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	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Mon, 27 Jul 2020 08:06:37 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Transsexualität &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Zusammen tanzen, zusammen kämpfen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Jul 2020 08:06:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Georgien]]></category>
		<category><![CDATA[Anja Reiter]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexuell]]></category>
		<category><![CDATA[LGBT]]></category>
		<category><![CDATA[Transsexualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Georgien zählt zu den homophobsten Ländern der Welt. Die Hauptstadt Tbilissi hat sich dennoch zu einem queeren Hotspot im Kaukasus entwickelt. Eine Reise zu den Kampfzonen eines gespaltenen Landes.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/zusammen-tanzen-zusammen-kaempfen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Georgien zählt zu den homophobsten Ländern der Welt. Die Hauptstadt Tbilissi hat sich dennoch zu einem queeren Hotspot im Kaukasus entwickelt. Eine Reise zu den Kampfzonen eines gespaltenen Landes.</strong></p>



<p>Es ist schon weit nach Mitternacht, als für Giorgi Rodionov (29) die Nacht erst beginnt. Fröstelnd steht er in der Schlange vor dem Techno-Club Bassiani im Norden Tbilissis. Um seinen zierlichen Körper schlabbert ein schwarz-weißer Adidas-Hoodie, die Augen sind mit schwarzem Eye-Liner umrandet, die Wimpern getuscht. Rodionov möchte die sogenannten Horoom Nights besuchen, eine monatlich stattfindende LGBT-Party (eine Abkürzung aus dem Englischen für &#8222;lesbisch, schwul, bisexuell und transgender&#8220;) im Bassiani, bei der sich die Szene aus der ganzen Stadt trifft.</p>



<p>Rodionov, homosexueller Künstler und Galerist aus Tbilissi, kramt nach seinem Smartphone. Wie alle hier musste er sich schon Tage im Voraus auf Facebook für die Party registrieren: Die Veranstalter durchleuchten vorab die Online-Profile aller Partybesucher auf homophobe Sprüche oder Mitgliedschaften in rechtsextremen Gruppen. Wer im Internet gegen Schwule und Lesben pöbelt, muss draußen bleiben. Nur wer LGBT-freundlich ist, bekommt ein Ticket.</p>


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                                Giorgi Rodinov wird wegen seiner Homosexualität oft angefeindet. Foto: Anja Reiter
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<p>Rodionov darf durch, der Türsteher klebt vor dem Eintreten aber noch dessen Smartphone-Kamera ab, denn auch Fotos schießen ist in dieser Nacht verboten. So will der Techno-Club ein „Safe Space“ für die LGBT-Community bleiben – ohne gewaltbereite Eindringlinge, die Homosexuelle verprügeln, gegen ihren Willen outen oder bei ihren Familien oder Arbeitgebern anschwärzen.&nbsp;</p>



<h2><strong>Tanzende Nonne, wippende US-Flagge</strong></h2>



<p>Wir passieren den Eingang – und werden sogleich vom Bauch des Baus geschluckt. Der Club, in dem bis zu 1.200 Personen feiern können, ist unter einem riesigen Sportstadion untergebracht; getanzt wird in einem stillgelegten Schwimmbecken. Die Bässe dröhnen in den Ohren, nur langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Rodionov begrüßt ein paar Bekannte, Küsschen links, Küsschen rechts, danach verschwindet er im Dunkeln. In einer Ecke knutschen zwei Männer, es riecht nach Marihuana. Am Rand des Schwimmbeckens tanzt eine Nonne, daneben wippt eine USA-Flagge im Rhythmus der dumpfen Beats. Die meisten hier sind verkleidet, die Party steht im Zeichen von Halloween.&nbsp;</p>



<p>Im Vorraum des Clubs, wo die Bässe nur noch als dumpfer Hall zu hören sind, versammeln sich diejenigen, die sich bei einer Zigarette über das Leben und die Liebe austauschen wollen. Viele hier kommen fast jeden Monat zu den „Horoom Nights“. Als Homosexueller in Georgien habe man es schwer, sagt ein junger Mann in Frauenkleidung. „Besonders auf dem Land heißt es, solche wie ich seien böse, pädophil oder kriminell. Dabei bin ich ja nur ein netter Schwuler.“ Zwei Frauen sitzen neben ihm und halten Händchen. Auf der Straße würden sie sich nicht so offen als Paar zeigen, geben sie zu. „Nur hier können wir sein, wie wir wirklich sind.“ &nbsp;</p>



<h2><strong>Priester hetzen gegen LGBT-Community&nbsp;</strong></h2>



<p>Homosexuelle haben im erzkonservativen Georgien kein leichtes Leben. Laut der internationalen NGO &#8222;World Value Survey&#8220; rangiert Georgien auf Platz drei der homophobsten Länder der Welt; 93 Prozent der Georgier haben etwas dagegen, einen homosexuellen Nachbarn zu haben. Die orthodoxe Kirche genießt großen Einfluss auf Politik und Gesellschaft, fast 85 Prozent der Georgier gehören ihr an. Geistliche inszenieren sich im Fernsehen und auf Facebook als Hüter der nationalen Identität. In sozialen Medien hetzen ultra-orthodoxe Priester ihre Follower gegen sexuelle Minderheiten auf. Aber auch rechtsradikale und nationalistische Gruppen pöbeln im Netz und auf der Straße gegen die LGBT-Community.&nbsp;</p>



<p>Auf dem Papier jedoch gilt Georgien als eines der fortschrittlichsten Länder aus dem ehemals sowjetischen Raum. Die ehemalige Sowjetrepublik ist seit 1991 unabhängig und hat Homosexualität im Jahr 2000 entkriminalisiert. Seit 2006 gibt es gesetzliche Regelungen zum Schutz vor Diskriminierung in der Arbeitswelt, seit 2014 gelten die Anti-Diskriminierungsgesetze für alle Bereiche. Kritiker bemängeln jedoch, dass es in der Praxis eine hohe Anzahl an homo- und transphoben Gewalttaten gibt, die von den Behörden nicht verfolgt werden. „Wir haben die Gesetze, doch homophoben Taten folgen selten Strafen“, sagt der Künstler Rodionov.&nbsp;</p>



<p>Dann zählt er eine ganze Liste an Ereignissen auf, die das wahre Gesicht seiner Heimat zeigen sollen: 2013 ging bei der ersten georgischen &#8222;Pride Parade&#8220;, ein bunter Festzug der LGBT-Szene, ein wütender Mob aus Priestern und Nationalisten brutal gegen einen Bus mit friedlichen Aktivisten vor. Die für Mai 2019 geplante Pride Parade wurde von den Veranstaltern aus Sicherheitsgründen abgesagt; rechtsextreme Gruppen hatten gewarnt, erneut gegen die LGBT-Aktivisten zu pöbeln. Im November 2019 blockierten Rechtsextreme und Priester Kinos in Tbilissi, in denen die Premiere des Films „And then we danced stattfinden sollten“, die Geschichte über die Liebe zweier schwuler Tänzer in Georgien. Der Film sei eine Provokation, hieß es von Nationalisten.</p>



<h2><strong>Die Polizei tut nichts</strong></h2>



<p>Georgien scheint daher ein Land mit zwei Gesichtern: Wie passen die neugewonnen Weltoffenheit nach dem Fall des &#8222;Eisernen Vorhangs&#8220; mit den erzkonservativen Werten der georgischen Landsleute zusammen? </p>



<p>Die Suche nach Antworten führt mich zu der Organisation &#8222;Equality Movement&#8220;, die sich für die Rechte von Trans- und Homosexuellen einsetzt. Fast schon versteckt liegt deren Büro in der Altstadt von Tbilissi. Mehrmals schon habe man den Büroplatz wechseln müssen, weil LGBT-Feinde die Arbeit bedroht hätten, erzählt Aktivist und Mitarbeiter Mikheil Meparishvili. „Die Polizei hat nie etwas gegen die Angriffe unternommen.“ Nach vielen Umzügen sei man nun hier gelandet, in dieser Sackgasse.</p>


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                                Die Altstadt von Tbilissi. Foto: Anja Reiter
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<p>Meparishvili, 31 Jahre alt, weiß, wovon er spricht: Auch er ist homosexuell, auch er hat Zurückweisung erfahren. Seine Familie weiß über seine Sexualität Bescheid, doch seine Mutter möchte seinen Freund nicht kennenlernen. Meparishvili zuckt mit den Achseln. Als Lehrerin sei sie eben einem besonderen Druck ausgesetzt: „Ein schwuler Sohn ist problematisch, wenn man in Georgien im Bildungswesen arbeitet.“ Kollegen und Eltern würden negative Einflüsse auf die Schüler befürchten. Zu Hause versucht er das Thema zu vermeiden, und seinen Freund weitestgehend zu verschweigen.</p>



<h2>Nachbarn werfen Müll herüber</h2>



<p>Dann führt er durch die Räumlichkeiten: ein Vorzimmer mit kostenlosen Verhütungsmitteln, ein kleiner Hintergarten mit Tischtennisplatte. „Seitdem die Nachbarn wissen, wofür wir uns engagieren, werfen sie ihren Müll zu uns hinüber“, sagt er. Im ersten Stock: eine Arztpraxis, ein Anwaltsbüro, ein Raum für eine Sozialarbeiterin. &#8222;Equality Movement&#8220; versucht in allen Lebenslagen zu unterstützen. Juristen beraten bei Diskriminierung im Job oder kämpfen mit Transsexuellen für die Anpassung ihres Geschlechts in offiziellen Dokumenten. Ärzte bieten kostenlose HIV-Tests an, Sozialarbeiter vermitteln bei Familienfehden. </p>



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<p>Noch liege ein weiter Weg vor Georgien, sagt Meparishvili, nicht alle Betroffenen seien so geduldig und pragmatisch wie er. Er erzählt von homo- und transsexuellen Bekannten, denen die Situation in ihrer Heimat über den Kopf wuchs. Sie gingen mit einem Touristen-Visum nach Berlin, New York oder Brüssel oder suchten um Asyl an, um vor den Problemen in der Heimat zu flüchten und sich in einem toleranteren Land ein neues Leben aufzubauen. Für Meparishvili wäre das nichts: „Hier ist meine Heimat, hier habe ich einen Job, hier möchte ich etwas verändern.“</p>



<h2>Verteidigung der Tradition mit Worten und Fäusten</h2>



<p>Fünf Taximinuten von der NGO entfernt, in einem Café neben dem staatlichen Opernhaus, treffe ich einen der Antipoden des neuen Liberalismus: Ermile Nemsadze, 33 Jahre alt und grimmiger Blick. Er ist Mitglied von &#8222;Georgian March&#8220;, einer ultra-nationalistischen Gruppierung, die im Sommer 2017 gegründet wurde. Als Antwort auf die „ultra-linke“ Entwicklung des Landes, wie Nemsadze erklärt. Er und seine Kameraden, vor allem junge georgische Männer, wollen die georgische Tradition und Identität verteidigen – mit Worten und Fäusten.&nbsp;</p>


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                                Ermile Nemsadze findet Homosexualität nicht gut. Foto: Anja Reiter
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<p>Nemsadzes Profilbild auf Facebook zeigt ihn mit Sturmgewehr im militärischen Tarnanzug. Er habe im Irak und gegen Russland gekämpft, sagt er, aktuell sei er arbeitslos. Weil er kein Englisch spricht, hat er zum Interview eine Freundin mitgebracht. Die junge Frau, adrett gekleidet und freundlich lächelnd, übersetzt die aufgebrachten georgischen Antworten ihres Freundes. Homosexualität sei nicht angeboren, sondern anerzogen, wiederholt sie; Nemsadze sei daher auch nicht gegen Homosexualität an sich. „Ich bin nur gegen die Propaganda der Homosexualität.“</p>



<p>Die Vorstellung, Homosexualität sei eine ansteckende Viruserkrankung, hört man oft in Georgien. Es heißt, es seien vor allem Ausländer aus dem Westen oder pro-westliche Gruppen, die die vermeintlich schädliche Propaganda über die gleichgeschlechtliche Liebe in Georgien verbreiten würden. Laut einer Umfrage der &#8222;Women’s Initiative Supporting Group&#8220; stimmt mehr als jeder zweite Georgier der Aussage zu, dass Homosexuelle ihre sexuelle Orientierung allein aufgrund des Einflusses aus dem Westen geändert hätten.</p>



<h2>Gayropa, Fake News und Troll-Fabriken</h2>



<p>Die Männer von &#8222;Georgian March&#8220; wollen das nicht dulden. Sie kämpfen gegen Migration, Homosexuelle und die Annäherung Georgiens an den Westen. Sie tun das auf wechselnden Kanälen – und bilden dafür wechselnde Allianzen: Auf Facebook posieren sie mit dem Patriarchen der Georgischen Orthodoxen Kirche, Ilia II.,  und mit ihren stolzen Müttern. Auf Demonstrationen zünden sie Regenbogen-Flaggen an und marschieren mit geschulterten Kreuzen gegen die LGBT-Aktivisten. Im Netz und auf der Straße gewinnen sie immer mehr junge Leute für ihre Sache.</p>



<p>Vom Westen, oder „Gayropa“, wie Europa in diesen Kreisen genannt wird, hat Nemasadze kein gutes Bild, er spricht von Chaos und Werteverfall. Selbst war er noch nie in einem westeuropäischen Land. Seine Informationen bezieht er hauptsächlich aus dem Fernsehen und von Facebook – so wie die meisten Georgier, wie aktuelle Mediennutzungs-Umfragen zeigen. Doch auf vielen georgischen Kanälen geben Fake News und Troll-Fabriken den Ton an. Ihr Zweck: den Westen zu dämonisieren und den Liberalismus als Quelle für Chaos und Untergang darzustellen.</p>



<h2>Anti- und pro-westliche Propaganda</h2>



<p>„Anti-westliche Propaganda ist eine riesige Bedrohung für Georgien“, sagt Tamar Kintsurashvili, Geschäftsführerin der &#8222;Media Development Foundation&#8220; in Tbilissi. Ihre Stiftung versucht den Verschwörungstheorien ein Gegengewicht zu setzen. In mühseliger und kleinteiliger Recherchearbeit gehen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem kleinen Büro in der Vorstadt von Tbilissi den Ursprüngen der Fake News auf den Grund. Sie recherchieren, wann ein Bild zuerst veröffentlicht worden ist oder was dessen Metadaten über die Geolokation aussagen. Auf der Website „Myth Detector“ widerlegen sie sodann die populärsten Hirngespinste georgischer Websites. </p>


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                                Tamar Kintsurashvili will anti-westliche Fake News entlarven. Foto: Anja Reiter 
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<p>Umstimmen dürfte das die Nationalisten dennoch nicht: Die Stiftung wird von der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit finanziert und gilt ihnen damit als Teil der pro-westlichen Propaganda-Maschine. </p>



<p>Die Schlagzeilen, gegen die Kintsurashvilis Mitarbeiterinnen ankämpfen, richten sich oft gezielt gegen die LGBT-Community: In Griechenland hätten LGBT-Aktivisten randaliert und eine Kirche zerstört. In den Niederlanden würden Kinder homophober Eltern mit Bussen abgeholt und in Erziehungscamps gesteckt. Ausgemachter Blödsinn, auf Facebook jedoch tausendfach gelesen und geteilt.</p>



<p>Das Entschlüsseln von Fake-News sei ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit, sagt Kintsurashvili. Häufig würden sich spektakuläre Falsch-Meldungen viral verbreiten, bevor alle Lügen widerlegt worden sind. Ist die Meldung schon tausendfach geteilt worden, ist nur noch Schadensbegrenzung möglich. Um Georgier für das Thema zu sensibilisieren, veranstaltet die &#8222;Media Development Foundation&#8220; daher auch regelmäßige Workshops für Schüler und ihre Lehrer.</p>



<h2>Zwischen Russland und USA</h2>



<p>Wer sich die abstrusen Anekdoten ausgedacht hat, bleibt oft unklar. In dem oligarchischen und unterfinanzierten Mediensystem könnten einzelne Verleger die Themensetzung gezielt beeinflussen, häufig fehlt Transparenz darüber, wer ein Medienhaus besitzt. Und: Oft gelangen die erfundenen Nachrichten auch von russischen Nachrichtenportalen wie Russia Today oder Sputnik-Georgia.ru in georgische TV-Kanäle oder auf georgische Nachrichtenseiten, beobachtet Kintsurashvili. Einige Experten sprechen dabei sogar von &#8222;hybrider Kriegsführung&#8220;, mit der Russland seinen Einfluss in Georgien aufrechterhalten wolle.</p>



<p>Nach dem Zerfall der Sowjetunion waren die ersten Schritte Georgiens in die Unabhängigkeit im Land von viel Euphorie begleitet worden. Doch schnell bemerkten die Georgier, dass das sowjetisches Erbe sie nachhaltig verfolgte – durch wirtschaftliche, kulturelle und politische Verstrickungen. Die russisch-georgischen Beziehungen sind seither durch viele Aufs und Abs gekennzeichnet. Russlands autokratischer Präsident Wladimir Putin fürchtet den Einfluss der USA im eigenen &#8222;Hinterhof&#8220;, vor allem seit in Georgien mit der sogenannten Rosenrevolution 2003 eine pro-westliche Regierung an die Macht kam. Die Beziehungen eskalierten während des Kaukasuskriegs 2008, als russische Truppen auf georgischem Territorium einmarschierten. Die abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien kontrollieren die Russen heute immer noch militärisch. Viele Georgier haben das dem großen Nachbarn nicht verziehen.&nbsp;</p>



<p>Georgien muss nun einen Mittelweg zwischen Russland und dem Westen finden – bislang mäßig erfolgreich. Regierungspolitiker unterzeichneten Assoziierungsabkommen mit der EU und der Nato, zugleich sind viele Parteien und Wirtschaftstreibende aber vom Wohlwollen aus Moskau abhängig. Damit Georgien der russischen Einflusssphäre nicht entschwindet, setzt Russland auf Destabilisierung und Polarisierung der georgischen Gesellschaft – mit Panzern, Geld und Fake News. Putins Nachricht lautet: Wir haben euch vielleicht mit Panzern attackiert, aber der Westen will eure Seele zerstören.</p>



<h2><strong>„Es fehlt der politische Wille“</strong></h2>



<p>Ein symbolischer Schauplatz für diese Grabenkämpfe zwischen Nationalisten und Liberalen, westlichen und russischen Werten, ist der Platz vor dem Parlamentsgebäude in Tbilissi, ein mächtiger Bau am Rustaweli-Boulevard. Hier finden Demos und Gegendemos statt, hier wird protestiert, gefeiert und marschiert. Im Gebäude empfängt die Parlamentarierin Nino Goguadze von der Regierungspartei &#8222;Georgischer Traum&#8220;, eine energisch-bestimmte Frau. Westlichen Journalisten gegenüber äußert sie sich pro-europäisch: die Lage für sexuelle Minderheiten habe sich seit 2013 drastisch verbessert, betont sie. Dann zählt sie routiniert die vielen liberalen Gesetzesinitiativen ihrer Partei auf. Allerdings reagiert sie ausweichend auf die Frage, warum ihre Regierung LGBT-Demonstrierende nicht vor gewaltbereiten Gegendemonstranten schützen kann.</p>



<p>Das seien nur Lippenbekenntnisse, meint der Oppositionspolitiker Giga Bokeria im Büro nebenan. Die Regierung setze auf Worte, aber nicht auf Taten. Einhaltung der Diskriminierungsgesetze? Verfolgung von LGBT-feindlichen Straftätern? Mehr Transparenz bei den Besitzstrukturen von Medienunternehmen? „Es fehlt der politische Wille“, sagt Bokeria. Er glaubt, dass es den Regierungspolitikern vor allem um bloßen Machterhalt gehe. Durch wechselnde Allianzen versuche man sich alle relevanten Wählerschichten offen zu halten. Im Herbst 2020 wird ein neues Parlament gewählt. Bokerias größte Sorge ist, dass sich die Gesellschaft bis dahin weiter polarisieren könnte. „Hoffentlich bleiben wir von brutalen Ausschreitungen verschont.“</p>



<p>Zurück im Techno-Club Bassiani, es ist 4 Uhr, der Höhepunkt der Nacht: Ein singender Satan windet sich zu seinem eigenen Gesang, siamesische Zwillinge und Drag-Queens räkeln sich zu Popmusik und zeigen viel Haut. Das Schwimmbecken tobt. Die Partynacht wird hier erst am frühen Vormittag zu Ende gehen. Draußen, vor den Toren des Clubs, wird schon der Markt aufgebaut. Alte Mütterchen zerren Hühnerbeine vor ihre Stände, von den Dächern baumeln Tschurtschchela, Walnussstangen mit Traubensaft überzogen. Eine Katze schleicht um die Beine eines bärtigen Priesters.&nbsp;</p>



<p>Bald werden Künstler Giorgi Rodionov und die anderen aus dem Club taumeln. Sie werden den Traum der Nacht verlassen, sich die Augen in der Vormittagssonne reiben und zurückkehren in den Alltag ihrer Heimat. Der Slogan des Bassiani wird sie bis zur nächsten Party begleiten: „We dance together, we fight together.“</p>



<p>_______________________________</p>



<p><strong>Titelfoto (Symbolbild &#8222;Techno-Club&#8220;): Antoine Julien / <a href="https://unsplash.com/@antoinejulien/portfolio">antoine-julien.franceserv.com</a> / unsplash.com</strong></p>



<p><strong>Transparenz-Hinweis:</strong></p>



<p>Die Recherche-Reise nach Tbilissi wurde von der &#8222;Deutschen Gesellschaft e.V.&#8220; und von der US-finanzierten Stiftung &#8222;Media Development Foundation&#8220; organisiert sowie vom deutschen Auswärtigen Amt gefördert.</p>
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		<title>Diorella</title>
		<link>https://www.weltseher.de/ich-bereue-nichts/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 21 Jun 2015 21:31:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Bichsel]]></category>
		<category><![CDATA[Prostitution]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Transsexualität]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Stell dir vor, dein Land leidet unter der schlimmsten Krise seit Jahrzehnten und du bist eine in die Jahre gekommene, transsexuelle Prostituierte. Willkommen in Diorellas Leben. In Griechenland verteilt sie tagsüber Essen an Bedürftige und verkauft nachts ihren Körper. Doch wegen der Wirtschaftskrise geht auch dieses Geschäft schlecht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ich-bereue-nichts/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Stell dir vor, dein Land leidet unter der schlimmsten Krise seit Jahrzehnten und du bist eine in die Jahre gekommene, transsexuelle Prostituierte. Willkommen in Diorellas Leben. In Griechenland verteilt sie tagsüber Essen an Bedürftige und verkauft nachts ihren Körper. Doch wegen der Wirtschaftskrise geht auch dieses Geschäft schlecht.</strong></p>
<p style="text-align: left;">Diorella hockt auf dem Boden, vor sich einen Haufen weißer Plastiktüten. Ihr blondes Haar fällt ihr über die Schultern, emsig füllt sie die einzelnen Tüten mit Lebensmitteln.</p>
<p style="text-align: left;">Jeden Mittwoch sortiert die Griechin Essensspenden, die an bedürftige Menschen aus der Transcommunity verteilt werden. Im Namen der Greek Transgender Association GTGA engagiert sich Diorella für die «am meisten gefährdete Minderheit im Land während der Krise», wie sie selbst sagt.</p>
<p style="text-align: left;">Die 88 Mitglieder der Gruppe bezahlen monatlich einen kleinen Solidaritätsbetrag, um die Miete eines Büros zu bezahlen. Aus diesem Topf kann Diorella auch mal Geld nehmen, um die Säcke in nicht ganz so guten Zeiten aufzufüllen.</p>
<p style="text-align: left;">Neben der Essensverteilung engagiert sich die Sechzigjährige wie ihre anderen Kolleginnen und Kollegen aus der Transcommunity auch auf Demonstrationen oder an Veranstaltungen für eine Verbesserung ihrer rechtlichen Situation.</p>
<p style="text-align: left;">Diorellas Arbeit für die GTGA ist ehrenamtlich. Über die Organisation, die seit 2010 in dieser Form existiert, fand ich den Kontakt zu ihr.</p>
<h2 style="text-align: left;">Grenzschließung verhindert Geschlechtsumwandlung</h2>
<p style="text-align: left;">Diorella wuchs in den Fünfzigerjahren in Athen auf. Mit ungefähr 13 Jahren, sagt sie, realisierte sie ihre weibliche Geschlechtsidentität und führte während ihrer Pubertät eine Beziehung mit einem Mann.</p>
<p style="text-align: left;">Damals organisierte sich Diorella einen Termin beim Gynäkologen Dr. Georges Bouru in Casablanca, einem Pionier der geschlechtsangleichenden Operationen und international bekannt in der Szene. Sie konnte den Termin jedoch nicht wahrnehmen, da die Militärdiktatur in Griechenland die Grenzen abriegelte.</p>
<p style="text-align: left;">Diorella hatte keine andere Wahl, als sich diesem Schicksal zu fügen. Risikolos wäre sie nicht über die Grenze gekommen. Einen neuen Versuch machte sie nicht, ihre Umwandlung wurde daher nie vollzogen.</p>
<p style="text-align: left;">Ich durfte Diorella bei unserem Treffen in ihre Wohnung begleiten. Sie besitzt zwei kleine Wohnungen in Athen. In der einen lebt sie, die andere nutzt sie zum Arbeiten – seit einigen Jahren muss Diorella ihren Lebensunterhalt mit Prostitution finanzieren und sagt dazu nur: «Was soll ich sonst noch arbeiten?»</p>
<p style="text-align: left;">Diese Zweitwohnung vermietet sie an andere Frauen weiter. Durch die wirtschaftliche Krise in Griechenland leidet auch die Prostitution. Ein Kunde, der vorher bis zu zwei Mal die Woche bei ihr war, komme heute nur noch alle zwei Monate.</p>
<p><div id="aesop-gallery-4731-1"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4731" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_07.jpg" data-caption="Zu Hause liest Diorella am liebsten ein Buch oder blättert in einem Magazin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_02.jpg" data-caption="Die Frauen der Greek Transgender Association im Büro in Athen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_03.jpg" data-caption="Auf dem Gemüsemarkt in ihrer Nachbarschaft ist Diorella ein bekanntes  Gesicht." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_04.jpg" data-caption="Das Lieblingsparfüm gibt’s im Chinaladen günstiger." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_06.jpg" data-caption="Diorellas Wohnung lebt von alten Erinnerungen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_07.jpg" data-caption="Zu Hause liest Diorella am liebsten ein Buch oder blättert in einem Magazin." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Martin Bichsel</p></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Ein Leben der Lust</h2>
<p style="text-align: left;">Die Wohnung, in der Diorella wohnt, ist ein Museum der Erinnerung. Überall hängen Bilder von Menschen, Porträts, die meisten schwarz-weiss. In filigranen Goldrahmen zieren Babykleider die Wände, Diorellas Schränke sind vollgehängt mit Kostümen aus ihren jüngeren Jahren.</p>
<p style="text-align: left;">Diorella arbeitete jahrelang als Tänzerin und Entertainerin in diversen Clubs und Cabarets in Athen und auf den griechischen Inseln.</p>
<p style="text-align: left;">Ihr größter Wunsch war es schon als Jugendliche, eine Schauspielschule zu besuchen. Sie schwärmt für die großen Stars der Sechziger Jahre – Marlon Brando, Greta Garbo, Brigitte Bardot. Doch ihre Mutter erlaubte ihr diesen Weg nicht.</p>
<p style="text-align: left;">So erlernte Diorella den Beruf der Dekorateurin und versuchte, sich das Geld für die Schauspielschule selbst zu verdienen. In den Achtzigerjahren lernte sie in Athen eine Frau kennen, die ihr Tanz und Schauspiel näher brachte.</p>
<p style="text-align: left;">Diorella ist eine selbstbewusste Frau, eine Persönlichkeit, die weiß, was sie will. Sie macht keinen Hehl aus ihrer Geschichte und steht zu sich.</p>
<h2 style="text-align: left;">Die Schwester erbte zwei Häuser, sie nichts</h2>
<p style="text-align: left;">Als ich die Griechin freitags auf den Markt begleite, trägt sie einen bunten Kaftan über einer orangefarbenen Hose. Ihre Einkaufstasche ist farblich darauf abgestimmt, ihre Augen sind verdeckt von einer übergroßen Sonnenbrille, ihr Haar ist frisch frisiert.</p>
<p style="text-align: left;">Diorella ist eine auffällige Erscheinung, auch auf dem vollen Markt. Aber genauso freundlich wie sie selbst ist, wird sie auch bedient. Sie lacht mit den Leuten an den Marktständen und erledigt ihre Einkäufe mit Gelassenheit. Man kennt sie hier. Sie kauft immer freitags kurz vor Marktschluss ein, weil Obst und Gemüse dann weniger kosten.</p>
<p style="text-align: left;">Als ihre Mutter starb, vererbte diese zwei Häuser an Diorellas Schwester, sie selbst ging damals leer aus. &#8222;Mir wird nichts geschenkt&#8220;, sagt sie.</p>
<p style="text-align: left;">Und trotzdem sagt sie mit Bestimmtheit, dass sie eine gute Mutter gehabt habe. Auch zur Schwester hat Diorella ein gutes Verhältnis – deren Tochter lebt mit Familie in Athen, der Sohn mit sechs Kindern in Amerika.</p>
<h2 style="text-align: left;">Lebensfroh trotz Polizei-Schikanen</h2>
<p style="text-align: left;">Diorellas Nichte besucht sie regelmässig mit ihren vier Kindern, sie kennen ihre Geschichte. Auch ausserhalb ihrer Familie und der Transcommunity pflegt sie viele Freundschaften mit Leuten, die sie kennt «seit wir Babies sind».</p>
<p style="text-align: left;">Diorella ist eine positive, lebenslustige Frau. Nach der Diktatur in Griechenland gönnte sie sich einige Fernreisen, sie holte den ersehnten Schauspielunterricht nach. Es ist ihr wichtig, liebevoll und sozial gut integriert zu sein.</p>
<p style="text-align: left;">In ihren Erzählungen tauchen aber auch immer wie der Geschichten von Widrigkeiten auf, die nicht nur auf einer wirtschaftlich schwierigen Lage beruhen.</p>
<p style="text-align: left;">Beispielsweise wenn sie davon erzählt, wie sie als Prostituierte manchmal von der Polizei mit Absicht festgehalten und von Freitag bis Montag eingesperrt wurde, um ihr die lukrativen Wochenenden zu vermiesen.</p>
<p style="text-align: left;">Doch auch damit hat Diorella gelernt zu leben, so schnell haut sie nichts um. &#8222;Meine Verrücktheit hält mich am Leben&#8220;, sagt sie und lacht schallend.</p>
<hr />
<p><em>Während acht Jahren hat der Fotograf Martin Bichsel 11 Transmenschen in der Schweiz, Europa, Japan, Sibirien und Nordafrika in deren Alltag fotografiert und die Lebensgeschichten notiert. Das Ergebnis – ein Bild- und Textband – soll Zugang schaffen zu einem Thema, bei welchem zu oft weggeschaut und stigmatisiert wird:<strong> <a href="http://www.amazon.de/Trans-Visit-Lebensgeschichten-Martin-Bichsel/dp/3952411469" target="_blank">zum Buch</a></strong>.</em></p>
<p><a href="http://www.amazon.de/Trans-Visit-Lebensgeschichten-Martin-Bichsel/dp/3952411469" target="_blank">        <div id="aesop-image-component-4728-5"              class="aesop-component aesop-image-component "
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		<title>Trans*visit Japan</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Apr 2015 05:15:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Japan]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Bichsel]]></category>
		<category><![CDATA[Osaka]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Transsexualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Auf der Suche nach den Transmenschen bereist unser Autor Martin Bichsel die Welt. Im japanischen Osaka fand er Rikuto, der sich für einen tabulosen Umgang mit dem Thema Transidentität einsetzt. Dabei hilft ihm eine besondere Eigenheit der japanischen Gesellschaft.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/transvisit-japan/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Auf der Suche nach den Transmenschen bereist unser Autor Martin Bichsel die Welt. Im japanischen Osaka fand er Rikuto, der sich für einen tabulosen Umgang mit dem Thema Transidentität einsetzt. Dabei hilft ihm eine besondere Eigenheit der japanischen Gesellschaft.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Rikuto lebt in Osaka. Vom Stadtzentrum aus dauert die Zugfahrt zu ihm nach Hause eine gute Stunde. Auch wenn man auf dem Weg Reisfelder passiert, ist man hier immer noch in Osaka, einer Stadt, die durch das Zusammenwachsen von Dörfern organisch zu einer Metropole geworden ist. Hier, in einem schmalen, dreistöckigen Einfamilienhaus, wohnt Rikuto. Er ist hier aufgewachsen, es ist sein Elternhaus – mittlerweile jedoch leider ohne Eltern. 2010 starb sein Vater an einem Herzschlag, und seit 2012 seine Mutter an Krebs starb, ist Rikuto Vollwaise.</p>
<p style="text-align: justify;">Sein einziger Bruder lebt mit seiner Frau in Tokio. Alle paar Monate sieht er die beiden, sie kennen Rikutos Lebensgeschichte, ihr Verhältnis ist sehr gut. Meinen ersten Kontakt zu Rikuto hatte ich über Facebook. Durch meine Recherchen in der japanischen Transszene stieß ich auf den Studenten. Rikuto war sofort bereit, mich an seinem Alltag teilhaben zu lassen. Seine einzige Angst waren anfänglich Sprachprobleme; so war bei unserem ersten Treffen ein Übersetzer dabei. Es stellte sich aber rasch heraus, dass Rikutos Sorge unbegründet war. Sein Englisch ist gut, wir unterhielten uns lebhaft.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Merkte es im Jugendalter</h2>
<p style="text-align: justify;">Bereits im Jugendalter spürte Rikuto, dass seine Geschlechtsidentität nicht seinem Körper entsprach. Er informierte sich im Internet und fand auf Foren viele Antworten auf seine offenen Fragen und Menschen mit ähnlichen Geschichten. Mit einigen von ihnen hat er Freundschaften entwickelt und trifft sie ab und zu – sei es für einen persönlichen Austausch oder aber auch, um gemeinsam Veranstaltungen für die Transcommunity zu organisieren. Rikuto ist in verschiedenen Gruppen aktiv.</p>
<p><div id="aesop-gallery-4409-2"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4409" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_01.jpg" data-caption="Rikuto mit Freunden in der Whisky-Bar, in der er viermal pro Woche arbeitet. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_02.jpg" data-caption="Auf dem Weg nach Hause geht Rikuto an einem Reisfeld vorbei." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_03.jpg" data-caption="Beim Mittagessen zuhause. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_05.jpg" data-caption="Rikuto auf dem Weg zur Universität." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_06.jpg" data-caption="Rikuto im Gespräch mit seinen Kommilitoninnen. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/10_Rikuto_08.jpg" data-caption="Rikuto ist Mitorganisator der &quot;LGBT-Jungbürgerfeier&quot;." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Martin Bichsel</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">An einer Privatuniversität in Osaka studiert er Business Administration. Hier gründete der umtriebige Student ein monatliches Treffen für Transmenschen, Homo- und Bisexuelle: die &#8222;Salad Bowl&#8220;. An diesen Abenden kommen mittlerweile gut 20 Menschen zusammen. Sie werden auch an der nächsten &#8222;Kansai Rainbow Parade&#8220; Flyer zur Mitgliederwerbung verteilen. Für diese Parade werden rund 600 Menschen erwartet.</p>
<p style="text-align: justify;">Als ich Rikuto an die Universität begleite, fällt mir auf, wie oft er stehen bleibt und mit Leuten redet, lacht, sich vertraut austauscht. Viele seiner engen Freundinnen und Freunde hat er im Studium kennengelernt. Sie kennen ihn und seine Geschichte. Auch sein bester Freund Motoki, ebenfalls Transmann, studiert hier. Mit ihm würde er gerne bald eine Europareise machen. Rikutos Vater wusste nie, dass er zwei Söhne und nicht eine Tochter und einen Sohn hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Mutter vertraute sich Rikuto zwar an, sie war mit der Nachricht jedoch überfordert. Um mit der hormonellen Angleichung zu beginnen, brauchte Rikuto Gutachten von zwei verschiedenen Psychiatern, die seine männliche Geschlechtsidentität bestätigen. Einer von ihnen überwies den Studenten später an ein Krankenhaus, wo er mit der Hormontherapie begann.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Fürs Amt ist er noch eine Frau</h2>
<p style="text-align: justify;">Rikutos amtliche Namens- und Geschlechtsänderung kann aber erst erfolgen, wenn er sich einer operativen Sterilisation und einer Mastektomie unterzogen hat. Wenn er in zwei Jahren sein Studium abgeschlossen hat, möchte er die beiden Operationen durchführen lassen. Er wünscht sich, danach offiziell als Mann bei einer Firma eingestellt zu werden. Eine berufliche Karriere ist Rikuto dabei nicht wichtig. Er arbeitet bereits jetzt, während des Studiums, vier Mal wöchentlich als Kellner in einer Whiskybar, um sich etwas für seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Jedoch sieht er seine Erfüllung weniger in der Erwerbsarbeit als in seinem Engagement sowohl in eigener Sache als auch für die Community.</p>
<p style="text-align: justify;">Anderen jungen Transmenschen hilft Rikuto als Mitorganisator der &#8222;LGBT-Jungbürgerfeier&#8220; – der Feier zum Erreichen der Volljährigkeit. Normalerweise feiern die Japaner dieses Fest in traditionellen, geschlechterspezifischen Kimonos. An dieser speziellen Feier hingegen darf man sich kleiden, wie man möchte. Obwohl die meisten jungen Erwachsenen innerhalb einer traditionellen Familienstruktur immer noch an der klassischen Feier teilnehmen müssen, ist dieses alternative Angebot ein Lichtblick und ein Ort des Austausches und der Aufklärung.</p>
<p style="text-align: justify;">Zur Aufklärung trägt auch das japanische Fernsehen seinen Teil bei. In einer Gesellschaft, in der Männer problemlos feminin aussehen dürfen, wo die Grenzen zwischen den Geschlechtern sich langsam ästhetisch auflösen, kolportiert auch das Fernsehen entsprechende Bilder. Immer öfter sind Transmenschen Gäste in japanischen Talkshows. Rikuto freut sich darüber: &#8222;Auch das ist Aufklärung und Enttabuisierung&#8220;. Zudem verzichten immer mehr junge Frauen und Männer auf eine geschlechterspezifische Sprache und kommunizieren in einer geschlechtsneutralen Form. So selbstverständlich auch Rikuto.</p>
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<h6 style="text-align: justify;"><em>Während acht Jahren hat der Fotograf Martin Bichsel 11 Transmenschen in der Schweiz, Europa, Japan, Sibirien und Nordafrika in deren Alltag fotografiert und die Lebensgeschichten notiert. Das Ergebnis – ein Bild- und Textband – soll Zugang schaffen zu einem Thema, bei welchem zu oft weggeschaut und stigmatisiert wird:<strong> <a href="http://www.amazon.de/Trans-Visit-Lebensgeschichten-Martin-Bichsel/dp/3952411469" target="_blank">zum Buch</a></strong>.</em></h6>
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