Ranch der Leidenschaften

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Unser Autor Markus Huth wollte auf einer Pferderanch in Bulgarien aushelfen und das Cowboy-Handwerk lernen. Am Ende war er froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.

Hallo« zum Beispiel.
Oder: »Hey, ich bin …«
Was halt so gesagt wird, wenn man jemanden zum ersten Mal trifft. Ich war eben auf einer Pferderanch in Bulgarien angekommen, wo ich nur diesen dürren, bleichen Mann angetroffen hatte, der auf einer rostigen Blechtonne seine Suppe schlürfte. Er sah aus wie ein Junkie, der seine zerlöcherte Kleidung in jener Tonne gefunden hatte.»Ich Pferd nicht gestohlen«, begrüßte mich der Unbekannte.
Das Englisch brüchig, der Akzent osteuropäisch: »Karol mir Pferd schon geschenkt. Warum ich stehlen eigenes Pferd? Wo ist Sinn?«
Neben ihm lag ein Gewehr.
Mit glasigen blauen Augen sah er mich an.
Sprach er mit mir?
»Äh … okay. Und wer bist du?«, fragte ich.
Erst jetzt stellte sich der kränkliche Dürre vor.
»Lika.«
Was für ein seltsamer Ort.

Ich war gekommen, um das Reiten und den Umgang mit Pferden zu lernen. Ein Kindheitstraum, seit ich Winnetou und Old Shatterhand durch die TV-Prärie galoppieren sah. Und günstiger als auf dieser Wild-West-Ranch in Bulgarien ging das kaum. Gefunden hatte ich das Angebot im Internet, auf der Volunteer-Webseite workaway.info: Im Tausch gegen Kost, Logis und Pferdewissen wollte ich einen Monat lang aushelfen.
Quasi als Cowboy in Ausbildung.

Doch jetzt saß ich hier neben dem Tonnen-Junkie verloren neben meinem Rucksack. Die Szenerie hatte was von Postapokalypse.
Weit und breit keine Zivilisation. Nur rundliche Berge, Gras, Matsch, Felder und Wälder, über allem der blaue Himmel.
Eigentlich auch ganz idyllisch, beruhigte ich mich innerlich.

Hexenhaus und Nomaden-Lager

Hinter uns stand ein Haus wie das der Märchenhexe Baba Jaga.
Ein aus Holzlatten gebauter Kasten, das Dach wie ein Pilz geformt mit einer weißen Plastikplane darüber. Es hätte mich nicht überrascht, wenn das Haus gleich auf langen Hühner-Beinen aufstehen und den Rest dieser Ranch mitnehmen würde.

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Die Ranch samt Hexenhaus. Foto: Markus Huth

Denn auf dem fußballfeldgroßen Gelände war alles mobil.
Alte Campingwagen gilbten vor sich hin, dazwischen spinatgrüne Armeeanhänger und Pferdetransporter, Zelte, ein Mähdrescher, ein Traktor sowie allerhand Blechtonnen, Plastikplanen und Schrott.
Äxte steckten auf einem Baumstumpf.
Solarmodule auf Europaletten knirschten »Off-Grid« statt »Hightech«, und dicke schwarze Stromkabel hangelten sich von Anhänger zu Anhänger.
Kurzum: Hier sah es mehr nach fahrendem Volk als Pferderanch aus. Allein ein großer umzäunter Kreis in der Mitte von allem ließ erahnen, dass hier auch geritten wurde.

»Ist das dein Gewehr da?«, fragte ich den Nicht-Pferdedieb.
Verwirrt schaute er von seiner Suppe auf.
»Das? Nein, ist Karol. Er schießen auf Hühner.«
Aha.
Ich wusste nicht, ob mich diese Antwort beruhigte.
Und wer war überhaupt dieser Karol?
In diesem Moment öffnete sich die Tür im Hexenhaus.
Ins Freie trat eine junge Frau. Anfang dreißig, hochgewachsen, athletisch, die brünetten Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Mit ihren blauen Jeans, rot-weiß kariertem Hemd und braunen Lederstiefeln sah sie aus wie ein Cowgirl aus der Werbung.

»Wir hatten geschrieben. Ich bin Amelia. Hier, iss erst mal was«, sagte sie in gutem Englisch, der osteuropäische Akzent sehr weich.
Sie stellte mir eine Schale Kartoffelsuppe auf den Tisch und verschwand wieder im Hexenhaus. Während ich auslöffelte, erzählte mir Lika ungefragt von seinen schönsten Drogenerfahrungen (Ayahuasca-Sud bei einem Schamanen) und in welchen Ländern man am besten schwarz mit dem Zug fahren könne (Italien).
Irgendwann kam Amelia wieder raus.
»Komm mit, ich zeig dir dein Bett.«

Nach einem kurzen Spaziergang durch das Nomaden-Lager stoppten wir vor dem etwa zehn Meter langen, grünen Anhänger, der noch die kyrillische Beschriftung der bulgarischen Armee trug. Drinnen war es eng und finster. Sechs Pritschen lagen übereinander, darauf allerlei Krams. Messer, Sättel, Wolldecken, Kissen.
Ich zwängte mich hinter Amelia durch den engen Gang.
»Du kannst hier schlafen«, sagte sie schließlich.
Wir standen in einer kleinen Hinterkammer im Anhänger, mit nichts drin außer einer Matratze auf dem Boden.
»Du hast Glück«, fand das Cowgirl.
Denn ich könne meine Zelle durch eine Schiebetür schließen und hätte damit Privatsphäre. Und dank eines von der Decke baumelnden Kabels sogar Strom. Während ich auf dem Boden nach einer freien Ecke für den Rucksack suchte, hörte ich sie noch rufen: »Ruh dich aus, dann komm zum Haus.«
Erschöpft fiel ich auf die Matratze und zweifelte daran, dass das hier alles eine gute Idee war.

Diese Reportage stammt aus Markus‘ Buch
„Mit 80 Viechern um die Welt“


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Meet the Gang

Als ich wieder aus meiner Zelle kroch, rollte bereits die Abenddämmerung über die bulgarischen Berge. Pferde und Kühe grasten auf weiten Koppeln.
Vor dem Hexenhaus, das nur die Ranchküche beherbergte, saßen vier Gestalten um einen Holztisch herum. Nur eine davon war weiblich.
»Das ist unser neuer Azubi-Cowboy«, verkündete Amelia in die Männerrunde.
Die Atmosphäre war seltsam angespannt.
Ein Typ in gefleckter Militärjacke grinste mehrdeutig und schwieg, den schwarzen Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen. Ich verbuchte seine Erscheinung unter »schweigsamer Soldaten-Cowboy«.
Dann knurrte jemand ein »Willkommen«, das eher nach »Verpiss dich« klang.

Es kam von einem bulligen Typen, ebenfalls mit Cowboyhut auf dem Kopf. Das war Karol, dem das Gewehr gehörte und der anscheinend gerne auf Hühner schoss. Anders als der Soldatencowboy zog er den Westernstil mit Lederweste und Fransenhose komplett durch.
Nur einer schien hier Manieren zu haben.
»Hey, nett dich kennenzulernen, ich bin Tony«, sagte der schmucke Mann neben Amelia. Dem Akzent nach ein Italiener. Tony war der Einzige hier, der keinem Western entsprungen schien. Er präsentierte seine muskulösen Arme in einem ärmellosen Shirt, trug Shorts und eine weiße Baseballmütze.
Als ich mich nach Lika erkundigte, knurrte Karol nur abfällig. Der habe ein Pferd gestohlen, außerdem sei ein Skoda aus dem Nachbardorf verschwunden.
»Der dumme Junkie braucht wieder Drogen«, bellte er.
Jedenfalls sei Lika zu einem Schamanen im Wald gegangen und brauche sich hier nicht mehr blicken lassen.

Amelia wechselte das Thema und beantwortete meine neugierigen Fragen.
Die Wild West Ranch gehörte ihr und dem bulligen Karol, mit dem sie verheiratet war. Das Ehepaar besaß vierzig Pferde, vorwiegend von den Westernrassen »American Quarter Horse« und »Paint Horse«, ebenso viele Kühe, dreißig Schafe, zweiundzwanzig Enten, siebzehn Truthähne, fünfzehn Hühner, zehn Schweine, acht Kaninchen, einen Raben, eine Ziege und ein Maultier.
Dann gab es noch die Hunde.
Schon bei meiner Ankunft wäre ich beinahe über einen der plüschigen Welpen gestolpert. Sechs Stück von der Rasse Kaukasischer Schäferhund, dazu zwei ausgewachsene Exemplare, die an Bernhardiner erinnerten. Vervollständigt wurde das Rudel mit zwei hyperaktiven Jack-Russel-Terriern.

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Überall tollen plüschige Hunde herum. Foto: Markus Huth

»Und jetzt trink«, sagte Karol und schob mir ein gefülltes Glas Wodka über den Tisch.
Und noch eins. Und noch eins.
Als es bereits stockduster war, sagte Amelia: »Wir treffen uns morgen früh um sechs vor deinem Anhänger.«
Dann gab sie mir noch ein Buch über Pferdedressur in die Hand und schickte mich unter dem funkelnden Sternenhimmel in den Armeeanhänger.
»Gute Nacht.«

»Der Platz zwischen den Ohren eines Pferdes ist begrenzt.«

Doch an Schlaf war nicht zu denken, mir schwirrte der Kopf vom Wodka. Also nahm ich in meiner Zelle Taschenlampe und Pferdebuch in die Hand.
»Respekt und Kontrolle bei Westernpferden erreichen« stand auf dem Titel. Geschrieben vom australischen Modellcowboy Clinton Anderson, dessen perfekt rasiertes Gesicht mich von unzähligen Fotos angrinste.
Ich las: »Der Platz zwischen den Ohren eines Pferdes ist begrenzt.«
Was zur Hölle war das denn?
Hör mal zu, Clinton Anderson, tobte ich im Wodkarausch, der Platz zwischen DEINEN Ohren ist wohl begrenzt!
Wie konnte er es wagen! Schließlich wäre die Menschheit ohne Pferde heute nicht da, wo sie ist.
Das nur einmeterzwanzig hohe Urpferd war vor etwa zwölftausend Jahren in Zentralasien von Menschen gezähmt worden. Ohne Pferde hätte der Mensch die Welt nicht erobert.

Schließlich beruhigte ich mich wieder.
Genau genommen hatte Mustercowboy Anderson ja auch recht: Schließlich ist der Platz zwischen allen Ohren naturgemäß begrenzt, unabhängig vom Lebewesen. Er wollte auch einfach nur sagen, dass Pferde Beutetiere sind und instinktiv vor so ziemlich allem Angst haben. Es tat vor allem zwei Dinge: wegrennen oder fressen.
Der Mensch müsse dem Pferd das Denken beibringen. Es an unbekannte Situationen gewöhnen. Ihm die Angst nehmen. Ein typischer Fehler sei es, meinte das Buch, Pferde allein mit Belohnungen gefügig machen zu wollen. Etwa einer Karotte. Genauso falsch sei es aber, das Tier so hart zu bestrafen, dass es Angst vor einem hat.
Der richtige Weg liege in der Mitte. Quasi die Zuckerpeitsche.
So etwas Ähnliches steht wahrscheinlich in jedem Handbuch für menschliche Führungskräfte.

Ich erwachte vom Hämmern an meine Hängertür.
Mist, verschlafen, es war bereits nach sechs. Müde kletterte ich die Metallstufen hinunter ins kalte Freie. Farblose Berge blockierten die Dämmerung und hielten die Sonne auf Abstand. Vom Gras tropfte Tau und machte den Boden matschig.
»Zieh die an«, sagte Amelia und warf mir Gummistiefel vor die Füße.
Ffffft, Ffffft, Ffffft folgte ich ihr durch den braunen Matsch.
Einige Meter hinter meinem Anhänger verrotteten Kästen aus Europaletten und Maschendrahtzaun im Gras. Das waren Gehege für die Tiere.
Meine neue Chefin wies mir die Kaninchen und Truthähne zu, deren Fütterung ab sofort meine Aufgabe war.
Immer noch müde trug ich einen Eimer Körner zu den schwarz-grauen Vögeln mit den pinken Hautlappen am Hals. Siebzehn fast ausgewachsene Tiere drängten sich auf vier Quadratmetern und gurrten gierig.
Für die Kaninchen drückte mir Amelia eine Sichel in die Hand. Damit streifte ich über die angrenzende Wiese, schnitt hohe Grasbüschel ab und legte sie den pelzigen Löfflern ins Gehege.

Als ich fertig war, führte mich Amelia einen Wiesenhang hinunter, über einen kleinen Bach, durch ein kleines Wäldchen, auf eine Weide. Dort grasten schwarze und braune Kühe.
»Muuuuhhhh«, rief das Cowgirl laut.
Eine bauchige braune Kuh antwortete: »Muuuuhhhh«, und kam gemütlich auf uns zugelaufen.
»Siehst du das Seil um ihren Hals? Nimm es.«
Anschließend führten wir die Kuh zurück auf die Ranch. Dort zog Amelia eine mobile Melkmaschine unter einer Plane hervor, stöpselte das Euter an einen Schlauch und drückte den Startknopf. Schubweise pumpte die Maschine weiße Milch in einen Eimer. Als er voll war, brachten wir die Kuh wieder den Hang hinunter und ließen ihre beiden Kälber aus einem Gehege, damit die auch noch etwas Milch nippeln konnten.
»Das machst du jeden Morgen«, befahl Amelia.
Und so begann mein Ranchalltag.

Zuckerbrot und Peitsche

Und was war mit Pferden?
Schließlich war ich nicht zum Melken hergekommen.
Doch auch nach drei Tagen hatte ich Pferde nur aus der Ferne gesehen.
Ich vermutete, dass ich zunächst die Theorie aus dem Buch zu pauken hatte. Zuckerbrot und Peitsche und so weiter.
Zumindest eines hatte ich schon gelernt: Hier auf der Ranch war Amelia das Zuckerbrot. Sie hatte immer ein paar Karotten in der Hand, wenn sie zu den Pferden ging. Außerdem bekochte sie uns »Volunteers« und hatte ab und zu sogar mal gute Laune.

Karol war hingegen die Peitsche.
Erst gestern hatte er eine braune Stute so an einen Baum gebunden, dass sie weder grasen noch liegen konnte. Als Strafe, weil sie gebockt hatte. Einen ganzen Tag musste das Tier so ausharren.
»Erziehung muss sein. Was weißt du schon von Pferden?«, hatte er nur gezischt, als ich vorsichtig Mitleid für das Tier geäußert hatte.
Ich kümmerte mich derweil weiter um Kaninchen, Truthähne und die Kuh. Eines Morgens beim Melken erzählte mir Amelia ihre und Karols außergewöhnliche Lebensgeschichte.

Die beiden stammten nicht aus Bulgarien, sondern aus Polen.
Dort hatten sie ein Leben geführt, dass sich von ihrem aktuellen krass unterschied. Die Frau, die mich morgens um sechs mit schlammigen Gummistiefeln aus dem Armeeanhänger klopfte, hatte in Warschau als Model gearbeitet und hochhackige Schuhe zu delikaten Kleidchen getragen.
Und Karols bulliger Körper war nicht in fransigen Cowboyoutfits herumgelaufen, sondern in maßgeschneiderten Anzügen. Er hatte als Broker an der Börse Millionen verdient. In Warschau hatte das Paar in einer luxuriösen Eigentumswohnung residiert, in schicken Restaurants gegessen und in elitären Nachtclubs gefeiert.

Nie hätte ich geahnt, wie die Wahrheit aussehen würde

Hier auf der Ranch hausten sie in einem hölzernen Westernwohnwagen mit Bullenschädel über der Tür.
»Warum lebt ihr jetzt hier?«, fragte ich Amelia.
»Wir wollten ein anderes Leben, raus aus der Stadt. Und wir beide lieben Pferde«, antwortete sie.
Vor sieben Jahren hätten sie in Polen alles verkauft und dafür in Bulgarien Land für die Ranch erworben, dazu Pferde sowie Land- und Baumaschinen, Anhänger und Wohnwagen. Auch wenn hier alles nach Zigeunerlager aussah, hatte alles einen Wert jenseits von einer Million Euro.

Vom urbanen Luxusleben in die Pampa?
Ich spürte, dass Amelia mir nicht alles erzählte.
Und warum ausgerechnet nach Bulgarien?
Nie hätte ich geahnt, wie die Wahrheit aussehen würde.

Doch zunächst Pferde. Endlich.
Eines Morgens nach dem Kuhmelken galoppierte Tony auf einer grauen Stute an mir vorbei. Lässig saß er ohne Sattel auf ihrem Rücken und trug nichts außer Shorts. Sein muskulöser Arm ließ eine Peitsche knallen und trieb damit die Kühe von einer abgegrasten Wiese auf eine neue.
Tony sah aus wie eine Wirklichkeit gewordene Sexfantasie aus einem Frauen- oder Schwulenmagazin.
Amelia lächelte ihm hinterher.

»Ich würde auch gerne reiten«, störte ich.
»Dann ist heute dein Tag«, lachte sie.
Es war Wochenende, und die Ranchkunden kamen aus der Stadt, um zu reiten und sich im Wohnwagen vom Großstadtleben zu erholen.
Das bedeutete, dass zehn Pferde von der Koppel geholt, gesäubert und gesattelt werden mussten.
Tony kümmerte sich schon um alles. Aber ich durfte mit ausreiten. Voller Vorfreude tanzte ich mit den hyperaktiven Jack Russell Terriern im Gras herum.

Wo ist Wesna?

»Geh und hol Wesna, die ist gutmütig und perfekt für Anfänger«, sagte Amelia.
Kurz darauf befand ich mich voller Vorfreude auf dem Weg zu meinem Pferd. In den Händen ein Seil und drei Möhren. Ich lief den grünen Hang hinunter, über den Bach, durchs Wäldchen, vorbei an den Kühen, auf die weite Koppel. Ein zwanzigminütiger Fußmarsch durch hohes Gras.
Dunkelbraun mit einem weißen Fleck auf der Stirn, so hatte Amelia meine Stute Wesna beschrieben.

Bald sah ich eine Herde inklusive einiger Fohlen oben auf dem nächsten Hügel grasen. Als ich mich näherte, hoben die Rösser mit aufgestellten Ohren die Köpfe und starrten mich an.
Was hatte das Pferde-Buch noch gleich gesagt?
Ach ja, Pferde sind Beutetiere und werden bei jeder Lageänderung sofort nervös. Also blieb ich ein paar Meter vor ihnen stehen, sodass sie sich an mich gewöhnen konnten.
Erst als alle wieder entspannt grasten, rief ich: »Wesna!«

Was nicht im Buch stand: Pferde reagieren nicht auf Namen.
»Wesna!«
Fehlanzeige.
Dafür trabten nun gleich zwölf große Tiere auf die Möhre an meinem ausgestreckten Arm zu. Drei davon hatten einen weißen Fleck auf der Stirn, eins braun, eins dunkler und eins fast schwarz.
Mist, was genau verstand Amelia unter Dunkelbraun?
Während ich noch überlegte, sah ich auf dem nächsten Hügel eine weitere Gruppe Pferde.
Vielleicht war meine Stute dort?
Auf gut Glück und aus Faulheit entschied ich mich für eine der potenziellen Wesnas vor meiner Möhre, knotete das Seil an die Geschirrschlaufe unter ihrem Maul und marschierte mit dem Pferd den ganzen Weg zurück zur Ranch.

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Wesna? Foto: Markus Huth

Dort schimpfte Amelia: »Das ist doch nicht Wesna!«
Die anderen Pferde warteten bereits fertig gesattelt an Holzbalken gebunden. Die gestressten Städter hatten ihre Wohnwagen bezogen und freuten sich in Jeans und Lederstiefeln auf den Ausritt.
Nur ich stand mit dem falschen Gaul da.
Na toll.
Ein neuer Wesna-Versuch würde wenigstens eine Dreiviertelstunde dauern.
»Kein Problem, ich hol sie dir«, rief der schöne Tony, schwang sich elegant auf sein graues Ross und galoppierte Richtung Koppel.
Fünf Minuten später kehrte er unter triumphierendem Hufgeklapper mit Wesna im Schlepptau zurück.
Mit geübten Handgriffen bürstete er der Stute den Rücken, warf eine Decke darüber und schnallte ihr einen Ledersattel um.
»Da, steig auf«, sagte er mit einem Lächeln.
Ich war zugleich dankbar, neidisch und blamiert.
Ein Aushilfscowboy, der nicht mal sein Pferd fand.

Endlich Reiten

Wenig später war aller Ärger vergessen.
Ich saß fest im Sattel und trabte Amelias blonder Stute hinterher. Den Wind um die Nase, auf dem Kopf einen Cowboyhut – zum Schutz vor der Sonne und weil es einfach cool aussah. Ich versuchte mich an dem guten Reitstil, den mir das Cowgirl erklärt hatte: rhythmisch das Becken im Takt des Trabes zu heben und zu senken. Allerdings war das auf die Dauer recht anstrengend. Bald lungerte ich träge im Sattel, was mit einem noch tagelang schmerzenden Hintern bestraft wurde.
Hinter mir in der Kolonne folgten Tony sowie drei reiterfahrene Städter auf braun-weiß gescheckten Paint Horses. Eine klassische Westernrasse aus Nordamerika, muskulös und schnell, bei der man sofort an Cowboys und Indianer denkt.

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Reiten in Bulgarien. Foto: Markus Huth

An diesem sommerlichen Nachmittag roch es nach Freiheit.
Von der Ranch hatte uns ein Feldweg in die Berge geführt, einige Kilometer vorbei an goldenen Weizenfeldern, bis wir schließlich einen Wald erreichten. Verfolgt wurde unsere Kolonne von zwei furchtlosen Ponys,  die aus ihrer Koppel ausgebüxt waren, um der Langeweile zu entgehen. Im Schatten hoher Eichen prallten die Hufe auf den steinigen Pfad.
Bald teilte sich die Reitgruppe.
Amelia führte unseren Trupp – und Karol den zweiten auf einer anderen Route. Einige Pferde verstanden sich nicht miteinander, begründete Amelia. Vor allem die Hengste in Karols Gruppe würden schnell Streit beginnen, was für die Reiter mit Tritten oder Abwurf enden konnte.

Oder waren es Amelia und Karol, die sich nicht verstanden?
Zwar war ihr Leben auf den ersten Blick ein filmreifer Naturtraum mit Pferden. Doch der Schein trog. Das Ehepaar stritt sich täglich, lautstark und auf Polnisch. Meist wegen etwas, was Amelia in seinen Augen falsch gemacht hatte.

Noch nie war mir ein Mann so jähzornig wie Karol begegnet.
Nach einem Streit war er oft besonders ruppig mit den Tieren.
Doch egal ob Streit oder nicht: Man sprach Karol besser nie an. Der stiernackige Kerl mit dem runden Panzerknackergesicht und der blonden Stoppelfrisur schien immer kurz vor der Explosion zu stehen. Entsprechend beunruhigend fand ich, dass auf der Ranch überall Äxte, Peitschen, Kettensägen und Gewehre herumlagen.

Die Affäre

Amelia hingegen schien stets niedergeschlagen.
Sie strahlte diese Traurigkeit aus, die man hat, wenn man sich in seinem Leben gefangen glaubt. Nur wenn sie neben einem Pferd stand, lächelte sie. Und neben Tony.
Eigentlich war es offensichtlich, dass die beiden eine Affäre hatten.
Tony kam aus einem kleinen Ort bei Palermo.
Er war sechsundzwanzig und hatte von Kindheit an nur einen Traum gehegt: professioneller Fußballspieler zu werden. Mit achtzehn hatte er es geschafft und spielte als Verteidiger in der italienischen Profiliga – bis eine Verletzung den Traum vorzeitig beendete.
Etwas anderes als Fußballspielen hatte Tony nie gelernt.
Seine Familie war arm. Was sollte er jetzt anstellen?
Tony packte seinen Rucksack und schaute nie mehr zurück.

Seit Jahren schon zog er als Volunteer um die Welt.
Er arbeitete als Cowboy in Montana, als Pflücker auf Plantagen in der Türkei oder als Rezeptionist im Hostel in Costa Rica.
Statt Fußballer war Tony professioneller Weltenbummler geworden.
Vor zwei Monaten schließlich hatte es ihn auf die bulgarische Wild-West-Ranch verschlagen. Tony hatte noch immer die kräftige Statur eines Innenverteidigers, dazu dunkles Brust- und Haupthaar, sanfte braune Augen und immer ein freundliches Lächeln im Gesicht. Er strahlte diese Leichtigkeit des Seins aus, die jemand hat, der nichts besitzt.
Anders als ich schlief der Italiener nicht im Armeeanhänger, sondern in einem kleinen Wohnwagen unten am Bach. Eines Morgens, als ich gerade Gras für die Kaninchen schnitt, sah ich Amelia verschlafen aus Tonys Wohnwagen steigen.

Ich wusste nicht, ob sie mich auch gesehen hatte. Jedenfalls sprachen wir nicht darüber. Ein paar Tage später war es Tony, der reden wollte.
Wir buddelten gerade ein tiefes Loch für einen Brunnen hinter dem Hexenhaus, da sagte er: »Du hast sicher gemerkt, dass ich mit Amelia zusammen bin.«
Die Geschichte klang unglaublich.

Tony zufolge waren die Ranchbesitzer zwar verheiratet. Sie lebten aber in einer Mischung aus offener Beziehung und innerer Scheidung.
Kurz nach seiner Ankunft, berichtete Tony, habe das schöne Cowgirl heftig mit ihm geflirtet, und schließlich seien sie im Bett gelandet.
Um Karol, habe sie ihm gesagt, brauche er sich keine Sorgen machen. Die beiden hätten eine Vereinbarung, dass Sex mit Volunteers erlaubt sei. Oft würden sie Neuankömmlingen sogar erzählen, sie seien Bruder und Schwester.

Welche Abmachung das Ehepaar auch getroffen haben mochte: Die ständigen Streits deuteten darauf hin, dass sie nicht funktionierte. Vielleicht auch, weil Amelia und Tony ihre Affäre immer offener auslebten. Als ich vor zwei Wochen auf der Ranch angekommen war, hatte ich jedenfalls noch nichts von ihrem Verhältnis bemerkt.

Die Zeitbombe tickt

Aber seit ein paar Tagen holten sie gemeinsam Pferde von der Koppel und übernahmen zusammen das tägliche Kuhmelken. Sie lachten sich an und tauschten Berührungen aus. Bald schlief Amelia jede Nacht in Tonys Wohnwagen und versuchte gar nicht erst, es zu verheimlichen.
Und Karols Wutausbrüche wurden häufiger.

Die Stimmung auf der Ranch war angespannt wie ein Seil, an dem zwei Pferde in entgegengesetzten Richtungen zogen. Jeden Abend saßen wir alle zum gemeinsamen Essen am Holztisch vor dem Hexenhaus. Karol, Amelia, Tony, der mysteriöse Soldatencowboy und ich. Meist war Karols Gesicht wie aus Eis. Er aß schweigend und trank ein Glas Wodka nach dem anderen.
Er schien mir wie eine Zeitbombe, die der Explosion entgegentickte.

Ich hatte jedenfalls keine Lust, in die stürmischen Wellen dieses Liebesdramas zu geraten. Stattdessen verbrachte ich mehr Zeit mit dem schweigsamen Soldatencowboy. Er hieß Jan und saß jeden Abend geheimnisvoll am Lagerfeuer, den Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass nur sein hämisches Lächeln im Licht des Feuers flackerte. Es war, als ob er sich über alles und jeden lustig machte. Sogar über diesen Ehestreit.

Jan kam wie die Ranchbesitzer aus Polen.
Er lebte schon über ein Jahr hier.
Gelangweilt vom Leben als Mechaniker in einem großen Autowerk, hatte er seinen gut bezahlten Job gekündigt und zog seitdem um die Welt.
Wie Tony war er ein optischer Mädchentraum: Mitte zwanzig, blondes Haar, glattes Gesicht mit kantigem Kinn und klaren Augen, der Körper schlank und kräftig.
Und, na klar, auch dieser junge Brad Pitt war in das schöne Cowgirl Amelia verliebt. Allerdings unglücklich.

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Der schöne Jan ist unglücklich verliebt. Foto: Markus Huth

Tony hatte mir erzählt, dass der Pole einmal ungefragt nackt zu ihr in die Freiluftdusche hinter dem Hexenhaus gestiegen war. Was immer Jan sich damit erhofft hatte, wurde durch Amelias wütendes Geschrei verhindert.
Seitdem mied der Verschmähte menschlichen Kontakt und verbrachte seine Zeit lieber mit den Schweinen sowie seinem besten Freund, einem kleinen Jack Russell Terrier.
Mir reichte es langsam.

Von Ziegen, Mulis und Raben

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Der Rabe hat Käfigarrest. Foto: Markus Huth

Ich war wegen der Pferde auf die Ranch gekommen und nicht, um einem Beziehungsdrama à la Legenden der Leidenschaft beizuwohnen. Die Tiere schienen ihre Hormone besser im Griff zu haben als das Personal.
Ich beschloss, mich ganz auf meine tierischen Aufgaben zu konzentrieren. Jeden Morgen und Abend fütterte ich die Kaninchen, Truthähne und übernahm von Amelia auch noch die Enten und den Raben.
Ich hatte vorher noch nie einen gesehen, nur die vergleichsweise kleinen Krähen. Der schwarze Vogel im Maschendrahtkäfig war sogar ein Kolkrabe, die größte aller Rabenarten. Er hieß Oskar.
Tagsüber durfte er sich frei auf der Ranch bewegen. Der umtriebige Kerl mit den scharfen Klauen machte den Welpen das Futter streitig, verprügelte mit seinem scharfen Schnabel die Jack Russell Terrier, und einmal riss er ein Babykaninchen aus dem Gehege und fraß es.
Danach erteilte ich ihm zur Strafe Käfigarrest.

Besonders ans Herz wuchs mir die meckernde Ziege, die am Bachwäldchen an einen Baum gebunden graste. Sie war braun-schwarz-weiß gefleckt und hatte himmelblaue Augen. Immer wenn ich ihr einen Eimer Wasser zum Trinken brachte, schmiegte sie sich um meine Beine wie eine verschmuste Katze. Vielleicht aus Dankbarkeit, weil ich sie jedes Mal aus ihrer misslichen Verknotung befreite, in die sie sich beim Kreisen um den Baum gewickelt hatte. Die Ziege fand ich nie allein, sondern stets in Begleitung ihres besten Kumpels: einem blökenden braunen Schaf.

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Auch Ziegen schmusen gerne. Foto: Markus Huth

Derweil blieb meine Beziehung zum Maultier kühl.
Die Mischung aus Pferd und Esel wartete stets misstrauisch direkt am Eingang zur Pferde-Koppel wie ein Türsteher. Einmal schnappte der Muli nach den Möhren, die ich zum Anlocken der Reitpferde mitgebracht hatte.
Und von der Milchkuh möchte ich gar nicht erst reden.
Das vierhundert Kilo schwere Tier war mir – und ich schwöre: mit voller Absicht – auf den Fuß getreten, als ich es eines Morgens von der Weide geholt hatte. Das Maultier hatte alles gesehen und sich köstlich amüsiert.

Dafür aber konnte ich mein Verhältnis zur Stute Wesna stetig verbessern. Nach drei Wochen auf der Ranch erkannte ich sie jetzt sogar am Gesicht. Auch das Satteln klappte inzwischen passabel. Auf der Koppel traute ich mich sogar ganz ohne Sattel auf Wesnas nackten Rücken und trabte im gemächlichen Tempo über die Hügel. Das war der große Vorteil an einer postapokalyptischen Ranch fernab jeder Zivilisation: Wenn mir danach war, konnte ich ungefragt ein Pferd nehmen und einfach losreiten. Das einstige Ostblockland Bulgarien fühlte sich nun tatsächlich an wie der Wilde Westen. Mehr Freiheit ging nicht.

Der Nachteil war: Sollte ich stürzen und halb tot im hohen Gras liegen, würde mich tagelang niemand finden. Falls mich die liebeskranken Rancher überhaupt suchen würden, woran ich meine Zweifel hatte.
Doch alles ging gut, und dank meiner tierischen Freunde war das Ranchleben trotz Liebesdrama wunderschön – bis zu jenem Morgen, als ein dunkles Auto den Feldweg hochgefahren kam. Und herausstiegen Amelias Eltern.

Ruhe vor dem Sturm

Sie waren extra aus Polen angereist, um den anstehenden Geburtstag der Tochter zu feiern. Aber vorher wollten sie noch mit ihr ein paar Tage zum Ausspannen ans Schwarze Meer. Der beliebteste bulgarische Strand lag nur ein paar Autostunden entfernt.
Tony hatte mir schon voller Vorfreude davon erzählt. Denn statt Amelias Ehemann Karol,  würde er mitfahren. Die Tochter fuhr mit den Eltern in den Strandurlaub und nahm den Liebhaber mit, während der Ehemann auf der Ranch zurückblieb? Offenbar waren nicht alle Polen so katholisch, wie ich bis dahin gedacht hatte.
Es gab da nur ein Problem.
Zwar war Mama in Eheprobleme und Affäre eingeweiht.
Doch Papa wusste von nichts.
Eben noch schüttelte er Karol freudig die Hand. Im nächsten Moment warf Tony die Reisetasche in den Kofferraum und stieg mit Amelia hinten ins Auto.
»Fahr los«, raunte die Mutter.
Ob je ein Mensch derart verwirrt geschaut hat?

Als der Sandweg unter dem abfahrenden Auto knisterte, ließ sich Karols Gefühlswelt aus den kalten blauen Augen wie immer nur schwer ablesen. Er sah jedenfalls nicht unzufriedener aus als gewöhnlich.
Nachdem Amelia verschwunden war, setzte er sich an den Tisch vors Hexenhaus und trank ein Bier.
Ich war besorgt.
Denn normalerweise hatte ich mit Karol nicht viel zu tun. Amelia kümmerte sich um die Volunteers. Aber nun würden Jan und ich drei Tage mit ihm alleine sein. Kurz überlegte ich, das Gewehr, die Äxte, die Peitsche und alle anderen waffentauglichen Dinge, die hier frei herumlagen, zu verstecken.

Doch bald zeigte sich, dass meine Sorge völlig unbegründet war.
Die Atmosphäre auf der Ranch entspannte sich.
Ohne Amelia hatte Karol niemanden zum Streiten. Statt polnischer Flüche lagen auf einmal nur noch Pferdewiehern, Schweinegrunzen und Hundebellen in der Bergluft. Ich ging weiter meinen Tiersitteraufgaben nach und genoss die ländliche Idylle.
Und eines Tages hörte ich den finsteren Cowboy doch tatsächlich fröhlich lachen.

Die Neue wider Willen

Ich zertrümmerte gerade mit der Axt Rinderknochen zu Hundefutter (das war sonst Tonys Job), als Karols weißer Opel verfolgt von einer Staubwolke den Feldweg heraufgerast kam.
Mit ihm heraus stieg eine fremde Frau. Sie war kurz, blond und sehr jung.
So aufgekratzt hatte ich Karol noch nie erlebt. In seinem weißen Fransen-Cowboyoutfit sah der zwanzig Jahre ältere Mann aus wie ihr durchgeknallter Vater.

Die Fremde schien seine gute Laune allerdings nicht zu teilen. Eilig zog sie ihren rollenden Koffer in meinen Armeeanhänger. Dort fand ich meine neue Mitbewohnerin, wie sie eine der leeren Pritsche bezog. Sie hieß Sarah, kam aus Wales und wollte für einen Monat auf der Ranch aushelfen.
»Ich liebe Pferde, und die Landschaft ist ja fantastisch idyllisch hier«, schwärmte sie.

Sarah war achtzehn und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Und eigentlich konnte die Waliserin nichts schocken. Sie berichtete mir, wie sie im Krankenhaus mal einen Mann behandeln musste, der kurz zuvor seine Frau im Streit getötet und sich anschließend selbst die Kehle durchgeschnitten hatte. Wenn er auch gestorben wäre, hätte Sarah noch vor Ort routiniert das Fenster geöffnet.
»Damit seine Seele rausfliegen kann. Das ist Krankenhausvorschrift.«

Ich fragte sie, warum sie so verstört aus dem Auto gestiegen war. Daraufhin erzählte die Achtzehnjährige, wie ein bulliger Mann im weißen Cowboykostüm sie eben vom Flughafen in Sofia abgeholt hatte.
Statt direkt zur Ranch fuhr der Fremde mit ihr in eine Bar.
Dort habe er wortlos – Karol sprach kaum Englisch – ein großes Bier getrunken, während die knallharte Krankenschwester es mit der Angst zu tun bekam. Hatten ihre Eltern vielleicht doch recht gehabt?
»Volunteering ist nur was für Lebensmüde. Man sollte sich nie in die Obhut von Fremden begeben«, hatten sie die abenteuerlustige Tochter gewarnt. Erst nach dem Bier war der Cowboy mit ihr zur Ranch gefahren.
»Ist der immer so?«, fragte die Waliserin besorgt, und ich wusste gar nicht, wo ich bei der Antwort anfangen sollte.

Später saßen wir alle zum Abendessen vor dem Hexenhaus.
Karol hatte sogar gekocht: Pasta mit Wodka.
Der liebestolle Pole stellte der jungen Waliserin ein Glas nach dem anderen vor die Nase und befahl Sondaten-Cowboy Jan, seine Obszönitäten zu übersetzen.
»Ich kenne englische Frauen nur aus Pornos«, lachte Karol.
Dann wollte er wissen, ob Sarah noch Jungfrau war.
Sie schlang die Pasta herunter und flüchtete in den Armeeanhänger. Erst als Karol schlafen getorkelt war und ich mit Jan und seinem Jack Russell Terrier allein am Lagerfeuer saß, traute sie sich wieder raus.
Jan grinste wie immer geheimnisvoll unterm Cowboyhut. Dann packte er im Flackern des Feuers aus und erzählte Karols Geschichte.

Wie ich vermutet hatte, war der Umzug des polnischen Paares in die bulgarische Pampa vor sieben Jahren nicht ganz freiwillig erfolgt.
Zwar stimmte es, dass Karol an der Börse viel Geld verdient hatte – allerdings durch Wertpapierbetrug. Zudem war er laut Jan mit der Unterwelt vernetzt und besaß in Polen ein Bordell.
Nachdem der Ermittlungsrichter einen Haftbefehl ausgestellt und Karols geprellte Kunden ihr Geld wiederhaben wollten, tauchte der Banker mit seinem Model Amelia in Bulgarien unter.
Mehrere Jahre lebten sie unbehelligt ihr Westernleben mit Pferden.
Bis eines Tages ein bulgarischer Sheriff auf die Ranch kam und Karol Handschellen anlegte.
»Du machst Witze, er war im Gefängnis? Und ein Zuhälter?«, fragte Sarah schockiert.
Karol, fuhr Jan fort, musste für zwei Jahre hinter Gitter.
Derweil lebte seine Gangsterbraut alleine weiter auf der Ranch. Es war in dieser Zeit, dass Amelia begann, sich nach anderer männlicher Gesellschaft umzusehen. Als Karol aus dem Gefängnis kam, hatte sich seine Frau an ein Leben ohne ihn gewöhnt.

Jedes andere Paar hätte jetzt wohl an Scheidung gedacht.
Doch ihr gesamtes Vermögen steckte in der Ranch und den Pferden. Also arrangierten sie sich, hatten Affären mit ihren Volunteers, und Ex-Bordellbesitzer Karol bestellte sich ab und an Prostituierte in den Westernwagen.
Jan meinte, dass das lange gut funktioniert hätte.
Doch nun war Karol neidisch auf Amelias Glück mit Tony.
Deshalb gebe es gerade so viel Streit.
Alle Hoffnungen, sagte Jan und grinste gehässig zur jungen Waliserin, richteten sich daher auf sie.
»Wenn du was mit Karol anfängst, haben wir wieder etwas Ruhe.«
Der furchtlosen Krankenschwester stand die Angst im Gesicht.
Ein Pferd wäre jetzt panisch weggerannt.

Bulgarien12
Pferdearbeit findet auf der Ranch auch statt: Hufreinigung. Foto: Markus Huth

Unterwegs als Outlaw

Am nächsten Morgen wartete Karol mit dem größten Pferd, das ich je gesehen hatte, vor dem Hexenhaus. Ein graues »Shire Horse«, die größte Pferderasse der Welt.
Die Stute hieß Baronin und überragte mich um einen Kopf.
Das gewaltige Tier zog einen hölzernen Anhänger, auf dem Karol mit den Zügeln in der Hand saß. Neben ihm Jan, wie immer mit einem Grinsen im Gesicht.
»Steigt ein, wir machen einen Ausflug«, sagte der Ex-Häftling und zwinkerte Sarah zu. Wenig später fuhren wir wie in einem Boot auf stürmischer See den unebenen Feldweg entlang.

Vorbei ging es an Weizenfeldern, den Bach folgend, bis zu einem Wäldchen. Die Berge waren golden, der Himmel blau, mit ein paar aufgequollenen weißen Wolken darin. In einem Westernfilm hätten jetzt Indianer angegriffen.
»Nehmt die Kettensägen von hinten«, befahl Karol.
Wir brauchten Holz für Amelias Geburtstagsfeier am nächsten Tag. Zu dem Fest erwartete er über fünfzig Gäste, Kunden und Freunde der Ranch. Die ganze Nacht hindurch sollte ein großes Feuer lodern.
Das Knattern der Kettensägen schreckte ein paar Krähen auf, die vor mir im Baum saßen. Wenig später krachte eine hohe Kiefer ins Gras.

Jan war gerade dabei, einen noch gewaltigeren Baum zu fällen, da schrie Karol: »Runter! Fresse halten!«
Wie ein Sack plumpste ich in den Dreck und erblickte in der Ferne den Grund für die Aufregung.
Einsam patrouillierte ein Polizeiauto verloren auf der Landstraße herum.
Wir fällten hier gerade ohne Genehmigung Bäume, und das war garantiert nicht mal Karols Land. Die Kettensäge in der Hand würde es relativ schwer machen, meine Unschuld zu beteuern. Und mit Karols Vorstrafe würden sie ihn garantiert gleich mitnehmen.
Kollektives Aufatmen als das Polizeiauto immer kleiner wurde und schließlich hinter der nächsten Kurve verschwand. Keine halbe Stunde später zog die Baronin den Anhänger inklusive uns und zwei Kiefern zurück zur Ranch.

Die Nahknasterfahrung war noch nicht mal der größte Schock an jenem Tag. Denn für Amelias Geburtstag war nicht nur ein Feuer geplant.
Sondern auch ein saftiger Braten.
Den Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen, stand Jan in seiner Militärjacke vor mir. Das erste Mal sah ich ihn ohne Grinsen. In der Hand hielt er ein langes Bajonettmesser.
»Komm mit«, sagte Jan kalt.
Ich folgte ihm den Hang hinunter zu dem Wäldchen, wo die …
… nein, das durfte nicht sein.
Nicht die Schmuseziege!
»Meee-eee-eee-eee-e«, meckerte sie uns in Vorfreude auf Gesellschaft entgegen. Sie hatte sich mit dem Seil mal wieder ungeschickt um einen Baum gewickelt. Dumme, dumme Ziege. Als ich sie befreite, schmiegte sie dankbar die Hörner an meine Beine. »Meee-eee-eee-ee!«

Blut im Gras

Jan nahm das Seil, und wir führten die Ziege den Hang hinauf Richtung Hexenhaus, dem Schlachtplatz. Uns folgte aus freiem Willen ihr treuer Freund, das braune Schaf.
Oben angekommen, sagte Jan: »Drück sie auf den Boden und halt sie fest.«
Die blauen Ziegenaugen zwinkerten ahnungslos.
»Nein«, raunte ich, »das können wir nicht machen.«
»Spinnst du? Karol will einen Braten.«
Schweren Herzens erwiderte ich: »Nehmen wir das Schaf, da ist doch eh mehr dran.«
Jan überlegte kurz, zuckte mit den Schultern und meinte: »Okay, aber wenn Karol sauer ist, bist du schuld.«

Dann packte ich das überraschte Schaf an der braunen Wolle und drückte es seitlich zu Boden. Eine Hand am Kopf, die andere am Bauch, meine Knie auf seinen Beinen.
Der letzte Schaflaut war ein tiefes Blöken – dann schnitt der Soldaten-Cowboy ihm die Kehle durch. Das Tier zuckte, die offene Atemröhre röchelte, während tiefrotes Blut auf saftig-grünes Gras floss. Ein dunkles Schafauge blickte mich angsterfüllt an, bevor alles Leben aus ihm entwich.
Sarah musste kein Fenster öffnen, die Seele konnte in den weiten Himmel über uns entweichen. Vielleicht die Schafseele von oben noch, wie ihr früherer Körper auf dieser grünen Wiese zwischen den Bergen langsam ausblutete.
Und was tat die Ziege, während ihr bester Freund neben ihr starb? Sie fraß Gras, so als ob nichts wäre.
»Meeee-eeee-eee-eeee.«
An diesem Abend trank ich fast so viel Wodka wie Karol.

Dann kam der Tag des Festes.
An Amelias dreiunddreißigstem Geburtstag zogen graue Wolken von den Bergen herüber, deren Schatten dunkle Flecken auf die Ranch warfen.
Bald würden die Gäste eintreffen.
Wir Volunteers hatten zur Feier des Tages etwas Ordnung geschaffen, den Großteil des Metallschrotts unter Planen versteckt und die vergilbten Wohnwagen gewaschen. Als Dekoration standen ein paar Pferde herum, und auch die Ziege meckerte feierlich vor sich hin. Sarah schmückte das postapokalyptische Zigeunergelände mit Blumen, ich nahm mir eine der auf dem Gelände herumliegenden Äxte und zerhackte die Kiefern zu Feuerholz, und Jan drehte das gehäutete Schaf über den Flammen.

Gefangen im Dramadreieck

Nur das Wichtigste fehlte: das Geburtstagskind.
War Amelia vielleicht mit ihrem italienischen Liebhaber durchgebrannt? Doch dann kam der dunkle Kombi der Eltern den Feldweg hochgefahren. Das Cowgirl stieg aus und nahm Glückwünsche entgegen.
Als Tony mir beim Holzhacken half, fragte ich neugierig: »Und wie wars am Schwarzen Meer?«
»Besser als beim letzten Mal«, lachte der Italiener.
Vor ein paar Monaten seien sie zu viert mit Karol und einer jungen Volunteer-Gespielin aus Lettland ans Meer gefahren. Karol habe die Frauen gedrängt, sich zu küssen, und dann hatten alle gemeinsam Sex. Im Gegensatz dazu sei Amelias mürrischer Stiefvater das reinste Kinderspiel gewesen.
»Warum machst du das eigentlich mit?«, bohrte ich nach.
»Ich liebe sie so sehr«, hauchte Tony.
Er sei, reflektierte der Italiener, hoffnungslos in einem »Dramadreieck« gefangen, in dem Amelia das Opfer, Karol der böse Wolf und er selbst der strahlende Retter sei.

Pünktlich zum Eintreffen der Gäste brachen ein paar Sonnenstrahlen durch die dunkle Wolkendecke.
Es sah aus wie auf einer Western-Themenparty.
Die Männer trugen Cowboyhüte und die Frauen auch, dazu Jeans und Stiefel. Nur Amelia hatte sich in ein schwarzes Kleidchen gezwängt, das ihren athletischen Körper betonte, in den Händen hielt sie einen Strauß roter Rosen.
Vor dem Feuer mit dem gerösteten Schaf bildete sich eine lange Schlange. Karol stand mit einem großen Messer daneben und verteilte gönnerhaft saftiges Fleisch.
Jan, der die ganze Arbeit gemacht hatte, schmollte etwas abseits.
»Siehst du den Typen da?«, raunte er mir zu, als ein kräftiger Kerl sein Stück Schaf abholte und mit Karol tuschelte. Seine Oberarme waren dick wie Pferdeschenkel, um den Stiernacken hing eine silberne Militärmarke.
»Das ist der Polizist, der Karol festgenommen hat.«
Hä? Warum stießen ein Straftäter und dessen Einbuchter mit einem Bier an?
Kein Krimiautor hätte sich diese Geschichte ausdenken können.

Jan berichtete, dass die Tochter des Beamten an einer Hirnstörung litt. Das Einzige, was ihr half, waren Therapiestunden mit Pferden. Nun seien Karol und der Polizist beste Freunde.
Prost.
Bier, Wodka, Wein und Cocktails flossen in Strömen.
Die Stimmung war ausgelassen.
Bis tief in die Nacht tanzten, lachten und tranken die Gäste. Abwechselnd tauchte das große Feuer das Hexenhaus und die Wohnwagen in Gelb, Orange und Rot. Aus großen Lautsprechern hallte amerikanische Countrymusik durch die bulgarischen Berge.
Erst in den frühen Morgenstunden fielen die Ersten in ihre Wohnwagen oder fuhren nach Hause.

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Die Party am Feuer dauert bis tief in die Nacht. Foto: Markus Huth

Aus den dunklen Wolken war inzwischen ein ernstes Gewitter geworden. Wütend grollte und blitzte es über den Bergen.
Betrunken drängte sich Karol dicht neben die Waliserin auf eine Holzbank, legte seine schwere Hand auf ihr Bein und lallte, dass sie sich nicht so zieren solle.
Verstört flüchtete sie zu Jan, Tony und mir ans Feuer.
Derweil tanzte Amelia um die Flammen wie eine sexy Hexe. Sie schwang die Hüften im Takt der Countrymusik und begann, ihr Kleidchen herunterzurollen.
Italiener Tony war außer sich vor Eifersucht.
Genau wie Karol, der sich außerdem von der Waliserin verschmäht fühlte.
Beide Männer starrten auf die halb nackte Amelia, als wäre sie ein saftiges Stück Schaf.
Schließlich sprang Tony von der Holzbank und marschierte wütend den Hang hinunter in Richtung seines Wohnwagens.
»Was hat er denn?«, fragte Sarah und stand auf, um ihm nachzugehen.
Genau in diesem Moment erwachte Amelia aus der Hexentrance und sah ihren Liebhaber und die Waliserin zusammen in die Nacht verschwinden.
»Was willst du von dieser Schlampe?«, brüllte sie und folgte ihnen in die Dunkelheit.

Der Sturm

Das Gewitter lag nun genau über der Ranch.
Für den Bruchteil einer Sekunde leuchtete ein gleißender Blitz auf, und ich sah die drei Gestalten vor Tonys Wohnwagen.
Ein krachendes Donnern folgte.
Dann wie Millionen Indianerpfeile der Regen.
Ich weiß nicht mehr, warum, aber ich wollte nach dem Rechten sehen und ging hinterher. Der Boden hatte sich in einen einzigen matschigen Sumpf verwandelt, mit nassen Füßen erreichte ich den Wohnwagen.
Davor stand Amelia, schrie unverständliche Worte in die Nacht und weinte. Dann riss sich die Betrunkene ihr durchnässtes Kleid vom Leib und hämmerte nackt an Tonys Wohnwagentür.
Seelenruhig sagte der Italiener ihr durch den Fensterspalt, dass er sauer sei und sie jetzt nicht sehen wolle.
Er brauche jetzt eine Freundin zum Reden. Sarah.

Das machte das nackte Cowgirl nur noch wütender.
Sie schrie auf Polnisch und hämmerte.
Bis sie wie ein Sack in den Matsch fiel und sanft zu schnarchen begann.
»Sie holt sich den Tod!«, rief die Krankenschwester, kam aus dem Wohnwagen und versuchte, die größere Amelia aufzuheben.
»Lass mich! Lasst mich alle!«, lallte die Betrunkene.
»Lasst sie dort schlafen, wenn sie unbedingt will!«, brüllte der aufgebrachte Tony.
Sarah und mir reichte es.
Sollte das Liebespaar seine Probleme doch selbst klären.
Im prasselnden Regen stapften wir zurück zu unserem Armeeanhänger.
Die Achtzehnjährige erklärte, sie wolle am nächsten Tag abreisen. Bevor Amelia sie aus Eifersucht umbringen oder Karol sie vergewaltigen könne.
Ich fand ihren Entschluss ziemlich nachvollziehbar.
Erschöpft fiel ich im abgetrennten Bereich des Armeehängers auf meine Matratze. Kurz vor dem Einschlafen war es mir, als ob ich Karols gedrungene Gestalt im Licht eines Blitzes auf den Wohnwagen des Italieners zugehen gesehen hatte. Auf dem Kopf seinen Cowboyhut. In der Hand ein langes Messer.
Dann wurde es dunkel vor meinen Augen.

Wir fanden Tonys Leiche am Bach.
Die Kehle durchgeschnitten, wie beim braunen Schaf. Das rote Blut floss aus seinem Hals aufs nasse Gras. Es regnete noch immer in Strömen.
Tonys tote Augen starrten mich vorwurfsvoll an.
»Schau, seine Seele fliegt in den Himmel«, kommentierte die Krankenschwester. Und während Tonys Seele über unsere Köpfe entschwebte, graste die Ziege, als ob nichts wäre.
Schweißgebadet wachte ich auf.
War es nur ein Traum?

Verwirrt kletterte ich aus meiner Schlafzelle ins Freie in den grauen Morgennebel. Draußen hockten Amelia und Sarah neben der Kuh, die Melkmaschine ratterte vor sich hin. Die Waliserin hatte ihre Meinung bereits wieder geändert. Nachdem sich Amelia bei ihr entschuldigt und versprochen hatte, dass sie in Sicherheit sei, wollte die Achtzehnjährige nun doch auf der Ranch bleiben.
Beschämt schaute mich das Cowgirl an.
»Sorry, ich hab gestern zu viel getrunken. Karol hat mich zurückgetragen.«
Ich rannte den Hang hinunter zu Tonys Wohnwagen und hämmerte an seine Tür, um sicherzugehen, dass er noch lebte.
»Was ist? Ich füttere die Enten später«, stotterte der Italiener verschlafen.
Das war der Moment, als ich entschied, noch am selben Tag abzureisen.

Zwar hatte ich eigentlich noch eine Woche. Doch das Dramadreieck wurde zu viel für meine Nerven. Ich hielt es für nicht ausgeschlossen, dass hier doch noch jemand aus Eifersucht erschlagen wurde.
Ich packte meinen Rucksack, und sagte schweren Herzens Lebewohl zu meinen tierischen Schützlingen – und leichteren Herzens zu den menschlichen Ranchern. Als ich den Feldweg hinunter zur Straße marschierte, wartete wie zum Abschied meine Stute Wesna unter einem Baum.
An der einsamen Landstraße hielt ich den Daumen raus und hoffte, dass mein nächster Tiersitterjob etwas weniger Drama bringen würde als diese Ranch der Leidenschaften.

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