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	<description>Magazin für Reportagen</description>
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	<title>Reise &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Unterwegs in Nordkorea</title>
		<link>https://www.weltseher.de/unterwegs-in-nordkorea/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Sep 2020 20:28:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Nord Korea]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Korea]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Oliver Rühle]]></category>
		<category><![CDATA[Nordkorea]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Nachdem ihm das Regime doch noch ein Visum ausgestellt hat, reist unser Autor durch Nordkorea. Umgeben von kommunistischer Architektur und dem Personenkult der Kims versucht er, eine Frage zu beantworten: Wie sind die Menschen hier wirklich?<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/unterwegs-in-nordkorea/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Nachdem ihm das Regime doch noch ein Visum ausgestellt hat, reist unser Autor durch Nordkorea. Umgeben von kommunistischer Architektur und dem Personenkult der Kims versucht er, eine Frage zu beantworten: Wie sind die Menschen hier wirklich?</strong></p>



<p>Mehrere Anläufe hatte ich gebraucht, um diese Reisen nach Nordkorea überhaupt antreten zu können. Offenbar hatte mich das kommunistische Regime wegen meiner Artikel in deutschen Medien über die Kim-Dynastie auf eine schwarze Liste für Journalisten gesetzt. 2015 hatten mir die Nordkoreaner das Visum für die Begleitung einer deutschen Bundestagsdelegation noch verweigert. Drei Jahre später ging dann plötzlich alles ganz schnell. Es war es wie so oft im Leben: man muss die richtigen Leute kennenlernen.</p>



<p>Ich hatte Glück, dass ich die Fotografin Xiomara Bender für ein Interview zu ihrem Nordkorea-Bildband “The Power of Dreams” traf. Durch sie eröffnete sich mir ein ganz anderer Zugang zu meinem journalistischen Lieblingsthema – der nun schon 72 Jahre alten Diktatur. Xiomara fotografiert seit 2011 regelmäßig in Nordkorea, kennt das Land gut. Durch ihren Vater Andreas Bender, der weltweit als Reiseführer für eher ungewöhnliche Reiseziele operiert und als einer der ersten Deutschen eine Reiseleiterlizenz für Nordkorea seitens des kommunistischen Regimes erhielt, kann sich Xiomara auf ein seit über 30 Jahren quasi gegenseitiges Vertrauensverhältnis zwischen ihrer Familie und der nordkoreanischen Tourismusbehörde verlassen.</p>



<p>Die Behörde verfolgt die strikte Aufgabe, alle Ausländer im Land zu kontrollieren und während des Besuchs mit mindestens zwei sogenannten Reiseführern auf Schritt und Tritt zu begleiten. Dank Xiomaras Vater bekam ich nun ganz problemlos ein Visum für Nordkorea und begleitete Sie 2018 zwei Mal in das abgeschottete Land am Ende der Welt.</p>


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                                Der 170 Meter hohe Couch’e-Turm in Pjöngjang, benannt nach der Staatsideologie der Kim-Dynastie.
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<p>Sicher wusste die nordkoreanische Seite, dass ich als Journalist und weniger als Tourist agieren würde. Aber offenbar bekam ich das Prädikat „harmlos“ verliehen. Und ja, Nordkorea hat sich in den letzten Jahren etwas geöffnet, natürlich auch des Geldes wegen. Das von internationalen Handels-Sanktionen geplagte Land hat nicht viele Gelegenheiten, an harte Währungen heranzukommen. Und irgendwie muss Diktator Kim Jong-un ja seinen extravaganten Lebensstil mit Luxusautos, Privatjet, Palästen und Zuchtpferden finanzieren, während sein Volk in ärmlichen Verhältnissen lebt.</p>



<h2>Touristen als Devisen-Bringer fürs Unrechtsregime</h2>



<p>So bin auch ich letztlich nur ein Devisen-Bringer für das Unrechtsregime. Dessen muss sich jeder Nordkoreareisende bewusst sein. Schließlich brachte mein Aufenthalt pro Einreise dem nordkoreanischen Staat etwa 2.500 Euro ein. Ein teures Unterfangen also. Vom Abflug (von Peking oder Shanghai) an übernimmt die staatliche Tourismusbehörde die Kontrolle. Sie legt Hotels, Restaurants und Zeitpläne fest. Wirklich Ruhe vor den “Guides” hat man erst, wenn man von jenen im zentralen “Ausländerhotel” in der Hauptstadt Pjöngjang abgegeben wird und es hinter einem die Türen schließt. Der graue Wolkenkratzer am Ufer des Flusses Taedong ist ein Gefängnis light, denn auf eigene Faust darf man ihn nicht verlassen.</p>



<p>In die internationalen Schlagzeilen war das Hotel 2016 geraten: der junge Student und US-Amerikaner Otto Warmbier wurde verhaftet, weil er hier ein Propagandaplakat von der Wand gestohlen haben soll. Die Nordkoreaner verurteilten den Tourist dafür zu 15 Jahren Arbeitslager. Dort fiel er unter immer noch ungeklärten Umständen ins Koma und starb nach seiner Auslieferung 2017 in den USA.</p>



<p>Hier checke ich ein und beginne meine Nordkorea-Reise. Individuelle Wünsche für Route und Abläufe lassen die Hotel-Angestellten, immer in Abstimmung mit der Tourismusbehörde, bis zuletzt unbeantwortet oder im Vagen. Gleichzeitig versuchen sie aber Alles, um Gäste zufriedenzustellen. Das liegt in der Mentalität der Koreaner.</p>



<p>Für Touristen, die nicht wie ich journalistisch tätig sind, ist der Visa-Antrag heutzutage problemlos. So waren während meines ersten Aufenthalts anlässlich der Feierlichkeiten zu 70 Jahren Nordkorea im September 2018 so viele Ausländer im Land wie niemals zuvor. Der Großteil davon Chinesen, für die Nordkorea eine Art Kolonie ist. Und so führen sie sich vor Ort auch auf. Bald sollen rund eine Million chinesische Touristen pro Jahr kommen, vermelden Nordkorea-Analysten.</p>



<p>Wie das in der Praxis aussehen soll, bleibt mir ein Rätsel. Für viele Chinesen ist ein Nordkorea-Trip eine Reise in die eigene kommunistisch-maoistische Vergangenheit, inklusive Kontrolle und Gängelung. Viele sind nur bedingt an den Kulturreisen durchs Land interessiert, sondern wollen in die neu gebauten Spa-Hotels oder in die Skigebiete, die allesamt fernab großer Siedlungen liegen und gut zu kontrollieren sind. Aus nordkoreanischer Sicht bedeutet „perfekter Tourismus“, wenn Gäste kommen, die ihr Geld mitbringen – und ansonsten gut abgeschirmt von der Bevölkerung im Hotel oder einem isolierten Gebirge bleiben.</p>



<h2>Leer und sonderbar zart</h2>



<p>Hinter dem Fenster meines Hotelzimmers liegt Pjöngjang. Meine ersten Gedanken: diese große Leere, das Nichts zwischen den Gebäuden und Menschen. Das Leben muss sich hier zwischen breiten Straßen, Plattenbauten und weitläufigen Plätzen und Propaganda-Monumenten abspielen. Damit folgt die nordkoreanische Hauptstadt einer bei kommunistischen Diktaturen beliebten Architektur. Im sowjetischen Moskau – an der sich die &#8222;Demokratische Volksrepublik Nordkorea&#8220; bei der Gründung im Jahr 1948 zunächst orientierte – ließ Stalin historische, verwinkelte Nachbarschaften abreißen, um breite Boulevards und lange Sichtachsen anzulegen. So konnten sich die Bewohner nicht so gut verstecken, aber dafür die Partei und Armee besser aufmarschieren. Gewaltige Monumente mit den Symbolen des Staates und den Antlitzen seiner Führer sollten dem Regime Größe und einen Hauch von Ewigkeit verleihen.</p>


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<p>Die Sowjetunion gibt es nicht mehr, aber Nordkorea ist noch da. Dessen Propaganda-Apparat erscheint so effektiv, dass selbst Stalin neidisch geworden wäre. Der Personenkult mit Statuen und Plakaten begann mit dem Staatsgründer: Kims Großvater, Kim, der &#8222;Große Führer&#8220; und trotz seines Ablebens vor sechsundzwanzig Jahren heute immer noch der &#8222;ewige Präsident&#8220; Nordkoreas. Und Kims Vater, Kim, die &#8222;Sonne der Nation&#8220;, verstorben 2011, ist immer noch &#8222;ewiger Generalsekretär&#8220; der Kommunistischen Partei.</p>



<p>Seit fast zehn Jahren ist der dritte Kim an der Macht. Das Staatsfernsehen verkündet nur seine Erfolge, die Armut im Land oder die große Hungersnot in den 90er-Jahren werden nicht erwähnt. Für jeden Bürger wäre öffentliche Kritik Selbstmord. Der Staatskult geht sogar soweit, dass die Nordkoreaner ihre Kim-Führer für Halbgötter halten, die anders als Normalsterbliche nie auf Toilette müssen. So berichtete es jedenfalls der nordkoreanische Flüchtling Kang Chol-hwan im Buch &#8222;Die Aquarien von Pjöngjang&#8220;.</p>



<p>Mit diesen Gedanken blicke ich um mich. Kann es wirklich sein, dass die fünfundzwanzig Millionen Menschen in diesem Land an so einen Quatsch glauben? Wenn ich hier leben würde, täte ich sicher nur so, um zu überleben. Aber sicher sein, kann ich nicht. Wer weiß schon, was zwei Generationen Gehirnwäsche anrichten können. Zumal das Regime alles versucht, um Informationen von der Außenwelt fernzuhalten, ein offenes Internet gibt es nicht.</p>



<h2>Ferner Planet</h2>



<p>Bereits auf der Taxi-Fahrt vom Flughafen zum Hotel versuchte ich, einen Blick auf die Menschen in den Straßen zu erhaschen. Sie wirkten auf mich wie uniforme aber zarte, fast zerbrechliche Wesen. Ihre Erscheinung scheint aufrichtig und unbehelligt, und zieht mich sogleich in einen Bann. Sie kommen mir verwandt vor, aber gleichzeitig wie Außerirdische von einem fernen, unbekannten Planeten. Oder bin ich hier der Außerirdische, von einem klassenverfeindeten Himmelskörper?</p>



<p>Ich kann es bis heute nicht benennen, so skurril erscheinen die jeweiligen, gegensätzlichen Wahrheiten, wenn der Rest der Welt – wie ich – auf Nordkorea trifft. Und dann dieses Gefühl, wie in einem Bernstein eingeschlossen zu wandeln, Besucher einer konservierten Kultur zu sein. Zu Gast in einer Apparatur, in welcher Denunziation und strikte Überwachung herrschen, Deportationen und Machtmissbrauch zur Tagesordnung zählen und kaum Individualität möglich ist, bzw. als Entfaltungsform der eigenen Biografie völlig unbekannt sein muss.</p>



<p>Wie unter einer Glocke erscheint mir das Leben hier, draußen Unmengen Wasser, drinnen ein wenig Luft zum Atmen. Sie wissen es einfach nicht besser. Vielleicht ist Nordkorea die Tiefsee unter den Ländern der Erde. Kaum Licht dringt ein. Kein Internet, keine Mode, keine Popkultur, keine Pornografie, kein Hollywood, kein Ami auf dem Mond, keine Droge, keine Verheißung, keine Möglichkeit der freien Entscheidung.</p>



<p>Um so neugieriger stürze ich mich auf den ersten echten Nordkoreaner, mit dem ich sprechen darf. Und das auf fast perfektem Deutsch. Er ist einer meiner Reise-Aufpasser und nennt sich ausgerechnet &#8222;Bruce Lee&#8220;, wie die Hollywood-Kampfsport-Ikone. Ansonsten will er aber von westlicher Kultur noch nichts gehört haben – oder hat es wirklich nicht. &#8222;Die Beatles? Noch nie gehört!&#8220;, sagt er.</p>



<p>Doch dann geht es endlich los. Unsere Reisegruppe samt Aufpasser darf aus dem Hotel und ich sitze in einem Kleinbus-Taxi japanischer Fabrikation. Neben Xiomara, den beiden Aufpassern und mir besteht unsere Gruppe noch aus meinem besten Freund Felix. Auf einer der breiten, endlos wirkenden Straßen der Drei-Millionen-Metropole Pjöngjang, mit den weitläufigen Sichtachsen entlang der in Pastelltönen angemalten Prachtbauten. Viel Verkehr gibt es nicht. Es ist die Straßeninfrastruktur einer Großstadt mit dem Verkehrsaufkommen eines Dorfs. Am Straßenrand absolviert eine Gruppe von uniformierten Frauen einen Appell. So viel Raum und Platz.</p>



<h2>Seltsam bekannt</h2>



<p>Eine Hauptstadt mit der Atmosphäre einer Filmkulisse. Alles erscheint akkurat und künstlich. Nicht am Leben gewachsen, sondern inszeniert nach den Plänen der Kim-Dynastie. Unsere Reiseleiter verordnen Stops vor Gebäuden und Monumenten. &#8222;Bitte nicht mit den Menschen sprechen&#8220;, sagt Bruce Lee. In meiner Erinnerung verschwimmen die Eindrücke. Fast fühle ich mich heimgesucht durch eine seltene Welt – vielleicht die Letzte ihrer Art.</p>



<p>Trotzdem kenne ich die Symmetrien der Stadt bereits von irgendwoher. Manche Farben, auch Gerüche, vielleicht auch die Mode mit ihren strengen Schnitten, kommen mir bekannt vor. Ganz bestimmt aber die Pjöngjanger Straßenbahnen, denn die roten Tatra-Wagen aus der ehemaligen Tschechoslowakei, erinnern mich an meine eigene Kindheit in der DDR. Auf vielleicht denselben Sitzschalen saß ich in Dresden auf dem Weg in den Kindergarten, in welchem wir uns auf den gleichen Klettergerüsten die Knie und Köpfe aufschlugen. Meine eigene Vergangenheit wird lebendig. Die Idee von der sozialistischen Stadt, ich erkenne sie wieder.</p>



<p>Wenn ich jetzt während des Schreibens an Nordkorea zurückdenke, erinnere ich mich vor allem immer wieder an ein zärtliches Gefühl den Menschen gegenüber. Auslöser vor Ort war ein sonderbarer und berührender Moment zugleich – und das ausgerechnet während einer Militärparade.</p>



<p>Die große Parade soll den 70. Gründungstag von Nordkorea feiern. Die Reise-Aufpasser haben uns am Rande eines großen Prachtboulevards positioniert. Erwartet hatte ich Waffen. Stählerne Kanonen und bedrohliche Raketen. Feindselige Prahlerei und frenetisch zelebrierte Propaganda. Vor allem aber rechnete ich mit Aggression und Hysterie – gegen die USA, den Imperialismus, die westliche Welt. Wie sonst sollte die letzte stalinistische Diktatur ihren runden Geburtstag zelebrieren?</p>


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                                Militärparade zum 70. Gründungstag
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<p>Doch es ist der friedvollste, fröhlichste und bunteste Aufmarsch, den ich bisher erlebt habe. Und so stehe ich also da, neugierig und erstaunt, inmitten einer dieser typischen, ausladenden und ellenlang geraden Prachtstraßen Pjöngjangs. Währenddessen rollen die Lastwagenkonvois mit offener Ladefläche vorbei, auf der sehr junge, zierliche Soldaten und Soldatinnen jubeln. Sie halten Luftballons, statt Gewehren, und sie winken ungeniert und lachen fast kindlich zu der Menge an hübsch herausgeputzten Nordkoreanern am Straßenrand, welche ihrerseits je Konvoi ein herzliches &#8222;Danke!&#8220; ausrufen. Die Frauen in traditioneller, bonbonfarbener Tracht, die Männer mit schlichten Krawatten und in grautönigen Sakkos.</p>



<p>Für mich ist es ein Klischee-zerschmetterndes Bild, wie die aus Sowjetzeiten stammenden LKW auf mich zurollen und ausgelassene Freude, statt Zorn transportieren. Ich stehe allein auf weitem Asphalt, keiner der zahlreichen Polizisten, Ordnungshüter oder einer unserer beiden obligatorischen Aufpasser haben mich daran gehindert, die Menschenmenge zu durchbrechen und einfach auf die Fahrbahn zu treten. Ich glaube in diesem Moment war die Kontrolle über uns verlorengegangen, denn ein jeder aus unserer Gruppe verschwand für einige Augenblicke in der Menge der jubelnden Nordkoreaner. Und so recke ich meine Hand mal links mal rechts aus, zu den Händen der vielleicht jüngsten Garde der nordkoreanischen Armee. Die zierlichen Handflächen schlagen von oben auf die meine. Manche der gegenseitigen Berührungspunkte kann ich für Sekunden festhalten, indem sich mein Blickfeld mit dem jeweiligen Kopf auf dem Konvoi mitdreht.</p>



<h2>Formation und Gemeinschaft</h2>


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                                Eine junge Mutter mit Kind in der Siedlung einer Agrargenossenschaft im Nordosten Nordkoreas.
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<p>Und dann endlich verlassen wir Pjöngjang und das Ausländerhotel. Wir dürfen andere Teile Nordkoreas sehen, dessen Fläche etwa so groß ist wie Bayern und Niedersachsen zusammen. Wirkliche Reisefreiheit gibt es natürlich nicht. Die Tourismusbehörde hat die Route samt Unterkünften lange im voraus festgelegt und auch die beiden Aufpasser kommen mit. Trotzdem: besser als nichts. Die wohlhabende Hauptstadt ist für das normale Leben in Nordkorea nicht repräsentativ, die knapp drei Millionen Einwohner gehören vor allem zur gesellschaftlichen Elite und deren Dienstpersonal. Die restlichen zweiundzwanzig Millionen Nordkoreaner brauchen zum Betreten einen Passierschein. Und so rollen wir im Kleinbus mehrere hundert Kilometer Richtung Nordosten ans Japanische Meer, zu den Küstenstädten Hamhung und Wonsan.</p>



<p class="p3"><span class="s1">Wonsan ist ein harter Schnitt zur herausgeputzten Hauptstadt. Hier geht es nun ein paar Stufen abwärts: triste Plattenbauten, kaputte Straßen und Fensterscheiben, bedrückende Stimmung, jeder scheint von Arbeit oder Maßnahmen getrieben, alte LKW transportieren Menschen auf die Reis- und Sojafelder. Undefinierbare Gerüche liegen in der Luft. Spätestens hier wird überdeutlich, dass Nordkorea ein bitterarmes und immer noch vom Krieg geprägtes Land ist. Leben am Ende der Welt, so fühlt es sich an. Dabei wäre die Hafenstadt am Japanischen Meer wohl eine Touristenhochburg, wenn Nordkorea sich weiter öffnen würde. </span></p>



<p class="p3"><span class="s1">Strände mit feinstem Sand machen das Umland von Wonsan, mit den alten Kieferwäldern, nämlich zum Idyll. Stolz führen uns die Reise-Aufpasser an einen dieser Strände und lassen uns baden. Es fühlt sich absurd und beklemmend an. Ich denke an die vielen Menschen, die in diesem Wasser ihr Leben gelassen haben, weil sie der Freiheit am Horizont entgegen ruderten, in der Hoffnung, Japan zu erreichen. Viele Nussschalen verließen schon diese Küste. Mit dem Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können – dabei ist die Küste Japans viel zu weit weg, viele Boote kentern oder die verzweifelten Flüchtlinge verhungern auf offener See. Wer Nordkorea als Nordkoreaner verlässt, muss es für immer tun, tot oder lebendig.</span></p>


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<p>Unser Kleinbus folgt der Küste nach Norden. Nach etwa hundert Kilometern erreichen wir die zweitgrößte Stadt des Landes: Hamhung. An deren<span class="s1"> Wiederaufbau war acht Jahre lang die „Deutsche Arbeitsgruppe Hamhung“ maßgeblich beteiligt, eine Gruppe von Architekten und Ingenieuren aus der DDR. Tatsächlich erinnert es an Eisenhüttenstadt oder Hoyerswerda, mit den Arbeitersiedlungen und Plattenbauwohnungen in Reihe und Glied. Die Industriestadt scheint wie aus der Zeit gefallen, direkt aus den frühen Achtzigern.</span></p>



<p><span class="s1">Während die Hauptstadtbewohner Ausländer mittlerweile gewöhnt sind, fühlt man sich als solcher in Wonsan oder Hamhung wie ein Exot. Die Nordkoreaner reagieren grundsätzlich freundlich und respektvoll, fast zärtlich und naiv. Sie winken oder lachen, wenn man sie dazu animiert. Besonders in Hamhung. Während Wonsan auf mich einen trostlosen Eindruck macht, bleibt von Hamhung der Eindruck eines gewissen Eigenlebens. Menschen, die an der Straßenecke miteinander plaudern, Männer, die hockend Eis essen, Kinder, welche am Springbrunnenrand sitzen. Aber auch hier: Städtebau nach Prinzip. Die Allmacht des Systems in der Architektur. Breite Straßen, überdimensionale Kim-Monumente, weite Flächen und Flure. Hier kann sich niemand verstecken.</span></p>



<h2>Auf dem Land</h2>



<p>Zwischen den Städten passieren wir im Kleinbus das Land mit seinen Dörfern, Fabriken und landwirtschaftlichen Genossenschaften. Sie finden sich am Meer wie im Gebirge. Dazwischen Felder, Ebenen und Hügel. Alle Kraft für die genossenschaftliche Produktion. Ein Eindruck dominierte meine Wahrnehmung dabei immer wieder, egal ob Stadt oder Land: Das Auftreten der Menschen in Formationen und immerzu in Gemeinschaft. Ob bei der Maisernte, beim Tai Chi am Ufer des Flusses Taedong, bei gymnastischen Übungen oder Tanzeinlagen am Straßenrand der pseudo-modernistischen Hauptstadt. Niemand scheint allein, entscheidet selbstständig nach seinem eigenen Gefallen oder hegt auch nur irgendeine denkbare, vergleichbare Freiheit, wie wir sie kennen und um deren Verwirklichung wir uns ereifern. Dieses Wissen schwingt ständig in meinem Hinterkopf mit und trübt das romantische Erscheinungsbild, die sonst ursprüngliche Natürlichkeit des Anblicks.</p>


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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea.jpg" data-caption="Hügelfelder zwischen den Ballungszentren." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-2-1.jpg" data-caption="Irgendwo zwischen Pjöngjang und Wonsan." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-3.jpg" data-caption="Eine LPG in Zentralnordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-4.jpg" data-caption="Nordkoreanische Landschaft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-6-1.jpg" data-caption="Frauen auf dem Weg zur Feldarbeit." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-24.jpg" data-caption="Ein Transporter mit Erntehelfern." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-31.jpg" data-caption="Ein Dorf im Norden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-34.jpg" data-caption="Berglandschaften sind typisch für Nordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-33.jpg" data-caption="Mit dem Touristen-Bus einmal quer durch Nordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-32-1.jpg" data-caption="Transporter mit Arbeitern prägen den Verkehr." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Ländliches Nordkorea</p></div>


<p>Den absoluten Superlativ dieser Gruppendynamik stellt das Arirang-Festival dar, welches ich im &#8222;Stadion Erster Mai&#8220; in Pjöngjang zur Premiere anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten erleben kann. Eine akribisch perfektionierte Inszenierung der siebzigjährigen Geschichte Nordkoreas, eine gewaltige Choreografie abertausender Akrobaten, Tänzer, Athleten, Musiker und Kindergruppen. In einer Synchronität jenseits von etwas je Gesehenem, von welcher hiesige Choreografen nur träumen können. In einer Ästhetik und Epik welche man mit jener einer Leni Riefenstahl vergleichen kann – allerdings in Farbe. Die Organisation von Massen beherrscht wohl kaum ein anderes Land derartig optimiert und konditioniert, wie es die Ideologie der Kim-Dynastie seinen Untertanen durch Drill und Disziplinierung auferlegt hat.</p>



<p>Unsere Tribüne ist keine hundert Meter Luftlinie von der Herrscherloge entfernt, in welcher kein Geringerer als Kim Jong-un selbst Platz genommen hat. Ein sonores Raunen geht durch das größte Stadion der Welt, mit einem Fassungsvermögen für etwa 150.000 Menschen, als der oberste Führer höchstpersönlich in Erscheinung tritt. Gefeiert wie ein Messias, wie ein Gott. Doch was weiß ich schon, der eingebildete Freie? Das ist eine ganz andere Frage, bei welcher ich immer noch überlege, wie meine persönliche Antwort ausfällt.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1200x795.jpg" alt="" data-id="7389" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/nordkorea-11/" class="wp-image-7389" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1200x795.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-600x398.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-768x509.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1536x1018.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-150x99.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1320x875.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1250x828.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-400x265.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11.jpg 2000w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1200x794.jpg" alt="" data-id="7388" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/nordkorea-12-2/" class="wp-image-7388" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1200x794.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-600x397.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-768x508.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1536x1017.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-150x99.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1320x874.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1250x828.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-400x265.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1.jpg 2000w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li></ul><figcaption class="blocks-gallery-caption">„The Glorious Country“ – die Choreografie der Massen anlässlich des 70. Geburtstags der Diktatur.</figcaption></figure>



<h2>Der Reisende wird gespiegelt</h2>



<p>So oder so: Nordkorea hält uns Westlern den Spiegel vor. Das Land am Ende der Welt ist schlicht und einfach das ganze Gegenteil dessen, was wir aus Deutschland von unserem Leben im Überfluss kennen. Was an Eindrücken dominiert, fühlt sich absurd und auch befremdlich an. Aber ebenso bleibt eine unglaubliche, seltene Form der Schönheit jenseits der Uniformierung und Kollektivierung zurück.</p>



<p>Was nimmt man mit, zurück in die westliche Welt? Mein Ziel, das wahre Wesen der Menschen in Nordkorea zu erkunden, ist gescheitert. Die Sprachbarriere, das Kontaktverbot und die ständige Beobachtung durch die Reise-Aufpasser haben es unmöglich gemacht – allein durch Lächeln, Nicken und Winken lassen sich keine Lebenswelten austauschen. Ich sah gewissenhafte aber müde, schüchterne aber entschlossene, freundliche aber disziplinierte Menschen. Doch das ist nur mein subjektiver Eindruck.</p>



<p>Der Nordkoreaner, der mir am meisten ans Herz wuchs, war ausgerechnet mein Reise-Aufpasser &#8222;Bruce Lee&#8220;, ein Diener des Propaganda-Systems. Der Abschied am Flughafen ging mir ins Mark. Es ist seltsam, doch die Reiseführer werden automatisch zu Vertrauten, weil sie unsere Sprache sprechen und die einzige Anlaufstelle für Wünsche und Informationen sind. Bei gemeinsamen Mahlzeiten und einem Glas koreanischem Eichelschnaps ergeben sich automatisch Gespräche. Zwar hatte &#8222;Bruce Lee&#8220; behauptet noch nie von den Beatles gehört zu haben, dafür kannte er sich überraschend gut mit aktuellen Entwicklungen in Deutschland aus.&nbsp; </p>



<p>Vielleicht war es nur ein Spiel, doch ich hatte das Gefühl, das sich ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte. Je besser wir uns verstanden, desto freier durfte ich mich bewegen, fast wie zur Belohnung. <span class="s1">Es gab sogar Momente der Komplizenschaft, welche ich besser für mich behalte, damit ich niemanden nachhaltig in Gefahr bringe. Wer weiß, wer hier mitliest. Ich möchte glauben, dass Bruce Lee es ehrlich meinte. Die Reiseführer sind in der Regel ausgesprochen gut ausgebildete und wissbegierige Nordkoreaner und Nordkoreanerinnen, welchen normalerweise die Welt offen stehen würde. In einem anderen Land, in einem anderen Leben. Durch den regelmäßigen Kontakt mit Ausländern wächst auch ihre Neugier an der Welt da draußen.</span></p>



<p>Am Ende bleibt: Die Reise hat meine persönliche Verbindung zu Nordkorea verstärkt, vielleicht wegen der eigenen deutschen Teilungs- und Wiedervereinigungsgeschichte. Ich glaube fest daran, dass eine Wiedervereinigung Nord- und Südkoreas möglich ist. <span style="font-size: inherit;">Behutsam und sensibel müsste es dann allerdings vonstattengehen. So fragil scheinen die Seelen der Menschen durch ihr Unwissen, ihre Unschuld. Ein Moment bleibt mir in besonderer Erinnerung: Ich lief allein auf weiter Flur über ein paradiesisches Sandstück an der Ostküste Nordkoreas, die Sonne schien wie auf einer Urlaubspostkarte und ich blickte über das Japanische Meer, quasi in Richtung Freiheit. </span></p>


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                                Das Japanische Meer – die Ostküste Nordkoreas bei Wonsan
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<p><span style="font-size: inherit;">Zwei Tage später steige ich ganz selbstverständlich und privilegiert in den Flieger nach Peking. Keinen der Menschen, denen ich in Nordkorea begegnet bin, werde ich wahrscheinlich je wiedersehen.</span></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ranch der Leidenschaften</title>
		<link>https://www.weltseher.de/ranch-der-leidenschaften/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Mar 2020 12:47:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bulgarien]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<category><![CDATA[Pferde]]></category>
		<category><![CDATA[Pferderanch]]></category>
		<category><![CDATA[Ranch]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Tiersitter]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.weltseher.de/?p=7218</guid>

					<description><![CDATA[Unser Autor Markus Huth wollte auf einer Pferderanch in Bulgarien aushelfen und das Cowboy-Handwerk lernen. Am Ende war er froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ranch-der-leidenschaften/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Unser Autor Markus Huth wollte auf einer Pferderanch in Bulgarien aushelfen und das Cowboy-Handwerk lernen. Am Ende war er froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.</strong></p>



<p>Hallo« zum Beispiel.<br>Oder: »Hey, ich bin&nbsp;…«<br>Was halt so gesagt wird, wenn man jemanden zum ersten Mal trifft. Ich war eben auf einer Pferderanch in Bulgarien angekommen, wo ich nur diesen dürren, bleichen Mann angetroffen hatte, der auf einer rostigen Blechtonne seine Suppe schlürfte. Er sah aus wie ein Junkie, der seine zerlöcherte Kleidung in jener Tonne gefunden hatte.»Ich Pferd nicht gestohlen«, begrüßte mich der Unbekannte.<br>Das Englisch brüchig, der Akzent osteuropäisch: »Karol mir Pferd schon geschenkt. Warum ich stehlen eigenes Pferd? Wo ist Sinn?«<br>Neben ihm lag ein Gewehr.<br>Mit glasigen blauen Augen sah er mich an.<br>Sprach er mit mir?<br>»Äh&nbsp;… okay. Und wer bist du?«, fragte ich.<br>Erst jetzt stellte sich der kränkliche Dürre vor.<br>»Lika.«<br>Was für ein seltsamer Ort.</p>



<p>Ich war gekommen, um das Reiten und den Umgang mit Pferden zu lernen. Ein Kindheitstraum, seit ich Winnetou und Old Shatterhand durch die TV-Prärie galoppieren sah. Und günstiger als auf dieser Wild-West-Ranch in Bulgarien ging das kaum. Gefunden hatte ich das Angebot im Internet, auf der Volunteer-Webseite workaway.info: Im Tausch gegen Kost, Logis und Pferdewissen wollte ich einen Monat lang aushelfen.<br>Quasi als Cowboy in Ausbildung.</p>



<p>Doch jetzt saß ich hier neben dem Tonnen-Junkie verloren neben meinem Rucksack. Die Szenerie hatte was von Postapokalypse.<br>Weit und breit keine Zivilisation. Nur rundliche Berge, Gras, Matsch, Felder und Wälder, über allem der blaue Himmel.<br>Eigentlich auch ganz idyllisch, beruhigte ich mich innerlich.</p>



<h2>Hexenhaus und Nomaden-Lager</h2>



<p>Hinter uns stand ein Haus wie das der Märchenhexe Baba Jaga.<br>Ein aus Holzlatten gebauter Kasten, das Dach wie ein Pilz geformt mit einer weißen Plastikplane darüber. Es hätte mich nicht überrascht, wenn das Haus gleich auf langen Hühner-Beinen aufstehen und den Rest dieser Ranch mitnehmen würde.</p>


        <div id="aesop-image-component-7218-5"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                                Die Ranch samt Hexenhaus. Foto: Markus Huth
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<p>Denn auf dem fußballfeldgroßen Gelände war alles mobil.<br>Alte Campingwagen gilbten vor sich hin, dazwischen spinatgrüne Armeeanhänger und Pferdetransporter, Zelte, ein Mähdrescher, ein Traktor sowie allerhand Blechtonnen, Plastikplanen und Schrott.<br>Äxte steckten auf einem Baumstumpf.<br>Solarmodule auf Europaletten knirschten »Off-Grid« statt »Hightech«, und dicke schwarze Stromkabel hangelten sich von Anhänger zu Anhänger.<br>Kurzum: Hier sah es mehr nach fahrendem Volk als Pferderanch aus. Allein ein großer umzäunter Kreis in der Mitte von allem ließ erahnen, dass hier auch geritten wurde.</p>



<p>»Ist das dein Gewehr da?«, fragte ich den Nicht-Pferdedieb.<br>Verwirrt schaute er von seiner Suppe auf.<br>»Das? Nein, ist Karol. Er schießen auf Hühner.«<br>Aha.<br>Ich wusste nicht, ob mich diese Antwort beruhigte.<br>Und wer war überhaupt dieser Karol?<br>In diesem Moment öffnete sich die Tür im Hexenhaus.<br>Ins Freie trat eine junge Frau. Anfang dreißig, hochgewachsen, athletisch, die brünetten Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Mit ihren blauen Jeans, rot-weiß kariertem Hemd und braunen Lederstiefeln sah sie aus wie ein Cowgirl aus der Werbung.</p>



<p>»Wir hatten geschrieben. Ich bin Amelia. Hier, iss erst mal was«, sagte sie in gutem Englisch, der osteuropäische Akzent sehr weich.<br>Sie stellte mir eine Schale Kartoffelsuppe auf den Tisch und verschwand wieder im Hexenhaus. Während ich auslöffelte, erzählte mir Lika ungefragt von seinen schönsten Drogenerfahrungen (Ayahuasca-Sud bei einem Schamanen) und in welchen Ländern man am besten schwarz mit dem Zug fahren könne (Italien).<br>Irgendwann kam Amelia wieder raus.<br>»Komm mit, ich zeig dir dein Bett.«</p>



<p>Nach einem kurzen Spaziergang durch das Nomaden-Lager stoppten wir vor dem etwa zehn Meter langen, grünen Anhänger, der noch die kyrillische Beschriftung der bulgarischen Armee trug. Drinnen war es eng und finster. Sechs Pritschen lagen übereinander, darauf allerlei Krams. Messer, Sättel, Wolldecken, Kissen.<br>Ich zwängte mich hinter Amelia durch den engen Gang.<br>»Du kannst hier schlafen«, sagte sie schließlich.<br>Wir standen in einer kleinen Hinterkammer im Anhänger, mit nichts drin außer einer Matratze auf dem Boden.<br>»Du hast Glück«, fand das Cowgirl.<br>Denn ich könne meine Zelle durch eine Schiebetür schließen und hätte damit Privatsphäre. Und dank eines von der Decke baumelnden Kabels sogar Strom. Während ich auf dem Boden nach einer freien Ecke für den Rucksack suchte, hörte ich sie noch rufen: »Ruh dich aus, dann komm zum Haus.«<br>Erschöpft fiel ich auf die Matratze und zweifelte daran, dass das hier alles eine gute Idee war.</p>



<div class="wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile mit80viechern"><figure class="wp-block-media-text__media"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1.jpg" alt="" class="wp-image-7270" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1.jpg 350w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1-95x150.jpg 95w" sizes="(max-width: 350px) 100vw, 350px" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<h4 class="has-text-align-center">Diese Reportage stammt aus Markus&#8216; Buch <br><strong>&#8222;Mit 80 Viechern um die Welt&#8220;</strong></h4>



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<h2>Meet the Gang</h2>



<p>Als ich wieder aus meiner Zelle kroch, rollte bereits die Abenddämmerung über die bulgarischen Berge. Pferde und Kühe grasten auf weiten Koppeln.<br>Vor dem Hexenhaus, das nur die Ranchküche beherbergte, saßen vier Gestalten um einen Holztisch herum. Nur eine davon war weiblich.<br>»Das ist unser neuer Azubi-Cowboy«, verkündete Amelia in die Männerrunde.<br>Die Atmosphäre war seltsam angespannt.<br>Ein Typ in gefleckter Militärjacke grinste mehrdeutig und schwieg, den schwarzen Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen. Ich verbuchte seine Erscheinung unter »schweigsamer Soldaten-Cowboy«.<br>Dann knurrte jemand ein »Willkommen«, das eher nach »Verpiss dich« klang.</p>



<p>Es kam von einem bulligen Typen, ebenfalls mit Cowboyhut auf dem Kopf. Das war Karol, dem das Gewehr gehörte und der anscheinend gerne auf Hühner schoss. Anders als der Soldatencowboy zog er den Westernstil mit Lederweste und Fransenhose komplett durch.<br>Nur einer schien hier Manieren zu haben.<br>»Hey, nett dich kennenzulernen, ich bin Tony«, sagte der schmucke Mann neben Amelia. Dem Akzent nach ein Italiener. Tony war der Einzige hier, der keinem Western entsprungen schien. Er präsentierte seine muskulösen Arme in einem ärmellosen Shirt, trug Shorts und eine weiße Baseballmütze.<br>Als ich mich nach Lika erkundigte, knurrte Karol nur abfällig. Der habe ein Pferd gestohlen, außerdem sei ein Skoda aus dem Nachbardorf verschwunden.<br>»Der dumme Junkie braucht wieder Drogen«, bellte er.<br>Jedenfalls sei Lika zu einem Schamanen im Wald gegangen und brauche sich hier nicht mehr blicken lassen.</p>



<p>Amelia wechselte das Thema und beantwortete meine neugierigen Fragen.<br>Die Wild West Ranch gehörte ihr und dem bulligen Karol, mit dem sie verheiratet war. Das Ehepaar besaß vierzig Pferde, vorwiegend von den Westernrassen »American Quarter Horse« und »Paint Horse«, ebenso viele Kühe, dreißig Schafe, zweiundzwanzig Enten, siebzehn Truthähne, fünfzehn Hühner, zehn Schweine, acht Kaninchen, einen Raben, eine Ziege und ein Maultier.<br>Dann gab es noch die Hunde.<br>Schon bei meiner Ankunft wäre ich beinahe über einen der plüschigen Welpen gestolpert. Sechs Stück von der Rasse Kaukasischer Schäferhund, dazu zwei ausgewachsene Exemplare, die an Bernhardiner erinnerten. Vervollständigt wurde das Rudel mit zwei hyperaktiven Jack-Russel-Terriern.</p>


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                                Überall tollen plüschige Hunde herum. Foto: Markus Huth
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<p>»Und jetzt trink«, sagte Karol und schob mir ein gefülltes Glas Wodka über den Tisch.<br>Und noch eins. Und noch eins.<br>Als es bereits stockduster war, sagte Amelia: »Wir treffen uns morgen früh um sechs vor deinem Anhänger.«<br>Dann gab sie mir noch ein Buch über Pferdedressur in die Hand und schickte mich unter dem funkelnden Sternenhimmel in den Armeeanhänger.<br>»Gute Nacht.«</p>



<h2>»Der Platz zwischen den Ohren eines Pferdes ist begrenzt.«</h2>



<p>Doch an Schlaf war nicht zu denken, mir schwirrte der Kopf vom Wodka. Also nahm ich in meiner Zelle Taschenlampe und Pferdebuch in die Hand.<br>»Respekt und Kontrolle bei Westernpferden erreichen« stand auf dem Titel. Geschrieben vom australischen Modellcowboy Clinton Anderson, dessen perfekt rasiertes Gesicht mich von unzähligen Fotos angrinste.<br>Ich las: »Der Platz zwischen den Ohren eines Pferdes ist begrenzt.«<br>Was zur Hölle war das denn?<br>Hör mal zu, Clinton Anderson, tobte ich im Wodkarausch, der Platz zwischen DEINEN Ohren ist wohl begrenzt!<br>Wie konnte er es wagen! Schließlich wäre die Menschheit ohne Pferde heute nicht da, wo sie ist.<br>Das nur einmeterzwanzig hohe Urpferd war vor etwa zwölftausend Jahren in Zentralasien von Menschen gezähmt worden. Ohne Pferde hätte der Mensch die Welt nicht erobert.</p>



<p>Schließlich beruhigte ich mich wieder.<br>Genau genommen hatte Mustercowboy Anderson ja auch recht: Schließlich ist der Platz zwischen allen Ohren naturgemäß begrenzt, unabhängig vom Lebewesen. Er wollte auch einfach nur sagen, dass Pferde Beutetiere sind und instinktiv vor so ziemlich allem Angst haben. Es tat vor allem zwei Dinge: wegrennen oder fressen.<br>Der Mensch müsse dem Pferd das Denken beibringen. Es an unbekannte Situationen gewöhnen. Ihm die Angst nehmen. Ein typischer Fehler sei es, meinte das Buch, Pferde allein mit Belohnungen gefügig machen zu wollen. Etwa einer Karotte. Genauso falsch sei es aber, das Tier so hart zu bestrafen, dass es Angst vor einem hat.<br>Der richtige Weg liege in der Mitte. Quasi die Zuckerpeitsche.<br>So etwas Ähnliches steht wahrscheinlich in jedem Handbuch für menschliche Führungskräfte.</p>



<p>Ich erwachte vom Hämmern an meine Hängertür.<br>Mist, verschlafen, es war bereits nach sechs. Müde kletterte ich die Metallstufen hinunter ins kalte Freie. Farblose Berge blockierten die Dämmerung und hielten die Sonne auf Abstand. Vom Gras tropfte Tau und machte den Boden matschig.<br>»Zieh die an«, sagte Amelia und warf mir Gummistiefel vor die Füße.<br>Ffffft, Ffffft, Ffffft folgte ich ihr durch den braunen Matsch.<br>Einige Meter hinter meinem Anhänger verrotteten Kästen aus Europaletten und Maschendrahtzaun im Gras. Das waren Gehege für die Tiere.<br>Meine neue Chefin wies mir die Kaninchen und Truthähne zu, deren Fütterung ab sofort meine Aufgabe war.<br>Immer noch müde trug ich einen Eimer Körner zu den schwarz-grauen Vögeln mit den pinken Hautlappen am Hals. Siebzehn fast ausgewachsene Tiere drängten sich auf vier Quadratmetern und gurrten gierig.<br>Für die Kaninchen drückte mir Amelia eine Sichel in die Hand. Damit streifte ich über die angrenzende Wiese, schnitt hohe Grasbüschel ab und legte sie den pelzigen Löfflern ins Gehege.</p>



<p>Als ich fertig war, führte mich Amelia einen Wiesenhang hinunter, über einen kleinen Bach, durch ein kleines Wäldchen, auf eine Weide. Dort grasten schwarze und braune Kühe.<br>»Muuuuhhhh«, rief das Cowgirl laut.<br>Eine bauchige braune Kuh antwortete: »Muuuuhhhh«, und kam gemütlich auf uns zugelaufen.<br>»Siehst du das Seil um ihren Hals? Nimm es.«<br>Anschließend führten wir die Kuh zurück auf die Ranch. Dort zog Amelia eine mobile Melkmaschine unter einer Plane hervor, stöpselte das Euter an einen Schlauch und drückte den Startknopf. Schubweise pumpte die Maschine weiße Milch in einen Eimer. Als er voll war, brachten wir die Kuh wieder den Hang hinunter und ließen ihre beiden Kälber aus einem Gehege, damit die auch noch etwas Milch nippeln konnten.<br>»Das machst du jeden Morgen«, befahl Amelia.<br>Und so begann mein Ranchalltag.</p>



<h2>Zuckerbrot und Peitsche</h2>



<p>Und was war mit Pferden?<br>Schließlich war ich nicht zum Melken hergekommen.<br>Doch auch nach drei Tagen hatte ich Pferde nur aus der Ferne gesehen.<br>Ich vermutete, dass ich zunächst die Theorie aus dem Buch zu pauken hatte. Zuckerbrot und Peitsche und so weiter.<br>Zumindest eines hatte ich schon gelernt: Hier auf der Ranch war Amelia das Zuckerbrot. Sie hatte immer ein paar Karotten in der Hand, wenn sie zu den Pferden ging. Außerdem bekochte sie uns »Volunteers« und hatte ab und zu sogar mal gute Laune.</p>



<p>Karol war hingegen die Peitsche.<br>Erst gestern hatte er eine braune Stute so an einen Baum gebunden, dass sie weder grasen noch liegen konnte. Als Strafe, weil sie gebockt hatte. Einen ganzen Tag musste das Tier so ausharren.<br>»Erziehung muss sein. Was weißt du schon von Pferden?«, hatte er nur gezischt, als ich vorsichtig Mitleid für das Tier geäußert hatte.<br>Ich kümmerte mich derweil weiter um Kaninchen, Truthähne und die Kuh. Eines Morgens beim Melken erzählte mir Amelia ihre und Karols außergewöhnliche Lebensgeschichte.</p>



<p>Die beiden stammten nicht aus Bulgarien, sondern aus Polen.<br>Dort hatten sie ein Leben geführt, dass sich von ihrem aktuellen krass unterschied. Die Frau, die mich morgens um sechs mit schlammigen Gummistiefeln aus dem Armeeanhänger klopfte, hatte in Warschau als Model gearbeitet und hochhackige Schuhe zu delikaten Kleidchen getragen.<br>Und Karols bulliger Körper war nicht in fransigen Cowboyoutfits herumgelaufen, sondern in maßgeschneiderten Anzügen. Er hatte als Broker an der Börse Millionen verdient. In Warschau hatte das Paar in einer luxuriösen Eigentumswohnung residiert, in schicken Restaurants gegessen und in elitären Nachtclubs gefeiert.</p>



<h2>Nie hätte ich geahnt, wie die Wahrheit aussehen würde</h2>



<p>Hier auf der Ranch hausten sie in einem hölzernen Westernwohnwagen mit Bullenschädel über der Tür.<br>»Warum lebt ihr jetzt hier?«, fragte ich Amelia.<br>»Wir wollten ein anderes Leben, raus aus der Stadt. Und wir beide lieben Pferde«, antwortete sie.<br>Vor sieben Jahren hätten sie in Polen alles verkauft und dafür in Bulgarien Land für die Ranch erworben, dazu Pferde sowie Land- und Baumaschinen, Anhänger und Wohnwagen. Auch wenn hier alles nach Zigeunerlager aussah, hatte alles einen Wert jenseits von einer Million Euro.</p>



<p>Vom urbanen Luxusleben in die Pampa?<br>Ich spürte, dass Amelia mir nicht alles erzählte.<br>Und warum ausgerechnet nach Bulgarien?<br>Nie hätte ich geahnt, wie die Wahrheit aussehen würde.</p>



<p>Doch zunächst Pferde. Endlich.<br>Eines Morgens nach dem Kuhmelken galoppierte Tony auf einer grauen Stute an mir vorbei. Lässig saß er ohne Sattel auf ihrem Rücken und trug nichts außer Shorts. Sein muskulöser Arm ließ eine Peitsche knallen und trieb damit die Kühe von einer abgegrasten Wiese auf eine neue.<br>Tony sah aus wie eine Wirklichkeit gewordene Sexfantasie aus einem Frauen- oder Schwulenmagazin.<br>Amelia lächelte ihm hinterher.</p>



<p>»Ich würde auch gerne reiten«, störte ich.<br>»Dann ist heute dein Tag«, lachte sie.<br>Es war Wochenende, und die Ranchkunden kamen aus der Stadt, um zu reiten und sich im Wohnwagen vom Großstadtleben zu erholen.<br>Das bedeutete, dass zehn Pferde von der Koppel geholt, gesäubert und gesattelt werden mussten.<br>Tony kümmerte sich schon um alles. Aber ich durfte mit ausreiten. Voller Vorfreude tanzte ich mit den hyperaktiven Jack Russell Terriern im Gras herum.</p>



<h2>Wo ist Wesna?</h2>



<p>»Geh und hol Wesna, die ist gutmütig und perfekt für Anfänger«, sagte Amelia.<br>Kurz darauf befand ich mich voller Vorfreude auf dem Weg zu meinem Pferd. In den Händen ein Seil und drei Möhren. Ich lief den grünen Hang hinunter, über den Bach, durchs Wäldchen, vorbei an den Kühen, auf die weite Koppel. Ein zwanzigminütiger Fußmarsch durch hohes Gras.<br>Dunkelbraun mit einem weißen Fleck auf der Stirn, so hatte Amelia meine Stute Wesna beschrieben.</p>



<p>Bald sah ich eine Herde inklusive einiger Fohlen oben auf dem nächsten Hügel grasen. Als ich mich näherte, hoben die Rösser mit aufgestellten Ohren die Köpfe und starrten mich an.<br>Was hatte das Pferde-Buch noch gleich gesagt?<br>Ach ja, Pferde sind Beutetiere und werden bei jeder Lageänderung sofort nervös. Also blieb ich ein paar Meter vor ihnen stehen, sodass sie sich an mich gewöhnen konnten.<br>Erst als alle wieder entspannt grasten, rief ich: »Wesna!«</p>



<p>Was nicht im Buch stand: Pferde reagieren nicht auf Namen.<br>»Wesna!«<br>Fehlanzeige.<br>Dafür trabten nun gleich zwölf große Tiere auf die Möhre an meinem ausgestreckten Arm zu. Drei davon hatten einen weißen Fleck auf der Stirn, eins braun, eins dunkler und eins fast schwarz.<br>Mist, was genau verstand Amelia unter Dunkelbraun?<br>Während ich noch überlegte, sah ich auf dem nächsten Hügel eine weitere Gruppe Pferde.<br>Vielleicht war meine Stute dort?<br>Auf gut Glück und aus Faulheit entschied ich mich für eine der potenziellen Wesnas vor meiner Möhre, knotete das Seil an die Geschirrschlaufe unter ihrem Maul und marschierte mit dem Pferd den ganzen Weg zurück zur Ranch.</p>


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                                Wesna? Foto: Markus Huth
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<p>Dort schimpfte Amelia: »Das ist doch nicht Wesna!«<br>Die anderen Pferde warteten bereits fertig gesattelt an Holzbalken gebunden. Die gestressten Städter hatten ihre Wohnwagen bezogen und freuten sich in Jeans und Lederstiefeln auf den Ausritt.<br>Nur ich stand mit dem falschen Gaul da.<br>Na toll.<br>Ein neuer Wesna-Versuch würde wenigstens eine Dreiviertelstunde dauern.<br>»Kein Problem, ich hol sie dir«, rief der schöne Tony, schwang sich elegant auf sein graues Ross und galoppierte Richtung Koppel.<br>Fünf Minuten später kehrte er unter triumphierendem Hufgeklapper mit Wesna im Schlepptau zurück.<br>Mit geübten Handgriffen bürstete er der Stute den Rücken, warf eine Decke darüber und schnallte ihr einen Ledersattel um.<br>»Da, steig auf«, sagte er mit einem Lächeln.<br>Ich war zugleich dankbar, neidisch und blamiert.<br>Ein Aushilfscowboy, der nicht mal sein Pferd fand.</p>



<h2>Endlich Reiten</h2>



<p>Wenig später war aller Ärger vergessen.<br>Ich saß fest im Sattel und trabte Amelias blonder Stute hinterher. Den Wind um die Nase, auf dem Kopf einen Cowboyhut – zum Schutz vor der Sonne und weil es einfach cool aussah. Ich versuchte mich an dem guten Reitstil, den mir das Cowgirl erklärt hatte: rhythmisch das Becken im Takt des Trabes zu heben und zu senken. Allerdings war das auf die Dauer recht anstrengend. Bald lungerte ich träge im Sattel, was mit einem noch tagelang schmerzenden Hintern bestraft wurde.<br>Hinter mir in der Kolonne folgten Tony sowie drei reiterfahrene Städter auf braun-weiß gescheckten Paint Horses. Eine klassische Westernrasse aus Nordamerika, muskulös und schnell, bei der man sofort an Cowboys und Indianer denkt.</p>


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                                Reiten in Bulgarien. Foto: Markus Huth
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<p>An diesem sommerlichen Nachmittag roch es nach Freiheit.<br>Von der Ranch hatte uns ein Feldweg in die Berge geführt, einige Kilometer vorbei an goldenen Weizenfeldern, bis wir schließlich einen Wald erreichten. Verfolgt wurde unsere Kolonne von zwei furchtlosen Ponys,&nbsp; die aus ihrer Koppel ausgebüxt waren, um der Langeweile zu entgehen. Im Schatten hoher Eichen prallten die Hufe auf den steinigen Pfad.<br>Bald teilte sich die Reitgruppe.<br>Amelia führte unseren Trupp – und Karol den zweiten auf einer anderen Route. Einige Pferde verstanden sich nicht miteinander, begründete Amelia. Vor allem die Hengste in Karols Gruppe würden schnell Streit beginnen, was für die Reiter mit Tritten oder Abwurf enden konnte.</p>



<p>Oder waren es Amelia und Karol, die sich nicht verstanden?<br>Zwar war ihr Leben auf den ersten Blick ein filmreifer Naturtraum mit Pferden. Doch der Schein trog. Das Ehepaar stritt sich täglich, lautstark und auf Polnisch. Meist wegen etwas, was Amelia in seinen Augen falsch gemacht hatte.</p>



<p>Noch nie war mir ein Mann so jähzornig wie Karol begegnet.<br>Nach einem Streit war er oft besonders ruppig mit den Tieren.<br>Doch egal ob Streit oder nicht: Man sprach Karol besser nie an. Der stiernackige Kerl mit dem runden Panzerknackergesicht und der blonden Stoppelfrisur schien immer kurz vor der Explosion zu stehen. Entsprechend beunruhigend fand ich, dass auf der Ranch überall Äxte, Peitschen, Kettensägen und Gewehre herumlagen.</p>



<h2>Die Affäre</h2>



<p>Amelia hingegen schien stets niedergeschlagen.<br>Sie strahlte diese Traurigkeit aus, die man hat, wenn man sich in seinem Leben gefangen glaubt. Nur wenn sie neben einem Pferd stand, lächelte sie. Und neben Tony.<br>Eigentlich war es offensichtlich, dass die beiden eine Affäre hatten.<br>Tony kam aus einem kleinen Ort bei Palermo.<br>Er war sechsundzwanzig und hatte von Kindheit an nur einen Traum gehegt: professioneller Fußballspieler zu werden. Mit achtzehn hatte er es geschafft und spielte als Verteidiger in der italienischen Profiliga – bis eine Verletzung den Traum vorzeitig beendete.<br>Etwas anderes als Fußballspielen hatte Tony nie gelernt.<br>Seine Familie war arm. Was sollte er jetzt anstellen?<br>Tony packte seinen Rucksack und schaute nie mehr zurück.</p>



<p>Seit Jahren schon zog er als Volunteer um die Welt.<br>Er arbeitete als Cowboy in Montana, als Pflücker auf Plantagen in der Türkei oder als Rezeptionist im Hostel in Costa Rica.<br>Statt Fußballer war Tony professioneller Weltenbummler geworden.<br>Vor zwei Monaten schließlich hatte es ihn auf die bulgarische Wild-West-Ranch verschlagen. Tony hatte noch immer die kräftige Statur eines Innenverteidigers, dazu dunkles Brust- und Haupthaar, sanfte braune Augen und immer ein freundliches Lächeln im Gesicht. Er strahlte diese Leichtigkeit des Seins aus, die jemand hat, der nichts besitzt.<br>Anders als ich schlief der Italiener nicht im Armeeanhänger, sondern in einem kleinen Wohnwagen unten am Bach. Eines Morgens, als ich gerade Gras für die Kaninchen schnitt, sah ich Amelia verschlafen aus Tonys Wohnwagen steigen.</p>



<p>Ich wusste nicht, ob sie mich auch gesehen hatte. Jedenfalls sprachen wir nicht darüber. Ein paar Tage später war es Tony, der reden wollte.<br>Wir buddelten gerade ein tiefes Loch für einen Brunnen hinter dem Hexenhaus, da sagte er: »Du hast sicher gemerkt, dass ich mit Amelia zusammen bin.«<br>Die Geschichte klang unglaublich.</p>



<p>Tony zufolge waren die Ranchbesitzer zwar verheiratet. Sie lebten aber in einer Mischung aus offener Beziehung und innerer Scheidung.<br>Kurz nach seiner Ankunft, berichtete Tony, habe das schöne Cowgirl heftig mit ihm geflirtet, und schließlich seien sie im Bett gelandet.<br>Um Karol, habe sie ihm gesagt, brauche er sich keine Sorgen machen. Die beiden hätten eine Vereinbarung, dass Sex mit Volunteers erlaubt sei. Oft würden sie Neuankömmlingen sogar erzählen, sie seien Bruder und Schwester.</p>



<p>Welche Abmachung das Ehepaar auch getroffen haben mochte: Die ständigen Streits deuteten darauf hin, dass sie nicht funktionierte. Vielleicht auch, weil Amelia und Tony ihre Affäre immer offener auslebten. Als ich vor zwei Wochen auf der Ranch angekommen war, hatte ich jedenfalls noch nichts von ihrem Verhältnis bemerkt.</p>



<h2>Die Zeitbombe tickt</h2>



<p>Aber seit ein paar Tagen holten sie gemeinsam Pferde von der Koppel und übernahmen zusammen das tägliche Kuhmelken. Sie lachten sich an und tauschten Berührungen aus. Bald schlief Amelia jede Nacht in Tonys Wohnwagen und versuchte gar nicht erst, es zu verheimlichen.<br>Und Karols Wutausbrüche wurden häufiger.</p>



<p>Die Stimmung auf der Ranch war angespannt wie ein Seil, an dem zwei Pferde in entgegengesetzten Richtungen zogen. Jeden Abend saßen wir alle zum gemeinsamen Essen am Holztisch vor dem Hexenhaus. Karol, Amelia, Tony, der mysteriöse Soldatencowboy und ich. Meist war Karols Gesicht wie aus Eis. Er aß schweigend und trank ein Glas Wodka nach dem anderen.<br>Er schien mir wie eine Zeitbombe, die der Explosion entgegentickte.</p>



<p>Ich hatte jedenfalls keine Lust, in die stürmischen Wellen dieses Liebesdramas zu geraten. Stattdessen verbrachte ich mehr Zeit mit dem schweigsamen Soldatencowboy. Er hieß Jan und saß jeden Abend geheimnisvoll am Lagerfeuer, den Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass nur sein hämisches Lächeln im Licht des Feuers flackerte. Es war, als ob er sich über alles und jeden lustig machte. Sogar über diesen Ehestreit.</p>



<p>Jan kam wie die Ranchbesitzer aus Polen.<br>Er lebte schon über ein Jahr hier.<br>Gelangweilt vom Leben als Mechaniker in einem großen Autowerk, hatte er seinen gut bezahlten Job gekündigt und zog seitdem um die Welt.<br>Wie Tony war er ein optischer Mädchentraum: Mitte zwanzig, blondes Haar, glattes Gesicht mit kantigem Kinn und klaren Augen, der Körper schlank und kräftig.<br>Und, na klar, auch dieser junge Brad Pitt war in das schöne Cowgirl Amelia verliebt. Allerdings unglücklich.</p>


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                                Der schöne Jan ist unglücklich verliebt. Foto: Markus Huth 
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<p>Tony hatte mir erzählt, dass der Pole einmal ungefragt nackt zu ihr in die Freiluftdusche hinter dem Hexenhaus gestiegen war. Was immer Jan sich damit erhofft hatte, wurde durch Amelias wütendes Geschrei verhindert.<br>Seitdem mied der Verschmähte menschlichen Kontakt und verbrachte seine Zeit lieber mit den Schweinen sowie seinem besten Freund, einem kleinen Jack Russell Terrier.<br>Mir reichte es langsam.</p>



<h2>Von Ziegen, Mulis und Raben</h2>


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                                Der Rabe hat Käfigarrest. Foto: Markus Huth
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<p>Ich war wegen der Pferde auf die Ranch gekommen und nicht, um einem Beziehungsdrama à la Legenden der Leidenschaft beizuwohnen. Die Tiere schienen ihre Hormone besser im Griff zu haben als das Personal.<br>Ich beschloss, mich ganz auf meine tierischen Aufgaben zu konzentrieren. Jeden Morgen und Abend fütterte ich die Kaninchen, Truthähne und übernahm von Amelia auch noch die Enten und den Raben.<br>Ich hatte vorher noch nie einen gesehen, nur die vergleichsweise kleinen Krähen. Der schwarze Vogel im Maschendrahtkäfig war sogar ein Kolkrabe, die größte aller Rabenarten. Er hieß Oskar.<br>Tagsüber durfte er sich frei auf der Ranch bewegen. Der umtriebige Kerl mit den scharfen Klauen machte den Welpen das Futter streitig, verprügelte mit seinem scharfen Schnabel die Jack Russell Terrier, und einmal riss er ein Babykaninchen aus dem Gehege und fraß es.<br>Danach erteilte ich ihm zur Strafe Käfigarrest.</p>



<p>Besonders ans Herz wuchs mir die meckernde Ziege, die am Bachwäldchen an einen Baum gebunden graste. Sie war braun-schwarz-weiß gefleckt und hatte himmelblaue Augen. Immer wenn ich ihr einen Eimer Wasser zum Trinken brachte, schmiegte sie sich um meine Beine wie eine verschmuste Katze. Vielleicht aus Dankbarkeit, weil ich sie jedes Mal aus ihrer misslichen Verknotung befreite, in die sie sich beim Kreisen um den Baum gewickelt hatte. Die Ziege fand ich nie allein, sondern stets in Begleitung ihres besten Kumpels: einem blökenden braunen Schaf.</p>


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                                Auch Ziegen schmusen gerne. Foto: Markus Huth
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<p>Derweil blieb meine Beziehung zum Maultier kühl.<br>Die Mischung aus Pferd und Esel wartete stets misstrauisch direkt am Eingang zur Pferde-Koppel wie ein Türsteher. Einmal schnappte der Muli nach den Möhren, die ich zum Anlocken der Reitpferde mitgebracht hatte.<br>Und von der Milchkuh möchte ich gar nicht erst reden.<br>Das vierhundert Kilo schwere Tier war mir&nbsp;– und ich schwöre: mit voller Absicht&nbsp;– auf den Fuß getreten, als ich es eines Morgens von der Weide geholt hatte. Das Maultier hatte alles gesehen und sich köstlich amüsiert.</p>



<p>Dafür aber konnte ich mein Verhältnis zur Stute Wesna stetig verbessern. Nach drei Wochen auf der Ranch erkannte ich sie jetzt sogar am Gesicht. Auch das Satteln klappte inzwischen passabel. Auf der Koppel traute ich mich sogar ganz ohne Sattel auf Wesnas nackten Rücken und trabte im gemächlichen Tempo über die Hügel. Das war der große Vorteil an einer postapokalyptischen Ranch fernab jeder Zivilisation: Wenn mir danach war, konnte ich ungefragt ein Pferd nehmen und einfach losreiten. Das einstige Ostblockland Bulgarien fühlte sich nun tatsächlich an wie der Wilde Westen. Mehr Freiheit ging nicht.</p>



<p>Der Nachteil war: Sollte ich stürzen und halb tot im hohen Gras liegen, würde mich tagelang niemand finden. Falls mich die liebeskranken Rancher überhaupt suchen würden, woran ich meine Zweifel hatte.<br>Doch alles ging gut, und dank meiner tierischen Freunde war das Ranchleben trotz Liebesdrama wunderschön – bis zu jenem Morgen, als ein dunkles Auto den Feldweg hochgefahren kam. Und herausstiegen Amelias Eltern.</p>



<h2>Ruhe vor dem Sturm</h2>



<p>Sie waren extra aus Polen angereist, um den anstehenden Geburtstag der Tochter zu feiern. Aber vorher wollten sie noch mit ihr ein paar Tage zum Ausspannen ans Schwarze Meer. Der beliebteste bulgarische Strand lag nur ein paar Autostunden entfernt.<br>Tony hatte mir schon voller Vorfreude davon erzählt. Denn statt Amelias Ehemann Karol,&nbsp; würde er mitfahren. Die Tochter fuhr mit den Eltern in den Strandurlaub und nahm den Liebhaber mit, während der Ehemann auf der Ranch zurückblieb? Offenbar waren nicht alle Polen so katholisch, wie ich bis dahin gedacht hatte.<br>Es gab da nur ein Problem.<br>Zwar war Mama in Eheprobleme und Affäre eingeweiht.<br>Doch Papa wusste von nichts.<br>Eben noch schüttelte er Karol freudig die Hand. Im nächsten Moment warf Tony die Reisetasche in den Kofferraum und stieg mit Amelia hinten ins Auto.<br>»Fahr los«, raunte die Mutter.<br>Ob je ein Mensch derart verwirrt geschaut hat?</p>



<p>Als der Sandweg unter dem abfahrenden Auto knisterte, ließ sich Karols Gefühlswelt aus den kalten blauen Augen wie immer nur schwer ablesen. Er sah jedenfalls nicht unzufriedener aus als gewöhnlich.<br>Nachdem Amelia verschwunden war, setzte er sich an den Tisch vors Hexenhaus und trank ein Bier.<br>Ich war besorgt.<br>Denn normalerweise hatte ich mit Karol nicht viel zu tun. Amelia kümmerte sich um die Volunteers. Aber nun würden Jan und ich drei Tage mit ihm alleine sein. Kurz überlegte ich, das Gewehr, die Äxte, die Peitsche und alle anderen waffentauglichen Dinge, die hier frei herumlagen, zu verstecken.</p>



<p>Doch bald zeigte sich, dass meine Sorge völlig unbegründet war.<br>Die Atmosphäre auf der Ranch entspannte sich.<br>Ohne Amelia hatte Karol niemanden zum Streiten. Statt polnischer Flüche lagen auf einmal nur noch Pferdewiehern, Schweinegrunzen und Hundebellen in der Bergluft. Ich ging weiter meinen Tiersitteraufgaben nach und genoss die ländliche Idylle.<br>Und eines Tages hörte ich den finsteren Cowboy doch tatsächlich fröhlich lachen.</p>



<h2>Die Neue wider Willen</h2>



<p>Ich zertrümmerte gerade mit der Axt Rinderknochen zu Hundefutter (das war sonst Tonys Job), als Karols weißer Opel verfolgt von einer Staubwolke den Feldweg heraufgerast kam.<br>Mit ihm heraus stieg eine fremde Frau. Sie war kurz, blond und sehr jung.<br>So aufgekratzt hatte ich Karol noch nie erlebt. In seinem weißen Fransen-Cowboyoutfit sah der zwanzig Jahre ältere Mann aus wie ihr durchgeknallter Vater.</p>



<p>Die Fremde schien seine gute Laune allerdings nicht zu teilen. Eilig zog sie ihren rollenden Koffer in meinen Armeeanhänger. Dort fand ich meine neue Mitbewohnerin, wie sie eine der leeren Pritsche bezog. Sie hieß Sarah, kam aus Wales und wollte für einen Monat auf der Ranch aushelfen.<br>»Ich liebe Pferde, und die Landschaft ist ja fantastisch idyllisch hier«, schwärmte sie.</p>



<p>Sarah war achtzehn und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Und eigentlich konnte die Waliserin nichts schocken. Sie berichtete mir, wie sie im Krankenhaus mal einen Mann behandeln musste, der kurz zuvor seine Frau im Streit getötet und sich anschließend selbst die Kehle durchgeschnitten hatte. Wenn er auch gestorben wäre, hätte Sarah noch vor Ort routiniert das Fenster geöffnet.<br>»Damit seine Seele rausfliegen kann. Das ist Krankenhausvorschrift.«</p>



<p>Ich fragte sie, warum sie so verstört aus dem Auto gestiegen war. Daraufhin erzählte die Achtzehnjährige, wie ein bulliger Mann im weißen Cowboykostüm sie eben vom Flughafen in Sofia abgeholt hatte.<br>Statt direkt zur Ranch fuhr der Fremde mit ihr in eine Bar.<br>Dort habe er wortlos – Karol sprach kaum Englisch – ein großes Bier getrunken, während die knallharte Krankenschwester es mit der Angst zu tun bekam. Hatten ihre Eltern vielleicht doch recht gehabt?<br>»Volunteering ist nur was für Lebensmüde. Man sollte sich nie in die Obhut von Fremden begeben«, hatten sie die abenteuerlustige Tochter gewarnt. Erst nach dem Bier war der Cowboy mit ihr zur Ranch gefahren.<br>»Ist der immer so?«, fragte die Waliserin besorgt, und ich wusste gar nicht, wo ich bei der Antwort anfangen sollte.</p>



<p>Später saßen wir alle zum Abendessen vor dem Hexenhaus.<br>Karol hatte sogar gekocht: Pasta mit Wodka.<br>Der liebestolle Pole stellte der jungen Waliserin ein Glas nach dem anderen vor die Nase und befahl Sondaten-Cowboy Jan, seine Obszönitäten zu übersetzen.<br>»Ich kenne englische Frauen nur aus Pornos«, lachte Karol.<br>Dann wollte er wissen, ob Sarah noch Jungfrau war.<br>Sie schlang die Pasta herunter und flüchtete in den Armeeanhänger. Erst als Karol schlafen getorkelt war und ich mit Jan und seinem Jack Russell Terrier allein am Lagerfeuer saß, traute sie sich wieder raus.<br>Jan grinste wie immer geheimnisvoll unterm Cowboyhut. Dann packte er im Flackern des Feuers aus und erzählte Karols Geschichte.</p>



<p>Wie ich vermutet hatte, war der Umzug des polnischen Paares in die bulgarische Pampa vor sieben Jahren nicht ganz freiwillig erfolgt.<br>Zwar stimmte es, dass Karol an der Börse viel Geld verdient hatte – allerdings durch Wertpapierbetrug. Zudem war er laut Jan mit der Unterwelt vernetzt und besaß in Polen ein Bordell.<br>Nachdem der Ermittlungsrichter einen Haftbefehl ausgestellt und Karols geprellte Kunden ihr Geld wiederhaben wollten, tauchte der Banker mit seinem Model Amelia in Bulgarien unter.<br>Mehrere Jahre lebten sie unbehelligt ihr Westernleben mit Pferden.<br>Bis eines Tages ein bulgarischer Sheriff auf die Ranch kam und Karol Handschellen anlegte.<br>»Du machst Witze, er war im Gefängnis? Und ein Zuhälter?«, fragte Sarah schockiert.<br>Karol, fuhr Jan fort, musste für zwei Jahre hinter Gitter.<br>Derweil lebte seine Gangsterbraut alleine weiter auf der Ranch. Es war in dieser Zeit, dass Amelia begann, sich nach anderer männlicher Gesellschaft umzusehen. Als Karol aus dem Gefängnis kam, hatte sich seine Frau an ein Leben ohne ihn gewöhnt.</p>



<p>Jedes andere Paar hätte jetzt wohl an Scheidung gedacht.<br>Doch ihr gesamtes Vermögen steckte in der Ranch und den Pferden. Also arrangierten sie sich, hatten Affären mit ihren Volunteers, und Ex-Bordellbesitzer Karol bestellte sich ab und an Prostituierte in den Westernwagen.<br>Jan meinte, dass das lange gut funktioniert hätte.<br>Doch nun war Karol neidisch auf Amelias Glück mit Tony.<br>Deshalb gebe es gerade so viel Streit.<br>Alle Hoffnungen, sagte Jan und grinste gehässig zur jungen Waliserin, richteten sich daher auf sie.<br>»Wenn du was mit Karol anfängst, haben wir wieder etwas Ruhe.«<br>Der furchtlosen Krankenschwester stand die Angst im Gesicht.<br>Ein Pferd wäre jetzt panisch weggerannt.</p>


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                                Pferdearbeit findet auf der Ranch auch statt: Hufreinigung. Foto: Markus Huth
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<h2>Unterwegs als Outlaw</h2>



<p>Am nächsten Morgen wartete Karol mit dem größten Pferd, das ich je gesehen hatte, vor dem Hexenhaus. Ein graues »Shire Horse«, die größte Pferderasse der Welt.<br>Die Stute hieß Baronin und überragte mich um einen Kopf.<br>Das gewaltige Tier zog einen hölzernen Anhänger, auf dem Karol mit den Zügeln in der Hand saß. Neben ihm Jan, wie immer mit einem Grinsen im Gesicht.<br>»Steigt ein, wir machen einen Ausflug«, sagte der Ex-Häftling und zwinkerte Sarah zu. Wenig später fuhren wir wie in einem Boot auf stürmischer See den unebenen Feldweg entlang.</p>



<p>Vorbei ging es an Weizenfeldern, den Bach folgend, bis zu einem Wäldchen. Die Berge waren golden, der Himmel blau, mit ein paar aufgequollenen weißen Wolken darin. In einem Westernfilm hätten jetzt Indianer angegriffen.<br>»Nehmt die Kettensägen von hinten«, befahl Karol.<br>Wir brauchten Holz für Amelias Geburtstagsfeier am nächsten Tag. Zu dem Fest erwartete er über fünfzig Gäste, Kunden und Freunde der Ranch. Die ganze Nacht hindurch sollte ein großes Feuer lodern.<br>Das Knattern der Kettensägen schreckte ein paar Krähen auf, die vor mir im Baum saßen. Wenig später krachte eine hohe Kiefer ins Gras.</p>



<p>Jan war gerade dabei, einen noch gewaltigeren Baum zu fällen, da schrie Karol: »Runter! Fresse halten!«<br>Wie ein Sack plumpste ich in den Dreck und erblickte in der Ferne den Grund für die Aufregung.<br>Einsam patrouillierte ein Polizeiauto verloren auf der Landstraße herum.<br>Wir fällten hier gerade ohne Genehmigung Bäume, und das war garantiert nicht mal Karols Land. Die Kettensäge in der Hand würde es relativ schwer machen, meine Unschuld zu beteuern. Und mit Karols Vorstrafe würden sie ihn garantiert gleich mitnehmen.<br>Kollektives Aufatmen als das Polizeiauto immer kleiner wurde und schließlich hinter der nächsten Kurve verschwand. Keine halbe Stunde später zog die Baronin den Anhänger inklusive uns und zwei Kiefern zurück zur Ranch.</p>



<p>Die Nahknasterfahrung war noch nicht mal der größte Schock an jenem Tag. Denn für Amelias Geburtstag war nicht nur ein Feuer geplant.<br>Sondern auch ein saftiger Braten.<br>Den Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen, stand Jan in seiner Militärjacke vor mir. Das erste Mal sah ich ihn ohne Grinsen. In der Hand hielt er ein langes Bajonettmesser.<br>»Komm mit«, sagte Jan kalt.<br>Ich folgte ihm den Hang hinunter zu dem Wäldchen, wo die&nbsp;…<br>… nein, das durfte nicht sein.<br>Nicht die Schmuseziege!<br>»Meee-eee-eee-eee-e«, meckerte sie uns in Vorfreude auf Gesellschaft entgegen. Sie hatte sich mit dem Seil mal wieder ungeschickt um einen Baum gewickelt. Dumme, dumme Ziege. Als ich sie befreite, schmiegte sie dankbar die Hörner an meine Beine. »Meee-eee-eee-ee!«</p>



<h2>Blut im Gras</h2>



<p>Jan nahm das Seil, und wir führten die Ziege den Hang hinauf Richtung Hexenhaus, dem Schlachtplatz. Uns folgte aus freiem Willen ihr treuer Freund, das braune Schaf.<br>Oben angekommen, sagte Jan: »Drück sie auf den Boden und halt sie fest.«<br>Die blauen Ziegenaugen zwinkerten ahnungslos.<br>»Nein«, raunte ich, »das können wir nicht machen.«<br>»Spinnst du? Karol will einen Braten.«<br>Schweren Herzens erwiderte ich: »Nehmen wir das Schaf, da ist doch eh mehr dran.«<br>Jan überlegte kurz, zuckte mit den Schultern und meinte: »Okay, aber wenn Karol sauer ist, bist du schuld.«</p>



<p>Dann packte ich das überraschte Schaf an der braunen Wolle und drückte es seitlich zu Boden. Eine Hand am Kopf, die andere am Bauch, meine Knie auf seinen Beinen.<br>Der letzte Schaflaut war ein tiefes Blöken – dann schnitt der Soldaten-Cowboy ihm die Kehle durch. Das Tier zuckte, die offene Atemröhre röchelte, während tiefrotes Blut auf saftig-grünes Gras floss. Ein dunkles Schafauge blickte mich angsterfüllt an, bevor alles Leben aus ihm entwich.<br>Sarah musste kein Fenster öffnen, die Seele konnte in den weiten Himmel über uns entweichen. Vielleicht die Schafseele von oben noch, wie ihr früherer Körper auf dieser grünen Wiese zwischen den Bergen langsam ausblutete.<br>Und was tat die Ziege, während ihr bester Freund neben ihr starb? Sie fraß Gras, so als ob nichts wäre.<br>»Meeee-eeee-eee-eeee.«<br>An diesem Abend trank ich fast so viel Wodka wie Karol.</p>



<p>Dann kam der Tag des Festes.<br>An Amelias dreiunddreißigstem Geburtstag zogen graue Wolken von den Bergen herüber, deren Schatten dunkle Flecken auf die Ranch warfen.<br>Bald würden die Gäste eintreffen.<br>Wir Volunteers hatten zur Feier des Tages etwas Ordnung geschaffen, den Großteil des Metallschrotts unter Planen versteckt und die vergilbten Wohnwagen gewaschen. Als Dekoration standen ein paar Pferde herum, und auch die Ziege meckerte feierlich vor sich hin. Sarah schmückte das postapokalyptische Zigeunergelände mit Blumen, ich nahm mir eine der auf dem Gelände herumliegenden Äxte und zerhackte die Kiefern zu Feuerholz, und Jan drehte das gehäutete Schaf über den Flammen.</p>



<h2>Gefangen im Dramadreieck</h2>



<p>Nur das Wichtigste fehlte: das Geburtstagskind.<br>War Amelia vielleicht mit ihrem italienischen Liebhaber durchgebrannt? Doch dann kam der dunkle Kombi der Eltern den Feldweg hochgefahren. Das Cowgirl stieg aus und nahm Glückwünsche entgegen.<br>Als Tony mir beim Holzhacken half, fragte ich neugierig: »Und wie wars am Schwarzen Meer?«<br>»Besser als beim letzten Mal«, lachte der Italiener.<br>Vor ein paar Monaten seien sie zu viert mit Karol und einer jungen Volunteer-Gespielin aus Lettland ans Meer gefahren. Karol habe die Frauen gedrängt, sich zu küssen, und dann hatten alle gemeinsam Sex. Im Gegensatz dazu sei Amelias mürrischer Stiefvater das reinste Kinderspiel gewesen.<br>»Warum machst du das eigentlich mit?«, bohrte ich nach.<br>»Ich liebe sie so sehr«, hauchte Tony.<br>Er sei, reflektierte der Italiener, hoffnungslos in einem »Dramadreieck« gefangen, in dem Amelia das Opfer, Karol der böse Wolf und er selbst der strahlende Retter sei.</p>



<p>Pünktlich zum Eintreffen der Gäste brachen ein paar Sonnenstrahlen durch die dunkle Wolkendecke.<br>Es sah aus wie auf einer Western-Themenparty.<br>Die Männer trugen Cowboyhüte und die Frauen auch, dazu Jeans und Stiefel. Nur Amelia hatte sich in ein schwarzes Kleidchen gezwängt, das ihren athletischen Körper betonte, in den Händen hielt sie einen Strauß roter Rosen.<br>Vor dem Feuer mit dem gerösteten Schaf bildete sich eine lange Schlange. Karol stand mit einem großen Messer daneben und verteilte gönnerhaft saftiges Fleisch.<br>Jan, der die ganze Arbeit gemacht hatte, schmollte etwas abseits.<br>»Siehst du den Typen da?«, raunte er mir zu, als ein kräftiger Kerl sein Stück Schaf abholte und mit Karol tuschelte. Seine Oberarme waren dick wie Pferdeschenkel, um den Stiernacken hing eine silberne Militärmarke.<br>»Das ist der Polizist, der Karol festgenommen hat.«<br>Hä? Warum stießen ein Straftäter und dessen Einbuchter mit einem Bier an?<br>Kein Krimiautor hätte sich diese Geschichte ausdenken können.</p>



<p>Jan berichtete, dass die Tochter des Beamten an einer Hirnstörung litt. Das Einzige, was ihr half, waren Therapiestunden mit Pferden. Nun seien Karol und der Polizist beste Freunde.<br>Prost.<br>Bier, Wodka, Wein und Cocktails flossen in Strömen.<br>Die Stimmung war ausgelassen.<br>Bis tief in die Nacht tanzten, lachten und tranken die Gäste. Abwechselnd tauchte das große Feuer das Hexenhaus und die Wohnwagen in Gelb, Orange und Rot. Aus großen Lautsprechern hallte amerikanische Countrymusik durch die bulgarischen Berge.<br>Erst in den frühen Morgenstunden fielen die Ersten in ihre Wohnwagen oder fuhren nach Hause.</p>


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                                Die Party am Feuer dauert bis tief in die Nacht. Foto: Markus Huth
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<p>Aus den dunklen Wolken war inzwischen ein ernstes Gewitter geworden. Wütend grollte und blitzte es über den Bergen.<br>Betrunken drängte sich Karol dicht neben die Waliserin auf eine Holzbank, legte seine schwere Hand auf ihr Bein und lallte, dass sie sich nicht so zieren solle.<br>Verstört flüchtete sie zu Jan, Tony und mir ans Feuer.<br>Derweil tanzte Amelia um die Flammen wie eine sexy Hexe. Sie schwang die Hüften im Takt der Countrymusik und begann, ihr Kleidchen herunterzurollen.<br>Italiener Tony war außer sich vor Eifersucht.<br>Genau wie Karol, der sich außerdem von der Waliserin verschmäht fühlte.<br>Beide Männer starrten auf die halb nackte Amelia, als wäre sie ein saftiges Stück Schaf.<br>Schließlich sprang Tony von der Holzbank und marschierte wütend den Hang hinunter in Richtung seines Wohnwagens.<br>»Was hat er denn?«, fragte Sarah und stand auf, um ihm nachzugehen.<br>Genau in diesem Moment erwachte Amelia aus der Hexentrance und sah ihren Liebhaber und die Waliserin zusammen in die Nacht verschwinden.<br>»Was willst du von dieser Schlampe?«, brüllte sie und folgte ihnen in die Dunkelheit.</p>



<h2>Der Sturm</h2>



<p>Das Gewitter lag nun genau über der Ranch.<br>Für den Bruchteil einer Sekunde leuchtete ein gleißender Blitz auf, und ich sah die drei Gestalten vor Tonys Wohnwagen.<br>Ein krachendes Donnern folgte.<br>Dann wie Millionen Indianerpfeile der Regen.<br>Ich weiß nicht mehr, warum, aber ich wollte nach dem Rechten sehen und ging hinterher. Der Boden hatte sich in einen einzigen matschigen Sumpf verwandelt, mit nassen Füßen erreichte ich den Wohnwagen.<br>Davor stand Amelia, schrie unverständliche Worte in die Nacht und weinte. Dann riss sich die Betrunkene ihr durchnässtes Kleid vom Leib und hämmerte nackt an Tonys Wohnwagentür.<br>Seelenruhig sagte der Italiener ihr durch den Fensterspalt, dass er sauer sei und sie jetzt nicht sehen wolle.<br>Er brauche jetzt eine Freundin zum Reden. Sarah.</p>



<p>Das machte das nackte Cowgirl nur noch wütender.<br>Sie schrie auf Polnisch und hämmerte.<br>Bis sie wie ein Sack in den Matsch fiel und sanft zu schnarchen begann.<br>»Sie holt sich den Tod!«, rief die Krankenschwester, kam aus dem Wohnwagen und versuchte, die größere Amelia aufzuheben.<br>»Lass mich! Lasst mich alle!«, lallte die Betrunkene.<br>»Lasst sie dort schlafen, wenn sie unbedingt will!«, brüllte der aufgebrachte Tony.<br>Sarah und mir reichte es.<br>Sollte das Liebespaar seine Probleme doch selbst klären.<br>Im prasselnden Regen stapften wir zurück zu unserem Armeeanhänger.<br>Die Achtzehnjährige erklärte, sie wolle am nächsten Tag abreisen. Bevor Amelia sie aus Eifersucht umbringen oder Karol sie vergewaltigen könne.<br>Ich fand ihren Entschluss ziemlich nachvollziehbar.<br>Erschöpft fiel ich im abgetrennten Bereich des Armeehängers auf meine Matratze. Kurz vor dem Einschlafen war es mir, als ob ich Karols gedrungene Gestalt im Licht eines Blitzes auf den Wohnwagen des Italieners zugehen gesehen hatte. Auf dem Kopf seinen Cowboyhut. In der Hand ein langes Messer.<br>Dann wurde es dunkel vor meinen Augen.</p>



<p>Wir fanden Tonys Leiche am Bach.<br>Die Kehle durchgeschnitten, wie beim braunen Schaf. Das rote Blut floss aus seinem Hals aufs nasse Gras. Es regnete noch immer in Strömen.<br>Tonys tote Augen starrten mich vorwurfsvoll an.<br>»Schau, seine Seele fliegt in den Himmel«, kommentierte die Krankenschwester. Und während Tonys Seele über unsere Köpfe entschwebte, graste die Ziege, als ob nichts wäre.<br>Schweißgebadet wachte ich auf.<br>War es nur ein Traum?</p>



<p>Verwirrt kletterte ich aus meiner Schlafzelle ins Freie in den grauen Morgennebel. Draußen hockten Amelia und Sarah neben der Kuh, die Melkmaschine ratterte vor sich hin. Die Waliserin hatte ihre Meinung bereits wieder geändert. Nachdem sich Amelia bei ihr entschuldigt und versprochen hatte, dass sie in Sicherheit sei, wollte die Achtzehnjährige nun doch auf der Ranch bleiben.<br>Beschämt schaute mich das Cowgirl an.<br>»Sorry, ich hab gestern zu viel getrunken. Karol hat mich zurückgetragen.«<br>Ich rannte den Hang hinunter zu Tonys Wohnwagen und hämmerte an seine Tür, um sicherzugehen, dass er noch lebte.<br>»Was ist? Ich füttere die Enten später«, stotterte der Italiener verschlafen.<br>Das war der Moment, als ich entschied, noch am selben Tag abzureisen.</p>



<p>Zwar hatte ich eigentlich noch eine Woche. Doch das Dramadreieck wurde zu viel für meine Nerven. Ich hielt es für nicht ausgeschlossen, dass hier doch noch jemand aus Eifersucht erschlagen wurde.<br>Ich packte meinen Rucksack, und sagte schweren Herzens Lebewohl zu meinen tierischen Schützlingen – und leichteren Herzens zu den menschlichen Ranchern. Als ich den Feldweg hinunter zur Straße marschierte, wartete wie zum Abschied meine Stute Wesna unter einem Baum.<br>An der einsamen Landstraße hielt ich den Daumen raus und hoffte, dass mein nächster Tiersitterjob etwas weniger Drama bringen würde als diese Ranch der Leidenschaften.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das Königreich der Schlange</title>
		<link>https://www.weltseher.de/das-koenigreich-der-schlange/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/das-koenigreich-der-schlange/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Oct 2017 13:36:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mexiko]]></category>
		<category><![CDATA[Calakmul]]></category>
		<category><![CDATA[Danilo-Roessger]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer sich für die Geschichte der Maya interessiert, aber Touristenhorden vermeiden möchte, sollte nach Calakmul reisen. Die Stadt gehörte seinerzeit zu den mächtigsten Königreichen der Mayawelt und wird gegenwärtig noch zum Großteil von dichtem Regenwald überwuchert.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/das-koenigreich-der-schlange/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Wer sich für die Geschichte der Maya interessiert, aber Touristenhorden vermeiden möchte, sollte nach Calakmul reisen. Die Stadt gehörte seinerzeit zu den mächtigsten Königreichen der Mayawelt und wird gegenwärtig noch zum Großteil von dichtem Regenwald überwuchert.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Man mag es kaum glauben, wenn man auf die Landkarte schaut: Tief im Dschungel von Mexikos Osten liegt eine der ehemals größten und einflussreichsten Maya-Stätten aller Zeiten. Sie heißt Calakmul und kontrollierte über mehrere Jahrhunderte die gesamte Region.</p>
<p style="text-align: justify;">Nachdem die Mayakultur des zentralen Tieflands im zehnten Jahrhundert kollabierte, wurde das Gebiet immer weiter vom Dschungel verschlungen und geriet in Vergessenheit. Erst 1931 entdeckte der Botaniker Cyrus Lundell das Gelände eher zufällig, als er geeignete Bäume für die Produktion von Kaugummi suchte. Die Archäologen waren fasziniert von den gigantischen Tempeln mitten im Nirgendwo und begannen mit den Ausgrabungen, die jedoch jahrzehntelang nur schleppend vorangingen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Auf eigene Faust</h2>
<p style="text-align: justify;">Mittlerweile gibt es findige Tourenveranstalter, die All-Inklusive-Pakete nach Calakmul anbieten – allerdings ist man dort schnell 60 Euro los. Etwas unangemessen, da der Eintritt zum Gelände umgerechnet weniger als vier Euro kostet. Ich mache mich deshalb auf eigene Faust auf den Weg.</p>
<p style="text-align: justify;">Die nächstgelegene Stadt ist Xpujil, ein 4000-Seelen-Örtchen entlang des Highways zwischen den beiden Urlaubsorten Campeche und Chetumal. Einzelne Hotels und Restaurants sind vorhanden, dennoch ist Xpujil eher ein Zwischenstopp für müde LKW-Fahrer als ein Traveller-Treff. Aufgrund der günstigen Lage ist es trotzdem keine schlechte Idee, hier zu übernachten.</p>
<p style="text-align: justify;">Um zur Zufahrtsstraße nach Calakmul zu gelangen, ist man zunächst auf den örtlichen Nahverkehr angewiesen. Nur zweimal täglich besteht die Gelegenheit, öffentliche Busse abzupassen: Fünf Uhr in der Frühe und vormittags um elf. Letzterer ist keine Option, wenn man später nicht in Zeitnot geraten möchte. Zudem kann die Mittagshitze in diesen Breitengraden gnadenlos sein, sodass sich zeitiges Erscheinen lohnt.</p>
<p><div id="aesop-gallery-6889-4"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6889" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Viel Glück!&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Bus erscheint überraschend pünktlich. Während ich einsteige, stelle ich fest, dass ich der einzige Nicht-Mexikaner zu sein scheine. Keine Spur von weiteren Touristen. Nach knapp 40 Minuten Fahrt auf schnurgerader Straße hält der Fahrer entlang des Highways an und entlässt mich in die Morgendämmerung. „Hier ist der Zufahrtsweg nach Calakmul. Viel Glück!“</p>
<p style="text-align: justify;">Ich stehe vor einer alten Informationstafel, zwei baufälligen Hütten und einer Schranke, an der zwei Wächter stehen. „Dies hier ist der erste Kontrollpunkt, allerdings können wir dich noch nicht passieren lassen. Das Gelände öffnet erst in anderthalb Stunden“, geben sie mir zu verstehen. Ich frage, wie lange ein Fußmarsch dauern würde und bekomme verdutztes Grinsen entgegengebracht: „Nun, von hier aus sind es zwanzig Kilometer bis ins Biosphärenreservat – und vierzig weitere bis zur Ausgrabungsstätte.“</p>
<p style="text-align: justify;">Öffentlichen Transport zum Eingang der Anlage gäbe es keinen. Allerdings wissen die Schrankenwärter durchaus, dass nicht wenige Individualreisende den Weg nach Calakmul auf sich nehmen. „Bisher ist hier noch niemand hängen geblieben. Trampen ist kein Problem.“ So harre  ich in der Morgenkälte am Rande des Dschungels aus und hoffe auf baldige Erlösung.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Per Anhalter zur Ruine</h2>
<p style="text-align: justify;">Nach einiger Zeit erscheint das erste Auto. Die Insassen, ein amerikanisches Pärchen älteren Semesters, lassen mich nach kurzem Zögern in ihren Mietwagen einsteigen. Ich bezahle rund 20 Pesos – rund einen Euro – Wegzoll und befinde mich kurz darauf auf einer schmalen Straße, die immer weiter in den Dschungel hineinführt. Nach rund einer Stunde Fahrt entlang üppiger Vegetation ist das Eingangsschild von Calakmul zu erkennen. Der angrenzende Parkplatz ist weder groß noch belebt, lediglich zwei weitere Autos befinden sich hier. Endlich scheint die Morgensonne durch die Bäume.</p>
<p style="text-align: justify;">Drei verschiedene Routen führen über das Gelände: Kurz, mittel und lang, wobei letztere gut und gerne sieben Stunden in Anspruch nehmen kann. Ich entscheide mich für die mittlere Route. Sie deckt die wichtigsten Gebäude ab und führt vorbei an ehemaligen Palästen, Wohnsiedlungen und Zeremonialstätten. Trotz der enormen Ausmaße ist die Wegführung erstaunlich übersichtlich. Überall stehen Wegweiser, damit sich niemand in den Tiefen des Dschungels verirrt. Es ist beinahe wie in einem künstlich angelegten Park.</p>
<p style="text-align: justify;">Calakmul, gemäß dem historischen Namen „Chan“ auch als „Königreich der Schlange“ bezeichnet, lieferte sich mehrere erbitterte Kämpfe um die Vorherrschaft des Tieflandes. Der größte Rivale war dabei das hundert Kilometer entfernte Tikal im heutigen Guatemala, das Calakmul nach mehreren Kriegen schließlich in die Knie zwang. Zahlreiche Inschriften lassen darauf schließen, dass sowohl diese Kriege als auch interne Streitigkeiten den Einfluss des Imperiums nach dem siebenten Jahrhundert rapide verringerten. Bis zum Beginn des zehnten Jahrhunderts können Forscher die Geschichte der Stadt datieren, für die Jahre danach existieren keinerlei Belege mehr über deren Existenz.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wichtige Stelen</h2>
<p style="text-align: justify;">Besonders wichtig für die Historiker sind die 117 Stelen, die sich überall auf dem Gelände befinden und Aufschluss über die Geschichte der Dynastien geben. Viele dieser Stelen sind jedoch kaum noch entzifferbar, sodass über manche Ereignisse nur Vermutungen angestellt werden können. Mexikanische Projekte wie das Nationalinstitut für Anthropologie und Geschichte sorgen seit den 1980er Jahren dafür, dass die Ausgrabungen andauern und immer mehr Informationen über Calakmul zum Vorschein kommen.</p>
<p style="text-align: justify;">Heute befindet sich neben einigen Archäologen kaum eine Seele auf dem Gelände – nicht einmal Souvenirhändler. So kann ich mich voll und ganz darauf konzentrieren, die steilen Stufen der Ruinen zu erklimmen. Von oben zeigen sich die wahren Ausmaße des ehemaligen Imperiums: Soweit das Auge reicht: keine Siedlung, kein Haus, kein Sendemast. Nur scheinbar endloser Dschungel, aus dem punktuell Pyramiden und Tempel emporragen. Das mächtigste Bauwerk und gleichzeitig eines der größten der gesamten Maya-Welt ist „Struktur II“, eine 45 Meter hohe Pyramide. Sie wurde nach ihrer Errichtung mehrmals vergrößert und diente den Herrschern als Palastgebäude. Bislang wurden im Inneren der Pyramide vier Gräber entdeckt, unter anderem vom König Yuknoom Yich&#8217;aak K&#8217;ahk&#8216;, der Calakmul in seiner Blütezeit regierte.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Calakmul behält seine Geheimnisse</h2>
<p style="text-align: justify;">Das dichte Blätterdach lässt mich nur mutmaßen, wie viel von dieser riesigen Stätte noch freizulegen ist. Neben den rund 6.000 Bauwerken, die die Ausgrabungen bereits zu Tage gebracht haben, ist eine unbekannte Anzahl weiterer Strukturen noch immer von dichter Vegetation überwuchert. Wie viele es sein mögen, weiß niemand. Auch die tatsächliche Einwohnerzahl lässt die Forscher derzeit noch spekulieren. Man geht davon aus, dass 50.000 Menschen im Siedlungsgebiet lebten – und 100.000 weitere im unmittelbaren Umkreis. Aufgrund der schieren Größe des Geländes ist ein Vielfaches jedoch nicht unwahrscheinlich.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach rund fünf Stunden erreiche ich erschöpft wieder den Eingang – im Bewusstsein, nur einen Teil des Geländes ausgekundschaftet zu haben. Für den Rückweg bietet mir ein Mitarbeiter eine Fahrt zurück an. Er bringt mich bis zum Ende der Zufahrtsstraße und verlangt bis Xpujil einen saftigen Aufpreis, den ich dankend ablehne. Glücklicherweise wird der Highway von vielen Pendlern frequentiert, sodass mich schon nach kurzer Zeit ein Einheimischer in seinem Sportwagen mitnimmt. Glück gehabt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die teilweise von Ungewissheit geprägte An- und Abfahrt waren dieses Erlebnis definitiv wert. Auch wenn bislang nur ein Bruchteil von Calakmul erforscht wurde, herrscht eine einzigartige Atmosphäre auf dem Gelände. Die Zukunft wird zeigen, wie viel Informationen über die Geschichte des Schlangenkönigreichs noch zum Vorschein kommen – und wie viele Besucher es noch anziehen wird.</p>
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		<title>Good Decisions never make Great Stories</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 08 Jan 2017 01:35:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[adventure]]></category>
		<category><![CDATA[cyclist]]></category>
		<category><![CDATA[English]]></category>
		<category><![CDATA[europe]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Rhys Schulze]]></category>
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					<description><![CDATA[I'm a 25-year-old bloke from Australia who grew up on a farm and has worked in electrical maintenance for the past few years. I'm just over one month into my 6-month bicycle tour across Europe from Greece to Scotland.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/good-decisions-never-make-great-stories/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>I&#8217;m a 25-year-old bloke from Australia who grew up on a farm and has worked in electrical maintenance for the past few years. I&#8217;m just over one month into my 6-month bicycle tour across Europe from Greece to Scotland. </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Back home I&#8217;m still living on the farm near Melbourne with my father. But I&#8217;d been thinking about traveling through Europe for over a year. But it is expensive and I&#8217;m broke. Also I wanted to explore it properly if I was going to do it. Then last December I got sick and was in bed for a week. As you do, I ended up watching YouTube videos most of the time and thinking about what I was doing with my life. Somehow I came across some videos of people riding their bikes around the world, and I couldn&#8217;t stop watching.</p>
<p style="text-align: justify;">Though you couldn&#8217;t tell now, I&#8217;ve been a serious gym junkie for the past 3 years and have a passion for deer hunting and mountain bike riding. So as soon as I heard about this bicycle touring, which combined parts of the three things I enjoy doing the most and also how cheap you can do it, I thought: “I have to do this!&#8220;. All week I watched how-to bicycle touring videos, then I immediately began to save money, plan my route, and equipment list. I told everyone my plans, bought all the gear, applied for a passport and before I knew it at the end of March I was on a 20-hour flight to Athens, Greece.</p>
<p><div style="width: 510px" class="wp-caption aligncenter"><img src="https://api.mapbox.com/styles/v1/weltseher/cixkbjjfq004i2snvxds74tqp/static/7.934921,48.916767,3.05,0.00,0.00/500x500?access_token=pk.eyJ1Ijoid2VsdHNlaGVyIiwiYSI6ImNpeDk3ZnlvNzAwMW0yem52MWljYXUyMGkifQ.wMePS4YvHbQjE0_YDaVMuw" alt="from Greece to Scotland: 6.000 km by bicycle" width="500" height="500" /><p class="wp-caption-text">From Greece to Scotland: 6.000 km by bicycle</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">I wanted to do this as a solo trip from the start because I was hoping it would make me grow as a person and force me to be more outgoing and sociable, which is something I&#8217;ve struggled with all my life.</p>
<p style="text-align: justify;">Considering what I was about to do, in the lead up to leaving I was very calm and just in the moment. Not excited or anxious. It wasn&#8217;t until I saw the mountains from the window of the airplane that I gave a massive grin from ear to ear. It was only then I realized that I was making my dream come true.</p>
<p style="text-align: justify;">And so the adventure began. I had with me my bike in a box pulled to pieces. When I arrived at the airport, my plan was to put the bike together there and ride the 30km into the city to my hotel. However, my duffel bag that contained my tools had not made it onto flight during the layover in Doha! After calling my brother and mother, we decided my best bet would be to get a taxi to the hotel and wait for my bag there. But none of the taxis were big enough to fit the bike box.</p>
<p style="text-align: justify;">After walking around the airport with this 20kg box and 7kg pannier for an hour, I found a tourist information desk where the bloke told me my best option would be the train. After asking a beautiful young lady which train I needed to take to get into the city I knew roughly where the hotel was from there. So I was walking 10m at a time then having to stop and change hands. I walked about half a kilometer the wrong way on the street the hotel was on because I couldn&#8217;t see any numbers. I entered the front door with a big smile of relief. The next day my duffel bag was delivered and my adventure could finally begin.</p>
<p style="text-align: justify;">I was ready to hit the road. It was a hot day but I was feeling good and excited to be starting the journey. I made it about 30km to the bottom of the mountains when I stopped for lunch in the shade on the side of the road. Then as soon as I hit the start of the climb both my thighs cramped badly. I had to pull off into the ditch and sit there, cursing while trying to stretch them out.</p>
<p style="text-align: justify;">I knew from training in the gym my body was going to suffer for the first 2 or 3 weeks until it adapted, and I had mentally prepared myself for that. I had not done any training on a 35kg touring bike before I&#8217;d left because I only got the last of my gear just before flying out. After 15 minutes or so I could walk again. So I pushed the bike to the top of the first little hill then rolled down the other side into a small town.</p>
<p style="text-align: justify;">On the flat ground I could pedal without problem. I pulled into the last restaurant at the edge of the town to fill up my water bottles then I was off down the hill feeling good again. Then it started again: Bang! Cramping again. Being the first day I was very determined to make it to the town another 70km away on the other side of the mountains. And I began to walk again up this mountain road. Then I heard a stray dog barking from a cliff above.</p>
<p>    <div id="aesop-quote-component-6531-1"          class="aesop-component aesop-quote-component    aesop-component-align-center  aesop-quote-type-block   quote-left-right " style="background-color:#ffffff;color:#ffffff;height:auto;width:700px;">

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                <span>Shit, what had I got myself into?</span>
                            </blockquote>

            
            </div>
            </p>
<p style="text-align: justify;">I&#8217;d been warned about them before I left but didn&#8217;t really know what to expect. Anyway, while I was watching the dog as I walked around the corner there were five more on the road in front of me! Shit, what had I got myself into? I can&#8217;t walk, I&#8217;m by myself, and surrounded by feral dogs in the mountains of Greece!</p>
<p style="text-align: justify;">Luckily the dogs weren&#8217;t that aggressive. I walked past keeping the bike between me and them. As I continued up the mountain the cramping began again until I couldn&#8217;t even walk. I remember being stuck up against the cut-away cliff on the inside corner of the road for 30 minutes unable to stand. I was so frustrated! I knew: all I had to do was move forward and I would make it eventually. But I couldn&#8217;t and that was the only thing that scared me.</p>
<p style="text-align: justify;">After I could stand again I made a plan slowly to walk five to ten minutes then stop and rest. I tried walking backwards, crab walking and putting all my weight on the bike to try and use different muscles. After a few hours I could start to walk a little faster. And when I felt my thighs start to tighten again I&#8217;d force myself to slow down. At least the mountain view was amazing.</p>
<p style="text-align: justify;">As I got closer to the top, I could see all the way to the sea. The road finally leveled out and I jumped back on the bike. When I got to the very top of the mountain I was so happy and I couldn&#8217;t help but let out a huge “Woohoo!”</p>
<p><div id="aesop-gallery-6540-5"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6540" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/12961365_10201366717888151_7508344982882320481_o.jpg" data-caption="Rhys after his arrival in Greece." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/12916807_10201354795270093_4374234280066148772_o.jpg" data-caption="His most important partner for the next six months." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13112898_10201465142508705_8448313684499400514_o.jpg" data-caption="Traffic in Romania. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/12976959_10201410472781996_183760406596254060_o.jpg" data-caption="This 66-year-old Russian man is cycling the world since many years." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13029722_10201421157329103_6323928357240401201_o.jpg" data-caption="Unusual for Australian eyes: Sowjet architecture in Europe. Here the Buzludzha monument in Bulgaria." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/12970997_10201395456046587_3434448423438590206_o.jpg" data-caption="Who wants to cycle the world must learn how to camp anywhere." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13510891_10201631770354297_4640145649932430210_n.jpg" data-caption="Camping spot in the Alps." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13055865_10201421151408955_774468036668883652_o.jpg" data-caption="Rhys just heard a bear in this forest." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/12916149_10201370697707644_5508480864126636521_o.jpg" data-caption="Unforgettable views: The monastery in Kalambaka, Greece." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13244625_10201532819240581_6654078156500253983_n.jpg" data-caption="Magic atmosphere at lake Bled in Slovenia. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13245349_10201532819040576_6947031019655171368_n.jpg" data-caption="The pilgrimage church dedicated to the Assumption of Mary on Bled Island in Slovenia. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13731521_10201720603615073_5163925454705244418_n.jpg" data-caption="In France cyclist Rhys visits the pros of the Tour de France ." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13692459_10201720599134961_2123849452468835621_n.jpg" data-caption="Selfie with French devil." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13872781_10201786847911139_1421067544984423064_n.jpg" data-caption="Le Mont St. Michel in Normandie in France." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/14212652_10201929198549816_982920487802239716_n.jpg" data-caption="After six months cycling Rhys finally arrives in Scotland." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Photos: Rhys Schulze</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">I rolled down the other side of the mountains onto the open flats below. At this point I had gone 80 kilometers. Before that the furthest I&#8217;d gone on a bike in one day was 60 kilometers, with no pannier! So after another 30 and a total of 110, just in the darķ, I rode and headed straight for the first fast food place I could find. Nobody spoke any English there. I just gestured, “lots of food, biggest meal you&#8217;ve got.” After they brought out a big pizza for me, I sat down. I&#8217;d never been so exhausted in my life. I was so exhausted I could hardly eat.</p>
<p style="text-align: justify;">I sat there for an hour and a half only to force down half the pizza. It was about ten in the evening by then and I didn&#8217;t know where I was going to sleep. There were no hostels or campgrounds in this area. I put my bike lights on and rode in the direction I had to go the next day, looking for a place to put up my tent. As I was leaving the other side of town I came across a vacant overgrown industrial block with only a few retails stores around.</p>
<p style="text-align: justify;">There was a row of trees and a high fence running up the side of it. I was so exhausted that that will have to do. I waited until there were no cars in sight and quickly hid next to the fence. I opened my sleeping bag and camping mat, then put the alarm for 5:30am. I had to be out of there before daybreak. This was the first day of my journey.</p>
<p style="text-align: justify;">Later that week, I stopped at a cafe in central Greece to get some lunch. I met another lovely young lady there and a man from Athens that spoke English very well. After spending the afternoon talking with him, he organized for me to camp behind the cafe then bought me a beer before he left! I only had to ride 60km the next day, so I was in no hurry. I went for a ride up the mountain nearby, got some lunch and went back to the cafe to spend some time with this girl after she finished her shift.</p>
<h2 style="text-align: justify;">No time for love stories</h2>
<p style="text-align: justify;">After spending a few hours together talking and sharing our photos I ended up leaving for Thermopolis at about 4pm. Did you expect a love story now? This is an adventure and no rom com, you fools!</p>
<p style="text-align: justify;">My legs had come a long way already and I made it up and over the mountains to the coast without any problems. I got to the statue of Leonidas just before dark, which was another dream-come-true moment. If you have seen the movie &#8222;300&#8220; (or know greek history) then you know that Leonidas was a king of the ancient Sparta. He died fighting the Persians together with 300 of his best warriors.</p>
<p style="text-align: justify;">I sure felt hungry as a greek warrior. But where to find food? According to my GPS there were no restaurants in Thermopolis so I rode another 10 kilometers up the highway to a larger city. Before I reached it I came across a massive fast food restaurant. Perfect. It was dark and cold outside and as I ate my meal I thought about where I was going to sleep. Again it was after 10pm. By the time I left and I was not very keen on riding into the city at that time of night. So I looked at the GPS to see if I could find somewhere to camp.</p>
<p style="text-align: justify;">There was only open farmland between me and the city. I was on a smaller road running parallel with the freeway when I found a big dark tunnel running under the freeway. I stopped for a look. It was fairly new and clean with a gravel floor and a small canal running through it. This will do, I thought, I&#8217;m too exhausted to look for anything else. So I set up my camp and slept with my down jacket on for warmth. Although there were odd splashing sounds coming from the canal I slept quite well. I was up and out of there before daybreak. On the road again.</p>
<p style="text-align: justify;">After these and a few other experiences I quickly learned that I needed to find better camping spots. Another thing that I was learning: Greek people are incredible hospitable. One afternoon I stopped at an out-of-the-way petrol station in the farmland of north central Greece. When I sat down to eat my orange the owner appeared. The old man an didn&#8217;t speak much English. But he sat with me as I told him what I was up to, with the help of some pictures. When I showed him the map of where I was planning to ride, he went inside and came back with a shot of vodka for me. He laughed as I coughed from the strength of it as he went to serve a customer.</p>
<p>    <div id="aesop-quote-component-6531-2"          class="aesop-component aesop-quote-component    aesop-component-align-center  aesop-quote-type-block   quote-left-right " style="background-color:#ffffff;color:#ffffff;height:auto;width:700px;">

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                <span>Watch out for bears!</span>
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            </div>
            </p>
<p style="text-align: justify;">The local farmer he was serving spoke a little English and joined us. We drank frapee and ate nuts as we looked out at Mount Olympus in the distance. I asked if I could camp behind the petrol station and he was happy to have me there. As a cyclist is always hungry I then asked where I could find food. He sent me to the little village 5 kilomters up the road to a small restaurant where I got a Souvlaki for 1 euro! When I was leaving the next morning I tried to pay him for everything. But he insisted I didn&#8217;t, saying &#8222;souvenir souvenir&#8220;. That was just one of the times people have been so welcoming and hospitable on my journey.</p>
<p style="text-align: justify;">That was all in the first few week. Since then I&#8217;ve been riding for two and half days through the Rhodope mountains of Bulgaria with no money or food except three small bags of peanuts. One night the police came visit me in my tent while camping next to the road. I&#8217;ve been humbled and inspired by meeting a huge variety of fellow travelers on their own adventures that make mine seem like a walk in the park. I even had a dog joyfully follow me up one side of the Carpathian mountains in the pouring rain when I felt like giving up for the day. And I was scared to shit when a bear wandered past my tent while camped in the forest.</p>
<p style="text-align: justify;">Every four or five days I would stop at hostels in towns and cities that I want to see more of. Like in the Hikers Hostel in Plovdiv, the second biggest city in Bulgaria, that I had never heard of but which looks amazing. I usually stay for a couple of days, which allowed me to meet lots of others travelers from all over the world. When I meet other cyclists we share experiences and talk about our bikes like we are formula 1 drivers. But in Plovdiv a 70-year-old Russian guy put us in our place. He was riding around the world since many years, and I shit you not, on what looked like a 12-year-old girl&#8217;s bike from the 80s. All he was carrying was a small backpack, a sleeping bag and a thin foam sleeping mat. Not even a tent. This was the toughest guy I&#8217;ve ever met. He had joy in his eyes and a cheeky grin on his face like a 15-year-old boy that was up to no good.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Surprised by rivalries between European countries</h2>
<p style="text-align: justify;">Also, while in Plovdiv I made friends and partied (a little too hard) with a group of fellow adventurers that had either recently finished or were currently on big journies like myself. It was very difficult leaving the hostel after having had such a great time with people that shared a common bond. I&#8217;ve continued to meet and befriend many more cool and crazy characters since.</p>
<p style="text-align: justify;">Being my first time out of Australia it&#8217;s funny to notice all the differences compared to home. Besides the obvious things like the incredible architecture and history in all the cities, it&#8217;s things like the animals I have liked most. I&#8217;ve grown up watching tv shows and movies with skunks and squirrels. They&#8217;re in all the cartoons but I&#8217;d never seen them before. I guess most people not from Australia feel the same way about kangaroos.</p>
<p style="text-align: justify;">But probably the biggest thing I&#8217;ve learned is how different and interdependent all these tiny countries are, the vast cultures, languages and rivalries have really surprised me. I had thought that considering the countries were so small and close together the people would be similar and happy to move around freely. But there seems to be a lot of stigma about neighbouring countries and old grudges that divide them.</p>
<p style="text-align: justify;">Overall I&#8217;m just so grateful to have spent time with the awesome people I&#8217;ve meet and befriended so far. I have my health and the opportunity to do what I&#8217;m doing. My plan is simple: just keep being cheerful in the face of adversity and soak up every bit of this crazy adventure as it comes. Because good decisions never make great stories!</p>
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		<title>Unter Mönchen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Sep 2015 01:47:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Athos]]></category>
		<category><![CDATA[Mönche]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Sebastian Hesse]]></category>
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					<description><![CDATA[Athos ist eine autonome Mönchsgemeinde in Griechenland. Mit der Krise, Flüchtlingen oder EU-Politik haben die Kleriker auf dem heiligen Berg nichts am Hut. Besuch eines Ortes, an dem die Zeit stehen geblieben ist.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/unter-moenchen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Athos ist eine autonome Mönchsgemeinde in Griechenland. Mit der Krise, Flüchtlingen oder EU-Politik haben die Kleriker auf dem heiligen Berg nichts am Hut. Besuch eines Ortes, an dem die Zeit stehen geblieben ist.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es hat einen Moment gedauert, bis der Groschen gefallen ist. Bis ich kapiert habe, was ich da gerade gerade geküsst habe: Die Überreste von Menschen, die seit Jahrhunderten tot sind. In den Vitrinen in dem abgedunkelten Raum sind Teile von Skeletten drapiert. Knöchelchen und Schädeldecken. Reliquien. Körperteile von Heiligen. Die menschlichen Gebeine werden in kunstvoll geschmiedeten silbernen Schatullen aufgewahrt und die Sammlung in den Vitrinen präsentiert, die ich gerade wie in Trance abschreite und küsse.</p>
<p style="text-align: justify;">Weiter kann man sich in Griechenland vermutlich nicht von der harten Alltagsrealität entfernen: Im schummrigen Halbdunkel der Klosterkapelle von Iviron, durch die ich mich gerade als Teil einer Prozession wie in Zeitlupe bewege, ist kein Raum für Sparauflagen, Rettungsschirme, einen Schuldenschnitt oder die Troika. Wie in den anderen Athosklöstern geht es hier um die Nähe zum Eigentlichen. Tagespolitik interessiert hier nicht. Wer hierher pilgert, entflieht den Banalitäten des Alltags &#8212; auch wenn sie existenziell scheinen. Athos ist für Orthodoxe, was Santiago de Compostela für Katholiken ist. Das zweitwichtigste Pilgerziel nach Jerusalem.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Burg ohne Fenster</h2>
<p style="text-align: justify;">Am Nachmittag bin ich nach einem anderthalb stündigen Fußmarsch in Iviron angekommen. Das Kloster liegt an der Ostküste der Halbinsel &#8211; direkt am Meer wie eine gewaltige Festung. Die unteren Stockwerke des burgähnlichen Baus haben so gut wie keine Fenster. Das obere Drittel dagegen erweckt den Eindruck, als seien kleinere Wohnhäuser auf den Rumpf gepropft worden. Es wimmelt von Balkonen, Austritten, Gucklöchern. Diese Architektur ist typisch für die 20 großen Klöster der unabhängigen Mönchsrepublik Athos.</p>
<p style="text-align: justify;">Manche der Trutzburgen des Glaubens hängen so prekär an den steilen Felswänden, als würden sie jeden Moment ins Meer abrutschen. Etwa Símonos Pétras, das architektonisch an den Potala im tibetischen Lhasa erinnert. Immer wieder in ihrer gut tausendjährigen Geschichte sind die Athos-Klöster überfallen und ausgeplündert worden. Der Name Athos steht heute für die gesamte, rund 50 Kilometer lange Halbinsel. Der namensgebende Berg ragt am Südzipfel in den Himmel. Sein 2033 Meter hoher Gipfel ist meistens wolkenverhangen. Die Griechen nennen ihn Ágio Óros, den Heiligen Berg.</p>
<p><div id="aesop-gallery-5225-6"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-5225" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-9.jpg" data-caption="Karyés: Das einzige Dörfchen mit Einkaufsmöglichkeit auf dem Athos" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-8.jpg" data-caption="Fähranleger von Daphni: Die meisten Pilger gehen hier von Bord" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-3.jpg" data-caption="Kloster Iviron: Mönche und Pilger warten auf den Bus am frühen Morgen" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-5.jpg" data-caption="Símonos Pétras: Das Kloster am Felshang erinnert viele an den Potala im tibetischen Lhasa" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-4.jpg" data-caption="Clyde und Edward: Zwei Veteranen unter den Athos-Pilgern" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-7.jpg" data-caption="Einer der vielen kleinen Fähranleger, von denen aus sich Pilger und Mönche auf den Weg machen" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-6.jpg" data-caption="Das russisch-orthodoxe Kloster Panteleímonos" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-2.jpg" data-caption="Das Simandron: Der Klang der gewaltigen Holzplanke ruft zum Gebet und zu den Mahlzeiten im Refektorium" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-11.jpg" data-caption="Im Kloster Iviron" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos.jpg" data-caption="Auf dem Landweg ist der Athos komplett unzugänglich" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-13.jpg" data-caption="Ein Mönch liest im Klosterhof von Iviron in der Bibel" alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Sebastian Hesse</p></div></p>
<h2 style="text-align: justify;">Zutritt nur für Männer</h2>
<p style="text-align: justify;">Den Athos und seine Klöster zu bereisen ist nicht ganz einfach. Zutritt wird generell nur Männern gewährt. Frauen sind unerwünscht. Touristen auch. Ernsthafte Pilger können das Diamonitirion beantragen, eine Art Passierschein. Wochen im Voraus muss man sich um das Diamonitirion bemühen, denn der Andrang ist groß. Das begehrte Dokument muss man telefonisch beantragen, in radebrechendem Englisch sein spirituelles Anliegen erklären. Dann wird’s mordern: Man faxt eine Kopie des Reisepasses und erhält per E-Mail Bescheid, ob man erwünscht ist oder nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Der letzte frei zugängliche Ort vor der Athos-Grenze ist Ouranoúpoli. Zu deutsch ‚Himmelsstadt’. In Ouranoúpoli findet sich das Pilgerbüro, wo man das Diamonitirion ausgehändigt bekommt. Das Büro am Hafen ist eine Art Schalterhalle. Dort entrichtet man die 30 Euro Gebühr und lässt sich dann das Visum aushändigen. Nur zehn Nicht-Orthodoxen wird täglich der Zutritt zum Athos gewährt. Trotzdem sollte man zeitig erscheinen, denn seit der Öffnung Osteuropas ist die Zahl der Pilger enorm in die Höhe geschnellt. Orthodoxe aus Rußland und den Balkanstaaten pilgern in Heerscharen auf den Athos. Neben mir in der Ausgabeschlange steht, morgens um 7 Uhr 30, ein junger Russe mit atemberaubender Alkoholfahne.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn man das Diamonitirion in den Händen hält, ist die erste Hürde genommen. Nun muss man nur noch einen Platz auf der Fähre ergattern, die die Pilgerströme an der Athos-Küste entlang zu dem kleinen Fähranleger Daphní bringt. Die Klöster sind nur auf dem Seeweg zu erreichen. Das Pilgerboot tuckert geschätzte 200 Meter parallel zur Küste und hält an vielen Klöstern. Erstaunlich, wie schnell es sich anfühlt, als spielten Raum und Zeit keine Rolle mehr.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Post für Pilger</h2>
<p style="text-align: justify;">Wäre man hier vor Hunderten von Jahren schon einmal entlang geschippert: Es hätte genauso ausgesehen. Aus dem Tagtraum von der stillstehenden Zeit wird man erst am Zielanleger wieder heraus gerissen. Von Daphní aus ächzt ein altersschwacher Bus die Serpentinen auf den Höhenrücken des Athos hinauf nach Karyés, der einzigen Ortschaft der Mönchsrepublik. Eigentlich ist Karyés nicht viel mehr als eine Häuserreihe mit einem Postamt, Devotionalienläden, einem Bäcker. Wenn der Pilgerbus aus Daphní eintrifft wird es kurzzeitig laut, hektisch und quirlig. Und schlagartig versinkt das Städtchen dann wieder im Dornröschenschlaf. Von Kariés aus wandere ich mit John, meiner Reisebekanntschaft aus England, los in Richtung Küste. Nach Iviron.</p>
<p style="text-align: justify;">Der uralte Weg zieht sich in weiten Schwüngen den Bergrücken hinunter. Ich versuche mir vorzustellen, wie viele Pilger über die Jahrhunderte hinweg hierher gelaufen sind. Der Pfad jedenfalls gleicht einer Furche, so ausgetreten ist er. Auch in den Abschnitten mit grobem Steinpflaster. Über weite Strecken führt er als Hohlweg durch üppige Vegetation. Die Baumkronen bilden ein Laubgewölbe. Man schreitet durch eine Art grüne Passage. Ein parallel laufender Gebirgsbach erinnert mal mehr, mal weniger lautstark daran, dass er auch noch da ist. Abschnittsweise stürzt er als Wasserfall in die Tiefe. Und obwohl Menschen den Pfad mit ihren Fußsohlen über Jahrhunderte ausgetreten haben, fühlt es sich an als sein man mutterseelenallein in unberührter Natur.</p>
<p style="text-align: justify;">Gelegentlich öffnet sich der Blick und man sieht den Athos. Eine ‚karge schwarze Pyramide’, nennt ihn der schottische Reiseschriftsteller William Dalrymple. Majestätisch, aber auch schroff und abweisend thront der Felsgigant über der Halbinsel. Sein oft schneebedeckter Gipfel weist hinauf in höhere Sphären. Dahin, wo die Mönche des Athos durch Askese, Strenge, Abgeschiedenheit und Einfachheit zu gelangen hoffen. Schon zu Lebzeiten näher bei Gott. Die Pilger lassen sie für kurze Zeit daran teilhaben. Immer nur für eine Nacht pro Kloster. Und nur für maximal drei Nächte insgesamt. Das gilt auch in Iviron, wo wir am frühen Nachmittag eintreffen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Besoffener Ausblick</h2>
<p style="text-align: justify;">Jedes Kloster hat einen Quartiermeister, der den Pilgern ohne große Worte ihre Unterkunft zeigt. In unserem Fall ist es ein baumlanger, junger Mönch. John und ich teilen unsere Zelle mit Paul aus Baltimore. Der amerikanische IT-Spezialist ist glühender Verehrer byzantinischer Kunst. Wir beschnuppern uns auf dem Balkon unserer Zelle. Von hier hat man einen Ausblick, der besoffen macht. Auf die Klostergärten. Und die bewaldeten Hügel. Die unzähligen Schattierungen des Grüns erinnern an tropische Regenwälder.</p>
<p style="text-align: justify;">Einmal eingezogen kümmert sich niemand mehr um die Pilger. Dass sie sich um fünf Uhr nachmittags zum Abendgebet im Katholikon einfinden, der Hauptkirche des Klosters, wird vorausgesetzt. Als Nicht-Orthodoxer muß man in manchen Klöstern mit einer Seitenkapelle oder Nebenkirche vorlieb nehmen. Nicht so in Iviron. Wir mischen uns unter die orthodoxen Pilger und Mönche und tauchen ein in den schier endlosen Fluß aus Gebet, Chorälen, Lesungen. Immer wieder muss man sich aus dem knarzenden Kirchengestühl erheben und bekreuzigen, wenn ein Mönch mit Weihrauchgefäß vorbeiläuft. Und man schreitet die Ikonen ab, die im schummrigen Halbdunkel der Kirche nur schemenhaft erkennbar sind. Vor diesen Fenstern in andere Sphären bekreuzigen sich die Gläubigen. Und sie küssen das Heiligenbildnis.</p>
<p style="text-align: justify;">Das erste Mal gesehen hatte ich diesen Brauch in der orthodoxen Kathedrale St. Sophia im Londoner Stadtteil Bayswater. Der Kirche, in der der Trauergottesdienst für Bruce Chatwin stattfand, einem Konvertiten zur griechisch-orthodoxen Kirche. In London stand neben jeder Ikone ein Gemeindemitglied mit einem Wischlappen, um nach jeder rituellen Lippenberührung die Speichelreste des Küssenden wieder wegzuwischen. Derartige Hygienevorkehrungen gibt es im Kloster Iviron nicht. Und vermutlich auch nicht auf dem restlichen Athos.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Abendgebet schreiten die Teilnehmer wie in einem Trancemarsch in die Seitenkapellen des Katholikons. Dort ist die Reliqiensammlung des Klosters hinter Glas ausgestellt. Versunken in den kleinen Marsch der Bewunderung wird jede einzelne Auslage abgeschritten und mit einem Kuss geehrt. Iviron rühmt sich, neben den Gebeinen von 145 Heiligen auch Marterwerkzeuge der Leiden Christi zu haben. Ich hatte mir vorgenommen, danach Ausschau zu halten. Doch der Sog des Ritus vereinnahmt mich derart, dass klare Gedanken, Konzentration auf Einzelnes nicht mehr stattfinden können. So sehr wird man Teil eines größeren Ganzen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Klack zum Essen</h2>
<p style="text-align: justify;">Wie schon zum Abendgebet, so ruft auch zum Abendessen der Klang des Simandron, eine gewaltige Holzplanke am Eingang des Refektoriums, auf die mit einem hölzernen Hammer geschlagen wird. Lange Marmortische mit Holzbänken davor füllen den Speisesaal der Mönche. Die Pilger sitzen am Rand. Die Tische sind gedeckt. Erst auf das Zeichen des Abtes hin darf mit dem Essen begonnen werden. Das Nachmahl ist karg, aber sättigend: Linsen, Oliven, Nudeln, ein Glas Wein. Man ißt schweigend, um dem Mönch zu lauschen, der mit sonorer Stimme unermüdlich aus der heiligen Schrift vorliest. Unter seinem Vorlesen liegt nur der chaotische Rhythmus, den das Kratzen des Bestecks auf den Metalltellern beiträgt. So hektisch wie die Mönche die Pilger auf die Gasttische verteilt haben, so hektisch essen sie auch. Sie wissen, dass das Zeitfenster für das Nachmahl klein ist. Ebenso plötzlich wie es begann, hört es auch wieder auf. Der Abt gibt erneut ein Zeichen. Mönche und Pilger legen ihr Besteck hin, stehen auf, beten kurz und verlassen zügig das Refektorium. Es ist acht Uhr abends. Bettzeit.</p>
<p style="text-align: justify;">Meine Mitpilger und ich stehen um vier Uhr in der Früh auf. Leisen Schrittes machen wir uns auf ins Katholikon. Einige Mönche haben die ganze Nacht durchgebetet. Allmählich füllt sich der dunkle Raum. Allmählich hellt er sich ein wenig auf. Mönche entzünden Kerzen. Deren Schein erlaubt eine Ahnung von den Kunstschätzen, die den Kirschenraum ausschmücken. Das Dauergebet mündet im orthodoxen Ritus aus Chorälen, Lesung und weiterem Gebet. Viele Stunden. Weit nach Morgengrauen endet die Andacht und geht in ein kurzes Frühstück im Refektorium über. Die Mönche verrichten danach ihr Tagewerk &#8211;  in der Bibliothek oder im Weinberg. Und die Pilger ziehen weiter.</p>
<p style="text-align: justify;">In den anderen großen Athos-Klöstern, in Megístis Lávras oder Vatopédi, ist der Ablauf ganz ähnlich. Die nahegelegenen kann man abwandern. Die entlegeneren erreicht man mit Minibussen. Die Entfernungen auf dem Athos sollte man nicht unterschätzen. Die Höhenunterschiede sind zum Teil beträchtlich und der Zustand der Pilgerwege ist oft unvorhersehbar. An der Südspitze der Halbinsel bewahrt John und mich nur die Warnung dreier österreichischer Pilger davor, uns in sengender Hitze auf einen riskanten Gewaltmarsch zu machen. Vom Fähranleger Daphni aus haben wir eine Anschlußfähre genommen, die die Westküste weiter hinunterfährt. Bei erstaunlich starkem Seegang setzt uns das Boot an der Südspitze des Athos ab.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Der Abt empfängt persönlich</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Blick vom hölzernen Balkon der Skite lenkt davon ab, weshalb man eigentlich hierher gekommen ist. Skiten sind die Einsiedelein, die es überall auf dem Athos gibt. Ich habe eben einen Ouzo und einen griechischen Kaffee kredenzt bekommen &#8211; vom Abt des kleinen Mönchsdorfs Skiti Kafsokalivion höchstpersönlich. Vater Seraphim sieht aus wie ein typischer Mönch vom Athos: Schwarzes, langes Gewand, schwarzer Filzzylinder, ein langer, grauer Rauschebaart und listige Äuglein hinter einer dicken Brille. Eigentlich war das Kloster Megístis Lávras unser Ziel, da es auf der Landkarte sehr nah aussah. Doch nach einem schweißtreibendem Aufstieg vom Fähranleger haben wir auf die drei österreichischen Pilger gehört, den Marsch zum Megístis Lávras unterlassen und stattdessen bei Vater Seraphim angeklopft, um nach einem Quartier zu fragen. Wie in allen Klöstern und Skitenen muss man sich ins dicke Besucherbuch eintragen, nebst Nummer des Diamonitirion.</p>
<p style="text-align: justify;">Jetzt also Ouzo und Kaffee mit Blick auf die azurblaue See tief unter uns. Die Skiti Kafsokalivion liegt an einem steilen Felshang, besteht aus einer Kirche, mehreren Wirtschaftsgebäuden und mehreren Terassen mit Gärten oder einfachen Plätzen, wo man im Schatten gewaltiger Zypressen seinen Gedanken nachhängen kann. Skiten sind kleinere mönchische Ansiedelungen, die mehr Dörfern gleichen, als den wuchtigen Klosteranlagen. Deren Anzahl wird auf Athos immer auf 20 beschränkt bleiben. Doch Skiten gibt es in großer Anzahl in der Mönchsrepublik. Hier ist das Reglement lange nicht so strikt wie in den Klöstern. Um fünf Uhr gibt es in der Küche der Skite ein einfaches Mahl: Linseneintopf, Oliven, Brot und ein Glas Wein für die drei Mönche, die hier leben und die sieben Pilger, die heute hier übernachten werden. Während des Essens darf sogar geredet werden. Die Küche hat den behaglichen Charme eines alten Bauernhauses. Nur der mannshohe Siemens-Kühlschrank wirkt deplatziert. Auf einer der Terrassen der Skite stehen gewaltige Solarpanele, mit denen die Mönche ihren eigenen Strom generieren. Einen abendlichen Gottesdienst gibt es hier in der Skiti Kafsokalivion nicht. Allerdings dürfen wir uns die alte Kirche der Skite ansehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vater Seraphim erzählt, nur eines seiner Elternteile sei orthodox gewesen. Das andere katholisch. Das erklärt sicher seine Herzlichkeit, denn Nicht-Orthodoxe sind nicht überall auf dem Athos wohlgelitten. Die drei Österreicher, &#8211; Wolfgang, Michael und Georg -, haben beispielsweise schlechte Erfahrungen gemacht. Die Reaktionen darauf, dass sie sich als Katholiken zu erkennen gaben, seien mitunter feindselig gewesen. Besonders bei den Bulgaren. Die sind vermutlich weniger Andersgläubigen begegnet als die Griechen oder die Russen. „Ortodoxie oder der Tod“ steht immer noch auf mancher Häuserwand am Athos. Katholiken gelten als Häretiker. Den vierten Kreuzzug im Jahre 1204, als Kreuzfahrer von Roms Gnaden Konstantinopel ausplünderten, will man ihnen nicht verzeihen, trotz päpstlicher Entschuldigung im Jahre 2001. Manches ist unabänderlich auf dem Athos.</p>
<h2 style="text-align: justify;"><span style="color: #000000;">Boom in Osteuropa</span></h2>
<p style="text-align: justify;">Anderes dagegen wandelt sich rapide. Nicht nur die Zahl der Pilger aus Osteuropa ist sprunghaft angestiegen, sondern auch die Zahl der Mönche aus den Ländern, die früher abgeriegelt hinter dem Eisernen Vorhang lagen. Von der Fähre aus war gut zu sehen, wie massiv das russische Kloster Panteleímonos erweitert wird. Gerüchte besagen, Moskau habe hier Elitesoldaten eingeschmuggelt. Die Hälfte der angeblichen Mönche seien militärische Spezialkräfte. Auch eine U-Boot-Anlegestelle unterhalb des Meeresspiegels soll es geben. Schon zu Zeiten des Kalten Krieges wurde über KGB-Agenten auf dem Athos spekuliert. Das mögen alles Verschwörungstheorien seien, aber der junge Russe, der in unserer Skite als eine Art Hausmeister herumwerkelt, ist sicher kein Mönchsanwärter. Er haust in einer primitiven Lehmhütte am Rande der Skite. „Könnte ein russischer Krimineller sein“, meint Wolfgang, „der sich hier dem Gefängnis entzieht!“</p>
<p style="text-align: justify;">Wolfgang kennt sich aus auf dem Athos. Er war bereits fünf Mal hier. Am Anfang stand eine Tragödie. Wolfgangs Schwiegervater hatte seinem Sohn zur Matura, dem österreichischen Abitur, versprochen gemeinsam auf den Athos zu reisen. Daraus wurde aber nichts, da der Vater zu beschäftigt war. Dann kam der Sohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben und der Vater machte sich schwere Vorwürfe, das Versprechen nie eingelöst zu haben. Er pilgerte allein auf den Athos. Und tut das seither regelmässig. Irgendwann nahm er den Schwiegersohn mit. Wolfgang. Und der ist dem Athos seither ebenfalls verfallen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vater Seraphim tätschelt mir die Schulter. Er deutet auf meine Leica und will wissen, was sie gekostet hat. Er lässt sich sogar fotographieren. Mit einer Einschränkung: „No Facebook! No Facebook!“ So diesseitig wie der Abt der Skite Kafsokalivion sind nicht alle Mönche auf dem Athos.</p>
<p style="text-align: justify;">Die kompromisslose Hingabe an die mönchischen Ideale macht nicht nur die Faszination aus, die der Athos auf seine Besucher ausübt. Sie hat vermutlich auch das Überleben dieses einzigartigen Ortes gesichert. Im 7. Jahrhundert haben die ersten Mönche im Schatten des Athos gesiedelt. Im Jahre 963 wurde dann das erste Kloster gegründet. Bis heute ist Megístis Lávras die Nummer eins in der Rangfolge der Athos-Klöster. Es werden nie mehr als 20 sein. So will es die Verfassung des Athos von 972. Sie gilt unverändert seit über tausend Jahren. Die Legende will es, dass die Jungfrau Maria im Jahre 49 nach der Geburt ihres Sohnes auf den Athos kam. Sie soll mit dem Schiff unterwegs gewesen sein nach Zypern.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Alle weiblichen Lebewesen wurden verbannt &#8211; bis auf Katzen</h2>
<p style="text-align: justify;">Auf der Halbinsel musste sie notankern, nachdem sie von einem Unwetter überrascht worden war. Von der Schönheit des Athos überwältigt, ließ sie sich die Halbinsel dann vom Auferstandenen schenken als ihren Garten. Diese Legende musste 1045 dafür herhalten, dass alle anderen weiblichen Wesen vom Athos verbannt wurden. Auch weibliche Tiere (Katzen gelten als Ausnahme). Historiker mutmaßen jedoch, dass der Frauenbann eine Konsequenz daraus war, dass die Belästigung der Töchtern von Bauern und Schäfern durch die Mönche überhand nahm. Heute leben noch rund zweitausend Mönche nach strikten Regeln auf dem teilautonomen Heiligen Berg. Sie haben der Nachwelt einen Ausschnitt des alten Byzanz erhalten.</p>
<p style="text-align: justify;">Clyde und Edward kommen seit einem Vierteljahrhundert regelmäßig auf den Athos. Edward, der in der Schweiz lebt, seit den späten 80ern. Er ist sogar zur orthodoxen Kirche konvertiert. Clyde ist Anglikaner geblieben. Er lebt auf den Orkney Inseln. Die beiden Herren in ihren beigefarbenen Safarihemden dürften die 70 längst überschritten haben. Wir lernen uns beim Warten auf die Fähre in Daphni kennen. Beide zieht es immer wieder hierher: Wegen der Natur einerseits und wegen der Andersartigkeit. „Hier gibt es keinen Materialismus“, sagt Edward. Auch für den Mönch auf Zeit &#8211; in unserem Fall auf Kurzzeit &#8211; werden materielle Dinge sehr schnell bedeutungslos.</p>
<p style="text-align: justify;">„Ein einziger echter Freund ist so viel mehr wert als alle Reichtümer“, meint Edward. Er hat lange in St. Gallen an der Internationalen Schule unterrichtet. Später betrieb er dann eine eigene Sprachenschule. In St. Gallen hatte er bereits im Chor einer othodoxen Gemeinde mitgesungen. Dann kam die Konversion. Den Schritt ist er aus Frustration über den Traditionsverlust in anderen Kirchen gegangen. Zum wiederholten Male höre ich auf dieser Reise, dass den meisten Konfessionen das Mystische des Glaubens, das im Herzen Empfundene abhanden gekommen ist.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich frage Edward, was es wohl mit den Mönchen macht, wenn jeder Tag exakt gleich abläuft und so die Zeit stillzustehen scheint. Schon die Frage ist ihm viel zu wissenschaftlich. Zu kopfig. Glauben habe vor allem mit Gefühl, mit Instinkt, mit Intuition zu tun. Beim Anblick überwältigend schöner Natur, wie hier auf dem Athos, beim Hören ergreifender Musik, wie die Choräle der Mönche, beim Lesen eines Gedichts könne man spüren, dass es andere Ebenen gibt, als die oberflächlich-materielle. Dass darunter etwas anderes, unendlich Tieferes existiert.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wichtige Rituale</h2>
<p style="text-align: justify;">Und das schon von Anbeginn an, seit Urzeiten. Und weil die gefühlte Ahnung davon ebenso alt ist, seien Traditionen und überlieferte Rituale so wichtig. Edward hat sie in der orthodoxen Kirche und insbesondere auf dem Athos gefunden. Die modernen Kirchen seien verkopft, schnaubt er. Sie müssten zwanghaft andauernd ihren Glauben erklären und somit rechtfertigen, als würden sie gegen ihre eigenen Zweifel anargumentieren. Sie singen Popsongs in dem Wahn, dadurch zeitgemäss zu sein. Mit diesem Anbiedern an den Zeitgeist hätten sie ihre Seele verloren. Bei der katholischen Kirche habe es damit begonnen, dass der lateinische Ritus abgeschafft wurde.</p>
<p style="text-align: justify;">Clyde hält sich bei diesem Thema lieber zurück. Obwohl er die Athos-Faszination voll und ganz teilt, ist er den radikalen Schritt der Konversion anders als sein Reisegefährte nicht gegangen. Doch seine Lebensentscheidungen muten nicht minder radikal an. Clyde schreibt Musik und sagt, in Glasgow etwa könne er das nicht. Er bräuchte Natur und Entlegenheit. Schon als junger Mann habe es ihn in die Wildnis gezogen. Einmal hatte er die idealen Arbeitsbedingungen gefunden: Auf einer fast unbewohnten Insel in der Nähe der Orkneys. Nach dieser eremitischen Episode zog er dann auf die Hauptinsel von Orkney, kaufte dort eine Cottage und etwas Land. Von seinem Haus aus kann er auf das Meer gucken. Clyde versucht, das karge Eiland wieder aufzuforsten. Er pflanzt einen Wald an. Auf seinem Land steht ein Windrad, das ihn mit Elektrizität versorgt. Hier komponiert er und lebt wie ein athonitischer Mönch.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn er nicht gerade mit seinem Freund, dem pensionierten Sprachenlehrer aus der Schweiz, auf spiritueller Reise ist. In Nepal waren sie, in Laddakh, und haben in buddhistischen Klöstern übernachtet. Zwei weitere Pilger also, die auf dem Athos Ruhe, uralte, unverfälschte Traditionen und Zeitlosigkeit suchen vor der Kulisse ergreifend schöner Natur. Gemeinsam fahren wir auf der Fähre zurück in die materialistische Konsumwelt, aus der wir kamen. Mit etwas Hoffnung im Gepäck, dass sich der Geist von Athos nicht allzu schnell wieder verflüchtigen möge.</p>
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		<title>Myanmar erwacht</title>
		<link>https://www.weltseher.de/myanmar-erwacht/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Mar 2015 16:15:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Myanmar]]></category>
		<category><![CDATA[Burma]]></category>
		<category><![CDATA[Kai Becker]]></category>
		<category><![CDATA[Rangun]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Nach langer Unterdrückung endete 2010 in Myanmar, ehemals Burma, offiziell die Militärdiktatur. Seitdem öffnet sich das Land immer mehr für den Tourismus. Doch noch gibt es kaum entsprechende Infrastruktur und die alten Fäden der Militärjunta sind noch nicht ganz aus dem Land verschwunden.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/myanmar-erwacht/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Nach langer Unterdrückung endete 2010 in Myanmar, ehemals Burma, offiziell die Militärdiktatur. Seitdem öffnet sich das Land immer mehr für den Tourismus. Doch noch gibt es kaum entsprechende Infrastruktur und die alten Fäden der Militärjunta sind noch nicht ganz aus dem Land verschwunden.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Der Toyota-Van biegt von der großen Straße in ein zerlumptes Wohnviertel ein und schlängelt sich über eine staubige Straße zwischen engstehenden Mauern immer tiefer in ein Gewirr aus Blechhütten, vereinzelten Stromkabeln und Wäscheleinen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vor jeder Biegung des Weges verlangsamt unser Fahrer und hupt schrill auf, der Weg ist zu schmal für Gegenverkehr. Fünfzehn Minuten tiefer im Dickicht und Staub einfachster menschlicher Behausungen, stoppt er und spricht scheinbar willkürlich mit einem Jungen, der gleich davon läuft.</p>
<p style="text-align: justify;">Wir halten etwas später in einer Baulücke, weit genug entfernt von den Mauern ringsherum, so dass wir den Platz gut überblicken können und warten im Wagen. Die Luftfeuchtigkeit ist drückend, die Kleidung klebt auf der Haut und kein Windhauch fällt durch die offene Schiebetür und bringt Erleichterung, auch nicht für einen kurzen Moment. Wir warten immer noch. Irgendwann taucht ein Mann in schmutzigem Unterhemd, kurzer Hose und Sandalen auf und kommt auf den Wagen zu. In einer Hand trägt er eine schwere, rote, zerknitterte Plastiktüte. Unser Fahrer tauscht ein paar schnelle Worte mit dem Mann, dann steigt er in den Wagen zu uns, legt die Plastiktüte auf die Ablage zwischen den beiden Vordersitzen und dann schwere Bündel Geld auf den Sitz zwischen uns.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Ich habe keine Angst mehr vor ihnen&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Fünfhunderttausend Kyat. Wir zählen die Bündel aus Geldscheinen. Immer wieder werfen wir verstohlene Blicke nach draußen. Fünf ausdrücklich frisch gedruckte und nicht abgegriffene 100-Dollar-Noten sollten wir im Austausch geben. Noch vor einigen Tagen in Bangkok war es nicht so leicht gewesen, sie aufzutreiben, bis wir schließlich eine Bank fanden, in der sie darüber Bescheid wussten. In Rangun, der größten Metropole Myanmars, gibt es im Jahr 2012 noch keine Geldautomaten, Kreditkarten werden nicht akzeptiert, geschweige denn im Rest des Landes.</p>
<p style="text-align: justify;">Der offizielle Wechselkurs der Banken liegt hoffnungslos niedriger als der Schwarzmarktpreis. „Er ist ein reicher Mann hier im Viertel, er hat zwei Fernseher“, erzählt uns unser Fahrer in etwas gebrochenem Englisch. Als der Van etwas später wieder auf die große Straße einbiegt, atmen wir plötzlich beinahe unmerklich auf und die Anspannung der letzten Stunden fällt von uns ab.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-tage-in-burma-1" style="max-width:1200px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1200:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-tage-in-burma-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-tage-in-burma-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-tage-in-burma-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1600" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="16000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_strasse_kinder-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In einer Straße Ranguns spielen Kinder ein Boccia-Spiel mit alten Dosen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_fassade_rangune-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Blick von einer Fußgängerüberführung auf eine vom feuchtwarmen Klima verwitterte, typische Fassadenfront Ranguns.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_geld_wechseln-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auf dem Schwarzmarkt tauschen wir Geld gegen ausdrücklich druckfrische Einhundert-Dollar-Noten. Es gibt noch im Jahr 2012 keine Geldautomaten in Myanmar.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_becker_tempel_kinder_aufmacher-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Wenige Touristen und Einheimische erklettern einen Tempel in Bagan kurz vor Sonnenuntergang.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_kupferland_tempel-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Gegend um Bagan wird auch Tampadibad - Kupferland - genannt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_frauen_wasserkrüge-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Frauen tragen von einem abseits gelegenen Brunnen Wasser in Tonkrügen zurück ins Dorf.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_esel_karren-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mit Karren und Kuh wird in der Landwirtschaft gearbeitet.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_ton_arbeiter-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein Arbeiter in Kyauk Myaung fertigt einen Krug in einer Tonwerkstatt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_moenche_weg-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Junge Mönche ziehen am Morgen durch die Straßen und sammeln Essensspenden.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_lastwagen_beladen-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Überladene Geländewagen transportieren Mensch und Waren über enge Passstraßen zum Inle-See.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_bootsfahrt-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das einzige Transportmittel auf den weiten Kanälen rund um den See sind kleine, traditionelle Kanus mit Außenbordmotor.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_bauer_bueffel-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein Büffel findet unter Aufsicht seines Besitzers Abkühlung im Kanal.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_tomaten_plantage-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Schwimmende Tomatenplantagen am Inle-See. Viele Pflanzen werden auf schwimmenden Feldern bestellt. Mithilfe von Bambuspfählen werden die aus Sumpf, Erde und Wasserhyazinthen bestehenden, fruchtbaren Felder am Seeboden befestigt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer-pfahlbauten-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Innerhalb des Sees und an dessen Ufer gibt es 17 überwiegend von Intha bewohnte Dörfer, die auf Pfahlbauten errichtet sind.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_see_boot-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein Fischer inmitten des Inle-See mit traditionellem Kanu und Fangnetz.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_stran_motorrad-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Einheimische Jugendliche fahren am Strand von Ngwe Saung der untergehenden Sonne entgegen.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-tage-in-burma-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1200px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_strasse_kinder-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_fassade_rangune-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_geld_wechseln-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_becker_tempel_kinder_aufmacher-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_kupferland_tempel-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_frauen_wasserkrüge-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_esel_karren-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_ton_arbeiter-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_moenche_weg-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_lastwagen_beladen-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_bootsfahrt-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_bauer_bueffel-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_tomaten_plantage-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer-pfahlbauten-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_see_boot-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/myanmar_kai_beckjer_stran_motorrad-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<p style="text-align: justify;">Myanmar erwacht seit wenigen Jahren aus einem lange währenden Dämmerzustand, nach Jahren des Stillstands, internationaler Isolation und Unterdrückung unter der Herrschaft der Militärjunta. Präsident Thein Sein, ein früherer General, entließ im November 2010 die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi nach 15 Jahren aus dem Hausarrest, die Pressefreiheit ist heute weniger eingeschränkt, hunderte politische Gefangene kamen aus den Gefängnissen frei. Auch unser Fahrer für die nächsten drei Wochen, saß als Student im berüchtigten Insein-Gefängnis in Rangun.</p>
<p style="text-align: justify;">„Ich habe keine Angst mehr vor ihnen“, sagt er, während wir durch die verwitterte Metropole fahren. Das Militärregime ist inzwischen einer formal zivilen Regierung gewichen, immer noch führt aber kaum ein Weg an den Generälen vorbei. Viele Bereiche des Landes dürfen nicht oder nur mit besonderer Genehmigung besucht werden. Die muslimische Volksgruppe der Rohingya gilt als eine der am unbarmherzigsten verfolgten Minderheiten der Welt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Ein Asien vor dem Massentourismus</h2>
<p style="text-align: justify;">Zerbrochene Bürgersteige und verfallene Villen aus der britischen Kolonialzeit ziehen an uns vorüber. Der Putz bröckelt, viele Fassaden sind so schwarz gefärbt vom Schimmel wie die Wände des Bades unseres Hotelzimmers. Wir sind für ein paar Tage in einer Absteige ein wenig abseits des Zentrums an einer großen Straße untergekommen.</p>
<p style="text-align: justify;">Noch gibt es nicht genügend Unterkünfte für Rucksackreisende. Immer mehr Touristen kommen nach Myanmar, auf der Suche nach einem Asien, wie es vor vielen Jahren einmal gewesen sein muss, bevor der Massentourismus es für immer verändert hat. Noch 2010 waren es gerade einmal 311.000 Touristen im Jahr, die nach Myanmar kamen, nicht einmal 2 Prozent der knapp 20 Millionen im benachbarten Thailand. Aber schon 2012 waren es beinahe doppelt so viele.*</p>
<p style="text-align: justify;">Viele Kilometer weiter nördlich, in Bagan, einer historischen Königsstadt, in deren Umgebung sich über 36 Quadratkilometer mehr als 2000 Tempel aus Ziegelstein erstrecken, schauen wir uns an, nicken übereinstimmend und springen eilig in den Wagen. Die Fahrt mit dem Heißluftballon über das Areal ist schon seit einem Jahr ausgebucht, sie soll eine der schönsten der Welt sein. Unsere 5 Minuten Autofahrt vom Restaurant bis zu unserem Hotel ziehen sich wie eine Ewigkeit.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Das Essen ist in Ordnung&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Zuerst hatte es bei Nils begonnen. Kurz darauf beginnt es auch bei uns anderen. Das Essen hatten wir unterdessen nur noch misstrauisch und voller Unbehagen zu uns genommen, in banger Ahnung, was auf uns zukommen würde. Es kommt noch schlimmer. In der Nacht liegen wir mit Gliederschmerzen in den Betten, ein ungekannter Druck scheint die Nieren einzuschnüren. Während ich auf der Toilette nur noch mechanisch nach Luft schnappe und die Haare aus dem Gesicht halte, höre ich ein Rumpeln und dann, wie sich im Nebenzimmer entweder Nils oder Martin übergeben.</p>
<p style="text-align: justify;">Christopher liegt stöhnend auf dem Bett und versucht, einen Schluck Wasser zu sich zu nehmen. Die Anwesenheit der anderen beruhigt mich ein wenig. Auf dem Weg nach Bagan hatten wir in einem kleinen Dorf etwas abseits der stärker befahrenen Route angehalten. Einige der Kinder wurden von ihren Eltern an diesem Tag in ein Kloster verabschiedet. In Myanmar gilt ein solcher Tag als große Freude und es werden Feste gegeben.</p>
<p style="text-align: justify;">Das ganze Dorf war auf den Beinen gewesen, und Besuch von Fremden an diesem Tag würde als Zeichen des Glücks verstanden, hatte uns unser Fahrer erklärt. Wir hatten allen Anwesenden die Hände geschüttelt, mit allen wichtigen Personen des Ortes Bilder machen sollen und waren zum Bürgermeister eingeladen worden, bevor wir uns auf der Terrasse des größten Hauses niederließen und Tee, Früchte, verschiedene Gebäcke und klebrigen Reis angeboten bekamen. Nachdem wir in der Nacht Ranguns arglos von den Garküchen am Straßenrand und den Ständen der Märkte gekostet hatten, waren wir leichtsinnig geworden. „Das Essen ist in Ordnung.“, sagte unser Fahrer. Nur 5 Stunden später wissen wir, dass er falsch gelegen hatte.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wo gibt es einen Arzt?</h2>
<p style="text-align: justify;">„In Rangun und Mandalay gibt es ein Krankenhaus, und einen Arzt hier in Bagan.“, erzählt er uns am nächsten Morgen. „Andere Ärzte gibt es nicht. Nicht einen weiteren im ganzen Land.“ Das Antibiotikum, das wir übergeben bekommen, übersteht die Prüfung durch das Internet nicht, das es glücklicherweise im Hotel gibt. In Europa ist es schon lange nicht mehr zugelassen, da es in zu vielen Fällen zu tödlichen Nebenwirkungen kommen kann. Also müssen wir die Sache auf uns alleine gestellt überstehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Drei Tage später laufen wir noch immer geschwächt durch eine der faszinierendsten Tempellandschaften der Welt. Die meisten der Bauwerke stehen verlassen, nirgends wird Eintritt erhoben, nur an den beiden größten Tempeln versuchen Souvenirverkäufer ein wenig Geld zu machen. „Wie gut, dass ich heute hier sein kann. Wie viele Orte dieser Art bleiben noch, und wie lange?“, denke ich. Als wir von der Spitze eines der größten Bauwerke mit einer Handvoll anderer Besucher der Sonne zusehen, wie sie hinter dem Fluß Irrawaddy untergeht, an dessen Ufer sich die Stadt erstreckt, und dabei jedes Haus, jeden Baum und jeden Tempel in ein rotgoldenes Licht taucht, wissen wir, warum Bagan auch Tampadibad – Kupferland – genannt wird.</p>
<p style="text-align: justify;">Auf unserem Weg von Bagan zum Inle-See, einem riesigen Süßwassersee mit Pfahlbauten, schwimmenden Tomatenplantagen und seinen berühmten Einbein-Ruderern fahren wir durch kleine Orte und ein weites Land. Überall begegnen uns neugierige Gesichter und Gastfreundschaft, wir lernen, wie man Thanaka aus fein geriebener Baumrinde herstellt, eine weißlich-gelbe Paste, die vor der Sonne schützt und von Frauen und Kindern in jedem Alter im Gesicht getragen wird. Je weiter wir nach Norden kommen, umso schlechter werden die Straßen und kleiner die Orte. Es fühlt sich an, wie eine weitere Zeitreise innerhalb unserer Zeitreise in die Vergangenheit eines geheimnisvollen Kontinents.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Abgrund in den Augen</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich sitze ein wenig verstört, während der Van über die schlechten Straßen ruckelt, denn ich scheine nicht zu begreifen, was es ist, das ich in den neugierigen Augen der Kinder und in der vorsichtigen Scheu der Älteren sehe. Später denke ich plötzlich, vielleicht ist es die so unberührte Ursprünglichkeit alles Menschlichen, in die ich blicke und die ich kaum zu begreifen im Stande bin. Ich scheine für einen kurzen Augenblick eine Idee eines Geheimnisses zu erhalten, dessen Größe ich nicht zu fassen in der Lage bin. Im nächsten Moment nehme ich wieder das Dröhnen des Motors wahr, das Schwanken der Sitze und die Hitze. Noch heute scheint die Erinnerung an dieses Gefühl meine Zeit anzuhalten und alle Worte, es zu beschreiben, sind vergebens.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich stelle mir vor, wie es noch weiter in Norden sein muss, im Gebirge. Ich habe bisher nur wenige Orte auf der Landkarte gesehen, auf denen so wenige Straßen eingezeichnet sind. „Das Militär hat sich von dort zurückgezogen. In den Wäldern und auf den Hochplateaus leben noch einige Stämme nach ihren eigenen Gesetzen und Regeln, wie sie es seit tausend Jahren getan haben. Es ist wild da draußen, Ihr würdet nicht überleben“, sagt unser Fahrer.</p>
<p style="text-align: justify;">Und dann werden wir plötzlich mit der beinahe vergessenen und doch noch so nahen Vergangenheit des Landes konfrontiert. In Kyauk Myaung beobachtet uns ein Junge von vielleicht fünfzehn Jahren argwöhnisch. Als wir an ihm vorüber fahren, treffen sich unsere Blicke für einen kurzen Moment, während ich aus dem Auto des Vans schaue. Ich habe das Gefühl, in einen Abgrund zu sehen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Nein heißt Nein!</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenig später, während wir uns eine Tonwerkstatt ansehen, kommt ein Mann und befiehlt unserem Fahrer, zum offiziellen Verwaltungsbeauftragten des Ortes zu kommen. Er verwehrt uns die Überfahrt über die einzige Brücke und wir müssen 4 Stunden Umweg auf uns nehmen, um nach Mandalay zu kommen. „Er war betrunken. Er hat nicht zugehört. Er lässt uns nicht über den Fluss. Er hat keinen Grund genannt. Er hat nur immer wieder Nein gesagt. Es ging ihm nicht darum, irgendetwas zu erklären. Er hat Nein gesagt, aus dem einzigen Grund, weil er es kann. Aber damit kommt er nicht durch. Ich habe ihm gesagt, er wird es bereuen. Diese Zeiten sind vorbei“, sagt unser Fahrer mit ruhigen, entschlossenen Augen, während er den Wagen wendet. Mit einem Mal scheine ich mehr von unserer eigenen, schändlichen Geschichte zu verstehen, von Missgunst, Boshaftigkeit, Denunziation, Unterdrückung und Willkür, als irgendeine Unterrichtsstunde bisher vermochte.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwei Tage später und kurz vor dem Inle-See auf einer bergigen Straße, durchsäht von Schlaglöchern, streikt das Auto. Nach 2 Stunden Arbeit und bis zu den Schultern mit Schmutz und Öl beschmiert, hat unser Fahrer es geschafft, wir ruckeln weiter in Richtung Pass. Am Abend schauen wir von den Toren eines Klosters über den See dem Sonnenuntergang zu. Außer uns ist niemand da.</p>
<p style="text-align: justify;">Noch einmal einige Tage später, beinahe eintausend Kilometer weiter südlich, nachdem wir die absurde, von der Militärregierung mitten im Dschungel errichtete Hauptstadt Naypyidaw mit ihren sechsspurigen Straßen und klimatisierten, aber menschenleeren Einkaufszentren hinter uns gelassen haben, am Golf von Bengalen im indischen Ozean, fahren wir mit dem Motorrad von Ngwesaung nach Chaung Tha Beach, über Trampelpfade durch den Urwald und entlang des Strandes. Wir setzen auf Holzkähnen über das Meer und sehen einen maroden, auf eine Sandbank aufgelaufenen Ausflugsdampfer, der mich an die bröckelnden Fassaden der Villen aus der Kolonialzeit in Rangun erinnert. Insgesamt sehen wir in drei Wochen nicht mehr als 100 Touristen.</p>
<p style="text-align: justify;">Am letzten Abend irgendwo am indischen Ozean hören wir unserem Fahrer zu, der zu den orientalisch anmutenden Klängen der Musik, die aus seinem Telefon ertönt, leise ein Lied singt. Immer wieder erhebt sich seine Stimme, wird lauter und scheint dem Himmel entgegen zu streben, bevor sie sanft wieder leiser wird und in unmerklicher Harmonie beinahe im Rauschen der Brandung untergeht. Irgendetwas im Klang der Worte sagt mir, dass es von Entbehrung erzählt. Und doch, stimmt es mich auf eine schwer zu erklärende Art hoffnungsvoll.</p>
<p style="text-align: justify;">* Die Zahlen zu den Besuchern kommen von der Weltbank.</p>
<p style="text-align: justify;">
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		<title>Traumwelt mit Schattenseiten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Mar 2015 23:16:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Malediven]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Janina Marie Krupop]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Im indischen Ozean liegen die Malediven - ein islamischer Inselstaat. Die Inseln mit ihren weißen Sandstränden und dem türkisblauen Wasser sind ein inszeniertes Paradies für Touristen.  Die wirklichen Probleme, vor denen die Republik steht, bleiben dem Pauschalurlauber verborgen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/traumwelt-mit-schattenseiten/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Weiße Sandstrände, türkisblaues Wasser &#8211; die Malediven sind ein Paradies, inszeniert für Touristen. Doch die wirklichen Probleme, vor denen der islamische Inselstaat im Indischen Ozean steht, bleiben dem Pauschalurlauber verborgen.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Sand wie Puderzucker, Wasser so türkis und klar, dass ich die Papageienfische gut am Grund sehen kann, 30 Grad und der Himmel strahlend blau. Der perfekte Strand. Schöner könnte es ein Reisekatalog nicht anpreisen. Doch dieser Strand ist menschenleer. Und das, obwohl sich dicht hinter mir Wohnhäuser an sauber betonierten Straßen reihen. Zudem stehen in regelmäßigen Abständen unübersehbare Hinweisschilder: „Baden im Bikini verboten“.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich bin im Paradies und trotzdem fühl ich mich fehl am Platz. Ich bin auf den Malediven. Als ich mich für einen spontanen Ausflug von Sri Lanka hierher entschied, habe ich noch von bunten Korallenriffs und schneeweißen Stränden geträumt, an welchen ich in der Sonne liegend eisgekühlte Cocktails schlürfe. Prinzipiell lassen sich diese Wünsche hier auch erfüllen, aber ich reise nicht zu einem Fünf Sterne Hotel, sondern auf das Herz der Inseln: die Hauptstadt Malé.</p>
<p style="text-align: justify;">Zu der gleichnamigen Insel gehören auch die kleinen Inseln Villingili, Hulhulé und Hulhumalé. Letztere ist künstlich erschaffen worden, denn Platz ist knapp auf den Malediven und auf der Hauptinsel wird stetig neu gebaut. Während die übrigen Inseln eher ruhig und schwach entwickelt sind, findet in Malé das Leben statt. Die Menschen strömen zum arbeiten, studieren und leben in die Stadt. Als Folge explodierten die Mietpreise.</p>
<h2 style="text-align: justify;">„Gegen Mittag wird ihr schwindlig“</h2>
<p style="text-align: justify;">Es ist ein Tag im Juli 2014, Ramadan Zeit. Vom frühen Morgen bis zum Sonnenuntergang finde ich niemanden, der mir einen Kaffee, geschweige denn eisgekühlte Cocktails verkauft. Und während ich in sengender Hitze an geschlossenen Bars vorüber schlendere, durch enge Gässchen mit geschlossenen Restaurants, aus deren Fenstern der Duft von warmen Speisen weht, die schon jetzt für das Abendessen zubereitet werden, frage ich mich, wie all diese Menschen den Tag ohne einen einzigen Schluck Wasser überstehen.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-zauberwelt-malediven-2" style="max-width:1200px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1200:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-zauberwelt-malediven-2 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-zauberwelt-malediven-2 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-zauberwelt-malediven-2 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="16000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_Krupop_steg_meer-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Malediven sind ein Sinnbild für ein Urlaubsparadis mit fantastischen weißen Sandstränden und türkisblauem Meer.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_boot_insel_touristen-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mit kleinen Booten, können sich Touristen von einer Insel zur nächsten bringen lassen. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_hotel_insel-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Touristeninseln werden von den Einheimischen als „unbewohnte Inseln“ bezeichnet. Denn hier spielt sich eine Parallelwelt ab: Die Damenröcke sind kurz und der Alkohol fließt in Strömen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_inseln_flugzeug-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Malediven bestehen aus etwa 1200 Inseln. Etwa 330.000 Menschen leben in dem islamischen Staat.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_hauptinsel-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Malé ist die Hauptstadt und auch Hauptinsel der Malediven. Offiziell sind die Malediven eine Republik.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_vespa_kopftuch-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mit kleinen Rollern düsen die jungen Menschen über die Hauptinseln. Die Frauen tragen dabei immer Kopftuch.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_frau_korb-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auf den Malediven ist der Islam Staatsreligion. Wer kein Moslem ist, verliert seine Staatsbürgerschaft und muss das Inselparadis verlassen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_bekini_verbot-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">An den öffentlichen Stränden ist das tragen eines Bikinis verboten. Nur auf den speziellen Touristeninseln ist es erlaubt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_strand_allein-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Es ist nicht so viel los auf dieser Touristeninsel. Unsere Autorin ist ganz allein am Strand.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_muell-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Klimaveränderungen, Müll und Umweltschutz: Probleme, die früher oder später die Existenz der Malediven bedrohen könnten. </div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-zauberwelt-malediven-2-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1200px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_Krupop_steg_meer-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_boot_insel_touristen-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_hotel_insel-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_inseln_flugzeug-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_hauptinsel-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_vespa_kopftuch-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_frau_korb-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_bekini_verbot-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_krupop_strand_allein-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/malediven_muell-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<p style="text-align: justify;">Sie tun es im Übrigen nicht immer besonders gut, erklärt mir Siad, den ich treffe, als ich zwischen all den sandfarbenen, zweistöckigen Häusern meine Low-Budget-Unterkunft suche. Siad ist selbstständiger Leiter einer kleinen Touristenagentur. Lange Jahre hat er in Deutschland studiert und gelebt, ist dann in sein Heimatland zurückgekehrt, um für Hotels zu arbeiten.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit einem zweideutigen Lächeln zeigt er auf ein kleines Mädchen, sie läuft gegenüber auf dem Fußweg. „Gegen Mittag wird ihr schwindlig“, sagt Siad. Er schimpft nicht, er stellt fest und wirft Fragen auf, die ich ihm nicht beantworten kann. Wer das Fasten bricht oder am Freitag arbeitet, riskiert eine Gefängnisstrafe. Denn der Freitag ist Feiertag.</p>
<h2 style="text-align: justify;">„Fürs Arbeiten werde ich hier eingesperrt“</h2>
<p style="text-align: justify;">„Fürs Arbeiten werde ich hier eingesperrt“, bemerkt er achselzuckend. Auch die Schule bleibt während des gesamten Ramadans geschlossen. Doch wofür das alles, fragt mich Siad. „Wer glaubt, der weiß es nicht“, sagt er leise. Aber <em>er</em> glaube nicht an einen Gott, für den er den ganzen Tag nichts essen und trinken dürfe. Es sei nicht immer so gewesen. „Ich lebe nicht wegen der Politik hier, ich lebe hier, weil die Inseln so schön sind“. Siad lacht und schüttelt den Kopf, zeigt zum Himmel und fragt sich, welche Götter das jetzt wohl gehört haben und ihn dafür verdammen werden.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Malediven bestehen aus 1190 Inseln, von denen lediglich etwas mehr als 200 bewohnt sind. 80 Inseln sind allein für Touristen reserviert. Drei Jahrzehnte lang beherrschte der konservativ-islamische Präsident Maumoon Abdul Gayoom das Land. Seit 2013 ist sein Halbbruder Abdulla Yameen an der Macht.</p>
<p style="text-align: justify;">Er hat damit sämtliche seit 2011 aufkeimende Reformbewegungen des Menschenrechtsaktivisten und Oppositionsführers Mohamed Nasheed wieder im Keim erstickt. Nasheed versuchte seit Mai 2011 durch eine friedliche Revolution das Land für mehr Toleranz und Nachhaltigkeit zu öffnen. Bis 2020 wollte er es klimaneutral gestalten. Vor allem für junge Menschen symbolisierte er die Hoffnung auf mehr Freiheit.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Steigt der Meeresspiegel an, verschwinden die Malediven</h2>
<p style="text-align: justify;">Doch mit den Rufen nach Demokratie, wurden auch die konservativen Gegenstimmen lauter. Schließlich sollten sie gewinnen. Nasheed verlor die Wahl gegen den Konservativsten Yameen. Alkoholkonsum, außerehelicher Geschlechtsverkehr, Abfall vom Glauben &#8211; darauf kann auf den Malediven die Todesstrafe drohen. Andere Religionen sind verboten. Konvertiten wird kurzerhand die Staatsbürgerschaft entzogen. Mit dieser Vorgehensweise sind die Malediven wahrhaft einzigartig in der Welt. Hinzu kommen die enormen ökologischen Herausforderungen, vor denen die nur knapp über dem Meeresspiegel liegenden Inseln stehen: sollte dieser steigen, werden die Malediven von der Weltkarte bald verschwunden sein.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich buche eine Tour bei Siad, um in den vermeintlich wahren Genuss der Traumwelt zu gelangen. Für 150 US-Dollar fährt er mich mit seinem Privatboot auf eine der Hotelinseln. Wir starten von einem abgelegenen Hafen, an welchem die Fischer in Hängematten schaukelnd die Mittagshitze überbrücken. Ihre Blicke schweifen teilnahmslos in die Ferne. Nur die Müllberge neben den Anlegestellen aus Beton stören die Idylle.</p>
<p style="text-align: justify;">Siads Boot ist winzig und die Wellen umso höher. Schon nach zwei Minuten an Bord, ist mein Kleid durchnässt. Salzwasser schlägt mir ins Gesicht, vorbei rauschen kleine Inseln mit strahlend blauen Lagunen. Bald sitze ich nur noch im Bikini bekleidet da und Siad lacht, weil meine Freizügigkeit bestimmt die Götter verärgern wird.</p>
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		</div>

		</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kurze Röcke und Alkohol gibt es nur auf den Touristeninseln</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Touristeninseln werden von den Einheimischen als „unbewohnte Inseln“ bezeichnet. Denn hier spielt sich eine Parallelwelt ab: Die Damenröcke sind kurz, der Alkohol fließt und auch sonst bleiben Touristen weitestgehend unberührt von allen islamischen Verboten auf den übrigen Inseln. Nur im Dezember 2011 war die schöne freie Welt bedroht, als die zahlreichen Massagesalons wegen „unislamischer Aktivitäten“ geschlossen werden sollten.</p>
<p style="text-align: justify;">Letztlich konnten jedoch auch die konservativen Malediven nicht auf die Einkommensquelle Tourismus verzichten und so blieb das Verbot aus. Im „Paradise Island Resort“, auf welchem ich den Tag verbringe, ist Baden im Bikini dann zumindest erlaubt.</p>
<p style="text-align: justify;">Direkt am Strand beginnen die bunten Korallenriffe, voll mit exotischen Fischen. Mittendrin paddle ich mit meinem Schnorchel herum und bin fasziniert von der Schönheit der Unterwasserwelt. Doch auch dieses Erlebnis besitzt einen bitteren Beigeschmack. Das überschaubare Areal ist nur ein Überbleibsel der einst riesigen Riffe. Es wurde bewusst als Touristenattraktion erhalten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Ist der Tourismus für die Malediven Fluch und Segen zugleich?</h2>
<p style="text-align: justify;">Ursprünglich dienten die Korallenriffe als wichtiger und natürlicher Schutz vor Überschwemmungen. Durch den Bau der Hotelkomplexe wurden viele zerstört, zudem bedrohen Bauschutt und Abfälle, welche direkt ins Meer geleitet werden, das Ökosystem seit Jahren. Ich frage mich, ob der Tourismus, der den Malediven zur Berühmtheit verhalf, vielleicht auch ihr Untergang sein wird.</p>
<p style="text-align: justify;">Gegen Abend kehre ich zu meiner <em>bewohnten</em> Insel zurück. Mittlerweile ist die Sonne untergegangen und Leben eingekehrt. Ich bin mit Nattu verabredet, einem 28-jährigen Webdesigner und Hobbyfotografen, der in Malé lebt. Von Hulhumalé nach Malé gelange ich mit der öffentlichen Fähre, doch es ist 19 Uhr und das gesamte Personal irgendwo zum Abendessen verschwunden. Das kann ich ihnen nicht verübeln. An einem Kiosk winken mich herzlich lächelnd ein paar Einheimische näher, spendieren mir Kaffee und Chili Nüsse und überbrücken mir so die Wartezeit.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Licht ist gedämpft in dem kleinen Restaurant „Seahouse“, in dem ich schließlich Nattu treffe. Von der Terrasse weht der Geruch des salzigen Meeres durch die glaslosen Fensterrahmen. An den Holztischen sitzen junge Frauen und Männer wie ich und trinken Tee, Orangensaft oder Cola, während sie gebannt das WM Fußballspiel Belgien gegen Argentinien verfolgen. Auch Nattu ist freundlich und aufgeschlossen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wer die Freiheit nicht kennt, vermisst sie auch nicht</h2>
<p style="text-align: justify;">Stundenlang berichtet er mir von seiner Arbeit und seinen Reisen. Mich interessiert vor allem, wie er das Leben in einem Land voller Verbote empfindet. Nattu, der erst letztes Jahr mit dem Rucksack durch Europa getrampt ist, hat dort eine Welt kennengelernt, in der vieles erlaubt ist, was hier unmöglich scheint. Aber er lächelt mich an, zuckt mit den Schultern: „Das ist mein Land, mein Zuhause. Ich bin so aufgewachsen. Und wer die grenzenlose Freiheit nicht kennt, der vermisst sie auch nicht.“</p>
<p style="text-align: justify;">Ich versuche zu erfahren, wie es war, als letztes Jahr die Wahlen stattfanden und das politische Klima sich hätte ändern können. Aber über Politik und Religion redet auf den Malediven niemand gerne und auch Nattu senkt die Stimme und erklärt mir in nur wenigen Worten, dass er sich, wie viele andere, über einen Wahlsieg des Demokraten Nasheed gefreut hätte, aber so ist es jetzt nun einmal.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Malediven, so stelle ich bald fest, sind ein inszeniertes Paradies für Menschen wie mich &#8211; Touristen. Die wirklichen Probleme, vor dem das Land steht, bleiben dem Pauschalurlauber verborgen: die mangelhafte Infrastruktur und Verbindung zwischen den Inseln, der Müll, die Zerstörung der Umwelt und vor allem die streng islamische, konservative Autokratie.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn die Politik sich nicht ändert und der Umweltschutz nicht verbessert wird, wird es die Malediven irgendwann nicht mehr geben. Doch trotz all dieser ernüchternden Einblicke, bleiben die Inseln in ihrer natürlichen Beschaffenheit ebenso wie die Wärme und Gelassenheit ihrer Bewohner einzigartig. Bei einem Spaziergang am Abend erinnern nur noch die Kopftuch tragenden Damen, welche auf ihren Motorrollern durch die engen Gassen sausen, dass das Leben hier von zahlreichen Vorschriften diktiert wird.</p>
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		<title>Ein Wurm oder keiner</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Dec 2014 00:25:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Georgien]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Jann Wilken]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Tschiatura]]></category>
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					<description><![CDATA[Tschiatura ist eine kleine Bergarbeiterstadt in Georgien. Zu sowjetischen Zeiten bauten Tausende hier Mangaerz ab. Doch mittlerweile sind die Minen erschöpft und die meisten Menschen sind fort. Geblieben sind abenteuerliche Seilbahnkonstruktionen, die über der Stadt thronen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ein-wurm-und-viele-legosteine/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Tschiatura ist eine kleine Bergarbeiterstadt in Georgien. Zu sowjetischen Zeiten bauten Tausende hier Manganerz ab. Doch mittlerweile sind die Minen erschöpft und die meisten Menschen sind fort. Geblieben sind abenteuerliche Seilbahnkonstruktionen, die über der Stadt thronen.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Der kleine Georgi hüpft wie ein Flummi hin und her. Drüben am Himmel drohen schwere Wolken. Ein Gewitter zieht auf, die ersten Windboen errreichen unser bescheidenes Gefährt &#8211; es wackelt, ich fühle mich wohl und unwohl gleichzeitig. Wir befinden uns in einer Seilbahngondel, etwa 60 Meter über der Erde schwebend, etwa 60 Jahre hat das Metallkonstrukt auf den Streben und technisch sowie optisch ist es seit Jahrzehnten nicht überholt worden. Unter uns liegt die georgische Stadt Tschiatura, 3 Minibusstunden nordwestlich der Hauptstadt Tiflis entfernt.</p>
<p style="text-align: justify;">Zu sowjetischen Zeiten war die Stadt da unter uns eine reiche Bergbaustadt für Manganerz und ein Zuhause für mehr als 30.000 Menschen. Heute sind die Berge so gut wie ausgeschöpft. Viele Menschen sind arbeitslos, beinahe die Hälfte von ihnen hat die Stadt verlassen.</p>
<p style="text-align: justify;">Dodo, Mitte 40, Gondoliere, ist geblieben. Tag für Tag trägt sie eine farbenfröhliche Bluse und eine Weste mit grossen Taschen, die groß genug sind für ihr Portemonnaie. 20 Tetri pro Fahrt, das sind etwa 8 Cent. Sie kennt jeden, hält ihre Fahrgäste auf neuem Stand, zum Beispiel darüber, dass der Fremde mit der grossen Kamera, das bin ich, aus „Hamburgi“ gereist kommt. Und dass er Chacha trinken war bei den Bergarbeitern, gerade eben, da oben auf dem Berg.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-transnistrien-3" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-transnistrien-3 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-transnistrien-3 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-transnistrien-3 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="3600000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/i.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In Tschiatura bewegen sich die Bewohner viel mit den Seilbahnen fort.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_seilbahn_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Seilbahn-Konstruktionen sind schon seit vielen Jahren nicht mehr wirklich gewartet worden. Rost und bröckeliger Beton sind überall zu sehen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_seilbahn_gondel_frau_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Dodo ist eine Gondoliere. Sie kassiert den Fahrpreis von den Reisenden. Umgerechnet kostet eine Fahrt etwa acht Cent.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/k.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Aber nicht in allen Gondeln muss ein Fahrtgeld entrichtet werden.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_domino_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Nachdem der Bergbau in Tschiatura zum Erliegen kam, verließen viele Menschen die Stadt. Die wenigen, die blieben, verbringen ihre Zeit zum Teil mit Domino spielen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_frau_auto_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Seilbahn-Gondel-Station im Zentrum von Tschiatura.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_paar_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Shalva und Maria vor dem Haus, in welchen sie wohnen. Vorher hatten Shalva und zwei Freunde mir bei strömenden Regen unter einem Baum eine Supra bereitet, eine nach traditionellen Regeln moderierte Mahlzeit.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_seilbahnplattform_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Warteraum einer Gondelstation in (bzw. über) Tschiatura in Georgien. Im Hintergrund vom Bergbau gezeichnete Hügel.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/l.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein Junge in der Musikschule spielt unter Aufsicht ein Stück von Beethoven.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-transnistrien-3-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/i-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_seilbahn_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_seilbahn_gondel_frau_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/k-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_domino_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_frau_auto_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_paar_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_seilbahnplattform_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/l-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Ein Wurm oder keiner</h2>
<p style="text-align: justify;">Da oben auf dem Berg war ich Tariel begegnet. Seine Hände waren schwarz vom Schrauben an einer rätselhaften Maschine auf Rädern. Dazu traf ich zwei seiner Kollegen und zwei Polizisten, die mir in sicherem Abstand folgend das Fotografieren untersagt hatten. Werksspionage. Tariel hatte mir jenen Selbstgebrannten gereicht und eine Scheibe Brot sowie sein Armgelenk und wir hatten Brüderschaft getrunken auf die deutsch-georgische Freundschaft. Draussen vorm Eingang seiner Bergwerkstatt: Kabel mit Starkstrom 1,50m über der Erde, ein Schwein, ein Hund. Weiter hinten Domino spielende Männer unter Bäumen. „Angela Merkel“ hatten sie von weitem in meine Richtung gerufen &#8211; man wusste Bescheid, Dodo tat ihr Bestes.</p>
<p style="text-align: justify;">Tschiatura bedeutet übersetzt „ein Wurm oder keiner“. Ausgedacht hat sich das Akaki Zereteli, Dichter und Politiker, als er einmal von oben auf die sich schlängelnden Strassen der Stadt blickte. Das ist lange her, heute denkt man auch an sorgfältig herumliegende Legosteine &#8211; es gibt viele Plattenbauten. In der Mitte der Stadt steht ein älteres Kulturzentrum, daneben Miniaturversionen städtischer Architektur auf einem Spielplatz.</p>
<p style="text-align: justify;">Dafür, dass so viele Menschen die Stadt verlassen haben, gibt es erstaunlich viele Kinder. Am Sonntag im Kulturzentrum höre ich einige singen, stehe vorm Gebäude, gehe hinein. Eine schwere Tür öffnet sich leicht, hinter ihr ein riesiger dunkler Raum. Vollbesetzt mit Eltern, Großeltern, Kindern und Enkeln, vorn eine Bühne. Zuerst ein Chor, dann eine Tanzchoreographie, später ein Kind allein am Klavier, darüber hängen Luftballons. Die Kinder machen das alles nicht zum ersten Mal &#8211; das sieht man und das hört man.</p>
<h2 style="text-align: left;">Überall Gondeln, Seile und Masten</h2>
<p style="text-align: justify;">Einem der jungen Pianisten werde ich einen Tag später noch einmal in einer Kinder-Musikschule unten am Fluss begegnen &#8211; ein altes Haus, in welchem Bauarbeiter Zementsäcke umhertragen und Wände klangstark erneuern. Dazwischen Kinder an Klavieren und zwei Lehrerinnen, die sich musikalisch streng und gleichzeitig mütterlich sorgsam um ihre 10 Schülerinnen und den Schüler kümmern. Der Junge spielt Beethoven, ich mache ein Foto: „klick“ im Rhythmus, um sein Spiel nicht zu stören.</p>
<p style="text-align: justify;">Wieder draussen, oben über der Erde: Überall Gondeln, Seile, Masten. Die Menschen in Tschiatura bewegen sich mit Seilbahnen fort. Manche sind gratis, in meiner steht Dodo, woanders eine Kollegin.</p>
<p style="text-align: justify;">Die abenteuerliche Fahrt beginnt bereits beim Begehen der Haltestelle. In Stahlbeton gehaltene Stege, die nach Jahren städtischer Armut eher aus Stahlstreben als aus Beton bestehen, führen zum Ausgangspunkt der Reise. Vorbei an zum Teil herumliegenden Starkstromkabeln, welche, vorsichtig gesagt, eher halb-fachgerecht zusammenmontiert sind, sich verheddern, einen Salat ergeben, um dann doch irgendwo einen Stromkasten zu finden, welcher die Anlage mit Strom versorgt. Sofern dieser nicht gerade ausgefallen ist, was etwa einmal am Tag vorkommt. Danach besteigt man eine Blechgondel, die Farbe nach Jahrzehnten wechselnder Witterung kaum noch sichtbar, während häufig der Boden durch kleinere und grössere Löcher die Betrachtung auf die Stadt freigibt.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="su-spacer" style="height:20px"></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Trinksprüche zu selbstgebranntem Chacha</h2>
<p style="text-align: justify;">Metallene Masten halten das Stahlseil, an welchem die Gondel hängt, auf Höhe. Weil sie vor allem aus Rost bestehen, strahlen sie eine gewisse Ästhetik aus. Da während der Fahrt das Leben an ihnen hängt, auch gar schon eine Romantik. Die Luft ist frisch, weil oben in den Bergen häufig ein Wind weht. Das knarzende Geräusch des Metalls erinnert ein wenig an den Hamburger Hafen, dort, wo Stege und Schiffe durch Wellenschlag aneinanderreiben und &#8211; stossen. Vor Jahren gab es eine kleine Ungereimtheit, eine Gondel steckte fest, Arbeiter kamen aus Tiflis und befreiten die Eingeschlossenen.</p>
<p style="text-align: justify;">Am Ende der Fahrt verlasse ich die Gondel. Der kleine Georgi rennt die Rampe hinauf, ich flüchte mich unter eine kleine Baumgruppe, geselle mich zu Hühnern, welche Gleiches taten. Das Gewitter hat uns erreicht, Regen prasselt. Nach wenigen Minuten kommen Bichiko, Maiko und Shalva zu mir. Sie hatten mich, den Fremden, schon von Weitem gesehen. Es gibt eine Supra, also, eine Mahlzeit, die hier unterm Baum ausnahmsweise klein ausfällt.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Supra wird durch einen Tamada moderiert. Bichiko übernimmt diese Aufgabe, Trinksprüche, welche in Art und Reihenfolge einer traditionellen Regel folgen, werden gesprochen, es gibt Brot, Tomaten und, logisch, selbstgebrannten Chacha. Auch diesmal wird Dodo Bescheid wissen, woher auch immer &#8211; der Informationsfluss funktioniert. Wie so einiges in Tschiatura.</p>
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		<title>&#8222;Makai, Dude!&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Oct 2014 06:57:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Kalifornien]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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		<category><![CDATA[Surfen]]></category>
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					<description><![CDATA[In Kalifornien ist Surfen nicht nur Wassersport, sondern Kultur. Im Küstenort Oceanside gibt es dafür sogar ein Museum. Neben einem Hai-Gebiss und jeder Menge Brettern hütet das Haus ein ganz besonderes Exponat.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/makai-dude/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>In Kalifornien ist Surfen nicht nur Wassersport, sondern Kultur. Im Küstenort Oceanside gibt es dafür sogar ein Museum. Neben einem Hai-Gebiss und jeder Menge Brettern hütet das Haus ein ganz besonderes Exponat.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Von der Küste vor San Francisco runter nach Los Angeles bis zur mexikanischen Grenze nach San Diego: In Rudeln lauern Surfer auf ihren Brettern und starren auf den Pazifik. Plötzlich: Tzzzschhh! Kurz vor dem zischenden Geräusch der brechenden Welle weiß jeder Surfer: Jetzt geht’s los. Aufstehen, Gleichgewicht halten und die Welle reiten wie ein Cowboy den Bullen.</p>
<p style="text-align: justify;">„Awesome, Dude!“, rufen sich die Wellenreiter am Ufer zu, egal ob langhaarig und durchtrainiert oder moppelig und kahlköpfig. Mit triefenden Surfbrett unterm Arm, die Haut durch jahrelange Sonnenbestrahlung ganz golden, kommen sie breit lächelnd und pitschnass aus dem Ozean getrottet. „Super, Kumpel!“ reicht hier als Übersetzung wohl nicht aus.</p>
<h2 style="text-align: left;">Die Hüterin des Surf-Erbes</h2>
<p style="text-align: justify;">Denn Surfen ist in Kalifornien nicht nur Wassersport. Es ist Lebensgefühl, Mentalität, ja sogar Teil des kulturellen Erbes. Das findet zumindest Jane Schmauss. Die Dame in der bunten Blümchenbluse ist hauptberufliche Hüterin dieses Erbes – als  Mitbegründerin und Historikerin des <a href="http://surfmuseum.org/" target="_blank">„California Surf Museums“</a>.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Gebäude in der Küstenstadt Oceanside ist nicht größer als eine Fastfood-Filiale, hat ein wellenförmiges Dach und einen Metallsurfer als Logo an der Fassade. Innen stehen Surfbretter in allen Farben, hübsch ausgeleuchtet wie Skulpturen in einer Galerie. Dazu Erklärtafeln und historische Fotos von tollkühnen Männern und Frauen, Legenden der Surf-Geschichte.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-surfen-kalifornien-4" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-surfen-kalifornien-4 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-surfen-kalifornien-4 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-surfen-kalifornien-4 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="40000000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6965.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Surfer gehören in kalifornischen Küstenorten zum Alltagsbild. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7808.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Kalifornien machte Surfen zu einer Industrie und das Image vom langhaarigen, gebräunten Wellenreiter zum weltweiten Exportschlager. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7132.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Sogar Verkehrsschilder mit Surfern darauf gibt es. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6592.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Hüterin des kalifornischen Surf-Erbes: Jane Schmauss ist Historikerin am "California Surf Museum". © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6746.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Im Museum sind historisch wichtige Surfbretter wie Skulpturen ausgestellt. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6775.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In den Anfangstagen des Surfens waren die Bretter noch lang und schwer. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6789.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Moderne Surfbretter sind kürzer, spitzer, schneller und haben Steuerflossen am Boden. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6969.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Doch egal welches Brett: Nass wird jeder Surfer. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6651.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch das Gebiss eines Tigerhais bewahrt Schmauss im Museum auf. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6722.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein Hai hatte 2003 auch die 13-jährige Surferin Bethany Hamilton vor Hawaii attackiert und biss ihr den Arm ab. Hamilton schaffte es einarmig zur Profisurferin und ihr Unfallbrett steht heute im Museum. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6711.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der Tigerhai biss ein großes Stück des Surfbretts heraus. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6984.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch vor Kalifornien gibt es Haie. Das Risiko einer Attacke ist aber gering. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7055.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Liebe zu Wellen lässt Surfer einfach nicht los. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7989.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Surfer sind Rudeltiere. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_5627.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Aber eine Welle kann immer nur ein Surfer reiten. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_8048.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der Begründer des modernen Surfens: In der "Surf City" Huntington Beach haben sie Duke Kahanamoku ein Denkmal errichtet. © Markus Huth</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-surfen-kalifornien-4-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6965-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7808-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7132-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6592-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6746-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6775-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6789-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6969-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6651-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6722-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6711-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6984-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7055-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7989-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_5627-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_8048-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Museum platzt aus allen Brettern</h2>
<p style="text-align: justify;">„Surfen hat die kalifornische Identität mitgeprägt“, behauptet die Historikerin. Statt zwischen Bücherregalen, steht ihr Schreibtisch zwischen Surfbrettern. Langen und kurzen, bunten und schmucklosen, spitzen und abgerundeten. Über 300 Bretter befinden sich im Museum, einige in den Ausstellungen, die meisten im Lagerraum. Das Museum platze inzwischen aus allen Nähten, sagt Schmauss. Was vor fast 30 Jahren als Freundschafts-Projekt von ein paar Surf-Liebhabern begann, ziehe heute immer mehr Besucher an. Weit über 500.000 Menschen hätten das kleine Museum seitdem besucht.</p>
<p style="text-align: justify;">Als Schmauss, damals noch Restaurant-Besitzerin, und ihre Freunde 1986 anfingen, ein paar alte Bretter in ihrem Lokal auszustellen, war die Erinnerung an die Anfänge der kalifornischen Surfwelt noch präsent. „Geld spielte für die ersten Surfer keine Rolle. Wir wollten die Erinnerung dieser Pionierphase für die nachfolgenden Generationen bewahren&#8220;, sagt Schmauss. Denn heute ist Surfen zu einer milliardenschweren Industrie geworden.</p>
<h2 style="text-align: left;">Teures Brett</h2>
<p style="text-align: justify;">Es gibt Wettkämpfe, Werbung, vermarktbare Stars und Mode. Bretter für jede Wellen- und Wetterlage werden industriell gefertigt und weltweit verkauft, genauso wie Neoprenanzüge. Experten-Schätzungen zufolge surfen in den USA um die zwei Millionen Menschen, weltweit könnten es über 20 Millionen sein. „Es ist ein riesiger Markt geworden“, sagt Schmauss. Und einige Museums-Exponate, die die Vorbesitzer damals auf den Müll werfen wollten, sind heute viel Geld wert.</p>
<p style="text-align: justify;">Zum Beispiel das von Kratzern und Rillen durchfurchte Brett am Beginn der Ausstellung „Eine kurze Geschichte der Surfbretter“. Das drei Meter lange Teil aus Mammutbaumholz sieht aus wie ein gigantisches Bügelbrett. Nahe der Spitze ist das Wort „Makai“ eingraviert. „Das ist Hawaiianisch und bedeutet: Zum Meer“, erklärt Schmauss und fügt hinzu: „Falls es authentisch ist, ist es heute über 15.000 Dollar wert.“</p>
<h2 style="text-align: left;">Der Vater des modernen Surfens</h2>
<p style="text-align: justify;">Grund für den stolzen Preis ist der Mann auf dem Schwarzweiß-Foto daneben: Mit nacktem Oberkörper und altmodischen Badehosen bis unter die durchtrainierte Brust lächelt er in die Kamera :„Duke Kahanamoku – Der Vater des modernen Surfens“, steht über dem Foto. Der 1890 in Honolulu geborene Surfvater, sagt Schmauss, sei mit hoher Wahrscheinlichkeit der Schöpfer des Bretts. Gesichert ist es aber nicht, da er es leider nicht signiert hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Als Kahanamoku surfte, waren die Bretter viel länger und schwerer als die heutigen. Perfekt für gemächliche Langstrecken-Wellenritte, wie der Besucher im Surf-Museum erfährt. Auch dass das Surfen eine jahrhundertelange Tradition in Polynesien hat. Nach Kalifornien kam der Sport vor ziemlich genau 100 Jahren.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Juni 1914 heuerte ein Hawaiianer als Rettungsschwimmer im benachbarten Touristenörtchen Huntington Beach an. Im Gepäck hatte er ein zweieinhalb Meter langes Brett, womit er unter den staunenden Augen von Passanten auf den Wellen herumritt. Sogar die Lokalzeitung berichtete am nächsten Tag. Der Mann hatte bald Schüler und Kalifornien wurde die Wellenreiter nicht mehr los.</p>
<h2 style="text-align: left;">Die tragische &#8222;Mona-Lisa&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">In allen kalifornischen Küstenorten sind sie inzwischen Teil des Alltags. Surfen wird in der Schule unterrichtet, Wettkämpfe ziehen tausende Zuschauer an die Strände und es gibt sogar Verkehrsschilder mit Surfern darauf. In Huntington Beach, genannt „Surf City“, steht heute eine Statue von Duke Kahanamoku. Und es gibt auch hier ein Surf-Museum. „Aber wir sind älter“, insistiert Jane Schmauss schroff und geht zügig zum nächsten Exponat: „Unsere Mona-Lisa.“ Die lächelt allerdings nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Stattdessen scheint das Exponat, ein weiß-rotes-blaues Surfbrett, das Maul aufzureißen wie ein angreifender Hai. Tatsächlich hat ein Tigerhai ein Stück herausgebissen – und den Arm der darauf liegenden Surferin gleich mit. Das Schicksal der 13-jährigen US-Amerikanerin Bethany Hamilton hatte 2003 in der Szene für Aufsehen gesorgt.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Surfer sind Kämpfer&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Auf dem besten Weg zur Profisurferin verlor sie bei einem Haiangriff vor Hawaii fast ihr Leben und schließlich den linken Arm. Dann passierte das Unglaubliche. Keine drei Wochen später stand das blonde Mädchen wieder auf einem Surfbrett. Auch einarmig schaffte Hamilton es zur Profisurferin, gewann zahlreiche Wettkämpfe und ist heute eine gefragte Motivationsrednerin.</p>
<p style="text-align: justify;">„Surfer sind eben Kämpfer“, sagt Schmauss. Dem Hai dürfe man indes nicht böse sein. „Der hatte sie wahrscheinlich mit einer Meeresschildkröte verwechselt.“ Was auch immer die Absichten des Hais gewesen sein mögen: Das Surfbrett wollte Hamilton wegen der bösen Erinnerung nicht mehr in ihrer Nähe haben und hat es dem Museum geliehen. Und das, sagt Schmauss, obwohl ihr andere viel Geld dafür geboten hätten. Aber sie habe mit der Tragödie keinen Profit machen wollen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Surfer leben gefährlich</h2>
<p style="text-align: justify;">Aus ihrem Arbeitszimmer holt die Surf-Historikerin ein Tigerhai-Gebiss und hantiert damit herum. „Fühlen Sie mal diese scharfen Zähne!“ Mit dem Ding erschrecke sie oft Kinder, erzählt sie, damit die im Ozean gut aufpassen. Denn auch vor Kalifornien gibt es Haie. Und manchmal auch stürmische See.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Einklang mit der Natur leben, das Hier und Jetzt genießen, weil es vielleicht kein Morgen gibt – das sei die Mentalität von Surfern. „Deshalb lassen manche die Arbeit auch mal liegen, wenn die Wellen gerade gut sind“, fügt Schmauss grinsend hinzu. Das Wort „faul“ käme ihr nie über die Lippen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Gefährlicher Lieblingstrick</h2>
<p style="text-align: justify;">Derweil lauern draußen am Pier von Oceanside, keine 500 Meter vom Surf-Museum entfernt, zwei Dutzend Wellenreiter auf die nächste Welle. Die Abendsonne legt goldene Farbtöne auf das Wasser, in dem sich die Köpfe als dunkle Pünktchen mit den Wellen auf und ab bewegen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Mann mit blondem Bart, der aussieht wie ein tätowierter Wikinger, springt auf und gleitet schwungvoll zum Ufer. Kaum angekommen, schwimmt er samt Brett auch schon wieder &#8222;Makai&#8220; – zum Meer. Doch den Lieblingstrick des kalifornischen Publikums schafft heute keiner: Wenn es einem Surfer gelingt, zwischen den hölzernen Pfeilern des Piers hindurchzugleiten, schreien alle besonders laut: „Awesome, Dude!“</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-surfen-kalifornien-zusatz-5" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-surfen-kalifornien-zusatz-5 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-surfen-kalifornien-zusatz-5 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-surfen-kalifornien-zusatz-5 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" 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		<title>&#8222;Die großen Tiere sind am faulsten&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Oct 2014 02:36:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Namibia]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Felix Mescoli]]></category>
		<category><![CDATA[Namib]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Tiere]]></category>
		<category><![CDATA[Urlaub]]></category>
		<category><![CDATA[Wüste]]></category>
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					<description><![CDATA[Beim Wandern in der Namib-Wüste in Namibia kann der Mensch sowohl die absolute Stille, als auch die Lebenskraft der Natur erleben. Unser Autor Felix Mescoli hat es ausprobiert. Eine Wanderung durch eine trockene, aber lebendige Welt.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/namib-wueste-leben-im-nichts/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Beim Wandern in der Namib-Wüste in Namibia kann der Mensch sowohl die absolute Stille, als auch die Lebenskraft der Natur erleben. Unser Autor Felix Mescoli hat es ausprobiert. Eine Wanderung durch eine trockene, aber lebendige Welt.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Dass die Wüste lebt, ist spätestens seit dem gleichnamigen Tierfilm von James Algar, der 1953 zum Welterfolg wurde, kein Geheimnis mehr. Dass aber ausgerechnet ein so ungastliches Exemplar wie die Namib an der Westküste des südlichen Afrika, mit Tagestemperaturen von bis zu 50 und Nachttemperaturen unter 0 Grad, jahrzehntelangen Trockenperioden, regelmäßigen Sandstürmen und turmhoch aufragenden Dünen, ein derart geschäftiges kleines Ödland ist, dass war vor der dreitägigen Wanderung über den feinen, rostroten Sand nicht zu erwarten.</p>
<p style="text-align: justify;">Schließlich bedeutet die Bezeichnung Namib in der Sprache des dort lebenden Nama-Volkes „Ort, wo nichts ist“ oder „Leerer Platz“. Und die Leute werden sich bei der Namensgebung ja irgendwas gedacht haben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Himmel oder Hölle</h2>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Ein Freund hat mir einmal gesagt, hast du Essen und Wasser, ist die Wüste der Himmel auf Erden. Wenn nicht: die Hölle&#8220;, erzählt Ueeraije Tjambiru fröhlich. Als Führer nimmt er die Wandergesellschaft am Ausgangspunkt der dreitägigen Ödland-Tour auf dem Tok Tokkie-Trail, einem ehemaligen Farmhaus sechs Autostunden südlich der namibischen Hauptstadt Windhoek, in Empfang. Unbarmherzig brennt die Mittagssonne auf das trockene Grasland ringsum. Im Schatten auf der Terrasse ist es angenehm kühl, dennoch schenke ich mir aus dem bauchigen Krug vorsorglich noch einmal Zitronenlimonade nach. Eiswürfel klirren gegen Glas. Aaaahh.</p>
<p style="text-align: justify;">Am Tisch unter dem schützenden Vordach hat sich unsere sechsköpfige Reisegruppe versammelt;  Frischverheiratete aus dem flämischen Teil Belgiens auf Hochzeitsreise, saturierte Eheleute aus einem Pariser Vorort auf der Flucht vor dem Stress der Großstadt, der Schreiber nebst Reisebegleitung. Tjambiru, den alle nur Domingo nennen, gibt letzte Verhaltensmaßregeln: beim Laufen den Untergrund im Auge behalten &#8211; wegen giftiger Kriechtiere, ausreichend trinken, einen Hut aufsetzen und, auf jeden Fall, statt kurzer Hosen lange tragen.</p>
<p style="text-align: justify;">Schnell noch die Wasserflaschen auffüllen, dann kommt schon der Marschbefehl. Hintereinanderweg, in Gänseformation dem kräftig ausschreitenden Führer folgend, geht es weg vom Farmhaus, weg von der Zivilisation, hinaus aufs unendlich scheinende Dünenmeer, dem Unbekannten entgegen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Durch messerscharfe Halme</h2>
<p style="text-align: justify;">Aus dem Unbekannten heraus materialisiert sich zunächst hüfthohes Gras. Denn hier, an der Grenze des Namib-Rand-Naturreservats, zusammengefasst aus fünf ehemaligen Farmen, mit 172.000 Hektar einem der größten privaten Naturschutzgebiete Afrikas, sind die Dünen bewachsen. Die messerscharfen Halme ritzen bei unvorsichtiger Berührung sofort die Haut, schnell sind Hände und Unterarme mit juckenden Kratzern übersät. Gebahnte Wege gibt es auf dem Tok Tokkie-Trail nicht. Trotz der brütenden Hitze bin ich plötzlich sehr dankbar für meine langen Hosen.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Das ist Namib Dünengras&#8220;, erklärt Domingo, den Bewuchs mit seinem Wanderstock zur Seite drückend. Auf gar keinen Fall zu verwechseln mit dem sehr ähnlichen Kalahari Dünengras! Was denn der Unterschied sei? Das Namib Dünengras wachse nur hier, sagt Domingo lakonisch, das Kalahari Dünengras nur in der mächtigen Sandwüste weiter im Norden. Eigentlich logisch.</p>
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                                Wüstenführer Domingo. Foto: Felix Mescoli
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<p style="text-align: justify;">Überall dagegen wächst das sich abgerolltem Natodraht ähnelnde Straußengras. &#8222;Ein Gras mit Attitüde&#8220;, wie Domingo lachend erklärt. Ein weiterer Pluspunkt für die langen Hosen. Wie handhaben das nur die in sicherer Entfernung vorbeiziehenden Spießböcke? Die mieden die Stachlbewehrten Halme und hielten sich an zartere Gräser,  berichtet der Guide.</p>
<h2 style="text-align: left;">Auf der Suche nach der weißen Lady</h2>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Stopp!&#8220;, ruft Domingo unvermittelt und deutet mit seinem nun als Zeigestab dienenden Stock auf einen etwa Centstück großen Punkt im Sand. Der Eingang zum Bau einer Radspinne. Er markiert die Öffnung mit einem Grashalm und schiebt den Sand mit den Händen vorsichtig beiseite. Nach einigem Wühlen fördert er einen fast zehn Zentimeter langen Schlauch  aus seidigem Gespinst zu Tage. Im Inneren lauert üblicherweise das gespenstisch bleiche Insekt, auch &#8222;White Lady&#8220; genannt. Lässt sich ein Beutetier verleiten, das Nest zu betreten, zieht es mit einem Faden, zack, die Falltür zu.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch der Bau ist verwaist. Domingo zeigt auf ein Gewirr von Linien im Sand, Spuren. &#8222;Eine Eidechse kam vorbei, es gab einen Kampf mit der Spinne&#8220;, erläutert er die winzigen Abdrücke. Vielleicht habe das Reptil das Insekt vertilgt, vielleicht war es aber auch umgekehrt. Domingo zuckt die Schultern. &#8222;First come first serve&#8220;, sagt er. &#8222;Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.&#8220; Das sei eben das Gesetz der Wüste.</p>
<h2 style="text-align: left;">Im Nachtlager</h2>
<p style="text-align: justify;">Nach knapp zwei Stunden Fußmarsch erblicken wir in einer Senke das Nachtlager. Domingo teilt die Unterkünfte zu. Zwischen den Dünen sind paarweise Feldbetten aufgestellt, jeweils im gebührendem Abstand zum nächsten &#8222;Doppelzimmer&#8220;. Darunter ein kleiner Teppich, so dass niemand sandigen Fußes in die dicke Bettrolle kriechen muss. Daneben eine Gepäckablage – die Reisehabseligkeiten werden von der Begleitmannschaft transportiert –, ein Beistelltischchen, ein Kanvas-Waschbecken. Darüber: das Himmelszelt.</p>
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                                Dopppelbett unter freiem Himmel. Foto: Felix Mescoli
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        </p>
<p style="text-align: justify;">Wer möchte, kann sich in der Wüstendusche vom mehlfeinen Staub befreien. Faktotum Willie Lammert, dessen Name so deutsch wie seine äußere Erscheinung afrikanisch ist, füllt dafür warmes Wasser in den im Geäst eines der wenigen Bäume baumelnden Eimer. Daran ist ein Duschkopf befestigt. Als Sichtschutz dient zum Lager hin eine Bretterwand, an den übrigen drei Seiten herrscht freie Sicht. Einerlei, die einzigen Beobachter weit und breit sind die spatzengroßen Webervögel. Und so dicht beieinander wie deren Hängenester in den Akazienkronen angebracht sind, scheren sie sich nicht um Intimität.</p>
<p style="text-align: justify;">Nichts für Zimperlieseln ist auch die Toilette. Sie ähnelt solchen auf Rockfestivals, allerdings fehlen Dach und Tür. Auf letztere allerdings verzichtet man an erhöhter Stelle thronend angesichts der Aussicht gerne. Vor dem Auge liegen sich nahezu unbeschränkt ausbreitende Grasflächen, nur am rechten Rand des Gesichtsfeldes begrenzt von in der Abendsonne blaurot schimmernden Bergen. Auf Neudeutsch nennt man das wohl einen „Wow-Moment“.</p>
<h2 style="text-align: left;">Die Welt ist weit weg</h2>
<p style="text-align: justify;">Vor dem Dinner vertreibt ein Sundowner auch die letzten verbliebenen Schatten von Alltagssorge. An der ebenfalls im Freien aufgestellten Tafel reichen Willie und Feldköchin Jawnestie Springbock Stroganov mit grünen Bohnen. Die Gäste plaudern über Politik. Die Belgier beteuern, dass die Regierung in Brüssel, die nach mehr als einem Jahr politischer &#8222;Kopflosigkeit&#8220; unter Ministerpräsident Di Rupo die Arbeit aufgenommen hat, nicht bloß eine Fata Morgana sei. Die Franzosen berichten vom Wahlsieg des Sozialisten François Hollande. Doch in der Wüste ist das alles irgendwie weit weg, nicht nur geografisch.</p>
<p style="text-align: justify;">In der Nacht will sich der Schlaf nicht einstellen. Ob das nun an den dem Mitteleuropäer ungewohnten Sternbildern der südlichen Hemisphere oder der völligen, nahezu in den Ohren dröhnenden, Stille in der Namib liegt? Jedenfalls: kein Tier, kein Vogel, kein Insekt ist zu hören. Nichteinmal der Wind, geschweige denn ein Auto. Absolute Ruhe.</p>
<p style="text-align: justify;">Allerdings endet die Nachtruhe schon vor Sonnenaufgang. Domingo steht mit einer heißen Tasse Kaffee am Feldbett, Willie füllt warmes Waschwasser ins Becken. Purer Luxus nach der eisigen Wüstennacht. Das Frühstück wartet schon, Domingo drängt zum Aufbruch noch vor der Hitze des Tages. Doch Stop! Erst Schuhe ausklopfen, falls hier ein Wüstenbewohner vor der nächtlichen Kälte Unterschlupf gesucht hat.</p>
<h2 style="text-align: left;">Feen in der Einöde</h2>
<p style="text-align: justify;">Um sieben ist auch der Letzte startbereit. Während des Vormittags erklimmen wir den Hufeisenberg. Der steile Weg führt über Stock und Stein &#8211; hauptsächlich Stein, denn an Stöcken herrscht Mangel in der felsigen Einöde. Größere Tiere, sogar Pferde leben hier, zeigen sich nicht, nur deren Hinterlassenschaften. Die der mächtigen mannshohen Oryxantilope etwa sind kaum größer als Hasenköttel. Das spare Flüssigkeit, sagt Domingo. Anders als ein in seiner Wässrigkeit nahezu verschwenderischer Kuhfladen.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Abstieg wartet die nächste Überraschung. Die Grasflächen, durch die das trockene Flussbett führt, das nun als Weg dient, sind übersät mit kahlen runden Flächen. Warum in diesen sogenannten Feenkreisen nichts wächst, ist nicht abschließend geklärt. Im Verdacht stehen laut Domingo Erntetermiten, die im Umfeld ihres Nests das Gras abfressen, giftige Gase und: Feen.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach einer von der unerhörten Stille diesmal weniger beeinträchtigten Nachtruhe gibt es als Morgenlektüre die &#8222;Wüstenzeitung&#8220;. Ihre Seiten sind eng bedruckt, die Schrift schwer zu lesen. In Zentimeterabstand ist der orangene Untergrund übersäht mit gewundenen Linien, geraden Strichen, spitzen Zacken und winzigen Punkten, in Einzel- und Doppelreihen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Tierische Geschichten</h2>
<p style="text-align: justify;">Domingo liest vor: Von ihren Abenteuern berichten die beinlose Glattechse, der unter Tage lebende Goldmull, ein bedächtiger Gecko, die stets scharfzüngige Kapkobra, der wie immer schmutzige Wäsche waschende Mistkäfer, die naseweise Wüstenmaus und natürlich, der flinke Vielschreiber und Namenspatron unserer Unternehmung, der langbeinige Tok Tokkie-Käfer. „Seht ihr, die großen Tiere sind faul, aber die kleinen Tiere, die sind immer aktiv“, sagt Domingo. Recht hat er. Ein sehr lebendiges Blatt diese Wüstenzeitung, kein Zweifel.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Zeitungsstudium schreitet Domingo weiter zügig voran über die jetzt unbewachsenen Dünen. Ich lerne, eine Düne zu erklimmen, ist wie eine Rolltreppe entgegen der Laufrichtung hochsteigen. Eine ziemliche Sysiphos-Aufgabe, wegen des stets nachgebenden Sandes. Auf dem Kamm holt Domingo einen Magneten aus der Tasche und zieht ihn über den Sand. Schwarze Eisenpartikel bleiben wie Schuppen daran haften.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Sand komme aus den Drakensbergen im Osten Südafrikas, erklärt Domingo und beginnt mit dem Stock eine Karte auf den Boden zu zeichnen. Von dort hat ihn der Oranje-Strom, der an seinem Unterlauf die Grenze zu Namibia bildet, gut zweitausend Kilometer in seinen Fluten mitgeführt.</p>
<h2 style="text-align: left;">Gigantischer Sandkasten</h2>
<p style="text-align: justify;">An der Flussmündung hat der Benguela-Meeresstrom die Sedimente mitgerissen und weiter im Süden wieder an Land gesspühlt. Von dort hat der Südwestwind die feinen Körner landeinwärts getragen und so, nach und nach, diesen 95.000 Quadratkilometer großen Sandkasten angelegt, durch den unsere Gruppe seit zwei Tagen stapft.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Sowas geschieht natürlich nicht über Nacht&#8220;, sagt Domingo beflissen. Im Gegenteil: 80 Millionen Jahre habe das gedauert. &#8222;Es heißt, die Namib sei die älteste Wüste der Welt&#8220;, fährt er fort.</p>
<p style="text-align: justify;">Respektvoll schauen die Zuhörer auf die in den alten Sand gezogenen Linien der Karte. Schon morgen wird sie der Südwestwind verweht haben. Schließlich wird der leere Platz gebraucht für die neueste Ausgabe der Wüstenzeitung. An Neuigkeiten herrscht kein Mangel. Denn die Wüste lebt.</p>
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