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	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Fri, 25 Sep 2015 01:30:54 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Afghanistan &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Heile Welt in Gefahr</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Apr 2015 05:42:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pakistan]]></category>
		<category><![CDATA[Afghanistan]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gilbert Kolonko]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Norden Pakistans zwischen China und Afghanistan liegt die Region Gojal. Hier leben die Menschen gemeinschaftlich in Oasen voller Aprikosenbäume mit viel Respekt und Toleranz ihrem Nächsten gegenüber. Doch diese heile Welt steht vor großen Schwierigkeiten. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/heile-welt-in-gefahr/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong> Im Norden Pakistans zwischen China und Afghanistan liegt die Region Gojal. Hier leben die Menschen gemeinschaftlich in Oasen voller Aprikosenbäume mit viel Respekt und Toleranz ihrem Nächsten gegenüber. Doch diese heile Welt steht vor großen Schwierigkeiten.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Obwohl einige der Kleinstadt- und Dorfbewohner noch in Stein-Lehmhäusern leben, sieht man auf den Straßen in der Region Gojal im Norden Pakistans keine armen Menschen &#8211;  aber auch keine reichen. Wer hier Geld hat, zeigt es, in dem er einen hohen Betrag für die Gemeinschaft spendet. Die Analphabetenrate in der neuen Generation ist gleich Null, und schon die Kleinsten mit ihren Schnoddernasen wachsen zwei- bis dreisprachig auf. Trotzdem leben die Alten und die Jungen noch gemeinsam in einem Haus.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Frauen auf dem Basar in der Ortschaft Gulmit strahlen in ihren langen, hochgeschlossenen Kleidern eine würdige Eleganz und ihr Lächeln eine Natürlichkeit aus. Die Polizisten sitzen mangels Beschäftigung meistens in den Teeläden am Hafen, wo sie die 6.000 Meter hohen Passu Kathedralen bewundern. Wenn die Uniformierten die Langweile zu erdrücken scheint, geht es auch mal zum 2.600 Meter hoch gelegenen Borith-See, in dem sich der 7.388 Meter hohe Ultar spiegelt. Hier hat die 63-jährige Frohnatur Mr. Khan sein Hotel und bevor es für mich einen Tee gibt, schmeißt er sein altes Radio an. Es wird dann zu den Klängen traditioneller Wachi-Musik gemeinsam über die Terrasse gehopst.</p>
<p style="text-align: justify;">Was wie das Paradies auf Erden scheint, nennt sich Hunza-Gojal und ist Heimat der Ismailiten, eine islamische Glaubensgemeinschaft. Das 8.500 Quadratkilometer große Gebiet liegt im Karakorum-Gebirge in Nord Pakistan und grenzt an China und den Wakhan Korridor zu Afghanistan. Nur etwa 20.000 Menschen leben in diesem riesigen Canyon, der gespickt ist mit atemberaubenden Siebentausendern und gewaltigen Gletschern. Diese machen sich die Menschen zu nutzen, um mit Hilfe von Wasserkanälen Oasen voller Aprikosen, Apfel- und Kirschbäume zu schaffen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Räuber der Seidenstraße</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn einem die Gojalis, wie die Bewohner der Region genannt werden, mit ihrem gutmütigen Blicken und toleranten Wesen mal wieder zu heilig erscheinen und man sich selbst voller Sünden vorkommt, hilft nur eins: „Ach, du alter Räuber der Seidenstraße, nun lass mal gut sein.“ Dann sieht man ein gespielt beschämtes Lächeln über das gegerbte Gesicht eines älteren Herrn huschen, denn natürlich war man auch hier nicht immer so „perfekt“. Von Orten wie dem 700 Jahre alten Gulmit Fort überfielen die Vorfahren der Gojalis Handelskarawanen auf dem Weg zur Seidenstraße.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_karakorum_highway.jpg" data-caption="Auf dem Karakorum Highway geht  es in das Gojal-Tal -  oft auch zu Fuß" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_Passu-Gletscher.jpg" data-caption="Der Passu Gletscher" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_Kolonko_Borith-Lake.jpg" data-caption="Der Borith Lake in Gojal" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_Kolonko_Hafen_gulmit.jpg" data-caption="Der Hafen in Gulmin" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_Kolonko_bruecke.jpg" data-caption="Gojal ist nicht nur wegen seiner einmaligen Landschaft ein Vorbild" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_Mr-Khan-mit-Frau.jpg" data-caption="Mr. Kahn und seine Frau" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_2010_enstandenen-Atabadsee.jpg" data-caption="Die Region Gojal hat immer noch mit den Folgen des im Jahre 2010 enstandenen Atabadsee zu kampfen." alt=""></div></div>
<p style="text-align: justify;">Auch das Denken war früher nicht so fortschrittlich: „Als ich vor 40 Jahren Besuch von einem Verwandten bekam, nahm der mich beim Abschied zur Seite und fragte tadelnd, was ich denn für ein Mann sei, da ich so freundlich zu meiner Frau sei“, erzählt mir ein alter Bewohner Gulkins. Doch als gegen Ende der Siebzigerjahre der Karakorum-Highway vom südlich gelegenen Rawalpindi endlich Gojal erreichte und über den 4.700 Meter hohen Khunjerab Pass nach China führte, kamen auch die Entwicklungsprogramme und Schulen der Aga-Khan-Stiftung.</p>
<p style="text-align: justify;">Aga Khan ist das geistige Oberhaupt der Ismailiten. Jetzt, im Jahr 2014, sind es Männer aus Dörfern wie Passu, die in den Süden Pakistans reisen und mit Hilfe von NGOs Entwicklungsarbeit leisten. „Geduld, man hatte sehr viel Geduld mit uns“, sagt mir ein älterer Herr aus Shishkot und fügt trocken hinzu: „Normalerweise fehlt bei Entwicklungsprogrammen die Nachhaltigkeit. Ein paar Schulen, Geld und dann verziehen sich die NGOs zum nächsten Ort“.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Riss zwischen den Generationen</h2>
<p style="text-align: justify;">Am Nachmittag auf dem Polo-Platz in Gulmit sitze ich mit einer angesehenen Persönlichkeit der hiesigen Gemeinschaft zusammen. Vor uns spielen die Jungen Fußball, während die Mädchen im Gemeinschaftshaus ein Seminar abhalten. Thema: Wie sehe ich Gojal in zehn Jahren. „Auch wir merken hier langsam die Kehrseiten des Fortschritts. Gerade die jungen Männer und Frauen, die aus dem Süden Pakistans zurückkommen, leben in einer Computer und Fernseh-Welt. Ihre Wünsche sind unrealistische Träume und sie haben die Fähigkeit verloren, unserer Gemeinschaft mit nützlichen Ideen weiter zu helfen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Während unserer Unterhaltung kommen Kinder und Jugendliche und grüßen meinen Gesprächspartner ehrerbietig und so sage ich kopfschüttelnd: „Und trotzdem lebt ihr in einer Gemeinschaft, die in der westlichen Welt ausgestorben zu sein scheint. Wie macht ihr das?“ Bescheiden lächelnd antwortet er: „Unser geistiges Oberhaupt Aga Khan gibt uns Ratschläge. Er sagt zum Beispiel, dass Rauchen oder das Trinken von Alkohol nicht gut für die Gesundheit sei. Doch wie man die Ratschläge umsetzt, bleibt jedem selbst überlassen. Toleranz. Toleranz ist das Fundament unserer Gemeinschaft, denn jeder Mensch hat sein eigenes Tempo.“</p>
<p style="text-align: justify;">Dieser Mikrokosmos ist umso bemerkenswerter, da das Schicksal die Menschen Gojals in den letzten Jahren hart getroffen hat. Der größte Schlag wurde schon im Jahr 2002 von einem tadschikischen Ingenieur vorausgesagt. Er machte die Gojalis darauf aufmerksam, dass sich 13 Kilometer vor Gulmit, an einer besonders engen Stelle des Canyons, ein großer Erdrutsch anbahnt. Trotzdem bauten die Menschen Gulmits weiter Häuser und Hotels an das Ufer des Hunza Flusses.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Handel und Tourismus versiegt</h2>
<p style="text-align: justify;">„Hätten wir die Menschen zwingen sollen?“, antwortete einer der damaligen lokalen Verantwortlichen auf meine Frage, warum die Menschen nach der Warnung nicht umgesiedelt worden sind. Im Januar 2010 passierte es dann. An exakt der vorausgesagten Stelle kam es zu einem riesigen Erdrutsch, der dem Hunza Fluss den Weg versperrte. Sieben Monate später hatte sich ein 23 Kilometer langer und 100 Meter tiefer See gebildet, der große Teile Gulmits überflutete und die Ortschaft Shishkot zu einer Insel machte.</p>
<p style="text-align: justify;">Heute ist der See immer noch 13 Kilometer lang und Gojal vom Rest Pakistans abgeschnitten und nur per Boot erreichbar, was den Verkauf der landwirtschaftlichen Produkte der Region unrentabel macht. Auch die andere Einnahmequelle der Gojalis, der Tourismus, ist völlig versiegt. Dafür ist nur teilweise der schlechte Ruf Pakistans verantwortlich. Noch bis vor ein paar Jahren gab es ein Visa on arrival am nördlichsten Grenzübergang Pakistans, in Sust, für ausländische Gäste, die aus China einreisten.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch nicht nur das wurde eingestellt: Auch in touristischen Hochburgen wie Nepal, Indien oder Thailand stellen die pakistanischen Konsulate keine Visa mehr aus. So verwundert es nicht, dass die Menschen im Norden Pakistans nicht vom „war against terrorism“ sprechen, sondern vom „war against tourism“. Zudem überschwemmt das Schmelzwasser des Gulkin-Gletscher in den letzten Sommern regelmäßig den Karakorum Highway Besonders für die Alten und Kranken ist der Fußmarsch durch das eiskalte Wasser eine Tortur. An manchen Tagen ist selbst das Durchwaten unmöglich und dann muss jeder zu Fuß über den Gletscher &#8211; mit Koffern, Kleinkindern oder der Ziege.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Warum sollen wir Indien hassen?&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich treffe die Kricket Mannschaft von Gulmit, die auf ihrem Rückweg von einer Niederlage im Charpursan Tal unterwegs ist. Einer von ihnen trägt ein Indien-Trikot und fünf andere Mützen mit der indischen Flagge. Als sie meinen verdutzten Gesichtsausdruck sehen, antwortet einer von ihnen lachend: „Warum sollen wir Indien hassen? Selbst unsere Polizisten hören indische Bollywood-Musik.“</p>
<p style="text-align: justify;">Am Borith-See hat Mr. Khan neben den ausbleibenden Gästen noch andere Probleme. Gemeinsam geht es auf den benachbarten schwarzen Gulkin-Gletscher. In der Mitte treffen wir auf ein großes Wasserloch, von dem Plastikrohre das Wasser hinunter ins Dorf transportieren: „Die Gletscher gehen zurück und beinahe jedes Jahr müssen wir neue Kanäle anlegen. Doch die Jungen ziehen der Arbeit wegen in die großen Städte nach Süd-Pakistan“, sagt Mr. Khan. Dann lacht er plötzlich, zeigt auf seinen angespannten Oberarm und fügt hinzu: „Aber wir Alten sind stark und wir werden kämpfen bis die Jungen wieder zurückkommen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Vom Borith-See geht es eine Stunde Richtung Osten bis zum weißen Passu-Gletscher. In einem schmalen Streifen zwischen der Gletscher-Moräne und den schroffen Steinwänden des Borith Sar sind kleine Alpen. Von dort geht es auf den Gletscher, der um diese Jahreszeit wirkt wie eine riesige weiße Boa in unruhigem Schlaf. Überall kracht es, es öffnen sich Spalten und Flüsse fließen aus Eiswasser. Doch bevor ich mir einbilden kann, Reinhold Messner zu sein, kommt mir im Eislabyrinth ein Alter in abgelatschten Turnschuhen entgegen. Als ich ihm meine Bewunderung ausspreche, winkt er nur müde ab und sagt: „Im Frühling und Herbst laufen hier selbst unsere Kühe rüber.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Das Paradis wird weiter leben&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Zurück am Borith-See stehe ich mit dem Sohn von Mr. Khan auf der Hotel Terrasse. Die letzten Jahre studierte er in Peschawar und konnte seinem Vater nur in den Sommermonaten helfen. Ich sage ihm, dass ich das Paradies in Gojal langsam dahin schwinden sehe und nenne ihm einige Beispiele &#8211; unter anderem, dass die Jugend abwandert oder die Chinesen, die zurzeit den Karakorum Highway ausbessern und einen Tunnel oberhalb des Atabad Sees bauen.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie überschwemmen die Gegend mit billigem Alkohol und ihr eher geschäftsorientiertes Verhalten scheint schon auf die Gojalis abzufärben, wie man an der Taxi Mafia am Hafen in Gulmit sieht: Mangels eines funktionierenden staatlichen Transportsystems saugen Einheimische Einheimische aus. „Nein, es sind nur ein paar wenige und auch sie muss man verstehen. Wir haben hier jede Möglichkeit, Geld zu verdienen, verloren. Doch auch die paar Menschen werden wieder zur Besinnung kommen. Unser Paradies mag zurzeit in Schwierigkeiten sein, aber schließlich sind es die Menschen, die es ausmachen. Ich werde auf jeden Fall zurückkommen und versuchen, unsere Traditionen mit dem zu ergänzen, was ich an der Universität lerne.“ Dann lacht er plötzlich wie sein Vater und fügt trotzig hinzu: „Das Paradies wird weiter leben.“</p>
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		<title>Im Bauch der Panzerkröte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 27 Jul 2014 11:00:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Afghanistan]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
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		<category><![CDATA[Konflikte]]></category>
		<category><![CDATA[OP North]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Norden Afghanistans haben die Taliban selbst gebastelte Sprengfallen auf den Straßen versteckt. Sie sollen die  internationalen Truppen treffen, töten aber oft auch Kinder und Unbeteiligte. Soldaten der Bundeswehr entschärfen die Sprengsätze. Unser Autor Axel Heimken hat sie bei ihrem lebensgefährlichen Job begleitet.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/im-bauch-der-panzerkroete/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Im Norden Afghanistans haben die Taliban selbst gebastelte Sprengfallen auf den Straßen versteckt. Sie sollen die  internationalen Truppen treffen, töten aber oft auch Kinder und Unbeteiligte. Soldaten der Bundeswehr entschärfen die Sprengsätze. Unser Autor Axel Heimken hat sie bei ihrem lebensgefährlichen Job begleitet.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Noch ist es kalt und grau hier oben. Doch nach und nach tüncht die aufsteigende Sonne die Berge Afghanistans in braun-grüne Farbe, und ich erklimme den Gipfel des &#8222;OP North&#8220;. Ein entlegener Außenposten der Bundeswehr, den die Soldaten in den Bergen der Provinz Baghlan errichtet haben. Von hier aus überblicken sie die umliegenden Täler, die sich zwischen kargen Bergketten hindurch winden wie ein Knäuel aus Schlangen. Mit Sturmgewehren vom Typ G36 halten die Soldaten Wache. Immer auf Ausschau nach feindlichen Kämpfern, den Taliban.</p>
<p style="text-align: justify;">Von mir nehmen sie hingegen kaum Notiz. Und so ächze ich die provisorische Holztreppe hinauf, die sie an den Fels gehauen haben. Oben angekommen traue ich meinen Augen nicht. Da steht doch tatsächlich ein Kühlschrank. “Wenn der kleine Hunger kommt”, feichst ein Obergefreiter, der gerade aus dem Zelt des Kommandeurs kommt. Zwei dösende Katzen vor dem Zelt beobachten mich durch schwere Augenlider, als ob sie den Kühlschrank bewachen.</p>
<p style="text-align: justify;">“Das sind Heckler und Koch”, sagt der Obergefreite. Soldaten hätten die abgemagerten Tiere gefunden und jetzt kümmere sich das Lager um sie. Katzen nach einem Waffenhersteller zu benennen, das ist der typische Humor hier. Plötzlich spuckt das Zelt des Kommandeurs eine Pioniereinheit aus. Sie hat gerade einen Auftrag erhalten. “Patrouille”, knurrt mich ein Feldwebel an und zeigt auf einige gepanzerte Fahrzeuge mit riesigen Reifen, die unten am Fuß der Treppe in Reih und Glied geparkt sind. “Steig ein.”</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-afghanistan-heimken-1" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-afghanistan-heimken-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-afghanistan-heimken-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-afghanistan-heimken-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="2147483647"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Panzer_Kinder_Heimken.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mit gepanzerten Fahrzeugen vom Typ "Dingo" machen sich Bundeswehrsoldaten im Norden Afghanistans auf die Suche nach Sprengfallen am Straßenrand. © Axel Heimken</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Panzer_Wegesrand_Heimken.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Während die Soldaten nach versteckten Sprengfallen suchen, rollt der alltägliche Verkehr über die viel befahrene Straße. © Axel Heimken</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Mann_Fahrrad_Heimken.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch für ihn können die selbst gebastelten Sprengladungen der Taliban tödlich sein: Ein Einheimischer auf dem Fahrrad. © Axel Heimken</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Panzer_Patroullie_Heimken.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Gepanzerte Bundeswehr-Fahrzeuge vom Typ "Fuchs". © Axel Heimken</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Soldat_Wegesrand_Heimken.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Soldaten suchen mit bloßen Augen nach Drähten oder Metallplatten, die auf eine Sprengfalle deuten können. © Axel Heimken</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Soldaten_Bombensuchen_Heimken.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Während ein Soldat mögliche Sprengfallen untersucht, sichern ihn seine Kameraden mit der Waffe im Anschlag. © Axel Heimken</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Panzer_Nebel_Heimken.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein gepanzertes Bundeswehr-Fahrzeug vom Typ "Dingo" fährt an einem bepackten Esel vorbei. © Axel Heimken</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Lager_nah_Heimken.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der Bundeswehr-Außenposten "OP North" aus der Vogelperspektive. Inzwischen ist die Bundeswehr von hier abgezogen. © Axel Heimken</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Lager_Deutschland_Heimken.jpg" alt="" title="" /> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-afghanistan-heimken-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Panzer_Kinder_Heimken-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Panzer_Wegesrand_Heimken-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Mann_Fahrrad_Heimken-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Panzer_Patroullie_Heimken-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Soldat_Wegesrand_Heimken-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Soldaten_Bombensuchen_Heimken-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Panzer_Nebel_Heimken-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Lager_nah_Heimken-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/07/Afghanistan_Lager_Deutschland_Heimken-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<p style="text-align: justify;">Eingeklemmt zwischen sieben Soldaten, voll ausgerüstet mit Schutzwesten, Helmen und Gewehren, wird mir ganz mulmig. Sie sollen den afghanischen Todbringer Nummer 1 finden und unschädlich machen: hinterhältige Sprengfallen, sogenannte IEDs (Improvised Explosive Devices). Selbst gebastelt und zumeist an Straßen versteckt. Die Taliban hoffen, damit die Militärfahrzeuge der internationalen Truppen zu treffen. Doch, sagt der Soldat neben mir, oft erwische es die Zivilbevölkerung. Ich denke an die Fußball spielenden Kinder, die ich am Tag zuvor am Straßenrand gesehen habe. Der Auftrag der Pioniere lautet: Sucht die Sprengfallen. Auf den Straßen, in Abwasserkanälen. Findet sie und macht sie unschädlich. Zum Glück dröhnt und rattert es in dem Fahrzeug so laut, dass mein schweres Schlucken nicht zu hören ist.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Die Sorge, über eine Sprengfalle zu rollen, fährt immer mit.&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">“Ruhig Blut”, krächzt die Stimme des Sitznachbars aus meinem Kopfhörer. “Wir sind hier schon seit einer ganzen Weile nicht mehr beschossen worden.” Die Gegend um den &#8222;OP North&#8220; gelte inzwischen als ruhig. Und so ruckelt der Konvoi aus mehreren gepanzerten Fahrzeugen über die staubigen Bergstraßen in Richtung der Provinzhauptstadt Pol-e Chomri. Die Soldaten nennen die Radmonster &#8222;Dingos&#8220; und &#8222;Füchse&#8220;, doch der langsam fahrende Konvoi erinnert mich mehr an ein Rudel überdimensionaler Schildkröten.</p>
<p style="text-align: justify;">Plötzlich ein Ruck. Die behelmten Köpfe wackeln einmal vor und zurück. Unsere Schildkröte hält. “Absitzen”, sagt der Feldwebel mit ruhiger Stimme. Die Pioniere sollen den Straßenrand nach Sprengfallen absuchen. Alle sind froh, endlich raus zu können. Denn die Sorge, über eine Sprengfalle zu rollen, fährt immer mit.</p>
<p style="text-align: justify;">Während ich mit eingezogenem Kopf aussteige, suchen meine Augen die inzwischen gleißend helle Umgebung ab. Zu meiner Erleichterung fällt kein Schuss, schallt keine Explosion. Stattdessen passiert ein Auto nach dem anderen die viel befahrene Straße. Auf mich wirkt die Situation irgendwie absurd: Menschen fahren zur Arbeit, gehen ihrem Alltag nach. Und die deutschen Soldaten suchen am Straßenrand nach Sprengfallen. Klick.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Pionier zuckt kurz, als meine Kamera auslöst. Es sei schon vorgekommen, sagt er nach einer kleinen Pause, dass Sprengfallen aus der Ferne per Funk gezündet wurden. Deswegen haben die Bundeswehr-Fahrzeuge große Antennen auf den Dächern, die Funkwellen blockieren sollen. Weil der Sprengstoff aber eigentlich durch das Gewicht von Fahrzeugen aktiviert wird, parken die Radpanzer 100 Meter von uns entfernt.</p>
<h2 style="text-align: left;">Niemand spricht</h2>
<p style="text-align: justify;">Drei quälend lange Stunden verbleiben die Pioniere am Straßenrand. Während zwei Soldaten mit bloßem Auge suchen &#8211; nach Kabeln, Drähten, Batterien oder einer Kontaktplatte &#8211; sichern zwei Kameraden mit Sturmgewehren. Es ist die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Besonders perfide: Manchmal warten die Täter, bis die Soldaten weg sind, um genau an dieser Stelle eine Sprengfalle zu legen. Heute finden die Pioniere: nichts. Ich weiß nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht sind, aber auf der Rückfahrt zum &#8222;OP North&#8220; spricht niemand.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich stoße die Dachluke des Panzers auf, um Fotos zu machen. Vor mir erheben sich gewaltige Staubfontänen, aufgewirbelt von den Militärfahrzeugen. Fotos gelingen mir keine. Schon nach wenigen Augenblicken ist die Linse des Objektivs mit einer dicken Staubschicht überzogen. Hustend krieche ich zurück auf meinen Platz. Mein Ungeschick sorgt für Erheiterung im Bauch der Schildkröte. Das erste Lachen an diesem Tag.</p>
<p style="text-align: justify;">Zurück im &#8222;OP North&#8220; steige ich mit mit den Pionieren die Bergtreppe hinauf. Sie wollen dem Kommandeur Bericht erstatten. Es fühlt sich leichtfüßiger an als am Morgen. Heckler und Koch dösen immer noch vor dem Kühlschrank. Wäre Alkohol auf dem Gefechtsstützpunkt nicht streng verboten, gerne hätte ich mit den Soldaten mit einem kalten Bier angestoßen. Auf das Leben.</p>
<h6 style="text-align: justify;"><em>Anmerkung der Redaktion: Unser Autor Axel Heimken erlebte diese Geschichte 2012. Inzwischen hat die Bundeswehr den OP North im Rahmen ihres Abzugs aus Afghanistan aufgegeben.<br />
</em></h6>
<h5 style="text-align: center;"><em> Warum unser Autor Axel Heimken nach Afghanistan wollte, erfährst du im</em></h5>
<p><a title="Autoreninterview mit Axel Heimken" href="http://weltseher.de/autoreninterview-mit-axel-heimken/" rel="attachment wp-att-1480"><img class="size-full wp-image-1480 aligncenter" src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2014/06/Siehdiewelt.png" alt="Autoren-Interview" width="200" height="50" data-id="1480" /></a></p>
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