<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title></title>
	<atom:link href="https://www.weltseher.de/tag/pakistan/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.weltseher.de</link>
	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Fri, 25 Sep 2015 01:37:33 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=5.4.16</generator>

<image>
	<url>https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/02/favicon1.png</url>
	<title>Pakistan &#8211; WELTSEHER</title>
	<link>https://www.weltseher.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Heile Welt in Gefahr</title>
		<link>https://www.weltseher.de/heile-welt-in-gefahr/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/heile-welt-in-gefahr/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Apr 2015 05:42:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pakistan]]></category>
		<category><![CDATA[Afghanistan]]></category>
		<category><![CDATA[China]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gilbert Kolonko]]></category>
		<category><![CDATA[Gojal]]></category>
		<category><![CDATA[Gulmit]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=4520</guid>

					<description><![CDATA[Im Norden Pakistans zwischen China und Afghanistan liegt die Region Gojal. Hier leben die Menschen gemeinschaftlich in Oasen voller Aprikosenbäume mit viel Respekt und Toleranz ihrem Nächsten gegenüber. Doch diese heile Welt steht vor großen Schwierigkeiten. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/heile-welt-in-gefahr/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong> Im Norden Pakistans zwischen China und Afghanistan liegt die Region Gojal. Hier leben die Menschen gemeinschaftlich in Oasen voller Aprikosenbäume mit viel Respekt und Toleranz ihrem Nächsten gegenüber. Doch diese heile Welt steht vor großen Schwierigkeiten.<br />
</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Obwohl einige der Kleinstadt- und Dorfbewohner noch in Stein-Lehmhäusern leben, sieht man auf den Straßen in der Region Gojal im Norden Pakistans keine armen Menschen &#8211;  aber auch keine reichen. Wer hier Geld hat, zeigt es, in dem er einen hohen Betrag für die Gemeinschaft spendet. Die Analphabetenrate in der neuen Generation ist gleich Null, und schon die Kleinsten mit ihren Schnoddernasen wachsen zwei- bis dreisprachig auf. Trotzdem leben die Alten und die Jungen noch gemeinsam in einem Haus.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Frauen auf dem Basar in der Ortschaft Gulmit strahlen in ihren langen, hochgeschlossenen Kleidern eine würdige Eleganz und ihr Lächeln eine Natürlichkeit aus. Die Polizisten sitzen mangels Beschäftigung meistens in den Teeläden am Hafen, wo sie die 6.000 Meter hohen Passu Kathedralen bewundern. Wenn die Uniformierten die Langweile zu erdrücken scheint, geht es auch mal zum 2.600 Meter hoch gelegenen Borith-See, in dem sich der 7.388 Meter hohe Ultar spiegelt. Hier hat die 63-jährige Frohnatur Mr. Khan sein Hotel und bevor es für mich einen Tee gibt, schmeißt er sein altes Radio an. Es wird dann zu den Klängen traditioneller Wachi-Musik gemeinsam über die Terrasse gehopst.</p>
<p style="text-align: justify;">Was wie das Paradies auf Erden scheint, nennt sich Hunza-Gojal und ist Heimat der Ismailiten, eine islamische Glaubensgemeinschaft. Das 8.500 Quadratkilometer große Gebiet liegt im Karakorum-Gebirge in Nord Pakistan und grenzt an China und den Wakhan Korridor zu Afghanistan. Nur etwa 20.000 Menschen leben in diesem riesigen Canyon, der gespickt ist mit atemberaubenden Siebentausendern und gewaltigen Gletschern. Diese machen sich die Menschen zu nutzen, um mit Hilfe von Wasserkanälen Oasen voller Aprikosen, Apfel- und Kirschbäume zu schaffen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Räuber der Seidenstraße</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn einem die Gojalis, wie die Bewohner der Region genannt werden, mit ihrem gutmütigen Blicken und toleranten Wesen mal wieder zu heilig erscheinen und man sich selbst voller Sünden vorkommt, hilft nur eins: „Ach, du alter Räuber der Seidenstraße, nun lass mal gut sein.“ Dann sieht man ein gespielt beschämtes Lächeln über das gegerbte Gesicht eines älteren Herrn huschen, denn natürlich war man auch hier nicht immer so „perfekt“. Von Orten wie dem 700 Jahre alten Gulmit Fort überfielen die Vorfahren der Gojalis Handelskarawanen auf dem Weg zur Seidenstraße.</p>
<div id="aesop-gallery-4523-1"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4523" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
																			data-width=""
																																						data-keyboard="true"
																			data-nav=thumbs																			data-allow-full-screen="native"
																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_karakorum_highway.jpg" data-caption="Auf dem Karakorum Highway geht  es in das Gojal-Tal -  oft auch zu Fuß" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_Passu-Gletscher.jpg" data-caption="Der Passu Gletscher" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_Kolonko_Borith-Lake.jpg" data-caption="Der Borith Lake in Gojal" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_Kolonko_Hafen_gulmit.jpg" data-caption="Der Hafen in Gulmin" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_Kolonko_bruecke.jpg" data-caption="Gojal ist nicht nur wegen seiner einmaligen Landschaft ein Vorbild" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_Mr-Khan-mit-Frau.jpg" data-caption="Mr. Kahn und seine Frau" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Gojal_kolonko_2010_enstandenen-Atabadsee.jpg" data-caption="Die Region Gojal hat immer noch mit den Folgen des im Jahre 2010 enstandenen Atabadsee zu kampfen." alt=""></div></div>
<p style="text-align: justify;">Auch das Denken war früher nicht so fortschrittlich: „Als ich vor 40 Jahren Besuch von einem Verwandten bekam, nahm der mich beim Abschied zur Seite und fragte tadelnd, was ich denn für ein Mann sei, da ich so freundlich zu meiner Frau sei“, erzählt mir ein alter Bewohner Gulkins. Doch als gegen Ende der Siebzigerjahre der Karakorum-Highway vom südlich gelegenen Rawalpindi endlich Gojal erreichte und über den 4.700 Meter hohen Khunjerab Pass nach China führte, kamen auch die Entwicklungsprogramme und Schulen der Aga-Khan-Stiftung.</p>
<p style="text-align: justify;">Aga Khan ist das geistige Oberhaupt der Ismailiten. Jetzt, im Jahr 2014, sind es Männer aus Dörfern wie Passu, die in den Süden Pakistans reisen und mit Hilfe von NGOs Entwicklungsarbeit leisten. „Geduld, man hatte sehr viel Geduld mit uns“, sagt mir ein älterer Herr aus Shishkot und fügt trocken hinzu: „Normalerweise fehlt bei Entwicklungsprogrammen die Nachhaltigkeit. Ein paar Schulen, Geld und dann verziehen sich die NGOs zum nächsten Ort“.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Riss zwischen den Generationen</h2>
<p style="text-align: justify;">Am Nachmittag auf dem Polo-Platz in Gulmit sitze ich mit einer angesehenen Persönlichkeit der hiesigen Gemeinschaft zusammen. Vor uns spielen die Jungen Fußball, während die Mädchen im Gemeinschaftshaus ein Seminar abhalten. Thema: Wie sehe ich Gojal in zehn Jahren. „Auch wir merken hier langsam die Kehrseiten des Fortschritts. Gerade die jungen Männer und Frauen, die aus dem Süden Pakistans zurückkommen, leben in einer Computer und Fernseh-Welt. Ihre Wünsche sind unrealistische Träume und sie haben die Fähigkeit verloren, unserer Gemeinschaft mit nützlichen Ideen weiter zu helfen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Während unserer Unterhaltung kommen Kinder und Jugendliche und grüßen meinen Gesprächspartner ehrerbietig und so sage ich kopfschüttelnd: „Und trotzdem lebt ihr in einer Gemeinschaft, die in der westlichen Welt ausgestorben zu sein scheint. Wie macht ihr das?“ Bescheiden lächelnd antwortet er: „Unser geistiges Oberhaupt Aga Khan gibt uns Ratschläge. Er sagt zum Beispiel, dass Rauchen oder das Trinken von Alkohol nicht gut für die Gesundheit sei. Doch wie man die Ratschläge umsetzt, bleibt jedem selbst überlassen. Toleranz. Toleranz ist das Fundament unserer Gemeinschaft, denn jeder Mensch hat sein eigenes Tempo.“</p>
<p style="text-align: justify;">Dieser Mikrokosmos ist umso bemerkenswerter, da das Schicksal die Menschen Gojals in den letzten Jahren hart getroffen hat. Der größte Schlag wurde schon im Jahr 2002 von einem tadschikischen Ingenieur vorausgesagt. Er machte die Gojalis darauf aufmerksam, dass sich 13 Kilometer vor Gulmit, an einer besonders engen Stelle des Canyons, ein großer Erdrutsch anbahnt. Trotzdem bauten die Menschen Gulmits weiter Häuser und Hotels an das Ufer des Hunza Flusses.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Handel und Tourismus versiegt</h2>
<p style="text-align: justify;">„Hätten wir die Menschen zwingen sollen?“, antwortete einer der damaligen lokalen Verantwortlichen auf meine Frage, warum die Menschen nach der Warnung nicht umgesiedelt worden sind. Im Januar 2010 passierte es dann. An exakt der vorausgesagten Stelle kam es zu einem riesigen Erdrutsch, der dem Hunza Fluss den Weg versperrte. Sieben Monate später hatte sich ein 23 Kilometer langer und 100 Meter tiefer See gebildet, der große Teile Gulmits überflutete und die Ortschaft Shishkot zu einer Insel machte.</p>
<p style="text-align: justify;">Heute ist der See immer noch 13 Kilometer lang und Gojal vom Rest Pakistans abgeschnitten und nur per Boot erreichbar, was den Verkauf der landwirtschaftlichen Produkte der Region unrentabel macht. Auch die andere Einnahmequelle der Gojalis, der Tourismus, ist völlig versiegt. Dafür ist nur teilweise der schlechte Ruf Pakistans verantwortlich. Noch bis vor ein paar Jahren gab es ein Visa on arrival am nördlichsten Grenzübergang Pakistans, in Sust, für ausländische Gäste, die aus China einreisten.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch nicht nur das wurde eingestellt: Auch in touristischen Hochburgen wie Nepal, Indien oder Thailand stellen die pakistanischen Konsulate keine Visa mehr aus. So verwundert es nicht, dass die Menschen im Norden Pakistans nicht vom „war against terrorism“ sprechen, sondern vom „war against tourism“. Zudem überschwemmt das Schmelzwasser des Gulkin-Gletscher in den letzten Sommern regelmäßig den Karakorum Highway Besonders für die Alten und Kranken ist der Fußmarsch durch das eiskalte Wasser eine Tortur. An manchen Tagen ist selbst das Durchwaten unmöglich und dann muss jeder zu Fuß über den Gletscher &#8211; mit Koffern, Kleinkindern oder der Ziege.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Warum sollen wir Indien hassen?&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich treffe die Kricket Mannschaft von Gulmit, die auf ihrem Rückweg von einer Niederlage im Charpursan Tal unterwegs ist. Einer von ihnen trägt ein Indien-Trikot und fünf andere Mützen mit der indischen Flagge. Als sie meinen verdutzten Gesichtsausdruck sehen, antwortet einer von ihnen lachend: „Warum sollen wir Indien hassen? Selbst unsere Polizisten hören indische Bollywood-Musik.“</p>
<p style="text-align: justify;">Am Borith-See hat Mr. Khan neben den ausbleibenden Gästen noch andere Probleme. Gemeinsam geht es auf den benachbarten schwarzen Gulkin-Gletscher. In der Mitte treffen wir auf ein großes Wasserloch, von dem Plastikrohre das Wasser hinunter ins Dorf transportieren: „Die Gletscher gehen zurück und beinahe jedes Jahr müssen wir neue Kanäle anlegen. Doch die Jungen ziehen der Arbeit wegen in die großen Städte nach Süd-Pakistan“, sagt Mr. Khan. Dann lacht er plötzlich, zeigt auf seinen angespannten Oberarm und fügt hinzu: „Aber wir Alten sind stark und wir werden kämpfen bis die Jungen wieder zurückkommen.“</p>
<p style="text-align: justify;">Vom Borith-See geht es eine Stunde Richtung Osten bis zum weißen Passu-Gletscher. In einem schmalen Streifen zwischen der Gletscher-Moräne und den schroffen Steinwänden des Borith Sar sind kleine Alpen. Von dort geht es auf den Gletscher, der um diese Jahreszeit wirkt wie eine riesige weiße Boa in unruhigem Schlaf. Überall kracht es, es öffnen sich Spalten und Flüsse fließen aus Eiswasser. Doch bevor ich mir einbilden kann, Reinhold Messner zu sein, kommt mir im Eislabyrinth ein Alter in abgelatschten Turnschuhen entgegen. Als ich ihm meine Bewunderung ausspreche, winkt er nur müde ab und sagt: „Im Frühling und Herbst laufen hier selbst unsere Kühe rüber.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Das Paradis wird weiter leben&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Zurück am Borith-See stehe ich mit dem Sohn von Mr. Khan auf der Hotel Terrasse. Die letzten Jahre studierte er in Peschawar und konnte seinem Vater nur in den Sommermonaten helfen. Ich sage ihm, dass ich das Paradies in Gojal langsam dahin schwinden sehe und nenne ihm einige Beispiele &#8211; unter anderem, dass die Jugend abwandert oder die Chinesen, die zurzeit den Karakorum Highway ausbessern und einen Tunnel oberhalb des Atabad Sees bauen.</p>
<p style="text-align: justify;">Sie überschwemmen die Gegend mit billigem Alkohol und ihr eher geschäftsorientiertes Verhalten scheint schon auf die Gojalis abzufärben, wie man an der Taxi Mafia am Hafen in Gulmit sieht: Mangels eines funktionierenden staatlichen Transportsystems saugen Einheimische Einheimische aus. „Nein, es sind nur ein paar wenige und auch sie muss man verstehen. Wir haben hier jede Möglichkeit, Geld zu verdienen, verloren. Doch auch die paar Menschen werden wieder zur Besinnung kommen. Unser Paradies mag zurzeit in Schwierigkeiten sein, aber schließlich sind es die Menschen, die es ausmachen. Ich werde auf jeden Fall zurückkommen und versuchen, unsere Traditionen mit dem zu ergänzen, was ich an der Universität lerne.“ Dann lacht er plötzlich wie sein Vater und fügt trotzig hinzu: „Das Paradies wird weiter leben.“</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/heile-welt-in-gefahr/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Chaos in Karatschi</title>
		<link>https://www.weltseher.de/chaos-in-karatschi/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/chaos-in-karatschi/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 13 Apr 2015 06:10:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pakistan]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gilbert Kolonko]]></category>
		<category><![CDATA[Karatschi]]></category>
		<category><![CDATA[Taliban]]></category>
		<category><![CDATA[Terror]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=4477</guid>

					<description><![CDATA[Offiziell ist Pakistan eine Demokratie und ein Helfer im Kampf gegen den Terror. Doch wie sieht es eigentlich im Land selber aus? Unser Autor reiste im September 2014 nach Karatschi und in die umliegende Provinz Sindh und berichtet von Terror, Korruption und Kriminalität.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/chaos-in-karatschi/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Offiziell ist Pakistan eine Demokratie und ein Helfer im Kampf gegen den Terror. Doch wie sieht es eigentlich im Land selber aus? Unser Autor reiste im September 2014 nach Karatschi und in die umliegende Provinz Sindh und berichtet von Terror, Korruption und Kriminalität.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Natürlich. Nawaz Scharif und Zardari sind über Nacht zu Demokraten geworden und die Taliban sind alle mit dem Boot in den Irak“, sagt ein Mittfünfziger mit gequältem Lächeln und deutet dabei über den abgesperrten Strand von Clifton aufs Arabische Meer. Dann fährt er fort: „Auch wenn die pakistanischen Taliban geschwächt sind und ihre Antwort auf den Einmarsch der pakistanischen Armee auf sich hat warten lassen. Vor drei Tagen ist der Sohn des schiitischen Führers in Karatschi erschossen worden und gestern gab es vor der Küste einen Angriff auf ein Boot der pakistanischen Marine – drei Soldaten wurden entführt. Das vor drei Wochen mehrere Maskierte in Karatschi drei Sufis in einem Schrein erschossen haben, gehört dagegen zum täglichen Wahnsinn in unserer Stadt.“</p>
<p style="text-align: justify;">Wir hatten über die derzeitigen Demonstrationen in Islamabad gesprochen, und die aktuelle Zurückhaltung der pakistanischen Taliban. Die Plakate von Leichen direkt neben der Absperrung des Strandes passt zu unserer Stimmung. Vor sechs Wochen sind hier an einem Tag 45 Menschen ertrunken, seitdem dürfen die eh schon gebeutelten Bürger Karatschis nicht einmal mehr an den Strand ihrer Stadt. Dabei ist er einer der wenigen Orte an dem man nicht Angst haben muss, ein Opfer der täglich etwa 20.000 verübten Straftaten Karatschis zu werden, oder eines der jährlichen 2500 Opfer ethnisch und politisch motivierter Auftragsmorde.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwar hatten die Polizei und die Rangers vor ein paar Monaten mehrere „Säuberungsoperationen“ durchgeführt, was die Bürger kurzfristig aufatmen ließ, doch fehlte auch diesmal die Nachhaltigkeit: Die großen politischen Parteien der 18 Millionen Einwohner Metropole sind weiterhin an der Macht – angeblich werden sie von Bandenchefs beherrscht.</p>
<h2 style="text-align: justify;"><strong>Taliban mischen bei Erpressung und Schutzgeld mit</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Auch die pakistanischen Taliban (TTP) wildern weiter in den vorwiegend mit Paschtunen bewohnten Außenbezirken Karatschis: Das tun sie nicht um missionarische Arbeit zu leisten; In Karatschi ist man zum Geldverdienen mit Erpressung und Schutzgeld. Dabei bevorzugen sie sogenannte weiche Ziele: die ethnischen Minderheiten.</p>
<div id="aesop-gallery-4485-2"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-4485" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
																			data-width=""
																																						data-keyboard="true"
																			data-nav=thumbs																			data-allow-full-screen="native"
																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Pakistan_Karatschi_gilbert_kolonko_Sadar_Basar.jpg" data-caption="Der Sadar Basar in Karatschi am Morgen" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Pakistan_Karatschi_gilbert_kolonko_polizei.jpg" data-caption="Empress Market in Karatschi" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Pakistan_Karatschi_gilbert_kolonko_Morgens.jpg" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Pakistan_Karatschi_gilbert_kolonko_Manghopir_Schrein.jpg" data-caption="Manghopir Schrein" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/04/Pakistan_Karatschi_gilbert_kolonko_Lee_market_in.jpg" data-caption="Lee Mar­ket im Stadt­teil Lyari in Karatschi" alt=""></div></div>
<p style="text-align: justify;">„Die Taliban spazieren einfach in die Wohnungen unserer Mitglieder, die in den illegal gebauten Siedlungen in den Randbezirken Karatschis liegen. Im besten Falle stellen sie die jeweilige Familie vor die Wahl, eine hohe Geldsumme an sie zu zahlen oder das Haus zu verlassen. In der Regel übernehmen die Taliban einfach die Wohnung oder das Haus. Wir haben in diesem Land keine Lobby“, erzählte mir ein Angehöriger der islamischen Sondergemeinschaft Ahmadiyya vor kurzem nicht zum ersten Mal. Unter der Bhutto Regierung wurden die Ahmadyyas in den Siebzigerjahren per Gesetzt als Nicht-Muslime eingestuft. Ihr Makel: Sie glauben nicht, dass Mohamed der letzte Prophet war. Auch in ihrem Fall hat keine der demokratisch gewählten Regierungen, die seit sechs Jahren das Land regieren, nur einen Finger gekrümmt.</p>
<h2 style="text-align: justify;"><strong>Vater und Sohn auf offener Straße erschossen</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Am nächsten Tag stehe ich etwas ratlos vor einem Stand mit Fruchtsäften am Lee Market im Stadtteil Lyari. Eigentlich sollte dort einer meiner bevorzugten Teestände sein. Da kommt einer der stämmigen Lastenkutscher und schlägt mir lachend etwas zu kräftig auf die Schulter: „4000 US-Dollar Schulden. Weg ist er.“ Dann zwinkert er mir zu und sagt leise aber freudig grinsend: „No problem. Er ist Okay.“</p>
<p style="text-align: justify;">Die Freude, dass mal ein kleiner Teeverkäufer die „Großen“ übers Ohr gehauen hat, ist dem Lastenkutscher deutlich anzumerken. Noch gestern war hier in der Nähe ein Vater und sein dreijähriger Sohn auf offener Straße erschossen worden; einfach so. Ob das Opfer den Schutzgeldforderungen der hiesigen Banden nicht nachgekommen ist, oder ob ein anderer Grund hinter der Hinrichtung stand, wird wohl auch diesmal nicht aufgeklärt werden.</p>
<p style="text-align: justify;">Fest steht nur, dass in Lyari immer noch die P.P.P (Pakistan People Party) das Sagen hat, eine der zwei großen demokratischen Parteien Pakistans. Ihr Parteivorsitzender Zardari steht gerade in Islamabad Nawaz Scharif bei, um die Demokratie Pakistans zu retten. In Lyari, der wichtigsten Handelsgegend Karatschis, stützt sich die P.P.P zum Machterhalt auf die Schusskraft bewaffneter Banden und den hier lebenden Belutschen.</p>
<h2 style="text-align: justify;"><strong>Ohne Geldquellen gibt es keine Macht</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Den Rest der Innenstadt kontrolliert die MQM, die die 1947 aus Indien übergesiedelten Mohajirs vertritt. Sie ist die am besten organisierte „Gang“ Karatschis und hat laut Dokumenten, die Wikileaks veröffentlicht hat, bis zu 25.000 Mann unter Waffen. Das sind etwa 7000 mehr als die Polizei Karatschis, wenn man die Beamten abzieht, die als Personenschutz für Politiker und andere V.I.P abgestellt sind. So bleibt ein Polizist zum Schutz von 1524 Bürgern Karatschis übrig. In London ist das Verhältnis 1 zu 152.</p>
<p style="text-align: justify;">Am nächsten Morgen sitze ich in einem der buntverzierten Rumpelbusse der Stadt. Neben mir ein junger Mann der Bohra, einer Abzweigung der Sunniten. Letzte Woche sei er auf der gleichen Buslinie ausgeraubt worden, erzählt er, und der Rest der Businsassen dazu: „Vor den letzten Wahlen kam der MQM-Führer unserer Gegend ins Gemeindezentrum und erklärte ganz offen, dass sie rausfinden werden, wenn wir ihm nicht unsere Stimmen geben. Dann hätten wir als religiöse Minderheit niemanden mehr, der uns bei stehte“.</p>
<p style="text-align: justify;">Kurz darauf stehe ich auf dem Empress Markt, wo auf dem kolonialen Uhrenturm die rote Fahne der Awami Liga (ANP) mittlerweile in Fetzen hängt. Sie war die dritte politische Kraft Karatschis und kurz davor, der MQM militärisch gefährlich zu werden. Aber die Taliban waren in den Randbezirken einfach die brutalere Gang und haben die Geldquellen der ANP übernommen. Doch wie sagte ein Einheimischer letztes Jahr zu mir: „Weiter als Orangi werden die Taliban nicht nach Karatschi vorstoßen. Hier ist es nicht, wie in ihren Bergen.&#8220;</p>
<h2 style="text-align: justify;"><strong>Tausende fliehen nach Karatschi, wieso?</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Die MQM habe jahrzehntelange Erfahrung im Großstadtkrieg. Bis jetzt hat der Mann Recht behalten. Ansonsten ist am Empress Markt alles beim alten. Hunderte obdachlose Männer und Frauen sitzen vor den Restaurants und warten auf kostenlosen Tee und Fladenbrot, während die Raubvögel durch die Gassen schweben. Obwohl es auch den kleinen Geschäftsbesitzern Karatschis wirtschaftlich nicht gut geht, scheint es für sie eine moralische Pflicht, jeden Hungrigen mit einem Frühstück zu versorgen. An kaum einem anderen Ort ist Herzlichkeit reiner und klarer zu erkennen. Vielleicht weil sie in Karatschi inmitten von lähmender Angst und brutaler Gewalt gelebt wird.</p>
<p style="text-align: justify;">Täglich strömen Tausende mehr in die Mega-Metropole. Die Balutschen und Paschtunen fliehen vor den bewaffneten Auseinandersetzungen in ihren Regionen. Warum die restlichen Landbewohner an einen Ort wie Karatschi flüchten, wird verständlich, sobald man den Blick in die ländlichen Gegenden nördlich wirft: Ansammlungen von Lehmhütten mit Strohdächern, umgeben von Feldern auf denen Baumwolle, Chili und Getreide angebaut wird. Dahinter karge Steinwüste, dann wieder ein paar Lehmhütten. Die Namen der Dörfer spielen keine große Rolle, auch nicht ob die Bewohner Hindus, Christen oder Muslime sind. Von Karatschi bis hinunter zur Provinz Punjab sieht es in der Region Sindh beinahe überall gleich aus.</p>
<h2 style="text-align: justify;"><strong>Kreislauf der Abhängigkeit</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Beinahe gleich sind auch die Bedingungen unter denen die Dorfbewohner leben. Die Hälfte der Ernte hat man den Landlords abzugeben, viele der Schulen werden als Lagerhäuser benutzt. Funktionierende Krankenhäuser sind rar. Die großen Landlords sind gleichzeitig auch die gewählten Volksvertreter und in der Regel vertreten sie die Partei der Bhutto Familie, die Pakistan People Party (PPP). Diese hat ihren Sitz in Larkana. Wenn man in Enzyklopädien nachschlägt, trifft man in Verbindung mit den Bhuttos öfter auf die Wörter: linksliberal, demokratisch, sozial. Trotzdem reicht auch für die Lebensbedingungen der Untertanen der Bhuttos in Larkana ein Wort aus. Mittelalter.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Rechtfertigungen der „Könige“ des Sindhs klingen nicht anders als ihrer „Kollegen“ in Indien oder Nepal: „Wir geben ihnen Arbeit und Unterkunft. Sie sind wie unsere Kinder, ohne uns würden sie doch verhungern.“ Schulen und Bildung würden den jahrhundertealten Kreislauf der Abhängigkeit wohl nur stören; das wissen auch die Bhuttos. So wurde in den Jahren 2008 bis 2013, als die Bhuttos mit ihrer PPP nicht nur Sindh sondern auch Pakistan regierten, der eh schon mickrige Bildungsetat weiter gekürzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Der jetzige Premier Pakistans, Nawaz Scharif, ist zwar Industrieller, aber da auch er nicht an den Pfeilern des jahrhundertealten Abhängigkeitsverhältnisses zwischen „König“ und Untertanen rüttelt, sind auch ihm die Stimmen der Landlords seiner Region Punjab gewiss. Dass auch seine Partei, die PML-N, ein Familienunternehmen ist, in dem der Vorsitzende nicht gewählt sondern bestimmt wird, ist da beinahe logisch.</p>
<h2 style="text-align: justify;"><strong>Alles hängt miteinander zusammen</strong></h2>
<p style="text-align: justify;">Doch einen Unterschied nannte mir einer der wenigen gebildeten Mittelständler der Provinz. „Egal ob die Scharifs oder die Bhuttos, beide sind sie korrupt. Doch während die Bhuttos einen großen Teil ihres Vermögens ins Ausland bringen, investieren die Scharifs ihr gestohlenes Geld wieder in den Punjab.“ Deshalb gebe es in Lahore zumindest drei Mal so viel Polizisten pro Einwohner wie in Karatschi.</p>
<p style="text-align: justify;">Alles hängt hier miteinander zusammen: Dass Sharifs Gegenspieler Imran Khan bei den letzten Wahlen im Mai 2013 halb so viele Stimmen erringen konnte, aber sechs Mal weniger Parlamentssitze bekam. Dass gerade Teile der Mittelklasse Pakistans in Islamabad auch mit undemokratischen Mitteln wirkliche Demokratie erzwingen wollen. Dass Menschen so verzweifelt sind, dass sie an einen Ort wie Karatschi flüchten. Dass die pakistanischen Taliban nur als eine von vielen kriminellen Gruppen sich in Karatschi ihre Kriegskasse auffüllen können.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="su-tabs su-tabs-style-default su-tabs-mobile-stack Infopakst" data-active="1" data-scroll-offset="0"><div class="su-tabs-nav"><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Anmerkung des Autors</span><span class="" data-url="" data-target="blank" tabindex="0" role="button">Reisewarnung des Auswärtigen Amtes</span></div><div class="su-tabs-panes"><div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Anmerkung des Autors">&#8222;Bei meinem letzten Besuch in Karatschi, kurz nach dem Schulmassaker im November 2014 in Peschawar wurden allein in zwei Feuergefechten 16 Taliban von der Polizei erschossen. Im Jahr 2014 wurden im Schnitt jeden Tag mehr als 9 Menschen in Karatschi Opfer eines Gewaltverbrechens (In ganz Deutschland sind es etwa 0.8 am Tag). Aktuell steht eine neue großangelegte &#8222;Säuberungsaktion&#8220; der Rangers und der Polizei in Karatschi an; die gefühlte 108 in den letzten Jahren. Doch der Schlüssel zu einer Befriedung Karatschis ist meiner Meinung nach der Multi-Millionär Altaf Hussain. Er ist der Führer der MQM und zieht von seinem Exil in London aus die Fäden in der Partei. Gerade trat er von seinem Posten als Vorsitzender zurück, das gefühlte 109 Mal, nur um kurz darauf vom Rücktritt zurück zu treten. Wenn ihm das Handwerk gelegt werden könnte, würde die MQM in kürzester Zeit unter internen Machtkämpfen zusammenbrechen. Doch da in Pakistan eine große politische Krähe der anderen nicht das Auge aushackt (mal abgesehen von Imran Khan), sind derzeit die englischen Behörden die einzige Hoffnung: da sie ein Verfahren wegen Geldwäsche gegen Altaf eröffnet haben. Nebenbei ist Imran Khan wieder ins pakistanische Parlament zurückgekehrt nachdem er  er mit seinen Anhängern mehre Monate die Gegend vor dem Parlamentsgebäude in Islamabad besetzt hatte. Seine Anhänger hoffen, dass er dieses Mal mit Taten in seiner Provinz Khyber Pakhtunkhwa, die aktuelle Form von Demokratie in Pakistan zu Fall bringen kann.&#8220;</div>
<div class="su-tabs-pane su-u-clearfix su-u-trim" data-title="Reisewarnung des Auswärtigen Amtes">&#8222;In Karachi kommt es häufig zu innenpolitisch, religiös, ethnisch oder kriminell motivierten Anschlägen und Auseinandersetzungen bis hin zu bewaffneten Straßenschlachten. Wegen der angespannten Sicherheitslage und der hohen Kriminalität sollte vom Besuch abgelegener Stadtbezirke abgesehen werden. Vor Stadterkundungen sollte ortskundiger Rat eingeholt werden. Generell empfiehlt sich für Besucher eine enge Abstimmung ihrer Reisepläne mit den Partnern vor Ort oder mit dem deutschen Generalkonsulat in Karachi. Auch im inneren Sindh besteht eine Gefährdung durch hohe Kriminalität.&#8220; <a href="http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/PakistanSicherheit.html" target="_blank">Stand 12.4.2015</a></div></div></div>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/chaos-in-karatschi/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>1</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Plötzlich Terroristen</title>
		<link>https://www.weltseher.de/ploetzlich-terroristen/</link>
					<comments>https://www.weltseher.de/ploetzlich-terroristen/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 02 Feb 2015 06:36:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Pakistan]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Benedict Karl]]></category>
		<category><![CDATA[Bild]]></category>
		<category><![CDATA[Khyber Pass]]></category>
		<category><![CDATA[Konflikte]]></category>
		<category><![CDATA[Marcus Karl]]></category>
		<category><![CDATA[Peshawar]]></category>
		<category><![CDATA[Stammesgebiete]]></category>
		<category><![CDATA[Terroristen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://siehdiewelt.com/?p=3827</guid>

					<description><![CDATA[Ende April 2014 schafften es zwei Brüder aus Berlin unfreiwillig auf die Titelseite der "BILD"-Zeitung. Die Schlagzeile: "Zwei deutsche Extremisten in Pakistan gefasst!" Doch die vermeintlichen Terroristen waren nur Touristen. Einer der Brüder berichtet auf SIEH DIE WELT, wie es dazu kam.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ploetzlich-terroristen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Ende April 2014 schafften es zwei Brüder aus Berlin unfreiwillig auf die Titelseite der &#8222;BILD&#8220;-Zeitung. Die Schlagzeile: &#8222;Zwei deutsche Extremisten in Pakistan gefasst!&#8220; Doch die vermeintlichen Terroristen waren nur Touristen. Einer der Brüder berichtet auf WELTSEHER, wie es dazu kam.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Es ist Frühling in Pakistan. Die Sonne schmilzt nach und nach die letzten Gebirgspässe im Nordwesten frei. Das Land atmet auf und die Menschen tun es auch. Mein kleiner Bruder, ein alter Freund und ich setzen unsere Reise nach sechs Wochen voller schöner Momente und gastfreundlicher Menschen fort.</p>
<p style="text-align: justify;">Wir wollen weiter gen Westen &#8211; nach Afghanistan. Mit den nötigen Visa ausgestattet bleibt nur die Frage, wie wir dahin gelangen sollen. Der kurze Flug von der grenznahen Stadt Peshawar nach Kabul ist uns entschieden zu teuer. Und nicht nur das: Ein Flug erscheint uns dreien auch äußerst langweilig.</p>
<p style="text-align: justify;">Also reisen wir auf dem Landweg. Doch unseren Freund müssen wir zurücklassen. Ihm geht es nicht gut. Das Essen in den Straßenrestaurants hat ihn krank gemacht. Wahrscheinlich, weil man dort die fettigen Teller nur mit schmierigen Lappen trocken abwäscht. Notgedrungen muss er später mit dem Flugzeug nachkommen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Über den Chaiber-Pass nach Afghanistan</h2>
<p style="text-align: justify;">Mein Bruder Benedict und ich fahren nach Peshawar nahe der Grenze zu Afghanistan. Vor Ort versuchen wir uns schlau zu machen, wie es mit der Einreise per Bus über den berühmten Chaiber-Pass (engl. Khyber Pass) aussieht. Es ist die einzige offizielle Straßenverbindung zwischen Pakistan und Afghanistan. Überall hören wir uns um. Doch von jedem bekommen wir eine andere Antwort. Viele Einheimische haben Bedenken. Zu unsicher sei die Route über den Pass.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Weg über den Chaiber Pass ist berühmt-berüchtigt für Überfälle und Entführungen. Offizielle Stellen raten von einer Grenzüberquerung in dieser Region ab, weil ein Großteil der Strecke durch die gefürchteten &#8222;Tribal Areas&#8220; führt &#8211; die Stammesgebiete im Grenzgebiet der beiden Länder, die ihren ganz eigenen Gesetzen unterliegen.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-terrorist-widerwill-pakistan-1" style="max-width:1200px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1200:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-terrorist-widerwill-pakistan-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-terrorist-widerwill-pakistan-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-terrorist-widerwill-pakistan-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="160000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/pakistan_kuhn_kreuzung_polizei-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der Aabpara-Market in Islamabad. Die Stadt wurde in den 1960er am Reißbrett entworfen und ist vergleichsweise modern und progressiv. Gute Infrastruktur, hohes Bildungslevel und Frauen können sich hier auch mal ohne Kopftuch bewegen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/pakistan_kuhn_esel_karren-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Altstadt von Peshawar. Pferde und Esel sind abseits der großen Straßen noch immer häufig vertreten, da sie sich auch bei Stau und schlechten Straßenzuständen gut bewegen und zudem eine Menge transportieren können.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/pakistan_kuhn_bus_strasse-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Der öffentliche Verkehr läuft im Norden meist mit den kleinen Suzuki-Bussen, da nur diese mit völliger Überladung die horrenden Steigungen meistern können. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/Pakistan_kuhn_aufm-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Um nicht zu sehr in Pakistan und besonders in der Grenzregion aufzufallen, haben sich die beiden Brüder und ihr Freund Bärte wachsen lassen. Zudem tauschten sie ihre Jeans gegen einen gemütlichen Shalwar-Kamiz.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-terrorist-widerwill-pakistan-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1200px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/pakistan_kuhn_kreuzung_polizei-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/pakistan_kuhn_esel_karren-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/pakistan_kuhn_bus_strasse-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/Pakistan_kuhn_aufm-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div>
<p style="text-align: justify;">Das Gebiet ist außerdem als Rückzugsort für die Taliban bekannt. Das gilt allerdings eher für den südlichen Teil der Stammesgebiete. Als wir schließlich in der Region Chaiber ankommen, wimmelt es nur so von Polizisten und Soldaten. Das erzeugt bei uns ein Gefühl relativer Sicherheit.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Ohne Sondergenehmigung läuft nichts</h2>
<p style="text-align: justify;">Zudem haben wir uns in den Wochen zuvor ordentliche Bärte wachsen lassen. Statt Hemd und Jeans tragen wir nun konsequent die in der Region üblichen Shalwar Kamiz, einen Zweiteiler aus einer Pumphose und einer Art Nachthemd. Damit sind wir als Europäer in dieser Gegend zwar nicht unsichtbar aber zumindest deutlich weniger auffällig. Oft verwechseln uns die Menschen mit Paschtunen. Die traditionelle Kopfbedeckung macht unsere Verkleidung komplett.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach einigen Tagen in der geschichtsträchtigen Hauptstadt der Paschtunen versuchen wir unser Glück. Um zur afghanischen Grenze zu gelangen, müssen wir zunächst zum Karkhano Market, dem letzten westlichen Ausläufer von Peshawar. Mitten auf dem Markt verläuft die unsichtbare Grenze zu den Stammesgebieten. Von hier aus soll es möglich sein, einen Bus zu ergattern – oder notfalls auch für 20 US-Dollar ein Taxi zu der 50 Kilometer entfernten Landesgrenze zu nehmen.</p>
<p style="text-align: justify;">Nahe dem berüchtigten Schmugglerbasar an der Busstation sagt uns jemand, dass hier ohne eine Sondergenehmigung nichts laufen wird. Und dann auch das noch: Das zuständige Büro in der Stadt ist für die nächsten drei Tage geschlossen. Drei Tage! Das ist nichts, was ein Reisender gern hört, schon gar nicht, wenn er unbedingt weiter fahren möchte. Einige ominöse und verwegen aussehende Taxifahrer bieten uns an, uns auf Schleichwegen zur Grenze zu bringen – doch ihnen steht eine gewissenlose Durchtriebenheit ins Gesicht geschrieben. Wir lehnen dankend ab. Resigniert spazieren wir über den Markt und gönnen uns eine Limonade, um die ganze Sache in Ruhe zu überdenken. Das Resultat ist einfach, wir geben unsere Pläne mit der Afghanistanreise auf.</p>
<div id="aesop-parallax-component-3827-1"  class="aesop-component aesop-parallax-component ">
			<script>
				jQuery(document).ready(function($){

				    					var img 	  = $('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-3827-1 .aesop-parallax-sc-img')
					, 	
					setHeight = function() {

					        							if ($('#aesop-parallax-component-3827-1').height() > img.height()) {
								$('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-3827-1').css('height',img.height());
								$('#aesop-parallax-component-3827-1').css('height',img.height());
							}

						}

					$(window).on('load',function(){
					    setHeight();
					});
					

					$(window).resize(function(){
						setHeight();
					});
									
							    var img 	  = $('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-3827-1 .aesop-parallax-sc-img');
								img.parallax({speed: 0.1});

							
								var obj = $('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-3827-1 .aesop-parallax-sc-floater');
					
								function scrollParallax3827_1(){
									var height 			= obj.height(),
										offset 			= obj.offset().top,
										scrollTop 		= $(window).scrollTop(),
										windowHeight 	= $(window).height(),
										floater 		= Math.round( (offset - scrollTop) * 0.1),
										floaterposition = 'left';
										direction = 'up';
										
									// only run parallax if in view
									var rect = $(obj)[0].getBoundingClientRect();

									if (rect.bottom<=0 || (rect.top+100) > $(window).height()) 
									{
										return;
									}		

                                    //scroll ratio									
									var ratio = 1.0-(rect.bottom/($(window).height()+(rect.bottom-rect.top-100)));
																		   var dist = (obj.parent().height())*0.33;
																		
									
									if (direction =='right') {									
										obj.css({'transform':'translate3d('+ratio*dist+'px, 0px, 0px)'});
									} else if (direction =='left') {
										obj.css({'transform':'translate3d(-'+ratio*dist+'px, 0px, 0px)'});
									} else if (direction =='up') {
										obj.css({'transform':'translate3d(0px, -'+ ratio*dist+'px, 0px)'});
									} else if (direction =='down') {
										obj.css({'transform':'translate3d(0px, '+ ratio*dist+'px, 0px)'});
									}
								} // end if on floater
								scrollParallax3827_1();
								$(window).scroll(function() { scrollParallax3827_1(); });
							
											}); // end jquery doc ready
			</script>

						  <figure class="aesop-parallax-sc aesop-parallax-sc-3827-1" style="height:500;">
			
				
									<div class="aesop-parallax-sc-floater floater-left" data-speed="10">
											</div>
				
									<a class="aesop-lb-link aesop-lightbox" rel="lightbox" title="" href="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/pakistan_kuhn_dorf_altermann_trenner.jpg"><i class="aesopicon aesopicon-search-plus"></i></a>
								    <img class="aesop-parallax-sc-img is-parallax" src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/pakistan_kuhn_dorf_altermann_trenner.jpg" alt="pakistan_kuhn_dorf_altermann_trenner.jpg" >
				
				
			</figure>

			
		</div>

		
<h2 style="text-align: justify;">Per Zufall illegal ins Stammesgebiet</h2>
<p style="text-align: justify;">Vor dem Heimweg wollen wir uns noch schnell etwas zum Essen kaufen und in Ruhe über den Markt flanieren. Unbedacht schlendern wir durch die Marktgassen und vergessen, dass irgendwo auf diesem Markt die unsichtbare Grenze zu den Stammesgebieten verläuft. Kein Schild weist einen darauf hin. Aber irgendwo, für uns zu dem Zeitpunkt leider unbekannt, gibt es einen Grenzposten.</p>
<p style="text-align: justify;">So kommt es, dass wir keine zehn Meter vor einer Kebab-Bude von einem Polizisten angesprochen und zu seinem Vorgesetzten geführt werden. Die Grenzstation befindet sich am hinteren Ende des Marktes. Der Vorgesetzte, ein dicklicher Mann mit Brille und Schnauzer, erhebt sich sofort mit einem Lächeln von seinem Stuhl und bietet ihn meinem Bruder an. Ein weiterer Herr mit Schnauzbart macht eine weitere Sitzmöglichkeit für mich frei.</p>
<p style="text-align: justify;">Es folgt ein kurzes Gespräch. Wie sich dabei herausstellt, waren wir ohne es zu wissen hinter den Straßengrenzposten geschlendert. Soweit ist das offenbar aber erst einmal kein Problem. Die Beamten sind freundlich und entspannt. Jedenfalls so lange, bis ein junger und übermotivierter Kamerad ins Zimmer kommt und wild mit seinem Finger vor unserer Nase herumfuchtelt. Er macht uns noch einmal lautstark deutlich, dass wir hier bereits in den Stammesgebieten seien und das ja eigentlich nicht erlaubt sei.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Weiter Richtung Grenze, oder doch nicht?</h2>
<p style="text-align: justify;">Wir erklären erneut unser Anliegen, nach Afghanistan reisen zu wollen. Die Polizisten geben uns Limonade. Nach gemeinsamen Herumalbern, versprechen sie uns, per Telefon eine Genehmigung zu erwirken.</p>
<p style="text-align: justify;">Voller Freude hüpfen mein Bruder und ich auf einen Pickup, der uns durch das berühmte Chaiber-Tor fahren und in eine größere Grenzstation in Jamrud bringen soll. Wir düsen in Zielrichtung ab und lassen Pakistan zurück. In diesem Moment, so denken wir, sieht alles wieder gut aus. Wir haben mal wieder mehr Glück als Verstand. Zu dem Zeitpunkt ahnen wir nicht, wohin unsere Reise noch führen wird.</p>
<p style="text-align: justify;">In Jamrud ist man uns ebenfalls sehr freundlich gesonnen. Wir werden direkt zum Chef der Polizeistation geführt, der davon von seinem Nickerchen auf einer Liege geweckt wird. Wir setzen uns, sprechen belangloses Zeug und im Minutentakt kommen neue, scheinbar noch wichtigere Persönlichkeiten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Ausweise und frittierte Hühnchen</h2>
<p style="text-align: justify;">Jedes Mal läuft es auf dieselbe Art ab. Begrüßen und Smalltalk: &#8222;Wie geht&#8217;s? Bist du verheiratet? Wie findest du Pakistan? Bist du Moslem? Deutsche sind unsere Brüder!&#8220; Alles scheint einem festgelegten Prozedere zu folgen. Als dann der Raum zum Bersten voll ist und wir unsere Geschichte bereits vier Mal aufs Neue erzählt haben, macht jemand eine bedeutsame und ernste Ansage. Fast alle verlassen nun den Raum.</p>
<p style="text-align: justify;">Also alles wieder auf Anfang. Nach und nach tröpfeln neue Gestalten herein und das große Begrüßen und Erzählen beginnt aufs Neue. Wir bekommen langsam Kohldampf und reiben uns auffällig unauffällig die Bäuche. Diese subtile Botschaft wird verstanden. Jemand schickt einen Jungen los, um frittiertes Hühnchen zu besorgen. Als das Essen eintrifft, rollen sie auf dem Boden ein Tischtuch aus und wir langen kräftig zu. Plötzlich springen alle auf und drücken den Rücken durch.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein junger dicker Mann in weißer, traditioneller Kleidung betritt den Raum, grüßt alle gelangweilt und blättert mit ernster Miene in unseren Pässen. Das hatten 15 andere Männer vor ihm auch schon getan. Doch diesmal ist es anders. Während sich der Dicke mit unseren Ausweisen beschäftigt, schauen die anderen Anwesenden ausdruckslos an die Zimmerwände. Keiner macht einen Mucks. Nur der Zweitwichtigste im Raum murmelt mit unterwürfigem Ton Erklärungen zu unseren Pässen und assistiert beim Blättern.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Zurück nach Peshawar</h2>
<p style="text-align: justify;">Die zuvor fröhliche und ausgelassene Stimmung ist mit dem Neuankömmling stark abgekühlt. Eine weitere Person in Zivil kommt hinzu und blättert in unseren Ausweisen und greift zum Telefon. Mit mitleidiger Stimme teilt er uns schießlich mit, dass der Landweg für uns leider nicht möglich sei. Er habe alles versucht, aber der Weg sei nicht ungefährlich, selbst mit einer Militäreskorte, die man uns selbstverständlich stellen wollte.</p>
<p style="text-align: justify;">Schade! Es war ein netter Versuch und zudem ein spannendes Intermezzo mit der Tribal-Police. Zum Abschied versammelt sich die gesamte Belegschaft auf dem Innenhof der Polizeistation. Wir verabschieden uns mit Handschlag und Umarmung und bekommen ein paar Polizisten, mit Kalaschnikows bewaffnet, als Geleitschutz für die Rückreise nach Peshawar mit. Wir gucken dann aber nicht schlecht, als der Pickup nicht direkt zurück in die Stadt fährt, sondern unterwegs zu einer anderen Polizeistation abbiegt. Wir sind höchst verwirrt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die neuen Polizisten sind deutlich beschäftigter, das Büro ist voller Menschen und wir werden nicht gefragt, was denn bei uns eigentlich Sache sei. Die Beamten beginnen gleich mit dem massenhaften Kopieren unserer Pässe. Scheinbar braucht jeder der Anwesenden mit Sternen auf der Schulter sein ganz persönliches Exemplar. Zudem studiert jeder Einzelne mit höchster Konzentration unsere Papiere.</p>
<div id="aesop-parallax-component-3827-2"  class="aesop-component aesop-parallax-component ">
			<script>
				jQuery(document).ready(function($){

				    					var img 	  = $('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-3827-2 .aesop-parallax-sc-img')
					, 	
					setHeight = function() {

					        							if ($('#aesop-parallax-component-3827-2').height() > img.height()) {
								$('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-3827-2').css('height',img.height());
								$('#aesop-parallax-component-3827-2').css('height',img.height());
							}

						}

					$(window).on('load',function(){
					    setHeight();
					});
					

					$(window).resize(function(){
						setHeight();
					});
									
							    var img 	  = $('.aesop-parallax-sc.aesop-parallax-sc-3827-2 .aesop-parallax-sc-img');
								img.parallax({speed: 0.1});

											}); // end jquery doc ready
			</script>

						  <figure class="aesop-parallax-sc aesop-parallax-sc-3827-2" style="height:500;">
			
				
				
									<a class="aesop-lb-link aesop-lightbox" rel="lightbox" title="" href="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/pakistan_kuhn_maenner_gruppe.jpg"><i class="aesopicon aesopicon-search-plus"></i></a>
								    <img class="aesop-parallax-sc-img is-parallax" src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/pakistan_kuhn_maenner_gruppe.jpg" alt="pakistan_kuhn_maenner_gruppe.jpg" >
				
				
			</figure>

			
		</div>

		
<h2 style="text-align: justify;">Die Alpen sind auch schön</h2>
<p style="text-align: justify;">Besonders mein Pass gibt den Männern in Uniform große Rätsel auf. Bis auf eine Seite ist dieser voll mit Visa und Stempel aller Herren Länder. Meine Erläuterungsversuche, was es mit den vielen Reisen auf sich hat, treffen aber nur auf Unverständnis. Stattdessen werden wir wieder mit Limonade versorgt. Polizisten und Zivilisten geben uns ihre privaten Nummern und wollen sich mit uns verabreden oder bieten an, dass man sie im Ernstfall kontaktieren solle.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein kollektiver Ratschlag der Anwesenden lautet: Wir sollen besser wegfliegen. Und zwar nicht nach Kabul, sondern eher zurück nach Deutschland. Die Alpen seien doch auch ganz wunderbar. Zumindest glaubt einer der Anwesenden, das einmal im Fernsehen gesehen zu haben. Es formiert sich eine Art gut gemeinte Abschiebe-Front gegen uns. Von verschiedenen Seiten quasseln die Leuten auf uns ein, unser Reiseziel spontan um einige Tausend Kilometer nach Westen zu verlegen.</p>
<p style="text-align: justify;">Plötzlich betreten zwei Männer mit einer Kamera den Raum. An uns haben sie offenbar kein Interesse – sie sprechen nur mit dem Chef. Ohne uns weiter etwas dazu zu denken, plaudern wir weiter mit den beiden Soldaten. Doch kurze Zeit später bekomme ich eine SMS von einem pakistanischen Freund. Er habe uns gerade in den Nachrichten im Fernsehen gesehen. Die Meldung lautet: &#8222;Two German nationals were arrested, illegally passing to Afghanistan through the tribal area Khyber Agency.&#8220;</p>
<h2 style="text-align: justify;">Für unsere persönliche Sicherheit</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Abend ist längst angebrochen, als wir endlich gehen dürfen. Die Polizisten sagen uns, dass wir in ein Hotel in Peshawar gefahren werden. Die Beamten rufen ihre Kollegen vor Ort an und kündigen uns an. Inzwischen sind seit unserem Aufgreifen auf dem Markt gute fünf Stunden vergangen. Ausruhen wäre schön. Stattdessen sollen wir nun noch in der Polizeistation neben dem Hotel vorsprechen. Es gehe um unsere persönliche Sicherheit, heißt es.</p>
<p style="text-align: justify;">Langsam zehrt das Ganze an unseren Nerven. Wir sind müde und haben alles gesagt, was gesagt werden muss. Wieder springen wir auf den Pickup. In der Polizeistation in der Altstadt beginnt das Spiel nun zum dritten Mal von vorne. Die Schranke zum Innenhof des Geländes geht hoch, die Tore öffnen sich, Maschinengewehrschützen salutieren. Hinter den Mauern im Hof steht das ausgebrannte Auto vom letzten großen Anschlag auf die Station. Hier sind die Sicherheitskräfte deutlich nervöser. Ich muss daran denken, wie ein einheimischer Freund mir erklärte, dass die Polizei sich in der Stadt hauptsächlich selbst schützen müsse.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wir sind Brüder und Gäste</h2>
<p style="text-align: justify;">Wieder werden die Daten der Pässe abgeschrieben und massenhaft Kopien angefertigt. Wieder sind die Diensthabenden durcheinander. Wieder erscheinen Leute mit Kameras, setzen sich auf die andere Seite des Raumes und versuchen uns unauffällig zu filmen. Das rote Licht an der Kamera leuchtet auf, also stützen wir den Kopf auf die Hände und kratzten uns im Gesicht. Mein Bruder steht irgendwann auf, möchte die Aufnahmen sehen und schaut dem Typen über die Schulter. Mein Gesicht ist in der Großaufnahme, also fordert er streng: &#8222;Stop filming!&#8220; – worauf jener nur &#8222;No problem!&#8220; erwidert – und weiterdreht.</p>
<p style="text-align: justify;">Wir beschweren uns bei den Polizisten, finden aber kein Gehör. Erst als einer der Reporter etwas zum Chef sagt, schnauzt dieser den Journalisten an und das Presseteam muss das Büro verlassen. Wie sich dann herausstellt, dachten die Journalisten, wir wären Terroristen. Alle im Raum beteuern nun, dass wir ihre Brüder und Gäste seien.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Standpauken</h2>
<p style="text-align: justify;">Zur Erfrischung gibt es wieder eine Runde Limonade. Bevor wir die Wache verlassen dürfen, werden die Angestellten unseres Wunschhotels einbestellt. Sie sollen uns gefälligst abholen, meinen die Polizisten. Wir freuen uns, dass der Spuk endlich ein Ende hat. Der Polizeichef faltet die Hotelleute allerdings ordentlich zusammen, weil ihr Hotel nicht im Ansatz den Sicherheitsbestimmungen entspreche, um Ausländer aufzunehmen.</p>
<p style="text-align: justify;">Einen Moment lang sieht es wieder so aus, als dürften wir endlich gehen. Wir schütteln wieder Hände, werden umarmt und satteln gerade unsere Rucksäcke, als ein freundlich aussehender Herr in blütenweißem Shalwar Kamiz den Raum betritt. Wir satteln wieder ab, unterhalten uns ein wenig auf Englisch und bekommen schließlich einen langen Vortrag darüber, dass wir weder hier noch in Kabul etwas zu suchen hätten. Alles sei viel zu gefährlich für Ausländer. Ich verkneife mir die Frage, ob seiner Meinung nach die Alpen eine Alternative wären und nicke.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Standpauke über unsere Reisegewohnheiten scheint kein Ende zu nehmen und wie zwei Schuljungen senken wir demütig die Köpfe. Als wir ausreichend väterlich ausgeschimpft sind, nimmt er schließlich Zettel und Stift und schreibt ebenfalls die Daten aus unseren Reisepässen ab. Neu ist nur, dass wir auch unseren &#8222;Tribe&#8220; (Stamm) angeben sollen. Wir stutzen etwas und entscheiden uns dafür, einmal Franke und einmal Friese anzugeben – &#8222;Friesistan&#8220;, wie mein Bruder stolz verkündet.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Das Verhör beginnt</h2>
<p style="text-align: justify;">Erst jetzt, nach guten sieben Stunden, beginnt das eigentliche Verhör. Das erste Mal werden wir ernsthaft befragt. Wo wir denn die Zeit über in Pakistan gewesen seien, das Einreisedatum und die Uhrzeit, welche Städte haben wir besucht, in welchen Hotels haben wir gewohnt? Was haben wir gemacht, mit wem haben wir gesprochen? Und überhaupt, was wollen wir eigentlich in Pakistan?</p>
<p style="text-align: justify;">Die Antworten sind nicht einfach. Wir sind viel herumgereist, getrampt, hatten draußen oder bei spontanen Bekanntschaften geschlafen und an die paar Hotels, in denen wir waren, können wir uns namentlich kaum erinnern. Dass wir dazu auch keine Quittung für die Preise von ein bis zwei Euro pro Nacht aufgehoben haben, macht uns in seinen Augen höchst verdächtig.</p>
<p style="text-align: justify;">Dass wir die Bevölkerung in Pakistan als nett, gastfreundlich und zuvorkommend beschreiben und uns hier pudelwohl fühlen, ergibt in seinen Augen keinen Sinn. Irgendetwas muss bei den Jungs im Busch sein! Er untersucht unsere Telefone, notiert Nummern und liest unsere privaten SMS. Mir wird flau im Magen, wir wollen unsere Freunde nicht mit in die Sache hineinziehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Als dann ein Haufen an den Händen zusammengeschnürter Verbrecher in das Büro gedrängt wird und der Polizeichef lautstark auf sie ein brüllt, werden wir in einen speziellen Untersuchungsraum geführt. Hier stehen zwei Tische, ein paar alte Stühle. Eine Glühbirne hängt von der Decke. Es ist wie im Film – Der Putz blättert von den Wänden und es gibt kein Fenster. Langsam dämmert uns, dass der Typ kein Polizist, sondern vom Geheimdienst sein muss, da seine Erscheinung an sich schon imposant und beeindruckend ist aber vor allem, weil seine Fragen um einiges schärfer klingen als alles andere, was wir bisher beantworten mussten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Guter Bulle, böser Bulle</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Verhör zieht sich. Zwei weitere Männer, die sich direkt als Agenten vom pakistanischen Geheimdienst ISI vorstellen, stoßen dazu. Wir verstehen die Welt nicht mehr. Uns wird deutlich gemacht, dass es ganz wichtig sei, dass wir uns an alles erinnern und ausschließlich die Wahrheit sagen. Wir nicken beklommen. Diese Jungs meinen es ernst und greifen bei ihrem Verhör auch gleich ganz tief in den Methodenkoffer. Wir werden etwas gefragt, antworten und werden unterbrochen, bekommen eine neue Frage, werden wieder unterbrochen und eine der vorherigen Frage wird wiederholt.</p>
<p style="text-align: justify;">Dann spielen sie noch guter Bulle, böser Bulle und lassen währenddessen unser Gepäck von drei Handlangern inspizieren. Wir müssen die Bilder auf unserer Kamera und dem Laptop zeigen und Personen identifizieren. Und erklären, wie und unter welchen Umständen wir Leute kennengelernt haben und was wir überhaupt in Pakistan machen. Dies sei schließlich kein Ort für Touristen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Alles nur zu unserer Sicherheit</h2>
<p style="text-align: justify;">Wir nennen die schöne Natur und die freundlichen Menschen als Grund, doch das wollen sie nicht gelten lassen. Bitte nur die Wahrheit, ermahnt uns einer der Agenten. Was haben wir in Peshawar getrieben? Waren wir auf dem Basar? Was haben wir gekauft, von wem und wie viel haben wir bezahlt? Und warum? Wieder viel Misstrauen, da die Stände alle gleich aussehen und wir keine Verkäufer namentlich nennen können, nur den ungefähren Ort ihrer Läden. Auch die wenig exakten Aufenthaltsdauern in den jeweiligen Gebieten und Städten treiben Furchen in die Stirn meines Gegenübers.</p>
<p style="text-align: justify;">Irgendwann wird mir das ganze Spielchen zu bunt. Ich erhebe mich ruckartig vom Stuhl, sodass dieser nach hinten wegkippt und frage lautstark mit einer Mischung aus Ernst, Wut und Verdrossenheit, was man denn eigentlich wirklich von uns wolle? Die Nummer mit unserer &#8222;persönlichen Sicherheit&#8220; sei unter diesen Umständen doch wirklich absurd. Ich frage direkt: &#8222;Halten Sie uns für Spione oder Terroristen?&#8220; Nur schwer kann ich die Lautstärke meiner Stimme drosseln, diese perfide Art des Verhörs macht mich sauer. Die Antwort lautet wieder: &#8222;Nein, niemals!&#8220;, alles sei nur zu unserer Sicherheit.</p>
<p style="text-align: justify;">Und die Fragen gehen weiter. Nach etwa einer weiteren Stunde, in der wir kaum antworten können, entdeckt einer der drei Männer etwas auf meinem Laptop. Nach einem kurzen Gespräch von dem ich nichts verstehen kann, wechselt die Stimmung plötzlich ins Gelassene, ja fast schon Freundschaftliche. Zu unserem Erstaunen dürfen wir endlich gehen. Die Agenten helfen sogar noch das Gepäck wieder zu verstauen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">An Schlaf ist nicht zu denken</h2>
<p style="text-align: justify;">Wir sind höchst verwirrt, was diese plötzliche Entlassung verursacht hat. Schnell gehen wir Richtung Ausgang und sind kaum überrascht, als kurz vor dem Verlassen der Station noch ein weiterer Typ auftaucht. Er bittet uns in das bisher größte Büro des heutigen Tages. Es beginnt das übliche Prozedere: Passkopieren und Fragen. Es ist inzwischen halb eins am Morgen. Unsere Antworten fallen nur noch einsilbig aus. Zum Ende fragt uns der Oberbeamte in welches Hotel wir möchten. Wir geben das Hotel drei Häuser weiter an, dessen Angestellte noch immer im Nebenraum sitzen und auf uns warten. Ein Polizist führt sie herein und der Chef gibt Anweisungen. Plötzlich sei das Hotel leider ausgebucht. Sonst seien wir aber immer willkommen.</p>
<p style="text-align: justify;">Glücklicherweise weiß er von einem guten Luxushotel um die Ecke. Drei bewaffnete Polizisten begleiten uns zum Pickup und wir fahren zum Hotel. Einchecken, endlich! Die Polizisten weisen den Hotelangestellten an, für den nächsten Tag ein Taxi zum Busbahnhof zu organisieren. Wir sollen nach Islamabad abreisen.</p>
<p style="text-align: justify;">Danach dürfen wir auf unser Zimmer gehen. Es liegt im obersten Stockwerk, die drei Polizisten, die uns zum Hotel begleitet haben, beziehen ihre Position auf unserer Etage. Mein Bruder und ich sind völlig im Eimer und fallen erschöpft auf die Betten. Doch Schlaf ist uns noch nicht vergönnt. Das Telefon klingelt und wir müssen noch einmal runter zur Rezeption, weil jemand nach uns verlangt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Neue Agenten, neue Fragen</h2>
<p style="text-align: justify;">Zwei neue Agenten warten in der Lobby. Sie verzichten auf eine Begrüßung und verlangen direkt unsere Reisepässe, dann beginnen sie mit ihren Fragen. Nach einem kurzen Gespräch dürfen wir wieder auf unser Zimmer.</p>
<p style="text-align: justify;">Aber wir trauen dem Braten noch nicht. Es ist nun fast zwei Uhr, wir sind völlig übermüdet, können aber nicht mehr schlafen und werden etwas paranoid. Wird unser Zimmer abgehört? Was wollen die eigentlich wirklich, also so WIRKLICH wirklich von uns und warum wurde das Verhör mit dem ISI so plötzlich abgebrochen, wo doch viele Fragen unsererseits noch gar nicht beantwortet waren.</p>
<p style="text-align: justify;">Jedenfalls dämmert es uns, dass wir nicht zufällig im sechsten Stock untergebracht wurden und die drei Polizisten vor unserem Zimmer nicht zu unserem Schutz sondern als Wachen da sind. Wir stehen quasi unter einer Art Luxus-Arrest. Zur Vorsicht notieren wir die Notfallnummer der deutschen Botschaft auf unseren Innenschenkeln und versuchen vergeblich, die Zahlenkette auswendig zu lernen. Wir flüstern nur noch, versuchen dabei möglichst zu nuscheln und Plattdeutsch zu sprechen. Ein wildes Schreckensszenario jagt in unseren Köpfen das nächste. Wer wird uns morgen wecken? Dürfen wir wirklich abreisen? Können wir noch jemanden kontaktieren und über unseren Verbleib informieren? Gegen halb vier fallen wir endlich in einen unruhigen Schlaf.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Paranoide Vorstellungen und ein Knall</h2>
<p style="text-align: justify;">Der nächste Morgen bringt keine bösen Überraschungen mehr. Das Hotel und die Wachen verabschieden uns mit einem wissenden mürrischen Nicken. Dieses eher provokante Nicken, wobei Kopf und Kinn ruckartig nach oben und vorne geschoben werden. Man steckt uns in ein Taxi, zwei Bewaffnete folgen uns auf einem Motorrad. Und tatsächlich, wir atmen auf, als der Wagen die Straße zum Busbahnhof einbiegt. Der Taxifahrer lässt sich auf ausgewickeltem Schokoladenpapier von uns quittieren, dass wir mit seiner Hilfe ein Ticket für einen Nobel-Bus nach Islamabad gekauft haben und verschwindet.</p>
<p style="text-align: justify;">Wir sind fast raus aus der Sache, aber wir sind immer noch völlig paranoid. Folgt uns jemand? Wieso gucken die beiden Typen dauernd rüber und ist das die Silhouette einer Pistole unter seinem Hemd? Es ist verzwickt, denn hier wird man als Ausländer dauern angestarrt, aber plötzlich ist in unseren Augen jeder ein potenzieller Spion. Wir fühlen uns wie damals mit dreizehn Jahren, als wir heimlich geraucht hatten. Jeder Blick eines Erwachsenen war durchbohrend. Es scheint als wüsste jeder haargenau, was man verbrochen hat. Wir haben die Nase gestrichen voll und wollen endlich weg.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach einer quälenden halben Stunde des Wartens startet endlich der Motor des Busses. Beim Hinausfahren aus der Stadt rumst es plötzlich in der Nähe so gewaltig, dass der Busfahrer abrupt abbremst. Alle im Bus pressen ihre Nasen gegen die Scheiben und spähen nach draußen. Eine Bombe? Ein Anschlag? Uns sausen in Sekundenschnelle Verschwörungstheorien durch den Kopf. Ob die Explosion vom ISI veranlasst wurde, um sie uns anzuhängen? Zeitlich würde es doch perfekt passen. Kalter Schweiß bedeckt meine Brust und ich bleibe auf meinem Sitz, die Hände in die Lehnen gekrallt starre ich geradeaus. Aber nein, alle Vermutungen liegen völlig daneben. Es war nur ein geplatzter Autoreifen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">In der Heimat auf Seite eins</h2>
<p style="text-align: justify;">Im Bus gibt es eine englischsprachige Zeitung. Auf Seite zwei entdecken wir eine Meldung über unser Ergreifen. In Islamabad angekommen gehen wir direkt in ein Internetcafe. Unsere E-Mail-Postfächer sind voll. Manch einer gratuliert humorvoll zu einer Erwähnung auf der Titelseite der &#8222;BILD&#8220;-Zeitung, andere fragen besorgt nach unserem Wohlergehen. Jedenfalls scheint jeder zu wissen, dass es sich bei den Berliner Brüdern um uns handelt. Wir fühlen uns irgendwie prominent, sind aber auch ängstlich, dass jemand die Boulevardpresse mit Namen und Bildern versorgen könnte. Aber irgendwie ist Deutschland gerade auch ganz weit weg.</p>
<p style="text-align: justify;">Hier haben wir dringendere Probleme. Wir beschließen die Beine in die Hand zu nehmen und begeben uns auf eine Reise nach Norden in die Berge. Die Straße ist teils gesperrt und so brauchen wir ganze vier Tage für knapp 300 Kilometer, um uns wieder mit unserem Reisepartner zu vereinen. Unterwegs versuchen wir den Kontakt zur Polizei zu vermeiden, aber das ist auf dem berühmten Karakoum-Highway kaum möglich, da sich hier einige Zeit zuvor Schiiten und Sunniten in die Haare bekommen haben und alles voller Checkpoints ist.</p>
<p style="text-align: justify;">Beim Frühstück in Abottabad verlangt ein Mann in Zivil unsere Pässe. Uns rutscht das Herz in die Hose. Nicht noch einmal! Der Mann verschwindet für einige Minuten. Kommentarlos kehrt er an unseren Tisch zurück und händigt uns die Papiere wieder aus. Wir schlussfolgern, dass wir nun bespitzelt werden, dass wir uns zwar frei bewegen dürfen, aber die ganze Zeit im Auge behalten werden. Und tatsächlich, in Gilgit treffen wir unseren Freund und telefonieren mit seinem Telefon unsere pakistanischen Bekannten ab. Viele von Ihnen wurden vom Geheimdienst kontaktiert, man hatte sie auf Dinge angesprochen, die nur dem SMS-Verkehr entnommen sein konnten. Ich bemerke auch, dass meine deutsche SIM-Card, man hatte sie mir im Verhörzimmer zur Überprüfung abgenommen und später wiedergegeben, völlig leer ist. Alle Kontakte sind gelöscht.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Im Blick der Geheimdienste</h2>
<p style="text-align: justify;">In den folgenden Wochen treffen wir immer wieder auf ominösen Gestalten, die uns nachstellen. Solange wir uns in den Bergen durch die Natur wandern, fällt uns niemand auf. Doch sobald wir in belebtere Gegenden kommen, hängt sich wieder ein verdächtiger Typ an unsere Hacken und das mehr schlecht als recht, in der Regel unbeabsichtigt auffällig.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Angst vom ISI wieder aufgegriffen zu werden, verfliegt mit der Zeit. Wir amüsieren uns über die Typen und ihr dilettantisches Nachspionieren. Mein Favorit ist ein kleiner schmieriger Typ, der sich oben in Hunza in einem leeren Hostel im Speiseraum unaufgefordert neben uns setzt und sich mit einem schleimigem Lächeln als Einheimischer vorstellt. Er sieht nur leider kein bisschen wie ein Einheimischer aus. Keine Wettergegerbte Haut, kein heller Teint.</p>
<p style="text-align: justify;">Derweil geht der Medienrummel in der Heimat offenbar weiter. Ein Journalist von Spiegel Online meldet sich und will ein Interview über Skype führen. Ich nutze die Gelegenheit und erkläre, dass wir keine Terroristen, Islamisten oder Fundamentalisten sind. Eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur hatte das Gegenteil behauptet und von unserer Verhaftung im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet berichtet. So landeten wir auch auf der Titelseite der &#8222;BILD&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich erkläre, dass wir zu keinem Zeitpunkt verhaftet worden sind, sondern vor allem viel Limonade bekommen haben. Ich und mein Bruder sind nur Touristen. Daraufhin klingt der Journalist fast wie die ISI-Agenten: &#8222;Aber warum ausgerechnet ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet? Die Region gilt als extrem gefährlich.&#8220; Ich antworte, dass wir hier die gastfreundlichsten Menschen getroffen haben. Wir machen uns gerne selbst ein Bild von der Welt.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://www.weltseher.de/ploetzlich-terroristen/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>3</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
