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	<description>Magazin für Reportagen</description>
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	<title>China &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>So bunt kann eine Grauzone sein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2015 05:16:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Anne Renzenbrink]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Graffiti]]></category>
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					<description><![CDATA[Mal sind sie winzig und versteckt, mal springen sie sofort ins Auge: Schriftzüge in allen Farben schmücken die grauen Wände Pekings. In Chinas Hauptstadt ist eine kleine, aber feine Graffiti-Szene entstanden. Und die Regierung? Zeigt sich überraschend tolerant. Ein Besuch.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/so-bunt-kann-eine-grauzone-sein/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Mal sind sie winzig und versteckt, mal springen sie sofort ins Auge: Schriftzüge in allen Farben schmücken die grauen Wände Pekings. In Chinas Hauptstadt ist eine kleine, aber feine Graffiti-Szene entstanden. Und die Regierung? Zeigt sich überraschend tolerant. Ein Besuch.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es sieht nicht so aus, als müsste es schnell gehen. Die Sprühdosen stehen einige Meter hinter ihnen, dazwischen liegen ihre Taschen. Eine kleine Leiter haben sie aufgestellt, um auch den oberen Teil des Stahlcontainers zu besprühen. Angst vor dem Erwischt werden, abruptes Wegrennen, das scheint die drei Graffitisprayer gerade nicht zu beschäftigen.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie gehen ein paar Schritte zurück, begutachten ihre Motive, fügen hier und da noch eine schwarze Linie, einen blauen Punkt hinzu. Autos fahren vorbei. Passanten bleiben stehen, machen Fotos oder gehen achtlos weiter. Es ist halb drei nachmittags. Willkommen im 798, dem Künstlerviertel Pekings.</p>
<p style="text-align: justify;">Etwa 15 Kilometer weiter südlich, am berühmten Tian&#8217;anmen Platz, überwachen Sicherheitskräfte die Eingänge, lenken Passanten durch Absperrungen, durchleuchten ihre Taschen. Sprühdosen müssen draußen bleiben. Vor 26 Jahren wurde hier eine Demokratiebewegung brutal niedergeschlagen.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Platz und die hohe Sicherheitsstufe erinnern daran, dass China ein autoritäres Land ist. Ein Land, in dem nicht nur Künstler verfolgt und Medien zensiert werden. Graffiti lässt sich nicht googeln. Die Suchmaschine ist wie viele andere Internetseiten gesperrt. Aber drei Menschen besprühen ungestört am helllichten Tag eine Wand?</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking_2.jpg" data-caption="Besprühte Stahlcontainer im Künstlerviertel 798. Das Viertel liegt im Nordosten Pekings." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_pekin6.jpg" data-caption="Pekings &quot;Graffiti Wall of Fame&quot; ist eine kilometerlange Mauer in der Nähe des Künstlerviertels." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking9.jpg" data-caption="Die Jing Mi Lu ist eine stark befahrene Straße in Richtung Flughafen. Hier steht Pekings &quot;Graffiti Wall of Fame.&quot;" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking_11.jpg" data-caption="Rund 40 Sprayer gibt es laut Schätzungen aus der Szene in Peking." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking13.jpg" data-caption="Ein Sprayer sprüht während eines Street-Art Events in Peking." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking14.jpg" data-caption="Leere Sprühdosen liegen nach einem Street-Art Event in Peking in einem Einkaufswagen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking12.jpg" data-caption="Im Künstlerviertel 798 finden Street-Art Events statt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking10.jpg" data-caption="In einem Hinterhof im Künstlerviertel 798 hat sich ein Sprayer aus Taiwan verewigt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking8.jpg" data-caption="Der Künstler Zhang Dali gilt als Vater des Graffiti in Peking." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking7.jpg" data-caption="Die Graffiti-Szene in Peking hat sich in kurzer Zeit weit entwickelt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_peking5.jpg" data-caption="Sprayer aus aller Welt haben sich im Künstlerviertel 798 verewigt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_peking4.jpg" data-caption="Ein besprühter Bus steht im Künstlerviertel 798 in Peking." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking3.jpg" data-caption="In Chinas erstem Graffiti-Laden &quot;400ml&quot; werden Sprühdosen verkauft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking1.jpg" data-caption="Die Pekinger ABS Crew sprühte das Bild als Reaktion auf die steigenden Preise für Schweinefleisch in China." alt=""></div></div>
<p style="text-align: justify;">Es bleibt nicht bei einem Container. Bunte Schriftzüge finden sich auf Mauern, Stromkästen, Rollläden, Hauswänden und Brücken in der Stadt verteilt. In den vergangenen sieben Jahren hat sich in Peking eine kleine, aber lebendige Graffiti- Szene entwickelt. Während Sprayer in vielen westlichen Ländern nachts auf die Straßen ziehen, unter Zeitdruck sprühen und mit hohen Strafen rechnen müssen, genießen sie hier mehr Freiheiten. Zwar ist Graffiti in China offiziell illegal. Doch die chinesischen Behörden neigen dazu, wegzuschauen, und Pekings Einwohner beobachten eher neugierig als die Polizei zu rufen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Graffiti ist weniger eine Verschmutzung</h2>
<p style="text-align: justify;">In der chinesischen Gesellschaft werden Sprayer nicht verunglimpft. „Graffiti wird hier als etwas interessantes wahrgenommen, weniger als Verschmutzung“, sagt Norbert Kirbach, ein Kunsthistoriker aus Deutschland, der einige Jahre in Peking gesprüht und sich mit urbaner Kunst befasst hat. Zum einen ist die Szene noch sehr jung und überschaubar. Für die Menschen in Peking ist Graffiti etwas neues und die wenigen Sprayer gelten noch als etwas besonderes.</p>
<p style="text-align: justify;">„Das Publikum ist weniger übersättigt als im Westen“, sagt Kirbach. Gleichzeitig ist Graffiti in China ein teures Hobby, das sich nur die Mittelschicht leisten kann. Es ist nicht mit Klischees wie Armut oder Kriminalität behaftet. Doch die Gründe könnten noch tiefer in der Gesellschaft verankert sein.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Blick in die Geschichte des Landes zeigt: Chinesen malen und schreiben seit tausenden von Jahren auf Wände, Berge und Bäume. In gewisser Weise sei Graffiti Teil ihrer Kultur, sagt Lance Crayon, der mit „Spray Paint Beijing“ eine Dokumentation über die Szene in der Hauptstadt gedreht hat. „Die meisten Leute in Peking finden, dass Graffiti ihre Stadt schöner aussehen lässt. Und das tut es auch.“</p>
<p style="text-align: justify;">Seine Anfänge nahm Graffiti in Südchina. Von Hongkong über Shenzhen und Guangzhou kam die Sprühdose schließlich nach Peking. Heute zählt die 20- Millionen-Einwohner-Stadt laut Schätzungen aus der Szene rund 40 Sprayer, aber nicht alle sind konstant aktiv. Nicht einmal 1000 sind es im ganzen Land. Der Künstler Zhang Dali gilt als Vater des Graffiti in Peking und besprühte Ende der 1990er Jahre alte Gebäude in der Stadt mit seinem unverkennbarem Symbol, dem Umriss eines Kopfes.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch Wandmalereien gab es schon vorher. „Mao Zedong flog von der Uni, weil er Slogans in den Schlafsaal seiner Lehrer malte. In gewisser Weise war er ein Graffitikünstler“, sagt Crayon. Richtig Fuß fassen konnte die Szene in Peking erst um 2008 herum, und zwar dort, wo auch der Container steht, zusammen mit vielen anderen buntbemalten Flächen und Kunstwerken.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Künstlerviertel 798</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Künstlerviertel 798 ist ein ehemaliger Industriekomplex am nordöstlichen Stadtrand Pekings. In den alten Fabrikgebäuden mit hohen Decken und großen Fenstern sind jetzt Cafés und zahlreiche Galerien mit zeitgenössischer Kunst angesiedelt. Junge Leute kaufen in kleinen Läden Schallplatten und Vintage-Mode, Jugendliche im Hipster-Look radeln auf Fixies mit hellgrünen Reifen durch die Straßen.</p>
<p style="text-align: justify;">Wer das Szeneviertel am Südeingang betritt, kann ihn eigentlich nicht verfehlen: Chinas ersten Graffiti-Laden, „400 ml.“ Chinesischer Hip Hop dröhnt aus den Lautsprechern, die Wände sind schwarz bemalt. Ein chinesischer Sprayer, der sich als Scar vorstellt, steht im Laden. Sprühdosen, nach Farben getrennt, stapeln sich in einem dunklen Holzregal, aber auch Kappen, T-Shirts und Skateboards stehen im Angebot.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Dose mit guter Farbe kostet in China 42 Yuan, umgerechnet gut 6 Euro, eine von schlechter Qualität etwas mehr als 2 Euro. „Das ist sehr viel Geld für junge Leute“, sagt ANDC. Der 27-jährige Besitzer des Ladens, der lieber nur unter seinem Tag-Namen auftreten möchte, kann sich Sprühdosen mittlerweile leisten. Er blickt bereits auf eine lange Graffitikarriere zurück.</p>
<p style="text-align: justify;">Als er 2005 an der Uni zum ersten mal einen Sprayer in Aktion sah, war er so begeistert, dass er selber mit dem Sprühen anfing. Zunächst wussten seine Eltern nichts vom neuen Hobby. Sie arbeiten für die chinesische Regierung, nach der Uni halfen sie dem Sohn, einen guten Job bei einer Firma zu bekommen. „Aber die Arbeit hat keinen Spaß gemacht, es war jeden Tag das gleiche. Dann habe ich gekündigt“, sagt ANDC.</p>
<p style="text-align: justify;">Zusammen mit einem Freund startete er 2007 die ABS Crew. Heute sind sie zu fünft und eine der erfolgreichsten Graffiti-Crews in Peking. „Wir wollen eine neue Graffiti- Kultur in China aufbauen“, sagt ANDC und erzählt, wie sie nach Europa reisten, Sprayer aus anderen Ländern trafen und sich austauschten.</p>
<p style="text-align: justify;">2012 eröffneten sie „400 ml“ und sprühen heute nicht mehr nur an die Wand, sondern entwerfen Grafikdesign und arbeiten im Auftrag für Firmen wie Red Bull, Audi und Adidas. ABS Crew holte für China den ersten Platz in internationalen Graffiti-Wettbewerben und organisiert Street-Art Events und Ausstellungen in Peking. „Mir geht es gut, ich bin sehr zufrieden“, sagt ANDC und man sieht es ihm an.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Wir sind keine Gangster&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Eine chinesische Graffiti-Erfolgsgeschichte. Und ein Beispiel dafür, wie weit entwickelt die Szene nach so kurzer Zeit schon ist. „So etwas dauerte früher in den 90ern viel länger, da wir vieles noch selbst entdecken mussten, was heute per Internet leicht zu finden ist“, sagt Kirbach. Heute sei der weltweite Austausch etwa über spezielle Dosen oder Materialien einfacher und das habe auch die chinesischen Sprayer beeinflusst. „Technisch sind sie sehr ausgereift und malen auf hohem Niveau. Besonders interessant sind jene, die traditionelle chinesische Motive im Graffiti einbinden.“</p>
<p style="text-align: justify;">Neben ABS sprühen noch eine Handvoll weitere Crews in Peking. „Beef“ gebe es keinen, sagt ANDC, und meint damit die Feindschaft zwischen Gruppen. Er spricht gutes Englisch, doch überlegt bisweilen kurz und muss einige chinesische Begriffe auf seinem Laptop übersetzen. Wörter wie „Beef“ aber kommen ohne zu zögern. Graffiti-Jargon, weite schwarze Hose, Sneakers, rote Baseball-Kappe: Auf den ersten Blick könnte er als Rapper durchgehen. Auch auf den Graffiti-Events in Peking legen DJs Hip Hop auf, es wird Breakdance getanzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch ANDC betont immer wieder: „Wir sind keine Gangster.“ In China sind Sprayer vielmehr oft Kunststudenten, die aus Interesse an der Kunst und nicht unbedingt aus Liebe zur Rap-Musik mit dem Malen beginnen. Unter die chinesischen Sprayer in Peking mischen sich Sprayer aus aller Welt. Sie schätzen das interessierte chinesische Publikum, die vielen Flächen zum Sprühen und die Freiheiten.</p>
<p style="text-align: justify;">In der Dokumentation „Spray Paint Beijing“ erzählt ein schwedischer Sprayer, wie er sich mit Chinesen zum Sprühen getroffen hat: Die Dosen in der Hand, seine Kamera um den Hals, immer bereit, loszurennen. Die chinesischen Sprayer verteilen ihre Dosen überall, sie lassen sich Zeit. Am Ende musste er eine halbe Stunde warten, bis sie fertig gesprüht hatten.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch die Freiheiten sind nicht grenzenlos, Sprayer können in Schwierigkeiten kommen. Wann wird ein Auge zugedrückt, wann gibt es Ärger? Eine klare Grenze existiert nicht. „Graffiti ist in China relativ geduldet, solange die Autoritäten nicht direkt herausgefordert werden“, sagt Kirbach. In Peking heißt das: Keine Farbe auf heilige oder historische Stätten wie Tempeln. Auch bei Regierungs- und Unternehmensgebäuden hört die Toleranz der Behörden auf. Im 798 können Sprayer Farbe bekommen, da es ein ausgewiesenes Künstlerviertel ist.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Strafen sind willkürlich, aber meistens mild</h2>
<p style="text-align: justify;">Für die vielen anderen grauen Fassaden und Betonmauern Pekings gibt es ebenfalls keine klaren Regeln, noch ist die Szene dafür zu klein. „Es gibt in dem Sinne kein Gesetz gegen das Malen“, sagt Kirbach. Wird ein Sprayer erwischt, entscheide der jeweils verantwortliche Polizist, wie er mit ihm umgeht, oder man einige sich gleich mit dem Besitzer der besprühten Fläche.</p>
<p style="text-align: justify;">Das klingt nach Willkür, und so sieht es in der Praxis oft auch aus. Sollten Strafen anfallen, sind sie meistens mild. Oft sind es kleinere Geldstrafen von umgerechnet 40 Euro. ANDC erzählt von Polizisten, die Sprayern noch erlauben zu Ende zu sprühen und ein Foto zu machen, bevor die Wand übermalt wird. John ist ein Sprayer aus Europa, der seit zwei Jahren in Peking sprüht und seinen richtigen Namen nicht verraten möchte.</p>
<p style="text-align: justify;">Er sprüht tagsüber und nachts, auch in den Hutongs, den engen, traditionellen Gassen Pekings. Wird er von der Polizei erwischt, bleibt er stehen und versucht zu verhandeln, anstatt wegzurennen. „Man wird vernünftig behandelt, nicht wie ein Krimineller“, sagt er. Doch härtere Strafen kommen vor, wenn auch selten. ANDC und ein paar Freunde verbrachten einige Tage hinter Gittern, nachdem sie auf die Wand eines Fabrikgebäudes gesprüht hatten. Befreundete Sprayer von John mussten China verlassen und in ihre Heimatländer zurückfliegen. „Wirst du beim Besprühen eines Zuges erwischt, dann war&#8217;s das“, sagt John.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein paar Kilometer vom Künstlerviertel 798 entfernt liegt die Jing Mi Lu, eine stark befahrene Straße Richtung Flughafen. Zu Stoßzeiten staut sich der chaotische Verkehr, es ist laut und Fahrräder und Roller warten in Scharen vor der roten Ampel. Auf der Seite, noch hinter dem Bürgersteig und leicht versteckt hinter Bäumen, steht Pekings „Graffiti Wall of Fame.“ Nur beim zweiten Hinsehen ist sie von der Straße aus zu erkennen. Zahlreiche bunte Schriftzüge, aufwendige Bilder und Tags schmücken die kilometerlange Mauer.</p>
<p style="text-align: justify;">Auffällig: Ein Schwein, das mit einem großen Küchenmesser geschlachtet wird. Die Klinge ist blutig und der Körper bereits in einige Scheiben zerlegt. Das Schwein raucht Zigarre und guckt wütend. Neben seinem Kopf liegen Geldbündel und Münzen. Das Werk der ABS Crew ist eine Anspielung auf den Ärger über die steigenden Preise für Schweinefleisch, einer wichtigen Zutat in Chinas Küche. Doch das ist eher die Ausnahme, politische Themen werden meist gemieden.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwar seien viele Sprayer in Peking politisch bewusst und machen in ihren Motiven auch mal Anspielungen, jedoch stark stilisiert, so Kirbach. Vielmehr geht es ihnen um das reine Malen. „Sie verstehen sich als Teil der weltweiten Graffitiszene, nicht als politische Aktivisten“, sagt Kirbach. „Im Graffiti ist der Akt des Malens selbst politisch, die Aneignung des urbanen Raumes ist immer und überall ein Statement.“</p>
<p style="text-align: justify;">Hinter den Bäumen, geschützt vor dem Verkehr, verläuft ein schmaler Weg gleich neben der Mauer entlang. Vereinzelt kommen Spaziergänger vorbei und schauen sich die Werke an. Ob sie in einigen Jahren immer noch auf eine bunte Mauer schauen werden? „Sollte die Graffiti-Szene in Peking explodieren, werden die Behörden eingreifen“, sagt Crayon.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch danach sieht es momentan nicht aus, auch wenn Graffiti in anderen chinesischen Städten wächst, insbesondere im Süden des Landes, wo das Wetter besser ist. Zwar rücken neue Sprayer nach, einige verlassen aber auch die Stadt oder hören irgendwann mit den Sprühen auf.</p>
<p style="text-align: justify;">Für ANDC unvorstellbar. Das Street-Art-Event im Künstlerviertel 798 hat gerade begonnen. Er sprüht, blaue dicke Buchstaben auf gelben Hintergrund. Es riecht nach Farbe. Aufhören komme nicht in Frage, sagt er. „Graffiti ist mein Leben.“</p>
<p style="text-align: justify;">
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		<title>Heile Welt in Gefahr</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Apr 2015 05:42:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pakistan]]></category>
		<category><![CDATA[Afghanistan]]></category>
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		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gilbert Kolonko]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Norden Pakistans zwischen China und Afghanistan liegt die Region Gojal. Hier leben die Menschen gemeinschaftlich in Oasen voller Aprikosenbäume mit viel Respekt und Toleranz ihrem Nächsten gegenüber. Doch diese heile Welt steht vor großen Schwierigkeiten. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/heile-welt-in-gefahr/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong> Im Norden Pakistans zwischen China und Afghanistan liegt die Region Gojal. Hier leben die Menschen gemeinschaftlich in Oasen voller Aprikosenbäume mit viel Respekt und Toleranz ihrem Nächsten gegenüber. Doch diese heile Welt steht vor großen Schwierigkeiten.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Obwohl einige der Kleinstadt- und Dorfbewohner noch in Stein-Lehmhäusern leben, sieht man auf den Straßen in der Region Gojal im Norden Pakistans keine armen Menschen &#8211;  aber auch keine reichen. Wer hier Geld hat, zeigt es, in dem er einen hohen Betrag für die Gemeinschaft spendet. Die Analphabetenrate in der neuen Generation ist gleich Null, und schon die Kleinsten mit ihren Schnoddernasen wachsen zwei- bis dreisprachig auf. Trotzdem leben die Alten und die Jungen noch gemeinsam in einem Haus.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Frauen auf dem Basar in der Ortschaft Gulmit strahlen in ihren langen, hochgeschlossenen Kleidern eine würdige Eleganz und ihr Lächeln eine Natürlichkeit aus. Die Polizisten sitzen mangels Beschäftigung meistens in den Teeläden am Hafen, wo sie die 6.000 Meter hohen Passu Kathedralen bewundern. Wenn die Uniformierten die Langweile zu erdrücken scheint, geht es auch mal zum 2.600 Meter hoch gelegenen Borith-See, in dem sich der 7.388 Meter hohe Ultar spiegelt. Hier hat die 63-jährige Frohnatur Mr. Khan sein Hotel und bevor es für mich einen Tee gibt, schmeißt er sein altes Radio an. Es wird dann zu den Klängen traditioneller Wachi-Musik gemeinsam über die Terrasse gehopst.</p>
<p style="text-align: justify;">Was wie das Paradies auf Erden scheint, nennt sich Hunza-Gojal und ist Heimat der Ismailiten, eine islamische Glaubensgemeinschaft. Das 8.500 Quadratkilometer große Gebiet liegt im Karakorum-Gebirge in Nord Pakistan und grenzt an China und den Wakhan Korridor zu Afghanistan. Nur etwa 20.000 Menschen leben in diesem riesigen Canyon, der gespickt ist mit atemberaubenden Siebentausendern und gewaltigen Gletschern. Diese machen sich die Menschen zu nutzen, um mit Hilfe von Wasserkanälen Oasen voller Aprikosen, Apfel- und Kirschbäume zu schaffen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Räuber der Seidenstraße</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn einem die Gojalis, wie die Bewohner der Region genannt werden, mit ihrem gutmütigen Blicken und toleranten Wesen mal wieder zu heilig erscheinen und man sich selbst voller Sünden vorkommt, hilft nur eins: „Ach, du alter Räuber der Seidenstraße, nun lass mal gut sein.“ Dann sieht man ein gespielt beschämtes Lächeln über das gegerbte Gesicht eines älteren Herrn huschen, denn natürlich war man auch hier nicht immer so „perfekt“. Von Orten wie dem 700 Jahre alten Gulmit Fort überfielen die Vorfahren der Gojalis Handelskarawanen auf dem Weg zur Seidenstraße.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_karakorum_highway.jpg" data-caption="Auf dem Karakorum Highway geht  es in das Gojal-Tal -  oft auch zu Fuß" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_Passu-Gletscher.jpg" data-caption="Der Passu Gletscher" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_Kolonko_Borith-Lake.jpg" data-caption="Der Borith Lake in Gojal" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_Kolonko_Hafen_gulmit.jpg" data-caption="Der Hafen in Gulmin" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_Kolonko_bruecke.jpg" data-caption="Gojal ist nicht nur wegen seiner einmaligen Landschaft ein Vorbild" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_Mr-Khan-mit-Frau.jpg" data-caption="Mr. Kahn und seine Frau" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_2010_enstandenen-Atabadsee.jpg" data-caption="Die Region Gojal hat immer noch mit den Folgen des im Jahre 2010 enstandenen Atabadsee zu kampfen." alt=""></div></div>
<p style="text-align: justify;">Auch das Denken war früher nicht so fortschrittlich: „Als ich vor 40 Jahren Besuch von einem Verwandten bekam, nahm der mich beim Abschied zur Seite und fragte tadelnd, was ich denn für ein Mann sei, da ich so freundlich zu meiner Frau sei“, erzählt mir ein alter Bewohner Gulkins. Doch als gegen Ende der Siebzigerjahre der Karakorum-Highway vom südlich gelegenen Rawalpindi endlich Gojal erreichte und über den 4.700 Meter hohen Khunjerab Pass nach China führte, kamen auch die Entwicklungsprogramme und Schulen der Aga-Khan-Stiftung.</p>
<p style="text-align: justify;">Aga Khan ist das geistige Oberhaupt der Ismailiten. Jetzt, im Jahr 2014, sind es Männer aus Dörfern wie Passu, die in den Süden Pakistans reisen und mit Hilfe von NGOs Entwicklungsarbeit leisten. „Geduld, man hatte sehr viel Geduld mit uns“, sagt mir ein älterer Herr aus Shishkot und fügt trocken hinzu: „Normalerweise fehlt bei Entwicklungsprogrammen die Nachhaltigkeit. Ein paar Schulen, Geld und dann verziehen sich die NGOs zum nächsten Ort“.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Riss zwischen den Generationen</h2>
<p style="text-align: justify;">Am Nachmittag auf dem Polo-Platz in Gulmit sitze ich mit einer angesehenen Persönlichkeit der hiesigen Gemeinschaft zusammen. Vor uns spielen die Jungen Fußball, während die Mädchen im Gemeinschaftshaus ein Seminar abhalten. Thema: Wie sehe ich Gojal in zehn Jahren. „Auch wir merken hier langsam die Kehrseiten des Fortschritts. Gerade die jungen Männer und Frauen, die aus dem Süden Pakistans zurückkommen, leben in einer Computer und Fernseh-Welt. Ihre Wünsche sind unrealistische Träume und sie haben die Fähigkeit verloren, unserer Gemeinschaft mit nützlichen Ideen weiter zu helfen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Während unserer Unterhaltung kommen Kinder und Jugendliche und grüßen meinen Gesprächspartner ehrerbietig und so sage ich kopfschüttelnd: „Und trotzdem lebt ihr in einer Gemeinschaft, die in der westlichen Welt ausgestorben zu sein scheint. Wie macht ihr das?“ Bescheiden lächelnd antwortet er: „Unser geistiges Oberhaupt Aga Khan gibt uns Ratschläge. Er sagt zum Beispiel, dass Rauchen oder das Trinken von Alkohol nicht gut für die Gesundheit sei. Doch wie man die Ratschläge umsetzt, bleibt jedem selbst überlassen. Toleranz. Toleranz ist das Fundament unserer Gemeinschaft, denn jeder Mensch hat sein eigenes Tempo.“</p>
<p style="text-align: justify;">Dieser Mikrokosmos ist umso bemerkenswerter, da das Schicksal die Menschen Gojals in den letzten Jahren hart getroffen hat. Der größte Schlag wurde schon im Jahr 2002 von einem tadschikischen Ingenieur vorausgesagt. Er machte die Gojalis darauf aufmerksam, dass sich 13 Kilometer vor Gulmit, an einer besonders engen Stelle des Canyons, ein großer Erdrutsch anbahnt. Trotzdem bauten die Menschen Gulmits weiter Häuser und Hotels an das Ufer des Hunza Flusses.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Handel und Tourismus versiegt</h2>
<p style="text-align: justify;">„Hätten wir die Menschen zwingen sollen?“, antwortete einer der damaligen lokalen Verantwortlichen auf meine Frage, warum die Menschen nach der Warnung nicht umgesiedelt worden sind. Im Januar 2010 passierte es dann. An exakt der vorausgesagten Stelle kam es zu einem riesigen Erdrutsch, der dem Hunza Fluss den Weg versperrte. Sieben Monate später hatte sich ein 23 Kilometer langer und 100 Meter tiefer See gebildet, der große Teile Gulmits überflutete und die Ortschaft Shishkot zu einer Insel machte.</p>
<p style="text-align: justify;">Heute ist der See immer noch 13 Kilometer lang und Gojal vom Rest Pakistans abgeschnitten und nur per Boot erreichbar, was den Verkauf der landwirtschaftlichen Produkte der Region unrentabel macht. Auch die andere Einnahmequelle der Gojalis, der Tourismus, ist völlig versiegt. Dafür ist nur teilweise der schlechte Ruf Pakistans verantwortlich. Noch bis vor ein paar Jahren gab es ein Visa on arrival am nördlichsten Grenzübergang Pakistans, in Sust, für ausländische Gäste, die aus China einreisten.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch nicht nur das wurde eingestellt: Auch in touristischen Hochburgen wie Nepal, Indien oder Thailand stellen die pakistanischen Konsulate keine Visa mehr aus. So verwundert es nicht, dass die Menschen im Norden Pakistans nicht vom „war against terrorism“ sprechen, sondern vom „war against tourism“. Zudem überschwemmt das Schmelzwasser des Gulkin-Gletscher in den letzten Sommern regelmäßig den Karakorum Highway Besonders für die Alten und Kranken ist der Fußmarsch durch das eiskalte Wasser eine Tortur. An manchen Tagen ist selbst das Durchwaten unmöglich und dann muss jeder zu Fuß über den Gletscher &#8211; mit Koffern, Kleinkindern oder der Ziege.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Warum sollen wir Indien hassen?&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich treffe die Kricket Mannschaft von Gulmit, die auf ihrem Rückweg von einer Niederlage im Charpursan Tal unterwegs ist. Einer von ihnen trägt ein Indien-Trikot und fünf andere Mützen mit der indischen Flagge. Als sie meinen verdutzten Gesichtsausdruck sehen, antwortet einer von ihnen lachend: „Warum sollen wir Indien hassen? Selbst unsere Polizisten hören indische Bollywood-Musik.“</p>
<p style="text-align: justify;">Am Borith-See hat Mr. Khan neben den ausbleibenden Gästen noch andere Probleme. Gemeinsam geht es auf den benachbarten schwarzen Gulkin-Gletscher. In der Mitte treffen wir auf ein großes Wasserloch, von dem Plastikrohre das Wasser hinunter ins Dorf transportieren: „Die Gletscher gehen zurück und beinahe jedes Jahr müssen wir neue Kanäle anlegen. Doch die Jungen ziehen der Arbeit wegen in die großen Städte nach Süd-Pakistan“, sagt Mr. Khan. Dann lacht er plötzlich, zeigt auf seinen angespannten Oberarm und fügt hinzu: „Aber wir Alten sind stark und wir werden kämpfen bis die Jungen wieder zurückkommen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Vom Borith-See geht es eine Stunde Richtung Osten bis zum weißen Passu-Gletscher. In einem schmalen Streifen zwischen der Gletscher-Moräne und den schroffen Steinwänden des Borith Sar sind kleine Alpen. Von dort geht es auf den Gletscher, der um diese Jahreszeit wirkt wie eine riesige weiße Boa in unruhigem Schlaf. Überall kracht es, es öffnen sich Spalten und Flüsse fließen aus Eiswasser. Doch bevor ich mir einbilden kann, Reinhold Messner zu sein, kommt mir im Eislabyrinth ein Alter in abgelatschten Turnschuhen entgegen. Als ich ihm meine Bewunderung ausspreche, winkt er nur müde ab und sagt: „Im Frühling und Herbst laufen hier selbst unsere Kühe rüber.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Das Paradis wird weiter leben&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Zurück am Borith-See stehe ich mit dem Sohn von Mr. Khan auf der Hotel Terrasse. Die letzten Jahre studierte er in Peschawar und konnte seinem Vater nur in den Sommermonaten helfen. Ich sage ihm, dass ich das Paradies in Gojal langsam dahin schwinden sehe und nenne ihm einige Beispiele &#8211; unter anderem, dass die Jugend abwandert oder die Chinesen, die zurzeit den Karakorum Highway ausbessern und einen Tunnel oberhalb des Atabad Sees bauen.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie überschwemmen die Gegend mit billigem Alkohol und ihr eher geschäftsorientiertes Verhalten scheint schon auf die Gojalis abzufärben, wie man an der Taxi Mafia am Hafen in Gulmit sieht: Mangels eines funktionierenden staatlichen Transportsystems saugen Einheimische Einheimische aus. „Nein, es sind nur ein paar wenige und auch sie muss man verstehen. Wir haben hier jede Möglichkeit, Geld zu verdienen, verloren. Doch auch die paar Menschen werden wieder zur Besinnung kommen. Unser Paradies mag zurzeit in Schwierigkeiten sein, aber schließlich sind es die Menschen, die es ausmachen. Ich werde auf jeden Fall zurückkommen und versuchen, unsere Traditionen mit dem zu ergänzen, was ich an der Universität lerne.“ Dann lacht er plötzlich wie sein Vater und fügt trotzig hinzu: „Das Paradies wird weiter leben.“</p>
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