<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title></title>
	<atom:link href="https://www.weltseher.de/tag/tuerkei/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.weltseher.de</link>
	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Sat, 10 Mar 2018 02:17:21 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=5.4.16</generator>

<image>
	<url>https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/02/favicon1.png</url>
	<title>Türkei &#8211; WELTSEHER</title>
	<link>https://www.weltseher.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Wirbeltanz im Wartesaal</title>
		<link>https://www.weltseher.de/wirbeltanz-im-wartesaal/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/wirbeltanz-im-wartesaal/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Dec 2017 11:06:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Türkei]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Orient]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Sebastian Hesse]]></category>
		<category><![CDATA[Sufi]]></category>
		<category><![CDATA[Sufismus]]></category>
		<category><![CDATA[Tanz]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://www.weltseher.de/?p=6335</guid>

					<description><![CDATA[In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wirbeltanz-im-wartesaal/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Jeder Schritt scheint mit Bedacht gewählt. Zeitlupenartig betreten die zehn Männer das hölzerne, achteckige Teehaus. Sie tragen bodenlange schwarze Überwürfe. Und zylinderförmige, konische Filzhüte, die noch höher sind als die Zipfelmasken der Semana-Santa-Büßer. Wie in Trance stellen sie sich im Halbrund auf. Sie nehmen auf weißen Schaffellen Platz. Etwas abseits sitzt der Vorbeter. Musik setzt ein, Gesang, Flötenklänge, später Percussion und Saiteninstrumente.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Männer stehen auf. Sie schreiten an ihrem Vorbeter, dem Chij, entlang, grüßen ihn, küssen ihn, legen die schwarzen Umhänge ab. Das Gewand darunter ist blütenweiß. Und mündet in einem bodenlangen Rock mit enormem Durchmesser. Ganz langsam beginnen sich die Männer um die eigene Achse zu drehen. Anfangs liegen ihre Arme über Kreuz auf ihrer Brust. Die linke Hand auf der rechten Schulter. Und umgekehrt. Das linke Bein bleibt stets wie eine Achse am Boden verhaftet. Das rechte stößt ab und löst die Drehbewegung aus. Immer schneller rotieren die Männer um die eigene Achse. Die Arme breiten sich nun aus. Die rechte Hand zum Himmel gerichtet. Die linke zur Erde. Im Kreis wirbelnd scheinen sie zu schweben. Wie Gestirne drehen sie sich um die eigene Achse und gleichzeitig in einem weiteren Kreis durch den Raum. Ihre aufgeblähten Röcke wirken wie die Ringe des Saturn. Sie sind Derwische. Mitglieder eines seit 1925 in der Türkei verbotenen Mystiker-Ordens.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich erlebe die Sema, den Tanz der Derwische, im Mevlana-Kloster in Istanbul. Der Begriff Kloster, Tekke, hat sich gehalten, obwohl diese Oase der Ruhe im quirligen Stadtteil Galata seit dem Verbot unter Atatürk offiziell ein Museum ist und die Tanzzeremonie nicht mehr religiöser Ritus, sondern eine Art Folklore-Aufführung. &#8222;Galata Mevlevihane Müzesi&#8220;, so nennt sich das 1492 gegründete Kloster heute. Heerscharen von Touristen bestaunen alljährlich die Derwisch-Vorführungen. Und erleben einen Islam, der dem Zen ähnelt. Oder der inneren Versenkung mittelalterlicher Mystiker im Christentum. Wie viele Religionen hat auch der Islam eine mystische Seite, wo die Annäherung an das Göttliche durch die Überwindung des eigenen Ichs erfolgt.</p>
<div id="aesop-gallery-6944-1"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6944" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
																			data-width="100%"
																																						data-keyboard="true"
																			data-nav=thumbs																			data-allow-full-screen="native"
																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-18.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-17.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-11.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-13.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-7.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-8.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-10.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-4.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-5.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-6.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-1.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-20.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-19.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-16.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/11/Sufi-2.jpg" data-caption="" alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Sebastian Hesse</p></div>
<h2 style="text-align: justify;">Der Meister Eckhardt des Islam</h2>
<p style="text-align: justify;">Dem Sitzen im ZEN entspricht im Sufismus der Wirbeltanz. Die Methode geht auf Rumi zurück, den großen Dichter und Sufi-Meister des 13. Jahrhunderts. Den Meister Eckhardt des islamischen Kulturkreises. Das Mevlana-Kloster am Bosporus wurde zwei Jahrhunderte nach Rumis Tod gegründet. Wenn man das kleine Tor zum Klostergelände durchschreitet, fällt man aus Raum und Zeit. Der Hof strahlt eine Ruhe und Abgeschiedenheit aus, die nicht von dieser Welt scheint. Besonders wenn man gerade von der lauten, hektischen, überfüllten Einkaufsmeile Istiklal Caddesi kommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Grabsteine im Klosterfriedhof wirken wie versteinerte Sufi-Tänzer. Die Stelen mit den arabischen Inschriften sind die Körper. Darauf thronen die zylindrischen Hüte, manchmal aufgestockt um einen steinernen Turban. Gottesacker und Tanzsaal sind Orte des Übergangs. Die Filzhüte der Derwische, Sikke, symbolisieren Grabstelen, denn das Ego soll ja tanzend zu Grabe getragen werden. Und die weißen Gewänder sind Grabtücher, um das überwundene Ich zu beerdigen. Sufismus ist wie Zen transpersonale Spiritualität. Der Derwisch wird eins mit einem größeren Ganzen, indem er seine Eigenständigkeit als Person aufgibt. Und das große Ganze ist der Kosmos, den der Tanz spiegelt. Die Tänzer werden in Trance zu Gestirnen, die sich sowohl um die eigene Achse drehen, als auch im harmonischen Zusammenspiel mit anderen den Mittelpunkt des Universums umkreisen. Gegen den Uhrzeigersinn, also gegenläufig zum natürlichen Fluss der Dinge, der stets im Tod mündet.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Schönheit dieses Konzepts büßt ihre Wirkung verblüffend wenig dadurch ein, dass Touristen bei der Zeremonie zuschauen. In den Klosterräumen gibt es eine Dauerausstellung, die mit zahlreichen Exponaten über islamische Mystik, Sufi-Traditionen und die Geschichte des Ordens informiert. Das Mevlana-Kloster ist unbestreitbar ein Museum. Und der achteckige, holzgetäfelte Teeraum ist unverkennbar Bühne für ein Touristen-Spektakel. Aber so fühlte es sich nicht an. Da war noch etwas. Haben die Sufis schlitzohrig ihre Existenz gesichert, indem sie ihre Kultur für ein nicht-initiiertes Publikum öffneten?</p>
<h2 style="text-align: justify;">In der Millionenstadt am Bosporus</h2>
<p style="text-align: justify;">Als die Tanzzeremonie in dem Istanbuler Teehaus vorbei ist, komme ich ganz allmählich wieder an in der profanen Alltagswelt der Millionenstadt am Bosporus. Ich schlendere durch das Galata-Viertel und frage mich, wie viel authentischer Sufismus (benannt nach dem arabischen suf, Wolle, was auf das Wollgewand der Asketen anspielt) noch in dem steckt, was ich gerade erlebt habe. Ob mystische Erfahrung überhaupt möglich ist, wenn man eine Methode der Verinnerlichung vorgeblich auf ihre äußerliche Ästhetik reduziert? Die Oberfläche wirkte stimmig: Ambiente, Trachten, Choreographie. Was aber, wenn der Kloster-Rahmen als Kulisse wegfällt? Würde das einen Teil des Zaubers nehmen?</p>
<p style="text-align: justify;">In Istanbul gibt es noch andere Orte, an denen Derwisch-Tänze vorgeführt werden. Ich habe das Wirbeln der Sufis zum ersten Mal in eigentümlichem Ambiente erlebt. Im Wartesaal des Sirkeci-Bahnhofes, der Endhaltestelle des legendären Orientexpresses. Der holzgetäfelte Raum ist gewaltig hoch. Seine Rosettenfenster haben unverkennbar etwas Sakrales. Wie in Kathedralen des europäischen Mittelalters. Hier haben ein Jahrhundert lang Orientreisende auf den Luxuszug gewartet, der sie zurück nach Wien, München oder Paris bringen sollte. 1883 nahm die legendäre Bahnverbindung den Betrieb auf. Ab 1889 endete sie in der Sirkeci-Station, dieser kleinen Kathedrale des romantischen Reisens.</p>
<p style="text-align: justify;">Sufi-Mystik im Wartesaal – was zunächst als bizarre Kombination erscheint fühlt sich, wenn man sich darauf einlässt, durchaus stimmig an. Ich war mehrmals bei der Tanzzeremonie im Sirkeci-Bahnhof. Und dachte jedes Mal, dass die klassischen Orientreisenden von jeher wohl auch Pilger waren. Ihre Hoffnungen und Sehnsüchte ähnelten vermutlich denen von Erkenntnissuchenden an anderen mythischen Orten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sufis im Bahnhof</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Derwisch-Tänze machen sich im Bahnhof besonders unverdächtig. Zeitvertreib und Zerstreuung für Reisende. Ablauf und Choreographie in dem leicht heruntergekommenen Wartesaal sind nicht nennenswert anders als im Mevlana-Kloster. Nur dass hier die Musiker im Saal sind &#8211; zum Anfassen nahe. Und die Besucher nicht durch eine hölzerne Balustrade abgetrennt sind von dem Raum, den die Derwische durchwirbeln. Sie hocken auf billigen Plastik-Stühlen, quasi auf der Tanzfläche. Anfangs denke ich, wie demütigend es sein muss, seine heiligen Traditionen an einem derart profanen Ort zu praktizieren. Aber erstaunlich schnell löst sich die Architektur als Kulisse der Zeremonie auf. Sobald die Sema in Gang kommt, ist das Ambiente vergessen. Die Wirbeltänze entfalten die gleiche hypnotische Wirkung wie im Teehaus des Klosters. Die Rotation scheint einen förmlich in die Tiefen des Universums zu ziehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Derwisch-Rituale sind getanzte Kosmologie. Rumi initiierte eine Kosmologie des Tanzes. Das kosmische Ganze wird in einem strengen Ritual ertanzt. Zu dieser Gesamtheit gehört der Makrokosmos der Gestirne ebenso wie der Mikrokosmos von Protonen und Elektronen. Galaktische Weiten ebenso wie atomare Tiefen. Ein visionäres Konzept für einen Mystiker des 13. Jahrhunderts, lange vor Galileo. Obwohl Bewegungen und Choreographie der Sema dynamisch und im Fluss sind, sich in den Raum hineinbewegen, ihn ausfüllen, ziehen sich die Tanzenden spürbar in die innere Versenkung zurück. Der hypnotische Anblick und die Klänge der Sufi-Musik nehmen auch den unbeteiligten Betrachter mit auf eine Art spirituelle Reise. Das fünfköpfige Ensemble spielt auf mit einer Kamantsche (einer persischen Stachelgeige), der Baglama (einer Saz, die türkische Langhalslaute), der Oud (Kurzhalslaute) und natürlich der Rohrflöte Ney. Die Sufis glauben, beim Spielen der Ney wird der Atem Gottes zu Klang.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch am Zielbahnhof des Orientexpresses ergreift mich die Schönheit der Sufi-Kontemplation. Hier scheint mir das Umschiffen des staatlichen Verbotes noch listenreicher. Aber das bleibt reines Bauchgefühl. Meine eigenen romantischen Projektionen. Wunschdenken. Denn kann ein uraltes Ritual gelebte Spiritualität und folkloristische Zerstreuung zugleich sein?</p>
<h2 style="text-align: justify;">An Rumis Grab</h2>
<p style="text-align: justify;">Um das herauszufinden, reise ich nach Anatolien, nach Konya, der Wirkungsstätte Rumis. Es ist der 17. Dezember, der Todestag des großen Mystikers, den seine Verehrer traditionell als Feiertag begehen. Nicht ein Hauch von Orient-Romantik umweht die Zugfahrt nach Konya. Der ultramoderne Hochgeschwindigkeitszug saust von Istanbul in wenigen Stunden durch gepflegte Kulturlandschaften ans Ziel. Genug Zeit, mir den Lebensweg des Mystikers in Erinnerung zu rufen.</p>
<p style="text-align: justify;">Rumi, der 1207 in Balkh, im heutigen Afghanistan, geboren wurde, hieß eigentlich Dschelaleddin. Der Vater war ein geachteter Rechtsgelehrter und Theologe. Daher fand er, nach der Flucht der Familie vor Dschingis Khans anrückenden Mongolen und einer Irrfahrt gen Westen, eine Anstellung im anatolischen Konya. Konya war Herrschaftssitz der oströmischen Seldschuken. So entstand Dschelaleddins Beiname: Rumi, der Römer. Bis zu einer Schlüsselbegegnung, die seinem Leben eine völlig neue Ausrichtung geben sollte, folgte Rumi zunächst in Konya den Fußstapfen seines Vaters, wurde Gelehrter und Familienvater.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Wendepunkt in Rumis Leben kam, als im Jahre 1244 der Derwisch und Wandermönch Shams-e-Tabrizi in Konya eintraf. Zwischen beiden Männern entspann sich etwas ganz und gar Unerhörtes. Eine Art intellektuelle amour fou. Rumi und Shams wurden einander geistige Sparringspartner, Seelenverwandte, Inspirationsquell. Sie verschmolzen zu einer symbiotischen Einheit. Inwieweit ihre Beziehung auch eine sexuelle Ebene hatte, wird entweder diskret übergangen oder ist tatsächlich nicht eindeutig überliefert. Seinerzeit war die Männerfreundschaft jedenfalls ein gesellschaftlicher Skandal. Rumi vernachlässigte Familie und Alltag. Woraufhin seine Angehörigen dafür sorgten, dass Shams Konya verließ. Der hatte vermutlich berechtigte Sorge um Leib und Leben. Als Rumi vor Kummer über den Verlust des Geliebten zu zerbrechen drohte, holten seine Söhne den Vertriebenen für kurze Zeit aus dem Exil in Damaskus zurück. Nur um ihn gleich darauf zu ermorden. Sie holten ihn eines Abends in Rumis Haus ab, führten ihn aus der Stadt. Das war im Jahre 1248. Shams ward nie mehr gesehen. Rumi lebte noch bis zum Jahr 1273.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Lehre der allumfassenden Liebe</h2>
<p style="text-align: justify;">Aus diesem Verlust heraus entwickelte Rumi seine Lehre von der allumfassenden Liebe, die der Seele auf den Pfad zur Vollkommenheit verhilft. Seinen Verlust beklagte er in Versen, die ihn bis heute zum meistgelesenen Dichter persischer Sprache machen. Vor allem aber wirkte Rumi als geistiger Gründer des Mevlevi-Ordens, des Ordens der Tanzenden Derwische. Eines Tages soll ihn der Rhythmus, den die Kesselmacher auf Konyas Markt mit ihren Schmiedehämmern schlugen, zu einem spontanen Wirbeltanz inspiriert haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Schule machende Methodik war geboren. Mevlana, Rumis Beiname, bedeutet &#8222;unser Meister&#8220;. Und das persische Derwisch kann mit &#8222;streng asketisch lebender Mönch&#8220; übersetzt werden. Die Methode der inneren Versenkung im tranceartigen Wirbeltanz hat Rumi nach seiner spontanen Eingebung auf dem Markt verfeinert und ausdifferenziert. Das mystische Grundprinzip ist das gleiche wie in anderen Praktiken von &#8222;Entwerdung&#8220;, von Erkenntnis und Auflösung. Aber Rumis kosmischer Tanz berührt mich als Methodik von besonderer Schönheit und Originalität, die noch dazu den unbeteiligten Betrachter miteinzubeziehen vermag. Die formelle Bruderschaft jedoch, in die Rumis Erben seine Lehren überführten, hat die Säkularisierung der Türkei nicht überlebt. In seltsamem Kontrast zu der Verehrung des Mystikers, auf die ich an Rumis Wirkungsstätte stoße.</p>
<p style="text-align: justify;">Für viele Muslime kommt der Pilgerort Konya gleich nach Mekka. Doch ein spürbar spirituelles Flair ergreift mich nicht bei der Ankunft an Konyas eher schmucklosem Bahnhof. Von dort folgt man zu Fuß einer schnurgeraden Magistrale ins Zentrum. Der Stadtkern unterscheidet sich mit seinen zahllosen Läden, Boutiquen, Restaurants und Cafés nicht nennenswert von anderen türkischen Städten. Die Zwei-Millionen-Stadt ist wirklich seltsam unspektakulär, wie Reisende unisono beklagen &#8211; trotz der majestätischen Kulisse des Taurus-Gebirges. Angeblich hat Konya annähernd so viele Moscheen wie das siebenmal so große Istanbul. Ins Auge springt das nicht. Dafür wirkt die Millionenstadt zu europäisch, zu wenig orientalisch. Unübersehbar ist jedoch: Das Geschäft mit dem Sufi-Erbe blüht in Konya.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Vermarktung des Sufi-Erbes</h2>
<p style="text-align: justify;">An jeder Straßenecke findet sich ein &#8222;Mevlana Hotel&#8220;, ein &#8222;Sufi Kebab&#8220;, Stände des &#8222;Mevlana Taksi&#8220; &#8211; Fuhrunternehmens oder ein &#8222;Hotel Rumi&#8220;. Auch die Ampelmännchen an den Straßenlaternen sind einzigartig: Grell neonfarben leuchtende Derwischfiguren. Heckenpflanzen werden so zurechtgeschnitten, das sie wie Wirbeltänzer aussehen. Konya vermarktet sein Sufi-Erbe ebenso aggressiv wie die Altstadt von Jerusalem die Passionsgeschichte.</p>
<p style="text-align: justify;">Ziel der Rumi-Pilger ist das Grab des Mystikers, der Rumi-Schrein. Der Sarkophag, auf dem unübersehbar der Derwisch-Filzhut des Dichters liegt. Eine markante grüne Kuppel weist den Weg zu der Anlage, die auf der Mevlevi-Tekke gründet, die Rumis Sohn Sultan Veled einrichten ließ. Sie besteht aus dem Mausoleum, einer Moschee, einem Tanzhaus (Semahane), 17 Derwisch-Zellen, einer Küche und einem Reinigungsbrunnen. In der Küche mussten Novizen 1001 Tage Dienst tun, bis sie als Derwisch initiiert wurden. Heute ist das ehemalige Klostergelände ebenso streng gesichert wie der Topkapi-Palast in Istanbul. In einer Sicherheitsschleuse werden Bekleidung und Taschen der Besucher gescannt und durchleuchtet. Dann steht man auf dem Klosterhof, wo sich viele Pilger rituell Füße und Hände reinigen, bevor sie das Mausoleum betreten. Jeder Besucher muss die Schuhe ausziehen oder einen blauen Plastiküberzug darüber streifen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein großer, dunkler Raum, direkt unterhalb der markanten grünen Kuppel, ist Rumis letzte Ruhestätte. Sein mit einem goldbestickten Samtüberwurf bedeckter Sarg wird durch ein hohes Eisengitter vor allzu überschwänglichen Verehrern geschützt. So kann man den Sarkophag zwar nicht berühren, aber keinesfalls übersehen: Rumis Turban ist darauf drapiert. Die Menschen klammern sich an das Gitter. Manche sind emotional so überwältigt, dass sie in Tränen ausbrechen. Es gibt einen Gebetsraum für Männer und einen für Frauen. Der Rest des Klosterbaus und des Tempelbezirks ist ein Museum, wie in Istanbul. Überwiegend Frauen sitzen auf dem nackten Fußboden, wie Schülerinnen auf Klassenfahrt. Sie lehnen an den Schaukästen, die Kleidungsstücke Rumis und andere Sufi-Devotionalien zur Schau stellen. Mein Lieblingsexponat bleibt leider eine Behauptung. In einem mit Perlmutt-Rauten verzierten Holzkästchen soll sich angeblich ein Barthaar Mohammeds befinden. Die Floskel ‚beim Barte des Propheten‘ möchte ihren Ursprung in Konya haben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Verehrt wie ein Volksheiliger</h2>
<p style="text-align: justify;">Hier im Rumi-Mausoleum wird der Dichterfürst wie ein Volksheiliger verehrt. Die Pilger, die jedes Jahr am 17. Dezember, dem Todestag Rumis, in Scharen aus allen Landesteilen nach Konya kommen, suchen nicht nur die innere Einkehr an der letzten Ruhestätte ihres Idols. Sie wollen auch Spektakel, Zeitvertreib, Zerstreuung. Von der zum Museum degradierten Mevlevi-Tekke aus dem 13. Jahrhundert laufe ich eine Magistrale stadtauswärts entlang trauriger Ruinen auf einem trostlosen Brachland. Und komme zu einem kolossalen Betonmonstrum, dem modernistischen Kultur- und Kongresszentrum von Konya. &#8222;Mevlana Kültür Merkezi&#8220; nennt sich der seelenlose, futuristische Gigantbau in Form einer Pyramide.</p>
<p style="text-align: justify;">Dessen Siebzigerjahre-Moderne steht in seltsamem Kontrast zu den Besuchern, die er zum Rumi-Gedenken anzieht. Busladung nach Busladung wird hier abgeladen, um einem Show-Programm mit Derwisch-Einlage beizuwohnen. Wohlgenährte, rustikale Damen mit Kopftüchern und groben Strickjacken dominieren die Besucherströme. Nervös, spürbar von der ungewohnten Situation überfordert, suchen sie ihre Plätze in der gewaltigen Arena auf. Und auch während der Vorstellung ebbt das Kommen und Gehen nicht ab. Ständig muss jemand zur Toilette oder sonst etwas erledigen. Ständig wird getuschelt, geschnattert. Mit Handys photographiert, Selfies gemacht. Um sich zu vergewissern, dass man nicht allein ist in dem Kulturpalast, der wie das Innere eines gewaltigen UFOs anmutet.</p>
<p style="text-align: justify;">Irgendwie will hier nichts zusammenpassen. Nicht nur die etwas derben, fülligen Landpomeranzen und die megamoderne Arena. Das knappe Doppeldutzend an Sufi-Musikern auf der Orchester-Empore ist zwar traditionell gekleidet &#8211; ebenso die rund 50 Derwisch-Tänzer -, aber die Inszenierung hat dennoch etwas von gepflegter Samstagsabendunterhaltung. Bis hin zu der knalligen, äußerst farbenfrohen Lightshow. Mystisch sieht anders aus. Stelle ich mir zumindest anders vor. Die Regie hat Wert darauf gelegt, dass ein kulturelles Unterhaltungsprogramm die eigentliche Sema umrahmt. So ist der Derwisch-Tanz ein Programmpunkt unter vielen in einer weltlichen Großveranstaltung.</p>
<p style="text-align: justify;">Erdogans Wähler stelle ich mir so vor wie die Besucher in Konyas Kulturpalast. Fraglos fromm, traditionell in Erscheinung und Weltbild, konservativ im Denken und Empfinden. Und wenig aufmüpfig, weil Teil eines unverrückbaren Systems, autoritär und hierarchisch. Sie tragen dieses System, sind seine Stützen. Und damit weit entfernt von der inneren Freiheit und Unabhängigkeit wahrer Mystiker. Tröstlich allein, dass die Zeremonie überlebt hat. Und ein klein wenig subversiv wirkt, wenn sie ihre zahlreichen Zuschauer trotz des unwürdigen Ambientes in ihren Bann schlägt. Sich von Konyas Popcorn-Sema mitreißen lassen, ihren Rhythmus aufnehmen, ihr gebannt folgen: Das ist Mystik light im Schnupperpaket. Und damit mehr als eine Bruderschaft im Verborgenen erreichen könnte, grinse ich in mich hinein.</p>
<p style="text-align: justify;">Und doch bin ich niedergeschlagen auf dem Rückweg vom Kulturzentrum. Wenn es das gewesen sein sollte mit dem Sufismus im 21. Jahrhundert, dann hätte Atatürk ganze Arbeit geleistet. Der Mevlevi-Orden mag einen subversiven Weg des Eigenerhalts gefunden haben und seine heiligen Zeremonien gerettet, indem sie scheinbar zum öffentlichen Spektakel wurden. Aber als gesellschaftliche Kraft von Belang, die die herrschende Kultur auf inspirierende Weise in Frage stellt, wirken die Ordensbrüder nicht. Mit großem Glück gelingt mir dann aber doch ein kurzer Einblick in eine Art Hinterhof-Sufismus, den kein Fremdenverkehrsbüro einem ans Herz legen würde.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Hintertreppen-Mystik, oder: Die unerwartete Dikhr</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Ladengeschäft ‚Dervish Brothers Center‘ wirkt von außen wie ein weiterer der zahllosen Souvenirläden in Konya, die ein Stück vom Rumi-Kuchen abhaben wollen. Aber hinter dem Geschäftsnamen, der scheinbar auf ausländische Konsumtouristen abzielt, verbirgt sich tatsächlich eine Art Bruderschaft. Empfohlen hatten es mir zwei australische Backpacker, die ich bei der kommerziellen Derwisch-Vorführung am Nachmittag kennen gelernt hatte. &#8222;Dervish Brothers&#8220;, das sei “the real thing!“, wurde mir nahegelegt.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Laden ist sein eigener Kosmos. Hier Inventur zu machen, dürfte eine Lebensaufgabe sein. Bis zur Decke ist das Geschäft mit Kruscht und Krempel vollgestopft. Selbst das Wanddekor hat mehrere Schichten: Handgeknüpfte Teppiche als Grundierung. Darüber hängen Plakate, Wasserpfeifen, Fayencen, gerahmte Kalligraphie, Rumi-Portraits. Auf den kreuz und quer durcheinander stehenden Rattanregalen finden sich Sufi-Literatur, Töpferarbeiten, Musikinstrumente, Kopftücher und Ethno-Klamotten. In den Glasvitrinen lassen sich Steine, Kristalle, Talismane, Schmuckstücke, Handschmeichler, Gebetsketten und andere Kleinodien bestaunen. In der hinteren Ecke hocken Musiker rund um einen niedrigen Tisch. Sie trinken Tee, stimmen Saz und Oud, trommeln sich ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Als sie zu spielen beginnen, springen zwei Frauen spontan auf. Sie beginnen, sich langsam um die eigene Achse zu drehen. Ganz nach Derwisch-Art. Alle Anwesenden wirken wie eine verschworene Gemeinschaft, der es letztlich egal ist, ob sich Kunden in den Laden verirren oder nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Hier treffe ich Üzeyir Özyurt, der sich selber &#8222;Sufi-Professor&#8220; nennt. Tatsächlich ist er so eine Art Sufismus-Koryphäe. Die Expertise hat er sich selber draufgeschafft. Und gut vermarktet: Er ist gern gesehener Talkshow-Gast zum Thema Mystik. Özyurt gehört das &#8222;Dervish Brothers Center&#8220;. Ich frage ihn, ob der 17. Dezember heute noch mehr ist als der Stichtag für ein Touristenspektakel. &#8222;Oh, ja&#8220;, antwortet Özyurt. &#8222;Es ist die Hochzeitsnacht von Mevlana Dschellaledin Rumi. &#8222;Seb-i-Arus&#8220;, als er starb und in der Ewigkeit wiedergeboren wurde, auf dem Pfad Gottes. Er selbst nannte es seine Brautnacht, &#8222;Seb-i-Arus&#8220; (sprich: Schebbi Aruss).</p>
<p style="float: right; margin-left: 100px;"><a href="http://mediennerd.de/sieben-geschichten-vom-glauben/" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-size: 12px; margin-bottom: 10px; text-align: center; text-transform: uppercase;">Diese Reportage stammt aus Sebastians Buch</span><img src="http://www.mitteldeutscherverlag.de/images/stories/virtuemart/product/9783954629190_w.jpg" width="350" /></a></p>
<h2 style="text-align: justify;">Liebe oder tot</h2>
<p style="text-align: justify;">Alle seien eingeladen mitzufeiern. Jede Nation, jede Religion sei willkommen. &#8222;Nur die Liebe im Herzen zählt&#8220;, sagt Özyurt, ganz wie Rumi es lehrte. &#8222;Wir verehren Gott und die Liebe. Rumi leitet uns dabei an!&#8220; Das Prinzip sei einfach und ungeheuer kompliziert zugleich: &#8222;Viele Leute leben auf dieser Welt, ohne je wahrhaftige Liebe zu erfahren&#8220;, klagt Üzeyir Özyurt. &#8222;Für uns sind das Tote! Wenn Du Dich verliebst, dann wirst Du wiedergeboren, für die Ewigkeit. Und Du spürst, dass Du am Leben bist. Allein die Liebe verleiht Dir Lebensenergie!&#8220; Immer wieder streut er ein langgezogenes &#8222;Huu!&#8220; ein, das er den Atem des Lebens nennt. Im Sufismus ist Hu ein Synonym für Gott. Wie das englische &#8222;He&#8220;, ER. Oder Hu ist ein verstärkendes Beiwort, wie in Allah Hu, das in so vielen Sufi-Liedern und Gedichten vorkommt. Allah Hu bedeutet so viel wie &#8222;Gott selbst&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;">Dem schwärmerischen Sufi-Professor verdanke ich dann auch den entscheidenden Hinweis. Leicht zögerlich empfiehlt er eine Sufi-Zeremonie, die irgendwann später am Abend stattfinden soll. Eine Dhikr, ein rituelles Gottgedenken, wie es Sufis und Derwische seit dem 8. Jahrhundert pflegen. Auf ein Papierchen kritzelt er eine Adresse, die in einer der dunklen Altstadtgassen liegt. Die Suche nach dem Ort der Dhikr entpuppt sich als gar nicht so einfach. Ich stehe in einem spärlich beleuchteten Sträßchen vor einem abgeranzten Haus. Und weiß zunächst nicht, wohin. Die Adresse stimmt. Aber nichts deutet darauf hin &#8211; kein Hinweis, kein Namensschild -, dass hier im Hinterhaus Dutzende von mystisch-angehauchten Gleichgesinnten zusammen gekommen sind, zu einem archaischen Ritual, zu Ehren Rumis, an dessen Todestag. Ich fasse mir ein Herz und trete ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Licht in dem abgedunkelten Raum ist so schummerig, dass sich meine Augen erst daran gewöhnen müssen. Schon auf der Gasse, vor der Tür, war gedämpft der rhythmische Sprechgesang der Teilnehmer der Sufi-Zeremonie zu hören. Es war nicht ganz einfach, sich überhaupt in den Raum vorzukämpfen. Im Takt des Sprechgesangs werfen die Teilnehmer ihre Köpfe und Oberkörper vor und zurück, immer wieder vor und zurück, in einem monotonen Rhythmus, der sie in Trance versetzt. Ein Vorsänger, den ich erst ganz allmählich in den Tiefen des Raumes ausmachen kann, gibt Melodie und Verse vor.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sich dem Rhythmus hingeben</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Wände des langgestreckten Raumes sind mit Teppichen behängt. Am anderen Ende sitzen die Würdenträger oder Altvorderen. Sie hocken im Schneidersitz am Boden und spielen Saiteninstrumente oder Trommeln. Sie haben lange Bärte, tragen orangefarbene Turbane und weite Gewänder mit Westen darüber. Vielleicht sind sie moderne Sufi-Meister. Zwei jüngere, ganz ähnlich Gekleidete laufen in der schmalen Gasse auf und ab, die die Singenden und sich vor und zurück Wiegenden in der Mitte des Raumes gelassen haben. Diese jüngeren Sufis stacheln die Menge an, zu skandieren und sich dem Rhythmus hinzugeben.</p>
<p style="text-align: justify;">Mystik ist Trance. Gott nähert man sich in einem anderen Bewusstseinszustand. Eine Art kollektiver Rausch hat den Raum ergriffen. Einer der Anheizer ist ein baumlanger Kerl, etwas mondgesichtig mit schwarzumrandeter Hornbrille. Sein zottiger schwarzer Vollbart und sein halblanges, struppiges Haar quellen unter dem Turban hervor. Neben ihm dreht sich ein ähnlich Gekleideter in Derwisch-Manier, gegen den Uhrzeigersinn und in endlosen Kreisbewegungen. Dann stehen auch andere, europäisch gekleidete Teilnehmer auf und versuchen sich ebenfalls an einer improvisierten Eigenvariante des Wirbeltanzes. Kaum zu glauben, dass der heillos überfüllte Raum überhaupt noch Tanzfläche öffnen kann. Die Menge skandiert: ‚La-Ilaha-Ill-Allah, hu‘ – es gibt keinen Gott außer Gott.</p>
<p style="text-align: justify;">Anfänglich befremden mich der monotone Gesang und das ekstatische Wippen. Ich denke an einen satanistischen Kult, der sich in rasender Trance zu Dingen hinreißen lässt, die kein Einzelner je für sich für möglich gehalten hätte. Auffällig viele Westler sind mit dabei. Darunter das australische Traveller-Pärchen, das ich am Nachmittag bereits bei der Derwisch-Showeinlage kennengelernt hatte. Auch auf die beiden war der Funke der Ekstase übergesprungen und sie hatten sich dem archaischen Trance-Tanz hingegeben. Die Australierin war nicht die einzige Frau, im Gegenteil.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Frauen willkommen</h2>
<p style="text-align: justify;">Von der harschen Männerdominanz eines Steinzeit-Islam sind wir hier Welten entfernt. Die anwesenden Frauen sind so ziemlich das Gegenteil der Traditionalistinnen vom Kulturpalast mit ihren Kopftüchern und bodenlangen Röcken. Das Trance-Ritual hat so eine durchaus moderne Anmutung. Überraschend jung sind die Teilnehmer. Von der Kleidung und Aufmachung her wirken sie eher wie Hippies auf mich, die auf dem Weg nach Goa hier hängen geblieben sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Atatürk und Erdogan wären sich sicher einig in ihrem Entsetzen über den Hinterhof-Sufismus von Konya. Atatürk, weil das Kultische überlebt hat. Und Erdogan, weil dies nichts mehr mit staatstragender AKP-Frömmigkeit zu tun hat. Auch der strenge Formalismus der Sema-Vorführungen, ihre klösterliche Ernsthaftigkeit und choreographische Disziplin, gehen der Trance-Séance von Konya völlig ab. Sie wirkt spontaner, impulsiver und damit subversiver auf mich. Auch nicht so elitär wie die Tanzspektakel der Initiierten. Demokratischer. Eine subkulturelle Nische, die im Halbdunkel überlebt. Diese Hintertreppen-Mystik ist mehr noch als die getarnten Sufi-Rituale in den Museen und Kulturzentren eine Provokation. Ein Infragestellen sowohl von Erdogans autoritärer Einheitskultur als auch der militanten Fundamentalisten.</p>
<p style="text-align: justify;">Islamistische Hardliner hassen Tanz und Musik, Vergnügen und Genuss. Toleranz, Pluralismus und Friedfertigkeit der Sufis waren ihnen von jeher ein Dorn im Auge. Auch politische Führer, die sich und ihre Herrschaft religiös begründen, eine Art göttlichen Auftrag reklamieren, haben in den Mystikern von jeher eine Bedrohung gesehen. Gehorsame Gläubige am Gängelband einer autoritären Priesterkaste sind berechenbarer. Und damit beherrschbarer. Mystiker jedoch, die den direkten, unvermittelten Zugang zu Gott suchen, die nur IHN als Autorität anerkennen und ihre eigenen Rituale und Zeremonien kreieren, sind ihnen suspekt. Mystiker gelten ihnen als Anarchisten, die sich nicht an weltliche Ordnung gebunden fühlen. Ein zarter Hauch dieses Geistes weht noch immer durch Istanbul und Konya.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/wirbeltanz-im-wartesaal/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Nur nicht den Kopf verlieren</title>
		<link>https://www.weltseher.de/flucht-vor-dem-is-im-irak/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/flucht-vor-dem-is-im-irak/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 08 Feb 2015 22:17:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Irak]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[IS]]></category>
		<category><![CDATA[Islamischer Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Marcus Karl]]></category>
		<category><![CDATA[Mossul]]></category>
		<category><![CDATA[Türkei]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=3957</guid>

					<description><![CDATA[Auf seinen Reisen durch den Nahen Osten und Zentralasien landete unser Autor Marcus Karl auch im Irak. Genau zu der Zeit, als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Juni 2014 dort ihre Großoffensive startete. Die Geschichte einer Flucht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/flucht-vor-dem-is-im-irak/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Auf seinen Reisen durch den Nahen Osten und Zentralasien besuchte unser Autor Marcus Karl auch den Irak. Genau zu der Zeit, als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Juni 2014 dort ihre Großoffensive startete. Die Geschichte einer Flucht.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Da! Eine aufgewühlte Traube von Menschen vor einem Schaufenster. Bestimmt steht dort ein Fernsehgerät. Ich klettere auf einen Mülleimer, um über die Köpfe hinweg die Aufnahmen aus Mossul zu sehen. Brennende Busse und verkohlte Häuser, weinende Menschen, die zwischen Schutt und Asche sitzen. Erschütternde Bilder, die mich für einen Moment sprachlos machen. Schnell habe ich genug gesehen, springe zurück auf die Straße. Juri, der am Rand auf mich gewartet hat, blickt mich fragend an. Ich schüttle nur den Kopf: &#8222;Lass uns abhauen!&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Seit einigen Monaten reisen mein Freund Juri und ich durch die Länder des mittleren Ostens und Zentralasiens. Eine Mischung aus Neugier auf die Welt und Abenteuerlust treibt uns an. Die letzten Tage verbrachten wir in dem syrischen Flüchtlingslager &#8222;Kawergosk&#8220; im kurdischen Teil des Iraks, nahe der Kurden-Hauptstadt Erbil. Unser nächstes Etappenziel sollte Mossul sein, bevor wir den Nordosten des Landes erkunden.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch am Morgen unseres Aufbruchs nimmt Khaled, der Besitzer unseres Hostels, uns zur Seite: &#8222;Bad news, boys! They started to fight again in Mossul. Please don‘t go there.&#8220; Ich erkenne ernste Sorgen in seinem Gesicht, aber der Appell perlt an mir ab. Warnungen vor Gefechten, Aufruhr und Bombenanschlägen nehmen wir nicht mehr wirklich ernst. Immer wird irgendwo gekämpft, immer haben sich Leute in den Haaren. Dabei ernsthafte Gefahr und Übertreibung auseinanderzuhalten, ist nicht immer ganz einfach. Wir schaffen es einfach nicht mehr, zwischen Fakten und Gerede eine klare Grenze zu ziehen. Abgestumpft? Vermutlich sind wir das ein bisschen. Leichtsinnig kommen wir uns aber nicht vor.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Desinteresse mischt sich mit leichter Panik</h2>
<p style="text-align: justify;">Wir wollen nach Mossul oder zumindest hindurch, auf einen zeitraubenden Umweg haben wir nicht die geringste Lust. Ob dort wirklich gekämpft wird, darüber gibt es hier im Flüchtlingslager keine einheitliche Meinung. Einige winken müde ab. Nie im Leben wagten es die Kämpfer des Islamischen Staates (IS), die Kurden anzugreifen, hören wir. Die kurdischen Gebiete seien sicher, sagt man uns.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1" style="max-width:1200px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1200:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="160000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_fluechtlingslager_karl-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In dem syrischen Flüchtlingslager „Kawergosk“ im kurdischen Teil des Iraks hielt sich Marcus Karl auf bevor er in das knapp 20 Kilometer entfernte Mosul fahren wollte.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_kurden_tee_karl-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Zwischen Mosul und der türkischen Grenze machten Marcus und sein Freund Juri eine Pause in Dohuk. Dort war alles ruhig. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_karl_tee_karl-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Beim gemeinsam Tee mit den älteren Kurden wurde deutlich, dass die Männer in Dohuk nicht vor den Kämpfern des Islamischen Staates weichen wollen. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_grenze_karten_karl-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Im Grenzgebiet zwischen dem Irak und der Türkei trafen Marcus und sein Freund auf hilfsbereite Menschen, die ihnen Limonade spendierten.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1200px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_fluechtlingslager_karl-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_kurden_tee_karl-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_karl_tee_karl-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_grenze_karten_karl-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<p style="text-align: justify;">Nach etwas Zögern und weiteren eindringlichen Warnungen und Bitten unserer Freunde lenken wir ein. Wenige Stunden später holpern wir durch eine karge Steinwüstenlandschaft in einem alten Mercedes-Benz zurück nach Erbil. Statt ängstlich bin ich eher genervt und gereizt. Ich blicke zu meinem Reisegefährten. Juri, mit seinen Anfang zwanzig, hat noch nicht den Hauch von Sorgenfalten in seinem Gesicht. Und wie immer lässt sich keine Stimmung bei ihm erahnen. Stoisch sitzt er neben mir. Nach ein paar Kilometern wechselt die Staubpiste zu Asphalt und kurze Zeit später sind wir in Erbil. Hier bringen die Nachrichten vom IS die Stimmung der Bevölkerung langsam zum brodeln. Während die einen noch völlig desinteressiert sind, geraten andere in leichte Panik.</p>
<p style="text-align: justify;">Die ersten Fernsehsender berichten über Kämpfe. Mein E-Mail-Postfach quillt über vor Anfragen aus der Heimat: &#8222;Geht es euch gut?&#8220; – ist die häufigste Frage. Unschlüssig beraten wir uns. Was sollen wir machen? Hier bleiben oder die Beine in die Hand nehmen. Wir könnten nach Mossul fahren und von ganz vorne berichten, wir könnten in Erbil bleiben und mit den Flüchtlingen sprechen. Oder wir könnten abhauen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Die schneiden euch die Köpfe ab&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Gemeinsam entscheiden wir uns, noch einen Tag in der kurdischen Hauptstadt auszuharren, die ganze Sache zu überschlafen und am nächsten Morgen mit frischen Informationen einen Plan zu schmieden. Mit dem nächsten Tag kommen auch die ersten Videoaufnahmen aus dem kaputtgeschossenen Mossul. Die Fernsehsender berichten von kilometerlangen Staus, von Flüchtlingen und den Kämpfen. Jetzt wird auch uns klar: Wir müssen weg.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Bilder aus Mossul im Schaufenster sind ziemlich eindeutig. Aber erst die E-Mail eines Freundes, der für den &#8222;Spiegel&#8220; arbeitet, überzeugt uns: &#8222;Lieber Marcus, hau da bloß ab. Diese Leute vom IS sind der Teufel. Die warten nur auf Jungs wie euch, um euch die Köpfe abzuschneiden. Weg da.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Meinen Kopf will ich behalten und Juri hat auch kein Interesse am Verlust seines Hauptes. Eines ist somit klar: Wir wollen einfach nur weg! Doch in welche Richtung sollen wir fliehen? Nach Osten in den Iran? Dafür bräuchten wir Visa und bis die ausgestellt sind, vergehen Wochen. Nach Westen Richtung Syrien geht auch nicht, denn dort herrscht seit Jahren ein blutiger Bürgerkrieg, außerdem kommen die IS-Kämpfer genau aus dieser Richtung. Im Süden gibt es nur mehr vom Irak und dort ist es auch nicht mehr sicher. Die Kämpfer des Islamischen Staates seien auch in dieser Region auf dem Vormarsch, heißt es. Also bleibt uns nur der Norden, in die Türkei. Dummerweise liegt Mossul direkt zwischen uns und der Grenze.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Eine Umgehungsstraße durch die Wüste</h2>
<p style="text-align: justify;">Einheimische lotsen uns zu einer Kreuzung, von der die Sammeltaxis in Richtung Norden starten. Dort erfahren wir, dass es wegen der Kämpfe bereits eine improvisierte Straße mitten durch die Wüste gebe und Mossul umgehe. Bei den Taxis ist die Hölle los. Viele Fahrer haben ihre Preise drastisch erhöht und diskutieren mit fuchtelnden Händen herum. Es gibt aber immer noch ein paar, die fair sind und zum üblichen Preis fahren. Es dauert eine ganze Weile bis wir eins finden, das uns in den Norden bringt.</p>
<p style="text-align: justify;">Immer wieder hören wir, dass wir lieber bleiben sollen. Erbil werde als letztes fallen, wenn überhaupt, so versichert man uns. Doch die Warnungen aus der Heimat haben uns mehr als alarmiert: Wenn die Kämpfe nach Erbil kommen, dann aber bitte ohne uns. Wir lassen die Stadt hinter uns und fahren über die Straße gen Norden. Wir haben Angst in einen Stau zu geraten, aber der ist nur auf der anderen Straßenseite &#8211; die Leute fliehen nach Erbil, wir fliehen aus Erbil.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach einer guten Stunde durch die Wüste haben wir Mossul ohne Zwischenfälle umfahren. Keine Spur von Kampfhandlungen. Am Abend erreichen wir Dohuk. Die Stadt liegt nördlich von Mossul. Hier ist alles ruhig. Die alten Männer sitzen Tee trinkend auf der Straße und tragen ihre farbenfrohen, traditionellen Kleider, die Bauchbinde und den Turban. Sie haben feste Blicke und wirken entschlossen – das sei ihr Land, niemand werde es ihnen nehmen können, sagen sie uns. In meiner Phantasie springen die betagten Herren gleich auf Pferde und reiten als wilde Horde mit Gewehren in den Händen dem Feind entgegen. Ich schäme mich für diese romantische Vorstellung.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Zigaretten, Schmuggler und keine Prise Mitleid</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Weiterfahrt nach Zahok und zur Grenze klappt ohne Probleme. Unser Fahrer lässt uns an einer Tankstelle wenige Kilometer vor der Grenze raus. Zu unserem Glück steht direkt vor unsere Nase ein weiteres Sammeltaxi mit noch zwei freien Plätzen. Der Fahrer bedrängt uns, bei ihnen mitzufahren. Nachdem wir den Preis passiv, also durch ignorieren, abgelehnt und ihn von 20 US-Dollar pro Kopf auf fünf für uns beide runtergehandelt haben, stimmen wir zu. Die Typen sind uns zwar weder geheuer noch sympathisch, aber bei dem Preis werden wir bequem und faul. Vor der Abreise kaufen wir noch schnell zwei Stangen Zigaretten.</p>
<div id="aesop-parallax-component-3957-1"  class="aesop-component aesop-parallax-component ">
			<script>
				jQuery(document).ready(function($){

				    					var img 	  = $('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-3957-1 .aesop-parallax-sc-img')
					, 	
					setHeight = function() {

					        							if ($('#aesop-parallax-component-3957-1').height() > img.height()) {
								$('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-3957-1').css('height',img.height());
								$('#aesop-parallax-component-3957-1').css('height',img.height());
							}

						}

					$(window).on('load',function(){
					    setHeight();
					});
					

					$(window).resize(function(){
						setHeight();
					});
									
							    var img 	  = $('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-3957-1 .aesop-parallax-sc-img');
								img.parallax({speed: 0.1});

							
								var obj = $('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-3957-1 .aesop-parallax-sc-floater');
					
								function scrollParallax3957_1(){
									var height 			= obj.height(),
										offset 			= obj.offset().top,
										scrollTop 		= $(window).scrollTop(),
										windowHeight 	= $(window).height(),
										floater 		= Math.round( (offset - scrollTop) * 0.1),
										floaterposition = 'left';
										direction = 'up';
										
									// only run parallax if in view
									var rect = $(obj)[0].getBoundingClientRect();

									if (rect.bottom<=0 || (rect.top+100) > $(window).height()) 
									{
										return;
									}		

                                    //scroll ratio									
									var ratio = 1.0-(rect.bottom/($(window).height()+(rect.bottom-rect.top-100)));
																		   var dist = (obj.parent().height())*0.33;
																		
									
									if (direction =='right') {									
										obj.css({'transform':'translate3d('+ratio*dist+'px, 0px, 0px)'});
									} else if (direction =='left') {
										obj.css({'transform':'translate3d(-'+ratio*dist+'px, 0px, 0px)'});
									} else if (direction =='up') {
										obj.css({'transform':'translate3d(0px, -'+ ratio*dist+'px, 0px)'});
									} else if (direction =='down') {
										obj.css({'transform':'translate3d(0px, '+ ratio*dist+'px, 0px)'});
									}
								} // end if on floater
								scrollParallax3957_1();
								$(window).scroll(function() { scrollParallax3957_1(); });
							
											}); // end jquery doc ready
			</script>

						  <figure class="aesop-parallax-sc aesop-parallax-sc-3957-1" style="height:300;">
			
				
									<div class="aesop-parallax-sc-floater floater-left" data-speed="10">
											</div>
				
									<a class="aesop-lb-link aesop-lightbox" rel="lightbox" title="" href="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_tuerkei_grenzgebiet.jpg"><i class="aesopicon aesopicon-search-plus"></i></a>
								    <img class="aesop-parallax-sc-img is-parallax" src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_tuerkei_grenzgebiet.jpg" alt="irak_tuerkei_grenzgebiet.jpg" >
				
				
			</figure>

			
		</div>

		
<p style="text-align: justify;">An der irakischen Grenze öffnet ein Beamter die Wagentür, fragt etwas, vermutlich nach zu verzollenden Gütern und flugs zeigen diverse Finger auf uns. Nun stellt der Grenzer uns freundlich Fragen. Wir antworten mit den Zigarettenstangen in unseren Händen. Damit verliert der Beamte sein Interesse an uns, doch die anderen Insassen haben sich in seinen Augen verdächtig gemacht. Wer Ausländer verpfeift, hat selber Dreck am Stecken.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Gefährt wird gründlich auseinandergenommen und nach einer halben Stunde purzeln aus der Dachverkleidung stangenweise Zigaretten. Großes Gejammer, unser Mitleid hält sich in Grenzen. Zu Fuß geht es über den Grenzfluss. Wir sind inzwischen müde und abgekämpft. Mit schweren Gliedern marschieren wir über die Brücke, ein fauliger Geruch liegt in der Luft. Es muffelt nach verrottetem Müll, der bei dem niedrigen Wasserstand das Tageslicht erblickt. Doch es wird noch einmal ernst. Die letzte Hürde liegt vor uns. Nach außen gebe ich mich gelassen, innerlich zittere ich aber.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Rache aus der Vergangenheit</h2>
<p style="text-align: justify;">Wir nähern uns dem türkischen Kontrollhäuschen, in meinem Geldbeutel schlummern knapp 150 Euro in kleinen Dollarscheinen. Eine gute Summe, um einen Grenzer bei Bedarf milde zu stimmen oder eben eine fällige Gebühr zu zahlen. Vor ein paar Jahren besuchte ich die Türkei und bekam wegen einer Überziehung meines Visums ein Einreiseverbot. Eigentlich nicht so schlimm, war ja das Einreiseverbot an ein Bußgeld geknüpft. Das hatte ich bislang nur noch nicht gezahlt. Ein Teil von mir spekuliert, während ich mich dem Grenzhäuschen nähere, dass die Datenpflege bei den türkischen Grenzern nicht ganz so ordentlich ist. Leider täusche ich mich.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein freundlicher Mann in Uniform begrüßt uns und stempelt die Pässe – auch meinen. Doch in dem Moment, in dem sein Stempel auf meine Papiere klopft, heftet sich sein Blick an den Bildschirm und seine Augen weiten sich. Der Stempel rumst auf die Unterlage und ein sorgenvoller Laut entweicht dem Grenzer. Um Missverständnisse auszuräumen, fragt er noch einmal nach: &#8222;War ich jemals zuvor in der Türkei? So ungefähr vor vier Jahren?&#8220; Als ich seine Fragen bejahe, schüttelt er mitleidig den Kopf. Eine Einreise ist leider nicht möglich. Juri dürfte rein, ich nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich wedele noch verzweifelt mit den Geldscheinen, aber da ist erst einmal nichts mehr zu machen. Ich kann es aber noch einmal bei der Grenzpolizeistation versuchen, ermutigt der Beamte mich, wünscht mir viel Glück und annulliert mit einem Kugelschreiber den Einreisestempel. Ich stehe noch kurz unentschlossen vor seinem Häuschen, wir tauschen letzte Blicke, seiner mitleidig, meiner wehleidig.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Sonne läuft zur Höchstform auf und die weitläufige Asphaltfläche glüht, während wir die 500 Meter zur Wache zurücklegen. Ein ungutes Gefühl steigt in mir auf. Nachdem wir das Büro der Polizei betreten haben, blickt ein Beamter kurz auf meinen Pass und danach in die Datenbank. Die ganze Prozedur wird mit einem Kopfschütteln beendet, das keinen Widerspruch duldet. Jetzt haben wir den Salat, und zwar beide, der Polizist und ich.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Ich bleibe hier!&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Es entsteht eine angespannte Situation: Wir haben uns beide fest vorgenommen, nicht klein beizugeben. Ich habe schließlich nichts zu verlieren, außer meinen Kopf und das am ehesten, wenn ich wieder zurückfahre. Ich will da jetzt rein. Ein irrwitziger Dialog beginnt:</p>
<p style="text-align: justify;">Polizist: &#8222;Nun ja, Sie haben die einjährige Frist verpasst, um sich wieder in die Türkei einzukaufen, jetzt müssen sie fünf Jahre warten … einen Moment … also Sie können im kommenden Frühling wieder einreisen.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Ich: &#8222;Wie, weil ich nicht nach einem Jahr bezahlt habe, sind Sie nun eingeschnappt? Aber Sie haben schon mitbekommen, dass im Nordirak ein Krieg begonnen hat und ich unmöglich da bleiben kann?&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Er: &#8222;Also in solchen Fällen müssten Sie zum Konsulat in Mossul …&#8220;<br />
Ich: &#8222;… das gestern überfallen wurde und wo man die komplette Belegschaft der türkischen Botschaft verschleppt hat?&#8220;<br />
Er: &#8222;Ja, richtig. Also dann müssten Sie am besten nach Bagdad und dort in die Botschaft.&#8220;<br />
Ich: &#8222;Bagdad? Dahin zielt doch die ganze IS-Offensive, das geht nicht! Soll ich da durch die Frontlinie spazieren? Ich bleibe hier!&#8220;<br />
Er: &#8222;Ne …&#8220;<br />
Ich: &#8222;Doch …&#8220;<br />
Er: &#8222;Ne!&#8220;<br />
Ich: &#8222;Doch! Ernsthaft!&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Der Polizist ist von meiner Hartnäckigkeit leicht verwirrt und drückt mir ein Telefon in die Hand. Ich solle mal mit jemandem von meiner Botschaft in Ankara sprechen. Die Botschaft &#8211; ich schöpfe Hoffnung, um gleich wieder enttäuscht zu werden. Eine freundliche Stimme will mich mit der Begründung abwimmeln, sie seien nicht für mich zuständig, da ich nicht eingereist sei. Ich bestehe jedoch darauf, da ich den Grenzfluss bereits überquert habe und die türkische Polizei inzwischen zur Vorsicht meinen Pass einkassiert hat.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wäre ich doch nur ein Amerikaner</h2>
<p style="text-align: justify;">Daraufhin lenkt der Mann von der Botschaft ein und möchte nun doch gerne helfen. Wenn ich wolle, könne er veranlassen, dass ein Antrag gestellt werde, das dauere aber erfahrungsgemäß zwei bis drei Monate. So lange wollte ich aber nicht an der Grenze warten. &#8222;Was gibt es für Alternativen?&#8220;, frage ich ihn. Antwort: keine. Und eigentlich sei die Botschaft auch erst richtig zuständig, wenn ich im Gefängnis säße. Ich seufze und lasse mir die Durchwahl für den Fall der Inhaftierung geben.</p>
<p style="text-align: justify;">Kemal, mein dolmetschender und nun zuständiger Polizist ist über meine lahme Botschaft entsetzt und hält mir ein Impulsreferat, wie vor einiger Zeit ein US-Amerikaner ähnliche Probleme hatte. Der sei aber bereits einen Tag später von seiner Botschaft zurück in die USA geflogen worden. Wir schütteln beide den Kopf über die Politik. Inzwischen scheint Kemal auch das Ausmaß des ganzen Problems bewusst zu sein.</p>
<p style="text-align: justify;">Obwohl Kemal zur Grenzpolizei gehört, die mich gerade nicht reinlassen will, scheint er auf meiner Seite zu sein. Wir gehen vor die Tür. Kemal ist hochgewachsen, die Haare liegen akkurat und seine Augen sind ehrlich. Wir mögen uns. Kemal verspricht, irgendeinen Eilantrag zu stellen, gibt mir eine Zigarette und malt mit seinem Finger unsichtbare Linien über das Areal. Hier und dort darf ich mich ab jetzt bewegen, der Rest ist strengstens verboten. Wenn ich da hinlaufe, kann er mir auch nicht mehr helfen. Selbstverständlich kann ich solange auf der Grenze leben, bis die Sache geklärt ist. Schlafen könnte ich vielleicht in dem Trucker-Restaurant, da gibt es auch Cola und Tee. Ich muss nur versprechen, nicht heimlich über die Grenze zu laufen oder mich in einem Truck zu verstecken.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Später, morgen oder in einem Vierteljahr</h2>
<p style="text-align: justify;">Mist, genau das spukt mir schon die ganze Zeit durch den Kopf. Sobald ich über die Grenze renne, muss man mich inhaftieren und in die EU abschieben. Aber das könnte teuer werden und wer weiß, wie lange ich dann im Gefängnis bleiben muss. Aber gut. Versprochen ist versprochen, wir werden sehen, was die nächsten Stunden bringen. Zudem hat Kemal herausgefunden, dass mein Bußgeld inklusive Säumnisgebühr 220 Euro beträgt. Und er ist sich sicher, dass es spätestens morgen früh Neuigkeiten geben wird. Es könne aber auch, schiebt er hinterher, zwei bis drei Monate dauern.</p>
<p style="text-align: justify;">Aha! Verstehe. Später, morgen oder in einem Vierteljahr. Das hatte ich befürchtet. Die Verantwortlichen haben mit dem ausufernden Krieg im Nachbarland und den entführten Konsulatsleuten sicherlich genug um die Ohren. Da wird so ein nerviger Deutscher selbstverständlich auf die lange Bank geschoben. Resignation und Hoffnung stehen nun im knallharten Konkurrenzkampf in mir. Die Angst ist mittlerweile verpufft. Hier bin ich sicher. Jetzt heißt es warten und genau das hasse ich. Wir schlendern ins Restaurant. Dort hängen mindestens zwanzig Trucker herum und warten auf die Zollabfertigung, erfahrungsgemäß können sie morgen Mittag weiterfahren.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Heile Welt zwischen den Grenzen</h2>
<p style="text-align: justify;">Eine gute Zeit zum Plaudern und Freundschaften schließen. Wir sitzen keine fünf Minuten alleine an einem Tisch, da stellt uns Trucker Ersan eine zwei Liter Flasche Pepsi auf den Tisch. Trucker Ahmed zieht nach und kauft uns Kekse. Mit meinen rudimentären Türkischkenntnissen erkläre ich optimistisch, dass auch wir hier bis morgen warten werden.</p>
<p style="text-align: justify;">Dass ich versuche, Türkisch zu sprechen, lässt den Rest aufhorchen und nach kurzer Zeit sind wir mit allen Truckern bekannt, das Personal wird ebenfalls neugierig. Gemeinsam spielen wir Schach und schauen die WM-Eröffnung im Fernseher an. Die Restaurantbelegschaft lädt uns zu ihrem Abendessen ein und mit den Truckern studieren wir die Landkarten für unsere Weiterreise.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Schrecken der letzten Tage sind an diesem Ort weit weg, in Gedanken düse ich bereits durch die Türkei. Wir singen ein paar Stücke, begleitet von meiner Gitarre, die Brummifahrer tanzen und kontern mit traditionellem Liedgut. Zum Sonnenuntergang versammeln wir uns auf der Terrasse und studieren gegenseitig Familienfotos.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Warten, warten und noch mehr warten</h2>
<p style="text-align: justify;">Spät am Abend besuchen wir noch einmal Kemal. Leider gibt es keine Neuigkeiten. Ich hatte aber auch mit nichts anderem gerechnet. Es wird Nacht und wir dürfen in der Kammer für die Angestellten des Restaurants schlafen. Am nächsten Morgen gibt es Frühstück. Danach beginnt das qualvolle Warten. Wir lesen unsere Bücher inzwischen zum zweiten Mal und schlürfen literweise Tee, wir spielen unzählige Runden Schach und in regelmäßigen Abständen spazieren wir zur Polizeistation und zurück &#8211; jedes Mal hängt unser Kopf etwas tiefer.</p>
<p style="text-align: justify;">Kemal klebt am Telefon, er bemüht sich und wird nicht müde zu erwähnen, dass es wirklich nichts Persönliches sei. Jeder Türke, ganz besonders er, wäre über meine Einreise erfreut. Aber diese Politiker, diese Bürokratie &#8230; Ich nicke bedeutungsschwer und werde verdrossen. Wütend trete ich vor dem Restaurant gegen eine Dose. Das erzeugt ungewollte Aufmerksamkeit. Langsam begreifen unsere Truckerfreunde, dass irgendetwas nicht stimmt.</p>
<p style="text-align: justify;">Mir fehlt das Vokabular den ganzen Sachverhalt entsprechend zu erklären, meine Mitschuld zu erläutern. Aber die Tatsache, dass man uns nicht passieren lässt, wird verstanden und erzeugt größten Unmut in unserer Restaurantgemeinde. Die Männer scharren sich zusammen und schaukeln die Stimmung hoch, die Luft brennt. Wir haben anscheinend den wunden Punkt der berühmten Gastfreundschaft berührt und nur schwer können wir den Mob davon abhalten, pöbelnd in die Wache zu rennen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Zurück Richtung IS</h2>
<p style="text-align: justify;">Dann geschieht etwas Unerwartetes: Ein Freund aus Deutschland schickt eine SMS, dass in knapp 20 Stunden ein Flug von Erbil nach Frankfurt zu haben sei. Der letzte freie Platz für 250 Euro. Das sind nur 30 Euro mehr als das Eintrittsgeld in die Türkei. Wir wägen ab und sprechen erneut mit Kemal. Keine Neuigkeiten. Wir beratschlagen uns zu dritt. Bis 14 Uhr könnte noch eine Nachricht vom zuständigen Büro kommen, danach ist Feierabend und Wochenende.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich habe die Wahl: Hier warten, ohne Erfolgsgarantie, oder eine riskante Rückreise. Denn zwischen uns und Erbil liegt immer noch das umkämpfte Mossul. Und wer weiß, wie es dort mittlerweile aussieht. Ob die Straßen noch frei sind? Wir beschließen vorerst zu warten, hoffen. Beim letzten Gang zur Polizeistation werden wir von Kemal bereits mit einem Kopfschütteln an der Tür erwartet.</p>
<p style="text-align: justify;">Juri nimmt den Landweg, ganz legal über die Türkei nach Europa. Ich trete den geordneten Rückzug an. Die irakischen Grenzer staunen nicht schlecht, als ich nach eineinhalb Tagen zurückkehre, schon wieder zu Fuß. Aber für lange Erklärungen ist nun keine Zeit. Ich bringe das obligatorische Begrüßungstee-Trinken schnell hinter mich und stoppe ein Sammeltaxi. Ich habe noch knapp 16 Stunden bis zum Abflug, der Weg dauert gute acht bis zehn Stunden, exklusive diversem Umsteigen. Jetzt darf nichts mehr schief gehen. Wenn ich den Flug verpasse, sitze ich bis zum Hals im Schlamassel. Sofern ich noch einen Hals habe.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Ein heiliger Krieger mit Gitarre, das passt nicht</h2>
<p style="text-align: justify;">Erst als mich die ersten Soldaten bei einem Checkpoint aus dem Wagen zerren, wird mir bewusst, wie verdächtig ich mich gerade verhalte. Man weiß inzwischen, dass viele europäische Extremisten bei der IS-Miliz mitmischen und ich befinde mich gerade auf direktem Weg Richtung Front. Ungünstig, dass ich mir für die Reise einen riesigen Bart habe stehen lassen. Wäre ich ein Polizist, hätte ich einen Typen wie mich in jedem Fall genauer untersucht und befragt, vielleicht über Nacht da behalten. Aber genau das darf jetzt nicht passieren.</p>
<p style="text-align: justify;">An dieser Stelle ist meine Gitarre der rettende Faktor. Bei jeder Kontrolle inspizieren die Beamten mein Gepäck. Jedes Mal muss ich die Instrumentenhülle öffnen. Es könnte schließlich auch eine Waffe darin sein. Drei Mal muss ich für die cleveren Soldaten ein paar Akkorde greifen, um zu beweisen, dass es sich bei dem Instrument nicht nur um eine geschickte Täuschung handelt. Belohnt wird meine Fingerfertigkeit mit Schokolade oder Limonade. Ein heiliger Krieger mit Gitarre, das passe nicht, erklärt mir ein Polizist. So passiere ich unzählige Kontrollen und komme nach vielen Stunden Autofahrt am Abend in Erbil an.</p>
<h2 style="text-align: justify;">In Erbil ist der Krieg noch nicht angekommen</h2>
<p style="text-align: justify;">Hier scheint die Welt, von dem was ich zu sehen bekomme, noch einigermaßen in Ordnung. Etwas mehr Militär kann ich in den Straßen sehen, etwas mehr Polizisten laufen durch die Viertel, sonst scheint alles wie immer. Trotz spätester Stunde öffnet der Wirt meiner Lieblingsteestube noch einmal seine Türe. Ich gönne mir auf den Stress eine Wasserpfeife und spiele ein paar Runden Backgammon mit dem Kellner. Er lacht über meine Geschichte und sagt, ich solle mir keine Sorgen machen. Ich entspanne mich. Ich fühle mich wieder sicher.</p>
<p style="text-align: justify;">Dann geht plötzlich alles ganz schnell: Nach einer kurzen Nachtruhe drücke ich mein letztes Geld einem uralten syrischen Flüchtling in die Hand und fahre zum Flughafen. Alles verläuft reibungslos. Keiner stellt Fragen, nur ein Polizist gibt mir auf den letzten Metern noch einen Tipp: Mit meinem Aussehen sollte ich hier besser verschwinden oder mich endlich rasieren. Vielen Dank!  Landung in Berlin, der Bundespolizist im Kontrollhäuschen schaut mir vom Pass ins bärtige Gesicht und sagt: &#8222;Guten Tag! Danke schön! Weitergehen!&#8220; Ich bin selbst überrascht, wie reibungslos es geht. Ein paar Stunden später sitze ich bei einem Freund auf der Couch und berichte von meiner Reise. Plötzlich fließen mir Tränen über das Gesicht. Die Gefahr, in der ich gesteckt hatte, wird mir erst jetzt, Tausende Kilometer entfernt, wirklich bewusst.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/flucht-vor-dem-is-im-irak/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
