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	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Mon, 15 Jun 2020 18:54:39 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Amerika &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Mit dem Tod in der Cordillera</title>
		<link>https://www.weltseher.de/mit-dem-tod-in-der-cordillera/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 May 2020 08:22:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Peru]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Anden]]></category>
		<category><![CDATA[Berge]]></category>
		<category><![CDATA[Laura Anninger]]></category>
		<category><![CDATA[Reisen]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu Fuss und mit Zelt wanderte unsere Autorin durch die peruanischen Anden. Trotz der beeindruckenden Naturkulisse in viertausend Metern Höhe ist es eine erschütternde Begegnung, die sie nicht mehr los lässt.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/mit-dem-tod-in-der-cordillera/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Zu Fuss und mit Zelt wanderte unsere Autorin durch die peruanischen Anden. Trotz der beeindruckenden Naturkulisse in viertausend Metern Höhe ist es eine erschütternde Begegnung, die sie nicht mehr los lässt.</strong></p>



<p>Die Zahl der Menschen, die uns seit dem ersten Tag begegnet waren, konnte ich an beiden Händen abzählen. Unser Fahrer Nazario war der erste. In seinem Kleinbus, auf dessen Rückbank wir uns die Glieder verrenkten, konnte der kurze Mann aufrecht stehen. Sein grober Wollpullover war viel zu groß für den zierlichen Körper. Sein Gesicht war von der Sonne gegerbt, der Blick klar. Mit der Rechten stützte Nazario sich an der unverkleideten Innenwand ab, während wir uns gemächlich, Steine und Ziegen umkurvend, die Anden hochschraubten. Keine noch so spitze Kurve konnte Nazario überraschen. Er kannte sie alle.</p>



<p>Seit 20 Jahren, sagte Nazario, fuhr er die knapp hundert Kilometer lange Route regelmäßig: Von Cajacay, einem kleinen Dorf in den peruanischen Anden, nach Llamac, ein noch kleineres Dorf und zugleich sein Geburtsort. In Cajacay lud er Touristen ein, und später noch ein paar Waren: etwa die drei Stellagen Inka-Cola und die sechs Packungen Klopapier, die bei jeder Wegbiegung quer durch den Bus rutschten. Unterwegs versilberte Nazario seine Waren wieder an zahlende Käufer. Nur mich und meinen Freund, die einzigen Touristen weit und breit, brachte er gegen ein kleines Trinkgeld weiter nach Cuartelhain. Dann deutete er seiner Rechten vage Richtung Bergkamm. &#8222;No les preocupen&#8220;, sagte Nazario, nur keine Sorge. Er war am Ziel – doch für uns ging die Reise jetzt erst richtig los.</p>



<p>Denn hier startete unser Trek. Nazarios beruhigenden Worten zum Trotz: ein bisschen Sorge hatte ich doch. Unser Weg sollte uns eine Woche durch den Gebirgszug <em>Cordillera Huayhuash</em> führen. Zwischen Kühen, Mulis und Lamas, vorbei an Gletschern und Seen, über Bergkämme auf 4.000 Metern Höhe. Eine wilde Welt. Wir waren Tageswanderungen entfernt von Arztpraxen, Supermärkten und sauberem Trinkwasser. Es war Ende Februar, die Zeit, in der die <em>Cordillera</em> den Einheimischen gehört. Die Zeit, die zu kalt ist, um Touristengruppen in die Berge zu führen. In hundert Kilometer Umkreis waren wir die einzigen Gringos.</p>


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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru.jpg" data-caption="Rechts unten ein Korral, in dem die Einheimischen Rinder zusammentreiben. Gebaut aus dem Material, das es hier im Übermaß gibt: Steine" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-7.jpg" data-caption="Die Cordillera Huayhuash ist 30 Kilometer lang und eine der höchsten Gebirgsketten der Anden" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-6.jpg" data-caption="Der Gletscher des Yerupajá Chico, des kleinen Yerupajá mit seinen 6.089 Metern Höhe" alt=""></div></div>


<p>Am ersten Tag der Wanderung sahen wir nicht viel außer Geröll. Erst am Abend, als die Wolken träge den Gipfel des <em>Rondoy</em>, diesem Koloss von einem Berg, umschwammen, fanden sie uns. Es waren Vater und Sohn. Beide trugen kniehohe Gummistiefel und Jogginghosen. Wir schnauften uns die Anstrengung aus den Gliedern. Als sie sich uns gegenüber setzten, fand ich kaum Luft in meinen Lungen. Doch, so schien es, brauchte man auf diesen Höhen ohnehin kaum Worte.</p>



<p>&#8222;Zum Huayhuash?&#8220;, fragte der Vater auf Spanisch.<br>&#8222;Sí.&#8220;<br>&#8222;Ihr wisst, das ist hin und zurück ein Fussmarsch von sieben Tagen?&#8220;<br>&#8222;Sí.&#8220;<br>&#8222;Ohne Führer?&#8220;<br>&#8222;Sí.&#8220;</p>



<p>Der Vater nickte wissend, während er an uns vorbeisah, den Blick zum Berggipfel gerichtet, hinter dem langsam die Sonne unterging. Er zog einen Block aus der Hosentasche, riss einen Zettel ab, schrieb etwas darauf. Eine Rechnung über 70 Sol Wegegeld, umgerechnet knapp 20 Euro. Die wenigen Einwohner der Communities, denen das Land gehört, verlangen von Besuchern einen Beitrag für die Übernachtung. Ein paar Scheine wechselten den Besitzer. Dann stapften zwei Paar Gummistiefel gemächlich von uns fort durch das feuchte Gras. Irgendwo außer Sichtweite musste ihre Hütte stehen. Jetzt im Herbst, wo kaum Touristen Geld über die Berge tragen, musste das Leben hier so rau sein wie der Wind, dachte ich mir, als ich mich im Zelt in den Schlafsack einmummelte.</p>



<p>Tag zwei führte mir vor Augen, was es heißt, Reisende zu sein. Wir genossen die Weite, die Abgeschiedenheit, die Wildheit der Anden. Bald würden wir in unser bequemes Leben in Österreich zurückkehren. Für die nächsten Menschen, die wir trafen, war diese Wildheit Alltag. Es waren ein Mann und eine Frau, die dieser Natur Tag für Tag ihre Lebensgrundlage abrangen. Er sah uns, als wir bis zu den Waden im warmen Wasser durch das Moor stapften. Die Lagune <em>Carhuacocha</em> war über die Ufer getreten und hatte das flache Talbecken mit einer Wasserschicht überzogen. Dutzende Pferde und Mulis grasten am Ufer, das Wasser störte sie nicht. Der Mann trug robuste Gummistiefel, einen Lederhut und Overall. Er war besser gerüstet als wir, in unseren Wanderstiefeln schmatze das Wasser bei jedem Schritt. Ob es einen trockenen Weg gab? Wir fanden ihn jedenfalls nicht. Der Mann winkte uns zu sich.</p>


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                                Ein Andenbewohner führt uns zu seiner Hütte.
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<p>&#8222;Wollt ihr Forelle?, rief er, &#8222;kommt!&#8220;<br>Forelle klang gut. Ein trockener Ort auch. Und so gingen wir mit.<br>Der Mann führte uns zu seinem Zuhause. Hier, eingebettet zwischen See und Gletscher, standen drei steinerne, reetbedeckte Hütten. Eine war verfallen. Eine war zum Schlafen. Aus ihr kam nun eine Frau mit klaren Augen, Gummistiefeln an den Füßen, der schlanke Körper umspielt von einem bodenlangen Rock. Sie trug vier kleine, schimmernde Forellen in der Hand. Die dritte Hütte war zum Kochen. In diese verschwand die Frau für einige Zeit. Dann kam sie mit zwei Tellern zurück, auf jedem zwei knusprig-braune Forellen und zwei grünlich-schimmernde Kartoffeln. Wir setzten uns auf Pferdedecken unter freiem Himmel. Die braunen, feinen Haare fühlten sich angenehm warm an.</p>



<p>Wir aßen, verscheuchten die kleinen, verfilzten Hunde, die sich die Lefzen leckten. Dabei beobachteten wir den Mann, wie er ein junges Muli einfing. Er band es an einem hölzernen Pflock an und versuchte behutsam, eine der groben Decken auf seinen Rücken zu legen. In ein paar Monaten würde er aus dem Jährling ein Reittier gemacht haben. Die Fische schmeckten herrlich. Die Kartoffeln waren mehlig und trocken. Sie wuchsen hier auf über viertausend Meter Höhe, am gegenüberliegenden Hang standen die Pflänzchen in akkurat angelegten Reihen.</p>



<p>Wir bezahlten unser Mahl mit ein paar Sol, bedankten uns, stapften weiter, durch das Moor, der eisigen Gletscherluft und unserem Lagerplatz entgegen. In der Nacht des zweiten Tages ließ uns der Gletscher keine Ruhe. Jedes Mal, wenn ein Stück Eis knarzte, dann in die Tiefe stürzte, und im Wasser der Lagune aufschlug, schien es mir, als passiere dies eine Handbreit von meinem Ohr entfernt. Der Mensch, so heißt es, gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Aber auch an die Gefahr, an die Naturgewalten, an die Wucht eines Gletschersturzes? Als ich da so lag, nur von der durchfeuchteten Zeltwand von den Naturgewalten abgeschirmt, kamen mir diese Überlegungen wie Wunschdenken vor.</p>



<p>Am Morgen des dritten Tages hallten die Gletscherstürze in meinen Hirnwindungen nach. Der Regen trommelte, vom Zeltdach tropfte Wasser auf unsere Schlafsäcke. Wir stiegen in unsere klamme Kleidung, packten das Zelt ein und machten uns auf den Weg. Am dritten Tag wartete der <em>Paso Siula</em>, mit seinen 4.890 Metern darauf, überwunden zu werden. Wir kämpften uns die Schottermassen hinauf. Jeder Meter eine kleine Überwindung, bei jedem Schritt das Schmatzen der nassen Socken in den feuchten Stiefeln. Kaum war das Zelt am Lagerplatz aufgestellt, verschanzten wir uns. Tag drei bestand nur aus dem Prasseln des Regens und uns im Zelt.</p>


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                                Tag drei verbringen wir im Zelt, nur ein Hund leistet uns Gesellschaft.
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<p>Heute ist Tag vier.<br>Die Berge um mich sind in unwirkliches Licht getaucht. Ein Zauber in dieser wilden, rauen Welt. Er schafft es nicht, meine Stimmung zu heben. Obwohl er prachtvoll begann, ist Tag vier ein Trauertag.</p>



<p>Als die Sonne auf zwölf Uhr stand, hatten wir schon den ersten Pass erklommen. Wir belohnten uns mit Nüssen und trockenen Müsliriegeln. Die Natur belohnte uns mit Sonne und der Unwirklichkeit der peruanischen Anden. Mir saß die Vorfreude im Bauch. Es war warm. Heute würden wir das Zelt neben heißen Quellen aufschlagen. Das erste Mal seit fünf Tagen würden wir uns waschen können. Diese Vorstellung allein war eine Verheißung.</p>



<p>Als wir die Plastikverpackungen der Müsliriegel in unsere Hosentaschen stopften, überholten sie uns. Eine Familie auf einem braunen, muskulösen Wallach. Am Rücken der Frau, in einem bunt gestreiften, groben Tragetuch, abgeschirmt vom Wind, hing ein vierjähriges Mädchen. Seine Backen rot, die Pupillen vor Neugierde geweitet. Die Mutter wendete ihren Blick schüchtern gegen Boden. Der Mann strahlte uns an.</p>


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                                Eine einsame Hütte am Wegesrand.
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<p>„Woher seid ihr?“, fragte der Vater gleich auf Spanisch.<br>„Austria.“<br>„Oh, Australia“, er nickte. Die Länder klingen auf Spanisch sehr ähnlich.<br>„No, Austria.“<br>„Ah, Austria!“ Er lächelte das höfliche Lächeln der Uneingeweihten.<br>„Al lado de Alemania“, half ich: neben Deutschland.<br>„Ah, Alemania!“<br>Er nickte zufrieden. Deutschland, schien es, kannte man auch hier.<br>„A las aguas calientes?“, fragte er, ob wir zu den heißen Quellen gingen.<br>„Sí.“</p>



<p>Der Mann lächelte. Sonntags, so schien es, hatten nicht nur wir, sondern auch die Einheimischen gute Laune. Sonntag war Waschtag. Die Familie ritt zu den heißen Quellen. Wir brauchten länger. Zu Fuss über sumpfige Inseln aus giftgrünem Moos wanderten wir dem <em>Lago Viconga</em> entgegen. Als der See am Horizont auftauchte, diese stechend blaue Fläche, mutete er fast wie eine Fata Morgana an. Hier aus dem Nirgendwo entsprang also das Wasser, das in der Millionenmetropole Lima in die Duschwannen fließt. Am flachen Ufer des Sees graste eine Lamaherde. Weiße flauschige Jungtiere lagen träge im Gras. Hinter ihnen wuchsen die Berge in den Himmel. Die Sonne erhellte das Gletschereis. Das Weiß stach in den Augen. Das war Peru, wie man es aus Reisekatalogen kennt. Eine Postkartenidylle.</p>


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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-9.jpg" data-caption="Hier leben Lamas in der Umgebung, für die sie gezüchtet wurden" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-8.jpg" data-caption="Der Lago Viconga ist einer der Wasserreservoirs für die 9-Millionen-Metropole Lima." alt=""></div></div>


<p>Entzückt trottete ich den schmalen Pfad neben der Lagune entlang. Das Hundebellen in der Ferne war zu vernachlässigen. Das Huftrappfeln hinter uns, das unvermittelt lauter wurde, zwang uns zu handeln. Wir sprangen zur Seite, den Hang hinauf. Sekunden später trabten sie vorbei. Ein Junge, kaum zehn Jahre alt, saß ohne Sattel auf dem Rücken eines braunen Pferds. Das Tier schnaufte durch die Nüstern. Der Junge stieß das atemlose Schluchzen eines Kindes aus seiner Kehle. Mit den ledernen Zügelenden holte er aus, und ließ sie mit der Kraft eines Halbstarken auf sein Tier nieder. Ein Luftzug, ein Schluchzen, dann waren die beiden vorbei.</p>



<p>&#8222;Que pasó?&#8220;, rief ich hinterher, irgendwas schlimmes musste passiert sein.<br>&#8222;Muerto!&#8220;, presste der Junge hervor, ohne zu erklären, was er mit &#8222;tot&#8220; meinte. Dann verschwanden Pferd und Reiter im Stechtrab aus unserem Blickfeld. Minuten später, wir begannen den Abstieg ins Tal, sahen wir sie wieder. Das Pferd stand auf einem Felsvorsprung. Der Junge zusammengesunken auf seinem Rücken. Sein Schluchzen war lauter. Wir näherten uns langsam.<br>&#8222;Hola niño, que pasó?&#8220;, erkundigte ich mich erneut.<br>Geräuschvoll schluchzte der Junge auf.<br>&#8222;Te podemos ayudar?&#8220; Können wir dir helfen?<br>Der Junge atmete hektisch. Ich stellte mich an die Flanke des Pferdes und strich über das seidige Fell.<br>Schließlich sagte er: &#8222;Mi…papa…esta muerto&#8230;&#8220;,<br>presste er unter zwei kurzen Atemzügen hervor.</p>



<p>Seine Augen waren rot, die Backen noch röter. Da war viel Staub in seinem kleinen Gesicht. Die schweren Tränen hatten ihn zur Seite gespült und konturlose Flecken freigewaschen. Sie zogen sich von den Augenhöhlen bis unters Kinn. Bei jedem Atemzug vibrierte der zierliche Körper. Ich fühlte ein Zittern unter meiner Hand, als ich über seinen Rücken strich. Was sollte ich sonst tun?<br>Sein Vater sei tot, hatte er gesagt.<br>Auch die schwarze Trainingsjacke war von einer Schicht dünnen Staubes überzogen. Wie reagierte man auf das Leid eines anderen? Hilflos strich ich weiter. Den Hals des Pferdes, den Rücken des Jungen entlang. Das Schluchzen, es wurde kaum leiser.<br>&#8222;No pasa nada&#8220;, sagte ich hilflos. Es sei doch nichts passiert.<br>Was für eine leere, dumme Aussage. Die Worte einer Unwissenden. Dieses Kind fühlte das genaue Gegenteil. Hier in der Abgeschiedenheit der <em>Corriela Huayhuash</em>, in dieser rauen, unwegsamen Welt, hier wo man jedes seiner Tiere mit Argusaugen hüten und dem Boden ein bisschen Fruchtbarkeit abringen muss, war es gerade erst passiert. Hier war ein Vater gestorben. Ein Vorbild. Ein Ernährer. Einer, der unersetzlich ist.</p>



<p>&#8222;Wohin gehst du?&#8220;, fragte ich den Jungen.<br>&#8222;Zu meinem Onkel&#8220;, schluchzte er.<br>&#8222;Wir begleiten dich, in Ordnung? Wo ist dein Onkel?&#8220;<br>Mit aller Kraft zeigte der Junge ins Tal. Sein zitternder Finger deutet auf einen blauen Punkt. Wie versteinert standen wir neben dem Jungen und seinem Pferd und sahen dem Punkt zu, wie er größer wurde. Mit großen Schritten kämpfte sich da jemand den steinigen Hang hinauf. Dann stürzte ein schlanker Mann in Trainingshosen auf uns zu.<br>&#8222;Que pasó?&#8220;, brüllte der Onkel. &#8222;Esta muerto!&#8220;, schluchzte sein Neffe.<br>Das Pferd schien verstanden zu haben. Es machte keinen Schritt von der Stelle. Auch nicht, als der Onkel die Arme um den Jungen schlang und aus seiner Kehle pure Verzweiflung drang. Eine Tonne Schmerz komprimiert in einem Laut. Ich wandte den Blick ab. Tränen verschwammen vor meinen Augen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war nutzlos, ich war starr, ich war Geröll. Der Mann schwang sich auf den Pferderücken, den Jungen vor sich, in der Hand die Zügelenden, die er auf die Pferdeflanken niederließ. Dann waren sie fort.</p>



<p>Mechanisch setzte ich einen Schritt vor den anderen, stieg ins Tal ab. Mich überrollte das menschlichste, doch vielleicht das sinnloseste aller menschlichen Gefühle: Mitleid. Was sollten wir schon tun? Der Boden verschwamm vor meinem Blick. Die beiden Gestalten, die uns entgegen den Berg hinaufstürzten bemerke ich erst, als sie schon fast vor mir standen. Ich sah in das Gesicht einer stämmigen Frau mit schweren schwarzen Zöpfen. In ihren Augen standen Tränen. In meinen auch. Sie verstand. Dann rannte sie weiter. Zur Totenwache?</p>



<p>Tag vier ist bald vorbei. Unweit von hier, in einer spartanischen, steinernen Hütte wütet die Trauer und reißt der Tod Löcher in Existenzen. Ich bewege meine Füße durch das warme Thermalwasser. Algenpartikel spielen um meine Zehen. Das kitzelt, aber angenehm. Die Sonne verschwindet hinter dem Gletscher. Das ist schön. Es zu genießen fühlt sich zynisch an. Heute ist Tag vier. Wir sind hier bald wieder weg. Woran der Vater des Jungen gestorben ist, werde ich nicht erfahren. Zu fragen, schien mir pietätlos. Sicher ist nur: Das harte Leben in der <em>Cordiellra Huayhuash</em> geht weiter.</p>
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		<title>Das Königreich der Schlange</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Oct 2017 13:36:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mexiko]]></category>
		<category><![CDATA[Calakmul]]></category>
		<category><![CDATA[Danilo-Roessger]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer sich für die Geschichte der Maya interessiert, aber Touristenhorden vermeiden möchte, sollte nach Calakmul reisen. Die Stadt gehörte seinerzeit zu den mächtigsten Königreichen der Mayawelt und wird gegenwärtig noch zum Großteil von dichtem Regenwald überwuchert.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/das-koenigreich-der-schlange/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Wer sich für die Geschichte der Maya interessiert, aber Touristenhorden vermeiden möchte, sollte nach Calakmul reisen. Die Stadt gehörte seinerzeit zu den mächtigsten Königreichen der Mayawelt und wird gegenwärtig noch zum Großteil von dichtem Regenwald überwuchert.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Man mag es kaum glauben, wenn man auf die Landkarte schaut: Tief im Dschungel von Mexikos Osten liegt eine der ehemals größten und einflussreichsten Maya-Stätten aller Zeiten. Sie heißt Calakmul und kontrollierte über mehrere Jahrhunderte die gesamte Region.</p>
<p style="text-align: justify;">Nachdem die Mayakultur des zentralen Tieflands im zehnten Jahrhundert kollabierte, wurde das Gebiet immer weiter vom Dschungel verschlungen und geriet in Vergessenheit. Erst 1931 entdeckte der Botaniker Cyrus Lundell das Gelände eher zufällig, als er geeignete Bäume für die Produktion von Kaugummi suchte. Die Archäologen waren fasziniert von den gigantischen Tempeln mitten im Nirgendwo und begannen mit den Ausgrabungen, die jedoch jahrzehntelang nur schleppend vorangingen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Auf eigene Faust</h2>
<p style="text-align: justify;">Mittlerweile gibt es findige Tourenveranstalter, die All-Inklusive-Pakete nach Calakmul anbieten – allerdings ist man dort schnell 60 Euro los. Etwas unangemessen, da der Eintritt zum Gelände umgerechnet weniger als vier Euro kostet. Ich mache mich deshalb auf eigene Faust auf den Weg.</p>
<p style="text-align: justify;">Die nächstgelegene Stadt ist Xpujil, ein 4000-Seelen-Örtchen entlang des Highways zwischen den beiden Urlaubsorten Campeche und Chetumal. Einzelne Hotels und Restaurants sind vorhanden, dennoch ist Xpujil eher ein Zwischenstopp für müde LKW-Fahrer als ein Traveller-Treff. Aufgrund der günstigen Lage ist es trotzdem keine schlechte Idee, hier zu übernachten.</p>
<p style="text-align: justify;">Um zur Zufahrtsstraße nach Calakmul zu gelangen, ist man zunächst auf den örtlichen Nahverkehr angewiesen. Nur zweimal täglich besteht die Gelegenheit, öffentliche Busse abzupassen: Fünf Uhr in der Frühe und vormittags um elf. Letzterer ist keine Option, wenn man später nicht in Zeitnot geraten möchte. Zudem kann die Mittagshitze in diesen Breitengraden gnadenlos sein, sodass sich zeitiges Erscheinen lohnt.</p>
<p><div id="aesop-gallery-6889-3"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6889" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Viel Glück!&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Bus erscheint überraschend pünktlich. Während ich einsteige, stelle ich fest, dass ich der einzige Nicht-Mexikaner zu sein scheine. Keine Spur von weiteren Touristen. Nach knapp 40 Minuten Fahrt auf schnurgerader Straße hält der Fahrer entlang des Highways an und entlässt mich in die Morgendämmerung. „Hier ist der Zufahrtsweg nach Calakmul. Viel Glück!“</p>
<p style="text-align: justify;">Ich stehe vor einer alten Informationstafel, zwei baufälligen Hütten und einer Schranke, an der zwei Wächter stehen. „Dies hier ist der erste Kontrollpunkt, allerdings können wir dich noch nicht passieren lassen. Das Gelände öffnet erst in anderthalb Stunden“, geben sie mir zu verstehen. Ich frage, wie lange ein Fußmarsch dauern würde und bekomme verdutztes Grinsen entgegengebracht: „Nun, von hier aus sind es zwanzig Kilometer bis ins Biosphärenreservat – und vierzig weitere bis zur Ausgrabungsstätte.“</p>
<p style="text-align: justify;">Öffentlichen Transport zum Eingang der Anlage gäbe es keinen. Allerdings wissen die Schrankenwärter durchaus, dass nicht wenige Individualreisende den Weg nach Calakmul auf sich nehmen. „Bisher ist hier noch niemand hängen geblieben. Trampen ist kein Problem.“ So harre  ich in der Morgenkälte am Rande des Dschungels aus und hoffe auf baldige Erlösung.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Per Anhalter zur Ruine</h2>
<p style="text-align: justify;">Nach einiger Zeit erscheint das erste Auto. Die Insassen, ein amerikanisches Pärchen älteren Semesters, lassen mich nach kurzem Zögern in ihren Mietwagen einsteigen. Ich bezahle rund 20 Pesos – rund einen Euro – Wegzoll und befinde mich kurz darauf auf einer schmalen Straße, die immer weiter in den Dschungel hineinführt. Nach rund einer Stunde Fahrt entlang üppiger Vegetation ist das Eingangsschild von Calakmul zu erkennen. Der angrenzende Parkplatz ist weder groß noch belebt, lediglich zwei weitere Autos befinden sich hier. Endlich scheint die Morgensonne durch die Bäume.</p>
<p style="text-align: justify;">Drei verschiedene Routen führen über das Gelände: Kurz, mittel und lang, wobei letztere gut und gerne sieben Stunden in Anspruch nehmen kann. Ich entscheide mich für die mittlere Route. Sie deckt die wichtigsten Gebäude ab und führt vorbei an ehemaligen Palästen, Wohnsiedlungen und Zeremonialstätten. Trotz der enormen Ausmaße ist die Wegführung erstaunlich übersichtlich. Überall stehen Wegweiser, damit sich niemand in den Tiefen des Dschungels verirrt. Es ist beinahe wie in einem künstlich angelegten Park.</p>
<p style="text-align: justify;">Calakmul, gemäß dem historischen Namen „Chan“ auch als „Königreich der Schlange“ bezeichnet, lieferte sich mehrere erbitterte Kämpfe um die Vorherrschaft des Tieflandes. Der größte Rivale war dabei das hundert Kilometer entfernte Tikal im heutigen Guatemala, das Calakmul nach mehreren Kriegen schließlich in die Knie zwang. Zahlreiche Inschriften lassen darauf schließen, dass sowohl diese Kriege als auch interne Streitigkeiten den Einfluss des Imperiums nach dem siebenten Jahrhundert rapide verringerten. Bis zum Beginn des zehnten Jahrhunderts können Forscher die Geschichte der Stadt datieren, für die Jahre danach existieren keinerlei Belege mehr über deren Existenz.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wichtige Stelen</h2>
<p style="text-align: justify;">Besonders wichtig für die Historiker sind die 117 Stelen, die sich überall auf dem Gelände befinden und Aufschluss über die Geschichte der Dynastien geben. Viele dieser Stelen sind jedoch kaum noch entzifferbar, sodass über manche Ereignisse nur Vermutungen angestellt werden können. Mexikanische Projekte wie das Nationalinstitut für Anthropologie und Geschichte sorgen seit den 1980er Jahren dafür, dass die Ausgrabungen andauern und immer mehr Informationen über Calakmul zum Vorschein kommen.</p>
<p style="text-align: justify;">Heute befindet sich neben einigen Archäologen kaum eine Seele auf dem Gelände – nicht einmal Souvenirhändler. So kann ich mich voll und ganz darauf konzentrieren, die steilen Stufen der Ruinen zu erklimmen. Von oben zeigen sich die wahren Ausmaße des ehemaligen Imperiums: Soweit das Auge reicht: keine Siedlung, kein Haus, kein Sendemast. Nur scheinbar endloser Dschungel, aus dem punktuell Pyramiden und Tempel emporragen. Das mächtigste Bauwerk und gleichzeitig eines der größten der gesamten Maya-Welt ist „Struktur II“, eine 45 Meter hohe Pyramide. Sie wurde nach ihrer Errichtung mehrmals vergrößert und diente den Herrschern als Palastgebäude. Bislang wurden im Inneren der Pyramide vier Gräber entdeckt, unter anderem vom König Yuknoom Yich&#8217;aak K&#8217;ahk&#8216;, der Calakmul in seiner Blütezeit regierte.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Calakmul behält seine Geheimnisse</h2>
<p style="text-align: justify;">Das dichte Blätterdach lässt mich nur mutmaßen, wie viel von dieser riesigen Stätte noch freizulegen ist. Neben den rund 6.000 Bauwerken, die die Ausgrabungen bereits zu Tage gebracht haben, ist eine unbekannte Anzahl weiterer Strukturen noch immer von dichter Vegetation überwuchert. Wie viele es sein mögen, weiß niemand. Auch die tatsächliche Einwohnerzahl lässt die Forscher derzeit noch spekulieren. Man geht davon aus, dass 50.000 Menschen im Siedlungsgebiet lebten – und 100.000 weitere im unmittelbaren Umkreis. Aufgrund der schieren Größe des Geländes ist ein Vielfaches jedoch nicht unwahrscheinlich.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach rund fünf Stunden erreiche ich erschöpft wieder den Eingang – im Bewusstsein, nur einen Teil des Geländes ausgekundschaftet zu haben. Für den Rückweg bietet mir ein Mitarbeiter eine Fahrt zurück an. Er bringt mich bis zum Ende der Zufahrtsstraße und verlangt bis Xpujil einen saftigen Aufpreis, den ich dankend ablehne. Glücklicherweise wird der Highway von vielen Pendlern frequentiert, sodass mich schon nach kurzer Zeit ein Einheimischer in seinem Sportwagen mitnimmt. Glück gehabt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die teilweise von Ungewissheit geprägte An- und Abfahrt waren dieses Erlebnis definitiv wert. Auch wenn bislang nur ein Bruchteil von Calakmul erforscht wurde, herrscht eine einzigartige Atmosphäre auf dem Gelände. Die Zukunft wird zeigen, wie viel Informationen über die Geschichte des Schlangenkönigreichs noch zum Vorschein kommen – und wie viele Besucher es noch anziehen wird.</p>
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		<title>Ruhe jetzt!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 02 Sep 2017 20:52:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Steve Przybilla]]></category>
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					<description><![CDATA[Kein Internet, kein Radio, keine Handys: In West Virginia befindet sich das größte Funkloch der USA. Die staatlich verordnete „stille Zone“ entwickelt sich zu einem Zufluchtsort für alle, die abschalten wollen. Oder müssen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ruhe-jetzt/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Kein Internet, kein Radio, keine Handys: In West Virginia befindet sich das größte Funkloch der USA. Die staatlich verordnete „stille Zone“ entwickelt sich zu einem Zufluchtsort für alle, die abschalten wollen. Oder müssen. </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Irgendwo im Wald, auf der State Route 28, endet die Zivilisation. Das Handy-Display blinkt warnend auf, weil kein Netz mehr verfügbar ist. Im Radio nur noch Rauschen. Im Tal thront eine mächtige Ranch: zwei Korbsessel auf der Veranda, daneben die Hollywoodschaukel. Auf Rasenmähern, die so groß wie Traktoren sind, sitzen Männer im Rentenalter. Sie tragen Schirmmützen, Holzfällerhemden, Jeans und Turnschuhe. Die Bärte lang, die Haut ledern vom rauen Klima. Hillbillies nennen sie solche Menschen in Amerika. Hinterwäldler. Landeier.</p>
<p style="text-align: justify;">In den Hügeln von West Virginia leben besonders viele Hillbillies. Schon ihre Väter haben versucht, die Natur zu bezwingen. Und vor ihnen ihre Großväter. Die Wälder, die heute so urzeitlich wirken, wurden im 19. Jahrhundert fast komplett abgeholzt. Später kam der Bergbau hinzu, dann die Eisenbahn. Doch die Natur ist stark, sie kämpft sich schnell an die Oberfläche zurück. Wie bei den Autowracks, die am Straßenrand stehen, rostig und überwuchert von Enzian. Bedeckt mit Laub, das im gleichen Gelb schimmert wie der Mittelstreifen des Highways.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Zeit scheint still zu stehen in diesem einsamen Landstrich. West Virginia, einst der Stolz der amerikanischen Kohleindustrie, ist heute einer der ärmsten Bundesstaaten des Landes. Vor allem junge Leute hält hier nichts. Wer es sich leisten kann, geht aufs College. Die anderen suchen sich Jobs an der Ostküste. So droht eine ganze Gegend auszubluten. Straßen bröckeln, Fabriken schließen, Häuser vergammeln. Diejenigen, die bleiben, sind oft frustriert, kochen Crystal Meth oder moonshine (selbst gebrannten Schnaps) in ihren Waldhütten. „Keine Lust mehr, Fünfzigster zu sein?“, fragt ein Wahlplakat am Straßenrand. Eine Anspielung auf West Virginias Rang unter den 50 Bundesstaaten. Im Gras daneben steckt ein Schild mit nur zwei Worten: Vote Trump. Wählt Trump.</p>
<p style="text-align: justify;">Dabei wäre das touristische Potenzial eigentlich riesig. Eigentlich, weil die markanteste Attraktion bislang gar nicht beworben wird. Eine Attraktion, die in der westlichen, von Reizüberflutung geprägten Welt wirklich einmalig ist: Stille. Und das per Gesetz. Die Rede ist von der „National Radio Quiet Zone“, ein staatlich verordnetes Funkloch von der Größe Nordrhein-Westfalens. Wer die Quiet Zone betritt, schaltet das Handy am besten aus. Es funktioniert sowieso nicht. Auch drahtloses Internet ist tabu. Im Radio empfängt man, wenn überhaupt, nur einen einzigen Sender: WVMR, der Sound der Berge.</p>
<p style="text-align: justify;">Verantwortlich für das Funkloch ist das Green Bank Telescope (GBT) im gleichnamigen Örtchen. Es ist das größte bewegliche Teleskop der Welt: 148 Meter hoch, fast doppelt so groß wie die Freiheitsstatue. Zwischen Farmhäusern und Kuhwiesen ragt die Satellitenschüssel in den Himmel. Das GBT ist eine staatliche Einrichtung, die sich mit dem Urknall befasst, mit der Geburt von Sternen, mit schwarzen Löchern, Photonen und der Möglichkeit außerirdischen Lebens. Um ins All zu horchen, braucht das GBT vor allem eines: Ruhe. Funkwellen von Handymasten, Radiosendern oder drahtlosen Netzwerken würden die Messungen empfindlich stören oder ganz unmöglich machen. Daher das Funkloch.</p>
<p><div id="attachment_6873" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-6873" data-id="6873"  src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-600x400.jpg" alt="Das Teleskop in Green Bank würde durch Funkwellen gestört werden. (Foto: Steve Przybilla)" width="600" height="400" class="size-medium wp-image-6873" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-1200x798.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-400x267.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2.jpg 1700w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /><p id="caption-attachment-6873" class="wp-caption-text">Das Teleskop in Green Bank würde durch Funkwellen gestört werden.<br />(Foto: Steve Przybilla)</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">Die stille Zone existiert schon seit 1958. Als Reiseziel gewinnt sie aber erst seit wenigen Jahren an Bedeutung, weil es immer mehr Menschen gibt, die dem Online-Wahn entfliehen möchten. Endlich mal kein Facebook, kein Whatsapp, kein Snapchat. Und erst recht kein Selfie-Stick. Was für viele wie der blanke Horror klingen mag, war für Diane Schou die Rettung. Die Rentnerin – Brille, Buntfaltenhose, lange graue Haare – zog vor neun Jahren nach Green Bank. „Ich wollte dem Elektrosmog entfliehen“, sagt sie. „In meiner Heimat Iowa hatte ich Kopfschmerzen, Bluthochdruck und Stiche in der Brust. Alles Symptome, die in meinem Alter gefährlich werden können.“ Wie alt sie ist, verrät Schou nicht, wahrscheinlich Mitte 60. Einen Satz wiederholt sie dafür gleich mehrfach: „Ich bin nicht verrückt. Und es gibt immer mehr von uns.“</p>
<p><div id="attachment_6861" style="width: 431px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-6861" class="size-medium wp-image-6861" src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-421x600.jpg" alt="Diane Schou ist nach Green Bank gezogen, um elektromagnetischer Strahlung zu entfliehen (Foto: Steve Przybilla)" width="421" height="600" data-id="6861" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-421x600.jpg 421w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-768x1093.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-843x1200.jpg 843w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-600x854.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-105x150.jpg 105w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-400x570.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6.jpg 1194w" sizes="(max-width: 421px) 100vw, 421px" /><p id="caption-attachment-6861" class="wp-caption-text">Diane Schou ist nach Green Bank gezogen, um elektromagnetischer Strahlung zu entfliehen (Foto: Steve Przybilla)</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">Uns – gemeint sind Menschen, die unter Elektrosmog leiden. Schou hat für sie eine „Rettungsstation“ (wie sie sagt) aufgebaut: einen Campingplatz am Rande von Green Bank, ausgestattet mit Holzhütten, Grillstelle und Dixi-Klo. Fließendes Wasser gibt es nicht, auch keinen Strom. „Für viele ist die Umstellung erst mal ein Schock“, erzählt Schou. Die meisten „Flüchtlinge“ kämen direkt aus den Metropolen, aus New York, Washington oder Miami. Manchmal sogar aus Europa. Doch es ist nicht einfach, das Zusammentreffen von linksliberalen Smartphone-Junkies und kauzigen Hillbillies. Die meisten „Flüchtlinge“ bleiben nicht lange. Sie gönnen sich eine kurze Auszeit in Green Bank und fahren wieder nach Hause, um ihre E-Mails zu checken.</p>
<p style="text-align: justify;">Diane Schou aber möchte nie wieder weg. „Das ist der einzige Ort, an dem meine Krankheit besser wird“, sagt Schou, während sie verträumt in die Herbstsonne schaut. Sie selbst habe jahrelang in einem Faraday’schen Käfig gelebt, um sich vor elektromagnetischer Strahlung zu schützen. „Manche Leute denken, wir seien verrückt“, meint Schou. „Aber dachte man früher nicht auch, Rauchen sei unbedenklich? Und warum werden bei uns so viele Menschen von der Polizei erschossen? Weil der Stress zunimmt. Immer mehr.“</p>
<p style="text-align: justify;">Im Dorf reagieren die Einwohner gemischt auf die ältere Dame und ihre Besucher. Die einen mögen sie, weil sie frischen Wind in die 150-Seelen-Gemeinde bringen. Die anderen verdrehen genervt die Augen, wenn sie an Begegnungen mit den Neubürgern denken. Weil sie in der Kirche aufstehen und den Pfarrer bitten, das Funk-Mikrofon auszuschalten. Oder den Tankwart beknien, die schädlichen Neonröhren doch endlich mal wegzuwerfen. Und die elektrische Heizung am besten gleich mit. All das verursache schließlich Strahlung.</p>
<p style="text-align: justify;">„Manche von denen sind schon ein wenig durchgeknallt“, sagt Sherry Chestnut. Die 53-Jährige arbeitet bei „Trent’s General Store“, einer Mischung aus Tante-Emma-Laden, Tankstelle und Mini-Baumarkt. In letzter Zeit hat sie viele Besucher kommen und gehen sehen. „Die meisten halten es hier nicht lange aus“, sagt sie. „Die hängen zu sehr an ihren Geräten.“ Und die Einheimischen? „Mich stört das Funkloch überhaupt nicht“, antwortet Chestnut ohne zu zögern.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch ihre junge Kollegin Debbie vermisst nichts. „Ich bin in Washington aufgewachsen und vor fünf Jahren hergekommen“, sagt die 25-Jährige. „Wenn ich mit Freunden rede, sind die erst mal schockiert. Kein WLAN, kein Smartphone – wie soll das denn gehen?“ Ein Facebook-Profil hat sie trotzdem. „Aber das checke ich einmal am Tag – abends, am PC.“</p>
<p style="text-align: justify;">Das Leben in der Quiet Zone verläuft ruhiger, ursprünglicher. Das ist nicht das Amerika, das über geschlechtsneutrale Toiletten und beleuchtete Radwege diskutiert. In diesem Amerika regiert der Pick-up-Truck. Eine Gegend, in der (mit Ausnahme von Schulbussen) erst gar kein öffentlicher Nahverkehr existiert. Eine Gegend, in der man Shoppingmalls und Multiplex-Kinos bestenfalls aus dem Fernsehen kennt. Vor den Kneipen hängen Banner, die Jäger willkommen heißen. In diesem Hinterland, wo der Sheriff eine halbe Stunde zum Einsatzort braucht, besitzt sowieso jeder eine Waffe.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit solchen Mitbürgern wollen es sich die Wissenschaftler am GBT nicht verderben. Jonah Bauserman (37) sitzt in einem mit Technik vollgestopften Geländewagen. Wo sich normalerweise der Beifahrersitz befindet, stapeln sich Radioempfänger, GPS-Peilgeräte und Laptops. Bausermans Aufgabe ist es, illegale Funkquellen in Green Bank aufzuspüren. „Radio Police“ nennen das die Einheimischen scherzhaft, aber nicht zu Unrecht. Denn er weiß genau, in welchem Haus sich ein drahtloser Drucker, ein schnurloses Telefon oder ein Router befindet. Momentan gebe es 100 illegale WLAN-Netze in Green Bank, sagt Bauserman – in einem Ort mit 150 Einwohnern. „Ich melde das meinen Vorgesetzen“, erklärt der Techniker. „Aber das war’s dann auch. Es klopft niemand von uns an die Haustür und ruft: ,Mach mal dein Internet aus.‘“</p>
<p><div id="attachment_6869" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-6869" class="size-medium wp-image-6869" src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-600x391.jpg" alt="Jonah Bauserman sucht illegale Wlan-Netze (Foto: Steve Przybilla)" width="600" height="391" data-id="6869" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-600x391.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-768x501.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-1200x783.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-150x98.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-1250x815.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-400x261.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3.jpg 1700w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /><p id="caption-attachment-6869" class="wp-caption-text">Jonah Bauserman sucht illegale Wlan-Netze (Foto: Steve Przybilla)</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">Existiert die Quiet Zone also nur auf dem Papier? „Überhaupt nicht“, betont Bauserman. „Rein rechtlich könnten wir den Bezirksstaatsanwalt damit beauftragten, die Netze stillzulegen. Aber ich habe keine Lust, mit einer kugelsicheren Weste durch den Ort zu laufen.“ Ein schmales Lächeln zeichnet sich auf den Lippen des Technikers ab, aber es bleibt offen, wie ernst er den Satz meint. Dann könne er sich auch gleich selbst anzeigen, meint Bauserman. „Ich habe zu Hause eine Nintendo Wii. Und die ist schließlich auch internetfähig.“</p>
<p style="text-align: justify;">Verglichen mit anderen Gegenden ist die Quiet Zone trotzdem eine Insel der Ruhe. Selbst Urlauber müssen sich auf die besonderen Gegebenheiten einstellen. Im „Inn at Snowshoe“, einem Motel für Wintersportler, gibt es kein Internet in den Zimmern – normalerweise ein Reklamationsgrund, hier einfach ein Teil des Lebens. Ganz loslassen können oder wollen die meisten aber dann doch nicht. Im Frühstücksraum sitzen selbst am späten Abend noch Gäste, die Smartphones liebevoll in der Hand. Ihre Hoffnung: Vielleicht reicht das WLAN, das es zumindest an der Rezeption gibt, ja doch ein paar Meter weiter.</p>
<p style="text-align: justify;">Selbst die NSA würde sich an der stillen Zone die Zähne ausbeißen. In der Krimiserie „Person of Interest“ flieht eine ehemalige Regierungsmitarbeiterin nach Green Bank, um der staatlichen Überwachung zu entkommen. Verräterische Handy-Signale, angezapfte Webcams, Fitnessarmbänder mit GPS-Sensor – all das gibt es in der Zone schließlich nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Frage ist nur: Was bringt dem Bundesstaat die kostenlose Werbung im Fernsehen? Lockt sie eine neue Zielgruppe an oder vergrault sie alle anderen? Die Tourismusbehörde hadert noch, wie sie mit dem Ruhe-Potenzial umgehen soll. Was, wenn die Menschen ihr Handy eben doch nicht zur Seite legen wollen, sei es auch nur für einen Tag? Oder das Land überrannt wird von Menschen wie Diane Schou, die am liebsten sogar die Elektroheizung abschalten würden?</p>
<p style="text-align: justify;">Am Nachmittag bricht ein heftiges Unwetter über West Virginia herein. Das Wasser rauscht die Berge hinunter, mehrere Straßen werden überflutet. Nach einem Blitzschlag ist auch noch der Fernseher tot, der letzte Draht zur Außenwelt. Ein Grund zum Verzweifeln? Anderswo vielleicht, aber nicht in der Quiet Zone. Kaum bricht die Dunkelheit an, versammelt sich das gesamte Dorf im „Fiddlehead“, einer Musikkneipe, in der deftige Steaks und noch deftigere Anmachsprüche serviert werden. Nachdem die ersten Biergläser leer sind, versuchen sich die Einheimischen im Karaoke. Der Gesang ist scheußlich, doch das stört an diesem Abend niemanden. Wieso auch? Im Internet wird das Spektakel ja so schnell nicht landen.</p>
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		<title>Highle Welt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Apr 2017 13:11:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Denver]]></category>
		<category><![CDATA[Drogen]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Legalisierung]]></category>
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		<category><![CDATA[Steve Przybilla]]></category>
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					<description><![CDATA[Seit im US-Bundesstaat Colorado das Kiffen erlaubt ist, boomt der Cannabis-Tourismus. Besonders beliebt: Organisierte Rundfahrten, inklusive Joint und Bierdose.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/highle-welt/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Seit im US-Bundesstaat Colorado das Kiffen erlaubt ist, boomt der Cannabis-Tourismus. Besonders beliebt: Organisierte Rundfahrten, inklusive Joint und Bierdose.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Fahrt im Cadillac startet mit einem kräftigen Zug – nicht am Bong (das kommt später), sondern an der Schublade mit den Wasserflaschen. „Vergesst nicht, zwischendurch immer etwas zu trinken“, sagt Timothy Vee, ein groß gewachsener Mittvierziger, der früher als Restaurant-Manager gearbeitet hat. Heute betreibt Vee ein anderes Geschäft. Als Inhaber von „Colorado Highlife Tours“ kutschiert er Marihuana-liebende Touristen in einer Luxuslimousine durch Denver. Wobei kutschieren das falsche Wort ist. Vee lässt fahren. Er selbst fläzt sich auf die gepolsterten Ledersitze, dreht die Musik auf und steckt sich den ersten Joint an. Die Kaffeefahrt für Kiffer hat begonnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist eng im Cadillac. Obwohl das Gefährt zwölf Meter lang ist, stoßen die Insassen mit dem Kopf gegen die Decke. Die Mitfahrer – fünf Männer und eine Frau – sitzen sich Knie an Knie gegenüber. Doch das stört an diesem Nachmittag niemanden. Schon fünf Minuten nach der Abfahrt wabert dichter Rauch durch den Innenraum, ein Joint macht die Runde. Im Sektkühler liegt eine Wasserpfeife; die Champagnergläser dienen als Aschenbecher. Durch die Lautsprecher dröhnt Bob Marley. Als der Cadillac durch ein Schlagloch rumpelt, muss der erste Mitfahrer rülpsen. „Dass ihr mir ja nicht ins Auto kotzt“, sagt Tourguide Vee mit gespielt ernster Miene. „Das habe ich schließlich auch nur geliehen. Oder meint ihr etwa, ich könnte mir so eine Karre leisten?“</p>
<h2 style="text-align: justify;">USA öffnen sich für Marihuana</h2>
<p style="text-align: justify;">Noch vor wenigen Jahren wären Ausflüge wie dieser undenkbar gewesen. Eine Kontrolle durch die Polizei, und schon hätten die Teilnehmer nicht nur ihren Joint, sondern auch jede Menge Geld verloren – wenn nicht sogar ihre Freiheit. Doch seit einiger Zeit dreht sich in den USA der Wind, was den Umgang mit Marihuana angeht. Immer mehr Bundesstaaten wenden sich vom Totalverbot ab und erlauben zumindest in kleinen Mengen den privaten Konsum.</p>
<p style="text-align: justify;">Am liberalsten geht es in Colorado zu, wo seit 2012 nicht nur zu medizinischen Zwecken, sondern auch zum privaten Vergnügen gekifft werden darf. Einheimische wie Touristen können sich in offiziellen Abgabestellen, den sogenannten Dispensaries, mit allem eindecken, was das Kifferherz begehrt. Zumindest solange die Menge von 28 Gramm nicht überschritten wird. Der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit, agiert also gewissermaßen als Dealer. Allein 2015 hat die Cannabis-Industrie in Colorado fast eine Milliarde Dollar Umsatz gemacht.</p>
<p style="text-align: justify;">Für viele Amerikaner ist der Bundesstaat daher das gelobte Land. Längst klagen die Nachbarstaaten Nebraska und Oklahoma darüber, dass massenhaft „Gras“ über die innerstaatlichen Grenzen geschmuggelt wird. Bisher ohne Erfolg: Der Oberste Gerichtshof verwarf erst Ende März 2016 eine Beschwerde, die gegen Colorados Marihuana-Gesetz eingereicht worden war.</p>
<p><div id="aesop-gallery-6687-4"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6687" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-11.jpg" data-caption="Don&#039;t kiff and drive:  Timothy Vee verdient sein Geld mit Kiffer-Fahrten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-7.jpg" data-caption="Das winterliche Kifferparadies Denver im US-Staat Colorado." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-12.jpg" data-caption="Das Symbol der Hanfpflanze sieht man im US-Staat Colorado immer öfter. Anders als im großen Rest der USA ist Cannabis hier legal und der Tourismus boomt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-2.jpg" data-caption="Wie das duftet! Cannabis-Touristin Stacy schnüffelt am guten Stoff." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-3.jpg" data-caption="Warp 9, Energie. Die Kiffer-Limousine bringt ihre Passagiere zu neuen Bewusstseins-Erfahrungen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-6.jpg" data-caption="Rauchmelder offline: Unterwegs in der Kiffer-Limousine." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-8.jpg" data-caption="Hier gibt&#039;s Gras." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-4.jpg" data-caption="Schusswaffen verboten: Der Hintereingang zu einem Cannabis-Laden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-9.jpg" data-caption="Justin Hinderson verkauft Cannabis-Produkte. Im US-Staat Colorado darf er das, doch auf Bundesebene ist das illegal. Seine Steuern muss er deswegen in bar zum örtlichen Finanzamt tragen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-10.jpg" data-caption="Haschkekse enthalten besonders viel THC." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-5.jpg" data-caption="Ein Cannabis-Tourist bewundert den Entstehungsprozess seiner Droge." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt.jpg" data-caption="Cannabis gehört in vielen US-Metropolen zum Lifestyle. Selbst Kochbücher sind nichts ungewöhnliches." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Steve Przybilla</p></div></p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Liebe meines Lebens: der Joint</h2>
<p style="text-align: justify;">Während die Luft im Cadillac immer dicker wird, erzählen sich die Mitfahrer ihre Leidensgeschichten. „Zu Hause kann man höchstens in einer stillen Ecke rauchen“, meint die 21-jährige Stacey, die aus Wisconsin kommt und ihren Nachnamen lieber nicht nennen möchte. Aus „Angst vor Stigmatisierung“, wie sie sagt. Ihr Freund Ken (23) berichtet, er sei in der Highschool das erste Mal high gewesen: „Der Joint wurde die Liebe meines Lebens. Das war ein wahnsinniges Gefühl.“ Michael Rosales, ein 35-jähriger Reisegruppenleiter aus Hawaii, steht zu seinem Drogenkonsum. „Ich kiffe einfach überall: am Strand, an der Bushaltestelle, auf dem Bürgersteig. Und wisst ihr was? Mich hat noch niemand angehalten. Sie können uns schließlich nicht alle verhaften!“</p>
<p style="text-align: justify;">Als die Limousine ihren ersten Stopp einlegt, fällt das Aussteigen schwer. „Ich bin so was von zugedröhnt“, kichert ein junger Mann mit Jamaika-Mütze, der sich selbst Angel nennt. Auch Tourguide Vee spricht nun etwas langsamer, auch wenn er sich Mühe gibt, die Contenance zu wahren. Schließlich waren die Tütchen im Auto nur ein erster Vorgeschmack.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Staat freut sich über Kiffer-Steuer</h2>
<p style="text-align: justify;">Bei „3D“, einer der vielen offiziellen Cannabis-Plantagen in Denver, können die Tourteilnehmer den Entstehungsprozess ihrer Droge beobachten. Ein Anblick wie aus einem Polizeibericht, nur dass er hier legal ist. Hinter dickem Glas sind Hunderte von Pflanzen zu sehen, die unter gelblichem Licht gedeihen. „Unglaublich, wie viel Geld dem Staat früher entgangen ist“, meint Derrick Davis (32), der als Botaniker in der Plantage arbeitet. „Gekifft haben die Leute schon immer, aber jetzt kann das Geld sinnvoll eingesetzt werden.“ Allein im Jahre 2015 hat Colorado rund 135 Millionen Dollar an Marihuana-Steuern eingenommen. Ein Großteil des Geldes fließt in Schulen, aber auch in Kampagnen gegen Drogenmissbrauch – und in Entzugskliniken.</p>
<p style="text-align: justify;">Zurück im Cadillac setzt Timothy Vee seine Brille auf. „Wenn ihr kifft wie ich, ist das Sehvermögen nicht mehr so gut“, sagt der Tourguide und lacht über seinen eigenen Witz. Dann dreht er das Gebläse hoch, um den Kopf wieder freizubekommen. Der eingebaute Disco-Laser und das Bob-Marley-Gedudel sind ihm nun nicht mehr geheuer. Doch ein Joint geht immer. Schnell unterhalten sich wieder alle über ihre Lieblingsprodukte. Die Gespräche drehen sich um Haschkekse, Schmerzlinderung durchs Kiffen und Cannabis-Farmer, die ihre Pflanzen mit verbotenen Pestiziden besprühen. Den Tipp mit den Wasserflaschen beherzigt kaum jemand. Stattdessen zischen die Bierdosen, die in den Kühlfächern der Stretch-Limousine lagern.</p>
<p style="text-align: justify;">In einem Außenbezirk von Denver kommt der Cadillac erneut zum Stehen. Ein Mann mit Krawatte und weißem Hemd öffnet die Tür. Er stellt sich als Chauffeur vor. Für solche Details haben die Fahrgäste freilich keine Augen. Sie wollen lieber die 10.000-Dollar-Bongs sehen, die in der Glasbläserei „Illuzions“ dargeboten werden – alles Anfertigungen lokaler Künstler, wie die Verkäufer betonen. Gleich nebenan liegt „Peak“, eine Abgabestelle, in der am Eingang erst mal die Ausweise kontrolliert werden. Genau wie Alkohol ist Marihuana unter 21 Jahren nämlich tabu, Legalisierung hin oder her.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kiffen als Ventil</h2>
<p style="text-align: justify;">Innen wirkt die Dispensary wie eine Mischung aus Tante-Emma-Laden und Apotheke. Im Regal reihen sich Glasbehälter mit Cannabis-Produkten in allen Formen und Farben; ein unverkennbarer Geruch liegt in der Luft. Hinter der Ladentheke plaudert Eigentümer Justin Hinderson persönlich mit seinen Kunden. „Das Arbeitsleben in den USA ist so hart, da braucht man ab und zu ein Ventil“, sagt er und klagt über bürokratische Hürden, die seine Branche immer noch ausstehen müsse. „Weil Cannabis auf Bundesebene illegal ist, dürfen wir kein Konto eröffnen“, erzählt der Geschäftsmann. Einmal im Jahr müsse er deshalb bis zu 60.000 Dollar an Steuern zum Finanzamt bringen. Und zwar in bar.</p>
<p style="text-align: justify;">Längst toben die Diskussionen darüber, wie weit man die Legalisierung noch treiben darf. In einer Umfrage, die das Gesundheitsministerium von Colorado im Sommer 2015 veröffentlichte, gaben fast 13,6 Prozent aller Befragten an, regelmäßig zu kiffen. Das ist fast doppelt so hoch wie der amerikanische Durchschnittswert, der zuletzt 2013 erhoben wurde. Während religiöse Gruppen und Ärzte eher zur Zurückhaltung mahnen, prescht vor allem die Tourismus-Industrie weiter vor. Hotels bieten Kiffer-freundliche Räume an, in Denver steigt ein jährliches „Highlife-Festival“, und Timothy Vee ist längst nicht der Einzige, der rauchige Rundfahrten anbietet.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Vergessen verboten</h2>
<p style="text-align: justify;">Nach drei Stunden hält die Limousine wieder in der Innenstadt von Denver. „Das ist fast wie Amsterdam“, jauchzt Angel, als er im Zeitlupentempo aussteigt. „Am besten, ihr raucht das Zeug ziemlich schnell auf“, rät Tourguide Vee, denn jenseits von Colorado ist Marihuana nach wie vor verboten. Wobei es für vergessliche Kiffer eine Notlösung gebe. „Am Flughafen stehen Amnestie-Boxen“, erklärt Vee. „Wenn ihr euer Zeug bis dahin immer noch bei euch habt, ist das eure letzte Chance.“</p>
<p style="text-align: justify;">Mit einem Winken schlägt der Profi-Kiffer die Tür des Cadillacs hinter sich zu. Dann ist er so schnell wieder weg, wie er gekommen war. Nur die Abgaswolke hängt noch einige Zeit zwischen den Häusern.</p>
<p style="text-align: justify;"><a href="https://www.startnext.com/unitedstatesoffood"><em>Wer mehr USA-Reportagen von Steve lesen möchte, kann ihn hier bei seiner Crowdfunding-Kampagne unterstützen!</em></a></p>
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		<title>Die letzten Trapper von Alaska</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Mar 2017 05:08:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Alaska]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Tilo Mahn]]></category>
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					<description><![CDATA[Mike und Nate Turner glauben an ein Leben im Einklang mit der Natur. In der Weite und Abgeschiedenheit Alaskas wollen Vater und Sohn das harte und ursprüngliche Leben der alten Trap­per und Jäger führen – im Kampf mit der Natur. Doch ihre Reise in die einsame Wildnis macht sie zu Entdeckern und  Lebensphilosophen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-letzten-trapper-von-alaska/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Mike und Nate Turner glauben an ein Leben im Einklang mit der Natur. In der Weite und Abgeschiedenheit Alaskas wollen Vater und Sohn das harte und ursprüngliche Leben der alten Trap­per und Jäger führen – im Kampf mit der Natur. Doch ihre Reise in die einsame Wildnis macht sie zu Entdeckern und  Lebensphilosophen.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Als er das knarzende Geräusch aus dem Lautsprecher hört, drückt Mike Turner sein Ohr fest gegen die Plastikoberfläche des Funkgeräts. Er lauscht, bis er die Wortfetzen der kratzigen Stimme seines Sohnes aus dem Lautsprecher deutlicher versteht. »Ich bin auf dem Weg zum Nowitna River, muss vor Sonnenuntergang noch da sein.« Zwischen den abgehackten Wortstücken dröhnt, langsam näher kommend, ein Flugzeugmotor über den Baumwipfeln. Mike hat die rote Cessna seines Sohnes schon lange vorher gehört. Sofort ist er vor die Tür gegangen und hat zum Funkgerät gegriffen. »Fran hat Abendessen gekocht. Willst du nicht kurz landen?« Sein Blick aus den tiefen blauen Augen, umzogen von Lachfalten und dunklen Rändern, bleibt am Horizont über dem Flussufer haften. Mike Turner hat gewartet: Auf seinen Sohn, auf Kontakt zur Außenwelt, Neuigkeiten aus der alaskischen Wildnis. »Sorry, Dad, das wird heute zu knapp, ich fliege gleich weiter«, antwortet die Stimme aus dem Funkgerät, gerade als das winzige Wasserflugzeug keine 50 Meter über dem Flussufer in einer Schleife über die Bäume hinweg zieht.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Niemand außer dir</h2>
<p style="text-align: justify;">In Mike Turners Blockhütte am Ufer des Kantishna River sind Besucher selten. Hier lebt er 120 Flugmeilen entfernt von der nächsten größeren Stadt Fairbanks mit seiner zweiten Frau Fran im Nirgendwo von Alaska. Der Funkspruch aus dem Flugzeug ist seit Tagen die erste Nachricht von Mikes Sohn Nate. Das Leben hier im Busch, wie die wenigen Bewohner den Ort hier nennen, fernab von Straßen, Städten und Stromleitungen, gibt einen anderen Rhythmus vor. Stille bestimmt den Tag. In ihrem ersten Winter haben Mike und Nate Turner vier Monate lang keinen anderen Menschen gesehen. Das war vor über 30 Jahren, als sich Vater und Sohn entschieden hatten, eine alte Trapperhütte mitten im alaskischen Busch zu kaufen und zu ihrem Zuhause zu machen.</p>
<p style="text-align: justify;">»Man kommt in dieses riesige Land, und außer dir ist im Umkreis von Meilen wirklich niemand. Das wird dir schlagartig klar. Damit muss man erstmal zurechtkommen«, erzählt Mike Turner in seinem einsamen Heim, umgeben von penibel aufgereihten Schneeschuhen, zerschlissenen Hosen, die zum Trocknen aufgehängt wurden, und blechernen Töpfen, die an der Wand lehnen. Er denkt lange nach, bevor er weiterspricht. Sein Schaukelstuhl knarrt und schabt auf dem Holzboden. Die Schlittenhunde Vern und Lissi tapsen durch die Küche gleich gegenüber. Sonst ist da nichts. Mike Turner versinkt in der Ruhe des Erzählens. »Wir Alaskaner brauchen Stille. Wir brauchen viel Platz, einen riesigen Garten und unsere Freiheit. Denn Alaskaner sind sehr spezielle Individuen. Sogar die, die in der Stadt leben.«</p>
<p style="text-align: justify;">Auf dem Grundstück der Turners steht zwischen Kartoffelacker, Salatbeeten, Gewächshaus und hochgestelzter Vorratskammer bis heute die ursprüngliche Hütte, in der alles begann. Man muss sich tief bücken, um durch den niedrigen Eingang der Holztür zu treten und einzutauchen in Mikes und Nates Geschichte. »Während der gesamten Fahrt hierher hat mir mein Vater eingetrichtert, dass wir etwas tun werden, von dem andere Leute behaupten, dass es gar nicht mehr getan werden kann«, erzählt Nate Turner, als er am nächsten Morgen die vergilbten Vorhänge aufzieht, um etwas Licht durch die winzigen Glasfenster einzulassen. »Viele der alten Trapper hatten damals ihr Glück in kleinen Städten, ihr Leben in Kasinos, im Tourismus oder im Alkohol gefunden. Die meisten Blockhütten an den Flussufern und den Hängen der Hügel waren verwahrlost und verlassen.«</p>
<p style="text-align: justify;">Zwischen einem Holzofen, drei Betten und einem Küchenbord mit Campinggeschirr verbrachten die Turners ihre ersten Jahre. Der heute 75-jährige Vater Mike wollte alles hinter sich lassen, vor allem die alte Farm, dann seine Scheidung, außerdem die harte Schufterei auf der Farm. Zusammen mit seiner ersten Frau hatte Turner im Bundesstaat New York die Milchfarm seines Vaters betrieben.</p>
<p style="text-align: justify;">Die gemeinsamen Söhne Mat und Nate sind wie ihr Vater an der Ostküste der USA geboren und hatten ihr Leben bis dahin auf dem Land, am Rande der Stadt Syracuse, verbracht. Als der Vater sich mit seinen Söhnen vor über 30 Jahren auf den Weg nach Alaska machte, kannten die drei niemanden. Nach tagelangem Suchen fanden sie den Verkäufer einer Trappline – der Route, an der entlang ein Trapper seine Fallen aufstellt. Sie sollte ihre Lebensgrundlage werden.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Verkäufer drückte ihnen zur Begrüßung eine Karte in die Hand. Ein Netz aus Strichen: Lauter verwachsene Trails, die sich über Meilen hinweg entlang der Baumnarben als Markierungen durch die Wildnis zogen. Fortan bestimmte Trappen im Winter den Alltag der Turners. Beim Schneisen schlagen durch das Dickicht der kahlen Bäume, deren Äste die alten Zugänge über den Sommer häufig komplett zu gewuchert hatten, durchtrennte sich Nate Turner beim Bäume fällen mehrere Muskelsehnen seines linken Oberarms. Ärztliche Versorgung? Fehlanzeige. »Hier sind wir auf uns gestellt.«</p>
<p><div id="aesop-gallery-6662-5"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6662" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-10.jpg" data-caption="Drei Trapper-Generationen: Mike Turner und sein Sohn Nate und dessen Sohn." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-31.jpg" data-caption="Mit dem Kanu fährt der Trapper zum Jagdcamp." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-5.jpg" data-caption="Die Trapperhütte im Winter." alt=""><img src="" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-17.jpg" data-caption="Mike Turners Blockhütte in der kurzen, warmen Jahreszeit." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-19.jpg" data-caption="Statt Menschen haben die Turners Wildtiere als Nachbarn, wie diesen Elch." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-20.jpg" data-caption="Der Mount Denali vom Fluss Kantishna aus gesehen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-23.jpg" data-caption="Die Cessna ist das wichtigste Transportmittel für die Turners." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-33.jpg" data-caption="Mike Turner und seine Frau Fran am Flugzeug." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska.jpg" data-caption="Mike Turner in seiner Trapperhütte." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-12.jpg" data-caption="Dank des Gewächshauses haben die Turners das ganze Jahr über Gemüse." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-14.jpg" data-caption="Der Denali Nationalpark in Alaska." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-4.jpg" data-caption="Ein Biber ist in Turners Falle getappt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-34.jpg" data-caption="Hier hat Turner den gefangenen Biber aufgehängt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-29-1.jpg" data-caption="Alaska im Herbst." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Tilo Mahn</p></div></p>
<h2 style="text-align: justify;">Eine Chance</h2>
<p style="text-align: justify;">Einige Wochen Pause, warten, weiterarbeiten. Bei Minus dreißig Grad Celsius fuhren Mike und Nate Turner Winter für Winter mit dem Holzschlitten über die vereisten Flüsse, Hügel hinauf und hinab. Immer auf der Suche nach geeigneten Plätzen, um zu den Trails im verwilderten Busch vorzudringen. Zwischen Bäumen und Sträuchern spannten sie die mit Ködern bestückten eisernen Fallen aus Federn, Streben und Schlingen und versteckten sie im Schnee oder in Astgabeln. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Suchen, verstecken, warten – bis heute.</p>
<p style="text-align: justify;">Nate Turner bückt sich unterm niedrigen Türstock der ursprünglichen Hütte hindurch, wischt sich den Staub von der Jacke und deutet auf die kleinen Kerben an den Bäumen gegenüber. »Hier sind wir auf unseren ersten Trail gestartet. Auch wenn uns andere Buschbewohner gesagt haben: Kehrt lieber um, das wird nichts. Selbst die noch aktiven Trapper meinten, dass man davon nicht mehr leben könne.« Doch genau dieses Leben haben die Turners gesucht, um noch einmal neu zu beginnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Nur der jüngere Sohn Nate ist mit seinem Vater im Busch geblieben. Schon als Teenager und aufmüpfiger Schüler hatte er den Erzählungen seines Vaters zugehört und in dem vergessen geglaubten Leben eines Trappers eine Chance gesehen, der Schule und dem Alltagstrott zu entkommen. Mike und Nate Turner waren sich schon immer nah. Mittlerweile lebt Nate mit seiner Frau Cathy, einer gebürtigen Alaskanerin, und vier kleinen Kindern in seiner eigenen Trapperhütte. Den Winter verbringt er etwa zwanzig Minuten Flugzeit entfernt vom Grundstück seines Vaters am Kantishna River. Immer im Herbst, kurz vor dem ersten Frost, wechseln Vater und Sohn den Wohnort, verlassen die Sommerbehausung, um mehrere Monate gemeinsam mit ihren Familien abgeschieden in einer Hütte auf einer Anhöhe zu leben und sich um die Trails zu kümmern; erst im Frühjahr kehren sie in die Sommerhütten zurück.</p>
<p style="text-align: justify;">»Mein Vater sagte mir: Ich brauche deine Hilfe. Wir müssen das tun! Es erwartet uns ein reiches Leben. Er hatte so viel darüber gelesen und jetzt wollte er den Traum verwirklichen«, erzählt Nate Turner, als er abends seine Cessna am Flugplatz von Fairbanks an den Pollern festbindet. Wellblechhütten und hohes Gras säumen den Weg zum matschigen Parkplatz. Noch eingepackt in dicker Jacke, mit dem Gewehr in der Hand und hüfthohen Stiefeln an den Beinen schwingt Nate Turner sich hinter das Steuer seines roten Ford. »Wir sind hier nicht hergekommen, um Urlaub zu machen. Wir wollten unseren Traum in die Tat umsetzen, mitten in der Wildnis sein und von der Natur leben. Wir hatten eigentlich keine Ahnung, was das bedeutet. Aber wir wollten es tun, egal, was auf uns zukäme.«</p>
<h2 style="text-align: justify;">Allein verantwortlich</h2>
<p style="text-align: justify;">Auf dem Weg vom winzigen Flugplatz in die 30.000-Einwohner-Ansammlung Fairbanks biegt Nate Turner in eine der holprigen Nebenstraßen am Stadtrand ab. Versteckt hinter den Betonblöcken der Geschäfte steht ein blau gestrichenes Holzhaus. Der Pelzhändler Jo Mattie erwartet Nate Turner bereits. »Wird’s ein gutes Jahr?« Er streicht mit der Hand über Biberfelle, die er auf Holzbrettern sorgsam ausgebreitet hat. Auf dem Schreibtisch davor liegen Listen über Wareneingang und -ausgang: Biber, Schwarzbären, Vielfraß und sogar Eichhörnchen. »Wir werden sehen.« Nate Turner ist schon wieder auf dem Sprung, nachdem er sich die Listen und Formulare seines Händlers für die neue Trapping- Saison in die Jackentasche gesteckt hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Geschäft mit dem Pelz ist in Alaska bis heute verbreitet. Doch Konkurrenz, schwankende Nachfrage und gefälschte Produkte haben vielen den Mut genommen, einzusteigen. Es gibt bessere und schlechtere Jahre. Die Einkommen schwanken wie die Preise. Viele der wenigen noch verbliebenen Trapper fürchten um das Erbe, das in ihren Familien über Jahrzehnte weitergegeben worden ist. Ihr Beruf ist Teil nostalgischer Erinnerungen. Die alten Schneisen der Trails frei schlagen, Fallen spannen und verstecken, Tiere fangen – für die wenigen verbliebenen Trapper ist das Geschäft immer schwieriger geworden.</p>
<p style="text-align: justify;">Lizenzen sind ausschließlich an bestehende Trapperhütten und -gebiete gebunden. Tiere gibt es ausreichend, doch immer weniger Abnehmer für das Fell. Konkurrenten aus Russland oder China drücken die Preise. Selbst viele Alaskaner halten den Beruf für zu rückständig, zu altertümlich und zu wenig ertragreich. In dicken Baumwollhemden und mit pelzigen Fliegerkappen auf dem Kopf lehnen die Einheimischen von Fairbanks an ihren Pickups und Geländewagen – aufgereiht auf überdimensionalen Supermarktparkplätzen – und diskutieren über den bevorstehenden Winter und das Wetter.</p>
<p style="text-align: justify;">Nate Turner hat seinen roten Ford bis unter das Dach beladen. Die Vorräte, die von Wascheimern übers Bier bis hin zur Schokolade reichen, muss er ins Wintercamp fliegen, bevor die Flüsse zufrieren und er die Cessna umrüsten muss: Die Schwimmer abbauen, dafür Kufen ans Flugzeug schrauben. »Dieses Leben sucht man sich nur selbst aus. Du allein bist dafür verantwortlich«, sagt er, während er Kiste für Kiste auf die noch freie Rückbank hievt. »Das Feuerholz wird nicht geliefert, das Wasser fließt nicht einfach aus dem Hahn. Die Trails schlagen sich nicht von alleine frei. Ohne Eigeninitiative gibt es im Busch nichts zu holen.«</p>
<h2 style="text-align: justify;">Instinkte entwickeln</h2>
<p style="text-align: justify;">Die wenigen Laubbäume hinter dem Haus der Turners, die vom Flugzeug aus als winzige Farbtupfer erscheinen, sind bereits gelb gefärbt. Die Zwergbirken am Ufer des Kantishna River leuchten rot im Wasserspiegel, als das Flugzeug zum Stehen kommt. Es kündigt sich der kurze alaskische Herbst an, der bald das gesamte Waldgebiet um das Grundstück in einen Farbteppich der herbstlichen Tundra verwandeln wird. An das Ufer des mit Sand durchspülten Wassers dringen entferntes Wolfsheulen und gelegentliche Rufe von Jägern. Sie versuchen, Elchbullen näher ans Wasser zu locken. Die stark reglementierte Jagd in Alaska soll der Bevölkerung ermöglichen, ihr eigenes Fleisch für den Winter zu schießen. In den jeweils freigegebenen Zeiten für Elch, Schwarzbär oder Grizzly legen die staatlichen Behörden fest, wann und wie viel geschossen werden darf.</p>
<p style="text-align: justify;">Mike Turner hat seinen Schwarzbären schon in Einzelteile zerlegt. Sie liegen in der vom Generator betriebenen Tiefkühltruhe hinter dem Haus. Bald wird die Schneedecke das Kühlen übernehmen. Das Bärenfleisch soll für sechs Monate reichen. »Du musst hier draußen wie ein Tier denken, Instinkte entwickeln. Das kann der Mensch nur mit der Zeit langsam lernen«, sagt Nate Turner, während er in der offenen Tür seines Flugzeugs steht, um neues Benzin in den Tank zu füllen. »Man muss die Natur genau beobachten, sie verstehen lernen und darf auf keinen Fall versuchen, sich über sie zu erheben. Denn dann wird sie gnadenlos zurückschlagen.«</p>
<p style="text-align: justify;">Seit einiger Zeit ist er auch Pächter eines Jagdgebietes. Touristen zahlen viel Geld dafür, unter Anleitung angestellter einheimischer Jäger Tiere schießen zu dürfen. Nate Turner will seinen Gästen den nachhaltigen Umgang mit der Wildnis auch bei der Jagd näherbringen. Ihnen einen Hauch von authentischem Leben mit auf den Weg zurück in die Zivilisation geben. Wenn Jäger über mehrere Tage hinweg Zeit mit ihren einheimischen Guides verbringen, sollen die Touristen verstehen, dass sie keine Abschussgarantie gekauft haben, sondern sich mit der Natur messen müssen. Nate Turner hält seine Guides an, den Gästen aus aller Welt zu erklären, wie sich die Tiere in Alaska verhalten und dass der überwiegende Teil von ihnen noch nie in Kontakt mit Menschen war. »Die meisten Dinge hier geschehen außerhalb menschlichen Einflusses. Das sollten wir akzeptieren. Und beibehalten. Denn am Ende entscheidet genau diese Demut gegenüber der Natur darüber, ob es gelingt, hier in der Wildnis zu überleben.«</p>
<h2 style="text-align: justify;">Platz und Freiheit</h2>
<p style="text-align: justify;">Mike Turner und seine Frau Fran haben die letzten Wochen von morgens bis abends Vorräte für den Winter geerntet und getrocknet, Bären gehäutet und die Vorratskammer winterfest gezimmert, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Auf ihrem Grundstück haben sie sich mittlerweile ihr eigenes Reich geschaffen. Die Wildnis kennt keine Bauauflagen. Die einstige Trapperhütte am Rande des Waldes ist längst Teil eines durchdachten Sammelsuriums aus Möglichkeiten und Erfindungen. Mike Turner balanciert auf den Holzbalken zwischen den Parzellen in seinem Garten. »Hier, die Karotten! Fast doppelt so groß wie letztes Jahr.«</p>
<p style="text-align: justify;">Seine Frau Fran hat schon die Trockensiebe ausgelegt. Gemeinsam füllen die beiden das letzte Gemüse in riesige Plastikzuber. »Wir nutzen die Natur und bereichern uns an ihr, soweit es geht und solange sie die Lücken wieder schließen kann.« Fran Turner hievt Zuber für Zuber in die Vorratskammer. »Wir sind in unserem Land auch dafür verantwortlich, das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod, Säen und Ernten zu halten, ja es gewissenhaft mit zu steuern«, erzählt sie auf der Leitersprosse stehend. Das eigene kleine Sägewerk genau wie die Trockenkammer für Gemüse und Fleisch, das Fischrad, das die Hechte und Lachse des Kantishna River auf die Rutsche vor dem Grundstück der Turners treibt – all das hilft ihnen, so unabhängig wie möglich mitten in der Natur und mit ihrer Hilfe zu leben.</p>
<p style="text-align: justify;">Als die späte Sonne den Horizont vor den weit entfernten Bergen der Brooks Range rot färbt, läuft Mike Turner noch immer und immer wieder vom Fischrad am Ufer die Böschung hinauf und hinab. In der rechten Hand hält er einen Eimer voll mit Lachsen, in der linken das Messer zum Ausweiden der Tiere. »Jeden Tag wird jemand mit dem gleichen Ziel geboren, das auch ich habe: in der Wildnis alleine zu überleben. Davon bin ich fest überzeugt. Und auch diese Menschen brauchen Freiheit und Platz für ihr Dasein«, sagt Mike Turner, als er Fisch für Fisch mit einem Haken im Maul an die Stange zum Trocknen unter dem Holzdach hängt. »Deswegen muss Alaska ein wildes Land bleiben.«</p>
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		<title>Wo die Musik wohnt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 May 2016 23:50:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Andreas Schnell]]></category>
		<category><![CDATA[Bluegrass]]></category>
		<category><![CDATA[Blues]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Katharina Draheim]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Südstaat Tennessee der USA lebt die Country-Musik. Unsere Autoren begeben sich in Nashville auf Spurensuche und treffen dabei Fiddler, Banjo-Spieler und ehemalige Kollegen von Elvis Presley.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wo-die-musik-wohnt/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Im Südstaat Tennessee der USA lebt die Country-Musik. Unsere Autoren begeben sich in Nashville auf Spurensuche und treffen dabei Fiddler, Banjo-Spieler und ehemalige Kollegen von Elvis Presley.</strong></p>
<p>Es ist heiß in Nashville im Sommer, bis spät in die Nacht. Leider ist unser Zimmer ein klimatisierter Albtraum. Ohne Fenster, karg, kalt und laut, ein durchdringender Geruch von Reinigungsmitteln durchweht das noch neue Hostel direkt am Cumberland River. Wir sind in die Hauptstadt der Country-Musik gekommen, um viel Musik zu hören, aber auch, um mehr über die Musiker und ihre Geschichten zu erfahren. Um die Ecke ist der Broadway, an dem wir am Abend unserer Ankunft unsere Erkundungstour beginnen.</p>
<p>Der Broadway ist ein überwältigender Ort. Aus jeder der zahllosen Bars tönt Live-Musik, und wenn es nur ein Mann mit Gitarre ist. Manche Bars haben gleich mehrere Ebenen, wie „Rippy&#8217;s“, die obere Etage ist halb offen, weshalb man dort sogar rauchen darf. Wer allerdings erwartet, dass es in Nashville nur Country zu hören gibt, darf sich schnell eines Besseren belehren lassen. Die Band, die oben bei „Rippy&#8217;s“ spielt, gibt ein bisschen Lynyrd Skynyrd zum Besten, ein bisschen Hendrix. Dazu gibt es Pulled Pork und Fries. Uns ist es zu laut. Auf der Straße ist es allerdings noch lauter. Hier mischen sich die Klänge aus den verschiedenen Clubs mit Straßenmusik.</p>
<p><div id="aesop-gallery-6357-6"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6357" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-2.jpg" data-caption="In den Kneipen am Broadway in Nashville gibt es ohne Pause Livemusik, in einigen wird auch getanzt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-3.jpg" data-caption="In der Country Music Hall of Fame kann man die Instrumente von Country-Größen wie Johnny Cash und Hank Williams anschauen sowie eine beeindruckende Sammlung goldener Schallplatten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-4.jpg" data-caption="Im Station Inn abseits des Trubels vom Broadway spielen Bluegrass-, Western- und Countrybands. Die Steelguitar ist dabei ein entscheidendes Instruement. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-5.jpg" data-caption="Ein Plattenladen in Nashville: Hier gibt es LPs, Singles und Kassetten mit Bluegrass und Country; CDs findet man nicht. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-7.jpg" data-caption="Buddy Spicher hat als Kind mit dem Fiddle-Spiel begonnen und hat mit zahlreichen Musikern im Studio gestanden, darunter Bob Dylan, Bill Monroe und Dolly Parton. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-9.jpg" data-caption="Geigenreparatur im Fiddle House." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-10.jpg" data-caption="Geigenbauerin Jennifer Halenar schnitzt Intarsien für eine neue Geige." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-11.jpg" data-caption="In Fannys House of Music werden nicht nur Instrumente verkauft, sondern auch große Musikerinnen geehrt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-13.jpg" data-caption="Leigh Maples zeigt ein Bild ihrer Mutter, die als Kind Gitarre spielte. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-14.jpg" data-caption="In Nashville wird überall musiziert - hier an einer Straßenkreuzung in East Nashville." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-18.jpg" data-caption="Auf dem Weg durch die Hügel von Kentucky finden sich am Wegesrand alte Straßenkreuzer." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-21.jpg" data-caption="Die &quot;Rosine Barn Jamboree&quot; findet in einer alten Scheune statt. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-23.jpg" data-caption="Auch die jungen Musiker aus der Gegend sind bei der Jamboree dabei." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-25.jpg" data-caption="Anlässlich der Eröffnung des &quot;Birthplace of Country Music Museum&quot; in Bristol, Tennesse, tritt Ralph Stanley auf. Hier signiert er einem Fan die Gitarre. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/Bluegrass-26.jpg" data-caption="Roni Stoneman spielt bei der Eröffnung des Museums Banjo - auch an ihre Eltern wird im neu eröffneten Museum erinnert. " alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Katharina Draheim</p></div></p>
<p>Und das ist nicht nur am Abend so, wie wir am nächsten Tag feststellen. Es geht schon am Vormittag los. „Tootsie&#8217;s“, eine legendäre Kneipe, in der sich früher Country-Stars die Wartezeit bis zu ihren Konzerten im benachbarten Ryman Auditorium verkürzten, wenn sie im benachbarten Ryman Auditorium auftreten sollten, hat eine große Dachterrasse. Als wir es uns an der Sonne gemütlich gemacht haben, tritt ein Musiker an uns heran. Er sammelt Geld ein. Ob sie bezahlen müssen, um zu spielen, frage ich ihn. Nein, das nicht, 40 Dollar Fixum bekommt er, den Rest machen die Trinkgelder. Das gelte für die meisten hier. „Ein hartes Leben“, stöhnt er. Der Broadway scheint eine Menge Leute auf diese Weise am Leben zu erhalten.</p>
<h2>Vater des Bluegrass</h2>
<p>Aber natürlich wird in Nashville auch immer noch das große Geschäft gemacht. Hier treten auch die großen Stars auf. Wir haben Glück: Im Ryman Auditorium gibt es eine Reihe von Bluegrass-Konzerten, und ein paar Tage nach unserer Ankunft spielt Ricky Skaggs dort, wo früher die „Grand Ole Opry“ residierte, jene legendäre Radioshow, die Nashville eigentlich erst zur „Music City“ machte. Skaggs stand angeblich schon mit sechs Jahren auf der Bühne – neben Bill Monroe, dem Vater der Bluegrass-Musik, einem Stil der Country-Musik, der in teilweise halsbrecherischer Geschwindigkeit auf akustischen Instrumenten gespielt wird und Einflüsse traditioneller Musik aus den Appalachen, Jazz und Blues vereint.</p>
<p><iframe width="930" height="523" src="https://www.youtube.com/embed/KYTvj9Z_rlo?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Seit den Achtzigerjahren ist Skaggs ein Star, der nicht nur Bluegrass spielt. Er war Bandmitglied von Country-Rock-Ikone Emmylou Harris und von Jazz-Legende Charlie Haden.</p>
<p>Ein echtes Urgestein hier ist der Fiddler Buddy Spicher. Vor einigen Tagen hatten wir den 77-Jährigen besucht, um mit ihm über seinen Werdegang zu sprechen. Über Nashville und das Fiddeln. Seit den Fünzigerjahren macht Spicher Musik, spielte mit Dolly Parton, aber auch mit Elvis Presley und Ray Charles.</p>
<p>Heute hat er sich weitgehend aus dem Geschäft zurückgezogen, lebt über dem „Fiddle House“, einer Geigenwerkstatt, gibt aber immer noch Unterricht und hat ab und zu Arbeit im Studio. Er zeigt sich über die heutige Musikszene desillusioniert: „Es geht nur noch ums Geldverdienen.“ Es sei wichtig, gut auszusehen, musikalisches Können hingegen zweitrangig. „Heute wird bei der Aufnahme dafür gesorgt, dass die Musiker passabel klingen.“</p>
<h2>Anfassen verboten</h2>
<p>Buddy Spicher hat sich das Geigenspiel als Kind selbst beigebracht. Seine beiden Onkel, erzählt er, spielten Fiddle, aber er durfte ihre Instrumente nicht berühren. „Wenn sie draußen beim Heumachen waren, habe ich mich hereingeschlichen, und ihre Fiddle unter dem Bett hervorgeholt.“ Er versuchte, die Melodien nachzuahmen, die er auf den Grammophonplatten seiner Mutter hörte. „Ich habe die komplizierten Stellen so oft gehört, bis die Platten völlig abgenutzt waren.“ Musik, so sah es sein Vater, sei ein Zeitvertreib, aber kein Beruf. Mit 13 lief er von zu Hause weg, um in einem Studio vorzuspielen. Mit 14 hatte er die ersten Jobs als Musiker.</p>
<p><iframe width="930" height="698" src="https://www.youtube.com/embed/Tldh5hKPvSA?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Spicher erzählt uns, wir müssten unbedingt Roni Stoneman kennenlernen, wenn wir mehr über Bluegrass erfahren wollen. Veronica „Roni“ Stoneman sprudelt schon am Telefon über vor Geschichten und will sich gern mit uns unterhalten.</p>
<p>Aber bevor wir Stoneman treffen, verbringen wir den Tag in East Nashville, einem Stadtteil, der nichts von der Betriebsamkeit des Broadway hat. Hier wohnen viele Studenten, das Bild prägen szenige Cafés und Second-Hand-Läden, von denen uns einer ins Auge fällt, weil er von einem großen Gemälde geziert wird, auf dem berühmte Musikerinnen verewigt sind. „Fanny&#8217;s House Of Music“ ist eine Kombination aus Musikladen, Musikschule und einem Raum mit Vintage Clothing.</p>
<h2>Im Haus der Musik</h2>
<p>Leigh Maples und Pamela Cole betreiben seit über fünf Jahren ihr „Haus der Musik“. Selbst in dieser Stadt, in der Musik allgegenwärtig ist, wollen Kinder nicht unbedingt ein Instrument erlernen, erfahren wir im Gespräch mit den beiden. Cole, die im ländlichen Tennessee zur Welt kam, hat miterlebt, dass Musik auch einen ganz anderen Stellenwert haben kann. „Zuhause war die ganze Zeit Musik um uns herum.“</p>
<p>Sie erzählt, dass sehr oft Eltern mit Kindern zu ihnen kommen, die erfolglos versucht hätten, die Zöglinge zu unterrichten. „In Nashville gibt es vielleicht mehr Musiker als anderswo“, sagt sie. „Aber es ist schwierig für Eltern, ihre Kinder zu unterrichten. Die wollen das oft nicht.“ Sie glaube sogar, dass die Präsenz von Musik auch ein Problem sein könne: „Dass Musik etwas Schönes ist und es nicht darum geht, reich und berühmt zu werden, geht in Nashville leicht verloren, gerade wegen des Musikgeschäfts.“</p>
<p>Das war in der Familie von Roni Stoneman, die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren aufwuchs, ganz anders. Die Tochter von Ernest „Pop“ Stoneman, einem der ersten kommerziell erfolgreichen Country-Musiker, erzählt uns, dass in ihrem Zuhause überall Instrumente herumstanden. „Er baute sie selbst“, erzählt Stoneman. „Und jedes Mal, wenn jemand von uns Kindern anfing zu spielen oder daran interessiert zu sein schien, räusperte er sich, weil wir uns um die Instrumente prügelten. Wir lebten vier Jahre lang in einem Haus mit nur einem Zimmer. Aber Daddy baute unsere Instrumente, und er beobachtete, um welche Instrumente wir uns stritten. Eines Tages kam er von der Arbeit, mit einem Banjo-Hals, den er während der Mittagspause geschnitzt hatte. Das werde ich nie vergessen.“</p>
<h2>Musikmachen war Männderdomäne</h2>
<p>So kam es, dass Roni Stoneman schon als Kind lernte, Banjo zu spielen. Allerdings merkte sie früh, dass das Musikmachen eine Männerdomäne war. Als einmal ein bekannter Banjo-Spieler bei den Stonemans zu Besuch war, um mit Ronis Bruder Scotty zu spielen, erzählte sie stolz, sie spiele auch Banjo. Der Besuch habe daraufhin gesagt: „Das tust du nicht.“ Der Grund: „Du bist ein Mädchen.” Was die junge Musikerin wütend machte: „Ich trat ihn so doll wie ich konnte, und er schrie, weil ich ihn am Schienbein getroffen hatte.”</p>
<p><iframe width="930" height="523" src="https://www.youtube.com/embed/WFN4Dp-p7cQ?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<h2>Papa Pop</h2>
<p>Was Stoneman aber mindestens genauso wichtig ist, ist die Geschichte ihres Vaters Ernest „Pop“ Stoneman, der einen wichtigen Anteil daran hatte, dass der New Yorker Produzent Ralph Peer 1927 sein mobiles Studio in Bristol, Tennessee aufbaute, um sogenannte Hillbilly-Musiker aufzunehmen. Darunter waren unter anderem die Carter Family und Jimmie Rodgers, die ersten Stars der Szene – die Bristol Sessions wurden so zum „Urknall der Country Music“. Dabei war Ernest Stoneman schon vorher als Musiker erfolgreich. Roni nimmt uns mit nach Hause, um uns eine Walze mit „The Titanic“ vorzuspielen, die ihr Vater 1924 aufgenommen hat.</p>
<h2>Uncle Pen</h2>
<p>Nach unserem Besuch in Nashville fahren wir aufs Land und statten der wöchentlichen „Barn Jamboree“ in Rosine, Kentucky, einen Besuch ab. Was uns dort erwartet, davon haben wir nur eine sehr vage Vorstellung. Inmitten der rollenden Hügel von Kentucky liegt das rund 40 Einwohner zählende Dorf, die Wiege des Bluegrass. Hier liegt auch Bill Monroe begraben und hier steht die Hütte von „Uncle Pen“, der einen großen Einfluss auf Monroe hatte. Und zwei Meilen weiter, in Jerusalem Ridge, das Geburtshaus. Seit 22 Jahren treffen sich hier an jedem Freitag Musiker aus der Region und gelegentlich von weiter weg, um in der Scheune miteinander zu spielen. Old Time Music, Bluegrass und ein bisschen Country.<br />
<iframe width="930" height="698" src="https://www.youtube.com/embed/skSUX7pNmSU?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Es scheint zunächst, als würden Repertoire und instrumentale Fertigkeiten von Generation zu Generation weitergegeben. Aber auch hier haben sich die Zeiten gewandelt. Ein junges Mädchen singt „You Ain’t Woman Enough To Take My Man“ von Loretta Lynn, wobei sie den Text von ihrem Smartphone abliest. Ein zehnjähriger Junge, der mit den Erwachsenen Fiddle spielt, muss mit einigem Nachdruck zum Üben überredet werden. Sein Großvater, auch ein Fiddler, erzählt uns, dass der Junge lieber am Computer spielt. Weswegen die beiden ausgemacht haben: Der Kleine darf eine Stunde am Computer spielen, wenn er dafür eine Stunde an der Geige übt.</p>
<h2>Letzter Überlebender</h2>
<p>Wir fahren weiter ins 550 Kilometer entfernte Bristol zur Eröffnung des „Birthplace of Country Music“-Museums. Zur Feier des Tages hat sich auch Ralph Stanley angekündigt, einer der letzten Überlebenden der ersten Bluegrass-Generation. Wir brechen in strömendem Regen am frühen Morgen auf, um den Stanleys Auftritt noch zu erwischen. Eigentlich hätten wir es gerade so schaffen müssen. Aber wir bekommen nur noch den letzten Song seines Auftritts mit. Bristol liegt einerseits in Tennessee, andererseits in Virginia, wo es immer schon eine Stunde später ist. Das Museum liegt jenseits der Grenze.</p>
<p>Es erzählt von den „Bristol Sessions“, mit allem, was ein modernes Museum zu bieten hat, interaktiv, multimedial, mit Filmen und natürlich viel Musik. So öffnet es den Blick auf eine Welt, in der es noch kein Fernsehen gab, geschweige denn ein Internet. Eine Welt, in der Menschen aus einfachsten Verhältnissen, wie Ernest Stoneman mit seiner Frau und ihren 14 Kindern die Musik schufen, aus der später nicht nur eine millionenschwere Industrie wurde, sondern die auch einen wesentlichen Einfluss auf die gesamte Popkultur hatte: Elvis Presleys erste Platte enthielt mit „Blue Moon of Kentucky“ einen Song von Bill Monroe.</p>
<p><iframe width="930" height="698" src="https://www.youtube.com/embed/G5kNVizmNL4?feature=oembed" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
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		<title>Die Unglücksraben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Nov 2015 07:00:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Behinderung]]></category>
		<category><![CDATA[Broadway]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer in einer Show auf dem New Yorker Broadway spielt, hat es als Schauspieler geschafft. Für Künstler mit Behinderung nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Um zu zeigen, dass auch sie Talent haben, hat eine kleine Gruppe abseits des Broadway ein eigenes Stück auf die künstlichen Beine gestellt.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-ungluecksraben/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Wer in einer Show auf dem New Yorker Broadway spielt, hat es als Schauspieler geschafft. Nahezu unmöglich scheint es für Künstler mit Behinderung zu sein. Sie kämpfen trotzdem für ihren Traum und geben nicht auf.</strong></p>
<p style="text-align: left;">Mal wieder hat es nicht geklappt. Rachels Schauspielleistung ist, wie so oft, zur Nebensache geworden. Das passiert immer, wenn die Jury bei einem Casting ihre Bein-Prothese bemerkt. „Du bist so inspirierend. Danke vielmals für dein Kommen. Du hörst von uns!“ Natürlich weiß Rachel in diesen Momenten, dass sie nie wieder von ihnen hören wird.</p>
<p style="text-align: left;">So auch bei ihrem jüngsten Vorsprechen für eine Broadway-Show: die Gaunerkomödie „A Gentleman&#8217;s Guide to Love and Murder“ für die Rolle der Phoebe (<em>Role Description: beautiful, virtuous, forthright, romantic, comically earnest, with a backbone of steel!</em>). Mittlerweile ist das schon über ein halbes Jahr her. Dabei hatte sich die 27-Jährige diesmal ernsthaft Hoffnungen gemacht. „Meine Gesangslehrerin kennt den Regisseur und es ist eine Rolle, zu der meine Stimme perfekt passen würde“, sagt sie resigniert. Doch Rachel kann, will und wird nicht aufgeben. Denn sie hat einen Traum.</p>
<p style="text-align: left;">Dieser Traum wohnt am Times Square in New York. Dort wo bunte Werbung von den Fassaden blinkt, wo gelbe Taxis hupen wie wütende Quietscheentchen und wo Menschen zwischen Wolkenkratzern wuseln wie Ameisen. Hier liegt das berühmteste Theaterviertel der Welt, voller schillernder Shows über Löwenkönige, Opern-Phantome und Wunderlampen.</p>
<h2 style="text-align: left;">25.000 Schauspieler wollen es schaffen</h2>
<p style="text-align: left;">Dass Rachel nicht die einzige ist, die diesen Traum träumt, merkt sie jedes Mal, wenn sie mit Hunderten Konkurrenten in meterlangen Warteschlangen für Castings steht. Schätzungen zufolge leben weit über 25.000 professionelle Schauspieler in New York. Und Verbände wie die <a href="http://www.aapacnyc.org/uploads/1/1/9/4/11949532/aapac_stats_2011-2012.pdf" target="_blank">Asian American Performers Action Coalition kritisieren</a>, dass weiße Schauspieler gegenüber Afroamerikanern (16 Prozent), Latinos und Asiaten (je 3 Prozent) auf New Yorker Bühnen mit 77 Prozent überrepräsentiert sind. Rachel ist zwar weiß. Sie gehört mit ihrer Behinderung aber jener Schauspieler-Minderheit an, deren Winzigkeit hier noch niemand gezählt hat. Am Broadway dürfte sie gegen Null gehen.</p>
<p style="text-align: left;">Dabei ist es gerade mal vier Jahre her, als die junge Frau aus New Jersey in den überfüllten Proberäumen der Castings beste Chancen hatte. Rachel war damals gerade erst nach New York gezogen &#8211; mit einem erstklassigen Abschluss aus Princeton in Musical- und Opern-Performance in der Tasche. Eine leidenschaftliche Tänzerin. Voller Stolz berichtet sie, dass sie schnell Rollen in kleineren New Yorker Theatern fand. „Regisseure kannten meinen Namen“, sagt sie und fügt mit Überzeugung hinzu: „Ich war auf Broadway-Kurs.“</p>
<p style="text-align: left;">Damit war es in der Sekunde vorbei, als Rachel nach einem Autounfall im März 2012 ihren abgerissenen Fuß neben ihrem Körper liegen sah. Trotz aller Schmerzen dachte sie noch an zwei Dinge: „Zuerst an meine Eltern, sie mussten doch wissen, was passiert war.“ Und gleich darauf: „Ich werde niemals mehr am Broadway spielen. All die harte Arbeit war umsonst. Das war der härteste Moment meines Lebens.“ Aber Rachel will jetzt kein Mitleid. Das wäre in einer Branche sowieso nur geschäftsschädigend, in der es um Happiness und Perfektion geht.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-10.jpg" data-caption="Rachel Handler hat einen Traum: sie will trotz ihrer Behinderung hier am Broadway auftreten. Foto: Markus Huth" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-11.jpg" data-caption="Schauspielerin Rachel Handler verlor ihren Unterschenkel bei einem Autounfall. Foto: Markus Huth" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-4.jpg" data-caption="Regisseurin Stephanie im Schneegestöber von New York. Foto: Victor Ilyukhin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-6.jpg" data-caption="Der rumänische Waisenjunge Nicu hat Regisseurin Stephanie dazu inspiriert, Schauspielern mit Behinderung eine Chance zu geben. Foto: Victor Ilyukhin. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-13.jpg" data-caption="Schauspieler M. Lopez in seiner Wohnung in Brooklyn. Seine Bein-Prothese ist immer gut versteckt. Foto: Markus Huth" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-15.jpg" data-caption="Schwerer Aufstieg: Trotz seiner Behinderung kann Anthony heute seinen Lebensunterhalt mit der Schauspielerei bestreiten. Foto: Markus Huth" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-5.jpg" data-caption="Rachel und Anthony bei den Proben zu &quot;Der Kirschgarten&quot;. Foto: Victor Ilyukhin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-2.jpg" data-caption="Rachel Handler musste nach ihrer Bein-OP wieder zu ihren Eltern ziehen. Foto: Victor Ilyukhin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york.jpg" data-caption="Filmemacher Victor mit seiner Kamera. Foto: Markus Huth" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-7.jpg" data-caption="Die Schauspieler nehmen den Applaus nach dem Tschechow-Stück &quot;Der Kirschgarten&quot; entgegen. Foto: Victor Ilyukhin." alt=""></div></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Die Beine gut versteckt</h2>
<p style="text-align: left;">Gerade sitzt sie nicht weit von der Aladdin-Spielstätte in einem der angesagten Bio-Fastfood-Restaurants. Die Beine gut versteckt unter dem gedeckten Tisch. Es ist voll hier. Und laut. Über Geschirrgeklapper und Gespräche ist das eigene Wort kaum zu verstehen. Trotzdem triumphiert ihre trainierte Stimme: „Nice to see you! How are you?“ Über dem weißen Pulli glitzert eine Halskette, die langen brünetten Haare rahmen ein Gesicht mit vornehmer Blässe und braunen Augen ein. Man kann sie sich gut in ihren bisherigen Rollen vorstellen. Sie spielte Eliza in My Fair Lady, Königin Anne in Richard III. oder Schneeweißchen in dem Märchen.</p>
<p style="text-align: left;">Bei dem Autounfall auf einem Highway in New Jersey war Rachel ausgerechnet auf dem Weg zu einem Casting. Der Traum von der nächsten Rolle wurde zum realen Albtraum, von jetzt auf gleich Invalide. Und damit könnte die Geschichte der Schauspielerin Rachel Handler hier zu Ende sein. Der Vorhang gefallen über dem letzten Bühnenbild, das sie im Krankenhausbett zeigt. Einen Verband um den Rest ihres linken Beins gewickelt. Weinend beim Anruf des Regisseurs, der ihr eine Rolle zusagen will, aber noch nichts von dem Unfall weiß. Elend wie eine Figur aus Victor Hugos auf die Bühne gebrachten Roman Les Misérables, begleitet vom Lied der todtraurigen Fantine:</p>
<p style="text-align: left;"><em>I had a dream my life would be</em><br />
<em> So different from this hell I&#8217;m living</em><br />
<em> So different now, from what it seemed</em><br />
<em> Now life has killed the dream I dreamed</em></p>
<p style="text-align: left;"><em>Ich hab&#8216; geträumt, mein Leben wär&#8216;</em><br />
<em> ein Schicksal außerhalb der Hölle.</em><br />
<em> Gott gibt den Wünschen keinen Raum,</em><br />
<em> nichts blieb mir mehr von meinem Traum.</em></p>
<h2 style="text-align: left;">Der nächste Akt</h2>
<p style="text-align: left;">Aber Rachels Geschichte ist hier noch nicht zu Ende. Der nächste Akt beginnt 40 Blocks südlich vom Times Square mit der Szene eines Dokumentarfilms. Dort wo der Broadway keine Traumfabrik mehr ist, sondern nur noch eine Verkehrsstraße. Durchs Schneegestöber stapft eine Frau um die 50 in einem dicken Mantel, die Haare kurz und die Stimme schroff, aber herzlich. Sie wirkt wie jemand, der einem nach einer schlimmen Trennung sagt: Komm schon, hör auf zu heulen! Es gibt noch so viele andere Fische im Wasser! Die Frau heißt Stephanie Barton-Farcas und sie ist Regisseurin.Vor 14 Jahren hat sie das erste inklusive Theaterprojekt der Stadt gegründet: die <a href="http://www.spoontheater.org/" target="_blank">Nicu&#8217;s Spoon Theater Company</a>.</p>
<p style="text-align: left;">Der Name dieses Theaters geht auf einen rumänischen Waisenjungen zurück, um den sich Stephanie bei sozialer Freiwilligenarbeit in den 1990ern gekümmert hatte. Nicu war geistig und körperlich behindert, stets staunend über die Reflexion des Sonnenlichts in seinem Esslöffel. Er starb bald an Aids. Doch sein Leben währte lang genug, so dass Stephanie ihn nie wieder vergessen konnte und sich fortan für Menschen mit Behinderung in ihrer Branche einsetzte.</p>
<p><div id="aesop-gallery-5188-8"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-stacked-gallery-wrap    " >				<!-- Aesop Stacked Gallery Desktop -->
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																			<div class="aesop-stacked-caption">Der rumänische Waisenjunge Nicu hat Regisseurin Stephanie dazu inspiriert, Schauspielern mit Behinderung eine Chance zu geben. Foto: Victor Ilyukhin. </div>
																	</div>
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<p style="text-align: left;">Fast zwei Jahrzehnte nach Nicus Tod läuft Stephanie also durch den Dokumentarfilm eines jungen russischen Filmemachers. <a href="http://www.22troublesfilm.com/" target="_blank">„Die Unglücksraben (Two and Twenty Troubles)“</a> handelt davon, wie die Regisseurin ein Tschechow-Stück mit einer Handvoll behinderter und nicht-behinderter Schauspieler auf die Bühne eines kleinen New Yorker Theaters bringen will. Nicht als Therapie. Nicht als Wohltätigkeit. Sondern als gutes Theaterstück. Mit dabei: Rachel Handler.</p>
<p style="text-align: left;">Anderthalb Jahre ist es her, dass sie ihren linken Unterschenkel bei dem Autounfall verloren hat. Es stehen noch weitere Operationen an, und wenn Rachel nicht aufpasst, könnte sie den Oberschenkel auch noch verlieren. Warum also tut sie sich die anstrengenden Theaterproben und sogar einen Filmdreh an?</p>
<p style="text-align: left;">„Es war der eigenartigste Zufall überhaupt“, sagt sie rückblickend, „dass ich schon vor meinem Unfall in Stephanies Aufführungen mitgespielt habe, ohne überhaupt zu wissen, dass es inklusive Projekte für Schauspieler mit Behinderung waren.“ Erstaunt erfährt sie von Stephanie, dass sie nicht trotz, sondern wegen ihrer Behinderung eine Rolle in dem Tschechow-Stück bekommen könne. Rachel muss nicht lange überlegen: „Meine Karriere war nicht vorbei. Dieser Gedanke gab mir neue Kraft.“ Es wird der tragischste Moment des gesamten Films, als sie die Proben wegen einer dringenden Operation schließlich doch abbrechen muss.</p>
<h2 style="text-align: left;">Zombie-Rollen wegen entstelltem Gesicht</h2>
<p style="text-align: left;">Aber davon weiß Rachel in jener Szene noch nichts, als sie sich auf Krücken durch den kleinen Proberaum schwingt und als Hausmädchen Dunjascha den Filmtitel aussprechen darf, indem sie ihren vom Pech verfolgten Bühnen-Verlobten einen „Unglücksraben“ nennt.</p>
<p style="text-align: left;">Die reale Rachel könnte damit auch sich selbst meinen. Oder ihre Kollegen in dem Proberaum. Zum Beispiel den Mann, der nur Zombie-Rollen bekommt, weil sein Gesicht von Geburt an durch eine Fehlbildung entstellt und mehrfach operiert ist. Oder die Frau, der im Alter von sechs Jahren alle Haare vom Kopf fielen. Oder den anderen Hauptprotagonisten des Dokumentarfilms: Anthony M. Lopez, der wie Rachel nur ein gesundes Bein hat. All diese scheinbaren Unglücksraben stehen im Zentrum des Films von Victor Ilyukhin.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5124-4"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                               title="Filmemacher Victor Ilyukhin. Foto: Markus Huth">
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                                            class="aesopicon aesopicon-search-plus"></i> Vergrößern                                </p>
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                                Filmemacher Victor Ilyukhin. Foto: Markus Huth
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        </p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: left;">Für den jungen Filmemacher aus Russland sind sie aber mehr als das: „Sie sind Menschen, die trotz schlimmer Schicksalsschläge nicht aufgeben wollen, die immer weiter für ihre Träume kämpfen“, sagt er in seinem kleinen Büro in Manhattan. Für ihn ist es ein universelles Thema. Aber das Interesse von Investoren an Schauspielern mit Behinderung ist gering. Jedenfalls musste Victor, dessen Assistenten-Job für einen bekannten Künstler gerade so zum Leben reicht, seinen Film durch Crowdfunding und Selbstausbeutung finanzieren. Das Theaterstück wurde auch nicht am Broadway aufgeführt, sondern nur Off-Off-Broadway: je mehr Off, desto weiter weg von der Traumfabrik am Times Square.</p>
<h2 style="text-align: center;">Minderheit, bei der jeder jederzeit Mitglied werden kann</h2>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: left;">Aber warum ist das so? Schließlich sind Helden, die gegen alle Widrigkeiten für ihre Träume kämpfen, das klassische Thema aus Musical, Film und Theater. Eine Antwort gab der inzwischen verstorbene Dramatiker John Belluso: Das Publikum fürchte sich vor Behinderten, „weil es die einzige Minderheit ist, bei der jeder jederzeit Mitglied werden kann.“ Ein Autounfall wie bei Rachel genügt und man ist unfreiwillig in einer Gemeinschaft, die in den Augen vieler durch Ausgrenzung und Hilfsbedürftigkeit geprägt ist. Daran wolle keiner gerne erinnert werden.</p>
<p style="text-align: left;">Andererseits faszinieren Figuren mit Behinderung. Sie können beim Publikum starke Emotionen auslösen. Filmschauspieler witzeln sogar, dass man für einen Oscar entweder in einem Film über den Holocaust oder eben einen Behinderten spielen muss. Dustin Hoffman gelang das in <em>Rain Main</em>, Daniel Day-Lewis in <em>My Left Foot</em> oder jüngst Eddie Redmayne mit seiner Darstellung des Astrophysikers Stephen Hawking. Alle diese Schauspieler haben eines gemeinsam: Sie spielen eine Behinderung, haben selbst aber keine. Ihre Rollen sind rührende Metaphern über das Leben. Erleichtert kann das Publikum aufatmen, wenn es die Stars wieder unversehrt auf dem Roten Teppich sieht. Alles nicht so schlimm. Es war doch nur gespielt.</p>
<p style="text-align: left;">Einen, den diese Distanzierung stört, ist Anthony M. Lopez. Neben Rachel der zweite Hauptdarsteller der Unglücksraben. Auch er trägt eine Bein-Prothese, wurde aber mit seiner Behinderung geboren. Das Inklusions-Theater war für ihn nach vielen Rückschlägen der Versuch, seine Schauspieler-Karriere wiederzubeleben – und der Versuch glückte. In den vergangenen zwei Jahren bekam Anthony immer mehr Aufträge, konnte schließlich seinen Brotjob als Social-Media-Manager an den Nagel hängen und lebt heute in einer hippen Wohnung zwischen Büchern und Gemälden in Brooklyn. Während sich der Blick von seiner Dachterrasse auf Manhattan öffnet, erzählt er, wie ihm das gelang.</p>
<p style="text-align: left;"> „Egal ob Behinderung oder nicht, die wichtigste Regel für einen Schauspieler lautet: Kenne deinen Typ!“ Der 30-Jährige ist schlaksig, hat eine Glatze und schaut durch seine rote Hipster-Brille immer eine Spur zu streng. „Ich bin der etwas vertrottelte Typ, manchmal auch der Fiese“, meint er ohne eine Miene zu verziehen. Äußerlich ist seine Prothese nicht zu erkennen. Allein der hinkende Gang verrät sie. Für ihn sei das nicht so schlimm wie für Hauptrollen-Typen, meint Anthony. Er sieht es sogar als Vorteil, weil er Aufträge in der Behinderten- und der Nicht-Behinderten-Welt bekommt. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Werbespots, TV-Rollen, Webclips, als Synchronsprecher und in Off-Broadway-Shows. Die schillernde Broadway-Industrie, die Theater- und Musical-Darsteller mit wenigstens 1.800 Dollar pro Woche immer noch am besten bezahlt, sieht er hingegen kritisch. Vor allem wegen solcher Geschichten wie mit Daniel Radcliffe.</p>
<h2 style="text-align: left;">Daniel Radcliffe als &#8222;Krüppel&#8220;</h2>
<p style="text-align: left;">Dazu muss man wissen: Der Broadway ist nicht nur eine Traumfabrik, sondern auch eine Geldmaschine. Allein in der vergangenen Woche spielten die 25 laufenden Shows über 24 Millionen Dollar ein. Und wie ein Auto Benzin, braucht diese Maschine Stars, die zahlende Zuschauer locken. Solche wie Daniel Radcliffe, der als Harry Potter weltbekannt wurde. Im vergangenen Jahr spielte er die Hauptrolle in der <a href="http://www.crippleofinishmaan.com/" target="_blank">Broadway-Komödie „Der Krüppel von Inishmaan“</a>. Die Kritiker feierten ihn unter anderem für seine glaubhafte Darstellung der Behinderung von „Krüppel“ Billy, dessen Körper teilweise gelähmt ist. Broadway und Hollywood funktionieren hier nach denselben Regeln.</p>
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																			<div class="aesop-stacked-caption">Schwerer Aufstieg: Trotz seiner Behinderung kann Anthony heute seinen Lebensunterhalt mit der Schauspielerei bestreiten. Foto: Markus Huth</div>
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<p style="text-align: left;">„Ich bin sicher, Radcliffe war wunderbar“, sagt Anthony mit strengem Blick, „aber ich kenne talentierte Schauspieler mit Behinderung, die diese Rolle hätten spielen können. Sollten nicht nur Darsteller mit Behinderung Figuren mit Behinderung spielen dürfen?“ Anthony, der sich in Rage geredet hat, findet: Ja. Es ist eine Debatte, die in den USA derzeit von einer immer selbstbewusster auftretenden Gemeinschaft behinderter Schauspieler geführt wird. Das geht bis zum Vergleich mit dem sogenannten „Blackfacing“, bei dem weiße Darsteller ihr Gesicht schwarz schminken, etwa um den dunkelhäutigen Shakespeare-Feldherrn Othello zu mimen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Wird es klappen?</h2>
<p style="text-align: left;">Solch radikale Kritik an der Unterhaltungsindustrie ist Rachel fremd. Dabei räumt sie ein, dass sie trotz einiger Rollen von der Schauspielerei nicht leben kann und nebenbei in einer Eventagentur jobben muss. In Rage gerät sie hingegen bei der Frage, ob sie nach einer gewissen Zahl an erfolglosen Castings ihren Traum nicht überdenken möchte. „Frage niemals Schauspieler in New York, ob sie den Broadway aufgeben! Wer hier lebt, verfolgt diesen Traum!“ Sie war bislang einfach nicht gut genug für den Broadway. So sieht sie es.</p>
<p style="text-align: left;">Deswegen will Rachel jetzt noch mehr Unterricht nehmen, sich noch besser auf das nächste Casting vorbereiten, auf ihre große Chance warten und solange eben auf kleineren Bühnen spielen – bald auch wieder mit Nicu&#8217;s Spoon Theater Company. Sie ist sich sicher: Irgendwann wird es klappen.</p>
<p style="text-align: left;">Diese Frau, die da gerade aus dem Restaurant in die wuselnde Menschenmasse am Times Square verschwindet, scheint nichts aufhalten zu können. Trotz oder gerade wegen ihrer Behinderung.</p>
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		<title>Fest des Schneesterns</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jun 2015 05:16:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Peru]]></category>
		<category><![CDATA[Andreas Schmidt]]></category>
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		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Qoyllur Riti]]></category>
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					<description><![CDATA[Jedes Jahr kurz vor Fronleichnam findet im peruanischen Hochgebirge eine der größten Pilgerwanderungen Südamerikas statt. Mehr als 100.000 Gläubige kommen dabei zusammen und besteigen einen Gletscher, um Jesus und die Naturgötter zu ehren. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/fest-des-schneesterns/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Jedes Jahr kurz vor Fronleichnam findet im peruanischen Hochgebirge eine der größten Pilgerwanderungen Südamerikas statt. Mehr als 100.000 Gläubige kommen dabei zusammen und besteigen einen Gletscher, um Jesus und die Naturgötter zu ehren.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Ein letzter steiler, schweißtreibender Anstieg, und ich erreiche das Höhenplateau auf gut 5000 Meter Höhe. Nur langsam beruhigt sich mein Puls, und ich beobachte die berauschend schöne, vollkommen fremde Welt. Vor der spektakulären Bergkulisse steigen die ersten Pilger in ihren leuchtend roten Festtagstrachten auf den grellweißen Gletscher.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Schlepptau, mit Seilen abgesichert, transportieren sie ihre hölzerne Reliquie. Vor dem aufgestellten Kreuz senken sie andächtig die Köpfe und verharren einige Sekunden in stillem Gebet. Gebannt verfolge ich das Schauspiel.</p>
<p style="text-align: justify;">Bereits zwei Tage zuvor beginnt für mich dieses Abenteuer Qoyllur Riti in Cusco. Buskolonnen stehen im Ort bereit, um die vielen Pilger ins vier Stunden entfernte Mahuayani zu bringen, den Startpunkt der Wanderung.</p>
<p style="text-align: justify;">Einem Lindwurm gleich ziehen dort Scharen schwer bepackter, in farbenfrohen Festtagstrachten gekleideter Pilger musizierend in Richtung Kapelle, wo der Legende nach 1780 einem Schäferjungen das Christuskind erschien. Auf dem Grabstein des Jungen soll eine Christusabbildung zum Vorschein gekommen sein, die alsQoyllur Riti, quechua für „Schneestern“, bekannt wurde.</p>
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<h2 style="text-align: justify;"><strong>Christentum und Naturgötter in Eintracht  </strong></h2>
<p style="text-align: justify;">An den unzähligen Wegkreuzen entlang der 10 km langen Strecke halten die Pilger zur Andacht inne. Als endlich der Gipfel des 5400 Meter hohen Nevado Cinajara in Sicht kommt, opfern sie Kokablätter, um die Apus, die Berggeister, gnädig zu stimmen. Im Nebeneinander mit dem Christentum haben die Berge – als Brücke zwischen Menschen und Göttern – und die Mutter Erde, die Pachamama, ihren hohen Symbolwert behalten.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach gut vier Stunden erreiche ich das Ziel auf 4600 Meter Höhe. Umgeben von der majestätischen Bergwelt steht die Kapelle auf einer kargen, lediglich mit Ichu-Grasbüscheln bedeckten Hochebene, auf der bereits Unmengen von Ständen und Zelten aufgebaut sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich schlendere über das Festgelände und beobachte fasziniert, was um mich herum geschieht: die maskierten Tanzgruppen, die eine nach der anderen auf dem Vorplatz der Kapelle aufmarschieren; die Frauen, die in den notdürftig mit Plastikplanen abgedeckten, dampfenden Garküchen „pfutti“, eine kräftige Suppe aus Alpaccafleisch und gefriergetrockneten Kartoffeln, zubereiten; und die Gläubigen, die fünf Stunden lang Schlange stehen, um am Schrein des verstorbenen Hirtenjungen Mariano Kerzen anzuzünden.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Bei 15 Grad unter Null</h2>
<p style="text-align: justify;">Mitten im Trubel sorgen die Ucucus, mythische Kreaturen halb Mensch halb Bär – in Wirklichkeit Menschen in zottigen Bärenkostümen –, mit schrillen Pfeiftönen, notfalls auch mit sanften Hieben ihrer aus Lamaleder geflochtenen Peitsche für Ordnung. Die Chunchos, Tänzer aus der Amazonasregion, die sich als direkte Nachfahren der Inkas bezeichnen, ragen mit ihrem farbenprächtigen Ara-Federschmuck aus der Menge hervor.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Quellos, aus dem Aymara-Sprachraum, fallen hingegen durch Stoff-Lamas auf, die sich auf ihrem Rücken tänzelnd auf und ab bewegen. Mehr als 100 verschiedene Tänze werden bei Qoyllur Riti aufgeführt, wobei sich anhand der Kostüme und der Tanzstile erkennen lässt, aus welcher Region die Gruppen stammen.   Nur langsam löse ich mich von der Magie dieses Ortes und stelle mein Zelt am Rande des bunten Treibens auf. An Schlaf ist allerdings kaum zu denken. Trotz Ohrenstöpsel sind die Gesänge und das rhythmische Trommeln auch mitten in der Nacht noch ohrenbetäubend laut.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Thermometer wird auf 15 Grad unter Null fallen, so kalt, dass das Wasser in meinen Trinkflaschen zu Eis gefriert. Trotz der klirrenden Kälte verbringen viele Pilger die Nacht unter freiem Himmel, eingehüllt in Plastikplanen und Decken. Einige schlafen überhaupt nicht; tanzend und musizierend, von Kokablättern und selbst gebranntem Zuckerrohrschnaps gestärkt, kämpfen sie gegen die Erschöpfung und den Schlafentzug an.Manche kommen sogar ganze drei Tage lang ohne jeden Schlaf aus.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kreuz gegen Apus</h2>
<p style="text-align: justify;">Dieses freiwillige Martyrium fordert jedoch auch Opfer: Jedes Jahr erfrieren Pilger oder sterben an Erschöpfung.   Unter strahlendem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel verlasse ich am nächsten Morgen mit den anderen Pilgern den Zeltplatz. Das gefrorene Gras knirscht unter meinen nach der Nacht noch schwerfälligen Schritten.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Prozession auf den Sincara-Gletscher ist einer der Höhepunkte des Festes. Verkleidete Tänzer, die Pabluchas, tragen hölzerne Kreuze auf den heiligen Gletscher und widmen sich während der gesamten Nacht rituellen Zeremonien. Erst nach dem Sonnenaufgang am folgenden Morgen steigen sie feierlich zur Kapelle hinab. Insgesamt acht „naciones“, Provinzen aus der Region Cusco, schicken ihre Delegationen auf den Gletscher.</p>
<p style="text-align: justify;">Der christlichen Symbolik des Kreuzes steht dabei der Glaube an die Apus gegenüber. Bereits inpräkolumbianischer Zeit wurden Berggipfel und Gletscher als heilige Orte verehrt,wo versucht wurde, mit den Geistern in Kontakt zu treten und sie mittels Opfergaben um reiche Ernten und gutes Wetter zu bitten. Die Gebräuche dieser archaischen Religion haben sich bei den andinen Bergvölkern bis heute erhalten und nach Ankunft der Spanier mit christlichen Elementen vermischt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Heiliges Gletscherwasser vom Berg</h2>
<p style="text-align: justify;">Ein lang gezogener dumpfer Klang ertönt: Pututus, als Blasinstrumente umfunktionierte große weiße Muscheln, die bereits zu Inkazeiten als Kommunikationsmittel verwendet wurden, rufen traditionell zum Aufbruch der Prozession.</p>
<p style="text-align: justify;">Angeführt von einer schwarz-rot gekleideten, wild musizierenden Pilgerkolonne aus Acomayo folge ich dem serpentinenartigen Geröllweg, dem Höhenplateau entgegen. Wanderer, beladen mit Kanistern voller Gletscherwasser und riesigen Eisstücken – der Glaube an die gesundheitsfördernde Wirkung des heiligen Gletscherwassers ist weit verbreitet – kommen uns auf dem schmalen Weg entgegen. Allmählich wird der Pfad steiler und das Atmen fällt schwerer.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit vor Anstrengung verzerrten Gesichtern quälen sich die beiden Kreuzträger mit ihrer schweren Last auf dem holprigen Zickzack-Weg keuchend vorwärts. Die Ehre, die ihnen mit dieser Aufgabe zuteil wird, ist ihnen dennoch deutlich anzusehen. Die Männer wurden von den Mitgliedern ihrer Gemeinschaft für dieses ruhmreiche Unterfangen ausgewählt, aufgeben kommt für sie nicht infrage.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kreuz auf dem Gletscher</h2>
<p style="text-align: justify;">Dann beginnt es zu regnen, der Pfad verwandelt sich innerhalb kürzester Zeit in eine Schlammpiste. Mehrfach rutschen wir ab und können uns gerade noch auf den Beinen halten. Der Weg über die glitschige, lose Geröllmasse erfordert unsere ganze Konzentration. Das Geräusch entfernter Steinschläge hinterlässt zudem ein mulmiges Gefühl. Endlich erreichen wir den Gletscher.</p>
<p style="text-align: justify;">Dort stehen Angehörige der Bergwacht bereit, um den Transport des Kreuzes auf den Gletscher mit Seilen abzusichern. Mühevoll arbeiten sich drei Pilger, das grüne Kreuz mit dem Christusemblem auf den Schultern, beim Anstieg über das Eis empor. Mit bangen Blicken und in absoluter Stille verfolgen die übrigen Gläubigen das gefährliche Manöver am Fuß des Gletschers.</p>
<p style="text-align: justify;">Die andächtige Atmosphäre wird plötzlich durch laute Trommelschläge unterbrochen. Die nächste Prozession rückt bereits Richtung Gletscher vor, diesmal eine ganz in Gelb gekleidete Pilgerschar aus Antar. Einer nach dem anderen zieht sich mithilfe des Seiles aufs Eis. Am höchsten Punkt des Gletschers stellen sie das Kreuz auf, verankern es im Schnee und formieren sich im Halbkreis um die Reliquie.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wünsche für ein paar Soles</h2>
<p style="text-align: justify;">Als wäre dieser Anblick nicht schon unwirklich genug, kommt trotz des Regens die Sonne zum Vorschein und lässt die Szenerie im grellen Gegenlichterstrahlen.  In einigen Metern Entfernung talabwärts wird dieselbe Zeremonie vorbereitet. Beide Gruppen werden bei zweistelligen Minustemperaturen auf gut 5000 Meter Höhe die Nacht verbringen, um den Berggottheiten so nahe wie möglich zu sein.</p>
<p style="text-align: justify;">Ermattet begleite ich einige Pilger zurück zur Kapelle, wo bereits das nächste Highlight wartet. Qoyllur Riti, das „Fest der Wünsche, ist in vollem Gange. Die Gläubigen stellen kleine Spielzeugautos und Mini-Plastikhäuser in die aus Stein nachgebildeten Altäre oder klemmen ganze Bündel Papiergeld unter die Mauern. Mit einem Kinderspiel hat dieser Brauch allerdings nichts zu tun, vielmehr symbolisieren diese Miniaturausgaben die sehnlichsten Wünsche der Pilger.</p>
<p style="text-align: justify;">Seine „Wünsche“ muss man allerdings nicht den Berg hinaufschleppen. Bei den Händlern ist alles, was das Herz begehrt, erhältlich: „Dreißigtausend Dollar für 5 Soles, dreißigtausend Dollar für 5 Soles“, brüllt ein Verkäufer in das Menschengewühl, „zwei Häuser zum Preis von einem“ ein anderer. Häuser, Lastwagen, Spielgeld verschiedener Währungen, Universitätsabschlüsse jeglicher Fachrichtung, Heiratsurkunden und natürlich das in Peru als Glückssymbol geltende Gürteltier werden von den Verkäufern angepriesen. Ich esse noch ein paar Anticuchos, Rinderherz-Fleischspieße, und lege mich völlig erschöpft ins Zelt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Coca-Tee und eine Parade</h2>
<p style="text-align: justify;">Am nächsten Morgen – nach einem aufputschenden Coca-Tee – beobachte ich von einer Anhöhe aus die Rückkehr der Gruppen vom Gletscher. Kaum habe ich meinen „Logenplatz“ eingenommen, öffnet sich der Vorhang und macht die Bühne frei für ein neuerliches Spektakel. Von der tief stehenden Morgensonne ins Rampenlicht gerückt, marschieren die Pabluchas in Reih und Glied – einer Militärparade gleich – den Berg hinunter.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Erschöpfung, aber auch der Stolz ist in ihren Gesichtern deutlich zu lesen. Im Tal werden sie bereits von einer applaudierenden und tanzenden Menschenansammlung erwartet. Feierlich werden die Kreuze wieder an ihren Platz gebracht, dicht gedrängt stehen Hunderte Gläubige auf dem Kapellenvorplatz, um dem Schauspiel beizuwohnen.  Auf dem Rückweg nach Cusco lasse ich die Qualen und Freuden der letzten Tage noch einmal Revue passieren. Trotz der Strapazen blicke ich mit Wehmut auf das „Fest des Schneesterns“ zurück.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Bei Qoyllur Riti, dem „Fest des Schneesterns“, verschmelzen uraltes andines Brauchtum und christliche Traditionen miteinander. Nicht umsonst wurde die Pilgerreise im Jahr 2011 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.</em></p>
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		<title>Ruhesitz für verwelkte Blumen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Mar 2015 01:14:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mexiko]]></category>
		<category><![CDATA[Altenheim]]></category>
		<category><![CDATA[Anja Reiter]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Mexico City]]></category>
		<category><![CDATA[Prostitution]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Altstadt von Mexico City befindet sich das weltweit einzige Altersheim für Prostituierte. Im sogenannten „Haus der schönen Blumen“ sollen die Sex-Arbeiterinnen in Würde altern können. Manche der in die Jahre gekommenen Damen bieten sich immer noch ihren Freiern an. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ruhesitz-fuer-verwelkte-blumen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong> In der Altstadt von Mexico City befindet sich das weltweit einzige Altersheim für Prostituierte. Im sogenannten „Haus der schönen Blumen“ sollen die Sex-Arbeiterinnen in Würde altern können. Manche der in die Jahre gekommenen Damen bieten sich immer noch ihren Freiern an. </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Nur selten verirren Touristen sich in die engen Gassen rund um den Plaza San Sebastián in Mexico City. Obwohl der Platz nur wenige Minuten vom historischen Zentrum entfernt liegt, wirkt das Viertel heruntergekommen und schäbig. In Tepito regiert das Gesetz der Straße: Fliegende Händler preisen lautstark Plastikramsch und Süßigkeiten an, auf Bordsteinkanten hocken Obdachlose, dazwischen türmen sich Müll und Essensreste. Drängelnde Passanten schieben sich an den Marktschreiern vorbei, leicht bekleidete Frauen halten nach Freiern Ausschau.</p>
<p style="text-align: justify;">Neben dem Irrsinn auf der Straße liegt eine unscheinbare hölzerne Doppeltür mit einem Metallknauf. „Buenas?“, beantwortet ein Türsteher zögerlich das Klopfen. Er beschützt die Bewohnerinnen des zweistöckigen Hauses vor neugierigen Blicken und dem Elend der Straße. Diejenigen, die er eintreten lässt, gelangen in einen ruhigen, überdachten Innenhof – in der Mitte plätschert ein Brunnen, um den sich grüne Pflanzen ranken. Draußen wird unaufhörlich weiter gedrängelt, gegrapscht, geklaut. Drinnen sticken alte Damen, schweigen oder starren in die Luft.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch es sind keine typischen Altersheim-Bewohnerinnen, die hier ihren Lebensabend verbringen. Alle Frauen, die hier leben, haben als Prostituierte gearbeitet – oder tun es immer noch. Geschäftsführerin Jesica Vargas González winkt uns in ihr Büro herein. „Unser Projekt ist weltweit einzigartig“, erzählt sie stolz. Hinter ihrem Schreibtisch ranken sich die Portraits der Bewohnerinnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Derzeit residieren 27 Seniorinnen zwischen 50 und 81 Jahren im Casa Xochiquetzal, was auf Deutsch so viel wie „Haus der schönen Blumen“ bedeutet. Viele der Frauen arbeiteten direkt im Bezirk Tepito, vor den Türen ihres jetzigen Altersruhesitzes. Auf den Straßen der Acht-Millionen-Metropole verdienten sie ihr Geld mit erotischen Dienstleistungen. Doch als ihre jugendlichen Reize schwanden, mussten viele erkennen: In der mexikanischen Konsumgesellschaft haben auch Prostituierte ein Ablaufdatum, sobald die Haut runzelig wird.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Aus einem Box-Museum wird ein Altersheim</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Idee für die Casa Xochiquetzal wurde 2001 geboren: Carmen Mu<em>ñ</em>oz, die ihr Geld selbst einst als Sexarbeiterin verdiente, war schockiert vom Elend ihrer früheren Kolleginnen. Verstoßen von ihren Familien, sah sie einige von ihnen auf der Straße schlafen, zugedeckt nur mit einer Plastikplane – im Stich gelassen von der Gesellschaft. Die betagten Damen mussten sich ein paar Münzen für eine warme Mahlzeit erbetteln oder in Mülleimern wühlen. Berührt von dem, was sie sah, beschloss Carmen Mu<em>ñ</em>oz ihnen einen sicheren Unterschlupf zu schaffen.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1" style="max-width:1200px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1200:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="16000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierteJesicaVargas_Reiter03-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Geschäftsführerin Jesica Vargas in ihrem Büro.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituMamaEde_Reiter11-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mama Ede: Die Beschäftigungstherapeutin Edelmira Lomeli Hurtado, auch genannt Mama Ede, unterstützt die Bewohnerinnen, wo sie kann.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierten_concep_juanita-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Rosa Belen beim Sticken. (l.) Concepción ist stolz auf ihre Stickerei: Sol steht für die Sonne Mexikos. (r.)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_prostituierten_Celia_Gloria_reiter-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Celia ist gern in Gesellschaft. (l.) Gloria hat dreizehn Kinder von vier verschiedenen Männern. (r.)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierte_Canela_BDesrus-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Canela geht mit einem fremden Hund spazieren. (© Bénédicte Desrus)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_reiter_Amalia_BenedicteDesrus1-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Amalia in ihrem Schlafzimmer. (© Bénédicte Desrus)</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_prostitutionVictoria_BenedicteDesrus-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Victoria besucht ihre Tochter in Pachuca.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-prostitution-in-mexiko-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1200px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierteJesicaVargas_Reiter03-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituMamaEde_Reiter11-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierten_concep_juanita-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_prostituierten_Celia_Gloria_reiter-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/mexiko_prostituierte_Canela_BDesrus-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_reiter_Amalia_BenedicteDesrus1-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_prostitutionVictoria_BenedicteDesrus-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<p style="text-align: justify;">Nach langer Lobby-Arbeit unterstützte die Stadtregierung Carmen Mu<em>ñ</em>oz dabei, das Projekt Casa Xochiquetzal zum Leben zu erwecken. Der damalige Bürgermeister stellte das Gebäude zur Verfügung – ein zweistöckiges Stadthaus aus dem 18. Jahrhundert. Einst beheimatete es ein Box-Museum, nun wurde es zum Altenheim für Prostituierte umgebaut.</p>
<p style="text-align: justify;">Carmen Mu<em>ñ</em>oz restaurierte das Gebäude mit der Unterstützung von anderen Aktivistinnen und Helferinnen. Monatelang schrubbten die Frauen die Böden, bauten Backöfen und Badezimmerarmaturen ein und besorgten günstige Möbelstücke. Seit 2006 ist die Casa Xochiquetzal Heimat für die „schönen Blumen“. Betagte Prostituierte, für die Gesellschaft unsichtbar geworden, erhalten hier Unterschlupf, Nahrung und medizinische Betreuung. Die Sozialarbeiterin, die von allen hier Mama Ede genannt wird, hilft ihnen dabei, Papiere und Identitätsnachweise zu besorgen – in der mexikanischen Bürokratie oft ein erster Schritt zurück ins Sozialsystem und in ein geregeltes Leben. Das Projekt ist von Spendengeldern abhängig. „Die Suche nach Geldgebern ist aber schwierig“, seufzt Jesica Vargas. „Im katholischen Macho-Land Mexiko spenden die Menschen eben lieber für kranke Kinder als für alte Prostituierte.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">Aus ehemaligen Konkurrentinnen werden Mitbewohnerinnen</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Bewohnerinnen sind gastfreundlich. Dem Besuch aus Deutschland präsentieren sie stolz ihr eigenes Heim: die Küche, zwei Fernsehräume, Badezimmer, die einzelnen Schlafräume. „Ich bin so stolz, hier leben zu dürfen“, erklärt Amalia, die durch ihr kleines Reich führt und sich wegen des Chaos in ihrem Zimmer keine großen Gedanken zu machen scheint. Für Ordnung und Sauberkeit in den privaten Zimmern sind die Frauen selbst zuständig. Die wenigen persönlichen Gegenstände, die sie besitzen, pinnen sie stolz an die Wände: Fotografien, Stickereien, Heiligenbilder. „Viele Frauen hier sind sehr religiös“, erzählt Jesica Vargas.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Alltag in der Casa Xochiquetzal nimmt derweil seinen Lauf.Aus einem alten Radio klimpern mexikanische Chansons, sie erzählen von Herzschmerz und der großen Liebe. An die wahre Liebe glauben hier in der Casa Xochiquetzal nur die wenigsten. Die meisten stolperten Zeit ihres Lebens von einer kaputten Beziehung in die nächste oder wurden von ihren Männern zur Prostitution gezwungen. Die Frauen sind über die Jahre dickhäutig geworden, ihr Ton ist rau. Eine wichtige Regel lautet deshalb: Respekt voreinander. Die Bewohnerinnen sind Schicksalsgenossinnen, aber eben auch ehemalige Konkurrentinnen – manche Konflikte schwelen bis heute und machen ein harmonisches Zusammenleben schwierig.</p>
<p style="text-align: justify;">Auf Plastikstühlen sitzt eine Gruppe Frauen im Innenhof und stickt traditionelle Muster in Kissenbezüge. Die Stimmung ist entspannt und erinnert fast an ein gewöhnliches Altenheim. Doch der Schein trügt. Eine grauhaarige Frau wimmert in das Telefon auf dem Flur, Tränen rinnen ihre ledrigen Wangen hinunter. Viele der Frauen wurden von ihren Kindern, Enkeln und Geschwistern verstoßen – aus Scham oder Unsicherheit. An ihrem Lebensabend sind sie nun alleingelassen. Doch sie haben zumindest ein Dach über dem Kopf – anders als viele andere Prostituierte, die auf Mexikos Straßen schlafen müssen und keinen Schutz haben vor Gewalt und ökonomischer Unsicherheit.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Keine Männer, keine Drogen</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Aufnahmekriterien für das einzigartige Altersheim sind simpel: Wer einen Schlafplatz möchte, muss über fünfzig sein, als Prostituierte gearbeitet haben und keine Unterstützung von seiner Familie bekommen. Die meisten Frauen haben über Mundpropaganda von dem Projekt erfahren. Einmal eingezogen, müssen sie sich an einige Regeln halten: Keine Männer, keine Drogen. Das eigene Zimmer sauber halten und in der Küche helfen. Das wöchentliche Treffen besuchen. Bis spätestens zehn Uhr abends zu Hause sein. Wer länger aus ist, muss eine Adresse und eine Telefonnummer zurücklassen. Gewissenhaft tragen sich die ehemaligen Sexarbeiterinnen deshalb in ein dickes Buch ein, das am Eingang bereit liegt. „Das ist nicht für alle einfach“, erzählt Jesica Vargas. „Viele haben ihr ganzes Leben lang ohne gewohnte Strukturen verbracht.“ So verwundert es nur auf den ersten Blick, dass manch eine Bewohnerin sich nach einigen Monaten wieder davonstiehlt und das raue Straßenleben dem gemachten Bett vorzieht.</p>
<p style="text-align: justify;">Allen Bewohnerinnen ist es freigestellt, ob sie ihren Beruf als Prostituierte weiterführen wollen oder nicht. Nur die Schwelle zur Casa Xochiquetzal darf keiner der Männer übertreten. Norma, eine der Bewohnerinnen, besucht immer noch gerne ihr altes „Büro“, einen verlotterten Platz ganz in der Nähe, wo sich Prostituierte und Freier treffen – und Norma noch gut bekannt ist. Norma fühlt sich geehrt, wenn insbesondere jüngere Männer Interesse an ihr zeigen. Andere, wie Canela, verkaufen lieber Süßigkeiten, um sich ein bisschen Kleingeld für Make-up oder Softdrinks zu verdienen.</p>
<p style="text-align: justify;">Manche Schicksale der Frauen lassen einen ratlos-bedrückt zurück, wenn man sie erzählt bekommt. Canela, eine der ältesten Bewohnerinnen des Hauses, leidet am Down-Syndrom. Schon als Kind wurde sie von ihrem Stiefvater missbraucht. Heute ist sie glücklich, ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben. „Sie ist die glücklichste im Haus“, erzählt Jesica Vargas. Viele der Frauen sind schwer krank, einige haben Aids. So wie Conchita, die bei ihren Großeltern aufwuchs und bereits mit dreizehn Jahren in die Fänge des Prostitutionsgewerbes geriet. Die mollige Ein-Meter-Vierzig-Frau ist froh, dass sie in der Casa Xochiquetzal die nötigen Medikamente bekommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Jesica Vargas ist täglich mit solch traurigen Schicksalen konfrontiert. Doch die Begegnungen mit den Frauen machen sie nicht kaputt, wie sie erzählt. Im Gegenteil. „Es macht mich stark, weil die Frauen so stark sind“, sagt sie. Trotz der sehr traurigen Geschichten würden die Frauen tagtäglich Stärke, Liebe und Dankbarkeit beweisen. „Ich lerne hier das Leben kennen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Besuch in der Casa Xochiquetzal heißt es Abschied nehmen von den „schönen Blumen“. Sozialarbeiterin Mama Ede begleitet den Gast aus Deutschland durch das Gewirr der Straßen. Sicher schlängelt sich die kleine Frau durch die Menschenmenge, die Handtasche stets fest im Griff. Mama Ede hat noch eine wichtige Besorgung zu erledigen: Medikamente aus der Apotheke für ihre Schützlinge.</p>
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																			<div class="aesop-stacked-caption">In ihrem Buch „Las amo­ro­sas más bra­vas“ („Tough Love“) prä­sen­tie­ren die Doku­men­tar­fo­to­gra­fin Béné­dicte Des­rus und die Auto­rin Celia Goméz Ramos intime Por­träts der Frauen, die im Casa Xochi­quetzal woh­nen. Sechs Jahre besuchte Des­rus die Frauen für ihre ein­dring­li­che Fotoreportage.Um das bilin­guale (spanisch-englische) Buch zu bestel­len, kon­tak­tiere: proyecto.xochiquetzal@gmail.com.(Ein Teil des Erlö­ses wird an die Casa Xochi­quetzal gespendet.)</div>
																	</div>
								<style>#aesop-stacked-img-4279{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_bildband_PortadaLibro_MediaRes.jpg);}  @media screen and (min-width:768px){#aesop-stacked-img-4279{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_bildband_PortadaLibro_MediaRes-1250x958.jpg);}}   @media screen and (min-width:1200px){#aesop-stacked-img-4279{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/03/Mexiko_bildband_PortadaLibro_MediaRes.jpg);}}  </style></div></p>
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		<title>Ausverkauf im Kaffeeparadies</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Nov 2014 07:20:56 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Carlos verdient sein Geld mit Kaffeebohnen, seit er zehn Jahre alt ist. Seine Farm liegt in Boquete, einem kleinen Dorf umgeben von Bergen und Regenbögen. Doch Carlos sieht sein Kaffeeparadies in Gefahr, seit der Bürgermeister den Ort als Altersresidenz für US-Bürger vermarktet: mit eingezäunten Wohnanlagen und Cheeseburgern zum Schnäppchenpreis.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ausverkauf-im-kaffeeparadies/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Carlos verdient sein Geld mit Kaffeebohnen, seit er zehn Jahre alt ist. Die Farm, auf der er arbeitet, liegt in Boquete, einem kleinen Dorf umgeben von Bergen und Regenbögen. Der örtliche Bürgermeister hat die Schönheit des Ortes erkannt und vermarktet ihn als Altersresidenz für US-Bürger: mit eingezäunten Wohnanlagen und Cheeseburgern zum Schnäppchenpreis.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Se vende“ &#8211; „Zu verkaufen“ steht auf vielen Schildern am Rande der Hauptstraße, die sich wie ein endloses Band über die kleinen Hügel durch den lebendigen Stadtkern schlängelt. In Mitten eines Tals in der Hochebene von Chiriqui und am Fuße des Vulkans Baru liegt das panamaische Bergdorf Boquete, ein 22.000-Einwohner-Paradies mit unzähligen Kaffeefeldern und farbenfrohen Blumenplantagen, das derzeit zu großen Teilen zum Verkauf steht.</p>
<p style="text-align: justify;">„Erst kürzlich war ein englischer Tourist hier, der die zwei Wörter auf den Schildern für den Namen des Dorfes gehalten hat, so verbreitet sind die hier“, erzählt Carlos und seine Stimme klingt dabei so verbittert, dass man ihm die eigentlich viel zu perfekte Anekdote fast glauben möchte.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn er die Stirn in Falten legt, dann funkeln seine dunklen Augen und er wirkt entschieden. Carlos hat in seinem Leben für hiesige Verhältnisse schon viel erreicht. Der Sohn einer Kaffeepflückerfamilie ist in Boquete geboren und aufgewachsen, verdient sein Geld mit der roten Kaffeefrucht, seit er im Alter von zehn Jahren nach der Schule mit seinen Geschwistern auf der Plantage zum Lebensunterhalt der Familie beitrug.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-kaffeeanbau-panama-2" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-kaffeeanbau-panama-2 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-kaffeeanbau-panama-2 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-kaffeeanbau-panama-2 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="12000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_carlos_kaffee_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Carlos arbeitet auf einer Kaffeeplantage in Panama. Im Alter von zehn Jahren, direkt nach der Schule, hat er so zum Lebensunterhalt der Familie beigetragen. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_boquete_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In Mitten eines Tals in der Hochebene von Chiriqui und am Fuße des Vulkans Baru liegt das panamaische Bergdorf Boquete. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_Kaffee_setzlinge_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die kleinen Setzlinge werden später einmal die Bohnen hervor bringen, die den morgendlichen Kaffee möglich machen. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_mokka_kaffee_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In Boquete sind die Bedingungen für den Kaffeeanbau optimal. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffeebohnen_ungepuhlt_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Eigentlich sind Kaffeebohnen die Kerne innerhalb der roten Kaffeefrucht. Erst wenn die Schale entfernt ist kommen die "Bohnen" zum Vorschein. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_ungeroestet_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ohne die rote Hülle und noch ungeröstet sind die Kerne eher hellbraun. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_roestanlage_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Vor der Röstung müssen die "Bohnen" noch getrocknet werden. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_trocknen_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auf den Plantagen werden die "Bohnen" in der Sonne getrocknet und später dann je nach Bedarf geröstet. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_plantage_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das Land auf dem die Plantage liegt kostet mittlerweile ein Vielfaches seines ursprünglichen Preises. © Birte Schmidt</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_carlos_bohnen_riechen.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description"> © Birte Schmidt</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-kaffeeanbau-panama-2-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_carlos_kaffee_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_boquete_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_Kaffee_setzlinge_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_mokka_kaffee_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffeebohnen_ungepuhlt_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_ungeroestet_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_roestanlage_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_trocknen_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_kaffee_plantage_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/panama_schmidt_carlos_bohnen_riechen-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Ideale Bedingungen für den Kaffeeanbau</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Bedingungen für den Kaffeeanbau hier sind ideal: Das Klima im Hochland ist konstant warm, selten heiß, und Regen gibt es hier fast zehn Monate im Jahr. Dazu sorgt das Vulkangestein für einen besonders nährstoffreichen und fruchtbaren Boden. Bäume bunt bedeckt mit Orangen, Zitronen, Mango, Papaya, Bananen, Avocado und Guave spenden dem Kaffee zudem tagein tagaus den so notwendigen Schatten.</p>
<p style="text-align: justify;">Inzwischen ist Carlos 34 und seine Haut gezeichnet von der jahrelangen harten Arbeit auf den Feldern unter der brütenden Sonne Zentralamerikas. Graue Linien durchziehen sein schwarzes Haar, die ihn ein bisschen älter machen und einen lustigen Kontrast zu seinem jungenhaften Charme schaffen, mit dem er stolz von dem Haus am Stadtrand erzählt, das er für sich und seine Familie gekauft hat. Das Geld für den Kredit verdient er als festangestellter Fremdenführer, der Touristen über die Kaffeeplantagen von „Café Ruiz“ führt und Kaffeeseminare gibt.</p>
<p style="text-align: justify;">Carlos spricht fließend Englisch, das sei wichtig sagt er, denn während viele Touristen zumindest rudimentäre Spanischkenntnisse mitbringen, kann sich eine immer größer werdende Gruppe gar nicht in der Landessprache verständigen. Gringos nennen sie die hier, die englischsprachigen Ausländer vor allem aus den USA.</p>
<h2 style="text-align: left;">Gringos entdecken die Idylle</h2>
<p style="text-align: justify;">Ende der 80er kamen die ersten Fremden in die Stadt, kauften günstiges Land in dem Ort, der ebenso sicher wie modern und für US-amerikanische Verhältnisse besonders günstig war. „Ein Freund von mir hat sein Land für 50 Cent pro Quadratmeter verkauft, 5000 Dollar der Hektar“, erzählt Carlos und lässt vermuten, dass er es ihm noch heute übel nimmt.</p>
<p style="text-align: justify;">Denn in den kommenden Jahren entdeckten immer mehr Gringos Carlos’ kleines Paradies zwischen den grünen Berghängen, als einen sicheren Ort, klimatisch günstig gelegen, perfekt geeignet als Alterssitz mit allen Vorzügen, die ihnen aus der Heimat bekannt sind – nur eben zu einem viel günstigeren Preis.</p>
<p style="text-align: justify;">„Die erste Gated Community, eine umzäunte Wohnanlage also, entstand dort, wo zuvor eine wunderschöne Kaffeefarm gelegen hatte, fruchtbar, grün, umgeben nur von Bäumen und mit einem kleinen Fluss, der mitten hindurch floss“, erzählt Carlos. Heute stehen dort 300 Häuser, nahezu identisch im Aussehen mit ihren cremefarbenen Fassaden, dazu gibt es einen Golfplatz, zahlreiche Swimmingpools, Bars, Restaurants und ein Theater. „Eine kleine eingezäunte Stadt mit 24-stündiger Sicherheitsüberwachung“, sagt Carlos. Auch ein Hotel steht auf dem Gelände, 450 Dollar kostet die Übernachtung. „Mehr als ein durchschnittlicher Monatslohn in Boquete“, fügt Carlos mit dunkler Stimme hinzu.</p>
<h2 style="text-align: left;">Hinter Zäunen leben die US-Amerikaner</h2>
<p style="text-align: justify;">„Wenn du in so einer Community lebst, darfst du dein Haus nicht einfach in der Farbe streichen, wie du es möchtest, alle sind einheitlich beige. Du darfst deine Wäsche nicht raushängen, Kinder dürfen nicht in den Pool springen und du darfst nicht mehr als einen Hund haben. Es ist ein Gefängnis für reiche Leute.“</p>
<p style="text-align: justify;">Den Amerikanern aber gefällt’s. Hinter großen Zäunen verbarrikadieren sich auf einem Gelände, zu dem Carlos als Einheimischer keinen Zutritt hat. Und wenn, dann nur unter strengen Sicherheitsmaßnahmen.</p>
<p style="text-align: justify;">Nachdem ein Lifestyle-Magazin in den USA über Boquete berichtet hatte, gab es hier einen regelrechten Bau-Boom. Die Einheimischen verkauften ihr Land und die sechs Meter hohen Bäume wichen Golfplätzen und Hotelanlagen. Eine Million Dollar gibt es inzwischen für einen Hektar Land und Carlos Freund wird sich vermutlich über seinen schlechten Deal von einst ärgern.</p>
<h2 style="text-align: left;">Discounts und Benefits, sogar für Burger von McDonald</h2>
<p style="text-align: justify;">Man brauche kein Spanisch lernen, wenn man es nicht wollte, wirbt das amerikanische Lifestyle-Magazin AARP, und im Supermarkt gebe es importierte US-Produkte. Man könne einem Bridgeclub beiwohnen, Golf spielen, Freiwilligenarbeit unterstützen und Freunde zum Lunch oder während der Happy Hour in Bars und Restaurants treffen. Mit einem Budget von 2000 Dollar käme man als Paar gut über die Runden heißt es. Der US-Dollar ist übrigens Landeswährung.</p>
<p style="text-align: justify;">Dazu gibt es jede Menge Discounts und Benefits. 20 bis 50 Prozent Rabatt bekommen Auswanderer auf Flüge, Busse und Züge, auf Filme, Konzerte, Restaurantbesuche, ja sogar auf Arzt- und Krankenhausrechnungen. Ein älterer Herr, der von seiner Rente lebt, verkündet stolz, dass er sogar Rabatt für einen McDonald’s Burger bekommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Für manch einen bedeutet der Umzug auch den Beginn eines Neuanfangs. Das Rentnerehepaar Rich Lipner und Dee Harris, beide pensionierte Lehrer, kamen 2003 aus Kalifornien nach Boquete, kauften dort eine sieben Hektar große Kaffeeplantage für 135.000 Euro. Der amerikanischen Huffingtonpost erzählen sie, was aus dem Land geworden ist. „In den vergangenen Jahren haben wir ungefähr 80.000 Euro investiert, um ein neues 1000 Quadratmeter großes Gästehaus zu bauen und das ursprüngliche 2000 Quadratmeter große Haus zu renovieren“, sagt Lipner. „Wir leben hier sehr komfortabel von unseren Pensionsgehältern. Wir haben ein neues und wunderbares Kapitel in unserem Leben begonnen.“</p>
<h2 style="text-align: left;">Landverkauf bringt mehr als Kaffeeanbau</h2>
<p style="text-align: justify;">„Man macht mehr Geld, wenn man sein Land verkauft, als wenn man eine Kaffeefarm betreibt“, sagt Carlos und blickt trübselig auf das weite grüne Land seiner Heimat.</p>
<p style="text-align: justify;">Der ursprüngliche Eigentümer hatte es einst seinem Sohn Plinio vererbt, der, heute 92, jahrelang sparte und schließlich weiteres Land dazukaufte in dem Vertrauen, dass hier die Kaffeepflanzen besonders gut und ertragreich gediehen. Inzwischen ist es zum größten Kaffeeunternehmen Panamas herangewachsen, die elf Plantagen liegen weiter fest in Familienhand. Längst schon arbeiten auch Plinios Kinder mit.</p>
<p style="text-align: justify;">„Die Farm ist 60 Hektar groß, das gebe 60 Millionen Dollar“, weiß Carlos. Trotzdem hat die Familie Ruiz bisher allen Verlockungen widerstanden, das Land für ein Vielfaches seines Ursprungspreises zu verkaufen. Vielleicht, weil ihre Geschäfte noch gut laufen. Vielleicht aber auch nur so noch lange, wie sie es sich leisten kann. Denn die Umsätze der Kaffeeindustrie in Panama sinken stetig.</p>
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