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	<title>Steve Przybilla &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Ruhe jetzt!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 02 Sep 2017 20:52:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Steve Przybilla]]></category>
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					<description><![CDATA[Kein Internet, kein Radio, keine Handys: In West Virginia befindet sich das größte Funkloch der USA. Die staatlich verordnete „stille Zone“ entwickelt sich zu einem Zufluchtsort für alle, die abschalten wollen. Oder müssen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ruhe-jetzt/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Kein Internet, kein Radio, keine Handys: In West Virginia befindet sich das größte Funkloch der USA. Die staatlich verordnete „stille Zone“ entwickelt sich zu einem Zufluchtsort für alle, die abschalten wollen. Oder müssen. </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Irgendwo im Wald, auf der State Route 28, endet die Zivilisation. Das Handy-Display blinkt warnend auf, weil kein Netz mehr verfügbar ist. Im Radio nur noch Rauschen. Im Tal thront eine mächtige Ranch: zwei Korbsessel auf der Veranda, daneben die Hollywoodschaukel. Auf Rasenmähern, die so groß wie Traktoren sind, sitzen Männer im Rentenalter. Sie tragen Schirmmützen, Holzfällerhemden, Jeans und Turnschuhe. Die Bärte lang, die Haut ledern vom rauen Klima. Hillbillies nennen sie solche Menschen in Amerika. Hinterwäldler. Landeier.</p>
<p style="text-align: justify;">In den Hügeln von West Virginia leben besonders viele Hillbillies. Schon ihre Väter haben versucht, die Natur zu bezwingen. Und vor ihnen ihre Großväter. Die Wälder, die heute so urzeitlich wirken, wurden im 19. Jahrhundert fast komplett abgeholzt. Später kam der Bergbau hinzu, dann die Eisenbahn. Doch die Natur ist stark, sie kämpft sich schnell an die Oberfläche zurück. Wie bei den Autowracks, die am Straßenrand stehen, rostig und überwuchert von Enzian. Bedeckt mit Laub, das im gleichen Gelb schimmert wie der Mittelstreifen des Highways.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Zeit scheint still zu stehen in diesem einsamen Landstrich. West Virginia, einst der Stolz der amerikanischen Kohleindustrie, ist heute einer der ärmsten Bundesstaaten des Landes. Vor allem junge Leute hält hier nichts. Wer es sich leisten kann, geht aufs College. Die anderen suchen sich Jobs an der Ostküste. So droht eine ganze Gegend auszubluten. Straßen bröckeln, Fabriken schließen, Häuser vergammeln. Diejenigen, die bleiben, sind oft frustriert, kochen Crystal Meth oder moonshine (selbst gebrannten Schnaps) in ihren Waldhütten. „Keine Lust mehr, Fünfzigster zu sein?“, fragt ein Wahlplakat am Straßenrand. Eine Anspielung auf West Virginias Rang unter den 50 Bundesstaaten. Im Gras daneben steckt ein Schild mit nur zwei Worten: Vote Trump. Wählt Trump.</p>
<p style="text-align: justify;">Dabei wäre das touristische Potenzial eigentlich riesig. Eigentlich, weil die markanteste Attraktion bislang gar nicht beworben wird. Eine Attraktion, die in der westlichen, von Reizüberflutung geprägten Welt wirklich einmalig ist: Stille. Und das per Gesetz. Die Rede ist von der „National Radio Quiet Zone“, ein staatlich verordnetes Funkloch von der Größe Nordrhein-Westfalens. Wer die Quiet Zone betritt, schaltet das Handy am besten aus. Es funktioniert sowieso nicht. Auch drahtloses Internet ist tabu. Im Radio empfängt man, wenn überhaupt, nur einen einzigen Sender: WVMR, der Sound der Berge.</p>
<p style="text-align: justify;">Verantwortlich für das Funkloch ist das Green Bank Telescope (GBT) im gleichnamigen Örtchen. Es ist das größte bewegliche Teleskop der Welt: 148 Meter hoch, fast doppelt so groß wie die Freiheitsstatue. Zwischen Farmhäusern und Kuhwiesen ragt die Satellitenschüssel in den Himmel. Das GBT ist eine staatliche Einrichtung, die sich mit dem Urknall befasst, mit der Geburt von Sternen, mit schwarzen Löchern, Photonen und der Möglichkeit außerirdischen Lebens. Um ins All zu horchen, braucht das GBT vor allem eines: Ruhe. Funkwellen von Handymasten, Radiosendern oder drahtlosen Netzwerken würden die Messungen empfindlich stören oder ganz unmöglich machen. Daher das Funkloch.</p>
<div id="attachment_6873" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-6873" data-id="6873"  src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-600x400.jpg" alt="Das Teleskop in Green Bank würde durch Funkwellen gestört werden. (Foto: Steve Przybilla)" width="600" height="400" class="size-medium wp-image-6873" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-1200x798.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-400x267.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2.jpg 1700w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /><p id="caption-attachment-6873" class="wp-caption-text">Das Teleskop in Green Bank würde durch Funkwellen gestört werden.<br />(Foto: Steve Przybilla)</p></div>
<p style="text-align: justify;">Die stille Zone existiert schon seit 1958. Als Reiseziel gewinnt sie aber erst seit wenigen Jahren an Bedeutung, weil es immer mehr Menschen gibt, die dem Online-Wahn entfliehen möchten. Endlich mal kein Facebook, kein Whatsapp, kein Snapchat. Und erst recht kein Selfie-Stick. Was für viele wie der blanke Horror klingen mag, war für Diane Schou die Rettung. Die Rentnerin – Brille, Buntfaltenhose, lange graue Haare – zog vor neun Jahren nach Green Bank. „Ich wollte dem Elektrosmog entfliehen“, sagt sie. „In meiner Heimat Iowa hatte ich Kopfschmerzen, Bluthochdruck und Stiche in der Brust. Alles Symptome, die in meinem Alter gefährlich werden können.“ Wie alt sie ist, verrät Schou nicht, wahrscheinlich Mitte 60. Einen Satz wiederholt sie dafür gleich mehrfach: „Ich bin nicht verrückt. Und es gibt immer mehr von uns.“</p>
<div id="attachment_6861" style="width: 431px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-6861" class="size-medium wp-image-6861" src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-421x600.jpg" alt="Diane Schou ist nach Green Bank gezogen, um elektromagnetischer Strahlung zu entfliehen (Foto: Steve Przybilla)" width="421" height="600" data-id="6861" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-421x600.jpg 421w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-768x1093.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-843x1200.jpg 843w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-600x854.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-105x150.jpg 105w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-400x570.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6.jpg 1194w" sizes="(max-width: 421px) 100vw, 421px" /><p id="caption-attachment-6861" class="wp-caption-text">Diane Schou ist nach Green Bank gezogen, um elektromagnetischer Strahlung zu entfliehen (Foto: Steve Przybilla)</p></div>
<p style="text-align: justify;">Uns – gemeint sind Menschen, die unter Elektrosmog leiden. Schou hat für sie eine „Rettungsstation“ (wie sie sagt) aufgebaut: einen Campingplatz am Rande von Green Bank, ausgestattet mit Holzhütten, Grillstelle und Dixi-Klo. Fließendes Wasser gibt es nicht, auch keinen Strom. „Für viele ist die Umstellung erst mal ein Schock“, erzählt Schou. Die meisten „Flüchtlinge“ kämen direkt aus den Metropolen, aus New York, Washington oder Miami. Manchmal sogar aus Europa. Doch es ist nicht einfach, das Zusammentreffen von linksliberalen Smartphone-Junkies und kauzigen Hillbillies. Die meisten „Flüchtlinge“ bleiben nicht lange. Sie gönnen sich eine kurze Auszeit in Green Bank und fahren wieder nach Hause, um ihre E-Mails zu checken.</p>
<p style="text-align: justify;">Diane Schou aber möchte nie wieder weg. „Das ist der einzige Ort, an dem meine Krankheit besser wird“, sagt Schou, während sie verträumt in die Herbstsonne schaut. Sie selbst habe jahrelang in einem Faraday’schen Käfig gelebt, um sich vor elektromagnetischer Strahlung zu schützen. „Manche Leute denken, wir seien verrückt“, meint Schou. „Aber dachte man früher nicht auch, Rauchen sei unbedenklich? Und warum werden bei uns so viele Menschen von der Polizei erschossen? Weil der Stress zunimmt. Immer mehr.“</p>
<p style="text-align: justify;">Im Dorf reagieren die Einwohner gemischt auf die ältere Dame und ihre Besucher. Die einen mögen sie, weil sie frischen Wind in die 150-Seelen-Gemeinde bringen. Die anderen verdrehen genervt die Augen, wenn sie an Begegnungen mit den Neubürgern denken. Weil sie in der Kirche aufstehen und den Pfarrer bitten, das Funk-Mikrofon auszuschalten. Oder den Tankwart beknien, die schädlichen Neonröhren doch endlich mal wegzuwerfen. Und die elektrische Heizung am besten gleich mit. All das verursache schließlich Strahlung.</p>
<p style="text-align: justify;">„Manche von denen sind schon ein wenig durchgeknallt“, sagt Sherry Chestnut. Die 53-Jährige arbeitet bei „Trent’s General Store“, einer Mischung aus Tante-Emma-Laden, Tankstelle und Mini-Baumarkt. In letzter Zeit hat sie viele Besucher kommen und gehen sehen. „Die meisten halten es hier nicht lange aus“, sagt sie. „Die hängen zu sehr an ihren Geräten.“ Und die Einheimischen? „Mich stört das Funkloch überhaupt nicht“, antwortet Chestnut ohne zu zögern.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch ihre junge Kollegin Debbie vermisst nichts. „Ich bin in Washington aufgewachsen und vor fünf Jahren hergekommen“, sagt die 25-Jährige. „Wenn ich mit Freunden rede, sind die erst mal schockiert. Kein WLAN, kein Smartphone – wie soll das denn gehen?“ Ein Facebook-Profil hat sie trotzdem. „Aber das checke ich einmal am Tag – abends, am PC.“</p>
<p style="text-align: justify;">Das Leben in der Quiet Zone verläuft ruhiger, ursprünglicher. Das ist nicht das Amerika, das über geschlechtsneutrale Toiletten und beleuchtete Radwege diskutiert. In diesem Amerika regiert der Pick-up-Truck. Eine Gegend, in der (mit Ausnahme von Schulbussen) erst gar kein öffentlicher Nahverkehr existiert. Eine Gegend, in der man Shoppingmalls und Multiplex-Kinos bestenfalls aus dem Fernsehen kennt. Vor den Kneipen hängen Banner, die Jäger willkommen heißen. In diesem Hinterland, wo der Sheriff eine halbe Stunde zum Einsatzort braucht, besitzt sowieso jeder eine Waffe.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit solchen Mitbürgern wollen es sich die Wissenschaftler am GBT nicht verderben. Jonah Bauserman (37) sitzt in einem mit Technik vollgestopften Geländewagen. Wo sich normalerweise der Beifahrersitz befindet, stapeln sich Radioempfänger, GPS-Peilgeräte und Laptops. Bausermans Aufgabe ist es, illegale Funkquellen in Green Bank aufzuspüren. „Radio Police“ nennen das die Einheimischen scherzhaft, aber nicht zu Unrecht. Denn er weiß genau, in welchem Haus sich ein drahtloser Drucker, ein schnurloses Telefon oder ein Router befindet. Momentan gebe es 100 illegale WLAN-Netze in Green Bank, sagt Bauserman – in einem Ort mit 150 Einwohnern. „Ich melde das meinen Vorgesetzen“, erklärt der Techniker. „Aber das war’s dann auch. Es klopft niemand von uns an die Haustür und ruft: ,Mach mal dein Internet aus.‘“</p>
<div id="attachment_6869" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-6869" class="size-medium wp-image-6869" src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-600x391.jpg" alt="Jonah Bauserman sucht illegale Wlan-Netze (Foto: Steve Przybilla)" width="600" height="391" data-id="6869" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-600x391.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-768x501.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-1200x783.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-150x98.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-1250x815.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-400x261.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3.jpg 1700w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /><p id="caption-attachment-6869" class="wp-caption-text">Jonah Bauserman sucht illegale Wlan-Netze (Foto: Steve Przybilla)</p></div>
<p style="text-align: justify;">Existiert die Quiet Zone also nur auf dem Papier? „Überhaupt nicht“, betont Bauserman. „Rein rechtlich könnten wir den Bezirksstaatsanwalt damit beauftragten, die Netze stillzulegen. Aber ich habe keine Lust, mit einer kugelsicheren Weste durch den Ort zu laufen.“ Ein schmales Lächeln zeichnet sich auf den Lippen des Technikers ab, aber es bleibt offen, wie ernst er den Satz meint. Dann könne er sich auch gleich selbst anzeigen, meint Bauserman. „Ich habe zu Hause eine Nintendo Wii. Und die ist schließlich auch internetfähig.“</p>
<p style="text-align: justify;">Verglichen mit anderen Gegenden ist die Quiet Zone trotzdem eine Insel der Ruhe. Selbst Urlauber müssen sich auf die besonderen Gegebenheiten einstellen. Im „Inn at Snowshoe“, einem Motel für Wintersportler, gibt es kein Internet in den Zimmern – normalerweise ein Reklamationsgrund, hier einfach ein Teil des Lebens. Ganz loslassen können oder wollen die meisten aber dann doch nicht. Im Frühstücksraum sitzen selbst am späten Abend noch Gäste, die Smartphones liebevoll in der Hand. Ihre Hoffnung: Vielleicht reicht das WLAN, das es zumindest an der Rezeption gibt, ja doch ein paar Meter weiter.</p>
<p style="text-align: justify;">Selbst die NSA würde sich an der stillen Zone die Zähne ausbeißen. In der Krimiserie „Person of Interest“ flieht eine ehemalige Regierungsmitarbeiterin nach Green Bank, um der staatlichen Überwachung zu entkommen. Verräterische Handy-Signale, angezapfte Webcams, Fitnessarmbänder mit GPS-Sensor – all das gibt es in der Zone schließlich nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Frage ist nur: Was bringt dem Bundesstaat die kostenlose Werbung im Fernsehen? Lockt sie eine neue Zielgruppe an oder vergrault sie alle anderen? Die Tourismusbehörde hadert noch, wie sie mit dem Ruhe-Potenzial umgehen soll. Was, wenn die Menschen ihr Handy eben doch nicht zur Seite legen wollen, sei es auch nur für einen Tag? Oder das Land überrannt wird von Menschen wie Diane Schou, die am liebsten sogar die Elektroheizung abschalten würden?</p>
<p style="text-align: justify;">Am Nachmittag bricht ein heftiges Unwetter über West Virginia herein. Das Wasser rauscht die Berge hinunter, mehrere Straßen werden überflutet. Nach einem Blitzschlag ist auch noch der Fernseher tot, der letzte Draht zur Außenwelt. Ein Grund zum Verzweifeln? Anderswo vielleicht, aber nicht in der Quiet Zone. Kaum bricht die Dunkelheit an, versammelt sich das gesamte Dorf im „Fiddlehead“, einer Musikkneipe, in der deftige Steaks und noch deftigere Anmachsprüche serviert werden. Nachdem die ersten Biergläser leer sind, versuchen sich die Einheimischen im Karaoke. Der Gesang ist scheußlich, doch das stört an diesem Abend niemanden. Wieso auch? Im Internet wird das Spektakel ja so schnell nicht landen.</p>
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		<title>Highle Welt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Apr 2017 13:11:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
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					<description><![CDATA[Seit im US-Bundesstaat Colorado das Kiffen erlaubt ist, boomt der Cannabis-Tourismus. Besonders beliebt: Organisierte Rundfahrten, inklusive Joint und Bierdose.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/highle-welt/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Seit im US-Bundesstaat Colorado das Kiffen erlaubt ist, boomt der Cannabis-Tourismus. Besonders beliebt: Organisierte Rundfahrten, inklusive Joint und Bierdose.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Fahrt im Cadillac startet mit einem kräftigen Zug – nicht am Bong (das kommt später), sondern an der Schublade mit den Wasserflaschen. „Vergesst nicht, zwischendurch immer etwas zu trinken“, sagt Timothy Vee, ein groß gewachsener Mittvierziger, der früher als Restaurant-Manager gearbeitet hat. Heute betreibt Vee ein anderes Geschäft. Als Inhaber von „Colorado Highlife Tours“ kutschiert er Marihuana-liebende Touristen in einer Luxuslimousine durch Denver. Wobei kutschieren das falsche Wort ist. Vee lässt fahren. Er selbst fläzt sich auf die gepolsterten Ledersitze, dreht die Musik auf und steckt sich den ersten Joint an. Die Kaffeefahrt für Kiffer hat begonnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist eng im Cadillac. Obwohl das Gefährt zwölf Meter lang ist, stoßen die Insassen mit dem Kopf gegen die Decke. Die Mitfahrer – fünf Männer und eine Frau – sitzen sich Knie an Knie gegenüber. Doch das stört an diesem Nachmittag niemanden. Schon fünf Minuten nach der Abfahrt wabert dichter Rauch durch den Innenraum, ein Joint macht die Runde. Im Sektkühler liegt eine Wasserpfeife; die Champagnergläser dienen als Aschenbecher. Durch die Lautsprecher dröhnt Bob Marley. Als der Cadillac durch ein Schlagloch rumpelt, muss der erste Mitfahrer rülpsen. „Dass ihr mir ja nicht ins Auto kotzt“, sagt Tourguide Vee mit gespielt ernster Miene. „Das habe ich schließlich auch nur geliehen. Oder meint ihr etwa, ich könnte mir so eine Karre leisten?“</p>
<h2 style="text-align: justify;">USA öffnen sich für Marihuana</h2>
<p style="text-align: justify;">Noch vor wenigen Jahren wären Ausflüge wie dieser undenkbar gewesen. Eine Kontrolle durch die Polizei, und schon hätten die Teilnehmer nicht nur ihren Joint, sondern auch jede Menge Geld verloren – wenn nicht sogar ihre Freiheit. Doch seit einiger Zeit dreht sich in den USA der Wind, was den Umgang mit Marihuana angeht. Immer mehr Bundesstaaten wenden sich vom Totalverbot ab und erlauben zumindest in kleinen Mengen den privaten Konsum.</p>
<p style="text-align: justify;">Am liberalsten geht es in Colorado zu, wo seit 2012 nicht nur zu medizinischen Zwecken, sondern auch zum privaten Vergnügen gekifft werden darf. Einheimische wie Touristen können sich in offiziellen Abgabestellen, den sogenannten Dispensaries, mit allem eindecken, was das Kifferherz begehrt. Zumindest solange die Menge von 28 Gramm nicht überschritten wird. Der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit, agiert also gewissermaßen als Dealer. Allein 2015 hat die Cannabis-Industrie in Colorado fast eine Milliarde Dollar Umsatz gemacht.</p>
<p style="text-align: justify;">Für viele Amerikaner ist der Bundesstaat daher das gelobte Land. Längst klagen die Nachbarstaaten Nebraska und Oklahoma darüber, dass massenhaft „Gras“ über die innerstaatlichen Grenzen geschmuggelt wird. Bisher ohne Erfolg: Der Oberste Gerichtshof verwarf erst Ende März 2016 eine Beschwerde, die gegen Colorados Marihuana-Gesetz eingereicht worden war.</p>
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<h2 style="text-align: justify;">Die Liebe meines Lebens: der Joint</h2>
<p style="text-align: justify;">Während die Luft im Cadillac immer dicker wird, erzählen sich die Mitfahrer ihre Leidensgeschichten. „Zu Hause kann man höchstens in einer stillen Ecke rauchen“, meint die 21-jährige Stacey, die aus Wisconsin kommt und ihren Nachnamen lieber nicht nennen möchte. Aus „Angst vor Stigmatisierung“, wie sie sagt. Ihr Freund Ken (23) berichtet, er sei in der Highschool das erste Mal high gewesen: „Der Joint wurde die Liebe meines Lebens. Das war ein wahnsinniges Gefühl.“ Michael Rosales, ein 35-jähriger Reisegruppenleiter aus Hawaii, steht zu seinem Drogenkonsum. „Ich kiffe einfach überall: am Strand, an der Bushaltestelle, auf dem Bürgersteig. Und wisst ihr was? Mich hat noch niemand angehalten. Sie können uns schließlich nicht alle verhaften!“</p>
<p style="text-align: justify;">Als die Limousine ihren ersten Stopp einlegt, fällt das Aussteigen schwer. „Ich bin so was von zugedröhnt“, kichert ein junger Mann mit Jamaika-Mütze, der sich selbst Angel nennt. Auch Tourguide Vee spricht nun etwas langsamer, auch wenn er sich Mühe gibt, die Contenance zu wahren. Schließlich waren die Tütchen im Auto nur ein erster Vorgeschmack.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Staat freut sich über Kiffer-Steuer</h2>
<p style="text-align: justify;">Bei „3D“, einer der vielen offiziellen Cannabis-Plantagen in Denver, können die Tourteilnehmer den Entstehungsprozess ihrer Droge beobachten. Ein Anblick wie aus einem Polizeibericht, nur dass er hier legal ist. Hinter dickem Glas sind Hunderte von Pflanzen zu sehen, die unter gelblichem Licht gedeihen. „Unglaublich, wie viel Geld dem Staat früher entgangen ist“, meint Derrick Davis (32), der als Botaniker in der Plantage arbeitet. „Gekifft haben die Leute schon immer, aber jetzt kann das Geld sinnvoll eingesetzt werden.“ Allein im Jahre 2015 hat Colorado rund 135 Millionen Dollar an Marihuana-Steuern eingenommen. Ein Großteil des Geldes fließt in Schulen, aber auch in Kampagnen gegen Drogenmissbrauch – und in Entzugskliniken.</p>
<p style="text-align: justify;">Zurück im Cadillac setzt Timothy Vee seine Brille auf. „Wenn ihr kifft wie ich, ist das Sehvermögen nicht mehr so gut“, sagt der Tourguide und lacht über seinen eigenen Witz. Dann dreht er das Gebläse hoch, um den Kopf wieder freizubekommen. Der eingebaute Disco-Laser und das Bob-Marley-Gedudel sind ihm nun nicht mehr geheuer. Doch ein Joint geht immer. Schnell unterhalten sich wieder alle über ihre Lieblingsprodukte. Die Gespräche drehen sich um Haschkekse, Schmerzlinderung durchs Kiffen und Cannabis-Farmer, die ihre Pflanzen mit verbotenen Pestiziden besprühen. Den Tipp mit den Wasserflaschen beherzigt kaum jemand. Stattdessen zischen die Bierdosen, die in den Kühlfächern der Stretch-Limousine lagern.</p>
<p style="text-align: justify;">In einem Außenbezirk von Denver kommt der Cadillac erneut zum Stehen. Ein Mann mit Krawatte und weißem Hemd öffnet die Tür. Er stellt sich als Chauffeur vor. Für solche Details haben die Fahrgäste freilich keine Augen. Sie wollen lieber die 10.000-Dollar-Bongs sehen, die in der Glasbläserei „Illuzions“ dargeboten werden – alles Anfertigungen lokaler Künstler, wie die Verkäufer betonen. Gleich nebenan liegt „Peak“, eine Abgabestelle, in der am Eingang erst mal die Ausweise kontrolliert werden. Genau wie Alkohol ist Marihuana unter 21 Jahren nämlich tabu, Legalisierung hin oder her.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kiffen als Ventil</h2>
<p style="text-align: justify;">Innen wirkt die Dispensary wie eine Mischung aus Tante-Emma-Laden und Apotheke. Im Regal reihen sich Glasbehälter mit Cannabis-Produkten in allen Formen und Farben; ein unverkennbarer Geruch liegt in der Luft. Hinter der Ladentheke plaudert Eigentümer Justin Hinderson persönlich mit seinen Kunden. „Das Arbeitsleben in den USA ist so hart, da braucht man ab und zu ein Ventil“, sagt er und klagt über bürokratische Hürden, die seine Branche immer noch ausstehen müsse. „Weil Cannabis auf Bundesebene illegal ist, dürfen wir kein Konto eröffnen“, erzählt der Geschäftsmann. Einmal im Jahr müsse er deshalb bis zu 60.000 Dollar an Steuern zum Finanzamt bringen. Und zwar in bar.</p>
<p style="text-align: justify;">Längst toben die Diskussionen darüber, wie weit man die Legalisierung noch treiben darf. In einer Umfrage, die das Gesundheitsministerium von Colorado im Sommer 2015 veröffentlichte, gaben fast 13,6 Prozent aller Befragten an, regelmäßig zu kiffen. Das ist fast doppelt so hoch wie der amerikanische Durchschnittswert, der zuletzt 2013 erhoben wurde. Während religiöse Gruppen und Ärzte eher zur Zurückhaltung mahnen, prescht vor allem die Tourismus-Industrie weiter vor. Hotels bieten Kiffer-freundliche Räume an, in Denver steigt ein jährliches „Highlife-Festival“, und Timothy Vee ist längst nicht der Einzige, der rauchige Rundfahrten anbietet.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Vergessen verboten</h2>
<p style="text-align: justify;">Nach drei Stunden hält die Limousine wieder in der Innenstadt von Denver. „Das ist fast wie Amsterdam“, jauchzt Angel, als er im Zeitlupentempo aussteigt. „Am besten, ihr raucht das Zeug ziemlich schnell auf“, rät Tourguide Vee, denn jenseits von Colorado ist Marihuana nach wie vor verboten. Wobei es für vergessliche Kiffer eine Notlösung gebe. „Am Flughafen stehen Amnestie-Boxen“, erklärt Vee. „Wenn ihr euer Zeug bis dahin immer noch bei euch habt, ist das eure letzte Chance.“</p>
<p style="text-align: justify;">Mit einem Winken schlägt der Profi-Kiffer die Tür des Cadillacs hinter sich zu. Dann ist er so schnell wieder weg, wie er gekommen war. Nur die Abgaswolke hängt noch einige Zeit zwischen den Häusern.</p>
<p style="text-align: justify;"><a href="https://www.startnext.com/unitedstatesoffood"><em>Wer mehr USA-Reportagen von Steve lesen möchte, kann ihn hier bei seiner Crowdfunding-Kampagne unterstützen!</em></a></p>
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