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	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Sun, 25 Mar 2018 09:49:51 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Religion &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Wo die Zeit still steht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Mar 2018 11:38:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Algerien]]></category>
		<category><![CDATA[Algier]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Oliver Rühle]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
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					<description><![CDATA[Wenn man ein Lineal auf eine Mittelmeerkarte legt, kann man fast eine Senkrechte im rechten Winkel von Barcelona nach Algier ziehen, der Hauptstadt Algeriens – des größten Landes Afrikas. Unser Autor hat sich auf die gegenüberliegende Seite begeben und ein unbeweglich wirkendes, starres Land vorgefunden, dessen ambitionierte Jugend die letzte Rettung sein könnte.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wo-die-zeit-still-steht/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Wenn man ein Lineal auf eine Mittelmeerkarte legt, kann man fast eine Senkrechte im rechten Winkel von Barcelona nach Algier ziehen, der Hauptstadt Algeriens – des größten Landes Afrikas. Unser Autor hat sich auf die gegenüberliegende Seite begeben und ein unbeweglich wirkendes, starres Land vorgefunden, dessen ambitionierte Jugend die letzte Rettung sein könnte.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Flugroute zieht gefühlt eine Gerade im rechten Winkel über die auf dem Bordmonitor angezeigte Landkarte. Zwischen Startpunkt und Landedestination klafft ein großer blauer Fleck, wie ein leeres Zentrum – das Mittelmeer. Die Maschine auf dem Weg zur anderen Seite, ans gegenüberliegende Ufer der katalanischen Metropole Barcelona, ist nur eine Stunde in der Luft und fast leer.</p>
<p style="text-align: left;">Nach der wie mit dem Lineal gezogenen Linie durch die Luft, dreht die Boeing 737 nach Westen ab und unter dem linken Flügel breitet sich die nordafrikanische Küste aus: Unerschlossene Strände, halbmondartige Buchten, Steilküstenabschnitte, Schilfinseln zwischen Feldern, Gewächshäusern, vereinzelt Rauch, dann wieder Feld an Feld, unverputzte Häuser, Betonruinen, Hütten, Minarette, erstaunlich viel grüne Farbe. Die Piloten sehen wahrscheinlich schon die weite Bucht von Algier, der Hauptstadt Algeriens, vor sich ausgebreitet. Die Landschaft erscheint mit jeder Sekunde detaillierter und mit jedem Meter Sinkflug wird mir die baldige Ankunft in Afrikas größtem Land bewusster.</p>
<p style="text-align: justify;"><iframe style="border: 0;" src="https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m14!1m12!1m3!1d2876704.6747811274!2d1.2317093876101932!3d38.99277412513215!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!5e1!3m2!1sde!2ses!4v1517151258154" width="100%" height="450" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></p>
<h2 style="text-align: justify;">Ich war voller Stereotype</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenige Minuten später knallt der Stempel in den Pass. &#8222;Passen Sie auf sich auf&#8220;, hatte der Mitarbeiter der algerischen Botschaft in Berlin-Pankow nach der Visa-Vergabe noch gemahnt. Es klang nach einer Mischung aus Drohung und einem Bruchteil Fürsorge. Algerien zeigt sich skeptisch gegenüber jeder Form von Besuch. Nun verschwinden die Schiebetüren rechts und links in der Wand und die Empfangshalle des Flughafens von Algier eröffnet sich.</p>
<p style="text-align: justify;">Insaf steht unübersehbar links vor einer Säule. Sie ist zierlich, trägt offenes, lockiges Haar, das Größte an ihr ist das Lächeln, welches Sie uns unmittelbar entgegenwirft. Insaf winkt mich und meinen Reisegefährten sofort zu sich. Die Begrüßung ist südländisch, französisch, Küsschen rechts, links. Salut und Salam gleichermaßen. Während im Gebäude selbst fast Stille und vor allem kaum Betriebsamkeit herrscht, geschieht draußen davor das ganze Gegenteil und eine enorme Lebendigkeit umzingelt mich sofort, überwältigt mich gewissermaßen. Unmengen von Autos und kleinen Lieferwagen scheinen alle zur gleichen Zeit gestartet zu sein und wollen sich alle durch dasselbe Ausfahrtstor pressen.</p>
<p style="text-align: justify;">Abgase, Zigarettenrauch, eingedellte Taxis sind erste dominante Eindrücke. Insaf hupt energisch, schimpft vergnügt und schiebt sich kompromisslos und vor allem selbstbewusst mit ihrem kleinen Wagen Reifenlänge um Reifenlänge zum Ausgang vor. Ich sitze amüsiert und angenehm verwundert auf dem Beifahrersitz. Die Medizinstudentin Insaf wirkt beachtlich emanzipiert und freiheitlich, vor allem für ihr junges Alter von 23 Jahren. Beachtlich, weil ich andere Stereotype im Kopf hatte, für die ich mich eigentlich schämen muss: Kopftuch, tradiertes Auftreten, eine gewisse Rückständigkeit. Gegenteile zur westlich geprägten Moderne und weitere Vorurteile.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Insaf statt ISIS</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich habe Insaf über Couchsurfing kennengelernt. Ich war auf der Suche nach Einheimischen vor Ort, die uns treffen, mit Empfehlungen helfen und vor allem mit uns offen sprechen würden. Ich wollte ein paar Dinge in Erfahrung bringen, denn ich weiß nicht viel über das abgeschottete, riesengroße Land, welches unter Europäern nicht unbedingt als Tourismusmagnet gilt und in Deutschland jüngst ausschließlich in den Debatten um sogenannte sichere Herkunftsländer eine Erwähnung findet. Oder aber wenn es um ISIS- oder al-Qaida-Ableger in den südlichen Grenzgebieten zu Libyen, Niger und Mali geht, sprich islamistischen Terrorismus. Insaf war die Erste, die mir auf der Couchsurfing-Seite geantwortet hatte. Und seitdem um unser Wohl besorgt war – bis zum Schluss.</p>
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                        style="font-size:2em;color:#e26299;">
                <span>Meine Mutter weiß es, meine Schwester weiß es. Nur mein Vater nicht.</span>
                <cite class="aesop-quote-component-cite">Insaf, 23 Jahre, über ihre Entscheidung kein Kopftuch mehr zu tragen</cite>            </blockquote>

            
            </div>
            
<p style="text-align: justify;">Stichwort „Sicheres Herkunftsland“: Kaum ein großer Verkehrsknotenpunkt ohne Polizeikontrolle auf dem Weg in die algerische Hauptstadt. Auch mitten auf den Autobahnen sind Checkpoints des Militärs. Auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum von Algier müssen wir gleich an zwei Sperren anhalten. Ein offenbar gängiges Prozedere, welches alle Beteiligten nüchtern und routiniert über sich ergehen lassen. Die schick Uniformierten stehen bei den Kontrollen entweder auf dem Mittelstreifen oder an der Straßenkreuzung, winken durch oder halten an. Bei Dunkelheit schaltet man besser das Licht im Innenraum des Wagens an und löscht die Scheinwerfer. So können die teilweise mit Maschinenpistolen bewaffneten Männer besser erkennen, wer im Auto sitzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Wir müssen für die Militärs ein sonderbares Bild bieten: Die zarte Insaf mit zwei großgewachsenen, westlich aussehenden Männern in ihrem kleinen Auto. Doch nie werden die Uniformierten unhöflich oder harsch. Im Gegenteil: Die Polizisten und Soldaten gehen wie Gentlemen mit uns um, vor allem mit Insaf. Dabei repräsentiert sie eine Fraulichkeit, die in dem sehr religiösen, islamischen Staat selten zu sehen ist. Vielleicht nur in den Großstädten, wie hier in Algier. Das Kopftuch abzulegen, ist eine grundsätzliche Entscheidung, die einem Beben gleichkommt. Dem Ende eines bisherigen Lebens. Insaf hat sich im letzten Jahr dazu entschieden. Eine bewusste Entscheidung, die Sie keineswegs bereut.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Meine Mutter weiß es, meine Schwester weiß es. Nur mein Vater nicht. Wenn ich nach Hause zu meinen Eltern fahre, lege ich es wieder an. Es würde ihn zu sehr verletzen. Irgendwann werde ich es ihm verraten&#8220;, erklärt Insaf. Sie ist besorgt über den Zustand der Religion: „Ich glaube das Religionen allgemein die Menschen spirituell führen sollen, doch leider wird der Glauben als Werkzeug missbraucht, die Menschen zu dominieren.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">Mondäne Melancholie</h2>
<p style="text-align: justify;">Algier, die weiße Millionen-Stadt am Meer, erstreckt sich die weite urbane Bucht entlang und die Hänge hinauf. Im ehrwürdigen Herzen, der Kasbah, verlieren sich die endlosen Gassen im Gewirr der ineinander geschachtelten Bauten aus überwiegend osmanischer Zeit. Eine bitterarme Gegend, in der es nach Kardamom, Couscous und Kohle riecht, nach Pisse stinkt. Kinder spielen neben in sich zusammensackenden Gebäuden Fußball, dürre Katzen folgen auf Schritt und Tritt. Müllberge häufen sich zu immensen Halden inmitten dieses altstädtischen Wohngebiets aus dem 16. Jahrhundert, eines von sieben UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten in Algerien.</p>
<p style="text-align: justify;">Dagegen breit angelegte Boulevards nach europäischem Vorbild, so wollte die Besatzungsmacht Frankreich einen besseren Überblick, größere Kontrolle über die Algerier erzielen, Meerpromenaden mit weißen, ehrlicherweise verblassenden, bröckelnden französischen Kolonialfassaden unterhalb der Kasbah. Weltstädtische, elegante Bürgerhäuser, gebaut für die einst vielen Franzosen der ehemaligen Kolonialmacht der Maghreb-Staaten Marokko, Algerien und Tunesien. Algiers Äußeres erinnert an sein südfranzösisches Hafengegenüber Marseille. Doch die Anmut Algiers ist eine andere. Mondän charmant auf der einen, orientalisch bescheiden auf der anderen Seite. Und mittendrin Melancholie.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwar scheint die Zeit hier ein Stückweit stehen geblieben zu sein, doch gealtert wurde trotzdem. Der 80-jährige algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika passt dazu ins Bild. Er gilt seit Längerem als gesundheitlich stark angeschlagen. Seit einem Schlaganfall im Jahr 2013 trat er kaum mehr öffentlich auf und verließ nur noch selten seine Residenz, in der er gelegentlich ausländische Staatsgäste empfängt. Meistens sitzt er im Rollstuhl. Bouteflika steht seit 1999 an der Spitze Algeriens – bald 20 Jahre. Seit dem Ende des Bürgerkriegs der 1990er-Jahre, als der Staat gegen die Islamisten kämpfte und es bis zu 150.000 Tote gab, galt das System Bouteflika als Garant für Stabilität. Seine Partei gewann auch jüngst wieder die Parlamentswahlen. Zwar mit deutlichen Verlusten, aber an den Machtverhältnissen wird sich zwangsläufig nichts ändern. Insaf möchte über ihren Präsidenten nichts Schlechtes sagen. Algerien habe Bouteflika viel zu verdanken, er habe dem Land Frieden gebracht. Und doch wirkt das riesige Land heute unbeweglich, steckt fest, ohnmächtig vor den gewaltigen Herausforderungen.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-10.jpg" data-caption="Insaf studiert Medizin und spricht gut Deutsch. Sie hofft, ihr Studium in Heidelberg beenden zu können und möchte 
danach gern eine Zeit ehrenamtlich arbeiten – zum Beispiel in den Palästinensergebieten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-21.jpg" data-caption="Algier – die weiße Stadt. Vor allem die Wasserfront im Zentrum ist im französischen Kolonialstil erbaut, Prachtbauten
des sogenannten „Empire colonial“." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-25.jpg" data-caption="Insaf übersetzt ein Gespräch mit einem Anwohner." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-24.jpg" data-caption="West-Algier erzählt davon, dass die schlechte wirtschaftliche Situation dem Mittelstand stark zusetzt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-22.jpg" data-caption="Die weite Bucht von Algier mit der neuen Moschee im Osten, die wie ein gigantischer Leuchtturm in den Himmel ragt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-17.jpg" data-caption="Im ganzen Land ist die Vielzahl an Moscheen auffällig und überall entstehen weitere, hier ein Gotteshaus eines Fischerdorfs im Osten von Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-7.jpg" data-caption="Viele Fassaden faulen im wahrsten Sinne vor sich hin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-13.jpg" data-caption="Souhil (links) und Zakaria (rechts), Englisch-Studenten aus Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-3.jpg" data-caption="Das Zentrum von Algier mit der berühmten großen Post (links)." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-11.jpg" data-caption="Fußball ist enorm wichtig für Algerier, überall findet man einen Platz, wo gekickt werden kann. Ein Idol ist der Franzose Zinédine Zidane, früherer Weltfußballer und Sohn algerischer Einwanderer." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-5-1.jpg" data-caption="Kinder spielen mit einem kaputten Ball in der Kasbah, der Altstadt von Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-9.jpg" data-caption="Die Menschen leben in der Hauptstadt teilweise in Häusern, die von einer prachtvollen, längst vergangenen Zeit erzählen…" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-12.jpg" data-caption="Med: „Nach mehr als zehn Jahren des Terrors ist Algerien jetzt auch ein sicheres Land. Wir Algerier sind zwar verhältnismäßig
arm, doch sehr sehr freundlich.“" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-15.jpg" data-caption="Außerhalb der Stadt dominiert die Landwirtschaft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-14.jpg" data-caption="Blick in den frühen Morgenstunden auf den Hafen von Algier." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Marc Oliver Rühle</p></div>
<p style="text-align: justify;">Die Bevölkerung leidet vor allem unter enormer Arbeitslosigkeit, sowie Wohnungsnot, unzureichender Gesundheitsversorgung und steigenden Preisen. Zulange hat sich Algerien auf seine Ölexporte versteift, keine Innovationen angestoßen. Jetzt droht der Staatsbankrott. &#8222;Dabei gehört uns, der Jugend, das Land&#8220;, sagt Insaf. Etwa die Hälfte der rund 40 Millionen Einwohner Algeriens ist unter 30 Jahre alt. Ein Drittel der jungen Algerier hat keinen Job, keine Aufgabe – und ist somit leichte Beute für die Islamisten im Land. Andere wollen ihr Glück im europäischen Ausland versuchen. So auch Insaf.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn es um die algerische Zukunft geht, werden Vergleiche zu Libyen gezogen. Was wird nach Bouteflikas Tod mit Algerien geschehen? Der Zusammenbruch in Einzelteile? So lesen sich die Zeitungsartikel über Algerien, die infolge der sogenannten Flüchtlingskrise seit 2015 in Deutschland publiziert wurden. Die Menschen, die wir treffen, widersprechen dem.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Am liebsten nach Deutschland</h2>
<p style="text-align: justify;">Insaf liebt Algerien wie ihre eigenen Eltern. Sie sagt: „Man sucht sie sich nicht aus, aber lernt von ihren Werten. Und dafür bin ich meinem Land dankbar. Ich fühle mich hier auch sicher, kann nachts alleine nach Hause fahren und fürchte mich nicht. Und das auch, obwohl es ungewöhnlich für eine Frau in Algerien ist, allein zu wohnen, so wie ich. Da aber alle Nachbarn alles beobachten, behaupte ich, ich würde mit meiner Schwester wohnen – die ist oft genug zu Besuch, so dass es den Anschein hat.&#8220; Und dennoch will sie Algerien spätestens in zwei Jahren  verlassen, am liebsten nach Deutschland, um dort Ärztin zu werden.</p>
<p style="text-align: justify;">Algerien ist das flächenmäßig größte Land Afrikas (6,5 Mal die Fläche Deutschlands) – es ist fast unmöglich, sich in kurzer Zeit ein umfassendes Bild der Zustände des Maghreb-Staates zu verschaffen. Das lerne ich schon am ersten Tag nach unserer Ankunft. Ich sitze in einem Café am Nationaltheater von Algier. Hier sind ausschließlich Männer, lesen Zeitung, trinken Cola oder Tee. Ich habe mich mit einigen Kontakten von Couchsurfing verabredet, einer ist Souhil. Der 22 Jahre alte Englisch-Student ist voller Stolz auf sein Land. &#8222;Schreib&#8216; nicht&#8220;, sagt er, &#8222;du wärst in Algerien gewesen. Um das behaupten zu können, musst Du den Norden kennen, den Osten und Westen gesehen haben, die Berge und Wüsten bereisen. Überall verschiedene Mentalitäten, unterschiedliche Menschen, völlig andere Gegebenheiten – andere Probleme. Klar, wollen wir alle mal hier raus, aber nicht um jeden Preis. Das hier ist unser Land und hier gehören wir hin.&#8220; Schließlich sei das Leben in Algerien auch immer weiter gegangen und einen weiteren Krieg werde es nicht mehr geben, dafür sei das System zu stark, meint Souhil.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist mir nicht möglich, die Interviewpartner, welche sich mit mir in jenem Café verabredet haben, auf die gemeinsamen Getränke einzuladen. Sie versperren mir den Weg zur Bar, als ich den Anschein mache, die Rechnung zu begleichen. Die berühmte arabische Gastfreundschaft ist omnipräsent. Auf der Straße werden Selfies verlangt und am allersten Tag war es für Insaf alternativlos, mich zu allem und jedem einzuladen.</p>
<p style="text-align: justify;">An einem Nachmittag treffe ich den 67-jährigen Mohammed, der aber lieber Med genannt werden möchte. Wenn er sich nicht im Internet in Foren und auf Blogs politisch oder gesellschaftskritisch äußert, kümmert er sich um Straßenhunde. In einem Land, in dem Hunde als haram (verboten) gelten, ist das keine leichte Aufgabe.<br />
Aus Lautsprechern einer Moschee tönt das Gebet des Muezzin über die Uferpromenade Algiers. Med sagt, dass er mit dem Islam und Religion überhaupt nichts anfangen könne. &#8222;Religion ruft in mir nur schlechte Gedanken hervor. Religion trennt die Menschen voneinander&#8220;, findet er. Trotzdem würde er dem streng islamischen Algerien nie den Rücken kehren. „Algerien ist mein &#8218;home sweet home&#8216; und auch wenn ich beispielsweise in Frankreich gelebt habe, würde ich immer wieder hierher zurückkehren.&#8220;</p>
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                        style="font-size:2em;color:#e26299;">
                <span>Das System wird weitermachen wie bisher.</span>
                <cite class="aesop-quote-component-cite">Med (67), über die Zukunft Algeriens</cite>            </blockquote>

            
            </div>
            
<p style="text-align: justify;">Wir laufen durch seinen Stadtteil. Die Möwen schreien, über uns die weißgrauen Fassaden mit den blauen Fensterläden, französische Balkone, schmale Austritte, Palmen säumen den Platz. „Nach mehr als zehn Jahren des Terrors ist Algerien jetzt auch ein sicheres Land. Wir Algerier sind zwar verhältnismäßig arm, doch sehr sehr freundlich.“ Was passiert, wenn Präsident Bouteflika stirbt? „Überhaupt nichts. Das System wird weitermachen wie bisher“.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Stille in der Stadt</h2>
<p style="text-align: justify;">So viel Geld muss sein, trotz Finanzkrise und Inflation – ein 1,4 Milliarden Euro teures Prestige-Objekt soll die Bouteflika-Ära in Stein meißeln: In Algier entsteht seit 2011 die größte Moschee Afrikas und nach Mekka und Medina das drittgrößte muslimische Gotteshaus der Welt. Nach einem Entwurf des Frankfurter Architekturbüros &#8222;KSP Jürgen Engel Architekten&#8220;. Übrigens nicht der einzige ausländische Bestandteil des gigantischen Monuments. Denn was als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gedacht war, um die algerische Arbeitslosenquote zu drosseln, hat sich als Täuschung entpuppt. Deutsche Architekten, deutsche Statiker, italienischer und türkischer Kalkstein und vor allem ausschließlich chinesische Bauerbeiter, kaum ein Algerier legt hier Hand an.</p>
<p style="text-align: justify;">Das 265 Meter hohe, höchste Minarett der Welt sticht wie ein gigantischer Leuchtturm des Islam aus der Bucht von Algier heraus. Für diesen Giganten wurden zahlreiche Bewohner evakuiert, die den Baumaßnahmen weichen mussten. Nicht nur deshalb ist die Baustelle bei den Menschen Algiers eher unbeliebt und wird stark kritisiert, statt deren Fertigstellung ersehnt. Abgesehen davon hat Algerien bereits fast 15.000 Moscheen. Wir sehen das moderne Beton-Minarett vom Balkon unserer zentralen Unterkunft aus in den Himmel ragen. Es ist, als bewache das unfertige Gotteshaus den weiten algerischen Küstenstreifen und das Meer vor Eindringlingen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Europa oder Afrika?</h2>
<p style="text-align: justify;">Unter uns Algier eine Stunde nach dem fünften Tagesgebet: Wie ausgestorben, alle Läden geschlossen, kaum ein Auto auf den Straßen, kaum ein Mensch zu sehen. Stille, Trauermoment, Angst, Friedlichkeit, eine seltsame Mischung. Noch nie habe ich eine Metropole derart außer Betrieb erlebt. Fast unvorstellbar, dass vor unserer Haustür in den frühen Morgenstunden wieder der absolute Trubel immense Lautstärken erzeugt. Dattelverkäufer, Teemacher, Motorroller.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich bin zurück bei Insaf. Sie fährt mich durch die Nacht von Algier, mit der Selbstverständlichkeit eines ausgebufften Taxifahrers, der vor dem Einsteigen seiner Fahrgäste weiß, wohin sie wollen. Die Stadt ist schwach und gelblich beleuchtet, wie ein großer Parkplatz oder ein Kasernenhof. Oben vom militaristischen Freiheitsdenkmal aus sehen wir die große Stille von Algier ausgebreitet vor uns liegen. Ein dunkles Panorama, sonderbar für eine Hauptstadt. Einige Jungs stehen um eine Bank versammelt und rauchen. Nur der Alkohol fehlt und wir wären in einem osteuropäischen Klischeebild. Wo das Meer sein sollte, scheint ein großer schwarzer Vorhang auf der Stadt aufzuliegen und hinter diesem Vorhang, auf der gegenüberliegenden Seite, nur einen geraden Strich entfernt – Europa. So nah, dass ich begreife, dass das hier nicht Afrika ist.</p>
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		<title>Wirbeltanz im Wartesaal</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Dec 2017 11:06:12 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wirbeltanz-im-wartesaal/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Jeder Schritt scheint mit Bedacht gewählt. Zeitlupenartig betreten die zehn Männer das hölzerne, achteckige Teehaus. Sie tragen bodenlange schwarze Überwürfe. Und zylinderförmige, konische Filzhüte, die noch höher sind als die Zipfelmasken der Semana-Santa-Büßer. Wie in Trance stellen sie sich im Halbrund auf. Sie nehmen auf weißen Schaffellen Platz. Etwas abseits sitzt der Vorbeter. Musik setzt ein, Gesang, Flötenklänge, später Percussion und Saiteninstrumente.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Männer stehen auf. Sie schreiten an ihrem Vorbeter, dem Chij, entlang, grüßen ihn, küssen ihn, legen die schwarzen Umhänge ab. Das Gewand darunter ist blütenweiß. Und mündet in einem bodenlangen Rock mit enormem Durchmesser. Ganz langsam beginnen sich die Männer um die eigene Achse zu drehen. Anfangs liegen ihre Arme über Kreuz auf ihrer Brust. Die linke Hand auf der rechten Schulter. Und umgekehrt. Das linke Bein bleibt stets wie eine Achse am Boden verhaftet. Das rechte stößt ab und löst die Drehbewegung aus. Immer schneller rotieren die Männer um die eigene Achse. Die Arme breiten sich nun aus. Die rechte Hand zum Himmel gerichtet. Die linke zur Erde. Im Kreis wirbelnd scheinen sie zu schweben. Wie Gestirne drehen sie sich um die eigene Achse und gleichzeitig in einem weiteren Kreis durch den Raum. Ihre aufgeblähten Röcke wirken wie die Ringe des Saturn. Sie sind Derwische. Mitglieder eines seit 1925 in der Türkei verbotenen Mystiker-Ordens.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich erlebe die Sema, den Tanz der Derwische, im Mevlana-Kloster in Istanbul. Der Begriff Kloster, Tekke, hat sich gehalten, obwohl diese Oase der Ruhe im quirligen Stadtteil Galata seit dem Verbot unter Atatürk offiziell ein Museum ist und die Tanzzeremonie nicht mehr religiöser Ritus, sondern eine Art Folklore-Aufführung. &#8222;Galata Mevlevihane Müzesi&#8220;, so nennt sich das 1492 gegründete Kloster heute. Heerscharen von Touristen bestaunen alljährlich die Derwisch-Vorführungen. Und erleben einen Islam, der dem Zen ähnelt. Oder der inneren Versenkung mittelalterlicher Mystiker im Christentum. Wie viele Religionen hat auch der Islam eine mystische Seite, wo die Annäherung an das Göttliche durch die Überwindung des eigenen Ichs erfolgt.</p>
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<h2 style="text-align: justify;">Der Meister Eckhardt des Islam</h2>
<p style="text-align: justify;">Dem Sitzen im ZEN entspricht im Sufismus der Wirbeltanz. Die Methode geht auf Rumi zurück, den großen Dichter und Sufi-Meister des 13. Jahrhunderts. Den Meister Eckhardt des islamischen Kulturkreises. Das Mevlana-Kloster am Bosporus wurde zwei Jahrhunderte nach Rumis Tod gegründet. Wenn man das kleine Tor zum Klostergelände durchschreitet, fällt man aus Raum und Zeit. Der Hof strahlt eine Ruhe und Abgeschiedenheit aus, die nicht von dieser Welt scheint. Besonders wenn man gerade von der lauten, hektischen, überfüllten Einkaufsmeile Istiklal Caddesi kommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Grabsteine im Klosterfriedhof wirken wie versteinerte Sufi-Tänzer. Die Stelen mit den arabischen Inschriften sind die Körper. Darauf thronen die zylindrischen Hüte, manchmal aufgestockt um einen steinernen Turban. Gottesacker und Tanzsaal sind Orte des Übergangs. Die Filzhüte der Derwische, Sikke, symbolisieren Grabstelen, denn das Ego soll ja tanzend zu Grabe getragen werden. Und die weißen Gewänder sind Grabtücher, um das überwundene Ich zu beerdigen. Sufismus ist wie Zen transpersonale Spiritualität. Der Derwisch wird eins mit einem größeren Ganzen, indem er seine Eigenständigkeit als Person aufgibt. Und das große Ganze ist der Kosmos, den der Tanz spiegelt. Die Tänzer werden in Trance zu Gestirnen, die sich sowohl um die eigene Achse drehen, als auch im harmonischen Zusammenspiel mit anderen den Mittelpunkt des Universums umkreisen. Gegen den Uhrzeigersinn, also gegenläufig zum natürlichen Fluss der Dinge, der stets im Tod mündet.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Schönheit dieses Konzepts büßt ihre Wirkung verblüffend wenig dadurch ein, dass Touristen bei der Zeremonie zuschauen. In den Klosterräumen gibt es eine Dauerausstellung, die mit zahlreichen Exponaten über islamische Mystik, Sufi-Traditionen und die Geschichte des Ordens informiert. Das Mevlana-Kloster ist unbestreitbar ein Museum. Und der achteckige, holzgetäfelte Teeraum ist unverkennbar Bühne für ein Touristen-Spektakel. Aber so fühlte es sich nicht an. Da war noch etwas. Haben die Sufis schlitzohrig ihre Existenz gesichert, indem sie ihre Kultur für ein nicht-initiiertes Publikum öffneten?</p>
<h2 style="text-align: justify;">In der Millionenstadt am Bosporus</h2>
<p style="text-align: justify;">Als die Tanzzeremonie in dem Istanbuler Teehaus vorbei ist, komme ich ganz allmählich wieder an in der profanen Alltagswelt der Millionenstadt am Bosporus. Ich schlendere durch das Galata-Viertel und frage mich, wie viel authentischer Sufismus (benannt nach dem arabischen suf, Wolle, was auf das Wollgewand der Asketen anspielt) noch in dem steckt, was ich gerade erlebt habe. Ob mystische Erfahrung überhaupt möglich ist, wenn man eine Methode der Verinnerlichung vorgeblich auf ihre äußerliche Ästhetik reduziert? Die Oberfläche wirkte stimmig: Ambiente, Trachten, Choreographie. Was aber, wenn der Kloster-Rahmen als Kulisse wegfällt? Würde das einen Teil des Zaubers nehmen?</p>
<p style="text-align: justify;">In Istanbul gibt es noch andere Orte, an denen Derwisch-Tänze vorgeführt werden. Ich habe das Wirbeln der Sufis zum ersten Mal in eigentümlichem Ambiente erlebt. Im Wartesaal des Sirkeci-Bahnhofes, der Endhaltestelle des legendären Orientexpresses. Der holzgetäfelte Raum ist gewaltig hoch. Seine Rosettenfenster haben unverkennbar etwas Sakrales. Wie in Kathedralen des europäischen Mittelalters. Hier haben ein Jahrhundert lang Orientreisende auf den Luxuszug gewartet, der sie zurück nach Wien, München oder Paris bringen sollte. 1883 nahm die legendäre Bahnverbindung den Betrieb auf. Ab 1889 endete sie in der Sirkeci-Station, dieser kleinen Kathedrale des romantischen Reisens.</p>
<p style="text-align: justify;">Sufi-Mystik im Wartesaal – was zunächst als bizarre Kombination erscheint fühlt sich, wenn man sich darauf einlässt, durchaus stimmig an. Ich war mehrmals bei der Tanzzeremonie im Sirkeci-Bahnhof. Und dachte jedes Mal, dass die klassischen Orientreisenden von jeher wohl auch Pilger waren. Ihre Hoffnungen und Sehnsüchte ähnelten vermutlich denen von Erkenntnissuchenden an anderen mythischen Orten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sufis im Bahnhof</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Derwisch-Tänze machen sich im Bahnhof besonders unverdächtig. Zeitvertreib und Zerstreuung für Reisende. Ablauf und Choreographie in dem leicht heruntergekommenen Wartesaal sind nicht nennenswert anders als im Mevlana-Kloster. Nur dass hier die Musiker im Saal sind &#8211; zum Anfassen nahe. Und die Besucher nicht durch eine hölzerne Balustrade abgetrennt sind von dem Raum, den die Derwische durchwirbeln. Sie hocken auf billigen Plastik-Stühlen, quasi auf der Tanzfläche. Anfangs denke ich, wie demütigend es sein muss, seine heiligen Traditionen an einem derart profanen Ort zu praktizieren. Aber erstaunlich schnell löst sich die Architektur als Kulisse der Zeremonie auf. Sobald die Sema in Gang kommt, ist das Ambiente vergessen. Die Wirbeltänze entfalten die gleiche hypnotische Wirkung wie im Teehaus des Klosters. Die Rotation scheint einen förmlich in die Tiefen des Universums zu ziehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Derwisch-Rituale sind getanzte Kosmologie. Rumi initiierte eine Kosmologie des Tanzes. Das kosmische Ganze wird in einem strengen Ritual ertanzt. Zu dieser Gesamtheit gehört der Makrokosmos der Gestirne ebenso wie der Mikrokosmos von Protonen und Elektronen. Galaktische Weiten ebenso wie atomare Tiefen. Ein visionäres Konzept für einen Mystiker des 13. Jahrhunderts, lange vor Galileo. Obwohl Bewegungen und Choreographie der Sema dynamisch und im Fluss sind, sich in den Raum hineinbewegen, ihn ausfüllen, ziehen sich die Tanzenden spürbar in die innere Versenkung zurück. Der hypnotische Anblick und die Klänge der Sufi-Musik nehmen auch den unbeteiligten Betrachter mit auf eine Art spirituelle Reise. Das fünfköpfige Ensemble spielt auf mit einer Kamantsche (einer persischen Stachelgeige), der Baglama (einer Saz, die türkische Langhalslaute), der Oud (Kurzhalslaute) und natürlich der Rohrflöte Ney. Die Sufis glauben, beim Spielen der Ney wird der Atem Gottes zu Klang.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch am Zielbahnhof des Orientexpresses ergreift mich die Schönheit der Sufi-Kontemplation. Hier scheint mir das Umschiffen des staatlichen Verbotes noch listenreicher. Aber das bleibt reines Bauchgefühl. Meine eigenen romantischen Projektionen. Wunschdenken. Denn kann ein uraltes Ritual gelebte Spiritualität und folkloristische Zerstreuung zugleich sein?</p>
<h2 style="text-align: justify;">An Rumis Grab</h2>
<p style="text-align: justify;">Um das herauszufinden, reise ich nach Anatolien, nach Konya, der Wirkungsstätte Rumis. Es ist der 17. Dezember, der Todestag des großen Mystikers, den seine Verehrer traditionell als Feiertag begehen. Nicht ein Hauch von Orient-Romantik umweht die Zugfahrt nach Konya. Der ultramoderne Hochgeschwindigkeitszug saust von Istanbul in wenigen Stunden durch gepflegte Kulturlandschaften ans Ziel. Genug Zeit, mir den Lebensweg des Mystikers in Erinnerung zu rufen.</p>
<p style="text-align: justify;">Rumi, der 1207 in Balkh, im heutigen Afghanistan, geboren wurde, hieß eigentlich Dschelaleddin. Der Vater war ein geachteter Rechtsgelehrter und Theologe. Daher fand er, nach der Flucht der Familie vor Dschingis Khans anrückenden Mongolen und einer Irrfahrt gen Westen, eine Anstellung im anatolischen Konya. Konya war Herrschaftssitz der oströmischen Seldschuken. So entstand Dschelaleddins Beiname: Rumi, der Römer. Bis zu einer Schlüsselbegegnung, die seinem Leben eine völlig neue Ausrichtung geben sollte, folgte Rumi zunächst in Konya den Fußstapfen seines Vaters, wurde Gelehrter und Familienvater.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Wendepunkt in Rumis Leben kam, als im Jahre 1244 der Derwisch und Wandermönch Shams-e-Tabrizi in Konya eintraf. Zwischen beiden Männern entspann sich etwas ganz und gar Unerhörtes. Eine Art intellektuelle amour fou. Rumi und Shams wurden einander geistige Sparringspartner, Seelenverwandte, Inspirationsquell. Sie verschmolzen zu einer symbiotischen Einheit. Inwieweit ihre Beziehung auch eine sexuelle Ebene hatte, wird entweder diskret übergangen oder ist tatsächlich nicht eindeutig überliefert. Seinerzeit war die Männerfreundschaft jedenfalls ein gesellschaftlicher Skandal. Rumi vernachlässigte Familie und Alltag. Woraufhin seine Angehörigen dafür sorgten, dass Shams Konya verließ. Der hatte vermutlich berechtigte Sorge um Leib und Leben. Als Rumi vor Kummer über den Verlust des Geliebten zu zerbrechen drohte, holten seine Söhne den Vertriebenen für kurze Zeit aus dem Exil in Damaskus zurück. Nur um ihn gleich darauf zu ermorden. Sie holten ihn eines Abends in Rumis Haus ab, führten ihn aus der Stadt. Das war im Jahre 1248. Shams ward nie mehr gesehen. Rumi lebte noch bis zum Jahr 1273.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Lehre der allumfassenden Liebe</h2>
<p style="text-align: justify;">Aus diesem Verlust heraus entwickelte Rumi seine Lehre von der allumfassenden Liebe, die der Seele auf den Pfad zur Vollkommenheit verhilft. Seinen Verlust beklagte er in Versen, die ihn bis heute zum meistgelesenen Dichter persischer Sprache machen. Vor allem aber wirkte Rumi als geistiger Gründer des Mevlevi-Ordens, des Ordens der Tanzenden Derwische. Eines Tages soll ihn der Rhythmus, den die Kesselmacher auf Konyas Markt mit ihren Schmiedehämmern schlugen, zu einem spontanen Wirbeltanz inspiriert haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Schule machende Methodik war geboren. Mevlana, Rumis Beiname, bedeutet &#8222;unser Meister&#8220;. Und das persische Derwisch kann mit &#8222;streng asketisch lebender Mönch&#8220; übersetzt werden. Die Methode der inneren Versenkung im tranceartigen Wirbeltanz hat Rumi nach seiner spontanen Eingebung auf dem Markt verfeinert und ausdifferenziert. Das mystische Grundprinzip ist das gleiche wie in anderen Praktiken von &#8222;Entwerdung&#8220;, von Erkenntnis und Auflösung. Aber Rumis kosmischer Tanz berührt mich als Methodik von besonderer Schönheit und Originalität, die noch dazu den unbeteiligten Betrachter miteinzubeziehen vermag. Die formelle Bruderschaft jedoch, in die Rumis Erben seine Lehren überführten, hat die Säkularisierung der Türkei nicht überlebt. In seltsamem Kontrast zu der Verehrung des Mystikers, auf die ich an Rumis Wirkungsstätte stoße.</p>
<p style="text-align: justify;">Für viele Muslime kommt der Pilgerort Konya gleich nach Mekka. Doch ein spürbar spirituelles Flair ergreift mich nicht bei der Ankunft an Konyas eher schmucklosem Bahnhof. Von dort folgt man zu Fuß einer schnurgeraden Magistrale ins Zentrum. Der Stadtkern unterscheidet sich mit seinen zahllosen Läden, Boutiquen, Restaurants und Cafés nicht nennenswert von anderen türkischen Städten. Die Zwei-Millionen-Stadt ist wirklich seltsam unspektakulär, wie Reisende unisono beklagen &#8211; trotz der majestätischen Kulisse des Taurus-Gebirges. Angeblich hat Konya annähernd so viele Moscheen wie das siebenmal so große Istanbul. Ins Auge springt das nicht. Dafür wirkt die Millionenstadt zu europäisch, zu wenig orientalisch. Unübersehbar ist jedoch: Das Geschäft mit dem Sufi-Erbe blüht in Konya.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Vermarktung des Sufi-Erbes</h2>
<p style="text-align: justify;">An jeder Straßenecke findet sich ein &#8222;Mevlana Hotel&#8220;, ein &#8222;Sufi Kebab&#8220;, Stände des &#8222;Mevlana Taksi&#8220; &#8211; Fuhrunternehmens oder ein &#8222;Hotel Rumi&#8220;. Auch die Ampelmännchen an den Straßenlaternen sind einzigartig: Grell neonfarben leuchtende Derwischfiguren. Heckenpflanzen werden so zurechtgeschnitten, das sie wie Wirbeltänzer aussehen. Konya vermarktet sein Sufi-Erbe ebenso aggressiv wie die Altstadt von Jerusalem die Passionsgeschichte.</p>
<p style="text-align: justify;">Ziel der Rumi-Pilger ist das Grab des Mystikers, der Rumi-Schrein. Der Sarkophag, auf dem unübersehbar der Derwisch-Filzhut des Dichters liegt. Eine markante grüne Kuppel weist den Weg zu der Anlage, die auf der Mevlevi-Tekke gründet, die Rumis Sohn Sultan Veled einrichten ließ. Sie besteht aus dem Mausoleum, einer Moschee, einem Tanzhaus (Semahane), 17 Derwisch-Zellen, einer Küche und einem Reinigungsbrunnen. In der Küche mussten Novizen 1001 Tage Dienst tun, bis sie als Derwisch initiiert wurden. Heute ist das ehemalige Klostergelände ebenso streng gesichert wie der Topkapi-Palast in Istanbul. In einer Sicherheitsschleuse werden Bekleidung und Taschen der Besucher gescannt und durchleuchtet. Dann steht man auf dem Klosterhof, wo sich viele Pilger rituell Füße und Hände reinigen, bevor sie das Mausoleum betreten. Jeder Besucher muss die Schuhe ausziehen oder einen blauen Plastiküberzug darüber streifen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein großer, dunkler Raum, direkt unterhalb der markanten grünen Kuppel, ist Rumis letzte Ruhestätte. Sein mit einem goldbestickten Samtüberwurf bedeckter Sarg wird durch ein hohes Eisengitter vor allzu überschwänglichen Verehrern geschützt. So kann man den Sarkophag zwar nicht berühren, aber keinesfalls übersehen: Rumis Turban ist darauf drapiert. Die Menschen klammern sich an das Gitter. Manche sind emotional so überwältigt, dass sie in Tränen ausbrechen. Es gibt einen Gebetsraum für Männer und einen für Frauen. Der Rest des Klosterbaus und des Tempelbezirks ist ein Museum, wie in Istanbul. Überwiegend Frauen sitzen auf dem nackten Fußboden, wie Schülerinnen auf Klassenfahrt. Sie lehnen an den Schaukästen, die Kleidungsstücke Rumis und andere Sufi-Devotionalien zur Schau stellen. Mein Lieblingsexponat bleibt leider eine Behauptung. In einem mit Perlmutt-Rauten verzierten Holzkästchen soll sich angeblich ein Barthaar Mohammeds befinden. Die Floskel ‚beim Barte des Propheten‘ möchte ihren Ursprung in Konya haben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Verehrt wie ein Volksheiliger</h2>
<p style="text-align: justify;">Hier im Rumi-Mausoleum wird der Dichterfürst wie ein Volksheiliger verehrt. Die Pilger, die jedes Jahr am 17. Dezember, dem Todestag Rumis, in Scharen aus allen Landesteilen nach Konya kommen, suchen nicht nur die innere Einkehr an der letzten Ruhestätte ihres Idols. Sie wollen auch Spektakel, Zeitvertreib, Zerstreuung. Von der zum Museum degradierten Mevlevi-Tekke aus dem 13. Jahrhundert laufe ich eine Magistrale stadtauswärts entlang trauriger Ruinen auf einem trostlosen Brachland. Und komme zu einem kolossalen Betonmonstrum, dem modernistischen Kultur- und Kongresszentrum von Konya. &#8222;Mevlana Kültür Merkezi&#8220; nennt sich der seelenlose, futuristische Gigantbau in Form einer Pyramide.</p>
<p style="text-align: justify;">Dessen Siebzigerjahre-Moderne steht in seltsamem Kontrast zu den Besuchern, die er zum Rumi-Gedenken anzieht. Busladung nach Busladung wird hier abgeladen, um einem Show-Programm mit Derwisch-Einlage beizuwohnen. Wohlgenährte, rustikale Damen mit Kopftüchern und groben Strickjacken dominieren die Besucherströme. Nervös, spürbar von der ungewohnten Situation überfordert, suchen sie ihre Plätze in der gewaltigen Arena auf. Und auch während der Vorstellung ebbt das Kommen und Gehen nicht ab. Ständig muss jemand zur Toilette oder sonst etwas erledigen. Ständig wird getuschelt, geschnattert. Mit Handys photographiert, Selfies gemacht. Um sich zu vergewissern, dass man nicht allein ist in dem Kulturpalast, der wie das Innere eines gewaltigen UFOs anmutet.</p>
<p style="text-align: justify;">Irgendwie will hier nichts zusammenpassen. Nicht nur die etwas derben, fülligen Landpomeranzen und die megamoderne Arena. Das knappe Doppeldutzend an Sufi-Musikern auf der Orchester-Empore ist zwar traditionell gekleidet &#8211; ebenso die rund 50 Derwisch-Tänzer -, aber die Inszenierung hat dennoch etwas von gepflegter Samstagsabendunterhaltung. Bis hin zu der knalligen, äußerst farbenfrohen Lightshow. Mystisch sieht anders aus. Stelle ich mir zumindest anders vor. Die Regie hat Wert darauf gelegt, dass ein kulturelles Unterhaltungsprogramm die eigentliche Sema umrahmt. So ist der Derwisch-Tanz ein Programmpunkt unter vielen in einer weltlichen Großveranstaltung.</p>
<p style="text-align: justify;">Erdogans Wähler stelle ich mir so vor wie die Besucher in Konyas Kulturpalast. Fraglos fromm, traditionell in Erscheinung und Weltbild, konservativ im Denken und Empfinden. Und wenig aufmüpfig, weil Teil eines unverrückbaren Systems, autoritär und hierarchisch. Sie tragen dieses System, sind seine Stützen. Und damit weit entfernt von der inneren Freiheit und Unabhängigkeit wahrer Mystiker. Tröstlich allein, dass die Zeremonie überlebt hat. Und ein klein wenig subversiv wirkt, wenn sie ihre zahlreichen Zuschauer trotz des unwürdigen Ambientes in ihren Bann schlägt. Sich von Konyas Popcorn-Sema mitreißen lassen, ihren Rhythmus aufnehmen, ihr gebannt folgen: Das ist Mystik light im Schnupperpaket. Und damit mehr als eine Bruderschaft im Verborgenen erreichen könnte, grinse ich in mich hinein.</p>
<p style="text-align: justify;">Und doch bin ich niedergeschlagen auf dem Rückweg vom Kulturzentrum. Wenn es das gewesen sein sollte mit dem Sufismus im 21. Jahrhundert, dann hätte Atatürk ganze Arbeit geleistet. Der Mevlevi-Orden mag einen subversiven Weg des Eigenerhalts gefunden haben und seine heiligen Zeremonien gerettet, indem sie scheinbar zum öffentlichen Spektakel wurden. Aber als gesellschaftliche Kraft von Belang, die die herrschende Kultur auf inspirierende Weise in Frage stellt, wirken die Ordensbrüder nicht. Mit großem Glück gelingt mir dann aber doch ein kurzer Einblick in eine Art Hinterhof-Sufismus, den kein Fremdenverkehrsbüro einem ans Herz legen würde.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Hintertreppen-Mystik, oder: Die unerwartete Dikhr</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Ladengeschäft ‚Dervish Brothers Center‘ wirkt von außen wie ein weiterer der zahllosen Souvenirläden in Konya, die ein Stück vom Rumi-Kuchen abhaben wollen. Aber hinter dem Geschäftsnamen, der scheinbar auf ausländische Konsumtouristen abzielt, verbirgt sich tatsächlich eine Art Bruderschaft. Empfohlen hatten es mir zwei australische Backpacker, die ich bei der kommerziellen Derwisch-Vorführung am Nachmittag kennen gelernt hatte. &#8222;Dervish Brothers&#8220;, das sei “the real thing!“, wurde mir nahegelegt.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Laden ist sein eigener Kosmos. Hier Inventur zu machen, dürfte eine Lebensaufgabe sein. Bis zur Decke ist das Geschäft mit Kruscht und Krempel vollgestopft. Selbst das Wanddekor hat mehrere Schichten: Handgeknüpfte Teppiche als Grundierung. Darüber hängen Plakate, Wasserpfeifen, Fayencen, gerahmte Kalligraphie, Rumi-Portraits. Auf den kreuz und quer durcheinander stehenden Rattanregalen finden sich Sufi-Literatur, Töpferarbeiten, Musikinstrumente, Kopftücher und Ethno-Klamotten. In den Glasvitrinen lassen sich Steine, Kristalle, Talismane, Schmuckstücke, Handschmeichler, Gebetsketten und andere Kleinodien bestaunen. In der hinteren Ecke hocken Musiker rund um einen niedrigen Tisch. Sie trinken Tee, stimmen Saz und Oud, trommeln sich ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Als sie zu spielen beginnen, springen zwei Frauen spontan auf. Sie beginnen, sich langsam um die eigene Achse zu drehen. Ganz nach Derwisch-Art. Alle Anwesenden wirken wie eine verschworene Gemeinschaft, der es letztlich egal ist, ob sich Kunden in den Laden verirren oder nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Hier treffe ich Üzeyir Özyurt, der sich selber &#8222;Sufi-Professor&#8220; nennt. Tatsächlich ist er so eine Art Sufismus-Koryphäe. Die Expertise hat er sich selber draufgeschafft. Und gut vermarktet: Er ist gern gesehener Talkshow-Gast zum Thema Mystik. Özyurt gehört das &#8222;Dervish Brothers Center&#8220;. Ich frage ihn, ob der 17. Dezember heute noch mehr ist als der Stichtag für ein Touristenspektakel. &#8222;Oh, ja&#8220;, antwortet Özyurt. &#8222;Es ist die Hochzeitsnacht von Mevlana Dschellaledin Rumi. &#8222;Seb-i-Arus&#8220;, als er starb und in der Ewigkeit wiedergeboren wurde, auf dem Pfad Gottes. Er selbst nannte es seine Brautnacht, &#8222;Seb-i-Arus&#8220; (sprich: Schebbi Aruss).</p>
<p style="float: right; margin-left: 100px;"><a href="http://mediennerd.de/sieben-geschichten-vom-glauben/" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-size: 12px; margin-bottom: 10px; text-align: center; text-transform: uppercase;">Diese Reportage stammt aus Sebastians Buch</span><img src="http://www.mitteldeutscherverlag.de/images/stories/virtuemart/product/9783954629190_w.jpg" width="350" /></a></p>
<h2 style="text-align: justify;">Liebe oder tot</h2>
<p style="text-align: justify;">Alle seien eingeladen mitzufeiern. Jede Nation, jede Religion sei willkommen. &#8222;Nur die Liebe im Herzen zählt&#8220;, sagt Özyurt, ganz wie Rumi es lehrte. &#8222;Wir verehren Gott und die Liebe. Rumi leitet uns dabei an!&#8220; Das Prinzip sei einfach und ungeheuer kompliziert zugleich: &#8222;Viele Leute leben auf dieser Welt, ohne je wahrhaftige Liebe zu erfahren&#8220;, klagt Üzeyir Özyurt. &#8222;Für uns sind das Tote! Wenn Du Dich verliebst, dann wirst Du wiedergeboren, für die Ewigkeit. Und Du spürst, dass Du am Leben bist. Allein die Liebe verleiht Dir Lebensenergie!&#8220; Immer wieder streut er ein langgezogenes &#8222;Huu!&#8220; ein, das er den Atem des Lebens nennt. Im Sufismus ist Hu ein Synonym für Gott. Wie das englische &#8222;He&#8220;, ER. Oder Hu ist ein verstärkendes Beiwort, wie in Allah Hu, das in so vielen Sufi-Liedern und Gedichten vorkommt. Allah Hu bedeutet so viel wie &#8222;Gott selbst&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;">Dem schwärmerischen Sufi-Professor verdanke ich dann auch den entscheidenden Hinweis. Leicht zögerlich empfiehlt er eine Sufi-Zeremonie, die irgendwann später am Abend stattfinden soll. Eine Dhikr, ein rituelles Gottgedenken, wie es Sufis und Derwische seit dem 8. Jahrhundert pflegen. Auf ein Papierchen kritzelt er eine Adresse, die in einer der dunklen Altstadtgassen liegt. Die Suche nach dem Ort der Dhikr entpuppt sich als gar nicht so einfach. Ich stehe in einem spärlich beleuchteten Sträßchen vor einem abgeranzten Haus. Und weiß zunächst nicht, wohin. Die Adresse stimmt. Aber nichts deutet darauf hin &#8211; kein Hinweis, kein Namensschild -, dass hier im Hinterhaus Dutzende von mystisch-angehauchten Gleichgesinnten zusammen gekommen sind, zu einem archaischen Ritual, zu Ehren Rumis, an dessen Todestag. Ich fasse mir ein Herz und trete ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Licht in dem abgedunkelten Raum ist so schummerig, dass sich meine Augen erst daran gewöhnen müssen. Schon auf der Gasse, vor der Tür, war gedämpft der rhythmische Sprechgesang der Teilnehmer der Sufi-Zeremonie zu hören. Es war nicht ganz einfach, sich überhaupt in den Raum vorzukämpfen. Im Takt des Sprechgesangs werfen die Teilnehmer ihre Köpfe und Oberkörper vor und zurück, immer wieder vor und zurück, in einem monotonen Rhythmus, der sie in Trance versetzt. Ein Vorsänger, den ich erst ganz allmählich in den Tiefen des Raumes ausmachen kann, gibt Melodie und Verse vor.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sich dem Rhythmus hingeben</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Wände des langgestreckten Raumes sind mit Teppichen behängt. Am anderen Ende sitzen die Würdenträger oder Altvorderen. Sie hocken im Schneidersitz am Boden und spielen Saiteninstrumente oder Trommeln. Sie haben lange Bärte, tragen orangefarbene Turbane und weite Gewänder mit Westen darüber. Vielleicht sind sie moderne Sufi-Meister. Zwei jüngere, ganz ähnlich Gekleidete laufen in der schmalen Gasse auf und ab, die die Singenden und sich vor und zurück Wiegenden in der Mitte des Raumes gelassen haben. Diese jüngeren Sufis stacheln die Menge an, zu skandieren und sich dem Rhythmus hinzugeben.</p>
<p style="text-align: justify;">Mystik ist Trance. Gott nähert man sich in einem anderen Bewusstseinszustand. Eine Art kollektiver Rausch hat den Raum ergriffen. Einer der Anheizer ist ein baumlanger Kerl, etwas mondgesichtig mit schwarzumrandeter Hornbrille. Sein zottiger schwarzer Vollbart und sein halblanges, struppiges Haar quellen unter dem Turban hervor. Neben ihm dreht sich ein ähnlich Gekleideter in Derwisch-Manier, gegen den Uhrzeigersinn und in endlosen Kreisbewegungen. Dann stehen auch andere, europäisch gekleidete Teilnehmer auf und versuchen sich ebenfalls an einer improvisierten Eigenvariante des Wirbeltanzes. Kaum zu glauben, dass der heillos überfüllte Raum überhaupt noch Tanzfläche öffnen kann. Die Menge skandiert: ‚La-Ilaha-Ill-Allah, hu‘ – es gibt keinen Gott außer Gott.</p>
<p style="text-align: justify;">Anfänglich befremden mich der monotone Gesang und das ekstatische Wippen. Ich denke an einen satanistischen Kult, der sich in rasender Trance zu Dingen hinreißen lässt, die kein Einzelner je für sich für möglich gehalten hätte. Auffällig viele Westler sind mit dabei. Darunter das australische Traveller-Pärchen, das ich am Nachmittag bereits bei der Derwisch-Showeinlage kennengelernt hatte. Auch auf die beiden war der Funke der Ekstase übergesprungen und sie hatten sich dem archaischen Trance-Tanz hingegeben. Die Australierin war nicht die einzige Frau, im Gegenteil.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Frauen willkommen</h2>
<p style="text-align: justify;">Von der harschen Männerdominanz eines Steinzeit-Islam sind wir hier Welten entfernt. Die anwesenden Frauen sind so ziemlich das Gegenteil der Traditionalistinnen vom Kulturpalast mit ihren Kopftüchern und bodenlangen Röcken. Das Trance-Ritual hat so eine durchaus moderne Anmutung. Überraschend jung sind die Teilnehmer. Von der Kleidung und Aufmachung her wirken sie eher wie Hippies auf mich, die auf dem Weg nach Goa hier hängen geblieben sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Atatürk und Erdogan wären sich sicher einig in ihrem Entsetzen über den Hinterhof-Sufismus von Konya. Atatürk, weil das Kultische überlebt hat. Und Erdogan, weil dies nichts mehr mit staatstragender AKP-Frömmigkeit zu tun hat. Auch der strenge Formalismus der Sema-Vorführungen, ihre klösterliche Ernsthaftigkeit und choreographische Disziplin, gehen der Trance-Séance von Konya völlig ab. Sie wirkt spontaner, impulsiver und damit subversiver auf mich. Auch nicht so elitär wie die Tanzspektakel der Initiierten. Demokratischer. Eine subkulturelle Nische, die im Halbdunkel überlebt. Diese Hintertreppen-Mystik ist mehr noch als die getarnten Sufi-Rituale in den Museen und Kulturzentren eine Provokation. Ein Infragestellen sowohl von Erdogans autoritärer Einheitskultur als auch der militanten Fundamentalisten.</p>
<p style="text-align: justify;">Islamistische Hardliner hassen Tanz und Musik, Vergnügen und Genuss. Toleranz, Pluralismus und Friedfertigkeit der Sufis waren ihnen von jeher ein Dorn im Auge. Auch politische Führer, die sich und ihre Herrschaft religiös begründen, eine Art göttlichen Auftrag reklamieren, haben in den Mystikern von jeher eine Bedrohung gesehen. Gehorsame Gläubige am Gängelband einer autoritären Priesterkaste sind berechenbarer. Und damit beherrschbarer. Mystiker jedoch, die den direkten, unvermittelten Zugang zu Gott suchen, die nur IHN als Autorität anerkennen und ihre eigenen Rituale und Zeremonien kreieren, sind ihnen suspekt. Mystiker gelten ihnen als Anarchisten, die sich nicht an weltliche Ordnung gebunden fühlen. Ein zarter Hauch dieses Geistes weht noch immer durch Istanbul und Konya.</p>
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		<title>Die letzten Deutschen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Apr 2017 15:58:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgisistan]]></category>
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					<description><![CDATA[In Kirgisistan kämpft das letzte deutsche Dorf Zentralasiens gegen das Verschwinden. Markus Huth wollte es besuchen, stieß in der sektenartigen Gemeinde aber auf einige Schwierigkeiten.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-letzten-deutschen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In Kirgisistan kämpft das letzte deutsche Dorf Zentralasiens gegen das Verschwinden. Unser Autor Markus Huth wollte es besuchen, stieß in der sektenartigen Gemeinde aber auf einige Schwierigkeiten.</strong></p>
<p><a href="https://www.amazon.de/dp/B01NAG60VT/ref=dp-kindle-redirect?_encoding=UTF8&#038;btkr=1" target="_blank">        <div id="aesop-image-component-6715-1"              class="aesop-component aesop-image-component "
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<p>Rot-was?<br />
Also Rot-Weiß auf Pommes war mir ein Begriff.<br />
Aber die Skulptur aus Blech-Buchstaben aus der Kategorie »die hässlichsten Ortseingangsschilder der Welt« formte: »Rot-Front«.</p>
<p>Ich lugte an dem rostigen Scheusal vorbei und erkannte eine lange, gerade Straße, an der sich zu beiden Seiten ein paar Häuschen wie beim Fahnenappell aufgestellt hatten. Der wolkenverhangene Himmel verbreitete Untergangsstimmung.</p>
<p>Wir waren etwa eine Autostunde östlich von der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Ein paar Kilometer im Norden begann Kasachstan, und im Süden lagen die Berge des Tian Shan. In dieses Kaff verirrte sich sicher kein Tourist. Mein Reisebgleiter Franz und ich waren auch nur aus einem Grund hier: Wir wollten sie mit eigenen Augen sehen. Die Deutschen.</p>
<p>Denn, warum auch immer, an dieser Stelle in Kirgisistan lebte seit Generationen eine deutsche Gemeinde. Die letzte Zentralasiens. Und so seltsam wie der Sachverhalt an sich, so seltsam war auch der Name dieses Ortes.</p>
<p>Zugegeben, »Rot-Front« klang zwar schon irgendwie deutsch.<br />
Aber gleichzeitig auch nicht.<br />
Jedenfalls sehr aus der Zeit gefallen. Das war auch nicht verwunderlich. Denn »Rotfront!« war damals in der Weimarer Republik der Gruß eines paramilitärischen Kampfverbands der Kommunistischen Partei Deutschlands gewesen.</p>
<p>Ich stellte mir also vor, wie ein Haufen uniformierter Kommunisten im Chor »Rotfront!« brüllte und dabei die geballten Fäuste nach oben streckte. Wohnten die jetzt etwa hier am Ende der Welt? Aus Frust, weil es mit dem Kommunismus nicht gut ausgegangen war?</p>
<p>Erwartungsvoll lugte ich noch mal am rostigen Ortseingangsschild vorbei. Doch martialische Schlachtrufe waren nicht zu hören. Stattdessen gackerten ein paar Hühner über die Betonstraße. Vögel zwitscherten. Obstgärten und Einfamilienhäuser ließen Bauernhofidylle statt Kommunismus-Nostalgie auf kommen. Der Klassenkampf fand gerade woanders statt.</p>
<p>»Ja, wo sind’s jetz, deine deutschen Freunde?«, fragte Franz, der Österreicher ist.<br />
Gute Frage.<br />
Dass ich keine Antwort wusste, war umso enttäuschender, da das der einzige Teil meiner planlosen Reise gewesen war, den ich hatte planen wollen. Schließlich konnte ich nicht einfach unangemeldet bei meinen deutschen &#8230; äh, was sagte man denn dafür heute?<br />
Volksgenossen?<br />
Das war Nazi-Sprech.<br />
Das Volk hatte sich aus dem modernen Sprachgebrauch irgendwie verabschiedet.<br />
Landsleute?<br />
Nun ja, wir kamen nicht aus demselben Land.<br />
Oha, das würde ein schwieriger Besuch werden. Allein mit der Wortwahl begab man sich schon auf ganz dünnes Eis.</p>
<p>Ich entschied mich schließlich für den politisch korrekten und gendergerechten Terminus »KulturpartizipantenInnen«.<br />
Also: Dass wir hier verloren und unangemeldet vor dem Dorf meiner KulturpartizipantenInnen standen, war wirklich nicht meine Schuld. Ich hatte alles versucht. Noch aus Deutschland eine Mail an die kirgisische Botschaft mit der Bitte um einen Kontakt geschrieben. Und sogar eine Antwort bekommen.<br />
Vom »Volksrat der Deutschen Kirgisistans«.<br />
(Das mit der sensiblen Wortwahl hatte man meinen KulturpartizipantenInnen am anderen Ende der Welt anscheinend noch nicht verraten.) Jedenfalls »begrüßte« der Volksrat meinen Besuch und sicherte mir »allseitige Unterstützung« zu, samt Delegation in Rot-Front. Als ich das las, ließ meine Fantasie schon eine Blaskapelle aufspielen. Der weit angereiste Reporter würde garantiert mit allen Ehren empfangen werden!</p>
<p>Es gab da nur ein Problem.<br />
Der Volksrat meldete sich nicht mehr.<br />
Auch nach mehreren Nachfragen inklusive eines letzten verzweifelten »Ich bin jetzt in Kirgisistan!«-Notrufs nicht. Was war da los? Egal. Sicher nur ein technisches Problem. Ich hatte beschlossen, einfach auf eigene Faust nach Rot-Front zu fahren. Und jetzt standen wir hier, wie nicht bestellt und schon gar nicht abgeholt.</p>
<p>»Suchen wir eben den Bürgermeister«, schlug ich vor.<br />
Leider hing an keinem der Häuser ein Bürgermeister-Schild.<br />
»Ich weiß, wo der Bürgermeister ist«, sagte plötzlich eine Stimme hinter mir.<br />
Unseren kirgisischen Taxifahrer hatte ich ganz vergessen. Er hatte uns bis zum »Rot-Front«-Schild gefahren, wo ich fälschlicherweise gehofft hatte, irgendwelche Deutsche zu sehen. Zum Glück war er noch da. Also wieder rein ins Auto. Nach einigen Feldern stoppten wir im Nachbardorf vor einem prächtigen Rathaus.</p>
<p>»Guten Tag, wir suchen die Deutschen«, grüßte ich die Empfangsdame, eine Kirgisin.<br />
Sie griff zum Hörer und wies uns in einen großen Raum, dessen Wände mit Landschafts- und Pferdebildern behangen waren. Dort saß hinter einem großen Schreibtisch eine weitere Kirgisin im Hosenanzug. Offenbar die Bürgermeisterin.<br />
Also noch mal: »Hallo, sehr erfreut, wir wollen zu den Deutschen.«<br />
»Ja, hier leben einige deutsche Familien. Aber wieso haben Sie sich nicht angemeldet?«<br />
Gkrtzkrtgrrr, Volksrat!<br />
Wollte ich motzen.</p>
<p>Aber wir brauchten jetzt eine schnelle Lösung. Vor allem für die Nacht. Denn ein Hotel hatte das rotfronte Häuserhäufchen sicher nicht zu bieten. Also fand ich einige entschuldigende Worte, woraufhin die Bürgermeisterin ebenfalls zum Telefon griff und schließlich zu Franz und mir sagte: »Kommen Sie mit, aber versprechen kann ich nichts.«<br />
Wenig später waren wir wieder am rostigen »Rot-Front«- Schild.<br />
Und hier hatte sich inzwischen etwas Entscheidendes verändert.</p>
<p>Da waren plötzlich Menschen auf der Straße!<br />
Immerhin eine Hand voll. Und das waren nicht irgendwelche Menschen. Denn wie Kirgisen sahen die nicht aus. Eine kräftige blonde Frau in Jogginghose und Schlabberpulli schob einen Kinderwagen vor sich her. Neben ihr stützte sich ein alter Mann vom Typ »Opa erzählt vom Krieg« auf einen Gehstock. Und hinter einem Lattenzaun standen zwei blonde Kinder. Ihre blauen Augen waren auf Franz und mich gerichtet, als wir aus dem Taxi stiegen.<br />
Es gab keinen Zweifel: Wir hatten die Kirgisistan-Deutschen gefunden.</p>
<p>Erstkontakt!<br />
Aber wo war die Blaskapelle?<br />
Wo das Empfangskomitee?<br />
Stattdessen starrten sie uns skeptisch und schweigend an. Herzlich willkommen sah anders aus. Ich versuchte, das Eis zu brechen.<br />
»Guten Tag«, sagte ich auf Deutsch zu der blonden Mutti. »Wir sind aus Deutschland angereist &#8230;«<br />
»&#8230; und Österreich«, warf Franz ein.<br />
»Jedenfalls interessieren wir uns für die deutsche Minderheit in Kirgisistan«, sagte ich und fügte wichtigtuerisch hinzu:<br />
»Ich bin Journalist.«</p>
<p>Da musterte die Walküre mich von oben bis unten. Und warf mir abschließend einen verächtlichen Blick zu.<br />
Jetzt bekam sogar die kirgisische Bürgermeisterin Mitleid.<br />
»Sie und Ihr Mann haben doch ein großes Haus«, sagte sie auf Russisch. »Könnten Sie den jungen Männern heute Nacht Ihr Gästezimmer vermieten? Oder wissen Sie, bei wem sie unterkommen könnten?«</p>
<p>Die Blonde glotzte, als hätte man sie gebeten, zwei verlauste Ratten in Pflege zu nehmen.<br />
»Also, das geht wirklich nicht«, empörte sie sich auf Russisch und fügte auf Deutsch hinzu: »Wir haben keinen Platz!«<br />
Der Opa lächelte altersmilde und begann eine Geschichte zu erzählen. »Damals neunzehnhundert &#8230;«<br />
»Schhhh!«, brachte ihn die Walküre zum Schweigen.  Dann zog sie zügig mit dem Kinderwagen weiter. Der Opa schleppte sich im Schneckentempo auf einen Hauseingang zu. Und auch die blonden Kinder rannten davon.  »Na, dann kommt mal mit, wir finden schon ein Bett für euch«, sagte die kirgisische Bürgermeisterin.</p>
<p>Einige Häuser weiter wummerte die kleine, energische Frau an ein Tor.<br />
Ein junger, drahtiger Kirgise im Muskelshirt öffnete und staunte, was ihm das Schicksal da vor sein Haus gespült hatte. Nach kurzem Palaver mit der Beamtin sagte er:<br />
»Entschuldigt, meine Frau ist verreist &#8230; Also kann sie euch nicht bewirten. Und ich habe nur zwei Matratzen, die ich euch ins Wohnzimmer legen kann. Aber wenn euch das nichts ausmacht, seid ihr herzlich willkommen.«<br />
Machte der Witze?<br />
Dieser Engel!</p>
<p>Und so begab es sich, dass ich im Dorf der Deutschen bei einem Kirgisen Zuflucht fand.<br />
Der Engel hieß Samat. Er war Anfang dreißig und wahrscheinlich der gutmütigste Mensch in diesem Dorf. Sein Haus mit dem idyllischen Garten kam mir vor wie eine Insel der Gastfreundschaft. An jenem Abend tranken wir zusammen Wodka und brachen Brot. In blumigen Geschichten erzählte uns Samat, was für großartige Menschen diese Deutschen im Dorf angeblich waren. Hervorragende Baumeister, mit den schönsten Häusern, fleißig, ehrlich, hilfsbereit und großzügig.<br />
Da klaffte gerade ein ziemlicher Abgrund zwischen seinen Beschreibungen und meiner eben gemachten Erfahrung.<br />
Das Ganze war mir ein Rätsel.</p>
<p>Schließlich führte uns Samat in sein Wohnzimmer, wo die versprochenen Matratzen samt frischem Bettzeug auf dem Boden lagen. In der Ecke stand ein Klavier und darauf das Bild eines toten Verwandten, der Pianist gewesen war. Als ich langsam unter den Augen des toten Pianisten einschlief, nahm ich mir vor, am kommenden Tag das Rätsel der schroffen Deutschen zu lösen.</p>
<p>Der nächste Tag begann mit Samats fröhlichem Lachen.<br />
»Guten Morgen, Jungs, Frühstück!«<br />
Ich konnte seine gute Stimmung nicht ganz teilen. Schließlich wollte ich mehr über die Deutschen hier erfahren, hatte aber keine Ahnung, wie.</p>
<p>Samat riet uns, einfach mal die Straße entlangzulaufen und an den Haustüren zu klingeln.<br />
Der Kirgise zeigte mit fuchtelnden Armen, in welchen Häusern seine deutschen Nachbarn wohnten. Das war die erste Überraschung: In dem Achthundert-Seelen-Dorf waren sie klar in der Unterzahl. Nur noch knapp hundert Deutsche lebten hier.<br />
Von wegen deutsches Dorf!<br />
Nach dem Frühstück machten Franz und ich uns auf.</p>
<p>Die Häuser der Deutschen lagen an der anderen Straße von Rot-Front, die schmaler war als die Hauptstraße und genauso schnurgerade parallel zu ihr verlief. Schlanke Pappeln ragten in den grauen Himmel und wankten im Wind. Ein ausgeschlachteter alter Lastwagen lag vor einem Haus, daneben ein uralter Krankenwagen und ein grasendes Pferd. Gespenstische Atmosphäre. Wie bei unserer Ankunft am Vortag war kein Mensch auf der Straße. Alle schienen sich vor uns in ihren Häusern zu verstecken.</p>
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                                Rot-Front sehen und sterben. Foto: Markus Huth
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<p>Immerhin hatte Samat nicht gelogen.<br />
Die Häuser der Deutschen waren tatsächlich in besserem Zustand als die der Kirgisen. Sauberer und gepflegter. Vor allem die Gärten.</p>
<p>Ding-dong.</p>
<p>Klopf-klopf.</p>
<p>Bei Haus Nummer eins machte schon mal keiner auf.<br />
»Hallo? Hallo?«, rief ich. »Besuch aus Deutschland! Presse!«<br />
Als einzige Reaktion kläffte ein Hund und sprang scheppernd gegen die Innenseite des hohen Metalltors.</p>
<p>Bei Haus Nummer zwei passierte was.<br />
Nach minutenlangem Klopfen kam ein kräftiger Blonder ans Gatter. Noch ganz verschlafen.<br />
»Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?«<br />
»Vada is nich da. Kommt heut Abend widda.«<br />
Wumms. Gatter zu.<br />
Diese Deutschen wollten ganz klar nichts mit mir zu tun haben.<br />
Statt Blaskapelle wurde das Abblasen der Aktion immer wahrscheinlicher.</p>
<p>Da sah ich plötzlich vor Haus Nummer drei eine Gestalt stehen, die uns beobachtete.<br />
Ein Mann um die sechzig, mit grauer Jogginghose und weißem Shirt, das einen Bierbauch zusammendrückte. Ein gepflegter grauer Schnauzer und eine dicke Hornbrille verliehen dem Ruhrpott-Stil etwas Hipsterhaftes.<br />
»Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?«, versuchte ich es ein letztes Mal.<br />
Ich überlegte kurz, ob ich vielleicht mal »Rotfront!« rufen und die Faust heben sollte. Aber wie ein Kommunist sah der nicht aus.</p>
<p>»Mit den anderen habt ihr kein Glück, was?«, grinste der Fremde wissend.<br />
In seinen Worten schwang ein seltsam altertümlicher Dialekt mit. Klang irgendwie nach Plattdeutsch. Er schien etwas beleidigt, dass ich gefragt hatte, ob er Deutsch spreche.<br />
»Unsere Eltern haben uns beigebracht: Auf der Straße könnt ihr sprechen, was ihr wollt. Aber zu Hause wird Deutsch geredet!«<br />
Der Mann hieß Hermann.<br />
»Wenn die anderen mitkriegen, dass ich mit euch rede, gibt’s Ärger. Aber das ist mir egal. Ich bin sowieso der Sonderling«, sagte er rebellisch.</p>
<p>Ich stellte ihm die alles entscheidende Frage: Warum um Himmels willen waren hier alle so schroff zu uns?<br />
»Da seid ihr Journalisten doch selbst schuld. Warum berichtet ihr auch so einen Mist?«<br />
Erst jetzt erfuhr ich, was Sache war.</p>
<p>Die Rotfrontler hegten einen tiefen Groll gegen die Presse aus Deutschland.<br />
Im Dorf herrschte ein regelrechter Pakt, nicht mit Journalisten zu sprechen.  Anders, als ich gedacht hatte, war ich nicht der erste Reporter, der sich an dieses Ende der Welt verirrt hatte. Das ZDF und mehrere deutsche Zeitungen waren schon hier gewesen, es gab einen Dokumentarfilm, und sogar die New York Times hatte über das letzte deutsche Dorf in Kirgisistan geschrieben.<br />
Und ganz offensichtlich gefiel den Dorfbewohnern nicht, was man über sie berichtete.</p>
<p>Jetzt leuchtete mir auch ein, warum der in Bischkek sitzende »Volksrat« sich nicht mehr gemeldet hatte. Selbst der hatte wahrscheinlich nicht mit dem Unwillen der Rotfrontler gerechnet.<br />
Womit hatte ich das verdient?</p>
<p>»Immer werden wir als zurückgebliebene Hinterwäldler oder Sekte dargestellt«, erregte sich Hermann.<br />
Er war Rot und ich die Front.<br />
Ihn regte auf, dass die Reportagen, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Deutschland über Rot-Front erschienen waren, die Dorfbewohner lächerlich gemacht hätten. Dass die Journalisten sich meistens auf den altertümlichen und religiösen Lebensstil der Dorfbewohner stürzten. Und zwar immer nach dem Motto: Eine Welt wie vor hundert Jahren. Mit Viechern und Feldern. Frauen, die lange Röcke und geflochtene Haare trügen, früh heirateten und viele Kinder bekämen. Moderne Technologien gäbe es nicht, und alle redeten immerzu von Jesus.</p>
<p>»Fast alle von uns waren schon in Deutschland oder skypen mit ihren Verwandten«, insistierte Hermann. »Wir wissen, was in der Welt los ist.«<br />
Nachdem er seinem Ärger Luft gemacht hatte, wurde er etwas freundlicher.</p>
<p>Doch dann fragte ich:  »Was für eine Art Sekte sind Sie denn?«<br />
Sein Bauch begann nervös zu zucken.<br />
»Wir sind keine Sekte!«<br />
Immerhin erkannte Hermann nun seinen Bildungsauftrag und plauderte so ganz nebenbei die Geheimnisse von Rot-Front aus.</p>
<p>Die Geschichte dieser störrischen Dorf bewohner begann vor fast fünfhundert Jahren mit den Mennoniten. Eine evangelische Glaubensgemeinschaft außerhalb der Kirche. Von den Mainstream-Christen unterscheiden sie sich vor allem dadurch, dass sich ihre Mitglieder erst als Erwachsene taufen lassen. Der Name geht auf den friesischen Theologen Menno Simons zurück, der im 16. Jahrhundert als Reformator wirkte.</p>
<p>Das erklärte schon mal, warum Hermanns Dialekt an Plattdeutsch erinnerte.<br />
Denn viele Vorfahren der Rotfrontler kamen aus Friesland.  Die Mennoniten leben ein sehr traditionelles Leben. Moderne Technologien wie Fernsehen, Radio oder sogar Autos lehnen sie oft ab. Dahinter steht der Wunsch, den Einfluss der Außenwelt auf die Gemeindemitglieder sowie deren Bewegungsradius zu beschränken, um alle beisammenzuhalten.</p>
<p>Der Grad der Weltfremdheit variiert von Gemeinde zu Gemeinde.<br />
Die Rotfrontler, die ich bisher gesehen hatte, waren zumindest nicht durch besondere Kleidung aufgefallen. Zum Beispiel hatte die dicke Blonde mit dem Kinderwagen weder Rock noch geflochtene Haare getragen, sondern sah im Schlabberlook eher aus wie Cindy von Marzahn.<br />
Auch Hermann wirkte nicht gerade wie ein religiöser Fanatiker. In seinem Hof stand zudem ein dickes Auto. Nur eines fehlte. Anders als bei den kirgisischen Häusern hatten die Deutschen keine Antennen auf dem Dach. Fernsehen wurde hier offenbar nicht geschaut.</p>
<p>Derweil fuhr Hermann mit der Geschichte vom Mennoniten-Exodus fort.<br />
»Was hat unsere deutschen Vorfahren also Tausende von Kilometern nach Kirgisistan verschlagen?«<br />
Jedenfalls nicht die Lust auf ein Nomadenleben mit Pferden.<br />
Vielmehr war es die nackte Not.<br />
Denn die Mennoniten wurden von allen Seiten diskriminiert. Von den Katholiken und Lutheranern, weil sie keine Kinder taufen wollten. Und vom Staat, weil sie als strenge Pazifisten den Militärdienst verweigerten. Wegen ihres Glaubens verfolgt, waren die Gemeinden regelmäßig auf der Flucht. Immer auf der Suche nach einem Ort, wo man sie in Ruhe ließ.<br />
Von den heute weltweit zwei Millionen Mennoniten leben die meisten in Afrika und Amerika. Kein Wunder, dass die Rotfrontler lieber unter sich blieben und die Abgeschiedenheit bevorzugten.<br />
Und abgeschiedener als in Kirgisistan ging es kaum.<br />
Wie kamen die Rotfrontler nur auf diesen Ort am Ende der Welt?</p>
<p>Schuld war eine russische Zarin mit deutschen Wurzeln. Katharina die Große hatte im 18. Jahrhundert die Idee, ihr menschenarmes Riesenreich mit ausländischen Bauern zu besiedeln. Vor allem von den Deutschen, die Fleiß, gutes Vieh und fortgeschrittene Anbaumethoden mitbrachten, erhoffte sie sich viel.</p>
<p>Sie vergab Land, versprach Steuer- und Religionsfreiheit und auch Befreiung vom Militärdienst.  Ein Angebot wie gemacht für die Mennoniten.<br />
Viele waren daher unter den Hunderttausenden Deutschen, die sich an den Ufern der Wolga und des Schwarzen Meeres niederließen. Die Kolonisten gründeten zahlreiche Dörfer, in denen deutsche Kultur und Sprache fernab der Heimat bewahrt wurden.<br />
Leider liefen die von Katharina zugesicherten Privilegien irgendwann aus. Bald sollten auch die Deutschen Steuern zahlen und ihre Söhne zum Militär schicken. Ein No-Go für die friedliebenden Mennoniten.<br />
Eine neue Lösung musste her.<br />
Und die hieß Zentralasien.</p>
<p>Als die Krone Ende des 19. Jahrhunderts Siedler für frisch eroberte Gebiete in Zentralasien suchte, sahen die Mennoniten erneut ihre Chance gekommen. Wieder befreit vom Wehrdienst, gründeten etwa hundert Mennoniten-Familien vier Dörfer im Tal des Flusses Talas. Das liegt etwa vierhundert Kilometer östlich vom heutigen Rot-Front.<br />
Bald platzten diese Dörfer aus allen Nähten, und die vielen Landlosen wurden zum Problem.</p>
<p>1927 wies die kommunistische Regierung den Mennoniten deshalb einen weiteren Siedlungsort im Tal des Flusses Tschüi zu.<br />
»Rot-Front!«, rief ich ungeduldig.<br />
»Nein«, sagte Hermann. »Bergtal.«<br />
Wie jetzt Bergtal?<br />
Hermann öffnete seine Zauntür.<br />
Wir folgten ihm in den Garten und standen nun hinter dem Bauernhaus. Größer hätte der Kontrast zum rostigen »Rot-Front«-Schild am Ortseingang nicht ausfallen können.</p>
<p>Scheinbar endlose Felder, bedeckt mit locker aufgeworfenem Heu und gepressten Ballen, lagen vor mir und am Horizont die Berge des Tian Shan. Drei blonde Buben rannten spielend auf einen tuckernden Traktor zu. Ein Hund kläffte. Hohe Laubbäume raschelten im Wind.<br />
Ich fragte mich, warum jemand diesen idyllischen Ort ausgerechnet in »Rot-Front« umbenannt hatte.</p>
<p>Die Antwort trug Schnurrbart.<br />
Denn damals lag Bergtal im Sowjetreich. Und dessen Diktator Josef Stalin misstraute seinen deutschen Untertanen als angeblichen Agenten Hitler-Deutschlands. Quasi als Loyalitätszusicherung nannte man Bergtal, nachdem das Land der Bauern zwangskollektiviert worden war, in Rot-Front um.  Leider verfehlte der neue Name seinen Zweck. Denn der misstrauische Stalin wähnte unter den Russlanddeutschen weiterhin Verräter und Spione.<br />
Außerdem duldete er nur eine Religion, und die hieß Kommunismus.</p>
<p>Bis in die fünfziger Jahre hinein gab der Stalin-Staat daher sein Bestes, um die deutsche Kultur auch in Rot-Front auszurotten. Unterrichtsverbot für Deutsch an Schulen, Verbot religiöser Zusammenkünfte, Ausgangssperren, Verhaftungen, Hinrichtungen und sklavenähnliche Zwangsarbeit. Der einzige Vorteil der Rotfrontler war, dass sie nicht wie die meisten anderen Russlanddeutschen ihrer Heimat entrissen und nach Zentralasien deportiert wurden. Denn sie lebten ja schon hier.</p>
<p>Das war aber eine deprimierende Geschichte.<br />
Jetzt bekam ich sogar Mitleid mit den schroffen Deutschen.</p>
<p>»Wir haben den Kirgisen viel zu verdanken«, sagte Hermann plötzlich.<br />
Die hätten ihre deutschen Nachbarn während der sowjetischen Unterdrückung vor den Behörden geschützt. Bei sich zuhause versteckt, wenn Verhaftungen drohten. Oder die religiösen Treffen der Mennoniten vor der Polizei geheim gehalten.</p>
<p>Dann hatte Hermann noch eine These, wie die Kirgisen geholfen hätten, die deutsche Kultur im Dorf zu bewahren: Anders als bei den Russlanddeutschen, die mit Russen zusammenlebten, käme es mit den Kirgisen wegen der großen kulturellen und äußerlichen Unterschiede kaum zur »Vermischung«.<br />
»Aha«, sagte ich.<br />
Klang ziemlich Volksrat.<br />
Doch Hermann lachte nur.<br />
»Da seid ihr schockiert, was? Aber bei uns gibt’s kein Multikulti. Wir müssen überleben.«<br />
»Aha«, sagte Franz.</p>
<p>Und so standen wir mit Hermann und blickten auf die ländliche Idylle.<br />
Immer noch verfolgt von den blonden Buben, tuckerte der Traktor in Richtung Haus.<br />
»Ihr müsst jetzt gehen«, sagte Hermann besorgt. Er hätte ja gar nicht mit mir sprechen dürfen. Doch zum Abschied gab er uns noch einen Tipp:<br />
»Geht zum Bethaus, wenn ihr mehr wissen wollt.«</p>
<p>Bethaus?<br />
Was war das denn?<br />
Sicher so etwas wie eine Kirche.<br />
Das bedeutete, dass wir dort mit etwas Glück den wichtigsten Mann einer mennonitischen Gemeinde treffen würden, den Pastor. Beziehungsweise so eine Art Pastor. Denn die Mennoniten haben einen »Bruderrat«, der einen Bruder zum Sprecher bestimmt.<br />
Jedenfalls war das Bethaus, wie alles in einem Zwei-Straßen-Dorf, nicht schwer zu finden.<br />
Keine zehn Minuten später standen wir vor dem Gebäude.</p>
<p>Es reihte sich harmonisch ins Glied der an der schnurgeraden Straße angetretenen Häuschen. Mit einem wichtigen Unterschied. Das Bethaus war sehr viel größer. Schon der gepflegte und gerade Holzzaun unterschied sich deutlich von den windschiefen Artgenossen nebenan.<br />
Dahinter lag stolz wie ein Stück Käsekuchen ein Gebäude mit sauber verputzter, gelblicher Fassade. Der Grundriss hatte die Form eines länglichen Rechtecks, bedeckt von einem spitz zulaufenden Dach. Die schmucklosen Fenster waren mannshoch. Wir standen quasi vor einem Kirchenschiff, dem der Glockenturm fehlte.</p>
<p>Ich musste nun überlegt vorgehen.<br />
Sicher würde der Pastor Journalisten genauso grollen wie die anderen Deutschen, denen ich in Rot-Front bisher begegnet war.<br />
Was tun?</p>
<p>Da kamen wie ein Geschenk des Himmels zwei Autos angefahren und hielten direkt neben uns.<br />
Heraus stiegen Deutsche. Allerdings keine aus Rot-Front.<br />
Sondern aus Niedersachsen.<br />
»Guten Tag. Wollen Sie auch zur Führung?«, fragte eine Frau mit blondierter Frisur.<br />
Insgesamt standen nun drei Pärchen mittleren Alters plus ein kirgisischer Reiseleiter neben mir.<br />
»Äh. Guten Tag &#8230; ja«, sagte ich verdutzt.<br />
Dann hörte ich das Knattern eines Motorrads.<br />
Keine Minute später stieg ein Herr von einem weinroten Zweirad, nahm einen altmodischen Helm ab und sagte mit rollendem R:<br />
»Da sind sie ja. Herzlich willkommen in Bergtal!«</p>
<p>Das musste der Pastor sein.  Langsam begriff ich, was hier gerade passierte. Wir waren zufällig in eine angemeldete Touristengruppe aus Deutschland geraten. Und für den Pastor musste es so aussehen, als ob Franz und ich dazugehörten.</p>
<p>Das stürzte mich direkt in einen ethischen Konflikt.<br />
Denn die journalistische Berufsehre hätte jetzt verlangt, dass ich das Missverständnis sofort aufklärte und mich als Journalist zu erkennen gäbe.<br />
Allerdings hätte mich der Pastor dann garantiert zum Teufel gejagt.<br />
Und ich war doch nicht Tausende Kilometer zum letzten deutschen Dorf am Ende der Welt gereist, um mich jetzt davonjagen zu lassen. Ich musste doch erfahren, wie das Bethaus aussah.<br />
Eine Frage der Ehre.<br />
Nein, outen ging nicht.<br />
Also blieb nur eines: Undercover-Einsatz.<br />
Klappe halten. Mitspielen.</p>
<p>Der Pastor schüttelte mir, ich konnte es gar nicht fassen, freundlich die Hand.<br />
Er erzählte uns gleich, dass seine Vorfahren aus Ostpreußen stammten, was das rollende R erkläre. Seine Kleidung war nicht besonders auffällig: Der schlanke Mittfünfziger mit den strahlend blauen Augen hatte ein seriöses Kragenhemd in eine Jeans gesteckt und trug Anzugschuhe. Ein Mann, wie man ihn in jeder Sparkasse treffen konnte.<br />
Auffällig war dafür seine Kopf- und Bartfrisur.<br />
Oberlippenbärtchen und strenger Rechts-Scheitel waren in Deutschland seit Na-Sie-wissen-schon-wem aus der Mode gekommen. Hier anscheinend nicht. Doch das rollende Ostpreußen-R des Pastors hatte nichts Bedrohliches. Er sprach mit einer hellen, herzlichen Stimme, die die frohe Botschaft Jesu verkündete.</p>
<p>»Kommen Sie doch herein«, bat er ins Bethaus.<br />
Ich folgte ihm durch die große Eingangstür und staunte. Von Innen sah es aus wie eine echte Kirche. Honigfarbenes Holzbraun war die dominierende Farbe. Wir standen in einem großen Raum, in dem sich lange Bänke Lehne an Lehne reihten. Hier war Platz für wenigstens tausend Gläubige. In sechs Metern Höhe hing eine Holzkassettendecke. Es gab sogar eine erhöhte Galerie für noch mehr Betende. Und vorne eine Kanzel für den Prediger. Dort stand jetzt der Pastor, zeigte mit erhobenem Arm in eine Richtung und rief:<br />
»In dieser Richtung liegt Deutschland!«</p>
<p>Die Niedersachsen freuten sich.<br />
Ich schaute mich weiter um.<br />
An den Wänden standen in großen Buchstaben Bibelsprüche auf Deutsch und Russisch.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Sehet, ich komme bald!<br />
Offenbarung 22,7</p>
</blockquote>
<p>Hoffentlich sehr bald.<br />
Gott musste sich wirklich beeilen, wenn er hier noch Mennoniten antreffen wollte.<br />
Denn der Pastor berichtete nun vom Niedergang seiner Gemeinde. Sie hätte Ende der achtziger Jahre noch fast tausend Mitglieder gezählt. Das Bethaus sei stets gut gefüllt gewesen. Jetzt waren es nur noch rund hundert, von denen nur gut ein Dutzend regelmäßig auf ansonsten leeren Bänken saß.</p>
<p>Was war geschehen?<br />
Hatten die stalinistischen Repressionen gewirkt?<br />
Oder lag es an der »Vermischung« mit Kirgisen, vor der sich der dicke Hermann so fürchtete?<br />
Nein.<br />
Schuld, so der Pastor resigniert, war der »Deutschland-Virus«.<br />
Eine höhere Gewalt, die nichts mit Gott zu tun hatte.<br />
Und das kam so: Schon bald nachdem die Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre zerfallen war, hatte die meisten Deutschen nichts mehr in dem kleinen Dorf gehalten. Wie den anderen so genannten Spätaussiedlern aus dem postsowjetischen Raum versprach die Bundesrepublik auch ihnen die Staatsbürgerschaft und ein Erste-Welt-Leben in Deutschland.</p>
<p>In der Hoffnung auf ein bequemeres Dasein verkauften viele Mennoniten daher Haus und Hof an Kirgisen.  Die griffen gerne zu. Schließlich liegt das Dorf nicht weit von Bischkek. Und für das Gütesiegel »Gebaut von Deutschen« zahlten sie sogar höhere Preise als üblich. Schon bald war das deutsche Dorf mehrheitlich in kirgisischen Händen.</p>
<p>Derweil schrieben die Ausgewanderten an die Zurückgebliebenen in der kirgisischen Heimat.<br />
Viele waren in der nordrhein-westfälischen Stadt Detmold gelandet. Und berichteten von bemerkenswerten Dingen wie Krankenversicherung und Toiletten in der Wohnung statt Plumpsklo hinterm Haus.<br />
Fast jeder Brief enthielt eine klare Botschaft: Kommt nach.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Meine Zeit steht in deinen Händen.<br />
Psalm 31,16.</p>
</blockquote>
<p>Beim Anblick dieses Bibelspruchs an der Wand fragte ich mich, wie lange es die Deutschen hier noch aushalten würden.<br />
Es war nun fast genau neunzig Jahre her, dass sie Bergtal gegründet hatten. Noch mal neunzig würde mangels Nachwuchs schwierig werden.<br />
Doch der Pastor gab sich kämpferisch.<br />
»Ich gehe nicht.«<br />
Zwar sei er schon einige Male zu Besuch in Deutschland gewesen. Und seine Tochter lebe inzwischen dort. Doch er hatte für das Leben in Deutschland nur ein Wort, wobei er das R nun mahnend rollte:  »Abgerrrissen.«</p>
<p>Familien, die in Bergtal zusammen gewesen waren, sich umeinander gekümmert hätten, seien in Deutschland nun »abgerrrissen«.<br />
Der eine wohne hier, der andere da.<br />
Die Alten blieben oft alleine.<br />
Die Niedersachsen nickten nachdenklich.<br />
»Bei uns in Deutschland«, sagte ein Typ mit Sonnenbrille und schwarzem ACDC-Shirt, »dreht sich doch alles nur noch um Konsum.«<br />
Oha. Das artete hier langsam zur Systemkritik aus.<br />
Der Pastor warf nun ein, dass manche der Ausgewanderten inzwischen sogar zurückgekommen seien, weil sie vom Leben in Deutschland enttäuscht waren.</p>
<p>Ich war zwiegespalten.<br />
Als jemand aus einer Generation, die glaubt, Heimat ist überall da, wo sich der Computer automatisch mit dem Internet verbindet, verstand ich hier nur Volksrat. Soll doch jeder leben, wo und wie er möchte. Was der Pastor Gemeinschaft nannte, war für mich soziale Kontrolle.<br />
Andererseits konnte ich auch seine Frustration verstehen.<br />
Da hatten diese Mennoniten jahrhundertelang die Abgeschiedenheit gesucht. Endlich einen Platz am Ende der Welt gefunden. Technologien gemieden, die ihren Zusammenhalt bedrohten. Der staatlichen Repression getrotzt. Und am Ende reichte das Versprechen auf Absicherung und ein ordentliches Badezimmer, um die Gemeinschaft zu zerreißen.</p>
<p>Jetzt führte der Pastor die Touristengruppe in einen dunklen Keller.<br />
Wir standen vor einer Tafel mit historischen Fotos aus jenen Tagen, da Rot-Front noch ein gut bevölkertes deutsches Dorf war. Auf manchen waren lächelnde Männer, meist im Anzug, abgebildet, daneben lächelnde Frauen, mit Kopftuch oder geflochtenen Haaren. Oft hielten sie Instrumente in den Händen. Akkordeons, Lauten und Tuben. Musizieren wurde hier eindeutig wichtig genommen. Und dann war da noch ein anderes altes Schwarz-Weiß-Bild. Darauf lag einer der Gründer Bergtals als alter Greis aufgebahrt zwischen seinen Verwandten. Auf seinem Sarg in großen altdeutschen Buchstaben:<br />
»Ruhe in Frieden!«</p>
<p>Ob auch die deutsche Geschichte von Rot-Front demnächst in Frieden ruhen würde?<br />
Zumindest diese Führung ruhte jetzt in Frieden.<br />
Der Pastor führte uns aus dem Bethaus und schüttelte jedem zum Abschied die Hand.</p>
<p>Die Niedersachsen wollten ein Foto.<br />
»Aber nur für den Privatgebrauch«, insistierte der Geistliche. »Nicht, dass das in der Zeitung landet. Sie glauben gar nicht, was für ein Unsinn in Deutschland über uns geschrieben wird.«<br />
Nachdem die Niedersachsen mit ihren Autos abgedüst waren, standen Franz und ich immer noch neben dem Pastor.<br />
»Was machen Sie denn noch hier? Ich dachte, Sie gehören auch zu der Gruppe &#8230;«<br />
Meine Tarnung war nicht länger zu halten.<br />
»Also &#8230; na ja &#8230; das ist so«, begann ich zu erklären und stellte mich auf einen Zornesausbruch ein.<br />
Doch es kam schlimmer.<br />
Die stahlblauen Augen des Pastors füllten sich ob dieser fiesen Täuschung mit tiefster menschlicher Enttäuschung. Jetzt hätte er nur noch sagen müssen: Immer wenn jemand lügt, muss das Jesuskind weinen.<br />
Ich kam mir vor wie ein Stück Dreck.<br />
Dann erwiderte er nur:  »Schreiben Sie bitte keinen Unsinn. Wenn Sie möchten, können Sie heute Abend zur Gebetsstunde kommen.«<br />
Dann fuhr er mit seinem Motorrad davon.<br />
Verdammt. Dabei hatte ich mir doch vorgenommen, Unsinn zu schreiben. Jetzt ging das natürlich nicht mehr.</p>
<p>Es reichte langsam.<br />
Ich hatte von Rot-Front genug.<br />
Im Vergleich zu den kirgisischen Kirgisen waren die kirgisischen Deutschen eine echte Zumutung. Jesus hin, Jesus her, meinen Seelenfrieden würde ich hier sicher nicht finden.<br />
Ich freute mich jetzt schon auf Bischkek.</p>
<p>Erst mal aber spazierten wir zurück zu Samats Haus.<br />
Vorbei an abweisenden Pappeln und ausgeschlachteten Lastwagen.<br />
Das Abendessen stand bereits auf dem Tisch, der draußen im Hof aufgestellt war. Die zwei Köpfe der hauseigenen Hühner, die für dieses Mahl ihr Fleisch gegeben hatten, lagen nicht weit davon entfernt auf dem Boden und beobachteten mit gespannt-starrem Blick, ob uns ihre Gabe denn auch schmeckte.</p>
<p>Ungläubig hörten die toten Hühnerköpfe und unser kirgisischer Gastgeber zu, wie ich über die abweisenden Deutschen schimpfte.<br />
»Das ist sicher ein Missverständnis. Diese tollen Leute«, widersprach Samat.<br />
Nach einem weiteren Wodka sagte er:  »Die schönste Frau im Dorf ist eine Deutsche. Blond und groß. Eine Schönheit! Die Ärmste ist schon dreißig und findet hier keinen Mann. Weil die Mennoniten nur unter sich heiraten dürfen.«<br />
Jetzt wurde es interessant.<br />
»Sie ist bestimmt heute im Bethaus.«<br />
Richtig, die Gebetsstunde!</p>
<p>Also wieder rüber zum Bethaus.</p>
<p>Inzwischen war es dunkel und kalt geworden.<br />
Wie gigantische Augen leuchteten die großen Fenster des Käsekuchen-Gebäudes in der Finsternis. Davor stand ein Minibus, aus dem ein paar greise Gestalten stiegen. Die Gemeinde hatte einen Fahrdienst, um die Alten zu den Veranstaltungen zu bringen. Neugierig und schweigend starrten sie Franz und mir hinterher, als wir hineingingen. Dann setzte Getuschel ein. Drinnen war der Raum hell erleuchtet. Die Bibelsprüche strahlten mit aller Kraft.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde.<br />
1. Johannes 1,7</p>
</blockquote>
<p>Voller Sünde setzte ich mich auf eine der langen Bänke vor der Kanzel.<br />
Platz war genug. In der großen Halle versammelten sich außer uns und dem Pastor nur vierzehn weitere Menschen. Zwölf davon waren ältere bis ganz alte Frauen, sogar eine uralte Kirgisin war darunter.<br />
Die beiden anderen fielen sofort ins Auge.<br />
Ganz hinten saß eine hübsche junge Frau neben einer noch jüngeren. Offenbar Schwestern. Beide mit blonden Zöpfen und in keuschen langen Röcken. Ihre Blicke waren auf die Gesangsbücher gerichtet. Franz und mich würdigten sie keines Blickes.<br />
Diese Damen flirteten nur mit Jesus.</p>
<p>Derweil eröffnete der Pastor die Gebetsstunde.<br />
Überraschenderweise wurde hier nicht Deutsch, sondern Russisch geredet.<br />
So erreichte man wohl mehr Gläubige.<br />
»Wir singen nun Lied 68 aus dem Gesangsbuch.«<br />
Der Pastor stimmte an, die Frauen sangen kräftig mit:</p>
<p><em>»Oh, ich armer Sünder! Wahrlich, ein solcher bin ich; wenn Gott der Unsterbliche nicht voller Gaben wäre, nicht voller Liebe wäre und mich nicht retten würde, so wäre ich in dieser Welt schon längst gestorben.«</em></p>
<p>Franz und ich summten nur.<br />
Okay. Ich hatte alles gesehen, was ich sehen wollte.<br />
Es gab da nur ein Problem.<br />
Von der Gebetsstunde waren erst drei Minuten vergangen.</p>
<p>Die restlichen siebenundfünfzig bestanden zum Großteil ebenfalls aus Singen.<br />
Insgesamt sollten es an diesem Abend sieben Lieder werden, die Franz und ich nur peinlich textunsicher mitsummten. Die restliche Zeit standen einige der Alten auf und sprachen persönliche Gebete, dankten Jesus für die Ernte oder hofften auf den Seelenfrieden eines Verstorbenen.<br />
Irgendwann war es vorbei.</p>
<p>Der Pastor warf mir zum Abschied einen enttäuschten Blick zu.<br />
Ich war mir sicher, dass das Jesuskind weinte.<br />
Die Alten geisterten hinaus zu ihrem Minibus. Und die beiden jungen Blondinen eilten wortlos nach Hause.  Auch wir machten uns zum letzten Mal auf den Weg zu Samats Haus, dieser Insel der Gastfreundschaft in diesem ansonsten schroffen Dorf.</p>
<p>Ich erschrak, als mich in der kalten Dunkelheit vor dem Bethaus plötzlich eine Gestalt auf Deutsch ansprach.<br />
»Guten Abend, Sie sind doch der Journalist. Haben Sie bitte keinen schlechten Eindruck von uns. Gastfreundschaft ist uns normalerweise wichtig.«<br />
So lernten wir Agnes kennen.<br />
Eine kleine, kräftige Frau um die sechzig. Sie sah aus wie eine Mennonitin aus den deutschen Presseberichten: das ergraute Haar zu einem Kranz geflochten, langer schwarzer Rock und eine altertümliche rote Jacke mit Goldrand. Ihre Goldzähne glänzten im Mondlicht.<br />
»Ihr begleitet mich nach Hause, und wir können etwas reden«, sagte sie fast schon entschuldigend.</p>
<p>Auf dem Heimweg unter dunklen Pappeln klagte sie ihr Früher-war-alles-besser-Leid.<br />
»Als es noch mehr Deutsche gab, hatten wir eine große Bücherei, eine funktionierende Kolchose, Kultur, Arbeit und Geld. Heute ist das Dorfleben trist. Die Kirgisen machen nichts. Sie beschweren sich sogar, weil wir Deutschen zu viel arbeiten und sie schlecht aussehen lassen.«<br />
Ihre größte Sorge aber war ihre älteste Tochter, die Dorfschönheit.</p>
<p>Einen heiratsfähigen Mann gebe es für sie im Dorf nicht.<br />
Und in Kirgisistan habe sie keine berufliche Perspektive.<br />
»In Deutschland wird man für Bildung bezahlt, hier muss man für Bildung bezahlen. Aber wir haben das Geld nicht.«<br />
Und so müsse die Tochter putzen gehen. Für reiche Russen in Bischkek.<br />
Jeden Tag pendle das Aschenputtel per Marschrutka in die eine Stunde entfernte Hauptstadt. Ein möglicher Ausweg aus der Misere ist Deutschland. Die nötigen Dokumente für die Ausreise, erklärte Agnes, hätten sie schon in der Tasche.<br />
»Aber noch halten wir durch. Die Familie würde ja doch nur zerreißen.«</p>
<p>Wir standen nun vor ihrem Haus.<br />
Der Mond lugte hinter einer Wolke hervor und tauchte die Berge in silbernes Licht.<br />
Der Wind streichelte die Felder wie eine Katze.<br />
»Und diese Natur, ich würde sie so vermissen. Das ist meine Heimat«, war sich Agnes plötzlich sicher.</p>
<p>Sie entschuldigte sich nochmals für die schlechte Gastfreundschaft.<br />
Aber ich müsse das verstehen. Die Presse habe dem Dorf so schwer zugesetzt.<br />
Dünnhäutige Mennoniten, fluchte ich innerlich.<br />
Nun betonte Agnes noch, was für tollen selbst gemachten Kuchen sie ihren Gästen normalerweise anbiete.<br />
Hatte sie Kuchen gesagt?<br />
Würde sie uns vielleicht doch noch in ihr Haus bitten?<br />
Durften wir etwa mit der schönen Tochter sprechen?<br />
Erwartungsvolle Pause.</p>
<p>Zerstört von einem enttäuschenden:<br />
»Nun gut, ich muss nun ins Haus. Gute Nacht. Und schreiben Sie keinen Unsinn.«<br />
Das war’s.<br />
Agnes’ rundliche Silhouette verschwand im Haus.</p>
<p>Und für mich war klar: Nichts wie raus aus Rot-Front.<br />
Vor dem Einschlafen nahm ich mir noch vor, den maximal möglichen Unsinn zu schreiben.</p>
<p style="margin-top:60px;font-size:18px;color:#aaa;padding-top:40px;padding-bottom:40px;border-top:1px solid;margin-bottom:80px;border-bottom:1px solid;text-align:center">
Die Recherche zu dieser Reportage wurde von <a href="https://www.studiosus.com/" target="_blank">Studiosus Reisen</a> unterstützt.</p>
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		<title>Das Sperma der Götter</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 May 2016 08:43:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[England]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Druiden]]></category>
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					<description><![CDATA[In England blüht die Tradition der Druiden wieder auf. Unser Autor Sebastian Hesse hat einige von ihnen besucht, um herauszufinden was der ganze Hokuspokus um Bäume, Misteln und Steinkreise soll.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/das-sperma-der-goetter/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In England blüht die Tradition der Druiden wieder auf. Unser Autor Sebastian Hesse hat einige von ihnen besucht, um herauszufinden was der ganze Hokuspokus um Bäume, Misteln und Steinkreise soll.</strong></p>
<p>Allzu viel Phantasie braucht man nicht, um sich vom Glastonbury Tor aus eine Inselwelt herbeizu(tag)träumen. Zahlreiche Hügel haben die radikale Kultivierung der Landschaft in der Grafschaft Somerset überstanden. Früher, so erklärt es mir Pat Mead, sei die Gegend regelmässig überschwemmt worden. Feuchtes Marschland, das große Teile des Jahres unter Wasser stand. Die Hügel jedoch hätten aus der Wasserfläche heraus geragt. Sie seien zu Inseln geworden. Und, wie so oft im südenglischen Nebel, nur noch schemenhaft zu erkennen gewesen. Hier entstand einst die Legende von Avalon. Jener mythischen Insel, auf der das irdische Leben des Sagenkönigs Artus endete. Die Apfelinsel, wie die Kelten sie nannten. Pat jedoch erzählt die Geschichte anders. Für Pat liegt hier tatsächlich Avalon. Bis heute. Wegen Avalon ist sie einst nach Glastonbury gezogen. Denn Pat Mead ist Druidin.</p>
<p>In England berichten Menschen mit einer spirituellen Ader häufig über ihre prägende Begegnung mit einem Ort. Die Zuneigung für einen Landstrich wird gerne schwärmerisch verklärt. Landbewohner in England ziehen ein Lebensgefühl aus der Geographie, die sie umgibt. Sie verspüren eine intensive Verbundenheit mit natürlichen Orten: Achtung, Tiefe. Das hat mit der Schönheit unberührten Landes zu tun, seinen Farben und Gerüchen. Aber auch mit dem, was Menschen mit entsprechendem Sensorium in diese Landschaften hineinlesen können. Was sie an Mythologie dechiffrieren an Orten, zu denen sie sich intuitiv hingezogen fühlen. An solchen Orten überlappen sich geographische und mythische Landschaften. Nach keltischem Glauben existieren an bestimmten Orten Übergänge zwischen der Menschenwelt und der Anderswelt.</p>
<h2>Für König Artus</h2>
<p>Diese instinktive Verbundenheit mit einem Landstrich war es, die Pat Mead einst nach Glastonbury gebracht hat. „Ich bin wegen Artus zum ersten Mal hierher gekommen“, erzählt sie mir. „In einem Buch hatte ich ein Bild vom Glastonbury Tor gesehen. Und eine innere Stimme sagte: Geh da hin! Das haben wir dann auch gemacht, mein Mann und ich. Sind hierher gezogen!“ Ursprünglich stammt sie aus den britischen Midlands bei Birmingham. Einer spontanen Eingebung folgend verlagerte sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann ihren Lebensmittelpunkt an den Fuß des Glastonbury Tors. Über Nacht brachen sie ihre Zelte ab, um einem merkwürdigen Sog gen Westen zu folgen.</p>
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<p>Pats Bungalow hat wenig gemeinsam mit den urigen Cottages des ländlichen Englands. Er ist modern, funktional, eher einfach und schmucklos. Auch die Einrichtung läßt nicht darauf schließen, dass hier jemand mit ausgeprägt spirituellem Sensorium lebt. Pat und ich sitzen in ihrem kleinen Wohnzimmer, auf einer Sofagarnitur, die bessere Tage gesehen hat. Wir trinken Tee und beobachten die Dachse, die auf ihrer kleinen Terrasse nach Leckerbissen suchen. Pat hat als junges Mädchen Deutsch gelernt und hört heute noch regelmässig deutsche Radiosendungen. Sie spielt im Verein Tischtennis. Und Theater in einer Laienspieltruppe. Und sie engagiert sich in ihrem druidischen Grove. Grove, Hain, nach den heiligen Hainen der heidnischen Priester. So nennen sich die Ortsgruppen der druidischen Orden. Der in Glastonbury nennt sich Appleseed Grove.</p>
<h2>Lebendiger Mythos</h2>
<p>So unscheinbar ihr Haus, so spektakulär ist die Lage ihres Grundstücks. Ein Hohlweg führt vom Chalice Well Garden den Hügel hinauf zu Pat. Wenn man ihn zu Ende läuft, steht man am Fusse des Tor. Mehrfach am Tag schaut sie hoch auf den magischen Hügel. Hinauf zu dem geheimnisvollen Turm auf seinem Gipfel. Die erhabene Szenerie bestärkt sie immer wieder aufs Neue darin, dass der Umzug nach Glastonbury zwangsläufig und alternativlos war. Der alte Mythos ist für Pat sehr lebendig: „Oh, er lebt, ja! Vor allem, wenn ich von Westen her nach Glastonbury hereinkomme. Da fährt man über eine bestimmte Brücke, die Pomparles Bridge. Früher war hier ein großer See, den der Fluß Brue gespeist hat. Das soll der See der ‚Lady of the Lake’ gewesen sein, die Artus das Schwert Excalibur gab. Daran muss ich immer denken, wenn ich über die Brücke fahre: Das ist wie nach Hause kommen. Ich bin zurück in Avalon und ich bin in Sicherheit!“</p>
<p>Dieses besondere Gespür für die Magie eines Ortes ist auf den britischen Inseln bemerkenswert ausgeprägt. In seltsamem Kontrast zum beinahe völligen Verschwinden von Wildnis und unberührter Natur in den englischen Grafschaften. Adrian Rooke ist wie Pat Mitglied des größten britischen Druidenordens, des Order of Bards, Ovates and Druids, kurz OBOD. Ich besuche ihn in Bristol. Dort wohnt der Sozialarbeiter im Gartenhaus auf dem Grundstück seines Sohnes. Adrian entspricht viel mehr als die pensionierte Lehrerin Pat meinen Vorstellungen von jemandem neuheidnischen, naturreligiösen Glaubens.</p>
<h2>Schamanischer Steinkreis</h2>
<p>Adrian trägt sein angegrautes Haar lang, ist über und über mit tribal tatoos bedeckt. Er schmückt sich mit Amuletten, Ohrringen und allerhand anderem Schmuck, den er teilweise selber hergestellt hat. Ein gewaltiges Bett füllt das Wohn- und Schlafzimmer in seinem Gartenhaus fast völlig aus. Für Adrian ist es weit mehr als nur eine Schlafstätte. Hier meditiert er, liest dicke Wälzer über Glaube, Leben und Rituale seiner Ahnen. Hier schnitzt er die Zauberstäbe, die er auf Druidentreffen verkauft. Handschmeichler sind Adrians hölzerne Fetische. Und obendrein sollen sie Glück bringen. Adrian hat Suppe gekocht. Nach dem Essen nimmt er mich mit zu einem Steinkreis in der Nähe von Bristol. Zu einer Art schamanischer Séance.</p>
<p>Tags drauf fahre ich mit Adrian und seinem Freund Jay-Jay auf eine Apfelfarm auf dem Lande, irgendwo zwischen Bristol und Glastonbury. Die beiden haben mich eingeladen an einer jährlichen Zeremonie teilzunehmen, die ihnen heilig ist. Und zu der sie noch nie einen Außenstehenden mitgenommen haben. Wir gehen Misteln schneiden. In den Baumkronen der Apfelbäume wächst und gedeiht die heilige Pflanze der Druiden besonders üppig. Der Apfel-Farmer ist froh, dass ihm jemand den Parasiten dezimiert. Und Adrian und Jay-Jay machen reiche Beute für die bevorstehende Wintersonnenwendfeier ihres Druidenordens.</p>
<p>Auf dem Farmgelände steigt Adrian mit einer Leiter in die Baumkronen, sägt die Mistelzweige ab und wirft sie mit Bedacht vom Baum. So, dass JJ sie auffangen kann. Damit sie nicht den Boden berühren. „Die Mistel ist eine einzigartige Pflanze. Weil sie keine Wurzeln hat, die sie mit der Erde verbinden“, erklärt mir Adrian. „Misteln sind Himmelspflanzen, Sonnenpflanzen.“</p>
<h2>Göttliches Sperma</h2>
<p>Er zerdrückt die weißen Beeren der Mistel in seiner Hand. Und hat die klebrige Masse daraus zwischen den Fingern. Die erinnert an Sperma. „Unsere Ahnen haben geglaubt, es handele sich um das Sperma der Götter“, sagt er, „das mitten im Winter das Land neu befruchtet.“ Und JJ ergänzt: „Die alten Druiden haben die Mistel besonders verehrt, wenn sie in den Kronen der Eichen wuchs. Die Eiche galt als Baum der Sonne. Bei der rituellen Mistelernte wurde der Samen der Sonne wieder mit der Erde verbunden.“ Darum sei die Mistel ein Symbol für die Wiedergeburt zur Wintermitte. Die Rückkehr der Sonne. „Deshalb küsst man sich heute noch unter dem Mistelzweig“, schmunzelt JJ, „weil dieses Ritual etwas Lebensbejahendes hat!“</p>
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<p>JJ, Adrian und ich laden die frisch geschnittenen Mistelzweige in den Kofferraum von Adrians klapprigem Toyota. Am Abend werden die beiden den Versammlungsraum für das Druidentreffen mit den heiligen Pflanzen dekorieren. „Das verbindet uns mit diesem Land und dieser Jahreszeit“, sagt Adrian Rooke bevor wir abfahren. „Und es verbindet uns mit etwas sehr Altem, das seit Jahrtausenden verehrt wird!“ Diese Verbundenheit mit Natur und Geschichte, so viel habe ich bereits begriffen, ist die zentrale Erfahrung im modernen Druidentum.</p>
<h2>Ritual in der längsten Nacht</h2>
<p>Beim Morgengrauen des nächsten Tages stehe ich dann, am Ende der längsten Nacht des Jahres, zu Sonnenaufgang im Chalice Well Garden in Glastonbury. Es liegt noch Frühnebel über der Gartenanlage am Fusse des Tor, wenige Fussminuten von Pat Meads Haus entfernt. Nur schemenhaft sind die Teilnehmer des Rituals zu erkennen, mit dem die Rückkehr des Lichts begrüßt werden soll. Rund hundert Neo-Druiden würdigen am kürzesten Tag des Jahres mit ihrer Zusammenkunft den ewigen Kreislauf der Natur. Den verläßlichen Wechsel von Finsternis und Absterben zu neuem Licht und Leben. Ein Grossteil der Druiden trägt ein langes, mönchsähnliches Gewand aus grobem, ungefärbtem Leinen. Verziert allenfalls mit Fibeln oder Broschen in keltischem Ornament. Ein großer Kreis wird gebildet. In der Mitte steht Ann-Marie, die das Ritual anleitet.</p>
<p>Ann-Marie trägt bei der morgendlichen Kälte eine Pelzmütze und einen langen, grünen Samtüberwurf. Wie Pat hatte auch sie ein Erweckungserlebnis in der Natur, das sie für das Druidentum empfänglich machte. „Das war in Cornwall“, erzählt sie mir, „dort gibt es noch Ecken, die vom Menschen unberührt scheinen. Das Bodmin Moor etwa. Dort konnte ich die Seele der Erde spüren!“ Seither geht es ihr nach eigener Aussage darum, “am kosmischen Tanz teilzunehmen.“ Dieses Grundgefühl begleitet sie inzwischen längst durch den Alltag: „Wenn ich morgens die Augen öffne, dann ist da dieser kurze Moment, bevor man ganz wach wird. Als wenn man dem ganzen Universum einen guten Morgen wünscht!“</p>
<p>Zur Sonnenwende begrüßt Ann-Marie die Mitglieder des größten britischen Druidenordens. Um mit ihnen das Wiedererwachen der Natur zur Halbzeit ihres winterlichen Tiefschlafs zu begehen. Dieses Ritual ehrt ein zyklisch wiederkehrendes Naturereignis, spiegelt den natürlichen Kreislauf, betont sie. Es geht in der Zeremonie um das scheinbar absterbende Licht, seine Wiederkehr, das Schneiden der Mistelzweige, die heute noch in Großbritannien zur Weihnachtszeit gehören wie der Christbaum. In jeder der vier Himmelsrichtungen verkörpert je ein Druide den Norden, den Süden, den Westen, den Osten. Die vier Himmelsrichtungen haben in der druidischen Naturverehrung eine ähnlich große Bedeutung wie die vier Elemente oder die vier Jahreszeiten.</p>
<p>Das Licht, das sich am kürzesten Tag weitgehend zurückgezogen hat, wird durch eine Kerze in einem sturmfesten Leuchter versinnbildlicht. Die Kerze erlischt und wird sogleich wieder entzündet. So wie das das Licht im Frühjahr zurückkehrt, stärker wird, länger die Natur erhellt und diese allmählich aus dem Winterschlaf zurückholt. Um diesen Prozess des Absterbens und Neuerwachens, des Regenerierens in der Dunkelheit, des neuen Lebens, das dem abgestorbenen Alten verlässlich folgt, geht es in dem Ritual.</p>
<h2>„AAAWWWEEENNN!!!“</h2>
<p class="p1"><span class="s1">AWEN intonieren die Druiden von Glastonbury stimmgewaltig aus vielen Kehlen. Es klingt wie ein Urlaut, dem buddhistischen OM nicht unähnlich. Der ganze Körper vibriert, wenn man das keltische Wort AWEN möglichst langgestreckt singt. Es entsteht eine Schwingung, eine Art Ur-Rhythmus, der die Ritual-Teilnehmer in Gleichklang mit ihrer natürlichen Umwelt bringen soll. AWEN ist nicht nur das Mantra, sondern auch das graphische Symbol des Druidenordens. Und bedeutet so viel wie ‚die drei Lichtstrahlen’. Viele Druiden tragen das AWEN-Symbol als Brosche oder Amulett. Es zeigt drei Lichtpunkte, aus denen drei Lichtstrahlen fallen, umrahmt von drei konzentrischen Kreisen. Die Lichtpunkte symbolisieren Sonnenaufgänge. In, je nach Jahreszeit, leicht unterschiedlicher Himmelsrichtung. Und die Kreise stehen für die drei Zirkel der Schöpfung in der keltischen Mythologie. Intoniert wird das AWEN bei jeder neo-druidischen Zusammenkunft, als fester Bestandteil jedes neo-druidischen Rituals. Ebenso wichtig ist der ‚Sacred Vow’: „We swear by peace and love to stand, heart by heart and hand to hand. Mark, oh Spirit, and hear us now, confirming this, our sacred vow!“ Wie das ‚Vater unser’ zum christlichen Gottesdienst gehört dieser Schwur zu jeder druidischen Zusammenkunft. Aber wie authentisch sind diese modernen Zeremonien? Wie stark wurzeln sie in wahrhaft uralten Traditionen?</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Es gibt da nämlich ein Dilemma. Von den historischen Vorbildern der Neo-Druiden, der vorchristlichen Priesterkaste der keltischen Hemisphäre, ist eigentlich recht wenig bekannt. In einem der uralten Wirtshäuser von Glastonbury treffe ich eine Koryphäe auf diesem Gebiet: Den Historiker </span><span class="s2">Ronald Hutton</span><span class="s1">. Der Geschichtsprofessor aus Bristol entspricht kaum den gängigen Vorstellungen von einem Hochschullehrer und Wissenschaftler. Hutton trägt das dünne Haar mehr als schulterlang. Seine dicke Brille scheint einige Nummern zu groß für einen schmächtigen Mann wie ihn. Sein listiges Blinzeln entgeht mir jedoch nicht, als er mich über einem Pint Ale freundlich angrinst. Und zunächst einmal desillusioniert: „Die Quellenlage zu den Druiden ist mehr als dürftig“, sagt Hutton, „alle zeitgenössischen Quellen stammen aus griechischer oder römischer Feder. Und man könnte sie locker auf sechs Seiten abdrucken!“</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Die keltischen Priester verfügten nicht über eine eigene Schriftkultur. „Etwas mehr findet sich in der mittelalterlichen Literatur Irlands“, sagt der Geschichtsprofessor, „aber die ist hunderte von Jahren nach der Christianisierung entstanden!“ Sonst gibt es nur noch Volkssagen und Mythen. „Als postmoderne Menschen können wir uns da etwas herauspicken und unser eigenes Druidenbild zusammen stellen.“ Bei aller Beliebigkeit sei eines aber klar, so der Spezialist für Naturreligionen: „Die Druiden waren im antikischen Europa die einzigen Leute, die von den Römern und Griechen respektiert wurden! Die sie gefürchtet haben. Und von denen sie sich inspirieren ließen!“ Daran ändere auch die Widersprüchlichkeit der zeitgenössischen Quellen nichts, meint Hutton. „Für manchen Autoren der Antike waren die Druiden weise und gütig, verstanden sie die Welt besser als jeder andere. Für andere waren sie blutrünstige Wilde und Barbaren.“ Dieser Kontrast mache sie so faszinierend.</span></p>
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<p>Sprachwissenschaftler sagen, der Begriff ‚Druide’ setzt sich aus zwei Silben zusammen. Aus dem gälischen und auch walisischen ‚Dru’ &#8212; zu deutsch: Eiche. Und ‚Id’, &#8211; abgeleitet vom indogermanischen ‚Wid’ &#8212; zu deutsch: Wissen. Der Druide bringt also Wildnis und Wissen, Natur und Weisheit zusammen. Der Begriff Druide kann als Aufforderung verstanden werden, die Qualitäten von ‚Dru-’, der Wildnis, und ‚-id’, der Weisheit, in sich zu vereinen.</p>
<p>Ronald Huttons Hinweis auf den postmodernen Selbstbedienungsladen hatte mich aufhorchen lassen. Keine Naturreligion in Europa kann auf eine durchgängige, gewachsene, Jahrhunderte überdauernde Geschichte zurückblicken. Was heute wieder auflebt, ist zwangsläufig eine Konstruktion aus Projektionen, Wunschphantasien, Wissensfragmenten, Idealisierungen und Phantasieelementen. „Die größte Schwäche des Druidentums ist gleichzeitig seine größte Stärke“, sagt Philip Carr-Gomm. Er sollte es wissen, denn er ist ‚Chief Druid’, der Mann an der Spitze des ‚Orders of Bards, Ovates and Druids’.</p>
<h2>Besuch beim Chef-Druiden</h2>
<p>Ich habe Philip Carr-Gomm in Glastonbury kennen gelernt. Und dann so manches Mal wiedergetroffen. Seinen Druidenorden leitet der 1952 geborene aus seinem Privathaus in Sussex, in dem malerischen Städtchen Lewis. Wir sitzen bei einer Tasse Tee in seinem Arbeitszimmer, das erwartungsgemäss bis unter die Decke mit Büchern vollgestopft ist. Philip stammt aus London, hat Psychologie studiert, eine Montessori-Schule gegründet, Bücher geschrieben und Tarot-Decks designed. Und eben eine druidische Gemeinschaft aus dem 18. Jahrhundert weiter entwickelt zu einem Esoterik-Angebot, das Anhänger in ganz Europa und den USA hat.</p>
<p>Wer den Weg des Druiden gehen will, in Carr-Gomms Auslegung, der kann einen Fernkurs absolvieren. Den muss man bestellen, sich schicken lassen und und sich über drei Initiationsstufen hinweg zum Neo-Druiden ausbilden lassen. Und das tun überraschend viele: 1200 Leute arbeiten sich gerade durch den druidischen Lehrstoff, erklärt mir Carr-Gomm. Schaffen sich keltische Mythologie, Naturkunde, Anleitungen zu Kreativität drauf. Den Lehrstoff gibt es nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Tschechisch, Französisch, Holländisch, Deutsch, Italienisch und Portugiesisch. „Den Kurs haben U-Boot-Matrosen der amerikanischen Navy absolviert“, sagt Carr-Gomm nicht ohne Stolz. „Leute, die in der Wüste in einem Flüchlingslager in Darfour arbeiteten. Obwohl das hart ist. Denn beim Druidentum geht es ja auch um die Beziehung zwischen Orten und Spiritualität. Es wurzelt in Wäldern, in europäischen Landschaften. Nicht in der Wüste, wie Christentum und Islam.“</p>
<h2>Bruderschaft wie Freimaurer</h2>
<p>Die weltweit rund zehntausend Mitglieder seines Druidenordens sieht Philip Carr-Gomm als Nachfahren derer, die das Druidentum vor rund 300 Jahren widerbelebt haben. Grob habe es das drei Strömungen gegeben, erklärt mir der Chief Druid. ‚Kulturelle Druiden’ nennt er diejenigen, die keltische Sprachen und Mythologie rekonstruieren. Dann gäbe es die ‚druidischen Bruderschaften’, eine Art Freimaurertum, das sich im 19. Jahrhundert ausbildete. In deren Logen wurde Mummenschanz gepflegt, mit langen Gewändern und falschen Bärten. Es gibt ein legendäres Photo von Sir Winston Churchill mit falschem Bart in Stonehenge. Auch Churchill war Mitglied einer Druidenloge. „Und schließlich gibt es als dritte Spielart uns: Leute, die Druidentum als einen spirituellen Weg sehen.“</p>
<p>Auch der junge Carr-Gomm war ein Suchender, als er mit elf Jahren Ross Nichols über den Weg lief. Der 1902 geborene und 1975 gestorbene Nichols war Dichter und Hochschullehrer. Als Druide nannte er sich ‚Nuinn’. „Als 11-jähriger bin ich dem damaligen Chef Druid begegnet. Er hat mir dieses Empfinden von Landschaft als heilige Landschaft vermittelt. Das Gespür für magische Orte. Heilige Haine, Steinkreise, Zauberberge. Das hat mich angesprochen: Diese Ahnung, dass sich hinter der Oberfläche von Autobahnkreuzen und Industrielandschaften etwas anderes befindet. Dass hinter dieser Fassade noch immer verzauberte Landschaften schlummern!“</p>
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<p>1988 trat der Psychologe Carr-Gomm an die Spitze des Druidenordens. Geleitet wurde er von der Überzeugung, dass viele seine eigene spirituelle Orientierungslosigkeit und diffuse Ahnung von etwas sehr Altem, aber längst Vergessenem teilen. „Je mehr sich die Menschen von den etablierten Religionen entfremdeten“, sagt Carr-Gomm, „je mehr ihr Unbehagen angesichts der ökologischen Krise wuchs, desto stärker wurde das Bedürfnis nach neuen spirituellen Wegen. Nach etwas, das in Traditionen wurzelt, das authentisch ist und vor allem frei von Dogmen.“</p>
<h2>Bedürfnis nach Gemeinschaft</h2>
<p>Ebenso ausgeprägt, so Carr-Gomms Überzeugung, sei das Bedürfnis nach Anleitung und Gemeinschaft. Um seinen Orden möglichst frei von Dogmen zu halten und eine größtmögliche Klientel anzusprechen, hat er die rituelle Naturverehrung zum zentralen Kern seiner Lehre gemacht. „Sich in der Natur zu bewegen, die natürlichen Kreisläufe annehmen und etwa die Jahreszeiten wirklich leben: Das macht uns menschlicher und mitfühlender“, so Carr-Gomm. „Als Druiden wollen wir das verstärken, indem wir über das Jahresrund hinweg diesen Kreislauf mit Ritualen begleiten.“ So wie zur Wintersonnenwende in Gastonbury.</p>
<p>Das Neo-Druidentum, übrigens seit 2011 offiziell von der ‚Charity Commission for England and Wales’ als Religion anerkannt und damit steuerlich auf einer Stufe mit der Church of England, ist beileibe kein ländliches Phänomen. Zweimal im Jahr, jeweils zur Tag-und-Nacht-Gleiche, kann man in der achteinhalb-Millionen-Metropole London Druiden beim Ausüben ihrer Rituale beobachten. Im Frühjahr am Themseufer, direkt neben dem Tower. Und im Herbst auf dem Primrose Hill, am Nordrand des Regent’s Park, der Erhebung mit dem besten Blick über die Stadt. Als wären sie einer Zeitkapsel entstiegen tauchen an diesen beiden symbolträchtigen Tagen urplötzlich die Druiden im hektischen Großstadtgewusel auf.</p>
<p>Die meisten von ihnen tragen knöchellange weiße Gewänder mit Hauben, die eher an altmodische Krankenschwestertracht erinnern, denn an das Outfit von Naturreligiösen. Einige der teilnehmenden Frauen haben sich jedoch Blumen ins Haar geflochten. Manche tragen Erntegaben in Schalen. Andere ein Schwert oder das meterlange Horn, dessen Klang die Zeremonie eröffnet. Die beginnt und endet damit, dass die Druiden einen Kreis bilden. Ein gemeinsames Ganzes, das keinen Anfang und kein Ende kennt.</p>
<h2>Beim Stadt-Druiden</h2>
<p>Auf dem Primrose Hill lerne ich bei einer dieser Zeremonien JT Morgan kennen. Mit einem kleinen Kreis Gleichgesinnter zelebriert er im Hawthorn Grove, einem Hagedornhain, seine eigenen, selbstgeschriebenen Rituale. JT ist für mich der Inbegriff eines Stadt-Druiden. Anderntags besuche ich ihn auf Arbeit. Morgan ist Schneidermeister von Beruf, nennt sich daher auch Jay the Tailor, und betreibt seine Schneiderei in einem alten Eisenbahnbogen im Londoner Stadtteil Hammersmith. Ein urbaneres Setting kann man sich kaum vorstellen. Morgan hat es nie auf’s Land gezogen. Allein auf freier Wildbahn ist sein Ding nicht. Dafür kennt JT in den Londoner Parks jeden Strauch, jeden Baum und beinahe jeden Halm. Die Vögel, die Nagetiere. Alles was kreucht und fleucht.</p>
<p>JT sucht und bewundert die Natur in ihren Nischen. Die natürlichen Mikrokosmen, die es an den unerwartetsten Stellen zu entdecken gilt. In Hinterhöfen, auf Verkehrsinseln, an den Rändern der Parkplätze, auf den Dachterrassen, sogar in den Schlaglöchern. Wo immer der Asphalt aufbricht und den Boden entsiegelt, da kommt Natur zurück. Für JT Morgan ist es kein Widerspruch, großstädtisch zu leben und gleichzeitig Natur zu verehren. Das ist für ihn auch der Kern seines Druidentums: „Wenn jemand nicht nur mit den Bäumen redet, sondern auch noch eine Antwort erhält, dann ist er ein Druide.“ Ansonsten ist JT herrlich gelassen und undogmatisch. Man dürfe das mit den Druiden auch nicht allzu ernst nehmen, meint er. Und müsse aufpassen, die Riten und Gebräuche nicht ins Lächerliche zu ziehen.</p>
<p>„Druiden lieben es, keltische Begriffe zu benutzen. Bei näherer Betrachtung entpuppen die sich aber oft als erfunden: Sie sind unecht. Und viele wissen nicht einmal, wie man sie ausspricht!“ Morgans eigene Rituale sind daher durchgehend auf Englisch. Um möglichst viele anzusprechen, denn der kleinste gemeinsame Nenner sei die Ahnung davon, dass die Welt aus mehr als nur einer stofflich-materiellen Ebene besteht: „Die Liebe zur Natur muss mit einem gewissen Hang zu Spiritualität einhergehen; – ohne eine spirituelle Ebene des Daseins zu akzeptieren geht es nicht!“</p>
<h2>Dunkle Germanen vs. keltische Lichtgestalten</h2>
<p>Naturverehrung und Geschichtsbewusstsein – das hatte mir schon der Geschichtsprofessor Ronald Hutton als wichtigste Zutaten des druidischen Gebräus anempfohlen. „Die Abgelöstheit von natürlichen Lebenszusammenhängen und einer geschichtlichen Tradition; das ist am Ende das Dilemma des modernen Menschen“, so der Akademiker, der zwischen Hörsaal und heiligen Hainen pendelt. Ich muss an Deutschland denken. Wo zwar die Ökologiebewegung stark ist; was übrigens immer wieder von den britischen Druiden hervorgehoben wird. Sich jedoch in einer germanischen Tradition zu verorten, kann einen bekanntlich schnell in Erklärungsnöte bringen. Vermutlich boomt deshalb die Rückbesinnung auf das keltische Erbe in den entsprechenden deutschen Regionen.</p>
<p><img class="aligncenter wp-image-6398 size-full" src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23.jpg" alt="3-23" width="1700" height="1134" data-id="6398" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23.jpg 1700w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-1250x834.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-400x267.jpg 400w" sizes="(max-width: 1700px) 100vw, 1700px" /></p>
<p>Wie Pilze sind in den zurückliegenden Jahren Keltenmuseen, Keltenforts, Keltenhügel und Keltenfestivals aus dem Boden geschossen. Wo die Germanen die dunklen Ahnen sind, erleben die keltischen Lichtgestalten jetzt ihre unerwartete Renaissance. Ronald Hutton und Philip Carr-Gomm könnten in ihrer Analyse der Defizite des modernen Menschen im Digitalzeitalter recht haben. Weit über ihr englisches Wirkungsfeld hinaus.</p>
<p>Das Druidentum, das beide praktizieren, hat mich jedoch zunächst wegen seiner so britischen Schrulligkeit angezogen. Und dazu gehören zentral die Schauplätze. Stonehenge, Avebury, Tintagel, das Bodmin Moor und immer wieder dieses Glastonbury, wohin wir zum Schluss noch einmal zurückkehren.</p>
<h2>Liegt hier König Artus?</h2>
<p>Die vielen skurrilen Esoterik-Läden im Ortskern von Glastonbury, das Überangebot an Selbsterfahrungs-Seminaren und Kursen, die schamlose Vermarktung des Images als spirituell besonderer Ort haben den Ort dennoch nicht seine unbestreitbare Magie genommen. Im Herzen von Glastonbury findet sich eine der malerischsten Ruinen Englands: Die der Glastonbury Abbey, geschliffen im 16. Jahrhundert während der Reformationswirren. Ihre Überreste sind immer noch so eindrucksvoll, das man eine Ahnung kriegt von deren Pracht, als sie noch die wohlhabendste Klosterkirche Englands war.</p>
<p>Zur Legende wurde sie, als im 12. Jahrhundert das Gerücht aufkam, Artus sei auf dem Klostergelände begraben. Die britische Krone war elektrisiert. Mönche wurden mit umfangreichen Ausgrabungsarbeiten beauftragt. 1191 soll der Legende nach, zwei Meter unter der Erde, ein großes Kreuz aus Blei gefunden. Darauf soll gestanden haben: ‚Hier ruht König Artus, begraben in Avalon’. Zwei weitere Meter tiefer wurde dann angeblich ein Eichensarg ausgebuddelt. Mit zwei Skeletten darin. Das eines großen Mannes mit einer Schwertwunde im Schädel. Und das einer Frau, vermutlich Ginevra, Artus’ Gattin.</p>
<p>Der Auftraggeber und Finanzier des archäologischen Unterfangens, König Edward I., ein erklärter Artus-Fan, ließ die Gebeine daraufhin in einer pompösen Zeremonie beisetzen und eine prunkvolle Artus-Grabstätte errichten. Dabei ging es auch ganz profan um weltliche Macht. Edward wußte um die mythologische Bedeutung des Sagenkönigs für die aufmüpfigen Waliser. Ähnlich wie beim Kyffhäuser glaubten die, Artus schlafe nur und könne ihnen jederzeit in der Stunde der Not zur Hilfe eilen. Dem konnte Edward nun entgegen halten: Seht, Artus ist tot. Wir haben seine Gebeine. Er wird niemals zurückkommen.</p>
<h2>Die bizarrste Attraktion</h2>
<p>Heute freilich gibt es keine Spur mehr vom Bleikreuz, von den königlichen Knochen und der edwardianischen Prunkstätte mit dem Grabstein aus schwarzem Marmor. Alles verschwunden, zerstört, 1539 geschliffen unter Heinrich VIII. Doch als Mythos ist die Sage so lebendig wie eh und je. Ich schlendere mit Julie Hayes über das Klostergelände. Sie ist die Museumspädagogin der Abbey und erzählt mir ihre persönliche Geschichte. Mit Worten, die mich sehr an die Erlebnisse der Druiden erinnern: „Ich selber stamme ursprünglich nicht von hier, sondern aus Nottinghamshire. Aber ich hatte das Gefühl, nach Hause zurück zu kehren. Dieser Ort ist ganz besonders: Er strahlt Ruhe aus. Man vergisst, dass es eine Welt jenseits von Glastonbury gibt!“</p>
<p>Die vielleicht bizarrste Attraktion von Glastonbury verbindet den Ort aber nicht mit Keltenerbe oder Artus-Mythos, sondern dem blutjungen Christentum. Die Briten glauben, sie seien eine der ersten Nationen Europas gewesen, zu der die Lehre des Gekreuzigten weitergetragen wurde. Als Beweis dafür muss der Glastonbury Thorn herhalten: Ein Dornenbusch, der aus dem Wanderstab von Josef von Arimathäa gewachsen sein soll. Als der Mann, der dem hingerichteten Erlöser sein Grab in Jerusalem überlassen haben soll, nach Christi Kreuzigung ausgerechnet nach Glastonbury kam. Der feste Glaube daran, dass England in der Hierarchie der auserwählten Länder kurz hinter dem Heiligen Land kommt, reicht bis ins Herz des Königshauses hinein. Wenn die Queen alljährlich ihre Weihnachtsansprache im Fernsehen hält, dann liegt ein Zweig dieses Weißdornbusches vor ihr auf dem Tisch. Angeblich hat Josef von Arimathäa auch den Heiligen Gral mit nach Glastonbury gebracht. Genug Sagenstoff also, um Heerscharen von Sinnsuchern anzulocken. So mancher bleibt für immer. So wie Pat Mead.</p>
<p>Ich treffe mich mit Pat auf dem Hügel, auf dem der Thorn thront. Oder gethront hat, denn kurz vor unserem Wiedersehen haben Vandalen den mythenumrankten Busch in einer nächtlichen Aktion abgeholzt. Ein unerhörtes Sakrileg, das tagelang für Schlagzeilen im Königreich sorgte. Da aber über die Jahre genügend Ableger des verehrten Gehölzes an anderen Orten erfolgreich eingepflanzt wurden, etwa im Londoner Kew Gardens, konnte der Weißdorn durch einen gärtnerischen Kniff wiederbelebt werden. Das robuste Gehölz wurde zu neuem Leben erweckt.</p>
<h2>Heiliger Stumpf</h2>
<p>Als ich Pat treffe, stehen wir noch vor einem traurigen Stumpf. „Ich hatte das erst für einen kranken Scherz gehalten“, erinnert sie sich. Doch die Nachricht, die sich wie ein Lauffeuer in Glastonbury verbreitet, war wahr. Eine „Schockwelle“ sei durch den Ort gegangen, so Pat, Menschen aller Weltanschauungen seien zu dem Baumstumpf gepilgert, um sich ein Bild von der zerstörerischen Tat zu machen. Für die Druidin lag jedoch auch etwas Tröstliches in der Tragödie: „Wicca-Hexen waren da, Druiden, Vertreter der örtlichen Kirchen – alle waren schockiert und verstört angesichts des trostlosen Baumstumpfs, der lange eines der Wahrzeichen von Glastonbury war. Alle haben beieinander gestanden.“ Und so hatte der Weißdorn auch im Ableben noch Magie über den Ort gebracht.</p>
<p>Diese Episode bringt für mich sowohl den genius loci von Glastonbury, als auch das Erfolgsrezept der Druiden-Renaissance auf den Punkt. Wie hatte es schon Ronald Hutton formuliert, der druidische Gelehrte: „As postmodern people we take our pick!“ Wir basteln uns unsere ganz eigene Patchwork-Spiritualität. Auch Philip Carr-Gomm, der Chief Druid, weiss, dass im Zeitalter der Beliebigkeit nicht nur Sehnsucht nach Sinn entsteht, sondern aufgrund der zahllosen Ausweichmöglichkeiten auch eine tiefsitzende Scheu vor Bindung und Verpflichtung. Sein Neo-Druidentum ist eine Art naturschwärmerische Meditationsanleitung, dem Zen gar nicht so unähnlich, und daher kompatibel mit fast allen Credos auf dem Markt.</p>
<p>„Und so gibt es Leute, die sich Druiden nennen und Monotheisten sind, oder Duotheisten, Polytheisten, Pantheisten. Ja, sogar Atheisten“, sagt Carr-Gomm und schüttelt den Kopf. „Dieses ganze Konzept von Theismen bringt uns nicht weiter. Das Druidentum zieht wenig aus Theologie. Und viel aus der Natur: Sich in ihr bewegen, sich von ihr nähren lassen.“</p>
<p>Pat Mead verkörpert diese Haltung wie niemand sonst, den ich auf meinen Druidenpfaden getroffen habe. Und sie ist am richtigen Ort, denn nirgends sonst als in Glastonbury gibt es diesen postmodernen Cocktail aus Mythen und Traditionen. Wir stehen am Thorn und blicken hinüber zum Tor: Wie der sich über der Kleinstadt erhebt mit dem Turm der geschliffenen Klosteruine St. Michaels auf seinem Gipfel. Vielleicht ist die Erfolgsgeheimnis der spirituellen Hauptstadt Britanniens in Wahrheit ganz banal. Und erklärt sich schlicht aus der betörenden Schönheit dieses Anblicks.</p>
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		<title>Der Hüter der zehn Gebote</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Nov 2015 08:11:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Äthiopien]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Aksum]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Philipp Hedemann]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Zehn Gebote]]></category>
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					<description><![CDATA[Wo ist die Bundeslade, in denen die biblischen zehn Gebote aufbewahrt werden? Die Äthiopier glauben: in ihrer heiligen Stadt Aksum. Dort darf sie nur ein Mann pro Generation zu Gesicht bekommen. Unser Autor Philipp Hedemann hat den Erben von Moses besucht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/der-hueter-der-zehn-gebote/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Wo ist die Bundeslade, in denen die biblischen zehn Gebote aufbewahrt werden? Die Äthiopier glauben: in ihrer heiligen Stadt Aksum. Dort darf sie nur ein Mann pro Generation zu Gesicht bekommen. Unser Autor Philipp Hedemann hat den Erben von Moses besucht.</strong></p>
<div class="titelbu">Josua führt die Israeliten mit der Bundeslade über den Jordan, Gemälde von Benjamin West, 1800</div>
<div class="buch">Diese Reportage stammt aus Philipp Hedemanns Buch: <a href="http://shop.dumontreise.de/dumont/dumont-reihen/der-mann-der-den-tod-auslacht-dumont-reiseabenteuer-dumont-reiseabenteuer_pid_906_50145.html" target="_blank">Der Mann, der den Tod auslacht</a> (DUMONT Reiseverlag)</div>
<p style="text-align: justify;">Indiana Jones suchte 1936 in einem Abenteuerfilm die sagenumwobene Bundeslade im Auftrag der amerikanischen Regierung in Ägypten. Die Truhe, in der die in zwei Steinplatten geschlagenen Zehn Gebote aufbewahrt werden, sollte nicht den Nazis in die Hände fallen, die mit ihrer Macht die Weltherrschaft erlangen wollten.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach vielen Explosionen und Schlägereien und ein paar mittelmäßigen Scherzen gelangte »Indy« in einem U-Boot der Nazischergen schließlich mit der heiligen Truhe auf eine kleine Insel, erlebte dort, wie die Steintafeln den fiesen Nazis zwischen den Fingern zu Staub zerfielen und die entweihte Truhe in einer gewaltigen Feuersbrunst ihre zerstörerische Gewalt entfaltete.</p>
<p style="text-align: justify;">Steven Spielbergs »Indiana Jones: Jäger des verlorenen Schatzes« gewann vier Oscars, war 1981 der erste der weltweit erfolgreichen Filme über den berühmtesten Archäologen Hollywoods. In Äthiopien war der Film hingegen kein Kassenschlager. Denn hier weiß jeder: Das ist alles Quatsch! Die Bundeslade mit den Zehn Geboten, die Moses von Gott empfangen hat, liegt in Aksum, der heiligen Stadt im Norden Äthiopiens. Dorthin bin ich mit einem Freund gerade im Geländewagen auf schlechten Straßen unterwegs.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Im Angesicht mit dem Hüter</h2>
<p style="text-align: justify;">In der heiligen Stadt hat nur ein einziger Priester Zugang zum Allerheiligsten. Und dieser Mann steht jetzt keine zehn Meter von uns entfernt. Gerade ist er aus der schlichten Kapelle herausgetreten, in der angeblich das wohl größte Mysterium des Christentums verwahrt wird. Kaiser Haile Selassie ließ die trutzige Kapelle der Kirche St. Maria von Zion erbauen, um die Truhe, um die so viel Tamtam gemacht wird, sicher zu verwahren. Doch mittlerweile regnet es durch die Decke. Notdürftig und nicht gerade standesgemäß haben die Hüter des Schatzes das Dach mit einer weißen Plastikplane abgedeckt. Es ist, wie so Vieles in Äthiopien, nur ein Provisorium.</p>
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                                Das ist die Kapelle, in der die Bundeslade aufbewahrt sein soll. Foto: Philipp Hedemann
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<p style="text-align: justify;">Direkt nebenan wird gerade die neue Kapelle errichtet, die den Schatz in Zukunft sicher beherbergen soll. Noch ragen die Baueisen aus dem Mauerwerk des grauen Rohbaus. Abba Gebre-Mesqel, der Hüter der Zehn Gebote, schaut vorbei, um den Baufortschritt an seinem zukünftigen Wirkungsort zu begutachten. Er ist der einzige Mensch seiner Generation, der die Bundeslade zu Gesicht bekommen darf.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich möchte unbedingt von ihm erfahren, wie sie denn nun aussieht, die Bundeslade. Kirchendiener Zemichael verschafft mir eine Audienz bei dem hageren, alten, bärtigen Mann. Das dachte ich zumindest. Doch als ich zu Abba Gebre-Mesqel vorgelassen werde, streckt er mir nur sein großes, hölzernes Kreuz entgegen, das ich küssen darf. Als ich nach der Macht der Bundeslade fragen möchte, wendet er sich ab und verschwindet wieder in der Kapelle, in der die mächtigste Kiste der Welt lagern soll. Fotografieren ist, na klar, auch verboten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">So sieht die Bundeslade aus</h2>
<p style="text-align: justify;">Der einzige lebende Mann, der die Bundeslade je mit eigenen Augen gesehen hat, spricht also nicht. Doch die Bibel verrät ziemlich genau, wie die Truhe aussehen soll. Im zweiten Buch Mose gibt Gott ihm klare Anweisungen, wie er die Truhe zu bauen habe. Im Alten Testament klingt die Bauanleitung so:</p>
<blockquote>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Macht eine Lade aus Akazienholz; dritthalb Ellen soll die Länge sein, anderthalb Ellen die Breite und anderthalb Ellen die Höhe. Du sollst sie mit feinem Gold überziehen inwendig und auswendig, und mache einen goldenen Kranz oben herum. Und gieße vier goldene Ringe und mache sie an ihre vier Ecken, also dass zwei Ringe auf einer Seite seien und zwei auf der anderen Seite. Und mache Stangen von Akazienholz und überziehe sie mit Gold und stecke sie in die Ringe an der Lade Seiten, dass man sie damit trage; sie sollen in den Ringen bleiben und nicht herausgetan werden. Und du sollst in die Lade das Zeugnis legen, das ich dir geben werde.&#8220;</p>
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                               title="So hat sich der Künstler Julius Schnorr von Carolsfeld die Bundeslade im 19. Jahrhundert vorgestellt.">
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                                So hat sich der Künstler Julius Schnorr von Carolsfeld die Bundeslade im 19. Jahrhundert vorgestellt.
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</blockquote>
<p style="text-align: justify;">So soll sie also aussehen, die Lade, die beim Auszug der Israeliten aus Ägypten unter Moses den Bund Gottes (daher der Name Bundeslade) mit dem Volk Israel symbolisieren sollte. Fragt sich nur, ob sie tatsächlich in der baufälligen Kapelle liegt, vor der wir stehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Denn dubiose Schatzsucher – von den Kreuzrittern bis zu Archäologen mit zweifelhaftem Ruf – wollen sie schon auf dem Tempelberg in Jerusalem, in einem Tempel in Unterägypten, in einer Höhle bei Qumran am Toten Meer, im Heiligtum Ngoma Lugundru in Simbabwe und in geheimen Gängen im Berg Neboin in Jordanien gefunden haben. Doch Kirchendiener Zemichael ist sich sicher: &#8222;Die Bundeslade ist hier. In Aksum.&#8220; Selbst gesehen hat er sie natürlich nicht, doch er dient als Diakon seit Jahren dem Hüter der Zehn Gebote.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Salomon lockt Saba ins Bett</h2>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Menilek, der Sohn der Königin von Saba und König Salomons brachte die Bundeslade von Jerusalem nach Aksum&#8220;, erklärt Zemichael uns. Laut dem &#8222;Kebra Negest&#8220; (Ruhm der Könige), einem im 13. Jahrhundert in Äthiopien verfassten Bericht, erfährt die im 10. Jahrhundert vor Christus in Aksum regierende, sagenhaft schöne Königin von Sabba vom sagenhaft weisen König Salomon und besucht ihn in Jerusalem. Mit einem perfiden Trick lockt der schlaue König die schöne Königin ins Bett.</p>
<p style="text-align: justify;">Das bleibt nicht ohne Folgen. Als die Monarchin nach Äthiopien zurückkehrt, wird Menilek geboren. Als dieser zweiundzwanzig Jahre alt ist, reist er nach Jerusalem. Der unverhofft zu Vaterehren gekommene Herrscher versucht, Menilek zum Bleiben zu überreden, bietet ihm die Thronfolge an. Doch Menilek will zurück zu seiner Mutter nach Äthiopien.</p>
<p style="text-align: justify;">Salomon lässt den Sohn schweren Herzens ziehen, allerdings nicht ohne eine große Gefolgschaft. Auf der Heimreise erfährt Menilek, dass die Männer, die sein Vater ihm mitgegeben hat, ohne sein Wissen die Bundeslade mit den Zehn Geboten aus dem Tempel in Jerusalem haben mitgehen lassen. Als Salomon vom Diebstahl Wind bekommt, möchte er die Verfolgung aufnehmen, doch da wird Menilek auf wundersame Weise mit der Bundeslade nach Hause geflogen. Soweit, so logisch!</p>
<h2 style="text-align: justify;">Siebenfache Kraft der Sonne</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn die Bundeslade also nach Aksum geflogen ist, warum darf sie dann niemand außer Abba Gebre-Mesqel sehen, frage ich seinen Diener. &#8222;Wir beschützen euch vor der Bundeslade, nicht die Bundeslade vor euch&#8220;, sagt Zemichael geheimnisvoll. Laut dem Kirchendiener soll die Truhe die siebenfache Kraft der Sonne besitzen. Wer sie mit eigenen Augen sähe, würde sofort erblinden, erlahmen und schließlich sterben. Ein bisschen wie bei &#8222;Indiana Jones&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;">Nur der jeweils von seinem Vorgänger auf dem Totenbett auserwählte Priester ist immun gegen die Wundermacht der Truhe. Alle anderen Menschen kann sie zerstören. Da mit dem Raub der Bundeslade die göttliche Gegenwart und Gnade von Israel auf Äthiopien übergegangen und Aksum Jerusalem als geistliches Zentrum der Welt abgelöst haben soll, gibt es natürlich viele Neider. In Äthiopien erzählt man sich gerne die Geschichte, dass selbst der nicht gerade für Zimperlichkeit bekannte israelische Geheimdienst Mossad schon versucht haben soll, die Bundeslade zurück nach Jerusalem zu bringen. Natürlich ohne Erfolg.</p>
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                                Weitere äthiopische Abenteuer gibt es in Philipp Hedemanns Buch
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<p style="text-align: justify;">Um Geheimdienstler, neugierige Touristen und Hobbyarchäologen vor sich selbst zu schützen, würden die Hüter der Bundeslade offensichtlich ziemlich weit gehen. Rund um die Kapelle, in der die Truhe verwahrt wird, sitzen Polizisten in blauen Tarnfleckanzügen mit Kalaschnikows auf dem Schoss. &#8222;Wenn jemand versuchen würde, in die Kapelle einzudringen, würden sie notfalls schießen. Zunächst auf die Beine, wenn das nicht reicht, auch auf den Oberkörper&#8220;, sagt Zemichael.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Glaube als Gewissheit</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich frage ihn, ob er verstehen könne, dass viele Ferenji (so nennt man in Äthiopien weiße Ausländer)  Zweifel daran hegen würden, ob die Bundeslade überhaupt in der Kapelle in Aksum liege. &#8222;Ja&#8220;, antwortet der fromme Diener. &#8222;Aber das ist euer Problem, nicht unseres. Wir wissen ja, dass sie da ist.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist diese Gewissheit, die das oftmals nicht einfache Leben in Äthiopien manchmal einfacher macht. Ich kenne einen äthiopischen Ingenieur, der seinem Gebet mehr vertraut als seinen statischen Berechnungen. Ich kenne einen Äthiopier, der Biologie studiert hat und überzeugt ist, dass wir von Adam und Eva abstammen und nicht von Lucy, der rund 3,2 Millionen Jahre alten Äthiopierin, deren Skelettreplik wir uns gemeinsam im Museum in Addis angeschaut haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich habe Historiker getroffen, die eher mündlich überlieferten äthiopischen Mythen vertrauen als naturwissenschaftlichen archäologischen Untersuchungsmethoden. Ich kenne einen äthiopischen Arzt, der in Amerika studiert hat und auf die Heilkraft des heiligen Wassers schwört. Ich habe viele äthiopische Freunde, die Mitleid mit mir haben, weil mir ihre Gewissheiten fehlen. Manchmal beneide ich sie.</p>
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		<title>Unter Mönchen</title>
		<link>https://www.weltseher.de/unter-moenchen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Sep 2015 01:47:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Athos]]></category>
		<category><![CDATA[Mönche]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Sebastian Hesse]]></category>
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					<description><![CDATA[Athos ist eine autonome Mönchsgemeinde in Griechenland. Mit der Krise, Flüchtlingen oder EU-Politik haben die Kleriker auf dem heiligen Berg nichts am Hut. Besuch eines Ortes, an dem die Zeit stehen geblieben ist.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/unter-moenchen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Athos ist eine autonome Mönchsgemeinde in Griechenland. Mit der Krise, Flüchtlingen oder EU-Politik haben die Kleriker auf dem heiligen Berg nichts am Hut. Besuch eines Ortes, an dem die Zeit stehen geblieben ist.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es hat einen Moment gedauert, bis der Groschen gefallen ist. Bis ich kapiert habe, was ich da gerade gerade geküsst habe: Die Überreste von Menschen, die seit Jahrhunderten tot sind. In den Vitrinen in dem abgedunkelten Raum sind Teile von Skeletten drapiert. Knöchelchen und Schädeldecken. Reliquien. Körperteile von Heiligen. Die menschlichen Gebeine werden in kunstvoll geschmiedeten silbernen Schatullen aufgewahrt und die Sammlung in den Vitrinen präsentiert, die ich gerade wie in Trance abschreite und küsse.</p>
<p style="text-align: justify;">Weiter kann man sich in Griechenland vermutlich nicht von der harten Alltagsrealität entfernen: Im schummrigen Halbdunkel der Klosterkapelle von Iviron, durch die ich mich gerade als Teil einer Prozession wie in Zeitlupe bewege, ist kein Raum für Sparauflagen, Rettungsschirme, einen Schuldenschnitt oder die Troika. Wie in den anderen Athosklöstern geht es hier um die Nähe zum Eigentlichen. Tagespolitik interessiert hier nicht. Wer hierher pilgert, entflieht den Banalitäten des Alltags &#8212; auch wenn sie existenziell scheinen. Athos ist für Orthodoxe, was Santiago de Compostela für Katholiken ist. Das zweitwichtigste Pilgerziel nach Jerusalem.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Burg ohne Fenster</h2>
<p style="text-align: justify;">Am Nachmittag bin ich nach einem anderthalb stündigen Fußmarsch in Iviron angekommen. Das Kloster liegt an der Ostküste der Halbinsel &#8211; direkt am Meer wie eine gewaltige Festung. Die unteren Stockwerke des burgähnlichen Baus haben so gut wie keine Fenster. Das obere Drittel dagegen erweckt den Eindruck, als seien kleinere Wohnhäuser auf den Rumpf gepropft worden. Es wimmelt von Balkonen, Austritten, Gucklöchern. Diese Architektur ist typisch für die 20 großen Klöster der unabhängigen Mönchsrepublik Athos.</p>
<p style="text-align: justify;">Manche der Trutzburgen des Glaubens hängen so prekär an den steilen Felswänden, als würden sie jeden Moment ins Meer abrutschen. Etwa Símonos Pétras, das architektonisch an den Potala im tibetischen Lhasa erinnert. Immer wieder in ihrer gut tausendjährigen Geschichte sind die Athos-Klöster überfallen und ausgeplündert worden. Der Name Athos steht heute für die gesamte, rund 50 Kilometer lange Halbinsel. Der namensgebende Berg ragt am Südzipfel in den Himmel. Sein 2033 Meter hoher Gipfel ist meistens wolkenverhangen. Die Griechen nennen ihn Ágio Óros, den Heiligen Berg.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-9.jpg" data-caption="Karyés: Das einzige Dörfchen mit Einkaufsmöglichkeit auf dem Athos" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-8.jpg" data-caption="Fähranleger von Daphni: Die meisten Pilger gehen hier von Bord" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-3.jpg" data-caption="Kloster Iviron: Mönche und Pilger warten auf den Bus am frühen Morgen" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-5.jpg" data-caption="Símonos Pétras: Das Kloster am Felshang erinnert viele an den Potala im tibetischen Lhasa" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-4.jpg" data-caption="Clyde und Edward: Zwei Veteranen unter den Athos-Pilgern" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-7.jpg" data-caption="Einer der vielen kleinen Fähranleger, von denen aus sich Pilger und Mönche auf den Weg machen" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-6.jpg" data-caption="Das russisch-orthodoxe Kloster Panteleímonos" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-2.jpg" data-caption="Das Simandron: Der Klang der gewaltigen Holzplanke ruft zum Gebet und zu den Mahlzeiten im Refektorium" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-11.jpg" data-caption="Im Kloster Iviron" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos.jpg" data-caption="Auf dem Landweg ist der Athos komplett unzugänglich" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-13.jpg" data-caption="Ein Mönch liest im Klosterhof von Iviron in der Bibel" alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Sebastian Hesse</p></div>
<h2 style="text-align: justify;">Zutritt nur für Männer</h2>
<p style="text-align: justify;">Den Athos und seine Klöster zu bereisen ist nicht ganz einfach. Zutritt wird generell nur Männern gewährt. Frauen sind unerwünscht. Touristen auch. Ernsthafte Pilger können das Diamonitirion beantragen, eine Art Passierschein. Wochen im Voraus muss man sich um das Diamonitirion bemühen, denn der Andrang ist groß. Das begehrte Dokument muss man telefonisch beantragen, in radebrechendem Englisch sein spirituelles Anliegen erklären. Dann wird’s mordern: Man faxt eine Kopie des Reisepasses und erhält per E-Mail Bescheid, ob man erwünscht ist oder nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Der letzte frei zugängliche Ort vor der Athos-Grenze ist Ouranoúpoli. Zu deutsch ‚Himmelsstadt’. In Ouranoúpoli findet sich das Pilgerbüro, wo man das Diamonitirion ausgehändigt bekommt. Das Büro am Hafen ist eine Art Schalterhalle. Dort entrichtet man die 30 Euro Gebühr und lässt sich dann das Visum aushändigen. Nur zehn Nicht-Orthodoxen wird täglich der Zutritt zum Athos gewährt. Trotzdem sollte man zeitig erscheinen, denn seit der Öffnung Osteuropas ist die Zahl der Pilger enorm in die Höhe geschnellt. Orthodoxe aus Rußland und den Balkanstaaten pilgern in Heerscharen auf den Athos. Neben mir in der Ausgabeschlange steht, morgens um 7 Uhr 30, ein junger Russe mit atemberaubender Alkoholfahne.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn man das Diamonitirion in den Händen hält, ist die erste Hürde genommen. Nun muss man nur noch einen Platz auf der Fähre ergattern, die die Pilgerströme an der Athos-Küste entlang zu dem kleinen Fähranleger Daphní bringt. Die Klöster sind nur auf dem Seeweg zu erreichen. Das Pilgerboot tuckert geschätzte 200 Meter parallel zur Küste und hält an vielen Klöstern. Erstaunlich, wie schnell es sich anfühlt, als spielten Raum und Zeit keine Rolle mehr.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Post für Pilger</h2>
<p style="text-align: justify;">Wäre man hier vor Hunderten von Jahren schon einmal entlang geschippert: Es hätte genauso ausgesehen. Aus dem Tagtraum von der stillstehenden Zeit wird man erst am Zielanleger wieder heraus gerissen. Von Daphní aus ächzt ein altersschwacher Bus die Serpentinen auf den Höhenrücken des Athos hinauf nach Karyés, der einzigen Ortschaft der Mönchsrepublik. Eigentlich ist Karyés nicht viel mehr als eine Häuserreihe mit einem Postamt, Devotionalienläden, einem Bäcker. Wenn der Pilgerbus aus Daphní eintrifft wird es kurzzeitig laut, hektisch und quirlig. Und schlagartig versinkt das Städtchen dann wieder im Dornröschenschlaf. Von Kariés aus wandere ich mit John, meiner Reisebekanntschaft aus England, los in Richtung Küste. Nach Iviron.</p>
<p style="text-align: justify;">Der uralte Weg zieht sich in weiten Schwüngen den Bergrücken hinunter. Ich versuche mir vorzustellen, wie viele Pilger über die Jahrhunderte hinweg hierher gelaufen sind. Der Pfad jedenfalls gleicht einer Furche, so ausgetreten ist er. Auch in den Abschnitten mit grobem Steinpflaster. Über weite Strecken führt er als Hohlweg durch üppige Vegetation. Die Baumkronen bilden ein Laubgewölbe. Man schreitet durch eine Art grüne Passage. Ein parallel laufender Gebirgsbach erinnert mal mehr, mal weniger lautstark daran, dass er auch noch da ist. Abschnittsweise stürzt er als Wasserfall in die Tiefe. Und obwohl Menschen den Pfad mit ihren Fußsohlen über Jahrhunderte ausgetreten haben, fühlt es sich an als sein man mutterseelenallein in unberührter Natur.</p>
<p style="text-align: justify;">Gelegentlich öffnet sich der Blick und man sieht den Athos. Eine ‚karge schwarze Pyramide’, nennt ihn der schottische Reiseschriftsteller William Dalrymple. Majestätisch, aber auch schroff und abweisend thront der Felsgigant über der Halbinsel. Sein oft schneebedeckter Gipfel weist hinauf in höhere Sphären. Dahin, wo die Mönche des Athos durch Askese, Strenge, Abgeschiedenheit und Einfachheit zu gelangen hoffen. Schon zu Lebzeiten näher bei Gott. Die Pilger lassen sie für kurze Zeit daran teilhaben. Immer nur für eine Nacht pro Kloster. Und nur für maximal drei Nächte insgesamt. Das gilt auch in Iviron, wo wir am frühen Nachmittag eintreffen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Besoffener Ausblick</h2>
<p style="text-align: justify;">Jedes Kloster hat einen Quartiermeister, der den Pilgern ohne große Worte ihre Unterkunft zeigt. In unserem Fall ist es ein baumlanger, junger Mönch. John und ich teilen unsere Zelle mit Paul aus Baltimore. Der amerikanische IT-Spezialist ist glühender Verehrer byzantinischer Kunst. Wir beschnuppern uns auf dem Balkon unserer Zelle. Von hier hat man einen Ausblick, der besoffen macht. Auf die Klostergärten. Und die bewaldeten Hügel. Die unzähligen Schattierungen des Grüns erinnern an tropische Regenwälder.</p>
<p style="text-align: justify;">Einmal eingezogen kümmert sich niemand mehr um die Pilger. Dass sie sich um fünf Uhr nachmittags zum Abendgebet im Katholikon einfinden, der Hauptkirche des Klosters, wird vorausgesetzt. Als Nicht-Orthodoxer muß man in manchen Klöstern mit einer Seitenkapelle oder Nebenkirche vorlieb nehmen. Nicht so in Iviron. Wir mischen uns unter die orthodoxen Pilger und Mönche und tauchen ein in den schier endlosen Fluß aus Gebet, Chorälen, Lesungen. Immer wieder muss man sich aus dem knarzenden Kirchengestühl erheben und bekreuzigen, wenn ein Mönch mit Weihrauchgefäß vorbeiläuft. Und man schreitet die Ikonen ab, die im schummrigen Halbdunkel der Kirche nur schemenhaft erkennbar sind. Vor diesen Fenstern in andere Sphären bekreuzigen sich die Gläubigen. Und sie küssen das Heiligenbildnis.</p>
<p style="text-align: justify;">Das erste Mal gesehen hatte ich diesen Brauch in der orthodoxen Kathedrale St. Sophia im Londoner Stadtteil Bayswater. Der Kirche, in der der Trauergottesdienst für Bruce Chatwin stattfand, einem Konvertiten zur griechisch-orthodoxen Kirche. In London stand neben jeder Ikone ein Gemeindemitglied mit einem Wischlappen, um nach jeder rituellen Lippenberührung die Speichelreste des Küssenden wieder wegzuwischen. Derartige Hygienevorkehrungen gibt es im Kloster Iviron nicht. Und vermutlich auch nicht auf dem restlichen Athos.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Abendgebet schreiten die Teilnehmer wie in einem Trancemarsch in die Seitenkapellen des Katholikons. Dort ist die Reliqiensammlung des Klosters hinter Glas ausgestellt. Versunken in den kleinen Marsch der Bewunderung wird jede einzelne Auslage abgeschritten und mit einem Kuss geehrt. Iviron rühmt sich, neben den Gebeinen von 145 Heiligen auch Marterwerkzeuge der Leiden Christi zu haben. Ich hatte mir vorgenommen, danach Ausschau zu halten. Doch der Sog des Ritus vereinnahmt mich derart, dass klare Gedanken, Konzentration auf Einzelnes nicht mehr stattfinden können. So sehr wird man Teil eines größeren Ganzen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Klack zum Essen</h2>
<p style="text-align: justify;">Wie schon zum Abendgebet, so ruft auch zum Abendessen der Klang des Simandron, eine gewaltige Holzplanke am Eingang des Refektoriums, auf die mit einem hölzernen Hammer geschlagen wird. Lange Marmortische mit Holzbänken davor füllen den Speisesaal der Mönche. Die Pilger sitzen am Rand. Die Tische sind gedeckt. Erst auf das Zeichen des Abtes hin darf mit dem Essen begonnen werden. Das Nachmahl ist karg, aber sättigend: Linsen, Oliven, Nudeln, ein Glas Wein. Man ißt schweigend, um dem Mönch zu lauschen, der mit sonorer Stimme unermüdlich aus der heiligen Schrift vorliest. Unter seinem Vorlesen liegt nur der chaotische Rhythmus, den das Kratzen des Bestecks auf den Metalltellern beiträgt. So hektisch wie die Mönche die Pilger auf die Gasttische verteilt haben, so hektisch essen sie auch. Sie wissen, dass das Zeitfenster für das Nachmahl klein ist. Ebenso plötzlich wie es begann, hört es auch wieder auf. Der Abt gibt erneut ein Zeichen. Mönche und Pilger legen ihr Besteck hin, stehen auf, beten kurz und verlassen zügig das Refektorium. Es ist acht Uhr abends. Bettzeit.</p>
<p style="text-align: justify;">Meine Mitpilger und ich stehen um vier Uhr in der Früh auf. Leisen Schrittes machen wir uns auf ins Katholikon. Einige Mönche haben die ganze Nacht durchgebetet. Allmählich füllt sich der dunkle Raum. Allmählich hellt er sich ein wenig auf. Mönche entzünden Kerzen. Deren Schein erlaubt eine Ahnung von den Kunstschätzen, die den Kirschenraum ausschmücken. Das Dauergebet mündet im orthodoxen Ritus aus Chorälen, Lesung und weiterem Gebet. Viele Stunden. Weit nach Morgengrauen endet die Andacht und geht in ein kurzes Frühstück im Refektorium über. Die Mönche verrichten danach ihr Tagewerk &#8211;  in der Bibliothek oder im Weinberg. Und die Pilger ziehen weiter.</p>
<p style="text-align: justify;">In den anderen großen Athos-Klöstern, in Megístis Lávras oder Vatopédi, ist der Ablauf ganz ähnlich. Die nahegelegenen kann man abwandern. Die entlegeneren erreicht man mit Minibussen. Die Entfernungen auf dem Athos sollte man nicht unterschätzen. Die Höhenunterschiede sind zum Teil beträchtlich und der Zustand der Pilgerwege ist oft unvorhersehbar. An der Südspitze der Halbinsel bewahrt John und mich nur die Warnung dreier österreichischer Pilger davor, uns in sengender Hitze auf einen riskanten Gewaltmarsch zu machen. Vom Fähranleger Daphni aus haben wir eine Anschlußfähre genommen, die die Westküste weiter hinunterfährt. Bei erstaunlich starkem Seegang setzt uns das Boot an der Südspitze des Athos ab.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Der Abt empfängt persönlich</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Blick vom hölzernen Balkon der Skite lenkt davon ab, weshalb man eigentlich hierher gekommen ist. Skiten sind die Einsiedelein, die es überall auf dem Athos gibt. Ich habe eben einen Ouzo und einen griechischen Kaffee kredenzt bekommen &#8211; vom Abt des kleinen Mönchsdorfs Skiti Kafsokalivion höchstpersönlich. Vater Seraphim sieht aus wie ein typischer Mönch vom Athos: Schwarzes, langes Gewand, schwarzer Filzzylinder, ein langer, grauer Rauschebaart und listige Äuglein hinter einer dicken Brille. Eigentlich war das Kloster Megístis Lávras unser Ziel, da es auf der Landkarte sehr nah aussah. Doch nach einem schweißtreibendem Aufstieg vom Fähranleger haben wir auf die drei österreichischen Pilger gehört, den Marsch zum Megístis Lávras unterlassen und stattdessen bei Vater Seraphim angeklopft, um nach einem Quartier zu fragen. Wie in allen Klöstern und Skitenen muss man sich ins dicke Besucherbuch eintragen, nebst Nummer des Diamonitirion.</p>
<p style="text-align: justify;">Jetzt also Ouzo und Kaffee mit Blick auf die azurblaue See tief unter uns. Die Skiti Kafsokalivion liegt an einem steilen Felshang, besteht aus einer Kirche, mehreren Wirtschaftsgebäuden und mehreren Terassen mit Gärten oder einfachen Plätzen, wo man im Schatten gewaltiger Zypressen seinen Gedanken nachhängen kann. Skiten sind kleinere mönchische Ansiedelungen, die mehr Dörfern gleichen, als den wuchtigen Klosteranlagen. Deren Anzahl wird auf Athos immer auf 20 beschränkt bleiben. Doch Skiten gibt es in großer Anzahl in der Mönchsrepublik. Hier ist das Reglement lange nicht so strikt wie in den Klöstern. Um fünf Uhr gibt es in der Küche der Skite ein einfaches Mahl: Linseneintopf, Oliven, Brot und ein Glas Wein für die drei Mönche, die hier leben und die sieben Pilger, die heute hier übernachten werden. Während des Essens darf sogar geredet werden. Die Küche hat den behaglichen Charme eines alten Bauernhauses. Nur der mannshohe Siemens-Kühlschrank wirkt deplatziert. Auf einer der Terrassen der Skite stehen gewaltige Solarpanele, mit denen die Mönche ihren eigenen Strom generieren. Einen abendlichen Gottesdienst gibt es hier in der Skiti Kafsokalivion nicht. Allerdings dürfen wir uns die alte Kirche der Skite ansehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vater Seraphim erzählt, nur eines seiner Elternteile sei orthodox gewesen. Das andere katholisch. Das erklärt sicher seine Herzlichkeit, denn Nicht-Orthodoxe sind nicht überall auf dem Athos wohlgelitten. Die drei Österreicher, &#8211; Wolfgang, Michael und Georg -, haben beispielsweise schlechte Erfahrungen gemacht. Die Reaktionen darauf, dass sie sich als Katholiken zu erkennen gaben, seien mitunter feindselig gewesen. Besonders bei den Bulgaren. Die sind vermutlich weniger Andersgläubigen begegnet als die Griechen oder die Russen. „Ortodoxie oder der Tod“ steht immer noch auf mancher Häuserwand am Athos. Katholiken gelten als Häretiker. Den vierten Kreuzzug im Jahre 1204, als Kreuzfahrer von Roms Gnaden Konstantinopel ausplünderten, will man ihnen nicht verzeihen, trotz päpstlicher Entschuldigung im Jahre 2001. Manches ist unabänderlich auf dem Athos.</p>
<h2 style="text-align: justify;"><span style="color: #000000;">Boom in Osteuropa</span></h2>
<p style="text-align: justify;">Anderes dagegen wandelt sich rapide. Nicht nur die Zahl der Pilger aus Osteuropa ist sprunghaft angestiegen, sondern auch die Zahl der Mönche aus den Ländern, die früher abgeriegelt hinter dem Eisernen Vorhang lagen. Von der Fähre aus war gut zu sehen, wie massiv das russische Kloster Panteleímonos erweitert wird. Gerüchte besagen, Moskau habe hier Elitesoldaten eingeschmuggelt. Die Hälfte der angeblichen Mönche seien militärische Spezialkräfte. Auch eine U-Boot-Anlegestelle unterhalb des Meeresspiegels soll es geben. Schon zu Zeiten des Kalten Krieges wurde über KGB-Agenten auf dem Athos spekuliert. Das mögen alles Verschwörungstheorien seien, aber der junge Russe, der in unserer Skite als eine Art Hausmeister herumwerkelt, ist sicher kein Mönchsanwärter. Er haust in einer primitiven Lehmhütte am Rande der Skite. „Könnte ein russischer Krimineller sein“, meint Wolfgang, „der sich hier dem Gefängnis entzieht!“</p>
<p style="text-align: justify;">Wolfgang kennt sich aus auf dem Athos. Er war bereits fünf Mal hier. Am Anfang stand eine Tragödie. Wolfgangs Schwiegervater hatte seinem Sohn zur Matura, dem österreichischen Abitur, versprochen gemeinsam auf den Athos zu reisen. Daraus wurde aber nichts, da der Vater zu beschäftigt war. Dann kam der Sohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben und der Vater machte sich schwere Vorwürfe, das Versprechen nie eingelöst zu haben. Er pilgerte allein auf den Athos. Und tut das seither regelmässig. Irgendwann nahm er den Schwiegersohn mit. Wolfgang. Und der ist dem Athos seither ebenfalls verfallen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vater Seraphim tätschelt mir die Schulter. Er deutet auf meine Leica und will wissen, was sie gekostet hat. Er lässt sich sogar fotographieren. Mit einer Einschränkung: „No Facebook! No Facebook!“ So diesseitig wie der Abt der Skite Kafsokalivion sind nicht alle Mönche auf dem Athos.</p>
<p style="text-align: justify;">Die kompromisslose Hingabe an die mönchischen Ideale macht nicht nur die Faszination aus, die der Athos auf seine Besucher ausübt. Sie hat vermutlich auch das Überleben dieses einzigartigen Ortes gesichert. Im 7. Jahrhundert haben die ersten Mönche im Schatten des Athos gesiedelt. Im Jahre 963 wurde dann das erste Kloster gegründet. Bis heute ist Megístis Lávras die Nummer eins in der Rangfolge der Athos-Klöster. Es werden nie mehr als 20 sein. So will es die Verfassung des Athos von 972. Sie gilt unverändert seit über tausend Jahren. Die Legende will es, dass die Jungfrau Maria im Jahre 49 nach der Geburt ihres Sohnes auf den Athos kam. Sie soll mit dem Schiff unterwegs gewesen sein nach Zypern.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Alle weiblichen Lebewesen wurden verbannt &#8211; bis auf Katzen</h2>
<p style="text-align: justify;">Auf der Halbinsel musste sie notankern, nachdem sie von einem Unwetter überrascht worden war. Von der Schönheit des Athos überwältigt, ließ sie sich die Halbinsel dann vom Auferstandenen schenken als ihren Garten. Diese Legende musste 1045 dafür herhalten, dass alle anderen weiblichen Wesen vom Athos verbannt wurden. Auch weibliche Tiere (Katzen gelten als Ausnahme). Historiker mutmaßen jedoch, dass der Frauenbann eine Konsequenz daraus war, dass die Belästigung der Töchtern von Bauern und Schäfern durch die Mönche überhand nahm. Heute leben noch rund zweitausend Mönche nach strikten Regeln auf dem teilautonomen Heiligen Berg. Sie haben der Nachwelt einen Ausschnitt des alten Byzanz erhalten.</p>
<p style="text-align: justify;">Clyde und Edward kommen seit einem Vierteljahrhundert regelmäßig auf den Athos. Edward, der in der Schweiz lebt, seit den späten 80ern. Er ist sogar zur orthodoxen Kirche konvertiert. Clyde ist Anglikaner geblieben. Er lebt auf den Orkney Inseln. Die beiden Herren in ihren beigefarbenen Safarihemden dürften die 70 längst überschritten haben. Wir lernen uns beim Warten auf die Fähre in Daphni kennen. Beide zieht es immer wieder hierher: Wegen der Natur einerseits und wegen der Andersartigkeit. „Hier gibt es keinen Materialismus“, sagt Edward. Auch für den Mönch auf Zeit &#8211; in unserem Fall auf Kurzzeit &#8211; werden materielle Dinge sehr schnell bedeutungslos.</p>
<p style="text-align: justify;">„Ein einziger echter Freund ist so viel mehr wert als alle Reichtümer“, meint Edward. Er hat lange in St. Gallen an der Internationalen Schule unterrichtet. Später betrieb er dann eine eigene Sprachenschule. In St. Gallen hatte er bereits im Chor einer othodoxen Gemeinde mitgesungen. Dann kam die Konversion. Den Schritt ist er aus Frustration über den Traditionsverlust in anderen Kirchen gegangen. Zum wiederholten Male höre ich auf dieser Reise, dass den meisten Konfessionen das Mystische des Glaubens, das im Herzen Empfundene abhanden gekommen ist.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich frage Edward, was es wohl mit den Mönchen macht, wenn jeder Tag exakt gleich abläuft und so die Zeit stillzustehen scheint. Schon die Frage ist ihm viel zu wissenschaftlich. Zu kopfig. Glauben habe vor allem mit Gefühl, mit Instinkt, mit Intuition zu tun. Beim Anblick überwältigend schöner Natur, wie hier auf dem Athos, beim Hören ergreifender Musik, wie die Choräle der Mönche, beim Lesen eines Gedichts könne man spüren, dass es andere Ebenen gibt, als die oberflächlich-materielle. Dass darunter etwas anderes, unendlich Tieferes existiert.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wichtige Rituale</h2>
<p style="text-align: justify;">Und das schon von Anbeginn an, seit Urzeiten. Und weil die gefühlte Ahnung davon ebenso alt ist, seien Traditionen und überlieferte Rituale so wichtig. Edward hat sie in der orthodoxen Kirche und insbesondere auf dem Athos gefunden. Die modernen Kirchen seien verkopft, schnaubt er. Sie müssten zwanghaft andauernd ihren Glauben erklären und somit rechtfertigen, als würden sie gegen ihre eigenen Zweifel anargumentieren. Sie singen Popsongs in dem Wahn, dadurch zeitgemäss zu sein. Mit diesem Anbiedern an den Zeitgeist hätten sie ihre Seele verloren. Bei der katholischen Kirche habe es damit begonnen, dass der lateinische Ritus abgeschafft wurde.</p>
<p style="text-align: justify;">Clyde hält sich bei diesem Thema lieber zurück. Obwohl er die Athos-Faszination voll und ganz teilt, ist er den radikalen Schritt der Konversion anders als sein Reisegefährte nicht gegangen. Doch seine Lebensentscheidungen muten nicht minder radikal an. Clyde schreibt Musik und sagt, in Glasgow etwa könne er das nicht. Er bräuchte Natur und Entlegenheit. Schon als junger Mann habe es ihn in die Wildnis gezogen. Einmal hatte er die idealen Arbeitsbedingungen gefunden: Auf einer fast unbewohnten Insel in der Nähe der Orkneys. Nach dieser eremitischen Episode zog er dann auf die Hauptinsel von Orkney, kaufte dort eine Cottage und etwas Land. Von seinem Haus aus kann er auf das Meer gucken. Clyde versucht, das karge Eiland wieder aufzuforsten. Er pflanzt einen Wald an. Auf seinem Land steht ein Windrad, das ihn mit Elektrizität versorgt. Hier komponiert er und lebt wie ein athonitischer Mönch.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn er nicht gerade mit seinem Freund, dem pensionierten Sprachenlehrer aus der Schweiz, auf spiritueller Reise ist. In Nepal waren sie, in Laddakh, und haben in buddhistischen Klöstern übernachtet. Zwei weitere Pilger also, die auf dem Athos Ruhe, uralte, unverfälschte Traditionen und Zeitlosigkeit suchen vor der Kulisse ergreifend schöner Natur. Gemeinsam fahren wir auf der Fähre zurück in die materialistische Konsumwelt, aus der wir kamen. Mit etwas Hoffnung im Gepäck, dass sich der Geist von Athos nicht allzu schnell wieder verflüchtigen möge.</p>
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