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	<description>Magazin für Reportagen</description>
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	<title>Asien &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Unterwegs in Nordkorea</title>
		<link>https://www.weltseher.de/unterwegs-in-nordkorea/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Sep 2020 20:28:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Nord Korea]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Korea]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Oliver Rühle]]></category>
		<category><![CDATA[Nordkorea]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Nachdem ihm das Regime doch noch ein Visum ausgestellt hat, reist unser Autor durch Nordkorea. Umgeben von kommunistischer Architektur und dem Personenkult der Kims versucht er, eine Frage zu beantworten: Wie sind die Menschen hier wirklich?<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/unterwegs-in-nordkorea/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Nachdem ihm das Regime doch noch ein Visum ausgestellt hat, reist unser Autor durch Nordkorea. Umgeben von kommunistischer Architektur und dem Personenkult der Kims versucht er, eine Frage zu beantworten: Wie sind die Menschen hier wirklich?</strong></p>



<p>Mehrere Anläufe hatte ich gebraucht, um diese Reisen nach Nordkorea überhaupt antreten zu können. Offenbar hatte mich das kommunistische Regime wegen meiner Artikel in deutschen Medien über die Kim-Dynastie auf eine schwarze Liste für Journalisten gesetzt. 2015 hatten mir die Nordkoreaner das Visum für die Begleitung einer deutschen Bundestagsdelegation noch verweigert. Drei Jahre später ging dann plötzlich alles ganz schnell. Es war es wie so oft im Leben: man muss die richtigen Leute kennenlernen.</p>



<p>Ich hatte Glück, dass ich die Fotografin Xiomara Bender für ein Interview zu ihrem Nordkorea-Bildband “The Power of Dreams” traf. Durch sie eröffnete sich mir ein ganz anderer Zugang zu meinem journalistischen Lieblingsthema – der nun schon 72 Jahre alten Diktatur. Xiomara fotografiert seit 2011 regelmäßig in Nordkorea, kennt das Land gut. Durch ihren Vater Andreas Bender, der weltweit als Reiseführer für eher ungewöhnliche Reiseziele operiert und als einer der ersten Deutschen eine Reiseleiterlizenz für Nordkorea seitens des kommunistischen Regimes erhielt, kann sich Xiomara auf ein seit über 30 Jahren quasi gegenseitiges Vertrauensverhältnis zwischen ihrer Familie und der nordkoreanischen Tourismusbehörde verlassen.</p>



<p>Die Behörde verfolgt die strikte Aufgabe, alle Ausländer im Land zu kontrollieren und während des Besuchs mit mindestens zwei sogenannten Reiseführern auf Schritt und Tritt zu begleiten. Dank Xiomaras Vater bekam ich nun ganz problemlos ein Visum für Nordkorea und begleitete Sie 2018 zwei Mal in das abgeschottete Land am Ende der Welt.</p>


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                                Der 170 Meter hohe Couch’e-Turm in Pjöngjang, benannt nach der Staatsideologie der Kim-Dynastie.
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<p>Sicher wusste die nordkoreanische Seite, dass ich als Journalist und weniger als Tourist agieren würde. Aber offenbar bekam ich das Prädikat „harmlos“ verliehen. Und ja, Nordkorea hat sich in den letzten Jahren etwas geöffnet, natürlich auch des Geldes wegen. Das von internationalen Handels-Sanktionen geplagte Land hat nicht viele Gelegenheiten, an harte Währungen heranzukommen. Und irgendwie muss Diktator Kim Jong-un ja seinen extravaganten Lebensstil mit Luxusautos, Privatjet, Palästen und Zuchtpferden finanzieren, während sein Volk in ärmlichen Verhältnissen lebt.</p>



<h2>Touristen als Devisen-Bringer fürs Unrechtsregime</h2>



<p>So bin auch ich letztlich nur ein Devisen-Bringer für das Unrechtsregime. Dessen muss sich jeder Nordkoreareisende bewusst sein. Schließlich brachte mein Aufenthalt pro Einreise dem nordkoreanischen Staat etwa 2.500 Euro ein. Ein teures Unterfangen also. Vom Abflug (von Peking oder Shanghai) an übernimmt die staatliche Tourismusbehörde die Kontrolle. Sie legt Hotels, Restaurants und Zeitpläne fest. Wirklich Ruhe vor den “Guides” hat man erst, wenn man von jenen im zentralen “Ausländerhotel” in der Hauptstadt Pjöngjang abgegeben wird und es hinter einem die Türen schließt. Der graue Wolkenkratzer am Ufer des Flusses Taedong ist ein Gefängnis light, denn auf eigene Faust darf man ihn nicht verlassen.</p>



<p>In die internationalen Schlagzeilen war das Hotel 2016 geraten: der junge Student und US-Amerikaner Otto Warmbier wurde verhaftet, weil er hier ein Propagandaplakat von der Wand gestohlen haben soll. Die Nordkoreaner verurteilten den Tourist dafür zu 15 Jahren Arbeitslager. Dort fiel er unter immer noch ungeklärten Umständen ins Koma und starb nach seiner Auslieferung 2017 in den USA.</p>



<p>Hier checke ich ein und beginne meine Nordkorea-Reise. Individuelle Wünsche für Route und Abläufe lassen die Hotel-Angestellten, immer in Abstimmung mit der Tourismusbehörde, bis zuletzt unbeantwortet oder im Vagen. Gleichzeitig versuchen sie aber Alles, um Gäste zufriedenzustellen. Das liegt in der Mentalität der Koreaner.</p>



<p>Für Touristen, die nicht wie ich journalistisch tätig sind, ist der Visa-Antrag heutzutage problemlos. So waren während meines ersten Aufenthalts anlässlich der Feierlichkeiten zu 70 Jahren Nordkorea im September 2018 so viele Ausländer im Land wie niemals zuvor. Der Großteil davon Chinesen, für die Nordkorea eine Art Kolonie ist. Und so führen sie sich vor Ort auch auf. Bald sollen rund eine Million chinesische Touristen pro Jahr kommen, vermelden Nordkorea-Analysten.</p>



<p>Wie das in der Praxis aussehen soll, bleibt mir ein Rätsel. Für viele Chinesen ist ein Nordkorea-Trip eine Reise in die eigene kommunistisch-maoistische Vergangenheit, inklusive Kontrolle und Gängelung. Viele sind nur bedingt an den Kulturreisen durchs Land interessiert, sondern wollen in die neu gebauten Spa-Hotels oder in die Skigebiete, die allesamt fernab großer Siedlungen liegen und gut zu kontrollieren sind. Aus nordkoreanischer Sicht bedeutet „perfekter Tourismus“, wenn Gäste kommen, die ihr Geld mitbringen – und ansonsten gut abgeschirmt von der Bevölkerung im Hotel oder einem isolierten Gebirge bleiben.</p>



<h2>Leer und sonderbar zart</h2>



<p>Hinter dem Fenster meines Hotelzimmers liegt Pjöngjang. Meine ersten Gedanken: diese große Leere, das Nichts zwischen den Gebäuden und Menschen. Das Leben muss sich hier zwischen breiten Straßen, Plattenbauten und weitläufigen Plätzen und Propaganda-Monumenten abspielen. Damit folgt die nordkoreanische Hauptstadt einer bei kommunistischen Diktaturen beliebten Architektur. Im sowjetischen Moskau – an der sich die &#8222;Demokratische Volksrepublik Nordkorea&#8220; bei der Gründung im Jahr 1948 zunächst orientierte – ließ Stalin historische, verwinkelte Nachbarschaften abreißen, um breite Boulevards und lange Sichtachsen anzulegen. So konnten sich die Bewohner nicht so gut verstecken, aber dafür die Partei und Armee besser aufmarschieren. Gewaltige Monumente mit den Symbolen des Staates und den Antlitzen seiner Führer sollten dem Regime Größe und einen Hauch von Ewigkeit verleihen.</p>


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<p>Die Sowjetunion gibt es nicht mehr, aber Nordkorea ist noch da. Dessen Propaganda-Apparat erscheint so effektiv, dass selbst Stalin neidisch geworden wäre. Der Personenkult mit Statuen und Plakaten begann mit dem Staatsgründer: Kims Großvater, Kim, der &#8222;Große Führer&#8220; und trotz seines Ablebens vor sechsundzwanzig Jahren heute immer noch der &#8222;ewige Präsident&#8220; Nordkoreas. Und Kims Vater, Kim, die &#8222;Sonne der Nation&#8220;, verstorben 2011, ist immer noch &#8222;ewiger Generalsekretär&#8220; der Kommunistischen Partei.</p>



<p>Seit fast zehn Jahren ist der dritte Kim an der Macht. Das Staatsfernsehen verkündet nur seine Erfolge, die Armut im Land oder die große Hungersnot in den 90er-Jahren werden nicht erwähnt. Für jeden Bürger wäre öffentliche Kritik Selbstmord. Der Staatskult geht sogar soweit, dass die Nordkoreaner ihre Kim-Führer für Halbgötter halten, die anders als Normalsterbliche nie auf Toilette müssen. So berichtete es jedenfalls der nordkoreanische Flüchtling Kang Chol-hwan im Buch &#8222;Die Aquarien von Pjöngjang&#8220;.</p>



<p>Mit diesen Gedanken blicke ich um mich. Kann es wirklich sein, dass die fünfundzwanzig Millionen Menschen in diesem Land an so einen Quatsch glauben? Wenn ich hier leben würde, täte ich sicher nur so, um zu überleben. Aber sicher sein, kann ich nicht. Wer weiß schon, was zwei Generationen Gehirnwäsche anrichten können. Zumal das Regime alles versucht, um Informationen von der Außenwelt fernzuhalten, ein offenes Internet gibt es nicht.</p>



<h2>Ferner Planet</h2>



<p>Bereits auf der Taxi-Fahrt vom Flughafen zum Hotel versuchte ich, einen Blick auf die Menschen in den Straßen zu erhaschen. Sie wirkten auf mich wie uniforme aber zarte, fast zerbrechliche Wesen. Ihre Erscheinung scheint aufrichtig und unbehelligt, und zieht mich sogleich in einen Bann. Sie kommen mir verwandt vor, aber gleichzeitig wie Außerirdische von einem fernen, unbekannten Planeten. Oder bin ich hier der Außerirdische, von einem klassenverfeindeten Himmelskörper?</p>



<p>Ich kann es bis heute nicht benennen, so skurril erscheinen die jeweiligen, gegensätzlichen Wahrheiten, wenn der Rest der Welt – wie ich – auf Nordkorea trifft. Und dann dieses Gefühl, wie in einem Bernstein eingeschlossen zu wandeln, Besucher einer konservierten Kultur zu sein. Zu Gast in einer Apparatur, in welcher Denunziation und strikte Überwachung herrschen, Deportationen und Machtmissbrauch zur Tagesordnung zählen und kaum Individualität möglich ist, bzw. als Entfaltungsform der eigenen Biografie völlig unbekannt sein muss.</p>



<p>Wie unter einer Glocke erscheint mir das Leben hier, draußen Unmengen Wasser, drinnen ein wenig Luft zum Atmen. Sie wissen es einfach nicht besser. Vielleicht ist Nordkorea die Tiefsee unter den Ländern der Erde. Kaum Licht dringt ein. Kein Internet, keine Mode, keine Popkultur, keine Pornografie, kein Hollywood, kein Ami auf dem Mond, keine Droge, keine Verheißung, keine Möglichkeit der freien Entscheidung.</p>



<p>Um so neugieriger stürze ich mich auf den ersten echten Nordkoreaner, mit dem ich sprechen darf. Und das auf fast perfektem Deutsch. Er ist einer meiner Reise-Aufpasser und nennt sich ausgerechnet &#8222;Bruce Lee&#8220;, wie die Hollywood-Kampfsport-Ikone. Ansonsten will er aber von westlicher Kultur noch nichts gehört haben – oder hat es wirklich nicht. &#8222;Die Beatles? Noch nie gehört!&#8220;, sagt er.</p>



<p>Doch dann geht es endlich los. Unsere Reisegruppe samt Aufpasser darf aus dem Hotel und ich sitze in einem Kleinbus-Taxi japanischer Fabrikation. Neben Xiomara, den beiden Aufpassern und mir besteht unsere Gruppe noch aus meinem besten Freund Felix. Auf einer der breiten, endlos wirkenden Straßen der Drei-Millionen-Metropole Pjöngjang, mit den weitläufigen Sichtachsen entlang der in Pastelltönen angemalten Prachtbauten. Viel Verkehr gibt es nicht. Es ist die Straßeninfrastruktur einer Großstadt mit dem Verkehrsaufkommen eines Dorfs. Am Straßenrand absolviert eine Gruppe von uniformierten Frauen einen Appell. So viel Raum und Platz.</p>



<h2>Seltsam bekannt</h2>



<p>Eine Hauptstadt mit der Atmosphäre einer Filmkulisse. Alles erscheint akkurat und künstlich. Nicht am Leben gewachsen, sondern inszeniert nach den Plänen der Kim-Dynastie. Unsere Reiseleiter verordnen Stops vor Gebäuden und Monumenten. &#8222;Bitte nicht mit den Menschen sprechen&#8220;, sagt Bruce Lee. In meiner Erinnerung verschwimmen die Eindrücke. Fast fühle ich mich heimgesucht durch eine seltene Welt – vielleicht die Letzte ihrer Art.</p>



<p>Trotzdem kenne ich die Symmetrien der Stadt bereits von irgendwoher. Manche Farben, auch Gerüche, vielleicht auch die Mode mit ihren strengen Schnitten, kommen mir bekannt vor. Ganz bestimmt aber die Pjöngjanger Straßenbahnen, denn die roten Tatra-Wagen aus der ehemaligen Tschechoslowakei, erinnern mich an meine eigene Kindheit in der DDR. Auf vielleicht denselben Sitzschalen saß ich in Dresden auf dem Weg in den Kindergarten, in welchem wir uns auf den gleichen Klettergerüsten die Knie und Köpfe aufschlugen. Meine eigene Vergangenheit wird lebendig. Die Idee von der sozialistischen Stadt, ich erkenne sie wieder.</p>



<p>Wenn ich jetzt während des Schreibens an Nordkorea zurückdenke, erinnere ich mich vor allem immer wieder an ein zärtliches Gefühl den Menschen gegenüber. Auslöser vor Ort war ein sonderbarer und berührender Moment zugleich – und das ausgerechnet während einer Militärparade.</p>



<p>Die große Parade soll den 70. Gründungstag von Nordkorea feiern. Die Reise-Aufpasser haben uns am Rande eines großen Prachtboulevards positioniert. Erwartet hatte ich Waffen. Stählerne Kanonen und bedrohliche Raketen. Feindselige Prahlerei und frenetisch zelebrierte Propaganda. Vor allem aber rechnete ich mit Aggression und Hysterie – gegen die USA, den Imperialismus, die westliche Welt. Wie sonst sollte die letzte stalinistische Diktatur ihren runden Geburtstag zelebrieren?</p>


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                                Militärparade zum 70. Gründungstag
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<p>Doch es ist der friedvollste, fröhlichste und bunteste Aufmarsch, den ich bisher erlebt habe. Und so stehe ich also da, neugierig und erstaunt, inmitten einer dieser typischen, ausladenden und ellenlang geraden Prachtstraßen Pjöngjangs. Währenddessen rollen die Lastwagenkonvois mit offener Ladefläche vorbei, auf der sehr junge, zierliche Soldaten und Soldatinnen jubeln. Sie halten Luftballons, statt Gewehren, und sie winken ungeniert und lachen fast kindlich zu der Menge an hübsch herausgeputzten Nordkoreanern am Straßenrand, welche ihrerseits je Konvoi ein herzliches &#8222;Danke!&#8220; ausrufen. Die Frauen in traditioneller, bonbonfarbener Tracht, die Männer mit schlichten Krawatten und in grautönigen Sakkos.</p>



<p>Für mich ist es ein Klischee-zerschmetterndes Bild, wie die aus Sowjetzeiten stammenden LKW auf mich zurollen und ausgelassene Freude, statt Zorn transportieren. Ich stehe allein auf weitem Asphalt, keiner der zahlreichen Polizisten, Ordnungshüter oder einer unserer beiden obligatorischen Aufpasser haben mich daran gehindert, die Menschenmenge zu durchbrechen und einfach auf die Fahrbahn zu treten. Ich glaube in diesem Moment war die Kontrolle über uns verlorengegangen, denn ein jeder aus unserer Gruppe verschwand für einige Augenblicke in der Menge der jubelnden Nordkoreaner. Und so recke ich meine Hand mal links mal rechts aus, zu den Händen der vielleicht jüngsten Garde der nordkoreanischen Armee. Die zierlichen Handflächen schlagen von oben auf die meine. Manche der gegenseitigen Berührungspunkte kann ich für Sekunden festhalten, indem sich mein Blickfeld mit dem jeweiligen Kopf auf dem Konvoi mitdreht.</p>



<h2>Formation und Gemeinschaft</h2>


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                                Eine junge Mutter mit Kind in der Siedlung einer Agrargenossenschaft im Nordosten Nordkoreas.
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<p>Und dann endlich verlassen wir Pjöngjang und das Ausländerhotel. Wir dürfen andere Teile Nordkoreas sehen, dessen Fläche etwa so groß ist wie Bayern und Niedersachsen zusammen. Wirkliche Reisefreiheit gibt es natürlich nicht. Die Tourismusbehörde hat die Route samt Unterkünften lange im voraus festgelegt und auch die beiden Aufpasser kommen mit. Trotzdem: besser als nichts. Die wohlhabende Hauptstadt ist für das normale Leben in Nordkorea nicht repräsentativ, die knapp drei Millionen Einwohner gehören vor allem zur gesellschaftlichen Elite und deren Dienstpersonal. Die restlichen zweiundzwanzig Millionen Nordkoreaner brauchen zum Betreten einen Passierschein. Und so rollen wir im Kleinbus mehrere hundert Kilometer Richtung Nordosten ans Japanische Meer, zu den Küstenstädten Hamhung und Wonsan.</p>



<p class="p3"><span class="s1">Wonsan ist ein harter Schnitt zur herausgeputzten Hauptstadt. Hier geht es nun ein paar Stufen abwärts: triste Plattenbauten, kaputte Straßen und Fensterscheiben, bedrückende Stimmung, jeder scheint von Arbeit oder Maßnahmen getrieben, alte LKW transportieren Menschen auf die Reis- und Sojafelder. Undefinierbare Gerüche liegen in der Luft. Spätestens hier wird überdeutlich, dass Nordkorea ein bitterarmes und immer noch vom Krieg geprägtes Land ist. Leben am Ende der Welt, so fühlt es sich an. Dabei wäre die Hafenstadt am Japanischen Meer wohl eine Touristenhochburg, wenn Nordkorea sich weiter öffnen würde. </span></p>



<p class="p3"><span class="s1">Strände mit feinstem Sand machen das Umland von Wonsan, mit den alten Kieferwäldern, nämlich zum Idyll. Stolz führen uns die Reise-Aufpasser an einen dieser Strände und lassen uns baden. Es fühlt sich absurd und beklemmend an. Ich denke an die vielen Menschen, die in diesem Wasser ihr Leben gelassen haben, weil sie der Freiheit am Horizont entgegen ruderten, in der Hoffnung, Japan zu erreichen. Viele Nussschalen verließen schon diese Küste. Mit dem Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können – dabei ist die Küste Japans viel zu weit weg, viele Boote kentern oder die verzweifelten Flüchtlinge verhungern auf offener See. Wer Nordkorea als Nordkoreaner verlässt, muss es für immer tun, tot oder lebendig.</span></p>


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<p>Unser Kleinbus folgt der Küste nach Norden. Nach etwa hundert Kilometern erreichen wir die zweitgrößte Stadt des Landes: Hamhung. An deren<span class="s1"> Wiederaufbau war acht Jahre lang die „Deutsche Arbeitsgruppe Hamhung“ maßgeblich beteiligt, eine Gruppe von Architekten und Ingenieuren aus der DDR. Tatsächlich erinnert es an Eisenhüttenstadt oder Hoyerswerda, mit den Arbeitersiedlungen und Plattenbauwohnungen in Reihe und Glied. Die Industriestadt scheint wie aus der Zeit gefallen, direkt aus den frühen Achtzigern.</span></p>



<p><span class="s1">Während die Hauptstadtbewohner Ausländer mittlerweile gewöhnt sind, fühlt man sich als solcher in Wonsan oder Hamhung wie ein Exot. Die Nordkoreaner reagieren grundsätzlich freundlich und respektvoll, fast zärtlich und naiv. Sie winken oder lachen, wenn man sie dazu animiert. Besonders in Hamhung. Während Wonsan auf mich einen trostlosen Eindruck macht, bleibt von Hamhung der Eindruck eines gewissen Eigenlebens. Menschen, die an der Straßenecke miteinander plaudern, Männer, die hockend Eis essen, Kinder, welche am Springbrunnenrand sitzen. Aber auch hier: Städtebau nach Prinzip. Die Allmacht des Systems in der Architektur. Breite Straßen, überdimensionale Kim-Monumente, weite Flächen und Flure. Hier kann sich niemand verstecken.</span></p>



<h2>Auf dem Land</h2>



<p>Zwischen den Städten passieren wir im Kleinbus das Land mit seinen Dörfern, Fabriken und landwirtschaftlichen Genossenschaften. Sie finden sich am Meer wie im Gebirge. Dazwischen Felder, Ebenen und Hügel. Alle Kraft für die genossenschaftliche Produktion. Ein Eindruck dominierte meine Wahrnehmung dabei immer wieder, egal ob Stadt oder Land: Das Auftreten der Menschen in Formationen und immerzu in Gemeinschaft. Ob bei der Maisernte, beim Tai Chi am Ufer des Flusses Taedong, bei gymnastischen Übungen oder Tanzeinlagen am Straßenrand der pseudo-modernistischen Hauptstadt. Niemand scheint allein, entscheidet selbstständig nach seinem eigenen Gefallen oder hegt auch nur irgendeine denkbare, vergleichbare Freiheit, wie wir sie kennen und um deren Verwirklichung wir uns ereifern. Dieses Wissen schwingt ständig in meinem Hinterkopf mit und trübt das romantische Erscheinungsbild, die sonst ursprüngliche Natürlichkeit des Anblicks.</p>


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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea.jpg" data-caption="Hügelfelder zwischen den Ballungszentren." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-2-1.jpg" data-caption="Irgendwo zwischen Pjöngjang und Wonsan." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-3.jpg" data-caption="Eine LPG in Zentralnordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-4.jpg" data-caption="Nordkoreanische Landschaft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-6-1.jpg" data-caption="Frauen auf dem Weg zur Feldarbeit." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-24.jpg" data-caption="Ein Transporter mit Erntehelfern." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-31.jpg" data-caption="Ein Dorf im Norden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-34.jpg" data-caption="Berglandschaften sind typisch für Nordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-33.jpg" data-caption="Mit dem Touristen-Bus einmal quer durch Nordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-32-1.jpg" data-caption="Transporter mit Arbeitern prägen den Verkehr." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Ländliches Nordkorea</p></div>


<p>Den absoluten Superlativ dieser Gruppendynamik stellt das Arirang-Festival dar, welches ich im &#8222;Stadion Erster Mai&#8220; in Pjöngjang zur Premiere anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten erleben kann. Eine akribisch perfektionierte Inszenierung der siebzigjährigen Geschichte Nordkoreas, eine gewaltige Choreografie abertausender Akrobaten, Tänzer, Athleten, Musiker und Kindergruppen. In einer Synchronität jenseits von etwas je Gesehenem, von welcher hiesige Choreografen nur träumen können. In einer Ästhetik und Epik welche man mit jener einer Leni Riefenstahl vergleichen kann – allerdings in Farbe. Die Organisation von Massen beherrscht wohl kaum ein anderes Land derartig optimiert und konditioniert, wie es die Ideologie der Kim-Dynastie seinen Untertanen durch Drill und Disziplinierung auferlegt hat.</p>



<p>Unsere Tribüne ist keine hundert Meter Luftlinie von der Herrscherloge entfernt, in welcher kein Geringerer als Kim Jong-un selbst Platz genommen hat. Ein sonores Raunen geht durch das größte Stadion der Welt, mit einem Fassungsvermögen für etwa 150.000 Menschen, als der oberste Führer höchstpersönlich in Erscheinung tritt. Gefeiert wie ein Messias, wie ein Gott. Doch was weiß ich schon, der eingebildete Freie? Das ist eine ganz andere Frage, bei welcher ich immer noch überlege, wie meine persönliche Antwort ausfällt.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1200x795.jpg" alt="" data-id="7389" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/nordkorea-11/" class="wp-image-7389" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1200x795.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-600x398.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-768x509.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1536x1018.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-150x99.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1320x875.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1250x828.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-400x265.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11.jpg 2000w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1200x794.jpg" alt="" data-id="7388" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/nordkorea-12-2/" class="wp-image-7388" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1200x794.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-600x397.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-768x508.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1536x1017.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-150x99.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1320x874.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1250x828.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-400x265.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1.jpg 2000w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li></ul><figcaption class="blocks-gallery-caption">„The Glorious Country“ – die Choreografie der Massen anlässlich des 70. Geburtstags der Diktatur.</figcaption></figure>



<h2>Der Reisende wird gespiegelt</h2>



<p>So oder so: Nordkorea hält uns Westlern den Spiegel vor. Das Land am Ende der Welt ist schlicht und einfach das ganze Gegenteil dessen, was wir aus Deutschland von unserem Leben im Überfluss kennen. Was an Eindrücken dominiert, fühlt sich absurd und auch befremdlich an. Aber ebenso bleibt eine unglaubliche, seltene Form der Schönheit jenseits der Uniformierung und Kollektivierung zurück.</p>



<p>Was nimmt man mit, zurück in die westliche Welt? Mein Ziel, das wahre Wesen der Menschen in Nordkorea zu erkunden, ist gescheitert. Die Sprachbarriere, das Kontaktverbot und die ständige Beobachtung durch die Reise-Aufpasser haben es unmöglich gemacht – allein durch Lächeln, Nicken und Winken lassen sich keine Lebenswelten austauschen. Ich sah gewissenhafte aber müde, schüchterne aber entschlossene, freundliche aber disziplinierte Menschen. Doch das ist nur mein subjektiver Eindruck.</p>



<p>Der Nordkoreaner, der mir am meisten ans Herz wuchs, war ausgerechnet mein Reise-Aufpasser &#8222;Bruce Lee&#8220;, ein Diener des Propaganda-Systems. Der Abschied am Flughafen ging mir ins Mark. Es ist seltsam, doch die Reiseführer werden automatisch zu Vertrauten, weil sie unsere Sprache sprechen und die einzige Anlaufstelle für Wünsche und Informationen sind. Bei gemeinsamen Mahlzeiten und einem Glas koreanischem Eichelschnaps ergeben sich automatisch Gespräche. Zwar hatte &#8222;Bruce Lee&#8220; behauptet noch nie von den Beatles gehört zu haben, dafür kannte er sich überraschend gut mit aktuellen Entwicklungen in Deutschland aus.&nbsp; </p>



<p>Vielleicht war es nur ein Spiel, doch ich hatte das Gefühl, das sich ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte. Je besser wir uns verstanden, desto freier durfte ich mich bewegen, fast wie zur Belohnung. <span class="s1">Es gab sogar Momente der Komplizenschaft, welche ich besser für mich behalte, damit ich niemanden nachhaltig in Gefahr bringe. Wer weiß, wer hier mitliest. Ich möchte glauben, dass Bruce Lee es ehrlich meinte. Die Reiseführer sind in der Regel ausgesprochen gut ausgebildete und wissbegierige Nordkoreaner und Nordkoreanerinnen, welchen normalerweise die Welt offen stehen würde. In einem anderen Land, in einem anderen Leben. Durch den regelmäßigen Kontakt mit Ausländern wächst auch ihre Neugier an der Welt da draußen.</span></p>



<p>Am Ende bleibt: Die Reise hat meine persönliche Verbindung zu Nordkorea verstärkt, vielleicht wegen der eigenen deutschen Teilungs- und Wiedervereinigungsgeschichte. Ich glaube fest daran, dass eine Wiedervereinigung Nord- und Südkoreas möglich ist. <span style="font-size: inherit;">Behutsam und sensibel müsste es dann allerdings vonstattengehen. So fragil scheinen die Seelen der Menschen durch ihr Unwissen, ihre Unschuld. Ein Moment bleibt mir in besonderer Erinnerung: Ich lief allein auf weiter Flur über ein paradiesisches Sandstück an der Ostküste Nordkoreas, die Sonne schien wie auf einer Urlaubspostkarte und ich blickte über das Japanische Meer, quasi in Richtung Freiheit. </span></p>


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                                Das Japanische Meer – die Ostküste Nordkoreas bei Wonsan
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<p><span style="font-size: inherit;">Zwei Tage später steige ich ganz selbstverständlich und privilegiert in den Flieger nach Peking. Keinen der Menschen, denen ich in Nordkorea begegnet bin, werde ich wahrscheinlich je wiedersehen.</span></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zusammen tanzen, zusammen kämpfen</title>
		<link>https://www.weltseher.de/zusammen-tanzen-zusammen-kaempfen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Jul 2020 08:06:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Georgien]]></category>
		<category><![CDATA[Anja Reiter]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexuell]]></category>
		<category><![CDATA[LGBT]]></category>
		<category><![CDATA[Transsexualität]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.weltseher.de/?p=7418</guid>

					<description><![CDATA[Georgien zählt zu den homophobsten Ländern der Welt. Die Hauptstadt Tbilissi hat sich dennoch zu einem queeren Hotspot im Kaukasus entwickelt. Eine Reise zu den Kampfzonen eines gespaltenen Landes.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/zusammen-tanzen-zusammen-kaempfen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Georgien zählt zu den homophobsten Ländern der Welt. Die Hauptstadt Tbilissi hat sich dennoch zu einem queeren Hotspot im Kaukasus entwickelt. Eine Reise zu den Kampfzonen eines gespaltenen Landes.</strong></p>



<p>Es ist schon weit nach Mitternacht, als für Giorgi Rodionov (29) die Nacht erst beginnt. Fröstelnd steht er in der Schlange vor dem Techno-Club Bassiani im Norden Tbilissis. Um seinen zierlichen Körper schlabbert ein schwarz-weißer Adidas-Hoodie, die Augen sind mit schwarzem Eye-Liner umrandet, die Wimpern getuscht. Rodionov möchte die sogenannten Horoom Nights besuchen, eine monatlich stattfindende LGBT-Party (eine Abkürzung aus dem Englischen für &#8222;lesbisch, schwul, bisexuell und transgender&#8220;) im Bassiani, bei der sich die Szene aus der ganzen Stadt trifft.</p>



<p>Rodionov, homosexueller Künstler und Galerist aus Tbilissi, kramt nach seinem Smartphone. Wie alle hier musste er sich schon Tage im Voraus auf Facebook für die Party registrieren: Die Veranstalter durchleuchten vorab die Online-Profile aller Partybesucher auf homophobe Sprüche oder Mitgliedschaften in rechtsextremen Gruppen. Wer im Internet gegen Schwule und Lesben pöbelt, muss draußen bleiben. Nur wer LGBT-freundlich ist, bekommt ein Ticket.</p>


        <div id="aesop-image-component-7418-5"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                                Giorgi Rodinov wird wegen seiner Homosexualität oft angefeindet. Foto: Anja Reiter
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<p>Rodionov darf durch, der Türsteher klebt vor dem Eintreten aber noch dessen Smartphone-Kamera ab, denn auch Fotos schießen ist in dieser Nacht verboten. So will der Techno-Club ein „Safe Space“ für die LGBT-Community bleiben – ohne gewaltbereite Eindringlinge, die Homosexuelle verprügeln, gegen ihren Willen outen oder bei ihren Familien oder Arbeitgebern anschwärzen.&nbsp;</p>



<h2><strong>Tanzende Nonne, wippende US-Flagge</strong></h2>



<p>Wir passieren den Eingang – und werden sogleich vom Bauch des Baus geschluckt. Der Club, in dem bis zu 1.200 Personen feiern können, ist unter einem riesigen Sportstadion untergebracht; getanzt wird in einem stillgelegten Schwimmbecken. Die Bässe dröhnen in den Ohren, nur langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Rodionov begrüßt ein paar Bekannte, Küsschen links, Küsschen rechts, danach verschwindet er im Dunkeln. In einer Ecke knutschen zwei Männer, es riecht nach Marihuana. Am Rand des Schwimmbeckens tanzt eine Nonne, daneben wippt eine USA-Flagge im Rhythmus der dumpfen Beats. Die meisten hier sind verkleidet, die Party steht im Zeichen von Halloween.&nbsp;</p>



<p>Im Vorraum des Clubs, wo die Bässe nur noch als dumpfer Hall zu hören sind, versammeln sich diejenigen, die sich bei einer Zigarette über das Leben und die Liebe austauschen wollen. Viele hier kommen fast jeden Monat zu den „Horoom Nights“. Als Homosexueller in Georgien habe man es schwer, sagt ein junger Mann in Frauenkleidung. „Besonders auf dem Land heißt es, solche wie ich seien böse, pädophil oder kriminell. Dabei bin ich ja nur ein netter Schwuler.“ Zwei Frauen sitzen neben ihm und halten Händchen. Auf der Straße würden sie sich nicht so offen als Paar zeigen, geben sie zu. „Nur hier können wir sein, wie wir wirklich sind.“ &nbsp;</p>



<h2><strong>Priester hetzen gegen LGBT-Community&nbsp;</strong></h2>



<p>Homosexuelle haben im erzkonservativen Georgien kein leichtes Leben. Laut der internationalen NGO &#8222;World Value Survey&#8220; rangiert Georgien auf Platz drei der homophobsten Länder der Welt; 93 Prozent der Georgier haben etwas dagegen, einen homosexuellen Nachbarn zu haben. Die orthodoxe Kirche genießt großen Einfluss auf Politik und Gesellschaft, fast 85 Prozent der Georgier gehören ihr an. Geistliche inszenieren sich im Fernsehen und auf Facebook als Hüter der nationalen Identität. In sozialen Medien hetzen ultra-orthodoxe Priester ihre Follower gegen sexuelle Minderheiten auf. Aber auch rechtsradikale und nationalistische Gruppen pöbeln im Netz und auf der Straße gegen die LGBT-Community.&nbsp;</p>



<p>Auf dem Papier jedoch gilt Georgien als eines der fortschrittlichsten Länder aus dem ehemals sowjetischen Raum. Die ehemalige Sowjetrepublik ist seit 1991 unabhängig und hat Homosexualität im Jahr 2000 entkriminalisiert. Seit 2006 gibt es gesetzliche Regelungen zum Schutz vor Diskriminierung in der Arbeitswelt, seit 2014 gelten die Anti-Diskriminierungsgesetze für alle Bereiche. Kritiker bemängeln jedoch, dass es in der Praxis eine hohe Anzahl an homo- und transphoben Gewalttaten gibt, die von den Behörden nicht verfolgt werden. „Wir haben die Gesetze, doch homophoben Taten folgen selten Strafen“, sagt der Künstler Rodionov.&nbsp;</p>



<p>Dann zählt er eine ganze Liste an Ereignissen auf, die das wahre Gesicht seiner Heimat zeigen sollen: 2013 ging bei der ersten georgischen &#8222;Pride Parade&#8220;, ein bunter Festzug der LGBT-Szene, ein wütender Mob aus Priestern und Nationalisten brutal gegen einen Bus mit friedlichen Aktivisten vor. Die für Mai 2019 geplante Pride Parade wurde von den Veranstaltern aus Sicherheitsgründen abgesagt; rechtsextreme Gruppen hatten gewarnt, erneut gegen die LGBT-Aktivisten zu pöbeln. Im November 2019 blockierten Rechtsextreme und Priester Kinos in Tbilissi, in denen die Premiere des Films „And then we danced stattfinden sollten“, die Geschichte über die Liebe zweier schwuler Tänzer in Georgien. Der Film sei eine Provokation, hieß es von Nationalisten.</p>



<h2><strong>Die Polizei tut nichts</strong></h2>



<p>Georgien scheint daher ein Land mit zwei Gesichtern: Wie passen die neugewonnen Weltoffenheit nach dem Fall des &#8222;Eisernen Vorhangs&#8220; mit den erzkonservativen Werten der georgischen Landsleute zusammen? </p>



<p>Die Suche nach Antworten führt mich zu der Organisation &#8222;Equality Movement&#8220;, die sich für die Rechte von Trans- und Homosexuellen einsetzt. Fast schon versteckt liegt deren Büro in der Altstadt von Tbilissi. Mehrmals schon habe man den Büroplatz wechseln müssen, weil LGBT-Feinde die Arbeit bedroht hätten, erzählt Aktivist und Mitarbeiter Mikheil Meparishvili. „Die Polizei hat nie etwas gegen die Angriffe unternommen.“ Nach vielen Umzügen sei man nun hier gelandet, in dieser Sackgasse.</p>


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                                Die Altstadt von Tbilissi. Foto: Anja Reiter
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<p>Meparishvili, 31 Jahre alt, weiß, wovon er spricht: Auch er ist homosexuell, auch er hat Zurückweisung erfahren. Seine Familie weiß über seine Sexualität Bescheid, doch seine Mutter möchte seinen Freund nicht kennenlernen. Meparishvili zuckt mit den Achseln. Als Lehrerin sei sie eben einem besonderen Druck ausgesetzt: „Ein schwuler Sohn ist problematisch, wenn man in Georgien im Bildungswesen arbeitet.“ Kollegen und Eltern würden negative Einflüsse auf die Schüler befürchten. Zu Hause versucht er das Thema zu vermeiden, und seinen Freund weitestgehend zu verschweigen.</p>



<h2>Nachbarn werfen Müll herüber</h2>



<p>Dann führt er durch die Räumlichkeiten: ein Vorzimmer mit kostenlosen Verhütungsmitteln, ein kleiner Hintergarten mit Tischtennisplatte. „Seitdem die Nachbarn wissen, wofür wir uns engagieren, werfen sie ihren Müll zu uns hinüber“, sagt er. Im ersten Stock: eine Arztpraxis, ein Anwaltsbüro, ein Raum für eine Sozialarbeiterin. &#8222;Equality Movement&#8220; versucht in allen Lebenslagen zu unterstützen. Juristen beraten bei Diskriminierung im Job oder kämpfen mit Transsexuellen für die Anpassung ihres Geschlechts in offiziellen Dokumenten. Ärzte bieten kostenlose HIV-Tests an, Sozialarbeiter vermitteln bei Familienfehden. </p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1200x800.jpg" alt="" data-id="7422" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/georgien-4/" class="wp-image-7422" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1536x1024.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-400x267.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4.jpg 1700w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1200x800.jpg" alt="" data-id="7423" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/georgien-5/" class="wp-image-7423" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1536x1024.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-400x267.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5.jpg 1700w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li></ul><figcaption class="blocks-gallery-caption">LGBT-Aktivist Mikheil Meparishvili im Büro von &#8222;Equality Movement&#8220; Fotos: Anja Reiter</figcaption></figure>



<p>Noch liege ein weiter Weg vor Georgien, sagt Meparishvili, nicht alle Betroffenen seien so geduldig und pragmatisch wie er. Er erzählt von homo- und transsexuellen Bekannten, denen die Situation in ihrer Heimat über den Kopf wuchs. Sie gingen mit einem Touristen-Visum nach Berlin, New York oder Brüssel oder suchten um Asyl an, um vor den Problemen in der Heimat zu flüchten und sich in einem toleranteren Land ein neues Leben aufzubauen. Für Meparishvili wäre das nichts: „Hier ist meine Heimat, hier habe ich einen Job, hier möchte ich etwas verändern.“</p>



<h2>Verteidigung der Tradition mit Worten und Fäusten</h2>



<p>Fünf Taximinuten von der NGO entfernt, in einem Café neben dem staatlichen Opernhaus, treffe ich einen der Antipoden des neuen Liberalismus: Ermile Nemsadze, 33 Jahre alt und grimmiger Blick. Er ist Mitglied von &#8222;Georgian March&#8220;, einer ultra-nationalistischen Gruppierung, die im Sommer 2017 gegründet wurde. Als Antwort auf die „ultra-linke“ Entwicklung des Landes, wie Nemsadze erklärt. Er und seine Kameraden, vor allem junge georgische Männer, wollen die georgische Tradition und Identität verteidigen – mit Worten und Fäusten.&nbsp;</p>


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                                Ermile Nemsadze findet Homosexualität nicht gut. Foto: Anja Reiter
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<p>Nemsadzes Profilbild auf Facebook zeigt ihn mit Sturmgewehr im militärischen Tarnanzug. Er habe im Irak und gegen Russland gekämpft, sagt er, aktuell sei er arbeitslos. Weil er kein Englisch spricht, hat er zum Interview eine Freundin mitgebracht. Die junge Frau, adrett gekleidet und freundlich lächelnd, übersetzt die aufgebrachten georgischen Antworten ihres Freundes. Homosexualität sei nicht angeboren, sondern anerzogen, wiederholt sie; Nemsadze sei daher auch nicht gegen Homosexualität an sich. „Ich bin nur gegen die Propaganda der Homosexualität.“</p>



<p>Die Vorstellung, Homosexualität sei eine ansteckende Viruserkrankung, hört man oft in Georgien. Es heißt, es seien vor allem Ausländer aus dem Westen oder pro-westliche Gruppen, die die vermeintlich schädliche Propaganda über die gleichgeschlechtliche Liebe in Georgien verbreiten würden. Laut einer Umfrage der &#8222;Women’s Initiative Supporting Group&#8220; stimmt mehr als jeder zweite Georgier der Aussage zu, dass Homosexuelle ihre sexuelle Orientierung allein aufgrund des Einflusses aus dem Westen geändert hätten.</p>



<h2>Gayropa, Fake News und Troll-Fabriken</h2>



<p>Die Männer von &#8222;Georgian March&#8220; wollen das nicht dulden. Sie kämpfen gegen Migration, Homosexuelle und die Annäherung Georgiens an den Westen. Sie tun das auf wechselnden Kanälen – und bilden dafür wechselnde Allianzen: Auf Facebook posieren sie mit dem Patriarchen der Georgischen Orthodoxen Kirche, Ilia II.,  und mit ihren stolzen Müttern. Auf Demonstrationen zünden sie Regenbogen-Flaggen an und marschieren mit geschulterten Kreuzen gegen die LGBT-Aktivisten. Im Netz und auf der Straße gewinnen sie immer mehr junge Leute für ihre Sache.</p>



<p>Vom Westen, oder „Gayropa“, wie Europa in diesen Kreisen genannt wird, hat Nemasadze kein gutes Bild, er spricht von Chaos und Werteverfall. Selbst war er noch nie in einem westeuropäischen Land. Seine Informationen bezieht er hauptsächlich aus dem Fernsehen und von Facebook – so wie die meisten Georgier, wie aktuelle Mediennutzungs-Umfragen zeigen. Doch auf vielen georgischen Kanälen geben Fake News und Troll-Fabriken den Ton an. Ihr Zweck: den Westen zu dämonisieren und den Liberalismus als Quelle für Chaos und Untergang darzustellen.</p>



<h2>Anti- und pro-westliche Propaganda</h2>



<p>„Anti-westliche Propaganda ist eine riesige Bedrohung für Georgien“, sagt Tamar Kintsurashvili, Geschäftsführerin der &#8222;Media Development Foundation&#8220; in Tbilissi. Ihre Stiftung versucht den Verschwörungstheorien ein Gegengewicht zu setzen. In mühseliger und kleinteiliger Recherchearbeit gehen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem kleinen Büro in der Vorstadt von Tbilissi den Ursprüngen der Fake News auf den Grund. Sie recherchieren, wann ein Bild zuerst veröffentlicht worden ist oder was dessen Metadaten über die Geolokation aussagen. Auf der Website „Myth Detector“ widerlegen sie sodann die populärsten Hirngespinste georgischer Websites. </p>


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                                Tamar Kintsurashvili will anti-westliche Fake News entlarven. Foto: Anja Reiter 
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<p>Umstimmen dürfte das die Nationalisten dennoch nicht: Die Stiftung wird von der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit finanziert und gilt ihnen damit als Teil der pro-westlichen Propaganda-Maschine. </p>



<p>Die Schlagzeilen, gegen die Kintsurashvilis Mitarbeiterinnen ankämpfen, richten sich oft gezielt gegen die LGBT-Community: In Griechenland hätten LGBT-Aktivisten randaliert und eine Kirche zerstört. In den Niederlanden würden Kinder homophober Eltern mit Bussen abgeholt und in Erziehungscamps gesteckt. Ausgemachter Blödsinn, auf Facebook jedoch tausendfach gelesen und geteilt.</p>



<p>Das Entschlüsseln von Fake-News sei ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit, sagt Kintsurashvili. Häufig würden sich spektakuläre Falsch-Meldungen viral verbreiten, bevor alle Lügen widerlegt worden sind. Ist die Meldung schon tausendfach geteilt worden, ist nur noch Schadensbegrenzung möglich. Um Georgier für das Thema zu sensibilisieren, veranstaltet die &#8222;Media Development Foundation&#8220; daher auch regelmäßige Workshops für Schüler und ihre Lehrer.</p>



<h2>Zwischen Russland und USA</h2>



<p>Wer sich die abstrusen Anekdoten ausgedacht hat, bleibt oft unklar. In dem oligarchischen und unterfinanzierten Mediensystem könnten einzelne Verleger die Themensetzung gezielt beeinflussen, häufig fehlt Transparenz darüber, wer ein Medienhaus besitzt. Und: Oft gelangen die erfundenen Nachrichten auch von russischen Nachrichtenportalen wie Russia Today oder Sputnik-Georgia.ru in georgische TV-Kanäle oder auf georgische Nachrichtenseiten, beobachtet Kintsurashvili. Einige Experten sprechen dabei sogar von &#8222;hybrider Kriegsführung&#8220;, mit der Russland seinen Einfluss in Georgien aufrechterhalten wolle.</p>



<p>Nach dem Zerfall der Sowjetunion waren die ersten Schritte Georgiens in die Unabhängigkeit im Land von viel Euphorie begleitet worden. Doch schnell bemerkten die Georgier, dass das sowjetisches Erbe sie nachhaltig verfolgte – durch wirtschaftliche, kulturelle und politische Verstrickungen. Die russisch-georgischen Beziehungen sind seither durch viele Aufs und Abs gekennzeichnet. Russlands autokratischer Präsident Wladimir Putin fürchtet den Einfluss der USA im eigenen &#8222;Hinterhof&#8220;, vor allem seit in Georgien mit der sogenannten Rosenrevolution 2003 eine pro-westliche Regierung an die Macht kam. Die Beziehungen eskalierten während des Kaukasuskriegs 2008, als russische Truppen auf georgischem Territorium einmarschierten. Die abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien kontrollieren die Russen heute immer noch militärisch. Viele Georgier haben das dem großen Nachbarn nicht verziehen.&nbsp;</p>



<p>Georgien muss nun einen Mittelweg zwischen Russland und dem Westen finden – bislang mäßig erfolgreich. Regierungspolitiker unterzeichneten Assoziierungsabkommen mit der EU und der Nato, zugleich sind viele Parteien und Wirtschaftstreibende aber vom Wohlwollen aus Moskau abhängig. Damit Georgien der russischen Einflusssphäre nicht entschwindet, setzt Russland auf Destabilisierung und Polarisierung der georgischen Gesellschaft – mit Panzern, Geld und Fake News. Putins Nachricht lautet: Wir haben euch vielleicht mit Panzern attackiert, aber der Westen will eure Seele zerstören.</p>



<h2><strong>„Es fehlt der politische Wille“</strong></h2>



<p>Ein symbolischer Schauplatz für diese Grabenkämpfe zwischen Nationalisten und Liberalen, westlichen und russischen Werten, ist der Platz vor dem Parlamentsgebäude in Tbilissi, ein mächtiger Bau am Rustaweli-Boulevard. Hier finden Demos und Gegendemos statt, hier wird protestiert, gefeiert und marschiert. Im Gebäude empfängt die Parlamentarierin Nino Goguadze von der Regierungspartei &#8222;Georgischer Traum&#8220;, eine energisch-bestimmte Frau. Westlichen Journalisten gegenüber äußert sie sich pro-europäisch: die Lage für sexuelle Minderheiten habe sich seit 2013 drastisch verbessert, betont sie. Dann zählt sie routiniert die vielen liberalen Gesetzesinitiativen ihrer Partei auf. Allerdings reagiert sie ausweichend auf die Frage, warum ihre Regierung LGBT-Demonstrierende nicht vor gewaltbereiten Gegendemonstranten schützen kann.</p>



<p>Das seien nur Lippenbekenntnisse, meint der Oppositionspolitiker Giga Bokeria im Büro nebenan. Die Regierung setze auf Worte, aber nicht auf Taten. Einhaltung der Diskriminierungsgesetze? Verfolgung von LGBT-feindlichen Straftätern? Mehr Transparenz bei den Besitzstrukturen von Medienunternehmen? „Es fehlt der politische Wille“, sagt Bokeria. Er glaubt, dass es den Regierungspolitikern vor allem um bloßen Machterhalt gehe. Durch wechselnde Allianzen versuche man sich alle relevanten Wählerschichten offen zu halten. Im Herbst 2020 wird ein neues Parlament gewählt. Bokerias größte Sorge ist, dass sich die Gesellschaft bis dahin weiter polarisieren könnte. „Hoffentlich bleiben wir von brutalen Ausschreitungen verschont.“</p>



<p>Zurück im Techno-Club Bassiani, es ist 4 Uhr, der Höhepunkt der Nacht: Ein singender Satan windet sich zu seinem eigenen Gesang, siamesische Zwillinge und Drag-Queens räkeln sich zu Popmusik und zeigen viel Haut. Das Schwimmbecken tobt. Die Partynacht wird hier erst am frühen Vormittag zu Ende gehen. Draußen, vor den Toren des Clubs, wird schon der Markt aufgebaut. Alte Mütterchen zerren Hühnerbeine vor ihre Stände, von den Dächern baumeln Tschurtschchela, Walnussstangen mit Traubensaft überzogen. Eine Katze schleicht um die Beine eines bärtigen Priesters.&nbsp;</p>



<p>Bald werden Künstler Giorgi Rodionov und die anderen aus dem Club taumeln. Sie werden den Traum der Nacht verlassen, sich die Augen in der Vormittagssonne reiben und zurückkehren in den Alltag ihrer Heimat. Der Slogan des Bassiani wird sie bis zur nächsten Party begleiten: „We dance together, we fight together.“</p>



<p>_______________________________</p>



<p><strong>Titelfoto (Symbolbild &#8222;Techno-Club&#8220;): Antoine Julien / <a href="https://unsplash.com/@antoinejulien/portfolio">antoine-julien.franceserv.com</a> / unsplash.com</strong></p>



<p><strong>Transparenz-Hinweis:</strong></p>



<p>Die Recherche-Reise nach Tbilissi wurde von der &#8222;Deutschen Gesellschaft e.V.&#8220; und von der US-finanzierten Stiftung &#8222;Media Development Foundation&#8220; organisiert sowie vom deutschen Auswärtigen Amt gefördert.</p>
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		<title>Wirbeltanz im Wartesaal</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Dec 2017 11:06:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Türkei]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Orient]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Sebastian Hesse]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wirbeltanz-im-wartesaal/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Jeder Schritt scheint mit Bedacht gewählt. Zeitlupenartig betreten die zehn Männer das hölzerne, achteckige Teehaus. Sie tragen bodenlange schwarze Überwürfe. Und zylinderförmige, konische Filzhüte, die noch höher sind als die Zipfelmasken der Semana-Santa-Büßer. Wie in Trance stellen sie sich im Halbrund auf. Sie nehmen auf weißen Schaffellen Platz. Etwas abseits sitzt der Vorbeter. Musik setzt ein, Gesang, Flötenklänge, später Percussion und Saiteninstrumente.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Männer stehen auf. Sie schreiten an ihrem Vorbeter, dem Chij, entlang, grüßen ihn, küssen ihn, legen die schwarzen Umhänge ab. Das Gewand darunter ist blütenweiß. Und mündet in einem bodenlangen Rock mit enormem Durchmesser. Ganz langsam beginnen sich die Männer um die eigene Achse zu drehen. Anfangs liegen ihre Arme über Kreuz auf ihrer Brust. Die linke Hand auf der rechten Schulter. Und umgekehrt. Das linke Bein bleibt stets wie eine Achse am Boden verhaftet. Das rechte stößt ab und löst die Drehbewegung aus. Immer schneller rotieren die Männer um die eigene Achse. Die Arme breiten sich nun aus. Die rechte Hand zum Himmel gerichtet. Die linke zur Erde. Im Kreis wirbelnd scheinen sie zu schweben. Wie Gestirne drehen sie sich um die eigene Achse und gleichzeitig in einem weiteren Kreis durch den Raum. Ihre aufgeblähten Röcke wirken wie die Ringe des Saturn. Sie sind Derwische. Mitglieder eines seit 1925 in der Türkei verbotenen Mystiker-Ordens.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich erlebe die Sema, den Tanz der Derwische, im Mevlana-Kloster in Istanbul. Der Begriff Kloster, Tekke, hat sich gehalten, obwohl diese Oase der Ruhe im quirligen Stadtteil Galata seit dem Verbot unter Atatürk offiziell ein Museum ist und die Tanzzeremonie nicht mehr religiöser Ritus, sondern eine Art Folklore-Aufführung. &#8222;Galata Mevlevihane Müzesi&#8220;, so nennt sich das 1492 gegründete Kloster heute. Heerscharen von Touristen bestaunen alljährlich die Derwisch-Vorführungen. Und erleben einen Islam, der dem Zen ähnelt. Oder der inneren Versenkung mittelalterlicher Mystiker im Christentum. Wie viele Religionen hat auch der Islam eine mystische Seite, wo die Annäherung an das Göttliche durch die Überwindung des eigenen Ichs erfolgt.</p>
<p><div id="aesop-gallery-6944-4"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6944" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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<h2 style="text-align: justify;">Der Meister Eckhardt des Islam</h2>
<p style="text-align: justify;">Dem Sitzen im ZEN entspricht im Sufismus der Wirbeltanz. Die Methode geht auf Rumi zurück, den großen Dichter und Sufi-Meister des 13. Jahrhunderts. Den Meister Eckhardt des islamischen Kulturkreises. Das Mevlana-Kloster am Bosporus wurde zwei Jahrhunderte nach Rumis Tod gegründet. Wenn man das kleine Tor zum Klostergelände durchschreitet, fällt man aus Raum und Zeit. Der Hof strahlt eine Ruhe und Abgeschiedenheit aus, die nicht von dieser Welt scheint. Besonders wenn man gerade von der lauten, hektischen, überfüllten Einkaufsmeile Istiklal Caddesi kommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Grabsteine im Klosterfriedhof wirken wie versteinerte Sufi-Tänzer. Die Stelen mit den arabischen Inschriften sind die Körper. Darauf thronen die zylindrischen Hüte, manchmal aufgestockt um einen steinernen Turban. Gottesacker und Tanzsaal sind Orte des Übergangs. Die Filzhüte der Derwische, Sikke, symbolisieren Grabstelen, denn das Ego soll ja tanzend zu Grabe getragen werden. Und die weißen Gewänder sind Grabtücher, um das überwundene Ich zu beerdigen. Sufismus ist wie Zen transpersonale Spiritualität. Der Derwisch wird eins mit einem größeren Ganzen, indem er seine Eigenständigkeit als Person aufgibt. Und das große Ganze ist der Kosmos, den der Tanz spiegelt. Die Tänzer werden in Trance zu Gestirnen, die sich sowohl um die eigene Achse drehen, als auch im harmonischen Zusammenspiel mit anderen den Mittelpunkt des Universums umkreisen. Gegen den Uhrzeigersinn, also gegenläufig zum natürlichen Fluss der Dinge, der stets im Tod mündet.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Schönheit dieses Konzepts büßt ihre Wirkung verblüffend wenig dadurch ein, dass Touristen bei der Zeremonie zuschauen. In den Klosterräumen gibt es eine Dauerausstellung, die mit zahlreichen Exponaten über islamische Mystik, Sufi-Traditionen und die Geschichte des Ordens informiert. Das Mevlana-Kloster ist unbestreitbar ein Museum. Und der achteckige, holzgetäfelte Teeraum ist unverkennbar Bühne für ein Touristen-Spektakel. Aber so fühlte es sich nicht an. Da war noch etwas. Haben die Sufis schlitzohrig ihre Existenz gesichert, indem sie ihre Kultur für ein nicht-initiiertes Publikum öffneten?</p>
<h2 style="text-align: justify;">In der Millionenstadt am Bosporus</h2>
<p style="text-align: justify;">Als die Tanzzeremonie in dem Istanbuler Teehaus vorbei ist, komme ich ganz allmählich wieder an in der profanen Alltagswelt der Millionenstadt am Bosporus. Ich schlendere durch das Galata-Viertel und frage mich, wie viel authentischer Sufismus (benannt nach dem arabischen suf, Wolle, was auf das Wollgewand der Asketen anspielt) noch in dem steckt, was ich gerade erlebt habe. Ob mystische Erfahrung überhaupt möglich ist, wenn man eine Methode der Verinnerlichung vorgeblich auf ihre äußerliche Ästhetik reduziert? Die Oberfläche wirkte stimmig: Ambiente, Trachten, Choreographie. Was aber, wenn der Kloster-Rahmen als Kulisse wegfällt? Würde das einen Teil des Zaubers nehmen?</p>
<p style="text-align: justify;">In Istanbul gibt es noch andere Orte, an denen Derwisch-Tänze vorgeführt werden. Ich habe das Wirbeln der Sufis zum ersten Mal in eigentümlichem Ambiente erlebt. Im Wartesaal des Sirkeci-Bahnhofes, der Endhaltestelle des legendären Orientexpresses. Der holzgetäfelte Raum ist gewaltig hoch. Seine Rosettenfenster haben unverkennbar etwas Sakrales. Wie in Kathedralen des europäischen Mittelalters. Hier haben ein Jahrhundert lang Orientreisende auf den Luxuszug gewartet, der sie zurück nach Wien, München oder Paris bringen sollte. 1883 nahm die legendäre Bahnverbindung den Betrieb auf. Ab 1889 endete sie in der Sirkeci-Station, dieser kleinen Kathedrale des romantischen Reisens.</p>
<p style="text-align: justify;">Sufi-Mystik im Wartesaal – was zunächst als bizarre Kombination erscheint fühlt sich, wenn man sich darauf einlässt, durchaus stimmig an. Ich war mehrmals bei der Tanzzeremonie im Sirkeci-Bahnhof. Und dachte jedes Mal, dass die klassischen Orientreisenden von jeher wohl auch Pilger waren. Ihre Hoffnungen und Sehnsüchte ähnelten vermutlich denen von Erkenntnissuchenden an anderen mythischen Orten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sufis im Bahnhof</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Derwisch-Tänze machen sich im Bahnhof besonders unverdächtig. Zeitvertreib und Zerstreuung für Reisende. Ablauf und Choreographie in dem leicht heruntergekommenen Wartesaal sind nicht nennenswert anders als im Mevlana-Kloster. Nur dass hier die Musiker im Saal sind &#8211; zum Anfassen nahe. Und die Besucher nicht durch eine hölzerne Balustrade abgetrennt sind von dem Raum, den die Derwische durchwirbeln. Sie hocken auf billigen Plastik-Stühlen, quasi auf der Tanzfläche. Anfangs denke ich, wie demütigend es sein muss, seine heiligen Traditionen an einem derart profanen Ort zu praktizieren. Aber erstaunlich schnell löst sich die Architektur als Kulisse der Zeremonie auf. Sobald die Sema in Gang kommt, ist das Ambiente vergessen. Die Wirbeltänze entfalten die gleiche hypnotische Wirkung wie im Teehaus des Klosters. Die Rotation scheint einen förmlich in die Tiefen des Universums zu ziehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Derwisch-Rituale sind getanzte Kosmologie. Rumi initiierte eine Kosmologie des Tanzes. Das kosmische Ganze wird in einem strengen Ritual ertanzt. Zu dieser Gesamtheit gehört der Makrokosmos der Gestirne ebenso wie der Mikrokosmos von Protonen und Elektronen. Galaktische Weiten ebenso wie atomare Tiefen. Ein visionäres Konzept für einen Mystiker des 13. Jahrhunderts, lange vor Galileo. Obwohl Bewegungen und Choreographie der Sema dynamisch und im Fluss sind, sich in den Raum hineinbewegen, ihn ausfüllen, ziehen sich die Tanzenden spürbar in die innere Versenkung zurück. Der hypnotische Anblick und die Klänge der Sufi-Musik nehmen auch den unbeteiligten Betrachter mit auf eine Art spirituelle Reise. Das fünfköpfige Ensemble spielt auf mit einer Kamantsche (einer persischen Stachelgeige), der Baglama (einer Saz, die türkische Langhalslaute), der Oud (Kurzhalslaute) und natürlich der Rohrflöte Ney. Die Sufis glauben, beim Spielen der Ney wird der Atem Gottes zu Klang.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch am Zielbahnhof des Orientexpresses ergreift mich die Schönheit der Sufi-Kontemplation. Hier scheint mir das Umschiffen des staatlichen Verbotes noch listenreicher. Aber das bleibt reines Bauchgefühl. Meine eigenen romantischen Projektionen. Wunschdenken. Denn kann ein uraltes Ritual gelebte Spiritualität und folkloristische Zerstreuung zugleich sein?</p>
<h2 style="text-align: justify;">An Rumis Grab</h2>
<p style="text-align: justify;">Um das herauszufinden, reise ich nach Anatolien, nach Konya, der Wirkungsstätte Rumis. Es ist der 17. Dezember, der Todestag des großen Mystikers, den seine Verehrer traditionell als Feiertag begehen. Nicht ein Hauch von Orient-Romantik umweht die Zugfahrt nach Konya. Der ultramoderne Hochgeschwindigkeitszug saust von Istanbul in wenigen Stunden durch gepflegte Kulturlandschaften ans Ziel. Genug Zeit, mir den Lebensweg des Mystikers in Erinnerung zu rufen.</p>
<p style="text-align: justify;">Rumi, der 1207 in Balkh, im heutigen Afghanistan, geboren wurde, hieß eigentlich Dschelaleddin. Der Vater war ein geachteter Rechtsgelehrter und Theologe. Daher fand er, nach der Flucht der Familie vor Dschingis Khans anrückenden Mongolen und einer Irrfahrt gen Westen, eine Anstellung im anatolischen Konya. Konya war Herrschaftssitz der oströmischen Seldschuken. So entstand Dschelaleddins Beiname: Rumi, der Römer. Bis zu einer Schlüsselbegegnung, die seinem Leben eine völlig neue Ausrichtung geben sollte, folgte Rumi zunächst in Konya den Fußstapfen seines Vaters, wurde Gelehrter und Familienvater.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Wendepunkt in Rumis Leben kam, als im Jahre 1244 der Derwisch und Wandermönch Shams-e-Tabrizi in Konya eintraf. Zwischen beiden Männern entspann sich etwas ganz und gar Unerhörtes. Eine Art intellektuelle amour fou. Rumi und Shams wurden einander geistige Sparringspartner, Seelenverwandte, Inspirationsquell. Sie verschmolzen zu einer symbiotischen Einheit. Inwieweit ihre Beziehung auch eine sexuelle Ebene hatte, wird entweder diskret übergangen oder ist tatsächlich nicht eindeutig überliefert. Seinerzeit war die Männerfreundschaft jedenfalls ein gesellschaftlicher Skandal. Rumi vernachlässigte Familie und Alltag. Woraufhin seine Angehörigen dafür sorgten, dass Shams Konya verließ. Der hatte vermutlich berechtigte Sorge um Leib und Leben. Als Rumi vor Kummer über den Verlust des Geliebten zu zerbrechen drohte, holten seine Söhne den Vertriebenen für kurze Zeit aus dem Exil in Damaskus zurück. Nur um ihn gleich darauf zu ermorden. Sie holten ihn eines Abends in Rumis Haus ab, führten ihn aus der Stadt. Das war im Jahre 1248. Shams ward nie mehr gesehen. Rumi lebte noch bis zum Jahr 1273.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Lehre der allumfassenden Liebe</h2>
<p style="text-align: justify;">Aus diesem Verlust heraus entwickelte Rumi seine Lehre von der allumfassenden Liebe, die der Seele auf den Pfad zur Vollkommenheit verhilft. Seinen Verlust beklagte er in Versen, die ihn bis heute zum meistgelesenen Dichter persischer Sprache machen. Vor allem aber wirkte Rumi als geistiger Gründer des Mevlevi-Ordens, des Ordens der Tanzenden Derwische. Eines Tages soll ihn der Rhythmus, den die Kesselmacher auf Konyas Markt mit ihren Schmiedehämmern schlugen, zu einem spontanen Wirbeltanz inspiriert haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Schule machende Methodik war geboren. Mevlana, Rumis Beiname, bedeutet &#8222;unser Meister&#8220;. Und das persische Derwisch kann mit &#8222;streng asketisch lebender Mönch&#8220; übersetzt werden. Die Methode der inneren Versenkung im tranceartigen Wirbeltanz hat Rumi nach seiner spontanen Eingebung auf dem Markt verfeinert und ausdifferenziert. Das mystische Grundprinzip ist das gleiche wie in anderen Praktiken von &#8222;Entwerdung&#8220;, von Erkenntnis und Auflösung. Aber Rumis kosmischer Tanz berührt mich als Methodik von besonderer Schönheit und Originalität, die noch dazu den unbeteiligten Betrachter miteinzubeziehen vermag. Die formelle Bruderschaft jedoch, in die Rumis Erben seine Lehren überführten, hat die Säkularisierung der Türkei nicht überlebt. In seltsamem Kontrast zu der Verehrung des Mystikers, auf die ich an Rumis Wirkungsstätte stoße.</p>
<p style="text-align: justify;">Für viele Muslime kommt der Pilgerort Konya gleich nach Mekka. Doch ein spürbar spirituelles Flair ergreift mich nicht bei der Ankunft an Konyas eher schmucklosem Bahnhof. Von dort folgt man zu Fuß einer schnurgeraden Magistrale ins Zentrum. Der Stadtkern unterscheidet sich mit seinen zahllosen Läden, Boutiquen, Restaurants und Cafés nicht nennenswert von anderen türkischen Städten. Die Zwei-Millionen-Stadt ist wirklich seltsam unspektakulär, wie Reisende unisono beklagen &#8211; trotz der majestätischen Kulisse des Taurus-Gebirges. Angeblich hat Konya annähernd so viele Moscheen wie das siebenmal so große Istanbul. Ins Auge springt das nicht. Dafür wirkt die Millionenstadt zu europäisch, zu wenig orientalisch. Unübersehbar ist jedoch: Das Geschäft mit dem Sufi-Erbe blüht in Konya.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Vermarktung des Sufi-Erbes</h2>
<p style="text-align: justify;">An jeder Straßenecke findet sich ein &#8222;Mevlana Hotel&#8220;, ein &#8222;Sufi Kebab&#8220;, Stände des &#8222;Mevlana Taksi&#8220; &#8211; Fuhrunternehmens oder ein &#8222;Hotel Rumi&#8220;. Auch die Ampelmännchen an den Straßenlaternen sind einzigartig: Grell neonfarben leuchtende Derwischfiguren. Heckenpflanzen werden so zurechtgeschnitten, das sie wie Wirbeltänzer aussehen. Konya vermarktet sein Sufi-Erbe ebenso aggressiv wie die Altstadt von Jerusalem die Passionsgeschichte.</p>
<p style="text-align: justify;">Ziel der Rumi-Pilger ist das Grab des Mystikers, der Rumi-Schrein. Der Sarkophag, auf dem unübersehbar der Derwisch-Filzhut des Dichters liegt. Eine markante grüne Kuppel weist den Weg zu der Anlage, die auf der Mevlevi-Tekke gründet, die Rumis Sohn Sultan Veled einrichten ließ. Sie besteht aus dem Mausoleum, einer Moschee, einem Tanzhaus (Semahane), 17 Derwisch-Zellen, einer Küche und einem Reinigungsbrunnen. In der Küche mussten Novizen 1001 Tage Dienst tun, bis sie als Derwisch initiiert wurden. Heute ist das ehemalige Klostergelände ebenso streng gesichert wie der Topkapi-Palast in Istanbul. In einer Sicherheitsschleuse werden Bekleidung und Taschen der Besucher gescannt und durchleuchtet. Dann steht man auf dem Klosterhof, wo sich viele Pilger rituell Füße und Hände reinigen, bevor sie das Mausoleum betreten. Jeder Besucher muss die Schuhe ausziehen oder einen blauen Plastiküberzug darüber streifen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein großer, dunkler Raum, direkt unterhalb der markanten grünen Kuppel, ist Rumis letzte Ruhestätte. Sein mit einem goldbestickten Samtüberwurf bedeckter Sarg wird durch ein hohes Eisengitter vor allzu überschwänglichen Verehrern geschützt. So kann man den Sarkophag zwar nicht berühren, aber keinesfalls übersehen: Rumis Turban ist darauf drapiert. Die Menschen klammern sich an das Gitter. Manche sind emotional so überwältigt, dass sie in Tränen ausbrechen. Es gibt einen Gebetsraum für Männer und einen für Frauen. Der Rest des Klosterbaus und des Tempelbezirks ist ein Museum, wie in Istanbul. Überwiegend Frauen sitzen auf dem nackten Fußboden, wie Schülerinnen auf Klassenfahrt. Sie lehnen an den Schaukästen, die Kleidungsstücke Rumis und andere Sufi-Devotionalien zur Schau stellen. Mein Lieblingsexponat bleibt leider eine Behauptung. In einem mit Perlmutt-Rauten verzierten Holzkästchen soll sich angeblich ein Barthaar Mohammeds befinden. Die Floskel ‚beim Barte des Propheten‘ möchte ihren Ursprung in Konya haben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Verehrt wie ein Volksheiliger</h2>
<p style="text-align: justify;">Hier im Rumi-Mausoleum wird der Dichterfürst wie ein Volksheiliger verehrt. Die Pilger, die jedes Jahr am 17. Dezember, dem Todestag Rumis, in Scharen aus allen Landesteilen nach Konya kommen, suchen nicht nur die innere Einkehr an der letzten Ruhestätte ihres Idols. Sie wollen auch Spektakel, Zeitvertreib, Zerstreuung. Von der zum Museum degradierten Mevlevi-Tekke aus dem 13. Jahrhundert laufe ich eine Magistrale stadtauswärts entlang trauriger Ruinen auf einem trostlosen Brachland. Und komme zu einem kolossalen Betonmonstrum, dem modernistischen Kultur- und Kongresszentrum von Konya. &#8222;Mevlana Kültür Merkezi&#8220; nennt sich der seelenlose, futuristische Gigantbau in Form einer Pyramide.</p>
<p style="text-align: justify;">Dessen Siebzigerjahre-Moderne steht in seltsamem Kontrast zu den Besuchern, die er zum Rumi-Gedenken anzieht. Busladung nach Busladung wird hier abgeladen, um einem Show-Programm mit Derwisch-Einlage beizuwohnen. Wohlgenährte, rustikale Damen mit Kopftüchern und groben Strickjacken dominieren die Besucherströme. Nervös, spürbar von der ungewohnten Situation überfordert, suchen sie ihre Plätze in der gewaltigen Arena auf. Und auch während der Vorstellung ebbt das Kommen und Gehen nicht ab. Ständig muss jemand zur Toilette oder sonst etwas erledigen. Ständig wird getuschelt, geschnattert. Mit Handys photographiert, Selfies gemacht. Um sich zu vergewissern, dass man nicht allein ist in dem Kulturpalast, der wie das Innere eines gewaltigen UFOs anmutet.</p>
<p style="text-align: justify;">Irgendwie will hier nichts zusammenpassen. Nicht nur die etwas derben, fülligen Landpomeranzen und die megamoderne Arena. Das knappe Doppeldutzend an Sufi-Musikern auf der Orchester-Empore ist zwar traditionell gekleidet &#8211; ebenso die rund 50 Derwisch-Tänzer -, aber die Inszenierung hat dennoch etwas von gepflegter Samstagsabendunterhaltung. Bis hin zu der knalligen, äußerst farbenfrohen Lightshow. Mystisch sieht anders aus. Stelle ich mir zumindest anders vor. Die Regie hat Wert darauf gelegt, dass ein kulturelles Unterhaltungsprogramm die eigentliche Sema umrahmt. So ist der Derwisch-Tanz ein Programmpunkt unter vielen in einer weltlichen Großveranstaltung.</p>
<p style="text-align: justify;">Erdogans Wähler stelle ich mir so vor wie die Besucher in Konyas Kulturpalast. Fraglos fromm, traditionell in Erscheinung und Weltbild, konservativ im Denken und Empfinden. Und wenig aufmüpfig, weil Teil eines unverrückbaren Systems, autoritär und hierarchisch. Sie tragen dieses System, sind seine Stützen. Und damit weit entfernt von der inneren Freiheit und Unabhängigkeit wahrer Mystiker. Tröstlich allein, dass die Zeremonie überlebt hat. Und ein klein wenig subversiv wirkt, wenn sie ihre zahlreichen Zuschauer trotz des unwürdigen Ambientes in ihren Bann schlägt. Sich von Konyas Popcorn-Sema mitreißen lassen, ihren Rhythmus aufnehmen, ihr gebannt folgen: Das ist Mystik light im Schnupperpaket. Und damit mehr als eine Bruderschaft im Verborgenen erreichen könnte, grinse ich in mich hinein.</p>
<p style="text-align: justify;">Und doch bin ich niedergeschlagen auf dem Rückweg vom Kulturzentrum. Wenn es das gewesen sein sollte mit dem Sufismus im 21. Jahrhundert, dann hätte Atatürk ganze Arbeit geleistet. Der Mevlevi-Orden mag einen subversiven Weg des Eigenerhalts gefunden haben und seine heiligen Zeremonien gerettet, indem sie scheinbar zum öffentlichen Spektakel wurden. Aber als gesellschaftliche Kraft von Belang, die die herrschende Kultur auf inspirierende Weise in Frage stellt, wirken die Ordensbrüder nicht. Mit großem Glück gelingt mir dann aber doch ein kurzer Einblick in eine Art Hinterhof-Sufismus, den kein Fremdenverkehrsbüro einem ans Herz legen würde.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Hintertreppen-Mystik, oder: Die unerwartete Dikhr</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Ladengeschäft ‚Dervish Brothers Center‘ wirkt von außen wie ein weiterer der zahllosen Souvenirläden in Konya, die ein Stück vom Rumi-Kuchen abhaben wollen. Aber hinter dem Geschäftsnamen, der scheinbar auf ausländische Konsumtouristen abzielt, verbirgt sich tatsächlich eine Art Bruderschaft. Empfohlen hatten es mir zwei australische Backpacker, die ich bei der kommerziellen Derwisch-Vorführung am Nachmittag kennen gelernt hatte. &#8222;Dervish Brothers&#8220;, das sei “the real thing!“, wurde mir nahegelegt.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Laden ist sein eigener Kosmos. Hier Inventur zu machen, dürfte eine Lebensaufgabe sein. Bis zur Decke ist das Geschäft mit Kruscht und Krempel vollgestopft. Selbst das Wanddekor hat mehrere Schichten: Handgeknüpfte Teppiche als Grundierung. Darüber hängen Plakate, Wasserpfeifen, Fayencen, gerahmte Kalligraphie, Rumi-Portraits. Auf den kreuz und quer durcheinander stehenden Rattanregalen finden sich Sufi-Literatur, Töpferarbeiten, Musikinstrumente, Kopftücher und Ethno-Klamotten. In den Glasvitrinen lassen sich Steine, Kristalle, Talismane, Schmuckstücke, Handschmeichler, Gebetsketten und andere Kleinodien bestaunen. In der hinteren Ecke hocken Musiker rund um einen niedrigen Tisch. Sie trinken Tee, stimmen Saz und Oud, trommeln sich ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Als sie zu spielen beginnen, springen zwei Frauen spontan auf. Sie beginnen, sich langsam um die eigene Achse zu drehen. Ganz nach Derwisch-Art. Alle Anwesenden wirken wie eine verschworene Gemeinschaft, der es letztlich egal ist, ob sich Kunden in den Laden verirren oder nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Hier treffe ich Üzeyir Özyurt, der sich selber &#8222;Sufi-Professor&#8220; nennt. Tatsächlich ist er so eine Art Sufismus-Koryphäe. Die Expertise hat er sich selber draufgeschafft. Und gut vermarktet: Er ist gern gesehener Talkshow-Gast zum Thema Mystik. Özyurt gehört das &#8222;Dervish Brothers Center&#8220;. Ich frage ihn, ob der 17. Dezember heute noch mehr ist als der Stichtag für ein Touristenspektakel. &#8222;Oh, ja&#8220;, antwortet Özyurt. &#8222;Es ist die Hochzeitsnacht von Mevlana Dschellaledin Rumi. &#8222;Seb-i-Arus&#8220;, als er starb und in der Ewigkeit wiedergeboren wurde, auf dem Pfad Gottes. Er selbst nannte es seine Brautnacht, &#8222;Seb-i-Arus&#8220; (sprich: Schebbi Aruss).</p>
<p style="float: right; margin-left: 100px;"><a href="http://mediennerd.de/sieben-geschichten-vom-glauben/" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-size: 12px; margin-bottom: 10px; text-align: center; text-transform: uppercase;">Diese Reportage stammt aus Sebastians Buch</span><img src="http://www.mitteldeutscherverlag.de/images/stories/virtuemart/product/9783954629190_w.jpg" width="350" /></a></p>
<h2 style="text-align: justify;">Liebe oder tot</h2>
<p style="text-align: justify;">Alle seien eingeladen mitzufeiern. Jede Nation, jede Religion sei willkommen. &#8222;Nur die Liebe im Herzen zählt&#8220;, sagt Özyurt, ganz wie Rumi es lehrte. &#8222;Wir verehren Gott und die Liebe. Rumi leitet uns dabei an!&#8220; Das Prinzip sei einfach und ungeheuer kompliziert zugleich: &#8222;Viele Leute leben auf dieser Welt, ohne je wahrhaftige Liebe zu erfahren&#8220;, klagt Üzeyir Özyurt. &#8222;Für uns sind das Tote! Wenn Du Dich verliebst, dann wirst Du wiedergeboren, für die Ewigkeit. Und Du spürst, dass Du am Leben bist. Allein die Liebe verleiht Dir Lebensenergie!&#8220; Immer wieder streut er ein langgezogenes &#8222;Huu!&#8220; ein, das er den Atem des Lebens nennt. Im Sufismus ist Hu ein Synonym für Gott. Wie das englische &#8222;He&#8220;, ER. Oder Hu ist ein verstärkendes Beiwort, wie in Allah Hu, das in so vielen Sufi-Liedern und Gedichten vorkommt. Allah Hu bedeutet so viel wie &#8222;Gott selbst&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;">Dem schwärmerischen Sufi-Professor verdanke ich dann auch den entscheidenden Hinweis. Leicht zögerlich empfiehlt er eine Sufi-Zeremonie, die irgendwann später am Abend stattfinden soll. Eine Dhikr, ein rituelles Gottgedenken, wie es Sufis und Derwische seit dem 8. Jahrhundert pflegen. Auf ein Papierchen kritzelt er eine Adresse, die in einer der dunklen Altstadtgassen liegt. Die Suche nach dem Ort der Dhikr entpuppt sich als gar nicht so einfach. Ich stehe in einem spärlich beleuchteten Sträßchen vor einem abgeranzten Haus. Und weiß zunächst nicht, wohin. Die Adresse stimmt. Aber nichts deutet darauf hin &#8211; kein Hinweis, kein Namensschild -, dass hier im Hinterhaus Dutzende von mystisch-angehauchten Gleichgesinnten zusammen gekommen sind, zu einem archaischen Ritual, zu Ehren Rumis, an dessen Todestag. Ich fasse mir ein Herz und trete ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Licht in dem abgedunkelten Raum ist so schummerig, dass sich meine Augen erst daran gewöhnen müssen. Schon auf der Gasse, vor der Tür, war gedämpft der rhythmische Sprechgesang der Teilnehmer der Sufi-Zeremonie zu hören. Es war nicht ganz einfach, sich überhaupt in den Raum vorzukämpfen. Im Takt des Sprechgesangs werfen die Teilnehmer ihre Köpfe und Oberkörper vor und zurück, immer wieder vor und zurück, in einem monotonen Rhythmus, der sie in Trance versetzt. Ein Vorsänger, den ich erst ganz allmählich in den Tiefen des Raumes ausmachen kann, gibt Melodie und Verse vor.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sich dem Rhythmus hingeben</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Wände des langgestreckten Raumes sind mit Teppichen behängt. Am anderen Ende sitzen die Würdenträger oder Altvorderen. Sie hocken im Schneidersitz am Boden und spielen Saiteninstrumente oder Trommeln. Sie haben lange Bärte, tragen orangefarbene Turbane und weite Gewänder mit Westen darüber. Vielleicht sind sie moderne Sufi-Meister. Zwei jüngere, ganz ähnlich Gekleidete laufen in der schmalen Gasse auf und ab, die die Singenden und sich vor und zurück Wiegenden in der Mitte des Raumes gelassen haben. Diese jüngeren Sufis stacheln die Menge an, zu skandieren und sich dem Rhythmus hinzugeben.</p>
<p style="text-align: justify;">Mystik ist Trance. Gott nähert man sich in einem anderen Bewusstseinszustand. Eine Art kollektiver Rausch hat den Raum ergriffen. Einer der Anheizer ist ein baumlanger Kerl, etwas mondgesichtig mit schwarzumrandeter Hornbrille. Sein zottiger schwarzer Vollbart und sein halblanges, struppiges Haar quellen unter dem Turban hervor. Neben ihm dreht sich ein ähnlich Gekleideter in Derwisch-Manier, gegen den Uhrzeigersinn und in endlosen Kreisbewegungen. Dann stehen auch andere, europäisch gekleidete Teilnehmer auf und versuchen sich ebenfalls an einer improvisierten Eigenvariante des Wirbeltanzes. Kaum zu glauben, dass der heillos überfüllte Raum überhaupt noch Tanzfläche öffnen kann. Die Menge skandiert: ‚La-Ilaha-Ill-Allah, hu‘ – es gibt keinen Gott außer Gott.</p>
<p style="text-align: justify;">Anfänglich befremden mich der monotone Gesang und das ekstatische Wippen. Ich denke an einen satanistischen Kult, der sich in rasender Trance zu Dingen hinreißen lässt, die kein Einzelner je für sich für möglich gehalten hätte. Auffällig viele Westler sind mit dabei. Darunter das australische Traveller-Pärchen, das ich am Nachmittag bereits bei der Derwisch-Showeinlage kennengelernt hatte. Auch auf die beiden war der Funke der Ekstase übergesprungen und sie hatten sich dem archaischen Trance-Tanz hingegeben. Die Australierin war nicht die einzige Frau, im Gegenteil.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Frauen willkommen</h2>
<p style="text-align: justify;">Von der harschen Männerdominanz eines Steinzeit-Islam sind wir hier Welten entfernt. Die anwesenden Frauen sind so ziemlich das Gegenteil der Traditionalistinnen vom Kulturpalast mit ihren Kopftüchern und bodenlangen Röcken. Das Trance-Ritual hat so eine durchaus moderne Anmutung. Überraschend jung sind die Teilnehmer. Von der Kleidung und Aufmachung her wirken sie eher wie Hippies auf mich, die auf dem Weg nach Goa hier hängen geblieben sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Atatürk und Erdogan wären sich sicher einig in ihrem Entsetzen über den Hinterhof-Sufismus von Konya. Atatürk, weil das Kultische überlebt hat. Und Erdogan, weil dies nichts mehr mit staatstragender AKP-Frömmigkeit zu tun hat. Auch der strenge Formalismus der Sema-Vorführungen, ihre klösterliche Ernsthaftigkeit und choreographische Disziplin, gehen der Trance-Séance von Konya völlig ab. Sie wirkt spontaner, impulsiver und damit subversiver auf mich. Auch nicht so elitär wie die Tanzspektakel der Initiierten. Demokratischer. Eine subkulturelle Nische, die im Halbdunkel überlebt. Diese Hintertreppen-Mystik ist mehr noch als die getarnten Sufi-Rituale in den Museen und Kulturzentren eine Provokation. Ein Infragestellen sowohl von Erdogans autoritärer Einheitskultur als auch der militanten Fundamentalisten.</p>
<p style="text-align: justify;">Islamistische Hardliner hassen Tanz und Musik, Vergnügen und Genuss. Toleranz, Pluralismus und Friedfertigkeit der Sufis waren ihnen von jeher ein Dorn im Auge. Auch politische Führer, die sich und ihre Herrschaft religiös begründen, eine Art göttlichen Auftrag reklamieren, haben in den Mystikern von jeher eine Bedrohung gesehen. Gehorsame Gläubige am Gängelband einer autoritären Priesterkaste sind berechenbarer. Und damit beherrschbarer. Mystiker jedoch, die den direkten, unvermittelten Zugang zu Gott suchen, die nur IHN als Autorität anerkennen und ihre eigenen Rituale und Zeremonien kreieren, sind ihnen suspekt. Mystiker gelten ihnen als Anarchisten, die sich nicht an weltliche Ordnung gebunden fühlen. Ein zarter Hauch dieses Geistes weht noch immer durch Istanbul und Konya.</p>
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		<title>Die Afro-Iraner</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Jul 2017 04:54:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Afro-Iraner]]></category>
		<category><![CDATA[Delia-Friess]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[mahdi-ehsaei]]></category>
		<category><![CDATA[Minderheiten]]></category>
		<category><![CDATA[Sklaverei]]></category>
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					<description><![CDATA[In den südlichen Provinzen des Iran leben auch Menschen mit afrikanischen Wurzeln. Die afro-iranische Minderheit bewahrt bis heute afrikanische Traditionen. Der Fotograf Mahdi Ehsaei hat einige Iraner*innen mit afrikanischen Vorfahren getroffen. Unsere Autorin Delia Friess hat ihn zu seiner Arbeit befragt.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-afro-iraner/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>In den südlichen Provinzen des Iran leben auch Menschen mit afrikanischen Wurzeln. Die afro-iranische Minderheit bewahrt bis heute afrikanische Traditionen. Der Fotograf Mahdi Ehsaei hat einige Iraner*innen mit afrikanischen Vorfahren getroffen. Unsere Autorin Delia Friess hat ihn zu seiner Arbeit befragt.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Trommelrhytmen und Gesang: Auf den Zuschauertribünen eines Fußballspiels in der iranischen Stadt Shiraz herrscht eine ausgelassene Stimmung. Die Menschen feiern gemeinsam.</p>
<p style="text-align: justify;">Unter den Fans der Mannschaft aus Hormozgan fällt dem deutsch-iranischen Fotografen Mahdi Ehsaei ein Iraner auf, der das Spiel auf eine ihm neue Art und Weise anfeuert. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=OlR3bfJQrxI&amp;feature=youtu.be" target="_blank">Diesen Moment hielt Ehsaei mit seiner Kamera fest.</a></p>
<p style="text-align: justify;">Der 27-Jährige lebt in Deutschland und verbrachte den Sommer bei seinen iranischen Verwandten. Er hat sich dort weiter umgehört und so von der Geschichte der Afro-Iraner erfahren.</p>
<p style="text-align: justify;">Anschließend machte er sich auf in die südiranische Provinz Hormozgan am Persischen Golf, wo diese Bilder von Afro-Iranern entstanden. Sie erschienen als Fotoserie mit dem Titel <strong><a href="http://www.mahdi-ehsaei.com/afro-iran/" target="_blank">“Afro-Iran. The Unknown Minority&#8220;</a></strong> und wurden bisher in Kenia, Deutschland, Kolumbien und Italien ausgestellt.</p>
<p><div id="aesop-gallery-6783-5"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6783" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/06/1-2.jpg" data-caption="Der Khaje-Ata Beach in Bandar Abbas liegt am Persischen Golf.  Dieser Junge ist an diesem Nachmittag zum Spielen gekommen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/07/3.jpg" data-caption="Die farbenfrohe Kleidung der Frauen ist typisch für den südlichen Iran. Diese Mutter hat ihrem Kind ein grünes Gebetsband angesteckt, zum Schutz vor dem Bösen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/07/4.jpg" data-caption="Diese zwei Jungs in der Nähe von Bandar Abbas sind Cousins. Sie zeigen die ethnische Vielfalt in der Bevölkerung." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/07/10.jpg" data-caption="Eine Gruppe von Kindern spielt in einer Gasse." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/06/2-1.jpg" data-caption="Dieser Autoverkäufer lehnt sich an seinen Verlaufsschlager Nummer Eins im Iran: ein Kia Pride. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/06/7-10.jpg" data-caption="Iranische Flaggen wehen an einem Straßenschild in der Stadt Minab. Auch hier leben viele Afro-Iraner, so wie dieser Mann." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/07/8.jpg" data-caption="Dieser Afro-Iraner mit Afro-Frisur arbeitet als Verkäufer in einem Laden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/07/5.jpg" data-caption="Ein Junge steht in einer Gasse, die wie viele andere zum Spenden von Schatten in der heißen Region angelegt wurde." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/06/9-8.jpg" data-caption="Frauen spazieren in einer Gasse. Sie tragen farbenfrohe &#039;Chador Bandaris&#039;, ein leichtes Kleidungsstück, das im Süden Irans oft zu sehen ist." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/07/6.jpg" data-caption="Eine junge afro-iranische Mutter hält ihr schlafendes Kind, Geldbörse, Handy und Schmuck. Sie trägt ein gemustertes „Chador Bandari“." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Mahdi Ehsaei</p></div></p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Weltseher: Wie haben Afrikaner die Kultur des Irans beeinflusst?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Mahdi Ehsaei: Afro-Iraner sind wie Azeri, Kurden, Araber, Belutschen oder Armenier Teil der multiethnischen Gesellschaft Irans. Gleichzeitig sind Traditionen aus der afrikanischen Kultur wie Tanz, Sprache, Kleidung und Musik erhalten geblieben, die teilweise auch typisch für den Süden des Irans geworden sind. Der Einfluss von afrikanischen Kulturen zeigt sich zum Beispiel in der Art des Tanzens, in den Rhythmen der regionalen Musikstile und in den für den Süden typischen bunten Kleidungsstil. Die Gesamtbevölkerung in den südlichen Provinzen Sistan, Baluchistan, Hormozgan und Khuzestanhat hat vieles aus der Kultur der Afro-Iraner übernommen. Etwa die Bandari-Musik, die überall im Iran sehr bekannt ist.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie selbstbewusst treten die Afro-Iraner im Iran auf?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Menschen, die ich getroffen habe, vor allem die Frauen, wollten sich erst nicht fotografieren lassen. Sie sehen sich als Iraner*innen und ihnen ist es unangenehm auf ihre Herkunft oder Hautfarbe angesprochen zu werden. Viele wussten noch nicht mal davon.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Sie haben also keine eigene Sprache und Religion?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Iraner mit afrikanischen Vorfahren sprechen die Sprachen, die üblicherweise im iranischen Süden gesprochen werden: hauptsächlich Persisch mit Banda ri-Dialekt und Arabisch. Ein Großteil der Afro-Iraner, die ich getroffen habe, ist auch muslimisch. Allerdings durfte ich an einem Ritual von Afro-Iranern teilnehmen, bei dem eine Kreolsprache gesprochen wurde: eine Kombination aus Persisch, Arabisch und Swahili.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Was für ein Ritual war das?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">In einem Dorf bei Bandar Abbas konnte ich an einer »Zar«-Zeremonie teilnehmen – einer Art Teufelsaustreibung, bei dem sich die Teilnehmer mit Hilfe von Musik und Tanz in Trance versetzen, um betroffene Personen von psychischen Krankheiten zu befreien.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie sind Afrikaner überhaupt in den Iran gelangt?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Geschichte der Iraner mit afrikanischen Vorfahren ist eng mit den Grausamkeiten der Sklaverei verknüpft. Die Hafenstadt Bandar Abbas, die Hauptstadt der Provinz Hormozgan am Persischen Golf, gehört zu einer der 31 Provinzen des Irans. Diese Stadt und die nahegelegenen Inseln Hormuz und Qeshm im Persischen Golf wurden seit Anfang des zehnten Jahrhunderts durch Portugiesen und Spanier nach und nach besetzt. Später wurden die Hafenstädte und Inseln am Persischen Golf auch von niederländischen, britischen und auch arabischen Besatzern eingenommen. Diese Besatzer betrieben zu dieser Zeit einen Sklavenmarkt, nahmen Menschen aus Ostafrika gefangen, kastrierten die Menschen zum Teil und verkauften sie als Sklaven auf Sklavenmärkten. Auf diesen Wegen wurden viele Menschen aus den heutigen Ländern wie Äthiopien, Eritrea,, Madagaskar, Kenia, Somalia, Mosambik und Sansibar in den Iran verschleppt. Knotenpunkte für den persischen Sklavenmarkt waren auch Shiraz und Bushehr. Erst 1928 wurde die Sklaverei im Iran offiziell abgeschafft. Allerdings stammten nicht alle Sklaven im Iran aus Afrika und nicht alle Afrikaner gelangten durch Sklaverei in den heutigen Iran. Zum Beispiel kamen auch Seeleute vom afrikanischen Kontinent in den Iran.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie sah das Leben der afrikanischen Sklaven im Iran aus?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Als der iranische Staat vor allem in der Safawiden-Dynastie im 17. Jahrhundert und der Qajar-Dynastie im 19. Jahrhundert wuchs, wurde die Stadt Bandar Abbas Großhandelsposten. Das führte zu einer größeren Nachfrage von bezahlter Arbeit, als auch von Sklavenarbeit. Die Menschen wurden über Qeshm und Hormoz nach Bandar Abbas gebracht und schließlich im ganzen Land verkauft. In der Qajar-Dynastie mussten diese Menschen als Wächter in Harems oder den Frauen dienen. Männliche Sklaven wurden oft als Diener, Soldaten oder Arbeiter in Haushalten eingesetzt. Sklaven galten im Iran als Zeichen des Wohlstandes. Viele Frauen wurden als Dienerinnen oder auch als Konkubinen und für Harems gehandelt.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Verbesserte die Islamisierung des Landes die Situation der Menschen, die als Sklaven gehalten wurden?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">In der islamischen Zeit wurden die Menschen konvertiert. Durch religiöse Gesetze wurden sie besser behandelt und ihre Freilassung gefördert. Dies steht im Widerspruch zur transatlantischen Sklaverei, bei der Sklaven als persönliches Eigentums ohne Rechte betrachtet wurden. Trotzdem ist Sklaverei in jeder Form grausam.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie gut ist die Geschichte der Afro-Iraner erforscht?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Weder in Deutschland noch im Iran gibt es viele Quellen oder verifizierte Zahlen. Einer der wenigen Experten war der iranisch-armenisch-georgische Fotograf Antoin Sevruguin (1830-1933). Er fotografierte schon damals die vielen verschiedenen ethnischen Gruppen des Landes. Es gibt außerdem zwei Dokumentarfilme über die Minderheit: &#8222;Afro-Iranian Lives&#8220; und &#8222;The African-Baluchi Trance Dance&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Herrscht ein Mangel an Aufarbeitung der Sklaverei im Iran? </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Im Iran wird die Multiethnizität zwar im Geschichtsunterrichts vermittelt. Eine politische oder mediale Repräsentation der afro-iranischen Minderheit fehlt jedoch noch. Immerhin habe ich während meiner Reise keine Diskriminierungen von Afro-Iranern erlebt. Trotzdem kann ich natürlich nicht mit Sicherheit sagen, dass es keine gibt. Viele Iraner mit afrikanischen Vorfahren leben jedenfalls auch heute noch in ärmlichen und prekären Verhältnissen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Was geschah mit den Afro-Iranern, nachdem die Sklaverei abgeschafft wurde?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Nach der Abschaffung der Sklaverei im Iran 1923 bildeten Afrikaner und ihre Nachkommen ihre eigenen Gemeinden und setzten ihre afrikanischen Traditionen in Musik, Tanz, Kleidung und oralen Überlieferungen fort. Die Menschen, die im 19. Jahrhundert in den Iran kamen, ließen sich hauptsächlich entlang der Golfküste nieder. Heute leben sie zum Teil immer noch dort, teils in ärmlichen Verhältnissen, und arbeiten als Seemänner, Fischer oder Landarbeiter auf Dattel- und Zuckerplantagen. Die Mehrheit der Afro-Iraner lebt in kleinen, ärmeren Vierteln der Stadt Bandar Abbas und in den benachbarten Städten und Dörfern wie Minab und Isin.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Gibt es auch überregional bekannte Persönlichkeiten mit afrikanischen Vorfahren?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Da dieser Bevölkerungsanteil an den Grenzen des Irans lebt, wo die Bevölkerung eher ärmer und weniger mobil ist, wird er wirtschaftlich, politisch und kulturell von vielen Medien nicht repräsentiert. Es gibt allerdings auch bekannte Persönlichkeiten wie die Musiker Saeid ShanBezadeh, Morteza Karimi und Carlos (Hosein Ghodsi Nezhad) oder Schauspieler wie Reza Daryaie. Auch Sportler wie Mehrab Shahrokhi und Abdol Reza Barzegari, Spieler der iranischen Fußballnationalmannschaft der Siebzigerjahre und Achtzigerjahre, oder der ehemalige iranische Sprinter Peyman Rajabi sind sehr bekannt.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Sind die Afro-Iraner ein Beispiel der Unterdrückung einer Minderheit in der iranischen Gesellschaft?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Nein, im Gegenteil. Für mich sind sie ein Beispiel für die Vielfalt und das friedliche Zusammenleben in der iranischen Gesellschaft heute. Und eben auch für einen Aspekt des Irans, der nur selten in westlichen Medien vermittelt wird.</p>
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		<title>Die letzten Deutschen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Apr 2017 15:58:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgisistan]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
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					<description><![CDATA[In Kirgisistan kämpft das letzte deutsche Dorf Zentralasiens gegen das Verschwinden. Markus Huth wollte es besuchen, stieß in der sektenartigen Gemeinde aber auf einige Schwierigkeiten.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-letzten-deutschen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In Kirgisistan kämpft das letzte deutsche Dorf Zentralasiens gegen das Verschwinden. Unser Autor Markus Huth wollte es besuchen, stieß in der sektenartigen Gemeinde aber auf einige Schwierigkeiten.</strong></p>
<p><a href="https://www.amazon.de/dp/B01NAG60VT/ref=dp-kindle-redirect?_encoding=UTF8&#038;btkr=1" target="_blank">        <div id="aesop-image-component-6715-9"              class="aesop-component aesop-image-component "
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        </div>
        </a></p>
<p>Rot-was?<br />
Also Rot-Weiß auf Pommes war mir ein Begriff.<br />
Aber die Skulptur aus Blech-Buchstaben aus der Kategorie »die hässlichsten Ortseingangsschilder der Welt« formte: »Rot-Front«.</p>
<p>Ich lugte an dem rostigen Scheusal vorbei und erkannte eine lange, gerade Straße, an der sich zu beiden Seiten ein paar Häuschen wie beim Fahnenappell aufgestellt hatten. Der wolkenverhangene Himmel verbreitete Untergangsstimmung.</p>
<p>Wir waren etwa eine Autostunde östlich von der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Ein paar Kilometer im Norden begann Kasachstan, und im Süden lagen die Berge des Tian Shan. In dieses Kaff verirrte sich sicher kein Tourist. Mein Reisebgleiter Franz und ich waren auch nur aus einem Grund hier: Wir wollten sie mit eigenen Augen sehen. Die Deutschen.</p>
<p>Denn, warum auch immer, an dieser Stelle in Kirgisistan lebte seit Generationen eine deutsche Gemeinde. Die letzte Zentralasiens. Und so seltsam wie der Sachverhalt an sich, so seltsam war auch der Name dieses Ortes.</p>
<p>Zugegeben, »Rot-Front« klang zwar schon irgendwie deutsch.<br />
Aber gleichzeitig auch nicht.<br />
Jedenfalls sehr aus der Zeit gefallen. Das war auch nicht verwunderlich. Denn »Rotfront!« war damals in der Weimarer Republik der Gruß eines paramilitärischen Kampfverbands der Kommunistischen Partei Deutschlands gewesen.</p>
<p>Ich stellte mir also vor, wie ein Haufen uniformierter Kommunisten im Chor »Rotfront!« brüllte und dabei die geballten Fäuste nach oben streckte. Wohnten die jetzt etwa hier am Ende der Welt? Aus Frust, weil es mit dem Kommunismus nicht gut ausgegangen war?</p>
<p>Erwartungsvoll lugte ich noch mal am rostigen Ortseingangsschild vorbei. Doch martialische Schlachtrufe waren nicht zu hören. Stattdessen gackerten ein paar Hühner über die Betonstraße. Vögel zwitscherten. Obstgärten und Einfamilienhäuser ließen Bauernhofidylle statt Kommunismus-Nostalgie auf kommen. Der Klassenkampf fand gerade woanders statt.</p>
<p>»Ja, wo sind’s jetz, deine deutschen Freunde?«, fragte Franz, der Österreicher ist.<br />
Gute Frage.<br />
Dass ich keine Antwort wusste, war umso enttäuschender, da das der einzige Teil meiner planlosen Reise gewesen war, den ich hatte planen wollen. Schließlich konnte ich nicht einfach unangemeldet bei meinen deutschen &#8230; äh, was sagte man denn dafür heute?<br />
Volksgenossen?<br />
Das war Nazi-Sprech.<br />
Das Volk hatte sich aus dem modernen Sprachgebrauch irgendwie verabschiedet.<br />
Landsleute?<br />
Nun ja, wir kamen nicht aus demselben Land.<br />
Oha, das würde ein schwieriger Besuch werden. Allein mit der Wortwahl begab man sich schon auf ganz dünnes Eis.</p>
<p>Ich entschied mich schließlich für den politisch korrekten und gendergerechten Terminus »KulturpartizipantenInnen«.<br />
Also: Dass wir hier verloren und unangemeldet vor dem Dorf meiner KulturpartizipantenInnen standen, war wirklich nicht meine Schuld. Ich hatte alles versucht. Noch aus Deutschland eine Mail an die kirgisische Botschaft mit der Bitte um einen Kontakt geschrieben. Und sogar eine Antwort bekommen.<br />
Vom »Volksrat der Deutschen Kirgisistans«.<br />
(Das mit der sensiblen Wortwahl hatte man meinen KulturpartizipantenInnen am anderen Ende der Welt anscheinend noch nicht verraten.) Jedenfalls »begrüßte« der Volksrat meinen Besuch und sicherte mir »allseitige Unterstützung« zu, samt Delegation in Rot-Front. Als ich das las, ließ meine Fantasie schon eine Blaskapelle aufspielen. Der weit angereiste Reporter würde garantiert mit allen Ehren empfangen werden!</p>
<p>Es gab da nur ein Problem.<br />
Der Volksrat meldete sich nicht mehr.<br />
Auch nach mehreren Nachfragen inklusive eines letzten verzweifelten »Ich bin jetzt in Kirgisistan!«-Notrufs nicht. Was war da los? Egal. Sicher nur ein technisches Problem. Ich hatte beschlossen, einfach auf eigene Faust nach Rot-Front zu fahren. Und jetzt standen wir hier, wie nicht bestellt und schon gar nicht abgeholt.</p>
<p>»Suchen wir eben den Bürgermeister«, schlug ich vor.<br />
Leider hing an keinem der Häuser ein Bürgermeister-Schild.<br />
»Ich weiß, wo der Bürgermeister ist«, sagte plötzlich eine Stimme hinter mir.<br />
Unseren kirgisischen Taxifahrer hatte ich ganz vergessen. Er hatte uns bis zum »Rot-Front«-Schild gefahren, wo ich fälschlicherweise gehofft hatte, irgendwelche Deutsche zu sehen. Zum Glück war er noch da. Also wieder rein ins Auto. Nach einigen Feldern stoppten wir im Nachbardorf vor einem prächtigen Rathaus.</p>
<p>»Guten Tag, wir suchen die Deutschen«, grüßte ich die Empfangsdame, eine Kirgisin.<br />
Sie griff zum Hörer und wies uns in einen großen Raum, dessen Wände mit Landschafts- und Pferdebildern behangen waren. Dort saß hinter einem großen Schreibtisch eine weitere Kirgisin im Hosenanzug. Offenbar die Bürgermeisterin.<br />
Also noch mal: »Hallo, sehr erfreut, wir wollen zu den Deutschen.«<br />
»Ja, hier leben einige deutsche Familien. Aber wieso haben Sie sich nicht angemeldet?«<br />
Gkrtzkrtgrrr, Volksrat!<br />
Wollte ich motzen.</p>
<p>Aber wir brauchten jetzt eine schnelle Lösung. Vor allem für die Nacht. Denn ein Hotel hatte das rotfronte Häuserhäufchen sicher nicht zu bieten. Also fand ich einige entschuldigende Worte, woraufhin die Bürgermeisterin ebenfalls zum Telefon griff und schließlich zu Franz und mir sagte: »Kommen Sie mit, aber versprechen kann ich nichts.«<br />
Wenig später waren wir wieder am rostigen »Rot-Front«- Schild.<br />
Und hier hatte sich inzwischen etwas Entscheidendes verändert.</p>
<p>Da waren plötzlich Menschen auf der Straße!<br />
Immerhin eine Hand voll. Und das waren nicht irgendwelche Menschen. Denn wie Kirgisen sahen die nicht aus. Eine kräftige blonde Frau in Jogginghose und Schlabberpulli schob einen Kinderwagen vor sich her. Neben ihr stützte sich ein alter Mann vom Typ »Opa erzählt vom Krieg« auf einen Gehstock. Und hinter einem Lattenzaun standen zwei blonde Kinder. Ihre blauen Augen waren auf Franz und mich gerichtet, als wir aus dem Taxi stiegen.<br />
Es gab keinen Zweifel: Wir hatten die Kirgisistan-Deutschen gefunden.</p>
<p>Erstkontakt!<br />
Aber wo war die Blaskapelle?<br />
Wo das Empfangskomitee?<br />
Stattdessen starrten sie uns skeptisch und schweigend an. Herzlich willkommen sah anders aus. Ich versuchte, das Eis zu brechen.<br />
»Guten Tag«, sagte ich auf Deutsch zu der blonden Mutti. »Wir sind aus Deutschland angereist &#8230;«<br />
»&#8230; und Österreich«, warf Franz ein.<br />
»Jedenfalls interessieren wir uns für die deutsche Minderheit in Kirgisistan«, sagte ich und fügte wichtigtuerisch hinzu:<br />
»Ich bin Journalist.«</p>
<p>Da musterte die Walküre mich von oben bis unten. Und warf mir abschließend einen verächtlichen Blick zu.<br />
Jetzt bekam sogar die kirgisische Bürgermeisterin Mitleid.<br />
»Sie und Ihr Mann haben doch ein großes Haus«, sagte sie auf Russisch. »Könnten Sie den jungen Männern heute Nacht Ihr Gästezimmer vermieten? Oder wissen Sie, bei wem sie unterkommen könnten?«</p>
<p>Die Blonde glotzte, als hätte man sie gebeten, zwei verlauste Ratten in Pflege zu nehmen.<br />
»Also, das geht wirklich nicht«, empörte sie sich auf Russisch und fügte auf Deutsch hinzu: »Wir haben keinen Platz!«<br />
Der Opa lächelte altersmilde und begann eine Geschichte zu erzählen. »Damals neunzehnhundert &#8230;«<br />
»Schhhh!«, brachte ihn die Walküre zum Schweigen.  Dann zog sie zügig mit dem Kinderwagen weiter. Der Opa schleppte sich im Schneckentempo auf einen Hauseingang zu. Und auch die blonden Kinder rannten davon.  »Na, dann kommt mal mit, wir finden schon ein Bett für euch«, sagte die kirgisische Bürgermeisterin.</p>
<p>Einige Häuser weiter wummerte die kleine, energische Frau an ein Tor.<br />
Ein junger, drahtiger Kirgise im Muskelshirt öffnete und staunte, was ihm das Schicksal da vor sein Haus gespült hatte. Nach kurzem Palaver mit der Beamtin sagte er:<br />
»Entschuldigt, meine Frau ist verreist &#8230; Also kann sie euch nicht bewirten. Und ich habe nur zwei Matratzen, die ich euch ins Wohnzimmer legen kann. Aber wenn euch das nichts ausmacht, seid ihr herzlich willkommen.«<br />
Machte der Witze?<br />
Dieser Engel!</p>
<p>Und so begab es sich, dass ich im Dorf der Deutschen bei einem Kirgisen Zuflucht fand.<br />
Der Engel hieß Samat. Er war Anfang dreißig und wahrscheinlich der gutmütigste Mensch in diesem Dorf. Sein Haus mit dem idyllischen Garten kam mir vor wie eine Insel der Gastfreundschaft. An jenem Abend tranken wir zusammen Wodka und brachen Brot. In blumigen Geschichten erzählte uns Samat, was für großartige Menschen diese Deutschen im Dorf angeblich waren. Hervorragende Baumeister, mit den schönsten Häusern, fleißig, ehrlich, hilfsbereit und großzügig.<br />
Da klaffte gerade ein ziemlicher Abgrund zwischen seinen Beschreibungen und meiner eben gemachten Erfahrung.<br />
Das Ganze war mir ein Rätsel.</p>
<p>Schließlich führte uns Samat in sein Wohnzimmer, wo die versprochenen Matratzen samt frischem Bettzeug auf dem Boden lagen. In der Ecke stand ein Klavier und darauf das Bild eines toten Verwandten, der Pianist gewesen war. Als ich langsam unter den Augen des toten Pianisten einschlief, nahm ich mir vor, am kommenden Tag das Rätsel der schroffen Deutschen zu lösen.</p>
<p>Der nächste Tag begann mit Samats fröhlichem Lachen.<br />
»Guten Morgen, Jungs, Frühstück!«<br />
Ich konnte seine gute Stimmung nicht ganz teilen. Schließlich wollte ich mehr über die Deutschen hier erfahren, hatte aber keine Ahnung, wie.</p>
<p>Samat riet uns, einfach mal die Straße entlangzulaufen und an den Haustüren zu klingeln.<br />
Der Kirgise zeigte mit fuchtelnden Armen, in welchen Häusern seine deutschen Nachbarn wohnten. Das war die erste Überraschung: In dem Achthundert-Seelen-Dorf waren sie klar in der Unterzahl. Nur noch knapp hundert Deutsche lebten hier.<br />
Von wegen deutsches Dorf!<br />
Nach dem Frühstück machten Franz und ich uns auf.</p>
<p>Die Häuser der Deutschen lagen an der anderen Straße von Rot-Front, die schmaler war als die Hauptstraße und genauso schnurgerade parallel zu ihr verlief. Schlanke Pappeln ragten in den grauen Himmel und wankten im Wind. Ein ausgeschlachteter alter Lastwagen lag vor einem Haus, daneben ein uralter Krankenwagen und ein grasendes Pferd. Gespenstische Atmosphäre. Wie bei unserer Ankunft am Vortag war kein Mensch auf der Straße. Alle schienen sich vor uns in ihren Häusern zu verstecken.</p>
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                                Rot-Front sehen und sterben. Foto: Markus Huth
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        </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immerhin hatte Samat nicht gelogen.<br />
Die Häuser der Deutschen waren tatsächlich in besserem Zustand als die der Kirgisen. Sauberer und gepflegter. Vor allem die Gärten.</p>
<p>Ding-dong.</p>
<p>Klopf-klopf.</p>
<p>Bei Haus Nummer eins machte schon mal keiner auf.<br />
»Hallo? Hallo?«, rief ich. »Besuch aus Deutschland! Presse!«<br />
Als einzige Reaktion kläffte ein Hund und sprang scheppernd gegen die Innenseite des hohen Metalltors.</p>
<p>Bei Haus Nummer zwei passierte was.<br />
Nach minutenlangem Klopfen kam ein kräftiger Blonder ans Gatter. Noch ganz verschlafen.<br />
»Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?«<br />
»Vada is nich da. Kommt heut Abend widda.«<br />
Wumms. Gatter zu.<br />
Diese Deutschen wollten ganz klar nichts mit mir zu tun haben.<br />
Statt Blaskapelle wurde das Abblasen der Aktion immer wahrscheinlicher.</p>
<p>Da sah ich plötzlich vor Haus Nummer drei eine Gestalt stehen, die uns beobachtete.<br />
Ein Mann um die sechzig, mit grauer Jogginghose und weißem Shirt, das einen Bierbauch zusammendrückte. Ein gepflegter grauer Schnauzer und eine dicke Hornbrille verliehen dem Ruhrpott-Stil etwas Hipsterhaftes.<br />
»Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?«, versuchte ich es ein letztes Mal.<br />
Ich überlegte kurz, ob ich vielleicht mal »Rotfront!« rufen und die Faust heben sollte. Aber wie ein Kommunist sah der nicht aus.</p>
<p>»Mit den anderen habt ihr kein Glück, was?«, grinste der Fremde wissend.<br />
In seinen Worten schwang ein seltsam altertümlicher Dialekt mit. Klang irgendwie nach Plattdeutsch. Er schien etwas beleidigt, dass ich gefragt hatte, ob er Deutsch spreche.<br />
»Unsere Eltern haben uns beigebracht: Auf der Straße könnt ihr sprechen, was ihr wollt. Aber zu Hause wird Deutsch geredet!«<br />
Der Mann hieß Hermann.<br />
»Wenn die anderen mitkriegen, dass ich mit euch rede, gibt’s Ärger. Aber das ist mir egal. Ich bin sowieso der Sonderling«, sagte er rebellisch.</p>
<p>Ich stellte ihm die alles entscheidende Frage: Warum um Himmels willen waren hier alle so schroff zu uns?<br />
»Da seid ihr Journalisten doch selbst schuld. Warum berichtet ihr auch so einen Mist?«<br />
Erst jetzt erfuhr ich, was Sache war.</p>
<p>Die Rotfrontler hegten einen tiefen Groll gegen die Presse aus Deutschland.<br />
Im Dorf herrschte ein regelrechter Pakt, nicht mit Journalisten zu sprechen.  Anders, als ich gedacht hatte, war ich nicht der erste Reporter, der sich an dieses Ende der Welt verirrt hatte. Das ZDF und mehrere deutsche Zeitungen waren schon hier gewesen, es gab einen Dokumentarfilm, und sogar die New York Times hatte über das letzte deutsche Dorf in Kirgisistan geschrieben.<br />
Und ganz offensichtlich gefiel den Dorfbewohnern nicht, was man über sie berichtete.</p>
<p>Jetzt leuchtete mir auch ein, warum der in Bischkek sitzende »Volksrat« sich nicht mehr gemeldet hatte. Selbst der hatte wahrscheinlich nicht mit dem Unwillen der Rotfrontler gerechnet.<br />
Womit hatte ich das verdient?</p>
<p>»Immer werden wir als zurückgebliebene Hinterwäldler oder Sekte dargestellt«, erregte sich Hermann.<br />
Er war Rot und ich die Front.<br />
Ihn regte auf, dass die Reportagen, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Deutschland über Rot-Front erschienen waren, die Dorfbewohner lächerlich gemacht hätten. Dass die Journalisten sich meistens auf den altertümlichen und religiösen Lebensstil der Dorfbewohner stürzten. Und zwar immer nach dem Motto: Eine Welt wie vor hundert Jahren. Mit Viechern und Feldern. Frauen, die lange Röcke und geflochtene Haare trügen, früh heirateten und viele Kinder bekämen. Moderne Technologien gäbe es nicht, und alle redeten immerzu von Jesus.</p>
<p>»Fast alle von uns waren schon in Deutschland oder skypen mit ihren Verwandten«, insistierte Hermann. »Wir wissen, was in der Welt los ist.«<br />
Nachdem er seinem Ärger Luft gemacht hatte, wurde er etwas freundlicher.</p>
<p>Doch dann fragte ich:  »Was für eine Art Sekte sind Sie denn?«<br />
Sein Bauch begann nervös zu zucken.<br />
»Wir sind keine Sekte!«<br />
Immerhin erkannte Hermann nun seinen Bildungsauftrag und plauderte so ganz nebenbei die Geheimnisse von Rot-Front aus.</p>
<p>Die Geschichte dieser störrischen Dorf bewohner begann vor fast fünfhundert Jahren mit den Mennoniten. Eine evangelische Glaubensgemeinschaft außerhalb der Kirche. Von den Mainstream-Christen unterscheiden sie sich vor allem dadurch, dass sich ihre Mitglieder erst als Erwachsene taufen lassen. Der Name geht auf den friesischen Theologen Menno Simons zurück, der im 16. Jahrhundert als Reformator wirkte.</p>
<p>Das erklärte schon mal, warum Hermanns Dialekt an Plattdeutsch erinnerte.<br />
Denn viele Vorfahren der Rotfrontler kamen aus Friesland.  Die Mennoniten leben ein sehr traditionelles Leben. Moderne Technologien wie Fernsehen, Radio oder sogar Autos lehnen sie oft ab. Dahinter steht der Wunsch, den Einfluss der Außenwelt auf die Gemeindemitglieder sowie deren Bewegungsradius zu beschränken, um alle beisammenzuhalten.</p>
<p>Der Grad der Weltfremdheit variiert von Gemeinde zu Gemeinde.<br />
Die Rotfrontler, die ich bisher gesehen hatte, waren zumindest nicht durch besondere Kleidung aufgefallen. Zum Beispiel hatte die dicke Blonde mit dem Kinderwagen weder Rock noch geflochtene Haare getragen, sondern sah im Schlabberlook eher aus wie Cindy von Marzahn.<br />
Auch Hermann wirkte nicht gerade wie ein religiöser Fanatiker. In seinem Hof stand zudem ein dickes Auto. Nur eines fehlte. Anders als bei den kirgisischen Häusern hatten die Deutschen keine Antennen auf dem Dach. Fernsehen wurde hier offenbar nicht geschaut.</p>
<p>Derweil fuhr Hermann mit der Geschichte vom Mennoniten-Exodus fort.<br />
»Was hat unsere deutschen Vorfahren also Tausende von Kilometern nach Kirgisistan verschlagen?«<br />
Jedenfalls nicht die Lust auf ein Nomadenleben mit Pferden.<br />
Vielmehr war es die nackte Not.<br />
Denn die Mennoniten wurden von allen Seiten diskriminiert. Von den Katholiken und Lutheranern, weil sie keine Kinder taufen wollten. Und vom Staat, weil sie als strenge Pazifisten den Militärdienst verweigerten. Wegen ihres Glaubens verfolgt, waren die Gemeinden regelmäßig auf der Flucht. Immer auf der Suche nach einem Ort, wo man sie in Ruhe ließ.<br />
Von den heute weltweit zwei Millionen Mennoniten leben die meisten in Afrika und Amerika. Kein Wunder, dass die Rotfrontler lieber unter sich blieben und die Abgeschiedenheit bevorzugten.<br />
Und abgeschiedener als in Kirgisistan ging es kaum.<br />
Wie kamen die Rotfrontler nur auf diesen Ort am Ende der Welt?</p>
<p>Schuld war eine russische Zarin mit deutschen Wurzeln. Katharina die Große hatte im 18. Jahrhundert die Idee, ihr menschenarmes Riesenreich mit ausländischen Bauern zu besiedeln. Vor allem von den Deutschen, die Fleiß, gutes Vieh und fortgeschrittene Anbaumethoden mitbrachten, erhoffte sie sich viel.</p>
<p>Sie vergab Land, versprach Steuer- und Religionsfreiheit und auch Befreiung vom Militärdienst.  Ein Angebot wie gemacht für die Mennoniten.<br />
Viele waren daher unter den Hunderttausenden Deutschen, die sich an den Ufern der Wolga und des Schwarzen Meeres niederließen. Die Kolonisten gründeten zahlreiche Dörfer, in denen deutsche Kultur und Sprache fernab der Heimat bewahrt wurden.<br />
Leider liefen die von Katharina zugesicherten Privilegien irgendwann aus. Bald sollten auch die Deutschen Steuern zahlen und ihre Söhne zum Militär schicken. Ein No-Go für die friedliebenden Mennoniten.<br />
Eine neue Lösung musste her.<br />
Und die hieß Zentralasien.</p>
<p>Als die Krone Ende des 19. Jahrhunderts Siedler für frisch eroberte Gebiete in Zentralasien suchte, sahen die Mennoniten erneut ihre Chance gekommen. Wieder befreit vom Wehrdienst, gründeten etwa hundert Mennoniten-Familien vier Dörfer im Tal des Flusses Talas. Das liegt etwa vierhundert Kilometer östlich vom heutigen Rot-Front.<br />
Bald platzten diese Dörfer aus allen Nähten, und die vielen Landlosen wurden zum Problem.</p>
<p>1927 wies die kommunistische Regierung den Mennoniten deshalb einen weiteren Siedlungsort im Tal des Flusses Tschüi zu.<br />
»Rot-Front!«, rief ich ungeduldig.<br />
»Nein«, sagte Hermann. »Bergtal.«<br />
Wie jetzt Bergtal?<br />
Hermann öffnete seine Zauntür.<br />
Wir folgten ihm in den Garten und standen nun hinter dem Bauernhaus. Größer hätte der Kontrast zum rostigen »Rot-Front«-Schild am Ortseingang nicht ausfallen können.</p>
<p>Scheinbar endlose Felder, bedeckt mit locker aufgeworfenem Heu und gepressten Ballen, lagen vor mir und am Horizont die Berge des Tian Shan. Drei blonde Buben rannten spielend auf einen tuckernden Traktor zu. Ein Hund kläffte. Hohe Laubbäume raschelten im Wind.<br />
Ich fragte mich, warum jemand diesen idyllischen Ort ausgerechnet in »Rot-Front« umbenannt hatte.</p>
<p>Die Antwort trug Schnurrbart.<br />
Denn damals lag Bergtal im Sowjetreich. Und dessen Diktator Josef Stalin misstraute seinen deutschen Untertanen als angeblichen Agenten Hitler-Deutschlands. Quasi als Loyalitätszusicherung nannte man Bergtal, nachdem das Land der Bauern zwangskollektiviert worden war, in Rot-Front um.  Leider verfehlte der neue Name seinen Zweck. Denn der misstrauische Stalin wähnte unter den Russlanddeutschen weiterhin Verräter und Spione.<br />
Außerdem duldete er nur eine Religion, und die hieß Kommunismus.</p>
<p>Bis in die fünfziger Jahre hinein gab der Stalin-Staat daher sein Bestes, um die deutsche Kultur auch in Rot-Front auszurotten. Unterrichtsverbot für Deutsch an Schulen, Verbot religiöser Zusammenkünfte, Ausgangssperren, Verhaftungen, Hinrichtungen und sklavenähnliche Zwangsarbeit. Der einzige Vorteil der Rotfrontler war, dass sie nicht wie die meisten anderen Russlanddeutschen ihrer Heimat entrissen und nach Zentralasien deportiert wurden. Denn sie lebten ja schon hier.</p>
<p>Das war aber eine deprimierende Geschichte.<br />
Jetzt bekam ich sogar Mitleid mit den schroffen Deutschen.</p>
<p>»Wir haben den Kirgisen viel zu verdanken«, sagte Hermann plötzlich.<br />
Die hätten ihre deutschen Nachbarn während der sowjetischen Unterdrückung vor den Behörden geschützt. Bei sich zuhause versteckt, wenn Verhaftungen drohten. Oder die religiösen Treffen der Mennoniten vor der Polizei geheim gehalten.</p>
<p>Dann hatte Hermann noch eine These, wie die Kirgisen geholfen hätten, die deutsche Kultur im Dorf zu bewahren: Anders als bei den Russlanddeutschen, die mit Russen zusammenlebten, käme es mit den Kirgisen wegen der großen kulturellen und äußerlichen Unterschiede kaum zur »Vermischung«.<br />
»Aha«, sagte ich.<br />
Klang ziemlich Volksrat.<br />
Doch Hermann lachte nur.<br />
»Da seid ihr schockiert, was? Aber bei uns gibt’s kein Multikulti. Wir müssen überleben.«<br />
»Aha«, sagte Franz.</p>
<p>Und so standen wir mit Hermann und blickten auf die ländliche Idylle.<br />
Immer noch verfolgt von den blonden Buben, tuckerte der Traktor in Richtung Haus.<br />
»Ihr müsst jetzt gehen«, sagte Hermann besorgt. Er hätte ja gar nicht mit mir sprechen dürfen. Doch zum Abschied gab er uns noch einen Tipp:<br />
»Geht zum Bethaus, wenn ihr mehr wissen wollt.«</p>
<p>Bethaus?<br />
Was war das denn?<br />
Sicher so etwas wie eine Kirche.<br />
Das bedeutete, dass wir dort mit etwas Glück den wichtigsten Mann einer mennonitischen Gemeinde treffen würden, den Pastor. Beziehungsweise so eine Art Pastor. Denn die Mennoniten haben einen »Bruderrat«, der einen Bruder zum Sprecher bestimmt.<br />
Jedenfalls war das Bethaus, wie alles in einem Zwei-Straßen-Dorf, nicht schwer zu finden.<br />
Keine zehn Minuten später standen wir vor dem Gebäude.</p>
<p>Es reihte sich harmonisch ins Glied der an der schnurgeraden Straße angetretenen Häuschen. Mit einem wichtigen Unterschied. Das Bethaus war sehr viel größer. Schon der gepflegte und gerade Holzzaun unterschied sich deutlich von den windschiefen Artgenossen nebenan.<br />
Dahinter lag stolz wie ein Stück Käsekuchen ein Gebäude mit sauber verputzter, gelblicher Fassade. Der Grundriss hatte die Form eines länglichen Rechtecks, bedeckt von einem spitz zulaufenden Dach. Die schmucklosen Fenster waren mannshoch. Wir standen quasi vor einem Kirchenschiff, dem der Glockenturm fehlte.</p>
<p>Ich musste nun überlegt vorgehen.<br />
Sicher würde der Pastor Journalisten genauso grollen wie die anderen Deutschen, denen ich in Rot-Front bisher begegnet war.<br />
Was tun?</p>
<p>Da kamen wie ein Geschenk des Himmels zwei Autos angefahren und hielten direkt neben uns.<br />
Heraus stiegen Deutsche. Allerdings keine aus Rot-Front.<br />
Sondern aus Niedersachsen.<br />
»Guten Tag. Wollen Sie auch zur Führung?«, fragte eine Frau mit blondierter Frisur.<br />
Insgesamt standen nun drei Pärchen mittleren Alters plus ein kirgisischer Reiseleiter neben mir.<br />
»Äh. Guten Tag &#8230; ja«, sagte ich verdutzt.<br />
Dann hörte ich das Knattern eines Motorrads.<br />
Keine Minute später stieg ein Herr von einem weinroten Zweirad, nahm einen altmodischen Helm ab und sagte mit rollendem R:<br />
»Da sind sie ja. Herzlich willkommen in Bergtal!«</p>
<p>Das musste der Pastor sein.  Langsam begriff ich, was hier gerade passierte. Wir waren zufällig in eine angemeldete Touristengruppe aus Deutschland geraten. Und für den Pastor musste es so aussehen, als ob Franz und ich dazugehörten.</p>
<p>Das stürzte mich direkt in einen ethischen Konflikt.<br />
Denn die journalistische Berufsehre hätte jetzt verlangt, dass ich das Missverständnis sofort aufklärte und mich als Journalist zu erkennen gäbe.<br />
Allerdings hätte mich der Pastor dann garantiert zum Teufel gejagt.<br />
Und ich war doch nicht Tausende Kilometer zum letzten deutschen Dorf am Ende der Welt gereist, um mich jetzt davonjagen zu lassen. Ich musste doch erfahren, wie das Bethaus aussah.<br />
Eine Frage der Ehre.<br />
Nein, outen ging nicht.<br />
Also blieb nur eines: Undercover-Einsatz.<br />
Klappe halten. Mitspielen.</p>
<p>Der Pastor schüttelte mir, ich konnte es gar nicht fassen, freundlich die Hand.<br />
Er erzählte uns gleich, dass seine Vorfahren aus Ostpreußen stammten, was das rollende R erkläre. Seine Kleidung war nicht besonders auffällig: Der schlanke Mittfünfziger mit den strahlend blauen Augen hatte ein seriöses Kragenhemd in eine Jeans gesteckt und trug Anzugschuhe. Ein Mann, wie man ihn in jeder Sparkasse treffen konnte.<br />
Auffällig war dafür seine Kopf- und Bartfrisur.<br />
Oberlippenbärtchen und strenger Rechts-Scheitel waren in Deutschland seit Na-Sie-wissen-schon-wem aus der Mode gekommen. Hier anscheinend nicht. Doch das rollende Ostpreußen-R des Pastors hatte nichts Bedrohliches. Er sprach mit einer hellen, herzlichen Stimme, die die frohe Botschaft Jesu verkündete.</p>
<p>»Kommen Sie doch herein«, bat er ins Bethaus.<br />
Ich folgte ihm durch die große Eingangstür und staunte. Von Innen sah es aus wie eine echte Kirche. Honigfarbenes Holzbraun war die dominierende Farbe. Wir standen in einem großen Raum, in dem sich lange Bänke Lehne an Lehne reihten. Hier war Platz für wenigstens tausend Gläubige. In sechs Metern Höhe hing eine Holzkassettendecke. Es gab sogar eine erhöhte Galerie für noch mehr Betende. Und vorne eine Kanzel für den Prediger. Dort stand jetzt der Pastor, zeigte mit erhobenem Arm in eine Richtung und rief:<br />
»In dieser Richtung liegt Deutschland!«</p>
<p>Die Niedersachsen freuten sich.<br />
Ich schaute mich weiter um.<br />
An den Wänden standen in großen Buchstaben Bibelsprüche auf Deutsch und Russisch.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Sehet, ich komme bald!<br />
Offenbarung 22,7</p>
</blockquote>
<p>Hoffentlich sehr bald.<br />
Gott musste sich wirklich beeilen, wenn er hier noch Mennoniten antreffen wollte.<br />
Denn der Pastor berichtete nun vom Niedergang seiner Gemeinde. Sie hätte Ende der achtziger Jahre noch fast tausend Mitglieder gezählt. Das Bethaus sei stets gut gefüllt gewesen. Jetzt waren es nur noch rund hundert, von denen nur gut ein Dutzend regelmäßig auf ansonsten leeren Bänken saß.</p>
<p>Was war geschehen?<br />
Hatten die stalinistischen Repressionen gewirkt?<br />
Oder lag es an der »Vermischung« mit Kirgisen, vor der sich der dicke Hermann so fürchtete?<br />
Nein.<br />
Schuld, so der Pastor resigniert, war der »Deutschland-Virus«.<br />
Eine höhere Gewalt, die nichts mit Gott zu tun hatte.<br />
Und das kam so: Schon bald nachdem die Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre zerfallen war, hatte die meisten Deutschen nichts mehr in dem kleinen Dorf gehalten. Wie den anderen so genannten Spätaussiedlern aus dem postsowjetischen Raum versprach die Bundesrepublik auch ihnen die Staatsbürgerschaft und ein Erste-Welt-Leben in Deutschland.</p>
<p>In der Hoffnung auf ein bequemeres Dasein verkauften viele Mennoniten daher Haus und Hof an Kirgisen.  Die griffen gerne zu. Schließlich liegt das Dorf nicht weit von Bischkek. Und für das Gütesiegel »Gebaut von Deutschen« zahlten sie sogar höhere Preise als üblich. Schon bald war das deutsche Dorf mehrheitlich in kirgisischen Händen.</p>
<p>Derweil schrieben die Ausgewanderten an die Zurückgebliebenen in der kirgisischen Heimat.<br />
Viele waren in der nordrhein-westfälischen Stadt Detmold gelandet. Und berichteten von bemerkenswerten Dingen wie Krankenversicherung und Toiletten in der Wohnung statt Plumpsklo hinterm Haus.<br />
Fast jeder Brief enthielt eine klare Botschaft: Kommt nach.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Meine Zeit steht in deinen Händen.<br />
Psalm 31,16.</p>
</blockquote>
<p>Beim Anblick dieses Bibelspruchs an der Wand fragte ich mich, wie lange es die Deutschen hier noch aushalten würden.<br />
Es war nun fast genau neunzig Jahre her, dass sie Bergtal gegründet hatten. Noch mal neunzig würde mangels Nachwuchs schwierig werden.<br />
Doch der Pastor gab sich kämpferisch.<br />
»Ich gehe nicht.«<br />
Zwar sei er schon einige Male zu Besuch in Deutschland gewesen. Und seine Tochter lebe inzwischen dort. Doch er hatte für das Leben in Deutschland nur ein Wort, wobei er das R nun mahnend rollte:  »Abgerrrissen.«</p>
<p>Familien, die in Bergtal zusammen gewesen waren, sich umeinander gekümmert hätten, seien in Deutschland nun »abgerrrissen«.<br />
Der eine wohne hier, der andere da.<br />
Die Alten blieben oft alleine.<br />
Die Niedersachsen nickten nachdenklich.<br />
»Bei uns in Deutschland«, sagte ein Typ mit Sonnenbrille und schwarzem ACDC-Shirt, »dreht sich doch alles nur noch um Konsum.«<br />
Oha. Das artete hier langsam zur Systemkritik aus.<br />
Der Pastor warf nun ein, dass manche der Ausgewanderten inzwischen sogar zurückgekommen seien, weil sie vom Leben in Deutschland enttäuscht waren.</p>
<p>Ich war zwiegespalten.<br />
Als jemand aus einer Generation, die glaubt, Heimat ist überall da, wo sich der Computer automatisch mit dem Internet verbindet, verstand ich hier nur Volksrat. Soll doch jeder leben, wo und wie er möchte. Was der Pastor Gemeinschaft nannte, war für mich soziale Kontrolle.<br />
Andererseits konnte ich auch seine Frustration verstehen.<br />
Da hatten diese Mennoniten jahrhundertelang die Abgeschiedenheit gesucht. Endlich einen Platz am Ende der Welt gefunden. Technologien gemieden, die ihren Zusammenhalt bedrohten. Der staatlichen Repression getrotzt. Und am Ende reichte das Versprechen auf Absicherung und ein ordentliches Badezimmer, um die Gemeinschaft zu zerreißen.</p>
<p>Jetzt führte der Pastor die Touristengruppe in einen dunklen Keller.<br />
Wir standen vor einer Tafel mit historischen Fotos aus jenen Tagen, da Rot-Front noch ein gut bevölkertes deutsches Dorf war. Auf manchen waren lächelnde Männer, meist im Anzug, abgebildet, daneben lächelnde Frauen, mit Kopftuch oder geflochtenen Haaren. Oft hielten sie Instrumente in den Händen. Akkordeons, Lauten und Tuben. Musizieren wurde hier eindeutig wichtig genommen. Und dann war da noch ein anderes altes Schwarz-Weiß-Bild. Darauf lag einer der Gründer Bergtals als alter Greis aufgebahrt zwischen seinen Verwandten. Auf seinem Sarg in großen altdeutschen Buchstaben:<br />
»Ruhe in Frieden!«</p>
<p>Ob auch die deutsche Geschichte von Rot-Front demnächst in Frieden ruhen würde?<br />
Zumindest diese Führung ruhte jetzt in Frieden.<br />
Der Pastor führte uns aus dem Bethaus und schüttelte jedem zum Abschied die Hand.</p>
<p>Die Niedersachsen wollten ein Foto.<br />
»Aber nur für den Privatgebrauch«, insistierte der Geistliche. »Nicht, dass das in der Zeitung landet. Sie glauben gar nicht, was für ein Unsinn in Deutschland über uns geschrieben wird.«<br />
Nachdem die Niedersachsen mit ihren Autos abgedüst waren, standen Franz und ich immer noch neben dem Pastor.<br />
»Was machen Sie denn noch hier? Ich dachte, Sie gehören auch zu der Gruppe &#8230;«<br />
Meine Tarnung war nicht länger zu halten.<br />
»Also &#8230; na ja &#8230; das ist so«, begann ich zu erklären und stellte mich auf einen Zornesausbruch ein.<br />
Doch es kam schlimmer.<br />
Die stahlblauen Augen des Pastors füllten sich ob dieser fiesen Täuschung mit tiefster menschlicher Enttäuschung. Jetzt hätte er nur noch sagen müssen: Immer wenn jemand lügt, muss das Jesuskind weinen.<br />
Ich kam mir vor wie ein Stück Dreck.<br />
Dann erwiderte er nur:  »Schreiben Sie bitte keinen Unsinn. Wenn Sie möchten, können Sie heute Abend zur Gebetsstunde kommen.«<br />
Dann fuhr er mit seinem Motorrad davon.<br />
Verdammt. Dabei hatte ich mir doch vorgenommen, Unsinn zu schreiben. Jetzt ging das natürlich nicht mehr.</p>
<p>Es reichte langsam.<br />
Ich hatte von Rot-Front genug.<br />
Im Vergleich zu den kirgisischen Kirgisen waren die kirgisischen Deutschen eine echte Zumutung. Jesus hin, Jesus her, meinen Seelenfrieden würde ich hier sicher nicht finden.<br />
Ich freute mich jetzt schon auf Bischkek.</p>
<p>Erst mal aber spazierten wir zurück zu Samats Haus.<br />
Vorbei an abweisenden Pappeln und ausgeschlachteten Lastwagen.<br />
Das Abendessen stand bereits auf dem Tisch, der draußen im Hof aufgestellt war. Die zwei Köpfe der hauseigenen Hühner, die für dieses Mahl ihr Fleisch gegeben hatten, lagen nicht weit davon entfernt auf dem Boden und beobachteten mit gespannt-starrem Blick, ob uns ihre Gabe denn auch schmeckte.</p>
<p>Ungläubig hörten die toten Hühnerköpfe und unser kirgisischer Gastgeber zu, wie ich über die abweisenden Deutschen schimpfte.<br />
»Das ist sicher ein Missverständnis. Diese tollen Leute«, widersprach Samat.<br />
Nach einem weiteren Wodka sagte er:  »Die schönste Frau im Dorf ist eine Deutsche. Blond und groß. Eine Schönheit! Die Ärmste ist schon dreißig und findet hier keinen Mann. Weil die Mennoniten nur unter sich heiraten dürfen.«<br />
Jetzt wurde es interessant.<br />
»Sie ist bestimmt heute im Bethaus.«<br />
Richtig, die Gebetsstunde!</p>
<p>Also wieder rüber zum Bethaus.</p>
<p>Inzwischen war es dunkel und kalt geworden.<br />
Wie gigantische Augen leuchteten die großen Fenster des Käsekuchen-Gebäudes in der Finsternis. Davor stand ein Minibus, aus dem ein paar greise Gestalten stiegen. Die Gemeinde hatte einen Fahrdienst, um die Alten zu den Veranstaltungen zu bringen. Neugierig und schweigend starrten sie Franz und mir hinterher, als wir hineingingen. Dann setzte Getuschel ein. Drinnen war der Raum hell erleuchtet. Die Bibelsprüche strahlten mit aller Kraft.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde.<br />
1. Johannes 1,7</p>
</blockquote>
<p>Voller Sünde setzte ich mich auf eine der langen Bänke vor der Kanzel.<br />
Platz war genug. In der großen Halle versammelten sich außer uns und dem Pastor nur vierzehn weitere Menschen. Zwölf davon waren ältere bis ganz alte Frauen, sogar eine uralte Kirgisin war darunter.<br />
Die beiden anderen fielen sofort ins Auge.<br />
Ganz hinten saß eine hübsche junge Frau neben einer noch jüngeren. Offenbar Schwestern. Beide mit blonden Zöpfen und in keuschen langen Röcken. Ihre Blicke waren auf die Gesangsbücher gerichtet. Franz und mich würdigten sie keines Blickes.<br />
Diese Damen flirteten nur mit Jesus.</p>
<p>Derweil eröffnete der Pastor die Gebetsstunde.<br />
Überraschenderweise wurde hier nicht Deutsch, sondern Russisch geredet.<br />
So erreichte man wohl mehr Gläubige.<br />
»Wir singen nun Lied 68 aus dem Gesangsbuch.«<br />
Der Pastor stimmte an, die Frauen sangen kräftig mit:</p>
<p><em>»Oh, ich armer Sünder! Wahrlich, ein solcher bin ich; wenn Gott der Unsterbliche nicht voller Gaben wäre, nicht voller Liebe wäre und mich nicht retten würde, so wäre ich in dieser Welt schon längst gestorben.«</em></p>
<p>Franz und ich summten nur.<br />
Okay. Ich hatte alles gesehen, was ich sehen wollte.<br />
Es gab da nur ein Problem.<br />
Von der Gebetsstunde waren erst drei Minuten vergangen.</p>
<p>Die restlichen siebenundfünfzig bestanden zum Großteil ebenfalls aus Singen.<br />
Insgesamt sollten es an diesem Abend sieben Lieder werden, die Franz und ich nur peinlich textunsicher mitsummten. Die restliche Zeit standen einige der Alten auf und sprachen persönliche Gebete, dankten Jesus für die Ernte oder hofften auf den Seelenfrieden eines Verstorbenen.<br />
Irgendwann war es vorbei.</p>
<p>Der Pastor warf mir zum Abschied einen enttäuschten Blick zu.<br />
Ich war mir sicher, dass das Jesuskind weinte.<br />
Die Alten geisterten hinaus zu ihrem Minibus. Und die beiden jungen Blondinen eilten wortlos nach Hause.  Auch wir machten uns zum letzten Mal auf den Weg zu Samats Haus, dieser Insel der Gastfreundschaft in diesem ansonsten schroffen Dorf.</p>
<p>Ich erschrak, als mich in der kalten Dunkelheit vor dem Bethaus plötzlich eine Gestalt auf Deutsch ansprach.<br />
»Guten Abend, Sie sind doch der Journalist. Haben Sie bitte keinen schlechten Eindruck von uns. Gastfreundschaft ist uns normalerweise wichtig.«<br />
So lernten wir Agnes kennen.<br />
Eine kleine, kräftige Frau um die sechzig. Sie sah aus wie eine Mennonitin aus den deutschen Presseberichten: das ergraute Haar zu einem Kranz geflochten, langer schwarzer Rock und eine altertümliche rote Jacke mit Goldrand. Ihre Goldzähne glänzten im Mondlicht.<br />
»Ihr begleitet mich nach Hause, und wir können etwas reden«, sagte sie fast schon entschuldigend.</p>
<p>Auf dem Heimweg unter dunklen Pappeln klagte sie ihr Früher-war-alles-besser-Leid.<br />
»Als es noch mehr Deutsche gab, hatten wir eine große Bücherei, eine funktionierende Kolchose, Kultur, Arbeit und Geld. Heute ist das Dorfleben trist. Die Kirgisen machen nichts. Sie beschweren sich sogar, weil wir Deutschen zu viel arbeiten und sie schlecht aussehen lassen.«<br />
Ihre größte Sorge aber war ihre älteste Tochter, die Dorfschönheit.</p>
<p>Einen heiratsfähigen Mann gebe es für sie im Dorf nicht.<br />
Und in Kirgisistan habe sie keine berufliche Perspektive.<br />
»In Deutschland wird man für Bildung bezahlt, hier muss man für Bildung bezahlen. Aber wir haben das Geld nicht.«<br />
Und so müsse die Tochter putzen gehen. Für reiche Russen in Bischkek.<br />
Jeden Tag pendle das Aschenputtel per Marschrutka in die eine Stunde entfernte Hauptstadt. Ein möglicher Ausweg aus der Misere ist Deutschland. Die nötigen Dokumente für die Ausreise, erklärte Agnes, hätten sie schon in der Tasche.<br />
»Aber noch halten wir durch. Die Familie würde ja doch nur zerreißen.«</p>
<p>Wir standen nun vor ihrem Haus.<br />
Der Mond lugte hinter einer Wolke hervor und tauchte die Berge in silbernes Licht.<br />
Der Wind streichelte die Felder wie eine Katze.<br />
»Und diese Natur, ich würde sie so vermissen. Das ist meine Heimat«, war sich Agnes plötzlich sicher.</p>
<p>Sie entschuldigte sich nochmals für die schlechte Gastfreundschaft.<br />
Aber ich müsse das verstehen. Die Presse habe dem Dorf so schwer zugesetzt.<br />
Dünnhäutige Mennoniten, fluchte ich innerlich.<br />
Nun betonte Agnes noch, was für tollen selbst gemachten Kuchen sie ihren Gästen normalerweise anbiete.<br />
Hatte sie Kuchen gesagt?<br />
Würde sie uns vielleicht doch noch in ihr Haus bitten?<br />
Durften wir etwa mit der schönen Tochter sprechen?<br />
Erwartungsvolle Pause.</p>
<p>Zerstört von einem enttäuschenden:<br />
»Nun gut, ich muss nun ins Haus. Gute Nacht. Und schreiben Sie keinen Unsinn.«<br />
Das war’s.<br />
Agnes’ rundliche Silhouette verschwand im Haus.</p>
<p>Und für mich war klar: Nichts wie raus aus Rot-Front.<br />
Vor dem Einschlafen nahm ich mir noch vor, den maximal möglichen Unsinn zu schreiben.</p>
<p style="margin-top:60px;font-size:18px;color:#aaa;padding-top:40px;padding-bottom:40px;border-top:1px solid;margin-bottom:80px;border-bottom:1px solid;text-align:center">
Die Recherche zu dieser Reportage wurde von <a href="https://www.studiosus.com/" target="_blank">Studiosus Reisen</a> unterstützt.</p>
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		<title>Suche in Trümmern</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Sep 2015 22:03:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Nepal]]></category>
		<category><![CDATA[Erdbeben]]></category>
		<category><![CDATA[Helfer]]></category>
		<category><![CDATA[Kathmandu]]></category>
		<category><![CDATA[Naturkatastrophe]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Sebastian Stenzel]]></category>
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					<description><![CDATA[Im April und Mai erschütterte Nepal eine Serie von verheerenden Erdbeben. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben. Viele Nationen schickten Helfer in die Krisenregion im Himalaja. Doch nicht alle fanden jemanden zum helfen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/nepal-suche-in-truemmern/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Im April und Mai erschütterte <strong>Nepal</strong> eine Serie von verheerenden Erdbeben. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben. Viele Nationen schickten Helfer in die Krisenregion im Himalaja. Doch nicht alle fanden jemanden zum helfen.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Mit angestrengtem Blick versucht Irakli West, etwas mit dem Fernglas aus dem kleinen ovalen Flugzeugfenster hinaus in der Dunkelheit zu erkennen. Der Airbus kreist seit einer gefühlten Ewigkeit im Luftraum über dem Flughafen Kathmandu – in der Hoffung, endlich eine Landegenehmigung zu erhalten. An Board der Air-India-Maschine sind nicht nur Nepalesen, die zurück in ihre Heimat wollen – auch drei Rettungsteams aus Deutschland und Großbritannien fliegen mit. Irakli West, 46 Jahre, ist Teamleader des sechsköpfigen Search-and- Rescue-Teams der deutschen Hilfsorganisation „@fire“, dem auch ich angehöre.</p>
<p style="text-align: justify;">Drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben, das Ende April Nepal und Teile von China und Indien erschütterte, sind wir endlich in der Hauptstadt Kathmandu gelandet. Das Land befindet sich im Ausnahmezustand. Niemand interessiert sich ernsthaft für die Sicherheitskontrolle. Obwohl die Metalldetektoren wild piepen, können wir unbesehen den Passagierbereich verlassen. Der Eingang zur Abflughalle ist von Menschen belagert, im Ankunftsbereich warten unzählige Nepalesen auf Angehörige – zahlreiche Männer und Frauen liegen auf den Bürgersteigen eng an eng und schlafen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Schlafen neben Flugzeugen</h2>
<p style="text-align: justify;">Unser Camp schlagen wir schließlich am späten Abend auf einer großen Wiese auf dem Flughafengelände auf. Soldaten patrouillieren am Zaun. Endlich, nach der 24-stündigen kräftezehrenden Reise, liege ich auf einem Feldbett und schließe die Augen. Durch einen ohrenbetäubenden Lärm schrecke ich wieder auf – es klingt, als würde gleich ein Flugzeug durch unser Zelt fliegen. Stattdessen landet es auf der Landebahn rund 200 Meter neben uns. In den kommenden Tage nehme ich die fünfminütlichen Starts und Landungen direkt neben unserem Basislager kaum noch wahr.</p>
<p style="text-align: justify;">Am darauffolgenden Tag kann unsere Arbeit endlich beginnen. Viel zu viel Zeit ist seit dem Beben bereits vergangen – die Überlebenschancen in den Trümmern schwinden mit jeder Stunde. Gerade aufgrund der in Nepal vorherrschenden Ziegelbauweise gibt es in zusammengestürzten Häusern kaum Hohlräume, in denen Verschüttete länger überleben können. Mit unseren beiden Rettungshunden und technischem Ortungsgerät brechen wir am Morgen zusammen mit einem englischen Rettungsteam in das Naturschutzgebiet Sundarijal zehn Kilometer nordöstlich von Kathmandu auf. Wir haben den Auftrag, mehrere Gebäudekomplexe, darunter ein Hotel, ein Militärstützpunkt und eine Wasseraufbereitungsanlage, zu erkunden und nach Überlebenden abzusuchen.</p>
<p><div id="aesop-gallery-5126-6"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-5126" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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<h2 style="text-align: justify;">Los gehts</h2>
<p style="text-align: justify;">Unsere Gerätschaften &#8211; eine Searchcam, ein Horchgerät und Werkzeuge &#8211; verstauen wir auf dem Dach eines Sprinters, den wir vor Ort mitsamt eines Fahrers organisiert haben. Bei der Fahrt durch die Straßen Kathmandus fällt auf: Obwohl die meisten Häuser unversehrt sind, schlafen viele Menschen im Freien. Auf allen Wiesen sind Zelte aufgeschlagen – sogar auf dem begrünten Mittelstreifen einer vierspurigen Straße. Angespannt beobachten meine Teammitglieder und ich die asiatische Fahrweise. Hupend und im Gegenverkehr überholend schlängeln wir uns wie unzählige andere Autos und Mopeds. Die Situation in der Hauptstadt scheint nicht so schlimm wie angenommen. Nur vereinzelt sind Gebäude beschädigt oder eingestürzt. Die meisten kleinen Garagengeschäfte am Straßenrand haben geöffnet, auf den Straßen, die am Rande der Stadt mehr Feldwegen gleichen, herrscht reger Verkehr.</p>
<p style="text-align: justify;">Langsam nähern wir uns dem Ziel, die Straße wird schmaler, die Steigung extremer. In einer Ortschaft treffen wir etliche Menschen auf einem Platz, die unter Planen Schutz vor dem Regen suchen, Kinder nutzen herumstehende Busse zum Spielen. Wir halten, damit unser Teamleader nach dem weiteren Weg schauen kann. Sofort sind wir von einer Menschentraube umgeben, die Leute wollen wissen, wer wir sind und was wir machen. „What’s the name of the dog“, fragt mich ein kleiner Junge. „Pollux, ein belgischer Schäferhund“, antworte ich ihm.</p>
<p style="text-align: justify;">Dann bitten uns auch schon Bewohner um Hilfe. In einem der Häuser könnten noch Verschüttete sein. In gebrochenem Englisch sagt einer: „Das war ein Hotel, zwei Personen kamen noch rechtzeitig heraus, zwei andere könnten noch drin sein.&#8220; Mein Kollege Lars Prößler schickt Pollux ins Gebäude. Mehrmals klettert der Hund über die Trümmer der eingebrochenen Decke, doch er findet niemanden. Mit der Searchcam &#8211; einer Teleskopkamera &#8211; schaue ich noch durch ein Fenster in das zweite Obergeschoss. Auch hier ist nichts zu erkennen, das auf Überlebende hinweist.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kaputt in den Feldbetten</h2>
<p style="text-align: justify;">Mittlerweile ist Nachmittag. Der Gebäudekomplex in Sundarijal, den wir eigentlich absuchen sollen, ist wegen der zerstörten Straßen nicht mehr mit dem Auto zu erreichen. Lediglich ein vierstündiger Fußmarsch führt noch in das Gebiet – ohne Helikopter macht das für ein Rettungsteam keinen Sinn. Nach Tüten-Fertiggerichten als Abendessen fallen wir müde und kaputt auf unsere Feldbetten.</p>
<p style="text-align: justify;">Früh morgens geht es wieder weiter. Diesmal wird unser Team geteilt. Ich fahre mit der ersten Gruppe samt der beiden Hunde durch Kathmandu. Plötzlich hören wir eine Lautsprecherdurchsage. Unser Dolmetscher erklärt uns: „Das ist ein Sprecher, der von der Regierung bezahlt wird. Er sagt, dass alles sicher sei, sich niemand Sorgen machen müsse und das normale Leben weitergehe.“</p>
<p style="text-align: justify;">Als wir nach einiger Fahrtzeit das Stadtzentrum verlassen, treffen wir auf unzählige der typischen, bunt bemalten nepalesisch-indischen Lastwagen. Wir halten am Straßenrand. Zwei Kameraden machen sich auf die Suche nach unserer Einsatzstelle &#8211; einer eingestürzten Schule. Mit einem Rettungshund und weiteren Kollegen kommen wir kurz darauf nach. Aber eingestürzt ist die Schule nicht, eher nach rechts weggeknickt und nun lehnt sie an einem Nachbarhaus. Wenn zum Zeitpunkt des Bebens Menschen im Schulgebäude waren, werden sie sich längst selbst gerettet haben &#8211; auch die Anwohner vermissen niemanden. Die Rettungshunde schlagen nicht an.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Was sollen wir eigentlich hier?</h2>
<p style="text-align: justify;">Klar, an dieser Stelle kann man sich fragen: Was sollen wir eigentlich hier? Braucht man unsere Hilfe überhaupt? Nichts als rumfahren. Vergeblich nach jemanden suchen, den wir aus den Trümmern retten können. Und vor allem: warten. Aber ich bin nicht frustriert. Denn so ist der Alltag von Katastrophenhelfern. Wir wollen nicht die Helden spielen, sondern sind Teil eines koordinierten Einsatzes der Vereinten Nationen. Nur so kann den Menschen in Nepal bei dieser unfassbaren Tragödie wenigstens etwas geholfen werden. Ich erfahre, dass andere Teams Überlebende aus eingestürzten Gebäuden retten können. Das klappt nur, weil sich alle Retter darauf verlassen können, dass jeder sich um seinen Sektor kümmert. Und mein Sektor heißt: J.</p>
<p style="text-align: justify;">Der liegt im Nordosten Kathmandus. Mit unserem Sprinter und einem Minibus fahren wir am nächsten Morgen die Straßen ab. Vorbei an kleinen Garagengeschäften gelangen wir zu einem vollständig eingestürzten Gebäude. Menschenmassen stehen um die Trümmer herum, mit bloßen Händen graben Anwohner und Soldaten im Schutt. Im Gespräch mit den Anwohnern versuchen wir mehr herauszufinden. „Das war ein fünfstöckiges Haus“, erzählen uns zwei Männer. „Und hier war mal ein Spielplatz.&#8220; Sie deuten auf den Trümmerhaufen vor ihnen. Vermisst werde aber niemand mehr.</p>
<p style="text-align: justify;">Um sicherzugehen, dass sich tatsächlich niemand mehr unter dem Schuttberg befindet, kommen erneut unsere beiden Rettungshunde zum Einsatz. In einem Randbereich der Trümmer hält Loki inne. Der Hundeführer gibt allerdings schnell Entwarnung: Unter den Trümmern liegen nur Schweineköpfe aus einer Metzgerei.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Ein Klopfen</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Hunde sind bereits zurück in den Fahr­zeu­gen, da ordern uns die eng­li­schen Kollegen, mit denen wir unterwegs sind, zurück. Sie möchten wei­ter­su­chen, jemand will ein Klop­fen gehört haben. Mit schril­len­den Tril­ler­pfei­fen ver­treibt die nepa­le­si­sche Poli­zei die Schau­lus­ti­gen. Doch wie­der schnüf­feln die Hunde ver­ge­bens. Das Klop­fen ist nicht mehr zu hören. So bre­chen wir schließ­lich end­gül­tig ab. Nach dem Besuch eines Klos­ters, das kaum zer­stört ist, machen wir uns wie­der auf den Rück­weg. Sektor J haben wir erkundet.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Basislager wartet schon unser Team­lei­ter Ira­kli West. „Für uns ist der Ein­satz vorbei“, sagt er. „Die Such- und Ret­tungs­phase wurde für been­det erklärt. Jetzt geht es um die Ber­gung von Lei­chen, das ist nicht unsere Auf­gabe.” Ich hatte mich vor diesem Einsatz natürlich mental auf den Anblick von Toten vorbereitet. Retter, die nach dem furchtbaren Erdbeben vor fünf Jahren in Haiti waren, hatten mir von ihren Erlebnissen damit erzählt. Am Ende wird einen aber nichts auf diese Erfahrungen vorbereiten können. Ich bin erleichtert, dass mir das erspart geblieben ist. Schon morgen soll es nach Hause gehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Freitagmorgen. In einem Lastwagen des saudi-arabischen Teams und einem nepalesischen Militär-Laster fahren wir zum „Tribhuvan International Airport“, dem Flughafen in Kathmandu. Nach 24 Stunden Wartezeit hebt der Airbus endlich ab &#8211; und damit fällt auch die Anspannung von mir.</p>
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		<title>So bunt kann eine Grauzone sein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Aug 2015 05:16:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Anne Renzenbrink]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Graffiti]]></category>
		<category><![CDATA[Peking]]></category>
		<category><![CDATA[Street Art]]></category>
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					<description><![CDATA[Mal sind sie winzig und versteckt, mal springen sie sofort ins Auge: Schriftzüge in allen Farben schmücken die grauen Wände Pekings. In Chinas Hauptstadt ist eine kleine, aber feine Graffiti-Szene entstanden. Und die Regierung? Zeigt sich überraschend tolerant. Ein Besuch.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/so-bunt-kann-eine-grauzone-sein/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Mal sind sie winzig und versteckt, mal springen sie sofort ins Auge: Schriftzüge in allen Farben schmücken die grauen Wände Pekings. In Chinas Hauptstadt ist eine kleine, aber feine Graffiti-Szene entstanden. Und die Regierung? Zeigt sich überraschend tolerant. Ein Besuch.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es sieht nicht so aus, als müsste es schnell gehen. Die Sprühdosen stehen einige Meter hinter ihnen, dazwischen liegen ihre Taschen. Eine kleine Leiter haben sie aufgestellt, um auch den oberen Teil des Stahlcontainers zu besprühen. Angst vor dem Erwischt werden, abruptes Wegrennen, das scheint die drei Graffitisprayer gerade nicht zu beschäftigen.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie gehen ein paar Schritte zurück, begutachten ihre Motive, fügen hier und da noch eine schwarze Linie, einen blauen Punkt hinzu. Autos fahren vorbei. Passanten bleiben stehen, machen Fotos oder gehen achtlos weiter. Es ist halb drei nachmittags. Willkommen im 798, dem Künstlerviertel Pekings.</p>
<p style="text-align: justify;">Etwa 15 Kilometer weiter südlich, am berühmten Tian&#8217;anmen Platz, überwachen Sicherheitskräfte die Eingänge, lenken Passanten durch Absperrungen, durchleuchten ihre Taschen. Sprühdosen müssen draußen bleiben. Vor 26 Jahren wurde hier eine Demokratiebewegung brutal niedergeschlagen.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Platz und die hohe Sicherheitsstufe erinnern daran, dass China ein autoritäres Land ist. Ein Land, in dem nicht nur Künstler verfolgt und Medien zensiert werden. Graffiti lässt sich nicht googeln. Die Suchmaschine ist wie viele andere Internetseiten gesperrt. Aber drei Menschen besprühen ungestört am helllichten Tag eine Wand?</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking_2.jpg" data-caption="Besprühte Stahlcontainer im Künstlerviertel 798. Das Viertel liegt im Nordosten Pekings." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_pekin6.jpg" data-caption="Pekings &quot;Graffiti Wall of Fame&quot; ist eine kilometerlange Mauer in der Nähe des Künstlerviertels." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking9.jpg" data-caption="Die Jing Mi Lu ist eine stark befahrene Straße in Richtung Flughafen. Hier steht Pekings &quot;Graffiti Wall of Fame.&quot;" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking_11.jpg" data-caption="Rund 40 Sprayer gibt es laut Schätzungen aus der Szene in Peking." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking13.jpg" data-caption="Ein Sprayer sprüht während eines Street-Art Events in Peking." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking14.jpg" data-caption="Leere Sprühdosen liegen nach einem Street-Art Event in Peking in einem Einkaufswagen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking12.jpg" data-caption="Im Künstlerviertel 798 finden Street-Art Events statt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking10.jpg" data-caption="In einem Hinterhof im Künstlerviertel 798 hat sich ein Sprayer aus Taiwan verewigt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking8.jpg" data-caption="Der Künstler Zhang Dali gilt als Vater des Graffiti in Peking." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking7.jpg" data-caption="Die Graffiti-Szene in Peking hat sich in kurzer Zeit weit entwickelt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_peking5.jpg" data-caption="Sprayer aus aller Welt haben sich im Künstlerviertel 798 verewigt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_peking4.jpg" data-caption="Ein besprühter Bus steht im Künstlerviertel 798 in Peking." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking3.jpg" data-caption="In Chinas erstem Graffiti-Laden &quot;400ml&quot; werden Sprühdosen verkauft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/08/China_Peking1.jpg" data-caption="Die Pekinger ABS Crew sprühte das Bild als Reaktion auf die steigenden Preise für Schweinefleisch in China." alt=""></div></div></p>
<p style="text-align: justify;">Es bleibt nicht bei einem Container. Bunte Schriftzüge finden sich auf Mauern, Stromkästen, Rollläden, Hauswänden und Brücken in der Stadt verteilt. In den vergangenen sieben Jahren hat sich in Peking eine kleine, aber lebendige Graffiti- Szene entwickelt. Während Sprayer in vielen westlichen Ländern nachts auf die Straßen ziehen, unter Zeitdruck sprühen und mit hohen Strafen rechnen müssen, genießen sie hier mehr Freiheiten. Zwar ist Graffiti in China offiziell illegal. Doch die chinesischen Behörden neigen dazu, wegzuschauen, und Pekings Einwohner beobachten eher neugierig als die Polizei zu rufen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Graffiti ist weniger eine Verschmutzung</h2>
<p style="text-align: justify;">In der chinesischen Gesellschaft werden Sprayer nicht verunglimpft. „Graffiti wird hier als etwas interessantes wahrgenommen, weniger als Verschmutzung“, sagt Norbert Kirbach, ein Kunsthistoriker aus Deutschland, der einige Jahre in Peking gesprüht und sich mit urbaner Kunst befasst hat. Zum einen ist die Szene noch sehr jung und überschaubar. Für die Menschen in Peking ist Graffiti etwas neues und die wenigen Sprayer gelten noch als etwas besonderes.</p>
<p style="text-align: justify;">„Das Publikum ist weniger übersättigt als im Westen“, sagt Kirbach. Gleichzeitig ist Graffiti in China ein teures Hobby, das sich nur die Mittelschicht leisten kann. Es ist nicht mit Klischees wie Armut oder Kriminalität behaftet. Doch die Gründe könnten noch tiefer in der Gesellschaft verankert sein.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Blick in die Geschichte des Landes zeigt: Chinesen malen und schreiben seit tausenden von Jahren auf Wände, Berge und Bäume. In gewisser Weise sei Graffiti Teil ihrer Kultur, sagt Lance Crayon, der mit „Spray Paint Beijing“ eine Dokumentation über die Szene in der Hauptstadt gedreht hat. „Die meisten Leute in Peking finden, dass Graffiti ihre Stadt schöner aussehen lässt. Und das tut es auch.“</p>
<p style="text-align: justify;">Seine Anfänge nahm Graffiti in Südchina. Von Hongkong über Shenzhen und Guangzhou kam die Sprühdose schließlich nach Peking. Heute zählt die 20- Millionen-Einwohner-Stadt laut Schätzungen aus der Szene rund 40 Sprayer, aber nicht alle sind konstant aktiv. Nicht einmal 1000 sind es im ganzen Land. Der Künstler Zhang Dali gilt als Vater des Graffiti in Peking und besprühte Ende der 1990er Jahre alte Gebäude in der Stadt mit seinem unverkennbarem Symbol, dem Umriss eines Kopfes.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch Wandmalereien gab es schon vorher. „Mao Zedong flog von der Uni, weil er Slogans in den Schlafsaal seiner Lehrer malte. In gewisser Weise war er ein Graffitikünstler“, sagt Crayon. Richtig Fuß fassen konnte die Szene in Peking erst um 2008 herum, und zwar dort, wo auch der Container steht, zusammen mit vielen anderen buntbemalten Flächen und Kunstwerken.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Künstlerviertel 798</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Künstlerviertel 798 ist ein ehemaliger Industriekomplex am nordöstlichen Stadtrand Pekings. In den alten Fabrikgebäuden mit hohen Decken und großen Fenstern sind jetzt Cafés und zahlreiche Galerien mit zeitgenössischer Kunst angesiedelt. Junge Leute kaufen in kleinen Läden Schallplatten und Vintage-Mode, Jugendliche im Hipster-Look radeln auf Fixies mit hellgrünen Reifen durch die Straßen.</p>
<p style="text-align: justify;">Wer das Szeneviertel am Südeingang betritt, kann ihn eigentlich nicht verfehlen: Chinas ersten Graffiti-Laden, „400 ml.“ Chinesischer Hip Hop dröhnt aus den Lautsprechern, die Wände sind schwarz bemalt. Ein chinesischer Sprayer, der sich als Scar vorstellt, steht im Laden. Sprühdosen, nach Farben getrennt, stapeln sich in einem dunklen Holzregal, aber auch Kappen, T-Shirts und Skateboards stehen im Angebot.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Dose mit guter Farbe kostet in China 42 Yuan, umgerechnet gut 6 Euro, eine von schlechter Qualität etwas mehr als 2 Euro. „Das ist sehr viel Geld für junge Leute“, sagt ANDC. Der 27-jährige Besitzer des Ladens, der lieber nur unter seinem Tag-Namen auftreten möchte, kann sich Sprühdosen mittlerweile leisten. Er blickt bereits auf eine lange Graffitikarriere zurück.</p>
<p style="text-align: justify;">Als er 2005 an der Uni zum ersten mal einen Sprayer in Aktion sah, war er so begeistert, dass er selber mit dem Sprühen anfing. Zunächst wussten seine Eltern nichts vom neuen Hobby. Sie arbeiten für die chinesische Regierung, nach der Uni halfen sie dem Sohn, einen guten Job bei einer Firma zu bekommen. „Aber die Arbeit hat keinen Spaß gemacht, es war jeden Tag das gleiche. Dann habe ich gekündigt“, sagt ANDC.</p>
<p style="text-align: justify;">Zusammen mit einem Freund startete er 2007 die ABS Crew. Heute sind sie zu fünft und eine der erfolgreichsten Graffiti-Crews in Peking. „Wir wollen eine neue Graffiti- Kultur in China aufbauen“, sagt ANDC und erzählt, wie sie nach Europa reisten, Sprayer aus anderen Ländern trafen und sich austauschten.</p>
<p style="text-align: justify;">2012 eröffneten sie „400 ml“ und sprühen heute nicht mehr nur an die Wand, sondern entwerfen Grafikdesign und arbeiten im Auftrag für Firmen wie Red Bull, Audi und Adidas. ABS Crew holte für China den ersten Platz in internationalen Graffiti-Wettbewerben und organisiert Street-Art Events und Ausstellungen in Peking. „Mir geht es gut, ich bin sehr zufrieden“, sagt ANDC und man sieht es ihm an.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Wir sind keine Gangster&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Eine chinesische Graffiti-Erfolgsgeschichte. Und ein Beispiel dafür, wie weit entwickelt die Szene nach so kurzer Zeit schon ist. „So etwas dauerte früher in den 90ern viel länger, da wir vieles noch selbst entdecken mussten, was heute per Internet leicht zu finden ist“, sagt Kirbach. Heute sei der weltweite Austausch etwa über spezielle Dosen oder Materialien einfacher und das habe auch die chinesischen Sprayer beeinflusst. „Technisch sind sie sehr ausgereift und malen auf hohem Niveau. Besonders interessant sind jene, die traditionelle chinesische Motive im Graffiti einbinden.“</p>
<p style="text-align: justify;">Neben ABS sprühen noch eine Handvoll weitere Crews in Peking. „Beef“ gebe es keinen, sagt ANDC, und meint damit die Feindschaft zwischen Gruppen. Er spricht gutes Englisch, doch überlegt bisweilen kurz und muss einige chinesische Begriffe auf seinem Laptop übersetzen. Wörter wie „Beef“ aber kommen ohne zu zögern. Graffiti-Jargon, weite schwarze Hose, Sneakers, rote Baseball-Kappe: Auf den ersten Blick könnte er als Rapper durchgehen. Auch auf den Graffiti-Events in Peking legen DJs Hip Hop auf, es wird Breakdance getanzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch ANDC betont immer wieder: „Wir sind keine Gangster.“ In China sind Sprayer vielmehr oft Kunststudenten, die aus Interesse an der Kunst und nicht unbedingt aus Liebe zur Rap-Musik mit dem Malen beginnen. Unter die chinesischen Sprayer in Peking mischen sich Sprayer aus aller Welt. Sie schätzen das interessierte chinesische Publikum, die vielen Flächen zum Sprühen und die Freiheiten.</p>
<p style="text-align: justify;">In der Dokumentation „Spray Paint Beijing“ erzählt ein schwedischer Sprayer, wie er sich mit Chinesen zum Sprühen getroffen hat: Die Dosen in der Hand, seine Kamera um den Hals, immer bereit, loszurennen. Die chinesischen Sprayer verteilen ihre Dosen überall, sie lassen sich Zeit. Am Ende musste er eine halbe Stunde warten, bis sie fertig gesprüht hatten.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch die Freiheiten sind nicht grenzenlos, Sprayer können in Schwierigkeiten kommen. Wann wird ein Auge zugedrückt, wann gibt es Ärger? Eine klare Grenze existiert nicht. „Graffiti ist in China relativ geduldet, solange die Autoritäten nicht direkt herausgefordert werden“, sagt Kirbach. In Peking heißt das: Keine Farbe auf heilige oder historische Stätten wie Tempeln. Auch bei Regierungs- und Unternehmensgebäuden hört die Toleranz der Behörden auf. Im 798 können Sprayer Farbe bekommen, da es ein ausgewiesenes Künstlerviertel ist.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Strafen sind willkürlich, aber meistens mild</h2>
<p style="text-align: justify;">Für die vielen anderen grauen Fassaden und Betonmauern Pekings gibt es ebenfalls keine klaren Regeln, noch ist die Szene dafür zu klein. „Es gibt in dem Sinne kein Gesetz gegen das Malen“, sagt Kirbach. Wird ein Sprayer erwischt, entscheide der jeweils verantwortliche Polizist, wie er mit ihm umgeht, oder man einige sich gleich mit dem Besitzer der besprühten Fläche.</p>
<p style="text-align: justify;">Das klingt nach Willkür, und so sieht es in der Praxis oft auch aus. Sollten Strafen anfallen, sind sie meistens mild. Oft sind es kleinere Geldstrafen von umgerechnet 40 Euro. ANDC erzählt von Polizisten, die Sprayern noch erlauben zu Ende zu sprühen und ein Foto zu machen, bevor die Wand übermalt wird. John ist ein Sprayer aus Europa, der seit zwei Jahren in Peking sprüht und seinen richtigen Namen nicht verraten möchte.</p>
<p style="text-align: justify;">Er sprüht tagsüber und nachts, auch in den Hutongs, den engen, traditionellen Gassen Pekings. Wird er von der Polizei erwischt, bleibt er stehen und versucht zu verhandeln, anstatt wegzurennen. „Man wird vernünftig behandelt, nicht wie ein Krimineller“, sagt er. Doch härtere Strafen kommen vor, wenn auch selten. ANDC und ein paar Freunde verbrachten einige Tage hinter Gittern, nachdem sie auf die Wand eines Fabrikgebäudes gesprüht hatten. Befreundete Sprayer von John mussten China verlassen und in ihre Heimatländer zurückfliegen. „Wirst du beim Besprühen eines Zuges erwischt, dann war&#8217;s das“, sagt John.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein paar Kilometer vom Künstlerviertel 798 entfernt liegt die Jing Mi Lu, eine stark befahrene Straße Richtung Flughafen. Zu Stoßzeiten staut sich der chaotische Verkehr, es ist laut und Fahrräder und Roller warten in Scharen vor der roten Ampel. Auf der Seite, noch hinter dem Bürgersteig und leicht versteckt hinter Bäumen, steht Pekings „Graffiti Wall of Fame.“ Nur beim zweiten Hinsehen ist sie von der Straße aus zu erkennen. Zahlreiche bunte Schriftzüge, aufwendige Bilder und Tags schmücken die kilometerlange Mauer.</p>
<p style="text-align: justify;">Auffällig: Ein Schwein, das mit einem großen Küchenmesser geschlachtet wird. Die Klinge ist blutig und der Körper bereits in einige Scheiben zerlegt. Das Schwein raucht Zigarre und guckt wütend. Neben seinem Kopf liegen Geldbündel und Münzen. Das Werk der ABS Crew ist eine Anspielung auf den Ärger über die steigenden Preise für Schweinefleisch, einer wichtigen Zutat in Chinas Küche. Doch das ist eher die Ausnahme, politische Themen werden meist gemieden.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwar seien viele Sprayer in Peking politisch bewusst und machen in ihren Motiven auch mal Anspielungen, jedoch stark stilisiert, so Kirbach. Vielmehr geht es ihnen um das reine Malen. „Sie verstehen sich als Teil der weltweiten Graffitiszene, nicht als politische Aktivisten“, sagt Kirbach. „Im Graffiti ist der Akt des Malens selbst politisch, die Aneignung des urbanen Raumes ist immer und überall ein Statement.“</p>
<p style="text-align: justify;">Hinter den Bäumen, geschützt vor dem Verkehr, verläuft ein schmaler Weg gleich neben der Mauer entlang. Vereinzelt kommen Spaziergänger vorbei und schauen sich die Werke an. Ob sie in einigen Jahren immer noch auf eine bunte Mauer schauen werden? „Sollte die Graffiti-Szene in Peking explodieren, werden die Behörden eingreifen“, sagt Crayon.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch danach sieht es momentan nicht aus, auch wenn Graffiti in anderen chinesischen Städten wächst, insbesondere im Süden des Landes, wo das Wetter besser ist. Zwar rücken neue Sprayer nach, einige verlassen aber auch die Stadt oder hören irgendwann mit den Sprühen auf.</p>
<p style="text-align: justify;">Für ANDC unvorstellbar. Das Street-Art-Event im Künstlerviertel 798 hat gerade begonnen. Er sprüht, blaue dicke Buchstaben auf gelben Hintergrund. Es riecht nach Farbe. Aufhören komme nicht in Frage, sagt er. „Graffiti ist mein Leben.“</p>
<p style="text-align: justify;">
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		<title>Für ein paar Dollar am Tag</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 May 2015 04:26:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bangladesch]]></category>
		<category><![CDATA[Anna Mertens]]></category>
		<category><![CDATA[Bekleidungsindustrie]]></category>
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		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Bangladesch gilt als der zweitgrößte Textilhersteller der Welt. Im April 2013 stürzte eine der vielen Fabriken des Landes in sich zusammen. Über 1.100 Menschen starben bei dem Unglück in Dhaka. Seitdem hat sich einiges geändert.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/fuer-ein-paar-dollar-am-tag/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Bangladesch gilt als der zweitgrößte Textilhersteller der Welt. Im April 2013 stürzte eine der vielen Fabriken des Landes in sich zusammen. Über 1.100 Menschen starben bei dem Unglück in Dhaka. Seitdem hat sich einiges geändert.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es klappert und rattert. Tausende Hände ziehen flink Stoffteile über die Stichplatten. Hier ein Ärmel, dort eine Knopfleiste. Das Tempo ist schwindelerregend. Die Köpfe über die Nähmaschinen gebeugt sind die Arbeiter in der Textilfabrik in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka in ihre Aufgabe vertieft. Hunderte Frauen und Männer arbeiten an schmalen Arbeitsplätzen in einer weitläufigen Halle, manche barfuß im traditionellen Kamiz, andere tragen weiße Kittel und Häubchen, manche auch einen Mundschutz. Viele blicken kurz auf, als der Junior Managing Direktor durch die Reihen geht.</p>
<p style="text-align: justify;">Raiyan ist ein sympathischer junger Mann, er lächelt viel, tritt bescheiden auf. Sein Vater hat die Firma in Dhaka vor mehr als 30 Jahren aufgebaut. Nach Abschluss seines Studiums in den USA sei sein Vater 1975 als Chemieingenieur in sein Heimatland zurückgekehrt, erzählt Raiyan. Bangladesch hatte erst wenige Jahre zuvor, 1971, in einem blutigen Krieg mit Pakistan seine Unabhängigkeit errungen und war von Ostpakistan zum „Land der Bengalen“ geworden. Das kriegserschütterte Land habe vor allem neue Arbeitsplätze gebraucht, sagt Raiyan. Die Fabrik war nach eigenen Angaben die siebte in Bangladesch, heute gibt es laut Raiyan mehr als 5.000 Fabriken.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Einsturz des Rana Plaza im April 2013 wurden gut ein Dutzend Fabriken aus Sicherheitsbedenken geschlossen. Das neunstöckige Fabrik- und Bürogebäude war wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Mehr als 1.100 Menschen, vor allem Frauen, starben bei dem Unglück. Am Tag vor der Katastrophe hatte die Polizei an den Mauern Risse festgestellt und das Gebäude gesperrt. Dennoch erschienen vor allem Näherinnen zur Arbeit, offenbar da die Fabrikleitung darauf gedrungen hatte. Der Fabrikbesitzer wurde festgenommen.  Nach Angaben des Untersuchungsberichts war grobe Fahrlässigkeit Schuld für das Unglück. Zudem sei das Baumaterial minderwertig und nicht für die Größe und Höhe des Gebäudes geeignet gewesen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Für 2,80 Dollar am Tag</h2>
<p style="text-align: justify;">Raiyan weiß, dass Arbeitsbedingungen in Textil-Fabriken in Bangladesch ein viel diskutiertes Thema sind. Er sei mehrfach vor allem in Sozialen Netzwerken mit Vorwürfen konfrontiert worden, vor allem unmittelbar nach dem Einsturz. Umso wichtiger sei es, dass endlich die Regierung, die Produzenten und die Kunden ihre soziale Verantwortung ernst nähmen, betont Raiyan. „Der Mindestlohn in Bangladesch liegt mittlerweile bei 68 Dollar im Monat, rund 80 Prozent mehr als vor dem Einsturz“, erzählt er. Das sind  gut 2,80 Dollar pro Werktag. In der Firma der Familie werde den Arbeitern nach eigenen Angaben etwa 20 Prozent mehr gezahlt. Nach einem ersten Auftragseinbruch und Einbußen aufgrund des gestiegenen Mindestlohns laufe das Geschäft  wieder.</p>
<p><div id="aesop-gallery-4605-8"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4605" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/Bangladesch_mertens_Naeherinnen_nah.jpg" data-caption="An den Nähmaschinen arbeiten fast nur Frauen. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/Bangladesch_Mertens_Naeherinnen.jpg" data-caption="Etwa 1.850 Menschen auf vier Stockwerke verteilt arbeiten an sechs Tagen in der Woche in der Fabrik. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/Bangladesch_Mertens_Frauen_stoff.jpg" data-caption="Die Produktion eines Kleidungsstückes ist in viele kleine Einzelschritte zerlegt, damit die Herstellung möglichst reibungslos abläuft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/Bangladesch_mertens_frauen_arbeit.jpg" data-caption="Etwa 700 Nähmaschinen kommen in der Fabrik zum Einsatz." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/Bangladesch_Mertens_Hemden_folie.jpg" data-caption="Die Fabrik in Dhaka produziert etwa 500.000 Kleidungsstücke im Jahr. Der Mindestlohn für einen Arbeiter liegt bei rund 68 Dollar im Monat." alt=""></div></div></p>
<p style="text-align: justify;">Doch der Druck durch die Auftraggeber sei hoch. An den Wänden im Treppenhaus hängen Zertifikate unterschiedlicher Unternehmen, mit denen die Familienfabrik kooperiert oder ehemals zusammengearbeitet hat. Neben Thommy Hilfiger und Van Heusen gehört zum Beispiel auch die britische Kette Marks &amp; Spencer zum Kundenstamm. Insgesamt sind es nach Angaben der Firma rund 400 Auftraggeber, vor allem aus dem höheren und gehobenen Segment. Mit einem bekannten schwedischen Kunden habe die Firma die Zusammenarbeit abgebrochen, erzählt Raiyan. Die hätten die Preise für ihre Bestellungen zu sehr nach unten drücken wollen. Das sei für sie auch im Sinne der Arbeitnehmer nicht vertretbar gewesen. Zahlen nennt Raiyan keine. Die Filialen der weltweit agierenden Ladenkette sprießen indes weiter wie Pilze aus dem Boden.</p>
<p style="text-align: justify;">Mittlerweile ist der junge Bengale in viele Geschäftsbereiche des Familienbetriebs involviert, vor allem in den internationalen Vertrieb. Raiyan arbeitet von London aus. Dort hat er am London College of Fashion und an der Cass Business School studiert; in der Stadt an der Themse lebt er die meiste Zeit des Jahres. „Wenn mein Vater sich zur Ruhe setzt, plane ich nach Bangladesch zurückzuziehen “, sagt Raiyan. Die Familie wohnt in Dhaka in einer hübschen Villa.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sechs Tage Arbeit in der Woche ist normal</h2>
<p style="text-align: justify;">Heute führt der Junior durch das Herz des Unternehmens: die 1983 mit Hilfe von koreanischen und deutschen Technikern gegründete Produktionsstätte in Dhakas „Gewerbegebiet“ Mirpur. Eine weitere Fabrik befindet sich im Aufbau &#8211; Anfang kommenden Jahres soll ihr Produktionsvolumen voll ausgelastet sein.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Schuhe sind noch staubbedeckt beim Betreten des Gebäudes. Die Straße vor dem Eingang ist wie viele in Dhaka nicht geteert. Unzählige Menschen wuseln von einer Straßenseite zur gegenüberliegenden &#8211; Bangladesch ist das am dichtesten besiedelte Land der Welt, mehr als 1.000 Menschen leben auf einem Quadratkilometer, allein in Dhaka sind es offiziell etwa 15 Millionen, im ganze Land mehr als 155. Rikschas und Autos brettern über den Lehmboden; es ist laut, warm und in der Luft liegt der Geruch von gebratenem Fleisch.</p>
<p style="text-align: justify;">Der schmale blaugetünchte Eingangsbereich der Fabrik lässt kaum erahnen, dass in den vier Stockwerken darüber 1.850 Menschen arbeiten, sechs Tage die Woche, wie das in Bangladesch üblich ist. Dabei arbeiten augenscheinlich mehr Frauen als Männer an den 700 Nähmaschinen und bei der Vorbereitung der Stoffe und Schnitte. Jeder Mitarbeiter ist hier für einen Mini-Produktionsschritt verantwortlich; das reicht vom Annähen des rechten Knopfes an der rechten Manschette, dem Glätten eines Ärmels, bis hin zum Durchstechen der Knopflöcher. Die Produktion soll durch viele Einzelschritte möglichst reibungslos ablaufen, erklärt Raiyan. Im Monat produziert die Fabrik bis zu 500.000 Kleidungsstücke.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Männer bügeln besser</h2>
<p style="text-align: justify;">Eine Etage tiefer ist das Bild ein anderes: Kaum eine Frau zu sehen, dafür dutzende Männer. Sie stehen in einer Reihe an großen Bügelbrettern. Die Arbeiter tragen wie viele Näherinnen weiße Kittel, die ein wenig an Arztpraxis oder Fleischerei erinnern. „Die Männer können besser mit den Bügeleisen umgehen“, erklärt Raiyan. Die Geräte sind keine weißen Plastikeisen nach europäischen Standards, sondern schwere, gusseiserne. Sie hängen an langen Stromkabeln und werden in Präzision von den Männern über die bunt-karierten Hemden geschwungen.</p>
<p style="text-align: justify;">Gerade drapiert ein Mitarbeiter ein fertig gebügeltes Hemd auf einem Bügel und hängt es an einen Kleiderständer. Dort sammeln sich bereits Hunderte Herrenhemden in allen Farben und Mustern. Unzählige davon sind in Größe XXL oder XXXL. „Wir arbeiten für viele Firmen, die vorrangig in den USA verkaufen“, erzählt Raiyan. Thommy Hilfiger oder Van Heusen verlangen im Laden stattliche Preise für ihre Hemde. Der Mitarbeiter selbst würde in dem Hemd wohl gänzlich verschwinden, falls sie es sich leisten könnten.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Treppenhaus wirkt stabil, oben befindet sich ein Gemeinschaftsplatz für die Mitarbeiter. „Wer möchte, kann seine Mittagspause hier verbringen“, erzählt Raiyan. Die Sicherheitsstandards in der Fabrik werden nach eigenen Angaben regelmäßig von verschiedenen Instanzen, etwa dem Zertifizierungsprogramm „Worldwide Accredited Responsible Production“, kurz WRAP, überprüft. “Es ist sehr traurig, dass weiterhin so viele Firmen nicht ausreichend für die Sicherheit der Mitarbeiter sorgen”, sagt er.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Enormer Konkurrenzdruck</h2>
<p style="text-align: justify;">Dennoch sieht er die Debatte über die Arbeitsbedingungen mit gemischten Gefühlen. Seines Erachtens schwingen darin auch Vorbehalte gegenüber dem vorrangig muslimischen Land mit. Er hoffe sehr, dass sich das pauschale Bild über die Textilindustrie in Bangladesch wieder wandelt. Bangladesch sei der zweitgrößte Textilhersteller der Welt &#8211; gleich nach China &#8211; und der Konkurrenzkampf sei groß. Zu den 5.000 Fabriken im Land kämen Produktionsstätten in China, Taiwan, Indien und der Türkei.</p>
<p style="text-align: justify;">Einen Raum weiter werden die frischgenähten Hemden noch einmal „durchgepustet“, um eventuelle Fadenreste oder andere Überbleibsel der Produktion zu beseitigen. Dann wird Hemd oder Bluse, feinsäuberlich gebügelt und ordentlich zusammengefaltet, in Plastikfolie verpackt. Das Produkt ist fertig für die Reise in die westliche Welt. Raiyan greift in den Stapel und holt eine schicke rosafarbene Damenbluse hervor. „Für dich, ein Andenken.“ Im Hintergrund ist noch das laute Klappern und Rattern zu hören.</p>
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		<title>Wir sind Rohingya</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 May 2015 06:00:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Thailand]]></category>
		<category><![CDATA[Bangkok]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Minderheiten]]></category>
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		<category><![CDATA[Myanmar]]></category>
		<category><![CDATA[Rohingya]]></category>
		<category><![CDATA[Sandra Weller]]></category>
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					<description><![CDATA[Drei bis vier Millionen Rohingya leben staatenlos im Exil. In ihrer Heimat Myanmar wird die muslimische Minderheit verfolgt. Allein seit 2012 starben Hunderte, Tausende flohen. U Kyaw Thien und seiner Frau gelang die Flucht nach Thailand – aber sie mussten mehr zurücklassen als ihr Hab und Gut.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wir-sind-rohingya/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Drei bis vier Millionen Rohingya leben staatenlos im Exil. In ihrer Heimat Myanmar wird die muslimische Minderheit verfolgt. Allein seit 2012 starben Hunderte, Tausende flohen. U Kyaw Thien und seiner Frau gelang die Flucht nach Thailand – aber sie mussten mehr zurücklassen als ihr Hab und Gut.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Für uns gibt es keinen Platz. Nirgendwo.&#8220; U Kyaw Thien senkt den Kopf und schüttet ein wenig Butter, Mehl und Wasser in eine blaue Schüssel.</p>
<p style="text-align: justify;">In einer ruhigen Seitenstraße in Bangkok leben er und seine Frau Alima in einem kleinen Zimmer. Sie wohnen dort zur Untermiete in einem einstöckigen Haus. In der von Hochhäusern geprägten, pulsierenden Metropole fallen sie nicht auf. Thailands Hauptstadt hat mehr als 14 Millionen Einwohner, niemand fragt hier, woher sie kommen. Zur Mittagszeit brennt die Sonne auf die Stadt. Trotzdem müssen U Kyaw Thien und Alima in ihrem Zimmer das Neonlicht anschalten. Der Fensterspalt ist zu schmal, um genügend Licht hereinzulassen.</p>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien ist ein ruhiger Mann Anfang fünfzig mit sanfter Stimme. Einen Longy, den traditionellen burmesischen Rock, den auch Männer tragen, hat er um seine Hüfte gebunden. Alima sitzt nicht weit von ihm auf dem Teppich. Regungslos starrt sie auf einen Stapel Fotos. Auf den Bildern ist ihre Tochter zu sehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie haben Küchenutensilien und ein paar Hängeschränke in dem kleinen Zimmer arrangiert. Decke und Kissen, auf denen sie schlafen, werden tagsüber an die Seite gelegt, Hemden und Gebetsteppiche hängen an der Wand. Der Gaskocher steht vor der Tür. Im Hintergrund flimmert ein Fernseher ohne Ton. Koffer stapeln sich in einer Ecke. Es sieht so aus, als sei hier jemand gerade erst eingezogen. U Kyaw Thien wohnt aber schon seit 17 Jahren hier. Alima ist 2012 zu ihm gekommen. Aus ihrem Heimatland Myanmar mussten sie beide fliehen; ihre Tochter konnten sie nicht mitnehmen.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-rohingya-1" style="max-width:1200px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1200:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-rohingya-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-rohingya-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-rohingya-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="12000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_Thien-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">U Kyaw Thien floh in den 90er aus Myanmar nach Thailand. Im ehemaligen Burma hätten ihn die Sicherheitsbehörden sonst eingesperrt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_frau_thien-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Alima heiratete U Kyaw Thien Mitte der 90er. Wenige Jahre später musste ihr Mann aus dem Land fliehen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_frau_reis-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Gemeinsam kochen Alima und U Kyaw Thien Reis.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_frau_lachen-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In einem kleinen Zimmer in Bangkok leben Alima und U Kyaw Thien.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_ausweis-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ausweise und die 'Weiße Karte' von U Kyaw Thien.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_stand-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Abends verkauft UKyaw Thien am Straßenrand Roti-Brot.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_stand_kunde-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Mit dem Verkauf von Roti-Brot an Thailänder kann sich das Paar ein bescheidenes Leben finanzieren.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_zaun-1200x647.jpg" alt="" title="" /> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-rohingya-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1200px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_Thien-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_frau_thien-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_frau_reis-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_frau_lachen-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_ausweis-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_stand-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_stand_kunde-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/05/rohingya_weller_thien_zaun-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: justify;">Illegale Einwanderer aus Bangladesch</h2>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien und Alima wurden in einem kleinen Dorf in einer westlichen Provinz geboren, die zu dieser Zeit noch Arakan hieß. Ihre Eltern gehörten einer muslimischen Volksgruppe an, die eine eigene Sprache und Kultur pflegen – den Rohingya.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Herkunft der Rohingya ist stark umstritten. Während sie sich selbst als ursprüngliche Bewohner dieser Region betrachten, sehen viele Burmesen in ihnen illegale Einwanderer aus Bangladesch. Von ihnen werden sie nicht als Rohingya, sondern als „Bengalen“ bezeichnet.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Länder im Osten des Golfs von Bengalen wurde schon seit der Antike von arabischen Händlern besucht. Es gibt Hinweise, dass sich Rohingya bereits im 8. und 9. Jahrhundert in der buddhistisch geprägten Region niedergelassen haben könnten. Während der britischen Kolonialzeit (1823 bis 1948) wurde die Besiedlung durch Arbeiter aus dem heutigen Indien und Bangladesch intensiviert.</p>
<p style="text-align: justify;">Als Birma sich 1948 die Unabhängigkeit von den Briten erkämpfte, wurden mehr als 130 ethnische Volksgruppen Teil des Unionsstaates Birma. Die Rohingya wurden dabei nicht als eine der offiziellen Volksgruppen des Landes anerkannt- sie sollten nicht zu dem neuen Staat gehören. Nach wenigen Jahren übernahm das Militär die Macht.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Mit der Unabhängigkeit kamen die Repressionen</h2>
<p style="text-align: justify;">Schon seit 1948 litten die Rohingya unter vielfältigen und grausamen Repressionen. Heiligtümer, Infrastruktur und Siedlungsgebiete wurden zerstört, privater Boden konfisziert. Durch auferlegte Reisebeschränkungen und Sprachbarrieren wurde der muslimischen Volksgruppe der Zugang zu Schulen und Krankenhäusern erschwert. Nicht ungewöhnlich waren illegale Inhaftierungen, illegale Besteuerung, Zwangsarbeit; viele wurden gefoltert, manche getötet. Zum ersten großen Exodus kam es während einer brutalen Militäroperation im Jahr 1978, rund 200.000 Rohingya flohen damals in das benachbarte Bangladesch.</p>
<p style="text-align: justify;">Solange U Kyaw Thien denken kann, gab es die Diktatur. Er war drei Jahre alt, als sich das Militär 1962 an die Macht putschte, Diskriminierungen gehörten zu seinem Alltag. 1979 – ein Jahr nach der großen Militäroperation, bei der er Freunde verloren hatte – verließ U Kyaw Thien sein Dorf in Arakan. Er war begeistert, als er in die damalige Hauptstadt Rangun kam. &#8222;Ich war noch sehr jung und fühlte mich zum ersten Mal frei&#8220;, erinnert er sich. Das Militär rekrutierte gerade, auch Rohingya. &#8222;Ich habe mich sofort beworben. Lieber wollte ich mich mit dem Feind verbündete, als gegen ihn zu kämpfen.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Damals war U Kyaw Thien 20 Jahre alt. Die folgenden 13 Jahre kämpfte er auf der Seite des brutalen Regimes. In einem Gefecht gegen die Kachin, eine andere ethnische Volksgruppe, wurde er angeschossen. Mit 33 Jahren und dem Status als Kriegsveteran kehrte er zurück in sein Dorf. Arakan hieß mittlerweile Rakhaing, Rangun hieß Yangon und Birma hieß Myanmar. Das Militär hatte dem Land, den Provinzen und den Städten neue Namen verliehen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die &#8218;Weiße Karte&#8216;</h2>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien knetet die Masse in der blauen Schüssel zu einem Teig. Bis zum Abend soll der Teig fertig werden. Er wird dann an der Straße stehen und Roti-Brot an Thailänder verkaufen. Mit dem Geld kann er sich und Alima ein bescheidenes Leben finanzieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Teig muss noch etwas stehen. Er wäscht sich die Hände. Dann kramt er Dokumente aus einem der Hängeschränke hervor. Er zieht einen weißen, laminierten Ausweis heraus. Ein junger Mann schaut ernst von dem Foto des Dokuments.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Das ist meine `Weiße Karte`&#8220;, erklärt er, mit den Finger auf die Karte deutend. Auf der &#8222;National Temporary Registration Card&#8220;, der so genannten Weißen Karte /White Card, ist vermerkt: &#8222;Der Inhaber ist kein Staatsbürger von Myanmar.&#8220; Ein Geburtsort ist nicht angegeben.</p>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien greift eine andere Weiße Kart heraus, auf der eine junge Frau abgebildet ist. &#8222;Das ist Alima&#8220;, erklärt er und beginnt zu erzählen: &#8222;Ich habe Alima zum ersten Mal gesehen, nachdem ich 1992 in mein Dorf zurück gekehrt war. Ich half im Laden meines Vaters aus. Sie arbeitete gegenüber in dem Geschäft ihrer Eltern.&#8220; Bald verliebten sie sich. Alima war erst 17 Jahre alt. Deshalb mussten sie noch ein Jahr warten, bis sie heiraten konnten. &#8222;Es war eine glückliche Zeit&#8220;, schwärmt er. Alima lächelt verlegen. Er besaß noch eine Kriegsveteranenkarte aus seiner Zeit beim Militär, mit der er einen besonderen Status genoss.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach drei Jahren änderte sich die Lage. Auf Drängen der Vereinten Nationen hin sollten auch für Rohingya Ausweise vergeben werden. Ohne Dokumente besaßen sie keine Rechte und keinen Anspruch auf Schutzmaßnahmen. Durch die vielen Rohingya-Flüchtlinge, die mangels Pässen oft keinen Immigrantenstatus erhielten, weitete sich das Problem auch auf die umliegenden Länder aus.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Flucht ins Ausland</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Militärregime entwarf für Rohingya die `Weiße Karte`. Diese Karten erhielten freilich nur wenige: Das Ganze war eine Alibi-Handlung, um dem internationalen Druck nachzugeben; um Bereitschaft vorzutäuschen, die Rohingya endlich zu »legalisieren«. Manche mussten dazu gezwungen werden, diese Papiere anzunehmen. Sie wollten das Dokument nicht, das sie zwar ausweist, zugleich aber deutlich macht, dass sie keine Staatsbürger von Myanmar sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Rahmen dieser Erneuerungen verlor U Kyaw Thien 1996 seinen Kriegsveteranenstatus. Sein Dokument wurde durch eine Weiße Karte ersetzt. &#8222;Sie nahmen mir alle meine Rechte&#8220;, erinnert er sich. Verzweifelt fuhr er nach Yangon, in die Stadt, in der er sich einst so frei gefühlt hat. Ohne sich an die nun auch für ihn gültigen Vorschriften zu halten. Denn Rohingya, die sich von einen Ort in einen anderen Ort bewegen wollen, müssen zuvor eine kostenpflichtige Genehmigung beantragen. Erst dann dürfen sie ihren Aufenthaltsort verlassen.</p>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien hatte keine Genehmigung beantragt. In Yangon erreichte ihn eine erschreckende Nachricht: Er stand auf der schwarzen Liste. Grund war das fehlende Reisedokument. Besitzen Rohingya diese Genehmigung nicht oder überschreiten sie die darin ausgewiesene Route, dürfen sie nicht mehr zurückkehren. Sie sind dann verpflichtet, Myanmar zu verlassen; ansonsten werden sie inhaftiert.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit Hilfe eines Schleppers versteckte sich U Kyaw Thien in einem Lastwagen und floh 1996 über die Landgrenze nach Mae Sot in Thailand. Alima, die im Dorf geblieben war, machte sich große Sorgen. Das Letzte, was sie von ihrem Mann gehört hatte, war, dass das Militär nach ihm suchte. Mit finanzieller Unterstützung durch andere geflohene Rohingya gelangte U Kyaw Thien bis nach Bangkok. Dort angekommen, hatte er zum ersten Mal seit seiner Flucht die Möglichkeit, seine Frau zu kontaktieren. Und erfuhr: Alima ist schwanger.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kontakt halten, war nicht einfach</h2>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien greift nach einen Stapel Fotos, der vor Alima liegt. &#8222;Das ist Suemaya, unsere Tochter&#8220;, erklärt er und betrachtet versonnen die Bilder. Auf einem der Fotos sieht man ein kleines Mädchen von drei Jahren. Auf einem anderen trägt das Mädchen eine Schuluniform. Eine weitere Aufnahme zeigt sie neben ihrer Mutter. &#8222;Gesehen habe ich sie nie&#8220;, sagt U Kyaw Thien ganz leise. Auf einem Bild sieht man U Kyaw Thien, Alima und Suemaya dennoch zusammen. &#8222;Da wurde ich mit dem Computer eingesetzt&#8220;, lacht er etwas verlegen und fährt etwas ernster fort: &#8222;Das ist das einzige Familienfoto, das es von uns gibt.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Den Kontakt zu halten, war nicht einfach. &#8222;Wir haben uns Briefe geschrieben und Fotos geschickt&#8220;, erinnert sich Alima. &#8222;Telefonieren war schwierig. Ich musste zwei Stunden von meinem Dorf in die nächste Stadt laufen, wenn ich mit U Kyaw Thien telefonieren wollte.&#8220; Aufgrund der Reisebeschränkungen musste auch Alima jedes Mal eine Reisegenehmigungen beantragen. &#8222;Manchmal hatte ich nicht genug Geld, aber manchmal konnte ich auch Suemaya mit zum Telefonieren in die Stadt nehmen&#8220;, sagt sie, während sie die Bilder betrachtet. &#8222;Das waren schöne Momente, wenn ich meine Tochter mit ihrem Vater sprechen hörte.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Später, im Rahmen der ersten Reformen, wurde die Kommunikation etwas einfacher. Eine der Reformen erlaubte zum Beispiel Mobiltelefone.</p>
<p style="text-align: justify;">Myanmar erlebte Anfang des Jahrtausends unruhige Zeiten. Die so genannte Safran-Revolution, die 2007 von Mönchen angeführt wurde, richtete sich zunächst gegen den 500-prozentigen Anstieg der Preise von Benzin und Gas und weitete sich dann zu Protesten gegen das Regime insgesamt aus. Die Demonstrationen, an denen sich mehr als 100.000 Menschen beteiligten, wurden blutig niedergeschlagen; inoffizielle Beobachter sprechen von über 200 Toten. Im Gegensatz zu der großen Revolution von 1988 in Myanmar, die ebenfalls blutig niedergeschlagen wurde, blieben die Ereignisse dieses Mal nicht unbeobachtet. Obwohl die Junta die Internetverbindung unterbrach, gelangten Bilder und Videos in die internationalen Medien.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Internationale Sanktionen beenden Militärdiktatur</h2>
<p style="text-align: justify;">Der internationale Druck wuchs. Die Junta wusste, sie würde den internationalen Sanktionen nicht länger standhalten können. 2010 fanden dann die ersten Wahlen seit 40 Jahren in Myanmar statt. Die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wurde aus dem Hausarrest entlassen. Für Rohingya wurden als Zeichen des guten Willens weitere Weiße Karten verteilt. An den Wahlen teilnehmen durften sie aber nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Die weder frei noch fair gehaltenen Wahlen wurden schon kurze Zeit später für ungültig erklärt und 2012 wiederholt. Seitdem wurden schrittweise Reformen eingeleitet, und Aung San Suu Kyis Partei, die »Nationale Liga für Demokratie« (NLD), erhielt erstmals, als einzige Oppositionspartei, Sitze im Parlament.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Rohingya hofften, dass nun auch für sie positive Änderungen stattfinden. Für sie ist Aung San Suu Kyi, ebenso wie für die Burmesen, ein Symbol für Menschenrechte und demokratische Freiheit. Doch für Rohingya veränderte sich nichts zum Besseren, ganz im Gegenteil.</p>
<p style="text-align: justify;">Im April 2012 wurde im Rakhaing-Staat – dem ehemaligen Arakan – ein buddhistisches Mädchen tot aufgefunden. Drei muslimische Männer wurden angeklagt. Ein Rachefeldzug begann, der den Anfang einer Reihe von blutigen Zusammenstößen zwischen Muslimen und Buddhisten in der Provinz markierte. Über 200 Menschen starben auf beiden Seiten, Häuser wurden niedergebrannt und heilige Stätten zerstört. Von den 800.000 in Myanmar lebenden Rohingya wurden rund 110.000 innerhalb des Landes vertrieben. Andere flohen in die umliegenden Länder. In vielen Städten leben sie in Ghetto-ähnlichen Bezirken, ohne Zugriff auf Lebensmittel. Die Vorschriften gegen sie wurden stark verschärft.</p>
<h2 style="text-align: justify;">»Bewegung 969«</h2>
<p style="text-align: justify;">Seit dem Vorfall verzeichnen nationalistische Gruppen großen Zulauf, insbesondere die »Bewegung 969«. Der Name der Gruppe ist eine Art buddhistischer Variante einer Verschwörungstheorie: In einem Land, in dem der Glaube an die Macht der Zahlen stark verankert ist, soll die Zahl 969 den kosmologischen Gegensatz zu der -spirituell aufgeladenen Zahl – 786 aus dem Koran bilden. 969 bezieht sich auf die neun Attribute des Buddhas, die sechs Attribute seiner Lehren und die neun Attribute des Sangha, der Mönchsregeln. Dementsprechend sieht die „Bewegung 969“ sich verantwortlich für den Erhalt des buddhistischen Myanmar. Ihr Kopf ist Wirathu, ein buddhistischer Mönch.</p>
<p style="text-align: justify;">Im April 2013 wurde in einem Kloster im Süden des Landes ein 969-Logo entworfen und überall verteilt. Die Bewegung ergriff das ganze Land und richtete sich nun gegen alle Muslime. 969-Aufkleber schmückten Geschäfte, Taxis, sogar die Polizeiwagen. Sie markieren die buddhistische Zugehörigkeit und besagen, dass Muslime hier unerwünscht sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Viele Burmesen sagen, dass sie Angst haben, ihre buddhistische Identität zu verlieren. Bestärkt durch lokale Medien, glauben sie, dass täglich Rohingya über die Grenze aus dem benachbarten Bangladesch ins Land kommen würden. Vorurteile besagen, dass muslimische Männer viele Frauen haben, die viele Kinder bekommen – zu viele.</p>
<p style="text-align: justify;">Über Generationen weitergegebene Vorurteile lassen sich nicht so einfach beseitigen. Eine Strategie der Militärjunta war es, Unruhe zu stiften, um dann wieder Ordnung zu schaffen. Eine inszenierter Beweis, dass das Militär notwendig ist. Es gibt Vermutungen, dass auch die jetzigen Unruhen strategisch-politisch motiviert sind. Die nächsten Wahlen stehen 2015 an.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Zwei-Kind-Politik für Rohingya</h2>
<p style="text-align: justify;">Auch Aung San Suu Kyi hatte zunächst keine Stellung bezogen zu den Vorwürfen, dass Menschrechtsverletzungen an den Rohingya begangen würden. Für sie ist der Konflikt ein großes Dilemma: Ergreift sie Partei für die Rohingya, verprellt sie ihre burmesischen Anhänger. Schweigt sie, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit als Menschenrechtlerin auf internationaler Ebene. Im Mai 2013 sprach die 68-Jährige sich erstmals gegen die angestrebte Regelung einer Zwei-Kind-Politik für Rohingya aus.</p>
<p style="text-align: justify;">In Yangon sieht man mittlerweile nicht mehr so viele 969-Aufkleber wie in anderen Städten; auch die Straßensperren, die manche muslimische Stadtviertel voneinander trennten, sind abgebaut. Für ausländische Investoren und Touristen wirft es kein gutes Licht auf Myanmar, wenn der Konflikt zu öffentlich, zu sichtbar ist. Eine von den vielen, bis vor kurzem, noch immer gesperrten Regionen Myanmars war der Rakhaing-Staat. Genehmigungen, um dorthin zu reisen, waren kaum zu bekommen: Internationale Berichterstatter wurden nicht gerne gesehen. &#8222;Wenn ein Rohingya mit einem Ausländer in Rakhaing redet, kann er ins Gefängnis kommen&#8220;, beschreibt Alima die Situation.</p>
<p style="text-align: justify;">Es war 2012, als Alima gerade bei Freunden in Yangon zu Besuch war. Ihre Tochter konnte sie nicht begleiten: Sie hatten nicht genug Geld für zwei Reisegenehmigungen. Außerdem musste Suemaya zur Schule gehen, sie blieb deshalb bei ihrer Großmutter.</p>
<p style="text-align: justify;">Alima wollte eigentlich nur kurz bleiben. Als im April die Unruhen ausbrachen, wurden sofort die Reisebeschränkungen verschärft. Rohingya mussten an dem Ort bleiben, an dem sie sich gerade befanden. Alima hörte von gezielten Übergriffen, auch in Yangon. Sie fühlte sich nicht mehr sicher. Zurückkehren in ihr Dorf konnte sie aber auch nicht. Aus Angst lieh sich Alima Geld für einen Schlepper und floh verzweifelt nach Thailand, zu ihrem Mann.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Illegal im Land</h2>
<p style="text-align: justify;">2012 sehen U Kyaw Thien und Alima sich zum ersten Mal seit 16 Jahren wieder. Die Freude ist jedoch getrübt; zu groß ist die Sorge um ihre Tochter, die Alima zurücklassen musste. &#8222;Wir leben mit Angst in unserem Herzen&#8220;, sagt U Kyaw Thien. Zurückkehren dürfen sie nicht. Ihre Tochter mit Hilfe von Schleppern zu sich zu holen, können sie sich nicht leisten. Außerdem ist eine Flucht gefährlich.</p>
<p style="text-align: justify;">Suemaya lebt nun bei ihrer Großmutter. &#8222;Sie muss jetzt ihren Schulabschluss machen, das ist das Wichtigste&#8220;, sagt Alima, wie um sich zu beruhigen. Manchmal hellt sich ihre Miene plötzlich auf. Wenn sie davon erzählt, dass ihre Tochter gerne in den Sportunterricht geht. Oder wie hübsch sie in einem Kleid aussieht. Aber schnell legt sich wieder eine Schwere über ihr Gesicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Alima brät vor der Tür noch schnell ein wenig Reis auf dem kleinen Gaskocher, für U Kyaw Thien. Langsam senkt sich die Sonne. Es wird Abend.</p>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien zieht den Longyi aus und streift sich eine Jeans und eine Schürze mit thailändischer Schrift über. Mit dem Longyi würde er zu sehr auffallen, zu anders aussehen, womöglich als Immigrant aus Myanmar erkannt werden. U Kyaw Thien und Alima sind illegal im Land.</p>
<p style="text-align: justify;">Wie viele Rohingya in Thailand leben, ist nur schwer zu ermitteln. 20.000 bis 30.000 zählt man in Aufnahmelagern. Diejenigen Rohingya, die wie U Kyaw Thien und Alima, die wie viele andere im Untergrund leben, sind nicht verzeichnet.</p>
<p style="text-align: justify;">U Kyaw Thien rollt seinen Wagen, mit dem er die Rotis verkaufen wird, auf die Straße. Schon bald kommen die ersten Kunden und bestellen Roti mit Banane und süßer Milch. Alima steht neben ihm und hilft, wo sie kann. In ihren Gedanken ist sie bei ihrer Tochter.</p>
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		<title>Heile Welt in Gefahr</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Apr 2015 05:42:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pakistan]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Norden Pakistans zwischen China und Afghanistan liegt die Region Gojal. Hier leben die Menschen gemeinschaftlich in Oasen voller Aprikosenbäume mit viel Respekt und Toleranz ihrem Nächsten gegenüber. Doch diese heile Welt steht vor großen Schwierigkeiten. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/heile-welt-in-gefahr/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong> Im Norden Pakistans zwischen China und Afghanistan liegt die Region Gojal. Hier leben die Menschen gemeinschaftlich in Oasen voller Aprikosenbäume mit viel Respekt und Toleranz ihrem Nächsten gegenüber. Doch diese heile Welt steht vor großen Schwierigkeiten.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Obwohl einige der Kleinstadt- und Dorfbewohner noch in Stein-Lehmhäusern leben, sieht man auf den Straßen in der Region Gojal im Norden Pakistans keine armen Menschen &#8211;  aber auch keine reichen. Wer hier Geld hat, zeigt es, in dem er einen hohen Betrag für die Gemeinschaft spendet. Die Analphabetenrate in der neuen Generation ist gleich Null, und schon die Kleinsten mit ihren Schnoddernasen wachsen zwei- bis dreisprachig auf. Trotzdem leben die Alten und die Jungen noch gemeinsam in einem Haus.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Frauen auf dem Basar in der Ortschaft Gulmit strahlen in ihren langen, hochgeschlossenen Kleidern eine würdige Eleganz und ihr Lächeln eine Natürlichkeit aus. Die Polizisten sitzen mangels Beschäftigung meistens in den Teeläden am Hafen, wo sie die 6.000 Meter hohen Passu Kathedralen bewundern. Wenn die Uniformierten die Langweile zu erdrücken scheint, geht es auch mal zum 2.600 Meter hoch gelegenen Borith-See, in dem sich der 7.388 Meter hohe Ultar spiegelt. Hier hat die 63-jährige Frohnatur Mr. Khan sein Hotel und bevor es für mich einen Tee gibt, schmeißt er sein altes Radio an. Es wird dann zu den Klängen traditioneller Wachi-Musik gemeinsam über die Terrasse gehopst.</p>
<p style="text-align: justify;">Was wie das Paradies auf Erden scheint, nennt sich Hunza-Gojal und ist Heimat der Ismailiten, eine islamische Glaubensgemeinschaft. Das 8.500 Quadratkilometer große Gebiet liegt im Karakorum-Gebirge in Nord Pakistan und grenzt an China und den Wakhan Korridor zu Afghanistan. Nur etwa 20.000 Menschen leben in diesem riesigen Canyon, der gespickt ist mit atemberaubenden Siebentausendern und gewaltigen Gletschern. Diese machen sich die Menschen zu nutzen, um mit Hilfe von Wasserkanälen Oasen voller Aprikosen, Apfel- und Kirschbäume zu schaffen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Räuber der Seidenstraße</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn einem die Gojalis, wie die Bewohner der Region genannt werden, mit ihrem gutmütigen Blicken und toleranten Wesen mal wieder zu heilig erscheinen und man sich selbst voller Sünden vorkommt, hilft nur eins: „Ach, du alter Räuber der Seidenstraße, nun lass mal gut sein.“ Dann sieht man ein gespielt beschämtes Lächeln über das gegerbte Gesicht eines älteren Herrn huschen, denn natürlich war man auch hier nicht immer so „perfekt“. Von Orten wie dem 700 Jahre alten Gulmit Fort überfielen die Vorfahren der Gojalis Handelskarawanen auf dem Weg zur Seidenstraße.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_karakorum_highway.jpg" data-caption="Auf dem Karakorum Highway geht  es in das Gojal-Tal -  oft auch zu Fuß" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_Passu-Gletscher.jpg" data-caption="Der Passu Gletscher" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_Kolonko_Borith-Lake.jpg" data-caption="Der Borith Lake in Gojal" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_Kolonko_Hafen_gulmit.jpg" data-caption="Der Hafen in Gulmin" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_Kolonko_bruecke.jpg" data-caption="Gojal ist nicht nur wegen seiner einmaligen Landschaft ein Vorbild" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_Mr-Khan-mit-Frau.jpg" data-caption="Mr. Kahn und seine Frau" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_2010_enstandenen-Atabadsee.jpg" data-caption="Die Region Gojal hat immer noch mit den Folgen des im Jahre 2010 enstandenen Atabadsee zu kampfen." alt=""></div></div></p>
<p style="text-align: justify;">Auch das Denken war früher nicht so fortschrittlich: „Als ich vor 40 Jahren Besuch von einem Verwandten bekam, nahm der mich beim Abschied zur Seite und fragte tadelnd, was ich denn für ein Mann sei, da ich so freundlich zu meiner Frau sei“, erzählt mir ein alter Bewohner Gulkins. Doch als gegen Ende der Siebzigerjahre der Karakorum-Highway vom südlich gelegenen Rawalpindi endlich Gojal erreichte und über den 4.700 Meter hohen Khunjerab Pass nach China führte, kamen auch die Entwicklungsprogramme und Schulen der Aga-Khan-Stiftung.</p>
<p style="text-align: justify;">Aga Khan ist das geistige Oberhaupt der Ismailiten. Jetzt, im Jahr 2014, sind es Männer aus Dörfern wie Passu, die in den Süden Pakistans reisen und mit Hilfe von NGOs Entwicklungsarbeit leisten. „Geduld, man hatte sehr viel Geduld mit uns“, sagt mir ein älterer Herr aus Shishkot und fügt trocken hinzu: „Normalerweise fehlt bei Entwicklungsprogrammen die Nachhaltigkeit. Ein paar Schulen, Geld und dann verziehen sich die NGOs zum nächsten Ort“.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Riss zwischen den Generationen</h2>
<p style="text-align: justify;">Am Nachmittag auf dem Polo-Platz in Gulmit sitze ich mit einer angesehenen Persönlichkeit der hiesigen Gemeinschaft zusammen. Vor uns spielen die Jungen Fußball, während die Mädchen im Gemeinschaftshaus ein Seminar abhalten. Thema: Wie sehe ich Gojal in zehn Jahren. „Auch wir merken hier langsam die Kehrseiten des Fortschritts. Gerade die jungen Männer und Frauen, die aus dem Süden Pakistans zurückkommen, leben in einer Computer und Fernseh-Welt. Ihre Wünsche sind unrealistische Träume und sie haben die Fähigkeit verloren, unserer Gemeinschaft mit nützlichen Ideen weiter zu helfen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Während unserer Unterhaltung kommen Kinder und Jugendliche und grüßen meinen Gesprächspartner ehrerbietig und so sage ich kopfschüttelnd: „Und trotzdem lebt ihr in einer Gemeinschaft, die in der westlichen Welt ausgestorben zu sein scheint. Wie macht ihr das?“ Bescheiden lächelnd antwortet er: „Unser geistiges Oberhaupt Aga Khan gibt uns Ratschläge. Er sagt zum Beispiel, dass Rauchen oder das Trinken von Alkohol nicht gut für die Gesundheit sei. Doch wie man die Ratschläge umsetzt, bleibt jedem selbst überlassen. Toleranz. Toleranz ist das Fundament unserer Gemeinschaft, denn jeder Mensch hat sein eigenes Tempo.“</p>
<p style="text-align: justify;">Dieser Mikrokosmos ist umso bemerkenswerter, da das Schicksal die Menschen Gojals in den letzten Jahren hart getroffen hat. Der größte Schlag wurde schon im Jahr 2002 von einem tadschikischen Ingenieur vorausgesagt. Er machte die Gojalis darauf aufmerksam, dass sich 13 Kilometer vor Gulmit, an einer besonders engen Stelle des Canyons, ein großer Erdrutsch anbahnt. Trotzdem bauten die Menschen Gulmits weiter Häuser und Hotels an das Ufer des Hunza Flusses.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Handel und Tourismus versiegt</h2>
<p style="text-align: justify;">„Hätten wir die Menschen zwingen sollen?“, antwortete einer der damaligen lokalen Verantwortlichen auf meine Frage, warum die Menschen nach der Warnung nicht umgesiedelt worden sind. Im Januar 2010 passierte es dann. An exakt der vorausgesagten Stelle kam es zu einem riesigen Erdrutsch, der dem Hunza Fluss den Weg versperrte. Sieben Monate später hatte sich ein 23 Kilometer langer und 100 Meter tiefer See gebildet, der große Teile Gulmits überflutete und die Ortschaft Shishkot zu einer Insel machte.</p>
<p style="text-align: justify;">Heute ist der See immer noch 13 Kilometer lang und Gojal vom Rest Pakistans abgeschnitten und nur per Boot erreichbar, was den Verkauf der landwirtschaftlichen Produkte der Region unrentabel macht. Auch die andere Einnahmequelle der Gojalis, der Tourismus, ist völlig versiegt. Dafür ist nur teilweise der schlechte Ruf Pakistans verantwortlich. Noch bis vor ein paar Jahren gab es ein Visa on arrival am nördlichsten Grenzübergang Pakistans, in Sust, für ausländische Gäste, die aus China einreisten.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch nicht nur das wurde eingestellt: Auch in touristischen Hochburgen wie Nepal, Indien oder Thailand stellen die pakistanischen Konsulate keine Visa mehr aus. So verwundert es nicht, dass die Menschen im Norden Pakistans nicht vom „war against terrorism“ sprechen, sondern vom „war against tourism“. Zudem überschwemmt das Schmelzwasser des Gulkin-Gletscher in den letzten Sommern regelmäßig den Karakorum Highway Besonders für die Alten und Kranken ist der Fußmarsch durch das eiskalte Wasser eine Tortur. An manchen Tagen ist selbst das Durchwaten unmöglich und dann muss jeder zu Fuß über den Gletscher &#8211; mit Koffern, Kleinkindern oder der Ziege.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Warum sollen wir Indien hassen?&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich treffe die Kricket Mannschaft von Gulmit, die auf ihrem Rückweg von einer Niederlage im Charpursan Tal unterwegs ist. Einer von ihnen trägt ein Indien-Trikot und fünf andere Mützen mit der indischen Flagge. Als sie meinen verdutzten Gesichtsausdruck sehen, antwortet einer von ihnen lachend: „Warum sollen wir Indien hassen? Selbst unsere Polizisten hören indische Bollywood-Musik.“</p>
<p style="text-align: justify;">Am Borith-See hat Mr. Khan neben den ausbleibenden Gästen noch andere Probleme. Gemeinsam geht es auf den benachbarten schwarzen Gulkin-Gletscher. In der Mitte treffen wir auf ein großes Wasserloch, von dem Plastikrohre das Wasser hinunter ins Dorf transportieren: „Die Gletscher gehen zurück und beinahe jedes Jahr müssen wir neue Kanäle anlegen. Doch die Jungen ziehen der Arbeit wegen in die großen Städte nach Süd-Pakistan“, sagt Mr. Khan. Dann lacht er plötzlich, zeigt auf seinen angespannten Oberarm und fügt hinzu: „Aber wir Alten sind stark und wir werden kämpfen bis die Jungen wieder zurückkommen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Vom Borith-See geht es eine Stunde Richtung Osten bis zum weißen Passu-Gletscher. In einem schmalen Streifen zwischen der Gletscher-Moräne und den schroffen Steinwänden des Borith Sar sind kleine Alpen. Von dort geht es auf den Gletscher, der um diese Jahreszeit wirkt wie eine riesige weiße Boa in unruhigem Schlaf. Überall kracht es, es öffnen sich Spalten und Flüsse fließen aus Eiswasser. Doch bevor ich mir einbilden kann, Reinhold Messner zu sein, kommt mir im Eislabyrinth ein Alter in abgelatschten Turnschuhen entgegen. Als ich ihm meine Bewunderung ausspreche, winkt er nur müde ab und sagt: „Im Frühling und Herbst laufen hier selbst unsere Kühe rüber.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Das Paradis wird weiter leben&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Zurück am Borith-See stehe ich mit dem Sohn von Mr. Khan auf der Hotel Terrasse. Die letzten Jahre studierte er in Peschawar und konnte seinem Vater nur in den Sommermonaten helfen. Ich sage ihm, dass ich das Paradies in Gojal langsam dahin schwinden sehe und nenne ihm einige Beispiele &#8211; unter anderem, dass die Jugend abwandert oder die Chinesen, die zurzeit den Karakorum Highway ausbessern und einen Tunnel oberhalb des Atabad Sees bauen.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie überschwemmen die Gegend mit billigem Alkohol und ihr eher geschäftsorientiertes Verhalten scheint schon auf die Gojalis abzufärben, wie man an der Taxi Mafia am Hafen in Gulmit sieht: Mangels eines funktionierenden staatlichen Transportsystems saugen Einheimische Einheimische aus. „Nein, es sind nur ein paar wenige und auch sie muss man verstehen. Wir haben hier jede Möglichkeit, Geld zu verdienen, verloren. Doch auch die paar Menschen werden wieder zur Besinnung kommen. Unser Paradies mag zurzeit in Schwierigkeiten sein, aber schließlich sind es die Menschen, die es ausmachen. Ich werde auf jeden Fall zurückkommen und versuchen, unsere Traditionen mit dem zu ergänzen, was ich an der Universität lerne.“ Dann lacht er plötzlich wie sein Vater und fügt trotzig hinzu: „Das Paradies wird weiter leben.“</p>
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