Landpomeranzen und die megamoderne Arena. Das knappe Doppeldutzend an Sufi-Musikern auf der Orchester-Empore ist zwar traditionell gekleidet – ebenso die rund 50 Derwisch-Tänzer -, aber die Inszenierung hat dennoch etwas von gepflegter Samstagsabendunterhaltung. Bis hin zu der knalligen, äußerst farbenfrohen Lightshow. Mystisch sieht anders aus. Stelle ich mir zumindest anders vor. Die Regie hat Wert darauf gelegt, dass ein kulturelles Unterhaltungsprogramm die eigentliche Sema umrahmt. So ist der Derwisch-Tanz ein Programmpunkt unter vielen in einer weltlichen Großveranstaltung.

Erdogans Wähler stelle ich mir so vor wie die Besucher in Konyas Kulturpalast. Fraglos fromm, traditionell in Erscheinung und Weltbild, konservativ im Denken und Empfinden. Und wenig aufmüpfig, weil Teil eines unverrückbaren Systems, autoritär und hierarchisch. Sie tragen dieses System, sind seine Stützen. Und damit weit entfernt von der inneren Freiheit und Unabhängigkeit wahrer Mystiker. Tröstlich allein, dass die Zeremonie überlebt hat. Und ein klein wenig subversiv wirkt, wenn sie ihre zahlreichen Zuschauer trotz des unwürdigen Ambientes in ihren Bann schlägt. Sich von Konyas Popcorn-Sema mitreißen lassen, ihren Rhythmus aufnehmen, ihr gebannt folgen: Das ist Mystik light im Schnupperpaket. Und damit mehr als eine Bruderschaft im Verborgenen erreichen könnte, grinse ich in mich hinein.

Und doch bin ich niedergeschlagen auf dem Rückweg vom Kulturzentrum. Wenn es das gewesen sein sollte mit dem Sufismus im 21. Jahrhundert, dann hätte Atatürk ganze Arbeit geleistet. Der Mevlevi-Orden mag einen subversiven Weg des Eigenerhalts gefunden haben und seine heiligen Zeremonien gerettet, indem sie scheinbar zum öffentlichen Spektakel wurden. Aber als gesellschaftliche Kraft von Belang, die die herrschende Kultur auf inspirierende Weise in Frage stellt, wirken die Ordensbrüder nicht. Mit großem Glück gelingt mir dann aber doch ein kurzer Einblick in eine Art Hinterhof-Sufismus, den kein Fremdenverkehrsbüro einem ans Herz legen würde.

Hintertreppen-Mystik, oder: Die unerwartete Dikhr

Das Ladengeschäft ‚Dervish Brothers Center‘ wirkt von außen wie ein weiterer der zahllosen Souvenirläden in Konya, die ein Stück vom Rumi-Kuchen abhaben wollen. Aber hinter dem Geschäftsnamen, der scheinbar auf ausländische Konsumtouristen abzielt, verbirgt sich tatsächlich eine Art Bruderschaft. Empfohlen hatten es mir zwei australische Backpacker, die ich bei der kommerziellen Derwisch-Vorführung am Nachmittag kennen gelernt hatte. „Dervish Brothers“, das sei “the real thing!“, wurde mir nahegelegt.

Der Laden ist sein eigener Kosmos. Hier Inventur zu machen, dürfte eine Lebensaufgabe sein. Bis zur Decke ist das Geschäft mit Kruscht und Krempel vollgestopft. Selbst das Wanddekor hat mehrere Schichten: Handgeknüpfte Teppiche als Grundierung. Darüber hängen Plakate, Wasserpfeifen, Fayencen, gerahmte Kalligraphie, Rumi-Portraits. Auf den kreuz und quer durcheinander stehenden Rattanregalen finden sich Sufi-Literatur, Töpferarbeiten, Musikinstrumente, Kopftücher und Ethno-Klamotten. In den Glasvitrinen lassen sich Steine, Kristalle, Talismane, Schmuckstücke, Handschmeichler, Gebetsketten und andere Kleinodien bestaunen. In der hinteren Ecke hocken Musiker rund um einen niedrigen Tisch. Sie trinken Tee, stimmen Saz und Oud, trommeln sich ein.

Als sie zu spielen beginnen, springen zwei Frauen spontan auf. Sie beginnen, sich langsam um die eigene Achse zu drehen. Ganz nach Derwisch-Art. Alle Anwesenden wirken wie eine verschworene Gemeinschaft, der es letztlich egal ist, ob sich Kunden in den Laden verirren oder nicht.

Hier treffe ich Üzeyir Özyurt, der sich selber „Sufi-Professor“ nennt. Tatsächlich ist er so eine Art Sufismus-Koryphäe. Die Expertise hat er sich selber draufgeschafft. Und gut vermarktet: Er ist gern gesehener Talkshow-Gast zum Thema Mystik. Özyurt gehört das „Dervish Brothers Center“. Ich frage ihn, ob der 17. Dezember heute noch mehr ist als der Stichtag für ein Touristenspektakel. „Oh, ja“, antwortet Özyurt. „Es ist die Hochzeitsnacht von Mevlana Dschellaledin Rumi. „Seb-i-Arus“, als er starb und in der Ewigkeit wiedergeboren wurde, auf dem Pfad Gottes. Er selbst nannte es seine Brautnacht, „Seb-i-Arus“ (sprich: Schebbi Aruss).

Diese Reportage stammt aus Sebastians Buch

Liebe oder tot

Alle seien eingeladen mitzufeiern. Jede Nation, jede Religion sei willkommen. „Nur die Liebe im Herzen zählt“, sagt Özyurt, ganz wie Rumi es lehrte. „Wir verehren Gott und die Liebe. Rumi leitet uns dabei an!“ Das Prinzip sei einfach und ungeheuer kompliziert zugleich: „Viele Leute leben auf dieser Welt, ohne je wahrhaftige Liebe zu erfahren“, klagt Üzeyir Özyurt. „Für uns sind das Tote! Wenn Du Dich verliebst, dann wirst Du wiedergeboren, für die Ewigkeit. Und Du spürst, dass Du am Leben bist. Allein die Liebe verleiht Dir Lebensenergie!“ Immer wieder streut er ein langgezogenes „Huu!“ ein, das er den Atem des Lebens nennt. Im Sufismus ist Hu ein Synonym für Gott. Wie das englische „He“, ER. Oder Hu ist ein verstärkendes Beiwort, wie in Allah Hu, das in so vielen Sufi-Liedern und Gedichten vorkommt. Allah Hu bedeutet so viel wie „Gott selbst“.

Dem schwärmerischen Sufi-Professor verdanke ich dann auch den entscheidenden Hinweis. Leicht zögerlich empfiehlt er eine Sufi-Zeremonie, die irgendwann später am Abend stattfinden soll. Eine Dhikr, ein rituelles Gottgedenken, wie es Sufis und Derwische seit dem 8. Jahrhundert pflegen. Auf ein Papierchen kritzelt er eine Adresse, die in einer der dunklen Altstadtgassen liegt. Die Suche nach dem Ort der Dhikr entpuppt sich als gar nicht so einfach. Ich stehe in einem spärlich beleuchteten Sträßchen vor einem abgeranzten Haus. Und weiß zunächst nicht, wohin. Die Adresse stimmt. Aber nichts deutet darauf hin – kein Hinweis, kein Namensschild -, dass hier im Hinterhaus Dutzende von mystisch-angehauchten Gleichgesinnten zusammen gekommen sind, zu einem archaischen Ritual, zu Ehren Rumis, an dessen Todestag. Ich fasse mir ein Herz und trete ein.

Das Licht in dem abgedunkelten Raum ist so schummerig, dass sich meine Augen erst daran gewöhnen müssen. Schon auf der Gasse, vor der Tür, war gedämpft der rhythmische Sprechgesang der Teilnehmer der Sufi-Zeremonie zu hören. Es war nicht ganz einfach, sich überhaupt in den Raum vorzukämpfen. Im Takt des Sprechgesangs werfen die Teilnehmer ihre Köpfe und Oberkörper vor und zurück, immer wieder vor und zurück, in einem monotonen Rhythmus, der sie in Trance versetzt. Ein Vorsänger, den ich erst ganz allmählich in den Tiefen des Raumes ausmachen kann, gibt Melodie und Verse vor.

Sich dem Rhythmus hingeben

Die Wände des langgestreckten Raumes sind mit Teppichen behängt. Am anderen Ende sitzen die Würdenträger oder Altvorderen. Sie hocken im Schneidersitz am Boden und spielen Saiteninstrumente oder Trommeln. Sie haben lange Bärte, tragen orangefarbene Turbane und weite Gewänder mit Westen darüber. Vielleicht sind sie moderne Sufi-Meister. Zwei jüngere, ganz ähnlich Gekleidete laufen in der schmalen Gasse auf und ab, die die Singenden und sich vor und zurück Wiegenden in der Mitte des Raumes gelassen haben. Diese jüngeren Sufis stacheln die Menge an, zu skandieren und sich dem Rhythmus hinzugeben.

Mystik ist Trance. Gott nähert man sich in einem anderen Bewusstseinszustand. Eine Art kollektiver Rausch hat den Raum ergriffen. Einer der Anheizer ist ein baumlanger Kerl, etwas mondgesichtig mit schwarzumrandeter Hornbrille. Sein zottiger schwarzer Vollbart und sein halblanges, struppiges Haar quellen unter dem Turban hervor. Neben ihm dreht sich ein ähnlich Gekleideter in Derwisch-Manier, gegen den Uhrzeigersinn und in endlosen Kreisbewegungen. Dann stehen auch andere, europäisch gekleidete Teilnehmer auf und versuchen sich ebenfalls an einer improvisierten Eigenvariante des Wirbeltanzes. Kaum zu glauben, dass der heillos überfüllte Raum überhaupt noch Tanzfläche öffnen kann. Die Menge skandiert: ‚La-Ilaha-Ill-Allah, hu‘ – es gibt keinen Gott außer Gott.

Anfänglich befremden mich der monotone Gesang und das ekstatische Wippen. Ich denke an einen satanistischen Kult, der sich in rasender Trance zu Dingen hinreißen lässt, die kein Einzelner je für sich für möglich gehalten hätte. Auffällig viele Westler sind mit dabei. Darunter das australische Traveller-Pärchen, das ich am Nachmittag bereits bei der Derwisch-Showeinlage kennengelernt hatte. Auch auf die beiden war der Funke der Ekstase übergesprungen und sie hatten sich dem archaischen Trance-Tanz hingegeben. Die Australierin war nicht die einzige Frau, im Gegenteil.

Frauen willkommen

Von der harschen Männerdominanz eines Steinzeit-Islam sind wir hier Welten entfernt. Die anwesenden Frauen sind so ziemlich das Gegenteil der Traditionalistinnen vom Kulturpalast mit ihren Kopftüchern und bodenlangen Röcken. Das Trance-Ritual hat so eine durchaus moderne Anmutung. Überraschend jung sind die Teilnehmer. Von der Kleidung und Aufmachung her wirken sie eher wie Hippies auf mich, die auf dem Weg nach Goa hier hängen geblieben sind.

Atatürk und Erdogan wären sich sicher einig in ihrem Entsetzen über den Hinterhof-Sufismus von Konya. Atatürk, weil das Kultische überlebt hat. Und Erdogan, weil dies nichts mehr mit staatstragender AKP-Frömmigkeit zu tun hat. Auch der strenge Formalismus der Sema-Vorführungen, ihre klösterliche Ernsthaftigkeit und choreographische Disziplin, gehen der Trance-Séance von Konya völlig ab. Sie wirkt spontaner, impulsiver und damit subversiver auf mich. Auch nicht so elitär wie die Tanzspektakel der Initiierten. Demokratischer. Eine subkulturelle Nische, die im Halbdunkel überlebt. Diese Hintertreppen-Mystik ist mehr noch als die getarnten Sufi-Rituale in den Museen und Kulturzentren eine Provokation. Ein Infragestellen sowohl von Erdogans autoritärer Einheitskultur als auch der militanten Fundamentalisten.

Islamistische Hardliner hassen Tanz und Musik, Vergnügen und Genuss. Toleranz, Pluralismus und Friedfertigkeit der Sufis waren ihnen von jeher ein Dorn im Auge. Auch politische Führer, die sich und ihre Herrschaft religiös begründen, eine Art göttlichen Auftrag reklamieren, haben in den Mystikern von jeher eine Bedrohung gesehen. Gehorsame Gläubige am Gängelband einer autoritären Priesterkaste sind berechenbarer. Und damit beherrschbarer. Mystiker jedoch, die den direkten, unvermittelten Zugang zu Gott suchen, die nur IHN als Autorität anerkennen und ihre eigenen Rituale und Zeremonien kreieren, sind ihnen suspekt. Mystiker gelten ihnen als Anarchisten, die sich nicht an weltliche Ordnung gebunden fühlen. Ein zarter Hauch dieses Geistes weht noch immer durch Istanbul und Konya.

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