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	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Tue, 31 Mar 2020 12:50:06 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Europa &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Ranch der Leidenschaften</title>
		<link>https://www.weltseher.de/ranch-der-leidenschaften/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Mar 2020 12:47:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bulgarien]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<category><![CDATA[Pferde]]></category>
		<category><![CDATA[Pferderanch]]></category>
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					<description><![CDATA[Unser Autor Markus Huth wollte auf einer Pferderanch in Bulgarien aushelfen und das Cowboy-Handwerk lernen. Am Ende war er froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ranch-der-leidenschaften/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Unser Autor Markus Huth wollte auf einer Pferderanch in Bulgarien aushelfen und das Cowboy-Handwerk lernen. Am Ende war er froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.</strong></p>



<p>Hallo« zum Beispiel.<br>Oder: »Hey, ich bin&nbsp;…«<br>Was halt so gesagt wird, wenn man jemanden zum ersten Mal trifft. Ich war eben auf einer Pferderanch in Bulgarien angekommen, wo ich nur diesen dürren, bleichen Mann angetroffen hatte, der auf einer rostigen Blechtonne seine Suppe schlürfte. Er sah aus wie ein Junkie, der seine zerlöcherte Kleidung in jener Tonne gefunden hatte.»Ich Pferd nicht gestohlen«, begrüßte mich der Unbekannte.<br>Das Englisch brüchig, der Akzent osteuropäisch: »Karol mir Pferd schon geschenkt. Warum ich stehlen eigenes Pferd? Wo ist Sinn?«<br>Neben ihm lag ein Gewehr.<br>Mit glasigen blauen Augen sah er mich an.<br>Sprach er mit mir?<br>»Äh&nbsp;… okay. Und wer bist du?«, fragte ich.<br>Erst jetzt stellte sich der kränkliche Dürre vor.<br>»Lika.«<br>Was für ein seltsamer Ort.</p>



<p>Ich war gekommen, um das Reiten und den Umgang mit Pferden zu lernen. Ein Kindheitstraum, seit ich Winnetou und Old Shatterhand durch die TV-Prärie galoppieren sah. Und günstiger als auf dieser Wild-West-Ranch in Bulgarien ging das kaum. Gefunden hatte ich das Angebot im Internet, auf der Volunteer-Webseite workaway.info: Im Tausch gegen Kost, Logis und Pferdewissen wollte ich einen Monat lang aushelfen.<br>Quasi als Cowboy in Ausbildung.</p>



<p>Doch jetzt saß ich hier neben dem Tonnen-Junkie verloren neben meinem Rucksack. Die Szenerie hatte was von Postapokalypse.<br>Weit und breit keine Zivilisation. Nur rundliche Berge, Gras, Matsch, Felder und Wälder, über allem der blaue Himmel.<br>Eigentlich auch ganz idyllisch, beruhigte ich mich innerlich.</p>



<h2>Hexenhaus und Nomaden-Lager</h2>



<p>Hinter uns stand ein Haus wie das der Märchenhexe Baba Jaga.<br>Ein aus Holzlatten gebauter Kasten, das Dach wie ein Pilz geformt mit einer weißen Plastikplane darüber. Es hätte mich nicht überrascht, wenn das Haus gleich auf langen Hühner-Beinen aufstehen und den Rest dieser Ranch mitnehmen würde.</p>


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                                Die Ranch samt Hexenhaus. Foto: Markus Huth
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<p>Denn auf dem fußballfeldgroßen Gelände war alles mobil.<br>Alte Campingwagen gilbten vor sich hin, dazwischen spinatgrüne Armeeanhänger und Pferdetransporter, Zelte, ein Mähdrescher, ein Traktor sowie allerhand Blechtonnen, Plastikplanen und Schrott.<br>Äxte steckten auf einem Baumstumpf.<br>Solarmodule auf Europaletten knirschten »Off-Grid« statt »Hightech«, und dicke schwarze Stromkabel hangelten sich von Anhänger zu Anhänger.<br>Kurzum: Hier sah es mehr nach fahrendem Volk als Pferderanch aus. Allein ein großer umzäunter Kreis in der Mitte von allem ließ erahnen, dass hier auch geritten wurde.</p>



<p>»Ist das dein Gewehr da?«, fragte ich den Nicht-Pferdedieb.<br>Verwirrt schaute er von seiner Suppe auf.<br>»Das? Nein, ist Karol. Er schießen auf Hühner.«<br>Aha.<br>Ich wusste nicht, ob mich diese Antwort beruhigte.<br>Und wer war überhaupt dieser Karol?<br>In diesem Moment öffnete sich die Tür im Hexenhaus.<br>Ins Freie trat eine junge Frau. Anfang dreißig, hochgewachsen, athletisch, die brünetten Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Mit ihren blauen Jeans, rot-weiß kariertem Hemd und braunen Lederstiefeln sah sie aus wie ein Cowgirl aus der Werbung.</p>



<p>»Wir hatten geschrieben. Ich bin Amelia. Hier, iss erst mal was«, sagte sie in gutem Englisch, der osteuropäische Akzent sehr weich.<br>Sie stellte mir eine Schale Kartoffelsuppe auf den Tisch und verschwand wieder im Hexenhaus. Während ich auslöffelte, erzählte mir Lika ungefragt von seinen schönsten Drogenerfahrungen (Ayahuasca-Sud bei einem Schamanen) und in welchen Ländern man am besten schwarz mit dem Zug fahren könne (Italien).<br>Irgendwann kam Amelia wieder raus.<br>»Komm mit, ich zeig dir dein Bett.«</p>



<p>Nach einem kurzen Spaziergang durch das Nomaden-Lager stoppten wir vor dem etwa zehn Meter langen, grünen Anhänger, der noch die kyrillische Beschriftung der bulgarischen Armee trug. Drinnen war es eng und finster. Sechs Pritschen lagen übereinander, darauf allerlei Krams. Messer, Sättel, Wolldecken, Kissen.<br>Ich zwängte mich hinter Amelia durch den engen Gang.<br>»Du kannst hier schlafen«, sagte sie schließlich.<br>Wir standen in einer kleinen Hinterkammer im Anhänger, mit nichts drin außer einer Matratze auf dem Boden.<br>»Du hast Glück«, fand das Cowgirl.<br>Denn ich könne meine Zelle durch eine Schiebetür schließen und hätte damit Privatsphäre. Und dank eines von der Decke baumelnden Kabels sogar Strom. Während ich auf dem Boden nach einer freien Ecke für den Rucksack suchte, hörte ich sie noch rufen: »Ruh dich aus, dann komm zum Haus.«<br>Erschöpft fiel ich auf die Matratze und zweifelte daran, dass das hier alles eine gute Idee war.</p>



<div class="wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile mit80viechern"><figure class="wp-block-media-text__media"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1.jpg" alt="" class="wp-image-7270" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1.jpg 350w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1-95x150.jpg 95w" sizes="(max-width: 350px) 100vw, 350px" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<h4 class="has-text-align-center">Diese Reportage stammt aus Markus&#8216; Buch <br><strong>&#8222;Mit 80 Viechern um die Welt&#8220;</strong></h4>



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<h2>Meet the Gang</h2>



<p>Als ich wieder aus meiner Zelle kroch, rollte bereits die Abenddämmerung über die bulgarischen Berge. Pferde und Kühe grasten auf weiten Koppeln.<br>Vor dem Hexenhaus, das nur die Ranchküche beherbergte, saßen vier Gestalten um einen Holztisch herum. Nur eine davon war weiblich.<br>»Das ist unser neuer Azubi-Cowboy«, verkündete Amelia in die Männerrunde.<br>Die Atmosphäre war seltsam angespannt.<br>Ein Typ in gefleckter Militärjacke grinste mehrdeutig und schwieg, den schwarzen Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen. Ich verbuchte seine Erscheinung unter »schweigsamer Soldaten-Cowboy«.<br>Dann knurrte jemand ein »Willkommen«, das eher nach »Verpiss dich« klang.</p>



<p>Es kam von einem bulligen Typen, ebenfalls mit Cowboyhut auf dem Kopf. Das war Karol, dem das Gewehr gehörte und der anscheinend gerne auf Hühner schoss. Anders als der Soldatencowboy zog er den Westernstil mit Lederweste und Fransenhose komplett durch.<br>Nur einer schien hier Manieren zu haben.<br>»Hey, nett dich kennenzulernen, ich bin Tony«, sagte der schmucke Mann neben Amelia. Dem Akzent nach ein Italiener. Tony war der Einzige hier, der keinem Western entsprungen schien. Er präsentierte seine muskulösen Arme in einem ärmellosen Shirt, trug Shorts und eine weiße Baseballmütze.<br>Als ich mich nach Lika erkundigte, knurrte Karol nur abfällig. Der habe ein Pferd gestohlen, außerdem sei ein Skoda aus dem Nachbardorf verschwunden.<br>»Der dumme Junkie braucht wieder Drogen«, bellte er.<br>Jedenfalls sei Lika zu einem Schamanen im Wald gegangen und brauche sich hier nicht mehr blicken lassen.</p>



<p>Amelia wechselte das Thema und beantwortete meine neugierigen Fragen.<br>Die Wild West Ranch gehörte ihr und dem bulligen Karol, mit dem sie verheiratet war. Das Ehepaar besaß vierzig Pferde, vorwiegend von den Westernrassen »American Quarter Horse« und »Paint Horse«, ebenso viele Kühe, dreißig Schafe, zweiundzwanzig Enten, siebzehn Truthähne, fünfzehn Hühner, zehn Schweine, acht Kaninchen, einen Raben, eine Ziege und ein Maultier.<br>Dann gab es noch die Hunde.<br>Schon bei meiner Ankunft wäre ich beinahe über einen der plüschigen Welpen gestolpert. Sechs Stück von der Rasse Kaukasischer Schäferhund, dazu zwei ausgewachsene Exemplare, die an Bernhardiner erinnerten. Vervollständigt wurde das Rudel mit zwei hyperaktiven Jack-Russel-Terriern.</p>


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                                Überall tollen plüschige Hunde herum. Foto: Markus Huth
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<p>»Und jetzt trink«, sagte Karol und schob mir ein gefülltes Glas Wodka über den Tisch.<br>Und noch eins. Und noch eins.<br>Als es bereits stockduster war, sagte Amelia: »Wir treffen uns morgen früh um sechs vor deinem Anhänger.«<br>Dann gab sie mir noch ein Buch über Pferdedressur in die Hand und schickte mich unter dem funkelnden Sternenhimmel in den Armeeanhänger.<br>»Gute Nacht.«</p>



<h2>»Der Platz zwischen den Ohren eines Pferdes ist begrenzt.«</h2>



<p>Doch an Schlaf war nicht zu denken, mir schwirrte der Kopf vom Wodka. Also nahm ich in meiner Zelle Taschenlampe und Pferdebuch in die Hand.<br>»Respekt und Kontrolle bei Westernpferden erreichen« stand auf dem Titel. Geschrieben vom australischen Modellcowboy Clinton Anderson, dessen perfekt rasiertes Gesicht mich von unzähligen Fotos angrinste.<br>Ich las: »Der Platz zwischen den Ohren eines Pferdes ist begrenzt.«<br>Was zur Hölle war das denn?<br>Hör mal zu, Clinton Anderson, tobte ich im Wodkarausch, der Platz zwischen DEINEN Ohren ist wohl begrenzt!<br>Wie konnte er es wagen! Schließlich wäre die Menschheit ohne Pferde heute nicht da, wo sie ist.<br>Das nur einmeterzwanzig hohe Urpferd war vor etwa zwölftausend Jahren in Zentralasien von Menschen gezähmt worden. Ohne Pferde hätte der Mensch die Welt nicht erobert.</p>



<p>Schließlich beruhigte ich mich wieder.<br>Genau genommen hatte Mustercowboy Anderson ja auch recht: Schließlich ist der Platz zwischen allen Ohren naturgemäß begrenzt, unabhängig vom Lebewesen. Er wollte auch einfach nur sagen, dass Pferde Beutetiere sind und instinktiv vor so ziemlich allem Angst haben. Es tat vor allem zwei Dinge: wegrennen oder fressen.<br>Der Mensch müsse dem Pferd das Denken beibringen. Es an unbekannte Situationen gewöhnen. Ihm die Angst nehmen. Ein typischer Fehler sei es, meinte das Buch, Pferde allein mit Belohnungen gefügig machen zu wollen. Etwa einer Karotte. Genauso falsch sei es aber, das Tier so hart zu bestrafen, dass es Angst vor einem hat.<br>Der richtige Weg liege in der Mitte. Quasi die Zuckerpeitsche.<br>So etwas Ähnliches steht wahrscheinlich in jedem Handbuch für menschliche Führungskräfte.</p>



<p>Ich erwachte vom Hämmern an meine Hängertür.<br>Mist, verschlafen, es war bereits nach sechs. Müde kletterte ich die Metallstufen hinunter ins kalte Freie. Farblose Berge blockierten die Dämmerung und hielten die Sonne auf Abstand. Vom Gras tropfte Tau und machte den Boden matschig.<br>»Zieh die an«, sagte Amelia und warf mir Gummistiefel vor die Füße.<br>Ffffft, Ffffft, Ffffft folgte ich ihr durch den braunen Matsch.<br>Einige Meter hinter meinem Anhänger verrotteten Kästen aus Europaletten und Maschendrahtzaun im Gras. Das waren Gehege für die Tiere.<br>Meine neue Chefin wies mir die Kaninchen und Truthähne zu, deren Fütterung ab sofort meine Aufgabe war.<br>Immer noch müde trug ich einen Eimer Körner zu den schwarz-grauen Vögeln mit den pinken Hautlappen am Hals. Siebzehn fast ausgewachsene Tiere drängten sich auf vier Quadratmetern und gurrten gierig.<br>Für die Kaninchen drückte mir Amelia eine Sichel in die Hand. Damit streifte ich über die angrenzende Wiese, schnitt hohe Grasbüschel ab und legte sie den pelzigen Löfflern ins Gehege.</p>



<p>Als ich fertig war, führte mich Amelia einen Wiesenhang hinunter, über einen kleinen Bach, durch ein kleines Wäldchen, auf eine Weide. Dort grasten schwarze und braune Kühe.<br>»Muuuuhhhh«, rief das Cowgirl laut.<br>Eine bauchige braune Kuh antwortete: »Muuuuhhhh«, und kam gemütlich auf uns zugelaufen.<br>»Siehst du das Seil um ihren Hals? Nimm es.«<br>Anschließend führten wir die Kuh zurück auf die Ranch. Dort zog Amelia eine mobile Melkmaschine unter einer Plane hervor, stöpselte das Euter an einen Schlauch und drückte den Startknopf. Schubweise pumpte die Maschine weiße Milch in einen Eimer. Als er voll war, brachten wir die Kuh wieder den Hang hinunter und ließen ihre beiden Kälber aus einem Gehege, damit die auch noch etwas Milch nippeln konnten.<br>»Das machst du jeden Morgen«, befahl Amelia.<br>Und so begann mein Ranchalltag.</p>



<h2>Zuckerbrot und Peitsche</h2>



<p>Und was war mit Pferden?<br>Schließlich war ich nicht zum Melken hergekommen.<br>Doch auch nach drei Tagen hatte ich Pferde nur aus der Ferne gesehen.<br>Ich vermutete, dass ich zunächst die Theorie aus dem Buch zu pauken hatte. Zuckerbrot und Peitsche und so weiter.<br>Zumindest eines hatte ich schon gelernt: Hier auf der Ranch war Amelia das Zuckerbrot. Sie hatte immer ein paar Karotten in der Hand, wenn sie zu den Pferden ging. Außerdem bekochte sie uns »Volunteers« und hatte ab und zu sogar mal gute Laune.</p>



<p>Karol war hingegen die Peitsche.<br>Erst gestern hatte er eine braune Stute so an einen Baum gebunden, dass sie weder grasen noch liegen konnte. Als Strafe, weil sie gebockt hatte. Einen ganzen Tag musste das Tier so ausharren.<br>»Erziehung muss sein. Was weißt du schon von Pferden?«, hatte er nur gezischt, als ich vorsichtig Mitleid für das Tier geäußert hatte.<br>Ich kümmerte mich derweil weiter um Kaninchen, Truthähne und die Kuh. Eines Morgens beim Melken erzählte mir Amelia ihre und Karols außergewöhnliche Lebensgeschichte.</p>



<p>Die beiden stammten nicht aus Bulgarien, sondern aus Polen.<br>Dort hatten sie ein Leben geführt, dass sich von ihrem aktuellen krass unterschied. Die Frau, die mich morgens um sechs mit schlammigen Gummistiefeln aus dem Armeeanhänger klopfte, hatte in Warschau als Model gearbeitet und hochhackige Schuhe zu delikaten Kleidchen getragen.<br>Und Karols bulliger Körper war nicht in fransigen Cowboyoutfits herumgelaufen, sondern in maßgeschneiderten Anzügen. Er hatte als Broker an der Börse Millionen verdient. In Warschau hatte das Paar in einer luxuriösen Eigentumswohnung residiert, in schicken Restaurants gegessen und in elitären Nachtclubs gefeiert.</p>



<h2>Nie hätte ich geahnt, wie die Wahrheit aussehen würde</h2>



<p>Hier auf der Ranch hausten sie in einem hölzernen Westernwohnwagen mit Bullenschädel über der Tür.<br>»Warum lebt ihr jetzt hier?«, fragte ich Amelia.<br>»Wir wollten ein anderes Leben, raus aus der Stadt. Und wir beide lieben Pferde«, antwortete sie.<br>Vor sieben Jahren hätten sie in Polen alles verkauft und dafür in Bulgarien Land für die Ranch erworben, dazu Pferde sowie Land- und Baumaschinen, Anhänger und Wohnwagen. Auch wenn hier alles nach Zigeunerlager aussah, hatte alles einen Wert jenseits von einer Million Euro.</p>



<p>Vom urbanen Luxusleben in die Pampa?<br>Ich spürte, dass Amelia mir nicht alles erzählte.<br>Und warum ausgerechnet nach Bulgarien?<br>Nie hätte ich geahnt, wie die Wahrheit aussehen würde.</p>



<p>Doch zunächst Pferde. Endlich.<br>Eines Morgens nach dem Kuhmelken galoppierte Tony auf einer grauen Stute an mir vorbei. Lässig saß er ohne Sattel auf ihrem Rücken und trug nichts außer Shorts. Sein muskulöser Arm ließ eine Peitsche knallen und trieb damit die Kühe von einer abgegrasten Wiese auf eine neue.<br>Tony sah aus wie eine Wirklichkeit gewordene Sexfantasie aus einem Frauen- oder Schwulenmagazin.<br>Amelia lächelte ihm hinterher.</p>



<p>»Ich würde auch gerne reiten«, störte ich.<br>»Dann ist heute dein Tag«, lachte sie.<br>Es war Wochenende, und die Ranchkunden kamen aus der Stadt, um zu reiten und sich im Wohnwagen vom Großstadtleben zu erholen.<br>Das bedeutete, dass zehn Pferde von der Koppel geholt, gesäubert und gesattelt werden mussten.<br>Tony kümmerte sich schon um alles. Aber ich durfte mit ausreiten. Voller Vorfreude tanzte ich mit den hyperaktiven Jack Russell Terriern im Gras herum.</p>



<h2>Wo ist Wesna?</h2>



<p>»Geh und hol Wesna, die ist gutmütig und perfekt für Anfänger«, sagte Amelia.<br>Kurz darauf befand ich mich voller Vorfreude auf dem Weg zu meinem Pferd. In den Händen ein Seil und drei Möhren. Ich lief den grünen Hang hinunter, über den Bach, durchs Wäldchen, vorbei an den Kühen, auf die weite Koppel. Ein zwanzigminütiger Fußmarsch durch hohes Gras.<br>Dunkelbraun mit einem weißen Fleck auf der Stirn, so hatte Amelia meine Stute Wesna beschrieben.</p>



<p>Bald sah ich eine Herde inklusive einiger Fohlen oben auf dem nächsten Hügel grasen. Als ich mich näherte, hoben die Rösser mit aufgestellten Ohren die Köpfe und starrten mich an.<br>Was hatte das Pferde-Buch noch gleich gesagt?<br>Ach ja, Pferde sind Beutetiere und werden bei jeder Lageänderung sofort nervös. Also blieb ich ein paar Meter vor ihnen stehen, sodass sie sich an mich gewöhnen konnten.<br>Erst als alle wieder entspannt grasten, rief ich: »Wesna!«</p>



<p>Was nicht im Buch stand: Pferde reagieren nicht auf Namen.<br>»Wesna!«<br>Fehlanzeige.<br>Dafür trabten nun gleich zwölf große Tiere auf die Möhre an meinem ausgestreckten Arm zu. Drei davon hatten einen weißen Fleck auf der Stirn, eins braun, eins dunkler und eins fast schwarz.<br>Mist, was genau verstand Amelia unter Dunkelbraun?<br>Während ich noch überlegte, sah ich auf dem nächsten Hügel eine weitere Gruppe Pferde.<br>Vielleicht war meine Stute dort?<br>Auf gut Glück und aus Faulheit entschied ich mich für eine der potenziellen Wesnas vor meiner Möhre, knotete das Seil an die Geschirrschlaufe unter ihrem Maul und marschierte mit dem Pferd den ganzen Weg zurück zur Ranch.</p>


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                                Wesna? Foto: Markus Huth
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<p>Dort schimpfte Amelia: »Das ist doch nicht Wesna!«<br>Die anderen Pferde warteten bereits fertig gesattelt an Holzbalken gebunden. Die gestressten Städter hatten ihre Wohnwagen bezogen und freuten sich in Jeans und Lederstiefeln auf den Ausritt.<br>Nur ich stand mit dem falschen Gaul da.<br>Na toll.<br>Ein neuer Wesna-Versuch würde wenigstens eine Dreiviertelstunde dauern.<br>»Kein Problem, ich hol sie dir«, rief der schöne Tony, schwang sich elegant auf sein graues Ross und galoppierte Richtung Koppel.<br>Fünf Minuten später kehrte er unter triumphierendem Hufgeklapper mit Wesna im Schlepptau zurück.<br>Mit geübten Handgriffen bürstete er der Stute den Rücken, warf eine Decke darüber und schnallte ihr einen Ledersattel um.<br>»Da, steig auf«, sagte er mit einem Lächeln.<br>Ich war zugleich dankbar, neidisch und blamiert.<br>Ein Aushilfscowboy, der nicht mal sein Pferd fand.</p>



<h2>Endlich Reiten</h2>



<p>Wenig später war aller Ärger vergessen.<br>Ich saß fest im Sattel und trabte Amelias blonder Stute hinterher. Den Wind um die Nase, auf dem Kopf einen Cowboyhut – zum Schutz vor der Sonne und weil es einfach cool aussah. Ich versuchte mich an dem guten Reitstil, den mir das Cowgirl erklärt hatte: rhythmisch das Becken im Takt des Trabes zu heben und zu senken. Allerdings war das auf die Dauer recht anstrengend. Bald lungerte ich träge im Sattel, was mit einem noch tagelang schmerzenden Hintern bestraft wurde.<br>Hinter mir in der Kolonne folgten Tony sowie drei reiterfahrene Städter auf braun-weiß gescheckten Paint Horses. Eine klassische Westernrasse aus Nordamerika, muskulös und schnell, bei der man sofort an Cowboys und Indianer denkt.</p>


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                                Reiten in Bulgarien. Foto: Markus Huth
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<p>An diesem sommerlichen Nachmittag roch es nach Freiheit.<br>Von der Ranch hatte uns ein Feldweg in die Berge geführt, einige Kilometer vorbei an goldenen Weizenfeldern, bis wir schließlich einen Wald erreichten. Verfolgt wurde unsere Kolonne von zwei furchtlosen Ponys,&nbsp; die aus ihrer Koppel ausgebüxt waren, um der Langeweile zu entgehen. Im Schatten hoher Eichen prallten die Hufe auf den steinigen Pfad.<br>Bald teilte sich die Reitgruppe.<br>Amelia führte unseren Trupp – und Karol den zweiten auf einer anderen Route. Einige Pferde verstanden sich nicht miteinander, begründete Amelia. Vor allem die Hengste in Karols Gruppe würden schnell Streit beginnen, was für die Reiter mit Tritten oder Abwurf enden konnte.</p>



<p>Oder waren es Amelia und Karol, die sich nicht verstanden?<br>Zwar war ihr Leben auf den ersten Blick ein filmreifer Naturtraum mit Pferden. Doch der Schein trog. Das Ehepaar stritt sich täglich, lautstark und auf Polnisch. Meist wegen etwas, was Amelia in seinen Augen falsch gemacht hatte.</p>



<p>Noch nie war mir ein Mann so jähzornig wie Karol begegnet.<br>Nach einem Streit war er oft besonders ruppig mit den Tieren.<br>Doch egal ob Streit oder nicht: Man sprach Karol besser nie an. Der stiernackige Kerl mit dem runden Panzerknackergesicht und der blonden Stoppelfrisur schien immer kurz vor der Explosion zu stehen. Entsprechend beunruhigend fand ich, dass auf der Ranch überall Äxte, Peitschen, Kettensägen und Gewehre herumlagen.</p>



<h2>Die Affäre</h2>



<p>Amelia hingegen schien stets niedergeschlagen.<br>Sie strahlte diese Traurigkeit aus, die man hat, wenn man sich in seinem Leben gefangen glaubt. Nur wenn sie neben einem Pferd stand, lächelte sie. Und neben Tony.<br>Eigentlich war es offensichtlich, dass die beiden eine Affäre hatten.<br>Tony kam aus einem kleinen Ort bei Palermo.<br>Er war sechsundzwanzig und hatte von Kindheit an nur einen Traum gehegt: professioneller Fußballspieler zu werden. Mit achtzehn hatte er es geschafft und spielte als Verteidiger in der italienischen Profiliga – bis eine Verletzung den Traum vorzeitig beendete.<br>Etwas anderes als Fußballspielen hatte Tony nie gelernt.<br>Seine Familie war arm. Was sollte er jetzt anstellen?<br>Tony packte seinen Rucksack und schaute nie mehr zurück.</p>



<p>Seit Jahren schon zog er als Volunteer um die Welt.<br>Er arbeitete als Cowboy in Montana, als Pflücker auf Plantagen in der Türkei oder als Rezeptionist im Hostel in Costa Rica.<br>Statt Fußballer war Tony professioneller Weltenbummler geworden.<br>Vor zwei Monaten schließlich hatte es ihn auf die bulgarische Wild-West-Ranch verschlagen. Tony hatte noch immer die kräftige Statur eines Innenverteidigers, dazu dunkles Brust- und Haupthaar, sanfte braune Augen und immer ein freundliches Lächeln im Gesicht. Er strahlte diese Leichtigkeit des Seins aus, die jemand hat, der nichts besitzt.<br>Anders als ich schlief der Italiener nicht im Armeeanhänger, sondern in einem kleinen Wohnwagen unten am Bach. Eines Morgens, als ich gerade Gras für die Kaninchen schnitt, sah ich Amelia verschlafen aus Tonys Wohnwagen steigen.</p>



<p>Ich wusste nicht, ob sie mich auch gesehen hatte. Jedenfalls sprachen wir nicht darüber. Ein paar Tage später war es Tony, der reden wollte.<br>Wir buddelten gerade ein tiefes Loch für einen Brunnen hinter dem Hexenhaus, da sagte er: »Du hast sicher gemerkt, dass ich mit Amelia zusammen bin.«<br>Die Geschichte klang unglaublich.</p>



<p>Tony zufolge waren die Ranchbesitzer zwar verheiratet. Sie lebten aber in einer Mischung aus offener Beziehung und innerer Scheidung.<br>Kurz nach seiner Ankunft, berichtete Tony, habe das schöne Cowgirl heftig mit ihm geflirtet, und schließlich seien sie im Bett gelandet.<br>Um Karol, habe sie ihm gesagt, brauche er sich keine Sorgen machen. Die beiden hätten eine Vereinbarung, dass Sex mit Volunteers erlaubt sei. Oft würden sie Neuankömmlingen sogar erzählen, sie seien Bruder und Schwester.</p>



<p>Welche Abmachung das Ehepaar auch getroffen haben mochte: Die ständigen Streits deuteten darauf hin, dass sie nicht funktionierte. Vielleicht auch, weil Amelia und Tony ihre Affäre immer offener auslebten. Als ich vor zwei Wochen auf der Ranch angekommen war, hatte ich jedenfalls noch nichts von ihrem Verhältnis bemerkt.</p>



<h2>Die Zeitbombe tickt</h2>



<p>Aber seit ein paar Tagen holten sie gemeinsam Pferde von der Koppel und übernahmen zusammen das tägliche Kuhmelken. Sie lachten sich an und tauschten Berührungen aus. Bald schlief Amelia jede Nacht in Tonys Wohnwagen und versuchte gar nicht erst, es zu verheimlichen.<br>Und Karols Wutausbrüche wurden häufiger.</p>



<p>Die Stimmung auf der Ranch war angespannt wie ein Seil, an dem zwei Pferde in entgegengesetzten Richtungen zogen. Jeden Abend saßen wir alle zum gemeinsamen Essen am Holztisch vor dem Hexenhaus. Karol, Amelia, Tony, der mysteriöse Soldatencowboy und ich. Meist war Karols Gesicht wie aus Eis. Er aß schweigend und trank ein Glas Wodka nach dem anderen.<br>Er schien mir wie eine Zeitbombe, die der Explosion entgegentickte.</p>



<p>Ich hatte jedenfalls keine Lust, in die stürmischen Wellen dieses Liebesdramas zu geraten. Stattdessen verbrachte ich mehr Zeit mit dem schweigsamen Soldatencowboy. Er hieß Jan und saß jeden Abend geheimnisvoll am Lagerfeuer, den Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass nur sein hämisches Lächeln im Licht des Feuers flackerte. Es war, als ob er sich über alles und jeden lustig machte. Sogar über diesen Ehestreit.</p>



<p>Jan kam wie die Ranchbesitzer aus Polen.<br>Er lebte schon über ein Jahr hier.<br>Gelangweilt vom Leben als Mechaniker in einem großen Autowerk, hatte er seinen gut bezahlten Job gekündigt und zog seitdem um die Welt.<br>Wie Tony war er ein optischer Mädchentraum: Mitte zwanzig, blondes Haar, glattes Gesicht mit kantigem Kinn und klaren Augen, der Körper schlank und kräftig.<br>Und, na klar, auch dieser junge Brad Pitt war in das schöne Cowgirl Amelia verliebt. Allerdings unglücklich.</p>


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                                Der schöne Jan ist unglücklich verliebt. Foto: Markus Huth 
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<p>Tony hatte mir erzählt, dass der Pole einmal ungefragt nackt zu ihr in die Freiluftdusche hinter dem Hexenhaus gestiegen war. Was immer Jan sich damit erhofft hatte, wurde durch Amelias wütendes Geschrei verhindert.<br>Seitdem mied der Verschmähte menschlichen Kontakt und verbrachte seine Zeit lieber mit den Schweinen sowie seinem besten Freund, einem kleinen Jack Russell Terrier.<br>Mir reichte es langsam.</p>



<h2>Von Ziegen, Mulis und Raben</h2>


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                                Der Rabe hat Käfigarrest. Foto: Markus Huth
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<p>Ich war wegen der Pferde auf die Ranch gekommen und nicht, um einem Beziehungsdrama à la Legenden der Leidenschaft beizuwohnen. Die Tiere schienen ihre Hormone besser im Griff zu haben als das Personal.<br>Ich beschloss, mich ganz auf meine tierischen Aufgaben zu konzentrieren. Jeden Morgen und Abend fütterte ich die Kaninchen, Truthähne und übernahm von Amelia auch noch die Enten und den Raben.<br>Ich hatte vorher noch nie einen gesehen, nur die vergleichsweise kleinen Krähen. Der schwarze Vogel im Maschendrahtkäfig war sogar ein Kolkrabe, die größte aller Rabenarten. Er hieß Oskar.<br>Tagsüber durfte er sich frei auf der Ranch bewegen. Der umtriebige Kerl mit den scharfen Klauen machte den Welpen das Futter streitig, verprügelte mit seinem scharfen Schnabel die Jack Russell Terrier, und einmal riss er ein Babykaninchen aus dem Gehege und fraß es.<br>Danach erteilte ich ihm zur Strafe Käfigarrest.</p>



<p>Besonders ans Herz wuchs mir die meckernde Ziege, die am Bachwäldchen an einen Baum gebunden graste. Sie war braun-schwarz-weiß gefleckt und hatte himmelblaue Augen. Immer wenn ich ihr einen Eimer Wasser zum Trinken brachte, schmiegte sie sich um meine Beine wie eine verschmuste Katze. Vielleicht aus Dankbarkeit, weil ich sie jedes Mal aus ihrer misslichen Verknotung befreite, in die sie sich beim Kreisen um den Baum gewickelt hatte. Die Ziege fand ich nie allein, sondern stets in Begleitung ihres besten Kumpels: einem blökenden braunen Schaf.</p>


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                                Auch Ziegen schmusen gerne. Foto: Markus Huth
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<p>Derweil blieb meine Beziehung zum Maultier kühl.<br>Die Mischung aus Pferd und Esel wartete stets misstrauisch direkt am Eingang zur Pferde-Koppel wie ein Türsteher. Einmal schnappte der Muli nach den Möhren, die ich zum Anlocken der Reitpferde mitgebracht hatte.<br>Und von der Milchkuh möchte ich gar nicht erst reden.<br>Das vierhundert Kilo schwere Tier war mir&nbsp;– und ich schwöre: mit voller Absicht&nbsp;– auf den Fuß getreten, als ich es eines Morgens von der Weide geholt hatte. Das Maultier hatte alles gesehen und sich köstlich amüsiert.</p>



<p>Dafür aber konnte ich mein Verhältnis zur Stute Wesna stetig verbessern. Nach drei Wochen auf der Ranch erkannte ich sie jetzt sogar am Gesicht. Auch das Satteln klappte inzwischen passabel. Auf der Koppel traute ich mich sogar ganz ohne Sattel auf Wesnas nackten Rücken und trabte im gemächlichen Tempo über die Hügel. Das war der große Vorteil an einer postapokalyptischen Ranch fernab jeder Zivilisation: Wenn mir danach war, konnte ich ungefragt ein Pferd nehmen und einfach losreiten. Das einstige Ostblockland Bulgarien fühlte sich nun tatsächlich an wie der Wilde Westen. Mehr Freiheit ging nicht.</p>



<p>Der Nachteil war: Sollte ich stürzen und halb tot im hohen Gras liegen, würde mich tagelang niemand finden. Falls mich die liebeskranken Rancher überhaupt suchen würden, woran ich meine Zweifel hatte.<br>Doch alles ging gut, und dank meiner tierischen Freunde war das Ranchleben trotz Liebesdrama wunderschön – bis zu jenem Morgen, als ein dunkles Auto den Feldweg hochgefahren kam. Und herausstiegen Amelias Eltern.</p>



<h2>Ruhe vor dem Sturm</h2>



<p>Sie waren extra aus Polen angereist, um den anstehenden Geburtstag der Tochter zu feiern. Aber vorher wollten sie noch mit ihr ein paar Tage zum Ausspannen ans Schwarze Meer. Der beliebteste bulgarische Strand lag nur ein paar Autostunden entfernt.<br>Tony hatte mir schon voller Vorfreude davon erzählt. Denn statt Amelias Ehemann Karol,&nbsp; würde er mitfahren. Die Tochter fuhr mit den Eltern in den Strandurlaub und nahm den Liebhaber mit, während der Ehemann auf der Ranch zurückblieb? Offenbar waren nicht alle Polen so katholisch, wie ich bis dahin gedacht hatte.<br>Es gab da nur ein Problem.<br>Zwar war Mama in Eheprobleme und Affäre eingeweiht.<br>Doch Papa wusste von nichts.<br>Eben noch schüttelte er Karol freudig die Hand. Im nächsten Moment warf Tony die Reisetasche in den Kofferraum und stieg mit Amelia hinten ins Auto.<br>»Fahr los«, raunte die Mutter.<br>Ob je ein Mensch derart verwirrt geschaut hat?</p>



<p>Als der Sandweg unter dem abfahrenden Auto knisterte, ließ sich Karols Gefühlswelt aus den kalten blauen Augen wie immer nur schwer ablesen. Er sah jedenfalls nicht unzufriedener aus als gewöhnlich.<br>Nachdem Amelia verschwunden war, setzte er sich an den Tisch vors Hexenhaus und trank ein Bier.<br>Ich war besorgt.<br>Denn normalerweise hatte ich mit Karol nicht viel zu tun. Amelia kümmerte sich um die Volunteers. Aber nun würden Jan und ich drei Tage mit ihm alleine sein. Kurz überlegte ich, das Gewehr, die Äxte, die Peitsche und alle anderen waffentauglichen Dinge, die hier frei herumlagen, zu verstecken.</p>



<p>Doch bald zeigte sich, dass meine Sorge völlig unbegründet war.<br>Die Atmosphäre auf der Ranch entspannte sich.<br>Ohne Amelia hatte Karol niemanden zum Streiten. Statt polnischer Flüche lagen auf einmal nur noch Pferdewiehern, Schweinegrunzen und Hundebellen in der Bergluft. Ich ging weiter meinen Tiersitteraufgaben nach und genoss die ländliche Idylle.<br>Und eines Tages hörte ich den finsteren Cowboy doch tatsächlich fröhlich lachen.</p>



<h2>Die Neue wider Willen</h2>



<p>Ich zertrümmerte gerade mit der Axt Rinderknochen zu Hundefutter (das war sonst Tonys Job), als Karols weißer Opel verfolgt von einer Staubwolke den Feldweg heraufgerast kam.<br>Mit ihm heraus stieg eine fremde Frau. Sie war kurz, blond und sehr jung.<br>So aufgekratzt hatte ich Karol noch nie erlebt. In seinem weißen Fransen-Cowboyoutfit sah der zwanzig Jahre ältere Mann aus wie ihr durchgeknallter Vater.</p>



<p>Die Fremde schien seine gute Laune allerdings nicht zu teilen. Eilig zog sie ihren rollenden Koffer in meinen Armeeanhänger. Dort fand ich meine neue Mitbewohnerin, wie sie eine der leeren Pritsche bezog. Sie hieß Sarah, kam aus Wales und wollte für einen Monat auf der Ranch aushelfen.<br>»Ich liebe Pferde, und die Landschaft ist ja fantastisch idyllisch hier«, schwärmte sie.</p>



<p>Sarah war achtzehn und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Und eigentlich konnte die Waliserin nichts schocken. Sie berichtete mir, wie sie im Krankenhaus mal einen Mann behandeln musste, der kurz zuvor seine Frau im Streit getötet und sich anschließend selbst die Kehle durchgeschnitten hatte. Wenn er auch gestorben wäre, hätte Sarah noch vor Ort routiniert das Fenster geöffnet.<br>»Damit seine Seele rausfliegen kann. Das ist Krankenhausvorschrift.«</p>



<p>Ich fragte sie, warum sie so verstört aus dem Auto gestiegen war. Daraufhin erzählte die Achtzehnjährige, wie ein bulliger Mann im weißen Cowboykostüm sie eben vom Flughafen in Sofia abgeholt hatte.<br>Statt direkt zur Ranch fuhr der Fremde mit ihr in eine Bar.<br>Dort habe er wortlos – Karol sprach kaum Englisch – ein großes Bier getrunken, während die knallharte Krankenschwester es mit der Angst zu tun bekam. Hatten ihre Eltern vielleicht doch recht gehabt?<br>»Volunteering ist nur was für Lebensmüde. Man sollte sich nie in die Obhut von Fremden begeben«, hatten sie die abenteuerlustige Tochter gewarnt. Erst nach dem Bier war der Cowboy mit ihr zur Ranch gefahren.<br>»Ist der immer so?«, fragte die Waliserin besorgt, und ich wusste gar nicht, wo ich bei der Antwort anfangen sollte.</p>



<p>Später saßen wir alle zum Abendessen vor dem Hexenhaus.<br>Karol hatte sogar gekocht: Pasta mit Wodka.<br>Der liebestolle Pole stellte der jungen Waliserin ein Glas nach dem anderen vor die Nase und befahl Sondaten-Cowboy Jan, seine Obszönitäten zu übersetzen.<br>»Ich kenne englische Frauen nur aus Pornos«, lachte Karol.<br>Dann wollte er wissen, ob Sarah noch Jungfrau war.<br>Sie schlang die Pasta herunter und flüchtete in den Armeeanhänger. Erst als Karol schlafen getorkelt war und ich mit Jan und seinem Jack Russell Terrier allein am Lagerfeuer saß, traute sie sich wieder raus.<br>Jan grinste wie immer geheimnisvoll unterm Cowboyhut. Dann packte er im Flackern des Feuers aus und erzählte Karols Geschichte.</p>



<p>Wie ich vermutet hatte, war der Umzug des polnischen Paares in die bulgarische Pampa vor sieben Jahren nicht ganz freiwillig erfolgt.<br>Zwar stimmte es, dass Karol an der Börse viel Geld verdient hatte – allerdings durch Wertpapierbetrug. Zudem war er laut Jan mit der Unterwelt vernetzt und besaß in Polen ein Bordell.<br>Nachdem der Ermittlungsrichter einen Haftbefehl ausgestellt und Karols geprellte Kunden ihr Geld wiederhaben wollten, tauchte der Banker mit seinem Model Amelia in Bulgarien unter.<br>Mehrere Jahre lebten sie unbehelligt ihr Westernleben mit Pferden.<br>Bis eines Tages ein bulgarischer Sheriff auf die Ranch kam und Karol Handschellen anlegte.<br>»Du machst Witze, er war im Gefängnis? Und ein Zuhälter?«, fragte Sarah schockiert.<br>Karol, fuhr Jan fort, musste für zwei Jahre hinter Gitter.<br>Derweil lebte seine Gangsterbraut alleine weiter auf der Ranch. Es war in dieser Zeit, dass Amelia begann, sich nach anderer männlicher Gesellschaft umzusehen. Als Karol aus dem Gefängnis kam, hatte sich seine Frau an ein Leben ohne ihn gewöhnt.</p>



<p>Jedes andere Paar hätte jetzt wohl an Scheidung gedacht.<br>Doch ihr gesamtes Vermögen steckte in der Ranch und den Pferden. Also arrangierten sie sich, hatten Affären mit ihren Volunteers, und Ex-Bordellbesitzer Karol bestellte sich ab und an Prostituierte in den Westernwagen.<br>Jan meinte, dass das lange gut funktioniert hätte.<br>Doch nun war Karol neidisch auf Amelias Glück mit Tony.<br>Deshalb gebe es gerade so viel Streit.<br>Alle Hoffnungen, sagte Jan und grinste gehässig zur jungen Waliserin, richteten sich daher auf sie.<br>»Wenn du was mit Karol anfängst, haben wir wieder etwas Ruhe.«<br>Der furchtlosen Krankenschwester stand die Angst im Gesicht.<br>Ein Pferd wäre jetzt panisch weggerannt.</p>


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                                Pferdearbeit findet auf der Ranch auch statt: Hufreinigung. Foto: Markus Huth
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<h2>Unterwegs als Outlaw</h2>



<p>Am nächsten Morgen wartete Karol mit dem größten Pferd, das ich je gesehen hatte, vor dem Hexenhaus. Ein graues »Shire Horse«, die größte Pferderasse der Welt.<br>Die Stute hieß Baronin und überragte mich um einen Kopf.<br>Das gewaltige Tier zog einen hölzernen Anhänger, auf dem Karol mit den Zügeln in der Hand saß. Neben ihm Jan, wie immer mit einem Grinsen im Gesicht.<br>»Steigt ein, wir machen einen Ausflug«, sagte der Ex-Häftling und zwinkerte Sarah zu. Wenig später fuhren wir wie in einem Boot auf stürmischer See den unebenen Feldweg entlang.</p>



<p>Vorbei ging es an Weizenfeldern, den Bach folgend, bis zu einem Wäldchen. Die Berge waren golden, der Himmel blau, mit ein paar aufgequollenen weißen Wolken darin. In einem Westernfilm hätten jetzt Indianer angegriffen.<br>»Nehmt die Kettensägen von hinten«, befahl Karol.<br>Wir brauchten Holz für Amelias Geburtstagsfeier am nächsten Tag. Zu dem Fest erwartete er über fünfzig Gäste, Kunden und Freunde der Ranch. Die ganze Nacht hindurch sollte ein großes Feuer lodern.<br>Das Knattern der Kettensägen schreckte ein paar Krähen auf, die vor mir im Baum saßen. Wenig später krachte eine hohe Kiefer ins Gras.</p>



<p>Jan war gerade dabei, einen noch gewaltigeren Baum zu fällen, da schrie Karol: »Runter! Fresse halten!«<br>Wie ein Sack plumpste ich in den Dreck und erblickte in der Ferne den Grund für die Aufregung.<br>Einsam patrouillierte ein Polizeiauto verloren auf der Landstraße herum.<br>Wir fällten hier gerade ohne Genehmigung Bäume, und das war garantiert nicht mal Karols Land. Die Kettensäge in der Hand würde es relativ schwer machen, meine Unschuld zu beteuern. Und mit Karols Vorstrafe würden sie ihn garantiert gleich mitnehmen.<br>Kollektives Aufatmen als das Polizeiauto immer kleiner wurde und schließlich hinter der nächsten Kurve verschwand. Keine halbe Stunde später zog die Baronin den Anhänger inklusive uns und zwei Kiefern zurück zur Ranch.</p>



<p>Die Nahknasterfahrung war noch nicht mal der größte Schock an jenem Tag. Denn für Amelias Geburtstag war nicht nur ein Feuer geplant.<br>Sondern auch ein saftiger Braten.<br>Den Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen, stand Jan in seiner Militärjacke vor mir. Das erste Mal sah ich ihn ohne Grinsen. In der Hand hielt er ein langes Bajonettmesser.<br>»Komm mit«, sagte Jan kalt.<br>Ich folgte ihm den Hang hinunter zu dem Wäldchen, wo die&nbsp;…<br>… nein, das durfte nicht sein.<br>Nicht die Schmuseziege!<br>»Meee-eee-eee-eee-e«, meckerte sie uns in Vorfreude auf Gesellschaft entgegen. Sie hatte sich mit dem Seil mal wieder ungeschickt um einen Baum gewickelt. Dumme, dumme Ziege. Als ich sie befreite, schmiegte sie dankbar die Hörner an meine Beine. »Meee-eee-eee-ee!«</p>



<h2>Blut im Gras</h2>



<p>Jan nahm das Seil, und wir führten die Ziege den Hang hinauf Richtung Hexenhaus, dem Schlachtplatz. Uns folgte aus freiem Willen ihr treuer Freund, das braune Schaf.<br>Oben angekommen, sagte Jan: »Drück sie auf den Boden und halt sie fest.«<br>Die blauen Ziegenaugen zwinkerten ahnungslos.<br>»Nein«, raunte ich, »das können wir nicht machen.«<br>»Spinnst du? Karol will einen Braten.«<br>Schweren Herzens erwiderte ich: »Nehmen wir das Schaf, da ist doch eh mehr dran.«<br>Jan überlegte kurz, zuckte mit den Schultern und meinte: »Okay, aber wenn Karol sauer ist, bist du schuld.«</p>



<p>Dann packte ich das überraschte Schaf an der braunen Wolle und drückte es seitlich zu Boden. Eine Hand am Kopf, die andere am Bauch, meine Knie auf seinen Beinen.<br>Der letzte Schaflaut war ein tiefes Blöken – dann schnitt der Soldaten-Cowboy ihm die Kehle durch. Das Tier zuckte, die offene Atemröhre röchelte, während tiefrotes Blut auf saftig-grünes Gras floss. Ein dunkles Schafauge blickte mich angsterfüllt an, bevor alles Leben aus ihm entwich.<br>Sarah musste kein Fenster öffnen, die Seele konnte in den weiten Himmel über uns entweichen. Vielleicht die Schafseele von oben noch, wie ihr früherer Körper auf dieser grünen Wiese zwischen den Bergen langsam ausblutete.<br>Und was tat die Ziege, während ihr bester Freund neben ihr starb? Sie fraß Gras, so als ob nichts wäre.<br>»Meeee-eeee-eee-eeee.«<br>An diesem Abend trank ich fast so viel Wodka wie Karol.</p>



<p>Dann kam der Tag des Festes.<br>An Amelias dreiunddreißigstem Geburtstag zogen graue Wolken von den Bergen herüber, deren Schatten dunkle Flecken auf die Ranch warfen.<br>Bald würden die Gäste eintreffen.<br>Wir Volunteers hatten zur Feier des Tages etwas Ordnung geschaffen, den Großteil des Metallschrotts unter Planen versteckt und die vergilbten Wohnwagen gewaschen. Als Dekoration standen ein paar Pferde herum, und auch die Ziege meckerte feierlich vor sich hin. Sarah schmückte das postapokalyptische Zigeunergelände mit Blumen, ich nahm mir eine der auf dem Gelände herumliegenden Äxte und zerhackte die Kiefern zu Feuerholz, und Jan drehte das gehäutete Schaf über den Flammen.</p>



<h2>Gefangen im Dramadreieck</h2>



<p>Nur das Wichtigste fehlte: das Geburtstagskind.<br>War Amelia vielleicht mit ihrem italienischen Liebhaber durchgebrannt? Doch dann kam der dunkle Kombi der Eltern den Feldweg hochgefahren. Das Cowgirl stieg aus und nahm Glückwünsche entgegen.<br>Als Tony mir beim Holzhacken half, fragte ich neugierig: »Und wie wars am Schwarzen Meer?«<br>»Besser als beim letzten Mal«, lachte der Italiener.<br>Vor ein paar Monaten seien sie zu viert mit Karol und einer jungen Volunteer-Gespielin aus Lettland ans Meer gefahren. Karol habe die Frauen gedrängt, sich zu küssen, und dann hatten alle gemeinsam Sex. Im Gegensatz dazu sei Amelias mürrischer Stiefvater das reinste Kinderspiel gewesen.<br>»Warum machst du das eigentlich mit?«, bohrte ich nach.<br>»Ich liebe sie so sehr«, hauchte Tony.<br>Er sei, reflektierte der Italiener, hoffnungslos in einem »Dramadreieck« gefangen, in dem Amelia das Opfer, Karol der böse Wolf und er selbst der strahlende Retter sei.</p>



<p>Pünktlich zum Eintreffen der Gäste brachen ein paar Sonnenstrahlen durch die dunkle Wolkendecke.<br>Es sah aus wie auf einer Western-Themenparty.<br>Die Männer trugen Cowboyhüte und die Frauen auch, dazu Jeans und Stiefel. Nur Amelia hatte sich in ein schwarzes Kleidchen gezwängt, das ihren athletischen Körper betonte, in den Händen hielt sie einen Strauß roter Rosen.<br>Vor dem Feuer mit dem gerösteten Schaf bildete sich eine lange Schlange. Karol stand mit einem großen Messer daneben und verteilte gönnerhaft saftiges Fleisch.<br>Jan, der die ganze Arbeit gemacht hatte, schmollte etwas abseits.<br>»Siehst du den Typen da?«, raunte er mir zu, als ein kräftiger Kerl sein Stück Schaf abholte und mit Karol tuschelte. Seine Oberarme waren dick wie Pferdeschenkel, um den Stiernacken hing eine silberne Militärmarke.<br>»Das ist der Polizist, der Karol festgenommen hat.«<br>Hä? Warum stießen ein Straftäter und dessen Einbuchter mit einem Bier an?<br>Kein Krimiautor hätte sich diese Geschichte ausdenken können.</p>



<p>Jan berichtete, dass die Tochter des Beamten an einer Hirnstörung litt. Das Einzige, was ihr half, waren Therapiestunden mit Pferden. Nun seien Karol und der Polizist beste Freunde.<br>Prost.<br>Bier, Wodka, Wein und Cocktails flossen in Strömen.<br>Die Stimmung war ausgelassen.<br>Bis tief in die Nacht tanzten, lachten und tranken die Gäste. Abwechselnd tauchte das große Feuer das Hexenhaus und die Wohnwagen in Gelb, Orange und Rot. Aus großen Lautsprechern hallte amerikanische Countrymusik durch die bulgarischen Berge.<br>Erst in den frühen Morgenstunden fielen die Ersten in ihre Wohnwagen oder fuhren nach Hause.</p>


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                                Die Party am Feuer dauert bis tief in die Nacht. Foto: Markus Huth
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<p>Aus den dunklen Wolken war inzwischen ein ernstes Gewitter geworden. Wütend grollte und blitzte es über den Bergen.<br>Betrunken drängte sich Karol dicht neben die Waliserin auf eine Holzbank, legte seine schwere Hand auf ihr Bein und lallte, dass sie sich nicht so zieren solle.<br>Verstört flüchtete sie zu Jan, Tony und mir ans Feuer.<br>Derweil tanzte Amelia um die Flammen wie eine sexy Hexe. Sie schwang die Hüften im Takt der Countrymusik und begann, ihr Kleidchen herunterzurollen.<br>Italiener Tony war außer sich vor Eifersucht.<br>Genau wie Karol, der sich außerdem von der Waliserin verschmäht fühlte.<br>Beide Männer starrten auf die halb nackte Amelia, als wäre sie ein saftiges Stück Schaf.<br>Schließlich sprang Tony von der Holzbank und marschierte wütend den Hang hinunter in Richtung seines Wohnwagens.<br>»Was hat er denn?«, fragte Sarah und stand auf, um ihm nachzugehen.<br>Genau in diesem Moment erwachte Amelia aus der Hexentrance und sah ihren Liebhaber und die Waliserin zusammen in die Nacht verschwinden.<br>»Was willst du von dieser Schlampe?«, brüllte sie und folgte ihnen in die Dunkelheit.</p>



<h2>Der Sturm</h2>



<p>Das Gewitter lag nun genau über der Ranch.<br>Für den Bruchteil einer Sekunde leuchtete ein gleißender Blitz auf, und ich sah die drei Gestalten vor Tonys Wohnwagen.<br>Ein krachendes Donnern folgte.<br>Dann wie Millionen Indianerpfeile der Regen.<br>Ich weiß nicht mehr, warum, aber ich wollte nach dem Rechten sehen und ging hinterher. Der Boden hatte sich in einen einzigen matschigen Sumpf verwandelt, mit nassen Füßen erreichte ich den Wohnwagen.<br>Davor stand Amelia, schrie unverständliche Worte in die Nacht und weinte. Dann riss sich die Betrunkene ihr durchnässtes Kleid vom Leib und hämmerte nackt an Tonys Wohnwagentür.<br>Seelenruhig sagte der Italiener ihr durch den Fensterspalt, dass er sauer sei und sie jetzt nicht sehen wolle.<br>Er brauche jetzt eine Freundin zum Reden. Sarah.</p>



<p>Das machte das nackte Cowgirl nur noch wütender.<br>Sie schrie auf Polnisch und hämmerte.<br>Bis sie wie ein Sack in den Matsch fiel und sanft zu schnarchen begann.<br>»Sie holt sich den Tod!«, rief die Krankenschwester, kam aus dem Wohnwagen und versuchte, die größere Amelia aufzuheben.<br>»Lass mich! Lasst mich alle!«, lallte die Betrunkene.<br>»Lasst sie dort schlafen, wenn sie unbedingt will!«, brüllte der aufgebrachte Tony.<br>Sarah und mir reichte es.<br>Sollte das Liebespaar seine Probleme doch selbst klären.<br>Im prasselnden Regen stapften wir zurück zu unserem Armeeanhänger.<br>Die Achtzehnjährige erklärte, sie wolle am nächsten Tag abreisen. Bevor Amelia sie aus Eifersucht umbringen oder Karol sie vergewaltigen könne.<br>Ich fand ihren Entschluss ziemlich nachvollziehbar.<br>Erschöpft fiel ich im abgetrennten Bereich des Armeehängers auf meine Matratze. Kurz vor dem Einschlafen war es mir, als ob ich Karols gedrungene Gestalt im Licht eines Blitzes auf den Wohnwagen des Italieners zugehen gesehen hatte. Auf dem Kopf seinen Cowboyhut. In der Hand ein langes Messer.<br>Dann wurde es dunkel vor meinen Augen.</p>



<p>Wir fanden Tonys Leiche am Bach.<br>Die Kehle durchgeschnitten, wie beim braunen Schaf. Das rote Blut floss aus seinem Hals aufs nasse Gras. Es regnete noch immer in Strömen.<br>Tonys tote Augen starrten mich vorwurfsvoll an.<br>»Schau, seine Seele fliegt in den Himmel«, kommentierte die Krankenschwester. Und während Tonys Seele über unsere Köpfe entschwebte, graste die Ziege, als ob nichts wäre.<br>Schweißgebadet wachte ich auf.<br>War es nur ein Traum?</p>



<p>Verwirrt kletterte ich aus meiner Schlafzelle ins Freie in den grauen Morgennebel. Draußen hockten Amelia und Sarah neben der Kuh, die Melkmaschine ratterte vor sich hin. Die Waliserin hatte ihre Meinung bereits wieder geändert. Nachdem sich Amelia bei ihr entschuldigt und versprochen hatte, dass sie in Sicherheit sei, wollte die Achtzehnjährige nun doch auf der Ranch bleiben.<br>Beschämt schaute mich das Cowgirl an.<br>»Sorry, ich hab gestern zu viel getrunken. Karol hat mich zurückgetragen.«<br>Ich rannte den Hang hinunter zu Tonys Wohnwagen und hämmerte an seine Tür, um sicherzugehen, dass er noch lebte.<br>»Was ist? Ich füttere die Enten später«, stotterte der Italiener verschlafen.<br>Das war der Moment, als ich entschied, noch am selben Tag abzureisen.</p>



<p>Zwar hatte ich eigentlich noch eine Woche. Doch das Dramadreieck wurde zu viel für meine Nerven. Ich hielt es für nicht ausgeschlossen, dass hier doch noch jemand aus Eifersucht erschlagen wurde.<br>Ich packte meinen Rucksack, und sagte schweren Herzens Lebewohl zu meinen tierischen Schützlingen – und leichteren Herzens zu den menschlichen Ranchern. Als ich den Feldweg hinunter zur Straße marschierte, wartete wie zum Abschied meine Stute Wesna unter einem Baum.<br>An der einsamen Landstraße hielt ich den Daumen raus und hoffte, dass mein nächster Tiersitterjob etwas weniger Drama bringen würde als diese Ranch der Leidenschaften.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kiruna auf Rädern</title>
		<link>https://www.weltseher.de/kiruna-auf-raedern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2020 10:24:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schweden]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
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					<description><![CDATA[Was passiert, wenn eine Stadt plötzlich auf Rädern landet? Und was, wenn sie dazu in der Arktis liegt? Unterwegs in einer „company town“ zwischen dem Fjell und der Mine.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/kiruna-auf-raedern/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Was passiert, wenn eine Stadt plötzlich auf Rädern landet? Und was, wenn sie dazu in der Arktis liegt? Unterwegs in einer „company town“ zwischen dem Fjell und der Mine.</strong></p>
<p>Es ist, als beobachte man ein groteskes Puppenstubenspiel der Jötunnen, der altnordischen Riesen. Fast geräuschlos verlässt das rund 100 Tonnen schwere Gebäude seinen Ort. Es wird auf einen Stahlbalken hochgehoben und auf einen Tieflader aufgesetzt. Das erste von mehreren denkmalgeschützten „Gelbe Reihe Häusern“ macht sich auf die Reise.</p>
<p>Mit einer Geschwindigkeit von fünf Kilometer pro Stunde rollt es durch die Gegend. Es zieht an erstaunten Zuschauern und an einigen verkrüppelten alten Birken vorbei. Seine wachsame Garde, uniformierte Transportarbeiter in neongrünen Schutzanzügen, geht dicht daneben und passt auf, dass das Gebäude nicht verrutscht. Es fängt an zu schneien. Dicke, unförmige Schneeflocken stöbern durch die Luft. Und das 119 Jahre alte Haus aus Kiruna rollt in sein neues Leben.</p>
<h2>Getrieben vom Nomadengeist</h2>
<p>Kiruna ist Schwedens nördlichste Stadt. Sie liegt gut 140 Kilometer oberhalb des Polarkreises: Ein Haufen zusammengewürfelter Häuser, altmodische Oldtimer auf den Straßen und das Ende-der-Welt-Gefühl in der Luft. Im Sommer geht die Sonne für etwa 50 Tage nicht unter, im Winter für fast drei Wochen nicht auf. Karge Landschaften rufen Zeiten in Erinnerung, als das Volk der Samen mit seinen Rentieren hier noch frei umher wanderten.</p>
<p>Wie von diesem Nomadengeist getrieben, gerät Kiruna jetzt selbst in Bewegung. Nach Nya Kiruna (Neu-Kiruna), rund vier Kilometer östlich, soll es gehen. Im Oktober waren drei „Gelbe Reihe Häuser“ mit den Nummern B555, B556 und B557 umgezogen. Bald folgen auch die anderen Gebäude.</p>
<p>Grund für den Umzug ist die größte unterirdische Eisenerzmine der Welt. Sie liegt unter dem westlichen Stadtrand und frisst sich immer weiter nach Osten. Deshalb müssen etwa 6.000 Einwohner ihre Heimat verlassen, einige haben es bereits gemacht.</p>
<p><div id="aesop-gallery-7112-1"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-7112" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-9.jpg" data-caption="Das historische &quot;gelbe Haus&quot; zieht auf Rädern um. Foto: Åke Jönsson" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-2.jpg" data-caption="Diese &quot;Gabionen&quot; erinnern an Häuser, die nicht mehr stehen. Foto: Ekaterina Venkina" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-4.jpg" data-caption="Aussicht auf den Fjell. Foto: Ekaterina Venkina" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-8.jpg" data-caption="Die Rentier-Haltung gehört zum kulturellen Erbe Kirunas. Foto: Mattias Keinil" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5.jpg" data-caption="Rentier-Herde im Winter. Foto: Mattias Keinil" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-7.jpg" data-caption="Untertage in der Mine. Foto: LKAB" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-6.jpg" data-caption="Untertage in der Mine. Foto: LKAB" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-1.jpg" data-caption="Untertage in der Mine. Foto: LKAB" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-2.jpg" data-caption="Auch der Gedenkhain samt den Toten  soll verlegt werden. Foto: Ekaterina Venkina" alt=""></div></div></p>
<h2>Im Angesicht der Stille</h2>
<p>Åke Jönsson, der 55-jährige Umweltinspektor aus Kiruna, hat sein altes Haus bereits geräumt.<br />
„Es war Samstagmorgen. Ich trank meinen Frühstückskaffee. Draußen war es komplett still. Kein Kindergeschrei, gar nichts“, Jönsson wirft einen langen Blick auf die Stelle, wo sein Haus früher stand. Ein mit grauen Steinen gefüllter Drahtkorb ist das einzige, was an dieser Stelle noch zu sehen ist. „Erst dann wurde mir schließlich klar, dass wir wirklich weg müssen“, sagt er. Das war Weihnachten 2014.</p>
<p><div id="attachment_7134" style="width: 210px" class="wp-caption alignleft"><img aria-describedby="caption-attachment-7134" class="size-medium wp-image-7134" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-375x600.jpg" alt="" width="200" data-id="7134" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-375x600.jpg 375w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-768x1228.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-750x1200.jpg 750w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-94x150.jpg 94w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-400x640.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4.jpg 1063w" sizes="(max-width: 375px) 100vw, 375px" /><p id="caption-attachment-7134" class="wp-caption-text">Ake Jönsson ist bereits umgezogen.</p></div></p>
<p>Der Drahtkorb, Gabione genannt, soll eigentlich ein Werk des Gedenkens sein. Doch mit ihrem dürren Käfig aus verzinktem Stahl sieht sie eher wie alte Haut aus, die das Haus nach dem Entpuppen abgelegt hat.</p>
<p>In Jönssons altem Viertel Ullspiran, nur ein paar Hundert Meter vom Zentrum entfernt, gab es mehrere dreistöckige Reihenhäuser mit insgesamt rund 200 Wohnungen. Sie waren in den 1960er Jahren von der staatlichen Bergbaugesellschaft Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag (LKAB) für Familien mit Kindern gebaut worden. Jönsson hat mit seiner Partnerin und seinen zwei Söhnen, Dennis und Robin, fast 25 Jahre dort gewohnt. Er erinnert sich noch gut daran, wie nach Robins Geburt ein Baum im Innenhof gepflanzt wurde. „Als Glückszeichen“, sagt er.</p>
<p>Ullspiran war eines der ersten Viertel in Kiruna, das komplett verschwand. Als Jönsson und seine Familie den Bezirk verliessen, war fast niemand von ihren Nachbarn mehr da. Stattdessen war der Bezirk komplett geräumt worden und dient für die Übergangszeit als Parkzone.</p>
<p>Für die Hausbesitzer, die in Kiruna vom Umzug betroffen sind, bieten sich drei Optionen an. Nummer Eins: Die Bergbaugesellschaft LKAB zahlt für die Häuser, die abgerissen werden. Ihre Bewohner bekommen den Marktpreis und zusätzlich 25 Prozent. Doch obwohl die Auszahlungen höher sind, als der marktübliche Verkaufspreis, reichen sie nicht, um einen gleichwertigen Neubau in der Stadt zu kaufen. Deswegen droht die Gefahr, dass viele Betroffene den Ort verlassen werden, um woanders ein Haus zu kaufen.</p>
<p>Die zweite Alternative ist die so genannte „Schlüssel gegen Schlüssel“ Lösung. Als Immobilienbesitzer kann man in Neu-Kiruna ein Ersatzhaus erhalten. Das Problem ist, dass die meisten davon aber noch nicht fertig sind.</p>
<p>Nur die dritte Möglichkeit verlegt ganze Häuser auf Räder. Sie betrifft aber hauptsächlich nur kulturell bedeutende Bauten: Insgesamt rund vier Dutzend werden auf diese Art nach Neu-Kiruna verlegt.</p>
<p>Jönssons Situation fiel allerdings in keine der oben genannten Kategorien. Seine Wohnung gehörte der Minengesellschaft: Genau wie Hunderte von anderen Einwohnern in Ullspiran, hatte er seine Unterkunft gemietet. Ihm hatte LKAB schließlich ein anderes Mietshaus angeboten. Der Ersatz liegt nur wenige Straßen von dem ursprünglichen Ort entfernt. Doch das Problem wurde nur aufgeschoben: 2023 soll auch hier alles abgerissen werden. Wie es dann für ihn weitergeht, weiß Jönsson noch nicht.</p>
<h2>Monstrum und Mutter</h2>
<p>Der 55-Jährige will jetzt noch nicht daran denken. Die Mine wird es schon richten, da ist er sich sicher. Die meisten Bewohner Kirunas haben ihr Leben schon immer nach ihr ausgerichtet. Einerseits ist die Mine ein riesiges Monstrum, dass die Heimat auffrisst. Andererseits ist sie seit über hundert Jahren der größte Arbeitgeber der Region und sorgt fast wie eine Mutter für die Bewohner.</p>
<p>Die Grube Kiruna existiert seit 1890. Eine gefühlte Ewigkeit. Sie gilt als das größte unterirdische Eisenerz-Bergwerk der Welt. Und Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag ist das älteste staatliche Bergbauunternehmen Schwedens. 365 Tage im Jahr wird in LKAB-Minen Eisenerz gefördert, die jährliche Menge an daraus gewonnenem Stahl entspricht ungefähr sechs Eiffeltürmen.</p>
<p>Es ist gerade Weihnachtszeit und Glühbirnenketten lassen die Grube fast schon festlich erscheinen, rund zwei Kilometer vom alten Stadtzentrum entfernt. Über dem schornsteinähnlichen Lüftungsschacht stehen Wolken, die an Rauchschwaden erinnern. Auf mehrere Stockwerke verteilen sich „Die Decks&#8220;, wie ein großes Schiff liegt die Mine zu Anker.</p>
<p>Jede Nacht, pünktlich um 01.20 Uhr, sprengen die Arbeiter untertage. Zurzeit fördert LKAB Eisenerz auf einem Niveau von 1.365 Metern unter dem früheren Gipfel, den die Samen „Berg des Schneehuhns“ nennen. Man hört das Grollen, spürt die Vibration. Es wird ausgerechnet mitten in der Nacht gesprengt, weil es zu diesem Zeitpunkt nur wenige Bergarbeiter untertage gibt. Falls die Sprengung schiefgeht, so das Kalkül, wird es weniger Opfer und Verletzte geben. Die nächtlichen Detonationen sind in Kiruna Teil des Alltags geworden. Es ist, als hätte man Jörmungandr, die Midgardschlange aus der Wikinger-Legende, gezähmt.</p>
<p>„Wir leben hier in einer Bergbaustadt. In einer company town,“ sagt Fredrik Björkenwall. Er arbeitet in der Kommunikationsabteilung von LKAB. Björkenwalls Großvater war sein Leben lang Bohrer. Ganz unten, im Bauch der Mine.</p>
<p>Rund 540 Meter unter dem Gipfel des Berges ist die Luft feucht und lauwarm. Björkenwall führt in einen großen unterirdischen Raum, den man nach einer 15-minütigen Autofahrt durch den Tunnel erreicht. Seltsame Schatten tanzen an den Wänden. Wie schimmernde Blauwale tauchen gigantische stillgelegte Bohrmaschinen aus der Dunkelheit auf. Die Techniker halten die Temperatur das ganze Jahr über konstant: angenehme 18 Grad Plus. Der Grund: So unzerstörbar die schweren Geräte auch aussehen mögen, arktische Kälte zwingt sie in die Knie.</p>
<p>Hier im Herzen der Mine offenbart sich eine unterirdische Parallelwelt. Es gibt eine Kantine, einen Werkzeugladen, sogar einen Konferenzraum. Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat sich hier wohl ein Mittagessen gegönnt, als er 2013 an der Tagung des Arktischen Rats in Kiruna teilnahm.<br />
In dieser Parallelwelt dreht sich fast alles ums Geld. Auch wenn das Geld sich in Form von Eisenerz (apatithaltigen Magnetit) manifestiert und schwarz ist. 2018 erzielte LKAB einen Gewinn von rund 628 Millionen Euro vor Abzug von Steuern. Dafür grub das Unternehmen 26,8 Millionen Tonnen Eisenerz aus der Erde.</p>
<p>LKAB-Sprecher Björkenwall sagt, es sei wirtschaftlich leider notwendig, auch jenes Erz zu fördern, das unter Kiruna liegt. Selbst wenn die Stadt dafür verlegt werden muss. Dafür wolle das Unternehmen bis zum Jahr 2035 fast zweieinhalb Milliarden Euro in die Gemeinde-Umwandlung investieren.</p>
<h2>Das Gefühl des Fjells</h2>
<p>Derweil breitet sich mehrere hundert Meter oberhalb des Förderschachts unter dem weiten Himmel Lapplands ein ganz anderes Universum aus. Hier herrscht die Landschaft namens Fjell. In den spätsommerlichen Tagen leuchtet sie in allen Schattierungen von smaragdgrün bis lila. Von Ende August bis Ende März tanzen die Polarlichter im Nachthimmel, spektakulär und bunt, als hätten sie ihrer Umgebung alle Farben geraubt. In großen Herden suchen Rentiere nach Futter.</p>
<p><div id="attachment_7148" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img aria-describedby="caption-attachment-7148" class="size-medium wp-image-7148" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-375x600.jpg" alt="" width="200" data-id="7148" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-375x600.jpg 375w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-768x1228.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-750x1200.jpg 750w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-94x150.jpg 94w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-400x640.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1.jpg 1063w" sizes="(max-width: 375px) 100vw, 375px" /><p id="caption-attachment-7148" class="wp-caption-text">Mathias Keinil ist Same.</p></div></p>
<p>Besuch bei einem echten Samen Kirunas, etwas mollig mit rötlichen Wangen, sitzt er in seiner Wohnung. „Wir sind schon immer mit der Rentierzucht beschäftigt gewesen – soweit wir zurückdenken können“, sagt Mathias Keinil. Der 41-jährige ist in einem kleinen Dorf rund zwanzig Kilometer nördlich aufgewachsen. Seit er elf Jahre alt ist, kennzeichnet er seine Rentiere mit der eigenen Ohrmarke, die ihm sein Großvater gegeben hat. Jeder Rentierbesitzer muss eine haben. Sie wird mit einem Messer in das Ohr des Kalbes geschnitten und kennzeichnet, wem es gehört.</p>
<p>In ganz Schweden leben rund 4.500 Rentierbesitzer. In der Gegend rund um Kiruna gab es 2009 mehr als 141.000 Rene. „Wir haben keinen Einfluss auf sie“, sagt Keinil. „Es sind die Rentiere, die entscheiden, wo sie hinwollen. Wir helfen nur.“ Jeden Sommer ziehen sie nach Westen und jeden Winter – unvermeidlich, wie der Herzschlag der Natur – nach Osten. Wenn eine Kuh mit einem Kalb trächtig ist, geht sie immer zu dem Ort zurück, an dem sie selbst geboren wurde.</p>
<p>Wenn Keinil über die Wanderrouten der Rene erzählt, leuchtet sein rundes Gesicht mit demselben milden Licht auf, das an einem Julitag über die skandinavischen Bergtundra strahlt wird. Für ihn ist das Leben einfach. Ende August wird geschlachtet. Im Mai werden die neuen Kälber geboren. Das ist der Kreislauf des Lebens.<br />
Doch dieser Kreislauf ist bedroht. Laut dem Rentierhalter gibt es drei Faktoren, die sich in den uralten Zyklus einmischen und bei ihm zum plötzlichen Herzrasen führen können: Abholzung, Windparks und der Bergbaubetrieb.</p>
<h2>Demokratie in Aktion?</h2>
<p>Doch zu heftigen Protesten wegen des Bergbaus ist es in Kiruna bislang nicht gekommen. Weder von den Samen, noch von den anderen Einwohnern. Die Loyalität zu der Mine ist einfach zu groß. Heutzutage arbeiten in der Grube rund 500 Kumpel, insgesamt sind 4.200 Menschen bei dem staatlichen Bergbauunternehmen tätig. Etwa zehn Prozent von Kirunas 18.000 Bewohner sind direkt bei LKAB angestellt. Und noch viel mehr arbeiten bei den zahlreichen Subunternehmen und Dienstleistern des Bergwerks.<br />
Nicht zuletzt dank der Mine ist das mittlere Einkommen in Kiruna sogar höher als in Stockholm. Selbst Ungelernte können bei LKAB einen Bruttolohn von fast 4.500 Euro im Monat verdienen. Es scheint, dass man sich hier an diese Sicherheit gewöhnt hat.</p>
<p>Im Laufe der Zeit ist der Umzug zum Status quo geworden. „Ursprünglich gab es sieben verschiedene Stellen, die als mögliche Destinationen genannt wurden“, sagt Dan Lundström. Seit Januar 2017 leitet er die Firma Kiruna Storytelling, die sich mit der urbanen Transformation beschäftigt. Früher war er auch Vorsitzender der lokalen Mietervereinigung. Laut Lundström gab es am Ende nur zwei Alternativen: Die Stadt nach Nordwesten zu verschieben oder rund vier Kilometer nach Osten.</p>
<p>Gunnar Selberg, Gemeinderat&nbsp;für die grünliberale Zentrumspartei, der zum Zeitpunkt der Debatte auch Teil der Gemeinderegierung war, erinnert sich sehr gut daran: „Eigentlich waren wir dafür, eine Volksabstimmung durchzuführen“. Wichtig wäre das nicht nur wegen der Einwohner gewesen, sondern hätte auch eine Möglichkeit sein können, verschiedene Alternativen zu diskutieren. Aus dieser Idee ist aber nichts geworden. „Wir wurden nicht gehört“, meint der Politiker. Die Ost-Alternative hat schließlich gewonnen, was laut Selberg eine Entscheidung der Regierung war. Man hat die Leute von Kiruna nie gefragt, ob sie damit einverstanden sind.</p>
<p>Und nun wird die Entscheidung eben umgesetzt. Zunächst wurden 19 kulturell bedeutende Gebäude verlegt, auch auf Rädern wie die &#8222;Gelbe Reihe Häuser&#8220;. Vor kurzem wurde die Liste auf 39 Bauten erweitert. Dazu gehören unter anderem die Rundfunkstation, das Krankenhaus, die alte Feuerwache, das Gebäude der Heilsarmee und der Stolz der Kiruaner, die Kirche. Ein schönes, rotes Holzbauwerk, das an ein Wikinger-Schloss erinnert.</p>
<p><div id="attachment_7150" style="width: 510px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-7150" class="size-medium wp-image-7150" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-600x375.jpg" alt="" width="500" data-id="7150" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-600x375.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-768x480.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-1200x750.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-150x94.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-1250x782.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-400x250.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1.jpg 1700w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /><p id="caption-attachment-7150" class="wp-caption-text">Die Kirche in Kiruna.</p></div></p>
<h2>„Die Toten müssen ja auch mit“</h2>
<p>„Sogar die Toten müssen mit“, sagt Rasmus Norling. Rasmus, 41 Jahre alt, arbeitet als stellvertretender Kommunaldenkmalpfleger bei der lokalen Gemeinde. Er trägt einen hellblonden Pferdeschwanz mit vereinzelten grauen Strähnen und eine Menge philosophischer Gedanken in sich.</p>
<p><div id="attachment_7152" style="width: 348px" class="wp-caption alignleft"><img aria-describedby="caption-attachment-7152" class="size-medium wp-image-7152" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-338x600.jpg" alt="" width="338" height="600" data-id="7152" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-338x600.jpg 338w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-768x1365.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-675x1200.jpg 675w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-84x150.jpg 84w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-400x711.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3.jpg 844w" sizes="(max-width: 338px) 100vw, 338px" /><p id="caption-attachment-7152" class="wp-caption-text">Das Grab des ersten Direktors der Mine.</p></div></p>
<p>Kurz vor der Kirche bleibt Rasmus abrupt stehen und zeigt einen kleinen, mit Buchen bewachsenen Gedenkhain. Dort thront ein großer grauer Gedenkstein samt Bild und Inschrift. Das Monument wäre einem nordischen Fürsten angemessen, ehrt aber den Gründer der Stadt, der auch der erste Direktor der Mine war: Hjalmar Lundbohm. Ohne ihn hätte die Stadt ihre heutige Identität wahrscheinlich nie entwickelt, schwärmt Rasmus. „Die Mine war sein Lebenswerk“. Dann schweigt er kurz. „Eine Weile war die Frage offen: Lassen wir ihn hier? Soll ihn seine geliebte Grube jetzt verschlucken?“</p>
<p>Laut Gesetz soll die Ruhe der Toten gewahrt, eine Vermischung der Asche unbedingt vermieden werden. Auch wurde Lundbohms Grab noch nie geöffnet. Dies ist nur in besonderen Ausnahmefällen möglich. Rasmus klingt resigniert: „Wie können wir das jemals schaffen?“.</p>
<p>Vielleicht, überlegt er, könnte man den Boden einfrieren und den als einen einzigen Eisklumpen verlegen. Oder den Ort exakt vermessen, alle Steine ausgraben, sie Stück für Stück verlegen und sie an der neuen Stelle exakt zusammensetzen. Schließlich gibt Rasmus auf und will sich weiter mit anderen beraten. „Schließlich, passiert es ja nicht alle Tage, dass man die Toten umbettet“. Sicher scheint ihm nur: Kiruna wird umziehen. <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/12.0.0-1/72x72/2666.png" alt="♦" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></p>
<hr>
<p><em>Mehr zum Thema erfahrt ihr in diesem Video unserer Autorin :</em></p>
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			</item>
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		<title>Good Decisions never make Great Stories</title>
		<link>https://www.weltseher.de/good-decisions-never-make-great-stories/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 08 Jan 2017 01:35:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[adventure]]></category>
		<category><![CDATA[cyclist]]></category>
		<category><![CDATA[English]]></category>
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		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[I'm a 25-year-old bloke from Australia who grew up on a farm and has worked in electrical maintenance for the past few years. I'm just over one month into my 6-month bicycle tour across Europe from Greece to Scotland.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/good-decisions-never-make-great-stories/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>I&#8217;m a 25-year-old bloke from Australia who grew up on a farm and has worked in electrical maintenance for the past few years. I&#8217;m just over one month into my 6-month bicycle tour across Europe from Greece to Scotland. </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Back home I&#8217;m still living on the farm near Melbourne with my father. But I&#8217;d been thinking about traveling through Europe for over a year. But it is expensive and I&#8217;m broke. Also I wanted to explore it properly if I was going to do it. Then last December I got sick and was in bed for a week. As you do, I ended up watching YouTube videos most of the time and thinking about what I was doing with my life. Somehow I came across some videos of people riding their bikes around the world, and I couldn&#8217;t stop watching.</p>
<p style="text-align: justify;">Though you couldn&#8217;t tell now, I&#8217;ve been a serious gym junkie for the past 3 years and have a passion for deer hunting and mountain bike riding. So as soon as I heard about this bicycle touring, which combined parts of the three things I enjoy doing the most and also how cheap you can do it, I thought: “I have to do this!&#8220;. All week I watched how-to bicycle touring videos, then I immediately began to save money, plan my route, and equipment list. I told everyone my plans, bought all the gear, applied for a passport and before I knew it at the end of March I was on a 20-hour flight to Athens, Greece.</p>
<p><div style="width: 510px" class="wp-caption aligncenter"><img src="https://api.mapbox.com/styles/v1/weltseher/cixkbjjfq004i2snvxds74tqp/static/7.934921,48.916767,3.05,0.00,0.00/500x500?access_token=pk.eyJ1Ijoid2VsdHNlaGVyIiwiYSI6ImNpeDk3ZnlvNzAwMW0yem52MWljYXUyMGkifQ.wMePS4YvHbQjE0_YDaVMuw" alt="from Greece to Scotland: 6.000 km by bicycle" width="500" height="500" /><p class="wp-caption-text">From Greece to Scotland: 6.000 km by bicycle</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">I wanted to do this as a solo trip from the start because I was hoping it would make me grow as a person and force me to be more outgoing and sociable, which is something I&#8217;ve struggled with all my life.</p>
<p style="text-align: justify;">Considering what I was about to do, in the lead up to leaving I was very calm and just in the moment. Not excited or anxious. It wasn&#8217;t until I saw the mountains from the window of the airplane that I gave a massive grin from ear to ear. It was only then I realized that I was making my dream come true.</p>
<p style="text-align: justify;">And so the adventure began. I had with me my bike in a box pulled to pieces. When I arrived at the airport, my plan was to put the bike together there and ride the 30km into the city to my hotel. However, my duffel bag that contained my tools had not made it onto flight during the layover in Doha! After calling my brother and mother, we decided my best bet would be to get a taxi to the hotel and wait for my bag there. But none of the taxis were big enough to fit the bike box.</p>
<p style="text-align: justify;">After walking around the airport with this 20kg box and 7kg pannier for an hour, I found a tourist information desk where the bloke told me my best option would be the train. After asking a beautiful young lady which train I needed to take to get into the city I knew roughly where the hotel was from there. So I was walking 10m at a time then having to stop and change hands. I walked about half a kilometer the wrong way on the street the hotel was on because I couldn&#8217;t see any numbers. I entered the front door with a big smile of relief. The next day my duffel bag was delivered and my adventure could finally begin.</p>
<p style="text-align: justify;">I was ready to hit the road. It was a hot day but I was feeling good and excited to be starting the journey. I made it about 30km to the bottom of the mountains when I stopped for lunch in the shade on the side of the road. Then as soon as I hit the start of the climb both my thighs cramped badly. I had to pull off into the ditch and sit there, cursing while trying to stretch them out.</p>
<p style="text-align: justify;">I knew from training in the gym my body was going to suffer for the first 2 or 3 weeks until it adapted, and I had mentally prepared myself for that. I had not done any training on a 35kg touring bike before I&#8217;d left because I only got the last of my gear just before flying out. After 15 minutes or so I could walk again. So I pushed the bike to the top of the first little hill then rolled down the other side into a small town.</p>
<p style="text-align: justify;">On the flat ground I could pedal without problem. I pulled into the last restaurant at the edge of the town to fill up my water bottles then I was off down the hill feeling good again. Then it started again: Bang! Cramping again. Being the first day I was very determined to make it to the town another 70km away on the other side of the mountains. And I began to walk again up this mountain road. Then I heard a stray dog barking from a cliff above.</p>
<p>    <div id="aesop-quote-component-6531-1"          class="aesop-component aesop-quote-component    aesop-component-align-center  aesop-quote-type-block   quote-left-right " style="background-color:#ffffff;color:#ffffff;height:auto;width:700px;">

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                <span>Shit, what had I got myself into?</span>
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            </div>
            </p>
<p style="text-align: justify;">I&#8217;d been warned about them before I left but didn&#8217;t really know what to expect. Anyway, while I was watching the dog as I walked around the corner there were five more on the road in front of me! Shit, what had I got myself into? I can&#8217;t walk, I&#8217;m by myself, and surrounded by feral dogs in the mountains of Greece!</p>
<p style="text-align: justify;">Luckily the dogs weren&#8217;t that aggressive. I walked past keeping the bike between me and them. As I continued up the mountain the cramping began again until I couldn&#8217;t even walk. I remember being stuck up against the cut-away cliff on the inside corner of the road for 30 minutes unable to stand. I was so frustrated! I knew: all I had to do was move forward and I would make it eventually. But I couldn&#8217;t and that was the only thing that scared me.</p>
<p style="text-align: justify;">After I could stand again I made a plan slowly to walk five to ten minutes then stop and rest. I tried walking backwards, crab walking and putting all my weight on the bike to try and use different muscles. After a few hours I could start to walk a little faster. And when I felt my thighs start to tighten again I&#8217;d force myself to slow down. At least the mountain view was amazing.</p>
<p style="text-align: justify;">As I got closer to the top, I could see all the way to the sea. The road finally leveled out and I jumped back on the bike. When I got to the very top of the mountain I was so happy and I couldn&#8217;t help but let out a huge “Woohoo!”</p>
<p><div id="aesop-gallery-6540-2"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6540" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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<p style="text-align: justify;">I rolled down the other side of the mountains onto the open flats below. At this point I had gone 80 kilometers. Before that the furthest I&#8217;d gone on a bike in one day was 60 kilometers, with no pannier! So after another 30 and a total of 110, just in the darķ, I rode and headed straight for the first fast food place I could find. Nobody spoke any English there. I just gestured, “lots of food, biggest meal you&#8217;ve got.” After they brought out a big pizza for me, I sat down. I&#8217;d never been so exhausted in my life. I was so exhausted I could hardly eat.</p>
<p style="text-align: justify;">I sat there for an hour and a half only to force down half the pizza. It was about ten in the evening by then and I didn&#8217;t know where I was going to sleep. There were no hostels or campgrounds in this area. I put my bike lights on and rode in the direction I had to go the next day, looking for a place to put up my tent. As I was leaving the other side of town I came across a vacant overgrown industrial block with only a few retails stores around.</p>
<p style="text-align: justify;">There was a row of trees and a high fence running up the side of it. I was so exhausted that that will have to do. I waited until there were no cars in sight and quickly hid next to the fence. I opened my sleeping bag and camping mat, then put the alarm for 5:30am. I had to be out of there before daybreak. This was the first day of my journey.</p>
<p style="text-align: justify;">Later that week, I stopped at a cafe in central Greece to get some lunch. I met another lovely young lady there and a man from Athens that spoke English very well. After spending the afternoon talking with him, he organized for me to camp behind the cafe then bought me a beer before he left! I only had to ride 60km the next day, so I was in no hurry. I went for a ride up the mountain nearby, got some lunch and went back to the cafe to spend some time with this girl after she finished her shift.</p>
<h2 style="text-align: justify;">No time for love stories</h2>
<p style="text-align: justify;">After spending a few hours together talking and sharing our photos I ended up leaving for Thermopolis at about 4pm. Did you expect a love story now? This is an adventure and no rom com, you fools!</p>
<p style="text-align: justify;">My legs had come a long way already and I made it up and over the mountains to the coast without any problems. I got to the statue of Leonidas just before dark, which was another dream-come-true moment. If you have seen the movie &#8222;300&#8220; (or know greek history) then you know that Leonidas was a king of the ancient Sparta. He died fighting the Persians together with 300 of his best warriors.</p>
<p style="text-align: justify;">I sure felt hungry as a greek warrior. But where to find food? According to my GPS there were no restaurants in Thermopolis so I rode another 10 kilometers up the highway to a larger city. Before I reached it I came across a massive fast food restaurant. Perfect. It was dark and cold outside and as I ate my meal I thought about where I was going to sleep. Again it was after 10pm. By the time I left and I was not very keen on riding into the city at that time of night. So I looked at the GPS to see if I could find somewhere to camp.</p>
<p style="text-align: justify;">There was only open farmland between me and the city. I was on a smaller road running parallel with the freeway when I found a big dark tunnel running under the freeway. I stopped for a look. It was fairly new and clean with a gravel floor and a small canal running through it. This will do, I thought, I&#8217;m too exhausted to look for anything else. So I set up my camp and slept with my down jacket on for warmth. Although there were odd splashing sounds coming from the canal I slept quite well. I was up and out of there before daybreak. On the road again.</p>
<p style="text-align: justify;">After these and a few other experiences I quickly learned that I needed to find better camping spots. Another thing that I was learning: Greek people are incredible hospitable. One afternoon I stopped at an out-of-the-way petrol station in the farmland of north central Greece. When I sat down to eat my orange the owner appeared. The old man an didn&#8217;t speak much English. But he sat with me as I told him what I was up to, with the help of some pictures. When I showed him the map of where I was planning to ride, he went inside and came back with a shot of vodka for me. He laughed as I coughed from the strength of it as he went to serve a customer.</p>
<p>    <div id="aesop-quote-component-6531-2"          class="aesop-component aesop-quote-component    aesop-component-align-center  aesop-quote-type-block   quote-left-right " style="background-color:#ffffff;color:#ffffff;height:auto;width:700px;">

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                <span>Watch out for bears!</span>
                            </blockquote>

            
            </div>
            </p>
<p style="text-align: justify;">The local farmer he was serving spoke a little English and joined us. We drank frapee and ate nuts as we looked out at Mount Olympus in the distance. I asked if I could camp behind the petrol station and he was happy to have me there. As a cyclist is always hungry I then asked where I could find food. He sent me to the little village 5 kilomters up the road to a small restaurant where I got a Souvlaki for 1 euro! When I was leaving the next morning I tried to pay him for everything. But he insisted I didn&#8217;t, saying &#8222;souvenir souvenir&#8220;. That was just one of the times people have been so welcoming and hospitable on my journey.</p>
<p style="text-align: justify;">That was all in the first few week. Since then I&#8217;ve been riding for two and half days through the Rhodope mountains of Bulgaria with no money or food except three small bags of peanuts. One night the police came visit me in my tent while camping next to the road. I&#8217;ve been humbled and inspired by meeting a huge variety of fellow travelers on their own adventures that make mine seem like a walk in the park. I even had a dog joyfully follow me up one side of the Carpathian mountains in the pouring rain when I felt like giving up for the day. And I was scared to shit when a bear wandered past my tent while camped in the forest.</p>
<p style="text-align: justify;">Every four or five days I would stop at hostels in towns and cities that I want to see more of. Like in the Hikers Hostel in Plovdiv, the second biggest city in Bulgaria, that I had never heard of but which looks amazing. I usually stay for a couple of days, which allowed me to meet lots of others travelers from all over the world. When I meet other cyclists we share experiences and talk about our bikes like we are formula 1 drivers. But in Plovdiv a 70-year-old Russian guy put us in our place. He was riding around the world since many years, and I shit you not, on what looked like a 12-year-old girl&#8217;s bike from the 80s. All he was carrying was a small backpack, a sleeping bag and a thin foam sleeping mat. Not even a tent. This was the toughest guy I&#8217;ve ever met. He had joy in his eyes and a cheeky grin on his face like a 15-year-old boy that was up to no good.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Surprised by rivalries between European countries</h2>
<p style="text-align: justify;">Also, while in Plovdiv I made friends and partied (a little too hard) with a group of fellow adventurers that had either recently finished or were currently on big journies like myself. It was very difficult leaving the hostel after having had such a great time with people that shared a common bond. I&#8217;ve continued to meet and befriend many more cool and crazy characters since.</p>
<p style="text-align: justify;">Being my first time out of Australia it&#8217;s funny to notice all the differences compared to home. Besides the obvious things like the incredible architecture and history in all the cities, it&#8217;s things like the animals I have liked most. I&#8217;ve grown up watching tv shows and movies with skunks and squirrels. They&#8217;re in all the cartoons but I&#8217;d never seen them before. I guess most people not from Australia feel the same way about kangaroos.</p>
<p style="text-align: justify;">But probably the biggest thing I&#8217;ve learned is how different and interdependent all these tiny countries are, the vast cultures, languages and rivalries have really surprised me. I had thought that considering the countries were so small and close together the people would be similar and happy to move around freely. But there seems to be a lot of stigma about neighbouring countries and old grudges that divide them.</p>
<p style="text-align: justify;">Overall I&#8217;m just so grateful to have spent time with the awesome people I&#8217;ve meet and befriended so far. I have my health and the opportunity to do what I&#8217;m doing. My plan is simple: just keep being cheerful in the face of adversity and soak up every bit of this crazy adventure as it comes. Because good decisions never make great stories!</p>
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		<title>Das Sperma der Götter</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 May 2016 08:43:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[England]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Druiden]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Sebastian Hesse]]></category>
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					<description><![CDATA[In England blüht die Tradition der Druiden wieder auf. Unser Autor Sebastian Hesse hat einige von ihnen besucht, um herauszufinden was der ganze Hokuspokus um Bäume, Misteln und Steinkreise soll.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/das-sperma-der-goetter/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In England blüht die Tradition der Druiden wieder auf. Unser Autor Sebastian Hesse hat einige von ihnen besucht, um herauszufinden was der ganze Hokuspokus um Bäume, Misteln und Steinkreise soll.</strong></p>
<p>Allzu viel Phantasie braucht man nicht, um sich vom Glastonbury Tor aus eine Inselwelt herbeizu(tag)träumen. Zahlreiche Hügel haben die radikale Kultivierung der Landschaft in der Grafschaft Somerset überstanden. Früher, so erklärt es mir Pat Mead, sei die Gegend regelmässig überschwemmt worden. Feuchtes Marschland, das große Teile des Jahres unter Wasser stand. Die Hügel jedoch hätten aus der Wasserfläche heraus geragt. Sie seien zu Inseln geworden. Und, wie so oft im südenglischen Nebel, nur noch schemenhaft zu erkennen gewesen. Hier entstand einst die Legende von Avalon. Jener mythischen Insel, auf der das irdische Leben des Sagenkönigs Artus endete. Die Apfelinsel, wie die Kelten sie nannten. Pat jedoch erzählt die Geschichte anders. Für Pat liegt hier tatsächlich Avalon. Bis heute. Wegen Avalon ist sie einst nach Glastonbury gezogen. Denn Pat Mead ist Druidin.</p>
<p>In England berichten Menschen mit einer spirituellen Ader häufig über ihre prägende Begegnung mit einem Ort. Die Zuneigung für einen Landstrich wird gerne schwärmerisch verklärt. Landbewohner in England ziehen ein Lebensgefühl aus der Geographie, die sie umgibt. Sie verspüren eine intensive Verbundenheit mit natürlichen Orten: Achtung, Tiefe. Das hat mit der Schönheit unberührten Landes zu tun, seinen Farben und Gerüchen. Aber auch mit dem, was Menschen mit entsprechendem Sensorium in diese Landschaften hineinlesen können. Was sie an Mythologie dechiffrieren an Orten, zu denen sie sich intuitiv hingezogen fühlen. An solchen Orten überlappen sich geographische und mythische Landschaften. Nach keltischem Glauben existieren an bestimmten Orten Übergänge zwischen der Menschenwelt und der Anderswelt.</p>
<h2>Für König Artus</h2>
<p>Diese instinktive Verbundenheit mit einem Landstrich war es, die Pat Mead einst nach Glastonbury gebracht hat. „Ich bin wegen Artus zum ersten Mal hierher gekommen“, erzählt sie mir. „In einem Buch hatte ich ein Bild vom Glastonbury Tor gesehen. Und eine innere Stimme sagte: Geh da hin! Das haben wir dann auch gemacht, mein Mann und ich. Sind hierher gezogen!“ Ursprünglich stammt sie aus den britischen Midlands bei Birmingham. Einer spontanen Eingebung folgend verlagerte sie mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann ihren Lebensmittelpunkt an den Fuß des Glastonbury Tors. Über Nacht brachen sie ihre Zelte ab, um einem merkwürdigen Sog gen Westen zu folgen.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-2.jpg" data-caption="Zum Ritual geschmückte Frauen mit Blumenschmuck auf dem Primrose Hill" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-9.jpg" data-caption="Druiden haben sich zum &quot;Spring Equinox Ritual&quot; am Tower Hill in London aufgereiht" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-10.jpg" data-caption="Druiden bilden am Tower Hill in London einen rituellen Kreis" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-4.jpg" data-caption="Am Primrose Hill wird ins Horn geblasen" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-5.jpg" data-caption="Diese zwei Kinder finden das mystische Spektakel am Primrose Hill besonders spannend" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-6.jpg" data-caption="Ein Blumenmädchen am Primrose Hill" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-7.jpg" data-caption="Rechts im Bild: Philip Carr-Gomm" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-8.jpg" data-caption="Druiden-Spektakel vor der berühmten Tower Bridge in London" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden.jpg" data-caption="Ob hier wirklich alles Jungfrauen sind, wissen wir nicht. Jedenfalls erklimmt der &quot;Jungfrauenzug&quot; den Primrose Hill" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/04/druiden-3.jpg" data-caption="Druidisches Schattenspiel am Primrose Hill " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-21.jpg" data-caption="Druidinnen am Tower Hill" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23.jpg" data-caption="Bei dieserZeremonie vor dem Glastonbury-Tor reißt diese Druidein beschwörend die Arme nach oben" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-26.jpg" data-caption="Zwei Druidinnen in Avebury" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-27.jpg" data-caption="Adrian und JJ bei der Mistelernte" alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Sebastian Hesse</p></div></p>
<p>Pats Bungalow hat wenig gemeinsam mit den urigen Cottages des ländlichen Englands. Er ist modern, funktional, eher einfach und schmucklos. Auch die Einrichtung läßt nicht darauf schließen, dass hier jemand mit ausgeprägt spirituellem Sensorium lebt. Pat und ich sitzen in ihrem kleinen Wohnzimmer, auf einer Sofagarnitur, die bessere Tage gesehen hat. Wir trinken Tee und beobachten die Dachse, die auf ihrer kleinen Terrasse nach Leckerbissen suchen. Pat hat als junges Mädchen Deutsch gelernt und hört heute noch regelmässig deutsche Radiosendungen. Sie spielt im Verein Tischtennis. Und Theater in einer Laienspieltruppe. Und sie engagiert sich in ihrem druidischen Grove. Grove, Hain, nach den heiligen Hainen der heidnischen Priester. So nennen sich die Ortsgruppen der druidischen Orden. Der in Glastonbury nennt sich Appleseed Grove.</p>
<h2>Lebendiger Mythos</h2>
<p>So unscheinbar ihr Haus, so spektakulär ist die Lage ihres Grundstücks. Ein Hohlweg führt vom Chalice Well Garden den Hügel hinauf zu Pat. Wenn man ihn zu Ende läuft, steht man am Fusse des Tor. Mehrfach am Tag schaut sie hoch auf den magischen Hügel. Hinauf zu dem geheimnisvollen Turm auf seinem Gipfel. Die erhabene Szenerie bestärkt sie immer wieder aufs Neue darin, dass der Umzug nach Glastonbury zwangsläufig und alternativlos war. Der alte Mythos ist für Pat sehr lebendig: „Oh, er lebt, ja! Vor allem, wenn ich von Westen her nach Glastonbury hereinkomme. Da fährt man über eine bestimmte Brücke, die Pomparles Bridge. Früher war hier ein großer See, den der Fluß Brue gespeist hat. Das soll der See der ‚Lady of the Lake’ gewesen sein, die Artus das Schwert Excalibur gab. Daran muss ich immer denken, wenn ich über die Brücke fahre: Das ist wie nach Hause kommen. Ich bin zurück in Avalon und ich bin in Sicherheit!“</p>
<p>Dieses besondere Gespür für die Magie eines Ortes ist auf den britischen Inseln bemerkenswert ausgeprägt. In seltsamem Kontrast zum beinahe völligen Verschwinden von Wildnis und unberührter Natur in den englischen Grafschaften. Adrian Rooke ist wie Pat Mitglied des größten britischen Druidenordens, des Order of Bards, Ovates and Druids, kurz OBOD. Ich besuche ihn in Bristol. Dort wohnt der Sozialarbeiter im Gartenhaus auf dem Grundstück seines Sohnes. Adrian entspricht viel mehr als die pensionierte Lehrerin Pat meinen Vorstellungen von jemandem neuheidnischen, naturreligiösen Glaubens.</p>
<h2>Schamanischer Steinkreis</h2>
<p>Adrian trägt sein angegrautes Haar lang, ist über und über mit tribal tatoos bedeckt. Er schmückt sich mit Amuletten, Ohrringen und allerhand anderem Schmuck, den er teilweise selber hergestellt hat. Ein gewaltiges Bett füllt das Wohn- und Schlafzimmer in seinem Gartenhaus fast völlig aus. Für Adrian ist es weit mehr als nur eine Schlafstätte. Hier meditiert er, liest dicke Wälzer über Glaube, Leben und Rituale seiner Ahnen. Hier schnitzt er die Zauberstäbe, die er auf Druidentreffen verkauft. Handschmeichler sind Adrians hölzerne Fetische. Und obendrein sollen sie Glück bringen. Adrian hat Suppe gekocht. Nach dem Essen nimmt er mich mit zu einem Steinkreis in der Nähe von Bristol. Zu einer Art schamanischer Séance.</p>
<p>Tags drauf fahre ich mit Adrian und seinem Freund Jay-Jay auf eine Apfelfarm auf dem Lande, irgendwo zwischen Bristol und Glastonbury. Die beiden haben mich eingeladen an einer jährlichen Zeremonie teilzunehmen, die ihnen heilig ist. Und zu der sie noch nie einen Außenstehenden mitgenommen haben. Wir gehen Misteln schneiden. In den Baumkronen der Apfelbäume wächst und gedeiht die heilige Pflanze der Druiden besonders üppig. Der Apfel-Farmer ist froh, dass ihm jemand den Parasiten dezimiert. Und Adrian und Jay-Jay machen reiche Beute für die bevorstehende Wintersonnenwendfeier ihres Druidenordens.</p>
<p>Auf dem Farmgelände steigt Adrian mit einer Leiter in die Baumkronen, sägt die Mistelzweige ab und wirft sie mit Bedacht vom Baum. So, dass JJ sie auffangen kann. Damit sie nicht den Boden berühren. „Die Mistel ist eine einzigartige Pflanze. Weil sie keine Wurzeln hat, die sie mit der Erde verbinden“, erklärt mir Adrian. „Misteln sind Himmelspflanzen, Sonnenpflanzen.“</p>
<h2>Göttliches Sperma</h2>
<p>Er zerdrückt die weißen Beeren der Mistel in seiner Hand. Und hat die klebrige Masse daraus zwischen den Fingern. Die erinnert an Sperma. „Unsere Ahnen haben geglaubt, es handele sich um das Sperma der Götter“, sagt er, „das mitten im Winter das Land neu befruchtet.“ Und JJ ergänzt: „Die alten Druiden haben die Mistel besonders verehrt, wenn sie in den Kronen der Eichen wuchs. Die Eiche galt als Baum der Sonne. Bei der rituellen Mistelernte wurde der Samen der Sonne wieder mit der Erde verbunden.“ Darum sei die Mistel ein Symbol für die Wiedergeburt zur Wintermitte. Die Rückkehr der Sonne. „Deshalb küsst man sich heute noch unter dem Mistelzweig“, schmunzelt JJ, „weil dieses Ritual etwas Lebensbejahendes hat!“</p>
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<p>JJ, Adrian und ich laden die frisch geschnittenen Mistelzweige in den Kofferraum von Adrians klapprigem Toyota. Am Abend werden die beiden den Versammlungsraum für das Druidentreffen mit den heiligen Pflanzen dekorieren. „Das verbindet uns mit diesem Land und dieser Jahreszeit“, sagt Adrian Rooke bevor wir abfahren. „Und es verbindet uns mit etwas sehr Altem, das seit Jahrtausenden verehrt wird!“ Diese Verbundenheit mit Natur und Geschichte, so viel habe ich bereits begriffen, ist die zentrale Erfahrung im modernen Druidentum.</p>
<h2>Ritual in der längsten Nacht</h2>
<p>Beim Morgengrauen des nächsten Tages stehe ich dann, am Ende der längsten Nacht des Jahres, zu Sonnenaufgang im Chalice Well Garden in Glastonbury. Es liegt noch Frühnebel über der Gartenanlage am Fusse des Tor, wenige Fussminuten von Pat Meads Haus entfernt. Nur schemenhaft sind die Teilnehmer des Rituals zu erkennen, mit dem die Rückkehr des Lichts begrüßt werden soll. Rund hundert Neo-Druiden würdigen am kürzesten Tag des Jahres mit ihrer Zusammenkunft den ewigen Kreislauf der Natur. Den verläßlichen Wechsel von Finsternis und Absterben zu neuem Licht und Leben. Ein Grossteil der Druiden trägt ein langes, mönchsähnliches Gewand aus grobem, ungefärbtem Leinen. Verziert allenfalls mit Fibeln oder Broschen in keltischem Ornament. Ein großer Kreis wird gebildet. In der Mitte steht Ann-Marie, die das Ritual anleitet.</p>
<p>Ann-Marie trägt bei der morgendlichen Kälte eine Pelzmütze und einen langen, grünen Samtüberwurf. Wie Pat hatte auch sie ein Erweckungserlebnis in der Natur, das sie für das Druidentum empfänglich machte. „Das war in Cornwall“, erzählt sie mir, „dort gibt es noch Ecken, die vom Menschen unberührt scheinen. Das Bodmin Moor etwa. Dort konnte ich die Seele der Erde spüren!“ Seither geht es ihr nach eigener Aussage darum, “am kosmischen Tanz teilzunehmen.“ Dieses Grundgefühl begleitet sie inzwischen längst durch den Alltag: „Wenn ich morgens die Augen öffne, dann ist da dieser kurze Moment, bevor man ganz wach wird. Als wenn man dem ganzen Universum einen guten Morgen wünscht!“</p>
<p>Zur Sonnenwende begrüßt Ann-Marie die Mitglieder des größten britischen Druidenordens. Um mit ihnen das Wiedererwachen der Natur zur Halbzeit ihres winterlichen Tiefschlafs zu begehen. Dieses Ritual ehrt ein zyklisch wiederkehrendes Naturereignis, spiegelt den natürlichen Kreislauf, betont sie. Es geht in der Zeremonie um das scheinbar absterbende Licht, seine Wiederkehr, das Schneiden der Mistelzweige, die heute noch in Großbritannien zur Weihnachtszeit gehören wie der Christbaum. In jeder der vier Himmelsrichtungen verkörpert je ein Druide den Norden, den Süden, den Westen, den Osten. Die vier Himmelsrichtungen haben in der druidischen Naturverehrung eine ähnlich große Bedeutung wie die vier Elemente oder die vier Jahreszeiten.</p>
<p>Das Licht, das sich am kürzesten Tag weitgehend zurückgezogen hat, wird durch eine Kerze in einem sturmfesten Leuchter versinnbildlicht. Die Kerze erlischt und wird sogleich wieder entzündet. So wie das das Licht im Frühjahr zurückkehrt, stärker wird, länger die Natur erhellt und diese allmählich aus dem Winterschlaf zurückholt. Um diesen Prozess des Absterbens und Neuerwachens, des Regenerierens in der Dunkelheit, des neuen Lebens, das dem abgestorbenen Alten verlässlich folgt, geht es in dem Ritual.</p>
<h2>„AAAWWWEEENNN!!!“</h2>
<p class="p1"><span class="s1">AWEN intonieren die Druiden von Glastonbury stimmgewaltig aus vielen Kehlen. Es klingt wie ein Urlaut, dem buddhistischen OM nicht unähnlich. Der ganze Körper vibriert, wenn man das keltische Wort AWEN möglichst langgestreckt singt. Es entsteht eine Schwingung, eine Art Ur-Rhythmus, der die Ritual-Teilnehmer in Gleichklang mit ihrer natürlichen Umwelt bringen soll. AWEN ist nicht nur das Mantra, sondern auch das graphische Symbol des Druidenordens. Und bedeutet so viel wie ‚die drei Lichtstrahlen’. Viele Druiden tragen das AWEN-Symbol als Brosche oder Amulett. Es zeigt drei Lichtpunkte, aus denen drei Lichtstrahlen fallen, umrahmt von drei konzentrischen Kreisen. Die Lichtpunkte symbolisieren Sonnenaufgänge. In, je nach Jahreszeit, leicht unterschiedlicher Himmelsrichtung. Und die Kreise stehen für die drei Zirkel der Schöpfung in der keltischen Mythologie. Intoniert wird das AWEN bei jeder neo-druidischen Zusammenkunft, als fester Bestandteil jedes neo-druidischen Rituals. Ebenso wichtig ist der ‚Sacred Vow’: „We swear by peace and love to stand, heart by heart and hand to hand. Mark, oh Spirit, and hear us now, confirming this, our sacred vow!“ Wie das ‚Vater unser’ zum christlichen Gottesdienst gehört dieser Schwur zu jeder druidischen Zusammenkunft. Aber wie authentisch sind diese modernen Zeremonien? Wie stark wurzeln sie in wahrhaft uralten Traditionen?</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Es gibt da nämlich ein Dilemma. Von den historischen Vorbildern der Neo-Druiden, der vorchristlichen Priesterkaste der keltischen Hemisphäre, ist eigentlich recht wenig bekannt. In einem der uralten Wirtshäuser von Glastonbury treffe ich eine Koryphäe auf diesem Gebiet: Den Historiker </span><span class="s2">Ronald Hutton</span><span class="s1">. Der Geschichtsprofessor aus Bristol entspricht kaum den gängigen Vorstellungen von einem Hochschullehrer und Wissenschaftler. Hutton trägt das dünne Haar mehr als schulterlang. Seine dicke Brille scheint einige Nummern zu groß für einen schmächtigen Mann wie ihn. Sein listiges Blinzeln entgeht mir jedoch nicht, als er mich über einem Pint Ale freundlich angrinst. Und zunächst einmal desillusioniert: „Die Quellenlage zu den Druiden ist mehr als dürftig“, sagt Hutton, „alle zeitgenössischen Quellen stammen aus griechischer oder römischer Feder. Und man könnte sie locker auf sechs Seiten abdrucken!“</span></p>
<p class="p1"><span class="s1">Die keltischen Priester verfügten nicht über eine eigene Schriftkultur. „Etwas mehr findet sich in der mittelalterlichen Literatur Irlands“, sagt der Geschichtsprofessor, „aber die ist hunderte von Jahren nach der Christianisierung entstanden!“ Sonst gibt es nur noch Volkssagen und Mythen. „Als postmoderne Menschen können wir uns da etwas herauspicken und unser eigenes Druidenbild zusammen stellen.“ Bei aller Beliebigkeit sei eines aber klar, so der Spezialist für Naturreligionen: „Die Druiden waren im antikischen Europa die einzigen Leute, die von den Römern und Griechen respektiert wurden! Die sie gefürchtet haben. Und von denen sie sich inspirieren ließen!“ Daran ändere auch die Widersprüchlichkeit der zeitgenössischen Quellen nichts, meint Hutton. „Für manchen Autoren der Antike waren die Druiden weise und gütig, verstanden sie die Welt besser als jeder andere. Für andere waren sie blutrünstige Wilde und Barbaren.“ Dieser Kontrast mache sie so faszinierend.</span></p>
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<p>Sprachwissenschaftler sagen, der Begriff ‚Druide’ setzt sich aus zwei Silben zusammen. Aus dem gälischen und auch walisischen ‚Dru’ &#8212; zu deutsch: Eiche. Und ‚Id’, &#8211; abgeleitet vom indogermanischen ‚Wid’ &#8212; zu deutsch: Wissen. Der Druide bringt also Wildnis und Wissen, Natur und Weisheit zusammen. Der Begriff Druide kann als Aufforderung verstanden werden, die Qualitäten von ‚Dru-’, der Wildnis, und ‚-id’, der Weisheit, in sich zu vereinen.</p>
<p>Ronald Huttons Hinweis auf den postmodernen Selbstbedienungsladen hatte mich aufhorchen lassen. Keine Naturreligion in Europa kann auf eine durchgängige, gewachsene, Jahrhunderte überdauernde Geschichte zurückblicken. Was heute wieder auflebt, ist zwangsläufig eine Konstruktion aus Projektionen, Wunschphantasien, Wissensfragmenten, Idealisierungen und Phantasieelementen. „Die größte Schwäche des Druidentums ist gleichzeitig seine größte Stärke“, sagt Philip Carr-Gomm. Er sollte es wissen, denn er ist ‚Chief Druid’, der Mann an der Spitze des ‚Orders of Bards, Ovates and Druids’.</p>
<h2>Besuch beim Chef-Druiden</h2>
<p>Ich habe Philip Carr-Gomm in Glastonbury kennen gelernt. Und dann so manches Mal wiedergetroffen. Seinen Druidenorden leitet der 1952 geborene aus seinem Privathaus in Sussex, in dem malerischen Städtchen Lewis. Wir sitzen bei einer Tasse Tee in seinem Arbeitszimmer, das erwartungsgemäss bis unter die Decke mit Büchern vollgestopft ist. Philip stammt aus London, hat Psychologie studiert, eine Montessori-Schule gegründet, Bücher geschrieben und Tarot-Decks designed. Und eben eine druidische Gemeinschaft aus dem 18. Jahrhundert weiter entwickelt zu einem Esoterik-Angebot, das Anhänger in ganz Europa und den USA hat.</p>
<p>Wer den Weg des Druiden gehen will, in Carr-Gomms Auslegung, der kann einen Fernkurs absolvieren. Den muss man bestellen, sich schicken lassen und und sich über drei Initiationsstufen hinweg zum Neo-Druiden ausbilden lassen. Und das tun überraschend viele: 1200 Leute arbeiten sich gerade durch den druidischen Lehrstoff, erklärt mir Carr-Gomm. Schaffen sich keltische Mythologie, Naturkunde, Anleitungen zu Kreativität drauf. Den Lehrstoff gibt es nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Tschechisch, Französisch, Holländisch, Deutsch, Italienisch und Portugiesisch. „Den Kurs haben U-Boot-Matrosen der amerikanischen Navy absolviert“, sagt Carr-Gomm nicht ohne Stolz. „Leute, die in der Wüste in einem Flüchlingslager in Darfour arbeiteten. Obwohl das hart ist. Denn beim Druidentum geht es ja auch um die Beziehung zwischen Orten und Spiritualität. Es wurzelt in Wäldern, in europäischen Landschaften. Nicht in der Wüste, wie Christentum und Islam.“</p>
<h2>Bruderschaft wie Freimaurer</h2>
<p>Die weltweit rund zehntausend Mitglieder seines Druidenordens sieht Philip Carr-Gomm als Nachfahren derer, die das Druidentum vor rund 300 Jahren widerbelebt haben. Grob habe es das drei Strömungen gegeben, erklärt mir der Chief Druid. ‚Kulturelle Druiden’ nennt er diejenigen, die keltische Sprachen und Mythologie rekonstruieren. Dann gäbe es die ‚druidischen Bruderschaften’, eine Art Freimaurertum, das sich im 19. Jahrhundert ausbildete. In deren Logen wurde Mummenschanz gepflegt, mit langen Gewändern und falschen Bärten. Es gibt ein legendäres Photo von Sir Winston Churchill mit falschem Bart in Stonehenge. Auch Churchill war Mitglied einer Druidenloge. „Und schließlich gibt es als dritte Spielart uns: Leute, die Druidentum als einen spirituellen Weg sehen.“</p>
<p>Auch der junge Carr-Gomm war ein Suchender, als er mit elf Jahren Ross Nichols über den Weg lief. Der 1902 geborene und 1975 gestorbene Nichols war Dichter und Hochschullehrer. Als Druide nannte er sich ‚Nuinn’. „Als 11-jähriger bin ich dem damaligen Chef Druid begegnet. Er hat mir dieses Empfinden von Landschaft als heilige Landschaft vermittelt. Das Gespür für magische Orte. Heilige Haine, Steinkreise, Zauberberge. Das hat mich angesprochen: Diese Ahnung, dass sich hinter der Oberfläche von Autobahnkreuzen und Industrielandschaften etwas anderes befindet. Dass hinter dieser Fassade noch immer verzauberte Landschaften schlummern!“</p>
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<p>1988 trat der Psychologe Carr-Gomm an die Spitze des Druidenordens. Geleitet wurde er von der Überzeugung, dass viele seine eigene spirituelle Orientierungslosigkeit und diffuse Ahnung von etwas sehr Altem, aber längst Vergessenem teilen. „Je mehr sich die Menschen von den etablierten Religionen entfremdeten“, sagt Carr-Gomm, „je mehr ihr Unbehagen angesichts der ökologischen Krise wuchs, desto stärker wurde das Bedürfnis nach neuen spirituellen Wegen. Nach etwas, das in Traditionen wurzelt, das authentisch ist und vor allem frei von Dogmen.“</p>
<h2>Bedürfnis nach Gemeinschaft</h2>
<p>Ebenso ausgeprägt, so Carr-Gomms Überzeugung, sei das Bedürfnis nach Anleitung und Gemeinschaft. Um seinen Orden möglichst frei von Dogmen zu halten und eine größtmögliche Klientel anzusprechen, hat er die rituelle Naturverehrung zum zentralen Kern seiner Lehre gemacht. „Sich in der Natur zu bewegen, die natürlichen Kreisläufe annehmen und etwa die Jahreszeiten wirklich leben: Das macht uns menschlicher und mitfühlender“, so Carr-Gomm. „Als Druiden wollen wir das verstärken, indem wir über das Jahresrund hinweg diesen Kreislauf mit Ritualen begleiten.“ So wie zur Wintersonnenwende in Gastonbury.</p>
<p>Das Neo-Druidentum, übrigens seit 2011 offiziell von der ‚Charity Commission for England and Wales’ als Religion anerkannt und damit steuerlich auf einer Stufe mit der Church of England, ist beileibe kein ländliches Phänomen. Zweimal im Jahr, jeweils zur Tag-und-Nacht-Gleiche, kann man in der achteinhalb-Millionen-Metropole London Druiden beim Ausüben ihrer Rituale beobachten. Im Frühjahr am Themseufer, direkt neben dem Tower. Und im Herbst auf dem Primrose Hill, am Nordrand des Regent’s Park, der Erhebung mit dem besten Blick über die Stadt. Als wären sie einer Zeitkapsel entstiegen tauchen an diesen beiden symbolträchtigen Tagen urplötzlich die Druiden im hektischen Großstadtgewusel auf.</p>
<p>Die meisten von ihnen tragen knöchellange weiße Gewänder mit Hauben, die eher an altmodische Krankenschwestertracht erinnern, denn an das Outfit von Naturreligiösen. Einige der teilnehmenden Frauen haben sich jedoch Blumen ins Haar geflochten. Manche tragen Erntegaben in Schalen. Andere ein Schwert oder das meterlange Horn, dessen Klang die Zeremonie eröffnet. Die beginnt und endet damit, dass die Druiden einen Kreis bilden. Ein gemeinsames Ganzes, das keinen Anfang und kein Ende kennt.</p>
<h2>Beim Stadt-Druiden</h2>
<p>Auf dem Primrose Hill lerne ich bei einer dieser Zeremonien JT Morgan kennen. Mit einem kleinen Kreis Gleichgesinnter zelebriert er im Hawthorn Grove, einem Hagedornhain, seine eigenen, selbstgeschriebenen Rituale. JT ist für mich der Inbegriff eines Stadt-Druiden. Anderntags besuche ich ihn auf Arbeit. Morgan ist Schneidermeister von Beruf, nennt sich daher auch Jay the Tailor, und betreibt seine Schneiderei in einem alten Eisenbahnbogen im Londoner Stadtteil Hammersmith. Ein urbaneres Setting kann man sich kaum vorstellen. Morgan hat es nie auf’s Land gezogen. Allein auf freier Wildbahn ist sein Ding nicht. Dafür kennt JT in den Londoner Parks jeden Strauch, jeden Baum und beinahe jeden Halm. Die Vögel, die Nagetiere. Alles was kreucht und fleucht.</p>
<p>JT sucht und bewundert die Natur in ihren Nischen. Die natürlichen Mikrokosmen, die es an den unerwartetsten Stellen zu entdecken gilt. In Hinterhöfen, auf Verkehrsinseln, an den Rändern der Parkplätze, auf den Dachterrassen, sogar in den Schlaglöchern. Wo immer der Asphalt aufbricht und den Boden entsiegelt, da kommt Natur zurück. Für JT Morgan ist es kein Widerspruch, großstädtisch zu leben und gleichzeitig Natur zu verehren. Das ist für ihn auch der Kern seines Druidentums: „Wenn jemand nicht nur mit den Bäumen redet, sondern auch noch eine Antwort erhält, dann ist er ein Druide.“ Ansonsten ist JT herrlich gelassen und undogmatisch. Man dürfe das mit den Druiden auch nicht allzu ernst nehmen, meint er. Und müsse aufpassen, die Riten und Gebräuche nicht ins Lächerliche zu ziehen.</p>
<p>„Druiden lieben es, keltische Begriffe zu benutzen. Bei näherer Betrachtung entpuppen die sich aber oft als erfunden: Sie sind unecht. Und viele wissen nicht einmal, wie man sie ausspricht!“ Morgans eigene Rituale sind daher durchgehend auf Englisch. Um möglichst viele anzusprechen, denn der kleinste gemeinsame Nenner sei die Ahnung davon, dass die Welt aus mehr als nur einer stofflich-materiellen Ebene besteht: „Die Liebe zur Natur muss mit einem gewissen Hang zu Spiritualität einhergehen; – ohne eine spirituelle Ebene des Daseins zu akzeptieren geht es nicht!“</p>
<h2>Dunkle Germanen vs. keltische Lichtgestalten</h2>
<p>Naturverehrung und Geschichtsbewusstsein – das hatte mir schon der Geschichtsprofessor Ronald Hutton als wichtigste Zutaten des druidischen Gebräus anempfohlen. „Die Abgelöstheit von natürlichen Lebenszusammenhängen und einer geschichtlichen Tradition; das ist am Ende das Dilemma des modernen Menschen“, so der Akademiker, der zwischen Hörsaal und heiligen Hainen pendelt. Ich muss an Deutschland denken. Wo zwar die Ökologiebewegung stark ist; was übrigens immer wieder von den britischen Druiden hervorgehoben wird. Sich jedoch in einer germanischen Tradition zu verorten, kann einen bekanntlich schnell in Erklärungsnöte bringen. Vermutlich boomt deshalb die Rückbesinnung auf das keltische Erbe in den entsprechenden deutschen Regionen.</p>
<p><img class="aligncenter wp-image-6398 size-full" src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23.jpg" alt="3-23" width="1700" height="1134" data-id="6398" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23.jpg 1700w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-1250x834.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/05/3-23-400x267.jpg 400w" sizes="(max-width: 1700px) 100vw, 1700px" /></p>
<p>Wie Pilze sind in den zurückliegenden Jahren Keltenmuseen, Keltenforts, Keltenhügel und Keltenfestivals aus dem Boden geschossen. Wo die Germanen die dunklen Ahnen sind, erleben die keltischen Lichtgestalten jetzt ihre unerwartete Renaissance. Ronald Hutton und Philip Carr-Gomm könnten in ihrer Analyse der Defizite des modernen Menschen im Digitalzeitalter recht haben. Weit über ihr englisches Wirkungsfeld hinaus.</p>
<p>Das Druidentum, das beide praktizieren, hat mich jedoch zunächst wegen seiner so britischen Schrulligkeit angezogen. Und dazu gehören zentral die Schauplätze. Stonehenge, Avebury, Tintagel, das Bodmin Moor und immer wieder dieses Glastonbury, wohin wir zum Schluss noch einmal zurückkehren.</p>
<h2>Liegt hier König Artus?</h2>
<p>Die vielen skurrilen Esoterik-Läden im Ortskern von Glastonbury, das Überangebot an Selbsterfahrungs-Seminaren und Kursen, die schamlose Vermarktung des Images als spirituell besonderer Ort haben den Ort dennoch nicht seine unbestreitbare Magie genommen. Im Herzen von Glastonbury findet sich eine der malerischsten Ruinen Englands: Die der Glastonbury Abbey, geschliffen im 16. Jahrhundert während der Reformationswirren. Ihre Überreste sind immer noch so eindrucksvoll, das man eine Ahnung kriegt von deren Pracht, als sie noch die wohlhabendste Klosterkirche Englands war.</p>
<p>Zur Legende wurde sie, als im 12. Jahrhundert das Gerücht aufkam, Artus sei auf dem Klostergelände begraben. Die britische Krone war elektrisiert. Mönche wurden mit umfangreichen Ausgrabungsarbeiten beauftragt. 1191 soll der Legende nach, zwei Meter unter der Erde, ein großes Kreuz aus Blei gefunden. Darauf soll gestanden haben: ‚Hier ruht König Artus, begraben in Avalon’. Zwei weitere Meter tiefer wurde dann angeblich ein Eichensarg ausgebuddelt. Mit zwei Skeletten darin. Das eines großen Mannes mit einer Schwertwunde im Schädel. Und das einer Frau, vermutlich Ginevra, Artus’ Gattin.</p>
<p>Der Auftraggeber und Finanzier des archäologischen Unterfangens, König Edward I., ein erklärter Artus-Fan, ließ die Gebeine daraufhin in einer pompösen Zeremonie beisetzen und eine prunkvolle Artus-Grabstätte errichten. Dabei ging es auch ganz profan um weltliche Macht. Edward wußte um die mythologische Bedeutung des Sagenkönigs für die aufmüpfigen Waliser. Ähnlich wie beim Kyffhäuser glaubten die, Artus schlafe nur und könne ihnen jederzeit in der Stunde der Not zur Hilfe eilen. Dem konnte Edward nun entgegen halten: Seht, Artus ist tot. Wir haben seine Gebeine. Er wird niemals zurückkommen.</p>
<h2>Die bizarrste Attraktion</h2>
<p>Heute freilich gibt es keine Spur mehr vom Bleikreuz, von den königlichen Knochen und der edwardianischen Prunkstätte mit dem Grabstein aus schwarzem Marmor. Alles verschwunden, zerstört, 1539 geschliffen unter Heinrich VIII. Doch als Mythos ist die Sage so lebendig wie eh und je. Ich schlendere mit Julie Hayes über das Klostergelände. Sie ist die Museumspädagogin der Abbey und erzählt mir ihre persönliche Geschichte. Mit Worten, die mich sehr an die Erlebnisse der Druiden erinnern: „Ich selber stamme ursprünglich nicht von hier, sondern aus Nottinghamshire. Aber ich hatte das Gefühl, nach Hause zurück zu kehren. Dieser Ort ist ganz besonders: Er strahlt Ruhe aus. Man vergisst, dass es eine Welt jenseits von Glastonbury gibt!“</p>
<p>Die vielleicht bizarrste Attraktion von Glastonbury verbindet den Ort aber nicht mit Keltenerbe oder Artus-Mythos, sondern dem blutjungen Christentum. Die Briten glauben, sie seien eine der ersten Nationen Europas gewesen, zu der die Lehre des Gekreuzigten weitergetragen wurde. Als Beweis dafür muss der Glastonbury Thorn herhalten: Ein Dornenbusch, der aus dem Wanderstab von Josef von Arimathäa gewachsen sein soll. Als der Mann, der dem hingerichteten Erlöser sein Grab in Jerusalem überlassen haben soll, nach Christi Kreuzigung ausgerechnet nach Glastonbury kam. Der feste Glaube daran, dass England in der Hierarchie der auserwählten Länder kurz hinter dem Heiligen Land kommt, reicht bis ins Herz des Königshauses hinein. Wenn die Queen alljährlich ihre Weihnachtsansprache im Fernsehen hält, dann liegt ein Zweig dieses Weißdornbusches vor ihr auf dem Tisch. Angeblich hat Josef von Arimathäa auch den Heiligen Gral mit nach Glastonbury gebracht. Genug Sagenstoff also, um Heerscharen von Sinnsuchern anzulocken. So mancher bleibt für immer. So wie Pat Mead.</p>
<p>Ich treffe mich mit Pat auf dem Hügel, auf dem der Thorn thront. Oder gethront hat, denn kurz vor unserem Wiedersehen haben Vandalen den mythenumrankten Busch in einer nächtlichen Aktion abgeholzt. Ein unerhörtes Sakrileg, das tagelang für Schlagzeilen im Königreich sorgte. Da aber über die Jahre genügend Ableger des verehrten Gehölzes an anderen Orten erfolgreich eingepflanzt wurden, etwa im Londoner Kew Gardens, konnte der Weißdorn durch einen gärtnerischen Kniff wiederbelebt werden. Das robuste Gehölz wurde zu neuem Leben erweckt.</p>
<h2>Heiliger Stumpf</h2>
<p>Als ich Pat treffe, stehen wir noch vor einem traurigen Stumpf. „Ich hatte das erst für einen kranken Scherz gehalten“, erinnert sie sich. Doch die Nachricht, die sich wie ein Lauffeuer in Glastonbury verbreitet, war wahr. Eine „Schockwelle“ sei durch den Ort gegangen, so Pat, Menschen aller Weltanschauungen seien zu dem Baumstumpf gepilgert, um sich ein Bild von der zerstörerischen Tat zu machen. Für die Druidin lag jedoch auch etwas Tröstliches in der Tragödie: „Wicca-Hexen waren da, Druiden, Vertreter der örtlichen Kirchen – alle waren schockiert und verstört angesichts des trostlosen Baumstumpfs, der lange eines der Wahrzeichen von Glastonbury war. Alle haben beieinander gestanden.“ Und so hatte der Weißdorn auch im Ableben noch Magie über den Ort gebracht.</p>
<p>Diese Episode bringt für mich sowohl den genius loci von Glastonbury, als auch das Erfolgsrezept der Druiden-Renaissance auf den Punkt. Wie hatte es schon Ronald Hutton formuliert, der druidische Gelehrte: „As postmodern people we take our pick!“ Wir basteln uns unsere ganz eigene Patchwork-Spiritualität. Auch Philip Carr-Gomm, der Chief Druid, weiss, dass im Zeitalter der Beliebigkeit nicht nur Sehnsucht nach Sinn entsteht, sondern aufgrund der zahllosen Ausweichmöglichkeiten auch eine tiefsitzende Scheu vor Bindung und Verpflichtung. Sein Neo-Druidentum ist eine Art naturschwärmerische Meditationsanleitung, dem Zen gar nicht so unähnlich, und daher kompatibel mit fast allen Credos auf dem Markt.</p>
<p>„Und so gibt es Leute, die sich Druiden nennen und Monotheisten sind, oder Duotheisten, Polytheisten, Pantheisten. Ja, sogar Atheisten“, sagt Carr-Gomm und schüttelt den Kopf. „Dieses ganze Konzept von Theismen bringt uns nicht weiter. Das Druidentum zieht wenig aus Theologie. Und viel aus der Natur: Sich in ihr bewegen, sich von ihr nähren lassen.“</p>
<p>Pat Mead verkörpert diese Haltung wie niemand sonst, den ich auf meinen Druidenpfaden getroffen habe. Und sie ist am richtigen Ort, denn nirgends sonst als in Glastonbury gibt es diesen postmodernen Cocktail aus Mythen und Traditionen. Wir stehen am Thorn und blicken hinüber zum Tor: Wie der sich über der Kleinstadt erhebt mit dem Turm der geschliffenen Klosteruine St. Michaels auf seinem Gipfel. Vielleicht ist die Erfolgsgeheimnis der spirituellen Hauptstadt Britanniens in Wahrheit ganz banal. Und erklärt sich schlicht aus der betörenden Schönheit dieses Anblicks.</p>
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		<title>Wiederauferstehung einer Eule</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Nov 2015 11:40:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Chemnitz]]></category>
		<category><![CDATA[Claas Christophersen]]></category>
		<category><![CDATA[Kathrin Brunnhofer]]></category>
		<category><![CDATA[Tiere]]></category>
		<category><![CDATA[Tierpräparation]]></category>
		<category><![CDATA[Tierpräparator]]></category>
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					<description><![CDATA[Nur weil Tierpräparator Holger Rathaj das Leben aus innerster Perspektive kennt, kann er Tierleichen lebendig aussehen lassen. Ein Besuch im Chemnitzer Museum für Naturkunde.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wiederauferstehung-einer-eule/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Nur weil Tierpräparator Holger Rathaj das Leben aus innerster Perspektive kennt, kann er Tierleichen lebendig aussehen lassen. Ein Besuch im Chemnitzer Museum für Naturkunde.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Bedrohlich wirkt er eigentlich nicht, der Bär. Er ist nur sehr, sehr groß. 2,87 Meter, um genau zu sein, so, wie er sich auf den Hinterbeinen aufrichtet und in das Vormittagslicht schaut, das den überdachten Innenhof des hellen Neubaus durchdringt. Vor dem Exponat steht, mehr als einen Meter kürzer, in Jeans und beigefarbenem T-Shirt, Holger Rathaj, Tierpräparator im Chemnitzer Museum für Naturkunde.</p>
<p style="text-align: justify;">Er ist derjenige, der dem Bären seine letzte Gestalt verliehen hat. Der riesige Grizzly, dessen Maße selbst erfahrene Ranger und Jäger aus Nordamerika verblüfften, ist das größte Tier, das Rathaj jemals „zusammengebaut“ hat, wie das im Jargon seines Faches heißt.</p>
<p style="text-align: justify;">„Die Präparate sind zwar Nachbildungen, aber den Leuten kommt es darauf an, zu wissen, dass alle mal echte Tiere waren“, sagt der 43-jährige. Trotzdem imitiert er nicht einfach nur die Echtheit des Lebendigen, sondern drückt dem Abbild einen eigenen Stempel auf. „Es gibt eine individuelle Handschrift jedes Präparators. Jeder kann sich ja irgendwie ausdrücken, durch Malerei, Musik oder Hula-Hoop-Reifen-Sprünge. Und ein Präparator eben durch sein Präparat“, erklärt Rathaj.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Marx und der Bär</h2>
<p style="text-align: justify;">Während der Museumsangestellte seine Tätigkeit beschreibt, drängt sich mir plötzlich der Gedanke an Karl Marx auf &#8211; vielleicht ausgerechnet an Marx, weil nicht weit vom Museum entfernt der auf sieben Meter vergrößerte Kopf des ehemaligen Namensgebers der sächsischen Stadt steht. Bei der Bronze-Plastik, die nach Entwürfen des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel gefertigt und 1971 aufgestellt wurde, soll es sich immerhin um die größte Porträtbüste der Welt handeln. Wie der Bär ist also auch Marx steif und leblos der Nachwelt erhalten. Zu Lebzeiten, als besonders rebellischer junger Mann, hatte Marx aber noch gefordert, die Philosophen sollten die Welt nicht nur interpretieren, sondern verändern.</p>
<p style="text-align: justify;">Für Tierpräparatoren gilt genau das Gegenteil: Sie wollen unbedingt die Natur interpretieren. Selbst wenn es um größtmögliche Authentizität geht, wie Holger Rathaj betont: „Meinen Präparaten wird nachgesagt, dass sie die Tiere sehr sanft darstellen. So, wie sie auch in der Natur aussehen und sich verhalten, wenn sie nicht vom Menschen bedroht werden.“ Der Stil gefiel offensichtlich auch den Juroren der Tierpräparatoren-WM 2008 in Salzburg. Mit einem Graupapagei landete der Präparator immerhin auf Platz drei in der entsprechenden Kategorie.</p>
<p><div id="aesop-gallery-6113-5"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6113" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate018.jpg" data-caption="Holger Rathaj in seinem hellen und aufgeräumten Atelier beim Fönen der Waldohreule. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/192Chemnitz-Tierpräperator.jpg" data-caption="Kritisch begutachtet Rathaj die Körperhaltung des Tieres. Durch die innen liegenden Drähte kann er noch nachjustieren." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/049Chemnitz-Tierpräperator.jpg" data-caption="Vor den Augen der Schulklasse stülpt der Tierpräparator die Eule vorsichtig auf links, um alles zu entfernen, was verderben könnte, wie z.B. Gewebe oder Muskeln." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/132Chemnitz-Tierpräperator.jpg" data-caption="Nach dem Waschen und Schleudern der Eulenhülle hat das Tier kaum Federn gelassen. Sein Federkleid erweist sich als genauso robust wie der alte DDR Trockner, der Holger Rathaj immer noch gute Dienste leistet." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/308Chemnitz-Tierpräperator.jpg" data-caption="Das Wichtigste für einen lebensnahe Erscheinung sind die Augen. Rathaj wählt sie sorgfältig aus einem großen Sortiment aus." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/311Chemnitz-Tierpräperator.jpg" data-caption="Der mit Draht und Glasaugen versehene Schädelknochen kann nun wieder in der Hülle verschwinden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/137Chemnitz-Tierpräperator.jpg" data-caption="Das Ohr der Waldohreule ist ein filigranes Organ." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate020.jpg" data-caption="Diese Braunbärdame wohnt im sogenannten Archiv. Der Keller des Museums beherbergt viele Präparate, die sich nicht in der aktuellen Ausstellung befinden. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate017.jpg" data-caption="Die prächtigen Pranken des amerikanischen Grizzlies sorgen auch in ausgestopftem Zustand für Gänsehaut." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate005.jpg" data-caption="Die Bärin im Archiv ist ein gutes Beispiel für Rathajs Stil. Er verlieh ihr einen neugierigen Blick und eine zum Fischen angehobene Tatze. Sie soll in ihrem natürlichen Verhalten gezeigt werden, nicht als aggressives Monster, wie das eine Zeit lang unter Präparatoren üblich war." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/340Chemnitz-Tierpräperator.jpg" data-caption="Der Eulenkörper des späteren Präparats kann wie hier aus Styropor, aber auch aus Holz modelliert werden. Mit Drähten wird er verankert." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate014.jpg" data-caption="Das sorgfältige Fönen des Gefieders ist wichtig für eine gesunde und natürliche Ausstrahlung des Tieres. Wie auch bei den anderen Arbeitsschritten geht Holger Rathaj sehr behutsam mit dem toten Körper um." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate001.jpg" data-caption="Ein Schrank fertig präparierter Eulen im Archiv des Museums." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Kathrin Brunnhofer</p></div></p>
<h2 style="text-align: justify;">Der Kinderschreck</h2>
<p style="text-align: justify;">Wie solche preisgekrönten Arbeiten zustande kommen, das zeigt der dreifache Vater mit dem jugendlich wirkenden Gesicht und dem wuscheligen dunkelbraunem Haar an diesem Morgen einer sechsten Mittelschulklasse. Sein weiß gekachelter Arbeitsraum im Hintertrakt des Museums ist bereits erfüllt von den Stimmen der Kinder, die sich um einen langen Tisch aus blauer Keramik drängen. Mitten zwischen den Schülern hat sich der Präparator niedergelassen &#8211; vor sich eine leblose Waldohreule, die zusammen mit weiteren 1.000 in Plastiktüten verpackten Fauna-Kollegen seit 2004 in Rathajs Kühlkammer ihrer Wiederauferstehung harrte.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Augen des Museumsangestellten blitzen. Es macht ihm sichtlich Spaß vor Zuschauern zu arbeiten. Mit dem Skalpell setzt er zum ersten Schnitt in die Brustmuskulatur des bräunlich-weiß gefiederten Vogels an. „So, jetzt alle mal die Luft anhalten“, befiehlt er, „aber nicht wegen des Geruchs, sondern damit ich mich richtig beim Schneiden konzentrieren kann. Und wenn es anfängt zu bluten, kommt das nicht von der Eule, sondern weil ich mir in den Finger geschnitten habe.“</p>
<p style="text-align: justify;">Als der wächsern rote Hautsack, der die Eingeweide des Vogels umschließt, zum Vorschein kommt, dreht sich nur ein Mädchen kurz weg und intoniert ein inbrünstiges „Igitt“. Doch die meisten der Schüler betrachten interessiert das Innenleben der Eule, auf das Rathaj sofort mit Gips angesetztes weißes Kartoffelmehl schüttet, weil es die Feuchtigkeit der Innereien aufsaugt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Das gibt&#8217;s heute zu Mittag&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Um den Kindern zu zeigen, dass bei seiner Tätigkeit weder Blut fließt noch Eingeweide spritzen, setzt der Präparator derben Humor ein. „So kann der Körper gleich paniert in die Pfanne – das gibt’s heute zu Mittag“, verkündet er, trennt den vom Kartoffelmehl weiß gefärbten inneren Hautsack samt Wirbelsäule aus der Eule heraus und legt ihn auf Zeitungspapier.</p>
<p style="text-align: justify;">Für die Schüler reicht der Eindruck dieser ersten groben Präparations-Schritte. Sie sind vorher bereits durch die Dauerausstellung geführt worden, die vor allem den „versteinerten Wald“ zeigt. Die geologische Formation, die in Chemnitz vor 290 Millionen Jahren nach einem Vulkanausbruch entstand, bildet das Kernstück der hauseigenen Marketing-Strategie. Doch daneben leistet sich die Naturkunde-Einrichtung trotz chronisch klammer Kassen auch weiterhin einen biologischen Präparator – seit nunmehr 23 Jahren arbeitet Holger Rathaj bereits hier. „Ich habe schon eine Inventarnummer. Wenn ich sterbe, werde ich hier mit großer Nadel an einen Kasten gespießt“, scherzt er, kurz bevor die Sechstklässler gehen. „Wie die Schmetterlinge“, ruft ein Junge noch.</p>
<p style="text-align: justify;">Ohne Publikum hält Rathaj danach im Waschraum, der von seiner Werkstatt abgeht, den blanken Vogelschädel unter Wasser. Dass er der Waldohreule mit einer Schere die Augen aussticht und danach mit einer Pinzette durch das Hinterhauptsloch, an dem die Wirbelsäule befestigt war, das Gehirn, eine rötliche Masse in einer kleinen Hauttasche, aus dem Schädel holt – dies wirkt auf einmal nicht brutal und eklig, sondern irgendwie organisch. „Man identifiziert sich mit dem Tier, weil man weiß, dass dies ein echtes Lebewesen ist. Und das ist der große Vorteil von Berufen wie Präparatoren oder Pathologen: sie wissen so auch um den Aufbau und die Funktionen ihres eigenen Körpers“, erklärt Rathaj.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Tot aber lebensecht</h2>
<p><div id="aesop-gallery-6127-6"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6127" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/067Chemnitz-Tierpräperator.jpg" data-caption="Eine Schülerin betrachtet den jungen Wolf eingehend. Ist er wirklich tot?" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate009.jpg" data-caption="Der junge Wolf stammt aus dem Chemnitzer Wildpark. Er starb an einer Krankheit. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate002.jpg" data-caption="Rathaj präpariert keine Jagdtrophäen sondern nur Tiere, die eines natürlichen Todes oder beispielsweise bei einem Wildunfall gestorben sind." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/275Chemnitz-Tierpräperator.jpg" data-caption="Dieser Maki schaut mit großen neugierigen Augen aus einem der Archivregale." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate004.jpg" data-caption="
Die Nadeln fixieren die Mimik des Waschbären, solange der Kleber noch nicht ganz getrocknet ist." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/276Chemnitz-Tierpräperator.jpg" data-caption="Der Luchs wohnt ein Stockwerk unter dem Maki." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate006.jpg" data-caption="Beinahe hört man die Wasservögel zwitschern. Es herrscht aber Totenstille." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate007.jpg" data-caption="Dieses Präparat eines Löwen ist schon mehrere Jahrzehnte alt, was man nur an den Ohren etwas erkennen kann. Die älteren Präparate darf man oft nicht berühren, da damals teilweise mit Arsen gearbeitet wurde. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate008.jpg" data-caption="Aus dem Kuriositätenkabinett: Dieses zweiköpfige Kalb wurde vor mehr als 100 Jahren ziemlich grob zusammengeflickt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate010.jpg" data-caption="Hier im Regal Nummer 9 leben die unterschiedlichsten Affen in stummer Eintracht zusammen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate011.jpg" data-caption="Das Frettchen, so scheint es, schaut Rathaj bei der Arbeit zu. Leider ist es tot." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate013.jpg" data-caption="Der riesige Greifvogel passt nicht mehr ins Regal, seine Spannweite ist einfach zu groß. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/11/tierpräparate016.jpg" data-caption="Dieser 2,87 Meter große Grizzlybär ist Rathajs bisher größtes Präparat." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Kathrin Brunnhofer</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">An ein Lebewesen erinnert das Präparat nicht gerade, nachdem es in Spülmittel eingeweicht, anschließend geschleudert und eine geschlagene Stunde trocken gefönt worden ist. „Es sind die Augen, die das Leben bringen“, weiß Rathaj. In die mit Modelliermasse ausgestrichenen Augenhöhlen setzt er zwei speziell angefertigte Glasaugen ein, stülpt vorsichtig den Schädel um, so dass ihm wieder das Kopf-Federkleid aufliegt und ihn am Ende tatsächlich eine Eule anschaut.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Schleudern hatte das Tier viel eher einem leicht gebogenen Brett geähnelt. Ein magischer Moment – und dann wieder doch nicht, denn das Verfolgen der Arbeit des Präparators entmystifiziert die Wiederbelebung der Toten. Und hier funkt mir schon wieder Karl Marx dazwischen, nur jetzt der ältere, der Autor des weltberühmten „Kapitals“. Marx sagte, dass lebendige Arbeit sich in totes Kapital verwandle. Aber Rathaj arbeitet früher Lebendiges in dauerhaft Totes um, dem er dazu noch die täuschend echte Illusion der Lebendigkeit verleiht.</p>
<p style="text-align: justify;">Das kann der Tierpräparator nur, weil er in vielen Berufsjahren genaueste anatomische Kenntnisse gesammelt hat. Während seiner Ausbildung Anfang der 1980er Jahre im Phyletischen Museum Jena, lernte Rathaj lediglich die Technik des Präparierens, nicht aber, wie zum Beispiel eine Eule zu schauen hat, nämlich immer starr geradeaus. Oder dass sie, wenn sie ruhig dasitzt, ihre Krallen nah nebeneinander setzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Um die Gelenke in die gewünschte Haltung zu bewegen, versieht Rathaj den Vogel mit Hals-, Flügel- und Beindrähten, die er in einem Imitat des Eingeweidesackes aus einem speziellen Schaum verankert. Dann näht er noch schnell die Außenhaut mit einem groben Hexenschnitt wieder zusammen. „Und nun kommt die Sisyphosarbeit“, kündigt der gebürtige Chemnitzer &#8211; oder Karl-Marx-Städter &#8211; an, „das Federnsortieren.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">Der letzte Ast</h2>
<p style="text-align: justify;">Mit einer Pinzette zieht er vorsichtig an beinahe jeder Feder der obersten Schicht, spürt nach, „wo sie hin will“, wo sie also eigentlich liegen müsste. So entstehen bräunlich-weiße Musterungen, die zuvor bei dem ganzen Waschen, Schleudern und Fönen durcheinander geraten sind. Die Gefiederflecken erinnern an einen knorrigen alten Baum, in dem die Waldohreule somit perfekt getarnt ist.</p>
<p style="text-align: justify;">Sein letzter Ast wird dem Vogel erst in der nächsten Ausstellung unter die Krallen kommen. Noch sitzt er auf einem Holzklotz im Schraubstock – nach dem filigranen Federnlegen endlich „ganz relaxed aufgebutzelt“, wie Holger Rathaj es haben wollte. Am Ende des Arbeitstages wird klar: Immer etwas starr geradeaus schaut hier von dem langen blauen Tisch eine Eule, die zugleich keine mehr ist. Marx hätte wohl gesagt, dass der tote Vogel durch die lebendige Arbeit des Präparatoren in Bildungskapital für zukünftige Museumsbesucher umgewandelt wurde.</p>
<p style="text-align: justify;">Nur zehn Minuten Fußweg von Rathajs Werkstatt entfernt, starrt derweil der „Nischel“, wie die Chemnitzer ihren monumentalen Marx-Kopf nennen, düster entschlossen in die tiefer stehende Sonne. Ebenso entschlossen schaut auch der tote Museums-Bär. Und dann ist da natürlich noch der ausgestopfte Lenin, der seit über 90 Jahren leblos aufgebahrt auf dem Roten Platz in Moskau liegt. Der Sozialismus, so scheint mir, war für die Präparation der Toten eine wahre Blütezeit.</p>
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		<title>Unter Mönchen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Sep 2015 01:47:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Athos]]></category>
		<category><![CDATA[Mönche]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Sebastian Hesse]]></category>
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					<description><![CDATA[Athos ist eine autonome Mönchsgemeinde in Griechenland. Mit der Krise, Flüchtlingen oder EU-Politik haben die Kleriker auf dem heiligen Berg nichts am Hut. Besuch eines Ortes, an dem die Zeit stehen geblieben ist.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/unter-moenchen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Athos ist eine autonome Mönchsgemeinde in Griechenland. Mit der Krise, Flüchtlingen oder EU-Politik haben die Kleriker auf dem heiligen Berg nichts am Hut. Besuch eines Ortes, an dem die Zeit stehen geblieben ist.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es hat einen Moment gedauert, bis der Groschen gefallen ist. Bis ich kapiert habe, was ich da gerade gerade geküsst habe: Die Überreste von Menschen, die seit Jahrhunderten tot sind. In den Vitrinen in dem abgedunkelten Raum sind Teile von Skeletten drapiert. Knöchelchen und Schädeldecken. Reliquien. Körperteile von Heiligen. Die menschlichen Gebeine werden in kunstvoll geschmiedeten silbernen Schatullen aufgewahrt und die Sammlung in den Vitrinen präsentiert, die ich gerade wie in Trance abschreite und küsse.</p>
<p style="text-align: justify;">Weiter kann man sich in Griechenland vermutlich nicht von der harten Alltagsrealität entfernen: Im schummrigen Halbdunkel der Klosterkapelle von Iviron, durch die ich mich gerade als Teil einer Prozession wie in Zeitlupe bewege, ist kein Raum für Sparauflagen, Rettungsschirme, einen Schuldenschnitt oder die Troika. Wie in den anderen Athosklöstern geht es hier um die Nähe zum Eigentlichen. Tagespolitik interessiert hier nicht. Wer hierher pilgert, entflieht den Banalitäten des Alltags &#8212; auch wenn sie existenziell scheinen. Athos ist für Orthodoxe, was Santiago de Compostela für Katholiken ist. Das zweitwichtigste Pilgerziel nach Jerusalem.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Burg ohne Fenster</h2>
<p style="text-align: justify;">Am Nachmittag bin ich nach einem anderthalb stündigen Fußmarsch in Iviron angekommen. Das Kloster liegt an der Ostküste der Halbinsel &#8211; direkt am Meer wie eine gewaltige Festung. Die unteren Stockwerke des burgähnlichen Baus haben so gut wie keine Fenster. Das obere Drittel dagegen erweckt den Eindruck, als seien kleinere Wohnhäuser auf den Rumpf gepropft worden. Es wimmelt von Balkonen, Austritten, Gucklöchern. Diese Architektur ist typisch für die 20 großen Klöster der unabhängigen Mönchsrepublik Athos.</p>
<p style="text-align: justify;">Manche der Trutzburgen des Glaubens hängen so prekär an den steilen Felswänden, als würden sie jeden Moment ins Meer abrutschen. Etwa Símonos Pétras, das architektonisch an den Potala im tibetischen Lhasa erinnert. Immer wieder in ihrer gut tausendjährigen Geschichte sind die Athos-Klöster überfallen und ausgeplündert worden. Der Name Athos steht heute für die gesamte, rund 50 Kilometer lange Halbinsel. Der namensgebende Berg ragt am Südzipfel in den Himmel. Sein 2033 Meter hoher Gipfel ist meistens wolkenverhangen. Die Griechen nennen ihn Ágio Óros, den Heiligen Berg.</p>
<p><div id="aesop-gallery-5225-7"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-5225" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-9.jpg" data-caption="Karyés: Das einzige Dörfchen mit Einkaufsmöglichkeit auf dem Athos" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-8.jpg" data-caption="Fähranleger von Daphni: Die meisten Pilger gehen hier von Bord" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-3.jpg" data-caption="Kloster Iviron: Mönche und Pilger warten auf den Bus am frühen Morgen" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-5.jpg" data-caption="Símonos Pétras: Das Kloster am Felshang erinnert viele an den Potala im tibetischen Lhasa" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-4.jpg" data-caption="Clyde und Edward: Zwei Veteranen unter den Athos-Pilgern" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-7.jpg" data-caption="Einer der vielen kleinen Fähranleger, von denen aus sich Pilger und Mönche auf den Weg machen" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-6.jpg" data-caption="Das russisch-orthodoxe Kloster Panteleímonos" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-2.jpg" data-caption="Das Simandron: Der Klang der gewaltigen Holzplanke ruft zum Gebet und zu den Mahlzeiten im Refektorium" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-11.jpg" data-caption="Im Kloster Iviron" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos.jpg" data-caption="Auf dem Landweg ist der Athos komplett unzugänglich" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/athos-13.jpg" data-caption="Ein Mönch liest im Klosterhof von Iviron in der Bibel" alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Sebastian Hesse</p></div></p>
<h2 style="text-align: justify;">Zutritt nur für Männer</h2>
<p style="text-align: justify;">Den Athos und seine Klöster zu bereisen ist nicht ganz einfach. Zutritt wird generell nur Männern gewährt. Frauen sind unerwünscht. Touristen auch. Ernsthafte Pilger können das Diamonitirion beantragen, eine Art Passierschein. Wochen im Voraus muss man sich um das Diamonitirion bemühen, denn der Andrang ist groß. Das begehrte Dokument muss man telefonisch beantragen, in radebrechendem Englisch sein spirituelles Anliegen erklären. Dann wird’s mordern: Man faxt eine Kopie des Reisepasses und erhält per E-Mail Bescheid, ob man erwünscht ist oder nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Der letzte frei zugängliche Ort vor der Athos-Grenze ist Ouranoúpoli. Zu deutsch ‚Himmelsstadt’. In Ouranoúpoli findet sich das Pilgerbüro, wo man das Diamonitirion ausgehändigt bekommt. Das Büro am Hafen ist eine Art Schalterhalle. Dort entrichtet man die 30 Euro Gebühr und lässt sich dann das Visum aushändigen. Nur zehn Nicht-Orthodoxen wird täglich der Zutritt zum Athos gewährt. Trotzdem sollte man zeitig erscheinen, denn seit der Öffnung Osteuropas ist die Zahl der Pilger enorm in die Höhe geschnellt. Orthodoxe aus Rußland und den Balkanstaaten pilgern in Heerscharen auf den Athos. Neben mir in der Ausgabeschlange steht, morgens um 7 Uhr 30, ein junger Russe mit atemberaubender Alkoholfahne.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn man das Diamonitirion in den Händen hält, ist die erste Hürde genommen. Nun muss man nur noch einen Platz auf der Fähre ergattern, die die Pilgerströme an der Athos-Küste entlang zu dem kleinen Fähranleger Daphní bringt. Die Klöster sind nur auf dem Seeweg zu erreichen. Das Pilgerboot tuckert geschätzte 200 Meter parallel zur Küste und hält an vielen Klöstern. Erstaunlich, wie schnell es sich anfühlt, als spielten Raum und Zeit keine Rolle mehr.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Post für Pilger</h2>
<p style="text-align: justify;">Wäre man hier vor Hunderten von Jahren schon einmal entlang geschippert: Es hätte genauso ausgesehen. Aus dem Tagtraum von der stillstehenden Zeit wird man erst am Zielanleger wieder heraus gerissen. Von Daphní aus ächzt ein altersschwacher Bus die Serpentinen auf den Höhenrücken des Athos hinauf nach Karyés, der einzigen Ortschaft der Mönchsrepublik. Eigentlich ist Karyés nicht viel mehr als eine Häuserreihe mit einem Postamt, Devotionalienläden, einem Bäcker. Wenn der Pilgerbus aus Daphní eintrifft wird es kurzzeitig laut, hektisch und quirlig. Und schlagartig versinkt das Städtchen dann wieder im Dornröschenschlaf. Von Kariés aus wandere ich mit John, meiner Reisebekanntschaft aus England, los in Richtung Küste. Nach Iviron.</p>
<p style="text-align: justify;">Der uralte Weg zieht sich in weiten Schwüngen den Bergrücken hinunter. Ich versuche mir vorzustellen, wie viele Pilger über die Jahrhunderte hinweg hierher gelaufen sind. Der Pfad jedenfalls gleicht einer Furche, so ausgetreten ist er. Auch in den Abschnitten mit grobem Steinpflaster. Über weite Strecken führt er als Hohlweg durch üppige Vegetation. Die Baumkronen bilden ein Laubgewölbe. Man schreitet durch eine Art grüne Passage. Ein parallel laufender Gebirgsbach erinnert mal mehr, mal weniger lautstark daran, dass er auch noch da ist. Abschnittsweise stürzt er als Wasserfall in die Tiefe. Und obwohl Menschen den Pfad mit ihren Fußsohlen über Jahrhunderte ausgetreten haben, fühlt es sich an als sein man mutterseelenallein in unberührter Natur.</p>
<p style="text-align: justify;">Gelegentlich öffnet sich der Blick und man sieht den Athos. Eine ‚karge schwarze Pyramide’, nennt ihn der schottische Reiseschriftsteller William Dalrymple. Majestätisch, aber auch schroff und abweisend thront der Felsgigant über der Halbinsel. Sein oft schneebedeckter Gipfel weist hinauf in höhere Sphären. Dahin, wo die Mönche des Athos durch Askese, Strenge, Abgeschiedenheit und Einfachheit zu gelangen hoffen. Schon zu Lebzeiten näher bei Gott. Die Pilger lassen sie für kurze Zeit daran teilhaben. Immer nur für eine Nacht pro Kloster. Und nur für maximal drei Nächte insgesamt. Das gilt auch in Iviron, wo wir am frühen Nachmittag eintreffen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Besoffener Ausblick</h2>
<p style="text-align: justify;">Jedes Kloster hat einen Quartiermeister, der den Pilgern ohne große Worte ihre Unterkunft zeigt. In unserem Fall ist es ein baumlanger, junger Mönch. John und ich teilen unsere Zelle mit Paul aus Baltimore. Der amerikanische IT-Spezialist ist glühender Verehrer byzantinischer Kunst. Wir beschnuppern uns auf dem Balkon unserer Zelle. Von hier hat man einen Ausblick, der besoffen macht. Auf die Klostergärten. Und die bewaldeten Hügel. Die unzähligen Schattierungen des Grüns erinnern an tropische Regenwälder.</p>
<p style="text-align: justify;">Einmal eingezogen kümmert sich niemand mehr um die Pilger. Dass sie sich um fünf Uhr nachmittags zum Abendgebet im Katholikon einfinden, der Hauptkirche des Klosters, wird vorausgesetzt. Als Nicht-Orthodoxer muß man in manchen Klöstern mit einer Seitenkapelle oder Nebenkirche vorlieb nehmen. Nicht so in Iviron. Wir mischen uns unter die orthodoxen Pilger und Mönche und tauchen ein in den schier endlosen Fluß aus Gebet, Chorälen, Lesungen. Immer wieder muss man sich aus dem knarzenden Kirchengestühl erheben und bekreuzigen, wenn ein Mönch mit Weihrauchgefäß vorbeiläuft. Und man schreitet die Ikonen ab, die im schummrigen Halbdunkel der Kirche nur schemenhaft erkennbar sind. Vor diesen Fenstern in andere Sphären bekreuzigen sich die Gläubigen. Und sie küssen das Heiligenbildnis.</p>
<p style="text-align: justify;">Das erste Mal gesehen hatte ich diesen Brauch in der orthodoxen Kathedrale St. Sophia im Londoner Stadtteil Bayswater. Der Kirche, in der der Trauergottesdienst für Bruce Chatwin stattfand, einem Konvertiten zur griechisch-orthodoxen Kirche. In London stand neben jeder Ikone ein Gemeindemitglied mit einem Wischlappen, um nach jeder rituellen Lippenberührung die Speichelreste des Küssenden wieder wegzuwischen. Derartige Hygienevorkehrungen gibt es im Kloster Iviron nicht. Und vermutlich auch nicht auf dem restlichen Athos.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach dem Abendgebet schreiten die Teilnehmer wie in einem Trancemarsch in die Seitenkapellen des Katholikons. Dort ist die Reliqiensammlung des Klosters hinter Glas ausgestellt. Versunken in den kleinen Marsch der Bewunderung wird jede einzelne Auslage abgeschritten und mit einem Kuss geehrt. Iviron rühmt sich, neben den Gebeinen von 145 Heiligen auch Marterwerkzeuge der Leiden Christi zu haben. Ich hatte mir vorgenommen, danach Ausschau zu halten. Doch der Sog des Ritus vereinnahmt mich derart, dass klare Gedanken, Konzentration auf Einzelnes nicht mehr stattfinden können. So sehr wird man Teil eines größeren Ganzen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Klack zum Essen</h2>
<p style="text-align: justify;">Wie schon zum Abendgebet, so ruft auch zum Abendessen der Klang des Simandron, eine gewaltige Holzplanke am Eingang des Refektoriums, auf die mit einem hölzernen Hammer geschlagen wird. Lange Marmortische mit Holzbänken davor füllen den Speisesaal der Mönche. Die Pilger sitzen am Rand. Die Tische sind gedeckt. Erst auf das Zeichen des Abtes hin darf mit dem Essen begonnen werden. Das Nachmahl ist karg, aber sättigend: Linsen, Oliven, Nudeln, ein Glas Wein. Man ißt schweigend, um dem Mönch zu lauschen, der mit sonorer Stimme unermüdlich aus der heiligen Schrift vorliest. Unter seinem Vorlesen liegt nur der chaotische Rhythmus, den das Kratzen des Bestecks auf den Metalltellern beiträgt. So hektisch wie die Mönche die Pilger auf die Gasttische verteilt haben, so hektisch essen sie auch. Sie wissen, dass das Zeitfenster für das Nachmahl klein ist. Ebenso plötzlich wie es begann, hört es auch wieder auf. Der Abt gibt erneut ein Zeichen. Mönche und Pilger legen ihr Besteck hin, stehen auf, beten kurz und verlassen zügig das Refektorium. Es ist acht Uhr abends. Bettzeit.</p>
<p style="text-align: justify;">Meine Mitpilger und ich stehen um vier Uhr in der Früh auf. Leisen Schrittes machen wir uns auf ins Katholikon. Einige Mönche haben die ganze Nacht durchgebetet. Allmählich füllt sich der dunkle Raum. Allmählich hellt er sich ein wenig auf. Mönche entzünden Kerzen. Deren Schein erlaubt eine Ahnung von den Kunstschätzen, die den Kirschenraum ausschmücken. Das Dauergebet mündet im orthodoxen Ritus aus Chorälen, Lesung und weiterem Gebet. Viele Stunden. Weit nach Morgengrauen endet die Andacht und geht in ein kurzes Frühstück im Refektorium über. Die Mönche verrichten danach ihr Tagewerk &#8211;  in der Bibliothek oder im Weinberg. Und die Pilger ziehen weiter.</p>
<p style="text-align: justify;">In den anderen großen Athos-Klöstern, in Megístis Lávras oder Vatopédi, ist der Ablauf ganz ähnlich. Die nahegelegenen kann man abwandern. Die entlegeneren erreicht man mit Minibussen. Die Entfernungen auf dem Athos sollte man nicht unterschätzen. Die Höhenunterschiede sind zum Teil beträchtlich und der Zustand der Pilgerwege ist oft unvorhersehbar. An der Südspitze der Halbinsel bewahrt John und mich nur die Warnung dreier österreichischer Pilger davor, uns in sengender Hitze auf einen riskanten Gewaltmarsch zu machen. Vom Fähranleger Daphni aus haben wir eine Anschlußfähre genommen, die die Westküste weiter hinunterfährt. Bei erstaunlich starkem Seegang setzt uns das Boot an der Südspitze des Athos ab.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Der Abt empfängt persönlich</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Blick vom hölzernen Balkon der Skite lenkt davon ab, weshalb man eigentlich hierher gekommen ist. Skiten sind die Einsiedelein, die es überall auf dem Athos gibt. Ich habe eben einen Ouzo und einen griechischen Kaffee kredenzt bekommen &#8211; vom Abt des kleinen Mönchsdorfs Skiti Kafsokalivion höchstpersönlich. Vater Seraphim sieht aus wie ein typischer Mönch vom Athos: Schwarzes, langes Gewand, schwarzer Filzzylinder, ein langer, grauer Rauschebaart und listige Äuglein hinter einer dicken Brille. Eigentlich war das Kloster Megístis Lávras unser Ziel, da es auf der Landkarte sehr nah aussah. Doch nach einem schweißtreibendem Aufstieg vom Fähranleger haben wir auf die drei österreichischen Pilger gehört, den Marsch zum Megístis Lávras unterlassen und stattdessen bei Vater Seraphim angeklopft, um nach einem Quartier zu fragen. Wie in allen Klöstern und Skitenen muss man sich ins dicke Besucherbuch eintragen, nebst Nummer des Diamonitirion.</p>
<p style="text-align: justify;">Jetzt also Ouzo und Kaffee mit Blick auf die azurblaue See tief unter uns. Die Skiti Kafsokalivion liegt an einem steilen Felshang, besteht aus einer Kirche, mehreren Wirtschaftsgebäuden und mehreren Terassen mit Gärten oder einfachen Plätzen, wo man im Schatten gewaltiger Zypressen seinen Gedanken nachhängen kann. Skiten sind kleinere mönchische Ansiedelungen, die mehr Dörfern gleichen, als den wuchtigen Klosteranlagen. Deren Anzahl wird auf Athos immer auf 20 beschränkt bleiben. Doch Skiten gibt es in großer Anzahl in der Mönchsrepublik. Hier ist das Reglement lange nicht so strikt wie in den Klöstern. Um fünf Uhr gibt es in der Küche der Skite ein einfaches Mahl: Linseneintopf, Oliven, Brot und ein Glas Wein für die drei Mönche, die hier leben und die sieben Pilger, die heute hier übernachten werden. Während des Essens darf sogar geredet werden. Die Küche hat den behaglichen Charme eines alten Bauernhauses. Nur der mannshohe Siemens-Kühlschrank wirkt deplatziert. Auf einer der Terrassen der Skite stehen gewaltige Solarpanele, mit denen die Mönche ihren eigenen Strom generieren. Einen abendlichen Gottesdienst gibt es hier in der Skiti Kafsokalivion nicht. Allerdings dürfen wir uns die alte Kirche der Skite ansehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vater Seraphim erzählt, nur eines seiner Elternteile sei orthodox gewesen. Das andere katholisch. Das erklärt sicher seine Herzlichkeit, denn Nicht-Orthodoxe sind nicht überall auf dem Athos wohlgelitten. Die drei Österreicher, &#8211; Wolfgang, Michael und Georg -, haben beispielsweise schlechte Erfahrungen gemacht. Die Reaktionen darauf, dass sie sich als Katholiken zu erkennen gaben, seien mitunter feindselig gewesen. Besonders bei den Bulgaren. Die sind vermutlich weniger Andersgläubigen begegnet als die Griechen oder die Russen. „Ortodoxie oder der Tod“ steht immer noch auf mancher Häuserwand am Athos. Katholiken gelten als Häretiker. Den vierten Kreuzzug im Jahre 1204, als Kreuzfahrer von Roms Gnaden Konstantinopel ausplünderten, will man ihnen nicht verzeihen, trotz päpstlicher Entschuldigung im Jahre 2001. Manches ist unabänderlich auf dem Athos.</p>
<h2 style="text-align: justify;"><span style="color: #000000;">Boom in Osteuropa</span></h2>
<p style="text-align: justify;">Anderes dagegen wandelt sich rapide. Nicht nur die Zahl der Pilger aus Osteuropa ist sprunghaft angestiegen, sondern auch die Zahl der Mönche aus den Ländern, die früher abgeriegelt hinter dem Eisernen Vorhang lagen. Von der Fähre aus war gut zu sehen, wie massiv das russische Kloster Panteleímonos erweitert wird. Gerüchte besagen, Moskau habe hier Elitesoldaten eingeschmuggelt. Die Hälfte der angeblichen Mönche seien militärische Spezialkräfte. Auch eine U-Boot-Anlegestelle unterhalb des Meeresspiegels soll es geben. Schon zu Zeiten des Kalten Krieges wurde über KGB-Agenten auf dem Athos spekuliert. Das mögen alles Verschwörungstheorien seien, aber der junge Russe, der in unserer Skite als eine Art Hausmeister herumwerkelt, ist sicher kein Mönchsanwärter. Er haust in einer primitiven Lehmhütte am Rande der Skite. „Könnte ein russischer Krimineller sein“, meint Wolfgang, „der sich hier dem Gefängnis entzieht!“</p>
<p style="text-align: justify;">Wolfgang kennt sich aus auf dem Athos. Er war bereits fünf Mal hier. Am Anfang stand eine Tragödie. Wolfgangs Schwiegervater hatte seinem Sohn zur Matura, dem österreichischen Abitur, versprochen gemeinsam auf den Athos zu reisen. Daraus wurde aber nichts, da der Vater zu beschäftigt war. Dann kam der Sohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben und der Vater machte sich schwere Vorwürfe, das Versprechen nie eingelöst zu haben. Er pilgerte allein auf den Athos. Und tut das seither regelmässig. Irgendwann nahm er den Schwiegersohn mit. Wolfgang. Und der ist dem Athos seither ebenfalls verfallen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vater Seraphim tätschelt mir die Schulter. Er deutet auf meine Leica und will wissen, was sie gekostet hat. Er lässt sich sogar fotographieren. Mit einer Einschränkung: „No Facebook! No Facebook!“ So diesseitig wie der Abt der Skite Kafsokalivion sind nicht alle Mönche auf dem Athos.</p>
<p style="text-align: justify;">Die kompromisslose Hingabe an die mönchischen Ideale macht nicht nur die Faszination aus, die der Athos auf seine Besucher ausübt. Sie hat vermutlich auch das Überleben dieses einzigartigen Ortes gesichert. Im 7. Jahrhundert haben die ersten Mönche im Schatten des Athos gesiedelt. Im Jahre 963 wurde dann das erste Kloster gegründet. Bis heute ist Megístis Lávras die Nummer eins in der Rangfolge der Athos-Klöster. Es werden nie mehr als 20 sein. So will es die Verfassung des Athos von 972. Sie gilt unverändert seit über tausend Jahren. Die Legende will es, dass die Jungfrau Maria im Jahre 49 nach der Geburt ihres Sohnes auf den Athos kam. Sie soll mit dem Schiff unterwegs gewesen sein nach Zypern.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Alle weiblichen Lebewesen wurden verbannt &#8211; bis auf Katzen</h2>
<p style="text-align: justify;">Auf der Halbinsel musste sie notankern, nachdem sie von einem Unwetter überrascht worden war. Von der Schönheit des Athos überwältigt, ließ sie sich die Halbinsel dann vom Auferstandenen schenken als ihren Garten. Diese Legende musste 1045 dafür herhalten, dass alle anderen weiblichen Wesen vom Athos verbannt wurden. Auch weibliche Tiere (Katzen gelten als Ausnahme). Historiker mutmaßen jedoch, dass der Frauenbann eine Konsequenz daraus war, dass die Belästigung der Töchtern von Bauern und Schäfern durch die Mönche überhand nahm. Heute leben noch rund zweitausend Mönche nach strikten Regeln auf dem teilautonomen Heiligen Berg. Sie haben der Nachwelt einen Ausschnitt des alten Byzanz erhalten.</p>
<p style="text-align: justify;">Clyde und Edward kommen seit einem Vierteljahrhundert regelmäßig auf den Athos. Edward, der in der Schweiz lebt, seit den späten 80ern. Er ist sogar zur orthodoxen Kirche konvertiert. Clyde ist Anglikaner geblieben. Er lebt auf den Orkney Inseln. Die beiden Herren in ihren beigefarbenen Safarihemden dürften die 70 längst überschritten haben. Wir lernen uns beim Warten auf die Fähre in Daphni kennen. Beide zieht es immer wieder hierher: Wegen der Natur einerseits und wegen der Andersartigkeit. „Hier gibt es keinen Materialismus“, sagt Edward. Auch für den Mönch auf Zeit &#8211; in unserem Fall auf Kurzzeit &#8211; werden materielle Dinge sehr schnell bedeutungslos.</p>
<p style="text-align: justify;">„Ein einziger echter Freund ist so viel mehr wert als alle Reichtümer“, meint Edward. Er hat lange in St. Gallen an der Internationalen Schule unterrichtet. Später betrieb er dann eine eigene Sprachenschule. In St. Gallen hatte er bereits im Chor einer othodoxen Gemeinde mitgesungen. Dann kam die Konversion. Den Schritt ist er aus Frustration über den Traditionsverlust in anderen Kirchen gegangen. Zum wiederholten Male höre ich auf dieser Reise, dass den meisten Konfessionen das Mystische des Glaubens, das im Herzen Empfundene abhanden gekommen ist.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich frage Edward, was es wohl mit den Mönchen macht, wenn jeder Tag exakt gleich abläuft und so die Zeit stillzustehen scheint. Schon die Frage ist ihm viel zu wissenschaftlich. Zu kopfig. Glauben habe vor allem mit Gefühl, mit Instinkt, mit Intuition zu tun. Beim Anblick überwältigend schöner Natur, wie hier auf dem Athos, beim Hören ergreifender Musik, wie die Choräle der Mönche, beim Lesen eines Gedichts könne man spüren, dass es andere Ebenen gibt, als die oberflächlich-materielle. Dass darunter etwas anderes, unendlich Tieferes existiert.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wichtige Rituale</h2>
<p style="text-align: justify;">Und das schon von Anbeginn an, seit Urzeiten. Und weil die gefühlte Ahnung davon ebenso alt ist, seien Traditionen und überlieferte Rituale so wichtig. Edward hat sie in der orthodoxen Kirche und insbesondere auf dem Athos gefunden. Die modernen Kirchen seien verkopft, schnaubt er. Sie müssten zwanghaft andauernd ihren Glauben erklären und somit rechtfertigen, als würden sie gegen ihre eigenen Zweifel anargumentieren. Sie singen Popsongs in dem Wahn, dadurch zeitgemäss zu sein. Mit diesem Anbiedern an den Zeitgeist hätten sie ihre Seele verloren. Bei der katholischen Kirche habe es damit begonnen, dass der lateinische Ritus abgeschafft wurde.</p>
<p style="text-align: justify;">Clyde hält sich bei diesem Thema lieber zurück. Obwohl er die Athos-Faszination voll und ganz teilt, ist er den radikalen Schritt der Konversion anders als sein Reisegefährte nicht gegangen. Doch seine Lebensentscheidungen muten nicht minder radikal an. Clyde schreibt Musik und sagt, in Glasgow etwa könne er das nicht. Er bräuchte Natur und Entlegenheit. Schon als junger Mann habe es ihn in die Wildnis gezogen. Einmal hatte er die idealen Arbeitsbedingungen gefunden: Auf einer fast unbewohnten Insel in der Nähe der Orkneys. Nach dieser eremitischen Episode zog er dann auf die Hauptinsel von Orkney, kaufte dort eine Cottage und etwas Land. Von seinem Haus aus kann er auf das Meer gucken. Clyde versucht, das karge Eiland wieder aufzuforsten. Er pflanzt einen Wald an. Auf seinem Land steht ein Windrad, das ihn mit Elektrizität versorgt. Hier komponiert er und lebt wie ein athonitischer Mönch.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn er nicht gerade mit seinem Freund, dem pensionierten Sprachenlehrer aus der Schweiz, auf spiritueller Reise ist. In Nepal waren sie, in Laddakh, und haben in buddhistischen Klöstern übernachtet. Zwei weitere Pilger also, die auf dem Athos Ruhe, uralte, unverfälschte Traditionen und Zeitlosigkeit suchen vor der Kulisse ergreifend schöner Natur. Gemeinsam fahren wir auf der Fähre zurück in die materialistische Konsumwelt, aus der wir kamen. Mit etwas Hoffnung im Gepäck, dass sich der Geist von Athos nicht allzu schnell wieder verflüchtigen möge.</p>
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		<title>Flucht als Dauerzustand</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Sep 2015 06:28:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
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					<description><![CDATA[Anderthalb Jahre nach Ausbruch des ukrainischen Bürgerkrieges sitzen noch immer 1,4 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land fest. Eine Reise in die Donbass-Stadt Kramatorsk am Rande der Front.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/flucht-als-dauerzustand/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Anderthalb Jahre nach Ausbruch des ukrainischen Bürgerkrieges sitzen noch immer 1,4 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land fest. Eine Reise in die Donbass-Stadt Kramatorsk am Rande der Front.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es sei doch nur Feuerwerk, logen die Eltern, als Granaten hinter dem Zug einschlugen. In der sprichwörtlich letzten Minute war Familie Tratschuk den Kämpfen um Luhansk entkommen. Alles hatte schnell gehen müssen. Rasch noch von den Nachbarn verabschieden, die trotz der Gefahr bleiben wollten. Würden sie auf die beiden Katzen und die Schildkröte aufpassen? Danke und passt auf euch auf!, fielen sie sich beim Abschied in die Arme. Dann schnell zum Bahnhof, den Zug nach Kiew erwischen. Die Zwillinge schrien. Veronika und Viktoria, acht Jahre alt, leiden unter frühkindlichem Autismus. Im Gleichklang schlugen sie panisch die Hände über dem Kopf zusammen – wie immer, wenn eine Kleinigkeit von ihrer täglichen Routine abwich, etwa eine neue Jacke. Bei der Flucht vor Granatangriffen wirkte die Geste seltsam untertrieben.</p>
<p style="text-align: justify;">„Feuerwerk kennen sie und der Gedanke hat sie beruhigt“, sagt Mutter Julia, die die Geschichte in der Sicherheit des Caritas-Büros in Kiew erzählt, wo die Familie psychologisch betreut wird. Kuscheltiere und bunte Stifte für die Maltherapie liegen herum. Seit jenem Julitag im vergangenen Jahr leben die Tratschuks bei Verwandten in der 800 Kilometer entfernten Hauptstadt der Ukraine.</p>
<h2 style="text-align: justify;">2,3 Millionen auf der Flucht</h2>
<p style="text-align: justify;">Sie sind mit ihrem Schicksal nicht allein. Nach <a href="http://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/ocha_ukraine_situation_update_number_7_14_august_2015.pdf" target="_blank">Angaben der Vereinten Nationen</a> mussten rund 2,3 Millionen Menschen wegen der Kämpfe zwischen ukrainischen Regierungstruppen und pro-russischen Separatisten das Donbass verlassen. 925.000 gingen ins Ausland, 1,4 Millionen blieben in der Ukraine. Viele haben Unterschlupf bei Verwandten oder Freunden in sicheren Teilen des Landes gefunden. Die meisten aber harren am Rande der Konflikzone aus. Bald würde wieder Frieden sein, hatten viele gehofft. Doch inzwischen sind schon 19 Monate vergangen. Die Waffenruhe ist brüchig. Immer wieder kommt es zu Gefechten. Eine politische Lösung ist nicht in Sicht.</p>
<p style="text-align: justify;">An das ferne Echo von Gewehrfeuer hat man sich auch in Kramatorsk gewöhnt, einer 160.000-Einwohner-Stadt direkt an der Frontlinie. Wie graue Riesen erheben sich die Umrisse von Plattenbauten in die Dunkelheit, ihre Fenster hängen wie grimmige Augen über den Straßen. Wir befinden uns hier noch auf ukrainischem Gebiet. Aber keine 80 Kilometer südlich thronen schon die ebenso grauen Plattenbauten der &#8222;Volksrepublik Donezk&#8220;. Und 130 Kilometer östlich die der &#8222;Volksrepublik Luhansk&#8220;. Es spielt keine Rolle, dass kein Staat der Welt die selbsternannten Republiken der Separatisten anerkennt. In der umkämpften Donbass-Region zählt nur die durch Waffengewalt geschaffene Realität.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-13.jpg" data-caption="Ukrainische Sprengstoff-Experten entschärfen Blindgänger nach Gefechten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-10.jpg" data-caption="Dieses Haus bei Slowjansk ist zerbombt und das Garagentor von Kugeln durchlöchert." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-9.jpg" data-caption="Ein Haus bei Slowjansk nach Gefechten zwischen Separatisten und ukrainischer Armee." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-11.jpg" data-caption="Durch Blindgänger sterben auch lange nach Ende der Gefechte noch Menschen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-14.jpg" data-caption="Familie Tratschuk mit den autistischen Zwillingen in der Sicherheit des Kiewer Caritas-Büros." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-15.jpg" data-caption="Viktoria leidet wie ihre Zwillingsschwester Veronika an frühkindlichem Autismus. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-6.jpg" data-caption="Lilja und drei ihrer sieben Kinder in der Flüchtlingsunterkunft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg" data-caption="Priester Wasyl Iwanjuk rast in seinem roten Lada durch die Stadt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-4.jpg" data-caption="Natalia übt täglich mit ihrer Geige." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-16.jpg" data-caption="Eine Spielzeugpuppe in einer Flüchtlingsunterkunft in Kiew." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-8.jpg" data-caption="Ein zerstörtes Haus bei Slowjansk." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Markus Huth</p></div></p>
<h2 style="text-align: justify;">Der Soldaten-Priester</h2>
<p style="text-align: justify;">Das begreift auch der Mann am Steuer des roten Ladas, der durch die Straßen von Kramatorsk rast, als wolle er einer Gewehrkugel entkommen. Priester Wasyl Iwanjuk koordiniert für die Caritas die Flüchtlingshilfe vor Ort. Bei jedem Schlagloch stößt sein samtroter Klerikerhut fast an die Decke. Trotzdem nimmt der Priester den Fuß nicht vom Gaspedal. Auch den Gurt legt er nie an. „Langsame Ziele sind leichter zu treffen und unangeschnallt komme ich aus einem brennenden Fahrzeug besser raus“, sagt Iwanjuk. Der 48-Jährige weiß, wovon er spricht. Denn bevor er ein Mann Gottes in der ukrainisch griechisch-orthodxen Kirche wurde, war er Oberstleutnant in der Roten Armee gewesen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vielleicht geriet er deshalb nicht in Panik, als ihn Separatisten an einem Checkpoint aus dem Auto zerrten und mit vorgehaltener Waffe mit dem Tod bedrohten. Weil er Katholik sei und aus dem westukrainischen Lwiw stamme, hätten die pro-russischen Kämpfer ihn als „ukrainischen Nationalisten“ erschießen wollen, erinnert sich Iwanjuk.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5073-12"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                               title="Priester Wasyl Iwanjuk">
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                                Priester Wasyl Iwanjuk
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<h2 style="text-align: justify;">„Wer mehr geleistet hat, soll mich erschießen“</h2>
<p style="text-align: justify;">Er habe in die Gewehrläufe erwidert, dass er seit 23 Jahren im Donbass lebt, hier sechs Kirchen gegründet, vier Kinder großgezogen und zwei Häuser gebaut hat. Und forderte schließlich: „Wer mehr geleistet hat, soll mich erschießen.“ Daraufhin hätten die verdutzten Kämpfer ihn ziehen lassen. Natürlich hat er ihnen verschwiegen, dass einer seiner Söhne für die ukrainische Armee an der Front kämpft. Und dass er diesen regelmäßig dort besucht und seine Einheit vor Einsätzen segnet. Ihren Kampf hält Iwanjuk für gerecht, weil sie ihre Heimat verteidigen. Den Krieg in ein fremdes Land zu tragen, sei hingegen Sünde.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Wir sind da&#8220;, sagt Iwanjuk, biegt links ab und parkt in einem finsteren Hof, umstellt von Plattenbau-Riesen, die nun weniger bedrohlich, als schützend wirken. Hier hat der Priester eine der vielen Familien untergebracht, die vor dem Bürgerkrieg geflüchtet sind. Widerwillig rumpelt der klapprige Fahrstuhl in den vierten Stock. Was beim Bau der Hochhäuser in den 70er-Jahren noch neueste Technik war, wirkt heute wie ein archäologisches Artefakt. Ostukraine, Westukraine, Russland: damals nur nebensächliche Etiketten. Alle waren Sowjets. Vom ukrainischen Lwiw im Westen bis ins russische Wladiwostok im Osten erstreckte sich die Sowjetunion, mit über 22 Millionen Quadratkilometern eines der größten Staatsgebiete, die die Welt je gesehen hat. Und die sowjetische Propaganda feierte die kohlereiche Donbass-Region als ihr industrielles Herz.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5073-13"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                               title="Lilja und ihre beiden jüngsten Kinder">
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                                Lilja und ihre beiden jüngsten Kinder
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        </p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify;">Diese stolze Zeit des Donbass kennt die Frau, die nun die Tür öffnet, nur noch aus den Geschichten der Eltern. Grau ist Liljas Haut, grau das Kopftuch, das die dunkelblonden Haare zusammenhält, grau auch der Pullover. Sie sieht älter aus als die 34 Jahre, die sie ist. So als hätten die Strapazen der vergangenen Monate ihr die Farbe entzogen. Als die Sowjetunion in einzelne Teilstaaten zerfiel, war Lilja zehn Jahre alt. Und in der neuen Ukraine feierte niemand mehr das Donbass. Stattdessen wurde es zum Inbegriff für Misswirtschaft, Massenentlassungen und Perspektivlosigkeit.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Bomben im Oktober</h2>
<p style="text-align: justify;">Lilja kann ihre Landsleute in den Separatisten-Gebieten verstehen, die wieder auf bessere Zeiten für das Donbass an der Seite Russlands hoffen. Ihr Mann schlug sich im Heimatdorf Makijiwka als selbstständiger Metallhändler durch. Sie kümmerte sich um den Haushalt und die sieben Kinder. „Wir hatten nicht viel zum Leben, aber es hat gereicht. Wir wollten nicht gehen“, sagt sie. Doch dann schlugen im Oktober Bomben ein. Weil sie in der Nähe des Donezker Flughafens wohnten, sei ihr Dorf ins Visier der ukrainischen Artillerie geraten. Ein Bekannter fuhr die Familie nach Kramatorsk. Am Ende fühlte sie sich der Ukraine dann doch näher als Russland.</p>
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                               title="Natalia übt täglich Geige">
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                                Natalia übt täglich Geige
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        </p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify;">Und während Lilja die Geschichte ihrer Flucht erzählt, erklingt aus dem Nebenzimmer Geigenmusik. Die fünfzehnjährige Tochter Natalia ist froh, dass sie das Instrument aus dem Elternhaus retten konnte. So wie ihre Schwester das Cello. „Das Piano mussten wir leider zurücklassen. Die Kinder sind alle sehr musikalisch und üben täglich“, sagt die Mutter stolz. Auf dem Arm hält sie das jüngste ihrer sieben Kinder. Kurz bevor es geboren wurde, war der Bürgerkrieg ausgebrochen. „Bevor das alles passiert ist“, sagt sie, „dachte ich, dass Ukrainer und Russen Brüder und Schwestern sind. Ich wünsche mir einfach nur Frieden.“</p>
<p style="text-align: justify;">„Was ist mit dem Licht im Schlafzimmer los?“, fragt der Priester. Es gehe schon eine Weile nicht mehr, antwortet Lilja. Es ist eng in der Zweizimmerwohnung, es gibt nur wenige Möbel, im Schlafzimmer liegt eine Matratze auf dem Boden. Iwanjuk macht eine Notiz, verabschiedet sich und eilt, begleitet von Natalias Geigenmusik, hinunter zum roten Lada. Er sagt, dass es inzwischen 40.000 Flüchtlinge in Kramatorsk gebe, das nur viermal mehr Einwohner hat. Die Mittel reichten aber nur für gut 1.500 Bedürftige.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Geringe Spendenbereitschaft</h2>
<p style="text-align: justify;">Zurück in Kiew räumt der ukrainische Caritas-Präsident, Andrij Waskowycz, ein: „Wir sind vom Ausmaß der humanitären Krise überrascht worden“. Der Mann mit der dezenten Brille, im dunklen Anzug, gescheiteltes, weißes Haar, wirkt wie ein Professor und sitzt in einem Restaurant, in dem die Kellner westukrainische Trachten tragen. Um die Ecke liegt der Majdan, jener zentrale Platz, wo alles begann: die Unruhen oder der Freiheitskampf, je nach Perspektive. Waskowycz sagt, das Hilfsbudget von zwei Millionen Euro, größtenteils finanziert vom deutschen Staat, reiche hinten und vorne nicht. Die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung sei gering, auch in Deutschland. Andere Hilfsorganisationen klagen ebenfalls über zu wenig Mittel. 316 Millionen Dollar brauchen die Vereinten Nationen von den Mitgliedsstaaten für die Hilfe in der Ukraine, nur gut ein Drittel davon haben sie erhalten. Am dringendsten ist die Lage laut UN-Helfern vor Ort innerhalb der Separatisten-Gebiete, wo die medizinische Versorgung teilweise zusammengebrochen sei.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Grund für die Spendenunwilligkeit sind die fehlenden Bilder der Not. Denn trotz des Flüchtlingsansturms werden die ukrainischen Städte nicht von Obdachlosen oder hungernden Bettlern überflutet. Die ukrainische Zivilgesellschaft, meint Waskowycz, sei stark und habe die größte Not zunächst aufgefangen. Die Weltöffentlichkeit nehme den Konflikt deshalb eher als politisches Problem, statt als humanitäre Katastrophe war. Dass im Donbass ganze Felder vermint sind und immer noch Menschen durch Blindgänger sterben, ist den wenigsten bekannt. Die Zahl der Toten des Konflikts von bisher wenigstens 6.800 steigt auch wegen der gelegentlichen Scharmützel an der Frontlinie weiter. Der Caritas-Mann warnt: je länger der Konflikt dauere, desto mehr würden die Heimatlosen für das ganze Land zum Problem. Es drohe gar eine weitere Destabilisierung der ukrainischen Gesellschaft.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Weitere Destabilisierung droht</h2>
<p style="text-align: justify;">Das spürt auch Familie Tratschuk mit den autistischen Zwillingen, die nach ihrer Flucht aus Luhansk bei Verwandten in Kiew Obdach gefunden haben. Im vergangenen Sommer sei die Atmosphäre ihnen gegenüber noch voller Hilfsbereitschaft gewesen, berichtet Vater Oleg, der als Journalist arbeitet. Inzwischen gelten die Flüchtlinge aber als Konkurrenten um Arbeitsplätze und Wohnraum. Und während die Armee westukrainische Männer zum Wehrdienst einzieht und an die Front schickt, kommen junge Männer aus dem Osten und erhalten als Flüchtlinge staatliche Zuwendung. Auch die Tratschuks haben einen gesunden Sohn, Wladyslaw ist 17 und wird bald im wehrdienstfähigen Alter sein. „Ich habe Angst, dass er an die Front muss“, sagt Mutter Tatjana. Sie hätten manchmal das Gefühl, dass die Westukrainer ihre Landsleute aus dem Donbass als Verräter wahrnehmen. Wie konnten sie es nur zulassen, dass die Separatisten so stark werden?</p>
<p style="text-align: justify;">Auch wegen dieses Stigmas sind die meisten Flüchtlinge nicht weit nach Westen gezogen, sondern harren in frontnahen Städten wie Kramatorsk aus. So wie Lilja und ihre sieben Kinder, die schnellstmöglich ins Dorf Makijiwka zurückkehren wollen und hoffen, dass das Haus noch steht. Ob das Piano noch unversehrt ist?, fragt Natalia und setzt die Geige wieder ans Kin. Sie alle warten weiter auf Frieden. Und während sie warten, rast durch die graue Plattenbau-Landschaft von Kramatorsk des Priesters roter Lada.</p>
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<p style="text-align: center;"><em>Transparenzhinweis: Unser Autor Markus Huth war im Donbass mit der Hilfsorganisation <strong><a href="http://weltseher.de/flucht-als-dauerzustand/" target="_blank">Caritas International</a></strong> unterwegs, die Teile der Reisekosten getragen hat.</em></p>
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		<title>„Wir haben nichts!&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 Jul 2015 21:32:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Serbien]]></category>
		<category><![CDATA[EU]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Ort Preševo in Serbien erlebt derzeit einen Flüchtlingsansturm. Die Menschen weichen hierher aus, weil das EU-Land Bulgarien seine Grenzen dicht macht. Niemand in der Kleinstadt ist darauf vorbereitet. Die humanitären Umstände sind entsprechend verheerend.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wir-haben-nichts/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Ort Preševo in Serbien erlebt derzeit einen Flüchtlingsansturm. Die Menschen weichen hierher aus, weil das EU-Land Bulgarien seine Grenzen dicht macht. Niemand in der Kleinstadt ist darauf vorbereitet. Die humanitären Umstände sind entsprechend verheerend.</strong></p>
<p style="text-align: left;">Das ist also der Arsch der Welt“, sagt mein guter Freund Daniel und schüttelt ungläubig mit dem Kopf. Wir waren nach Preševo in Südostserbien gekommen, um einen ehemaligen Kommandanten der albanischen Untergrundarmee UÇK zu interviewen. Die Kleinstadt wirkte wie ausgestorben, wie eine verlassene Westernstadt inmitten der ärmsten Region Serbiens. Einer jener Orte, in dem die braunen Ziegelmauern Ohren haben und marodierende Kinderbanden mit großen Augen hinter den Ecken lauern und einen auf Schritt und Tritt beschatten. Ich war froh, als wir den Ort wieder verlassen konnten. Das war vor einigen Wochen.</p>
<p style="text-align: left;">Nun ist es Anfang Juli und ich schlucke ordentlich als eine serbische Kollegin mir rät: „Fahr nach Preševo. Da ist im Moment die Hölle los.“ Die 35.000-Seelen-Gemeinde solle seit rund zwei Wochen einem Flüchtlingslager gleichen. Immer mehr Menschen wählen die Route über Südserbien, um nach Mitteleuropa zu gelangen. Der Grund: Die Sicherheitsvorkehrungen an der nahegelegenen bulgarischen Grenze werden permanent verschärft. Ein Durchkommen ist dort kaum noch möglich.</p>
<h2 style="text-align: left;">Flüchtlings-Kolonnen</h2>
<p style="text-align: left;">Gemeinsam mit Mitarbeitern der serbischen NGO „Centar E8“ will ich die Situation begutachten. Schon auf der Schnellstraße sehen wir die ersten Kolonnen. Große Gruppen marschieren von Preševo aus nach Nordserbien. Sie tragen kaum Gepäck – nur ihre Schlafsäcke am Gürtel. Die Frage nach dem Weg erübrigt sich. Ein junger Mann schwenkt bereits die Handfläche, wie die Kelle eines Verkehrspolizisten, als wir die Scheibe herunterlassen und zeigt unmissverständlich in Richtung Zentrum, in Richtung Polizeistation. Wir parken den Wagen unweit der Moschee. Als wir aussteigen, ruft der Muezzin auffallend leiernd zum Gebet. „Das kommt nur vom Band. Mehr kann man sich hier nicht leisten“, sagt eine meine Begleiterinnen.</p>
<p style="text-align: left;">In den Straßen rund um die Polizeistation bestätigen sich die Berichte meiner Kollegin. Hunderte Männer, Frauen und Kinder – vorwiegend aus dem Mittleren Osten sowie Nord- und Zentralafrika – hocken auf den Bordsteinen oder direkt auf der Straße und warten auf ihre Dokumente für die Weiterreise in Richtung Ungarn.</p>
<p style="text-align: left;">Überall liegt Müll. Leere Plastikflaschen und Verpackungen füllen den Straßengraben. Die Massen drängen sich dazwischen unter den Bäumen, um Schutz im Schatten zu finden. Einige hängen mit allen vier Gliedmaßen am Zaun der Polizeistation und versuchen mit der Handvoll Polizisten zu verhandeln, die das Gelände vor der Stürmung sichern. Die Beamten reagieren nicht, sie tragen Mundschutz, wie man ihn aus Krankenhäusern kennt, und Gummihandschuhe.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-17-von-26.jpg" data-caption="Bis zu 600 Flüchtlinge erreichen Preševo am Tag und harren bis zu drei Tage vor der Polizeistation aus, bevor sie ihre Dokumente zur Weiterreise bekommen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-24-von-26.jpg" data-caption="Die meisten Flüchtlinge stammen aus dem Mittleren Osten und Afrika. Sie hoffen auf Sicherheit und ein besseres Leben in Mitteleuropa." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-5-von-26.jpg" data-caption="Muhammed aus Damaskus versucht mit seiner siebenköpfigen Familie, Deutschland zu erreichen und hofft, Preševo möglichst schnell verlassen zu können." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-12-von-26.jpg" data-caption="Vor dem Zaun warten die Flüchtlinge, um sich von der Polizei Dokumente zur Weiterreise ausstellen zu lassen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-3-von-26.jpg" data-caption="Die Nummern auf den Handrücken der Flüchtlinge sind die Eintrittskarte auf den Innenhof der Polizei." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-16-von-26.jpg" data-caption="Ein Polizist trägt Mundschutz." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-1-von-26.jpg" data-caption="Der Albaner Agon Ajeti versucht, den Flüchtlingen so gut es geht zu helfen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-6-von-26.jpg" data-caption="In abrissfertigen Häusern schlafen die Flüchtlinge auf Pappe, Decken und dem nackten Boden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-8-von-26.jpg" data-caption="Diese zwei Wasserkanister des Serbischen Roten Kreuzes können die Flüchtlinge nur unzureichend versorgen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-11-von-26.jpg" data-caption="Die Stadtbewohner stellen eine Wasserleitung zur Verfügung." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-22-von-26.jpg" data-caption="Zwei Flüchtlingskinder erfrischen sich. Die Temperaturen Anfang Juli betragen weit über 30 Grad Celsius." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-4-von-26.jpg" data-caption="Der Palästinenser Rodi will ebenfalls nach Deutschland. Zu Fuß möchte er die Grenze nach Ungarn überqueren. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/07/Bild-19-von-26.jpg" data-caption="Flüchtlinge warten zwischen Müll." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Hauke Heuer</p></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Die Nerven liegen blank</h2>
<p style="text-align: left;">Wir treten mit halb gehobenen Händen durch das Tor und suchen das Gespräch mit dem ranghöchsten Uniformträger. Der zeigt sofort mit dem Finger entgegen unserer Laufrichtung. Wir diskutieren, fragen nach konkreten Zahlen. „Bis vor ein paar Wochen sind hier 20 bis 30 Personen am Tag aufgetaucht. Heute registrieren wir bis zu 600 Menschen täglich“, nuschelt der Polizist durch seinen Mundschutz und schiebt uns bestimmt Richtung Ausgang. „Wie ist die Situation?“, fragt meine serbische Begleiterin. „Wir sind zu wenige und vollkommen überfordert. Das sehen sie doch!“, antwortet der Beamte denkbar patzig und schließt mit einem lauten Knall hinter uns das Tor. Die Nerven liegen blank.</p>
<p style="text-align: left;">Wieder auf der Straße wird die Überforderung sichtbar – es geht einfach nichts voran. Lange Schlangen bilden sich vor einem provisorischen Büro gegenüber der Polizeistation. Nummern werden mit schwarzer Tinte auf die Handrücken der Wartenden geschrieben – die Eintrittskarte für den umzäunten Hof der Polizei. Hier gibt es die eigentlichen Dokumente. Teilweise müssen die Flüchtlinge bis zu drei Tage warten bis sie das entsprechende Papier in der Hand halten.</p>
<p style="text-align: left;">Währenddessen brennt die heiße Balkansonne und die zwei einzigen großen blauen Wasserkanister sind leer. Einmal am Tag kommen die Helfer des Serbischen Roten Kreuzes und verteilen Lebensmittel. Nur ungefähr ein Drittel der Menschen erhält eine Ration. Der Rest wird auf den Folgetag vertröstet. „Wir haben nichts! Unser Essen geben wir den Kindern und den Alten“, sagt Muhammed aus Damaskus, der mit seiner siebenköpfigen Familie auf dem Weg nach Deutschland ist, um dem syrischen Bürgerkrieg zu entkommen.</p>
<h2>Berichte von Misshandlung durch mazedonische Polizei</h2>
<p style="text-align: left;">Gemeinsam mit seinem Vater und der kleinen Schwester steht Muhammed am einzigen Wasserhahn, den die Bevölkerung den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt hat und füllt Plastikflaschen auf. In Mazedonien sei es ihm noch schlimmer ergangen, berichtet er. „Die Polizei in Mazedonien hat uns einfach angehalten, mit Knüppeln geschlagen und Geld gefordert, damit sie wieder verschwinden“.</p>
<p style="text-align: left;">Insgesamt 500 Euro habe Muhammeds rund 20-köpfige Reisegruppe herausrücken müssen, um die Polizisten zu befrieden. Es ist eine unter vielen vergleichbaren Erfahrungen, von denen die Flüchtlinge aus dem Nachbarland berichten. Seit Monaten leidet Mazedonien unter innenpolitischen Konflikten und gewalttätigen Ausschreitungen. Im serbischen Preševo fühlt sich der ehemalige Architekturstudent deshalb relativ sicher.</p>
<p style="text-align: left;">Zudem ist die albanische Bevölkerung hier überwiegend muslimisch und auch die Flüchtlinge kommen meist aus muslimischen Ländern. Sie hoffen in Preševo daher auf mehr Solidarität als in den christlichen Nachbarregionen. Der albanische Serbe Agon Ajeti möchte diese Hoffnung nicht enttäuschen. „Als immer mehr Menschen in unseren Ort kamen, haben wir leerstehende Gebäude zumindest für die Familien zur Verfügung gestellt und versucht, soviel Trinkwasser und Nahrungsmittel aufzutreiben, wie wir konnten“, sagt er.</p>
<p style="text-align: left;">Ajeti führt uns durch die notdürftig mit Decken ausgelegten Abrisshäuser, die in seinem Besitz sind. Auf den nackten Betonböden liegen ein paar Decken. Nur wenn es regnet, dürfen Hunderte der Fremden in die nahegelegene Gaststätte von Fazlin Besnir, in der sonst Hochzeiten gefeiert werden.</p>
<h2 style="text-align: left;">Von serbischer Regierung allein gelassen</h2>
<p style="text-align: left;">Gemeinsam mit mehreren Männern aus Preševo sitzen wir im Saal der Gaststätte und lauschen. Sie alle sind empört, mit der Lage in ihrem Ort überfordert und fühlen sich von der serbischen Regierung, die die albanischen Gebiete traditionell links liegen lässt, allein gelassen.</p>
<p style="text-align: left;">Ajeti, ein großgewachsener junger Mann in den Dreißigern, ergreift das Wort: „Wir rufen die Europäische Union und NGOs auf, uns zu helfen. Wir brauchen einfach alles“, sagt er mit ernster Miene. Seine Mitstreiter nicken bestimmt. „Die Flüchtlinge sind unsere Brüder. Sie kommen zu uns, weil sie die Moschee sehen und wissen, dass ihnen hier geholfen wird. Und natürlich helfen wir, denn wir Albaner wissen, wie es ist, auf der Flucht zu sein“, sagt ein junger Mann und fügt kopfschüttelnd hinzu, „alles organisieren wir selber: Unterkünfte, Essen, Wasser, Windeln und Ärzte, aber unsere Kapazitäten sind überschritten. Diese Stadt ist sehr arm. Mit dieser Entwicklung hat niemand gerechnet“.</p>
<p style="text-align: left;">Wir gehen zurück zu den Flüchtlingen und suchen das Gespräch. Die Stimmung ist gespannt. Schnell sind wir von mehreren Dutzend Menschen umringt, die sich gegenseitig schubsen, wild durcheinander reden und hoffen, von uns Informationen zu erhalten, die ihre Weiterreise beschleunigen. Sie greifen nach jedem Strohhalm. Den meisten Männern sieht man die Strapazen ihrer Reise an. Sie wirken müde, ausgemergelt und rastlos.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Unser Haus ist zerbombt&#8220;</h2>
<p style="text-align: left;">Der Palästinenser Rodi spricht am besten Englisch. Sein Dorf nahe Damaskus sei von der Terrormiliz Islamischer Staat angegriffen worden. &#8222;Unser Haus ist zerbombt&#8220;, sagt er. Nun sucht er Zuflucht und ein besseres Leben in Europa. „Wir reisen in Gruppen. Nur so sind wir geschützt. Dafür dauert es Tage bis alle ihre Dokumente haben“, erklärt Rodi. Es sei nicht gut, einfach nur auf der Stelle zu sitzen und zugrunde zugehen. Er wolle einfach nur noch weiter. Nach Ungarn und von dort aus nach Deutschland. „Ich will möglichst schnell die Sprache lernen und studieren. Damit meine Familie stolz auf mich sein kann. Zurück kann ich nicht“, sagt der 26-Jährige und lüftet sein Basecap.</p>
<p style="text-align: left;">Weil ich weiß, wie man in Europa und Deutschland mit Flüchtlingen umgeht, versuche ich Rodi zu erklären, dass das nicht so leicht sein wird. Dass es wahrscheinlich schwer sein wird, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Ich ernte reihum enttäuschte Blicke. Gefolgt von Widerworten.</p>
<p style="text-align: left;">Viele der Flüchtlinge hier wurden in Griechenland registriert. Die Polizei greift die Menschen auf, meist nachdem sie die Ägäis mit einem Boot überquert haben, und nimmt Fingerabdrücke. Einen Antrag auf Asyl stellen die Flüchtlinge in Griechenland meist nicht, denn sie wollen nach Mitteleuropa. Und die Griechen lassen sie ziehen. Dass die Flüchtlinge in den mitteleuropäischen EU-Staaten aber Gefahr laufen, wieder zu den krisengeplagten Hellenen abgeschoben zu werden, ist ihnen nicht bekannt.</p>
<p style="text-align: left;">Immer mehr Menschen scharen sich um uns, während wir die europäische Flüchtlingspolitik erklären. Mehrere Männer übersetzen simultan aus dem Englischen. Doch die Flüchtlinge schütteln ungläubig mit dem Kopf. Zu groß ist ihre Hoffnung. Zu nah ist das Ziel Mitteleuropa. Sie klammern sich an ihren Optimismus.</p>
<h2 style="text-align: left;">Rote Kreuz scheint überfordert</h2>
<p style="text-align: left;">Kurz vor unserem Aufbruch bahnen sich zwei Wagen des Serbischen Roten Kreuzes ihren Weg durch die wartende Menschenmasse. Es werden Nahrungsmittel verteilt – wieder einmal zu wenig. Wir sprechen einen Helfer auf die fehlenden Zelte an – es wurden bisher nur zwei aufgestellt – und fragen nach dem Grund für die unzureichende Wasserversorgung.</p>
<p style="text-align: left;">Erst will der Helfer nicht mit uns reden und schaut weg. Wir fragen noch einmal nach. „Das wird sich morgen alles ändern. Wir tun, was wir können. Hier gibt es kein Problem“, blafft der Mann entnervt zurück – auch das Rote Kreuz scheint überfordert. Nur eines ist sicher: Die Abriegelung der EU-Grenze in Bulgarien hält die Flüchtlinge nicht auf. Sie treibt die Menschen durch eine der derzeit ärmsten und politisch instabilsten Regionen Europas. Das Elend ist vorprogrammiert.</p>
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		<title>Diorella</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 21 Jun 2015 21:31:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Bichsel]]></category>
		<category><![CDATA[Prostitution]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksale]]></category>
		<category><![CDATA[Transsexualität]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Stell dir vor, dein Land leidet unter der schlimmsten Krise seit Jahrzehnten und du bist eine in die Jahre gekommene, transsexuelle Prostituierte. Willkommen in Diorellas Leben. In Griechenland verteilt sie tagsüber Essen an Bedürftige und verkauft nachts ihren Körper. Doch wegen der Wirtschaftskrise geht auch dieses Geschäft schlecht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ich-bereue-nichts/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Stell dir vor, dein Land leidet unter der schlimmsten Krise seit Jahrzehnten und du bist eine in die Jahre gekommene, transsexuelle Prostituierte. Willkommen in Diorellas Leben. In Griechenland verteilt sie tagsüber Essen an Bedürftige und verkauft nachts ihren Körper. Doch wegen der Wirtschaftskrise geht auch dieses Geschäft schlecht.</strong></p>
<p style="text-align: left;">Diorella hockt auf dem Boden, vor sich einen Haufen weißer Plastiktüten. Ihr blondes Haar fällt ihr über die Schultern, emsig füllt sie die einzelnen Tüten mit Lebensmitteln.</p>
<p style="text-align: left;">Jeden Mittwoch sortiert die Griechin Essensspenden, die an bedürftige Menschen aus der Transcommunity verteilt werden. Im Namen der Greek Transgender Association GTGA engagiert sich Diorella für die «am meisten gefährdete Minderheit im Land während der Krise», wie sie selbst sagt.</p>
<p style="text-align: left;">Die 88 Mitglieder der Gruppe bezahlen monatlich einen kleinen Solidaritätsbetrag, um die Miete eines Büros zu bezahlen. Aus diesem Topf kann Diorella auch mal Geld nehmen, um die Säcke in nicht ganz so guten Zeiten aufzufüllen.</p>
<p style="text-align: left;">Neben der Essensverteilung engagiert sich die Sechzigjährige wie ihre anderen Kolleginnen und Kollegen aus der Transcommunity auch auf Demonstrationen oder an Veranstaltungen für eine Verbesserung ihrer rechtlichen Situation.</p>
<p style="text-align: left;">Diorellas Arbeit für die GTGA ist ehrenamtlich. Über die Organisation, die seit 2010 in dieser Form existiert, fand ich den Kontakt zu ihr.</p>
<h2 style="text-align: left;">Grenzschließung verhindert Geschlechtsumwandlung</h2>
<p style="text-align: left;">Diorella wuchs in den Fünfzigerjahren in Athen auf. Mit ungefähr 13 Jahren, sagt sie, realisierte sie ihre weibliche Geschlechtsidentität und führte während ihrer Pubertät eine Beziehung mit einem Mann.</p>
<p style="text-align: left;">Damals organisierte sich Diorella einen Termin beim Gynäkologen Dr. Georges Bouru in Casablanca, einem Pionier der geschlechtsangleichenden Operationen und international bekannt in der Szene. Sie konnte den Termin jedoch nicht wahrnehmen, da die Militärdiktatur in Griechenland die Grenzen abriegelte.</p>
<p style="text-align: left;">Diorella hatte keine andere Wahl, als sich diesem Schicksal zu fügen. Risikolos wäre sie nicht über die Grenze gekommen. Einen neuen Versuch machte sie nicht, ihre Umwandlung wurde daher nie vollzogen.</p>
<p style="text-align: left;">Ich durfte Diorella bei unserem Treffen in ihre Wohnung begleiten. Sie besitzt zwei kleine Wohnungen in Athen. In der einen lebt sie, die andere nutzt sie zum Arbeiten – seit einigen Jahren muss Diorella ihren Lebensunterhalt mit Prostitution finanzieren und sagt dazu nur: «Was soll ich sonst noch arbeiten?»</p>
<p style="text-align: left;">Diese Zweitwohnung vermietet sie an andere Frauen weiter. Durch die wirtschaftliche Krise in Griechenland leidet auch die Prostitution. Ein Kunde, der vorher bis zu zwei Mal die Woche bei ihr war, komme heute nur noch alle zwei Monate.</p>
<p><div id="aesop-gallery-4731-11"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4731" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_07.jpg" data-caption="Zu Hause liest Diorella am liebsten ein Buch oder blättert in einem Magazin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_02.jpg" data-caption="Die Frauen der Greek Transgender Association im Büro in Athen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_03.jpg" data-caption="Auf dem Gemüsemarkt in ihrer Nachbarschaft ist Diorella ein bekanntes  Gesicht." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_04.jpg" data-caption="Das Lieblingsparfüm gibt’s im Chinaladen günstiger." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_06.jpg" data-caption="Diorellas Wohnung lebt von alten Erinnerungen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/06/9_Diorella_07.jpg" data-caption="Zu Hause liest Diorella am liebsten ein Buch oder blättert in einem Magazin." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Martin Bichsel</p></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Ein Leben der Lust</h2>
<p style="text-align: left;">Die Wohnung, in der Diorella wohnt, ist ein Museum der Erinnerung. Überall hängen Bilder von Menschen, Porträts, die meisten schwarz-weiss. In filigranen Goldrahmen zieren Babykleider die Wände, Diorellas Schränke sind vollgehängt mit Kostümen aus ihren jüngeren Jahren.</p>
<p style="text-align: left;">Diorella arbeitete jahrelang als Tänzerin und Entertainerin in diversen Clubs und Cabarets in Athen und auf den griechischen Inseln.</p>
<p style="text-align: left;">Ihr größter Wunsch war es schon als Jugendliche, eine Schauspielschule zu besuchen. Sie schwärmt für die großen Stars der Sechziger Jahre – Marlon Brando, Greta Garbo, Brigitte Bardot. Doch ihre Mutter erlaubte ihr diesen Weg nicht.</p>
<p style="text-align: left;">So erlernte Diorella den Beruf der Dekorateurin und versuchte, sich das Geld für die Schauspielschule selbst zu verdienen. In den Achtzigerjahren lernte sie in Athen eine Frau kennen, die ihr Tanz und Schauspiel näher brachte.</p>
<p style="text-align: left;">Diorella ist eine selbstbewusste Frau, eine Persönlichkeit, die weiß, was sie will. Sie macht keinen Hehl aus ihrer Geschichte und steht zu sich.</p>
<h2 style="text-align: left;">Die Schwester erbte zwei Häuser, sie nichts</h2>
<p style="text-align: left;">Als ich die Griechin freitags auf den Markt begleite, trägt sie einen bunten Kaftan über einer orangefarbenen Hose. Ihre Einkaufstasche ist farblich darauf abgestimmt, ihre Augen sind verdeckt von einer übergroßen Sonnenbrille, ihr Haar ist frisch frisiert.</p>
<p style="text-align: left;">Diorella ist eine auffällige Erscheinung, auch auf dem vollen Markt. Aber genauso freundlich wie sie selbst ist, wird sie auch bedient. Sie lacht mit den Leuten an den Marktständen und erledigt ihre Einkäufe mit Gelassenheit. Man kennt sie hier. Sie kauft immer freitags kurz vor Marktschluss ein, weil Obst und Gemüse dann weniger kosten.</p>
<p style="text-align: left;">Als ihre Mutter starb, vererbte diese zwei Häuser an Diorellas Schwester, sie selbst ging damals leer aus. &#8222;Mir wird nichts geschenkt&#8220;, sagt sie.</p>
<p style="text-align: left;">Und trotzdem sagt sie mit Bestimmtheit, dass sie eine gute Mutter gehabt habe. Auch zur Schwester hat Diorella ein gutes Verhältnis – deren Tochter lebt mit Familie in Athen, der Sohn mit sechs Kindern in Amerika.</p>
<h2 style="text-align: left;">Lebensfroh trotz Polizei-Schikanen</h2>
<p style="text-align: left;">Diorellas Nichte besucht sie regelmässig mit ihren vier Kindern, sie kennen ihre Geschichte. Auch ausserhalb ihrer Familie und der Transcommunity pflegt sie viele Freundschaften mit Leuten, die sie kennt «seit wir Babies sind».</p>
<p style="text-align: left;">Diorella ist eine positive, lebenslustige Frau. Nach der Diktatur in Griechenland gönnte sie sich einige Fernreisen, sie holte den ersehnten Schauspielunterricht nach. Es ist ihr wichtig, liebevoll und sozial gut integriert zu sein.</p>
<p style="text-align: left;">In ihren Erzählungen tauchen aber auch immer wie der Geschichten von Widrigkeiten auf, die nicht nur auf einer wirtschaftlich schwierigen Lage beruhen.</p>
<p style="text-align: left;">Beispielsweise wenn sie davon erzählt, wie sie als Prostituierte manchmal von der Polizei mit Absicht festgehalten und von Freitag bis Montag eingesperrt wurde, um ihr die lukrativen Wochenenden zu vermiesen.</p>
<p style="text-align: left;">Doch auch damit hat Diorella gelernt zu leben, so schnell haut sie nichts um. &#8222;Meine Verrücktheit hält mich am Leben&#8220;, sagt sie und lacht schallend.</p>
<hr />
<p><em>Während acht Jahren hat der Fotograf Martin Bichsel 11 Transmenschen in der Schweiz, Europa, Japan, Sibirien und Nordafrika in deren Alltag fotografiert und die Lebensgeschichten notiert. Das Ergebnis – ein Bild- und Textband – soll Zugang schaffen zu einem Thema, bei welchem zu oft weggeschaut und stigmatisiert wird:<strong> <a href="http://www.amazon.de/Trans-Visit-Lebensgeschichten-Martin-Bichsel/dp/3952411469" target="_blank">zum Buch</a></strong>.</em></p>
<p><a href="http://www.amazon.de/Trans-Visit-Lebensgeschichten-Martin-Bichsel/dp/3952411469" target="_blank">        <div id="aesop-image-component-4728-15"              class="aesop-component aesop-image-component "
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		<title>Die Büßer der Semana Santa</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Jun 2015 20:42:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Spanien]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Osterprozession]]></category>
		<category><![CDATA[Sebastian Hesse]]></category>
		<category><![CDATA[Semana Santa]]></category>
		<category><![CDATA[Sevilla]]></category>
		<category><![CDATA[Tradition]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu Ostern ziehen überall in Andalusien Kapuzenmänner in langen Prozession durch die Straßen: Sie wollen für ihre Sünden büßen, aus Scham über ihre Taten ihre Identität aufgeben. Die Heilige Woche, Semana Santa, ist ihre Zeit.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-buesser-der-semana-santa/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Zu Ostern ziehen überall in Andalusien Kapuzenmänner in langen Prozessionen durch die Straßen: Sie wollen für ihre Sünden büßen, aus Scham über ihre Taten ihre Identität aufgeben. Die Heilige Woche, Semana Santa, ist ihre Zeit.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Ein sanftes Schaudern überkommt mich jedes Mal, wenn mir die Kapuzenmänner der Semana Santa auf einer der uralten Gassen Andalusiens begegnen. Während der Karwoche trifft man überall in den Dörfern und Städten des spanischen Südens auf sie. Nirgends sonst habe ich je ein derart finsteres und ernsthaftes Ritual des Büßens erlebt. In den Nächten vor Ostern entfaltet der Begriff <em>todernst </em>seine volle Bedeutung.</p>
<p style="text-align: justify;">Hier geht es um ewige Verdammnis. Selbstverschuldete Verdammnis. Und um den verzweifelten Versuch, in einem Ritual das Unabwendbare doch noch zu verhindern. Barfuß und vermummt prozessieren die Bußfertigen durch ihre Ortschaften. ‚Seht her, wir bereuen’, wollen die <em>Nazarenos</em> und <em>Penitentes</em> sagen. Schweigend zum Ausdruck bringen. Ihre Sühne kennt keine Worte. Und keine Lieder. Nur schamvolles Schweigen. Buße tun ist keine heitere Angelegenheit.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Prozessionen der Semana Santa sind so effektvoll, weil sie so unheimlich, geheimnisvoll, bedrohlich wirken. Das macht sie so anziehend. Besonders die nächtlichen Umzüge. Das schummrige Licht. Das verwirrende Gassengeflecht der uralten Ansiedelungen. Die Menschenmassen, die den Ritus mit Leben füllen. Und natürlich die Masken. Sich maskieren, das eigene Antlitz verhüllen: Da will jemand unerkannt bleiben. Üblicherweise weil er Böses im Schilde führt. Und dafür nicht belangt werden will. In der Semana Santa geht es aber um das genaue Gegenteil. Darum, aus Scham seine Individualität aufzugeben. Sich einzureihen in die Legion der namenlosen Sünder. Buße tun heißt, sich selbst preis zu geben.</p>
<h2 style="text-align: justify;"> Ästhetik erinnert an Ku Klux Klan</h2>
<p style="text-align: justify;">Natürlich denken die meisten Semana Santa Besucher an den Ku Klux Klan. Der rassistische Geheimbund aus den amerikanischen Südstaaten hatte sich die Spitzhauben-Ästhetik bei den Karfreitags-Büßern abgeguckt. Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, denn zum protestantisch geprägten KKK gehört auch ein militanter Anti-Katholizismus. Der Klan wurde Weihnachten 1865 gegründet, gut drei Jahrhunderte nachdem sich die Karwochen-Prozessionen etabliert hatten.</p>
<p><div id="aesop-gallery-4668-12"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4668" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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<p style="text-align: justify;">Die blütenweißen Kapuzengewänder symbolisierten den Klansmitgliedern ursprünglich die Geister gefallener Konföderierten-Soldaten. Sehr schnell hatten sie dann verstanden, wie effektvoll sich in den Spitzhauben-Gewändern vor brennenden Kreuzen Angst und Schrecken verbreiten ließ. Um Macht auszuüben. Den spanischen Prozessions-Teilnehmern liegt das fern. Angst und Schrecken verströmt hier allein die Ahnung, welche Konsequenzen das eigene Handeln haben könnte. Buße tun heißt, sich reumütig auf die eigenen Verfehlungen zu konzentrieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Bruderschaften jedoch, die die Karwochen-Umzüge veranstalten, haben durchaus auch etwas geheimbündlerisches. Eingeweihte können an den Farben und Wappen der Büßergewänder ablesen, welcher <em>Hermandad</em> oder <em>Cofradía</em> sie angehören. Jede Bruderschaft ist einem eigenen Gotteshaus zugehörig, von dem aus sich die jeweilige Prozession in Bewegung setzt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Geleitschutz für den Paso</h2>
<p style="text-align: justify;">Allein in Sevilla gibt es über fünfzig. In den größeren Städten bilden die Vermummten oft nur eine Art Geleitschutz für die eigentliche Preziose ihrer Bruderschaft: Den Paso. Pasos sind gewaltige Tische, auf denen lebensgroß das Personal der Passionsgeschichte auftritt. Vor allem der Gekreuzigte und die in Andalusien besonders verehrte Jungfrau Maria. Aber auch Judas, Maria Magdalena, Johannes der Täufer.</p>
<p style="text-align: justify;">Die lebensechte Figuren sind aus Holz, handgeschnitzt, bemalt und, vor allem bei der Gottesmutter, in prunkvolle Gewänder gehüllt. Etwa mit goldenem Faden bestickte Samtumhänge. Jesu Gewand, um das die römischen Söldner gewürfelt haben sollen, ist natürlich aus echtem Stoff. Das Rot seines Blutes wird zu Saisonbeginn aufgefrischt. Damit die optische Wirkung von Christi Leid nicht verwittert.</p>
<p style="text-align: justify;">Die opulenten Blumengestecke, Explosionen der Farbigkeit auf dem knarzigen alten Holz, hauchen den Episoden aus der Leidensgeschichte zusätzliches Leben ein. Manche der gewaltigen Holztische sind mit Laternen ausgestattet. Viele Prozessionen ziehen sich bis in die Morgenstunden, während der <em>Madrugá</em>, der Nacht vom Gründonnerstag auf den Karfreitag.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Mühsal der Costaleros</h2>
<p style="text-align: justify;">Das schummrige Licht der Paso-Laternen leuchtet die Szenen aus wie expressionistische Stummfilmklassiker. Ergriffenheit und Berührtheit, mit denen sich die Andalusier jedes Jahr aufs Neue in den Anblick der Pasos vertiefen, sind verblüffend. Und ansteckend: Auch ich kann den Blick kaum abwenden von der lebensechten Darstellung des Passionsgeschehens. Die hölzernen Tableaus zu betrachten, strengt die Augen an. Eine Bildmeditation, bei der sich der Blick irgendwann nach innen richtet. Buße tun heißt, ein Stück weit in die eigene Seele zu blicken.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch das ist gar nichts im Vergleich zur Mühsal der Träger. Die Pasos sind ungeheuer schwer. Oft braucht es ein Dutzend Männer oder mehr um sie anzuheben. Und dann durch die Gassen zu tragen. Stundenlang. Es ist eine besondere Ehre, einen Paso tragen zu dürfen. Und eine Mühsal, ein ritueller Akt der Reinigung.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Costaleros</em> heißen die Träger der tonnenschweren Holzgestelle. Nach <em>el Costal</em>. Das ist eine Art Kopftuch. Es lindert die Mühsal, wenn die <em>Costaleros </em>beim Tragen ihre Schultern mit dem Kopf entlaste. Während <em>Nazarenos</em> und <em>Penitentes</em> durch kleine Sehschlitze blicken, laufen die Träger der Pasos blind durch die Gassen. Sie verschwinden hinter einem schweren Vorhang, der rund um den Motivtisch läuft und den Anschein erweckt, der Paso würde schweben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Auf der Grenze zwischen den Kulturen</h2>
<p style="text-align: justify;">Durch Klopfzeichen erfahren die <em>Costaleros</em>, dass sie die Richtung wechseln müssen. Schon den Paso durch schmale Kirchentüren ins Freie zu bugsieren ist ein kompliziertes Manöver. Und zur richtigen Herausforderung wird es, sobald der gewaltige Figurentisch eine steile Treppe hinuntergetragen werden muss. Alle Verantwortung lastet auf den Schultern der <em>Costaleros</em>, denn nichts wird bei den Semana Santa – Prozessionen so ehrfürchtig, ergriffen und aufmerksam betrachtet wie die oft jahrhundertealten Pasos. Buße tun heißt, sich ganz dem hinzugeben, der die Sünden der Welt auf sich nahm.</p>
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<p style="text-align: justify;">Vejer der la Frontera gehört zu den sogenannten ‚pueblos blancos’, den weißen Dörfern Andalusiens. Wie eine Trutzburg thront der Ort auf einem Tafelberg. Von Vejer aus kann man über die Meerenge von Gibraltar hinweg nach Afrika schauen.</p>
<p style="text-align: justify;">Viele Orte in Andalusien tragen den Beinahmen ‚de la Frontera’. Sie lagen einst an der Kulturgrenze zwischen muslimischer und christlicher Welt. Vejer stammt aus der Maurenzeit. Und das sieht man. Das wabenartige Stadtgebilde mit den weißgetünchten Wänden könnte auch irgendwo in Nordafrika stehen, in Marokko oder Tunesien. Wenn die Sonne auf Vejer hinunterbrennt, dann muss man die Augen zukneifen: So sehr blendet das Licht, das die Wände des ‚pueblo blanco’ zurückwerfen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Nur ein Hauch liegt zwischen Verzweiflung und Lebensfreude</h2>
<p style="text-align: justify;">Doch seine eigentliche Magie entfaltet Vejer erst bei Nacht. Vor allem wenn sich die Büßerprozessionen im Dickicht der Gassen verlieren. Eng sind die gepflasterten Sträßchen, steinern, baum- und strauchlos. Und sie entziehen sich dem Blick, indem sie immer wieder nach wenigen Metern abknicken, abrupt die Richtung ändern, sich im Gewirr mit immer weiteren Sträßchen und Durchgängen verlieren.</p>
<p style="text-align: justify;">So stelle ich mir die Gassen Jerusalems zu Lebzeiten Jesu vor. Die Wege durch die alten Dörfer und Städte Andalusiens sind atmosphärisch ganz nah dran am Schauplatz der Passionsgeschichte. Sie scheinen alle nach Golgatha zu führen. Schaurig können sie sein, eine seltsame Verzweiflung tief aus dem Inneren des Büßers heraus erwecken. So wie an jenem finsteren Tag, als der Mensch seinen Erlöser ans Kreuz schlug. Buße tun heißt, die Erinnerung daran zu bewahren, wie fern der Mensch seinem Gott sein kann.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Semana Santa – Spektakel hat aber auch etwas ganz Diesseitiges, Weltliches. Trauer und Verzweiflung liegen ganz nahe bei Genuss und Lebensfreude. In Sevilla etwa stehen die Menschen gerade noch ergriffen entlang der Prozessionsroute. Um kurz darauf in der nächsten Bodega mit einem Sherry in der Hand über das Spektakel zu fachsimpeln. Die Kinder sind ohnehin bestochen. Wie im Karneval regnet es Naschkram entlang der Prozessionen. „Un Caramelo, un Caramelo“, betteln sie. Und tragen ein kleines Körbchen am Arm. Für ihre Beute. Buße tun heißt durchaus auch, sich die Mühsal zu versüßen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sevilla ist die Hauptstadt der Semana Santa</h2>
<p style="text-align: justify;">Sevilla ist die Hauptstadt der Semana Santa. Nirgends gibt es mehr Bruderschaften, Prozessionen, Pasos, Besucher und Spektakel. Während der Karwoche herrscht Ausnahmezustand in Sevilla. Es ist Gründonnerstag. Ich bin zeitig in die Stadt gekommen und stehe am Eingang einer der zahllosen Kirchen der Stadt. Allmählich trudeln die Prozessionsteilnehmer der Gemeinde ein. Ihre Zipfelhüte tragen sie noch unterm Arm.</p>
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<p style="text-align: justify;">Die Büßerkutte muss noch ein wenig zurechtgezupft werden. Noch tragen die Ankommenden Schuhe. Am Kircheneingang ist eine Art Türsteher postiert. Er gewährt nur denen Zutritt, die dazu gehören. Zuschauer sind nicht erwünscht, wenn letzte Hand am Paso angelegt wird. Bei der Aufstellung.</p>
<p style="text-align: justify;">In Sevilla ist mir ein anderer Aspekt der Karwochenumzüge klargeworden. Der Wettbewerb zwischen den Beteiligten. Jede Kirchengemeinde der Stadt ist dabei. Schickt ihre vermummte Abordnung los auf die Prozessionsroute, die immer die Kathedrale der Stadt zum Ziel hat.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Sänger in Schwarz</h2>
<p style="text-align: justify;">Wer hat seinen Paso am eindrucksvollsten ausgestattet? Welche Bruderschaft lockt die meisten Sänger auf die Balkone entlang der Umzugsroute? Deren Flamenco-ähnlicher Klagegesang liefert, außer bei den Schweigeprozessionen, den Klangteppich für die Umzüge. Wenn die Balkonsänger ins Freie treten, stehen die Prozessionen still und verstummen ihre Teilnehmer.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Sänger tragen Schwarz. Die Sängerinnen zusätzlich einen Schleier. Mit ihrem Klagegesang treten sie in unmittelbaren Kontakt mit dem Personal der Passionsgeschichte. Die tieftraurigen Melodien bilden eine Art Zeitbrücke zurück zum Karfreitagsgeschehen. Für die Dauer der kurzen Gesangseinlagen scheinen die Zuschauer zu entschwinden. Für einen kurzen Moment scheint das Universum nur aus Sänger und Besungenem zu bestehen.</p>
<p style="text-align: justify;"><em>Saetas</em>, zu deutsch ‚Pfeile’, heißen diese gesungenen Stoßgebete. Und wie beim Flamenco durchbrechen die Zuhörer ihr andächtiges Zuhören schon mal durch ein anstachelndes <em>Ay!</em> Wenn der akustische Pfeil von der Sehne ist, kann durchaus noch ein <em>Olé!</em> folgen. Dann zieht die Prozession weiter. Buße tun heißt, die eigene Fehlbarkeit als Teil des unabänderlichen Laufs der Dinge zu akzeptieren.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Im Schulterschluss zu Zwang und Konformität</h2>
<p style="text-align: justify;">Was mich dann aber immer wieder aus Melancholie und Versenkung herausholt, sind die vielen neuzeitlichen Uniformen. Und die Nerv tötenden Blaskapellen. Vermutlich soll deren Rumstata-Musik Ermüdende bei Marschierlaune halten. Die Spielmannszüge sehen aus wie Militärkapellen. Die <em>Guardia Civil</em> marschiert mit. An ihren Uniformjacken ist immer noch das Liktorenbündel aufgenäht. Jene Äxte im Rutenbündel, die auf Latein <em>Fasces </em>heißen. Daher der Begriff ‚Faschismus’. Liktorenbündel waren Fetische der Macht.</p>
<p style="text-align: justify;">Mir kommt dann in Erinnerung, dass Spanien ja zu meinen Lebzeiten noch eine faschistische Diktatur war. 1975 starb der Diktator. Sein Regime währte noch zwei Jahre länger. Bis zu den ersten freien Wahlen in Spanien. Zu Zeiten des Franquismus wurde der sogenannte <em>nacional catolicismo</em>, ‚Nationalkatholizismus’, gepflegt. Die Kirche hatte sich trefflich mit der weltlichen Macht arrangiert. Talar und Uniform standen Schulter an Schulter. Die Einen beherrschten und kontrollierten die Menschen im Diesseits. Die Anderen behaupteten die Deutungshoheit für den Weg ins Jenseits.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Schulterschluss übten sie den gleichen Zwang zur Konformität aus. Wer hier bequem leben und dort den ewigen Frieden finden wollte, der lehnte sich nicht auf, der passte sich lieber an. Zwischen Uniform hier und Büßergewand dort schwand der Spielraum für Individualität. Während der Semana Santa scheint die Dualität aus weltlicher und geistlicher Macht noch sehr effektvoll am Werk. Buße tun heißt zwar, im Ornament der sündigen Masse aufzugehen. Aber auf Vergebung hoffen darf nur, wer sich zur Eigenverantwortung bekennt.</p>
<p style="text-align: justify;">Solcherlei Gedanken gehen mir durch den Kopf, als ich auf einer namenlosen Gasse in einer andalusischen Kleinstadt stehe. Minutenlang war ich versunken in den Anblick des Gemarterten mit der Dornenkrone, der sein schweres Holzkreuz zur Stätte seines Todes schleppt. Ich frage mich, was es wohl damals mit den Augenzeugen gemacht hat, die ihm am eigentlichen Karfreitag auf der Via Dolorosa begegnet waren.</p>
<p style="text-align: justify;">Ob sie spüren konnten, mit wem sie es da zu tun hatten? Ob sie ahnten, welch kolossale Folgen dieser Opfertod haben würde? Die Obsession des Katholizismus mit der ewigen Schuld, die sich immer nur kurzzeitig und in kleinen Häppchen begleichen lässt, wird nirgends so eindrucksvoll inszeniert, wie während der Semana Santa in Andalusien. Ihre alljährliche Wiederkehr nach immer gleichem Ritual verleiht auch dem, der nicht an Erlösung und Auferstehung glaubt, den Hauch einer Ahnung davon, was Ewigkeit bedeutet.</p>
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