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	<description>Magazin für Reportagen</description>
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	<title>Afrika &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Slum mit Stil</title>
		<link>https://www.weltseher.de/slum-mit-stil/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Mar 2020 16:56:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kenia]]></category>
		<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Nairobi]]></category>
		<category><![CDATA[Tilo Mahn]]></category>
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					<description><![CDATA[In Kenias Hauptstadt Nairobi wohnt ein Drittel der Bevölkerung in Slums.  Eine Million Menschen organisieren ihr Leben zwischen Bretter-Hütten, Rohbauten und Müll. Doch anstatt darüber zu jammern, wollen einige das Beste daraus machen. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/slum-mit-stil/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>In Kenias Hauptstadt Nairobi wohnt ein Drittel der Bevölkerung in Slums. Eine Million Menschen organisieren ihr Leben zwischen Bretter-Hütten, Rohbauten und Müll. Doch anstatt darüber zu jammern, wollen einige das Beste daraus machen. </strong></p>



<p>Mit ausgestrecktem Arm deutet Nicholas Kimeu über Wellblechdächer und ausgewaschene Straßen. »So viele Menschen sind hier aufgewachsen. Und dann leben sie halt einfach hier. Und die nächste Generation führt wieder das gleiche Leben.« Er sitzt auf einem Plastikkanister zwischen Wäscheleinen und wackeligen Regalen. Seine Augen sind leicht zusammengekniffen vor heller Sonne und Staub in der Luft, wenn er erzählt. »So entsteht ein Kreislauf, der immer wieder neu anfängt. Dadurch ändert sich an der Situation hier im Slum aber rein gar nichts.« </p>



<p>Eine Gasse weiter ist er zusammen mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder aufgewachsen. Zu viert in einem Zimmer, auf knapp zehn Quadratmetern, zwischen Holzpritschen, Matratzen, Kanistern und vielen Töpfen. Die Hütte der Eltern haben die Kinder verlassen, als ihre Mutter 2012 starb. Der Bruder wohnt jetzt gegenüber. Von seiner Tür aus kann Nicholas Kimeu auf das Dach des Hauses blicken. Dahinter erscheinen im staubigen Dunst am Horizont die Hochhausfronten der Westlands. Etwas weiter hinten erheben sich die grünen Hügel Nairobis voller moderner Wohnanlagen und »gated communities«, umzäunte Nachbarschaften für wohlhabendere Bewohner.&nbsp;</p>



<h2>Aus dem Slum aufs Cover</h2>



<p>Die Bäume und Wege zum Spazieren dort kennt Nicholas Kimeu nur aus Erzählungen und von Bildern. Er hat die Ellbogen auf den Knien abgestützt, zwischen den Handﬂächen rollt er eine Zeitschrift hin und her. »Hier in Mathare leben wir wie in einem Tal zwischen zu hohen Bergen. Um uns herum ragen die schillernden Gegenden auf. Und wir sitzen hier mittendrin.« Das Titelbild der Zeitschrift in Nicholas Kimeus Händen zeigt eine junge Kenianerin, stark geschminkt in einem orangen Kleid. Das Mädchen, Njoki Muriithi, ist das aktuelle Cover-Model des »Zoom Magazins«. Wie Nicholas Kimeu stammt sie aus Mathare, einem der zahlreichen Slums in Kenias Hauptstadt Nairobi. Die Magazinredaktion hat Njoki Muriithi als Gewinnerin des Monats durch ein Selﬁe von ihr ausgewählt. Für das neue Jugendmagazin mit Themen aus Musik, Mode und Subkultur – über das Leben im Slum.&nbsp;</p>


<div id="aesop-gallery-7165-1"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-7165" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-6.jpg" data-caption="Von Mathare, einem der größten Slums in Nairobi, blickt man über Wellblechdächer hinweg bis zum Horizont mit den Hochhausfronten der Westlands." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-1.jpg" data-caption="In der Bibliothek lesen Freiwillige den Kindern vor. Viele der Bücher stammen aus Spenden." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-2.jpg" data-caption="Nicholas Kimeu vor seiner Holzhütte im Slum – „Empire“, sein eigenes Reich, steht an die Tür gemalt. " alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-3.jpg" data-caption="Michael Maina ist regelmäßig in Mathare unterwegs – als Sozialarbeiter und Projektmanager. Er ist selbst in einem Slum aufgewachsen." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-4.jpg" data-caption="Das Leben in den Slums spielt sich auf der Straße ab. Kleine Geschäfte und Stände bestimmen die Infrastruktur." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-5.jpg" data-caption="Fußball wird überall gespielt und geschaut – die meisten Jugendlichen sind Fans von Vereinen aus der englischen Premier League." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-8.jpg" data-caption="Michael Maina und Nicholas Kimeu kennen sich schon lange. Inzwischen arbeiten sie gemeinsam in Projekten, die den Slum Mathare in einem anderen Licht erscheinen lassen sollen." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-9.jpg" data-caption="Ziegenrippchen garen im Rauch von Grillrosten. Von den Ständen weht ein süßlich brennender Geruch, der in der Nase beißt. Staub auf den Straßen weht wirbelnd durch die Luft." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-10.jpg" data-caption="„Es herrscht hier nicht nur Chaos, wie viele Leute gerne behaupten.“ Hinter dem Gewusel auf der Straße herrscht Struktur und Organisation. " alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-11.jpg" data-caption="Kaufen kann man fast alles am Straßenrand. Einkäufe sind meist verbunden mit einem Gespräch über den Alltag oder Fußball." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-12.jpg" data-caption="Nairobis Slums sind mit Müll überschüttet. Besonders die jüngeren Leute versuchen, dies zu ändern und das Leben im Slum so zu zeigen, wie es tatsächlich ist. " alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-13.jpg" data-caption="An den Häusern hängen tropfende Kleidungsstücke über Wäscheleinen. Viele der wenigen Häuser sind selbst gebaut." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-14.jpg" data-caption="Man kommt überall schnell hin. Und viele Leute hier betreiben ihren eigenen kleinen Handel. Vor allem aber herrscht Leben!" alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-15.jpg" data-caption="Die meisten Menschen hier nehmen große Strapazen für einfachste Dinge wie Wasser, Essen und eine halbwegs ordentliche Bleibe auf sich. Aber sie wissen trotzdem zu schätzen, wenn sie auch andere Anregungen bekommen." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-16.jpg" data-caption="In der MYSA Mathare Library können Kinder und Jugendliche lesen, zuhören und eigene Projekte planen und besprechen." alt=""></a></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Tilo Mahn</p></div>


<p>Nicholas Kimeu hat an der zweiten Ausgabe der Zeitschrift als Fotograf und Autor mitgearbeitet. »Ich habe mich irgendwann gefragt: Warum kommen ständig andere Leute hierher, um dann unsere Geschichten zu erzählen?«, sagt er. »Ich wollte die Gelegenheit nutzen, selbst zu erzählen. Ich wollte den Leuten meine Sicht auf die Kultur Nairobis und in Mathare näherbringen.« Nicholas Kimeu hat lange Zeit über seine Heimat nachgedacht. In Texten, Gedichten, in Filmen und auf Fotos hält er jetzt seine Gedanken, Ideen und Beschreibungen fest. An der Wand neben dem Spiegel hängt das erste Foto, das er gemacht hat: Zwei Kinder blicken hinter einer Ecke hervor in die Kameralinse. Dahinter verliert sich eine Gas se entlang winziger Rinnsale im rötlich lehmigen Bo den vor einem Teppich aus zerdrückten Plastikﬂaschen.&nbsp;</p>



<p>Wohl knapp eine Million von Nairobis geschätzten gut drei Millionen Einwohnern leben in einem der zahlreichen Slums der Stadt. Eingebettet zwischen Häuserblocks und Rohbauten aus Beton erstrecken sich auf riesigen Flächen und in Tälern die Hütten, Gassen und Stände derer, die sich anderen Wohnraum nicht leisten können. Unter ausgeblichenen Sonnenschirmen liegen auf Holztischen Plastikspielzeug und Bananenstauden aus. Ziegenrippchen garen im Rauch von Grillrosten. Kinder laufen Slalom um die Holzstangen der aufgespannten Planen und zwischen den geparkten Mofas. Alltägliches Treiben, wenn man in Mathare unterwegs ist.&nbsp;</p>



<h2>Sport und Bibliothek</h2>



<p>Vor den Füßen von Nicholas Kimeu rollt ein Ball über die Straße. Er kickt ihn in Richtung Straßenrand, hält kurz inne, wartet, was die Kinder machen. »Das hier ist die Wirklichkeit, die gelebte Wirklichkeit.« Als die Kinder dem Ball hinterhersausen, spricht er weiter. »Wir spüren die Trennung, die große Kluft zwischen Arm und Reich jeden Tag. Und der Grund dafür liegt auch in der Politik und im System.« Nicholas Kimeu ist auf dem Weg in die Bibliothek. Fast täglich geht er in die »MYSA Mathare Library«. Freunde hatten ihm vor Jahren beim Fußballspielen davon erzählt, dass sie sich dort regelmäßig treffen. Die Bibliothek ist eines der Projekte der Mathare Youth Sports Association, kurz MYSA. 1987 wurde MYSA als Hilfsorganisation gegründet und gehört mittlerweile zum Leben im Slum dazu – als Anlaufstelle für Beratung, als Ideengeber und als eine Art Kultur- und Sportzentrum. Über Fußball und andere Sportangebote kommen die Mitarbeiter mit Kindern und Jugendlichen auf der Straße und in Schulen in Kontakt. Sie wollen die Jugend stärken, ihnen Anregungen bieten. Das Ziel ist, soziale Kompetenzen und Selbstvertrauen zu vermitteln.&nbsp;</p>



<p>Bei den Treffen zeigen die Teilnehmer ihre Fotos, erzählen von ihren Projekten und Themen. Dann unterhalten sich die Mitarbeiter von MYSA mit den Jugendlichen über Drogen, Kriminalität und Bürgerrechte. Für diese Treffen fährt Michael Maina regelmäßig von seinem Büroplatz bei MYSA in Komarock im Osten Nairobis nach Mathare. Sein Weg führt ihn über die Juja Road, die oberhalb des Slums entlangführt. Als ehemaliger Teilnehmer von MYSA-Projekten kennt er die Bibliothek in Mathare noch aus den Anfängen. Inzwischen gibt es vier davon, verteilt über die Stadt. An der Straßenecke steigt Michael Maina aus einem der bunten Matatus, der typischen Kleinbusse in Nairobi. Zwischen lautem Motorknattern und dem Hupen der vorbeifahrenden Matatus muss er laut sprechen. »Die meisten Menschen hier nehmen große Strapazen für einfachste Dinge wie Wasser, Essen und eine halbwegs ordentliche Bleibe auf sich. Aber sie wissen trotzdem zu schätzen, wenn sie auch andere Anregungen bekommen.«&nbsp;</p>



<p>Mittlerweile ist er Programm-Manager für das Projekt »Shootback«. MYSA verleiht Kameras und andere Technik, damit die Teilnehmer wie Nicholas Kimeu auf eigene Faust ihr Viertel, ihre Freunde und ihre Umgebung fotograﬁeren, filmen und dokumentieren können. Michael Maina ist selbst in einem Slum groß geworden, etwas weiter entfernt vom Stadtzentrum. Mit der Arbeit bei MYSA will er auch gegen das trostlose Bild der Viertel ankämpfen. »Es herrscht hier nicht nur Chaos, wie viele Leute gerne behaupten. Die Straßen sind okay, auch wenn sie eben durch ein Slum führen«, sagt er, hebt seine Stimme noch mal an. »Man kommt überall schnell hin. Und viele Leute hier betreiben ihren eigenen kleinen Handel. Vor allem aber herrscht Leben!« Auf dem Weg durch Mathare bleibt Michael Maina alle paar Meter stehen, begrüßt Jugendliche und Kinder vor ihren Hütten mit Handschlag und Ghettofaust. Ein kurzer Spruch, ein schnelles Lächeln. Hammerschläge und Radiomusik begleiten die Gespräche über Alltag und Fußball. Ein süßlich brennender Geruch beißt in der Nase. Staub auf den Straßen weht wirbelnd durch die Luft.</p>



<h2>Kaum Platz zum Lesen</h2>



<p>Am Ende der Gasse bleibt Michael Maina vor einem dreistöckigen, bunt bemalten Haus stehen. Nicholas Kimeu steht hinter dem Blechzaun, auf dem in Grün gemalt steht: MYSA Mathare Library. Er unterhält sich mit anderen Jugendlichen. Michael Maina tippt ihm auf die Schulter. Ein verwunderter Blick, dann ein herzliches Umarmen. Die beiden bücken sich nacheinander durch den niedrigen Eingang der Bibliothek. </p>



<p>Drinnen hinter der Empfangstheke sitzen Kinder auf dem Boden und blättern in Bilderbüchern. Die Wände sind bunt bemalt mit Bäumen, Wiesen und spielenden Kindern. Im oberen Stockwerk stehen Regale voller Romane, Geschichtsbücher und Biograﬁen auf Englisch und Swahili. Michael Maina streift einige Buchrücken entlang. »Die meisten Hütten hier sind winzig. Zugang zu Bildung gibt es kaum. Das ist daheim nicht vorgesehen, und es gibt auch einfach keinen Rückzugsort zum Lesen«, erzählt er, während er Bücher in die Regale zurückschiebt. »Teilweise leben acht Familienmitglieder auf engstem Raum. Ein Zimmer dient häuﬁg als Wohnzimmer, Kinderzimmer und Schlafzimmer zugleich. Da gibt es einfach nicht genug Platz zum Lesen.«</p>



<p>Draußen vor den Fenster-Gitterstäben dreht sich rumpelnd eine Betonmischmaschine. Einige Schaulustige stehen herum. Ein älterer Mann stochert mit der Schaufel im Bauch der Betonmischmaschine. Dahinter stehen niedrige Mauern. Man erahnt den Grundriss für ein neues Haus. Dahinter hängen tropfende Kleidungsstücke über einer Wäscheleine. Nicholas Kimeu sitzt auf einem Stuhl am Fenster und verfolgt das Geschehen. »Wer weiß, vielleicht verlasse ich eines Tages diesen Ort. Aber vorher will ich hier etwas hinterlassen für die Zukunft. Nur vom bloßen Wunsch, hier wegzukommen, wird sich an diesem Ort nie et was ändern.«&nbsp;</p>



<p>Korruption und Konﬂikte zwischen Nationalitäten und Stammeszugehörigkeiten bestimmen seit Jahren das Leben in Kenia. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Nairobi deutlich sichtbar. Selbst Wohnraum im Umland oder an den Stadtgrenzen ist für viele Einwohner Nairobis kaum bezahlbar. Rund um die Bankentürme und Regierungsgebäude im Stadtzentrum entstehen neue Straßen und weitere Hochhäuser. Häuﬁg, bevor klar ist, wie ein Gebäude genutzt werden soll. Vorhaben, stattdessen Wohnungen in den ärmeren Vierteln zu bauen, sind immer wieder im Sand verlaufen. Nicholas Kimeu engagiert sich inzwischen dafür, in Mathare Bäume zwischen die Hütten zu pﬂanzen und die Straßen vor der Regenzeit besser zu befestigen. In einem seiner Texte schreibt er: »Wenn reiche Leute andere reiche Leute dafür bezahlen, da mit Handlanger dann die Ärmsten verantwortlich machen, ist das wie eine Nahrungskette, an deren Ende wir stehen.«&nbsp;</p>


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                <span>Manchmal erstaunt es die Slumbewohner selbst, zu was einige Leute im Stande sind.</span>
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<p>MYSA will mehr Chancen schaffen, damit Jugendliche in Mathare nicht mehr nur am Ende stehen. Neben Spenden verdient die Organisation inzwischen auch eigenes Geld. Am Hauptsitz in Komarock bieten Mitarbeiter Fitnesskurse und Physiotherapie an. So können Projekte und Personal weiter ﬁnanziert werden. Teilnehmer können zu Mitarbeitern ausgebildet werden. Sie bekommen Punkte, wenn sie bei Fußballturnieren, bei Aufräumaktionen in Mathare oder AIDS-Präventionskursen mitmachen, wachsen lang sam in die Organisation rein. Michael Maina hat selbst diese Erfahrung gemacht. »Weil die Menschen merken, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, versuchen sie inzwischen auch viel mehr, etwas aus sich zu machen.« </p>



<p>Die beiden Freunde sind weitergezogen, um etwas zu essen. Mit einer Schale Kochbananen in der einen Hand und einem Programmheft in der anderen Hand steht Michael Maina im Innenhof eines improvisierten Kulturzentrums. Er unterhält sich mit Nicholas Kimeu über das bevorstehende Filmfest. Einmal im Jahr organisiert MYSA das Mathare Youth Film Festival. Nicholas Kimeu will dort seinen ersten Film vorführen. Michael Maina hofft, mit dem Festival noch mehr Aufmerksamkeit für die Projekte und die Teilnehmer zu bekommen. Er ist überzeugt: »Die meisten Leute, die wirklich etwas erreicht haben, stammen von dieser Seite der Stadt. Sie sind einfach kreativer aufgrund der Umstände, aus denen sie stammen. Manchmal erstaunt es die Slumbewohner selbst, zu was einige Leute im Stande sind.«&nbsp;</p>



<h2>Poesie aus dem Slum</h2>



<p>Michael Maina und die anderen Mitarbeiter gestalten Plakate, suchen weitere freiwillige Helfer. Zwischen den Filmen sollen auch Bands auftreten. Nicholas Kimeu stellt seine Schale zur Seite und räumt Teile einer Bühne aus dem improvisierten Büro vor die Graﬃti-Wand des Innenhofs. »Einige Menschen hier denken, sie sitzen für immer in diesem Loch fest, egal, was kommt. Aber ich sage: Nein!« Er zieht eine Leinwand zum Ausrollen unter dem Schreibtisch hervor, atmet tief. »Ich habe Dinge im Fernsehen gesehen, Bücher gelesen. Und ich habe eine Vorstellung für mich von einem besseren Leben.« Inzwischen hat Nicholas Kimeu so viele Gedichte geschrieben, dass er sie als Band veröffentlichen könnte. Noch sucht er nach einem Verlag, einem Abnehmer. »Das Schreiben über Mathare und mein Leben hat mir sehr geholfen, mit schweren Phasen meines Lebens umzugehen. Trotzdem versuche ich, das Persönliche in meinen Texten so klein wie möglich zu halten.«&nbsp;</p>



<p>Für den Rückweg zu seiner Hütte nimmt Nicholas Kimeu einen Umweg durch die steilen Gassen zwischen den Hütten. Nach dem Aufstieg auf festgetretenem Sandboden und Müllresten öffnet sich der Blick hinter einer Biegung. Auf der Anhöhe hinter einem Mauervorsprung bleibt Nicholas Kimeu stehen. Vor ihm liegt die riesige Fläche aus Brettern, Lehmwänden und Wellblechdächern der Hütten. Er dreht sich um und sagt: »Es geht hier nicht um mich. «</p>
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			</item>
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		<title>Wo die Zeit still steht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Mar 2018 11:38:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Algerien]]></category>
		<category><![CDATA[Algier]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Oliver Rühle]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
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					<description><![CDATA[Wenn man ein Lineal auf eine Mittelmeerkarte legt, kann man fast eine Senkrechte im rechten Winkel von Barcelona nach Algier ziehen, der Hauptstadt Algeriens – des größten Landes Afrikas. Unser Autor hat sich auf die gegenüberliegende Seite begeben und ein unbeweglich wirkendes, starres Land vorgefunden, dessen ambitionierte Jugend die letzte Rettung sein könnte.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wo-die-zeit-still-steht/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Wenn man ein Lineal auf eine Mittelmeerkarte legt, kann man fast eine Senkrechte im rechten Winkel von Barcelona nach Algier ziehen, der Hauptstadt Algeriens – des größten Landes Afrikas. Unser Autor hat sich auf die gegenüberliegende Seite begeben und ein unbeweglich wirkendes, starres Land vorgefunden, dessen ambitionierte Jugend die letzte Rettung sein könnte.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Flugroute zieht gefühlt eine Gerade im rechten Winkel über die auf dem Bordmonitor angezeigte Landkarte. Zwischen Startpunkt und Landedestination klafft ein großer blauer Fleck, wie ein leeres Zentrum – das Mittelmeer. Die Maschine auf dem Weg zur anderen Seite, ans gegenüberliegende Ufer der katalanischen Metropole Barcelona, ist nur eine Stunde in der Luft und fast leer.</p>
<p style="text-align: left;">Nach der wie mit dem Lineal gezogenen Linie durch die Luft, dreht die Boeing 737 nach Westen ab und unter dem linken Flügel breitet sich die nordafrikanische Küste aus: Unerschlossene Strände, halbmondartige Buchten, Steilküstenabschnitte, Schilfinseln zwischen Feldern, Gewächshäusern, vereinzelt Rauch, dann wieder Feld an Feld, unverputzte Häuser, Betonruinen, Hütten, Minarette, erstaunlich viel grüne Farbe. Die Piloten sehen wahrscheinlich schon die weite Bucht von Algier, der Hauptstadt Algeriens, vor sich ausgebreitet. Die Landschaft erscheint mit jeder Sekunde detaillierter und mit jedem Meter Sinkflug wird mir die baldige Ankunft in Afrikas größtem Land bewusster.</p>
<p style="text-align: justify;"><iframe style="border: 0;" src="https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m14!1m12!1m3!1d2876704.6747811274!2d1.2317093876101932!3d38.99277412513215!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!5e1!3m2!1sde!2ses!4v1517151258154" width="100%" height="450" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></p>
<h2 style="text-align: justify;">Ich war voller Stereotype</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenige Minuten später knallt der Stempel in den Pass. &#8222;Passen Sie auf sich auf&#8220;, hatte der Mitarbeiter der algerischen Botschaft in Berlin-Pankow nach der Visa-Vergabe noch gemahnt. Es klang nach einer Mischung aus Drohung und einem Bruchteil Fürsorge. Algerien zeigt sich skeptisch gegenüber jeder Form von Besuch. Nun verschwinden die Schiebetüren rechts und links in der Wand und die Empfangshalle des Flughafens von Algier eröffnet sich.</p>
<p style="text-align: justify;">Insaf steht unübersehbar links vor einer Säule. Sie ist zierlich, trägt offenes, lockiges Haar, das Größte an ihr ist das Lächeln, welches Sie uns unmittelbar entgegenwirft. Insaf winkt mich und meinen Reisegefährten sofort zu sich. Die Begrüßung ist südländisch, französisch, Küsschen rechts, links. Salut und Salam gleichermaßen. Während im Gebäude selbst fast Stille und vor allem kaum Betriebsamkeit herrscht, geschieht draußen davor das ganze Gegenteil und eine enorme Lebendigkeit umzingelt mich sofort, überwältigt mich gewissermaßen. Unmengen von Autos und kleinen Lieferwagen scheinen alle zur gleichen Zeit gestartet zu sein und wollen sich alle durch dasselbe Ausfahrtstor pressen.</p>
<p style="text-align: justify;">Abgase, Zigarettenrauch, eingedellte Taxis sind erste dominante Eindrücke. Insaf hupt energisch, schimpft vergnügt und schiebt sich kompromisslos und vor allem selbstbewusst mit ihrem kleinen Wagen Reifenlänge um Reifenlänge zum Ausgang vor. Ich sitze amüsiert und angenehm verwundert auf dem Beifahrersitz. Die Medizinstudentin Insaf wirkt beachtlich emanzipiert und freiheitlich, vor allem für ihr junges Alter von 23 Jahren. Beachtlich, weil ich andere Stereotype im Kopf hatte, für die ich mich eigentlich schämen muss: Kopftuch, tradiertes Auftreten, eine gewisse Rückständigkeit. Gegenteile zur westlich geprägten Moderne und weitere Vorurteile.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Insaf statt ISIS</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich habe Insaf über Couchsurfing kennengelernt. Ich war auf der Suche nach Einheimischen vor Ort, die uns treffen, mit Empfehlungen helfen und vor allem mit uns offen sprechen würden. Ich wollte ein paar Dinge in Erfahrung bringen, denn ich weiß nicht viel über das abgeschottete, riesengroße Land, welches unter Europäern nicht unbedingt als Tourismusmagnet gilt und in Deutschland jüngst ausschließlich in den Debatten um sogenannte sichere Herkunftsländer eine Erwähnung findet. Oder aber wenn es um ISIS- oder al-Qaida-Ableger in den südlichen Grenzgebieten zu Libyen, Niger und Mali geht, sprich islamistischen Terrorismus. Insaf war die Erste, die mir auf der Couchsurfing-Seite geantwortet hatte. Und seitdem um unser Wohl besorgt war – bis zum Schluss.</p>
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                        style="font-size:2em;color:#e26299;">
                <span>Meine Mutter weiß es, meine Schwester weiß es. Nur mein Vater nicht.</span>
                <cite class="aesop-quote-component-cite">Insaf, 23 Jahre, über ihre Entscheidung kein Kopftuch mehr zu tragen</cite>            </blockquote>

            
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            </p>
<p style="text-align: justify;">Stichwort „Sicheres Herkunftsland“: Kaum ein großer Verkehrsknotenpunkt ohne Polizeikontrolle auf dem Weg in die algerische Hauptstadt. Auch mitten auf den Autobahnen sind Checkpoints des Militärs. Auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum von Algier müssen wir gleich an zwei Sperren anhalten. Ein offenbar gängiges Prozedere, welches alle Beteiligten nüchtern und routiniert über sich ergehen lassen. Die schick Uniformierten stehen bei den Kontrollen entweder auf dem Mittelstreifen oder an der Straßenkreuzung, winken durch oder halten an. Bei Dunkelheit schaltet man besser das Licht im Innenraum des Wagens an und löscht die Scheinwerfer. So können die teilweise mit Maschinenpistolen bewaffneten Männer besser erkennen, wer im Auto sitzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Wir müssen für die Militärs ein sonderbares Bild bieten: Die zarte Insaf mit zwei großgewachsenen, westlich aussehenden Männern in ihrem kleinen Auto. Doch nie werden die Uniformierten unhöflich oder harsch. Im Gegenteil: Die Polizisten und Soldaten gehen wie Gentlemen mit uns um, vor allem mit Insaf. Dabei repräsentiert sie eine Fraulichkeit, die in dem sehr religiösen, islamischen Staat selten zu sehen ist. Vielleicht nur in den Großstädten, wie hier in Algier. Das Kopftuch abzulegen, ist eine grundsätzliche Entscheidung, die einem Beben gleichkommt. Dem Ende eines bisherigen Lebens. Insaf hat sich im letzten Jahr dazu entschieden. Eine bewusste Entscheidung, die Sie keineswegs bereut.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Meine Mutter weiß es, meine Schwester weiß es. Nur mein Vater nicht. Wenn ich nach Hause zu meinen Eltern fahre, lege ich es wieder an. Es würde ihn zu sehr verletzen. Irgendwann werde ich es ihm verraten&#8220;, erklärt Insaf. Sie ist besorgt über den Zustand der Religion: „Ich glaube das Religionen allgemein die Menschen spirituell führen sollen, doch leider wird der Glauben als Werkzeug missbraucht, die Menschen zu dominieren.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">Mondäne Melancholie</h2>
<p style="text-align: justify;">Algier, die weiße Millionen-Stadt am Meer, erstreckt sich die weite urbane Bucht entlang und die Hänge hinauf. Im ehrwürdigen Herzen, der Kasbah, verlieren sich die endlosen Gassen im Gewirr der ineinander geschachtelten Bauten aus überwiegend osmanischer Zeit. Eine bitterarme Gegend, in der es nach Kardamom, Couscous und Kohle riecht, nach Pisse stinkt. Kinder spielen neben in sich zusammensackenden Gebäuden Fußball, dürre Katzen folgen auf Schritt und Tritt. Müllberge häufen sich zu immensen Halden inmitten dieses altstädtischen Wohngebiets aus dem 16. Jahrhundert, eines von sieben UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten in Algerien.</p>
<p style="text-align: justify;">Dagegen breit angelegte Boulevards nach europäischem Vorbild, so wollte die Besatzungsmacht Frankreich einen besseren Überblick, größere Kontrolle über die Algerier erzielen, Meerpromenaden mit weißen, ehrlicherweise verblassenden, bröckelnden französischen Kolonialfassaden unterhalb der Kasbah. Weltstädtische, elegante Bürgerhäuser, gebaut für die einst vielen Franzosen der ehemaligen Kolonialmacht der Maghreb-Staaten Marokko, Algerien und Tunesien. Algiers Äußeres erinnert an sein südfranzösisches Hafengegenüber Marseille. Doch die Anmut Algiers ist eine andere. Mondän charmant auf der einen, orientalisch bescheiden auf der anderen Seite. Und mittendrin Melancholie.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwar scheint die Zeit hier ein Stückweit stehen geblieben zu sein, doch gealtert wurde trotzdem. Der 80-jährige algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika passt dazu ins Bild. Er gilt seit Längerem als gesundheitlich stark angeschlagen. Seit einem Schlaganfall im Jahr 2013 trat er kaum mehr öffentlich auf und verließ nur noch selten seine Residenz, in der er gelegentlich ausländische Staatsgäste empfängt. Meistens sitzt er im Rollstuhl. Bouteflika steht seit 1999 an der Spitze Algeriens – bald 20 Jahre. Seit dem Ende des Bürgerkriegs der 1990er-Jahre, als der Staat gegen die Islamisten kämpfte und es bis zu 150.000 Tote gab, galt das System Bouteflika als Garant für Stabilität. Seine Partei gewann auch jüngst wieder die Parlamentswahlen. Zwar mit deutlichen Verlusten, aber an den Machtverhältnissen wird sich zwangsläufig nichts ändern. Insaf möchte über ihren Präsidenten nichts Schlechtes sagen. Algerien habe Bouteflika viel zu verdanken, er habe dem Land Frieden gebracht. Und doch wirkt das riesige Land heute unbeweglich, steckt fest, ohnmächtig vor den gewaltigen Herausforderungen.</p>
<p><div id="aesop-gallery-7039-2"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-7039" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-10.jpg" data-caption="Insaf studiert Medizin und spricht gut Deutsch. Sie hofft, ihr Studium in Heidelberg beenden zu können und möchte 
danach gern eine Zeit ehrenamtlich arbeiten – zum Beispiel in den Palästinensergebieten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-21.jpg" data-caption="Algier – die weiße Stadt. Vor allem die Wasserfront im Zentrum ist im französischen Kolonialstil erbaut, Prachtbauten
des sogenannten „Empire colonial“." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-25.jpg" data-caption="Insaf übersetzt ein Gespräch mit einem Anwohner." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-24.jpg" data-caption="West-Algier erzählt davon, dass die schlechte wirtschaftliche Situation dem Mittelstand stark zusetzt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-22.jpg" data-caption="Die weite Bucht von Algier mit der neuen Moschee im Osten, die wie ein gigantischer Leuchtturm in den Himmel ragt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-17.jpg" data-caption="Im ganzen Land ist die Vielzahl an Moscheen auffällig und überall entstehen weitere, hier ein Gotteshaus eines Fischerdorfs im Osten von Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-7.jpg" data-caption="Viele Fassaden faulen im wahrsten Sinne vor sich hin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-13.jpg" data-caption="Souhil (links) und Zakaria (rechts), Englisch-Studenten aus Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-3.jpg" data-caption="Das Zentrum von Algier mit der berühmten großen Post (links)." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-11.jpg" data-caption="Fußball ist enorm wichtig für Algerier, überall findet man einen Platz, wo gekickt werden kann. Ein Idol ist der Franzose Zinédine Zidane, früherer Weltfußballer und Sohn algerischer Einwanderer." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-5-1.jpg" data-caption="Kinder spielen mit einem kaputten Ball in der Kasbah, der Altstadt von Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-9.jpg" data-caption="Die Menschen leben in der Hauptstadt teilweise in Häusern, die von einer prachtvollen, längst vergangenen Zeit erzählen…" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-12.jpg" data-caption="Med: „Nach mehr als zehn Jahren des Terrors ist Algerien jetzt auch ein sicheres Land. Wir Algerier sind zwar verhältnismäßig
arm, doch sehr sehr freundlich.“" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-15.jpg" data-caption="Außerhalb der Stadt dominiert die Landwirtschaft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-14.jpg" data-caption="Blick in den frühen Morgenstunden auf den Hafen von Algier." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Marc Oliver Rühle</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">Die Bevölkerung leidet vor allem unter enormer Arbeitslosigkeit, sowie Wohnungsnot, unzureichender Gesundheitsversorgung und steigenden Preisen. Zulange hat sich Algerien auf seine Ölexporte versteift, keine Innovationen angestoßen. Jetzt droht der Staatsbankrott. &#8222;Dabei gehört uns, der Jugend, das Land&#8220;, sagt Insaf. Etwa die Hälfte der rund 40 Millionen Einwohner Algeriens ist unter 30 Jahre alt. Ein Drittel der jungen Algerier hat keinen Job, keine Aufgabe – und ist somit leichte Beute für die Islamisten im Land. Andere wollen ihr Glück im europäischen Ausland versuchen. So auch Insaf.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn es um die algerische Zukunft geht, werden Vergleiche zu Libyen gezogen. Was wird nach Bouteflikas Tod mit Algerien geschehen? Der Zusammenbruch in Einzelteile? So lesen sich die Zeitungsartikel über Algerien, die infolge der sogenannten Flüchtlingskrise seit 2015 in Deutschland publiziert wurden. Die Menschen, die wir treffen, widersprechen dem.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Am liebsten nach Deutschland</h2>
<p style="text-align: justify;">Insaf liebt Algerien wie ihre eigenen Eltern. Sie sagt: „Man sucht sie sich nicht aus, aber lernt von ihren Werten. Und dafür bin ich meinem Land dankbar. Ich fühle mich hier auch sicher, kann nachts alleine nach Hause fahren und fürchte mich nicht. Und das auch, obwohl es ungewöhnlich für eine Frau in Algerien ist, allein zu wohnen, so wie ich. Da aber alle Nachbarn alles beobachten, behaupte ich, ich würde mit meiner Schwester wohnen – die ist oft genug zu Besuch, so dass es den Anschein hat.&#8220; Und dennoch will sie Algerien spätestens in zwei Jahren  verlassen, am liebsten nach Deutschland, um dort Ärztin zu werden.</p>
<p style="text-align: justify;">Algerien ist das flächenmäßig größte Land Afrikas (6,5 Mal die Fläche Deutschlands) – es ist fast unmöglich, sich in kurzer Zeit ein umfassendes Bild der Zustände des Maghreb-Staates zu verschaffen. Das lerne ich schon am ersten Tag nach unserer Ankunft. Ich sitze in einem Café am Nationaltheater von Algier. Hier sind ausschließlich Männer, lesen Zeitung, trinken Cola oder Tee. Ich habe mich mit einigen Kontakten von Couchsurfing verabredet, einer ist Souhil. Der 22 Jahre alte Englisch-Student ist voller Stolz auf sein Land. &#8222;Schreib&#8216; nicht&#8220;, sagt er, &#8222;du wärst in Algerien gewesen. Um das behaupten zu können, musst Du den Norden kennen, den Osten und Westen gesehen haben, die Berge und Wüsten bereisen. Überall verschiedene Mentalitäten, unterschiedliche Menschen, völlig andere Gegebenheiten – andere Probleme. Klar, wollen wir alle mal hier raus, aber nicht um jeden Preis. Das hier ist unser Land und hier gehören wir hin.&#8220; Schließlich sei das Leben in Algerien auch immer weiter gegangen und einen weiteren Krieg werde es nicht mehr geben, dafür sei das System zu stark, meint Souhil.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist mir nicht möglich, die Interviewpartner, welche sich mit mir in jenem Café verabredet haben, auf die gemeinsamen Getränke einzuladen. Sie versperren mir den Weg zur Bar, als ich den Anschein mache, die Rechnung zu begleichen. Die berühmte arabische Gastfreundschaft ist omnipräsent. Auf der Straße werden Selfies verlangt und am allersten Tag war es für Insaf alternativlos, mich zu allem und jedem einzuladen.</p>
<p style="text-align: justify;">An einem Nachmittag treffe ich den 67-jährigen Mohammed, der aber lieber Med genannt werden möchte. Wenn er sich nicht im Internet in Foren und auf Blogs politisch oder gesellschaftskritisch äußert, kümmert er sich um Straßenhunde. In einem Land, in dem Hunde als haram (verboten) gelten, ist das keine leichte Aufgabe.<br />
Aus Lautsprechern einer Moschee tönt das Gebet des Muezzin über die Uferpromenade Algiers. Med sagt, dass er mit dem Islam und Religion überhaupt nichts anfangen könne. &#8222;Religion ruft in mir nur schlechte Gedanken hervor. Religion trennt die Menschen voneinander&#8220;, findet er. Trotzdem würde er dem streng islamischen Algerien nie den Rücken kehren. „Algerien ist mein &#8218;home sweet home&#8216; und auch wenn ich beispielsweise in Frankreich gelebt habe, würde ich immer wieder hierher zurückkehren.&#8220;</p>
<p>    <div id="aesop-quote-component-7015-3"          class="aesop-component aesop-quote-component    aesop-component-align-center  aesop-quote-type-block   quote-left-right " style="background-color:#fffffe;color:#e26299;height:auto;width:100%;">

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                        style="font-size:2em;color:#e26299;">
                <span>Das System wird weitermachen wie bisher.</span>
                <cite class="aesop-quote-component-cite">Med (67), über die Zukunft Algeriens</cite>            </blockquote>

            
            </div>
            </p>
<p style="text-align: justify;">Wir laufen durch seinen Stadtteil. Die Möwen schreien, über uns die weißgrauen Fassaden mit den blauen Fensterläden, französische Balkone, schmale Austritte, Palmen säumen den Platz. „Nach mehr als zehn Jahren des Terrors ist Algerien jetzt auch ein sicheres Land. Wir Algerier sind zwar verhältnismäßig arm, doch sehr sehr freundlich.“ Was passiert, wenn Präsident Bouteflika stirbt? „Überhaupt nichts. Das System wird weitermachen wie bisher“.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Stille in der Stadt</h2>
<p style="text-align: justify;">So viel Geld muss sein, trotz Finanzkrise und Inflation – ein 1,4 Milliarden Euro teures Prestige-Objekt soll die Bouteflika-Ära in Stein meißeln: In Algier entsteht seit 2011 die größte Moschee Afrikas und nach Mekka und Medina das drittgrößte muslimische Gotteshaus der Welt. Nach einem Entwurf des Frankfurter Architekturbüros &#8222;KSP Jürgen Engel Architekten&#8220;. Übrigens nicht der einzige ausländische Bestandteil des gigantischen Monuments. Denn was als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gedacht war, um die algerische Arbeitslosenquote zu drosseln, hat sich als Täuschung entpuppt. Deutsche Architekten, deutsche Statiker, italienischer und türkischer Kalkstein und vor allem ausschließlich chinesische Bauerbeiter, kaum ein Algerier legt hier Hand an.</p>
<p style="text-align: justify;">Das 265 Meter hohe, höchste Minarett der Welt sticht wie ein gigantischer Leuchtturm des Islam aus der Bucht von Algier heraus. Für diesen Giganten wurden zahlreiche Bewohner evakuiert, die den Baumaßnahmen weichen mussten. Nicht nur deshalb ist die Baustelle bei den Menschen Algiers eher unbeliebt und wird stark kritisiert, statt deren Fertigstellung ersehnt. Abgesehen davon hat Algerien bereits fast 15.000 Moscheen. Wir sehen das moderne Beton-Minarett vom Balkon unserer zentralen Unterkunft aus in den Himmel ragen. Es ist, als bewache das unfertige Gotteshaus den weiten algerischen Küstenstreifen und das Meer vor Eindringlingen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Europa oder Afrika?</h2>
<p style="text-align: justify;">Unter uns Algier eine Stunde nach dem fünften Tagesgebet: Wie ausgestorben, alle Läden geschlossen, kaum ein Auto auf den Straßen, kaum ein Mensch zu sehen. Stille, Trauermoment, Angst, Friedlichkeit, eine seltsame Mischung. Noch nie habe ich eine Metropole derart außer Betrieb erlebt. Fast unvorstellbar, dass vor unserer Haustür in den frühen Morgenstunden wieder der absolute Trubel immense Lautstärken erzeugt. Dattelverkäufer, Teemacher, Motorroller.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich bin zurück bei Insaf. Sie fährt mich durch die Nacht von Algier, mit der Selbstverständlichkeit eines ausgebufften Taxifahrers, der vor dem Einsteigen seiner Fahrgäste weiß, wohin sie wollen. Die Stadt ist schwach und gelblich beleuchtet, wie ein großer Parkplatz oder ein Kasernenhof. Oben vom militaristischen Freiheitsdenkmal aus sehen wir die große Stille von Algier ausgebreitet vor uns liegen. Ein dunkles Panorama, sonderbar für eine Hauptstadt. Einige Jungs stehen um eine Bank versammelt und rauchen. Nur der Alkohol fehlt und wir wären in einem osteuropäischen Klischeebild. Wo das Meer sein sollte, scheint ein großer schwarzer Vorhang auf der Stadt aufzuliegen und hinter diesem Vorhang, auf der gegenüberliegenden Seite, nur einen geraden Strich entfernt – Europa. So nah, dass ich begreife, dass das hier nicht Afrika ist.</p>
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		<title>Gott liebt die Alten</title>
		<link>https://www.weltseher.de/gott-liebt-die-alten/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 10 Dec 2017 23:09:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Uganda]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Grundeinkommen]]></category>
		<category><![CDATA[Senioren]]></category>
		<category><![CDATA[Stephan Dietrich]]></category>
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					<description><![CDATA[Während die Industrieländer noch über das bedingungslose Grundeinkommen diskutieren, ist es in Uganda bereits Realität – zumindest bei den ärmsten Senioren. Unser Autor war bei der Auszahlung in einem kleinen Dorf dabei.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/gott-liebt-die-alten/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>Während die Industrieländer noch über das bedingungslose Grundeinkommen diskutieren, ist es in Uganda bereits Realität – zumindest bei den ärmsten Senioren. Unser Autor war bei der Auszahlung in einem kleinen Dorf dabei.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Gemächlich bewegen sich die letzten Nachzügler auf ihre Krücken gestützt zum haushohen Fikus-Baum vor den Gemeinderäumen von Otkwac. Im Schatten haben sich bereits die älteren Jahrgänge mehrerer Dörfer versammelt. Insgesamt etwa 400 Frauen und Männer lauschen dort so gut wie es noch geht dem Bezirksvorsteher. Es ist ein besonderer Tag im Distrik Kole im Norden Ugandas, es ist Zahltag. Alle Bewohner über 65 erhalten jeden zweiten Monat 50.000 Schilling, was etwa 15 Euro entspricht, und können damit machen was sie wollen. Eine Rente, ohne dass sie je etwas in ein Rentensystem eingezahlt haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Betrag erscheint bedeutungslos, aber für viele ist es eine wichtige Unterstützung um zumindest den Grundbedarf des Lebens zu decken. Jeder Dritte Bewohner lebt von weniger als einem Dollar am Tag und die Zahlung deckt im Durchschnitt zwei Drittel der monatlichen Ausgaben eines ganzen Haushalts in der Region. Um nach Kole zu kommen, fährt man von der Hauptstadt Kampala Richtung Norden, überquert den Nil kurz nach dem Ursprung im Viktoriasee und landet nach insgesamt etwa 250 Kilometern in einem ländlichen Gebiet voller Menschen, aber ohne Stadt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Das Armenhaus Ugandas</h2>
<p style="text-align: justify;">Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Südsudan, im Westen liegt der Kongo, im Osten Kenia. Der Norden ist das Armenhaus Ugandas. Bis vor einigen Jahren war er Schauplatz des Bürgerkriegs mit der Lord&#8217;s Resistance Army, dessen Anführer Joseph Kony wegen seiner Kinderarmee und schlimmer Menschenrechtsverletzungen berüchtigt ist. Der Konflikt hat sich in den Kongo verlagert, viele Probleme sind geblieben.</p>
<p style="text-align: justify;">Aber Uganda ist mehr als das Trübsal, dass die internationalen Schlagzeilen über den Bürgerkrieg, den ewig herrschenden Präsidenten Museveni oder die Kriminalisierung von Homosexualität vermuten lassen. Uganda ist ein aufstrebendes Land mit starkem Wirtschaftswachstum und sinkenden Armutsraten.</p>
<p style="text-align: justify;">Vor fünf Jahren hat die Regierung das &#8222;Social Assistance Grants for Empowerment Programm&#8220; mit Hilfe von internationalen Partnern ins Leben gerufen. Eine Art bedingungsloses Grundeinkommen, dass armutsbedrohten Menschen helfen soll, ihren Lebensstandard zu verbessern. Die Idee dahinter ist einfach: Die meisten Menschen wissen selber am besten, was ihnen fehlt. Statt viel Geld in die Überwachung und Umsetzung spezifischer Programme zu investieren, bleibt es hier jedem selber überlassen, was er mit dem Geld anfängt.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/12/Uganda-Senioren-10.jpg" data-caption="Zwei Senioren auf dem Weg zur Auszahlungsstation." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/12/Uganda-Senioren-1.jpg" data-caption="Für die Versammlung haben sich alle schick gemacht." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/12/Uganda-Senioren-8.jpg" data-caption="Auf der Versammlung wird ausgezahlt und diskutiert." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/12/Uganda-Senioren-5.jpg" data-caption="Das Geld wird auf die Simkarte überwiesen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/12/Uganda-Senioren-2.jpg" data-caption="Registrierung per Fingerabdruck." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/12/Uganda-Senioren-9.jpg" data-caption="Witwe Adong Rose lebt mit ihren drei Enkelkindern auf einem Hof aus drei kleinen Lehmhütten. Ihr Mann ist letztes Jahr von einem Auto tödlich angefahren worden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/12/Uganda-Senioren-6.jpg" data-caption="Obwohl das Grundeinkommen der Alten nicht hoch ist, hilft es ihren Familien über die Runden zu kommen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/12/Uganda-Senioren-7.jpg" data-caption="Andrew Newton Ogei ist der technische Direktor im Kole Distrikt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/12/Uganda-Senioren-3.jpg" data-caption="Senioren auf dem Motorrad-Taxi." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/12/Uganda-Senioren-4.jpg" data-caption="Die Landschaft im Kole Distrikt." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Stephan Dietrich</p></div></p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Alten haben es besonders schwer</h2>
<p style="text-align: justify;">Andrew Newton Ogei ist der technische Direktor im Kole Distrikt. Mit seinen 35 Jahren wirkt er jugendhaft zwischen den Senioren. Er erklärt, dass es besonders die Alten schwer haben in einer Region, in der der Staat nur am Rande vorkommt. Sozialabgaben oder direkte Steuern gibt es nicht. Im Alter sind daher viele auf ihre Familie und die Hilfe ihrer Kinder angewiesen. Wie dieses Gerüst in sich zusammenfällt, wenn eine Generation wegbricht, hat die Aids-Epidemie vieler Orts auf tragische Weise deutlich gemacht.</p>
<p style="text-align: justify;">Wie zum Beispiel bei Rose, 74. Die Witwe lebt mit ihren drei Enkelkindern auf einem Hof aus drei kleinen Lehmhütten. Ihr Mann ist letztes Jahr von einem Auto tödlich angefahren worden. Ihre Tochter war mit einem Polizisten verheiratetet. Der Mann und seine zwei Ehefrauen – Polygamie wird in Uganda praktiziert – sind an Aids gestorben. Nun kümmert sich Rose alleine um ihre Enkelkinder, auch wenn man ihr die Jahrzehnte harter Arbeit in der Landwirtschaft anmerkt.</p>
<p style="text-align: justify;">Von dem Geld des Programms kann sie Essen besorgen, schickt die Kinder in die Schule und investiert in den Hof. Sie zeigt auf mehrere Hühner, die zwischen den Hütten umherlaufen sowie eine Ziege, die im Hintergrund weidet. Die Auszahlungen in Otkwac sind nach draußen verlegt worden, weil es in den kleinen Verwaltungsräumen der Gemeinde bei weitem nicht genug Platz für die Menschenmenge gibt. Es ist wie ein kleines Ehemaligentreffen der Jahrgänge 1950 und älter. Zu diesem Anlass wird Festtagskleidung getragen. Bunte Röcke, Schlips und ein paar ziemlich große Sonnenbrillen vermischen sich zu einer farbenfrohen Menschenmenge.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Auszahlung bei tropischen Temperaturen</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Bezirksvorsteher ruft den Wartenden zu, dass sie ihre Simkarten bereit halten müssen. Danach wird ein Ort aus dem Distrikt nach dem anderen abgearbeitet. Simkarte, Fingerabdruck und die Geldscheine wechseln über einen wackligen Holztisch die Seiten. Der Rest bleibt unbeeindruckt von den tropischen Temperaturen auf dem Rasen sitzen. Im Laufe des Vormittags ziehen tief dunkle Wolken am Horizont auf, aber mit Hektik ist nicht zu rechnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Milton, 71, lebt wie fast alle von Subsitenzlandwirtschaft. Ein kurzer Blick in den Himmel reicht ihm, um zu sagen, dass es erst am Abend regnen wird. Sein Dorf Ocor liegt etwa zehn Kilometer die lehmig rote Straße hinunter. Er hat sich im Morgengrauen in die unendliche Ameisenstraße eingereiht, die sich von Sonnenauf- bis Untergang an den bunten Feldern und dem satten Grün des Moors entlangschlängelt. Die meisten gehen zu Fuß, in Gruppen, in einem Tempo, das nicht zu unterbieten ist. Dazu kommen die Boda-boda Fahrräder mit ausgebauten Gepäckträgern, auf denen unvorstellbare Mengen an Kisten, lebenden Tieren und Beifahren aufgeladen werden. Immer wieder reißen Motorräder Furchen in den Menschenstrom. Sobald Milton sein Geld erhalten hat, wird er sich wieder in den Strom einreihen. Ein guter Tag, sagt Milton.</p>
<p style="text-align: justify;">Neu ist die Idee des Grundeinkommens zur Armutsbekämpfung nicht. Anfang des Jahrtausends wurden so genannte &#8222;Conditional Cash Transfer&#8220; Programme in Lateinamerika getestet. Dabei wurden die Zahlungen an Bedingungen wie etwa den Schulbesuch der Kinder geknüpft. Die Ergebnisse waren vielversprechend und daraufhin wurden weltweit ähnliche Programme umgesetzt. Es zeigte sich aber, dass es sich meist nicht lohnt Bedingungen einzuführen, weil es nicht am Willen der Eltern fehlt, ihre Kinder in die Schule zu schicken, sondern an den finanziellen Mitteln dafür.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Grundeinkommen breitet sich unter den Armen aus</h2>
<p style="text-align: justify;">Auch ohne die Konditionierung haben die Programme ähnliche Auswirkungen, aber zu geringeren Kosten. Die Ausbreitung von &#8222;Cash Transfer&#8220; Programmen in Afrika ist beeindruckend. Allein bis zum Jahr 2009 zählte eine Weltbankstudie 120 ähnliche Interventionen. Das Programm in Uganda läuft bisher in 15 besonders armen Distrikten mit ungefähr 120.000 Empfängern. Es wurden zwei verschiedene Varianten des Programms getestet. Einmal für alle über 65 und die andere Variante für besonders armutsgefährdete Haushalte gemäß eines Index aus Anzahl an Waisenkindern und arbeitsunfähigen Personen im Haushalt.</p>
<p style="text-align: justify;">Um die Auswirkungen des Programms zu überprüfen, hat eine englische Beraterfirma eine sie untersucht. In der Studie sollten Programmempfänger mit ähnlichen Haushalten, die keine Zahlungen erhielten, verglichen werden. Der Nachweis positiver Effekte sollte auch helfen, das Programm vor politischen Konjunkturen zu schützen, da ein nachweisbar erfolgreiches Programm sich nur schwer zurücknehmen lässt. Allerdings gab es Probleme mit der Vergleichbarkeit der Kontroll- und Vergleichsgruppe, weshalb die Ergebnisse nicht so schlüssig sind, wie man das gerne hätte.</p>
<p style="text-align: justify;">Klar scheint aber, dass sich nur das Programm für die Senioren bewährt. Zu unverständlich waren die Kriterien für die Vergabe der Zahlungen an die besonders armutsbedrohten Familien. In der Evaluierung gaben einige Empfänger an, dass Gott entscheidet, wer das Geld bekommt. Ganz so ist es nicht, aber gerade in Gegenden mit hoher Armut, kann die Verteilung auch zu sozialen Spannungen führen. Wenn alle arm sind, wieso erhalten einige das Geld und andere nicht? Das Alter zu nehmen ist dagegen einfach zu verstehen und als legitimes Kriterium akzeptiert.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kein Grundeinkommen für alle</h2>
<p style="text-align: justify;">Eine politische Dimension ist aber bei der Entscheidung nicht ausgeschlossen. Im Gegensatz zu den Kindern gehen gerade die Älteren treu zum Wählen. So wurde im Lauf des Wahlkampfs Anfang des Jahres verkündet, dass das Program in den nächsten fünf Jahren in 40 weiteren Distrikten eingeführt werden soll. Komplett bedingungslos sind die Zahlungen allerdings nicht. Der Sozialwissenschaftler Firminus Mugumya von der Makerere Universität in Kampala weist darauf hin, dass das Programm schnell eingestellt werden würde, wenn es nicht effektiv wäre. Wenn die Menschen anfangen würden das Geld in den Viktoriasee zu werfen, würden die Zahlungen sofort gestoppt werden, schiebt er hinterher, um seinen Punkt zu verdeutlichen.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit dem Program soll die Armut reduziert werden, nur der Weg dorthin bleibt jedem selber überlassen. Auch wenn Firminus Mugumya das Programm als Erfolgsgeschichte bezeichnet, glaubt er nicht, dass es in Zukunft in ganz Uganda umgesetzt wird. Die finanziellen Möglichkeiten sind zu begrenzt und sollen erstmal dafür verwendet werden, den ärmsten Regionen zu helfen. Zu einem Grundeinkommen für alle wird es so schnell nicht kommen.</p>
<p>Bevor das Geld ausgezahlt wird, überweisen Mitarbeiter eines Telefonanbieters vor Ort mobiles Handygeld auf die Simkarten der Empfänger. Wer die Auszahlung verpasst, hat das Geld auf seiner Simkarte gespeichert und kann es sich beim nächsten Mal auszahlen lassen. Handygeld hat sich in Uganda etabliert. In jeden noch so kleinen Dorf gibt es Wechselstuben der Mobilfunkanbieter, in denen man die elektronische Währung in Bargeld tauschen kann. Aber häufig ist das gar nicht nötig. Man kann das Geld verschicken, damit bezahlen und es parallel zum Bargeld verwenden. Selbst ohne Handy kann die Simkarte als Sparkonto verwendet werden. Dazu kommt es aber eher selten, denn der Großteil wird gleich wieder investiert.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Gott liebt die Alten</h2>
<p style="text-align: justify;">Einige der Alten haben sich zu einem Netzwerk zusammengetan. Sie nennen sich „God loves the Elderly“. Gemeinsam bauen sie Zwiebeln an und in Notsituationen legen sie Geld zusammen, um einzelnen Mitgliedern zu helfen. Durch das Programm werden sie selbstständiger, können den Haushalt unterstützen und die Felder von jüngeren Hilfsarbeitern bestellen lassen. Aber nicht nur die Alten haben etwas von dem Programm. Mit dem Geld werden auch Schulkosten für Kinder beglichen und es fließt auch in die lokale Wirtschaft, wovon alle profitieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Allerdings gibt es auch Probleme. Die Mittel für das Programms sind so knapp, dass in Zukunft nur die 50 Ältesten Bewohner eines Distrikts das Grundeinkommen erhalten können. Dabei lässt sich oft nicht feststellen, wer wie alt ist, weil gerade die Älteren nicht über Geburtsnachweis oder andere offizielle Dokumente verfügen. In solchen Fällen schätzen Beamte der Regionalverwaltung das Alter. Das mag funktionieren, wenn alle über 65 die Zahlungen bekommen, aber im Zweifel das genaue Geburtsjahr festzustellen, scheint sehr schwierig und viel Raum für Willkür zu bieten. Erst die nächsten Jahre werden zeigen, wie sich diese Probleme in der Praxis lösen lassen.</p>
<p>Am frühen Nachmittag ist auch das letzte Dorf ausgezahlt. Zum Abschluss hievt der Bezirksvorsteher die letzten Empfänger auf ein Motorradtaxi. In zwei Monaten werden sie wiederkommen, wenn die nächste Auszahlung die Alten hier versammeln wird.</p>
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		<title>Der Hüter der zehn Gebote</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Nov 2015 08:11:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Äthiopien]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Aksum]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Philipp Hedemann]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Zehn Gebote]]></category>
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					<description><![CDATA[Wo ist die Bundeslade, in denen die biblischen zehn Gebote aufbewahrt werden? Die Äthiopier glauben: in ihrer heiligen Stadt Aksum. Dort darf sie nur ein Mann pro Generation zu Gesicht bekommen. Unser Autor Philipp Hedemann hat den Erben von Moses besucht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/der-hueter-der-zehn-gebote/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Wo ist die Bundeslade, in denen die biblischen zehn Gebote aufbewahrt werden? Die Äthiopier glauben: in ihrer heiligen Stadt Aksum. Dort darf sie nur ein Mann pro Generation zu Gesicht bekommen. Unser Autor Philipp Hedemann hat den Erben von Moses besucht.</strong></p>
<div class="titelbu">Josua führt die Israeliten mit der Bundeslade über den Jordan, Gemälde von Benjamin West, 1800</div>
<div class="buch">Diese Reportage stammt aus Philipp Hedemanns Buch: <a href="http://shop.dumontreise.de/dumont/dumont-reihen/der-mann-der-den-tod-auslacht-dumont-reiseabenteuer-dumont-reiseabenteuer_pid_906_50145.html" target="_blank">Der Mann, der den Tod auslacht</a> (DUMONT Reiseverlag)</div>
<p style="text-align: justify;">Indiana Jones suchte 1936 in einem Abenteuerfilm die sagenumwobene Bundeslade im Auftrag der amerikanischen Regierung in Ägypten. Die Truhe, in der die in zwei Steinplatten geschlagenen Zehn Gebote aufbewahrt werden, sollte nicht den Nazis in die Hände fallen, die mit ihrer Macht die Weltherrschaft erlangen wollten.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach vielen Explosionen und Schlägereien und ein paar mittelmäßigen Scherzen gelangte »Indy« in einem U-Boot der Nazischergen schließlich mit der heiligen Truhe auf eine kleine Insel, erlebte dort, wie die Steintafeln den fiesen Nazis zwischen den Fingern zu Staub zerfielen und die entweihte Truhe in einer gewaltigen Feuersbrunst ihre zerstörerische Gewalt entfaltete.</p>
<p style="text-align: justify;">Steven Spielbergs »Indiana Jones: Jäger des verlorenen Schatzes« gewann vier Oscars, war 1981 der erste der weltweit erfolgreichen Filme über den berühmtesten Archäologen Hollywoods. In Äthiopien war der Film hingegen kein Kassenschlager. Denn hier weiß jeder: Das ist alles Quatsch! Die Bundeslade mit den Zehn Geboten, die Moses von Gott empfangen hat, liegt in Aksum, der heiligen Stadt im Norden Äthiopiens. Dorthin bin ich mit einem Freund gerade im Geländewagen auf schlechten Straßen unterwegs.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Im Angesicht mit dem Hüter</h2>
<p style="text-align: justify;">In der heiligen Stadt hat nur ein einziger Priester Zugang zum Allerheiligsten. Und dieser Mann steht jetzt keine zehn Meter von uns entfernt. Gerade ist er aus der schlichten Kapelle herausgetreten, in der angeblich das wohl größte Mysterium des Christentums verwahrt wird. Kaiser Haile Selassie ließ die trutzige Kapelle der Kirche St. Maria von Zion erbauen, um die Truhe, um die so viel Tamtam gemacht wird, sicher zu verwahren. Doch mittlerweile regnet es durch die Decke. Notdürftig und nicht gerade standesgemäß haben die Hüter des Schatzes das Dach mit einer weißen Plastikplane abgedeckt. Es ist, wie so Vieles in Äthiopien, nur ein Provisorium.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5339-1"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                               title="Das ist die Kapelle, in der die Bundeslade aufbewahrt sein soll. Foto: Philipp Hedemann">
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                                Das ist die Kapelle, in der die Bundeslade aufbewahrt sein soll. Foto: Philipp Hedemann
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<p style="text-align: justify;">Direkt nebenan wird gerade die neue Kapelle errichtet, die den Schatz in Zukunft sicher beherbergen soll. Noch ragen die Baueisen aus dem Mauerwerk des grauen Rohbaus. Abba Gebre-Mesqel, der Hüter der Zehn Gebote, schaut vorbei, um den Baufortschritt an seinem zukünftigen Wirkungsort zu begutachten. Er ist der einzige Mensch seiner Generation, der die Bundeslade zu Gesicht bekommen darf.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich möchte unbedingt von ihm erfahren, wie sie denn nun aussieht, die Bundeslade. Kirchendiener Zemichael verschafft mir eine Audienz bei dem hageren, alten, bärtigen Mann. Das dachte ich zumindest. Doch als ich zu Abba Gebre-Mesqel vorgelassen werde, streckt er mir nur sein großes, hölzernes Kreuz entgegen, das ich küssen darf. Als ich nach der Macht der Bundeslade fragen möchte, wendet er sich ab und verschwindet wieder in der Kapelle, in der die mächtigste Kiste der Welt lagern soll. Fotografieren ist, na klar, auch verboten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">So sieht die Bundeslade aus</h2>
<p style="text-align: justify;">Der einzige lebende Mann, der die Bundeslade je mit eigenen Augen gesehen hat, spricht also nicht. Doch die Bibel verrät ziemlich genau, wie die Truhe aussehen soll. Im zweiten Buch Mose gibt Gott ihm klare Anweisungen, wie er die Truhe zu bauen habe. Im Alten Testament klingt die Bauanleitung so:</p>
<blockquote>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Macht eine Lade aus Akazienholz; dritthalb Ellen soll die Länge sein, anderthalb Ellen die Breite und anderthalb Ellen die Höhe. Du sollst sie mit feinem Gold überziehen inwendig und auswendig, und mache einen goldenen Kranz oben herum. Und gieße vier goldene Ringe und mache sie an ihre vier Ecken, also dass zwei Ringe auf einer Seite seien und zwei auf der anderen Seite. Und mache Stangen von Akazienholz und überziehe sie mit Gold und stecke sie in die Ringe an der Lade Seiten, dass man sie damit trage; sie sollen in den Ringen bleiben und nicht herausgetan werden. Und du sollst in die Lade das Zeugnis legen, das ich dir geben werde.&#8220;</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5339-2"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                               title="So hat sich der Künstler Julius Schnorr von Carolsfeld die Bundeslade im 19. Jahrhundert vorgestellt.">
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                                                                </a>

                        
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                                So hat sich der Künstler Julius Schnorr von Carolsfeld die Bundeslade im 19. Jahrhundert vorgestellt.
                            </figcaption>

                            

                        
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        </div>
        </p>
<p>&nbsp;</p></blockquote>
<p style="text-align: justify;">So soll sie also aussehen, die Lade, die beim Auszug der Israeliten aus Ägypten unter Moses den Bund Gottes (daher der Name Bundeslade) mit dem Volk Israel symbolisieren sollte. Fragt sich nur, ob sie tatsächlich in der baufälligen Kapelle liegt, vor der wir stehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Denn dubiose Schatzsucher – von den Kreuzrittern bis zu Archäologen mit zweifelhaftem Ruf – wollen sie schon auf dem Tempelberg in Jerusalem, in einem Tempel in Unterägypten, in einer Höhle bei Qumran am Toten Meer, im Heiligtum Ngoma Lugundru in Simbabwe und in geheimen Gängen im Berg Neboin in Jordanien gefunden haben. Doch Kirchendiener Zemichael ist sich sicher: &#8222;Die Bundeslade ist hier. In Aksum.&#8220; Selbst gesehen hat er sie natürlich nicht, doch er dient als Diakon seit Jahren dem Hüter der Zehn Gebote.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Salomon lockt Saba ins Bett</h2>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Menilek, der Sohn der Königin von Saba und König Salomons brachte die Bundeslade von Jerusalem nach Aksum&#8220;, erklärt Zemichael uns. Laut dem &#8222;Kebra Negest&#8220; (Ruhm der Könige), einem im 13. Jahrhundert in Äthiopien verfassten Bericht, erfährt die im 10. Jahrhundert vor Christus in Aksum regierende, sagenhaft schöne Königin von Sabba vom sagenhaft weisen König Salomon und besucht ihn in Jerusalem. Mit einem perfiden Trick lockt der schlaue König die schöne Königin ins Bett.</p>
<p style="text-align: justify;">Das bleibt nicht ohne Folgen. Als die Monarchin nach Äthiopien zurückkehrt, wird Menilek geboren. Als dieser zweiundzwanzig Jahre alt ist, reist er nach Jerusalem. Der unverhofft zu Vaterehren gekommene Herrscher versucht, Menilek zum Bleiben zu überreden, bietet ihm die Thronfolge an. Doch Menilek will zurück zu seiner Mutter nach Äthiopien.</p>
<p style="text-align: justify;">Salomon lässt den Sohn schweren Herzens ziehen, allerdings nicht ohne eine große Gefolgschaft. Auf der Heimreise erfährt Menilek, dass die Männer, die sein Vater ihm mitgegeben hat, ohne sein Wissen die Bundeslade mit den Zehn Geboten aus dem Tempel in Jerusalem haben mitgehen lassen. Als Salomon vom Diebstahl Wind bekommt, möchte er die Verfolgung aufnehmen, doch da wird Menilek auf wundersame Weise mit der Bundeslade nach Hause geflogen. Soweit, so logisch!</p>
<h2 style="text-align: justify;">Siebenfache Kraft der Sonne</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn die Bundeslade also nach Aksum geflogen ist, warum darf sie dann niemand außer Abba Gebre-Mesqel sehen, frage ich seinen Diener. &#8222;Wir beschützen euch vor der Bundeslade, nicht die Bundeslade vor euch&#8220;, sagt Zemichael geheimnisvoll. Laut dem Kirchendiener soll die Truhe die siebenfache Kraft der Sonne besitzen. Wer sie mit eigenen Augen sähe, würde sofort erblinden, erlahmen und schließlich sterben. Ein bisschen wie bei &#8222;Indiana Jones&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;">Nur der jeweils von seinem Vorgänger auf dem Totenbett auserwählte Priester ist immun gegen die Wundermacht der Truhe. Alle anderen Menschen kann sie zerstören. Da mit dem Raub der Bundeslade die göttliche Gegenwart und Gnade von Israel auf Äthiopien übergegangen und Aksum Jerusalem als geistliches Zentrum der Welt abgelöst haben soll, gibt es natürlich viele Neider. In Äthiopien erzählt man sich gerne die Geschichte, dass selbst der nicht gerade für Zimperlichkeit bekannte israelische Geheimdienst Mossad schon versucht haben soll, die Bundeslade zurück nach Jerusalem zu bringen. Natürlich ohne Erfolg.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5339-3"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                                Weitere äthiopische Abenteuer gibt es in Philipp Hedemanns Buch
                            </figcaption>

                            

                        
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        </div>
        </p>
<p style="text-align: justify;">Um Geheimdienstler, neugierige Touristen und Hobbyarchäologen vor sich selbst zu schützen, würden die Hüter der Bundeslade offensichtlich ziemlich weit gehen. Rund um die Kapelle, in der die Truhe verwahrt wird, sitzen Polizisten in blauen Tarnfleckanzügen mit Kalaschnikows auf dem Schoss. &#8222;Wenn jemand versuchen würde, in die Kapelle einzudringen, würden sie notfalls schießen. Zunächst auf die Beine, wenn das nicht reicht, auch auf den Oberkörper&#8220;, sagt Zemichael.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Glaube als Gewissheit</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich frage ihn, ob er verstehen könne, dass viele Ferenji (so nennt man in Äthiopien weiße Ausländer)  Zweifel daran hegen würden, ob die Bundeslade überhaupt in der Kapelle in Aksum liege. &#8222;Ja&#8220;, antwortet der fromme Diener. &#8222;Aber das ist euer Problem, nicht unseres. Wir wissen ja, dass sie da ist.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist diese Gewissheit, die das oftmals nicht einfache Leben in Äthiopien manchmal einfacher macht. Ich kenne einen äthiopischen Ingenieur, der seinem Gebet mehr vertraut als seinen statischen Berechnungen. Ich kenne einen Äthiopier, der Biologie studiert hat und überzeugt ist, dass wir von Adam und Eva abstammen und nicht von Lucy, der rund 3,2 Millionen Jahre alten Äthiopierin, deren Skelettreplik wir uns gemeinsam im Museum in Addis angeschaut haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich habe Historiker getroffen, die eher mündlich überlieferten äthiopischen Mythen vertrauen als naturwissenschaftlichen archäologischen Untersuchungsmethoden. Ich kenne einen äthiopischen Arzt, der in Amerika studiert hat und auf die Heilkraft des heiligen Wassers schwört. Ich habe viele äthiopische Freunde, die Mitleid mit mir haben, weil mir ihre Gewissheiten fehlen. Manchmal beneide ich sie.</p>
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		<title>Radieschen in der Wüste</title>
		<link>https://www.weltseher.de/radieschen-in-der-wueste/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Aug 2015 05:03:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Namibia]]></category>
		<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche Kolonie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kolonialgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Lüderitz]]></category>
		<category><![CDATA[Stephan Dietrich]]></category>
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					<description><![CDATA[Ende des neunzehnten Jahrhunderts ist Deutschland in das europäische Rennen um Kolonien eingestiegen. Das erste Schutzgebiet entstand in der Lüderitzbucht im heutigen Namibia. Ein Besuch, einhundert Jahre nach dem Ende der deutschen Herrschaft.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/radieschen-in-der-wueste/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Ende des neunzehnten Jahrhunderts ist Deutschland in das europäische Rennen um Kolonien eingestiegen. Das erste Schutzgebiet entstand in der Lüderitzbucht im heutigen Namibia. Ein Besuch, einhundert Jahre nach dem Ende der deutschen Herrschaft.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Schlange zieht sich über fast fünfzig Meter durch die letzten Ausläufer der Wüste. Die müden Arbeiter reihen sich geduldig in einer geraden Linie auf und warten darauf, dass sie sich in einen runtergekommenen Bus zwängen können. Außer der Fischfabrik am Ufer gibt es bis hin zu den Hügeln am Rand der Bucht, nur Sand zu sehen. Einige Meter abseits der Haltestelle zeichnet sich jedoch ein leicht zur Seite geneigter Steinsockel ab, an dem die Geschichte offiziell begonnen hat:</p>
<p style="text-align: justify;">Im August 1884 versammelte sich eine kleine Gruppe aus Angestellten des Tabakhändlers Lüderitz, der Besatzung von zwei Kriegsschiffen sowie dem Kapitän John Fredericks II um diesen Sockel und hisste die deutsche Flagge. Hier, ganz im Süden Namibias, entstand die erste deutsche Kolonie.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Jahr vor der Flaggenhissung hatte der Bremer Adolf Lüderitz die Bucht in der Hoffnung auf Rohstoffe, Geschäfte mit Südafrika, aber wahrscheinlich auch aus Abenteuerlust erworben. Es war kein sonderlich einladender Ort, besonders wenn man davor die grüne afrikanische Westküste entlang gefahren ist.</p>
<p style="text-align: justify;">Überall Sand, diese Hitze und kein Süßwasser. Allerdings hatten sich Europas Mächte bereits einen Großteil Afrikas gesichert. Für zfradieweihundert Gewehre und einhundert Pfund Sterling kaufte Lüderitz dem Kapitän John Fredericks II, der in der dünn besiedelten Region um die Bucht mit seinem Klan lebte, Land in einem Umkreis von einigen Meilen ab.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Erstes Schutzgebiet in Afrika</h2>
<p style="text-align: justify;">Einmal niedergelassen, weitete Lüderitz sein Land immer weiter aus, wobei er sich zu Nutzen machte, dass die zwei größten Volksgruppen in der Region, die Nama und Herero, sich in ständigen Auseinandersetzungen befanden. Obwohl Reichskanzler Bismarck Kolonien eher ablehnend gegenüberstand, willigte er 1884 ein, auch Gebieten außerhalb Deutschlands staatliche Sicherheit zu garantieren. Die Lüderitzbucht war das erste Gebiet, dem dieser Schutz zugesichert wurde.</p>
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<p style="text-align: justify;">Mehr als ein Jahrhundert später zucken die Arbeiter skeptisch mit den Schultern. Ein Denkmal? Hier, wo sie gerade acht Stunden lang afrikanischen Aal zerlegt haben? Die abgelegene Stadt trägt noch immer den Namen ihres deutschen Gründers.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Hauptstadt Windhoek ist für die meisten Einwohner nur mit Minibussen zu erreichen. Eine lange Fahrt, die irgendwo zwischen sieben Stunden und zwei Tagen dauert und wie mit einem Lineal gezogen durch die immer gelblicher werdenden, weitläufigen Landschaften führt.</p>
<p style="text-align: justify;">Schon kurz hinter der Stadtgrenze beginnt das alte Diamantensperrgebiet, das in etwa ein Drittel der Fläche Bayerns besitzt und Lüderitz auf Abstand zum Rest der Welt hält. Etwas mehr als 10.000 Einwohner leben heute in der Bucht.</p>
<p style="text-align: justify;">In der Kleinstadt lernt man sich da schnell kennen. Zum Beispiel Boy aus der freiwilligen Feuerwehr. Er ist einer der wenigen Buchtler, wie sich die Bewohner der Stadt nennen, die sich auf beiden Seiten des immer noch tief sitzenden Keils zwischen schwarz und weiß bewegen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kurz Kolonialromantik schnuppern</h2>
<p style="text-align: justify;">Er zeigt mir seine Stadt, ruft an, wenn sich was tut im trägen Alltag. In seinem in die Jahre gekommenen Alfa Romeo fahren wir in das Zentrum. Der Stadtkern wird immer noch von den Häusern der deutschen Siedler geprägt.</p>
<p style="text-align: justify;">Gut in Stand gehalten zählen die Kolonialbauten zu einer der großen Sehenswürdigkeiten in den Reiseführern. Alle paar Wochen legt ein Kreuzfahrtschiff an und überschwemmt die Innenstadt mit Urlaubern, die das Zentrum in eine ungewohnte Hektik versetzen.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Touristen können kurz Kolonialromantik schnuppern und danach gibt es Bier und Austern, die in dem eiskalten Atlantikwasser fabelhaft wachsen. Im Zentrum befindet sich auch das Stadtmuseum. Es werden vor allem Ausstellungsstücke der Kolonialzeit gezeigt und daneben gibt es noch ein paar vergilbte Schautafeln zu Ureinwohnern, Tieren und Steinen der Region.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Museumswärterin erzählt mir vom Deutschen Klub, der sich in der Turnhalle trifft und so eine Art Lesezirkel sei, bevor sie sich wieder ihrem Kreuzworträtsel zuwendet. Noch immer leben zahlreiche deutschstämmige Familien in der Stadt und neben deutschem Radio bekommt man auch eine deutschsprachige Tageszeitung.</p>
<p style="text-align: justify;">Über dem Eingang zur Turnhalle hängt das alte Schild des Männerturnvereins. Eine Treppe führt in den ersten Stock, wo in einem holzverkleideten Raum fünf Männer umzingelt von alten Fotos, Postern und einem Jägermeisterplakat an einem Tresen sitzen und Bier trinken. Der Deutsche Klub, eine Bar, die so auch in jeder tristeren Ecke in Deutschland stehen könnte. Jedes Getränk kostet umgerechnet fünfundsiebzig Cent und nur Mitglieder dürfen bestellen, was ziemlich häufig vorkommt an diesem Abend.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Trinkspiel mit einem Plastikkrokodil</h2>
<p style="text-align: justify;">Nach einem Schnaps spricht mein Nachbar als einziger in der Runde Deutsch, das sich immer wieder mit Afrikaans, Englisch und einem leichten Lallen vermischt. Werner, ein Mittfünfziger mit groben Arbeiterhänden, ist direkt aus seiner Autowerkstatt in den Klub gekommen. Vor über dreißig Jahren ist er nach Lüderitz gefahren, um Urlaub zu machen, hat eine Frau kennengelernt und ist nie wieder nach Deutschland zurückgekehrt.</p>
<p style="text-align: justify;">Den Deutschen Klub hat er mitgründet, weil er mit seinem Hund nicht mehr in den Yachtklub gehen durfte. Die Männer diskutieren über einen Beschluss des Präsidenten Lüderitz kurzfristig in !NamǂNûs, in die Sprache der Nama, umzubenennen. Angeheitzt werden die Gespräche von einem Trinkspiel mit einem Plastikkrokodil das zuschnappt, wenn man den falschen Zahn drückt. Über Literatur wird den ganzen Abend nicht gesprochen.</p>
<p style="text-align: justify;">Schon kurz nach der Flaggenhissung musste Lüderitz sein Land unter großem Verlust an die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika verkaufen. Die Kolonie erreichte eine Ausdehnung von fast 1.200 Kilometern Länge, die sich von der südafrikanischen Grenze bis zum portugiesischen Angola im Norden erstreckte.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Gegensatz zu den anderen deutschen Kolonien wurde Deutsch-Südwestafrika, wie das Gebiet genannt wurde, zu einer Siedlerkolonie. So sollte es nicht nur billige Rohstoffquelle werden, sondern auch Bauland für ein neues Deutschland in der Ferne, um der Emigration in die USA entgegenzuwirken. Auf die zirka 200.000 Bewohnern kamen später etwa 12.500 Deutsche.</p>
<p style="text-align: justify;">Als ersten offiziellen Verwalter des Schutzgebiets entsandte das Deutsche Reich Ernst Göring, den Vater des späteren Reichsfeldmarschalls in Nazideutschland. Später ausgestattet mit zwei Dutzend Soldaten, verwaltete er ein Gebiet größer als das Deutsche Kaiserreich. Die deutsche Unterdrückung sorgte immer wieder für Unruhen. Im Jahr 1904 entlud sich die Wut mit voller Wucht, als sich erst die Herero und später auch die Nama erhoben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Vernichtungsbefehl von General von Trotha</h2>
<p style="text-align: justify;">Erbitterte Kämpfe mündeten in dem Vernichtungsbefehl des Generals von Trotha. Ohne Rücksicht wurden zurückweichende Herero einschließlich Kindern und Frauen nach einer Schlacht in eine Wüste getrieben, in der ein Großteil verdurstete. Gefangene wurden in Konzentrationslager gesperrt, von denen eines auf Haifischinsel, einer Halbinsel bei Lüderitz, eingerichtet wurde. Von den ursprünglich 100.000 Herero und Nama überlebte schätzungsweise nur ein Viertel den deutschen Kolonialismus.</p>
<p style="text-align: justify;">Entlang der Schotterstraße, die aus dem Stadtzentrum hinaus führt, ist nicht mehr viel von dem Kolonialflair zu spüren. Am Hügel hinter der Bucht wachsen kleine Hütten aus Wellblech, alten Werbetafeln und was auch immer sonst noch zu Verfügung stand, die Felsen hinauf. Dazwischen Spelunken wie dem German Town oder dem George Weah, in denen es ähnlich zugeht wie im Deutschen Klub, nur ohne weiße Buchtler.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Fischfabriken locken Arbeitssuchende aus dem Norden hierher. Die Arbeitslosenquote ist hoch und viele schlagen sich mit informellen Jobs unter der Armutsgrenze durch das Leben. Die Ungleichheit in Lüderitz ist nicht zu übersehen. Schaut man die Bucht hinab, erkennt man in der Ferne die Felsenkirche, eines der kolonialen Wahrzeichen.</p>
<p style="text-align: justify;">An den Wochenenden überschwemmt der Alkohol die Stadt. „Lüderitz &#8211; A small drinking town with a fishing problem“, steht auf T-Shirts, die in einer der beliebtesten Bars unter Touristen verkauft werden. Jägermeister und Bier nach „pure Reinheitsgebot“ fließen in Strömen. Die alte Kegelbahn ist auch noch in Betrieb. Einmal die Woche treffen sich hier die sogenannten Radieschen zum Training.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Wände sind voll mit alten Mannschaftsbildern und Urkunden des Kegelvereins. Das älteste Foto zeigt die Radieschen im Jahr 1906. Auf den Fotos posieren die weißen Männer in ihren Kegeloutfits, sonnenverbrannt im unteren Teil der Gesichter und hell weiß ab der Stirn, wo der Hut vor der Sonne schützte.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Bahn ist immer noch die gleiche. Drei der neun Spieler sind deutschstämmig, ein paar arbeiten als Fischer, andere sind nur zu Besuch während ihrer Semesterferien in Südafrika. Aus der Stereoanlage dröhnt „wir feiern vom Balkan bis nach Bayern“, während die erste Kugel die abgenutzte Holzbahn heruntergeworfen wird. Nach dem ersten Spiel wird von den Stühlen im Eingangsbereich gemeinsam der alte Vereinsspruch der Radieschen ausgerufen, der mit „du Sau, du Sau, du Sau“ endet.</p>
<h2 style="text-align: justify;">1990 erreicht Namibia seine Unabhängigkeit</h2>
<p style="text-align: justify;">Als sich der erste Weltkrieg nach Afrika ausbreitete, waren die deutschen Truppen chancenlos unterlegen. Im Juli 1915, vor einhundert Jahren, wurde die Kolonie an die Südafrikanische Union übergeben. Erst 1990 erreichte Namibia seine Unabhängigkeit von Südafrika. Auf eine deutsche Entschuldigung für die Verbrechen wartete man in Namibia lange. Im Jahr 2004 sprach die damalige Entwicklungsministerien Wiecorek-Zeul über die moralische Verantwortung der Deutschen. Entgegen der offiziellen Haltung Deutschlands bat sie „im Sinne des gemeinsamen Vater unser um Vergebung unserer Schuld“.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Straße zur Haifischinsel führt vorbei am Hafen, an dem auch die Diamantenschiffe liegen. Am Ende befindet sich ein Campingplatz. Innerhalb weniger Minuten zieht eine Nebelschwade vom Meer über die Stadt und legt alles unter einen weißen Mantel. Eine Steintafel erinnert an Kapitän John Fredericks II und seinen Klan, der auf dem Land, das er einst Lüderitz verkauft hatte, in dem Konzentrationslager umkam.</p>
<p style="text-align: justify;">Davon steht allerdings nichts auf der Tafel ebenso wenig wie von dem Lager an sich. Nur ein paar Meter weiter wird an die deutschen Gefallenen erinnert und daneben an einen Segler, der in den achtziger Jahren von Lüderitz aus den Atlantik überquert hat. Die Touristen, die zum größten Teil aus Südafrika kommen, erfahren von der Vorgeschichte des Campingplatzes meist nichts.</p>
<p style="text-align: justify;">Abends ist es sehr ruhig in Lüderitz und die Kolonialbauten erscheinen wie substanzlose Fassaden eines Filmstudios. Ballsaal, Turnhalle, Bücherei. So ganz hat der koloniale Geist die Stadt allerdings nie verlassen. Auf den deutschen Kolonialismus folgte südafrikanische Apartheidpolitik und auch ein Jahrhundert nach dem Abzug, sträubt sich Deutschland noch immer, seine Verbrechen anzuerkennen.</p>
<p style="text-align: justify;">Stattdessen wird mit verstärkter Entwicklungszusammenarbeit versucht der historischen Verantwortung gerecht zu werden. Nicht gerade viel für ein Land, das sonst so gerne historische Aufarbeitung einfordert. Die Spuren sind jedoch eindeutig und in der trockenen Hitze von Lüderitz bestens konserviert worden.</p>
<p style="text-align: justify;">
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		<title>Mit Schauspiel gegen Genitalverstümmelung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Mar 2015 00:12:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Beschneidung von Frauen]]></category>
		<category><![CDATA[Elisabeth Lehmann]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
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					<description><![CDATA[Beschneidung von jungen Mädchen in Ägypten gilt als Tradition, obwohl es verboten ist – und soll zudem die Frauen auf dem rechten Weg halten. Eine Theatergruppe versucht mit ihrem Spielen gegen die Genitalverstümmelung anzugehen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/mit-kindlicher-comedy-gegen-eine-grausame-tradition/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Beschneidung von jungen Mädchen in Ägypten gilt als Tradition – und soll zudem die Frauen auf dem rechten Weg halten. Eine Theatergruppe versucht mit ihrem Spielen gegen die Genitalverstümmelung anzugehen.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Viel Platz ist nicht in dem kleinen Raum des Gemeindezentrums von Camboha, einem Dorf in Oberägypten. Dicht an dicht sitzen die Mädchen nebeneinander. Doch Ahmed bahnt sich seinen Weg durch die Reihen von Holzbänken, kreischend, quietschend, in einem pinkfarbenen Kleid. Verfolgt von Sami, der ihm nachstellt mit den Worten „Hej, Kätzchen, wie geht’s Dir? Warte doch mal!“ Die Zuschauerinnen lachen Tränen, jede von ihnen hier kennt das Phänomen Belästigung aus dem eigenen Alltag. Von außen betrachtet scheint es nun noch absurder.</p>
<p style="text-align: justify;">Szenenwechsel: Nun ist Sami die Frau. Er hat sich ein blaues Kopftuch umgeworfen, das er mit einer Hand am Kinn zusammenhält. Mit der anderen gestikuliert er wild in Richtung Schauspielerkollegin Sherin. „Du musst deine Tochter beschneiden lassen. Sie gerät sonst auf Abwege. Dann schaut sie links und rechts.“ Die Mädchen kichern immer noch, doch nun ist es kein ausgelassenes mehr, sondern eher ein verlegenes. Denn auch diese Szene kennt jede von ihnen aus eigener Erfahrung. Die Erinnerungen an den Tag der eigenen Beschneidung sind bei vielen noch nicht verblasst.</p>
<p style="text-align: justify;">Nada Sabet, die Regisseurin des Stücks „HaraTV“, unterbricht die Szene. „Ok, was habt ihr gerade gesehen?“ Und plötzlich wird es still in dem kleinen Raum. Auffällig viele Mädchen starren auf ihr Handy, spielen mit ihren Fingern, zupfen ihre Kopftücher zurecht, um die unangenehme Stille zu überbrücken. Ein älterer Mann in Galabeya, dem traditionellen Gewand, steckt seinen Kopf neugierig durch die geöffnete Tür. Der Hausmeister vermutlich. „Wenn er da steht, kann ich nicht reden“, sagt ein zierliches Mädchen, ganz in Blau gekleidet, schließlich. Über Themen wie die Beziehung zwischen Mann und Frau, Sexualität oder gar Beschneidung zu sprechen, ist in Ägypten nicht einfach. In Gegenwart des anderen Geschlechts unmöglich. Nada Sabet bittet den Mann aus dem Raum und zaghaft entspinnt sich eine Diskussion.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Mit einer Rasierklinge werden Klitoris und Schamlippen entfernt</h2>
<p style="text-align: justify;">Über 90 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren sind in Ägypten beschnitten. Egal, ob auf dem Land oder in Kairo, ob Muslimin oder Christin, ob Akademikerin oder Analphabetin. Das ist die Bilanz von Unicef. Höhere Zahlen gibt es nur in Somalia oder Sudan. Bei dem Eingriff werden den Mädchen im Alter zwischen neun und 13 Jahren Klitoris und Schamlippen entfernt, oft von einer Beschneiderin mit einer Rasierklinge, im besten Falle von einem Arzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Rada, das zierliche Mädchen in Blau, meldet sich als Erste zu Wort. „Wir sind hier alle beschnitten. Für uns kommt diese Aufklärungskampagne zu spät.“ Doch den Machern von „HaraTV“ geht es nicht allein darum, Beschneidung abzuschaffen. Sie sind realistisch genug, um zu wissen, dass sich jahrhundertealte Traditionen nicht durch 30 Minuten Comedy wandeln. Es gehe vor allem darum, ein Tabu zu brechen, zu diskutieren, abseits von Religion und Medizin. Auch Wege zu zeigen, wie Frauen trotz Beschneidung eine Art Sexualleben haben können.</p>
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		</p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify;">Das Konzept geht auf. Eine nach der anderen erzählt von ihren Erinnerungen, wie es ist, in Ägypten als Frau geboren zu werden. Davon, dass sie als Kinder nicht auf der Straße spielen durften wie die Jungs im Dorf, dass sie viele Pflichten im Haus und auf dem Feld haben, dass sie von klein auf gemaßregelt werden. Und schließlich ist es Rada, die sich traut, hier im geschützten Raum das auszusprechen, was viele junge Mädchen denken: „Ich werde meine Tochter ganz sicher nicht beschneiden lassen. Ich will nicht, dass sie genauso leidet wie ich.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">„Es hilft den Mädchen, rein zu bleiben“</h2>
<p style="text-align: justify;">Diese Erfahrung machten sie oft, erzählt Nada Sabet während einer kleinen Pause zwischen zwei Aufführungen. Sie kippelt mit ihrem Plastikstuhl an einem Geländer. Dahinter fließt der Nil, der hier deutlich sauberer ist als im vier Stunden entfernten Kairo. „Die junge Generation kann sich oft noch an ihre eigene Beschneidung erinnern und ist deshalb leichter zu überzeugen.“ Nada macht mit ihrem Handy ein paar Fotos von der Gruppe. Sie muss jeden Schritt des Projekts dokumentieren, so will es der Geldgeber, der Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen, für den Nada „HaraTV“ entwickelt hat. Bis Ende des Jahres jeden Tag drei Dörfer, drei Vorstellungen, drei Gratwanderungen. Es prallen Welten aufeinander, wenn die Hauptstädter anreisen. Auch bei der nächsten Station an diesem Tag wird das wieder deutlich.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Schule ein paar Kilometer weiter. Eine Kinderschar hat den weißen Bus von Nada und Kollegen schon seit dem Ortseingang durch die engen Gassen des Dorfes begleitet. Besuch aus der Hauptstadt ist nicht alltäglich. Wieder sitzen die Frauen und Mädchen dicht an dicht auf Holzbänken, wieder bahnt sich Ahmed im pinkfarbenen Kleid seinen Weg durch die Reihen, auf der Flucht vor Sami, der ihm nachstellt. Wieder versucht Sami Sherin von der Unumgehbarkeit einer Beschneidung zu überzeugen. Doch diesmal sitzen auch ältere Frauen im Publikum, Frauen, die Sami im blauen Kopftuch mit überdrehten Gesten parodiert.</p>
<p style="text-align: justify;">Batta Abd El Munaim hat ihre Arme vor der Brust verschränkt. Die große goldene Creole im linken Ohr hebt sich vom Schwarz ihres Schleiers ab. Ihr Gesicht ist von der Sonne gebräunt, gütig, aber reserviert. Ab und zu lächelt sie über das Schauspiel der Hauptstädter, überzeugen kann es die 50-Jährige nicht. Natürlich müsse Beschneidung sein. Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, wiederholt sie das Müssen ein zweites, ein drittes Mal. „Es hilft den Mädchen, rein zu bleiben.“ Was genau sie unter Reinheit versteht, diese Antwort bleibt Batta schuldig. „Wir können nicht auf jedes Mädchen einzeln aufpassen, dass es nicht auf Abwege gerät. Wir brauchen sie schließlich auf dem Feld.“ Battas Worte spiegeln das Frauenbild der ägyptischen Gesellschaft: Es spricht Mädchen die Fähigkeit ab, ihre Sexualität zu kontrollieren.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Trotz Verbot werden Tausende verstümmelt</h2>
<p style="text-align: justify;">Nada hört Batta geduldig an, gibt ihre Aussagen ans Publikum weiter zur Diskussion. Nicht urteilen, das ist Teil des Konzepts. Dazu gehört auch, Meinungen zuzulassen, die es so eigentlich schon nicht mehr geben dürfte. Beschneidung steht seit 2008 offiziell unter Strafe. Doch wo kein Kläger, da kein Richter. Trotz Verbots werden nach wie vor tausende Mädchen verstümmelt, Prozesse gibt es bisher nur einen einzigen. Sohair Al Bataa hat ihre Beschneidung nicht überlebt. Ihr Vater und der behandelnde Arzt stehen deshalb vor Gericht. Beschneidungsgegner feiern den Prozess als Revolution, ein Urteil steht noch aus.</p>
<p style="text-align: justify;">Die zweite Aufführung des Tages neigt sich dem Ende zu. Die Frauen und Mädchen im Saal diskutieren wild durcheinander, sind aufgewühlt, Nada hat Mühe, die Diskussion zu lenken. Sie hebt einen Arm und bittet um Ruhe. Mit dem anderen erteilt sie einer Frau in der Ecke das Wort. Auf ihrem Schoß schläft ein kleines Mädchen. Sie habe noch ein zweites Kind, sagt sie, auch eine Tochter. 13 sei sie jetzt. Seit Wochen hadere sie, ob sie das Mädchen beschneiden lassen solle oder nicht. Doch nun sei sie sich sicher, es nicht zu tun. Es ist ein versöhnlicher Abschluss für diese Vorstellung und für Nada ein Zeichen, dass es sinnvoll ist, was sie hier tun.</p>
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		<title>&#8222;Überall auf dem Boden war Blut&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Nov 2014 00:01:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Namibia]]></category>
		<category><![CDATA[Boxen]]></category>
		<category><![CDATA[Felix Mescoli]]></category>
		<category><![CDATA[Mujandjae Kasuto]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Mittelgewichtsboxer Mujandjae Kasuto gilt als Namibias größte Medaillenhoffnung seit dem Sprinter Frankie Fredericks. Unser Autor Felix Mescoli hat ihn in seiner Küche in einem Windhoeker Armenviertel besucht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ueberall-auf-dem-boden-war-blut/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Der Mittelgewichtsboxer Mujandjae Kasuto gilt als Namibias größte Medaillenhoffnung seit dem Sprinter Frankie Fredericks. Unser Autor Felix Mescoli hat ihn in seiner Küche in einem Windhoeker Armenviertel besucht.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es riecht nach Schweiß! Mujandjae Kasuto ist gerade dabei, in einer grünen Plastikschüssel seine Trainingsklamotten zu waschen. Wie in Zeitlupe bewegt er die triefenden Jerseys in den blau-rot-grünen Landesfarben Namibias auf und nieder. Kasuto ist müde. Der 26-Jährige hat heute schon zwei aufreibende Übungseinheiten hinter sich. So kurz vor den Olympischen Spielen in London trainiert der Amateurboxer besonders hart. Durchs winzige Küchenfenster fallen die letzten Strahlen der Abendsonne. Es ist eng in der Einzimmerwohnung, die der Sportler mit Frau – sie ist Lehrerin – und Kind im ehemaligen Windhoeker Township Katutura bewohnt.</p>
<p style="text-align: justify;">In seine Trainingseinrichtung, eine heruntergekommene ehemalige Lagerhalle mit eingeworfenen Fensterscheiben, wollte mich die Armee nicht hineinlassen. Kasuto ist Angehöriger der Streitkräfte – fast die einzige Möglichkeit für Namibias ambitionierte Sportler an Geld zu kommen. Eine Nachwuchsförderung durch die Verbände gibt es nur selten. Und Kasutos Vorgesetzte haben eigenwillige Vorstellungen, was die Zugänglichkeit ihrer Athleten für die Öffentlichkeit angeht. Auch dieses Treffen in seiner Wohnung kommt erst nach mehreren Telefonaten und einem Besuch beim nationalen Boxverband (NBF) zustande.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Im südlichen Afrika alles gewonnen</h2>
<p style="text-align: justify;">In der Küche, die auch als Wohzimmer dient, steht ein Fernsher, der Bildschirm hat einen Sprung. „Den hat mein zweijähriger Sohn mit einer meiner Medaillen eingeworfen“, sagt Kasuto breit grinsend und rückt dem Gast einen Plastikschemel zurecht. An der Wand hängen dutzende Trophäen. Auf nationaler Ebene und in der Wettkampfzone 6, dem südlichen Afrika, hat der Mittelgewichtler (bis 75 Kilo) alles gewonnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Jetzt allerdings lasten auf seinen muskulösen Schultern die verbliebenen Medaillenhoffnungen des NBF für die Olympischen Spiele in London. Das fünfköpfige Team von Trainer Ali Muumbembi war nach einem Trainingsaufenthalt in Kuba mit reichlich Vorschusslohrbeeren zur Olympiaqualifikation in die marokanischen Metropole Casablanca gereist. Doch dann musste der Coach, selbst ein ehemaliger Commonwealth-Champion im Weltergewicht, mitansehen, wie seine Boxer der Reihe nach unterlagen: Mannschaftskapitän und Namibias größte Olympia-Hoffnung Jafet Uutoni wurde bereits im Auftaktkampf vom Ägypter Ramy El-Awadi in der ersten Runde ausgeknockt. Teamkollege Simon Johannes schied gar kampflos aus. Er hatte seinen Fight im Hotel verschlafen. Die mitgereisten Offiziellen hatten versäumt, ihrem Schützling die korrekte Anfangszeit zu nennen.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-2729-1" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-2729-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-2729-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-2729-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="40000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kasuto-Titel-1.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Kasuto (links) gegen Sobirdzhon Nazarov aus Tadschikistan bei den Olympischen Spielen 2012 in London. © Caroline Quinn, Boxing AIBA</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Mujandjae-Kasuto-4.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Caroline Quinn, Boxing AIBA</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Mujandjae-Kasuto-2.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Caroline Quinn, Boxing AIBA</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Mujandjae-Kasuto-3.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Caroline Quinn, Boxing AIBA</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Mujandjae-Kasuto-5.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Am Ende dieses Kampfes.... © Caroline Quinn, Boxing AIBA</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Mujandjae-Kasuto-1.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">... siegt Kasuko knapp nach Punkten. Trotzdem wird Kasuto am Ende der Spiele ohne Medaille nach hause fahren. © Caroline Quinn, Boxing AIBA</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-2729-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Kasuto-Titel-1-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Mujandjae-Kasuto-4-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Mujandjae-Kasuto-2-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Mujandjae-Kasuto-3-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Mujandjae-Kasuto-5-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/Mujandjae-Kasuto-1-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: justify;">Katastrophe für den Sonnenstaat</h2>
<p style="text-align: justify;">Schon drohte der erste Olympische Boxwettbewerb ohne namibische Teilnahme seit der Unabhängigkeit von Südafrika 1990. Eine Katastrophe für den stolzen Sonnenstaat, dessen sportliche Aussenbilanz, abgesehen von Wundersprinter Frankie Fredericks, der in den 90er Jahren die bisher einzigen olympischen Medaillen für sein Heimatland gewann, eher bescheiden ausfällt.</p>
<p style="text-align: justify;">„Wir waren top vorbereitet und voller Zuversicht. Aber plötzlich stand ich alleine da“, berichtet Kasuto in seiner Küche. „Ich habe mir gedacht: Mein Freund Uutoni ist ausgeschieden, meine Kameraden auch, es muss was passieren. Dann haben wir alle gemeinsam gebetet. Die anderen sagten, Du bist unsere letzte Hoffnung, der Trainer sagte: Du bist unsere letzte Hoffnung.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">Glocke &#8211; Bing! Tam Tam Tam!</h2>
<p style="text-align: justify;">So gestärkt stürzte sich Kasuto in die Schlacht gegen den Tunesier Hassan Chagtemi. „Das war Krieg“, erzählt der 1,78 Meter große Kämpfer und schüttelt sich schaudernd. „Mein Plan war, das einfach nur durchzustehen. Nach jedem Gong bin ich in die Ecke. Wie steht es? 5:2. Dann die Glocke: Bing! Und ich drauf: Tam Tam Tam!“ Kasuto redet sich in Rage, springt auf und führt eine blitzschnelle Links-Rechts-Kombination aus.</p>
<p style="text-align: justify;">„Dann wieder die Glocke: Bing! 10:9. Bing. Pam Papam! Die anderen schrien, Kasuto, Kasuto, Kasuto! Ich dachte, wenn ich nicht gewinne, mache ich die Computer der Kampfricher platt.“ Der Kampf endete 15:14 zugunsten des Namibiers. Es war verdammt knapp.</p>
<p style="text-align: justify;">Kasuto hat sich durchgeschlagen, mit dem Herz eines Löwen und der Beweglichkeit und Eleganz einer Gazelle. Beobachtet man ihn beim Training mit anderen Boxern, werden die Qualitätsunterschiede deutlich. Seit 20 Jahren betreibt der Junge aus dem Township den Boxsport. „Ein Nachbar hat mich 1992 mit ins Gym genommen“, erzählt er. Er war damals sechs Jahre alt. „Mann, überall auf dem Boden war Blut, da habe ich Angst bekommen und bin weggerannt.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Die haue ich weg&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Aber schon nach ein paar Wochen zog es den Jungen zurück. „Da waren diesmal noch andere Kinder und ich sagte, gebt mir ein paar Handschuhe, die haue ich weg.“</p>
<p style="text-align: justify;">Auf seinen Premierenkampf musste der Heißsporn allerdings noch vier Jahre warten. Mit zehn stieg er erstmals offiziell in den Ring, im Wüstennest Aranos am Rande der Kalahari. „Meinem Gegner habe ich gleich die Nase blutig gehauen. Ich war stark und mein Motto war: Keiner kann mich schlagen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Weil der junge Kasuto auch in der Schule diesem Wahlspruch folgte, flog er raus.  Nur dank der Fürsprache seiner Eltern wurde der Raufbold wieder aufgenommen, mit der Maßgabe, die Fäuste künftig unten zu lassen.</p>
<p style="text-align: justify;">Seinen ersten Titel holte Kasuto im Jahr 2003. Die Jugendmeisterschaft in Rundu an der Grenze zum Nachbarstaat Angola. Nicht nur deshalb ein denkwürdiger Kampf: „Mann, der Typ ging zu Boden und hörte auf zu atmen. Dann kam der Doktor und spritzte ihm etwas Wasser ins Gesicht, da ist er wieder aufgewacht. Gott sei Dank!“</p>
<h2 style="text-align: justify;">Stolz in Peking</h2>
<p style="text-align: justify;">Weitere Highlights auf Kasutos langer Liste von Erfolgen: die Afrikameisterschaft 2007 und die Olympischen Spiele in Peking. Da schied der damalige Weltergewichtler (bis 69 Kilo) zwar schon im ersten Kampf gegen den Russen Andrey Balanov aus. Trotzdem hegt er positive Erinnerungen an die Spiele: „Damals waren wir sogar 11 Athleten, Uutoni trug die Flagge bei der Eröffnungsfeier. Es war wunderschön.“ Nach London werden immerhin neun namibische Sportler fahren.</p>
<p style="text-align: justify;">Zurück zur jüngsten Vergangenheit: Er, Kasuto, hatte also die Olympiateilnahme des Box-Teams in London durch seinen Sieg in Marokko gesichert. Im Halbfinale gegen den Algerier Abdelmalek Rahou hätte er es also ruhig angehen lassen können. Doch das kam nicht infrage, der Namibier hatte Blut geleckt. „Wenn der Punkte von mir will, soll er sie sich holen, dachte ich mir und hab ihn kommen lassen.“ Wieder springt er auf, die Fäuste sausen durch die stickige Küchenluft.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Gold oder Nichts</h2>
<p style="text-align: justify;">Am Ende behielt der Schwarzafrikaner mit 12:11 die Oberhand. Silbermedaille. Der Sieg im Finalkampf allerdings ging mit 10:2 überlegen an den Lokalmatador Badr-Eddine Haddioui. „Ich habe ihn gewinnen lassen“, behauptet Kasuto. „Mein Ziel ins Finale zu kommen, hatte ich erreicht. Warum etwas riskieren?“</p>
<p style="text-align: justify;">Und was sind seine Ziele für Olympia in London? „Dazu sage ich nichts. Wenn ich in der ersten Runde rausfliege heißt es sonst, ich hätte was versprochen.“ Sein Lachen hallt bis auf den Hof. „Aber ich bin bereit. Es ist alles möglich. Von Nichts bis Gold.“ Dann wäre die Nation glücklich, und Kasuto-Junior hätte wieder was zum rumschmeißen. Pam, Papam, Tam Tam Tam, tänzelt Kasuto durch seine Küche.</p>
<h5 style="text-align: justify;"><em>Nachtrag: Kasuto errang in der Vorrunde einen knappen Sieg gegen den Tadschiken Sobirjon Nazarov. Verlor aber seinen zweiten Olympiakampf und schied im Achtelfinale gegen den Ungar Zoltán Harcsa aus. Bei den Commonwealth Games 2014 im schottischen Glasgow schied Kasuto ebenfalls im Achtelfinale aus. Er verlor gegen den späteren Silbermedalliengewinner Vijender Vijender aus Indien.</em></h5>
<p style="text-align: justify;"><div class="su-spacer" style="height:30px"></div></p>
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		<title>Ohne Wasser kein Leben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Oct 2014 05:36:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marokko]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Landwirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Tilo Mahn]]></category>
		<category><![CDATA[Tiout]]></category>
		<category><![CDATA[Wasser]]></category>
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					<description><![CDATA[Hassan Morssli erlebt jeden Tag, was es heißt, in Marokko von der Natur abhängig zu sein. Das dringend benötigte Wasser für seine Oase geht Jahr für Jahr ein Stück mehr verloren. Die Bauern in Südmarokko stolpern in einen Wettlauf zwischen Klimaveränderung und autodidaktischer Bauplanung.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ohne-wasser-kein-leben/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Hassan Morssli erlebt jeden Tag, was es heißt, in Marokko von der Natur abhängig zu sein. Das dringend benötigte Wasser für seine Oase geht Jahr für Jahr ein Stück mehr verloren. Die Bauern in Südmarokko stolpern in einen Wettlauf zwischen Klimaveränderung und autodidaktischer Bauplanung.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Wenn Hassan Morssli von seinem Tal auf die Berge blickt, sucht er die hellen Flecken im Schatten der Gipfel. Dort, wo die sengende Sonne Marokkos die hinter Felsen verborgenen Schneefelder noch nicht schmelzen konnte, liegt für ihn der Ursprung seines Lebensunterhalts. Die Schneeschmelze aus den Bergen bringt den Bauern das ersehnte Wasser. Hassan Morssli und die anderen warten jedes Jahr auf einer der Hochebenen Südmarokkos, eingekeilt zwischen Atlas- und Antiatlasgebirge, dass die Natur ihnen gibt, was sie zum Ackerbau brauchen.</p>
<p style="text-align: justify;">Aus bis zu 4000 Metern Höhe suchen sich die Flussläufe nach dem Winter ihren Weg durch Schluchten und Täler, die auch Tausende von Touristen auf ihrem Weg durch das Land durchqueren. Im kleinen Dorf Tiout empfängt Hassan Morssli die Reisenden wie ein ruhender Pol inmitten der Aufregung über viel zu viele Eindrücke. Auf den Ackerflächen in den langen grünen Streifen seiner Oase verfolgt er zusammen mit ihnen die letzten Ausläufer der Flüsse, die seine Felder bewässern. Der Weg durch sein selbst ernanntes Paradies führt Hassan Morssli und seine Gäste tief in einen Blätterwald, mal dicht und grün, mal kahl und stachelig. Je nach Jahreszeit, abhängig davon, wie weit das Wasser schon gekommen ist.</p>
<p style="text-align: justify;">Immer wieder geht der 57-jährige Marokkaner in die Knie und hält seine linke Hand in die Kanäle zwischen den Feldern. Sein anderer Arm schweift über die erdigen Beete und Sträucher vor ihm, während er seinen Gästen erzählt. „Was wir hier finden, ist über Jahre hinweg von unseren Eltern gehegt und gepflegt worden. Hier wachsen Mandeln genauso wie alle Arten von Gemüse, immer im Rhythmus der Fruchtfolge und der Reifezeiten. Dieses Reichtum an Ernte und diesen Rhythmus, den unsere Eltern hier einst vorgegeben haben, verfolgen wir seit Jahrzehnten weiter.“</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-tiout-marokko-2" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-tiout-marokko-2 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-tiout-marokko-2 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-tiout-marokko-2 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="120000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Baum_Ziegen_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Um an die Früchte des Arganbaumes zu gelangen, klettern Ziegen auch gerne mal in Bäume. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Ackerbau_Oase_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Entlang der Wasserläufe im Süden von Marokko wird Ackerbau betrieben. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Ackerbau_trocken_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Durch Hitze und Sonne dörrt die Oberfläche des Bodens aus. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Dattelstauden_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Dattelpalmen wachsen vorwiegend in trockenen Gebieten. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Frauen_waschen_fluss_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Noch heute waschen viele Menschen auf dem Land ihre Wäsche im Fluss. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Oase_fluss_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Entlang einer Wasserquelle grünt das Leben. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Hassan_Morssli_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Hassan Morssli will die Tradition der Landwirtschaft der Eltern und Großeltern fortführen. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Wasserreservoire_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das große Wasserreservoir in Tiout, eine Betongrube inmitten der Oase, dient als Auffang- und Sammelbecken. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Ackerbau_Oase_Berge_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Wasserversorgung auf dem Land ist komplizierter. Staatliche Stellen kümmern sich immer erst um die Städte. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_souss_tal_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Oase_Tiout_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In der Oase von Tiout wachsen Orangen, Datteln, Feigen und Granatäpfel, über weite Flächen aus furchigem Boden, dürren Sträuchern und hohen Palmen verteilt. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Tal_Ammeln_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Menschen haben ihre Häuser an den Rand der Oase gebaut. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Anti_Atlas_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Schneeschmelze im Frühjahr bringt das ersehnte Wasser in die Flussläufe. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Sahara_Auslaeufer_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Jedes Jahr wächst die Sahara und verschlingt ein Stück fruchtbaren Boden. © Tilo Mahn</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_sahara_tilo_Mahn.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Tilo Mahn</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-tiout-marokko-2-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Baum_Ziegen_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img 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src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_Sahara_Auslaeufer_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/Marokko_sahara_tilo_Mahn-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Die Tradition weiterführen</h2>
<p style="text-align: justify;">Nicht weit von der Oase von Tiout, in der nahe gelegenen Stadt Taroudant, ist Hassan Morssli aufgewachsen. Sein Großvater war Bauer, seine Eltern haben die vererbten Parzellen zwischen Palmen und Sträuchern bewirtschaftet. Hassan ist der nächste Erbe und Teil einer neuen Entwicklung in Marokko. Als Sohn einer Bauersfamilie hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Tradition seiner Eltern und Großeltern weiterzuführen. Allerdings kaum noch mit Spitzhacke und Rechen, sondern vielmehr als moderner Verwalter seines Ackerlandes und Fremdenführer für Touristen.</p>
<p style="text-align: justify;">Wer etwas über die Oase in Tiout in Südmarokko am Fuße des Antiatlasgebirges erfahren will, kommt selten an Hassan Morsslis Erzählungen vorbei. An der Straßengabelung zu einem Feldweg Richtung Oase empfängt er seine Gäste und bietet Ihnen gegen Bezahlung eine Tour im eigenen Fahrzeug, zu Fuß oder auf dem Rücken eines Esels durch sein Paradies an.</p>
<p style="text-align: justify;">Zusammen mit drei Generationen lebt Hassan Morssli am Rande der Oase von Tiout, eine der größten und fruchtbarsten in Südmarokko. Grüne Terrassen, braune Ackerfurchen und gelbe Dattelstauden zeichnen ein buntes Bild vor die kargen Riesenecken des Antiatlasgebirges. “Klein-Kalifornien” nennen die Marokkaner die Gegend wegen der vielen Zitrusplantagen, die das Braun der Steine und Felsen mit leuchtenden Farben durchbrechen. Doch um ihren Schatz zu bewahren und interessierten Touristen marokkanischen Ackerbau erklären zu können, müssen Hassan Morssli und die anderen Bauern jedes Jahr ein Stück mehr mit den klimatischen Bedingungen in ihrem Land kämpfen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Ständige Suche nach neuen Quellen</h2>
<p style="text-align: justify;">Der gläubige Moslem will seinen Gästen zeigen, was es heißt, von Natur und Wetterwechsel im 21.Jahrhundert abhängig zu sein. Während er den Gruppen auf der Tour durch Schlupflöcher aus weichen Blättern und über Trampelpfade entlang der Ackerfurchen reife Datteln von den Palmen pflückt und frischen Klee vom Feld rupft, erzählt er von früher. „Inzwischen ist der Wasservorrat in Marokko immer weiter zurückgegangen. Viele Trockenzeiten haben das Wasser weniger werden lassen. Unsere Eltern erzählen noch heute von großen Wasserwegen mit 20 bis 25 Kanälen, die sich hier durchgezogen haben. So hatte man noch weit entfernt von den Dörfern Zugang zu Wasser. Heute sieht man deutlich, dass sich die Oase selbst aufgrund des Wassermangels zurückgezogen hat und den Trockenzeiten Tribut zollen muss.“</p>
<p style="text-align: justify;">In der Oase von Tiout wachsen Orangen, Datteln, Feigen und Granatäpfel, über weite Flächen aus furchigem Boden, dürren Sträuchern und hohen Palmen verteilt. Wer hier eine Parzelle als Ackerland hat, kann sicher sein, dass er auch regelmäßig etwas erntet – bei Weitem keine Selbstverständlichkeit im trockenen Marokko. Mal mehr Ertrag, mal weniger, mal früher, mal später. Der Zugang zu Wasser im Land ist bestimmt durch große geologische Unterschiede in den Regionen und stellt die Bevölkerung vor die Herausforderung, ertragreiche Quellen ständig neu erschließen zu müssen.</p>
<p style="text-align: justify;">Das große Wasserreservoir in Tiout, eine Betongrube inmitten der Oase, dient als Auffang- und Sammelbecken. Im Sommer gehen Kinder im klaren Gebirgswasser schwimmen. Seinen Gästen erklärt Hassan Morssli am Ufer der Ablaufkanäle, wie die Bauern ihr Wasser speichern und es möglichst verlustfrei auf die riesige Fläche aus Hunderten von Parzellen verteilen. An den abzweigenden Kanälen fischt er einzelne Blätter aus dem Wasser und setzt sie fünfzehn Meter weiter stromaufwärts wieder ein. Die beiden taumelnden grünen Schiffe biegen an einer Abzweigung exakt in den Kanal, aus dem Hassan Morssli sie entnommen hat. Das klare Wasser ohne ein einziges Blatt oder Dreck auf der Oberfläche läuft geradeaus weiter in das weiter verzweigte System, das die Parzellen der Oase von Tiout ernährt. „So reinigen wir auf einfache Weise unser kostbares Wasser“, sagt Hassan Morssli.</p>
<h2 style="text-align: left;">Zuerst die Stadt, dann das Land</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Quellen sind vorhanden, nur müssen sie erschlossen und gesteuert werden. Über Hunderte von Kilometern liegen im Tal rund um die Oasen Leitungen im sandigen Boden begraben. Ein Netz aus Rohren zieht sich über alle Höhenlagen durch ganz Marokko, von Verteilungsschacht zu Verteilungsschacht. Zwischen kargen Hochebenen, trockenen Flussläufen, überlaufenen Städten und satten Oasen sind die Wege oft weit, die das Wasser aus den wenigen Ursprungsquellen und Stauseen zurücklegen muss. Unter der Decke aus Steinen, Sand und Steppe versiegt vieles, bevor es am Ziel ankommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Hassan Morssli und die anderen Bauern wollten nie abhängig sein von den geplanten Fernleitungen der Regierung. Sie haben in ihrer Oase ihre eigenen Kanäle geschaffen, um das Wasser zu bündeln und zu leiten. Vom großen Reservoir zweigen lange Betonrinnen in alle Richtungen. An Zwischenmauern läuft das Wasser durch Löcher und fällt in kleinen Wasserfällen auf die nächste Stufe des Bewässerungssystems „Die Kanäle bestanden früher aus Lehm, Erde und Steinen. Aber nachdem die Quelle hier in Hochzeiten viel Wasser anbringt, haben wir uns entschieden, die Kanäle zu begradigen und sie aus Beton zu bauen, damit kein Wasser verloren geht“, erklärt Hassan Morssli.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwischen den großen Städten, entlang der nicht enden wollenden Serpentinenstraßen und Gebirgsketten, liegen immer mehr künstliche Wasserwege vergraben. Alle paar hundert Meter schrauben sich schnabelförmige Wasserrohre aus dem Boden, unter dem die Wasserleitungen im Auftrag der nationalen Trinkwasserbehörde ONEP (Office National de l`Eau Potable) verlegt sind. Die ONEP ist verantwortlich für die Versorgung der Städte. Felder, Oasen oder gar private Anschlüsse weit draußen auf dem Land fallen jedoch nicht in ihr Aufgabengebiet. Zuerst sollen die Zentren versorgt werden. Außerhalb der Städte sind die Leute häufig auf sich alleine gestellt.</p>
<h2 style="text-align: left;">Immer weniger Regen</h2>
<p style="text-align: justify;">Hassan Mahdi ist einer der Mitarbeiter der ONEP in Taroudant. Wenn er nicht in seinem Büro sitzt, vor Flächenplänen und Skizzen, verfolgt er die Arbeit seiner Angestellten draußen in der Steppe. „Wir haben hier in Marokko ein halbwegs funktionierendes Wasserernährungssystem. Wenn wir allerdings neue Wasserwege erschließen wollen, muss zuerst geprüft werden, wo es eine geeignete Quelle dafür gibt. Und alles muss anhand verlässlicher Informationen belegt sein. Erst dann kann man Bohrungen planen und durchführen. Das Ganze dauert unglaublich lange und ist sehr aufwendig.“</p>
<p style="text-align: justify;">Marokko ist darauf angewiesen, seine geologischen Eigenheiten möglichst effizient zu nutzen. Schmelzwasser aus den Bergen, Niederschläge während des Winters und unterirdische Quellen müssen so erschlossen werden, dass das gesammelte Wasser die Bevölkerung über die trockenen und heißen Sommermonate bringt. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge während der letzten 30 Jahre ist um ein gutes Drittel gesunken im Vergleich zu den vorausgegangenen 30 Jahren. Das wichtige Oberflächenwasser kann in Marokko bisher nur zu knapp zwei Drittel ausgeschöpft werden. Zu schwer ist es in einigen Regionen zugänglich. Zu wenig ist die Infrastruktur in vielen Landesteilen noch ausgebaut.</p>
<p style="text-align: justify;">„Hydrologen kommen zu uns und untersuchen den Untergrund. Ein weiteres Büro, das die beauftragten Studien durchführt, erstellt dann Übersichten, die belegen müssen, ob die Maßnahmen rentabel sind oder nicht. Darin enthalten sein müssen alle anfallenden Kosten und Aufwände, sowohl in Bezug auf Energie als auch auf die Maßnahmen selbst. Das alles muss haargenau nachgewiesen werden“, erzählt Hassan Mahdi, der zuständig ist für die Planung in Taroudant.</p>
<p style="text-align: justify;">In Zusammenarbeit mit europäischen Organisationen versuchen die marokkanischen Behörden, auch auf dem Land das Wasser dorthin zu leiten, wo es am dringendsten gebraucht wird. Nur enden die Vorzeigeverfahren meist bei der Optimierung von Stauseen oder Salzwasser-Wiederaufbereitungsanlagen und erreichen nur selten die abgelegenen Gegenden. Besonders im Landesinneren, in den Tälern zwischen hoch aufragenden Gebirgsketten, müssen die Einwohner häufig auf sehr einfache Weise ihr Wasser speichern und bis zu ihrem Haus oder Grund leiten.</p>
<h2 style="text-align: left;">Am schnellsten hilft sich jeder selbst</h2>
<p style="text-align: justify;">„Wer in Marokko lebt, muss sich den Gegebenheiten der Natur anpassen“, betont Hassan Morssli, wenn er auf seiner Tour entlang der Wasserkanäle Palmblätter zur Seite schiebt und über die Rinde der Stämme streicht. Unterhalb der alten Kasbah, die auf der Anhöhe über der Oase thront und Touristen zum Mittagessen einlädt, deutet er am Wegesrand auf in den Hang geschlagene runde Betonsockel. Die verfallenen Brunnen zeugen von vergeblicher oder vergessener Mühe, an das tief liegende Grundwasser Marokkos zu gelangen.</p>
<p style="text-align: justify;">In Marokko darf jeder Bürger auf eigene Kosten nach Grundwasser bohren und es für sich auf seinem Grundstück nutzen. Eigene Reservoirs und primitive Kanalanlagen sollen das Wasser dort bündeln, wo die Bewohner es im Haus oder auf dem Feld brauchen. Lange Strecken von Betonrillen, Gartenschläuchen und verrosteten Wasserrohren schlängeln sich zwischen Arganbäumen über die Terrassenlandschaft rund um die kleinen Dörfer unterhalb der Gebirgsketten. Auf dem Land wird der Großteil des in Marokko verfügbaren Oberflächenwassers verbraucht. So schnell wie möglich, so lange es da ist. Immer abhängig davon, was der Winter bereitgestellt und der Sommer übriggelassen hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Klima-Experten sagen dem südlichen Mittelmeerraum eine deutliche Erwärmung voraus. Auch die Regenmassen könnten immer weniger werden, befürchten sie. Bis 2080 könnte sich die durchschnittliche Menge um 20 bis 40 Prozent verringern. Gleichzeitig entstehen in Marokko immer mehr Tourismuszentren und Industrie, deren Durst nach Wasser immer größer wird. Swimmingpools und Golfplätze stehen plötzlich auch dort, wo es eigentlich kaum festen Untergrund gibt. An der Grenze zur Wüste und im trockenen Bergland plantschen die Touristen in hellblau gekachelten Becken, um sich den staubigen Sand vom Körper zu waschen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Das Vertrauen in Gott ist größer als in die Regierung</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn Hassan Morssli in seiner Oase zwischen grünem Klee und roten Granatäpfeln steht, deutet er immer wieder stolz in alle Richtungen, um die Ausmaße der größten Grünfläche im Umkreis zu unterstreichen. Den Touristen, die zu ihm kommen, um einen Blick in sein Paradies zu erhaschen, erklärt er geduldig, warum den Bauern für eine ausreichend ertragreiche Ernte immer mehr Erfahrung und Ausdauer fehlen. „Das Wasser ist weniger geworden und im gleichen Atemzug sind die Leute weniger geworden, die hier arbeiten. Wahrscheinlich sind die sogar schneller verschwunden. Die Jugendlichen wollen hier sowieso kaum noch arbeiten. Sie wollen woanders schnell Geld verdienen. Es gibt nur noch wenige, die wirklich Spaß daran haben, auf dem Feld zu sein, etwas mit der Hand zu schaffen oder zumindest einen Traktor zu fahren. Die Jugend zieht es in die Stadt und will leben wie in Europa.“</p>
<p style="text-align: justify;">Für die Zukunft soll auch der 2008 ins Leben gerufene Plan „Maroc vert“, grünes Marokko, der Landwirtschaft Marokkos mehr Aufmerksamkeit und Hilfe bringen. Auch das Thema Wasserversorgung steht als einer der zentralen Punkte ganz oben auf der Liste des Plans. Mit Begriffen wie moderne Anlagentechnik, technische Unterstützung oder begleitende Maßnahmen kann Hassan Morssli für die Zukunft seines Paradieses wenig anfangen. Seit drei Generationen halten seine Familie und die anderen Bauern die Oase von Tiout am Leben. Mit einfachen Mitteln und einem tiefen Vertrauen, das ihnen die Regierung nicht geben kann. „Sobald hier im Winter wieder genug Schnee liegt und es ausreichend regnet, kommt auch das Wasser zu uns zurück. Bisher hatten wir zum Glück nie ganz ernste Probleme. Es gibt immer noch Wasserquellen. Die Quellen unserer Eltern sind am Leben, sie sind nur etwas ermüdet. Dank Gott sind wir hier immer noch im Paradies.“</p>
<p style="text-align: justify;">Als Hassan Morssli beim Erzählen abermals die Hände nach oben reckt und den Blick hebt, streifen seine Augen den Jebel Toubkal. Marokkos höchster Berg verschwimmt am Horizont im Gegenlicht. Im diffusen Bild aus Sonne, Wolken und Nebelschwaden suchen die Augen von Hassan Morssli vergeblich nach hellen Flecken von Schnee. Dann wandert sein Blick weiter nach oben über die Wolken und Hassan Morssli lächelt in den Himmel.</p>
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		<title>&#8222;Die großen Tiere sind am faulsten&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Oct 2014 02:36:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Namibia]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Felix Mescoli]]></category>
		<category><![CDATA[Namib]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Beim Wandern in der Namib-Wüste in Namibia kann der Mensch sowohl die absolute Stille, als auch die Lebenskraft der Natur erleben. Unser Autor Felix Mescoli hat es ausprobiert. Eine Wanderung durch eine trockene, aber lebendige Welt.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/namib-wueste-leben-im-nichts/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Beim Wandern in der Namib-Wüste in Namibia kann der Mensch sowohl die absolute Stille, als auch die Lebenskraft der Natur erleben. Unser Autor Felix Mescoli hat es ausprobiert. Eine Wanderung durch eine trockene, aber lebendige Welt.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Dass die Wüste lebt, ist spätestens seit dem gleichnamigen Tierfilm von James Algar, der 1953 zum Welterfolg wurde, kein Geheimnis mehr. Dass aber ausgerechnet ein so ungastliches Exemplar wie die Namib an der Westküste des südlichen Afrika, mit Tagestemperaturen von bis zu 50 und Nachttemperaturen unter 0 Grad, jahrzehntelangen Trockenperioden, regelmäßigen Sandstürmen und turmhoch aufragenden Dünen, ein derart geschäftiges kleines Ödland ist, dass war vor der dreitägigen Wanderung über den feinen, rostroten Sand nicht zu erwarten.</p>
<p style="text-align: justify;">Schließlich bedeutet die Bezeichnung Namib in der Sprache des dort lebenden Nama-Volkes „Ort, wo nichts ist“ oder „Leerer Platz“. Und die Leute werden sich bei der Namensgebung ja irgendwas gedacht haben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Himmel oder Hölle</h2>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Ein Freund hat mir einmal gesagt, hast du Essen und Wasser, ist die Wüste der Himmel auf Erden. Wenn nicht: die Hölle&#8220;, erzählt Ueeraije Tjambiru fröhlich. Als Führer nimmt er die Wandergesellschaft am Ausgangspunkt der dreitägigen Ödland-Tour auf dem Tok Tokkie-Trail, einem ehemaligen Farmhaus sechs Autostunden südlich der namibischen Hauptstadt Windhoek, in Empfang. Unbarmherzig brennt die Mittagssonne auf das trockene Grasland ringsum. Im Schatten auf der Terrasse ist es angenehm kühl, dennoch schenke ich mir aus dem bauchigen Krug vorsorglich noch einmal Zitronenlimonade nach. Eiswürfel klirren gegen Glas. Aaaahh.</p>
<p style="text-align: justify;">Am Tisch unter dem schützenden Vordach hat sich unsere sechsköpfige Reisegruppe versammelt;  Frischverheiratete aus dem flämischen Teil Belgiens auf Hochzeitsreise, saturierte Eheleute aus einem Pariser Vorort auf der Flucht vor dem Stress der Großstadt, der Schreiber nebst Reisebegleitung. Tjambiru, den alle nur Domingo nennen, gibt letzte Verhaltensmaßregeln: beim Laufen den Untergrund im Auge behalten &#8211; wegen giftiger Kriechtiere, ausreichend trinken, einen Hut aufsetzen und, auf jeden Fall, statt kurzer Hosen lange tragen.</p>
<p style="text-align: justify;">Schnell noch die Wasserflaschen auffüllen, dann kommt schon der Marschbefehl. Hintereinanderweg, in Gänseformation dem kräftig ausschreitenden Führer folgend, geht es weg vom Farmhaus, weg von der Zivilisation, hinaus aufs unendlich scheinende Dünenmeer, dem Unbekannten entgegen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Durch messerscharfe Halme</h2>
<p style="text-align: justify;">Aus dem Unbekannten heraus materialisiert sich zunächst hüfthohes Gras. Denn hier, an der Grenze des Namib-Rand-Naturreservats, zusammengefasst aus fünf ehemaligen Farmen, mit 172.000 Hektar einem der größten privaten Naturschutzgebiete Afrikas, sind die Dünen bewachsen. Die messerscharfen Halme ritzen bei unvorsichtiger Berührung sofort die Haut, schnell sind Hände und Unterarme mit juckenden Kratzern übersät. Gebahnte Wege gibt es auf dem Tok Tokkie-Trail nicht. Trotz der brütenden Hitze bin ich plötzlich sehr dankbar für meine langen Hosen.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Das ist Namib Dünengras&#8220;, erklärt Domingo, den Bewuchs mit seinem Wanderstock zur Seite drückend. Auf gar keinen Fall zu verwechseln mit dem sehr ähnlichen Kalahari Dünengras! Was denn der Unterschied sei? Das Namib Dünengras wachse nur hier, sagt Domingo lakonisch, das Kalahari Dünengras nur in der mächtigen Sandwüste weiter im Norden. Eigentlich logisch.</p>
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                                Wüstenführer Domingo. Foto: Felix Mescoli
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<p style="text-align: justify;">Überall dagegen wächst das sich abgerolltem Natodraht ähnelnde Straußengras. &#8222;Ein Gras mit Attitüde&#8220;, wie Domingo lachend erklärt. Ein weiterer Pluspunkt für die langen Hosen. Wie handhaben das nur die in sicherer Entfernung vorbeiziehenden Spießböcke? Die mieden die Stachlbewehrten Halme und hielten sich an zartere Gräser,  berichtet der Guide.</p>
<h2 style="text-align: left;">Auf der Suche nach der weißen Lady</h2>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Stopp!&#8220;, ruft Domingo unvermittelt und deutet mit seinem nun als Zeigestab dienenden Stock auf einen etwa Centstück großen Punkt im Sand. Der Eingang zum Bau einer Radspinne. Er markiert die Öffnung mit einem Grashalm und schiebt den Sand mit den Händen vorsichtig beiseite. Nach einigem Wühlen fördert er einen fast zehn Zentimeter langen Schlauch  aus seidigem Gespinst zu Tage. Im Inneren lauert üblicherweise das gespenstisch bleiche Insekt, auch &#8222;White Lady&#8220; genannt. Lässt sich ein Beutetier verleiten, das Nest zu betreten, zieht es mit einem Faden, zack, die Falltür zu.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch der Bau ist verwaist. Domingo zeigt auf ein Gewirr von Linien im Sand, Spuren. &#8222;Eine Eidechse kam vorbei, es gab einen Kampf mit der Spinne&#8220;, erläutert er die winzigen Abdrücke. Vielleicht habe das Reptil das Insekt vertilgt, vielleicht war es aber auch umgekehrt. Domingo zuckt die Schultern. &#8222;First come first serve&#8220;, sagt er. &#8222;Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.&#8220; Das sei eben das Gesetz der Wüste.</p>
<h2 style="text-align: left;">Im Nachtlager</h2>
<p style="text-align: justify;">Nach knapp zwei Stunden Fußmarsch erblicken wir in einer Senke das Nachtlager. Domingo teilt die Unterkünfte zu. Zwischen den Dünen sind paarweise Feldbetten aufgestellt, jeweils im gebührendem Abstand zum nächsten &#8222;Doppelzimmer&#8220;. Darunter ein kleiner Teppich, so dass niemand sandigen Fußes in die dicke Bettrolle kriechen muss. Daneben eine Gepäckablage – die Reisehabseligkeiten werden von der Begleitmannschaft transportiert –, ein Beistelltischchen, ein Kanvas-Waschbecken. Darüber: das Himmelszelt.</p>
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                                Dopppelbett unter freiem Himmel. Foto: Felix Mescoli
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<p style="text-align: justify;">Wer möchte, kann sich in der Wüstendusche vom mehlfeinen Staub befreien. Faktotum Willie Lammert, dessen Name so deutsch wie seine äußere Erscheinung afrikanisch ist, füllt dafür warmes Wasser in den im Geäst eines der wenigen Bäume baumelnden Eimer. Daran ist ein Duschkopf befestigt. Als Sichtschutz dient zum Lager hin eine Bretterwand, an den übrigen drei Seiten herrscht freie Sicht. Einerlei, die einzigen Beobachter weit und breit sind die spatzengroßen Webervögel. Und so dicht beieinander wie deren Hängenester in den Akazienkronen angebracht sind, scheren sie sich nicht um Intimität.</p>
<p style="text-align: justify;">Nichts für Zimperlieseln ist auch die Toilette. Sie ähnelt solchen auf Rockfestivals, allerdings fehlen Dach und Tür. Auf letztere allerdings verzichtet man an erhöhter Stelle thronend angesichts der Aussicht gerne. Vor dem Auge liegen sich nahezu unbeschränkt ausbreitende Grasflächen, nur am rechten Rand des Gesichtsfeldes begrenzt von in der Abendsonne blaurot schimmernden Bergen. Auf Neudeutsch nennt man das wohl einen „Wow-Moment“.</p>
<h2 style="text-align: left;">Die Welt ist weit weg</h2>
<p style="text-align: justify;">Vor dem Dinner vertreibt ein Sundowner auch die letzten verbliebenen Schatten von Alltagssorge. An der ebenfalls im Freien aufgestellten Tafel reichen Willie und Feldköchin Jawnestie Springbock Stroganov mit grünen Bohnen. Die Gäste plaudern über Politik. Die Belgier beteuern, dass die Regierung in Brüssel, die nach mehr als einem Jahr politischer &#8222;Kopflosigkeit&#8220; unter Ministerpräsident Di Rupo die Arbeit aufgenommen hat, nicht bloß eine Fata Morgana sei. Die Franzosen berichten vom Wahlsieg des Sozialisten François Hollande. Doch in der Wüste ist das alles irgendwie weit weg, nicht nur geografisch.</p>
<p style="text-align: justify;">In der Nacht will sich der Schlaf nicht einstellen. Ob das nun an den dem Mitteleuropäer ungewohnten Sternbildern der südlichen Hemisphere oder der völligen, nahezu in den Ohren dröhnenden, Stille in der Namib liegt? Jedenfalls: kein Tier, kein Vogel, kein Insekt ist zu hören. Nichteinmal der Wind, geschweige denn ein Auto. Absolute Ruhe.</p>
<p style="text-align: justify;">Allerdings endet die Nachtruhe schon vor Sonnenaufgang. Domingo steht mit einer heißen Tasse Kaffee am Feldbett, Willie füllt warmes Waschwasser ins Becken. Purer Luxus nach der eisigen Wüstennacht. Das Frühstück wartet schon, Domingo drängt zum Aufbruch noch vor der Hitze des Tages. Doch Stop! Erst Schuhe ausklopfen, falls hier ein Wüstenbewohner vor der nächtlichen Kälte Unterschlupf gesucht hat.</p>
<h2 style="text-align: left;">Feen in der Einöde</h2>
<p style="text-align: justify;">Um sieben ist auch der Letzte startbereit. Während des Vormittags erklimmen wir den Hufeisenberg. Der steile Weg führt über Stock und Stein &#8211; hauptsächlich Stein, denn an Stöcken herrscht Mangel in der felsigen Einöde. Größere Tiere, sogar Pferde leben hier, zeigen sich nicht, nur deren Hinterlassenschaften. Die der mächtigen mannshohen Oryxantilope etwa sind kaum größer als Hasenköttel. Das spare Flüssigkeit, sagt Domingo. Anders als ein in seiner Wässrigkeit nahezu verschwenderischer Kuhfladen.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Abstieg wartet die nächste Überraschung. Die Grasflächen, durch die das trockene Flussbett führt, das nun als Weg dient, sind übersät mit kahlen runden Flächen. Warum in diesen sogenannten Feenkreisen nichts wächst, ist nicht abschließend geklärt. Im Verdacht stehen laut Domingo Erntetermiten, die im Umfeld ihres Nests das Gras abfressen, giftige Gase und: Feen.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach einer von der unerhörten Stille diesmal weniger beeinträchtigten Nachtruhe gibt es als Morgenlektüre die &#8222;Wüstenzeitung&#8220;. Ihre Seiten sind eng bedruckt, die Schrift schwer zu lesen. In Zentimeterabstand ist der orangene Untergrund übersäht mit gewundenen Linien, geraden Strichen, spitzen Zacken und winzigen Punkten, in Einzel- und Doppelreihen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Tierische Geschichten</h2>
<p style="text-align: justify;">Domingo liest vor: Von ihren Abenteuern berichten die beinlose Glattechse, der unter Tage lebende Goldmull, ein bedächtiger Gecko, die stets scharfzüngige Kapkobra, der wie immer schmutzige Wäsche waschende Mistkäfer, die naseweise Wüstenmaus und natürlich, der flinke Vielschreiber und Namenspatron unserer Unternehmung, der langbeinige Tok Tokkie-Käfer. „Seht ihr, die großen Tiere sind faul, aber die kleinen Tiere, die sind immer aktiv“, sagt Domingo. Recht hat er. Ein sehr lebendiges Blatt diese Wüstenzeitung, kein Zweifel.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Zeitungsstudium schreitet Domingo weiter zügig voran über die jetzt unbewachsenen Dünen. Ich lerne, eine Düne zu erklimmen, ist wie eine Rolltreppe entgegen der Laufrichtung hochsteigen. Eine ziemliche Sysiphos-Aufgabe, wegen des stets nachgebenden Sandes. Auf dem Kamm holt Domingo einen Magneten aus der Tasche und zieht ihn über den Sand. Schwarze Eisenpartikel bleiben wie Schuppen daran haften.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Sand komme aus den Drakensbergen im Osten Südafrikas, erklärt Domingo und beginnt mit dem Stock eine Karte auf den Boden zu zeichnen. Von dort hat ihn der Oranje-Strom, der an seinem Unterlauf die Grenze zu Namibia bildet, gut zweitausend Kilometer in seinen Fluten mitgeführt.</p>
<h2 style="text-align: left;">Gigantischer Sandkasten</h2>
<p style="text-align: justify;">An der Flussmündung hat der Benguela-Meeresstrom die Sedimente mitgerissen und weiter im Süden wieder an Land gesspühlt. Von dort hat der Südwestwind die feinen Körner landeinwärts getragen und so, nach und nach, diesen 95.000 Quadratkilometer großen Sandkasten angelegt, durch den unsere Gruppe seit zwei Tagen stapft.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Sowas geschieht natürlich nicht über Nacht&#8220;, sagt Domingo beflissen. Im Gegenteil: 80 Millionen Jahre habe das gedauert. &#8222;Es heißt, die Namib sei die älteste Wüste der Welt&#8220;, fährt er fort.</p>
<p style="text-align: justify;">Respektvoll schauen die Zuhörer auf die in den alten Sand gezogenen Linien der Karte. Schon morgen wird sie der Südwestwind verweht haben. Schließlich wird der leere Platz gebraucht für die neueste Ausgabe der Wüstenzeitung. An Neuigkeiten herrscht kein Mangel. Denn die Wüste lebt.</p>
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		<title>Die Opium-Bauern vom Sinai</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 29 Sep 2014 00:14:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ägypten]]></category>
		<category><![CDATA[Drogen]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Landwirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Opium]]></category>
		<category><![CDATA[Sinai]]></category>
		<category><![CDATA[Theresa Breuer]]></category>
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					<description><![CDATA[Seit der blutigen Revolution 2011 bleiben in Ägypten die Touristen aus. Ein harter Schlag für die Beduinen auf der Sinai-Halbinsel. Viele von ihnen haben damit ihre Haupteinnahmequelle verloren. Ihre Alternative ist der Anbau von Opium<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-opium-bauern-vom-sinai/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong><span class="_5yl5" data-reactid=".33.$mid=11411729605940=20df68ccc472fbe2680.2:0.0.0.0.0"><span class="null">Seit der blutigen Revolution 2011 bleiben in Ägypten die Touristen aus. Ein harter Schlag für die Beduinen auf der Sinai-Halbinsel. Viele von ihnen haben damit ihre Haupteinnahmequelle verloren. Ihre Alternative ist der Anbau von Opium.</span></span></strong></p>
<p style="text-align: justify;">Als Abu Saleh* seine Kamele zum Schlachter brachte, wusste er, dass es kein Zurück mehr gibt. Obwohl der stämmige Mann ihm nur einen Bruchteil des Geldes bot, das die Tiere eigentlich wert waren, blieb dem Beduinen keine andere Wahl. „Was hätte ich tun sollen“, sagt er, „ich hätte sie nicht weiter halten können“.</p>
<p style="text-align: justify;">Abu Saleh lebt im Süden der ägyptischen Sinai-Halbinsel, in der Nähe der Badeorte Scharm el-Scheich und Dahab. Früher hat er hier mit Touristen Safaritouren unternommen und damit seinen Lebensunterhalt verdient. Deutsche, Franzosen, Engländer und Amerikaner saßen auf den Rücken seiner Kamele. Heute kommen keine Touristen mehr. Und dort, wo er früher mit ihnen entlang ritt, wächst jetzt Opium.</p>
<h2 style="text-align: left;">Jede Saison kommen neue Felder hinzu</h2>
<p style="text-align: justify;">Seit zwei Jahren baut Abu Saleh den Stoff an. Fast jeden Tag fährt er mit seinem Toyota Pick-up Truck in die Wüste, um nach seinen Pflanzen zu sehen. Straßen gibt es hier nicht. Doch er weiß genau, wo es langgeht. Nach wenigen Kilometern tauchen die ersten Felder auf. Allein bis zu seiner Anbaufläche passiert er 13 Opiumplantagen. Insgesamt weiß er von etwa 100 Feldern in der nahen Umgebung. „Vor drei Jahren gab es hier noch kein einziges“, sagt er, „jede Saison kommen neue hinzu“.</p>
<p style="text-align: justify;">Wie Abu Saleh geht es vielen Beduinen. Sie alle haben als Köche in Hotelanlagen gearbeitet, als Tourguides und als Musiker, die abends traditionelle Beduinenmusik für Urlauber gespielt haben. Doch seit dem Beginn der Revolution 2011 meiden Touristen Ägypten als Reiseziel. Im vergangenen Jahr reisten knapp 9,5 Millionen Menschen in das Land. 2010, im Jahr vor der Revolution, kamen noch 14,7 Millionen. Seitdem fällt die Zahl jedes Jahr, auch für 2014 sind die Prognosen düster.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-aegypten-opium-bauern-3" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-aegypten-opium-bauern-3 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-aegypten-opium-bauern-3 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-aegypten-opium-bauern-3 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="40000000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6734.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein Beduine überprüft, ob der Schlafmohn reif für die Ernte ist. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6668.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Aus dem Saft des Schlafmohns wird später Heroin hergestellt. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6497.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Abu Saleh sorgt sich, dass das Militär seine Opiumfelder zerstört: "Dann könnte ich meine Familie nicht mehr ernähren." Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6507.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Abu Saleh und seine Kollegen beim Tee: Sie alle haben ihre Arbeit verloren, seit Touristen den Sinai meiden. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6577.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Abu Saleh vor seinem Opiumfeld: Er sagt, er wisse nicht, dass aus Opium Heroin hergestellt wird. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6583.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Neben seinem Zelt gräbt Abu Saleh ein Loch, um darin Brot fürs Mittagessen zu backen. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6594.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Einer von Abu Salehs jugendlichen Helfern knetet Teig für Brot, das die Beduinen im Feuer rösten. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6722.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der weiße Saft verfärbt sich an der Luft braun, später kann daraus Heroin gewonnen werden. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6541.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Opiumfelder im Süden des Sinai liegen nur wenige Kilometer von der Straße entfernt. Früher sind hier Touristen auf Kamelen durchgeritten. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6550.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Idylle trügt: Das rosa-lila Blumenmeer wird vielen Heroin-Abhängigen den Tod bringen. Foto © Theresa Breuer</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-aegypten-opium-bauern-3-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6734-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6668-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6497-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6507-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6577-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6583-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6594-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6722-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6541-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/IMG_6550-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Touristen fürchten den Sinai</h2>
<p style="text-align: justify;">Wie das ägyptische Finanzministerium jüngst mitteilte, ist die Besucherzahl im Januar und Februar im Vergleich zum Vorjahr wiederum um knapp 30 Prozent eingebrochen. Für viele Familien ist das eine Katastrophe, denn der Tourismus ist der Motor der ägyptischen Wirtschaft. Direkt und indirekt hängen von ihm rund vier Millionen Arbeitsplätze ab – und damit etwa 16 Millionen Familienmitglieder. Keine Region hat es so hart getroffen wie den Sinai.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenige Meter von der asphaltierten Straße entfernt, die in den 50 Kilometer entfernten Badeort Dahab führt, sitzen einige Beduinen in einer heruntergekommenen Hütte. Die Stimmung ist gedrückt. In der Ecke kniet ein junges Mädchen. Es hat einen kleinen Teppich vor sich ausgebreitet, darauf liegt handgefertigter Schmuck, den niemand kauft.</p>
<p style="text-align: justify;">„Vor der Revolution kamen mindestens 60 Touristen am Tag“, klagt ihre Großmutter, die daneben sitzt. Sie hätten sich für die Safaris mit Essen eingedeckt und Souvenirs gekauft. „Heute kommt niemand mehr.“ Normalerweise wäre im März die beste Zeit für Wüstentouren. Das Wetter ist schon warm, aber die Sommerhitze ist noch nicht über die Halbinsel hereingebrochen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Von der Revolution gezeichnet</h2>
<p style="text-align: justify;">Von hier aus hat auch Abu Saleh früher seine Touren zum Katharinenkloster begonnen, dem ältesten bewohnten Kloster des Christentums. Der Beduine ist 30 Jahre alt, doch er sieht älter aus. Obwohl einen seine Augen freundlich anblicken, wirkt er vom Leben in der Wüste und in den Bergen gezeichnet: die Zähne sind schwarz verfärbt, seine Füße und Hände voller Schwielen. Wenn er spricht, klingt seine Stimme resigniert. Die drei Jahre des Umbruchs in Ägypten haben Spuren hinterlassen.</p>
<p style="text-align: justify;">„Dabei kenne ich den Tahrir-Platz nur aus dem Fernsehen“, sagt er, „ich war noch nie in Kairo“. Es frustriert ihn, dass sein Leben so drastisch von Ereignissen beeinflusst wurde, von denen er sich weit entfernt fühlt. „Was haben wir mit irgendwelchen Revolutionen zu tun?“, fragt er und meint damit die Gemeinschaft der Beduinen. „Keine Regierung hat sich jemals um uns gekümmert, und das wird sich auch mit der nächsten Regierung nicht ändern, egal, wer an die Macht kommt.“</p>
<h2 style="text-align: left;">Vom Tourismus zum Opium</h2>
<p style="text-align: justify;">Abu Saleh hat sein ganzes Leben im Sinai verbracht. Hier sind Großfamilien noch die Norm, er hat elf Brüder und Schwestern. Seine Familie gehört zu den Muszeina-Beduinen, dem zweitgrößten Stamm im Süden der Halbinsel. Das Hauptgeschäft der Muszeina war bisher der Tourismus. Auch Abu Saleh hat schon als kleiner Junge am Strand Steine und Handarbeiten an Touristen verkauft. Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr ist er zur Schule gegangen, danach hat er mit den Safaris begonnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr der Touristen hat er aufgegeben. Vor wenigen Wochen erst hat das Auswärtige Amt die Reisewarnung für den Sinai verschärft. Mitte Februar war eine Bombe in einem Bus an der ägyptisch-israelischen Grenze detoniert. Daraufhin haben die großen deutschen Reiseanbieter die noch verbliebenen Touristen ausgeflogen.</p>
<p style="text-align: justify;">Drei südkoreanische Touristen sowie der ägyptische Busfahrer waren bei dem Attentat ums Leben gekommen. Zu dem Anschlag hatten sich die Islamisten von Ansar Bait al-Maqdis bekannt. Ein alarmierender Vorfall, denn bis dato hatte die Terrorgruppe hauptsächlich im Nordsinai agiert und Ziele ägyptischer Sicherheitsbehörden angegriffen. Nun haben sie angekündigt, auch Touristen ins Visier nehmen zu wollen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Rosa und lila</h2>
<p style="text-align: justify;">Abu Salehs Feld liegt in einem flachen Tal, das von schroffen Bergen umringt ist. Er hat zwei Jungs angestellt, die zwischen den Pflanzen umherlaufen, sie bewässern und prüfen. In diesen Tagen blühen sie rosa und lila, sie stehen kurz vor der Ernte. Sechs Monate wächst das Opium, dann liegen die Felder bis September brach.</p>
<p style="text-align: justify;">In der Mittagspause sitzt Abu Saleh mit den Jungs in einem kleinen Zelt, wo sie Brot nach Beduinenart backen. Dafür legen sie einen Teigfladen aus Wasser, Mehl und Salz direkt in glühende Holzkohle. Einige Minuten später klopfen sie das fertige Brot mit Stöcken ab. Zu dem noch immer leicht staubigen Fladen gibt es Schafskäse und süßen Tee. So verbringen sie hier die Tage. Bis das Opium reif ist.</p>
<h2 style="text-align: left;">Beduinen dürfen kein Land besitzen</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Land, das sie bestellen, gehört ihnen nicht, denn Beduinen dürfen keinen Grund besitzen. Traditionell ist es so, dass jeder Beduinenstamm ein bestimmtes Gebiet kontrolliert. Will jemand auf dem Land etwas anbauen, legt er Steine um das Feld. Die Markierung signalisiert, dass es von jemandem beansprucht wird.</p>
<p style="text-align: justify;">Dass Beduinen nach ägyptischem Gesetz kein Land besitzen dürfen, hat auch seine Vorteile: Selbst wenn das Militär Felder findet und diese zerstört, können sie nur selten jemanden dafür zur Rechenschaft ziehen – schließlich gehört das Land offiziell dem Staat und nicht den Bauern.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch das Militär scheint sich in diesen Tagen ohnehin wenig für die Opiumbauern zu interessieren. „Vor zwei Monaten haben Jeeps die Gegend hier patrouilliert“, sagt Abu Saleh. Die Arbeiter auf den Feldern hätten sich dann in den Bergen versteckt. „Doch zerstört haben sie zum Glück nichts.“</p>
<h2 style="text-align: left;">Tolerieren die Behörden den Opium-Anbau?</h2>
<p style="text-align: justify;">Es gibt verschiedene Theorien, warum die Beduinen derzeit unbehelligt Opium anbauen können. Eine ist, dass Militär und Regierung aufgrund der politischen Umbrüche momentan andere Sorgen haben. Viele Opiumbauern glauben außerdem, dass die Behörden den Anbau tolerieren, weil sie schon genug Probleme mit Terroristen im Sinai haben und nicht auch noch frustrierte, arbeitslose Beduinen gegen sich aufbringen wollen. So steht in dem in dem Anfang März erschienenen Bericht der ägyptischen Antidrogenbehörde, dass seit 2011 „wegen Sicherheitsbedenken“ keine Felder mehr zerstört wurden.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine konkrete Zahl, wie viel Opium insgesamt im Sinai angebaut wird, gibt es nicht. Experten sind sich jedoch einig, dass sie im Vergleich zu Afghanistan und dem &#8222;Goldenen Dreieck&#8220; – bestehend aus Myanmar, Laos und Thailand – verschwindend gering ist. Laut den Vereinten Nationen haben im vergangenen Jahr allein Laos und Myanmar knapp 900 Tonnen Opium produziert, 18 Prozent der globalen Produktion. Und das ist noch wenig im Vergleich zu Afghanistan: 2013 wurden hier 5500 Tonnen Opium produziert.</p>
<h2 style="text-align: left;">Gerüchte machen die Runde</h2>
<p style="text-align: justify;">Doch trotz der geringen Größe bleibt das Opiumgeschäft auch für die Bauern im Sinai heikel. Einige Beduinen erzählen, wie das Militär morgens ihren Feldern gefährlich nahe gekommen sei, und Gerüchte machen die Runde, dass Soldaten Felder zerstört hätten. Abu Saleh sagt: „Wenn sie jetzt kämen, würde ich alles verlieren.“</p>
<p style="text-align: justify;">Der Beduine hat seine gesamten Ersparnisse in sein Feld gesteckt, 340 Quadratmeter misst es. Opium ist für die Bauern kein lukratives Geschäft, aber immer noch ertragreicher als Tomaten oder Gurken. Gemüse anzubauen würde sich in der Wüste nicht rechnen, da den geringen Verkaufserlösen hohe Bewässerungskosten gegenüber stünden. Die Beduinen müssen zur Bewässerung tiefe Brunnen betreiben, um an salzarmes Wasser zu gelangen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Der Gewinn? Ein Witz.</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn alles glatt läuft, wird Abu Saleh in dieser Saison knapp fünf Kilo rohes Opium ernten können. Für ein Kilo zahlen ihm Dealer etwas weniger als tausend Euro. Doch den Gewinn muss er sich mit seinem Geschäftspartner teilen. Dieser hatte das Feld zur Verfügung gestellt, im Gegenzug bewirtschaftet es der 30-Jährige. Abzüglich der Kosten für Samen, Bewässerung und Hilfskräfte rechnet er mit einem Gewinn von knapp 600 Euro. „Ein Witz“, sagt Abu Saleh, „als Tourguide habe ich im Jahr viel mehr verdient.“</p>
<p style="text-align: justify;">Abu Salehs Haus ist ein karger Betonbau in einem kleinen Dorf, durch das Kamele, Esel und Ziegen laufen. Das Leben eines Drogenbarons stellt man sich anders vor. In den Zimmern stehen keine Möbel, Licht gibt es nur in der Küche und im Wohnzimmer, in dem Teppiche als Sitzgelegenheiten dienen. Er hofft, dass er sich über den Sommer mit Gelegenheitsjobs durschlagen kann, um seine Frau und seine vier Kinder zu ernähren.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Wir sind einfach zu unerfahren&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Einige Kilometer weiter teilen sich Hamed, Mahmoud und Mohammed ein Feld. Auch sie sehnen sich nach der Zeit, als noch die Touristen in den Sinai strömten. Sie sagen, sie hätten gute Arbeit gehabt, als Musiker und Köche in Hotelanlagen. Auch ihre größte Sorge ist es, dass sie mit dem Opiumanbau nicht genug Geld zum Leben haben werden. „Wir sind einfach zu unerfahren“, sagt Hamed, 26, „es ist das erste Mal, dass wir Opium anbauen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Hamed steht am Feldrand und ritzt die Samenkapsel einer Pflanze mit einer Rasierklinge an. Dicker, weißer Saft quillt aus ihr heraus. Im getrockneten Zustand kann er zu Heroin verarbeitet werden. Doch damit wollen die Männer im Sinai nichts zu tun haben.</p>
<p style="text-align: justify;">„Wenn wir das Opium geerntet haben, kommen Dealer aus Oberägypten und kaufen es uns ab,“ sagt sein Partner Mohammed, 37. Sie sagen, sie wüssten nicht, was danach mit dem Stoff passiert. Ihnen scheint auch nicht bewusst zu sein, dass aus Opium Heroin entstehen kann. „Das kann nicht sein, das muss eine andere Pflanze sein“, sagt Hamed, „Opium ist doch gut, es lindert Schmerzen.“</p>
<h2 style="text-align: left;">Seit der Revolution sind die Drogen-Preise gestiegen</h2>
<p style="text-align: justify;">Tatsächlich gibt es keine Indizien dafür, dass Heroin in Ägypten im großen Stil hergestellt wird. Früher ging das meiste Opium nach Israel, wo es weiterverarbeitet wurde. Doch seit den Unruhen in Ägypten sichert Israel seine Grenzen wieder verstärkt und unterbindet damit weitgehend den Drogenhandel. Experten messen dies auch an einem Fakt: Seit der Revolution 2011 sind die Preise für Marihuana, Haschisch und Opium in Israel massiv gestiegen.</p>
<p style="text-align: justify;">Drogenanbau ist den streng gläubigen Beduinen nach der Lehre des Islam eigentlich verboten. Auch die Stammesführer haben jahrelang versucht, den Anbau zu unterbinden. Die Beduinen erzählen, wie die Clanchefs immer wieder darauf hingewiesen haben, dass die Stammesmitglieder ihr Geld im Tourismus machen sollen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Hoffen auf die Touristen</h2>
<p style="text-align: justify;">Abu Saleh sagt bitter: „Wir lassen uns von ihnen nichts mehr sagen. Schließlich können sie uns keine Alternativen bieten. Und was sollen sie schon machen? Wir haben doch kaum noch etwas zu verlieren.“</p>
<p style="text-align: justify;">Hamed, Mahmoud und Mohammed sehen das genauso. Aber wenn sie die Möglichkeit hätten, würden sie alle sofort wieder einer legalen Tätigkeit nachgehen. Der 24-jährige Mahmoud sagt: „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass die Touristen zurückkommen und ich wieder als Koch arbeiten kann.“</p>
<h6 style="text-align: justify;"><em>*Name geändert</em></h6>
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