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	<description>Magazin für Reportagen</description>
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	<title>Sebastian Hesse &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Wirbeltanz im Wartesaal</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Dec 2017 11:06:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Türkei]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wirbeltanz-im-wartesaal/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Jeder Schritt scheint mit Bedacht gewählt. Zeitlupenartig betreten die zehn Männer das hölzerne, achteckige Teehaus. Sie tragen bodenlange schwarze Überwürfe. Und zylinderförmige, konische Filzhüte, die noch höher sind als die Zipfelmasken der Semana-Santa-Büßer. Wie in Trance stellen sie sich im Halbrund auf. Sie nehmen auf weißen Schaffellen Platz. Etwas abseits sitzt der Vorbeter. Musik setzt ein, Gesang, Flötenklänge, später Percussion und Saiteninstrumente.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Männer stehen auf. Sie schreiten an ihrem Vorbeter, dem Chij, entlang, grüßen ihn, küssen ihn, legen die schwarzen Umhänge ab. Das Gewand darunter ist blütenweiß. Und mündet in einem bodenlangen Rock mit enormem Durchmesser. Ganz langsam beginnen sich die Männer um die eigene Achse zu drehen. Anfangs liegen ihre Arme über Kreuz auf ihrer Brust. Die linke Hand auf der rechten Schulter. Und umgekehrt. Das linke Bein bleibt stets wie eine Achse am Boden verhaftet. Das rechte stößt ab und löst die Drehbewegung aus. Immer schneller rotieren die Männer um die eigene Achse. Die Arme breiten sich nun aus. Die rechte Hand zum Himmel gerichtet. Die linke zur Erde. Im Kreis wirbelnd scheinen sie zu schweben. Wie Gestirne drehen sie sich um die eigene Achse und gleichzeitig in einem weiteren Kreis durch den Raum. Ihre aufgeblähten Röcke wirken wie die Ringe des Saturn. Sie sind Derwische. Mitglieder eines seit 1925 in der Türkei verbotenen Mystiker-Ordens.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich erlebe die Sema, den Tanz der Derwische, im Mevlana-Kloster in Istanbul. Der Begriff Kloster, Tekke, hat sich gehalten, obwohl diese Oase der Ruhe im quirligen Stadtteil Galata seit dem Verbot unter Atatürk offiziell ein Museum ist und die Tanzzeremonie nicht mehr religiöser Ritus, sondern eine Art Folklore-Aufführung. &#8222;Galata Mevlevihane Müzesi&#8220;, so nennt sich das 1492 gegründete Kloster heute. Heerscharen von Touristen bestaunen alljährlich die Derwisch-Vorführungen. Und erleben einen Islam, der dem Zen ähnelt. Oder der inneren Versenkung mittelalterlicher Mystiker im Christentum. Wie viele Religionen hat auch der Islam eine mystische Seite, wo die Annäherung an das Göttliche durch die Überwindung des eigenen Ichs erfolgt.</p>
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<h2 style="text-align: justify;">Der Meister Eckhardt des Islam</h2>
<p style="text-align: justify;">Dem Sitzen im ZEN entspricht im Sufismus der Wirbeltanz. Die Methode geht auf Rumi zurück, den großen Dichter und Sufi-Meister des 13. Jahrhunderts. Den Meister Eckhardt des islamischen Kulturkreises. Das Mevlana-Kloster am Bosporus wurde zwei Jahrhunderte nach Rumis Tod gegründet. Wenn man das kleine Tor zum Klostergelände durchschreitet, fällt man aus Raum und Zeit. Der Hof strahlt eine Ruhe und Abgeschiedenheit aus, die nicht von dieser Welt scheint. Besonders wenn man gerade von der lauten, hektischen, überfüllten Einkaufsmeile Istiklal Caddesi kommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Grabsteine im Klosterfriedhof wirken wie versteinerte Sufi-Tänzer. Die Stelen mit den arabischen Inschriften sind die Körper. Darauf thronen die zylindrischen Hüte, manchmal aufgestockt um einen steinernen Turban. Gottesacker und Tanzsaal sind Orte des Übergangs. Die Filzhüte der Derwische, Sikke, symbolisieren Grabstelen, denn das Ego soll ja tanzend zu Grabe getragen werden. Und die weißen Gewänder sind Grabtücher, um das überwundene Ich zu beerdigen. Sufismus ist wie Zen transpersonale Spiritualität. Der Derwisch wird eins mit einem größeren Ganzen, indem er seine Eigenständigkeit als Person aufgibt. Und das große Ganze ist der Kosmos, den der Tanz spiegelt. Die Tänzer werden in Trance zu Gestirnen, die sich sowohl um die eigene Achse drehen, als auch im harmonischen Zusammenspiel mit anderen den Mittelpunkt des Universums umkreisen. Gegen den Uhrzeigersinn, also gegenläufig zum natürlichen Fluss der Dinge, der stets im Tod mündet.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Schönheit dieses Konzepts büßt ihre Wirkung verblüffend wenig dadurch ein, dass Touristen bei der Zeremonie zuschauen. In den Klosterräumen gibt es eine Dauerausstellung, die mit zahlreichen Exponaten über islamische Mystik, Sufi-Traditionen und die Geschichte des Ordens informiert. Das Mevlana-Kloster ist unbestreitbar ein Museum. Und der achteckige, holzgetäfelte Teeraum ist unverkennbar Bühne für ein Touristen-Spektakel. Aber so fühlte es sich nicht an. Da war noch etwas. Haben die Sufis schlitzohrig ihre Existenz gesichert, indem sie ihre Kultur für ein nicht-initiiertes Publikum öffneten?</p>
<h2 style="text-align: justify;">In der Millionenstadt am Bosporus</h2>
<p style="text-align: justify;">Als die Tanzzeremonie in dem Istanbuler Teehaus vorbei ist, komme ich ganz allmählich wieder an in der profanen Alltagswelt der Millionenstadt am Bosporus. Ich schlendere durch das Galata-Viertel und frage mich, wie viel authentischer Sufismus (benannt nach dem arabischen suf, Wolle, was auf das Wollgewand der Asketen anspielt) noch in dem steckt, was ich gerade erlebt habe. Ob mystische Erfahrung überhaupt möglich ist, wenn man eine Methode der Verinnerlichung vorgeblich auf ihre äußerliche Ästhetik reduziert? Die Oberfläche wirkte stimmig: Ambiente, Trachten, Choreographie. Was aber, wenn der Kloster-Rahmen als Kulisse wegfällt? Würde das einen Teil des Zaubers nehmen?</p>
<p style="text-align: justify;">In Istanbul gibt es noch andere Orte, an denen Derwisch-Tänze vorgeführt werden. Ich habe das Wirbeln der Sufis zum ersten Mal in eigentümlichem Ambiente erlebt. Im Wartesaal des Sirkeci-Bahnhofes, der Endhaltestelle des legendären Orientexpresses. Der holzgetäfelte Raum ist gewaltig hoch. Seine Rosettenfenster haben unverkennbar etwas Sakrales. Wie in Kathedralen des europäischen Mittelalters. Hier haben ein Jahrhundert lang Orientreisende auf den Luxuszug gewartet, der sie zurück nach Wien, München oder Paris bringen sollte. 1883 nahm die legendäre Bahnverbindung den Betrieb auf. Ab 1889 endete sie in der Sirkeci-Station, dieser kleinen Kathedrale des romantischen Reisens.</p>
<p style="text-align: justify;">Sufi-Mystik im Wartesaal – was zunächst als bizarre Kombination erscheint fühlt sich, wenn man sich darauf einlässt, durchaus stimmig an. Ich war mehrmals bei der Tanzzeremonie im Sirkeci-Bahnhof. Und dachte jedes Mal, dass die klassischen Orientreisenden von jeher wohl auch Pilger waren. Ihre Hoffnungen und Sehnsüchte ähnelten vermutlich denen von Erkenntnissuchenden an anderen mythischen Orten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sufis im Bahnhof</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Derwisch-Tänze machen sich im Bahnhof besonders unverdächtig. Zeitvertreib und Zerstreuung für Reisende. Ablauf und Choreographie in dem leicht heruntergekommenen Wartesaal sind nicht nennenswert anders als im Mevlana-Kloster. Nur dass hier die Musiker im Saal sind &#8211; zum Anfassen nahe. Und die Besucher nicht durch eine hölzerne Balustrade abgetrennt sind von dem Raum, den die Derwische durchwirbeln. Sie hocken auf billigen Plastik-Stühlen, quasi auf der Tanzfläche. Anfangs denke ich, wie demütigend es sein muss, seine heiligen Traditionen an einem derart profanen Ort zu praktizieren. Aber erstaunlich schnell löst sich die Architektur als Kulisse der Zeremonie auf. Sobald die Sema in Gang kommt, ist das Ambiente vergessen. Die Wirbeltänze entfalten die gleiche hypnotische Wirkung wie im Teehaus des Klosters. Die Rotation scheint einen förmlich in die Tiefen des Universums zu ziehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Derwisch-Rituale sind getanzte Kosmologie. Rumi initiierte eine Kosmologie des Tanzes. Das kosmische Ganze wird in einem strengen Ritual ertanzt. Zu dieser Gesamtheit gehört der Makrokosmos der Gestirne ebenso wie der Mikrokosmos von Protonen und Elektronen. Galaktische Weiten ebenso wie atomare Tiefen. Ein visionäres Konzept für einen Mystiker des 13. Jahrhunderts, lange vor Galileo. Obwohl Bewegungen und Choreographie der Sema dynamisch und im Fluss sind, sich in den Raum hineinbewegen, ihn ausfüllen, ziehen sich die Tanzenden spürbar in die innere Versenkung zurück. Der hypnotische Anblick und die Klänge der Sufi-Musik nehmen auch den unbeteiligten Betrachter mit auf eine Art spirituelle Reise. Das fünfköpfige Ensemble spielt auf mit einer Kamantsche (einer persischen Stachelgeige), der Baglama (einer Saz, die türkische Langhalslaute), der Oud (Kurzhalslaute) und natürlich der Rohrflöte Ney. Die Sufis glauben, beim Spielen der Ney wird der Atem Gottes zu Klang.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch am Zielbahnhof des Orientexpresses ergreift mich die Schönheit der Sufi-Kontemplation. Hier scheint mir das Umschiffen des staatlichen Verbotes noch listenreicher. Aber das bleibt reines Bauchgefühl. Meine eigenen romantischen Projektionen. Wunschdenken. Denn kann ein uraltes Ritual gelebte Spiritualität und folkloristische Zerstreuung zugleich sein?</p>
<h2 style="text-align: justify;">An Rumis Grab</h2>
<p style="text-align: justify;">Um das herauszufinden, reise ich nach Anatolien, nach Konya, der Wirkungsstätte Rumis. Es ist der 17. Dezember, der Todestag des großen Mystikers, den seine Verehrer traditionell als Feiertag begehen. Nicht ein Hauch von Orient-Romantik umweht die Zugfahrt nach Konya. Der ultramoderne Hochgeschwindigkeitszug saust von Istanbul in wenigen Stunden durch gepflegte Kulturlandschaften ans Ziel. Genug Zeit, mir den Lebensweg des Mystikers in Erinnerung zu rufen.</p>
<p style="text-align: justify;">Rumi, der 1207 in Balkh, im heutigen Afghanistan, geboren wurde, hieß eigentlich Dschelaleddin. Der Vater war ein geachteter Rechtsgelehrter und Theologe. Daher fand er, nach der Flucht der Familie vor Dschingis Khans anrückenden Mongolen und einer Irrfahrt gen Westen, eine Anstellung im anatolischen Konya. Konya war Herrschaftssitz der oströmischen Seldschuken. So entstand Dschelaleddins Beiname: Rumi, der Römer. Bis zu einer Schlüsselbegegnung, die seinem Leben eine völlig neue Ausrichtung geben sollte, folgte Rumi zunächst in Konya den Fußstapfen seines Vaters, wurde Gelehrter und Familienvater.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Wendepunkt in Rumis Leben kam, als im Jahre 1244 der Derwisch und Wandermönch Shams-e-Tabrizi in Konya eintraf. Zwischen beiden Männern entspann sich etwas ganz und gar Unerhörtes. Eine Art intellektuelle amour fou. Rumi und Shams wurden einander geistige Sparringspartner, Seelenverwandte, Inspirationsquell. Sie verschmolzen zu einer symbiotischen Einheit. Inwieweit ihre Beziehung auch eine sexuelle Ebene hatte, wird entweder diskret übergangen oder ist tatsächlich nicht eindeutig überliefert. Seinerzeit war die Männerfreundschaft jedenfalls ein gesellschaftlicher Skandal. Rumi vernachlässigte Familie und Alltag. Woraufhin seine Angehörigen dafür sorgten, dass Shams Konya verließ. Der hatte vermutlich berechtigte Sorge um Leib und Leben. Als Rumi vor Kummer über den Verlust des Geliebten zu zerbrechen drohte, holten seine Söhne den Vertriebenen für kurze Zeit aus dem Exil in Damaskus zurück. Nur um ihn gleich darauf zu ermorden. Sie holten ihn eines Abends in Rumis Haus ab, führten ihn aus der Stadt. Das war im Jahre 1248. Shams ward nie mehr gesehen. Rumi lebte noch bis zum Jahr 1273.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Lehre der allumfassenden Liebe</h2>
<p style="text-align: justify;">Aus diesem Verlust heraus entwickelte Rumi seine Lehre von der allumfassenden Liebe, die der Seele auf den Pfad zur Vollkommenheit verhilft. Seinen Verlust beklagte er in Versen, die ihn bis heute zum meistgelesenen Dichter persischer Sprache machen. Vor allem aber wirkte Rumi als geistiger Gründer des Mevlevi-Ordens, des Ordens der Tanzenden Derwische. Eines Tages soll ihn der Rhythmus, den die Kesselmacher auf Konyas Markt mit ihren Schmiedehämmern schlugen, zu einem spontanen Wirbeltanz inspiriert haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Schule machende Methodik war geboren. Mevlana, Rumis Beiname, bedeutet &#8222;unser Meister&#8220;. Und das persische Derwisch kann mit &#8222;streng asketisch lebender Mönch&#8220; übersetzt werden. Die Methode der inneren Versenkung im tranceartigen Wirbeltanz hat Rumi nach seiner spontanen Eingebung auf dem Markt verfeinert und ausdifferenziert. Das mystische Grundprinzip ist das gleiche wie in anderen Praktiken von &#8222;Entwerdung&#8220;, von Erkenntnis und Auflösung. Aber Rumis kosmischer Tanz berührt mich als Methodik von besonderer Schönheit und Originalität, die noch dazu den unbeteiligten Betrachter miteinzubeziehen vermag. Die formelle Bruderschaft jedoch, in die Rumis Erben seine Lehren überführten, hat die Säkularisierung der Türkei nicht überlebt. In seltsamem Kontrast zu der Verehrung des Mystikers, auf die ich an Rumis Wirkungsstätte stoße.</p>
<p style="text-align: justify;">Für viele Muslime kommt der Pilgerort Konya gleich nach Mekka. Doch ein spürbar spirituelles Flair ergreift mich nicht bei der Ankunft an Konyas eher schmucklosem Bahnhof. Von dort folgt man zu Fuß einer schnurgeraden Magistrale ins Zentrum. Der Stadtkern unterscheidet sich mit seinen zahllosen Läden, Boutiquen, Restaurants und Cafés nicht nennenswert von anderen türkischen Städten. Die Zwei-Millionen-Stadt ist wirklich seltsam unspektakulär, wie Reisende unisono beklagen &#8211; trotz der majestätischen Kulisse des Taurus-Gebirges. Angeblich hat Konya annähernd so viele Moscheen wie das siebenmal so große Istanbul. Ins Auge springt das nicht. Dafür wirkt die Millionenstadt zu europäisch, zu wenig orientalisch. Unübersehbar ist jedoch: Das Geschäft mit dem Sufi-Erbe blüht in Konya.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Vermarktung des Sufi-Erbes</h2>
<p style="text-align: justify;">An jeder Straßenecke findet sich ein &#8222;Mevlana Hotel&#8220;, ein &#8222;Sufi Kebab&#8220;, Stände des &#8222;Mevlana Taksi&#8220; &#8211; Fuhrunternehmens oder ein &#8222;Hotel Rumi&#8220;. Auch die Ampelmännchen an den Straßenlaternen sind einzigartig: Grell neonfarben leuchtende Derwischfiguren. Heckenpflanzen werden so zurechtgeschnitten, das sie wie Wirbeltänzer aussehen. Konya vermarktet sein Sufi-Erbe ebenso aggressiv wie die Altstadt von Jerusalem die Passionsgeschichte.</p>
<p style="text-align: justify;">Ziel der Rumi-Pilger ist das Grab des Mystikers, der Rumi-Schrein. Der Sarkophag, auf dem unübersehbar der Derwisch-Filzhut des Dichters liegt. Eine markante grüne Kuppel weist den Weg zu der Anlage, die auf der Mevlevi-Tekke gründet, die Rumis Sohn Sultan Veled einrichten ließ. Sie besteht aus dem Mausoleum, einer Moschee, einem Tanzhaus (Semahane), 17 Derwisch-Zellen, einer Küche und einem Reinigungsbrunnen. In der Küche mussten Novizen 1001 Tage Dienst tun, bis sie als Derwisch initiiert wurden. Heute ist das ehemalige Klostergelände ebenso streng gesichert wie der Topkapi-Palast in Istanbul. In einer Sicherheitsschleuse werden Bekleidung und Taschen der Besucher gescannt und durchleuchtet. Dann steht man auf dem Klosterhof, wo sich viele Pilger rituell Füße und Hände reinigen, bevor sie das Mausoleum betreten. Jeder Besucher muss die Schuhe ausziehen oder einen blauen Plastiküberzug darüber streifen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein großer, dunkler Raum, direkt unterhalb der markanten grünen Kuppel, ist Rumis letzte Ruhestätte. Sein mit einem goldbestickten Samtüberwurf bedeckter Sarg wird durch ein hohes Eisengitter vor allzu überschwänglichen Verehrern geschützt. So kann man den Sarkophag zwar nicht berühren, aber keinesfalls übersehen: Rumis Turban ist darauf drapiert. Die Menschen klammern sich an das Gitter. Manche sind emotional so überwältigt, dass sie in Tränen ausbrechen. Es gibt einen Gebetsraum für Männer und einen für Frauen. Der Rest des Klosterbaus und des Tempelbezirks ist ein Museum, wie in Istanbul. Überwiegend Frauen sitzen auf dem nackten Fußboden, wie Schülerinnen auf Klassenfahrt. Sie lehnen an den Schaukästen, die Kleidungsstücke Rumis und andere Sufi-Devotionalien zur Schau stellen. Mein Lieblingsexponat bleibt leider eine Behauptung. In einem mit Perlmutt-Rauten verzierten Holzkästchen soll sich angeblich ein Barthaar Mohammeds befinden. Die Floskel ‚beim Barte des Propheten‘ möchte ihren Ursprung in Konya haben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Verehrt wie ein Volksheiliger</h2>
<p style="text-align: justify;">Hier im Rumi-Mausoleum wird der Dichterfürst wie ein Volksheiliger verehrt. Die Pilger, die jedes Jahr am 17. Dezember, dem Todestag Rumis, in Scharen aus allen Landesteilen nach Konya kommen, suchen nicht nur die innere Einkehr an der letzten Ruhestätte ihres Idols. Sie wollen auch Spektakel, Zeitvertreib, Zerstreuung. Von der zum Museum degradierten Mevlevi-Tekke aus dem 13. Jahrhundert laufe ich eine Magistrale stadtauswärts entlang trauriger Ruinen auf einem trostlosen Brachland. Und komme zu einem kolossalen Betonmonstrum, dem modernistischen Kultur- und Kongresszentrum von Konya. &#8222;Mevlana Kültür Merkezi&#8220; nennt sich der seelenlose, futuristische Gigantbau in Form einer Pyramide.</p>
<p style="text-align: justify;">Dessen Siebzigerjahre-Moderne steht in seltsamem Kontrast zu den Besuchern, die er zum Rumi-Gedenken anzieht. Busladung nach Busladung wird hier abgeladen, um einem Show-Programm mit Derwisch-Einlage beizuwohnen. Wohlgenährte, rustikale Damen mit Kopftüchern und groben Strickjacken dominieren die Besucherströme. Nervös, spürbar von der ungewohnten Situation überfordert, suchen sie ihre Plätze in der gewaltigen Arena auf. Und auch während der Vorstellung ebbt das Kommen und Gehen nicht ab. Ständig muss jemand zur Toilette oder sonst etwas erledigen. Ständig wird getuschelt, geschnattert. Mit Handys photographiert, Selfies gemacht. Um sich zu vergewissern, dass man nicht allein ist in dem Kulturpalast, der wie das Innere eines gewaltigen UFOs anmutet.</p>
<p style="text-align: justify;">Irgendwie will hier nichts zusammenpassen. Nicht nur die etwas derben, fülligen Landpomeranzen und die megamoderne Arena. Das knappe Doppeldutzend an Sufi-Musikern auf der Orchester-Empore ist zwar traditionell gekleidet &#8211; ebenso die rund 50 Derwisch-Tänzer -, aber die Inszenierung hat dennoch etwas von gepflegter Samstagsabendunterhaltung. Bis hin zu der knalligen, äußerst farbenfrohen Lightshow. Mystisch sieht anders aus. Stelle ich mir zumindest anders vor. Die Regie hat Wert darauf gelegt, dass ein kulturelles Unterhaltungsprogramm die eigentliche Sema umrahmt. So ist der Derwisch-Tanz ein Programmpunkt unter vielen in einer weltlichen Großveranstaltung.</p>
<p style="text-align: justify;">Erdogans Wähler stelle ich mir so vor wie die Besucher in Konyas Kulturpalast. Fraglos fromm, traditionell in Erscheinung und Weltbild, konservativ im Denken und Empfinden. Und wenig aufmüpfig, weil Teil eines unverrückbaren Systems, autoritär und hierarchisch. Sie tragen dieses System, sind seine Stützen. Und damit weit entfernt von der inneren Freiheit und Unabhängigkeit wahrer Mystiker. Tröstlich allein, dass die Zeremonie überlebt hat. Und ein klein wenig subversiv wirkt, wenn sie ihre zahlreichen Zuschauer trotz des unwürdigen Ambientes in ihren Bann schlägt. Sich von Konyas Popcorn-Sema mitreißen lassen, ihren Rhythmus aufnehmen, ihr gebannt folgen: Das ist Mystik light im Schnupperpaket. Und damit mehr als eine Bruderschaft im Verborgenen erreichen könnte, grinse ich in mich hinein.</p>
<p style="text-align: justify;">Und doch bin ich niedergeschlagen auf dem Rückweg vom Kulturzentrum. Wenn es das gewesen sein sollte mit dem Sufismus im 21. Jahrhundert, dann hätte Atatürk ganze Arbeit geleistet. Der Mevlevi-Orden mag einen subversiven Weg des Eigenerhalts gefunden haben und seine heiligen Zeremonien gerettet, indem sie scheinbar zum öffentlichen Spektakel wurden. Aber als gesellschaftliche Kraft von Belang, die die herrschende Kultur auf inspirierende Weise in Frage stellt, wirken die Ordensbrüder nicht. Mit großem Glück gelingt mir dann aber doch ein kurzer Einblick in eine Art Hinterhof-Sufismus, den kein Fremdenverkehrsbüro einem ans Herz legen würde.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Hintertreppen-Mystik, oder: Die unerwartete Dikhr</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Ladengeschäft ‚Dervish Brothers Center‘ wirkt von außen wie ein weiterer der zahllosen Souvenirläden in Konya, die ein Stück vom Rumi-Kuchen abhaben wollen. Aber hinter dem Geschäftsnamen, der scheinbar auf ausländische Konsumtouristen abzielt, verbirgt sich tatsächlich eine Art Bruderschaft. Empfohlen hatten es mir zwei australische Backpacker, die ich bei der kommerziellen Derwisch-Vorführung am Nachmittag kennen gelernt hatte. &#8222;Dervish Brothers&#8220;, das sei “the real thing!“, wurde mir nahegelegt.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Laden ist sein eigener Kosmos. Hier Inventur zu machen, dürfte eine Lebensaufgabe sein. Bis zur Decke ist das Geschäft mit Kruscht und Krempel vollgestopft. Selbst das Wanddekor hat mehrere Schichten: Handgeknüpfte Teppiche als Grundierung. Darüber hängen Plakate, Wasserpfeifen, Fayencen, gerahmte Kalligraphie, Rumi-Portraits. Auf den kreuz und quer durcheinander stehenden Rattanregalen finden sich Sufi-Literatur, Töpferarbeiten, Musikinstrumente, Kopftücher und Ethno-Klamotten. In den Glasvitrinen lassen sich Steine, Kristalle, Talismane, Schmuckstücke, Handschmeichler, Gebetsketten und andere Kleinodien bestaunen. In der hinteren Ecke hocken Musiker rund um einen niedrigen Tisch. Sie trinken Tee, stimmen Saz und Oud, trommeln sich ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Als sie zu spielen beginnen, springen zwei Frauen spontan auf. Sie beginnen, sich langsam um die eigene Achse zu drehen. Ganz nach Derwisch-Art. Alle Anwesenden wirken wie eine verschworene Gemeinschaft, der es letztlich egal ist, ob sich Kunden in den Laden verirren oder nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Hier treffe ich Üzeyir Özyurt, der sich selber &#8222;Sufi-Professor&#8220; nennt. Tatsächlich ist er so eine Art Sufismus-Koryphäe. Die Expertise hat er sich selber draufgeschafft. Und gut vermarktet: Er ist gern gesehener Talkshow-Gast zum Thema Mystik. Özyurt gehört das &#8222;Dervish Brothers Center&#8220;. Ich frage ihn, ob der 17. Dezember heute noch mehr ist als der Stichtag für ein Touristenspektakel. &#8222;Oh, ja&#8220;, antwortet Özyurt. &#8222;Es ist die Hochzeitsnacht von Mevlana Dschellaledin Rumi. &#8222;Seb-i-Arus&#8220;, als er starb und in der Ewigkeit wiedergeboren wurde, auf dem Pfad Gottes. Er selbst nannte es seine Brautnacht, &#8222;Seb-i-Arus&#8220; (sprich: Schebbi Aruss).</p>
<p style="float: right; margin-left: 100px;"><a href="http://mediennerd.de/sieben-geschichten-vom-glauben/" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-size: 12px; margin-bottom: 10px; text-align: center; text-transform: uppercase;">Diese Reportage stammt aus Sebastians Buch</span><img src="http://www.mitteldeutscherverlag.de/images/stories/virtuemart/product/9783954629190_w.jpg" width="350" /></a></p>
<h2 style="text-align: justify;">Liebe oder tot</h2>
<p style="text-align: justify;">Alle seien eingeladen mitzufeiern. Jede Nation, jede Religion sei willkommen. &#8222;Nur die Liebe im Herzen zählt&#8220;, sagt Özyurt, ganz wie Rumi es lehrte. &#8222;Wir verehren Gott und die Liebe. Rumi leitet uns dabei an!&#8220; Das Prinzip sei einfach und ungeheuer kompliziert zugleich: &#8222;Viele Leute leben auf dieser Welt, ohne je wahrhaftige Liebe zu erfahren&#8220;, klagt Üzeyir Özyurt. &#8222;Für uns sind das Tote! Wenn Du Dich verliebst, dann wirst Du wiedergeboren, für die Ewigkeit. Und Du spürst, dass Du am Leben bist. Allein die Liebe verleiht Dir Lebensenergie!&#8220; Immer wieder streut er ein langgezogenes &#8222;Huu!&#8220; ein, das er den Atem des Lebens nennt. Im Sufismus ist Hu ein Synonym für Gott. Wie das englische &#8222;He&#8220;, ER. Oder Hu ist ein verstärkendes Beiwort, wie in Allah Hu, das in so vielen Sufi-Liedern und Gedichten vorkommt. Allah Hu bedeutet so viel wie &#8222;Gott selbst&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;">Dem schwärmerischen Sufi-Professor verdanke ich dann auch den entscheidenden Hinweis. Leicht zögerlich empfiehlt er eine Sufi-Zeremonie, die irgendwann später am Abend stattfinden soll. Eine Dhikr, ein rituelles Gottgedenken, wie es Sufis und Derwische seit dem 8. Jahrhundert pflegen. Auf ein Papierchen kritzelt er eine Adresse, die in einer der dunklen Altstadtgassen liegt. Die Suche nach dem Ort der Dhikr entpuppt sich als gar nicht so einfach. Ich stehe in einem spärlich beleuchteten Sträßchen vor einem abgeranzten Haus. Und weiß zunächst nicht, wohin. Die Adresse stimmt. Aber nichts deutet darauf hin &#8211; kein Hinweis, kein Namensschild -, dass hier im Hinterhaus Dutzende von mystisch-angehauchten Gleichgesinnten zusammen gekommen sind, zu einem archaischen Ritual, zu Ehren Rumis, an dessen Todestag. Ich fasse mir ein Herz und trete ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Licht in dem abgedunkelten Raum ist so schummerig, dass sich meine Augen erst daran gewöhnen müssen. Schon auf der Gasse, vor der Tür, war gedämpft der rhythmische Sprechgesang der Teilnehmer der Sufi-Zeremonie zu hören. Es war nicht ganz einfach, sich überhaupt in den Raum vorzukämpfen. Im Takt des Sprechgesangs werfen die Teilnehmer ihre Köpfe und Oberkörper vor und zurück, immer wieder vor und zurück, in einem monotonen Rhythmus, der sie in Trance versetzt. Ein Vorsänger, den ich erst ganz allmählich in den Tiefen des Raumes ausmachen kann, gibt Melodie und Verse vor.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sich dem Rhythmus hingeben</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Wände des langgestreckten Raumes sind mit Teppichen behängt. Am anderen Ende sitzen die Würdenträger oder Altvorderen. Sie hocken im Schneidersitz am Boden und spielen Saiteninstrumente oder Trommeln. Sie haben lange Bärte, tragen orangefarbene Turbane und weite Gewänder mit Westen darüber. Vielleicht sind sie moderne Sufi-Meister. Zwei jüngere, ganz ähnlich Gekleidete laufen in der schmalen Gasse auf und ab, die die Singenden und sich vor und zurück Wiegenden in der Mitte des Raumes gelassen haben. Diese jüngeren Sufis stacheln die Menge an, zu skandieren und sich dem Rhythmus hinzugeben.</p>
<p style="text-align: justify;">Mystik ist Trance. Gott nähert man sich in einem anderen Bewusstseinszustand. Eine Art kollektiver Rausch hat den Raum ergriffen. Einer der Anheizer ist ein baumlanger Kerl, etwas mondgesichtig mit schwarzumrandeter Hornbrille. Sein zottiger schwarzer Vollbart und sein halblanges, struppiges Haar quellen unter dem Turban hervor. Neben ihm dreht sich ein ähnlich Gekleideter in Derwisch-Manier, gegen den Uhrzeigersinn und in endlosen Kreisbewegungen. Dann stehen auch andere, europäisch gekleidete Teilnehmer auf und versuchen sich ebenfalls an einer improvisierten Eigenvariante des Wirbeltanzes. Kaum zu glauben, dass der heillos überfüllte Raum überhaupt noch Tanzfläche öffnen kann. Die Menge skandiert: ‚La-Ilaha-Ill-Allah, hu‘ – es gibt keinen Gott außer Gott.</p>
<p style="text-align: justify;">Anfänglich befremden mich der monotone Gesang und das ekstatische Wippen. Ich denke an einen satanistischen Kult, der sich in rasender Trance zu Dingen hinreißen lässt, die kein Einzelner je für sich für möglich gehalten hätte. Auffällig viele Westler sind mit dabei. Darunter das australische Traveller-Pärchen, das ich am Nachmittag bereits bei der Derwisch-Showeinlage kennengelernt hatte. Auch auf die beiden war der Funke der Ekstase übergesprungen und sie hatten sich dem archaischen Trance-Tanz hingegeben. Die Australierin war nicht die einzige Frau, im Gegenteil.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Frauen willkommen</h2>
<p style="text-align: justify;">Von der harschen Männerdominanz eines Steinzeit-Islam sind wir hier Welten entfernt. Die anwesenden Frauen sind so ziemlich das Gegenteil der Traditionalistinnen vom Kulturpalast mit ihren Kopftüchern und bodenlangen Röcken. Das Trance-Ritual hat so eine durchaus moderne Anmutung. Überraschend jung sind die Teilnehmer. Von der Kleidung und Aufmachung her wirken sie eher wie Hippies auf mich, die auf dem Weg nach Goa hier hängen geblieben sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Atatürk und Erdogan wären sich sicher einig in ihrem Entsetzen über den Hinterhof-Sufismus von Konya. Atatürk, weil das Kultische überlebt hat. Und Erdogan, weil dies nichts mehr mit staatstragender AKP-Frömmigkeit zu tun hat. Auch der strenge Formalismus der Sema-Vorführungen, ihre klösterliche Ernsthaftigkeit und choreographische Disziplin, gehen der Trance-Séance von Konya völlig ab. Sie wirkt spontaner, impulsiver und damit subversiver auf mich. Auch nicht so elitär wie die Tanzspektakel der Initiierten. Demokratischer. Eine subkulturelle Nische, die im Halbdunkel überlebt. Diese Hintertreppen-Mystik ist mehr noch als die getarnten Sufi-Rituale in den Museen und Kulturzentren eine Provokation. Ein Infragestellen sowohl von Erdogans autoritärer Einheitskultur als auch der militanten Fundamentalisten.</p>
<p style="text-align: justify;">Islamistische Hardliner hassen Tanz und Musik, Vergnügen und Genuss. Toleranz, Pluralismus und Friedfertigkeit der Sufis waren ihnen von jeher ein Dorn im Auge. Auch politische Führer, die sich und ihre Herrschaft religiös begründen, eine Art göttlichen Auftrag reklamieren, haben in den Mystikern von jeher eine Bedrohung gesehen. Gehorsame Gläubige am Gängelband einer autoritären Priesterkaste sind berechenbarer. Und damit beherrschbarer. Mystiker jedoch, die den direkten, unvermittelten Zugang zu Gott suchen, die nur IHN als Autorität anerkennen und ihre eigenen Rituale und Zeremonien kreieren, sind ihnen suspekt. Mystiker gelten ihnen als Anarchisten, die sich nicht an weltliche Ordnung gebunden fühlen. Ein zarter Hauch dieses Geistes weht noch immer durch Istanbul und Konya.</p>
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		<title>Das Sperma der Götter</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 May 2016 08:43:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[England]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Druiden]]></category>
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					<description><![CDATA[In England blüht die Tradition der Druiden wieder auf. Unser Autor Sebastian Hesse hat einige von ihnen besucht, um herauszufinden was der ganze Hokuspokus um Bäume, Misteln und Steinkreise soll.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/das-sperma-der-goetter/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In England blüht die Tradition der Druiden wieder auf. Unser Autor Sebastian Hesse hat einige von ihnen besucht, um herauszufinden was der ganze Hokuspokus um Bäume, Misteln und Steinkreise soll.</strong></p>
<p>Allzu viel Phantasie braucht man nicht, um sich vom Glastonbury Tor aus eine Inselwelt herbeizu(tag)träumen. Zahlreiche Hügel haben die radikale Kultivierung der Landschaft in der Grafschaft Somerset überstanden. Früher, so erklärt es mir Pat Mead, sei die Gegend regelmässig überschwemmt worden. Feuchtes Marschland, das große Teile des Jahres unter Wasser stand. Die Hügel jedoch hätten aus der Wasserfläche heraus geragt. Sie seien zu Inseln geworden. Und, wie so oft im südenglischen Nebel, nur noch schemenhaft zu erkennen gewesen. Hier entstand einst die Legende von Avalon. Jener mythischen Insel, auf der das irdische Leben des Sagenkönigs Artus endete. Die Apfelinsel, wie die Kelten sie nannten. Pat jedoch erzählt die Geschichte anders. Für Pat liegt hier tatsächlich Avalon. Bis heute. Wegen Avalon ist sie einst nach Glastonbury gezogen. Denn Pat Mead ist Druidin.</p>
<p>In England berichten Menschen mit einer spirituellen Ader häufig über ihre prägende Begegnung mit einem Ort. Die Zuneigung für einen Landstrich wird gerne schwärmerisch verklärt. Landbewohner in England ziehen ein Lebensgefühl aus der Geographie, die sie umgibt. Sie verspüren eine intensive Verbundenheit mit natürlichen Orten: Achtung, Tiefe. Das hat mit der Schönheit unberührten Landes zu tun, seinen Farben und Gerüchen. Aber auch mit dem, was Menschen mit entsprechendem Sensorium in diese Landschaften hineinlesen können. Was sie an Mythologie dechiffrieren an Orten, zu denen sie sich intuitiv hingezogen fühlen. An solchen Orten überlappen sich geographische und mythische Landschaften. Nach keltischem Glauben existieren an bestimmten Orten Übergänge zwischen der Menschenwelt und der Anderswelt.</p>
<h2>Für König Artus</h2>
<p>Diese instinktive Verbundenheit mit einem Landstrich war es, die Pat Mead einst nach Glastonbury gebracht hat. „Ich bin wegen Artus zum ersten Mal hierher gekommen“, erzählt sie mir. „In einem Buch hatte ich ein Bild vom Glastonbury Tor gesehen. Und eine innere Stimme sagte: Geh da hin! Das haben wir dann auch gemacht, mein Mann und ich. Sind hierher gezogen!“ Ursprünglich stammt sie aus den britischen Midlands bei Birmingham. Einer spontanen Eingebung folgend verlagerte sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann ihren Lebensmittelpunkt an den Fuß des Glastonbury Tors. Über Nacht brachen sie ihre Zelte ab, um einem merkwürdigen Sog gen Westen zu folgen.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-2.jpg" data-caption="Zum Ritual geschmückte Frauen mit Blumenschmuck auf dem Primrose Hill" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-9.jpg" data-caption="Druiden haben sich zum &quot;Spring Equinox Ritual&quot; am Tower Hill in London aufgereiht" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-10.jpg" data-caption="Druiden bilden am Tower Hill in London einen rituellen Kreis" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-4.jpg" data-caption="Am Primrose Hill wird ins Horn geblasen" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-5.jpg" data-caption="Diese zwei Kinder finden das mystische Spektakel am Primrose Hill besonders spannend" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-6.jpg" data-caption="Ein Blumenmädchen am Primrose Hill" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-7.jpg" data-caption="Rechts im Bild: Philip Carr-Gomm" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-8.jpg" data-caption="Druiden-Spektakel vor der berühmten Tower Bridge in London" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden.jpg" data-caption="Ob hier wirklich alles Jungfrauen sind, wissen wir nicht. Jedenfalls erklimmt der &quot;Jungfrauenzug&quot; den Primrose Hill" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-3.jpg" data-caption="Druidisches Schattenspiel am Primrose Hill " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-21.jpg" data-caption="Druidinnen am Tower Hill" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23.jpg" data-caption="Bei dieserZeremonie vor dem Glastonbury-Tor reißt diese Druidein beschwörend die Arme nach oben" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-26.jpg" data-caption="Zwei Druidinnen in Avebury" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-27.jpg" data-caption="Adrian und JJ bei der Mistelernte" alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Sebastian Hesse</p></div>
<p>Pats Bungalow hat wenig gemeinsam mit den urigen Cottages des ländlichen Englands. Er ist modern, funktional, eher einfach und schmucklos. Auch die Einrichtung läßt nicht darauf schließen, dass hier jemand mit ausgeprägt spirituellem Sensorium lebt. Pat und ich sitzen in ihrem kleinen Wohnzimmer, auf einer Sofagarnitur, die bessere Tage gesehen hat. Wir trinken Tee und beobachten die Dachse, die auf ihrer kleinen Terrasse nach Leckerbissen suchen. Pat hat als junges Mädchen Deutsch gelernt und hört heute noch regelmässig deutsche Radiosendungen. Sie spielt im Verein Tischtennis. Und Theater in einer Laienspieltruppe. Und sie engagiert sich in ihrem druidischen Grove. Grove, Hain, nach den heiligen Hainen der heidnischen Priester. So nennen sich die Ortsgruppen der druidischen Orden. Der in Glastonbury nennt sich Appleseed Grove.</p>
<h2>Lebendiger Mythos</h2>
<p>So unscheinbar ihr Haus, so spektakulär ist die Lage ihres Grundstücks. Ein Hohlweg führt vom Chalice Well Garden den Hügel hinauf zu Pat. Wenn man ihn zu Ende läuft, steht man am Fusse des Tor. Mehrfach am Tag schaut sie hoch auf den magischen Hügel. Hinauf zu dem geheimnisvollen Turm auf seinem Gipfel. Die erhabene Szenerie bestärkt sie immer wieder aufs Neue darin, dass der Umzug nach Glastonbury zwangsläufig und alternativlos war. Der alte Mythos ist für Pat sehr lebendig: „Oh, er lebt, ja! Vor allem, wenn ich von Westen her nach Glastonbury hereinkomme. Da fährt man über eine bestimmte Brücke, die Pomparles Bridge. Früher war hier ein großer See, den der Fluß Brue gespeist hat. Das soll der See der ‚Lady of the Lake’ gewesen sein, die Artus das Schwert Excalibur gab. Daran muss ich immer denken, wenn ich über die Brücke fahre: Das ist wie nach Hause kommen. Ich bin zurück in Avalon und ich bin in Sicherheit!“</p>
<p>Dieses besondere Gespür für die Magie eines Ortes ist auf den britischen Inseln bemerkenswert ausgeprägt. In seltsamem Kontrast zum beinahe völligen Verschwinden von Wildnis und unberührter Natur in den englischen Grafschaften. Adrian Rooke ist wie Pat Mitglied des größten britischen Druidenordens, des Order of Bards, Ovates and Druids, kurz OBOD. Ich besuche ihn in Bristol. Dort wohnt der Sozialarbeiter im Gartenhaus auf dem Grundstück seines Sohnes. Adrian entspricht viel mehr als die pensionierte Lehrerin Pat meinen Vorstellungen von jemandem neuheidnischen, naturreligiösen Glaubens.</p>
<h2>Schamanischer Steinkreis</h2>
<p>Adrian trägt sein angegrautes Haar lang, ist über und über mit tribal tatoos bedeckt. Er schmückt sich mit Amuletten, Ohrringen und allerhand anderem Schmuck, den er teilweise selber hergestellt hat. Ein gewaltiges Bett füllt das Wohn- und Schlafzimmer in seinem Gartenhaus fast völlig aus. Für Adrian ist es weit mehr als nur eine Schlafstätte. Hier meditiert er, liest dicke Wälzer über Glaube, Leben und Rituale seiner Ahnen. Hier schnitzt er die Zauberstäbe, die er auf Druidentreffen verkauft. Handschmeichler sind Adrians hölzerne Fetische. Und obendrein sollen sie Glück bringen. Adrian hat Suppe gekocht. Nach dem Essen nimmt er mich mit zu einem Steinkreis in der Nähe von Bristol. Zu einer Art schamanischer Séance.</p>
<p>Tags drauf fahre ich mit Adrian und seinem Freund Jay-Jay auf eine Apfelfarm auf dem Lande, irgendwo zwischen Bristol und Glastonbury. Die beiden haben mich eingeladen an einer jährlichen Zeremonie teilzunehmen, die ihnen heilig ist. Und zu der sie noch nie einen Außenstehenden mitgenommen haben. Wir gehen Misteln schneiden. In den Baumkronen der Apfelbäume wächst und gedeiht die heilige Pflanze der Druiden besonders üppig. Der Apfel-Farmer ist froh, dass ihm jemand den Parasiten dezimiert. Und Adrian und Jay-Jay machen reiche Beute für die bevorstehende Wintersonnenwendfeier ihres Druidenordens.</p>
<p>Auf dem Farmgelände steigt Adrian mit einer Leiter in die Baumkronen, sägt die Mistelzweige ab und wirft sie mit Bedacht vom Baum. So, dass JJ sie auffangen kann. Damit sie nicht den Boden berühren. „Die Mistel ist eine einzigartige Pflanze. Weil sie keine Wurzeln hat, die sie mit der Erde verbinden“, erklärt mir Adrian. „Misteln sind Himmelspflanzen, Sonnenpflanzen.“</p>
<h2>Göttliches Sperma</h2>
<p>Er zerdrückt die weißen Beeren der Mistel in seiner Hand. Und hat die klebrige Masse daraus zwischen den Fingern. Die erinnert an Sperma. „Unsere Ahnen haben geglaubt, es handele sich um das Sperma der Götter“, sagt er, „das mitten im Winter das Land neu befruchtet.“ Und JJ ergänzt: „Die alten Druiden haben die Mistel besonders verehrt, wenn sie in den Kronen der Eichen wuchs. Die Eiche galt als Baum der Sonne. Bei der rituellen Mistelernte wurde der Samen der Sonne wieder mit der Erde verbunden.“ Darum sei die Mistel ein Symbol für die Wiedergeburt zur Wintermitte. Die Rückkehr der Sonne. „Deshalb küsst man sich heute noch unter dem Mistelzweig“, schmunzelt JJ, „weil dieses Ritual etwas Lebensbejahendes hat!“</p>
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<p>JJ, Adrian und ich laden die frisch geschnittenen Mistelzweige in den Kofferraum von Adrians klapprigem Toyota. Am Abend werden die beiden den Versammlungsraum für das Druidentreffen mit den heiligen Pflanzen dekorieren. „Das verbindet uns mit diesem Land und dieser Jahreszeit“, sagt Adrian Rooke bevor wir abfahren. „Und es verbindet uns mit etwas sehr Altem, das seit Jahrtausenden verehrt wird!“ Diese Verbundenheit mit Natur und Geschichte, so viel habe ich bereits begriffen, ist die zentrale Erfahrung im modernen Druidentum.</p>
<h2>Ritual in der längsten Nacht</h2>
<p>Beim Morgengrauen des nächsten Tages stehe ich dann, am Ende der längsten Nacht des Jahres, zu Sonnenaufgang im Chalice Well Garden in Glastonbury. Es liegt noch Frühnebel über der Gartenanlage am Fusse des Tor, wenige Fussminuten von Pat Meads Haus entfernt. Nur schemenhaft sind die Teilnehmer des Rituals zu erkennen, mit dem die Rückkehr des Lichts begrüßt werden soll. Rund hundert Neo-Druiden würdigen am kürzesten Tag des Jahres mit ihrer Zusammenkunft den ewigen Kreislauf der Natur. Den verläßlichen Wechsel von Finsternis und Absterben zu neuem Licht und Leben. Ein Grossteil der Druiden trägt ein langes, mönchsähnliches Gewand aus grobem, ungefärbtem Leinen. Verziert allenfalls mit Fibeln oder Broschen in keltischem Ornament. Ein großer Kreis wird gebildet. In der Mitte steht Ann-Marie, die das Ritual anleitet.</p>
<p>Ann-Marie trägt bei der morgendlichen Kälte eine Pelzmütze und einen langen, grünen Samtüberwurf. Wie Pat hatte auch sie ein Erweckungserlebnis in der Natur, das sie für das Druidentum empfänglich machte. „Das war in Cornwall“, erzählt sie mir, „dort gibt es noch Ecken, die vom Menschen unberührt scheinen. Das Bodmin Moor etwa. Dort konnte ich die Seele der Erde spüren!“ Seither geht es ihr nach eigener Aussage darum, “am kosmischen Tanz teilzunehmen.“ Dieses Grundgefühl begleitet sie inzwischen längst durch den Alltag: „Wenn ich morgens die Augen öffne, dann ist da dieser kurze Moment, bevor man ganz wach wird. Als wenn man dem ganzen Universum einen guten Morgen wünscht!“</p>
<p>Zur Sonnenwende begrüßt Ann-Marie die Mitglieder des größten britischen Druidenordens. Um mit ihnen das Wiedererwachen der Natur zur Halbzeit ihres winterlichen Tiefschlafs zu begehen. Dieses Ritual ehrt ein zyklisch wiederkehrendes Naturereignis, spiegelt den natürlichen Kreislauf, betont sie. Es geht in der Zeremonie um das scheinbar absterbende Licht, seine Wiederkehr, das Schneiden der Mistelzweige, die heute noch in Großbritannien zur Weihnachtszeit gehören wie der Christbaum. In jeder der vier Himmelsrichtungen verkörpert je ein Druide den Norden, den Süden, den Westen, den Osten. Die vier Himmelsrichtungen haben in der druidischen Naturverehrung eine ähnlich große Bedeutung wie die vier Elemente oder die vier Jahreszeiten.</p>
<p>Das Licht, das sich am kürzesten Tag weitgehend zurückgezogen hat, wird durch eine Kerze in einem sturmfesten Leuchter versinnbildlicht. Die Kerze erlischt und wird sogleich wieder entzündet. So wie das das Licht im Frühjahr zurückkehrt, stärker wird, länger die Natur erhellt und diese allmählich aus dem Winterschlaf zurückholt. Um diesen Prozess des Absterbens und Neuerwachens, des Regenerierens in der Dunkelheit, des neuen Lebens, das dem abgestorbenen Alten verlässlich folgt, geht es in dem Ritual.</p>
<h2>„AAAWWWEEENNN!!!“</h2>
<p class="p1"><span class="s1">AWEN intonieren die Druiden von Glastonbury stimmgewaltig aus vielen Kehlen. Es klingt wie ein Urlaut, dem buddhistischen OM nicht unähnlich. Der ganze Körper vibriert, wenn man das keltische Wort AWEN möglichst langgestreckt singt. Es entsteht eine Schwingung, eine Art Ur-Rhythmus, der die Ritual-Teilnehmer in Gleichklang mit ihrer natürlichen Umwelt bringen soll. AWEN ist nicht nur das Mantra, sondern auch das graphische Symbol des Druidenordens. Und bedeutet so viel wie ‚die drei Lichtstrahlen’. Viele Druiden tragen das AWEN-Symbol als Brosche oder Amulett. Es zeigt drei Lichtpunkte, aus denen drei Lichtstrahlen fallen, umrahmt von drei konzentrischen Kreisen. Die Lichtpunkte symbolisieren Sonnenaufgänge. In, je nach Jahreszeit, leicht unterschiedlicher Himmelsrichtung. Und die Kreise stehen für die drei Zirkel der Schöpfung in der keltischen Mythologie. Intoniert wird das AWEN bei jeder neo-druidischen Zusammenkunft, als fester Bestandteil jedes neo-druidischen Rituals. Ebenso wichtig ist der ‚Sacred Vow’: „We swear by peace and love to stand, heart by heart and hand to hand. Mark, oh Spirit, and hear us now, confirming this, our sacred vow!“ Wie das ‚Vater unser’ zum christlichen Gottesdienst gehört dieser Schwur zu jeder druidischen Zusammenkunft. Aber wie authentisch sind diese modernen Zeremonien? Wie stark wurzeln sie in wahrhaft uralten Traditionen?</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Es gibt da nämlich ein Dilemma. Von den historischen Vorbildern der Neo-Druiden, der vorchristlichen Priesterkaste der keltischen Hemisphäre, ist eigentlich recht wenig bekannt. In einem der uralten Wirtshäuser von Glastonbury treffe ich eine Koryphäe auf diesem Gebiet: Den Historiker </span><span class="s2">Ronald Hutton</span><span class="s1">. Der Geschichtsprofessor aus Bristol entspricht kaum den gängigen Vorstellungen von einem Hochschullehrer und Wissenschaftler. Hutton trägt das dünne Haar mehr als schulterlang. Seine dicke Brille scheint einige Nummern zu groß für einen schmächtigen Mann wie ihn. Sein listiges Blinzeln entgeht mir jedoch nicht, als er mich über einem Pint Ale freundlich angrinst. Und zunächst einmal desillusioniert: „Die Quellenlage zu den Druiden ist mehr als dürftig“, sagt Hutton, „alle zeitgenössischen Quellen stammen aus griechischer oder römischer Feder. Und man könnte sie locker auf sechs Seiten abdrucken!“</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Die keltischen Priester verfügten nicht über eine eigene Schriftkultur. „Etwas mehr findet sich in der mittelalterlichen Literatur Irlands“, sagt der Geschichtsprofessor, „aber die ist hunderte von Jahren nach der Christianisierung entstanden!“ Sonst gibt es nur noch Volkssagen und Mythen. „Als postmoderne Menschen können wir uns da etwas herauspicken und unser eigenes Druidenbild zusammen stellen.“ Bei aller Beliebigkeit sei eines aber klar, so der Spezialist für Naturreligionen: „Die Druiden waren im antikischen Europa die einzigen Leute, die von den Römern und Griechen respektiert wurden! Die sie gefürchtet haben. Und von denen sie sich inspirieren ließen!“ Daran ändere auch die Widersprüchlichkeit der zeitgenössischen Quellen nichts, meint Hutton. „Für manchen Autoren der Antike waren die Druiden weise und gütig, verstanden sie die Welt besser als jeder andere. Für andere waren sie blutrünstige Wilde und Barbaren.“ Dieser Kontrast mache sie so faszinierend.</span></p>
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<p>Sprachwissenschaftler sagen, der Begriff ‚Druide’ setzt sich aus zwei Silben zusammen. Aus dem gälischen und auch walisischen ‚Dru’ &#8212; zu deutsch: Eiche. Und ‚Id’, &#8211; abgeleitet vom indogermanischen ‚Wid’ &#8212; zu deutsch: Wissen. Der Druide bringt also Wildnis und Wissen, Natur und Weisheit zusammen. Der Begriff Druide kann als Aufforderung verstanden werden, die Qualitäten von ‚Dru-’, der Wildnis, und ‚-id’, der Weisheit, in sich zu vereinen.</p>
<p>Ronald Huttons Hinweis auf den postmodernen Selbstbedienungsladen hatte mich aufhorchen lassen. Keine Naturreligion in Europa kann auf eine durchgängige, gewachsene, Jahrhunderte überdauernde Geschichte zurückblicken. Was heute wieder auflebt, ist zwangsläufig eine Konstruktion aus Projektionen, Wunschphantasien, Wissensfragmenten, Idealisierungen und Phantasieelementen. „Die größte Schwäche des Druidentums ist gleichzeitig seine größte Stärke“, sagt Philip Carr-Gomm. Er sollte es wissen, denn er ist ‚Chief Druid’, der Mann an der Spitze des ‚Orders of Bards, Ovates and Druids’.</p>
<h2>Besuch beim Chef-Druiden</h2>
<p>Ich habe Philip Carr-Gomm in Glastonbury kennen gelernt. Und dann so manches Mal wiedergetroffen. Seinen Druidenorden leitet der 1952 geborene aus seinem Privathaus in Sussex, in dem malerischen Städtchen Lewis. Wir sitzen bei einer Tasse Tee in seinem Arbeitszimmer, das erwartungsgemäss bis unter die Decke mit Büchern vollgestopft ist. Philip stammt aus London, hat Psychologie studiert, eine Montessori-Schule gegründet, Bücher geschrieben und Tarot-Decks designed. Und eben eine druidische Gemeinschaft aus dem 18. Jahrhundert weiter entwickelt zu einem Esoterik-Angebot, das Anhänger in ganz Europa und den USA hat.</p>
<p>Wer den Weg des Druiden gehen will, in Carr-Gomms Auslegung, der kann einen Fernkurs absolvieren. Den muss man bestellen, sich schicken lassen und und sich über drei Initiationsstufen hinweg zum Neo-Druiden ausbilden lassen. Und das tun überraschend viele: 1200 Leute arbeiten sich gerade durch den druidischen Lehrstoff, erklärt mir Carr-Gomm. Schaffen sich keltische Mythologie, Naturkunde, Anleitungen zu Kreativität drauf. Den Lehrstoff gibt es nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Tschechisch, Französisch, Holländisch, Deutsch, Italienisch und Portugiesisch. „Den Kurs haben U-Boot-Matrosen der amerikanischen Navy absolviert“, sagt Carr-Gomm nicht ohne Stolz. „Leute, die in der Wüste in einem Flüchlingslager in Darfour arbeiteten. Obwohl das hart ist. Denn beim Druidentum geht es ja auch um die Beziehung zwischen Orten und Spiritualität. Es wurzelt in Wäldern, in europäischen Landschaften. Nicht in der Wüste, wie Christentum und Islam.“</p>
<h2>Bruderschaft wie Freimaurer</h2>
<p>Die weltweit rund zehntausend Mitglieder seines Druidenordens sieht Philip Carr-Gomm als Nachfahren derer, die das Druidentum vor rund 300 Jahren widerbelebt haben. Grob habe es das drei Strömungen gegeben, erklärt mir der Chief Druid. ‚Kulturelle Druiden’ nennt er diejenigen, die keltische Sprachen und Mythologie rekonstruieren. Dann gäbe es die ‚druidischen Bruderschaften’, eine Art Freimaurertum, das sich im 19. Jahrhundert ausbildete. In deren Logen wurde Mummenschanz gepflegt, mit langen Gewändern und falschen Bärten. Es gibt ein legendäres Photo von Sir Winston Churchill mit falschem Bart in Stonehenge. Auch Churchill war Mitglied einer Druidenloge. „Und schließlich gibt es als dritte Spielart uns: Leute, die Druidentum als einen spirituellen Weg sehen.“</p>
<p>Auch der junge Carr-Gomm war ein Suchender, als er mit elf Jahren Ross Nichols über den Weg lief. Der 1902 geborene und 1975 gestorbene Nichols war Dichter und Hochschullehrer. Als Druide nannte er sich ‚Nuinn’. „Als 11-jähriger bin ich dem damaligen Chef Druid begegnet. Er hat mir dieses Empfinden von Landschaft als heilige Landschaft vermittelt. Das Gespür für magische Orte. Heilige Haine, Steinkreise, Zauberberge. Das hat mich angesprochen: Diese Ahnung, dass sich hinter der Oberfläche von Autobahnkreuzen und Industrielandschaften etwas anderes befindet. Dass hinter dieser Fassade noch immer verzauberte Landschaften schlummern!“</p>
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<p>1988 trat der Psychologe Carr-Gomm an die Spitze des Druidenordens. Geleitet wurde er von der Überzeugung, dass viele seine eigene spirituelle Orientierungslosigkeit und diffuse Ahnung von etwas sehr Altem, aber längst Vergessenem teilen. „Je mehr sich die Menschen von den etablierten Religionen entfremdeten“, sagt Carr-Gomm, „je mehr ihr Unbehagen angesichts der ökologischen Krise wuchs, desto stärker wurde das Bedürfnis nach neuen spirituellen Wegen. Nach etwas, das in Traditionen wurzelt, das authentisch ist und vor allem frei von Dogmen.“</p>
<h2>Bedürfnis nach Gemeinschaft</h2>
<p>Ebenso ausgeprägt, so Carr-Gomms Überzeugung, sei das Bedürfnis nach Anleitung und Gemeinschaft. Um seinen Orden möglichst frei von Dogmen zu halten und eine größtmögliche Klientel anzusprechen, hat er die rituelle Naturverehrung zum zentralen Kern seiner Lehre gemacht. „Sich in der Natur zu bewegen, die natürlichen Kreisläufe annehmen und etwa die Jahreszeiten wirklich leben: Das macht uns menschlicher und mitfühlender“, so Carr-Gomm. „Als Druiden wollen wir das verstärken, indem wir über das Jahresrund hinweg diesen Kreislauf mit Ritualen begleiten.“ So wie zur Wintersonnenwende in Gastonbury.</p>
<p>Das Neo-Druidentum, übrigens seit 2011 offiziell von der ‚Charity Commission for England and Wales’ als Religion anerkannt und damit steuerlich auf einer Stufe mit der Church of England, ist beileibe kein ländliches Phänomen. Zweimal im Jahr, jeweils zur Tag-und-Nacht-Gleiche, kann man in der achteinhalb-Millionen-Metropole London Druiden beim Ausüben ihrer Rituale beobachten. Im Frühjahr am Themseufer, direkt neben dem Tower. Und im Herbst auf dem Primrose Hill, am Nordrand des Regent’s Park, der Erhebung mit dem besten Blick über die Stadt. Als wären sie einer Zeitkapsel entstiegen tauchen an diesen beiden symbolträchtigen Tagen urplötzlich die Druiden im hektischen Großstadtgewusel auf.</p>
<p>Die meisten von ihnen tragen knöchellange weiße Gewänder mit Hauben, die eher an altmodische Krankenschwestertracht erinnern, denn an das Outfit von Naturreligiösen. Einige der teilnehmenden Frauen haben sich jedoch Blumen ins Haar geflochten. Manche tragen Erntegaben in Schalen. Andere ein Schwert oder das meterlange Horn, dessen Klang die Zeremonie eröffnet. Die beginnt und endet damit, dass die Druiden einen Kreis bilden. Ein gemeinsames Ganzes, das keinen Anfang und kein Ende kennt.</p>
<h2>Beim Stadt-Druiden</h2>
<p>Auf dem Primrose Hill lerne ich bei einer dieser Zeremonien JT Morgan kennen. Mit einem kleinen Kreis Gleichgesinnter zelebriert er im Hawthorn Grove, einem Hagedornhain, seine eigenen, selbstgeschriebenen Rituale. JT ist für mich der Inbegriff eines Stadt-Druiden. Anderntags besuche ich ihn auf Arbeit. Morgan ist Schneidermeister von Beruf, nennt sich daher auch Jay the Tailor, und betreibt seine Schneiderei in einem alten Eisenbahnbogen im Londoner Stadtteil Hammersmith. Ein urbaneres Setting kann man sich kaum vorstellen. Morgan hat es nie auf’s Land gezogen. Allein auf freier Wildbahn ist sein Ding nicht. Dafür kennt JT in den Londoner Parks jeden Strauch, jeden Baum und beinahe jeden Halm. Die Vögel, die Nagetiere. Alles was kreucht und fleucht.</p>
<p>JT sucht und bewundert die Natur in ihren Nischen. Die natürlichen Mikrokosmen, die es an den unerwartetsten Stellen zu entdecken gilt. In Hinterhöfen, auf Verkehrsinseln, an den Rändern der Parkplätze, auf den Dachterrassen, sogar in den Schlaglöchern. Wo immer der Asphalt aufbricht und den Boden entsiegelt, da kommt Natur zurück. Für JT Morgan ist es kein Widerspruch, großstädtisch zu leben und gleichzeitig Natur zu verehren. Das ist für ihn auch der Kern seines Druidentums: „Wenn jemand nicht nur mit den Bäumen redet, sondern auch noch eine Antwort erhält, dann ist er ein Druide.“ Ansonsten ist JT herrlich gelassen und undogmatisch. Man dürfe das mit den Druiden auch nicht allzu ernst nehmen, meint er. Und müsse aufpassen, die Riten und Gebräuche nicht ins Lächerliche zu ziehen.</p>
<p>„Druiden lieben es, keltische Begriffe zu benutzen. Bei näherer Betrachtung entpuppen die sich aber oft als erfunden: Sie sind unecht. Und viele wissen nicht einmal, wie man sie ausspricht!“ Morgans eigene Rituale sind daher durchgehend auf Englisch. Um möglichst viele anzusprechen, denn der kleinste gemeinsame Nenner sei die Ahnung davon, dass die Welt aus mehr als nur einer stofflich-materiellen Ebene besteht: „Die Liebe zur Natur muss mit einem gewissen Hang zu Spiritualität einhergehen; – ohne eine spirituelle Ebene des Daseins zu akzeptieren geht es nicht!“</p>
<h2>Dunkle Germanen vs. keltische Lichtgestalten</h2>
<p>Naturverehrung und Geschichtsbewusstsein – das hatte mir schon der Geschichtsprofessor Ronald Hutton als wichtigste Zutaten des druidischen Gebräus anempfohlen. „Die Abgelöstheit von natürlichen Lebenszusammenhängen und einer geschichtlichen Tradition; das ist am Ende das Dilemma des modernen Menschen“, so der Akademiker, der zwischen Hörsaal und heiligen Hainen pendelt. Ich muss an Deutschland denken. Wo zwar die Ökologiebewegung stark ist; was übrigens immer wieder von den britischen Druiden hervorgehoben wird. Sich jedoch in einer germanischen Tradition zu verorten, kann einen bekanntlich schnell in Erklärungsnöte bringen. Vermutlich boomt deshalb die Rückbesinnung auf das keltische Erbe in den entsprechenden deutschen Regionen.</p>
<p><img class="aligncenter wp-image-6398 size-full" src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23.jpg" alt="3-23" width="1700" height="1134" data-id="6398" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23.jpg 1700w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-1250x834.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-400x267.jpg 400w" sizes="(max-width: 1700px) 100vw, 1700px" /></p>
<p>Wie Pilze sind in den zurückliegenden Jahren Keltenmuseen, Keltenforts, Keltenhügel und Keltenfestivals aus dem Boden geschossen. Wo die Germanen die dunklen Ahnen sind, erleben die keltischen Lichtgestalten jetzt ihre unerwartete Renaissance. Ronald Hutton und Philip Carr-Gomm könnten in ihrer Analyse der Defizite des modernen Menschen im Digitalzeitalter recht haben. Weit über ihr englisches Wirkungsfeld hinaus.</p>
<p>Das Druidentum, das beide praktizieren, hat mich jedoch zunächst wegen seiner so britischen Schrulligkeit angezogen. Und dazu gehören zentral die Schauplätze. Stonehenge, Avebury, Tintagel, das Bodmin Moor und immer wieder dieses Glastonbury, wohin wir zum Schluss noch einmal zurückkehren.</p>
<h2>Liegt hier König Artus?</h2>
<p>Die vielen skurrilen Esoterik-Läden im Ortskern von Glastonbury, das Überangebot an Selbsterfahrungs-Seminaren und Kursen, die schamlose Vermarktung des Images als spirituell besonderer Ort haben den Ort dennoch nicht seine unbestreitbare Magie genommen. Im Herzen von Glastonbury findet sich eine der malerischsten Ruinen Englands: Die der Glastonbury Abbey, geschliffen im 16. Jahrhundert während der Reformationswirren. Ihre Überreste sind immer noch so eindrucksvoll, das man eine Ahnung kriegt von deren Pracht, als sie noch die wohlhabendste Klosterkirche Englands war.</p>
<p>Zur Legende wurde sie, als im 12. Jahrhundert das Gerücht aufkam, Artus sei auf dem Klostergelände begraben. Die britische Krone war elektrisiert. Mönche wurden mit umfangreichen Ausgrabungsarbeiten beauftragt. 1191 soll der Legende nach, zwei Meter unter der Erde, ein großes Kreuz aus Blei gefunden. Darauf soll gestanden haben: ‚Hier ruht König Artus, begraben in Avalon’. Zwei weitere Meter tiefer wurde dann angeblich ein Eichensarg ausgebuddelt. Mit zwei Skeletten darin. Das eines großen Mannes mit einer Schwertwunde im Schädel. Und das einer Frau, vermutlich Ginevra, Artus’ Gattin.</p>
<p>Der Auftraggeber und Finanzier des archäologischen Unterfangens, König Edward I., ein erklärter Artus-Fan, ließ die Gebeine daraufhin in einer pompösen Zeremonie beisetzen und eine prunkvolle Artus-Grabstätte errichten. Dabei ging es auch ganz profan um weltliche Macht. Edward wußte um die mythologische Bedeutung des Sagenkönigs für die aufmüpfigen Waliser. Ähnlich wie beim Kyffhäuser glaubten die, Artus schlafe nur und könne ihnen jederzeit in der Stunde der Not zur Hilfe eilen. Dem konnte Edward nun entgegen halten: Seht, Artus ist tot. Wir haben seine Gebeine. Er wird niemals zurückkommen.</p>
<h2>Die bizarrste Attraktion</h2>
<p>Heute freilich gibt es keine Spur mehr vom Bleikreuz, von den königlichen Knochen und der edwardianischen Prunkstätte mit dem Grabstein aus schwarzem Marmor. Alles verschwunden, zerstört, 1539 geschliffen unter Heinrich VIII. Doch als Mythos ist die Sage so lebendig wie eh und je. Ich schlendere mit Julie Hayes über das Klostergelände. Sie ist die Museumspädagogin der Abbey und erzählt mir ihre persönliche Geschichte. Mit Worten, die mich sehr an die Erlebnisse der Druiden erinnern: „Ich selber stamme ursprünglich nicht von hier, sondern aus Nottinghamshire. Aber ich hatte das Gefühl, nach Hause zurück zu kehren. Dieser Ort ist ganz besonders: Er strahlt Ruhe aus. Man vergisst, dass es eine Welt jenseits von Glastonbury gibt!“</p>
<p>Die vielleicht bizarrste Attraktion von Glastonbury verbindet den Ort aber nicht mit Keltenerbe oder Artus-Mythos, sondern dem blutjungen Christentum. Die Briten glauben, sie seien eine der ersten Nationen Europas gewesen, zu der die Lehre des Gekreuzigten weitergetragen wurde. Als Beweis dafür muss der Glastonbury Thorn herhalten: Ein Dornenbusch, der aus dem Wanderstab von Josef von Arimathäa gewachsen sein soll. Als der Mann, der dem hingerichteten Erlöser sein Grab in Jerusalem überlassen haben soll, nach Christi Kreuzigung ausgerechnet nach Glastonbury kam. Der feste Glaube daran, dass England in der Hierarchie der auserwählten Länder kurz hinter dem Heiligen Land kommt, reicht bis ins Herz des Königshauses hinein. Wenn die Queen alljährlich ihre Weihnachtsansprache im Fernsehen hält, dann liegt ein Zweig dieses Weißdornbusches vor ihr auf dem Tisch. Angeblich hat Josef von Arimathäa auch den Heiligen Gral mit nach Glastonbury gebracht. Genug Sagenstoff also, um Heerscharen von Sinnsuchern anzulocken. So mancher bleibt für immer. So wie Pat Mead.</p>
<p>Ich treffe mich mit Pat auf dem Hügel, auf dem der Thorn thront. Oder gethront hat, denn kurz vor unserem Wiedersehen haben Vandalen den mythenumrankten Busch in einer nächtlichen Aktion abgeholzt. Ein unerhörtes Sakrileg, das tagelang für Schlagzeilen im Königreich sorgte. Da aber über die Jahre genügend Ableger des verehrten Gehölzes an anderen Orten erfolgreich eingepflanzt wurden, etwa im Londoner Kew Gardens, konnte der Weißdorn durch einen gärtnerischen Kniff wiederbelebt werden. Das robuste Gehölz wurde zu neuem Leben erweckt.</p>
<h2>Heiliger Stumpf</h2>
<p>Als ich Pat treffe, stehen wir noch vor einem traurigen Stumpf. „Ich hatte das erst für einen kranken Scherz gehalten“, erinnert sie sich. Doch die Nachricht, die sich wie ein Lauffeuer in Glastonbury verbreitet, war wahr. Eine „Schockwelle“ sei durch den Ort gegangen, so Pat, Menschen aller Weltanschauungen seien zu dem Baumstumpf gepilgert, um sich ein Bild von der zerstörerischen Tat zu machen. Für die Druidin lag jedoch auch etwas Tröstliches in der Tragödie: „Wicca-Hexen waren da, Druiden, Vertreter der örtlichen Kirchen – alle waren schockiert und verstört angesichts des trostlosen Baumstumpfs, der lange eines der Wahrzeichen von Glastonbury war. Alle haben beieinander gestanden.“ Und so hatte der Weißdorn auch im Ableben noch Magie über den Ort gebracht.</p>
<p>Diese Episode bringt für mich sowohl den genius loci von Glastonbury, als auch das Erfolgsrezept der Druiden-Renaissance auf den Punkt. Wie hatte es schon Ronald Hutton formuliert, der druidische Gelehrte: „As postmodern people we take our pick!“ Wir basteln uns unsere ganz eigene Patchwork-Spiritualität. Auch Philip Carr-Gomm, der Chief Druid, weiss, dass im Zeitalter der Beliebigkeit nicht nur Sehnsucht nach Sinn entsteht, sondern aufgrund der zahllosen Ausweichmöglichkeiten auch eine tiefsitzende Scheu vor Bindung und Verpflichtung. Sein Neo-Druidentum ist eine Art naturschwärmerische Meditationsanleitung, dem Zen gar nicht so unähnlich, und daher kompatibel mit fast allen Credos auf dem Markt.</p>
<p>„Und so gibt es Leute, die sich Druiden nennen und Monotheisten sind, oder Duotheisten, Polytheisten, Pantheisten. Ja, sogar Atheisten“, sagt Carr-Gomm und schüttelt den Kopf. „Dieses ganze Konzept von Theismen bringt uns nicht weiter. Das Druidentum zieht wenig aus Theologie. Und viel aus der Natur: Sich in ihr bewegen, sich von ihr nähren lassen.“</p>
<p>Pat Mead verkörpert diese Haltung wie niemand sonst, den ich auf meinen Druidenpfaden getroffen habe. Und sie ist am richtigen Ort, denn nirgends sonst als in Glastonbury gibt es diesen postmodernen Cocktail aus Mythen und Traditionen. Wir stehen am Thorn und blicken hinüber zum Tor: Wie der sich über der Kleinstadt erhebt mit dem Turm der geschliffenen Klosteruine St. Michaels auf seinem Gipfel. Vielleicht ist die Erfolgsgeheimnis der spirituellen Hauptstadt Britanniens in Wahrheit ganz banal. Und erklärt sich schlicht aus der betörenden Schönheit dieses Anblicks.</p>
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		<title>Unter Mönchen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Sep 2015 01:47:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Athos]]></category>
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					<description><![CDATA[Athos ist eine autonome Mönchsgemeinde in Griechenland. Mit der Krise, Flüchtlingen oder EU-Politik haben die Kleriker auf dem heiligen Berg nichts am Hut. Besuch eines Ortes, an dem die Zeit stehen geblieben ist.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/unter-moenchen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Athos ist eine autonome Mönchsgemeinde in Griechenland. Mit der Krise, Flüchtlingen oder EU-Politik haben die Kleriker auf dem heiligen Berg nichts am Hut. Besuch eines Ortes, an dem die Zeit stehen geblieben ist.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es hat einen Moment gedauert, bis der Groschen gefallen ist. Bis ich kapiert habe, was ich da gerade gerade geküsst habe: Die Überreste von Menschen, die seit Jahrhunderten tot sind. In den Vitrinen in dem abgedunkelten Raum sind Teile von Skeletten drapiert. Knöchelchen und Schädeldecken. Reliquien. Körperteile von Heiligen. Die menschlichen Gebeine werden in kunstvoll geschmiedeten silbernen Schatullen aufgewahrt und die Sammlung in den Vitrinen präsentiert, die ich gerade wie in Trance abschreite und küsse.</p>
<p style="text-align: justify;">Weiter kann man sich in Griechenland vermutlich nicht von der harten Alltagsrealität entfernen: Im schummrigen Halbdunkel der Klosterkapelle von Iviron, durch die ich mich gerade als Teil einer Prozession wie in Zeitlupe bewege, ist kein Raum für Sparauflagen, Rettungsschirme, einen Schuldenschnitt oder die Troika. Wie in den anderen Athosklöstern geht es hier um die Nähe zum Eigentlichen. Tagespolitik interessiert hier nicht. Wer hierher pilgert, entflieht den Banalitäten des Alltags &#8212; auch wenn sie existenziell scheinen. Athos ist für Orthodoxe, was Santiago de Compostela für Katholiken ist. Das zweitwichtigste Pilgerziel nach Jerusalem.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Burg ohne Fenster</h2>
<p style="text-align: justify;">Am Nachmittag bin ich nach einem anderthalb stündigen Fußmarsch in Iviron angekommen. Das Kloster liegt an der Ostküste der Halbinsel &#8211; direkt am Meer wie eine gewaltige Festung. Die unteren Stockwerke des burgähnlichen Baus haben so gut wie keine Fenster. Das obere Drittel dagegen erweckt den Eindruck, als seien kleinere Wohnhäuser auf den Rumpf gepropft worden. Es wimmelt von Balkonen, Austritten, Gucklöchern. Diese Architektur ist typisch für die 20 großen Klöster der unabhängigen Mönchsrepublik Athos.</p>
<p style="text-align: justify;">Manche der Trutzburgen des Glaubens hängen so prekär an den steilen Felswänden, als würden sie jeden Moment ins Meer abrutschen. Etwa Símonos Pétras, das architektonisch an den Potala im tibetischen Lhasa erinnert. Immer wieder in ihrer gut tausendjährigen Geschichte sind die Athos-Klöster überfallen und ausgeplündert worden. Der Name Athos steht heute für die gesamte, rund 50 Kilometer lange Halbinsel. Der namensgebende Berg ragt am Südzipfel in den Himmel. Sein 2033 Meter hoher Gipfel ist meistens wolkenverhangen. Die Griechen nennen ihn Ágio Óros, den Heiligen Berg.</p>
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<h2 style="text-align: justify;">Zutritt nur für Männer</h2>
<p style="text-align: justify;">Den Athos und seine Klöster zu bereisen ist nicht ganz einfach. Zutritt wird generell nur Männern gewährt. Frauen sind unerwünscht. Touristen auch. Ernsthafte Pilger können das Diamonitirion beantragen, eine Art Passierschein. Wochen im Voraus muss man sich um das Diamonitirion bemühen, denn der Andrang ist groß. Das begehrte Dokument muss man telefonisch beantragen, in radebrechendem Englisch sein spirituelles Anliegen erklären. Dann wird’s mordern: Man faxt eine Kopie des Reisepasses und erhält per E-Mail Bescheid, ob man erwünscht ist oder nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Der letzte frei zugängliche Ort vor der Athos-Grenze ist Ouranoúpoli. Zu deutsch ‚Himmelsstadt’. In Ouranoúpoli findet sich das Pilgerbüro, wo man das Diamonitirion ausgehändigt bekommt. Das Büro am Hafen ist eine Art Schalterhalle. Dort entrichtet man die 30 Euro Gebühr und lässt sich dann das Visum aushändigen. Nur zehn Nicht-Orthodoxen wird täglich der Zutritt zum Athos gewährt. Trotzdem sollte man zeitig erscheinen, denn seit der Öffnung Osteuropas ist die Zahl der Pilger enorm in die Höhe geschnellt. Orthodoxe aus Rußland und den Balkanstaaten pilgern in Heerscharen auf den Athos. Neben mir in der Ausgabeschlange steht, morgens um 7 Uhr 30, ein junger Russe mit atemberaubender Alkoholfahne.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn man das Diamonitirion in den Händen hält, ist die erste Hürde genommen. Nun muss man nur noch einen Platz auf der Fähre ergattern, die die Pilgerströme an der Athos-Küste entlang zu dem kleinen Fähranleger Daphní bringt. Die Klöster sind nur auf dem Seeweg zu erreichen. Das Pilgerboot tuckert geschätzte 200 Meter parallel zur Küste und hält an vielen Klöstern. Erstaunlich, wie schnell es sich anfühlt, als spielten Raum und Zeit keine Rolle mehr.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Post für Pilger</h2>
<p style="text-align: justify;">Wäre man hier vor Hunderten von Jahren schon einmal entlang geschippert: Es hätte genauso ausgesehen. Aus dem Tagtraum von der stillstehenden Zeit wird man erst am Zielanleger wieder heraus gerissen. Von Daphní aus ächzt ein altersschwacher Bus die Serpentinen auf den Höhenrücken des Athos hinauf nach Karyés, der einzigen Ortschaft der Mönchsrepublik. Eigentlich ist Karyés nicht viel mehr als eine Häuserreihe mit einem Postamt, Devotionalienläden, einem Bäcker. Wenn der Pilgerbus aus Daphní eintrifft wird es kurzzeitig laut, hektisch und quirlig. Und schlagartig versinkt das Städtchen dann wieder im Dornröschenschlaf. Von Kariés aus wandere ich mit John, meiner Reisebekanntschaft aus England, los in Richtung Küste. Nach Iviron.</p>
<p style="text-align: justify;">Der uralte Weg zieht sich in weiten Schwüngen den Bergrücken hinunter. Ich versuche mir vorzustellen, wie viele Pilger über die Jahrhunderte hinweg hierher gelaufen sind. Der Pfad jedenfalls gleicht einer Furche, so ausgetreten ist er. Auch in den Abschnitten mit grobem Steinpflaster. Über weite Strecken führt er als Hohlweg durch üppige Vegetation. Die Baumkronen bilden ein Laubgewölbe. Man schreitet durch eine Art grüne Passage. Ein parallel laufender Gebirgsbach erinnert mal mehr, mal weniger lautstark daran, dass er auch noch da ist. Abschnittsweise stürzt er als Wasserfall in die Tiefe. Und obwohl Menschen den Pfad mit ihren Fußsohlen über Jahrhunderte ausgetreten haben, fühlt es sich an als sein man mutterseelenallein in unberührter Natur.</p>
<p style="text-align: justify;">Gelegentlich öffnet sich der Blick und man sieht den Athos. Eine ‚karge schwarze Pyramide’, nennt ihn der schottische Reiseschriftsteller William Dalrymple. Majestätisch, aber auch schroff und abweisend thront der Felsgigant über der Halbinsel. Sein oft schneebedeckter Gipfel weist hinauf in höhere Sphären. Dahin, wo die Mönche des Athos durch Askese, Strenge, Abgeschiedenheit und Einfachheit zu gelangen hoffen. Schon zu Lebzeiten näher bei Gott. Die Pilger lassen sie für kurze Zeit daran teilhaben. Immer nur für eine Nacht pro Kloster. Und nur für maximal drei Nächte insgesamt. Das gilt auch in Iviron, wo wir am frühen Nachmittag eintreffen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Besoffener Ausblick</h2>
<p style="text-align: justify;">Jedes Kloster hat einen Quartiermeister, der den Pilgern ohne große Worte ihre Unterkunft zeigt. In unserem Fall ist es ein baumlanger, junger Mönch. John und ich teilen unsere Zelle mit Paul aus Baltimore. Der amerikanische IT-Spezialist ist glühender Verehrer byzantinischer Kunst. Wir beschnuppern uns auf dem Balkon unserer Zelle. Von hier hat man einen Ausblick, der besoffen macht. Auf die Klostergärten. Und die bewaldeten Hügel. Die unzähligen Schattierungen des Grüns erinnern an tropische Regenwälder.</p>
<p style="text-align: justify;">Einmal eingezogen kümmert sich niemand mehr um die Pilger. Dass sie sich um fünf Uhr nachmittags zum Abendgebet im Katholikon einfinden, der Hauptkirche des Klosters, wird vorausgesetzt. Als Nicht-Orthodoxer muß man in manchen Klöstern mit einer Seitenkapelle oder Nebenkirche vorlieb nehmen. Nicht so in Iviron. Wir mischen uns unter die orthodoxen Pilger und Mönche und tauchen ein in den schier endlosen Fluß aus Gebet, Chorälen, Lesungen. Immer wieder muss man sich aus dem knarzenden Kirchengestühl erheben und bekreuzigen, wenn ein Mönch mit Weihrauchgefäß vorbeiläuft. Und man schreitet die Ikonen ab, die im schummrigen Halbdunkel der Kirche nur schemenhaft erkennbar sind. Vor diesen Fenstern in andere Sphären bekreuzigen sich die Gläubigen. Und sie küssen das Heiligenbildnis.</p>
<p style="text-align: justify;">Das erste Mal gesehen hatte ich diesen Brauch in der orthodoxen Kathedrale St. Sophia im Londoner Stadtteil Bayswater. Der Kirche, in der der Trauergottesdienst für Bruce Chatwin stattfand, einem Konvertiten zur griechisch-orthodoxen Kirche. In London stand neben jeder Ikone ein Gemeindemitglied mit einem Wischlappen, um nach jeder rituellen Lippenberührung die Speichelreste des Küssenden wieder wegzuwischen. Derartige Hygienevorkehrungen gibt es im Kloster Iviron nicht. Und vermutlich auch nicht auf dem restlichen Athos.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Abendgebet schreiten die Teilnehmer wie in einem Trancemarsch in die Seitenkapellen des Katholikons. Dort ist die Reliqiensammlung des Klosters hinter Glas ausgestellt. Versunken in den kleinen Marsch der Bewunderung wird jede einzelne Auslage abgeschritten und mit einem Kuss geehrt. Iviron rühmt sich, neben den Gebeinen von 145 Heiligen auch Marterwerkzeuge der Leiden Christi zu haben. Ich hatte mir vorgenommen, danach Ausschau zu halten. Doch der Sog des Ritus vereinnahmt mich derart, dass klare Gedanken, Konzentration auf Einzelnes nicht mehr stattfinden können. So sehr wird man Teil eines größeren Ganzen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Klack zum Essen</h2>
<p style="text-align: justify;">Wie schon zum Abendgebet, so ruft auch zum Abendessen der Klang des Simandron, eine gewaltige Holzplanke am Eingang des Refektoriums, auf die mit einem hölzernen Hammer geschlagen wird. Lange Marmortische mit Holzbänken davor füllen den Speisesaal der Mönche. Die Pilger sitzen am Rand. Die Tische sind gedeckt. Erst auf das Zeichen des Abtes hin darf mit dem Essen begonnen werden. Das Nachmahl ist karg, aber sättigend: Linsen, Oliven, Nudeln, ein Glas Wein. Man ißt schweigend, um dem Mönch zu lauschen, der mit sonorer Stimme unermüdlich aus der heiligen Schrift vorliest. Unter seinem Vorlesen liegt nur der chaotische Rhythmus, den das Kratzen des Bestecks auf den Metalltellern beiträgt. So hektisch wie die Mönche die Pilger auf die Gasttische verteilt haben, so hektisch essen sie auch. Sie wissen, dass das Zeitfenster für das Nachmahl klein ist. Ebenso plötzlich wie es begann, hört es auch wieder auf. Der Abt gibt erneut ein Zeichen. Mönche und Pilger legen ihr Besteck hin, stehen auf, beten kurz und verlassen zügig das Refektorium. Es ist acht Uhr abends. Bettzeit.</p>
<p style="text-align: justify;">Meine Mitpilger und ich stehen um vier Uhr in der Früh auf. Leisen Schrittes machen wir uns auf ins Katholikon. Einige Mönche haben die ganze Nacht durchgebetet. Allmählich füllt sich der dunkle Raum. Allmählich hellt er sich ein wenig auf. Mönche entzünden Kerzen. Deren Schein erlaubt eine Ahnung von den Kunstschätzen, die den Kirschenraum ausschmücken. Das Dauergebet mündet im orthodoxen Ritus aus Chorälen, Lesung und weiterem Gebet. Viele Stunden. Weit nach Morgengrauen endet die Andacht und geht in ein kurzes Frühstück im Refektorium über. Die Mönche verrichten danach ihr Tagewerk &#8211;  in der Bibliothek oder im Weinberg. Und die Pilger ziehen weiter.</p>
<p style="text-align: justify;">In den anderen großen Athos-Klöstern, in Megístis Lávras oder Vatopédi, ist der Ablauf ganz ähnlich. Die nahegelegenen kann man abwandern. Die entlegeneren erreicht man mit Minibussen. Die Entfernungen auf dem Athos sollte man nicht unterschätzen. Die Höhenunterschiede sind zum Teil beträchtlich und der Zustand der Pilgerwege ist oft unvorhersehbar. An der Südspitze der Halbinsel bewahrt John und mich nur die Warnung dreier österreichischer Pilger davor, uns in sengender Hitze auf einen riskanten Gewaltmarsch zu machen. Vom Fähranleger Daphni aus haben wir eine Anschlußfähre genommen, die die Westküste weiter hinunterfährt. Bei erstaunlich starkem Seegang setzt uns das Boot an der Südspitze des Athos ab.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Der Abt empfängt persönlich</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Blick vom hölzernen Balkon der Skite lenkt davon ab, weshalb man eigentlich hierher gekommen ist. Skiten sind die Einsiedelein, die es überall auf dem Athos gibt. Ich habe eben einen Ouzo und einen griechischen Kaffee kredenzt bekommen &#8211; vom Abt des kleinen Mönchsdorfs Skiti Kafsokalivion höchstpersönlich. Vater Seraphim sieht aus wie ein typischer Mönch vom Athos: Schwarzes, langes Gewand, schwarzer Filzzylinder, ein langer, grauer Rauschebaart und listige Äuglein hinter einer dicken Brille. Eigentlich war das Kloster Megístis Lávras unser Ziel, da es auf der Landkarte sehr nah aussah. Doch nach einem schweißtreibendem Aufstieg vom Fähranleger haben wir auf die drei österreichischen Pilger gehört, den Marsch zum Megístis Lávras unterlassen und stattdessen bei Vater Seraphim angeklopft, um nach einem Quartier zu fragen. Wie in allen Klöstern und Skitenen muss man sich ins dicke Besucherbuch eintragen, nebst Nummer des Diamonitirion.</p>
<p style="text-align: justify;">Jetzt also Ouzo und Kaffee mit Blick auf die azurblaue See tief unter uns. Die Skiti Kafsokalivion liegt an einem steilen Felshang, besteht aus einer Kirche, mehreren Wirtschaftsgebäuden und mehreren Terassen mit Gärten oder einfachen Plätzen, wo man im Schatten gewaltiger Zypressen seinen Gedanken nachhängen kann. Skiten sind kleinere mönchische Ansiedelungen, die mehr Dörfern gleichen, als den wuchtigen Klosteranlagen. Deren Anzahl wird auf Athos immer auf 20 beschränkt bleiben. Doch Skiten gibt es in großer Anzahl in der Mönchsrepublik. Hier ist das Reglement lange nicht so strikt wie in den Klöstern. Um fünf Uhr gibt es in der Küche der Skite ein einfaches Mahl: Linseneintopf, Oliven, Brot und ein Glas Wein für die drei Mönche, die hier leben und die sieben Pilger, die heute hier übernachten werden. Während des Essens darf sogar geredet werden. Die Küche hat den behaglichen Charme eines alten Bauernhauses. Nur der mannshohe Siemens-Kühlschrank wirkt deplatziert. Auf einer der Terrassen der Skite stehen gewaltige Solarpanele, mit denen die Mönche ihren eigenen Strom generieren. Einen abendlichen Gottesdienst gibt es hier in der Skiti Kafsokalivion nicht. Allerdings dürfen wir uns die alte Kirche der Skite ansehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vater Seraphim erzählt, nur eines seiner Elternteile sei orthodox gewesen. Das andere katholisch. Das erklärt sicher seine Herzlichkeit, denn Nicht-Orthodoxe sind nicht überall auf dem Athos wohlgelitten. Die drei Österreicher, &#8211; Wolfgang, Michael und Georg -, haben beispielsweise schlechte Erfahrungen gemacht. Die Reaktionen darauf, dass sie sich als Katholiken zu erkennen gaben, seien mitunter feindselig gewesen. Besonders bei den Bulgaren. Die sind vermutlich weniger Andersgläubigen begegnet als die Griechen oder die Russen. „Ortodoxie oder der Tod“ steht immer noch auf mancher Häuserwand am Athos. Katholiken gelten als Häretiker. Den vierten Kreuzzug im Jahre 1204, als Kreuzfahrer von Roms Gnaden Konstantinopel ausplünderten, will man ihnen nicht verzeihen, trotz päpstlicher Entschuldigung im Jahre 2001. Manches ist unabänderlich auf dem Athos.</p>
<h2 style="text-align: justify;"><span style="color: #000000;">Boom in Osteuropa</span></h2>
<p style="text-align: justify;">Anderes dagegen wandelt sich rapide. Nicht nur die Zahl der Pilger aus Osteuropa ist sprunghaft angestiegen, sondern auch die Zahl der Mönche aus den Ländern, die früher abgeriegelt hinter dem Eisernen Vorhang lagen. Von der Fähre aus war gut zu sehen, wie massiv das russische Kloster Panteleímonos erweitert wird. Gerüchte besagen, Moskau habe hier Elitesoldaten eingeschmuggelt. Die Hälfte der angeblichen Mönche seien militärische Spezialkräfte. Auch eine U-Boot-Anlegestelle unterhalb des Meeresspiegels soll es geben. Schon zu Zeiten des Kalten Krieges wurde über KGB-Agenten auf dem Athos spekuliert. Das mögen alles Verschwörungstheorien seien, aber der junge Russe, der in unserer Skite als eine Art Hausmeister herumwerkelt, ist sicher kein Mönchsanwärter. Er haust in einer primitiven Lehmhütte am Rande der Skite. „Könnte ein russischer Krimineller sein“, meint Wolfgang, „der sich hier dem Gefängnis entzieht!“</p>
<p style="text-align: justify;">Wolfgang kennt sich aus auf dem Athos. Er war bereits fünf Mal hier. Am Anfang stand eine Tragödie. Wolfgangs Schwiegervater hatte seinem Sohn zur Matura, dem österreichischen Abitur, versprochen gemeinsam auf den Athos zu reisen. Daraus wurde aber nichts, da der Vater zu beschäftigt war. Dann kam der Sohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben und der Vater machte sich schwere Vorwürfe, das Versprechen nie eingelöst zu haben. Er pilgerte allein auf den Athos. Und tut das seither regelmässig. Irgendwann nahm er den Schwiegersohn mit. Wolfgang. Und der ist dem Athos seither ebenfalls verfallen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vater Seraphim tätschelt mir die Schulter. Er deutet auf meine Leica und will wissen, was sie gekostet hat. Er lässt sich sogar fotographieren. Mit einer Einschränkung: „No Facebook! No Facebook!“ So diesseitig wie der Abt der Skite Kafsokalivion sind nicht alle Mönche auf dem Athos.</p>
<p style="text-align: justify;">Die kompromisslose Hingabe an die mönchischen Ideale macht nicht nur die Faszination aus, die der Athos auf seine Besucher ausübt. Sie hat vermutlich auch das Überleben dieses einzigartigen Ortes gesichert. Im 7. Jahrhundert haben die ersten Mönche im Schatten des Athos gesiedelt. Im Jahre 963 wurde dann das erste Kloster gegründet. Bis heute ist Megístis Lávras die Nummer eins in der Rangfolge der Athos-Klöster. Es werden nie mehr als 20 sein. So will es die Verfassung des Athos von 972. Sie gilt unverändert seit über tausend Jahren. Die Legende will es, dass die Jungfrau Maria im Jahre 49 nach der Geburt ihres Sohnes auf den Athos kam. Sie soll mit dem Schiff unterwegs gewesen sein nach Zypern.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Alle weiblichen Lebewesen wurden verbannt &#8211; bis auf Katzen</h2>
<p style="text-align: justify;">Auf der Halbinsel musste sie notankern, nachdem sie von einem Unwetter überrascht worden war. Von der Schönheit des Athos überwältigt, ließ sie sich die Halbinsel dann vom Auferstandenen schenken als ihren Garten. Diese Legende musste 1045 dafür herhalten, dass alle anderen weiblichen Wesen vom Athos verbannt wurden. Auch weibliche Tiere (Katzen gelten als Ausnahme). Historiker mutmaßen jedoch, dass der Frauenbann eine Konsequenz daraus war, dass die Belästigung der Töchtern von Bauern und Schäfern durch die Mönche überhand nahm. Heute leben noch rund zweitausend Mönche nach strikten Regeln auf dem teilautonomen Heiligen Berg. Sie haben der Nachwelt einen Ausschnitt des alten Byzanz erhalten.</p>
<p style="text-align: justify;">Clyde und Edward kommen seit einem Vierteljahrhundert regelmäßig auf den Athos. Edward, der in der Schweiz lebt, seit den späten 80ern. Er ist sogar zur orthodoxen Kirche konvertiert. Clyde ist Anglikaner geblieben. Er lebt auf den Orkney Inseln. Die beiden Herren in ihren beigefarbenen Safarihemden dürften die 70 längst überschritten haben. Wir lernen uns beim Warten auf die Fähre in Daphni kennen. Beide zieht es immer wieder hierher: Wegen der Natur einerseits und wegen der Andersartigkeit. „Hier gibt es keinen Materialismus“, sagt Edward. Auch für den Mönch auf Zeit &#8211; in unserem Fall auf Kurzzeit &#8211; werden materielle Dinge sehr schnell bedeutungslos.</p>
<p style="text-align: justify;">„Ein einziger echter Freund ist so viel mehr wert als alle Reichtümer“, meint Edward. Er hat lange in St. Gallen an der Internationalen Schule unterrichtet. Später betrieb er dann eine eigene Sprachenschule. In St. Gallen hatte er bereits im Chor einer othodoxen Gemeinde mitgesungen. Dann kam die Konversion. Den Schritt ist er aus Frustration über den Traditionsverlust in anderen Kirchen gegangen. Zum wiederholten Male höre ich auf dieser Reise, dass den meisten Konfessionen das Mystische des Glaubens, das im Herzen Empfundene abhanden gekommen ist.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich frage Edward, was es wohl mit den Mönchen macht, wenn jeder Tag exakt gleich abläuft und so die Zeit stillzustehen scheint. Schon die Frage ist ihm viel zu wissenschaftlich. Zu kopfig. Glauben habe vor allem mit Gefühl, mit Instinkt, mit Intuition zu tun. Beim Anblick überwältigend schöner Natur, wie hier auf dem Athos, beim Hören ergreifender Musik, wie die Choräle der Mönche, beim Lesen eines Gedichts könne man spüren, dass es andere Ebenen gibt, als die oberflächlich-materielle. Dass darunter etwas anderes, unendlich Tieferes existiert.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wichtige Rituale</h2>
<p style="text-align: justify;">Und das schon von Anbeginn an, seit Urzeiten. Und weil die gefühlte Ahnung davon ebenso alt ist, seien Traditionen und überlieferte Rituale so wichtig. Edward hat sie in der orthodoxen Kirche und insbesondere auf dem Athos gefunden. Die modernen Kirchen seien verkopft, schnaubt er. Sie müssten zwanghaft andauernd ihren Glauben erklären und somit rechtfertigen, als würden sie gegen ihre eigenen Zweifel anargumentieren. Sie singen Popsongs in dem Wahn, dadurch zeitgemäss zu sein. Mit diesem Anbiedern an den Zeitgeist hätten sie ihre Seele verloren. Bei der katholischen Kirche habe es damit begonnen, dass der lateinische Ritus abgeschafft wurde.</p>
<p style="text-align: justify;">Clyde hält sich bei diesem Thema lieber zurück. Obwohl er die Athos-Faszination voll und ganz teilt, ist er den radikalen Schritt der Konversion anders als sein Reisegefährte nicht gegangen. Doch seine Lebensentscheidungen muten nicht minder radikal an. Clyde schreibt Musik und sagt, in Glasgow etwa könne er das nicht. Er bräuchte Natur und Entlegenheit. Schon als junger Mann habe es ihn in die Wildnis gezogen. Einmal hatte er die idealen Arbeitsbedingungen gefunden: Auf einer fast unbewohnten Insel in der Nähe der Orkneys. Nach dieser eremitischen Episode zog er dann auf die Hauptinsel von Orkney, kaufte dort eine Cottage und etwas Land. Von seinem Haus aus kann er auf das Meer gucken. Clyde versucht, das karge Eiland wieder aufzuforsten. Er pflanzt einen Wald an. Auf seinem Land steht ein Windrad, das ihn mit Elektrizität versorgt. Hier komponiert er und lebt wie ein athonitischer Mönch.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn er nicht gerade mit seinem Freund, dem pensionierten Sprachenlehrer aus der Schweiz, auf spiritueller Reise ist. In Nepal waren sie, in Laddakh, und haben in buddhistischen Klöstern übernachtet. Zwei weitere Pilger also, die auf dem Athos Ruhe, uralte, unverfälschte Traditionen und Zeitlosigkeit suchen vor der Kulisse ergreifend schöner Natur. Gemeinsam fahren wir auf der Fähre zurück in die materialistische Konsumwelt, aus der wir kamen. Mit etwas Hoffnung im Gepäck, dass sich der Geist von Athos nicht allzu schnell wieder verflüchtigen möge.</p>
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		<title>Die Büßer der Semana Santa</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Jun 2015 20:42:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Spanien]]></category>
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		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu Ostern ziehen überall in Andalusien Kapuzenmänner in langen Prozession durch die Straßen: Sie wollen für ihre Sünden büßen, aus Scham über ihre Taten ihre Identität aufgeben. Die Heilige Woche, Semana Santa, ist ihre Zeit.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-buesser-der-semana-santa/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Zu Ostern ziehen überall in Andalusien Kapuzenmänner in langen Prozessionen durch die Straßen: Sie wollen für ihre Sünden büßen, aus Scham über ihre Taten ihre Identität aufgeben. Die Heilige Woche, Semana Santa, ist ihre Zeit.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Ein sanftes Schaudern überkommt mich jedes Mal, wenn mir die Kapuzenmänner der Semana Santa auf einer der uralten Gassen Andalusiens begegnen. Während der Karwoche trifft man überall in den Dörfern und Städten des spanischen Südens auf sie. Nirgends sonst habe ich je ein derart finsteres und ernsthaftes Ritual des Büßens erlebt. In den Nächten vor Ostern entfaltet der Begriff <em>todernst </em>seine volle Bedeutung.</p>
<p style="text-align: justify;">Hier geht es um ewige Verdammnis. Selbstverschuldete Verdammnis. Und um den verzweifelten Versuch, in einem Ritual das Unabwendbare doch noch zu verhindern. Barfuß und vermummt prozessieren die Bußfertigen durch ihre Ortschaften. ‚Seht her, wir bereuen’, wollen die <em>Nazarenos</em> und <em>Penitentes</em> sagen. Schweigend zum Ausdruck bringen. Ihre Sühne kennt keine Worte. Und keine Lieder. Nur schamvolles Schweigen. Buße tun ist keine heitere Angelegenheit.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Prozessionen der Semana Santa sind so effektvoll, weil sie so unheimlich, geheimnisvoll, bedrohlich wirken. Das macht sie so anziehend. Besonders die nächtlichen Umzüge. Das schummrige Licht. Das verwirrende Gassengeflecht der uralten Ansiedelungen. Die Menschenmassen, die den Ritus mit Leben füllen. Und natürlich die Masken. Sich maskieren, das eigene Antlitz verhüllen: Da will jemand unerkannt bleiben. Üblicherweise weil er Böses im Schilde führt. Und dafür nicht belangt werden will. In der Semana Santa geht es aber um das genaue Gegenteil. Darum, aus Scham seine Individualität aufzugeben. Sich einzureihen in die Legion der namenlosen Sünder. Buße tun heißt, sich selbst preis zu geben.</p>
<h2 style="text-align: justify;"> Ästhetik erinnert an Ku Klux Klan</h2>
<p style="text-align: justify;">Natürlich denken die meisten Semana Santa Besucher an den Ku Klux Klan. Der rassistische Geheimbund aus den amerikanischen Südstaaten hatte sich die Spitzhauben-Ästhetik bei den Karfreitags-Büßern abgeguckt. Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, denn zum protestantisch geprägten KKK gehört auch ein militanter Anti-Katholizismus. Der Klan wurde Weihnachten 1865 gegründet, gut drei Jahrhunderte nachdem sich die Karwochen-Prozessionen etabliert hatten.</p>
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<p style="text-align: justify;">Die blütenweißen Kapuzengewänder symbolisierten den Klansmitgliedern ursprünglich die Geister gefallener Konföderierten-Soldaten. Sehr schnell hatten sie dann verstanden, wie effektvoll sich in den Spitzhauben-Gewändern vor brennenden Kreuzen Angst und Schrecken verbreiten ließ. Um Macht auszuüben. Den spanischen Prozessions-Teilnehmern liegt das fern. Angst und Schrecken verströmt hier allein die Ahnung, welche Konsequenzen das eigene Handeln haben könnte. Buße tun heißt, sich reumütig auf die eigenen Verfehlungen zu konzentrieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Bruderschaften jedoch, die die Karwochen-Umzüge veranstalten, haben durchaus auch etwas geheimbündlerisches. Eingeweihte können an den Farben und Wappen der Büßergewänder ablesen, welcher <em>Hermandad</em> oder <em>Cofradía</em> sie angehören. Jede Bruderschaft ist einem eigenen Gotteshaus zugehörig, von dem aus sich die jeweilige Prozession in Bewegung setzt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Geleitschutz für den Paso</h2>
<p style="text-align: justify;">Allein in Sevilla gibt es über fünfzig. In den größeren Städten bilden die Vermummten oft nur eine Art Geleitschutz für die eigentliche Preziose ihrer Bruderschaft: Den Paso. Pasos sind gewaltige Tische, auf denen lebensgroß das Personal der Passionsgeschichte auftritt. Vor allem der Gekreuzigte und die in Andalusien besonders verehrte Jungfrau Maria. Aber auch Judas, Maria Magdalena, Johannes der Täufer.</p>
<p style="text-align: justify;">Die lebensechte Figuren sind aus Holz, handgeschnitzt, bemalt und, vor allem bei der Gottesmutter, in prunkvolle Gewänder gehüllt. Etwa mit goldenem Faden bestickte Samtumhänge. Jesu Gewand, um das die römischen Söldner gewürfelt haben sollen, ist natürlich aus echtem Stoff. Das Rot seines Blutes wird zu Saisonbeginn aufgefrischt. Damit die optische Wirkung von Christi Leid nicht verwittert.</p>
<p style="text-align: justify;">Die opulenten Blumengestecke, Explosionen der Farbigkeit auf dem knarzigen alten Holz, hauchen den Episoden aus der Leidensgeschichte zusätzliches Leben ein. Manche der gewaltigen Holztische sind mit Laternen ausgestattet. Viele Prozessionen ziehen sich bis in die Morgenstunden, während der <em>Madrugá</em>, der Nacht vom Gründonnerstag auf den Karfreitag.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Mühsal der Costaleros</h2>
<p style="text-align: justify;">Das schummrige Licht der Paso-Laternen leuchtet die Szenen aus wie expressionistische Stummfilmklassiker. Ergriffenheit und Berührtheit, mit denen sich die Andalusier jedes Jahr aufs Neue in den Anblick der Pasos vertiefen, sind verblüffend. Und ansteckend: Auch ich kann den Blick kaum abwenden von der lebensechten Darstellung des Passionsgeschehens. Die hölzernen Tableaus zu betrachten, strengt die Augen an. Eine Bildmeditation, bei der sich der Blick irgendwann nach innen richtet. Buße tun heißt, ein Stück weit in die eigene Seele zu blicken.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch das ist gar nichts im Vergleich zur Mühsal der Träger. Die Pasos sind ungeheuer schwer. Oft braucht es ein Dutzend Männer oder mehr um sie anzuheben. Und dann durch die Gassen zu tragen. Stundenlang. Es ist eine besondere Ehre, einen Paso tragen zu dürfen. Und eine Mühsal, ein ritueller Akt der Reinigung.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Costaleros</em> heißen die Träger der tonnenschweren Holzgestelle. Nach <em>el Costal</em>. Das ist eine Art Kopftuch. Es lindert die Mühsal, wenn die <em>Costaleros </em>beim Tragen ihre Schultern mit dem Kopf entlaste. Während <em>Nazarenos</em> und <em>Penitentes</em> durch kleine Sehschlitze blicken, laufen die Träger der Pasos blind durch die Gassen. Sie verschwinden hinter einem schweren Vorhang, der rund um den Motivtisch läuft und den Anschein erweckt, der Paso würde schweben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Auf der Grenze zwischen den Kulturen</h2>
<p style="text-align: justify;">Durch Klopfzeichen erfahren die <em>Costaleros</em>, dass sie die Richtung wechseln müssen. Schon den Paso durch schmale Kirchentüren ins Freie zu bugsieren ist ein kompliziertes Manöver. Und zur richtigen Herausforderung wird es, sobald der gewaltige Figurentisch eine steile Treppe hinuntergetragen werden muss. Alle Verantwortung lastet auf den Schultern der <em>Costaleros</em>, denn nichts wird bei den Semana Santa – Prozessionen so ehrfürchtig, ergriffen und aufmerksam betrachtet wie die oft jahrhundertealten Pasos. Buße tun heißt, sich ganz dem hinzugeben, der die Sünden der Welt auf sich nahm.</p>
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<p style="text-align: justify;">Vejer der la Frontera gehört zu den sogenannten ‚pueblos blancos’, den weißen Dörfern Andalusiens. Wie eine Trutzburg thront der Ort auf einem Tafelberg. Von Vejer aus kann man über die Meerenge von Gibraltar hinweg nach Afrika schauen.</p>
<p style="text-align: justify;">Viele Orte in Andalusien tragen den Beinahmen ‚de la Frontera’. Sie lagen einst an der Kulturgrenze zwischen muslimischer und christlicher Welt. Vejer stammt aus der Maurenzeit. Und das sieht man. Das wabenartige Stadtgebilde mit den weißgetünchten Wänden könnte auch irgendwo in Nordafrika stehen, in Marokko oder Tunesien. Wenn die Sonne auf Vejer hinunterbrennt, dann muss man die Augen zukneifen: So sehr blendet das Licht, das die Wände des ‚pueblo blanco’ zurückwerfen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Nur ein Hauch liegt zwischen Verzweiflung und Lebensfreude</h2>
<p style="text-align: justify;">Doch seine eigentliche Magie entfaltet Vejer erst bei Nacht. Vor allem wenn sich die Büßerprozessionen im Dickicht der Gassen verlieren. Eng sind die gepflasterten Sträßchen, steinern, baum- und strauchlos. Und sie entziehen sich dem Blick, indem sie immer wieder nach wenigen Metern abknicken, abrupt die Richtung ändern, sich im Gewirr mit immer weiteren Sträßchen und Durchgängen verlieren.</p>
<p style="text-align: justify;">So stelle ich mir die Gassen Jerusalems zu Lebzeiten Jesu vor. Die Wege durch die alten Dörfer und Städte Andalusiens sind atmosphärisch ganz nah dran am Schauplatz der Passionsgeschichte. Sie scheinen alle nach Golgatha zu führen. Schaurig können sie sein, eine seltsame Verzweiflung tief aus dem Inneren des Büßers heraus erwecken. So wie an jenem finsteren Tag, als der Mensch seinen Erlöser ans Kreuz schlug. Buße tun heißt, die Erinnerung daran zu bewahren, wie fern der Mensch seinem Gott sein kann.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Semana Santa – Spektakel hat aber auch etwas ganz Diesseitiges, Weltliches. Trauer und Verzweiflung liegen ganz nahe bei Genuss und Lebensfreude. In Sevilla etwa stehen die Menschen gerade noch ergriffen entlang der Prozessionsroute. Um kurz darauf in der nächsten Bodega mit einem Sherry in der Hand über das Spektakel zu fachsimpeln. Die Kinder sind ohnehin bestochen. Wie im Karneval regnet es Naschkram entlang der Prozessionen. „Un Caramelo, un Caramelo“, betteln sie. Und tragen ein kleines Körbchen am Arm. Für ihre Beute. Buße tun heißt durchaus auch, sich die Mühsal zu versüßen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sevilla ist die Hauptstadt der Semana Santa</h2>
<p style="text-align: justify;">Sevilla ist die Hauptstadt der Semana Santa. Nirgends gibt es mehr Bruderschaften, Prozessionen, Pasos, Besucher und Spektakel. Während der Karwoche herrscht Ausnahmezustand in Sevilla. Es ist Gründonnerstag. Ich bin zeitig in die Stadt gekommen und stehe am Eingang einer der zahllosen Kirchen der Stadt. Allmählich trudeln die Prozessionsteilnehmer der Gemeinde ein. Ihre Zipfelhüte tragen sie noch unterm Arm.</p>
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<p style="text-align: justify;">Die Büßerkutte muss noch ein wenig zurechtgezupft werden. Noch tragen die Ankommenden Schuhe. Am Kircheneingang ist eine Art Türsteher postiert. Er gewährt nur denen Zutritt, die dazu gehören. Zuschauer sind nicht erwünscht, wenn letzte Hand am Paso angelegt wird. Bei der Aufstellung.</p>
<p style="text-align: justify;">In Sevilla ist mir ein anderer Aspekt der Karwochenumzüge klargeworden. Der Wettbewerb zwischen den Beteiligten. Jede Kirchengemeinde der Stadt ist dabei. Schickt ihre vermummte Abordnung los auf die Prozessionsroute, die immer die Kathedrale der Stadt zum Ziel hat.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Sänger in Schwarz</h2>
<p style="text-align: justify;">Wer hat seinen Paso am eindrucksvollsten ausgestattet? Welche Bruderschaft lockt die meisten Sänger auf die Balkone entlang der Umzugsroute? Deren Flamenco-ähnlicher Klagegesang liefert, außer bei den Schweigeprozessionen, den Klangteppich für die Umzüge. Wenn die Balkonsänger ins Freie treten, stehen die Prozessionen still und verstummen ihre Teilnehmer.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Sänger tragen Schwarz. Die Sängerinnen zusätzlich einen Schleier. Mit ihrem Klagegesang treten sie in unmittelbaren Kontakt mit dem Personal der Passionsgeschichte. Die tieftraurigen Melodien bilden eine Art Zeitbrücke zurück zum Karfreitagsgeschehen. Für die Dauer der kurzen Gesangseinlagen scheinen die Zuschauer zu entschwinden. Für einen kurzen Moment scheint das Universum nur aus Sänger und Besungenem zu bestehen.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Saetas</em>, zu deutsch ‚Pfeile’, heißen diese gesungenen Stoßgebete. Und wie beim Flamenco durchbrechen die Zuhörer ihr andächtiges Zuhören schon mal durch ein anstachelndes <em>Ay!</em> Wenn der akustische Pfeil von der Sehne ist, kann durchaus noch ein <em>Olé!</em> folgen. Dann zieht die Prozession weiter. Buße tun heißt, die eigene Fehlbarkeit als Teil des unabänderlichen Laufs der Dinge zu akzeptieren.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Im Schulterschluss zu Zwang und Konformität</h2>
<p style="text-align: justify;">Was mich dann aber immer wieder aus Melancholie und Versenkung herausholt, sind die vielen neuzeitlichen Uniformen. Und die Nerv tötenden Blaskapellen. Vermutlich soll deren Rumstata-Musik Ermüdende bei Marschierlaune halten. Die Spielmannszüge sehen aus wie Militärkapellen. Die <em>Guardia Civil</em> marschiert mit. An ihren Uniformjacken ist immer noch das Liktorenbündel aufgenäht. Jene Äxte im Rutenbündel, die auf Latein <em>Fasces </em>heißen. Daher der Begriff ‚Faschismus’. Liktorenbündel waren Fetische der Macht.</p>
<p style="text-align: justify;">Mir kommt dann in Erinnerung, dass Spanien ja zu meinen Lebzeiten noch eine faschistische Diktatur war. 1975 starb der Diktator. Sein Regime währte noch zwei Jahre länger. Bis zu den ersten freien Wahlen in Spanien. Zu Zeiten des Franquismus wurde der sogenannte <em>nacional catolicismo</em>, ‚Nationalkatholizismus’, gepflegt. Die Kirche hatte sich trefflich mit der weltlichen Macht arrangiert. Talar und Uniform standen Schulter an Schulter. Die Einen beherrschten und kontrollierten die Menschen im Diesseits. Die Anderen behaupteten die Deutungshoheit für den Weg ins Jenseits.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Schulterschluss übten sie den gleichen Zwang zur Konformität aus. Wer hier bequem leben und dort den ewigen Frieden finden wollte, der lehnte sich nicht auf, der passte sich lieber an. Zwischen Uniform hier und Büßergewand dort schwand der Spielraum für Individualität. Während der Semana Santa scheint die Dualität aus weltlicher und geistlicher Macht noch sehr effektvoll am Werk. Buße tun heißt zwar, im Ornament der sündigen Masse aufzugehen. Aber auf Vergebung hoffen darf nur, wer sich zur Eigenverantwortung bekennt.</p>
<p style="text-align: justify;">Solcherlei Gedanken gehen mir durch den Kopf, als ich auf einer namenlosen Gasse in einer andalusischen Kleinstadt stehe. Minutenlang war ich versunken in den Anblick des Gemarterten mit der Dornenkrone, der sein schweres Holzkreuz zur Stätte seines Todes schleppt. Ich frage mich, was es wohl damals mit den Augenzeugen gemacht hat, die ihm am eigentlichen Karfreitag auf der Via Dolorosa begegnet waren.</p>
<p style="text-align: justify;">Ob sie spüren konnten, mit wem sie es da zu tun hatten? Ob sie ahnten, welch kolossale Folgen dieser Opfertod haben würde? Die Obsession des Katholizismus mit der ewigen Schuld, die sich immer nur kurzzeitig und in kleinen Häppchen begleichen lässt, wird nirgends so eindrucksvoll inszeniert, wie während der Semana Santa in Andalusien. Ihre alljährliche Wiederkehr nach immer gleichem Ritual verleiht auch dem, der nicht an Erlösung und Auferstehung glaubt, den Hauch einer Ahnung davon, was Ewigkeit bedeutet.</p>
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