Im Bauch der Panzerkröte

Im Norden Afghanistans haben die Taliban selbst gebastelte Sprengfallen auf den Straßen versteckt. Sie sollen die  internationalen Truppen treffen, töten aber oft auch Kinder und Unbeteiligte. Soldaten der Bundeswehr entschärfen die Sprengsätze. Unser Autor Axel Heimken hat sie bei ihrem lebensgefährlichen Job begleitet.

Noch ist es kalt und grau hier oben. Doch nach und nach tüncht die aufsteigende Sonne die Berge Afghanistans in braun-grüne Farbe, und ich erklimme den Gipfel des „OP North“. Ein entlegener Außenposten der Bundeswehr, den die Soldaten in den Bergen der Provinz Baghlan errichtet haben. Von hier aus überblicken sie die umliegenden Täler, die sich zwischen kargen Bergketten hindurch winden wie ein Knäuel aus Schlangen. Mit Sturmgewehren vom Typ G36 halten die Soldaten Wache. Immer auf Ausschau nach feindlichen Kämpfern, den Taliban.

Von mir nehmen sie hingegen kaum Notiz. Und so ächze ich die provisorische Holztreppe hinauf, die sie an den Fels gehauen haben. Oben angekommen traue ich meinen Augen nicht. Da steht doch tatsächlich ein Kühlschrank. “Wenn der kleine Hunger kommt”, feichst ein Obergefreiter, der gerade aus dem Zelt des Kommandeurs kommt. Zwei dösende Katzen vor dem Zelt beobachten mich durch schwere Augenlider, als ob sie den Kühlschrank bewachen.

“Das sind Heckler und Koch”, sagt der Obergefreite. Soldaten hätten die abgemagerten Tiere gefunden und jetzt kümmere sich das Lager um sie. Katzen nach einem Waffenhersteller zu benennen, das ist der typische Humor hier. Plötzlich spuckt das Zelt des Kommandeurs eine Pioniereinheit aus. Sie hat gerade einen Auftrag erhalten. “Patrouille”, knurrt mich ein Feldwebel an und zeigt auf einige gepanzerte Fahrzeuge mit riesigen Reifen, die unten am Fuß der Treppe in Reih und Glied geparkt sind. “Steig ein.”

Mit gepanzerten Fahrzeugen vom Typ "Dingo" machen sich Bundeswehrsoldaten im Norden Afghanistans auf die Suche nach Sprengfallen am Straßenrand. © Axel Heimken
Während die Soldaten nach versteckten Sprengfallen suchen, rollt der alltägliche Verkehr über die viel befahrene Straße. © Axel Heimken
Auch für ihn können die selbst gebastelten Sprengladungen der Taliban tödlich sein: Ein Einheimischer auf dem Fahrrad. © Axel Heimken
Gepanzerte Bundeswehr-Fahrzeuge vom Typ "Fuchs". © Axel Heimken
Die Soldaten suchen mit bloßen Augen nach Drähten oder Metallplatten, die auf eine Sprengfalle deuten können. © Axel Heimken
Während ein Soldat mögliche Sprengfallen untersucht, sichern ihn seine Kameraden mit der Waffe im Anschlag. © Axel Heimken
Ein gepanzertes Bundeswehr-Fahrzeug vom Typ "Dingo" fährt an einem bepackten Esel vorbei. © Axel Heimken
Der Bundeswehr-Außenposten "OP North" aus der Vogelperspektive. Inzwischen ist die Bundeswehr von hier abgezogen. © Axel Heimken

Eingeklemmt zwischen sieben Soldaten, voll ausgerüstet mit Schutzwesten, Helmen und Gewehren, wird mir ganz mulmig. Sie sollen den afghanischen Todbringer Nummer 1 finden und unschädlich machen: hinterhältige Sprengfallen, sogenannte IEDs (Improvised Explosive Devices). Selbst gebastelt und zumeist an Straßen versteckt. Die Taliban hoffen, damit die Militärfahrzeuge der internationalen Truppen zu treffen. Doch, sagt der Soldat neben mir, oft erwische es die Zivilbevölkerung. Ich denke an die Fußball spielenden Kinder, die ich am Tag zuvor am Straßenrand gesehen habe. Der Auftrag der Pioniere lautet: Sucht die Sprengfallen. Auf den Straßen, in Abwasserkanälen. Findet sie und macht sie unschädlich. Zum Glück dröhnt und rattert es in dem Fahrzeug so laut, dass mein schweres Schlucken nicht zu hören ist.

„Die Sorge, über eine Sprengfalle zu rollen, fährt immer mit.“

“Ruhig Blut”, krächzt die Stimme des Sitznachbars aus meinem Kopfhörer. “Wir sind hier schon seit einer ganzen Weile nicht mehr beschossen worden.” Die Gegend um den „OP North“ gelte inzwischen als ruhig. Und so ruckelt der Konvoi aus mehreren gepanzerten Fahrzeugen über die staubigen Bergstraßen in Richtung der Provinzhauptstadt Pol-e Chomri. Die Soldaten nennen die Radmonster „Dingos“ und „Füchse“, doch der langsam fahrende Konvoi erinnert mich mehr an ein Rudel überdimensionaler Schildkröten.

Plötzlich ein Ruck. Die behelmten Köpfe wackeln einmal vor und zurück. Unsere Schildkröte hält. “Absitzen”, sagt der Feldwebel mit ruhiger Stimme. Die Pioniere sollen den Straßenrand nach Sprengfallen absuchen. Alle sind froh, endlich raus zu können. Denn die Sorge, über eine Sprengfalle zu rollen, fährt immer mit.

Während ich mit eingezogenem Kopf aussteige, suchen meine Augen die inzwischen gleißend helle Umgebung ab. Zu meiner Erleichterung fällt kein Schuss, schallt keine Explosion. Stattdessen passiert ein Auto nach dem anderen die viel befahrene Straße. Auf mich wirkt die Situation irgendwie absurd: Menschen fahren zur Arbeit, gehen ihrem Alltag nach. Und die deutschen Soldaten suchen am Straßenrand nach Sprengfallen. Klick.

Ein Pionier zuckt kurz, als meine Kamera auslöst. Es sei schon vorgekommen, sagt er nach einer kleinen Pause, dass Sprengfallen aus der Ferne per Funk gezündet wurden. Deswegen haben die Bundeswehr-Fahrzeuge große Antennen auf den Dächern, die Funkwellen blockieren sollen. Weil der Sprengstoff aber eigentlich durch das Gewicht von Fahrzeugen aktiviert wird, parken die Radpanzer 100 Meter von uns entfernt.

Niemand spricht

Drei quälend lange Stunden verbleiben die Pioniere am Straßenrand. Während zwei Soldaten mit bloßem Auge suchen – nach Kabeln, Drähten, Batterien oder einer Kontaktplatte – sichern zwei Kameraden mit Sturmgewehren. Es ist die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Besonders perfide: Manchmal warten die Täter, bis die Soldaten weg sind, um genau an dieser Stelle eine Sprengfalle zu legen. Heute finden die Pioniere: nichts. Ich weiß nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht sind, aber auf der Rückfahrt zum „OP North“ spricht niemand.

Ich stoße die Dachluke des Panzers auf, um Fotos zu machen. Vor mir erheben sich gewaltige Staubfontänen, aufgewirbelt von den Militärfahrzeugen. Fotos gelingen mir keine. Schon nach wenigen Augenblicken ist die Linse des Objektivs mit einer dicken Staubschicht überzogen. Hustend krieche ich zurück auf meinen Platz. Mein Ungeschick sorgt für Erheiterung im Bauch der Schildkröte. Das erste Lachen an diesem Tag.

Zurück im „OP North“ steige ich mit mit den Pionieren die Bergtreppe hinauf. Sie wollen dem Kommandeur Bericht erstatten. Es fühlt sich leichtfüßiger an als am Morgen. Heckler und Koch dösen immer noch vor dem Kühlschrank. Wäre Alkohol auf dem Gefechtsstützpunkt nicht streng verboten, gerne hätte ich mit den Soldaten mit einem kalten Bier angestoßen. Auf das Leben.

Anmerkung der Redaktion: Unser Autor Axel Heimken erlebte diese Geschichte 2012. Inzwischen hat die Bundeswehr den OP North im Rahmen ihres Abzugs aus Afghanistan aufgegeben.
Warum unser Autor Axel Heimken nach Afghanistan wollte, erfährst du im

Autoren-Interview

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