<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title></title>
	<atom:link href="https://www.weltseher.de/tag/markus-huth/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.weltseher.de</link>
	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Tue, 31 Mar 2020 12:50:06 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=5.4.16</generator>

<image>
	<url>https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/02/favicon1.png</url>
	<title>Markus Huth &#8211; WELTSEHER</title>
	<link>https://www.weltseher.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Ranch der Leidenschaften</title>
		<link>https://www.weltseher.de/ranch-der-leidenschaften/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Mar 2020 12:47:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bulgarien]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<category><![CDATA[Pferde]]></category>
		<category><![CDATA[Pferderanch]]></category>
		<category><![CDATA[Ranch]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Tiersitter]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.weltseher.de/?p=7218</guid>

					<description><![CDATA[Unser Autor Markus Huth wollte auf einer Pferderanch in Bulgarien aushelfen und das Cowboy-Handwerk lernen. Am Ende war er froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ranch-der-leidenschaften/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Unser Autor Markus Huth wollte auf einer Pferderanch in Bulgarien aushelfen und das Cowboy-Handwerk lernen. Am Ende war er froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.</strong></p>



<p>Hallo« zum Beispiel.<br>Oder: »Hey, ich bin&nbsp;…«<br>Was halt so gesagt wird, wenn man jemanden zum ersten Mal trifft. Ich war eben auf einer Pferderanch in Bulgarien angekommen, wo ich nur diesen dürren, bleichen Mann angetroffen hatte, der auf einer rostigen Blechtonne seine Suppe schlürfte. Er sah aus wie ein Junkie, der seine zerlöcherte Kleidung in jener Tonne gefunden hatte.»Ich Pferd nicht gestohlen«, begrüßte mich der Unbekannte.<br>Das Englisch brüchig, der Akzent osteuropäisch: »Karol mir Pferd schon geschenkt. Warum ich stehlen eigenes Pferd? Wo ist Sinn?«<br>Neben ihm lag ein Gewehr.<br>Mit glasigen blauen Augen sah er mich an.<br>Sprach er mit mir?<br>»Äh&nbsp;… okay. Und wer bist du?«, fragte ich.<br>Erst jetzt stellte sich der kränkliche Dürre vor.<br>»Lika.«<br>Was für ein seltsamer Ort.</p>



<p>Ich war gekommen, um das Reiten und den Umgang mit Pferden zu lernen. Ein Kindheitstraum, seit ich Winnetou und Old Shatterhand durch die TV-Prärie galoppieren sah. Und günstiger als auf dieser Wild-West-Ranch in Bulgarien ging das kaum. Gefunden hatte ich das Angebot im Internet, auf der Volunteer-Webseite workaway.info: Im Tausch gegen Kost, Logis und Pferdewissen wollte ich einen Monat lang aushelfen.<br>Quasi als Cowboy in Ausbildung.</p>



<p>Doch jetzt saß ich hier neben dem Tonnen-Junkie verloren neben meinem Rucksack. Die Szenerie hatte was von Postapokalypse.<br>Weit und breit keine Zivilisation. Nur rundliche Berge, Gras, Matsch, Felder und Wälder, über allem der blaue Himmel.<br>Eigentlich auch ganz idyllisch, beruhigte ich mich innerlich.</p>



<h2>Hexenhaus und Nomaden-Lager</h2>



<p>Hinter uns stand ein Haus wie das der Märchenhexe Baba Jaga.<br>Ein aus Holzlatten gebauter Kasten, das Dach wie ein Pilz geformt mit einer weißen Plastikplane darüber. Es hätte mich nicht überrascht, wenn das Haus gleich auf langen Hühner-Beinen aufstehen und den Rest dieser Ranch mitnehmen würde.</p>


        <div id="aesop-image-component-7218-1"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-center aesop-image-component-caption-right" style=max-width:100%;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien1.jpg 2000w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien1-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien1-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien1-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien1-1536x1024.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien1-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien1-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien1-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien1-400x267.jpg 400w' sizes='(max-width: 2000px) 100vw, 2000px' src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien1.jpg"                                    alt="Bulgarien1">
                            
                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Die Ranch samt Hexenhaus. Foto: Markus Huth
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        


<p>Denn auf dem fußballfeldgroßen Gelände war alles mobil.<br>Alte Campingwagen gilbten vor sich hin, dazwischen spinatgrüne Armeeanhänger und Pferdetransporter, Zelte, ein Mähdrescher, ein Traktor sowie allerhand Blechtonnen, Plastikplanen und Schrott.<br>Äxte steckten auf einem Baumstumpf.<br>Solarmodule auf Europaletten knirschten »Off-Grid« statt »Hightech«, und dicke schwarze Stromkabel hangelten sich von Anhänger zu Anhänger.<br>Kurzum: Hier sah es mehr nach fahrendem Volk als Pferderanch aus. Allein ein großer umzäunter Kreis in der Mitte von allem ließ erahnen, dass hier auch geritten wurde.</p>



<p>»Ist das dein Gewehr da?«, fragte ich den Nicht-Pferdedieb.<br>Verwirrt schaute er von seiner Suppe auf.<br>»Das? Nein, ist Karol. Er schießen auf Hühner.«<br>Aha.<br>Ich wusste nicht, ob mich diese Antwort beruhigte.<br>Und wer war überhaupt dieser Karol?<br>In diesem Moment öffnete sich die Tür im Hexenhaus.<br>Ins Freie trat eine junge Frau. Anfang dreißig, hochgewachsen, athletisch, die brünetten Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Mit ihren blauen Jeans, rot-weiß kariertem Hemd und braunen Lederstiefeln sah sie aus wie ein Cowgirl aus der Werbung.</p>



<p>»Wir hatten geschrieben. Ich bin Amelia. Hier, iss erst mal was«, sagte sie in gutem Englisch, der osteuropäische Akzent sehr weich.<br>Sie stellte mir eine Schale Kartoffelsuppe auf den Tisch und verschwand wieder im Hexenhaus. Während ich auslöffelte, erzählte mir Lika ungefragt von seinen schönsten Drogenerfahrungen (Ayahuasca-Sud bei einem Schamanen) und in welchen Ländern man am besten schwarz mit dem Zug fahren könne (Italien).<br>Irgendwann kam Amelia wieder raus.<br>»Komm mit, ich zeig dir dein Bett.«</p>



<p>Nach einem kurzen Spaziergang durch das Nomaden-Lager stoppten wir vor dem etwa zehn Meter langen, grünen Anhänger, der noch die kyrillische Beschriftung der bulgarischen Armee trug. Drinnen war es eng und finster. Sechs Pritschen lagen übereinander, darauf allerlei Krams. Messer, Sättel, Wolldecken, Kissen.<br>Ich zwängte mich hinter Amelia durch den engen Gang.<br>»Du kannst hier schlafen«, sagte sie schließlich.<br>Wir standen in einer kleinen Hinterkammer im Anhänger, mit nichts drin außer einer Matratze auf dem Boden.<br>»Du hast Glück«, fand das Cowgirl.<br>Denn ich könne meine Zelle durch eine Schiebetür schließen und hätte damit Privatsphäre. Und dank eines von der Decke baumelnden Kabels sogar Strom. Während ich auf dem Boden nach einer freien Ecke für den Rucksack suchte, hörte ich sie noch rufen: »Ruh dich aus, dann komm zum Haus.«<br>Erschöpft fiel ich auf die Matratze und zweifelte daran, dass das hier alles eine gute Idee war.</p>



<div class="wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile mit80viechern"><figure class="wp-block-media-text__media"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1.jpg" alt="" class="wp-image-7270" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1.jpg 350w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1-95x150.jpg 95w" sizes="(max-width: 350px) 100vw, 350px" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<h4 class="has-text-align-center">Diese Reportage stammt aus Markus&#8216; Buch <br><strong>&#8222;Mit 80 Viechern um die Welt&#8220;</strong></h4>



<hr class="wp-block-separator"/>



<h6 class="has-text-align-center">bestellen bei:</h6>



<h5 class="has-text-align-center"><strong><a rel="noreferrer noopener" aria-label="Amazon (öffnet in neuem Tab)" href="https://www.amazon.de/Mit-Viechern-die-Welt-Tiersitter/dp/3328102434" target="_blank">Amazon</a></strong></h5>



<h5 class="has-text-align-center"><strong><a href="https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/ID140474655.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener" aria-label="Thalia (öffnet in neuem Tab)">Thalia</a></strong></h5>
</div></div>



<h2>Meet the Gang</h2>



<p>Als ich wieder aus meiner Zelle kroch, rollte bereits die Abenddämmerung über die bulgarischen Berge. Pferde und Kühe grasten auf weiten Koppeln.<br>Vor dem Hexenhaus, das nur die Ranchküche beherbergte, saßen vier Gestalten um einen Holztisch herum. Nur eine davon war weiblich.<br>»Das ist unser neuer Azubi-Cowboy«, verkündete Amelia in die Männerrunde.<br>Die Atmosphäre war seltsam angespannt.<br>Ein Typ in gefleckter Militärjacke grinste mehrdeutig und schwieg, den schwarzen Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen. Ich verbuchte seine Erscheinung unter »schweigsamer Soldaten-Cowboy«.<br>Dann knurrte jemand ein »Willkommen«, das eher nach »Verpiss dich« klang.</p>



<p>Es kam von einem bulligen Typen, ebenfalls mit Cowboyhut auf dem Kopf. Das war Karol, dem das Gewehr gehörte und der anscheinend gerne auf Hühner schoss. Anders als der Soldatencowboy zog er den Westernstil mit Lederweste und Fransenhose komplett durch.<br>Nur einer schien hier Manieren zu haben.<br>»Hey, nett dich kennenzulernen, ich bin Tony«, sagte der schmucke Mann neben Amelia. Dem Akzent nach ein Italiener. Tony war der Einzige hier, der keinem Western entsprungen schien. Er präsentierte seine muskulösen Arme in einem ärmellosen Shirt, trug Shorts und eine weiße Baseballmütze.<br>Als ich mich nach Lika erkundigte, knurrte Karol nur abfällig. Der habe ein Pferd gestohlen, außerdem sei ein Skoda aus dem Nachbardorf verschwunden.<br>»Der dumme Junkie braucht wieder Drogen«, bellte er.<br>Jedenfalls sei Lika zu einem Schamanen im Wald gegangen und brauche sich hier nicht mehr blicken lassen.</p>



<p>Amelia wechselte das Thema und beantwortete meine neugierigen Fragen.<br>Die Wild West Ranch gehörte ihr und dem bulligen Karol, mit dem sie verheiratet war. Das Ehepaar besaß vierzig Pferde, vorwiegend von den Westernrassen »American Quarter Horse« und »Paint Horse«, ebenso viele Kühe, dreißig Schafe, zweiundzwanzig Enten, siebzehn Truthähne, fünfzehn Hühner, zehn Schweine, acht Kaninchen, einen Raben, eine Ziege und ein Maultier.<br>Dann gab es noch die Hunde.<br>Schon bei meiner Ankunft wäre ich beinahe über einen der plüschigen Welpen gestolpert. Sechs Stück von der Rasse Kaukasischer Schäferhund, dazu zwei ausgewachsene Exemplare, die an Bernhardiner erinnerten. Vervollständigt wurde das Rudel mit zwei hyperaktiven Jack-Russel-Terriern.</p>


        <div id="aesop-image-component-7218-2"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-center aesop-image-component-caption-right" style=max-width:800px;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien3.jpg 2000w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien3-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien3-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien3-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien3-1536x1025.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien3-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien3-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien3-1250x834.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien3-400x267.jpg 400w' sizes='(max-width: 2000px) 100vw, 2000px' src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien3.jpg"                                    alt="Bulgarien3">
                            
                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Überall tollen plüschige Hunde herum. Foto: Markus Huth
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        


<p>»Und jetzt trink«, sagte Karol und schob mir ein gefülltes Glas Wodka über den Tisch.<br>Und noch eins. Und noch eins.<br>Als es bereits stockduster war, sagte Amelia: »Wir treffen uns morgen früh um sechs vor deinem Anhänger.«<br>Dann gab sie mir noch ein Buch über Pferdedressur in die Hand und schickte mich unter dem funkelnden Sternenhimmel in den Armeeanhänger.<br>»Gute Nacht.«</p>



<h2>»Der Platz zwischen den Ohren eines Pferdes ist begrenzt.«</h2>



<p>Doch an Schlaf war nicht zu denken, mir schwirrte der Kopf vom Wodka. Also nahm ich in meiner Zelle Taschenlampe und Pferdebuch in die Hand.<br>»Respekt und Kontrolle bei Westernpferden erreichen« stand auf dem Titel. Geschrieben vom australischen Modellcowboy Clinton Anderson, dessen perfekt rasiertes Gesicht mich von unzähligen Fotos angrinste.<br>Ich las: »Der Platz zwischen den Ohren eines Pferdes ist begrenzt.«<br>Was zur Hölle war das denn?<br>Hör mal zu, Clinton Anderson, tobte ich im Wodkarausch, der Platz zwischen DEINEN Ohren ist wohl begrenzt!<br>Wie konnte er es wagen! Schließlich wäre die Menschheit ohne Pferde heute nicht da, wo sie ist.<br>Das nur einmeterzwanzig hohe Urpferd war vor etwa zwölftausend Jahren in Zentralasien von Menschen gezähmt worden. Ohne Pferde hätte der Mensch die Welt nicht erobert.</p>



<p>Schließlich beruhigte ich mich wieder.<br>Genau genommen hatte Mustercowboy Anderson ja auch recht: Schließlich ist der Platz zwischen allen Ohren naturgemäß begrenzt, unabhängig vom Lebewesen. Er wollte auch einfach nur sagen, dass Pferde Beutetiere sind und instinktiv vor so ziemlich allem Angst haben. Es tat vor allem zwei Dinge: wegrennen oder fressen.<br>Der Mensch müsse dem Pferd das Denken beibringen. Es an unbekannte Situationen gewöhnen. Ihm die Angst nehmen. Ein typischer Fehler sei es, meinte das Buch, Pferde allein mit Belohnungen gefügig machen zu wollen. Etwa einer Karotte. Genauso falsch sei es aber, das Tier so hart zu bestrafen, dass es Angst vor einem hat.<br>Der richtige Weg liege in der Mitte. Quasi die Zuckerpeitsche.<br>So etwas Ähnliches steht wahrscheinlich in jedem Handbuch für menschliche Führungskräfte.</p>



<p>Ich erwachte vom Hämmern an meine Hängertür.<br>Mist, verschlafen, es war bereits nach sechs. Müde kletterte ich die Metallstufen hinunter ins kalte Freie. Farblose Berge blockierten die Dämmerung und hielten die Sonne auf Abstand. Vom Gras tropfte Tau und machte den Boden matschig.<br>»Zieh die an«, sagte Amelia und warf mir Gummistiefel vor die Füße.<br>Ffffft, Ffffft, Ffffft folgte ich ihr durch den braunen Matsch.<br>Einige Meter hinter meinem Anhänger verrotteten Kästen aus Europaletten und Maschendrahtzaun im Gras. Das waren Gehege für die Tiere.<br>Meine neue Chefin wies mir die Kaninchen und Truthähne zu, deren Fütterung ab sofort meine Aufgabe war.<br>Immer noch müde trug ich einen Eimer Körner zu den schwarz-grauen Vögeln mit den pinken Hautlappen am Hals. Siebzehn fast ausgewachsene Tiere drängten sich auf vier Quadratmetern und gurrten gierig.<br>Für die Kaninchen drückte mir Amelia eine Sichel in die Hand. Damit streifte ich über die angrenzende Wiese, schnitt hohe Grasbüschel ab und legte sie den pelzigen Löfflern ins Gehege.</p>



<p>Als ich fertig war, führte mich Amelia einen Wiesenhang hinunter, über einen kleinen Bach, durch ein kleines Wäldchen, auf eine Weide. Dort grasten schwarze und braune Kühe.<br>»Muuuuhhhh«, rief das Cowgirl laut.<br>Eine bauchige braune Kuh antwortete: »Muuuuhhhh«, und kam gemütlich auf uns zugelaufen.<br>»Siehst du das Seil um ihren Hals? Nimm es.«<br>Anschließend führten wir die Kuh zurück auf die Ranch. Dort zog Amelia eine mobile Melkmaschine unter einer Plane hervor, stöpselte das Euter an einen Schlauch und drückte den Startknopf. Schubweise pumpte die Maschine weiße Milch in einen Eimer. Als er voll war, brachten wir die Kuh wieder den Hang hinunter und ließen ihre beiden Kälber aus einem Gehege, damit die auch noch etwas Milch nippeln konnten.<br>»Das machst du jeden Morgen«, befahl Amelia.<br>Und so begann mein Ranchalltag.</p>



<h2>Zuckerbrot und Peitsche</h2>



<p>Und was war mit Pferden?<br>Schließlich war ich nicht zum Melken hergekommen.<br>Doch auch nach drei Tagen hatte ich Pferde nur aus der Ferne gesehen.<br>Ich vermutete, dass ich zunächst die Theorie aus dem Buch zu pauken hatte. Zuckerbrot und Peitsche und so weiter.<br>Zumindest eines hatte ich schon gelernt: Hier auf der Ranch war Amelia das Zuckerbrot. Sie hatte immer ein paar Karotten in der Hand, wenn sie zu den Pferden ging. Außerdem bekochte sie uns »Volunteers« und hatte ab und zu sogar mal gute Laune.</p>



<p>Karol war hingegen die Peitsche.<br>Erst gestern hatte er eine braune Stute so an einen Baum gebunden, dass sie weder grasen noch liegen konnte. Als Strafe, weil sie gebockt hatte. Einen ganzen Tag musste das Tier so ausharren.<br>»Erziehung muss sein. Was weißt du schon von Pferden?«, hatte er nur gezischt, als ich vorsichtig Mitleid für das Tier geäußert hatte.<br>Ich kümmerte mich derweil weiter um Kaninchen, Truthähne und die Kuh. Eines Morgens beim Melken erzählte mir Amelia ihre und Karols außergewöhnliche Lebensgeschichte.</p>



<p>Die beiden stammten nicht aus Bulgarien, sondern aus Polen.<br>Dort hatten sie ein Leben geführt, dass sich von ihrem aktuellen krass unterschied. Die Frau, die mich morgens um sechs mit schlammigen Gummistiefeln aus dem Armeeanhänger klopfte, hatte in Warschau als Model gearbeitet und hochhackige Schuhe zu delikaten Kleidchen getragen.<br>Und Karols bulliger Körper war nicht in fransigen Cowboyoutfits herumgelaufen, sondern in maßgeschneiderten Anzügen. Er hatte als Broker an der Börse Millionen verdient. In Warschau hatte das Paar in einer luxuriösen Eigentumswohnung residiert, in schicken Restaurants gegessen und in elitären Nachtclubs gefeiert.</p>



<h2>Nie hätte ich geahnt, wie die Wahrheit aussehen würde</h2>



<p>Hier auf der Ranch hausten sie in einem hölzernen Westernwohnwagen mit Bullenschädel über der Tür.<br>»Warum lebt ihr jetzt hier?«, fragte ich Amelia.<br>»Wir wollten ein anderes Leben, raus aus der Stadt. Und wir beide lieben Pferde«, antwortete sie.<br>Vor sieben Jahren hätten sie in Polen alles verkauft und dafür in Bulgarien Land für die Ranch erworben, dazu Pferde sowie Land- und Baumaschinen, Anhänger und Wohnwagen. Auch wenn hier alles nach Zigeunerlager aussah, hatte alles einen Wert jenseits von einer Million Euro.</p>



<p>Vom urbanen Luxusleben in die Pampa?<br>Ich spürte, dass Amelia mir nicht alles erzählte.<br>Und warum ausgerechnet nach Bulgarien?<br>Nie hätte ich geahnt, wie die Wahrheit aussehen würde.</p>



<p>Doch zunächst Pferde. Endlich.<br>Eines Morgens nach dem Kuhmelken galoppierte Tony auf einer grauen Stute an mir vorbei. Lässig saß er ohne Sattel auf ihrem Rücken und trug nichts außer Shorts. Sein muskulöser Arm ließ eine Peitsche knallen und trieb damit die Kühe von einer abgegrasten Wiese auf eine neue.<br>Tony sah aus wie eine Wirklichkeit gewordene Sexfantasie aus einem Frauen- oder Schwulenmagazin.<br>Amelia lächelte ihm hinterher.</p>



<p>»Ich würde auch gerne reiten«, störte ich.<br>»Dann ist heute dein Tag«, lachte sie.<br>Es war Wochenende, und die Ranchkunden kamen aus der Stadt, um zu reiten und sich im Wohnwagen vom Großstadtleben zu erholen.<br>Das bedeutete, dass zehn Pferde von der Koppel geholt, gesäubert und gesattelt werden mussten.<br>Tony kümmerte sich schon um alles. Aber ich durfte mit ausreiten. Voller Vorfreude tanzte ich mit den hyperaktiven Jack Russell Terriern im Gras herum.</p>



<h2>Wo ist Wesna?</h2>



<p>»Geh und hol Wesna, die ist gutmütig und perfekt für Anfänger«, sagte Amelia.<br>Kurz darauf befand ich mich voller Vorfreude auf dem Weg zu meinem Pferd. In den Händen ein Seil und drei Möhren. Ich lief den grünen Hang hinunter, über den Bach, durchs Wäldchen, vorbei an den Kühen, auf die weite Koppel. Ein zwanzigminütiger Fußmarsch durch hohes Gras.<br>Dunkelbraun mit einem weißen Fleck auf der Stirn, so hatte Amelia meine Stute Wesna beschrieben.</p>



<p>Bald sah ich eine Herde inklusive einiger Fohlen oben auf dem nächsten Hügel grasen. Als ich mich näherte, hoben die Rösser mit aufgestellten Ohren die Köpfe und starrten mich an.<br>Was hatte das Pferde-Buch noch gleich gesagt?<br>Ach ja, Pferde sind Beutetiere und werden bei jeder Lageänderung sofort nervös. Also blieb ich ein paar Meter vor ihnen stehen, sodass sie sich an mich gewöhnen konnten.<br>Erst als alle wieder entspannt grasten, rief ich: »Wesna!«</p>



<p>Was nicht im Buch stand: Pferde reagieren nicht auf Namen.<br>»Wesna!«<br>Fehlanzeige.<br>Dafür trabten nun gleich zwölf große Tiere auf die Möhre an meinem ausgestreckten Arm zu. Drei davon hatten einen weißen Fleck auf der Stirn, eins braun, eins dunkler und eins fast schwarz.<br>Mist, was genau verstand Amelia unter Dunkelbraun?<br>Während ich noch überlegte, sah ich auf dem nächsten Hügel eine weitere Gruppe Pferde.<br>Vielleicht war meine Stute dort?<br>Auf gut Glück und aus Faulheit entschied ich mich für eine der potenziellen Wesnas vor meiner Möhre, knotete das Seil an die Geschirrschlaufe unter ihrem Maul und marschierte mit dem Pferd den ganzen Weg zurück zur Ranch.</p>


        <div id="aesop-image-component-7218-3"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-center aesop-image-component-caption-left" style=max-width:800px;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien4.jpg 1333w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien4-400x600.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien4-800x1200.jpg 800w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien4-768x1152.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien4-1024x1536.jpg 1024w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien4-100x150.jpg 100w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien4-1320x1980.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien4-1250x1875.jpg 1250w' sizes='(max-width: 1333px) 100vw, 1333px' src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien4.jpg"                                    alt="Bulgarien4">
                            
                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Wesna? Foto: Markus Huth
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        


<p>Dort schimpfte Amelia: »Das ist doch nicht Wesna!«<br>Die anderen Pferde warteten bereits fertig gesattelt an Holzbalken gebunden. Die gestressten Städter hatten ihre Wohnwagen bezogen und freuten sich in Jeans und Lederstiefeln auf den Ausritt.<br>Nur ich stand mit dem falschen Gaul da.<br>Na toll.<br>Ein neuer Wesna-Versuch würde wenigstens eine Dreiviertelstunde dauern.<br>»Kein Problem, ich hol sie dir«, rief der schöne Tony, schwang sich elegant auf sein graues Ross und galoppierte Richtung Koppel.<br>Fünf Minuten später kehrte er unter triumphierendem Hufgeklapper mit Wesna im Schlepptau zurück.<br>Mit geübten Handgriffen bürstete er der Stute den Rücken, warf eine Decke darüber und schnallte ihr einen Ledersattel um.<br>»Da, steig auf«, sagte er mit einem Lächeln.<br>Ich war zugleich dankbar, neidisch und blamiert.<br>Ein Aushilfscowboy, der nicht mal sein Pferd fand.</p>



<h2>Endlich Reiten</h2>



<p>Wenig später war aller Ärger vergessen.<br>Ich saß fest im Sattel und trabte Amelias blonder Stute hinterher. Den Wind um die Nase, auf dem Kopf einen Cowboyhut – zum Schutz vor der Sonne und weil es einfach cool aussah. Ich versuchte mich an dem guten Reitstil, den mir das Cowgirl erklärt hatte: rhythmisch das Becken im Takt des Trabes zu heben und zu senken. Allerdings war das auf die Dauer recht anstrengend. Bald lungerte ich träge im Sattel, was mit einem noch tagelang schmerzenden Hintern bestraft wurde.<br>Hinter mir in der Kolonne folgten Tony sowie drei reiterfahrene Städter auf braun-weiß gescheckten Paint Horses. Eine klassische Westernrasse aus Nordamerika, muskulös und schnell, bei der man sofort an Cowboys und Indianer denkt.</p>


        <div id="aesop-image-component-7218-4"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-center aesop-image-component-caption-right" style=max-width:800px;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien19.jpg 2000w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien19-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien19-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien19-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien19-1536x1024.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien19-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien19-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien19-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien19-400x267.jpg 400w' sizes='(max-width: 2000px) 100vw, 2000px' src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien19.jpg"                                    alt="Bulgarien19">
                            
                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Reiten in Bulgarien. Foto: Markus Huth
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        


<p>An diesem sommerlichen Nachmittag roch es nach Freiheit.<br>Von der Ranch hatte uns ein Feldweg in die Berge geführt, einige Kilometer vorbei an goldenen Weizenfeldern, bis wir schließlich einen Wald erreichten. Verfolgt wurde unsere Kolonne von zwei furchtlosen Ponys,&nbsp; die aus ihrer Koppel ausgebüxt waren, um der Langeweile zu entgehen. Im Schatten hoher Eichen prallten die Hufe auf den steinigen Pfad.<br>Bald teilte sich die Reitgruppe.<br>Amelia führte unseren Trupp – und Karol den zweiten auf einer anderen Route. Einige Pferde verstanden sich nicht miteinander, begründete Amelia. Vor allem die Hengste in Karols Gruppe würden schnell Streit beginnen, was für die Reiter mit Tritten oder Abwurf enden konnte.</p>



<p>Oder waren es Amelia und Karol, die sich nicht verstanden?<br>Zwar war ihr Leben auf den ersten Blick ein filmreifer Naturtraum mit Pferden. Doch der Schein trog. Das Ehepaar stritt sich täglich, lautstark und auf Polnisch. Meist wegen etwas, was Amelia in seinen Augen falsch gemacht hatte.</p>



<p>Noch nie war mir ein Mann so jähzornig wie Karol begegnet.<br>Nach einem Streit war er oft besonders ruppig mit den Tieren.<br>Doch egal ob Streit oder nicht: Man sprach Karol besser nie an. Der stiernackige Kerl mit dem runden Panzerknackergesicht und der blonden Stoppelfrisur schien immer kurz vor der Explosion zu stehen. Entsprechend beunruhigend fand ich, dass auf der Ranch überall Äxte, Peitschen, Kettensägen und Gewehre herumlagen.</p>



<h2>Die Affäre</h2>



<p>Amelia hingegen schien stets niedergeschlagen.<br>Sie strahlte diese Traurigkeit aus, die man hat, wenn man sich in seinem Leben gefangen glaubt. Nur wenn sie neben einem Pferd stand, lächelte sie. Und neben Tony.<br>Eigentlich war es offensichtlich, dass die beiden eine Affäre hatten.<br>Tony kam aus einem kleinen Ort bei Palermo.<br>Er war sechsundzwanzig und hatte von Kindheit an nur einen Traum gehegt: professioneller Fußballspieler zu werden. Mit achtzehn hatte er es geschafft und spielte als Verteidiger in der italienischen Profiliga – bis eine Verletzung den Traum vorzeitig beendete.<br>Etwas anderes als Fußballspielen hatte Tony nie gelernt.<br>Seine Familie war arm. Was sollte er jetzt anstellen?<br>Tony packte seinen Rucksack und schaute nie mehr zurück.</p>



<p>Seit Jahren schon zog er als Volunteer um die Welt.<br>Er arbeitete als Cowboy in Montana, als Pflücker auf Plantagen in der Türkei oder als Rezeptionist im Hostel in Costa Rica.<br>Statt Fußballer war Tony professioneller Weltenbummler geworden.<br>Vor zwei Monaten schließlich hatte es ihn auf die bulgarische Wild-West-Ranch verschlagen. Tony hatte noch immer die kräftige Statur eines Innenverteidigers, dazu dunkles Brust- und Haupthaar, sanfte braune Augen und immer ein freundliches Lächeln im Gesicht. Er strahlte diese Leichtigkeit des Seins aus, die jemand hat, der nichts besitzt.<br>Anders als ich schlief der Italiener nicht im Armeeanhänger, sondern in einem kleinen Wohnwagen unten am Bach. Eines Morgens, als ich gerade Gras für die Kaninchen schnitt, sah ich Amelia verschlafen aus Tonys Wohnwagen steigen.</p>



<p>Ich wusste nicht, ob sie mich auch gesehen hatte. Jedenfalls sprachen wir nicht darüber. Ein paar Tage später war es Tony, der reden wollte.<br>Wir buddelten gerade ein tiefes Loch für einen Brunnen hinter dem Hexenhaus, da sagte er: »Du hast sicher gemerkt, dass ich mit Amelia zusammen bin.«<br>Die Geschichte klang unglaublich.</p>



<p>Tony zufolge waren die Ranchbesitzer zwar verheiratet. Sie lebten aber in einer Mischung aus offener Beziehung und innerer Scheidung.<br>Kurz nach seiner Ankunft, berichtete Tony, habe das schöne Cowgirl heftig mit ihm geflirtet, und schließlich seien sie im Bett gelandet.<br>Um Karol, habe sie ihm gesagt, brauche er sich keine Sorgen machen. Die beiden hätten eine Vereinbarung, dass Sex mit Volunteers erlaubt sei. Oft würden sie Neuankömmlingen sogar erzählen, sie seien Bruder und Schwester.</p>



<p>Welche Abmachung das Ehepaar auch getroffen haben mochte: Die ständigen Streits deuteten darauf hin, dass sie nicht funktionierte. Vielleicht auch, weil Amelia und Tony ihre Affäre immer offener auslebten. Als ich vor zwei Wochen auf der Ranch angekommen war, hatte ich jedenfalls noch nichts von ihrem Verhältnis bemerkt.</p>



<h2>Die Zeitbombe tickt</h2>



<p>Aber seit ein paar Tagen holten sie gemeinsam Pferde von der Koppel und übernahmen zusammen das tägliche Kuhmelken. Sie lachten sich an und tauschten Berührungen aus. Bald schlief Amelia jede Nacht in Tonys Wohnwagen und versuchte gar nicht erst, es zu verheimlichen.<br>Und Karols Wutausbrüche wurden häufiger.</p>



<p>Die Stimmung auf der Ranch war angespannt wie ein Seil, an dem zwei Pferde in entgegengesetzten Richtungen zogen. Jeden Abend saßen wir alle zum gemeinsamen Essen am Holztisch vor dem Hexenhaus. Karol, Amelia, Tony, der mysteriöse Soldatencowboy und ich. Meist war Karols Gesicht wie aus Eis. Er aß schweigend und trank ein Glas Wodka nach dem anderen.<br>Er schien mir wie eine Zeitbombe, die der Explosion entgegentickte.</p>



<p>Ich hatte jedenfalls keine Lust, in die stürmischen Wellen dieses Liebesdramas zu geraten. Stattdessen verbrachte ich mehr Zeit mit dem schweigsamen Soldatencowboy. Er hieß Jan und saß jeden Abend geheimnisvoll am Lagerfeuer, den Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass nur sein hämisches Lächeln im Licht des Feuers flackerte. Es war, als ob er sich über alles und jeden lustig machte. Sogar über diesen Ehestreit.</p>



<p>Jan kam wie die Ranchbesitzer aus Polen.<br>Er lebte schon über ein Jahr hier.<br>Gelangweilt vom Leben als Mechaniker in einem großen Autowerk, hatte er seinen gut bezahlten Job gekündigt und zog seitdem um die Welt.<br>Wie Tony war er ein optischer Mädchentraum: Mitte zwanzig, blondes Haar, glattes Gesicht mit kantigem Kinn und klaren Augen, der Körper schlank und kräftig.<br>Und, na klar, auch dieser junge Brad Pitt war in das schöne Cowgirl Amelia verliebt. Allerdings unglücklich.</p>


        <div id="aesop-image-component-7218-5"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-center aesop-image-component-caption-right" style=max-width:100%;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien17-1.jpg 2000w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien17-1-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien17-1-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien17-1-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien17-1-1536x1025.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien17-1-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien17-1-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien17-1-1250x834.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien17-1-400x267.jpg 400w' sizes='(max-width: 2000px) 100vw, 2000px' src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien17-1.jpg"                                    alt="Bulgarien17-1">
                            
                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Der schöne Jan ist unglücklich verliebt. Foto: Markus Huth 
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        


<p>Tony hatte mir erzählt, dass der Pole einmal ungefragt nackt zu ihr in die Freiluftdusche hinter dem Hexenhaus gestiegen war. Was immer Jan sich damit erhofft hatte, wurde durch Amelias wütendes Geschrei verhindert.<br>Seitdem mied der Verschmähte menschlichen Kontakt und verbrachte seine Zeit lieber mit den Schweinen sowie seinem besten Freund, einem kleinen Jack Russell Terrier.<br>Mir reichte es langsam.</p>



<h2>Von Ziegen, Mulis und Raben</h2>


        <div id="aesop-image-component-7218-6"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-right aesop-image-component-caption-right" style=max-width:300px;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien7.jpg 1334w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien7-400x600.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien7-800x1200.jpg 800w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien7-768x1151.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien7-1025x1536.jpg 1025w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien7-100x150.jpg 100w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien7-1320x1979.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien7-1250x1874.jpg 1250w' sizes='(max-width: 1334px) 100vw, 1334px' src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien7.jpg"                                    alt="Bulgarien7">
                            
                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Der Rabe hat Käfigarrest. Foto: Markus Huth
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        


<p>Ich war wegen der Pferde auf die Ranch gekommen und nicht, um einem Beziehungsdrama à la Legenden der Leidenschaft beizuwohnen. Die Tiere schienen ihre Hormone besser im Griff zu haben als das Personal.<br>Ich beschloss, mich ganz auf meine tierischen Aufgaben zu konzentrieren. Jeden Morgen und Abend fütterte ich die Kaninchen, Truthähne und übernahm von Amelia auch noch die Enten und den Raben.<br>Ich hatte vorher noch nie einen gesehen, nur die vergleichsweise kleinen Krähen. Der schwarze Vogel im Maschendrahtkäfig war sogar ein Kolkrabe, die größte aller Rabenarten. Er hieß Oskar.<br>Tagsüber durfte er sich frei auf der Ranch bewegen. Der umtriebige Kerl mit den scharfen Klauen machte den Welpen das Futter streitig, verprügelte mit seinem scharfen Schnabel die Jack Russell Terrier, und einmal riss er ein Babykaninchen aus dem Gehege und fraß es.<br>Danach erteilte ich ihm zur Strafe Käfigarrest.</p>



<p>Besonders ans Herz wuchs mir die meckernde Ziege, die am Bachwäldchen an einen Baum gebunden graste. Sie war braun-schwarz-weiß gefleckt und hatte himmelblaue Augen. Immer wenn ich ihr einen Eimer Wasser zum Trinken brachte, schmiegte sie sich um meine Beine wie eine verschmuste Katze. Vielleicht aus Dankbarkeit, weil ich sie jedes Mal aus ihrer misslichen Verknotung befreite, in die sie sich beim Kreisen um den Baum gewickelt hatte. Die Ziege fand ich nie allein, sondern stets in Begleitung ihres besten Kumpels: einem blökenden braunen Schaf.</p>


        <div id="aesop-image-component-7218-7"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-right aesop-image-component-caption-right" style=max-width:300px;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien8.jpg 1334w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien8-400x600.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien8-800x1200.jpg 800w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien8-768x1151.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien8-1025x1536.jpg 1025w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien8-100x150.jpg 100w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien8-1320x1979.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien8-1250x1874.jpg 1250w' sizes='(max-width: 1334px) 100vw, 1334px' src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien8.jpg"                                    alt="Bulgarien8">
                            
                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Auch Ziegen schmusen gerne. Foto: Markus Huth
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        


<p>Derweil blieb meine Beziehung zum Maultier kühl.<br>Die Mischung aus Pferd und Esel wartete stets misstrauisch direkt am Eingang zur Pferde-Koppel wie ein Türsteher. Einmal schnappte der Muli nach den Möhren, die ich zum Anlocken der Reitpferde mitgebracht hatte.<br>Und von der Milchkuh möchte ich gar nicht erst reden.<br>Das vierhundert Kilo schwere Tier war mir&nbsp;– und ich schwöre: mit voller Absicht&nbsp;– auf den Fuß getreten, als ich es eines Morgens von der Weide geholt hatte. Das Maultier hatte alles gesehen und sich köstlich amüsiert.</p>



<p>Dafür aber konnte ich mein Verhältnis zur Stute Wesna stetig verbessern. Nach drei Wochen auf der Ranch erkannte ich sie jetzt sogar am Gesicht. Auch das Satteln klappte inzwischen passabel. Auf der Koppel traute ich mich sogar ganz ohne Sattel auf Wesnas nackten Rücken und trabte im gemächlichen Tempo über die Hügel. Das war der große Vorteil an einer postapokalyptischen Ranch fernab jeder Zivilisation: Wenn mir danach war, konnte ich ungefragt ein Pferd nehmen und einfach losreiten. Das einstige Ostblockland Bulgarien fühlte sich nun tatsächlich an wie der Wilde Westen. Mehr Freiheit ging nicht.</p>



<p>Der Nachteil war: Sollte ich stürzen und halb tot im hohen Gras liegen, würde mich tagelang niemand finden. Falls mich die liebeskranken Rancher überhaupt suchen würden, woran ich meine Zweifel hatte.<br>Doch alles ging gut, und dank meiner tierischen Freunde war das Ranchleben trotz Liebesdrama wunderschön – bis zu jenem Morgen, als ein dunkles Auto den Feldweg hochgefahren kam. Und herausstiegen Amelias Eltern.</p>



<h2>Ruhe vor dem Sturm</h2>



<p>Sie waren extra aus Polen angereist, um den anstehenden Geburtstag der Tochter zu feiern. Aber vorher wollten sie noch mit ihr ein paar Tage zum Ausspannen ans Schwarze Meer. Der beliebteste bulgarische Strand lag nur ein paar Autostunden entfernt.<br>Tony hatte mir schon voller Vorfreude davon erzählt. Denn statt Amelias Ehemann Karol,&nbsp; würde er mitfahren. Die Tochter fuhr mit den Eltern in den Strandurlaub und nahm den Liebhaber mit, während der Ehemann auf der Ranch zurückblieb? Offenbar waren nicht alle Polen so katholisch, wie ich bis dahin gedacht hatte.<br>Es gab da nur ein Problem.<br>Zwar war Mama in Eheprobleme und Affäre eingeweiht.<br>Doch Papa wusste von nichts.<br>Eben noch schüttelte er Karol freudig die Hand. Im nächsten Moment warf Tony die Reisetasche in den Kofferraum und stieg mit Amelia hinten ins Auto.<br>»Fahr los«, raunte die Mutter.<br>Ob je ein Mensch derart verwirrt geschaut hat?</p>



<p>Als der Sandweg unter dem abfahrenden Auto knisterte, ließ sich Karols Gefühlswelt aus den kalten blauen Augen wie immer nur schwer ablesen. Er sah jedenfalls nicht unzufriedener aus als gewöhnlich.<br>Nachdem Amelia verschwunden war, setzte er sich an den Tisch vors Hexenhaus und trank ein Bier.<br>Ich war besorgt.<br>Denn normalerweise hatte ich mit Karol nicht viel zu tun. Amelia kümmerte sich um die Volunteers. Aber nun würden Jan und ich drei Tage mit ihm alleine sein. Kurz überlegte ich, das Gewehr, die Äxte, die Peitsche und alle anderen waffentauglichen Dinge, die hier frei herumlagen, zu verstecken.</p>



<p>Doch bald zeigte sich, dass meine Sorge völlig unbegründet war.<br>Die Atmosphäre auf der Ranch entspannte sich.<br>Ohne Amelia hatte Karol niemanden zum Streiten. Statt polnischer Flüche lagen auf einmal nur noch Pferdewiehern, Schweinegrunzen und Hundebellen in der Bergluft. Ich ging weiter meinen Tiersitteraufgaben nach und genoss die ländliche Idylle.<br>Und eines Tages hörte ich den finsteren Cowboy doch tatsächlich fröhlich lachen.</p>



<h2>Die Neue wider Willen</h2>



<p>Ich zertrümmerte gerade mit der Axt Rinderknochen zu Hundefutter (das war sonst Tonys Job), als Karols weißer Opel verfolgt von einer Staubwolke den Feldweg heraufgerast kam.<br>Mit ihm heraus stieg eine fremde Frau. Sie war kurz, blond und sehr jung.<br>So aufgekratzt hatte ich Karol noch nie erlebt. In seinem weißen Fransen-Cowboyoutfit sah der zwanzig Jahre ältere Mann aus wie ihr durchgeknallter Vater.</p>



<p>Die Fremde schien seine gute Laune allerdings nicht zu teilen. Eilig zog sie ihren rollenden Koffer in meinen Armeeanhänger. Dort fand ich meine neue Mitbewohnerin, wie sie eine der leeren Pritsche bezog. Sie hieß Sarah, kam aus Wales und wollte für einen Monat auf der Ranch aushelfen.<br>»Ich liebe Pferde, und die Landschaft ist ja fantastisch idyllisch hier«, schwärmte sie.</p>



<p>Sarah war achtzehn und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Und eigentlich konnte die Waliserin nichts schocken. Sie berichtete mir, wie sie im Krankenhaus mal einen Mann behandeln musste, der kurz zuvor seine Frau im Streit getötet und sich anschließend selbst die Kehle durchgeschnitten hatte. Wenn er auch gestorben wäre, hätte Sarah noch vor Ort routiniert das Fenster geöffnet.<br>»Damit seine Seele rausfliegen kann. Das ist Krankenhausvorschrift.«</p>



<p>Ich fragte sie, warum sie so verstört aus dem Auto gestiegen war. Daraufhin erzählte die Achtzehnjährige, wie ein bulliger Mann im weißen Cowboykostüm sie eben vom Flughafen in Sofia abgeholt hatte.<br>Statt direkt zur Ranch fuhr der Fremde mit ihr in eine Bar.<br>Dort habe er wortlos – Karol sprach kaum Englisch – ein großes Bier getrunken, während die knallharte Krankenschwester es mit der Angst zu tun bekam. Hatten ihre Eltern vielleicht doch recht gehabt?<br>»Volunteering ist nur was für Lebensmüde. Man sollte sich nie in die Obhut von Fremden begeben«, hatten sie die abenteuerlustige Tochter gewarnt. Erst nach dem Bier war der Cowboy mit ihr zur Ranch gefahren.<br>»Ist der immer so?«, fragte die Waliserin besorgt, und ich wusste gar nicht, wo ich bei der Antwort anfangen sollte.</p>



<p>Später saßen wir alle zum Abendessen vor dem Hexenhaus.<br>Karol hatte sogar gekocht: Pasta mit Wodka.<br>Der liebestolle Pole stellte der jungen Waliserin ein Glas nach dem anderen vor die Nase und befahl Sondaten-Cowboy Jan, seine Obszönitäten zu übersetzen.<br>»Ich kenne englische Frauen nur aus Pornos«, lachte Karol.<br>Dann wollte er wissen, ob Sarah noch Jungfrau war.<br>Sie schlang die Pasta herunter und flüchtete in den Armeeanhänger. Erst als Karol schlafen getorkelt war und ich mit Jan und seinem Jack Russell Terrier allein am Lagerfeuer saß, traute sie sich wieder raus.<br>Jan grinste wie immer geheimnisvoll unterm Cowboyhut. Dann packte er im Flackern des Feuers aus und erzählte Karols Geschichte.</p>



<p>Wie ich vermutet hatte, war der Umzug des polnischen Paares in die bulgarische Pampa vor sieben Jahren nicht ganz freiwillig erfolgt.<br>Zwar stimmte es, dass Karol an der Börse viel Geld verdient hatte – allerdings durch Wertpapierbetrug. Zudem war er laut Jan mit der Unterwelt vernetzt und besaß in Polen ein Bordell.<br>Nachdem der Ermittlungsrichter einen Haftbefehl ausgestellt und Karols geprellte Kunden ihr Geld wiederhaben wollten, tauchte der Banker mit seinem Model Amelia in Bulgarien unter.<br>Mehrere Jahre lebten sie unbehelligt ihr Westernleben mit Pferden.<br>Bis eines Tages ein bulgarischer Sheriff auf die Ranch kam und Karol Handschellen anlegte.<br>»Du machst Witze, er war im Gefängnis? Und ein Zuhälter?«, fragte Sarah schockiert.<br>Karol, fuhr Jan fort, musste für zwei Jahre hinter Gitter.<br>Derweil lebte seine Gangsterbraut alleine weiter auf der Ranch. Es war in dieser Zeit, dass Amelia begann, sich nach anderer männlicher Gesellschaft umzusehen. Als Karol aus dem Gefängnis kam, hatte sich seine Frau an ein Leben ohne ihn gewöhnt.</p>



<p>Jedes andere Paar hätte jetzt wohl an Scheidung gedacht.<br>Doch ihr gesamtes Vermögen steckte in der Ranch und den Pferden. Also arrangierten sie sich, hatten Affären mit ihren Volunteers, und Ex-Bordellbesitzer Karol bestellte sich ab und an Prostituierte in den Westernwagen.<br>Jan meinte, dass das lange gut funktioniert hätte.<br>Doch nun war Karol neidisch auf Amelias Glück mit Tony.<br>Deshalb gebe es gerade so viel Streit.<br>Alle Hoffnungen, sagte Jan und grinste gehässig zur jungen Waliserin, richteten sich daher auf sie.<br>»Wenn du was mit Karol anfängst, haben wir wieder etwas Ruhe.«<br>Der furchtlosen Krankenschwester stand die Angst im Gesicht.<br>Ein Pferd wäre jetzt panisch weggerannt.</p>


        <div id="aesop-image-component-7218-8"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-right aesop-image-component-caption-right" style=max-width:600px;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien12.jpg 2000w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien12-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien12-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien12-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien12-1536x1025.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien12-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien12-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien12-1250x834.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien12-400x267.jpg 400w' sizes='(max-width: 2000px) 100vw, 2000px' src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien12.jpg"                                    alt="Bulgarien12">
                            
                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Pferdearbeit findet auf der Ranch auch statt: Hufreinigung. Foto: Markus Huth
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        


<h2>Unterwegs als Outlaw</h2>



<p>Am nächsten Morgen wartete Karol mit dem größten Pferd, das ich je gesehen hatte, vor dem Hexenhaus. Ein graues »Shire Horse«, die größte Pferderasse der Welt.<br>Die Stute hieß Baronin und überragte mich um einen Kopf.<br>Das gewaltige Tier zog einen hölzernen Anhänger, auf dem Karol mit den Zügeln in der Hand saß. Neben ihm Jan, wie immer mit einem Grinsen im Gesicht.<br>»Steigt ein, wir machen einen Ausflug«, sagte der Ex-Häftling und zwinkerte Sarah zu. Wenig später fuhren wir wie in einem Boot auf stürmischer See den unebenen Feldweg entlang.</p>



<p>Vorbei ging es an Weizenfeldern, den Bach folgend, bis zu einem Wäldchen. Die Berge waren golden, der Himmel blau, mit ein paar aufgequollenen weißen Wolken darin. In einem Westernfilm hätten jetzt Indianer angegriffen.<br>»Nehmt die Kettensägen von hinten«, befahl Karol.<br>Wir brauchten Holz für Amelias Geburtstagsfeier am nächsten Tag. Zu dem Fest erwartete er über fünfzig Gäste, Kunden und Freunde der Ranch. Die ganze Nacht hindurch sollte ein großes Feuer lodern.<br>Das Knattern der Kettensägen schreckte ein paar Krähen auf, die vor mir im Baum saßen. Wenig später krachte eine hohe Kiefer ins Gras.</p>



<p>Jan war gerade dabei, einen noch gewaltigeren Baum zu fällen, da schrie Karol: »Runter! Fresse halten!«<br>Wie ein Sack plumpste ich in den Dreck und erblickte in der Ferne den Grund für die Aufregung.<br>Einsam patrouillierte ein Polizeiauto verloren auf der Landstraße herum.<br>Wir fällten hier gerade ohne Genehmigung Bäume, und das war garantiert nicht mal Karols Land. Die Kettensäge in der Hand würde es relativ schwer machen, meine Unschuld zu beteuern. Und mit Karols Vorstrafe würden sie ihn garantiert gleich mitnehmen.<br>Kollektives Aufatmen als das Polizeiauto immer kleiner wurde und schließlich hinter der nächsten Kurve verschwand. Keine halbe Stunde später zog die Baronin den Anhänger inklusive uns und zwei Kiefern zurück zur Ranch.</p>



<p>Die Nahknasterfahrung war noch nicht mal der größte Schock an jenem Tag. Denn für Amelias Geburtstag war nicht nur ein Feuer geplant.<br>Sondern auch ein saftiger Braten.<br>Den Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen, stand Jan in seiner Militärjacke vor mir. Das erste Mal sah ich ihn ohne Grinsen. In der Hand hielt er ein langes Bajonettmesser.<br>»Komm mit«, sagte Jan kalt.<br>Ich folgte ihm den Hang hinunter zu dem Wäldchen, wo die&nbsp;…<br>… nein, das durfte nicht sein.<br>Nicht die Schmuseziege!<br>»Meee-eee-eee-eee-e«, meckerte sie uns in Vorfreude auf Gesellschaft entgegen. Sie hatte sich mit dem Seil mal wieder ungeschickt um einen Baum gewickelt. Dumme, dumme Ziege. Als ich sie befreite, schmiegte sie dankbar die Hörner an meine Beine. »Meee-eee-eee-ee!«</p>



<h2>Blut im Gras</h2>



<p>Jan nahm das Seil, und wir führten die Ziege den Hang hinauf Richtung Hexenhaus, dem Schlachtplatz. Uns folgte aus freiem Willen ihr treuer Freund, das braune Schaf.<br>Oben angekommen, sagte Jan: »Drück sie auf den Boden und halt sie fest.«<br>Die blauen Ziegenaugen zwinkerten ahnungslos.<br>»Nein«, raunte ich, »das können wir nicht machen.«<br>»Spinnst du? Karol will einen Braten.«<br>Schweren Herzens erwiderte ich: »Nehmen wir das Schaf, da ist doch eh mehr dran.«<br>Jan überlegte kurz, zuckte mit den Schultern und meinte: »Okay, aber wenn Karol sauer ist, bist du schuld.«</p>



<p>Dann packte ich das überraschte Schaf an der braunen Wolle und drückte es seitlich zu Boden. Eine Hand am Kopf, die andere am Bauch, meine Knie auf seinen Beinen.<br>Der letzte Schaflaut war ein tiefes Blöken – dann schnitt der Soldaten-Cowboy ihm die Kehle durch. Das Tier zuckte, die offene Atemröhre röchelte, während tiefrotes Blut auf saftig-grünes Gras floss. Ein dunkles Schafauge blickte mich angsterfüllt an, bevor alles Leben aus ihm entwich.<br>Sarah musste kein Fenster öffnen, die Seele konnte in den weiten Himmel über uns entweichen. Vielleicht die Schafseele von oben noch, wie ihr früherer Körper auf dieser grünen Wiese zwischen den Bergen langsam ausblutete.<br>Und was tat die Ziege, während ihr bester Freund neben ihr starb? Sie fraß Gras, so als ob nichts wäre.<br>»Meeee-eeee-eee-eeee.«<br>An diesem Abend trank ich fast so viel Wodka wie Karol.</p>



<p>Dann kam der Tag des Festes.<br>An Amelias dreiunddreißigstem Geburtstag zogen graue Wolken von den Bergen herüber, deren Schatten dunkle Flecken auf die Ranch warfen.<br>Bald würden die Gäste eintreffen.<br>Wir Volunteers hatten zur Feier des Tages etwas Ordnung geschaffen, den Großteil des Metallschrotts unter Planen versteckt und die vergilbten Wohnwagen gewaschen. Als Dekoration standen ein paar Pferde herum, und auch die Ziege meckerte feierlich vor sich hin. Sarah schmückte das postapokalyptische Zigeunergelände mit Blumen, ich nahm mir eine der auf dem Gelände herumliegenden Äxte und zerhackte die Kiefern zu Feuerholz, und Jan drehte das gehäutete Schaf über den Flammen.</p>



<h2>Gefangen im Dramadreieck</h2>



<p>Nur das Wichtigste fehlte: das Geburtstagskind.<br>War Amelia vielleicht mit ihrem italienischen Liebhaber durchgebrannt? Doch dann kam der dunkle Kombi der Eltern den Feldweg hochgefahren. Das Cowgirl stieg aus und nahm Glückwünsche entgegen.<br>Als Tony mir beim Holzhacken half, fragte ich neugierig: »Und wie wars am Schwarzen Meer?«<br>»Besser als beim letzten Mal«, lachte der Italiener.<br>Vor ein paar Monaten seien sie zu viert mit Karol und einer jungen Volunteer-Gespielin aus Lettland ans Meer gefahren. Karol habe die Frauen gedrängt, sich zu küssen, und dann hatten alle gemeinsam Sex. Im Gegensatz dazu sei Amelias mürrischer Stiefvater das reinste Kinderspiel gewesen.<br>»Warum machst du das eigentlich mit?«, bohrte ich nach.<br>»Ich liebe sie so sehr«, hauchte Tony.<br>Er sei, reflektierte der Italiener, hoffnungslos in einem »Dramadreieck« gefangen, in dem Amelia das Opfer, Karol der böse Wolf und er selbst der strahlende Retter sei.</p>



<p>Pünktlich zum Eintreffen der Gäste brachen ein paar Sonnenstrahlen durch die dunkle Wolkendecke.<br>Es sah aus wie auf einer Western-Themenparty.<br>Die Männer trugen Cowboyhüte und die Frauen auch, dazu Jeans und Stiefel. Nur Amelia hatte sich in ein schwarzes Kleidchen gezwängt, das ihren athletischen Körper betonte, in den Händen hielt sie einen Strauß roter Rosen.<br>Vor dem Feuer mit dem gerösteten Schaf bildete sich eine lange Schlange. Karol stand mit einem großen Messer daneben und verteilte gönnerhaft saftiges Fleisch.<br>Jan, der die ganze Arbeit gemacht hatte, schmollte etwas abseits.<br>»Siehst du den Typen da?«, raunte er mir zu, als ein kräftiger Kerl sein Stück Schaf abholte und mit Karol tuschelte. Seine Oberarme waren dick wie Pferdeschenkel, um den Stiernacken hing eine silberne Militärmarke.<br>»Das ist der Polizist, der Karol festgenommen hat.«<br>Hä? Warum stießen ein Straftäter und dessen Einbuchter mit einem Bier an?<br>Kein Krimiautor hätte sich diese Geschichte ausdenken können.</p>



<p>Jan berichtete, dass die Tochter des Beamten an einer Hirnstörung litt. Das Einzige, was ihr half, waren Therapiestunden mit Pferden. Nun seien Karol und der Polizist beste Freunde.<br>Prost.<br>Bier, Wodka, Wein und Cocktails flossen in Strömen.<br>Die Stimmung war ausgelassen.<br>Bis tief in die Nacht tanzten, lachten und tranken die Gäste. Abwechselnd tauchte das große Feuer das Hexenhaus und die Wohnwagen in Gelb, Orange und Rot. Aus großen Lautsprechern hallte amerikanische Countrymusik durch die bulgarischen Berge.<br>Erst in den frühen Morgenstunden fielen die Ersten in ihre Wohnwagen oder fuhren nach Hause.</p>


        <div id="aesop-image-component-7218-9"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-center aesop-image-component-caption-right" style=max-width:100%;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien-22.jpg 2000w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien-22-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien-22-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien-22-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien-22-1536x1024.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien-22-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien-22-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien-22-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien-22-400x267.jpg 400w' sizes='(max-width: 2000px) 100vw, 2000px' src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Bulgarien-22.jpg"                                    alt="Bulgarien-22">
                            
                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Die Party am Feuer dauert bis tief in die Nacht. Foto: Markus Huth
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        


<p>Aus den dunklen Wolken war inzwischen ein ernstes Gewitter geworden. Wütend grollte und blitzte es über den Bergen.<br>Betrunken drängte sich Karol dicht neben die Waliserin auf eine Holzbank, legte seine schwere Hand auf ihr Bein und lallte, dass sie sich nicht so zieren solle.<br>Verstört flüchtete sie zu Jan, Tony und mir ans Feuer.<br>Derweil tanzte Amelia um die Flammen wie eine sexy Hexe. Sie schwang die Hüften im Takt der Countrymusik und begann, ihr Kleidchen herunterzurollen.<br>Italiener Tony war außer sich vor Eifersucht.<br>Genau wie Karol, der sich außerdem von der Waliserin verschmäht fühlte.<br>Beide Männer starrten auf die halb nackte Amelia, als wäre sie ein saftiges Stück Schaf.<br>Schließlich sprang Tony von der Holzbank und marschierte wütend den Hang hinunter in Richtung seines Wohnwagens.<br>»Was hat er denn?«, fragte Sarah und stand auf, um ihm nachzugehen.<br>Genau in diesem Moment erwachte Amelia aus der Hexentrance und sah ihren Liebhaber und die Waliserin zusammen in die Nacht verschwinden.<br>»Was willst du von dieser Schlampe?«, brüllte sie und folgte ihnen in die Dunkelheit.</p>



<h2>Der Sturm</h2>



<p>Das Gewitter lag nun genau über der Ranch.<br>Für den Bruchteil einer Sekunde leuchtete ein gleißender Blitz auf, und ich sah die drei Gestalten vor Tonys Wohnwagen.<br>Ein krachendes Donnern folgte.<br>Dann wie Millionen Indianerpfeile der Regen.<br>Ich weiß nicht mehr, warum, aber ich wollte nach dem Rechten sehen und ging hinterher. Der Boden hatte sich in einen einzigen matschigen Sumpf verwandelt, mit nassen Füßen erreichte ich den Wohnwagen.<br>Davor stand Amelia, schrie unverständliche Worte in die Nacht und weinte. Dann riss sich die Betrunkene ihr durchnässtes Kleid vom Leib und hämmerte nackt an Tonys Wohnwagentür.<br>Seelenruhig sagte der Italiener ihr durch den Fensterspalt, dass er sauer sei und sie jetzt nicht sehen wolle.<br>Er brauche jetzt eine Freundin zum Reden. Sarah.</p>



<p>Das machte das nackte Cowgirl nur noch wütender.<br>Sie schrie auf Polnisch und hämmerte.<br>Bis sie wie ein Sack in den Matsch fiel und sanft zu schnarchen begann.<br>»Sie holt sich den Tod!«, rief die Krankenschwester, kam aus dem Wohnwagen und versuchte, die größere Amelia aufzuheben.<br>»Lass mich! Lasst mich alle!«, lallte die Betrunkene.<br>»Lasst sie dort schlafen, wenn sie unbedingt will!«, brüllte der aufgebrachte Tony.<br>Sarah und mir reichte es.<br>Sollte das Liebespaar seine Probleme doch selbst klären.<br>Im prasselnden Regen stapften wir zurück zu unserem Armeeanhänger.<br>Die Achtzehnjährige erklärte, sie wolle am nächsten Tag abreisen. Bevor Amelia sie aus Eifersucht umbringen oder Karol sie vergewaltigen könne.<br>Ich fand ihren Entschluss ziemlich nachvollziehbar.<br>Erschöpft fiel ich im abgetrennten Bereich des Armeehängers auf meine Matratze. Kurz vor dem Einschlafen war es mir, als ob ich Karols gedrungene Gestalt im Licht eines Blitzes auf den Wohnwagen des Italieners zugehen gesehen hatte. Auf dem Kopf seinen Cowboyhut. In der Hand ein langes Messer.<br>Dann wurde es dunkel vor meinen Augen.</p>



<p>Wir fanden Tonys Leiche am Bach.<br>Die Kehle durchgeschnitten, wie beim braunen Schaf. Das rote Blut floss aus seinem Hals aufs nasse Gras. Es regnete noch immer in Strömen.<br>Tonys tote Augen starrten mich vorwurfsvoll an.<br>»Schau, seine Seele fliegt in den Himmel«, kommentierte die Krankenschwester. Und während Tonys Seele über unsere Köpfe entschwebte, graste die Ziege, als ob nichts wäre.<br>Schweißgebadet wachte ich auf.<br>War es nur ein Traum?</p>



<p>Verwirrt kletterte ich aus meiner Schlafzelle ins Freie in den grauen Morgennebel. Draußen hockten Amelia und Sarah neben der Kuh, die Melkmaschine ratterte vor sich hin. Die Waliserin hatte ihre Meinung bereits wieder geändert. Nachdem sich Amelia bei ihr entschuldigt und versprochen hatte, dass sie in Sicherheit sei, wollte die Achtzehnjährige nun doch auf der Ranch bleiben.<br>Beschämt schaute mich das Cowgirl an.<br>»Sorry, ich hab gestern zu viel getrunken. Karol hat mich zurückgetragen.«<br>Ich rannte den Hang hinunter zu Tonys Wohnwagen und hämmerte an seine Tür, um sicherzugehen, dass er noch lebte.<br>»Was ist? Ich füttere die Enten später«, stotterte der Italiener verschlafen.<br>Das war der Moment, als ich entschied, noch am selben Tag abzureisen.</p>



<p>Zwar hatte ich eigentlich noch eine Woche. Doch das Dramadreieck wurde zu viel für meine Nerven. Ich hielt es für nicht ausgeschlossen, dass hier doch noch jemand aus Eifersucht erschlagen wurde.<br>Ich packte meinen Rucksack, und sagte schweren Herzens Lebewohl zu meinen tierischen Schützlingen – und leichteren Herzens zu den menschlichen Ranchern. Als ich den Feldweg hinunter zur Straße marschierte, wartete wie zum Abschied meine Stute Wesna unter einem Baum.<br>An der einsamen Landstraße hielt ich den Daumen raus und hoffte, dass mein nächster Tiersitterjob etwas weniger Drama bringen würde als diese Ranch der Leidenschaften.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die letzten Deutschen</title>
		<link>https://www.weltseher.de/die-letzten-deutschen/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/die-letzten-deutschen/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Apr 2017 15:58:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgisistan]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://www.weltseher.de/?p=6715</guid>

					<description><![CDATA[In Kirgisistan kämpft das letzte deutsche Dorf Zentralasiens gegen das Verschwinden. Markus Huth wollte es besuchen, stieß in der sektenartigen Gemeinde aber auf einige Schwierigkeiten.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-letzten-deutschen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In Kirgisistan kämpft das letzte deutsche Dorf Zentralasiens gegen das Verschwinden. Unser Autor Markus Huth wollte es besuchen, stieß in der sektenartigen Gemeinde aber auf einige Schwierigkeiten.</strong></p>
<p><a href="https://www.amazon.de/dp/B01NAG60VT/ref=dp-kindle-redirect?_encoding=UTF8&#038;btkr=1" target="_blank">        <div id="aesop-image-component-6715-10"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-left aesop-image-component-caption-center" style=max-width:500px;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/51DyjPx-0KL.jpg 328w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/51DyjPx-0KL-98x150.jpg 98w' sizes='(max-width: 328px) 100vw, 328px' src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/51DyjPx-0KL.jpg"                                    alt="51DyjPx-0KL">
                            
                        

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        </a></p>
<p>Rot-was?<br />
Also Rot-Weiß auf Pommes war mir ein Begriff.<br />
Aber die Skulptur aus Blech-Buchstaben aus der Kategorie »die hässlichsten Ortseingangsschilder der Welt« formte: »Rot-Front«.</p>
<p>Ich lugte an dem rostigen Scheusal vorbei und erkannte eine lange, gerade Straße, an der sich zu beiden Seiten ein paar Häuschen wie beim Fahnenappell aufgestellt hatten. Der wolkenverhangene Himmel verbreitete Untergangsstimmung.</p>
<p>Wir waren etwa eine Autostunde östlich von der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Ein paar Kilometer im Norden begann Kasachstan, und im Süden lagen die Berge des Tian Shan. In dieses Kaff verirrte sich sicher kein Tourist. Mein Reisebgleiter Franz und ich waren auch nur aus einem Grund hier: Wir wollten sie mit eigenen Augen sehen. Die Deutschen.</p>
<p>Denn, warum auch immer, an dieser Stelle in Kirgisistan lebte seit Generationen eine deutsche Gemeinde. Die letzte Zentralasiens. Und so seltsam wie der Sachverhalt an sich, so seltsam war auch der Name dieses Ortes.</p>
<p>Zugegeben, »Rot-Front« klang zwar schon irgendwie deutsch.<br />
Aber gleichzeitig auch nicht.<br />
Jedenfalls sehr aus der Zeit gefallen. Das war auch nicht verwunderlich. Denn »Rotfront!« war damals in der Weimarer Republik der Gruß eines paramilitärischen Kampfverbands der Kommunistischen Partei Deutschlands gewesen.</p>
<p>Ich stellte mir also vor, wie ein Haufen uniformierter Kommunisten im Chor »Rotfront!« brüllte und dabei die geballten Fäuste nach oben streckte. Wohnten die jetzt etwa hier am Ende der Welt? Aus Frust, weil es mit dem Kommunismus nicht gut ausgegangen war?</p>
<p>Erwartungsvoll lugte ich noch mal am rostigen Ortseingangsschild vorbei. Doch martialische Schlachtrufe waren nicht zu hören. Stattdessen gackerten ein paar Hühner über die Betonstraße. Vögel zwitscherten. Obstgärten und Einfamilienhäuser ließen Bauernhofidylle statt Kommunismus-Nostalgie auf kommen. Der Klassenkampf fand gerade woanders statt.</p>
<p>»Ja, wo sind’s jetz, deine deutschen Freunde?«, fragte Franz, der Österreicher ist.<br />
Gute Frage.<br />
Dass ich keine Antwort wusste, war umso enttäuschender, da das der einzige Teil meiner planlosen Reise gewesen war, den ich hatte planen wollen. Schließlich konnte ich nicht einfach unangemeldet bei meinen deutschen &#8230; äh, was sagte man denn dafür heute?<br />
Volksgenossen?<br />
Das war Nazi-Sprech.<br />
Das Volk hatte sich aus dem modernen Sprachgebrauch irgendwie verabschiedet.<br />
Landsleute?<br />
Nun ja, wir kamen nicht aus demselben Land.<br />
Oha, das würde ein schwieriger Besuch werden. Allein mit der Wortwahl begab man sich schon auf ganz dünnes Eis.</p>
<p>Ich entschied mich schließlich für den politisch korrekten und gendergerechten Terminus »KulturpartizipantenInnen«.<br />
Also: Dass wir hier verloren und unangemeldet vor dem Dorf meiner KulturpartizipantenInnen standen, war wirklich nicht meine Schuld. Ich hatte alles versucht. Noch aus Deutschland eine Mail an die kirgisische Botschaft mit der Bitte um einen Kontakt geschrieben. Und sogar eine Antwort bekommen.<br />
Vom »Volksrat der Deutschen Kirgisistans«.<br />
(Das mit der sensiblen Wortwahl hatte man meinen KulturpartizipantenInnen am anderen Ende der Welt anscheinend noch nicht verraten.) Jedenfalls »begrüßte« der Volksrat meinen Besuch und sicherte mir »allseitige Unterstützung« zu, samt Delegation in Rot-Front. Als ich das las, ließ meine Fantasie schon eine Blaskapelle aufspielen. Der weit angereiste Reporter würde garantiert mit allen Ehren empfangen werden!</p>
<p>Es gab da nur ein Problem.<br />
Der Volksrat meldete sich nicht mehr.<br />
Auch nach mehreren Nachfragen inklusive eines letzten verzweifelten »Ich bin jetzt in Kirgisistan!«-Notrufs nicht. Was war da los? Egal. Sicher nur ein technisches Problem. Ich hatte beschlossen, einfach auf eigene Faust nach Rot-Front zu fahren. Und jetzt standen wir hier, wie nicht bestellt und schon gar nicht abgeholt.</p>
<p>»Suchen wir eben den Bürgermeister«, schlug ich vor.<br />
Leider hing an keinem der Häuser ein Bürgermeister-Schild.<br />
»Ich weiß, wo der Bürgermeister ist«, sagte plötzlich eine Stimme hinter mir.<br />
Unseren kirgisischen Taxifahrer hatte ich ganz vergessen. Er hatte uns bis zum »Rot-Front«-Schild gefahren, wo ich fälschlicherweise gehofft hatte, irgendwelche Deutsche zu sehen. Zum Glück war er noch da. Also wieder rein ins Auto. Nach einigen Feldern stoppten wir im Nachbardorf vor einem prächtigen Rathaus.</p>
<p>»Guten Tag, wir suchen die Deutschen«, grüßte ich die Empfangsdame, eine Kirgisin.<br />
Sie griff zum Hörer und wies uns in einen großen Raum, dessen Wände mit Landschafts- und Pferdebildern behangen waren. Dort saß hinter einem großen Schreibtisch eine weitere Kirgisin im Hosenanzug. Offenbar die Bürgermeisterin.<br />
Also noch mal: »Hallo, sehr erfreut, wir wollen zu den Deutschen.«<br />
»Ja, hier leben einige deutsche Familien. Aber wieso haben Sie sich nicht angemeldet?«<br />
Gkrtzkrtgrrr, Volksrat!<br />
Wollte ich motzen.</p>
<p>Aber wir brauchten jetzt eine schnelle Lösung. Vor allem für die Nacht. Denn ein Hotel hatte das rotfronte Häuserhäufchen sicher nicht zu bieten. Also fand ich einige entschuldigende Worte, woraufhin die Bürgermeisterin ebenfalls zum Telefon griff und schließlich zu Franz und mir sagte: »Kommen Sie mit, aber versprechen kann ich nichts.«<br />
Wenig später waren wir wieder am rostigen »Rot-Front«- Schild.<br />
Und hier hatte sich inzwischen etwas Entscheidendes verändert.</p>
<p>Da waren plötzlich Menschen auf der Straße!<br />
Immerhin eine Hand voll. Und das waren nicht irgendwelche Menschen. Denn wie Kirgisen sahen die nicht aus. Eine kräftige blonde Frau in Jogginghose und Schlabberpulli schob einen Kinderwagen vor sich her. Neben ihr stützte sich ein alter Mann vom Typ »Opa erzählt vom Krieg« auf einen Gehstock. Und hinter einem Lattenzaun standen zwei blonde Kinder. Ihre blauen Augen waren auf Franz und mich gerichtet, als wir aus dem Taxi stiegen.<br />
Es gab keinen Zweifel: Wir hatten die Kirgisistan-Deutschen gefunden.</p>
<p>Erstkontakt!<br />
Aber wo war die Blaskapelle?<br />
Wo das Empfangskomitee?<br />
Stattdessen starrten sie uns skeptisch und schweigend an. Herzlich willkommen sah anders aus. Ich versuchte, das Eis zu brechen.<br />
»Guten Tag«, sagte ich auf Deutsch zu der blonden Mutti. »Wir sind aus Deutschland angereist &#8230;«<br />
»&#8230; und Österreich«, warf Franz ein.<br />
»Jedenfalls interessieren wir uns für die deutsche Minderheit in Kirgisistan«, sagte ich und fügte wichtigtuerisch hinzu:<br />
»Ich bin Journalist.«</p>
<p>Da musterte die Walküre mich von oben bis unten. Und warf mir abschließend einen verächtlichen Blick zu.<br />
Jetzt bekam sogar die kirgisische Bürgermeisterin Mitleid.<br />
»Sie und Ihr Mann haben doch ein großes Haus«, sagte sie auf Russisch. »Könnten Sie den jungen Männern heute Nacht Ihr Gästezimmer vermieten? Oder wissen Sie, bei wem sie unterkommen könnten?«</p>
<p>Die Blonde glotzte, als hätte man sie gebeten, zwei verlauste Ratten in Pflege zu nehmen.<br />
»Also, das geht wirklich nicht«, empörte sie sich auf Russisch und fügte auf Deutsch hinzu: »Wir haben keinen Platz!«<br />
Der Opa lächelte altersmilde und begann eine Geschichte zu erzählen. »Damals neunzehnhundert &#8230;«<br />
»Schhhh!«, brachte ihn die Walküre zum Schweigen.  Dann zog sie zügig mit dem Kinderwagen weiter. Der Opa schleppte sich im Schneckentempo auf einen Hauseingang zu. Und auch die blonden Kinder rannten davon.  »Na, dann kommt mal mit, wir finden schon ein Bett für euch«, sagte die kirgisische Bürgermeisterin.</p>
<p>Einige Häuser weiter wummerte die kleine, energische Frau an ein Tor.<br />
Ein junger, drahtiger Kirgise im Muskelshirt öffnete und staunte, was ihm das Schicksal da vor sein Haus gespült hatte. Nach kurzem Palaver mit der Beamtin sagte er:<br />
»Entschuldigt, meine Frau ist verreist &#8230; Also kann sie euch nicht bewirten. Und ich habe nur zwei Matratzen, die ich euch ins Wohnzimmer legen kann. Aber wenn euch das nichts ausmacht, seid ihr herzlich willkommen.«<br />
Machte der Witze?<br />
Dieser Engel!</p>
<p>Und so begab es sich, dass ich im Dorf der Deutschen bei einem Kirgisen Zuflucht fand.<br />
Der Engel hieß Samat. Er war Anfang dreißig und wahrscheinlich der gutmütigste Mensch in diesem Dorf. Sein Haus mit dem idyllischen Garten kam mir vor wie eine Insel der Gastfreundschaft. An jenem Abend tranken wir zusammen Wodka und brachen Brot. In blumigen Geschichten erzählte uns Samat, was für großartige Menschen diese Deutschen im Dorf angeblich waren. Hervorragende Baumeister, mit den schönsten Häusern, fleißig, ehrlich, hilfsbereit und großzügig.<br />
Da klaffte gerade ein ziemlicher Abgrund zwischen seinen Beschreibungen und meiner eben gemachten Erfahrung.<br />
Das Ganze war mir ein Rätsel.</p>
<p>Schließlich führte uns Samat in sein Wohnzimmer, wo die versprochenen Matratzen samt frischem Bettzeug auf dem Boden lagen. In der Ecke stand ein Klavier und darauf das Bild eines toten Verwandten, der Pianist gewesen war. Als ich langsam unter den Augen des toten Pianisten einschlief, nahm ich mir vor, am kommenden Tag das Rätsel der schroffen Deutschen zu lösen.</p>
<p>Der nächste Tag begann mit Samats fröhlichem Lachen.<br />
»Guten Morgen, Jungs, Frühstück!«<br />
Ich konnte seine gute Stimmung nicht ganz teilen. Schließlich wollte ich mehr über die Deutschen hier erfahren, hatte aber keine Ahnung, wie.</p>
<p>Samat riet uns, einfach mal die Straße entlangzulaufen und an den Haustüren zu klingeln.<br />
Der Kirgise zeigte mit fuchtelnden Armen, in welchen Häusern seine deutschen Nachbarn wohnten. Das war die erste Überraschung: In dem Achthundert-Seelen-Dorf waren sie klar in der Unterzahl. Nur noch knapp hundert Deutsche lebten hier.<br />
Von wegen deutsches Dorf!<br />
Nach dem Frühstück machten Franz und ich uns auf.</p>
<p>Die Häuser der Deutschen lagen an der anderen Straße von Rot-Front, die schmaler war als die Hauptstraße und genauso schnurgerade parallel zu ihr verlief. Schlanke Pappeln ragten in den grauen Himmel und wankten im Wind. Ein ausgeschlachteter alter Lastwagen lag vor einem Haus, daneben ein uralter Krankenwagen und ein grasendes Pferd. Gespenstische Atmosphäre. Wie bei unserer Ankunft am Vortag war kein Mensch auf der Straße. Alle schienen sich vor uns in ihren Häusern zu verstecken.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-6715-11"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-center aesop-image-component-caption-right" style=max-width:700px;>
                                                                                <img srcset='https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/Rot-Front-2.jpg 1700w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/Rot-Front-2-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/Rot-Front-2-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/Rot-Front-2-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/Rot-Front-2-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/Rot-Front-2-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/Rot-Front-2-400x267.jpg 400w' sizes='(max-width: 1700px) 100vw, 1700px' src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/Rot-Front-2.jpg"                                    alt="Rot-Front-2">
                            
                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Rot-Front sehen und sterben. Foto: Markus Huth
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immerhin hatte Samat nicht gelogen.<br />
Die Häuser der Deutschen waren tatsächlich in besserem Zustand als die der Kirgisen. Sauberer und gepflegter. Vor allem die Gärten.</p>
<p>Ding-dong.</p>
<p>Klopf-klopf.</p>
<p>Bei Haus Nummer eins machte schon mal keiner auf.<br />
»Hallo? Hallo?«, rief ich. »Besuch aus Deutschland! Presse!«<br />
Als einzige Reaktion kläffte ein Hund und sprang scheppernd gegen die Innenseite des hohen Metalltors.</p>
<p>Bei Haus Nummer zwei passierte was.<br />
Nach minutenlangem Klopfen kam ein kräftiger Blonder ans Gatter. Noch ganz verschlafen.<br />
»Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?«<br />
»Vada is nich da. Kommt heut Abend widda.«<br />
Wumms. Gatter zu.<br />
Diese Deutschen wollten ganz klar nichts mit mir zu tun haben.<br />
Statt Blaskapelle wurde das Abblasen der Aktion immer wahrscheinlicher.</p>
<p>Da sah ich plötzlich vor Haus Nummer drei eine Gestalt stehen, die uns beobachtete.<br />
Ein Mann um die sechzig, mit grauer Jogginghose und weißem Shirt, das einen Bierbauch zusammendrückte. Ein gepflegter grauer Schnauzer und eine dicke Hornbrille verliehen dem Ruhrpott-Stil etwas Hipsterhaftes.<br />
»Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?«, versuchte ich es ein letztes Mal.<br />
Ich überlegte kurz, ob ich vielleicht mal »Rotfront!« rufen und die Faust heben sollte. Aber wie ein Kommunist sah der nicht aus.</p>
<p>»Mit den anderen habt ihr kein Glück, was?«, grinste der Fremde wissend.<br />
In seinen Worten schwang ein seltsam altertümlicher Dialekt mit. Klang irgendwie nach Plattdeutsch. Er schien etwas beleidigt, dass ich gefragt hatte, ob er Deutsch spreche.<br />
»Unsere Eltern haben uns beigebracht: Auf der Straße könnt ihr sprechen, was ihr wollt. Aber zu Hause wird Deutsch geredet!«<br />
Der Mann hieß Hermann.<br />
»Wenn die anderen mitkriegen, dass ich mit euch rede, gibt’s Ärger. Aber das ist mir egal. Ich bin sowieso der Sonderling«, sagte er rebellisch.</p>
<p>Ich stellte ihm die alles entscheidende Frage: Warum um Himmels willen waren hier alle so schroff zu uns?<br />
»Da seid ihr Journalisten doch selbst schuld. Warum berichtet ihr auch so einen Mist?«<br />
Erst jetzt erfuhr ich, was Sache war.</p>
<p>Die Rotfrontler hegten einen tiefen Groll gegen die Presse aus Deutschland.<br />
Im Dorf herrschte ein regelrechter Pakt, nicht mit Journalisten zu sprechen.  Anders, als ich gedacht hatte, war ich nicht der erste Reporter, der sich an dieses Ende der Welt verirrt hatte. Das ZDF und mehrere deutsche Zeitungen waren schon hier gewesen, es gab einen Dokumentarfilm, und sogar die New York Times hatte über das letzte deutsche Dorf in Kirgisistan geschrieben.<br />
Und ganz offensichtlich gefiel den Dorfbewohnern nicht, was man über sie berichtete.</p>
<p>Jetzt leuchtete mir auch ein, warum der in Bischkek sitzende »Volksrat« sich nicht mehr gemeldet hatte. Selbst der hatte wahrscheinlich nicht mit dem Unwillen der Rotfrontler gerechnet.<br />
Womit hatte ich das verdient?</p>
<p>»Immer werden wir als zurückgebliebene Hinterwäldler oder Sekte dargestellt«, erregte sich Hermann.<br />
Er war Rot und ich die Front.<br />
Ihn regte auf, dass die Reportagen, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Deutschland über Rot-Front erschienen waren, die Dorfbewohner lächerlich gemacht hätten. Dass die Journalisten sich meistens auf den altertümlichen und religiösen Lebensstil der Dorfbewohner stürzten. Und zwar immer nach dem Motto: Eine Welt wie vor hundert Jahren. Mit Viechern und Feldern. Frauen, die lange Röcke und geflochtene Haare trügen, früh heirateten und viele Kinder bekämen. Moderne Technologien gäbe es nicht, und alle redeten immerzu von Jesus.</p>
<p>»Fast alle von uns waren schon in Deutschland oder skypen mit ihren Verwandten«, insistierte Hermann. »Wir wissen, was in der Welt los ist.«<br />
Nachdem er seinem Ärger Luft gemacht hatte, wurde er etwas freundlicher.</p>
<p>Doch dann fragte ich:  »Was für eine Art Sekte sind Sie denn?«<br />
Sein Bauch begann nervös zu zucken.<br />
»Wir sind keine Sekte!«<br />
Immerhin erkannte Hermann nun seinen Bildungsauftrag und plauderte so ganz nebenbei die Geheimnisse von Rot-Front aus.</p>
<p>Die Geschichte dieser störrischen Dorf bewohner begann vor fast fünfhundert Jahren mit den Mennoniten. Eine evangelische Glaubensgemeinschaft außerhalb der Kirche. Von den Mainstream-Christen unterscheiden sie sich vor allem dadurch, dass sich ihre Mitglieder erst als Erwachsene taufen lassen. Der Name geht auf den friesischen Theologen Menno Simons zurück, der im 16. Jahrhundert als Reformator wirkte.</p>
<p>Das erklärte schon mal, warum Hermanns Dialekt an Plattdeutsch erinnerte.<br />
Denn viele Vorfahren der Rotfrontler kamen aus Friesland.  Die Mennoniten leben ein sehr traditionelles Leben. Moderne Technologien wie Fernsehen, Radio oder sogar Autos lehnen sie oft ab. Dahinter steht der Wunsch, den Einfluss der Außenwelt auf die Gemeindemitglieder sowie deren Bewegungsradius zu beschränken, um alle beisammenzuhalten.</p>
<p>Der Grad der Weltfremdheit variiert von Gemeinde zu Gemeinde.<br />
Die Rotfrontler, die ich bisher gesehen hatte, waren zumindest nicht durch besondere Kleidung aufgefallen. Zum Beispiel hatte die dicke Blonde mit dem Kinderwagen weder Rock noch geflochtene Haare getragen, sondern sah im Schlabberlook eher aus wie Cindy von Marzahn.<br />
Auch Hermann wirkte nicht gerade wie ein religiöser Fanatiker. In seinem Hof stand zudem ein dickes Auto. Nur eines fehlte. Anders als bei den kirgisischen Häusern hatten die Deutschen keine Antennen auf dem Dach. Fernsehen wurde hier offenbar nicht geschaut.</p>
<p>Derweil fuhr Hermann mit der Geschichte vom Mennoniten-Exodus fort.<br />
»Was hat unsere deutschen Vorfahren also Tausende von Kilometern nach Kirgisistan verschlagen?«<br />
Jedenfalls nicht die Lust auf ein Nomadenleben mit Pferden.<br />
Vielmehr war es die nackte Not.<br />
Denn die Mennoniten wurden von allen Seiten diskriminiert. Von den Katholiken und Lutheranern, weil sie keine Kinder taufen wollten. Und vom Staat, weil sie als strenge Pazifisten den Militärdienst verweigerten. Wegen ihres Glaubens verfolgt, waren die Gemeinden regelmäßig auf der Flucht. Immer auf der Suche nach einem Ort, wo man sie in Ruhe ließ.<br />
Von den heute weltweit zwei Millionen Mennoniten leben die meisten in Afrika und Amerika. Kein Wunder, dass die Rotfrontler lieber unter sich blieben und die Abgeschiedenheit bevorzugten.<br />
Und abgeschiedener als in Kirgisistan ging es kaum.<br />
Wie kamen die Rotfrontler nur auf diesen Ort am Ende der Welt?</p>
<p>Schuld war eine russische Zarin mit deutschen Wurzeln. Katharina die Große hatte im 18. Jahrhundert die Idee, ihr menschenarmes Riesenreich mit ausländischen Bauern zu besiedeln. Vor allem von den Deutschen, die Fleiß, gutes Vieh und fortgeschrittene Anbaumethoden mitbrachten, erhoffte sie sich viel.</p>
<p>Sie vergab Land, versprach Steuer- und Religionsfreiheit und auch Befreiung vom Militärdienst.  Ein Angebot wie gemacht für die Mennoniten.<br />
Viele waren daher unter den Hunderttausenden Deutschen, die sich an den Ufern der Wolga und des Schwarzen Meeres niederließen. Die Kolonisten gründeten zahlreiche Dörfer, in denen deutsche Kultur und Sprache fernab der Heimat bewahrt wurden.<br />
Leider liefen die von Katharina zugesicherten Privilegien irgendwann aus. Bald sollten auch die Deutschen Steuern zahlen und ihre Söhne zum Militär schicken. Ein No-Go für die friedliebenden Mennoniten.<br />
Eine neue Lösung musste her.<br />
Und die hieß Zentralasien.</p>
<p>Als die Krone Ende des 19. Jahrhunderts Siedler für frisch eroberte Gebiete in Zentralasien suchte, sahen die Mennoniten erneut ihre Chance gekommen. Wieder befreit vom Wehrdienst, gründeten etwa hundert Mennoniten-Familien vier Dörfer im Tal des Flusses Talas. Das liegt etwa vierhundert Kilometer östlich vom heutigen Rot-Front.<br />
Bald platzten diese Dörfer aus allen Nähten, und die vielen Landlosen wurden zum Problem.</p>
<p>1927 wies die kommunistische Regierung den Mennoniten deshalb einen weiteren Siedlungsort im Tal des Flusses Tschüi zu.<br />
»Rot-Front!«, rief ich ungeduldig.<br />
»Nein«, sagte Hermann. »Bergtal.«<br />
Wie jetzt Bergtal?<br />
Hermann öffnete seine Zauntür.<br />
Wir folgten ihm in den Garten und standen nun hinter dem Bauernhaus. Größer hätte der Kontrast zum rostigen »Rot-Front«-Schild am Ortseingang nicht ausfallen können.</p>
<p>Scheinbar endlose Felder, bedeckt mit locker aufgeworfenem Heu und gepressten Ballen, lagen vor mir und am Horizont die Berge des Tian Shan. Drei blonde Buben rannten spielend auf einen tuckernden Traktor zu. Ein Hund kläffte. Hohe Laubbäume raschelten im Wind.<br />
Ich fragte mich, warum jemand diesen idyllischen Ort ausgerechnet in »Rot-Front« umbenannt hatte.</p>
<p>Die Antwort trug Schnurrbart.<br />
Denn damals lag Bergtal im Sowjetreich. Und dessen Diktator Josef Stalin misstraute seinen deutschen Untertanen als angeblichen Agenten Hitler-Deutschlands. Quasi als Loyalitätszusicherung nannte man Bergtal, nachdem das Land der Bauern zwangskollektiviert worden war, in Rot-Front um.  Leider verfehlte der neue Name seinen Zweck. Denn der misstrauische Stalin wähnte unter den Russlanddeutschen weiterhin Verräter und Spione.<br />
Außerdem duldete er nur eine Religion, und die hieß Kommunismus.</p>
<p>Bis in die fünfziger Jahre hinein gab der Stalin-Staat daher sein Bestes, um die deutsche Kultur auch in Rot-Front auszurotten. Unterrichtsverbot für Deutsch an Schulen, Verbot religiöser Zusammenkünfte, Ausgangssperren, Verhaftungen, Hinrichtungen und sklavenähnliche Zwangsarbeit. Der einzige Vorteil der Rotfrontler war, dass sie nicht wie die meisten anderen Russlanddeutschen ihrer Heimat entrissen und nach Zentralasien deportiert wurden. Denn sie lebten ja schon hier.</p>
<p>Das war aber eine deprimierende Geschichte.<br />
Jetzt bekam ich sogar Mitleid mit den schroffen Deutschen.</p>
<p>»Wir haben den Kirgisen viel zu verdanken«, sagte Hermann plötzlich.<br />
Die hätten ihre deutschen Nachbarn während der sowjetischen Unterdrückung vor den Behörden geschützt. Bei sich zuhause versteckt, wenn Verhaftungen drohten. Oder die religiösen Treffen der Mennoniten vor der Polizei geheim gehalten.</p>
<p>Dann hatte Hermann noch eine These, wie die Kirgisen geholfen hätten, die deutsche Kultur im Dorf zu bewahren: Anders als bei den Russlanddeutschen, die mit Russen zusammenlebten, käme es mit den Kirgisen wegen der großen kulturellen und äußerlichen Unterschiede kaum zur »Vermischung«.<br />
»Aha«, sagte ich.<br />
Klang ziemlich Volksrat.<br />
Doch Hermann lachte nur.<br />
»Da seid ihr schockiert, was? Aber bei uns gibt’s kein Multikulti. Wir müssen überleben.«<br />
»Aha«, sagte Franz.</p>
<p>Und so standen wir mit Hermann und blickten auf die ländliche Idylle.<br />
Immer noch verfolgt von den blonden Buben, tuckerte der Traktor in Richtung Haus.<br />
»Ihr müsst jetzt gehen«, sagte Hermann besorgt. Er hätte ja gar nicht mit mir sprechen dürfen. Doch zum Abschied gab er uns noch einen Tipp:<br />
»Geht zum Bethaus, wenn ihr mehr wissen wollt.«</p>
<p>Bethaus?<br />
Was war das denn?<br />
Sicher so etwas wie eine Kirche.<br />
Das bedeutete, dass wir dort mit etwas Glück den wichtigsten Mann einer mennonitischen Gemeinde treffen würden, den Pastor. Beziehungsweise so eine Art Pastor. Denn die Mennoniten haben einen »Bruderrat«, der einen Bruder zum Sprecher bestimmt.<br />
Jedenfalls war das Bethaus, wie alles in einem Zwei-Straßen-Dorf, nicht schwer zu finden.<br />
Keine zehn Minuten später standen wir vor dem Gebäude.</p>
<p>Es reihte sich harmonisch ins Glied der an der schnurgeraden Straße angetretenen Häuschen. Mit einem wichtigen Unterschied. Das Bethaus war sehr viel größer. Schon der gepflegte und gerade Holzzaun unterschied sich deutlich von den windschiefen Artgenossen nebenan.<br />
Dahinter lag stolz wie ein Stück Käsekuchen ein Gebäude mit sauber verputzter, gelblicher Fassade. Der Grundriss hatte die Form eines länglichen Rechtecks, bedeckt von einem spitz zulaufenden Dach. Die schmucklosen Fenster waren mannshoch. Wir standen quasi vor einem Kirchenschiff, dem der Glockenturm fehlte.</p>
<p>Ich musste nun überlegt vorgehen.<br />
Sicher würde der Pastor Journalisten genauso grollen wie die anderen Deutschen, denen ich in Rot-Front bisher begegnet war.<br />
Was tun?</p>
<p>Da kamen wie ein Geschenk des Himmels zwei Autos angefahren und hielten direkt neben uns.<br />
Heraus stiegen Deutsche. Allerdings keine aus Rot-Front.<br />
Sondern aus Niedersachsen.<br />
»Guten Tag. Wollen Sie auch zur Führung?«, fragte eine Frau mit blondierter Frisur.<br />
Insgesamt standen nun drei Pärchen mittleren Alters plus ein kirgisischer Reiseleiter neben mir.<br />
»Äh. Guten Tag &#8230; ja«, sagte ich verdutzt.<br />
Dann hörte ich das Knattern eines Motorrads.<br />
Keine Minute später stieg ein Herr von einem weinroten Zweirad, nahm einen altmodischen Helm ab und sagte mit rollendem R:<br />
»Da sind sie ja. Herzlich willkommen in Bergtal!«</p>
<p>Das musste der Pastor sein.  Langsam begriff ich, was hier gerade passierte. Wir waren zufällig in eine angemeldete Touristengruppe aus Deutschland geraten. Und für den Pastor musste es so aussehen, als ob Franz und ich dazugehörten.</p>
<p>Das stürzte mich direkt in einen ethischen Konflikt.<br />
Denn die journalistische Berufsehre hätte jetzt verlangt, dass ich das Missverständnis sofort aufklärte und mich als Journalist zu erkennen gäbe.<br />
Allerdings hätte mich der Pastor dann garantiert zum Teufel gejagt.<br />
Und ich war doch nicht Tausende Kilometer zum letzten deutschen Dorf am Ende der Welt gereist, um mich jetzt davonjagen zu lassen. Ich musste doch erfahren, wie das Bethaus aussah.<br />
Eine Frage der Ehre.<br />
Nein, outen ging nicht.<br />
Also blieb nur eines: Undercover-Einsatz.<br />
Klappe halten. Mitspielen.</p>
<p>Der Pastor schüttelte mir, ich konnte es gar nicht fassen, freundlich die Hand.<br />
Er erzählte uns gleich, dass seine Vorfahren aus Ostpreußen stammten, was das rollende R erkläre. Seine Kleidung war nicht besonders auffällig: Der schlanke Mittfünfziger mit den strahlend blauen Augen hatte ein seriöses Kragenhemd in eine Jeans gesteckt und trug Anzugschuhe. Ein Mann, wie man ihn in jeder Sparkasse treffen konnte.<br />
Auffällig war dafür seine Kopf- und Bartfrisur.<br />
Oberlippenbärtchen und strenger Rechts-Scheitel waren in Deutschland seit Na-Sie-wissen-schon-wem aus der Mode gekommen. Hier anscheinend nicht. Doch das rollende Ostpreußen-R des Pastors hatte nichts Bedrohliches. Er sprach mit einer hellen, herzlichen Stimme, die die frohe Botschaft Jesu verkündete.</p>
<p>»Kommen Sie doch herein«, bat er ins Bethaus.<br />
Ich folgte ihm durch die große Eingangstür und staunte. Von Innen sah es aus wie eine echte Kirche. Honigfarbenes Holzbraun war die dominierende Farbe. Wir standen in einem großen Raum, in dem sich lange Bänke Lehne an Lehne reihten. Hier war Platz für wenigstens tausend Gläubige. In sechs Metern Höhe hing eine Holzkassettendecke. Es gab sogar eine erhöhte Galerie für noch mehr Betende. Und vorne eine Kanzel für den Prediger. Dort stand jetzt der Pastor, zeigte mit erhobenem Arm in eine Richtung und rief:<br />
»In dieser Richtung liegt Deutschland!«</p>
<p>Die Niedersachsen freuten sich.<br />
Ich schaute mich weiter um.<br />
An den Wänden standen in großen Buchstaben Bibelsprüche auf Deutsch und Russisch.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Sehet, ich komme bald!<br />
Offenbarung 22,7</p>
</blockquote>
<p>Hoffentlich sehr bald.<br />
Gott musste sich wirklich beeilen, wenn er hier noch Mennoniten antreffen wollte.<br />
Denn der Pastor berichtete nun vom Niedergang seiner Gemeinde. Sie hätte Ende der achtziger Jahre noch fast tausend Mitglieder gezählt. Das Bethaus sei stets gut gefüllt gewesen. Jetzt waren es nur noch rund hundert, von denen nur gut ein Dutzend regelmäßig auf ansonsten leeren Bänken saß.</p>
<p>Was war geschehen?<br />
Hatten die stalinistischen Repressionen gewirkt?<br />
Oder lag es an der »Vermischung« mit Kirgisen, vor der sich der dicke Hermann so fürchtete?<br />
Nein.<br />
Schuld, so der Pastor resigniert, war der »Deutschland-Virus«.<br />
Eine höhere Gewalt, die nichts mit Gott zu tun hatte.<br />
Und das kam so: Schon bald nachdem die Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre zerfallen war, hatte die meisten Deutschen nichts mehr in dem kleinen Dorf gehalten. Wie den anderen so genannten Spätaussiedlern aus dem postsowjetischen Raum versprach die Bundesrepublik auch ihnen die Staatsbürgerschaft und ein Erste-Welt-Leben in Deutschland.</p>
<p>In der Hoffnung auf ein bequemeres Dasein verkauften viele Mennoniten daher Haus und Hof an Kirgisen.  Die griffen gerne zu. Schließlich liegt das Dorf nicht weit von Bischkek. Und für das Gütesiegel »Gebaut von Deutschen« zahlten sie sogar höhere Preise als üblich. Schon bald war das deutsche Dorf mehrheitlich in kirgisischen Händen.</p>
<p>Derweil schrieben die Ausgewanderten an die Zurückgebliebenen in der kirgisischen Heimat.<br />
Viele waren in der nordrhein-westfälischen Stadt Detmold gelandet. Und berichteten von bemerkenswerten Dingen wie Krankenversicherung und Toiletten in der Wohnung statt Plumpsklo hinterm Haus.<br />
Fast jeder Brief enthielt eine klare Botschaft: Kommt nach.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Meine Zeit steht in deinen Händen.<br />
Psalm 31,16.</p>
</blockquote>
<p>Beim Anblick dieses Bibelspruchs an der Wand fragte ich mich, wie lange es die Deutschen hier noch aushalten würden.<br />
Es war nun fast genau neunzig Jahre her, dass sie Bergtal gegründet hatten. Noch mal neunzig würde mangels Nachwuchs schwierig werden.<br />
Doch der Pastor gab sich kämpferisch.<br />
»Ich gehe nicht.«<br />
Zwar sei er schon einige Male zu Besuch in Deutschland gewesen. Und seine Tochter lebe inzwischen dort. Doch er hatte für das Leben in Deutschland nur ein Wort, wobei er das R nun mahnend rollte:  »Abgerrrissen.«</p>
<p>Familien, die in Bergtal zusammen gewesen waren, sich umeinander gekümmert hätten, seien in Deutschland nun »abgerrrissen«.<br />
Der eine wohne hier, der andere da.<br />
Die Alten blieben oft alleine.<br />
Die Niedersachsen nickten nachdenklich.<br />
»Bei uns in Deutschland«, sagte ein Typ mit Sonnenbrille und schwarzem ACDC-Shirt, »dreht sich doch alles nur noch um Konsum.«<br />
Oha. Das artete hier langsam zur Systemkritik aus.<br />
Der Pastor warf nun ein, dass manche der Ausgewanderten inzwischen sogar zurückgekommen seien, weil sie vom Leben in Deutschland enttäuscht waren.</p>
<p>Ich war zwiegespalten.<br />
Als jemand aus einer Generation, die glaubt, Heimat ist überall da, wo sich der Computer automatisch mit dem Internet verbindet, verstand ich hier nur Volksrat. Soll doch jeder leben, wo und wie er möchte. Was der Pastor Gemeinschaft nannte, war für mich soziale Kontrolle.<br />
Andererseits konnte ich auch seine Frustration verstehen.<br />
Da hatten diese Mennoniten jahrhundertelang die Abgeschiedenheit gesucht. Endlich einen Platz am Ende der Welt gefunden. Technologien gemieden, die ihren Zusammenhalt bedrohten. Der staatlichen Repression getrotzt. Und am Ende reichte das Versprechen auf Absicherung und ein ordentliches Badezimmer, um die Gemeinschaft zu zerreißen.</p>
<p>Jetzt führte der Pastor die Touristengruppe in einen dunklen Keller.<br />
Wir standen vor einer Tafel mit historischen Fotos aus jenen Tagen, da Rot-Front noch ein gut bevölkertes deutsches Dorf war. Auf manchen waren lächelnde Männer, meist im Anzug, abgebildet, daneben lächelnde Frauen, mit Kopftuch oder geflochtenen Haaren. Oft hielten sie Instrumente in den Händen. Akkordeons, Lauten und Tuben. Musizieren wurde hier eindeutig wichtig genommen. Und dann war da noch ein anderes altes Schwarz-Weiß-Bild. Darauf lag einer der Gründer Bergtals als alter Greis aufgebahrt zwischen seinen Verwandten. Auf seinem Sarg in großen altdeutschen Buchstaben:<br />
»Ruhe in Frieden!«</p>
<p>Ob auch die deutsche Geschichte von Rot-Front demnächst in Frieden ruhen würde?<br />
Zumindest diese Führung ruhte jetzt in Frieden.<br />
Der Pastor führte uns aus dem Bethaus und schüttelte jedem zum Abschied die Hand.</p>
<p>Die Niedersachsen wollten ein Foto.<br />
»Aber nur für den Privatgebrauch«, insistierte der Geistliche. »Nicht, dass das in der Zeitung landet. Sie glauben gar nicht, was für ein Unsinn in Deutschland über uns geschrieben wird.«<br />
Nachdem die Niedersachsen mit ihren Autos abgedüst waren, standen Franz und ich immer noch neben dem Pastor.<br />
»Was machen Sie denn noch hier? Ich dachte, Sie gehören auch zu der Gruppe &#8230;«<br />
Meine Tarnung war nicht länger zu halten.<br />
»Also &#8230; na ja &#8230; das ist so«, begann ich zu erklären und stellte mich auf einen Zornesausbruch ein.<br />
Doch es kam schlimmer.<br />
Die stahlblauen Augen des Pastors füllten sich ob dieser fiesen Täuschung mit tiefster menschlicher Enttäuschung. Jetzt hätte er nur noch sagen müssen: Immer wenn jemand lügt, muss das Jesuskind weinen.<br />
Ich kam mir vor wie ein Stück Dreck.<br />
Dann erwiderte er nur:  »Schreiben Sie bitte keinen Unsinn. Wenn Sie möchten, können Sie heute Abend zur Gebetsstunde kommen.«<br />
Dann fuhr er mit seinem Motorrad davon.<br />
Verdammt. Dabei hatte ich mir doch vorgenommen, Unsinn zu schreiben. Jetzt ging das natürlich nicht mehr.</p>
<p>Es reichte langsam.<br />
Ich hatte von Rot-Front genug.<br />
Im Vergleich zu den kirgisischen Kirgisen waren die kirgisischen Deutschen eine echte Zumutung. Jesus hin, Jesus her, meinen Seelenfrieden würde ich hier sicher nicht finden.<br />
Ich freute mich jetzt schon auf Bischkek.</p>
<p>Erst mal aber spazierten wir zurück zu Samats Haus.<br />
Vorbei an abweisenden Pappeln und ausgeschlachteten Lastwagen.<br />
Das Abendessen stand bereits auf dem Tisch, der draußen im Hof aufgestellt war. Die zwei Köpfe der hauseigenen Hühner, die für dieses Mahl ihr Fleisch gegeben hatten, lagen nicht weit davon entfernt auf dem Boden und beobachteten mit gespannt-starrem Blick, ob uns ihre Gabe denn auch schmeckte.</p>
<p>Ungläubig hörten die toten Hühnerköpfe und unser kirgisischer Gastgeber zu, wie ich über die abweisenden Deutschen schimpfte.<br />
»Das ist sicher ein Missverständnis. Diese tollen Leute«, widersprach Samat.<br />
Nach einem weiteren Wodka sagte er:  »Die schönste Frau im Dorf ist eine Deutsche. Blond und groß. Eine Schönheit! Die Ärmste ist schon dreißig und findet hier keinen Mann. Weil die Mennoniten nur unter sich heiraten dürfen.«<br />
Jetzt wurde es interessant.<br />
»Sie ist bestimmt heute im Bethaus.«<br />
Richtig, die Gebetsstunde!</p>
<p>Also wieder rüber zum Bethaus.</p>
<p>Inzwischen war es dunkel und kalt geworden.<br />
Wie gigantische Augen leuchteten die großen Fenster des Käsekuchen-Gebäudes in der Finsternis. Davor stand ein Minibus, aus dem ein paar greise Gestalten stiegen. Die Gemeinde hatte einen Fahrdienst, um die Alten zu den Veranstaltungen zu bringen. Neugierig und schweigend starrten sie Franz und mir hinterher, als wir hineingingen. Dann setzte Getuschel ein. Drinnen war der Raum hell erleuchtet. Die Bibelsprüche strahlten mit aller Kraft.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde.<br />
1. Johannes 1,7</p>
</blockquote>
<p>Voller Sünde setzte ich mich auf eine der langen Bänke vor der Kanzel.<br />
Platz war genug. In der großen Halle versammelten sich außer uns und dem Pastor nur vierzehn weitere Menschen. Zwölf davon waren ältere bis ganz alte Frauen, sogar eine uralte Kirgisin war darunter.<br />
Die beiden anderen fielen sofort ins Auge.<br />
Ganz hinten saß eine hübsche junge Frau neben einer noch jüngeren. Offenbar Schwestern. Beide mit blonden Zöpfen und in keuschen langen Röcken. Ihre Blicke waren auf die Gesangsbücher gerichtet. Franz und mich würdigten sie keines Blickes.<br />
Diese Damen flirteten nur mit Jesus.</p>
<p>Derweil eröffnete der Pastor die Gebetsstunde.<br />
Überraschenderweise wurde hier nicht Deutsch, sondern Russisch geredet.<br />
So erreichte man wohl mehr Gläubige.<br />
»Wir singen nun Lied 68 aus dem Gesangsbuch.«<br />
Der Pastor stimmte an, die Frauen sangen kräftig mit:</p>
<p><em>»Oh, ich armer Sünder! Wahrlich, ein solcher bin ich; wenn Gott der Unsterbliche nicht voller Gaben wäre, nicht voller Liebe wäre und mich nicht retten würde, so wäre ich in dieser Welt schon längst gestorben.«</em></p>
<p>Franz und ich summten nur.<br />
Okay. Ich hatte alles gesehen, was ich sehen wollte.<br />
Es gab da nur ein Problem.<br />
Von der Gebetsstunde waren erst drei Minuten vergangen.</p>
<p>Die restlichen siebenundfünfzig bestanden zum Großteil ebenfalls aus Singen.<br />
Insgesamt sollten es an diesem Abend sieben Lieder werden, die Franz und ich nur peinlich textunsicher mitsummten. Die restliche Zeit standen einige der Alten auf und sprachen persönliche Gebete, dankten Jesus für die Ernte oder hofften auf den Seelenfrieden eines Verstorbenen.<br />
Irgendwann war es vorbei.</p>
<p>Der Pastor warf mir zum Abschied einen enttäuschten Blick zu.<br />
Ich war mir sicher, dass das Jesuskind weinte.<br />
Die Alten geisterten hinaus zu ihrem Minibus. Und die beiden jungen Blondinen eilten wortlos nach Hause.  Auch wir machten uns zum letzten Mal auf den Weg zu Samats Haus, dieser Insel der Gastfreundschaft in diesem ansonsten schroffen Dorf.</p>
<p>Ich erschrak, als mich in der kalten Dunkelheit vor dem Bethaus plötzlich eine Gestalt auf Deutsch ansprach.<br />
»Guten Abend, Sie sind doch der Journalist. Haben Sie bitte keinen schlechten Eindruck von uns. Gastfreundschaft ist uns normalerweise wichtig.«<br />
So lernten wir Agnes kennen.<br />
Eine kleine, kräftige Frau um die sechzig. Sie sah aus wie eine Mennonitin aus den deutschen Presseberichten: das ergraute Haar zu einem Kranz geflochten, langer schwarzer Rock und eine altertümliche rote Jacke mit Goldrand. Ihre Goldzähne glänzten im Mondlicht.<br />
»Ihr begleitet mich nach Hause, und wir können etwas reden«, sagte sie fast schon entschuldigend.</p>
<p>Auf dem Heimweg unter dunklen Pappeln klagte sie ihr Früher-war-alles-besser-Leid.<br />
»Als es noch mehr Deutsche gab, hatten wir eine große Bücherei, eine funktionierende Kolchose, Kultur, Arbeit und Geld. Heute ist das Dorfleben trist. Die Kirgisen machen nichts. Sie beschweren sich sogar, weil wir Deutschen zu viel arbeiten und sie schlecht aussehen lassen.«<br />
Ihre größte Sorge aber war ihre älteste Tochter, die Dorfschönheit.</p>
<p>Einen heiratsfähigen Mann gebe es für sie im Dorf nicht.<br />
Und in Kirgisistan habe sie keine berufliche Perspektive.<br />
»In Deutschland wird man für Bildung bezahlt, hier muss man für Bildung bezahlen. Aber wir haben das Geld nicht.«<br />
Und so müsse die Tochter putzen gehen. Für reiche Russen in Bischkek.<br />
Jeden Tag pendle das Aschenputtel per Marschrutka in die eine Stunde entfernte Hauptstadt. Ein möglicher Ausweg aus der Misere ist Deutschland. Die nötigen Dokumente für die Ausreise, erklärte Agnes, hätten sie schon in der Tasche.<br />
»Aber noch halten wir durch. Die Familie würde ja doch nur zerreißen.«</p>
<p>Wir standen nun vor ihrem Haus.<br />
Der Mond lugte hinter einer Wolke hervor und tauchte die Berge in silbernes Licht.<br />
Der Wind streichelte die Felder wie eine Katze.<br />
»Und diese Natur, ich würde sie so vermissen. Das ist meine Heimat«, war sich Agnes plötzlich sicher.</p>
<p>Sie entschuldigte sich nochmals für die schlechte Gastfreundschaft.<br />
Aber ich müsse das verstehen. Die Presse habe dem Dorf so schwer zugesetzt.<br />
Dünnhäutige Mennoniten, fluchte ich innerlich.<br />
Nun betonte Agnes noch, was für tollen selbst gemachten Kuchen sie ihren Gästen normalerweise anbiete.<br />
Hatte sie Kuchen gesagt?<br />
Würde sie uns vielleicht doch noch in ihr Haus bitten?<br />
Durften wir etwa mit der schönen Tochter sprechen?<br />
Erwartungsvolle Pause.</p>
<p>Zerstört von einem enttäuschenden:<br />
»Nun gut, ich muss nun ins Haus. Gute Nacht. Und schreiben Sie keinen Unsinn.«<br />
Das war’s.<br />
Agnes’ rundliche Silhouette verschwand im Haus.</p>
<p>Und für mich war klar: Nichts wie raus aus Rot-Front.<br />
Vor dem Einschlafen nahm ich mir noch vor, den maximal möglichen Unsinn zu schreiben.</p>
<p style="margin-top:60px;font-size:18px;color:#aaa;padding-top:40px;padding-bottom:40px;border-top:1px solid;margin-bottom:80px;border-bottom:1px solid;text-align:center">
Die Recherche zu dieser Reportage wurde von <a href="https://www.studiosus.com/" target="_blank">Studiosus Reisen</a> unterstützt.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/die-letzten-deutschen/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Unglücksraben</title>
		<link>https://www.weltseher.de/die-ungluecksraben/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/die-ungluecksraben/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Nov 2015 07:00:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Behinderung]]></category>
		<category><![CDATA[Broadway]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<category><![CDATA[New York]]></category>
		<category><![CDATA[Schauspieler]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=5124</guid>

					<description><![CDATA[Wer in einer Show auf dem New Yorker Broadway spielt, hat es als Schauspieler geschafft. Für Künstler mit Behinderung nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Um zu zeigen, dass auch sie Talent haben, hat eine kleine Gruppe abseits des Broadway ein eigenes Stück auf die künstlichen Beine gestellt.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-ungluecksraben/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Wer in einer Show auf dem New Yorker Broadway spielt, hat es als Schauspieler geschafft. Nahezu unmöglich scheint es für Künstler mit Behinderung zu sein. Sie kämpfen trotzdem für ihren Traum und geben nicht auf.</strong></p>
<p style="text-align: left;">Mal wieder hat es nicht geklappt. Rachels Schauspielleistung ist, wie so oft, zur Nebensache geworden. Das passiert immer, wenn die Jury bei einem Casting ihre Bein-Prothese bemerkt. „Du bist so inspirierend. Danke vielmals für dein Kommen. Du hörst von uns!“ Natürlich weiß Rachel in diesen Momenten, dass sie nie wieder von ihnen hören wird.</p>
<p style="text-align: left;">So auch bei ihrem jüngsten Vorsprechen für eine Broadway-Show: die Gaunerkomödie „A Gentleman&#8217;s Guide to Love and Murder“ für die Rolle der Phoebe (<em>Role Description: beautiful, virtuous, forthright, romantic, comically earnest, with a backbone of steel!</em>). Mittlerweile ist das schon über ein halbes Jahr her. Dabei hatte sich die 27-Jährige diesmal ernsthaft Hoffnungen gemacht. „Meine Gesangslehrerin kennt den Regisseur und es ist eine Rolle, zu der meine Stimme perfekt passen würde“, sagt sie resigniert. Doch Rachel kann, will und wird nicht aufgeben. Denn sie hat einen Traum.</p>
<p style="text-align: left;">Dieser Traum wohnt am Times Square in New York. Dort wo bunte Werbung von den Fassaden blinkt, wo gelbe Taxis hupen wie wütende Quietscheentchen und wo Menschen zwischen Wolkenkratzern wuseln wie Ameisen. Hier liegt das berühmteste Theaterviertel der Welt, voller schillernder Shows über Löwenkönige, Opern-Phantome und Wunderlampen.</p>
<h2 style="text-align: left;">25.000 Schauspieler wollen es schaffen</h2>
<p style="text-align: left;">Dass Rachel nicht die einzige ist, die diesen Traum träumt, merkt sie jedes Mal, wenn sie mit Hunderten Konkurrenten in meterlangen Warteschlangen für Castings steht. Schätzungen zufolge leben weit über 25.000 professionelle Schauspieler in New York. Und Verbände wie die <a href="http://www.aapacnyc.org/uploads/1/1/9/4/11949532/aapac_stats_2011-2012.pdf" target="_blank">Asian American Performers Action Coalition kritisieren</a>, dass weiße Schauspieler gegenüber Afroamerikanern (16 Prozent), Latinos und Asiaten (je 3 Prozent) auf New Yorker Bühnen mit 77 Prozent überrepräsentiert sind. Rachel ist zwar weiß. Sie gehört mit ihrer Behinderung aber jener Schauspieler-Minderheit an, deren Winzigkeit hier noch niemand gezählt hat. Am Broadway dürfte sie gegen Null gehen.</p>
<p style="text-align: left;">Dabei ist es gerade mal vier Jahre her, als die junge Frau aus New Jersey in den überfüllten Proberäumen der Castings beste Chancen hatte. Rachel war damals gerade erst nach New York gezogen &#8211; mit einem erstklassigen Abschluss aus Princeton in Musical- und Opern-Performance in der Tasche. Eine leidenschaftliche Tänzerin. Voller Stolz berichtet sie, dass sie schnell Rollen in kleineren New Yorker Theatern fand. „Regisseure kannten meinen Namen“, sagt sie und fügt mit Überzeugung hinzu: „Ich war auf Broadway-Kurs.“</p>
<p style="text-align: left;">Damit war es in der Sekunde vorbei, als Rachel nach einem Autounfall im März 2012 ihren abgerissenen Fuß neben ihrem Körper liegen sah. Trotz aller Schmerzen dachte sie noch an zwei Dinge: „Zuerst an meine Eltern, sie mussten doch wissen, was passiert war.“ Und gleich darauf: „Ich werde niemals mehr am Broadway spielen. All die harte Arbeit war umsonst. Das war der härteste Moment meines Lebens.“ Aber Rachel will jetzt kein Mitleid. Das wäre in einer Branche sowieso nur geschäftsschädigend, in der es um Happiness und Perfektion geht.</p>
<p><div id="aesop-gallery-5173-1"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-5173" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
																			data-width="100%"
																																						data-keyboard="true"
																			data-nav=thumbs																			data-allow-full-screen="native"
																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-10.jpg" data-caption="Rachel Handler hat einen Traum: sie will trotz ihrer Behinderung hier am Broadway auftreten. Foto: Markus Huth" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-11.jpg" data-caption="Schauspielerin Rachel Handler verlor ihren Unterschenkel bei einem Autounfall. Foto: Markus Huth" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-4.jpg" data-caption="Regisseurin Stephanie im Schneegestöber von New York. Foto: Victor Ilyukhin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-6.jpg" data-caption="Der rumänische Waisenjunge Nicu hat Regisseurin Stephanie dazu inspiriert, Schauspielern mit Behinderung eine Chance zu geben. Foto: Victor Ilyukhin. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-13.jpg" data-caption="Schauspieler M. Lopez in seiner Wohnung in Brooklyn. Seine Bein-Prothese ist immer gut versteckt. Foto: Markus Huth" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-15.jpg" data-caption="Schwerer Aufstieg: Trotz seiner Behinderung kann Anthony heute seinen Lebensunterhalt mit der Schauspielerei bestreiten. Foto: Markus Huth" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-5.jpg" data-caption="Rachel und Anthony bei den Proben zu &quot;Der Kirschgarten&quot;. Foto: Victor Ilyukhin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-2.jpg" data-caption="Rachel Handler musste nach ihrer Bein-OP wieder zu ihren Eltern ziehen. Foto: Victor Ilyukhin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york.jpg" data-caption="Filmemacher Victor mit seiner Kamera. Foto: Markus Huth" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-7.jpg" data-caption="Die Schauspieler nehmen den Applaus nach dem Tschechow-Stück &quot;Der Kirschgarten&quot; entgegen. Foto: Victor Ilyukhin." alt=""></div></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Die Beine gut versteckt</h2>
<p style="text-align: left;">Gerade sitzt sie nicht weit von der Aladdin-Spielstätte in einem der angesagten Bio-Fastfood-Restaurants. Die Beine gut versteckt unter dem gedeckten Tisch. Es ist voll hier. Und laut. Über Geschirrgeklapper und Gespräche ist das eigene Wort kaum zu verstehen. Trotzdem triumphiert ihre trainierte Stimme: „Nice to see you! How are you?“ Über dem weißen Pulli glitzert eine Halskette, die langen brünetten Haare rahmen ein Gesicht mit vornehmer Blässe und braunen Augen ein. Man kann sie sich gut in ihren bisherigen Rollen vorstellen. Sie spielte Eliza in My Fair Lady, Königin Anne in Richard III. oder Schneeweißchen in dem Märchen.</p>
<p style="text-align: left;">Bei dem Autounfall auf einem Highway in New Jersey war Rachel ausgerechnet auf dem Weg zu einem Casting. Der Traum von der nächsten Rolle wurde zum realen Albtraum, von jetzt auf gleich Invalide. Und damit könnte die Geschichte der Schauspielerin Rachel Handler hier zu Ende sein. Der Vorhang gefallen über dem letzten Bühnenbild, das sie im Krankenhausbett zeigt. Einen Verband um den Rest ihres linken Beins gewickelt. Weinend beim Anruf des Regisseurs, der ihr eine Rolle zusagen will, aber noch nichts von dem Unfall weiß. Elend wie eine Figur aus Victor Hugos auf die Bühne gebrachten Roman Les Misérables, begleitet vom Lied der todtraurigen Fantine:</p>
<p style="text-align: left;"><em>I had a dream my life would be</em><br />
<em> So different from this hell I&#8217;m living</em><br />
<em> So different now, from what it seemed</em><br />
<em> Now life has killed the dream I dreamed</em></p>
<p style="text-align: left;"><em>Ich hab&#8216; geträumt, mein Leben wär&#8216;</em><br />
<em> ein Schicksal außerhalb der Hölle.</em><br />
<em> Gott gibt den Wünschen keinen Raum,</em><br />
<em> nichts blieb mir mehr von meinem Traum.</em></p>
<h2 style="text-align: left;">Der nächste Akt</h2>
<p style="text-align: left;">Aber Rachels Geschichte ist hier noch nicht zu Ende. Der nächste Akt beginnt 40 Blocks südlich vom Times Square mit der Szene eines Dokumentarfilms. Dort wo der Broadway keine Traumfabrik mehr ist, sondern nur noch eine Verkehrsstraße. Durchs Schneegestöber stapft eine Frau um die 50 in einem dicken Mantel, die Haare kurz und die Stimme schroff, aber herzlich. Sie wirkt wie jemand, der einem nach einer schlimmen Trennung sagt: Komm schon, hör auf zu heulen! Es gibt noch so viele andere Fische im Wasser! Die Frau heißt Stephanie Barton-Farcas und sie ist Regisseurin.Vor 14 Jahren hat sie das erste inklusive Theaterprojekt der Stadt gegründet: die <a href="http://www.spoontheater.org/" target="_blank">Nicu&#8217;s Spoon Theater Company</a>.</p>
<p style="text-align: left;">Der Name dieses Theaters geht auf einen rumänischen Waisenjungen zurück, um den sich Stephanie bei sozialer Freiwilligenarbeit in den 1990ern gekümmert hatte. Nicu war geistig und körperlich behindert, stets staunend über die Reflexion des Sonnenlichts in seinem Esslöffel. Er starb bald an Aids. Doch sein Leben währte lang genug, so dass Stephanie ihn nie wieder vergessen konnte und sich fortan für Menschen mit Behinderung in ihrer Branche einsetzte.</p>
<p><div id="aesop-gallery-5188-2"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-stacked-gallery-wrap    " >				<!-- Aesop Stacked Gallery Desktop -->
				<script>

						jQuery(document).ready(function($){

							var stackedResizer = function(){
								$('.aesop-stacked-img').css({'height':($(window).height())+'px'});
                                
                            							}
							stackedResizer();

							$(window).resize(function(){
								stackedResizer();
							});
						});

				</script>
												<div id="aesop-stacked-img-5162" class="aesop-stacked-img" style="Xbackground-image:url('https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-6.jpg');background-size:100%;background-position:center center">
																			<div class="aesop-stacked-caption">Der rumänische Waisenjunge Nicu hat Regisseurin Stephanie dazu inspiriert, Schauspielern mit Behinderung eine Chance zu geben. Foto: Victor Ilyukhin. </div>
																	</div>
								<style>#aesop-stacked-img-5162{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-6.jpg);}  @media screen and (min-width:768px){#aesop-stacked-img-5162{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-6-1250x702.jpg);}}   @media screen and (min-width:1200px){#aesop-stacked-img-5162{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-6.jpg);}}  </style></div></p>
<p style="text-align: left;">Fast zwei Jahrzehnte nach Nicus Tod läuft Stephanie also durch den Dokumentarfilm eines jungen russischen Filmemachers. <a href="http://www.22troublesfilm.com/" target="_blank">„Die Unglücksraben (Two and Twenty Troubles)“</a> handelt davon, wie die Regisseurin ein Tschechow-Stück mit einer Handvoll behinderter und nicht-behinderter Schauspieler auf die Bühne eines kleinen New Yorker Theaters bringen will. Nicht als Therapie. Nicht als Wohltätigkeit. Sondern als gutes Theaterstück. Mit dabei: Rachel Handler.</p>
<p style="text-align: left;">Anderthalb Jahre ist es her, dass sie ihren linken Unterschenkel bei dem Autounfall verloren hat. Es stehen noch weitere Operationen an, und wenn Rachel nicht aufpasst, könnte sie den Oberschenkel auch noch verlieren. Warum also tut sie sich die anstrengenden Theaterproben und sogar einen Filmdreh an?</p>
<p style="text-align: left;">„Es war der eigenartigste Zufall überhaupt“, sagt sie rückblickend, „dass ich schon vor meinem Unfall in Stephanies Aufführungen mitgespielt habe, ohne überhaupt zu wissen, dass es inklusive Projekte für Schauspieler mit Behinderung waren.“ Erstaunt erfährt sie von Stephanie, dass sie nicht trotz, sondern wegen ihrer Behinderung eine Rolle in dem Tschechow-Stück bekommen könne. Rachel muss nicht lange überlegen: „Meine Karriere war nicht vorbei. Dieser Gedanke gab mir neue Kraft.“ Es wird der tragischste Moment des gesamten Films, als sie die Proben wegen einer dringenden Operation schließlich doch abbrechen muss.</p>
<h2 style="text-align: left;">Zombie-Rollen wegen entstelltem Gesicht</h2>
<p style="text-align: left;">Aber davon weiß Rachel in jener Szene noch nichts, als sie sich auf Krücken durch den kleinen Proberaum schwingt und als Hausmädchen Dunjascha den Filmtitel aussprechen darf, indem sie ihren vom Pech verfolgten Bühnen-Verlobten einen „Unglücksraben“ nennt.</p>
<p style="text-align: left;">Die reale Rachel könnte damit auch sich selbst meinen. Oder ihre Kollegen in dem Proberaum. Zum Beispiel den Mann, der nur Zombie-Rollen bekommt, weil sein Gesicht von Geburt an durch eine Fehlbildung entstellt und mehrfach operiert ist. Oder die Frau, der im Alter von sechs Jahren alle Haare vom Kopf fielen. Oder den anderen Hauptprotagonisten des Dokumentarfilms: Anthony M. Lopez, der wie Rachel nur ein gesundes Bein hat. All diese scheinbaren Unglücksraben stehen im Zentrum des Films von Victor Ilyukhin.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5124-12"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-left aesop-image-component-caption-left" style=max-width:200px;>
                        
                            <a class="aesop-lightbox"
                               href="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-8.jpg"
                               title="Filmemacher Victor Ilyukhin. Foto: Markus Huth">
                                <p class="aesop-img-enlarge"><i
                                            class="aesopicon aesopicon-search-plus"></i> Vergrößern                                </p>
                                                                    <img src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-8.jpg"                                            alt="sw-new-york-8">
                                                                </a>

                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Filmemacher Victor Ilyukhin. Foto: Markus Huth
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        </p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: left;">Für den jungen Filmemacher aus Russland sind sie aber mehr als das: „Sie sind Menschen, die trotz schlimmer Schicksalsschläge nicht aufgeben wollen, die immer weiter für ihre Träume kämpfen“, sagt er in seinem kleinen Büro in Manhattan. Für ihn ist es ein universelles Thema. Aber das Interesse von Investoren an Schauspielern mit Behinderung ist gering. Jedenfalls musste Victor, dessen Assistenten-Job für einen bekannten Künstler gerade so zum Leben reicht, seinen Film durch Crowdfunding und Selbstausbeutung finanzieren. Das Theaterstück wurde auch nicht am Broadway aufgeführt, sondern nur Off-Off-Broadway: je mehr Off, desto weiter weg von der Traumfabrik am Times Square.</p>
<h2 style="text-align: center;">Minderheit, bei der jeder jederzeit Mitglied werden kann</h2>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: left;">Aber warum ist das so? Schließlich sind Helden, die gegen alle Widrigkeiten für ihre Träume kämpfen, das klassische Thema aus Musical, Film und Theater. Eine Antwort gab der inzwischen verstorbene Dramatiker John Belluso: Das Publikum fürchte sich vor Behinderten, „weil es die einzige Minderheit ist, bei der jeder jederzeit Mitglied werden kann.“ Ein Autounfall wie bei Rachel genügt und man ist unfreiwillig in einer Gemeinschaft, die in den Augen vieler durch Ausgrenzung und Hilfsbedürftigkeit geprägt ist. Daran wolle keiner gerne erinnert werden.</p>
<p style="text-align: left;">Andererseits faszinieren Figuren mit Behinderung. Sie können beim Publikum starke Emotionen auslösen. Filmschauspieler witzeln sogar, dass man für einen Oscar entweder in einem Film über den Holocaust oder eben einen Behinderten spielen muss. Dustin Hoffman gelang das in <em>Rain Main</em>, Daniel Day-Lewis in <em>My Left Foot</em> oder jüngst Eddie Redmayne mit seiner Darstellung des Astrophysikers Stephen Hawking. Alle diese Schauspieler haben eines gemeinsam: Sie spielen eine Behinderung, haben selbst aber keine. Ihre Rollen sind rührende Metaphern über das Leben. Erleichtert kann das Publikum aufatmen, wenn es die Stars wieder unversehrt auf dem Roten Teppich sieht. Alles nicht so schlimm. Es war doch nur gespielt.</p>
<p style="text-align: left;">Einen, den diese Distanzierung stört, ist Anthony M. Lopez. Neben Rachel der zweite Hauptdarsteller der Unglücksraben. Auch er trägt eine Bein-Prothese, wurde aber mit seiner Behinderung geboren. Das Inklusions-Theater war für ihn nach vielen Rückschlägen der Versuch, seine Schauspieler-Karriere wiederzubeleben – und der Versuch glückte. In den vergangenen zwei Jahren bekam Anthony immer mehr Aufträge, konnte schließlich seinen Brotjob als Social-Media-Manager an den Nagel hängen und lebt heute in einer hippen Wohnung zwischen Büchern und Gemälden in Brooklyn. Während sich der Blick von seiner Dachterrasse auf Manhattan öffnet, erzählt er, wie ihm das gelang.</p>
<p style="text-align: left;"> „Egal ob Behinderung oder nicht, die wichtigste Regel für einen Schauspieler lautet: Kenne deinen Typ!“ Der 30-Jährige ist schlaksig, hat eine Glatze und schaut durch seine rote Hipster-Brille immer eine Spur zu streng. „Ich bin der etwas vertrottelte Typ, manchmal auch der Fiese“, meint er ohne eine Miene zu verziehen. Äußerlich ist seine Prothese nicht zu erkennen. Allein der hinkende Gang verrät sie. Für ihn sei das nicht so schlimm wie für Hauptrollen-Typen, meint Anthony. Er sieht es sogar als Vorteil, weil er Aufträge in der Behinderten- und der Nicht-Behinderten-Welt bekommt. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Werbespots, TV-Rollen, Webclips, als Synchronsprecher und in Off-Broadway-Shows. Die schillernde Broadway-Industrie, die Theater- und Musical-Darsteller mit wenigstens 1.800 Dollar pro Woche immer noch am besten bezahlt, sieht er hingegen kritisch. Vor allem wegen solcher Geschichten wie mit Daniel Radcliffe.</p>
<h2 style="text-align: left;">Daniel Radcliffe als &#8222;Krüppel&#8220;</h2>
<p style="text-align: left;">Dazu muss man wissen: Der Broadway ist nicht nur eine Traumfabrik, sondern auch eine Geldmaschine. Allein in der vergangenen Woche spielten die 25 laufenden Shows über 24 Millionen Dollar ein. Und wie ein Auto Benzin, braucht diese Maschine Stars, die zahlende Zuschauer locken. Solche wie Daniel Radcliffe, der als Harry Potter weltbekannt wurde. Im vergangenen Jahr spielte er die Hauptrolle in der <a href="http://www.crippleofinishmaan.com/" target="_blank">Broadway-Komödie „Der Krüppel von Inishmaan“</a>. Die Kritiker feierten ihn unter anderem für seine glaubhafte Darstellung der Behinderung von „Krüppel“ Billy, dessen Körper teilweise gelähmt ist. Broadway und Hollywood funktionieren hier nach denselben Regeln.</p>
<p><div id="aesop-gallery-5181-3"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-stacked-gallery-wrap    " >				<!-- Aesop Stacked Gallery Desktop -->
				<script>

						jQuery(document).ready(function($){

							var stackedResizer = function(){
								$('.aesop-stacked-img').css({'height':($(window).height())+'px'});
                                
                            							}
							stackedResizer();

							$(window).resize(function(){
								stackedResizer();
							});
						});

				</script>
												<div id="aesop-stacked-img-5171" class="aesop-stacked-img" style="Xbackground-image:url('https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-15.jpg');background-size:100%;background-position:center center">
																			<div class="aesop-stacked-caption">Schwerer Aufstieg: Trotz seiner Behinderung kann Anthony heute seinen Lebensunterhalt mit der Schauspielerei bestreiten. Foto: Markus Huth</div>
																	</div>
								<style>#aesop-stacked-img-5171{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-15.jpg);}  @media screen and (min-width:768px){#aesop-stacked-img-5171{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-15-1250x833.jpg);}}   @media screen and (min-width:1200px){#aesop-stacked-img-5171{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/sw-new-york-15.jpg);}}  </style></div></p>
<p style="text-align: left;">„Ich bin sicher, Radcliffe war wunderbar“, sagt Anthony mit strengem Blick, „aber ich kenne talentierte Schauspieler mit Behinderung, die diese Rolle hätten spielen können. Sollten nicht nur Darsteller mit Behinderung Figuren mit Behinderung spielen dürfen?“ Anthony, der sich in Rage geredet hat, findet: Ja. Es ist eine Debatte, die in den USA derzeit von einer immer selbstbewusster auftretenden Gemeinschaft behinderter Schauspieler geführt wird. Das geht bis zum Vergleich mit dem sogenannten „Blackfacing“, bei dem weiße Darsteller ihr Gesicht schwarz schminken, etwa um den dunkelhäutigen Shakespeare-Feldherrn Othello zu mimen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Wird es klappen?</h2>
<p style="text-align: left;">Solch radikale Kritik an der Unterhaltungsindustrie ist Rachel fremd. Dabei räumt sie ein, dass sie trotz einiger Rollen von der Schauspielerei nicht leben kann und nebenbei in einer Eventagentur jobben muss. In Rage gerät sie hingegen bei der Frage, ob sie nach einer gewissen Zahl an erfolglosen Castings ihren Traum nicht überdenken möchte. „Frage niemals Schauspieler in New York, ob sie den Broadway aufgeben! Wer hier lebt, verfolgt diesen Traum!“ Sie war bislang einfach nicht gut genug für den Broadway. So sieht sie es.</p>
<p style="text-align: left;">Deswegen will Rachel jetzt noch mehr Unterricht nehmen, sich noch besser auf das nächste Casting vorbereiten, auf ihre große Chance warten und solange eben auf kleineren Bühnen spielen – bald auch wieder mit Nicu&#8217;s Spoon Theater Company. Sie ist sich sicher: Irgendwann wird es klappen.</p>
<p style="text-align: left;">Diese Frau, die da gerade aus dem Restaurant in die wuselnde Menschenmasse am Times Square verschwindet, scheint nichts aufhalten zu können. Trotz oder gerade wegen ihrer Behinderung.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/die-ungluecksraben/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Flucht als Dauerzustand</title>
		<link>https://www.weltseher.de/flucht-als-dauerzustand/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/flucht-als-dauerzustand/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Sep 2015 06:28:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgerkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Konflikte]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=5073</guid>

					<description><![CDATA[Anderthalb Jahre nach Ausbruch des ukrainischen Bürgerkrieges sitzen noch immer 1,4 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land fest. Eine Reise in die Donbass-Stadt Kramatorsk am Rande der Front.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/flucht-als-dauerzustand/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Anderthalb Jahre nach Ausbruch des ukrainischen Bürgerkrieges sitzen noch immer 1,4 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land fest. Eine Reise in die Donbass-Stadt Kramatorsk am Rande der Front.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es sei doch nur Feuerwerk, logen die Eltern, als Granaten hinter dem Zug einschlugen. In der sprichwörtlich letzten Minute war Familie Tratschuk den Kämpfen um Luhansk entkommen. Alles hatte schnell gehen müssen. Rasch noch von den Nachbarn verabschieden, die trotz der Gefahr bleiben wollten. Würden sie auf die beiden Katzen und die Schildkröte aufpassen? Danke und passt auf euch auf!, fielen sie sich beim Abschied in die Arme. Dann schnell zum Bahnhof, den Zug nach Kiew erwischen. Die Zwillinge schrien. Veronika und Viktoria, acht Jahre alt, leiden unter frühkindlichem Autismus. Im Gleichklang schlugen sie panisch die Hände über dem Kopf zusammen – wie immer, wenn eine Kleinigkeit von ihrer täglichen Routine abwich, etwa eine neue Jacke. Bei der Flucht vor Granatangriffen wirkte die Geste seltsam untertrieben.</p>
<p style="text-align: justify;">„Feuerwerk kennen sie und der Gedanke hat sie beruhigt“, sagt Mutter Julia, die die Geschichte in der Sicherheit des Caritas-Büros in Kiew erzählt, wo die Familie psychologisch betreut wird. Kuscheltiere und bunte Stifte für die Maltherapie liegen herum. Seit jenem Julitag im vergangenen Jahr leben die Tratschuks bei Verwandten in der 800 Kilometer entfernten Hauptstadt der Ukraine.</p>
<h2 style="text-align: justify;">2,3 Millionen auf der Flucht</h2>
<p style="text-align: justify;">Sie sind mit ihrem Schicksal nicht allein. Nach <a href="http://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/ocha_ukraine_situation_update_number_7_14_august_2015.pdf" target="_blank">Angaben der Vereinten Nationen</a> mussten rund 2,3 Millionen Menschen wegen der Kämpfe zwischen ukrainischen Regierungstruppen und pro-russischen Separatisten das Donbass verlassen. 925.000 gingen ins Ausland, 1,4 Millionen blieben in der Ukraine. Viele haben Unterschlupf bei Verwandten oder Freunden in sicheren Teilen des Landes gefunden. Die meisten aber harren am Rande der Konflikzone aus. Bald würde wieder Frieden sein, hatten viele gehofft. Doch inzwischen sind schon 19 Monate vergangen. Die Waffenruhe ist brüchig. Immer wieder kommt es zu Gefechten. Eine politische Lösung ist nicht in Sicht.</p>
<p style="text-align: justify;">An das ferne Echo von Gewehrfeuer hat man sich auch in Kramatorsk gewöhnt, einer 160.000-Einwohner-Stadt direkt an der Frontlinie. Wie graue Riesen erheben sich die Umrisse von Plattenbauten in die Dunkelheit, ihre Fenster hängen wie grimmige Augen über den Straßen. Wir befinden uns hier noch auf ukrainischem Gebiet. Aber keine 80 Kilometer südlich thronen schon die ebenso grauen Plattenbauten der &#8222;Volksrepublik Donezk&#8220;. Und 130 Kilometer östlich die der &#8222;Volksrepublik Luhansk&#8220;. Es spielt keine Rolle, dass kein Staat der Welt die selbsternannten Republiken der Separatisten anerkennt. In der umkämpften Donbass-Region zählt nur die durch Waffengewalt geschaffene Realität.</p>
<p><div id="aesop-gallery-5086-4"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-5086" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
																			data-width="100%"
																																						data-keyboard="true"
																			data-nav=thumbs																			data-allow-full-screen="native"
																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-13.jpg" data-caption="Ukrainische Sprengstoff-Experten entschärfen Blindgänger nach Gefechten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-10.jpg" data-caption="Dieses Haus bei Slowjansk ist zerbombt und das Garagentor von Kugeln durchlöchert." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-9.jpg" data-caption="Ein Haus bei Slowjansk nach Gefechten zwischen Separatisten und ukrainischer Armee." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-11.jpg" data-caption="Durch Blindgänger sterben auch lange nach Ende der Gefechte noch Menschen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-14.jpg" data-caption="Familie Tratschuk mit den autistischen Zwillingen in der Sicherheit des Kiewer Caritas-Büros." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-15.jpg" data-caption="Viktoria leidet wie ihre Zwillingsschwester Veronika an frühkindlichem Autismus. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-6.jpg" data-caption="Lilja und drei ihrer sieben Kinder in der Flüchtlingsunterkunft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg" data-caption="Priester Wasyl Iwanjuk rast in seinem roten Lada durch die Stadt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-4.jpg" data-caption="Natalia übt täglich mit ihrer Geige." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-16.jpg" data-caption="Eine Spielzeugpuppe in einer Flüchtlingsunterkunft in Kiew." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-8.jpg" data-caption="Ein zerstörtes Haus bei Slowjansk." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Markus Huth</p></div></p>
<h2 style="text-align: justify;">Der Soldaten-Priester</h2>
<p style="text-align: justify;">Das begreift auch der Mann am Steuer des roten Ladas, der durch die Straßen von Kramatorsk rast, als wolle er einer Gewehrkugel entkommen. Priester Wasyl Iwanjuk koordiniert für die Caritas die Flüchtlingshilfe vor Ort. Bei jedem Schlagloch stößt sein samtroter Klerikerhut fast an die Decke. Trotzdem nimmt der Priester den Fuß nicht vom Gaspedal. Auch den Gurt legt er nie an. „Langsame Ziele sind leichter zu treffen und unangeschnallt komme ich aus einem brennenden Fahrzeug besser raus“, sagt Iwanjuk. Der 48-Jährige weiß, wovon er spricht. Denn bevor er ein Mann Gottes in der ukrainisch griechisch-orthodxen Kirche wurde, war er Oberstleutnant in der Roten Armee gewesen.</p>
<p style="text-align: justify;">Vielleicht geriet er deshalb nicht in Panik, als ihn Separatisten an einem Checkpoint aus dem Auto zerrten und mit vorgehaltener Waffe mit dem Tod bedrohten. Weil er Katholik sei und aus dem westukrainischen Lwiw stamme, hätten die pro-russischen Kämpfer ihn als „ukrainischen Nationalisten“ erschießen wollen, erinnert sich Iwanjuk.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5073-13"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-left aesop-image-component-caption-left" style=margin-left:100px;width:150px;>
                        
                            <a class="aesop-lightbox"
                               href="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-3.jpg"
                               title="Priester Wasyl Iwanjuk">
                                <p class="aesop-img-enlarge"><i
                                            class="aesopicon aesopicon-search-plus"></i> Vergrößern                                </p>
                                                                    <img src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-3.jpg"                                            alt="ukraine-3">
                                                                </a>

                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Priester Wasyl Iwanjuk
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        </p>
<h2 style="text-align: justify;">„Wer mehr geleistet hat, soll mich erschießen“</h2>
<p style="text-align: justify;">Er habe in die Gewehrläufe erwidert, dass er seit 23 Jahren im Donbass lebt, hier sechs Kirchen gegründet, vier Kinder großgezogen und zwei Häuser gebaut hat. Und forderte schließlich: „Wer mehr geleistet hat, soll mich erschießen.“ Daraufhin hätten die verdutzten Kämpfer ihn ziehen lassen. Natürlich hat er ihnen verschwiegen, dass einer seiner Söhne für die ukrainische Armee an der Front kämpft. Und dass er diesen regelmäßig dort besucht und seine Einheit vor Einsätzen segnet. Ihren Kampf hält Iwanjuk für gerecht, weil sie ihre Heimat verteidigen. Den Krieg in ein fremdes Land zu tragen, sei hingegen Sünde.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Wir sind da&#8220;, sagt Iwanjuk, biegt links ab und parkt in einem finsteren Hof, umstellt von Plattenbau-Riesen, die nun weniger bedrohlich, als schützend wirken. Hier hat der Priester eine der vielen Familien untergebracht, die vor dem Bürgerkrieg geflüchtet sind. Widerwillig rumpelt der klapprige Fahrstuhl in den vierten Stock. Was beim Bau der Hochhäuser in den 70er-Jahren noch neueste Technik war, wirkt heute wie ein archäologisches Artefakt. Ostukraine, Westukraine, Russland: damals nur nebensächliche Etiketten. Alle waren Sowjets. Vom ukrainischen Lwiw im Westen bis ins russische Wladiwostok im Osten erstreckte sich die Sowjetunion, mit über 22 Millionen Quadratkilometern eines der größten Staatsgebiete, die die Welt je gesehen hat. Und die sowjetische Propaganda feierte die kohlereiche Donbass-Region als ihr industrielles Herz.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5073-14"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-left aesop-image-component-caption-left" style=margin-left:100px;width:150px;>
                        
                            <a class="aesop-lightbox"
                               href="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-2.jpg"
                               title="Lilja und ihre beiden jüngsten Kinder">
                                <p class="aesop-img-enlarge"><i
                                            class="aesopicon aesopicon-search-plus"></i> Vergrößern                                </p>
                                                                    <img src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-2.jpg"                                            alt="ukraine-2">
                                                                </a>

                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Lilja und ihre beiden jüngsten Kinder
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        </p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify;">Diese stolze Zeit des Donbass kennt die Frau, die nun die Tür öffnet, nur noch aus den Geschichten der Eltern. Grau ist Liljas Haut, grau das Kopftuch, das die dunkelblonden Haare zusammenhält, grau auch der Pullover. Sie sieht älter aus als die 34 Jahre, die sie ist. So als hätten die Strapazen der vergangenen Monate ihr die Farbe entzogen. Als die Sowjetunion in einzelne Teilstaaten zerfiel, war Lilja zehn Jahre alt. Und in der neuen Ukraine feierte niemand mehr das Donbass. Stattdessen wurde es zum Inbegriff für Misswirtschaft, Massenentlassungen und Perspektivlosigkeit.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Bomben im Oktober</h2>
<p style="text-align: justify;">Lilja kann ihre Landsleute in den Separatisten-Gebieten verstehen, die wieder auf bessere Zeiten für das Donbass an der Seite Russlands hoffen. Ihr Mann schlug sich im Heimatdorf Makijiwka als selbstständiger Metallhändler durch. Sie kümmerte sich um den Haushalt und die sieben Kinder. „Wir hatten nicht viel zum Leben, aber es hat gereicht. Wir wollten nicht gehen“, sagt sie. Doch dann schlugen im Oktober Bomben ein. Weil sie in der Nähe des Donezker Flughafens wohnten, sei ihr Dorf ins Visier der ukrainischen Artillerie geraten. Ein Bekannter fuhr die Familie nach Kramatorsk. Am Ende fühlte sie sich der Ukraine dann doch näher als Russland.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5073-15"              class="aesop-component aesop-image-component "
                    >


            
                <div>
                    <figure class="aesop-image-component-image aesop-component-align-right aesop-image-component-caption-left" style=margin-right:-100;width:200px;>
                        
                            <a class="aesop-lightbox"
                               href="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/Bild-8.jpg"
                               title="Natalia übt täglich Geige">
                                <p class="aesop-img-enlarge"><i
                                            class="aesopicon aesopicon-search-plus"></i> Vergrößern                                </p>
                                                                    <img src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/Bild-8.jpg"                                            alt="Bild-8">
                                                                </a>

                        
                            <figcaption class="aesop-image-component-caption">
                                Natalia übt täglich Geige
                            </figcaption>

                            

                        
                    </figure>
                </div>
                <div class="aesop-image-overlay-content">
                                    </div>

                
        </div>
        </p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify;">Und während Lilja die Geschichte ihrer Flucht erzählt, erklingt aus dem Nebenzimmer Geigenmusik. Die fünfzehnjährige Tochter Natalia ist froh, dass sie das Instrument aus dem Elternhaus retten konnte. So wie ihre Schwester das Cello. „Das Piano mussten wir leider zurücklassen. Die Kinder sind alle sehr musikalisch und üben täglich“, sagt die Mutter stolz. Auf dem Arm hält sie das jüngste ihrer sieben Kinder. Kurz bevor es geboren wurde, war der Bürgerkrieg ausgebrochen. „Bevor das alles passiert ist“, sagt sie, „dachte ich, dass Ukrainer und Russen Brüder und Schwestern sind. Ich wünsche mir einfach nur Frieden.“</p>
<p style="text-align: justify;">„Was ist mit dem Licht im Schlafzimmer los?“, fragt der Priester. Es gehe schon eine Weile nicht mehr, antwortet Lilja. Es ist eng in der Zweizimmerwohnung, es gibt nur wenige Möbel, im Schlafzimmer liegt eine Matratze auf dem Boden. Iwanjuk macht eine Notiz, verabschiedet sich und eilt, begleitet von Natalias Geigenmusik, hinunter zum roten Lada. Er sagt, dass es inzwischen 40.000 Flüchtlinge in Kramatorsk gebe, das nur viermal mehr Einwohner hat. Die Mittel reichten aber nur für gut 1.500 Bedürftige.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Geringe Spendenbereitschaft</h2>
<p style="text-align: justify;">Zurück in Kiew räumt der ukrainische Caritas-Präsident, Andrij Waskowycz, ein: „Wir sind vom Ausmaß der humanitären Krise überrascht worden“. Der Mann mit der dezenten Brille, im dunklen Anzug, gescheiteltes, weißes Haar, wirkt wie ein Professor und sitzt in einem Restaurant, in dem die Kellner westukrainische Trachten tragen. Um die Ecke liegt der Majdan, jener zentrale Platz, wo alles begann: die Unruhen oder der Freiheitskampf, je nach Perspektive. Waskowycz sagt, das Hilfsbudget von zwei Millionen Euro, größtenteils finanziert vom deutschen Staat, reiche hinten und vorne nicht. Die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung sei gering, auch in Deutschland. Andere Hilfsorganisationen klagen ebenfalls über zu wenig Mittel. 316 Millionen Dollar brauchen die Vereinten Nationen von den Mitgliedsstaaten für die Hilfe in der Ukraine, nur gut ein Drittel davon haben sie erhalten. Am dringendsten ist die Lage laut UN-Helfern vor Ort innerhalb der Separatisten-Gebiete, wo die medizinische Versorgung teilweise zusammengebrochen sei.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Grund für die Spendenunwilligkeit sind die fehlenden Bilder der Not. Denn trotz des Flüchtlingsansturms werden die ukrainischen Städte nicht von Obdachlosen oder hungernden Bettlern überflutet. Die ukrainische Zivilgesellschaft, meint Waskowycz, sei stark und habe die größte Not zunächst aufgefangen. Die Weltöffentlichkeit nehme den Konflikt deshalb eher als politisches Problem, statt als humanitäre Katastrophe war. Dass im Donbass ganze Felder vermint sind und immer noch Menschen durch Blindgänger sterben, ist den wenigsten bekannt. Die Zahl der Toten des Konflikts von bisher wenigstens 6.800 steigt auch wegen der gelegentlichen Scharmützel an der Frontlinie weiter. Der Caritas-Mann warnt: je länger der Konflikt dauere, desto mehr würden die Heimatlosen für das ganze Land zum Problem. Es drohe gar eine weitere Destabilisierung der ukrainischen Gesellschaft.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Weitere Destabilisierung droht</h2>
<p style="text-align: justify;">Das spürt auch Familie Tratschuk mit den autistischen Zwillingen, die nach ihrer Flucht aus Luhansk bei Verwandten in Kiew Obdach gefunden haben. Im vergangenen Sommer sei die Atmosphäre ihnen gegenüber noch voller Hilfsbereitschaft gewesen, berichtet Vater Oleg, der als Journalist arbeitet. Inzwischen gelten die Flüchtlinge aber als Konkurrenten um Arbeitsplätze und Wohnraum. Und während die Armee westukrainische Männer zum Wehrdienst einzieht und an die Front schickt, kommen junge Männer aus dem Osten und erhalten als Flüchtlinge staatliche Zuwendung. Auch die Tratschuks haben einen gesunden Sohn, Wladyslaw ist 17 und wird bald im wehrdienstfähigen Alter sein. „Ich habe Angst, dass er an die Front muss“, sagt Mutter Tatjana. Sie hätten manchmal das Gefühl, dass die Westukrainer ihre Landsleute aus dem Donbass als Verräter wahrnehmen. Wie konnten sie es nur zulassen, dass die Separatisten so stark werden?</p>
<p style="text-align: justify;">Auch wegen dieses Stigmas sind die meisten Flüchtlinge nicht weit nach Westen gezogen, sondern harren in frontnahen Städten wie Kramatorsk aus. So wie Lilja und ihre sieben Kinder, die schnellstmöglich ins Dorf Makijiwka zurückkehren wollen und hoffen, dass das Haus noch steht. Ob das Piano noch unversehrt ist?, fragt Natalia und setzt die Geige wieder ans Kin. Sie alle warten weiter auf Frieden. Und während sie warten, rast durch die graue Plattenbau-Landschaft von Kramatorsk des Priesters roter Lada.</p>
<p><div id="aesop-gallery-5108-5"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-stacked-gallery-wrap    " >				<!-- Aesop Stacked Gallery Desktop -->
				<script>

						jQuery(document).ready(function($){

							var stackedResizer = function(){
								$('.aesop-stacked-img').css({'height':($(window).height())+'px'});
                                
                            							}
							stackedResizer();

							$(window).resize(function(){
								stackedResizer();
							});
						});

				</script>
												<div id="aesop-stacked-img-5087" class="aesop-stacked-img" style="Xbackground-image:url('https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg');background-size:100%;background-position:center center">
																			<div class="aesop-stacked-caption">Priester Wasyl Iwanjuk rast in seinem roten Lada durch die Stadt.</div>
																	</div>
								<style>#aesop-stacked-img-5087{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg);}  @media screen and (min-width:768px){#aesop-stacked-img-5087{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine-1250x833.jpg);}}   @media screen and (min-width:1200px){#aesop-stacked-img-5087{background-image: url(https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/09/ukraine.jpg);}}  </style><p class="aesop-component-caption">Foto: Markus Huth</p></div></p>
<p style="text-align: center;"><em>Transparenzhinweis: Unser Autor Markus Huth war im Donbass mit der Hilfsorganisation <strong><a href="http://weltseher.de/flucht-als-dauerzustand/" target="_blank">Caritas International</a></strong> unterwegs, die Teile der Reisekosten getragen hat.</em></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/flucht-als-dauerzustand/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>&#8222;Makai, Dude!&#8220;</title>
		<link>https://www.weltseher.de/makai-dude/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/makai-dude/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Oct 2014 06:57:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Kalifornien]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[Surfen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=2585</guid>

					<description><![CDATA[In Kalifornien ist Surfen nicht nur Wassersport, sondern Kultur. Im Küstenort Oceanside gibt es dafür sogar ein Museum. Neben einem Hai-Gebiss und jeder Menge Brettern hütet das Haus ein ganz besonderes Exponat.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/makai-dude/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>In Kalifornien ist Surfen nicht nur Wassersport, sondern Kultur. Im Küstenort Oceanside gibt es dafür sogar ein Museum. Neben einem Hai-Gebiss und jeder Menge Brettern hütet das Haus ein ganz besonderes Exponat.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Von der Küste vor San Francisco runter nach Los Angeles bis zur mexikanischen Grenze nach San Diego: In Rudeln lauern Surfer auf ihren Brettern und starren auf den Pazifik. Plötzlich: Tzzzschhh! Kurz vor dem zischenden Geräusch der brechenden Welle weiß jeder Surfer: Jetzt geht’s los. Aufstehen, Gleichgewicht halten und die Welle reiten wie ein Cowboy den Bullen.</p>
<p style="text-align: justify;">„Awesome, Dude!“, rufen sich die Wellenreiter am Ufer zu, egal ob langhaarig und durchtrainiert oder moppelig und kahlköpfig. Mit triefenden Surfbrett unterm Arm, die Haut durch jahrelange Sonnenbestrahlung ganz golden, kommen sie breit lächelnd und pitschnass aus dem Ozean getrottet. „Super, Kumpel!“ reicht hier als Übersetzung wohl nicht aus.</p>
<h2 style="text-align: left;">Die Hüterin des Surf-Erbes</h2>
<p style="text-align: justify;">Denn Surfen ist in Kalifornien nicht nur Wassersport. Es ist Lebensgefühl, Mentalität, ja sogar Teil des kulturellen Erbes. Das findet zumindest Jane Schmauss. Die Dame in der bunten Blümchenbluse ist hauptberufliche Hüterin dieses Erbes – als  Mitbegründerin und Historikerin des <a href="http://surfmuseum.org/" target="_blank">„California Surf Museums“</a>.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Gebäude in der Küstenstadt Oceanside ist nicht größer als eine Fastfood-Filiale, hat ein wellenförmiges Dach und einen Metallsurfer als Logo an der Fassade. Innen stehen Surfbretter in allen Farben, hübsch ausgeleuchtet wie Skulpturen in einer Galerie. Dazu Erklärtafeln und historische Fotos von tollkühnen Männern und Frauen, Legenden der Surf-Geschichte.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-surfen-kalifornien-1" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-surfen-kalifornien-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-surfen-kalifornien-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-surfen-kalifornien-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="40000000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6965.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Surfer gehören in kalifornischen Küstenorten zum Alltagsbild. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7808.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Kalifornien machte Surfen zu einer Industrie und das Image vom langhaarigen, gebräunten Wellenreiter zum weltweiten Exportschlager. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7132.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Sogar Verkehrsschilder mit Surfern darauf gibt es. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6592.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Hüterin des kalifornischen Surf-Erbes: Jane Schmauss ist Historikerin am "California Surf Museum". © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6746.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Im Museum sind historisch wichtige Surfbretter wie Skulpturen ausgestellt. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6775.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In den Anfangstagen des Surfens waren die Bretter noch lang und schwer. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6789.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Moderne Surfbretter sind kürzer, spitzer, schneller und haben Steuerflossen am Boden. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6969.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Doch egal welches Brett: Nass wird jeder Surfer. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6651.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch das Gebiss eines Tigerhais bewahrt Schmauss im Museum auf. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6722.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein Hai hatte 2003 auch die 13-jährige Surferin Bethany Hamilton vor Hawaii attackiert und biss ihr den Arm ab. Hamilton schaffte es einarmig zur Profisurferin und ihr Unfallbrett steht heute im Museum. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6711.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der Tigerhai biss ein großes Stück des Surfbretts heraus. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6984.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch vor Kalifornien gibt es Haie. Das Risiko einer Attacke ist aber gering. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7055.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Liebe zu Wellen lässt Surfer einfach nicht los. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7989.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Surfer sind Rudeltiere. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_5627.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Aber eine Welle kann immer nur ein Surfer reiten. © Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_8048.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der Begründer des modernen Surfens: In der "Surf City" Huntington Beach haben sie Duke Kahanamoku ein Denkmal errichtet. © Markus Huth</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-surfen-kalifornien-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6965-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7808-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7132-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6592-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6746-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6775-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6789-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6969-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6651-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6722-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6711-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6984-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7055-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7989-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_5627-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_8048-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Museum platzt aus allen Brettern</h2>
<p style="text-align: justify;">„Surfen hat die kalifornische Identität mitgeprägt“, behauptet die Historikerin. Statt zwischen Bücherregalen, steht ihr Schreibtisch zwischen Surfbrettern. Langen und kurzen, bunten und schmucklosen, spitzen und abgerundeten. Über 300 Bretter befinden sich im Museum, einige in den Ausstellungen, die meisten im Lagerraum. Das Museum platze inzwischen aus allen Nähten, sagt Schmauss. Was vor fast 30 Jahren als Freundschafts-Projekt von ein paar Surf-Liebhabern begann, ziehe heute immer mehr Besucher an. Weit über 500.000 Menschen hätten das kleine Museum seitdem besucht.</p>
<p style="text-align: justify;">Als Schmauss, damals noch Restaurant-Besitzerin, und ihre Freunde 1986 anfingen, ein paar alte Bretter in ihrem Lokal auszustellen, war die Erinnerung an die Anfänge der kalifornischen Surfwelt noch präsent. „Geld spielte für die ersten Surfer keine Rolle. Wir wollten die Erinnerung dieser Pionierphase für die nachfolgenden Generationen bewahren&#8220;, sagt Schmauss. Denn heute ist Surfen zu einer milliardenschweren Industrie geworden.</p>
<h2 style="text-align: left;">Teures Brett</h2>
<p style="text-align: justify;">Es gibt Wettkämpfe, Werbung, vermarktbare Stars und Mode. Bretter für jede Wellen- und Wetterlage werden industriell gefertigt und weltweit verkauft, genauso wie Neoprenanzüge. Experten-Schätzungen zufolge surfen in den USA um die zwei Millionen Menschen, weltweit könnten es über 20 Millionen sein. „Es ist ein riesiger Markt geworden“, sagt Schmauss. Und einige Museums-Exponate, die die Vorbesitzer damals auf den Müll werfen wollten, sind heute viel Geld wert.</p>
<p style="text-align: justify;">Zum Beispiel das von Kratzern und Rillen durchfurchte Brett am Beginn der Ausstellung „Eine kurze Geschichte der Surfbretter“. Das drei Meter lange Teil aus Mammutbaumholz sieht aus wie ein gigantisches Bügelbrett. Nahe der Spitze ist das Wort „Makai“ eingraviert. „Das ist Hawaiianisch und bedeutet: Zum Meer“, erklärt Schmauss und fügt hinzu: „Falls es authentisch ist, ist es heute über 15.000 Dollar wert.“</p>
<h2 style="text-align: left;">Der Vater des modernen Surfens</h2>
<p style="text-align: justify;">Grund für den stolzen Preis ist der Mann auf dem Schwarzweiß-Foto daneben: Mit nacktem Oberkörper und altmodischen Badehosen bis unter die durchtrainierte Brust lächelt er in die Kamera :„Duke Kahanamoku – Der Vater des modernen Surfens“, steht über dem Foto. Der 1890 in Honolulu geborene Surfvater, sagt Schmauss, sei mit hoher Wahrscheinlichkeit der Schöpfer des Bretts. Gesichert ist es aber nicht, da er es leider nicht signiert hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Als Kahanamoku surfte, waren die Bretter viel länger und schwerer als die heutigen. Perfekt für gemächliche Langstrecken-Wellenritte, wie der Besucher im Surf-Museum erfährt. Auch dass das Surfen eine jahrhundertelange Tradition in Polynesien hat. Nach Kalifornien kam der Sport vor ziemlich genau 100 Jahren.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Juni 1914 heuerte ein Hawaiianer als Rettungsschwimmer im benachbarten Touristenörtchen Huntington Beach an. Im Gepäck hatte er ein zweieinhalb Meter langes Brett, womit er unter den staunenden Augen von Passanten auf den Wellen herumritt. Sogar die Lokalzeitung berichtete am nächsten Tag. Der Mann hatte bald Schüler und Kalifornien wurde die Wellenreiter nicht mehr los.</p>
<h2 style="text-align: left;">Die tragische &#8222;Mona-Lisa&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">In allen kalifornischen Küstenorten sind sie inzwischen Teil des Alltags. Surfen wird in der Schule unterrichtet, Wettkämpfe ziehen tausende Zuschauer an die Strände und es gibt sogar Verkehrsschilder mit Surfern darauf. In Huntington Beach, genannt „Surf City“, steht heute eine Statue von Duke Kahanamoku. Und es gibt auch hier ein Surf-Museum. „Aber wir sind älter“, insistiert Jane Schmauss schroff und geht zügig zum nächsten Exponat: „Unsere Mona-Lisa.“ Die lächelt allerdings nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Stattdessen scheint das Exponat, ein weiß-rotes-blaues Surfbrett, das Maul aufzureißen wie ein angreifender Hai. Tatsächlich hat ein Tigerhai ein Stück herausgebissen – und den Arm der darauf liegenden Surferin gleich mit. Das Schicksal der 13-jährigen US-Amerikanerin Bethany Hamilton hatte 2003 in der Szene für Aufsehen gesorgt.</p>
<h2 style="text-align: left;">&#8222;Surfer sind Kämpfer&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Auf dem besten Weg zur Profisurferin verlor sie bei einem Haiangriff vor Hawaii fast ihr Leben und schließlich den linken Arm. Dann passierte das Unglaubliche. Keine drei Wochen später stand das blonde Mädchen wieder auf einem Surfbrett. Auch einarmig schaffte Hamilton es zur Profisurferin, gewann zahlreiche Wettkämpfe und ist heute eine gefragte Motivationsrednerin.</p>
<p style="text-align: justify;">„Surfer sind eben Kämpfer“, sagt Schmauss. Dem Hai dürfe man indes nicht böse sein. „Der hatte sie wahrscheinlich mit einer Meeresschildkröte verwechselt.“ Was auch immer die Absichten des Hais gewesen sein mögen: Das Surfbrett wollte Hamilton wegen der bösen Erinnerung nicht mehr in ihrer Nähe haben und hat es dem Museum geliehen. Und das, sagt Schmauss, obwohl ihr andere viel Geld dafür geboten hätten. Aber sie habe mit der Tragödie keinen Profit machen wollen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Surfer leben gefährlich</h2>
<p style="text-align: justify;">Aus ihrem Arbeitszimmer holt die Surf-Historikerin ein Tigerhai-Gebiss und hantiert damit herum. „Fühlen Sie mal diese scharfen Zähne!“ Mit dem Ding erschrecke sie oft Kinder, erzählt sie, damit die im Ozean gut aufpassen. Denn auch vor Kalifornien gibt es Haie. Und manchmal auch stürmische See.</p>
<p style="text-align: justify;">Im Einklang mit der Natur leben, das Hier und Jetzt genießen, weil es vielleicht kein Morgen gibt – das sei die Mentalität von Surfern. „Deshalb lassen manche die Arbeit auch mal liegen, wenn die Wellen gerade gut sind“, fügt Schmauss grinsend hinzu. Das Wort „faul“ käme ihr nie über die Lippen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Gefährlicher Lieblingstrick</h2>
<p style="text-align: justify;">Derweil lauern draußen am Pier von Oceanside, keine 500 Meter vom Surf-Museum entfernt, zwei Dutzend Wellenreiter auf die nächste Welle. Die Abendsonne legt goldene Farbtöne auf das Wasser, in dem sich die Köpfe als dunkle Pünktchen mit den Wellen auf und ab bewegen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein Mann mit blondem Bart, der aussieht wie ein tätowierter Wikinger, springt auf und gleitet schwungvoll zum Ufer. Kaum angekommen, schwimmt er samt Brett auch schon wieder &#8222;Makai&#8220; – zum Meer. Doch den Lieblingstrick des kalifornischen Publikums schafft heute keiner: Wenn es einem Surfer gelingt, zwischen den hölzernen Pfeilern des Piers hindurchzugleiten, schreien alle besonders laut: „Awesome, Dude!“</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-surfen-kalifornien-zusatz-2" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-surfen-kalifornien-zusatz-2 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-surfen-kalifornien-zusatz-2 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-surfen-kalifornien-zusatz-2 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="4000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6943.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_68991.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7528.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7539.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7267.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7148.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7055.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6125.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_5967.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Markus Huth</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_5802.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">© Markus Huth</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-surfen-kalifornien-zusatz-2-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6943-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_68991-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7528-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7539-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7267-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7148-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_7055-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_6125-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_5967-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/10/MG_5802-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div><br />
<img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/858c9746b05a435fbcee178f298236d4" width="1" height="1" alt=""></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/makai-dude/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Unterwegs in Kirgistan</title>
		<link>https://www.weltseher.de/kirgistan/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/kirgistan/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Sep 2014 05:00:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Asien]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<category><![CDATA[Pferde]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Tiere]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=1966</guid>

					<description><![CDATA[Zwischen China und Kasachstan liegt das Land der Kirgisen. Neben Pferden und Walnüssen soll es hier auch Terroristen geben. SIEH DIE WELT-Autor Markus Huth hat Kirgistan durchquert – und Angst hatte er eigentlich nur ein Mal.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/kirgistan/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zwischen China und Kasachstan liegt das Land der Kirgisen. Neben Pferden und Walnüssen soll es hier auch Terroristen geben. WELTSEHER-Autor Markus Huth hat Kirgistan durchquert – und Angst hatte er eigentlich nur ein Mal.</strong></p>
</p>
<p style="text-align: justify;">Während unser Kleinbus über holprige Bergstraßen rast, denke ich: Verdammt! Warum habe ich ihm das bloß erzählt? Nur einige hundert Kilometer von Afghanistan entfernt, in einem kirgisischen Sammeltaxi voller Fremder, ist es vielleicht keine gute Idee, Fragen wie „Hey Bruder, wo wollt ihr hin? Wartet man dort auf euch? Wo schlaft ihr?“ wahrheitsgemäß zu beantworten. Wir sind zu zweit. Tobi und ich. Keine Touristen wollen wir sein, sondern Reisende. Keinen Pauschalurlaub machen, sondern Kirgistan – einen der ärmsten Nachfolgestaaten der Sowjetunion – auf eigene Faust entdecken.</p>
<p style="text-align: justify;">Drei Wochen quer durchs Land: Von der Hauptstadt Bischkek im Tal des Flusses Tschüi auf die Seidenstraße nach Osch, zum heiligen Berg, wo König Salomo genächtigt haben soll. Weiter auf das „Dach Zentralasiens“, ins Hochgebirge Tian Shan, auf Pferden zu schwer zugänglichen Gebirgsseen, in Jurten unter den Sternen schlafen. Und an die Ufer des Yssykköl, des zweitgrößten Bergsees der Welt. Tobi, ein gelassener Österreicher, war vor Jahren mein Mitbewohner im Studentenwohnheim in Moskau, und wir wussten: In Kirgistan ist Russisch zweite Amtssprache. Aber abgesehen von Klischees übers Nomadenleben hatten wir kaum eine Vorstellung davon, was uns erwartet.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Auswärtige Amt schreibt auf seiner Website: Kirgistan, gelegen zwischen China, Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan, knapp 200 000 Quadratkilometer, 5,5 Millionen Einwohner, davon 80 Prozent sunnitische Muslime. Und die Diplomaten warnen. Vor gewaltsamen Auseinandersetzungen „im Zusammenhang mit innenpolitischen Entwicklungen“. Seit Kirgistans Unabhängigkeit 1991 hat es immer wieder gewaltsame Unruhen mit Todesopfern gegeben, zuletzt 2010, wonach der damalige Präsident Bakijew aus dem Land gejagt wurde.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-kirgistan-3" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-kirgistan-3 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-kirgistan-3 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-kirgistan-3 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="4000000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC1736g.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Kirgistan, das Land der Berge und Pferde. Wie hier im Terskej-Alatau-Gebirge ist Sattelfestigkeit gefragt. So erreicht man auch...</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC001.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">...den Bergsee Ala-Kul. Auf fast 3600 Metern Höhe ist er im Juni noch zugefroren.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC9714.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Nicht ganz so zuverlässig wie Pferde sind Sammeltaxis. Wegen der guten Ersatzteil-Situation sind alte Audis bei kirgisischen Fahrern besonders beliebt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC8499.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Im Taxi lerne ich auch Ulanbek kennen. Er fühlt sich für die Ausländer verantwortlich und weicht uns einige Tage nicht mehr von der Seite.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0377.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Unsere Reise führt uns auch zu einer Nomadenfamilie, bei der wir in Jurten schlafen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0831.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Am nächsten Morgen läuft eine Gruppe Pferde vorbei.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC1975.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Trotz der ländlichen Idylle gibt es auch gefährliche Regionen in Kirgistan. Im Süden sollen sich Terroristen verstecken. In der Hauptstadt Bischkek demonstriert das Militär Stärke.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC9125.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch im Dörfchen Arslanbob gab es schon Auseinandersetzungen, zwischen Kirgisen und Usbeken. Heute ist aber alles friedlich. Arslanbob liegt am...</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC9192.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">...größten natürlichen Walnussbaumwald der Welt. Dieser Junge hat eine unreife Nuss aufgesammelt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC8454.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die reifen Nüsse verkaufen die Dorfbewohner an Händler. Wie diesen hier auf dem großen Markt in der Hauptstadt Bischkek.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC1807.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Angekommen! Nach Wochen erreichen wir den zweitgrößten Bergsee der Welt, den Yssykköl.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-kirgistan-3-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC1736g-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC001-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC9714-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC8499-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0377-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0831-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC1975-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC9125-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC9192-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC8454-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC1807-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Durch die Berge im Gangnam Style</h2>
<p style="text-align: justify;">Mit dem Sammeltaxi, das uns von Bischkek nach Dschalalabad bringt, fahren wir an den verbrannten Ruinen seiner einst prächtigen Villa vorbei. Die Diplomaten warnen auch vor islamistischen Terroristen, die im Süden des Landes operieren – in der Gegend, in die wir gerade unterwegs sind. Das Radio schreit „Gangnam Style“, während der Kleinbus durch die fast menschenleere Berglandschaft saust. Selbst an so entlegenen Orten gibt es vor dem Song wohl kein Entkommen. Derweil wechselt draußen Hitze im Tal mit Schnee auf Bergpässen. Jurten ziehen vorbei, Reiter treiben Schafe vor sich her.</p>
<p style="text-align: justify;">Der neugierige Typ vorne beim Fahrer fällt mir erst gar nicht auf. Eingequetscht zwischen Tobi und einem Landarbeiter auf der Rückbank, sehe ich nur seinen Hinterkopf mit den dunklen kurzen Haaren. In den acht Stunden unserer Fahrt stellt er immer wieder Fragen: Wo wir her kämen, wo wir hin wollten. Als er kurz vor Dschalalabad eine Nachricht in sein Handy tippt und mir der Rückspiegel sein jetzt vielsagend wirkendes Lächeln zeigt, fallen mir die Warnungen des Auswärtigen Amtes vor Terroristen wieder ein. Der Fahrer hält mitten in der Stadt vor einem ehemaligen sowjetischen Hotel. Es heißt „Mül Mül“ und sieht auch so aus. Der Putz bröckelt wohl schon seit Jahrzehnten vor sich hin. Obwohl er nicht hier wohnt, steigt der Neugierige mit uns aus. Erst jetzt, und vor allem weil er sich ungefragt meinen Rucksack aus dem Kofferraum schnappt und mit ihm davon marschiert, sehe ich ihn mir genauer an: Seine Haut ist braun wie Leder und umschließt dunkle Augen. Ein junger Mann, vielleicht Mitte zwanzig. In dem gestreiften Pulli wirkt er wie eine Wespe. Da ist er mit meinem Rucksack auch schon ins Hotel verschwunden.</p>
</p>
<h2 style="text-align: left;">Reisegruppe wider Willen</h2>
<p style="text-align: justify;">„Ein Zimmer für meine Freunde aus Deutschland, aber ein gutes!“, verlangt er von der alten Frau an der Rezeption. Dann stellt die Wespe sich vor: Ulanbek, eigentlich auf Dienstreise, um für seine Firma den Baufortschritt an Einfamilienhäusern zu inspizieren. Aber an irgendeinem Punkt unserer Fahrt hat er wohl beschlossen, unser persönlicher Reiseassistent zu werden. „Ruht euch eine Stunde aus“, ordnet er an, nachdem er das spartanisch eingerichtete Hotelzimmer für in Ordnung befindet. „Duscht, dann zeige ich euch die Stadt.“ Allahu akbar, Gott ist groß, ruft der Muezzin von der nahe gelegenen Moschee. Die Sonne versinkt hinter den Bergen, Grillen zirpen, wir spazieren mit unserem neuen Freund über den Hauptplatz. In dessen Mitte spuckt ein kreisrunder Brunnen hohe Fontänen, sie leuchten mal grün, mal blau, dann rot. Jetzt sind wir neugierig und fragen Ulan aus.</p>
<p style="text-align: justify;">Seine Frau, erzählt er, ist Russin und für die Hochzeit mit ihm vom Christentum zum Islam konvertiert. Mit ihrem kleinen Sohn leben sie in St. Petersburg, und er arbeitet als leitender Angestellter für die Baufirma seines Schwiegervaters. Das ist ungewöhnlich. Zwar verdienen Hunderttausende Kirgisen ihr Geld im Land der einstigen Beherrscher. Doch vor allem als einfache Arbeiter oder Putzkräfte. Viele Russen blicken auf sie herab. „Am Anfang waren ihre Eltern gegen unsere Beziehung“, sagt Ulan. Inzwischen verstehe er sich gut mit ihnen. Allahu akbar, stimmt der Muezzin ein weiteres Mal an, und ein grauer Van hält quietschend neben uns.</p>
</p>
<p style="text-align: justify;">Die Tür springt auf, vom Lenkrad reicht ein schmächtiger junger Mann uns die Hand. Ulans Cousin. An ihn ging die SMS aus dem Bus. Sein Vetter habe ein Abendprogramm vorbereitet, sagt er. „Steigt ein!“ Nach kurzer Fahrt halten wir vor einer Art Disko-Biergarten. Junge Menschen tanzen zu orientalischer Popmusik im Kreis, neugierige Augenpaare folgen den einzigen beiden Nicht-Asiaten hier. Wir setzen uns. Die Musik verstummt. Ein Fiepen, ein Krächzen. Dann spricht eine Männerstimme auf Russisch ins Mikrofon: „Wir begrüßen unsere Ehrengäste aus Deutschland und Österreich. Herzlich Willkommen, Markus und Tobias!“ Jemand ganz weit hinten klatscht emphatisch. Der Mann fährt fort: „Das nächste Lied widmet euch euer Ulanilein!“ Michael Jackson singt „You are not alone“. Wir bestellen kirgisisches Bier.</p>
</p>
<h2 style="text-align: left;">Plötzlich allein im Nusswald</h2>
<p style="text-align: justify;">Der nächste Morgen. Lautes Klopfen an der Zimmertür reißt mich aus dem Schlaf. Am Abend im Biergarten hatte ich erzählt, wir wollten nach Arslanbob fahren, wo der größte natürliche Walnussbaumwald der Erde wächst. Nun hat Ulan schon alles ganz genau geplant. „Frühstückt“, befiehlt er. „Dann gehen wir zum Taxibahnhof.“ Ich selbst habe noch nie einen fremden Touristen von Hamburg nach Berlin begleitet, nur um ihm die Stadt zu zeigen. Ulan hingegen sitzt wie selbstverständlich auf der dreistündigen Fahrt von Dschalalabad nach Arslanbob mit uns im Taxi und blickt zufrieden aus dem Fenster.</p>
<p style="text-align: justify;">Zuerst hatte es noch so ausgesehen, als wollte er für uns lediglich einen guten Preis mit dem Fahrer aushandeln. Doch nein, er wollte unbedingt mit. „Aber du hast doch in Dschalalabad beruflich zu tun. Wir möchten dir keine Umstände machen. Du brauchst dir keine Sorgen um uns zu machen, wir kommen klar.“ Die Einwände beleidigen ihn. Einerseits froh, dass wir keinem Taliban-Späher begegnet sind, ist uns auch klar: Auf eigene Faust werden wir Kirgistan so nicht entdecken. Ich überlege, wie man Ulan wohl höflich loswerden könnte, und komme mir undankbar vor.</p>
</p>
<p style="text-align: justify;">Ankunft in Arslanbob in 1500 Metern Höhe. Der Legende nach brachte Alexander der Große die Walnuss von diesem weltvergessenen Winkel nach Europa. Über viele tausend Hektar erstreckt sich der Wald ins Umland. Wie Tentakel winden sich vom Marktplatz aus Trampelpfade die Berge hinauf, bevölkert von Hühnern und Eseln. Männer mit langen grauen Bärten bleiben stehen, um uns zum Gruß die Hand zu reichen. „Salem Aleikum“, rufen spielende Kinder und wollen fotografiert werden. Nach einer Stunde Marsch beginnt der Wald, und mit ihm kommt die Kühle. Einem Ozean gleich rauschen die Blätter der alten Bäume im Wind. Am Wegesrand liegen heruntergefallene, unreife Nüsse. Umgerechnet 70 Cent bekommen die Familien aus Arslanbob auf dem Dorfmarkt für ein Kilogramm davon, erzählt der Mann, der uns den Wald zeigt. Denn Ulan ist nicht mehr bei uns.</p>
<p><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-kirgistan-pferde-spezial-4" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-kirgistan-pferde-spezial-4 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-kirgistan-pferde-spezial-4 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-kirgistan-pferde-spezial-4 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="400000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0638.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Zäune gibt es für kirgisische Pferde selten. Dafür binden die Nomaden ihnen die Beine zusammen, damit sie nicht weglaufen können.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0030.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Während die Menschen zu hause sind, grasen die Tiere in Jurtennähe.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0721.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Sättel liegen schon zum Ausritt bereit.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0853.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Gleich geht's los.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC9917.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Schon als Kinder lernen die Kirgisen reiten und wie die Pferdezucht funktioniert.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC1726d.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Einige verdienen mit ihren Reitkünsten später Geld. So wie dieser junge Mann, der im Hochgebirge als Touristenführer arbeitet.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC9798.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Kirgisische Pferde sind die Berge gewöhnt und nehmen auch Schnee und Kälte gelassen hin.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC9830.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Dieser alte Mann mit der traditionellen Kopfbedeckung und sein Pferd sind seit vielen Jahren ein Team. Gekauft hat er es auf einem Viehmarkt.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0991.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Das ist zwar kein Pferd, trotzdem hat diese Kuh keine Lust, sich auf dem größten Viehmarkt in Karakol verkaufen zu lassen.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-kirgistan-pferde-spezial-4-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0638-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0030-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0721-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0853-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC9917-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC1726d-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC9798-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC9830-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/09/DSC0991-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Ein letztes Mal</h2>
<p style="text-align: justify;">Es war nicht leicht gewesen, ihn zu überzeugen, dass er beruhigt allein zurückfahren könne. Erst nachdem er die Unterkunft bei einer Gastfamilie inspiziert und unsere Handynummern gespeichert hatte, stieg er ins Taxi. Drei Tage später sehen wir ihn wieder – ein letztes Mal, für zehn Minuten. „Wir fahren gleich weiter nach Osch“, sagen wir Ulan, der extra zum Busbahnhof von Dschalalabad geeilt ist. Er ist nur ein bisschen beleidigt.</p>
</p>
<p style="text-align: justify;">Seine Stimme hören wir in den nächsten zwei Wochen noch regelmäßig. Er ruft an und will wissen, was wir so treiben. Wir erzählen, wie wir ins Hochland ritten und in Jurten, Zelten von Nomaden, schliefen. „Das hättet ihr auch bei meinen Verwandten machen können!“ Von der störrischen Kuh auf dem größten Viehmarkt Zentralasiens in Karakol. „Ein Freund von mir hätte euch herumgeführt!“ Und von unserem Strandurlaub am viel zu kalten Bergsee Yssykköl. „Ich kenne da ein gutes Hotel!“ Kurz vor unserem Abflug aus Bischkek ein letztes Telefonat: „Gib mir deine E-Mail-Adresse“, sagt Ulan, „vielleicht komme ich mal nach Deutschland.“ Zurück in Hamburg vergehen die Wochen. Warum hat er noch nicht geschrieben, frage ich mich, bereit, ihm Berlin, Köln oder München zu zeigen. Und wie zum Trost spielt das Radio: „You are not alone“.</p>
<p><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/beddd83334ee4205a4ec277bcf6fa84e" width="1" height="1" alt=""></p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/kirgistan/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>4</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
