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	<description>Magazin für Reportagen</description>
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	<title>Gesellschaft &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Unterwegs in Nordkorea</title>
		<link>https://www.weltseher.de/unterwegs-in-nordkorea/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Sep 2020 20:28:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Nord Korea]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Korea]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Oliver Rühle]]></category>
		<category><![CDATA[Nordkorea]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Nachdem ihm das Regime doch noch ein Visum ausgestellt hat, reist unser Autor durch Nordkorea. Umgeben von kommunistischer Architektur und dem Personenkult der Kims versucht er, eine Frage zu beantworten: Wie sind die Menschen hier wirklich?<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/unterwegs-in-nordkorea/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Nachdem ihm das Regime doch noch ein Visum ausgestellt hat, reist unser Autor durch Nordkorea. Umgeben von kommunistischer Architektur und dem Personenkult der Kims versucht er, eine Frage zu beantworten: Wie sind die Menschen hier wirklich?</strong></p>



<p>Mehrere Anläufe hatte ich gebraucht, um diese Reisen nach Nordkorea überhaupt antreten zu können. Offenbar hatte mich das kommunistische Regime wegen meiner Artikel in deutschen Medien über die Kim-Dynastie auf eine schwarze Liste für Journalisten gesetzt. 2015 hatten mir die Nordkoreaner das Visum für die Begleitung einer deutschen Bundestagsdelegation noch verweigert. Drei Jahre später ging dann plötzlich alles ganz schnell. Es war es wie so oft im Leben: man muss die richtigen Leute kennenlernen.</p>



<p>Ich hatte Glück, dass ich die Fotografin Xiomara Bender für ein Interview zu ihrem Nordkorea-Bildband “The Power of Dreams” traf. Durch sie eröffnete sich mir ein ganz anderer Zugang zu meinem journalistischen Lieblingsthema – der nun schon 72 Jahre alten Diktatur. Xiomara fotografiert seit 2011 regelmäßig in Nordkorea, kennt das Land gut. Durch ihren Vater Andreas Bender, der weltweit als Reiseführer für eher ungewöhnliche Reiseziele operiert und als einer der ersten Deutschen eine Reiseleiterlizenz für Nordkorea seitens des kommunistischen Regimes erhielt, kann sich Xiomara auf ein seit über 30 Jahren quasi gegenseitiges Vertrauensverhältnis zwischen ihrer Familie und der nordkoreanischen Tourismusbehörde verlassen.</p>



<p>Die Behörde verfolgt die strikte Aufgabe, alle Ausländer im Land zu kontrollieren und während des Besuchs mit mindestens zwei sogenannten Reiseführern auf Schritt und Tritt zu begleiten. Dank Xiomaras Vater bekam ich nun ganz problemlos ein Visum für Nordkorea und begleitete Sie 2018 zwei Mal in das abgeschottete Land am Ende der Welt.</p>


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                                Der 170 Meter hohe Couch’e-Turm in Pjöngjang, benannt nach der Staatsideologie der Kim-Dynastie.
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<p>Sicher wusste die nordkoreanische Seite, dass ich als Journalist und weniger als Tourist agieren würde. Aber offenbar bekam ich das Prädikat „harmlos“ verliehen. Und ja, Nordkorea hat sich in den letzten Jahren etwas geöffnet, natürlich auch des Geldes wegen. Das von internationalen Handels-Sanktionen geplagte Land hat nicht viele Gelegenheiten, an harte Währungen heranzukommen. Und irgendwie muss Diktator Kim Jong-un ja seinen extravaganten Lebensstil mit Luxusautos, Privatjet, Palästen und Zuchtpferden finanzieren, während sein Volk in ärmlichen Verhältnissen lebt.</p>



<h2>Touristen als Devisen-Bringer fürs Unrechtsregime</h2>



<p>So bin auch ich letztlich nur ein Devisen-Bringer für das Unrechtsregime. Dessen muss sich jeder Nordkoreareisende bewusst sein. Schließlich brachte mein Aufenthalt pro Einreise dem nordkoreanischen Staat etwa 2.500 Euro ein. Ein teures Unterfangen also. Vom Abflug (von Peking oder Shanghai) an übernimmt die staatliche Tourismusbehörde die Kontrolle. Sie legt Hotels, Restaurants und Zeitpläne fest. Wirklich Ruhe vor den “Guides” hat man erst, wenn man von jenen im zentralen “Ausländerhotel” in der Hauptstadt Pjöngjang abgegeben wird und es hinter einem die Türen schließt. Der graue Wolkenkratzer am Ufer des Flusses Taedong ist ein Gefängnis light, denn auf eigene Faust darf man ihn nicht verlassen.</p>



<p>In die internationalen Schlagzeilen war das Hotel 2016 geraten: der junge Student und US-Amerikaner Otto Warmbier wurde verhaftet, weil er hier ein Propagandaplakat von der Wand gestohlen haben soll. Die Nordkoreaner verurteilten den Tourist dafür zu 15 Jahren Arbeitslager. Dort fiel er unter immer noch ungeklärten Umständen ins Koma und starb nach seiner Auslieferung 2017 in den USA.</p>



<p>Hier checke ich ein und beginne meine Nordkorea-Reise. Individuelle Wünsche für Route und Abläufe lassen die Hotel-Angestellten, immer in Abstimmung mit der Tourismusbehörde, bis zuletzt unbeantwortet oder im Vagen. Gleichzeitig versuchen sie aber Alles, um Gäste zufriedenzustellen. Das liegt in der Mentalität der Koreaner.</p>



<p>Für Touristen, die nicht wie ich journalistisch tätig sind, ist der Visa-Antrag heutzutage problemlos. So waren während meines ersten Aufenthalts anlässlich der Feierlichkeiten zu 70 Jahren Nordkorea im September 2018 so viele Ausländer im Land wie niemals zuvor. Der Großteil davon Chinesen, für die Nordkorea eine Art Kolonie ist. Und so führen sie sich vor Ort auch auf. Bald sollen rund eine Million chinesische Touristen pro Jahr kommen, vermelden Nordkorea-Analysten.</p>



<p>Wie das in der Praxis aussehen soll, bleibt mir ein Rätsel. Für viele Chinesen ist ein Nordkorea-Trip eine Reise in die eigene kommunistisch-maoistische Vergangenheit, inklusive Kontrolle und Gängelung. Viele sind nur bedingt an den Kulturreisen durchs Land interessiert, sondern wollen in die neu gebauten Spa-Hotels oder in die Skigebiete, die allesamt fernab großer Siedlungen liegen und gut zu kontrollieren sind. Aus nordkoreanischer Sicht bedeutet „perfekter Tourismus“, wenn Gäste kommen, die ihr Geld mitbringen – und ansonsten gut abgeschirmt von der Bevölkerung im Hotel oder einem isolierten Gebirge bleiben.</p>



<h2>Leer und sonderbar zart</h2>



<p>Hinter dem Fenster meines Hotelzimmers liegt Pjöngjang. Meine ersten Gedanken: diese große Leere, das Nichts zwischen den Gebäuden und Menschen. Das Leben muss sich hier zwischen breiten Straßen, Plattenbauten und weitläufigen Plätzen und Propaganda-Monumenten abspielen. Damit folgt die nordkoreanische Hauptstadt einer bei kommunistischen Diktaturen beliebten Architektur. Im sowjetischen Moskau – an der sich die &#8222;Demokratische Volksrepublik Nordkorea&#8220; bei der Gründung im Jahr 1948 zunächst orientierte – ließ Stalin historische, verwinkelte Nachbarschaften abreißen, um breite Boulevards und lange Sichtachsen anzulegen. So konnten sich die Bewohner nicht so gut verstecken, aber dafür die Partei und Armee besser aufmarschieren. Gewaltige Monumente mit den Symbolen des Staates und den Antlitzen seiner Führer sollten dem Regime Größe und einen Hauch von Ewigkeit verleihen.</p>


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<p>Die Sowjetunion gibt es nicht mehr, aber Nordkorea ist noch da. Dessen Propaganda-Apparat erscheint so effektiv, dass selbst Stalin neidisch geworden wäre. Der Personenkult mit Statuen und Plakaten begann mit dem Staatsgründer: Kims Großvater, Kim, der &#8222;Große Führer&#8220; und trotz seines Ablebens vor sechsundzwanzig Jahren heute immer noch der &#8222;ewige Präsident&#8220; Nordkoreas. Und Kims Vater, Kim, die &#8222;Sonne der Nation&#8220;, verstorben 2011, ist immer noch &#8222;ewiger Generalsekretär&#8220; der Kommunistischen Partei.</p>



<p>Seit fast zehn Jahren ist der dritte Kim an der Macht. Das Staatsfernsehen verkündet nur seine Erfolge, die Armut im Land oder die große Hungersnot in den 90er-Jahren werden nicht erwähnt. Für jeden Bürger wäre öffentliche Kritik Selbstmord. Der Staatskult geht sogar soweit, dass die Nordkoreaner ihre Kim-Führer für Halbgötter halten, die anders als Normalsterbliche nie auf Toilette müssen. So berichtete es jedenfalls der nordkoreanische Flüchtling Kang Chol-hwan im Buch &#8222;Die Aquarien von Pjöngjang&#8220;.</p>



<p>Mit diesen Gedanken blicke ich um mich. Kann es wirklich sein, dass die fünfundzwanzig Millionen Menschen in diesem Land an so einen Quatsch glauben? Wenn ich hier leben würde, täte ich sicher nur so, um zu überleben. Aber sicher sein, kann ich nicht. Wer weiß schon, was zwei Generationen Gehirnwäsche anrichten können. Zumal das Regime alles versucht, um Informationen von der Außenwelt fernzuhalten, ein offenes Internet gibt es nicht.</p>



<h2>Ferner Planet</h2>



<p>Bereits auf der Taxi-Fahrt vom Flughafen zum Hotel versuchte ich, einen Blick auf die Menschen in den Straßen zu erhaschen. Sie wirkten auf mich wie uniforme aber zarte, fast zerbrechliche Wesen. Ihre Erscheinung scheint aufrichtig und unbehelligt, und zieht mich sogleich in einen Bann. Sie kommen mir verwandt vor, aber gleichzeitig wie Außerirdische von einem fernen, unbekannten Planeten. Oder bin ich hier der Außerirdische, von einem klassenverfeindeten Himmelskörper?</p>



<p>Ich kann es bis heute nicht benennen, so skurril erscheinen die jeweiligen, gegensätzlichen Wahrheiten, wenn der Rest der Welt – wie ich – auf Nordkorea trifft. Und dann dieses Gefühl, wie in einem Bernstein eingeschlossen zu wandeln, Besucher einer konservierten Kultur zu sein. Zu Gast in einer Apparatur, in welcher Denunziation und strikte Überwachung herrschen, Deportationen und Machtmissbrauch zur Tagesordnung zählen und kaum Individualität möglich ist, bzw. als Entfaltungsform der eigenen Biografie völlig unbekannt sein muss.</p>



<p>Wie unter einer Glocke erscheint mir das Leben hier, draußen Unmengen Wasser, drinnen ein wenig Luft zum Atmen. Sie wissen es einfach nicht besser. Vielleicht ist Nordkorea die Tiefsee unter den Ländern der Erde. Kaum Licht dringt ein. Kein Internet, keine Mode, keine Popkultur, keine Pornografie, kein Hollywood, kein Ami auf dem Mond, keine Droge, keine Verheißung, keine Möglichkeit der freien Entscheidung.</p>



<p>Um so neugieriger stürze ich mich auf den ersten echten Nordkoreaner, mit dem ich sprechen darf. Und das auf fast perfektem Deutsch. Er ist einer meiner Reise-Aufpasser und nennt sich ausgerechnet &#8222;Bruce Lee&#8220;, wie die Hollywood-Kampfsport-Ikone. Ansonsten will er aber von westlicher Kultur noch nichts gehört haben – oder hat es wirklich nicht. &#8222;Die Beatles? Noch nie gehört!&#8220;, sagt er.</p>



<p>Doch dann geht es endlich los. Unsere Reisegruppe samt Aufpasser darf aus dem Hotel und ich sitze in einem Kleinbus-Taxi japanischer Fabrikation. Neben Xiomara, den beiden Aufpassern und mir besteht unsere Gruppe noch aus meinem besten Freund Felix. Auf einer der breiten, endlos wirkenden Straßen der Drei-Millionen-Metropole Pjöngjang, mit den weitläufigen Sichtachsen entlang der in Pastelltönen angemalten Prachtbauten. Viel Verkehr gibt es nicht. Es ist die Straßeninfrastruktur einer Großstadt mit dem Verkehrsaufkommen eines Dorfs. Am Straßenrand absolviert eine Gruppe von uniformierten Frauen einen Appell. So viel Raum und Platz.</p>



<h2>Seltsam bekannt</h2>



<p>Eine Hauptstadt mit der Atmosphäre einer Filmkulisse. Alles erscheint akkurat und künstlich. Nicht am Leben gewachsen, sondern inszeniert nach den Plänen der Kim-Dynastie. Unsere Reiseleiter verordnen Stops vor Gebäuden und Monumenten. &#8222;Bitte nicht mit den Menschen sprechen&#8220;, sagt Bruce Lee. In meiner Erinnerung verschwimmen die Eindrücke. Fast fühle ich mich heimgesucht durch eine seltene Welt – vielleicht die Letzte ihrer Art.</p>



<p>Trotzdem kenne ich die Symmetrien der Stadt bereits von irgendwoher. Manche Farben, auch Gerüche, vielleicht auch die Mode mit ihren strengen Schnitten, kommen mir bekannt vor. Ganz bestimmt aber die Pjöngjanger Straßenbahnen, denn die roten Tatra-Wagen aus der ehemaligen Tschechoslowakei, erinnern mich an meine eigene Kindheit in der DDR. Auf vielleicht denselben Sitzschalen saß ich in Dresden auf dem Weg in den Kindergarten, in welchem wir uns auf den gleichen Klettergerüsten die Knie und Köpfe aufschlugen. Meine eigene Vergangenheit wird lebendig. Die Idee von der sozialistischen Stadt, ich erkenne sie wieder.</p>



<p>Wenn ich jetzt während des Schreibens an Nordkorea zurückdenke, erinnere ich mich vor allem immer wieder an ein zärtliches Gefühl den Menschen gegenüber. Auslöser vor Ort war ein sonderbarer und berührender Moment zugleich – und das ausgerechnet während einer Militärparade.</p>



<p>Die große Parade soll den 70. Gründungstag von Nordkorea feiern. Die Reise-Aufpasser haben uns am Rande eines großen Prachtboulevards positioniert. Erwartet hatte ich Waffen. Stählerne Kanonen und bedrohliche Raketen. Feindselige Prahlerei und frenetisch zelebrierte Propaganda. Vor allem aber rechnete ich mit Aggression und Hysterie – gegen die USA, den Imperialismus, die westliche Welt. Wie sonst sollte die letzte stalinistische Diktatur ihren runden Geburtstag zelebrieren?</p>


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                                Militärparade zum 70. Gründungstag
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<p>Doch es ist der friedvollste, fröhlichste und bunteste Aufmarsch, den ich bisher erlebt habe. Und so stehe ich also da, neugierig und erstaunt, inmitten einer dieser typischen, ausladenden und ellenlang geraden Prachtstraßen Pjöngjangs. Währenddessen rollen die Lastwagenkonvois mit offener Ladefläche vorbei, auf der sehr junge, zierliche Soldaten und Soldatinnen jubeln. Sie halten Luftballons, statt Gewehren, und sie winken ungeniert und lachen fast kindlich zu der Menge an hübsch herausgeputzten Nordkoreanern am Straßenrand, welche ihrerseits je Konvoi ein herzliches &#8222;Danke!&#8220; ausrufen. Die Frauen in traditioneller, bonbonfarbener Tracht, die Männer mit schlichten Krawatten und in grautönigen Sakkos.</p>



<p>Für mich ist es ein Klischee-zerschmetterndes Bild, wie die aus Sowjetzeiten stammenden LKW auf mich zurollen und ausgelassene Freude, statt Zorn transportieren. Ich stehe allein auf weitem Asphalt, keiner der zahlreichen Polizisten, Ordnungshüter oder einer unserer beiden obligatorischen Aufpasser haben mich daran gehindert, die Menschenmenge zu durchbrechen und einfach auf die Fahrbahn zu treten. Ich glaube in diesem Moment war die Kontrolle über uns verlorengegangen, denn ein jeder aus unserer Gruppe verschwand für einige Augenblicke in der Menge der jubelnden Nordkoreaner. Und so recke ich meine Hand mal links mal rechts aus, zu den Händen der vielleicht jüngsten Garde der nordkoreanischen Armee. Die zierlichen Handflächen schlagen von oben auf die meine. Manche der gegenseitigen Berührungspunkte kann ich für Sekunden festhalten, indem sich mein Blickfeld mit dem jeweiligen Kopf auf dem Konvoi mitdreht.</p>



<h2>Formation und Gemeinschaft</h2>


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                                Eine junge Mutter mit Kind in der Siedlung einer Agrargenossenschaft im Nordosten Nordkoreas.
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<p>Und dann endlich verlassen wir Pjöngjang und das Ausländerhotel. Wir dürfen andere Teile Nordkoreas sehen, dessen Fläche etwa so groß ist wie Bayern und Niedersachsen zusammen. Wirkliche Reisefreiheit gibt es natürlich nicht. Die Tourismusbehörde hat die Route samt Unterkünften lange im voraus festgelegt und auch die beiden Aufpasser kommen mit. Trotzdem: besser als nichts. Die wohlhabende Hauptstadt ist für das normale Leben in Nordkorea nicht repräsentativ, die knapp drei Millionen Einwohner gehören vor allem zur gesellschaftlichen Elite und deren Dienstpersonal. Die restlichen zweiundzwanzig Millionen Nordkoreaner brauchen zum Betreten einen Passierschein. Und so rollen wir im Kleinbus mehrere hundert Kilometer Richtung Nordosten ans Japanische Meer, zu den Küstenstädten Hamhung und Wonsan.</p>



<p class="p3"><span class="s1">Wonsan ist ein harter Schnitt zur herausgeputzten Hauptstadt. Hier geht es nun ein paar Stufen abwärts: triste Plattenbauten, kaputte Straßen und Fensterscheiben, bedrückende Stimmung, jeder scheint von Arbeit oder Maßnahmen getrieben, alte LKW transportieren Menschen auf die Reis- und Sojafelder. Undefinierbare Gerüche liegen in der Luft. Spätestens hier wird überdeutlich, dass Nordkorea ein bitterarmes und immer noch vom Krieg geprägtes Land ist. Leben am Ende der Welt, so fühlt es sich an. Dabei wäre die Hafenstadt am Japanischen Meer wohl eine Touristenhochburg, wenn Nordkorea sich weiter öffnen würde. </span></p>



<p class="p3"><span class="s1">Strände mit feinstem Sand machen das Umland von Wonsan, mit den alten Kieferwäldern, nämlich zum Idyll. Stolz führen uns die Reise-Aufpasser an einen dieser Strände und lassen uns baden. Es fühlt sich absurd und beklemmend an. Ich denke an die vielen Menschen, die in diesem Wasser ihr Leben gelassen haben, weil sie der Freiheit am Horizont entgegen ruderten, in der Hoffnung, Japan zu erreichen. Viele Nussschalen verließen schon diese Küste. Mit dem Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können – dabei ist die Küste Japans viel zu weit weg, viele Boote kentern oder die verzweifelten Flüchtlinge verhungern auf offener See. Wer Nordkorea als Nordkoreaner verlässt, muss es für immer tun, tot oder lebendig.</span></p>


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<p>Unser Kleinbus folgt der Küste nach Norden. Nach etwa hundert Kilometern erreichen wir die zweitgrößte Stadt des Landes: Hamhung. An deren<span class="s1"> Wiederaufbau war acht Jahre lang die „Deutsche Arbeitsgruppe Hamhung“ maßgeblich beteiligt, eine Gruppe von Architekten und Ingenieuren aus der DDR. Tatsächlich erinnert es an Eisenhüttenstadt oder Hoyerswerda, mit den Arbeitersiedlungen und Plattenbauwohnungen in Reihe und Glied. Die Industriestadt scheint wie aus der Zeit gefallen, direkt aus den frühen Achtzigern.</span></p>



<p><span class="s1">Während die Hauptstadtbewohner Ausländer mittlerweile gewöhnt sind, fühlt man sich als solcher in Wonsan oder Hamhung wie ein Exot. Die Nordkoreaner reagieren grundsätzlich freundlich und respektvoll, fast zärtlich und naiv. Sie winken oder lachen, wenn man sie dazu animiert. Besonders in Hamhung. Während Wonsan auf mich einen trostlosen Eindruck macht, bleibt von Hamhung der Eindruck eines gewissen Eigenlebens. Menschen, die an der Straßenecke miteinander plaudern, Männer, die hockend Eis essen, Kinder, welche am Springbrunnenrand sitzen. Aber auch hier: Städtebau nach Prinzip. Die Allmacht des Systems in der Architektur. Breite Straßen, überdimensionale Kim-Monumente, weite Flächen und Flure. Hier kann sich niemand verstecken.</span></p>



<h2>Auf dem Land</h2>



<p>Zwischen den Städten passieren wir im Kleinbus das Land mit seinen Dörfern, Fabriken und landwirtschaftlichen Genossenschaften. Sie finden sich am Meer wie im Gebirge. Dazwischen Felder, Ebenen und Hügel. Alle Kraft für die genossenschaftliche Produktion. Ein Eindruck dominierte meine Wahrnehmung dabei immer wieder, egal ob Stadt oder Land: Das Auftreten der Menschen in Formationen und immerzu in Gemeinschaft. Ob bei der Maisernte, beim Tai Chi am Ufer des Flusses Taedong, bei gymnastischen Übungen oder Tanzeinlagen am Straßenrand der pseudo-modernistischen Hauptstadt. Niemand scheint allein, entscheidet selbstständig nach seinem eigenen Gefallen oder hegt auch nur irgendeine denkbare, vergleichbare Freiheit, wie wir sie kennen und um deren Verwirklichung wir uns ereifern. Dieses Wissen schwingt ständig in meinem Hinterkopf mit und trübt das romantische Erscheinungsbild, die sonst ursprüngliche Natürlichkeit des Anblicks.</p>


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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea.jpg" data-caption="Hügelfelder zwischen den Ballungszentren." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-2-1.jpg" data-caption="Irgendwo zwischen Pjöngjang und Wonsan." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-3.jpg" data-caption="Eine LPG in Zentralnordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-4.jpg" data-caption="Nordkoreanische Landschaft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-6-1.jpg" data-caption="Frauen auf dem Weg zur Feldarbeit." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-24.jpg" data-caption="Ein Transporter mit Erntehelfern." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-31.jpg" data-caption="Ein Dorf im Norden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-34.jpg" data-caption="Berglandschaften sind typisch für Nordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-33.jpg" data-caption="Mit dem Touristen-Bus einmal quer durch Nordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-32-1.jpg" data-caption="Transporter mit Arbeitern prägen den Verkehr." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Ländliches Nordkorea</p></div>


<p>Den absoluten Superlativ dieser Gruppendynamik stellt das Arirang-Festival dar, welches ich im &#8222;Stadion Erster Mai&#8220; in Pjöngjang zur Premiere anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten erleben kann. Eine akribisch perfektionierte Inszenierung der siebzigjährigen Geschichte Nordkoreas, eine gewaltige Choreografie abertausender Akrobaten, Tänzer, Athleten, Musiker und Kindergruppen. In einer Synchronität jenseits von etwas je Gesehenem, von welcher hiesige Choreografen nur träumen können. In einer Ästhetik und Epik welche man mit jener einer Leni Riefenstahl vergleichen kann – allerdings in Farbe. Die Organisation von Massen beherrscht wohl kaum ein anderes Land derartig optimiert und konditioniert, wie es die Ideologie der Kim-Dynastie seinen Untertanen durch Drill und Disziplinierung auferlegt hat.</p>



<p>Unsere Tribüne ist keine hundert Meter Luftlinie von der Herrscherloge entfernt, in welcher kein Geringerer als Kim Jong-un selbst Platz genommen hat. Ein sonores Raunen geht durch das größte Stadion der Welt, mit einem Fassungsvermögen für etwa 150.000 Menschen, als der oberste Führer höchstpersönlich in Erscheinung tritt. Gefeiert wie ein Messias, wie ein Gott. Doch was weiß ich schon, der eingebildete Freie? Das ist eine ganz andere Frage, bei welcher ich immer noch überlege, wie meine persönliche Antwort ausfällt.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1200x795.jpg" alt="" data-id="7389" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/nordkorea-11/" class="wp-image-7389" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1200x795.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-600x398.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-768x509.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1536x1018.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-150x99.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1320x875.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1250x828.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-400x265.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11.jpg 2000w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1200x794.jpg" alt="" data-id="7388" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/nordkorea-12-2/" class="wp-image-7388" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1200x794.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-600x397.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-768x508.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1536x1017.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-150x99.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1320x874.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1250x828.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-400x265.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1.jpg 2000w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li></ul><figcaption class="blocks-gallery-caption">„The Glorious Country“ – die Choreografie der Massen anlässlich des 70. Geburtstags der Diktatur.</figcaption></figure>



<h2>Der Reisende wird gespiegelt</h2>



<p>So oder so: Nordkorea hält uns Westlern den Spiegel vor. Das Land am Ende der Welt ist schlicht und einfach das ganze Gegenteil dessen, was wir aus Deutschland von unserem Leben im Überfluss kennen. Was an Eindrücken dominiert, fühlt sich absurd und auch befremdlich an. Aber ebenso bleibt eine unglaubliche, seltene Form der Schönheit jenseits der Uniformierung und Kollektivierung zurück.</p>



<p>Was nimmt man mit, zurück in die westliche Welt? Mein Ziel, das wahre Wesen der Menschen in Nordkorea zu erkunden, ist gescheitert. Die Sprachbarriere, das Kontaktverbot und die ständige Beobachtung durch die Reise-Aufpasser haben es unmöglich gemacht – allein durch Lächeln, Nicken und Winken lassen sich keine Lebenswelten austauschen. Ich sah gewissenhafte aber müde, schüchterne aber entschlossene, freundliche aber disziplinierte Menschen. Doch das ist nur mein subjektiver Eindruck.</p>



<p>Der Nordkoreaner, der mir am meisten ans Herz wuchs, war ausgerechnet mein Reise-Aufpasser &#8222;Bruce Lee&#8220;, ein Diener des Propaganda-Systems. Der Abschied am Flughafen ging mir ins Mark. Es ist seltsam, doch die Reiseführer werden automatisch zu Vertrauten, weil sie unsere Sprache sprechen und die einzige Anlaufstelle für Wünsche und Informationen sind. Bei gemeinsamen Mahlzeiten und einem Glas koreanischem Eichelschnaps ergeben sich automatisch Gespräche. Zwar hatte &#8222;Bruce Lee&#8220; behauptet noch nie von den Beatles gehört zu haben, dafür kannte er sich überraschend gut mit aktuellen Entwicklungen in Deutschland aus.&nbsp; </p>



<p>Vielleicht war es nur ein Spiel, doch ich hatte das Gefühl, das sich ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte. Je besser wir uns verstanden, desto freier durfte ich mich bewegen, fast wie zur Belohnung. <span class="s1">Es gab sogar Momente der Komplizenschaft, welche ich besser für mich behalte, damit ich niemanden nachhaltig in Gefahr bringe. Wer weiß, wer hier mitliest. Ich möchte glauben, dass Bruce Lee es ehrlich meinte. Die Reiseführer sind in der Regel ausgesprochen gut ausgebildete und wissbegierige Nordkoreaner und Nordkoreanerinnen, welchen normalerweise die Welt offen stehen würde. In einem anderen Land, in einem anderen Leben. Durch den regelmäßigen Kontakt mit Ausländern wächst auch ihre Neugier an der Welt da draußen.</span></p>



<p>Am Ende bleibt: Die Reise hat meine persönliche Verbindung zu Nordkorea verstärkt, vielleicht wegen der eigenen deutschen Teilungs- und Wiedervereinigungsgeschichte. Ich glaube fest daran, dass eine Wiedervereinigung Nord- und Südkoreas möglich ist. <span style="font-size: inherit;">Behutsam und sensibel müsste es dann allerdings vonstattengehen. So fragil scheinen die Seelen der Menschen durch ihr Unwissen, ihre Unschuld. Ein Moment bleibt mir in besonderer Erinnerung: Ich lief allein auf weiter Flur über ein paradiesisches Sandstück an der Ostküste Nordkoreas, die Sonne schien wie auf einer Urlaubspostkarte und ich blickte über das Japanische Meer, quasi in Richtung Freiheit. </span></p>


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                                Das Japanische Meer – die Ostküste Nordkoreas bei Wonsan
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<p><span style="font-size: inherit;">Zwei Tage später steige ich ganz selbstverständlich und privilegiert in den Flieger nach Peking. Keinen der Menschen, denen ich in Nordkorea begegnet bin, werde ich wahrscheinlich je wiedersehen.</span></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zusammen tanzen, zusammen kämpfen</title>
		<link>https://www.weltseher.de/zusammen-tanzen-zusammen-kaempfen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Jul 2020 08:06:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Georgien]]></category>
		<category><![CDATA[Anja Reiter]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexuell]]></category>
		<category><![CDATA[LGBT]]></category>
		<category><![CDATA[Transsexualität]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.weltseher.de/?p=7418</guid>

					<description><![CDATA[Georgien zählt zu den homophobsten Ländern der Welt. Die Hauptstadt Tbilissi hat sich dennoch zu einem queeren Hotspot im Kaukasus entwickelt. Eine Reise zu den Kampfzonen eines gespaltenen Landes.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/zusammen-tanzen-zusammen-kaempfen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Georgien zählt zu den homophobsten Ländern der Welt. Die Hauptstadt Tbilissi hat sich dennoch zu einem queeren Hotspot im Kaukasus entwickelt. Eine Reise zu den Kampfzonen eines gespaltenen Landes.</strong></p>



<p>Es ist schon weit nach Mitternacht, als für Giorgi Rodionov (29) die Nacht erst beginnt. Fröstelnd steht er in der Schlange vor dem Techno-Club Bassiani im Norden Tbilissis. Um seinen zierlichen Körper schlabbert ein schwarz-weißer Adidas-Hoodie, die Augen sind mit schwarzem Eye-Liner umrandet, die Wimpern getuscht. Rodionov möchte die sogenannten Horoom Nights besuchen, eine monatlich stattfindende LGBT-Party (eine Abkürzung aus dem Englischen für &#8222;lesbisch, schwul, bisexuell und transgender&#8220;) im Bassiani, bei der sich die Szene aus der ganzen Stadt trifft.</p>



<p>Rodionov, homosexueller Künstler und Galerist aus Tbilissi, kramt nach seinem Smartphone. Wie alle hier musste er sich schon Tage im Voraus auf Facebook für die Party registrieren: Die Veranstalter durchleuchten vorab die Online-Profile aller Partybesucher auf homophobe Sprüche oder Mitgliedschaften in rechtsextremen Gruppen. Wer im Internet gegen Schwule und Lesben pöbelt, muss draußen bleiben. Nur wer LGBT-freundlich ist, bekommt ein Ticket.</p>


        <div id="aesop-image-component-7418-5"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                                Giorgi Rodinov wird wegen seiner Homosexualität oft angefeindet. Foto: Anja Reiter
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<p>Rodionov darf durch, der Türsteher klebt vor dem Eintreten aber noch dessen Smartphone-Kamera ab, denn auch Fotos schießen ist in dieser Nacht verboten. So will der Techno-Club ein „Safe Space“ für die LGBT-Community bleiben – ohne gewaltbereite Eindringlinge, die Homosexuelle verprügeln, gegen ihren Willen outen oder bei ihren Familien oder Arbeitgebern anschwärzen.&nbsp;</p>



<h2><strong>Tanzende Nonne, wippende US-Flagge</strong></h2>



<p>Wir passieren den Eingang – und werden sogleich vom Bauch des Baus geschluckt. Der Club, in dem bis zu 1.200 Personen feiern können, ist unter einem riesigen Sportstadion untergebracht; getanzt wird in einem stillgelegten Schwimmbecken. Die Bässe dröhnen in den Ohren, nur langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Rodionov begrüßt ein paar Bekannte, Küsschen links, Küsschen rechts, danach verschwindet er im Dunkeln. In einer Ecke knutschen zwei Männer, es riecht nach Marihuana. Am Rand des Schwimmbeckens tanzt eine Nonne, daneben wippt eine USA-Flagge im Rhythmus der dumpfen Beats. Die meisten hier sind verkleidet, die Party steht im Zeichen von Halloween.&nbsp;</p>



<p>Im Vorraum des Clubs, wo die Bässe nur noch als dumpfer Hall zu hören sind, versammeln sich diejenigen, die sich bei einer Zigarette über das Leben und die Liebe austauschen wollen. Viele hier kommen fast jeden Monat zu den „Horoom Nights“. Als Homosexueller in Georgien habe man es schwer, sagt ein junger Mann in Frauenkleidung. „Besonders auf dem Land heißt es, solche wie ich seien böse, pädophil oder kriminell. Dabei bin ich ja nur ein netter Schwuler.“ Zwei Frauen sitzen neben ihm und halten Händchen. Auf der Straße würden sie sich nicht so offen als Paar zeigen, geben sie zu. „Nur hier können wir sein, wie wir wirklich sind.“ &nbsp;</p>



<h2><strong>Priester hetzen gegen LGBT-Community&nbsp;</strong></h2>



<p>Homosexuelle haben im erzkonservativen Georgien kein leichtes Leben. Laut der internationalen NGO &#8222;World Value Survey&#8220; rangiert Georgien auf Platz drei der homophobsten Länder der Welt; 93 Prozent der Georgier haben etwas dagegen, einen homosexuellen Nachbarn zu haben. Die orthodoxe Kirche genießt großen Einfluss auf Politik und Gesellschaft, fast 85 Prozent der Georgier gehören ihr an. Geistliche inszenieren sich im Fernsehen und auf Facebook als Hüter der nationalen Identität. In sozialen Medien hetzen ultra-orthodoxe Priester ihre Follower gegen sexuelle Minderheiten auf. Aber auch rechtsradikale und nationalistische Gruppen pöbeln im Netz und auf der Straße gegen die LGBT-Community.&nbsp;</p>



<p>Auf dem Papier jedoch gilt Georgien als eines der fortschrittlichsten Länder aus dem ehemals sowjetischen Raum. Die ehemalige Sowjetrepublik ist seit 1991 unabhängig und hat Homosexualität im Jahr 2000 entkriminalisiert. Seit 2006 gibt es gesetzliche Regelungen zum Schutz vor Diskriminierung in der Arbeitswelt, seit 2014 gelten die Anti-Diskriminierungsgesetze für alle Bereiche. Kritiker bemängeln jedoch, dass es in der Praxis eine hohe Anzahl an homo- und transphoben Gewalttaten gibt, die von den Behörden nicht verfolgt werden. „Wir haben die Gesetze, doch homophoben Taten folgen selten Strafen“, sagt der Künstler Rodionov.&nbsp;</p>



<p>Dann zählt er eine ganze Liste an Ereignissen auf, die das wahre Gesicht seiner Heimat zeigen sollen: 2013 ging bei der ersten georgischen &#8222;Pride Parade&#8220;, ein bunter Festzug der LGBT-Szene, ein wütender Mob aus Priestern und Nationalisten brutal gegen einen Bus mit friedlichen Aktivisten vor. Die für Mai 2019 geplante Pride Parade wurde von den Veranstaltern aus Sicherheitsgründen abgesagt; rechtsextreme Gruppen hatten gewarnt, erneut gegen die LGBT-Aktivisten zu pöbeln. Im November 2019 blockierten Rechtsextreme und Priester Kinos in Tbilissi, in denen die Premiere des Films „And then we danced stattfinden sollten“, die Geschichte über die Liebe zweier schwuler Tänzer in Georgien. Der Film sei eine Provokation, hieß es von Nationalisten.</p>



<h2><strong>Die Polizei tut nichts</strong></h2>



<p>Georgien scheint daher ein Land mit zwei Gesichtern: Wie passen die neugewonnen Weltoffenheit nach dem Fall des &#8222;Eisernen Vorhangs&#8220; mit den erzkonservativen Werten der georgischen Landsleute zusammen? </p>



<p>Die Suche nach Antworten führt mich zu der Organisation &#8222;Equality Movement&#8220;, die sich für die Rechte von Trans- und Homosexuellen einsetzt. Fast schon versteckt liegt deren Büro in der Altstadt von Tbilissi. Mehrmals schon habe man den Büroplatz wechseln müssen, weil LGBT-Feinde die Arbeit bedroht hätten, erzählt Aktivist und Mitarbeiter Mikheil Meparishvili. „Die Polizei hat nie etwas gegen die Angriffe unternommen.“ Nach vielen Umzügen sei man nun hier gelandet, in dieser Sackgasse.</p>


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                                Die Altstadt von Tbilissi. Foto: Anja Reiter
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<p>Meparishvili, 31 Jahre alt, weiß, wovon er spricht: Auch er ist homosexuell, auch er hat Zurückweisung erfahren. Seine Familie weiß über seine Sexualität Bescheid, doch seine Mutter möchte seinen Freund nicht kennenlernen. Meparishvili zuckt mit den Achseln. Als Lehrerin sei sie eben einem besonderen Druck ausgesetzt: „Ein schwuler Sohn ist problematisch, wenn man in Georgien im Bildungswesen arbeitet.“ Kollegen und Eltern würden negative Einflüsse auf die Schüler befürchten. Zu Hause versucht er das Thema zu vermeiden, und seinen Freund weitestgehend zu verschweigen.</p>



<h2>Nachbarn werfen Müll herüber</h2>



<p>Dann führt er durch die Räumlichkeiten: ein Vorzimmer mit kostenlosen Verhütungsmitteln, ein kleiner Hintergarten mit Tischtennisplatte. „Seitdem die Nachbarn wissen, wofür wir uns engagieren, werfen sie ihren Müll zu uns hinüber“, sagt er. Im ersten Stock: eine Arztpraxis, ein Anwaltsbüro, ein Raum für eine Sozialarbeiterin. &#8222;Equality Movement&#8220; versucht in allen Lebenslagen zu unterstützen. Juristen beraten bei Diskriminierung im Job oder kämpfen mit Transsexuellen für die Anpassung ihres Geschlechts in offiziellen Dokumenten. Ärzte bieten kostenlose HIV-Tests an, Sozialarbeiter vermitteln bei Familienfehden. </p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1200x800.jpg" alt="" data-id="7422" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/georgien-4/" class="wp-image-7422" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1536x1024.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-400x267.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4.jpg 1700w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1200x800.jpg" alt="" data-id="7423" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/georgien-5/" class="wp-image-7423" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1536x1024.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-400x267.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5.jpg 1700w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li></ul><figcaption class="blocks-gallery-caption">LGBT-Aktivist Mikheil Meparishvili im Büro von &#8222;Equality Movement&#8220; Fotos: Anja Reiter</figcaption></figure>



<p>Noch liege ein weiter Weg vor Georgien, sagt Meparishvili, nicht alle Betroffenen seien so geduldig und pragmatisch wie er. Er erzählt von homo- und transsexuellen Bekannten, denen die Situation in ihrer Heimat über den Kopf wuchs. Sie gingen mit einem Touristen-Visum nach Berlin, New York oder Brüssel oder suchten um Asyl an, um vor den Problemen in der Heimat zu flüchten und sich in einem toleranteren Land ein neues Leben aufzubauen. Für Meparishvili wäre das nichts: „Hier ist meine Heimat, hier habe ich einen Job, hier möchte ich etwas verändern.“</p>



<h2>Verteidigung der Tradition mit Worten und Fäusten</h2>



<p>Fünf Taximinuten von der NGO entfernt, in einem Café neben dem staatlichen Opernhaus, treffe ich einen der Antipoden des neuen Liberalismus: Ermile Nemsadze, 33 Jahre alt und grimmiger Blick. Er ist Mitglied von &#8222;Georgian March&#8220;, einer ultra-nationalistischen Gruppierung, die im Sommer 2017 gegründet wurde. Als Antwort auf die „ultra-linke“ Entwicklung des Landes, wie Nemsadze erklärt. Er und seine Kameraden, vor allem junge georgische Männer, wollen die georgische Tradition und Identität verteidigen – mit Worten und Fäusten.&nbsp;</p>


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                                Ermile Nemsadze findet Homosexualität nicht gut. Foto: Anja Reiter
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<p>Nemsadzes Profilbild auf Facebook zeigt ihn mit Sturmgewehr im militärischen Tarnanzug. Er habe im Irak und gegen Russland gekämpft, sagt er, aktuell sei er arbeitslos. Weil er kein Englisch spricht, hat er zum Interview eine Freundin mitgebracht. Die junge Frau, adrett gekleidet und freundlich lächelnd, übersetzt die aufgebrachten georgischen Antworten ihres Freundes. Homosexualität sei nicht angeboren, sondern anerzogen, wiederholt sie; Nemsadze sei daher auch nicht gegen Homosexualität an sich. „Ich bin nur gegen die Propaganda der Homosexualität.“</p>



<p>Die Vorstellung, Homosexualität sei eine ansteckende Viruserkrankung, hört man oft in Georgien. Es heißt, es seien vor allem Ausländer aus dem Westen oder pro-westliche Gruppen, die die vermeintlich schädliche Propaganda über die gleichgeschlechtliche Liebe in Georgien verbreiten würden. Laut einer Umfrage der &#8222;Women’s Initiative Supporting Group&#8220; stimmt mehr als jeder zweite Georgier der Aussage zu, dass Homosexuelle ihre sexuelle Orientierung allein aufgrund des Einflusses aus dem Westen geändert hätten.</p>



<h2>Gayropa, Fake News und Troll-Fabriken</h2>



<p>Die Männer von &#8222;Georgian March&#8220; wollen das nicht dulden. Sie kämpfen gegen Migration, Homosexuelle und die Annäherung Georgiens an den Westen. Sie tun das auf wechselnden Kanälen – und bilden dafür wechselnde Allianzen: Auf Facebook posieren sie mit dem Patriarchen der Georgischen Orthodoxen Kirche, Ilia II.,  und mit ihren stolzen Müttern. Auf Demonstrationen zünden sie Regenbogen-Flaggen an und marschieren mit geschulterten Kreuzen gegen die LGBT-Aktivisten. Im Netz und auf der Straße gewinnen sie immer mehr junge Leute für ihre Sache.</p>



<p>Vom Westen, oder „Gayropa“, wie Europa in diesen Kreisen genannt wird, hat Nemasadze kein gutes Bild, er spricht von Chaos und Werteverfall. Selbst war er noch nie in einem westeuropäischen Land. Seine Informationen bezieht er hauptsächlich aus dem Fernsehen und von Facebook – so wie die meisten Georgier, wie aktuelle Mediennutzungs-Umfragen zeigen. Doch auf vielen georgischen Kanälen geben Fake News und Troll-Fabriken den Ton an. Ihr Zweck: den Westen zu dämonisieren und den Liberalismus als Quelle für Chaos und Untergang darzustellen.</p>



<h2>Anti- und pro-westliche Propaganda</h2>



<p>„Anti-westliche Propaganda ist eine riesige Bedrohung für Georgien“, sagt Tamar Kintsurashvili, Geschäftsführerin der &#8222;Media Development Foundation&#8220; in Tbilissi. Ihre Stiftung versucht den Verschwörungstheorien ein Gegengewicht zu setzen. In mühseliger und kleinteiliger Recherchearbeit gehen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem kleinen Büro in der Vorstadt von Tbilissi den Ursprüngen der Fake News auf den Grund. Sie recherchieren, wann ein Bild zuerst veröffentlicht worden ist oder was dessen Metadaten über die Geolokation aussagen. Auf der Website „Myth Detector“ widerlegen sie sodann die populärsten Hirngespinste georgischer Websites. </p>


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                                Tamar Kintsurashvili will anti-westliche Fake News entlarven. Foto: Anja Reiter 
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<p>Umstimmen dürfte das die Nationalisten dennoch nicht: Die Stiftung wird von der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit finanziert und gilt ihnen damit als Teil der pro-westlichen Propaganda-Maschine. </p>



<p>Die Schlagzeilen, gegen die Kintsurashvilis Mitarbeiterinnen ankämpfen, richten sich oft gezielt gegen die LGBT-Community: In Griechenland hätten LGBT-Aktivisten randaliert und eine Kirche zerstört. In den Niederlanden würden Kinder homophober Eltern mit Bussen abgeholt und in Erziehungscamps gesteckt. Ausgemachter Blödsinn, auf Facebook jedoch tausendfach gelesen und geteilt.</p>



<p>Das Entschlüsseln von Fake-News sei ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit, sagt Kintsurashvili. Häufig würden sich spektakuläre Falsch-Meldungen viral verbreiten, bevor alle Lügen widerlegt worden sind. Ist die Meldung schon tausendfach geteilt worden, ist nur noch Schadensbegrenzung möglich. Um Georgier für das Thema zu sensibilisieren, veranstaltet die &#8222;Media Development Foundation&#8220; daher auch regelmäßige Workshops für Schüler und ihre Lehrer.</p>



<h2>Zwischen Russland und USA</h2>



<p>Wer sich die abstrusen Anekdoten ausgedacht hat, bleibt oft unklar. In dem oligarchischen und unterfinanzierten Mediensystem könnten einzelne Verleger die Themensetzung gezielt beeinflussen, häufig fehlt Transparenz darüber, wer ein Medienhaus besitzt. Und: Oft gelangen die erfundenen Nachrichten auch von russischen Nachrichtenportalen wie Russia Today oder Sputnik-Georgia.ru in georgische TV-Kanäle oder auf georgische Nachrichtenseiten, beobachtet Kintsurashvili. Einige Experten sprechen dabei sogar von &#8222;hybrider Kriegsführung&#8220;, mit der Russland seinen Einfluss in Georgien aufrechterhalten wolle.</p>



<p>Nach dem Zerfall der Sowjetunion waren die ersten Schritte Georgiens in die Unabhängigkeit im Land von viel Euphorie begleitet worden. Doch schnell bemerkten die Georgier, dass das sowjetisches Erbe sie nachhaltig verfolgte – durch wirtschaftliche, kulturelle und politische Verstrickungen. Die russisch-georgischen Beziehungen sind seither durch viele Aufs und Abs gekennzeichnet. Russlands autokratischer Präsident Wladimir Putin fürchtet den Einfluss der USA im eigenen &#8222;Hinterhof&#8220;, vor allem seit in Georgien mit der sogenannten Rosenrevolution 2003 eine pro-westliche Regierung an die Macht kam. Die Beziehungen eskalierten während des Kaukasuskriegs 2008, als russische Truppen auf georgischem Territorium einmarschierten. Die abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien kontrollieren die Russen heute immer noch militärisch. Viele Georgier haben das dem großen Nachbarn nicht verziehen.&nbsp;</p>



<p>Georgien muss nun einen Mittelweg zwischen Russland und dem Westen finden – bislang mäßig erfolgreich. Regierungspolitiker unterzeichneten Assoziierungsabkommen mit der EU und der Nato, zugleich sind viele Parteien und Wirtschaftstreibende aber vom Wohlwollen aus Moskau abhängig. Damit Georgien der russischen Einflusssphäre nicht entschwindet, setzt Russland auf Destabilisierung und Polarisierung der georgischen Gesellschaft – mit Panzern, Geld und Fake News. Putins Nachricht lautet: Wir haben euch vielleicht mit Panzern attackiert, aber der Westen will eure Seele zerstören.</p>



<h2><strong>„Es fehlt der politische Wille“</strong></h2>



<p>Ein symbolischer Schauplatz für diese Grabenkämpfe zwischen Nationalisten und Liberalen, westlichen und russischen Werten, ist der Platz vor dem Parlamentsgebäude in Tbilissi, ein mächtiger Bau am Rustaweli-Boulevard. Hier finden Demos und Gegendemos statt, hier wird protestiert, gefeiert und marschiert. Im Gebäude empfängt die Parlamentarierin Nino Goguadze von der Regierungspartei &#8222;Georgischer Traum&#8220;, eine energisch-bestimmte Frau. Westlichen Journalisten gegenüber äußert sie sich pro-europäisch: die Lage für sexuelle Minderheiten habe sich seit 2013 drastisch verbessert, betont sie. Dann zählt sie routiniert die vielen liberalen Gesetzesinitiativen ihrer Partei auf. Allerdings reagiert sie ausweichend auf die Frage, warum ihre Regierung LGBT-Demonstrierende nicht vor gewaltbereiten Gegendemonstranten schützen kann.</p>



<p>Das seien nur Lippenbekenntnisse, meint der Oppositionspolitiker Giga Bokeria im Büro nebenan. Die Regierung setze auf Worte, aber nicht auf Taten. Einhaltung der Diskriminierungsgesetze? Verfolgung von LGBT-feindlichen Straftätern? Mehr Transparenz bei den Besitzstrukturen von Medienunternehmen? „Es fehlt der politische Wille“, sagt Bokeria. Er glaubt, dass es den Regierungspolitikern vor allem um bloßen Machterhalt gehe. Durch wechselnde Allianzen versuche man sich alle relevanten Wählerschichten offen zu halten. Im Herbst 2020 wird ein neues Parlament gewählt. Bokerias größte Sorge ist, dass sich die Gesellschaft bis dahin weiter polarisieren könnte. „Hoffentlich bleiben wir von brutalen Ausschreitungen verschont.“</p>



<p>Zurück im Techno-Club Bassiani, es ist 4 Uhr, der Höhepunkt der Nacht: Ein singender Satan windet sich zu seinem eigenen Gesang, siamesische Zwillinge und Drag-Queens räkeln sich zu Popmusik und zeigen viel Haut. Das Schwimmbecken tobt. Die Partynacht wird hier erst am frühen Vormittag zu Ende gehen. Draußen, vor den Toren des Clubs, wird schon der Markt aufgebaut. Alte Mütterchen zerren Hühnerbeine vor ihre Stände, von den Dächern baumeln Tschurtschchela, Walnussstangen mit Traubensaft überzogen. Eine Katze schleicht um die Beine eines bärtigen Priesters.&nbsp;</p>



<p>Bald werden Künstler Giorgi Rodionov und die anderen aus dem Club taumeln. Sie werden den Traum der Nacht verlassen, sich die Augen in der Vormittagssonne reiben und zurückkehren in den Alltag ihrer Heimat. Der Slogan des Bassiani wird sie bis zur nächsten Party begleiten: „We dance together, we fight together.“</p>



<p>_______________________________</p>



<p><strong>Titelfoto (Symbolbild &#8222;Techno-Club&#8220;): Antoine Julien / <a href="https://unsplash.com/@antoinejulien/portfolio">antoine-julien.franceserv.com</a> / unsplash.com</strong></p>



<p><strong>Transparenz-Hinweis:</strong></p>



<p>Die Recherche-Reise nach Tbilissi wurde von der &#8222;Deutschen Gesellschaft e.V.&#8220; und von der US-finanzierten Stiftung &#8222;Media Development Foundation&#8220; organisiert sowie vom deutschen Auswärtigen Amt gefördert.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Slum mit Stil</title>
		<link>https://www.weltseher.de/slum-mit-stil/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Mar 2020 16:56:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kenia]]></category>
		<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Nairobi]]></category>
		<category><![CDATA[Tilo Mahn]]></category>
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					<description><![CDATA[In Kenias Hauptstadt Nairobi wohnt ein Drittel der Bevölkerung in Slums.  Eine Million Menschen organisieren ihr Leben zwischen Bretter-Hütten, Rohbauten und Müll. Doch anstatt darüber zu jammern, wollen einige das Beste daraus machen. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/slum-mit-stil/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>In Kenias Hauptstadt Nairobi wohnt ein Drittel der Bevölkerung in Slums. Eine Million Menschen organisieren ihr Leben zwischen Bretter-Hütten, Rohbauten und Müll. Doch anstatt darüber zu jammern, wollen einige das Beste daraus machen. </strong></p>



<p>Mit ausgestrecktem Arm deutet Nicholas Kimeu über Wellblechdächer und ausgewaschene Straßen. »So viele Menschen sind hier aufgewachsen. Und dann leben sie halt einfach hier. Und die nächste Generation führt wieder das gleiche Leben.« Er sitzt auf einem Plastikkanister zwischen Wäscheleinen und wackeligen Regalen. Seine Augen sind leicht zusammengekniffen vor heller Sonne und Staub in der Luft, wenn er erzählt. »So entsteht ein Kreislauf, der immer wieder neu anfängt. Dadurch ändert sich an der Situation hier im Slum aber rein gar nichts.« </p>



<p>Eine Gasse weiter ist er zusammen mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder aufgewachsen. Zu viert in einem Zimmer, auf knapp zehn Quadratmetern, zwischen Holzpritschen, Matratzen, Kanistern und vielen Töpfen. Die Hütte der Eltern haben die Kinder verlassen, als ihre Mutter 2012 starb. Der Bruder wohnt jetzt gegenüber. Von seiner Tür aus kann Nicholas Kimeu auf das Dach des Hauses blicken. Dahinter erscheinen im staubigen Dunst am Horizont die Hochhausfronten der Westlands. Etwas weiter hinten erheben sich die grünen Hügel Nairobis voller moderner Wohnanlagen und »gated communities«, umzäunte Nachbarschaften für wohlhabendere Bewohner.&nbsp;</p>



<h2>Aus dem Slum aufs Cover</h2>



<p>Die Bäume und Wege zum Spazieren dort kennt Nicholas Kimeu nur aus Erzählungen und von Bildern. Er hat die Ellbogen auf den Knien abgestützt, zwischen den Handﬂächen rollt er eine Zeitschrift hin und her. »Hier in Mathare leben wir wie in einem Tal zwischen zu hohen Bergen. Um uns herum ragen die schillernden Gegenden auf. Und wir sitzen hier mittendrin.« Das Titelbild der Zeitschrift in Nicholas Kimeus Händen zeigt eine junge Kenianerin, stark geschminkt in einem orangen Kleid. Das Mädchen, Njoki Muriithi, ist das aktuelle Cover-Model des »Zoom Magazins«. Wie Nicholas Kimeu stammt sie aus Mathare, einem der zahlreichen Slums in Kenias Hauptstadt Nairobi. Die Magazinredaktion hat Njoki Muriithi als Gewinnerin des Monats durch ein Selﬁe von ihr ausgewählt. Für das neue Jugendmagazin mit Themen aus Musik, Mode und Subkultur – über das Leben im Slum.&nbsp;</p>


<div id="aesop-gallery-7165-4"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-7165" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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<p>Nicholas Kimeu hat an der zweiten Ausgabe der Zeitschrift als Fotograf und Autor mitgearbeitet. »Ich habe mich irgendwann gefragt: Warum kommen ständig andere Leute hierher, um dann unsere Geschichten zu erzählen?«, sagt er. »Ich wollte die Gelegenheit nutzen, selbst zu erzählen. Ich wollte den Leuten meine Sicht auf die Kultur Nairobis und in Mathare näherbringen.« Nicholas Kimeu hat lange Zeit über seine Heimat nachgedacht. In Texten, Gedichten, in Filmen und auf Fotos hält er jetzt seine Gedanken, Ideen und Beschreibungen fest. An der Wand neben dem Spiegel hängt das erste Foto, das er gemacht hat: Zwei Kinder blicken hinter einer Ecke hervor in die Kameralinse. Dahinter verliert sich eine Gas se entlang winziger Rinnsale im rötlich lehmigen Bo den vor einem Teppich aus zerdrückten Plastikﬂaschen.&nbsp;</p>



<p>Wohl knapp eine Million von Nairobis geschätzten gut drei Millionen Einwohnern leben in einem der zahlreichen Slums der Stadt. Eingebettet zwischen Häuserblocks und Rohbauten aus Beton erstrecken sich auf riesigen Flächen und in Tälern die Hütten, Gassen und Stände derer, die sich anderen Wohnraum nicht leisten können. Unter ausgeblichenen Sonnenschirmen liegen auf Holztischen Plastikspielzeug und Bananenstauden aus. Ziegenrippchen garen im Rauch von Grillrosten. Kinder laufen Slalom um die Holzstangen der aufgespannten Planen und zwischen den geparkten Mofas. Alltägliches Treiben, wenn man in Mathare unterwegs ist.&nbsp;</p>



<h2>Sport und Bibliothek</h2>



<p>Vor den Füßen von Nicholas Kimeu rollt ein Ball über die Straße. Er kickt ihn in Richtung Straßenrand, hält kurz inne, wartet, was die Kinder machen. »Das hier ist die Wirklichkeit, die gelebte Wirklichkeit.« Als die Kinder dem Ball hinterhersausen, spricht er weiter. »Wir spüren die Trennung, die große Kluft zwischen Arm und Reich jeden Tag. Und der Grund dafür liegt auch in der Politik und im System.« Nicholas Kimeu ist auf dem Weg in die Bibliothek. Fast täglich geht er in die »MYSA Mathare Library«. Freunde hatten ihm vor Jahren beim Fußballspielen davon erzählt, dass sie sich dort regelmäßig treffen. Die Bibliothek ist eines der Projekte der Mathare Youth Sports Association, kurz MYSA. 1987 wurde MYSA als Hilfsorganisation gegründet und gehört mittlerweile zum Leben im Slum dazu – als Anlaufstelle für Beratung, als Ideengeber und als eine Art Kultur- und Sportzentrum. Über Fußball und andere Sportangebote kommen die Mitarbeiter mit Kindern und Jugendlichen auf der Straße und in Schulen in Kontakt. Sie wollen die Jugend stärken, ihnen Anregungen bieten. Das Ziel ist, soziale Kompetenzen und Selbstvertrauen zu vermitteln.&nbsp;</p>



<p>Bei den Treffen zeigen die Teilnehmer ihre Fotos, erzählen von ihren Projekten und Themen. Dann unterhalten sich die Mitarbeiter von MYSA mit den Jugendlichen über Drogen, Kriminalität und Bürgerrechte. Für diese Treffen fährt Michael Maina regelmäßig von seinem Büroplatz bei MYSA in Komarock im Osten Nairobis nach Mathare. Sein Weg führt ihn über die Juja Road, die oberhalb des Slums entlangführt. Als ehemaliger Teilnehmer von MYSA-Projekten kennt er die Bibliothek in Mathare noch aus den Anfängen. Inzwischen gibt es vier davon, verteilt über die Stadt. An der Straßenecke steigt Michael Maina aus einem der bunten Matatus, der typischen Kleinbusse in Nairobi. Zwischen lautem Motorknattern und dem Hupen der vorbeifahrenden Matatus muss er laut sprechen. »Die meisten Menschen hier nehmen große Strapazen für einfachste Dinge wie Wasser, Essen und eine halbwegs ordentliche Bleibe auf sich. Aber sie wissen trotzdem zu schätzen, wenn sie auch andere Anregungen bekommen.«&nbsp;</p>



<p>Mittlerweile ist er Programm-Manager für das Projekt »Shootback«. MYSA verleiht Kameras und andere Technik, damit die Teilnehmer wie Nicholas Kimeu auf eigene Faust ihr Viertel, ihre Freunde und ihre Umgebung fotograﬁeren, filmen und dokumentieren können. Michael Maina ist selbst in einem Slum groß geworden, etwas weiter entfernt vom Stadtzentrum. Mit der Arbeit bei MYSA will er auch gegen das trostlose Bild der Viertel ankämpfen. »Es herrscht hier nicht nur Chaos, wie viele Leute gerne behaupten. Die Straßen sind okay, auch wenn sie eben durch ein Slum führen«, sagt er, hebt seine Stimme noch mal an. »Man kommt überall schnell hin. Und viele Leute hier betreiben ihren eigenen kleinen Handel. Vor allem aber herrscht Leben!« Auf dem Weg durch Mathare bleibt Michael Maina alle paar Meter stehen, begrüßt Jugendliche und Kinder vor ihren Hütten mit Handschlag und Ghettofaust. Ein kurzer Spruch, ein schnelles Lächeln. Hammerschläge und Radiomusik begleiten die Gespräche über Alltag und Fußball. Ein süßlich brennender Geruch beißt in der Nase. Staub auf den Straßen weht wirbelnd durch die Luft.</p>



<h2>Kaum Platz zum Lesen</h2>



<p>Am Ende der Gasse bleibt Michael Maina vor einem dreistöckigen, bunt bemalten Haus stehen. Nicholas Kimeu steht hinter dem Blechzaun, auf dem in Grün gemalt steht: MYSA Mathare Library. Er unterhält sich mit anderen Jugendlichen. Michael Maina tippt ihm auf die Schulter. Ein verwunderter Blick, dann ein herzliches Umarmen. Die beiden bücken sich nacheinander durch den niedrigen Eingang der Bibliothek. </p>



<p>Drinnen hinter der Empfangstheke sitzen Kinder auf dem Boden und blättern in Bilderbüchern. Die Wände sind bunt bemalt mit Bäumen, Wiesen und spielenden Kindern. Im oberen Stockwerk stehen Regale voller Romane, Geschichtsbücher und Biograﬁen auf Englisch und Swahili. Michael Maina streift einige Buchrücken entlang. »Die meisten Hütten hier sind winzig. Zugang zu Bildung gibt es kaum. Das ist daheim nicht vorgesehen, und es gibt auch einfach keinen Rückzugsort zum Lesen«, erzählt er, während er Bücher in die Regale zurückschiebt. »Teilweise leben acht Familienmitglieder auf engstem Raum. Ein Zimmer dient häuﬁg als Wohnzimmer, Kinderzimmer und Schlafzimmer zugleich. Da gibt es einfach nicht genug Platz zum Lesen.«</p>



<p>Draußen vor den Fenster-Gitterstäben dreht sich rumpelnd eine Betonmischmaschine. Einige Schaulustige stehen herum. Ein älterer Mann stochert mit der Schaufel im Bauch der Betonmischmaschine. Dahinter stehen niedrige Mauern. Man erahnt den Grundriss für ein neues Haus. Dahinter hängen tropfende Kleidungsstücke über einer Wäscheleine. Nicholas Kimeu sitzt auf einem Stuhl am Fenster und verfolgt das Geschehen. »Wer weiß, vielleicht verlasse ich eines Tages diesen Ort. Aber vorher will ich hier etwas hinterlassen für die Zukunft. Nur vom bloßen Wunsch, hier wegzukommen, wird sich an diesem Ort nie et was ändern.«&nbsp;</p>



<p>Korruption und Konﬂikte zwischen Nationalitäten und Stammeszugehörigkeiten bestimmen seit Jahren das Leben in Kenia. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Nairobi deutlich sichtbar. Selbst Wohnraum im Umland oder an den Stadtgrenzen ist für viele Einwohner Nairobis kaum bezahlbar. Rund um die Bankentürme und Regierungsgebäude im Stadtzentrum entstehen neue Straßen und weitere Hochhäuser. Häuﬁg, bevor klar ist, wie ein Gebäude genutzt werden soll. Vorhaben, stattdessen Wohnungen in den ärmeren Vierteln zu bauen, sind immer wieder im Sand verlaufen. Nicholas Kimeu engagiert sich inzwischen dafür, in Mathare Bäume zwischen die Hütten zu pﬂanzen und die Straßen vor der Regenzeit besser zu befestigen. In einem seiner Texte schreibt er: »Wenn reiche Leute andere reiche Leute dafür bezahlen, da mit Handlanger dann die Ärmsten verantwortlich machen, ist das wie eine Nahrungskette, an deren Ende wir stehen.«&nbsp;</p>


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<p>MYSA will mehr Chancen schaffen, damit Jugendliche in Mathare nicht mehr nur am Ende stehen. Neben Spenden verdient die Organisation inzwischen auch eigenes Geld. Am Hauptsitz in Komarock bieten Mitarbeiter Fitnesskurse und Physiotherapie an. So können Projekte und Personal weiter ﬁnanziert werden. Teilnehmer können zu Mitarbeitern ausgebildet werden. Sie bekommen Punkte, wenn sie bei Fußballturnieren, bei Aufräumaktionen in Mathare oder AIDS-Präventionskursen mitmachen, wachsen lang sam in die Organisation rein. Michael Maina hat selbst diese Erfahrung gemacht. »Weil die Menschen merken, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, versuchen sie inzwischen auch viel mehr, etwas aus sich zu machen.« </p>



<p>Die beiden Freunde sind weitergezogen, um etwas zu essen. Mit einer Schale Kochbananen in der einen Hand und einem Programmheft in der anderen Hand steht Michael Maina im Innenhof eines improvisierten Kulturzentrums. Er unterhält sich mit Nicholas Kimeu über das bevorstehende Filmfest. Einmal im Jahr organisiert MYSA das Mathare Youth Film Festival. Nicholas Kimeu will dort seinen ersten Film vorführen. Michael Maina hofft, mit dem Festival noch mehr Aufmerksamkeit für die Projekte und die Teilnehmer zu bekommen. Er ist überzeugt: »Die meisten Leute, die wirklich etwas erreicht haben, stammen von dieser Seite der Stadt. Sie sind einfach kreativer aufgrund der Umstände, aus denen sie stammen. Manchmal erstaunt es die Slumbewohner selbst, zu was einige Leute im Stande sind.«&nbsp;</p>



<h2>Poesie aus dem Slum</h2>



<p>Michael Maina und die anderen Mitarbeiter gestalten Plakate, suchen weitere freiwillige Helfer. Zwischen den Filmen sollen auch Bands auftreten. Nicholas Kimeu stellt seine Schale zur Seite und räumt Teile einer Bühne aus dem improvisierten Büro vor die Graﬃti-Wand des Innenhofs. »Einige Menschen hier denken, sie sitzen für immer in diesem Loch fest, egal, was kommt. Aber ich sage: Nein!« Er zieht eine Leinwand zum Ausrollen unter dem Schreibtisch hervor, atmet tief. »Ich habe Dinge im Fernsehen gesehen, Bücher gelesen. Und ich habe eine Vorstellung für mich von einem besseren Leben.« Inzwischen hat Nicholas Kimeu so viele Gedichte geschrieben, dass er sie als Band veröffentlichen könnte. Noch sucht er nach einem Verlag, einem Abnehmer. »Das Schreiben über Mathare und mein Leben hat mir sehr geholfen, mit schweren Phasen meines Lebens umzugehen. Trotzdem versuche ich, das Persönliche in meinen Texten so klein wie möglich zu halten.«&nbsp;</p>



<p>Für den Rückweg zu seiner Hütte nimmt Nicholas Kimeu einen Umweg durch die steilen Gassen zwischen den Hütten. Nach dem Aufstieg auf festgetretenem Sandboden und Müllresten öffnet sich der Blick hinter einer Biegung. Auf der Anhöhe hinter einem Mauervorsprung bleibt Nicholas Kimeu stehen. Vor ihm liegt die riesige Fläche aus Brettern, Lehmwänden und Wellblechdächern der Hütten. Er dreht sich um und sagt: »Es geht hier nicht um mich. «</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kiruna auf Rädern</title>
		<link>https://www.weltseher.de/kiruna-auf-raedern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2020 10:24:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schweden]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Arktis]]></category>
		<category><![CDATA[Eis]]></category>
		<category><![CDATA[Ekaterina-Venkina]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kälte]]></category>
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					<description><![CDATA[Was passiert, wenn eine Stadt plötzlich auf Rädern landet? Und was, wenn sie dazu in der Arktis liegt? Unterwegs in einer „company town“ zwischen dem Fjell und der Mine.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/kiruna-auf-raedern/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Was passiert, wenn eine Stadt plötzlich auf Rädern landet? Und was, wenn sie dazu in der Arktis liegt? Unterwegs in einer „company town“ zwischen dem Fjell und der Mine.</strong></p>
<p>Es ist, als beobachte man ein groteskes Puppenstubenspiel der Jötunnen, der altnordischen Riesen. Fast geräuschlos verlässt das rund 100 Tonnen schwere Gebäude seinen Ort. Es wird auf einen Stahlbalken hochgehoben und auf einen Tieflader aufgesetzt. Das erste von mehreren denkmalgeschützten „Gelbe Reihe Häusern“ macht sich auf die Reise.</p>
<p>Mit einer Geschwindigkeit von fünf Kilometer pro Stunde rollt es durch die Gegend. Es zieht an erstaunten Zuschauern und an einigen verkrüppelten alten Birken vorbei. Seine wachsame Garde, uniformierte Transportarbeiter in neongrünen Schutzanzügen, geht dicht daneben und passt auf, dass das Gebäude nicht verrutscht. Es fängt an zu schneien. Dicke, unförmige Schneeflocken stöbern durch die Luft. Und das 119 Jahre alte Haus aus Kiruna rollt in sein neues Leben.</p>
<h2>Getrieben vom Nomadengeist</h2>
<p>Kiruna ist Schwedens nördlichste Stadt. Sie liegt gut 140 Kilometer oberhalb des Polarkreises: Ein Haufen zusammengewürfelter Häuser, altmodische Oldtimer auf den Straßen und das Ende-der-Welt-Gefühl in der Luft. Im Sommer geht die Sonne für etwa 50 Tage nicht unter, im Winter für fast drei Wochen nicht auf. Karge Landschaften rufen Zeiten in Erinnerung, als das Volk der Samen mit seinen Rentieren hier noch frei umher wanderten.</p>
<p>Wie von diesem Nomadengeist getrieben, gerät Kiruna jetzt selbst in Bewegung. Nach Nya Kiruna (Neu-Kiruna), rund vier Kilometer östlich, soll es gehen. Im Oktober waren drei „Gelbe Reihe Häuser“ mit den Nummern B555, B556 und B557 umgezogen. Bald folgen auch die anderen Gebäude.</p>
<p>Grund für den Umzug ist die größte unterirdische Eisenerzmine der Welt. Sie liegt unter dem westlichen Stadtrand und frisst sich immer weiter nach Osten. Deshalb müssen etwa 6.000 Einwohner ihre Heimat verlassen, einige haben es bereits gemacht.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-9.jpg" data-caption="Das historische &quot;gelbe Haus&quot; zieht auf Rädern um. Foto: Åke Jönsson" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-2.jpg" data-caption="Diese &quot;Gabionen&quot; erinnern an Häuser, die nicht mehr stehen. Foto: Ekaterina Venkina" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-4.jpg" data-caption="Aussicht auf den Fjell. Foto: Ekaterina Venkina" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-8.jpg" data-caption="Die Rentier-Haltung gehört zum kulturellen Erbe Kirunas. Foto: Mattias Keinil" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5.jpg" data-caption="Rentier-Herde im Winter. Foto: Mattias Keinil" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-7.jpg" data-caption="Untertage in der Mine. Foto: LKAB" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-6.jpg" data-caption="Untertage in der Mine. Foto: LKAB" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-1.jpg" data-caption="Untertage in der Mine. Foto: LKAB" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-2.jpg" data-caption="Auch der Gedenkhain samt den Toten  soll verlegt werden. Foto: Ekaterina Venkina" alt=""></div></div></p>
<h2>Im Angesicht der Stille</h2>
<p>Åke Jönsson, der 55-jährige Umweltinspektor aus Kiruna, hat sein altes Haus bereits geräumt.<br />
„Es war Samstagmorgen. Ich trank meinen Frühstückskaffee. Draußen war es komplett still. Kein Kindergeschrei, gar nichts“, Jönsson wirft einen langen Blick auf die Stelle, wo sein Haus früher stand. Ein mit grauen Steinen gefüllter Drahtkorb ist das einzige, was an dieser Stelle noch zu sehen ist. „Erst dann wurde mir schließlich klar, dass wir wirklich weg müssen“, sagt er. Das war Weihnachten 2014.</p>
<p><div id="attachment_7134" style="width: 210px" class="wp-caption alignleft"><img aria-describedby="caption-attachment-7134" class="size-medium wp-image-7134" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-375x600.jpg" alt="" width="200" data-id="7134" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-375x600.jpg 375w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-768x1228.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-750x1200.jpg 750w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-94x150.jpg 94w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-400x640.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4.jpg 1063w" sizes="(max-width: 375px) 100vw, 375px" /><p id="caption-attachment-7134" class="wp-caption-text">Ake Jönsson ist bereits umgezogen.</p></div></p>
<p>Der Drahtkorb, Gabione genannt, soll eigentlich ein Werk des Gedenkens sein. Doch mit ihrem dürren Käfig aus verzinktem Stahl sieht sie eher wie alte Haut aus, die das Haus nach dem Entpuppen abgelegt hat.</p>
<p>In Jönssons altem Viertel Ullspiran, nur ein paar Hundert Meter vom Zentrum entfernt, gab es mehrere dreistöckige Reihenhäuser mit insgesamt rund 200 Wohnungen. Sie waren in den 1960er Jahren von der staatlichen Bergbaugesellschaft Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag (LKAB) für Familien mit Kindern gebaut worden. Jönsson hat mit seiner Partnerin und seinen zwei Söhnen, Dennis und Robin, fast 25 Jahre dort gewohnt. Er erinnert sich noch gut daran, wie nach Robins Geburt ein Baum im Innenhof gepflanzt wurde. „Als Glückszeichen“, sagt er.</p>
<p>Ullspiran war eines der ersten Viertel in Kiruna, das komplett verschwand. Als Jönsson und seine Familie den Bezirk verliessen, war fast niemand von ihren Nachbarn mehr da. Stattdessen war der Bezirk komplett geräumt worden und dient für die Übergangszeit als Parkzone.</p>
<p>Für die Hausbesitzer, die in Kiruna vom Umzug betroffen sind, bieten sich drei Optionen an. Nummer Eins: Die Bergbaugesellschaft LKAB zahlt für die Häuser, die abgerissen werden. Ihre Bewohner bekommen den Marktpreis und zusätzlich 25 Prozent. Doch obwohl die Auszahlungen höher sind, als der marktübliche Verkaufspreis, reichen sie nicht, um einen gleichwertigen Neubau in der Stadt zu kaufen. Deswegen droht die Gefahr, dass viele Betroffene den Ort verlassen werden, um woanders ein Haus zu kaufen.</p>
<p>Die zweite Alternative ist die so genannte „Schlüssel gegen Schlüssel“ Lösung. Als Immobilienbesitzer kann man in Neu-Kiruna ein Ersatzhaus erhalten. Das Problem ist, dass die meisten davon aber noch nicht fertig sind.</p>
<p>Nur die dritte Möglichkeit verlegt ganze Häuser auf Räder. Sie betrifft aber hauptsächlich nur kulturell bedeutende Bauten: Insgesamt rund vier Dutzend werden auf diese Art nach Neu-Kiruna verlegt.</p>
<p>Jönssons Situation fiel allerdings in keine der oben genannten Kategorien. Seine Wohnung gehörte der Minengesellschaft: Genau wie Hunderte von anderen Einwohnern in Ullspiran, hatte er seine Unterkunft gemietet. Ihm hatte LKAB schließlich ein anderes Mietshaus angeboten. Der Ersatz liegt nur wenige Straßen von dem ursprünglichen Ort entfernt. Doch das Problem wurde nur aufgeschoben: 2023 soll auch hier alles abgerissen werden. Wie es dann für ihn weitergeht, weiß Jönsson noch nicht.</p>
<h2>Monstrum und Mutter</h2>
<p>Der 55-Jährige will jetzt noch nicht daran denken. Die Mine wird es schon richten, da ist er sich sicher. Die meisten Bewohner Kirunas haben ihr Leben schon immer nach ihr ausgerichtet. Einerseits ist die Mine ein riesiges Monstrum, dass die Heimat auffrisst. Andererseits ist sie seit über hundert Jahren der größte Arbeitgeber der Region und sorgt fast wie eine Mutter für die Bewohner.</p>
<p>Die Grube Kiruna existiert seit 1890. Eine gefühlte Ewigkeit. Sie gilt als das größte unterirdische Eisenerz-Bergwerk der Welt. Und Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag ist das älteste staatliche Bergbauunternehmen Schwedens. 365 Tage im Jahr wird in LKAB-Minen Eisenerz gefördert, die jährliche Menge an daraus gewonnenem Stahl entspricht ungefähr sechs Eiffeltürmen.</p>
<p>Es ist gerade Weihnachtszeit und Glühbirnenketten lassen die Grube fast schon festlich erscheinen, rund zwei Kilometer vom alten Stadtzentrum entfernt. Über dem schornsteinähnlichen Lüftungsschacht stehen Wolken, die an Rauchschwaden erinnern. Auf mehrere Stockwerke verteilen sich „Die Decks&#8220;, wie ein großes Schiff liegt die Mine zu Anker.</p>
<p>Jede Nacht, pünktlich um 01.20 Uhr, sprengen die Arbeiter untertage. Zurzeit fördert LKAB Eisenerz auf einem Niveau von 1.365 Metern unter dem früheren Gipfel, den die Samen „Berg des Schneehuhns“ nennen. Man hört das Grollen, spürt die Vibration. Es wird ausgerechnet mitten in der Nacht gesprengt, weil es zu diesem Zeitpunkt nur wenige Bergarbeiter untertage gibt. Falls die Sprengung schiefgeht, so das Kalkül, wird es weniger Opfer und Verletzte geben. Die nächtlichen Detonationen sind in Kiruna Teil des Alltags geworden. Es ist, als hätte man Jörmungandr, die Midgardschlange aus der Wikinger-Legende, gezähmt.</p>
<p>„Wir leben hier in einer Bergbaustadt. In einer company town,“ sagt Fredrik Björkenwall. Er arbeitet in der Kommunikationsabteilung von LKAB. Björkenwalls Großvater war sein Leben lang Bohrer. Ganz unten, im Bauch der Mine.</p>
<p>Rund 540 Meter unter dem Gipfel des Berges ist die Luft feucht und lauwarm. Björkenwall führt in einen großen unterirdischen Raum, den man nach einer 15-minütigen Autofahrt durch den Tunnel erreicht. Seltsame Schatten tanzen an den Wänden. Wie schimmernde Blauwale tauchen gigantische stillgelegte Bohrmaschinen aus der Dunkelheit auf. Die Techniker halten die Temperatur das ganze Jahr über konstant: angenehme 18 Grad Plus. Der Grund: So unzerstörbar die schweren Geräte auch aussehen mögen, arktische Kälte zwingt sie in die Knie.</p>
<p>Hier im Herzen der Mine offenbart sich eine unterirdische Parallelwelt. Es gibt eine Kantine, einen Werkzeugladen, sogar einen Konferenzraum. Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat sich hier wohl ein Mittagessen gegönnt, als er 2013 an der Tagung des Arktischen Rats in Kiruna teilnahm.<br />
In dieser Parallelwelt dreht sich fast alles ums Geld. Auch wenn das Geld sich in Form von Eisenerz (apatithaltigen Magnetit) manifestiert und schwarz ist. 2018 erzielte LKAB einen Gewinn von rund 628 Millionen Euro vor Abzug von Steuern. Dafür grub das Unternehmen 26,8 Millionen Tonnen Eisenerz aus der Erde.</p>
<p>LKAB-Sprecher Björkenwall sagt, es sei wirtschaftlich leider notwendig, auch jenes Erz zu fördern, das unter Kiruna liegt. Selbst wenn die Stadt dafür verlegt werden muss. Dafür wolle das Unternehmen bis zum Jahr 2035 fast zweieinhalb Milliarden Euro in die Gemeinde-Umwandlung investieren.</p>
<h2>Das Gefühl des Fjells</h2>
<p>Derweil breitet sich mehrere hundert Meter oberhalb des Förderschachts unter dem weiten Himmel Lapplands ein ganz anderes Universum aus. Hier herrscht die Landschaft namens Fjell. In den spätsommerlichen Tagen leuchtet sie in allen Schattierungen von smaragdgrün bis lila. Von Ende August bis Ende März tanzen die Polarlichter im Nachthimmel, spektakulär und bunt, als hätten sie ihrer Umgebung alle Farben geraubt. In großen Herden suchen Rentiere nach Futter.</p>
<p><div id="attachment_7148" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img aria-describedby="caption-attachment-7148" class="size-medium wp-image-7148" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-375x600.jpg" alt="" width="200" data-id="7148" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-375x600.jpg 375w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-768x1228.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-750x1200.jpg 750w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-94x150.jpg 94w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-400x640.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1.jpg 1063w" sizes="(max-width: 375px) 100vw, 375px" /><p id="caption-attachment-7148" class="wp-caption-text">Mathias Keinil ist Same.</p></div></p>
<p>Besuch bei einem echten Samen Kirunas, etwas mollig mit rötlichen Wangen, sitzt er in seiner Wohnung. „Wir sind schon immer mit der Rentierzucht beschäftigt gewesen – soweit wir zurückdenken können“, sagt Mathias Keinil. Der 41-jährige ist in einem kleinen Dorf rund zwanzig Kilometer nördlich aufgewachsen. Seit er elf Jahre alt ist, kennzeichnet er seine Rentiere mit der eigenen Ohrmarke, die ihm sein Großvater gegeben hat. Jeder Rentierbesitzer muss eine haben. Sie wird mit einem Messer in das Ohr des Kalbes geschnitten und kennzeichnet, wem es gehört.</p>
<p>In ganz Schweden leben rund 4.500 Rentierbesitzer. In der Gegend rund um Kiruna gab es 2009 mehr als 141.000 Rene. „Wir haben keinen Einfluss auf sie“, sagt Keinil. „Es sind die Rentiere, die entscheiden, wo sie hinwollen. Wir helfen nur.“ Jeden Sommer ziehen sie nach Westen und jeden Winter – unvermeidlich, wie der Herzschlag der Natur – nach Osten. Wenn eine Kuh mit einem Kalb trächtig ist, geht sie immer zu dem Ort zurück, an dem sie selbst geboren wurde.</p>
<p>Wenn Keinil über die Wanderrouten der Rene erzählt, leuchtet sein rundes Gesicht mit demselben milden Licht auf, das an einem Julitag über die skandinavischen Bergtundra strahlt wird. Für ihn ist das Leben einfach. Ende August wird geschlachtet. Im Mai werden die neuen Kälber geboren. Das ist der Kreislauf des Lebens.<br />
Doch dieser Kreislauf ist bedroht. Laut dem Rentierhalter gibt es drei Faktoren, die sich in den uralten Zyklus einmischen und bei ihm zum plötzlichen Herzrasen führen können: Abholzung, Windparks und der Bergbaubetrieb.</p>
<h2>Demokratie in Aktion?</h2>
<p>Doch zu heftigen Protesten wegen des Bergbaus ist es in Kiruna bislang nicht gekommen. Weder von den Samen, noch von den anderen Einwohnern. Die Loyalität zu der Mine ist einfach zu groß. Heutzutage arbeiten in der Grube rund 500 Kumpel, insgesamt sind 4.200 Menschen bei dem staatlichen Bergbauunternehmen tätig. Etwa zehn Prozent von Kirunas 18.000 Bewohner sind direkt bei LKAB angestellt. Und noch viel mehr arbeiten bei den zahlreichen Subunternehmen und Dienstleistern des Bergwerks.<br />
Nicht zuletzt dank der Mine ist das mittlere Einkommen in Kiruna sogar höher als in Stockholm. Selbst Ungelernte können bei LKAB einen Bruttolohn von fast 4.500 Euro im Monat verdienen. Es scheint, dass man sich hier an diese Sicherheit gewöhnt hat.</p>
<p>Im Laufe der Zeit ist der Umzug zum Status quo geworden. „Ursprünglich gab es sieben verschiedene Stellen, die als mögliche Destinationen genannt wurden“, sagt Dan Lundström. Seit Januar 2017 leitet er die Firma Kiruna Storytelling, die sich mit der urbanen Transformation beschäftigt. Früher war er auch Vorsitzender der lokalen Mietervereinigung. Laut Lundström gab es am Ende nur zwei Alternativen: Die Stadt nach Nordwesten zu verschieben oder rund vier Kilometer nach Osten.</p>
<p>Gunnar Selberg, Gemeinderat&nbsp;für die grünliberale Zentrumspartei, der zum Zeitpunkt der Debatte auch Teil der Gemeinderegierung war, erinnert sich sehr gut daran: „Eigentlich waren wir dafür, eine Volksabstimmung durchzuführen“. Wichtig wäre das nicht nur wegen der Einwohner gewesen, sondern hätte auch eine Möglichkeit sein können, verschiedene Alternativen zu diskutieren. Aus dieser Idee ist aber nichts geworden. „Wir wurden nicht gehört“, meint der Politiker. Die Ost-Alternative hat schließlich gewonnen, was laut Selberg eine Entscheidung der Regierung war. Man hat die Leute von Kiruna nie gefragt, ob sie damit einverstanden sind.</p>
<p>Und nun wird die Entscheidung eben umgesetzt. Zunächst wurden 19 kulturell bedeutende Gebäude verlegt, auch auf Rädern wie die &#8222;Gelbe Reihe Häuser&#8220;. Vor kurzem wurde die Liste auf 39 Bauten erweitert. Dazu gehören unter anderem die Rundfunkstation, das Krankenhaus, die alte Feuerwache, das Gebäude der Heilsarmee und der Stolz der Kiruaner, die Kirche. Ein schönes, rotes Holzbauwerk, das an ein Wikinger-Schloss erinnert.</p>
<p><div id="attachment_7150" style="width: 510px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-7150" class="size-medium wp-image-7150" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-600x375.jpg" alt="" width="500" data-id="7150" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-600x375.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-768x480.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-1200x750.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-150x94.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-1250x782.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-400x250.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1.jpg 1700w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /><p id="caption-attachment-7150" class="wp-caption-text">Die Kirche in Kiruna.</p></div></p>
<h2>„Die Toten müssen ja auch mit“</h2>
<p>„Sogar die Toten müssen mit“, sagt Rasmus Norling. Rasmus, 41 Jahre alt, arbeitet als stellvertretender Kommunaldenkmalpfleger bei der lokalen Gemeinde. Er trägt einen hellblonden Pferdeschwanz mit vereinzelten grauen Strähnen und eine Menge philosophischer Gedanken in sich.</p>
<p><div id="attachment_7152" style="width: 348px" class="wp-caption alignleft"><img aria-describedby="caption-attachment-7152" class="size-medium wp-image-7152" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-338x600.jpg" alt="" width="338" height="600" data-id="7152" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-338x600.jpg 338w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-768x1365.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-675x1200.jpg 675w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-84x150.jpg 84w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-400x711.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3.jpg 844w" sizes="(max-width: 338px) 100vw, 338px" /><p id="caption-attachment-7152" class="wp-caption-text">Das Grab des ersten Direktors der Mine.</p></div></p>
<p>Kurz vor der Kirche bleibt Rasmus abrupt stehen und zeigt einen kleinen, mit Buchen bewachsenen Gedenkhain. Dort thront ein großer grauer Gedenkstein samt Bild und Inschrift. Das Monument wäre einem nordischen Fürsten angemessen, ehrt aber den Gründer der Stadt, der auch der erste Direktor der Mine war: Hjalmar Lundbohm. Ohne ihn hätte die Stadt ihre heutige Identität wahrscheinlich nie entwickelt, schwärmt Rasmus. „Die Mine war sein Lebenswerk“. Dann schweigt er kurz. „Eine Weile war die Frage offen: Lassen wir ihn hier? Soll ihn seine geliebte Grube jetzt verschlucken?“</p>
<p>Laut Gesetz soll die Ruhe der Toten gewahrt, eine Vermischung der Asche unbedingt vermieden werden. Auch wurde Lundbohms Grab noch nie geöffnet. Dies ist nur in besonderen Ausnahmefällen möglich. Rasmus klingt resigniert: „Wie können wir das jemals schaffen?“.</p>
<p>Vielleicht, überlegt er, könnte man den Boden einfrieren und den als einen einzigen Eisklumpen verlegen. Oder den Ort exakt vermessen, alle Steine ausgraben, sie Stück für Stück verlegen und sie an der neuen Stelle exakt zusammensetzen. Schließlich gibt Rasmus auf und will sich weiter mit anderen beraten. „Schließlich, passiert es ja nicht alle Tage, dass man die Toten umbettet“. Sicher scheint ihm nur: Kiruna wird umziehen. <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/12.0.0-1/72x72/2666.png" alt="♦" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></p>
<hr>
<p><em>Mehr zum Thema erfahrt ihr in diesem Video unserer Autorin :</em></p>
<p><iframe title="Kiruna_Venkina" width="930" height="523" src="https://www.youtube.com/embed/22_aRrR9VQ4?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe></p>
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		<title>Wo die Zeit still steht</title>
		<link>https://www.weltseher.de/wo-die-zeit-still-steht/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Mar 2018 11:38:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Algerien]]></category>
		<category><![CDATA[Algier]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Oliver Rühle]]></category>
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					<description><![CDATA[Wenn man ein Lineal auf eine Mittelmeerkarte legt, kann man fast eine Senkrechte im rechten Winkel von Barcelona nach Algier ziehen, der Hauptstadt Algeriens – des größten Landes Afrikas. Unser Autor hat sich auf die gegenüberliegende Seite begeben und ein unbeweglich wirkendes, starres Land vorgefunden, dessen ambitionierte Jugend die letzte Rettung sein könnte.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wo-die-zeit-still-steht/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Wenn man ein Lineal auf eine Mittelmeerkarte legt, kann man fast eine Senkrechte im rechten Winkel von Barcelona nach Algier ziehen, der Hauptstadt Algeriens – des größten Landes Afrikas. Unser Autor hat sich auf die gegenüberliegende Seite begeben und ein unbeweglich wirkendes, starres Land vorgefunden, dessen ambitionierte Jugend die letzte Rettung sein könnte.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Flugroute zieht gefühlt eine Gerade im rechten Winkel über die auf dem Bordmonitor angezeigte Landkarte. Zwischen Startpunkt und Landedestination klafft ein großer blauer Fleck, wie ein leeres Zentrum – das Mittelmeer. Die Maschine auf dem Weg zur anderen Seite, ans gegenüberliegende Ufer der katalanischen Metropole Barcelona, ist nur eine Stunde in der Luft und fast leer.</p>
<p style="text-align: left;">Nach der wie mit dem Lineal gezogenen Linie durch die Luft, dreht die Boeing 737 nach Westen ab und unter dem linken Flügel breitet sich die nordafrikanische Küste aus: Unerschlossene Strände, halbmondartige Buchten, Steilküstenabschnitte, Schilfinseln zwischen Feldern, Gewächshäusern, vereinzelt Rauch, dann wieder Feld an Feld, unverputzte Häuser, Betonruinen, Hütten, Minarette, erstaunlich viel grüne Farbe. Die Piloten sehen wahrscheinlich schon die weite Bucht von Algier, der Hauptstadt Algeriens, vor sich ausgebreitet. Die Landschaft erscheint mit jeder Sekunde detaillierter und mit jedem Meter Sinkflug wird mir die baldige Ankunft in Afrikas größtem Land bewusster.</p>
<p style="text-align: justify;"><iframe style="border: 0;" src="https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m14!1m12!1m3!1d2876704.6747811274!2d1.2317093876101932!3d38.99277412513215!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!5e1!3m2!1sde!2ses!4v1517151258154" width="100%" height="450" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></p>
<h2 style="text-align: justify;">Ich war voller Stereotype</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenige Minuten später knallt der Stempel in den Pass. &#8222;Passen Sie auf sich auf&#8220;, hatte der Mitarbeiter der algerischen Botschaft in Berlin-Pankow nach der Visa-Vergabe noch gemahnt. Es klang nach einer Mischung aus Drohung und einem Bruchteil Fürsorge. Algerien zeigt sich skeptisch gegenüber jeder Form von Besuch. Nun verschwinden die Schiebetüren rechts und links in der Wand und die Empfangshalle des Flughafens von Algier eröffnet sich.</p>
<p style="text-align: justify;">Insaf steht unübersehbar links vor einer Säule. Sie ist zierlich, trägt offenes, lockiges Haar, das Größte an ihr ist das Lächeln, welches Sie uns unmittelbar entgegenwirft. Insaf winkt mich und meinen Reisegefährten sofort zu sich. Die Begrüßung ist südländisch, französisch, Küsschen rechts, links. Salut und Salam gleichermaßen. Während im Gebäude selbst fast Stille und vor allem kaum Betriebsamkeit herrscht, geschieht draußen davor das ganze Gegenteil und eine enorme Lebendigkeit umzingelt mich sofort, überwältigt mich gewissermaßen. Unmengen von Autos und kleinen Lieferwagen scheinen alle zur gleichen Zeit gestartet zu sein und wollen sich alle durch dasselbe Ausfahrtstor pressen.</p>
<p style="text-align: justify;">Abgase, Zigarettenrauch, eingedellte Taxis sind erste dominante Eindrücke. Insaf hupt energisch, schimpft vergnügt und schiebt sich kompromisslos und vor allem selbstbewusst mit ihrem kleinen Wagen Reifenlänge um Reifenlänge zum Ausgang vor. Ich sitze amüsiert und angenehm verwundert auf dem Beifahrersitz. Die Medizinstudentin Insaf wirkt beachtlich emanzipiert und freiheitlich, vor allem für ihr junges Alter von 23 Jahren. Beachtlich, weil ich andere Stereotype im Kopf hatte, für die ich mich eigentlich schämen muss: Kopftuch, tradiertes Auftreten, eine gewisse Rückständigkeit. Gegenteile zur westlich geprägten Moderne und weitere Vorurteile.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Insaf statt ISIS</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich habe Insaf über Couchsurfing kennengelernt. Ich war auf der Suche nach Einheimischen vor Ort, die uns treffen, mit Empfehlungen helfen und vor allem mit uns offen sprechen würden. Ich wollte ein paar Dinge in Erfahrung bringen, denn ich weiß nicht viel über das abgeschottete, riesengroße Land, welches unter Europäern nicht unbedingt als Tourismusmagnet gilt und in Deutschland jüngst ausschließlich in den Debatten um sogenannte sichere Herkunftsländer eine Erwähnung findet. Oder aber wenn es um ISIS- oder al-Qaida-Ableger in den südlichen Grenzgebieten zu Libyen, Niger und Mali geht, sprich islamistischen Terrorismus. Insaf war die Erste, die mir auf der Couchsurfing-Seite geantwortet hatte. Und seitdem um unser Wohl besorgt war – bis zum Schluss.</p>
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                        style="font-size:2em;color:#e26299;">
                <span>Meine Mutter weiß es, meine Schwester weiß es. Nur mein Vater nicht.</span>
                <cite class="aesop-quote-component-cite">Insaf, 23 Jahre, über ihre Entscheidung kein Kopftuch mehr zu tragen</cite>            </blockquote>

            
            </div>
            </p>
<p style="text-align: justify;">Stichwort „Sicheres Herkunftsland“: Kaum ein großer Verkehrsknotenpunkt ohne Polizeikontrolle auf dem Weg in die algerische Hauptstadt. Auch mitten auf den Autobahnen sind Checkpoints des Militärs. Auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum von Algier müssen wir gleich an zwei Sperren anhalten. Ein offenbar gängiges Prozedere, welches alle Beteiligten nüchtern und routiniert über sich ergehen lassen. Die schick Uniformierten stehen bei den Kontrollen entweder auf dem Mittelstreifen oder an der Straßenkreuzung, winken durch oder halten an. Bei Dunkelheit schaltet man besser das Licht im Innenraum des Wagens an und löscht die Scheinwerfer. So können die teilweise mit Maschinenpistolen bewaffneten Männer besser erkennen, wer im Auto sitzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Wir müssen für die Militärs ein sonderbares Bild bieten: Die zarte Insaf mit zwei großgewachsenen, westlich aussehenden Männern in ihrem kleinen Auto. Doch nie werden die Uniformierten unhöflich oder harsch. Im Gegenteil: Die Polizisten und Soldaten gehen wie Gentlemen mit uns um, vor allem mit Insaf. Dabei repräsentiert sie eine Fraulichkeit, die in dem sehr religiösen, islamischen Staat selten zu sehen ist. Vielleicht nur in den Großstädten, wie hier in Algier. Das Kopftuch abzulegen, ist eine grundsätzliche Entscheidung, die einem Beben gleichkommt. Dem Ende eines bisherigen Lebens. Insaf hat sich im letzten Jahr dazu entschieden. Eine bewusste Entscheidung, die Sie keineswegs bereut.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Meine Mutter weiß es, meine Schwester weiß es. Nur mein Vater nicht. Wenn ich nach Hause zu meinen Eltern fahre, lege ich es wieder an. Es würde ihn zu sehr verletzen. Irgendwann werde ich es ihm verraten&#8220;, erklärt Insaf. Sie ist besorgt über den Zustand der Religion: „Ich glaube das Religionen allgemein die Menschen spirituell führen sollen, doch leider wird der Glauben als Werkzeug missbraucht, die Menschen zu dominieren.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">Mondäne Melancholie</h2>
<p style="text-align: justify;">Algier, die weiße Millionen-Stadt am Meer, erstreckt sich die weite urbane Bucht entlang und die Hänge hinauf. Im ehrwürdigen Herzen, der Kasbah, verlieren sich die endlosen Gassen im Gewirr der ineinander geschachtelten Bauten aus überwiegend osmanischer Zeit. Eine bitterarme Gegend, in der es nach Kardamom, Couscous und Kohle riecht, nach Pisse stinkt. Kinder spielen neben in sich zusammensackenden Gebäuden Fußball, dürre Katzen folgen auf Schritt und Tritt. Müllberge häufen sich zu immensen Halden inmitten dieses altstädtischen Wohngebiets aus dem 16. Jahrhundert, eines von sieben UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten in Algerien.</p>
<p style="text-align: justify;">Dagegen breit angelegte Boulevards nach europäischem Vorbild, so wollte die Besatzungsmacht Frankreich einen besseren Überblick, größere Kontrolle über die Algerier erzielen, Meerpromenaden mit weißen, ehrlicherweise verblassenden, bröckelnden französischen Kolonialfassaden unterhalb der Kasbah. Weltstädtische, elegante Bürgerhäuser, gebaut für die einst vielen Franzosen der ehemaligen Kolonialmacht der Maghreb-Staaten Marokko, Algerien und Tunesien. Algiers Äußeres erinnert an sein südfranzösisches Hafengegenüber Marseille. Doch die Anmut Algiers ist eine andere. Mondän charmant auf der einen, orientalisch bescheiden auf der anderen Seite. Und mittendrin Melancholie.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwar scheint die Zeit hier ein Stückweit stehen geblieben zu sein, doch gealtert wurde trotzdem. Der 80-jährige algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika passt dazu ins Bild. Er gilt seit Längerem als gesundheitlich stark angeschlagen. Seit einem Schlaganfall im Jahr 2013 trat er kaum mehr öffentlich auf und verließ nur noch selten seine Residenz, in der er gelegentlich ausländische Staatsgäste empfängt. Meistens sitzt er im Rollstuhl. Bouteflika steht seit 1999 an der Spitze Algeriens – bald 20 Jahre. Seit dem Ende des Bürgerkriegs der 1990er-Jahre, als der Staat gegen die Islamisten kämpfte und es bis zu 150.000 Tote gab, galt das System Bouteflika als Garant für Stabilität. Seine Partei gewann auch jüngst wieder die Parlamentswahlen. Zwar mit deutlichen Verlusten, aber an den Machtverhältnissen wird sich zwangsläufig nichts ändern. Insaf möchte über ihren Präsidenten nichts Schlechtes sagen. Algerien habe Bouteflika viel zu verdanken, er habe dem Land Frieden gebracht. Und doch wirkt das riesige Land heute unbeweglich, steckt fest, ohnmächtig vor den gewaltigen Herausforderungen.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-10.jpg" data-caption="Insaf studiert Medizin und spricht gut Deutsch. Sie hofft, ihr Studium in Heidelberg beenden zu können und möchte 
danach gern eine Zeit ehrenamtlich arbeiten – zum Beispiel in den Palästinensergebieten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-21.jpg" data-caption="Algier – die weiße Stadt. Vor allem die Wasserfront im Zentrum ist im französischen Kolonialstil erbaut, Prachtbauten
des sogenannten „Empire colonial“." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-25.jpg" data-caption="Insaf übersetzt ein Gespräch mit einem Anwohner." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-24.jpg" data-caption="West-Algier erzählt davon, dass die schlechte wirtschaftliche Situation dem Mittelstand stark zusetzt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-22.jpg" data-caption="Die weite Bucht von Algier mit der neuen Moschee im Osten, die wie ein gigantischer Leuchtturm in den Himmel ragt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-17.jpg" data-caption="Im ganzen Land ist die Vielzahl an Moscheen auffällig und überall entstehen weitere, hier ein Gotteshaus eines Fischerdorfs im Osten von Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-7.jpg" data-caption="Viele Fassaden faulen im wahrsten Sinne vor sich hin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-13.jpg" data-caption="Souhil (links) und Zakaria (rechts), Englisch-Studenten aus Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-3.jpg" data-caption="Das Zentrum von Algier mit der berühmten großen Post (links)." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-11.jpg" data-caption="Fußball ist enorm wichtig für Algerier, überall findet man einen Platz, wo gekickt werden kann. Ein Idol ist der Franzose Zinédine Zidane, früherer Weltfußballer und Sohn algerischer Einwanderer." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-5-1.jpg" data-caption="Kinder spielen mit einem kaputten Ball in der Kasbah, der Altstadt von Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-9.jpg" data-caption="Die Menschen leben in der Hauptstadt teilweise in Häusern, die von einer prachtvollen, längst vergangenen Zeit erzählen…" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-12.jpg" data-caption="Med: „Nach mehr als zehn Jahren des Terrors ist Algerien jetzt auch ein sicheres Land. Wir Algerier sind zwar verhältnismäßig
arm, doch sehr sehr freundlich.“" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-15.jpg" data-caption="Außerhalb der Stadt dominiert die Landwirtschaft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-14.jpg" data-caption="Blick in den frühen Morgenstunden auf den Hafen von Algier." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Marc Oliver Rühle</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">Die Bevölkerung leidet vor allem unter enormer Arbeitslosigkeit, sowie Wohnungsnot, unzureichender Gesundheitsversorgung und steigenden Preisen. Zulange hat sich Algerien auf seine Ölexporte versteift, keine Innovationen angestoßen. Jetzt droht der Staatsbankrott. &#8222;Dabei gehört uns, der Jugend, das Land&#8220;, sagt Insaf. Etwa die Hälfte der rund 40 Millionen Einwohner Algeriens ist unter 30 Jahre alt. Ein Drittel der jungen Algerier hat keinen Job, keine Aufgabe – und ist somit leichte Beute für die Islamisten im Land. Andere wollen ihr Glück im europäischen Ausland versuchen. So auch Insaf.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn es um die algerische Zukunft geht, werden Vergleiche zu Libyen gezogen. Was wird nach Bouteflikas Tod mit Algerien geschehen? Der Zusammenbruch in Einzelteile? So lesen sich die Zeitungsartikel über Algerien, die infolge der sogenannten Flüchtlingskrise seit 2015 in Deutschland publiziert wurden. Die Menschen, die wir treffen, widersprechen dem.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Am liebsten nach Deutschland</h2>
<p style="text-align: justify;">Insaf liebt Algerien wie ihre eigenen Eltern. Sie sagt: „Man sucht sie sich nicht aus, aber lernt von ihren Werten. Und dafür bin ich meinem Land dankbar. Ich fühle mich hier auch sicher, kann nachts alleine nach Hause fahren und fürchte mich nicht. Und das auch, obwohl es ungewöhnlich für eine Frau in Algerien ist, allein zu wohnen, so wie ich. Da aber alle Nachbarn alles beobachten, behaupte ich, ich würde mit meiner Schwester wohnen – die ist oft genug zu Besuch, so dass es den Anschein hat.&#8220; Und dennoch will sie Algerien spätestens in zwei Jahren  verlassen, am liebsten nach Deutschland, um dort Ärztin zu werden.</p>
<p style="text-align: justify;">Algerien ist das flächenmäßig größte Land Afrikas (6,5 Mal die Fläche Deutschlands) – es ist fast unmöglich, sich in kurzer Zeit ein umfassendes Bild der Zustände des Maghreb-Staates zu verschaffen. Das lerne ich schon am ersten Tag nach unserer Ankunft. Ich sitze in einem Café am Nationaltheater von Algier. Hier sind ausschließlich Männer, lesen Zeitung, trinken Cola oder Tee. Ich habe mich mit einigen Kontakten von Couchsurfing verabredet, einer ist Souhil. Der 22 Jahre alte Englisch-Student ist voller Stolz auf sein Land. &#8222;Schreib&#8216; nicht&#8220;, sagt er, &#8222;du wärst in Algerien gewesen. Um das behaupten zu können, musst Du den Norden kennen, den Osten und Westen gesehen haben, die Berge und Wüsten bereisen. Überall verschiedene Mentalitäten, unterschiedliche Menschen, völlig andere Gegebenheiten – andere Probleme. Klar, wollen wir alle mal hier raus, aber nicht um jeden Preis. Das hier ist unser Land und hier gehören wir hin.&#8220; Schließlich sei das Leben in Algerien auch immer weiter gegangen und einen weiteren Krieg werde es nicht mehr geben, dafür sei das System zu stark, meint Souhil.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist mir nicht möglich, die Interviewpartner, welche sich mit mir in jenem Café verabredet haben, auf die gemeinsamen Getränke einzuladen. Sie versperren mir den Weg zur Bar, als ich den Anschein mache, die Rechnung zu begleichen. Die berühmte arabische Gastfreundschaft ist omnipräsent. Auf der Straße werden Selfies verlangt und am allersten Tag war es für Insaf alternativlos, mich zu allem und jedem einzuladen.</p>
<p style="text-align: justify;">An einem Nachmittag treffe ich den 67-jährigen Mohammed, der aber lieber Med genannt werden möchte. Wenn er sich nicht im Internet in Foren und auf Blogs politisch oder gesellschaftskritisch äußert, kümmert er sich um Straßenhunde. In einem Land, in dem Hunde als haram (verboten) gelten, ist das keine leichte Aufgabe.<br />
Aus Lautsprechern einer Moschee tönt das Gebet des Muezzin über die Uferpromenade Algiers. Med sagt, dass er mit dem Islam und Religion überhaupt nichts anfangen könne. &#8222;Religion ruft in mir nur schlechte Gedanken hervor. Religion trennt die Menschen voneinander&#8220;, findet er. Trotzdem würde er dem streng islamischen Algerien nie den Rücken kehren. „Algerien ist mein &#8218;home sweet home&#8216; und auch wenn ich beispielsweise in Frankreich gelebt habe, würde ich immer wieder hierher zurückkehren.&#8220;</p>
<p>    <div id="aesop-quote-component-7015-3"          class="aesop-component aesop-quote-component    aesop-component-align-center  aesop-quote-type-block   quote-left-right " style="background-color:#fffffe;color:#e26299;height:auto;width:100%;">

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                        style="font-size:2em;color:#e26299;">
                <span>Das System wird weitermachen wie bisher.</span>
                <cite class="aesop-quote-component-cite">Med (67), über die Zukunft Algeriens</cite>            </blockquote>

            
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<p style="text-align: justify;">Wir laufen durch seinen Stadtteil. Die Möwen schreien, über uns die weißgrauen Fassaden mit den blauen Fensterläden, französische Balkone, schmale Austritte, Palmen säumen den Platz. „Nach mehr als zehn Jahren des Terrors ist Algerien jetzt auch ein sicheres Land. Wir Algerier sind zwar verhältnismäßig arm, doch sehr sehr freundlich.“ Was passiert, wenn Präsident Bouteflika stirbt? „Überhaupt nichts. Das System wird weitermachen wie bisher“.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Stille in der Stadt</h2>
<p style="text-align: justify;">So viel Geld muss sein, trotz Finanzkrise und Inflation – ein 1,4 Milliarden Euro teures Prestige-Objekt soll die Bouteflika-Ära in Stein meißeln: In Algier entsteht seit 2011 die größte Moschee Afrikas und nach Mekka und Medina das drittgrößte muslimische Gotteshaus der Welt. Nach einem Entwurf des Frankfurter Architekturbüros &#8222;KSP Jürgen Engel Architekten&#8220;. Übrigens nicht der einzige ausländische Bestandteil des gigantischen Monuments. Denn was als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gedacht war, um die algerische Arbeitslosenquote zu drosseln, hat sich als Täuschung entpuppt. Deutsche Architekten, deutsche Statiker, italienischer und türkischer Kalkstein und vor allem ausschließlich chinesische Bauerbeiter, kaum ein Algerier legt hier Hand an.</p>
<p style="text-align: justify;">Das 265 Meter hohe, höchste Minarett der Welt sticht wie ein gigantischer Leuchtturm des Islam aus der Bucht von Algier heraus. Für diesen Giganten wurden zahlreiche Bewohner evakuiert, die den Baumaßnahmen weichen mussten. Nicht nur deshalb ist die Baustelle bei den Menschen Algiers eher unbeliebt und wird stark kritisiert, statt deren Fertigstellung ersehnt. Abgesehen davon hat Algerien bereits fast 15.000 Moscheen. Wir sehen das moderne Beton-Minarett vom Balkon unserer zentralen Unterkunft aus in den Himmel ragen. Es ist, als bewache das unfertige Gotteshaus den weiten algerischen Küstenstreifen und das Meer vor Eindringlingen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Europa oder Afrika?</h2>
<p style="text-align: justify;">Unter uns Algier eine Stunde nach dem fünften Tagesgebet: Wie ausgestorben, alle Läden geschlossen, kaum ein Auto auf den Straßen, kaum ein Mensch zu sehen. Stille, Trauermoment, Angst, Friedlichkeit, eine seltsame Mischung. Noch nie habe ich eine Metropole derart außer Betrieb erlebt. Fast unvorstellbar, dass vor unserer Haustür in den frühen Morgenstunden wieder der absolute Trubel immense Lautstärken erzeugt. Dattelverkäufer, Teemacher, Motorroller.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich bin zurück bei Insaf. Sie fährt mich durch die Nacht von Algier, mit der Selbstverständlichkeit eines ausgebufften Taxifahrers, der vor dem Einsteigen seiner Fahrgäste weiß, wohin sie wollen. Die Stadt ist schwach und gelblich beleuchtet, wie ein großer Parkplatz oder ein Kasernenhof. Oben vom militaristischen Freiheitsdenkmal aus sehen wir die große Stille von Algier ausgebreitet vor uns liegen. Ein dunkles Panorama, sonderbar für eine Hauptstadt. Einige Jungs stehen um eine Bank versammelt und rauchen. Nur der Alkohol fehlt und wir wären in einem osteuropäischen Klischeebild. Wo das Meer sein sollte, scheint ein großer schwarzer Vorhang auf der Stadt aufzuliegen und hinter diesem Vorhang, auf der gegenüberliegenden Seite, nur einen geraden Strich entfernt – Europa. So nah, dass ich begreife, dass das hier nicht Afrika ist.</p>
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		<title>Gott liebt die Alten</title>
		<link>https://www.weltseher.de/gott-liebt-die-alten/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 10 Dec 2017 23:09:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Uganda]]></category>
		<category><![CDATA[Armut]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Grundeinkommen]]></category>
		<category><![CDATA[Senioren]]></category>
		<category><![CDATA[Stephan Dietrich]]></category>
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					<description><![CDATA[Während die Industrieländer noch über das bedingungslose Grundeinkommen diskutieren, ist es in Uganda bereits Realität – zumindest bei den ärmsten Senioren. Unser Autor war bei der Auszahlung in einem kleinen Dorf dabei.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/gott-liebt-die-alten/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>Während die Industrieländer noch über das bedingungslose Grundeinkommen diskutieren, ist es in Uganda bereits Realität – zumindest bei den ärmsten Senioren. Unser Autor war bei der Auszahlung in einem kleinen Dorf dabei.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Gemächlich bewegen sich die letzten Nachzügler auf ihre Krücken gestützt zum haushohen Fikus-Baum vor den Gemeinderäumen von Otkwac. Im Schatten haben sich bereits die älteren Jahrgänge mehrerer Dörfer versammelt. Insgesamt etwa 400 Frauen und Männer lauschen dort so gut wie es noch geht dem Bezirksvorsteher. Es ist ein besonderer Tag im Distrik Kole im Norden Ugandas, es ist Zahltag. Alle Bewohner über 65 erhalten jeden zweiten Monat 50.000 Schilling, was etwa 15 Euro entspricht, und können damit machen was sie wollen. Eine Rente, ohne dass sie je etwas in ein Rentensystem eingezahlt haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Betrag erscheint bedeutungslos, aber für viele ist es eine wichtige Unterstützung um zumindest den Grundbedarf des Lebens zu decken. Jeder Dritte Bewohner lebt von weniger als einem Dollar am Tag und die Zahlung deckt im Durchschnitt zwei Drittel der monatlichen Ausgaben eines ganzen Haushalts in der Region. Um nach Kole zu kommen, fährt man von der Hauptstadt Kampala Richtung Norden, überquert den Nil kurz nach dem Ursprung im Viktoriasee und landet nach insgesamt etwa 250 Kilometern in einem ländlichen Gebiet voller Menschen, aber ohne Stadt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Das Armenhaus Ugandas</h2>
<p style="text-align: justify;">Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Südsudan, im Westen liegt der Kongo, im Osten Kenia. Der Norden ist das Armenhaus Ugandas. Bis vor einigen Jahren war er Schauplatz des Bürgerkriegs mit der Lord&#8217;s Resistance Army, dessen Anführer Joseph Kony wegen seiner Kinderarmee und schlimmer Menschenrechtsverletzungen berüchtigt ist. Der Konflikt hat sich in den Kongo verlagert, viele Probleme sind geblieben.</p>
<p style="text-align: justify;">Aber Uganda ist mehr als das Trübsal, dass die internationalen Schlagzeilen über den Bürgerkrieg, den ewig herrschenden Präsidenten Museveni oder die Kriminalisierung von Homosexualität vermuten lassen. Uganda ist ein aufstrebendes Land mit starkem Wirtschaftswachstum und sinkenden Armutsraten.</p>
<p style="text-align: justify;">Vor fünf Jahren hat die Regierung das &#8222;Social Assistance Grants for Empowerment Programm&#8220; mit Hilfe von internationalen Partnern ins Leben gerufen. Eine Art bedingungsloses Grundeinkommen, dass armutsbedrohten Menschen helfen soll, ihren Lebensstandard zu verbessern. Die Idee dahinter ist einfach: Die meisten Menschen wissen selber am besten, was ihnen fehlt. Statt viel Geld in die Überwachung und Umsetzung spezifischer Programme zu investieren, bleibt es hier jedem selber überlassen, was er mit dem Geld anfängt.</p>
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<h2 style="text-align: justify;">Die Alten haben es besonders schwer</h2>
<p style="text-align: justify;">Andrew Newton Ogei ist der technische Direktor im Kole Distrikt. Mit seinen 35 Jahren wirkt er jugendhaft zwischen den Senioren. Er erklärt, dass es besonders die Alten schwer haben in einer Region, in der der Staat nur am Rande vorkommt. Sozialabgaben oder direkte Steuern gibt es nicht. Im Alter sind daher viele auf ihre Familie und die Hilfe ihrer Kinder angewiesen. Wie dieses Gerüst in sich zusammenfällt, wenn eine Generation wegbricht, hat die Aids-Epidemie vieler Orts auf tragische Weise deutlich gemacht.</p>
<p style="text-align: justify;">Wie zum Beispiel bei Rose, 74. Die Witwe lebt mit ihren drei Enkelkindern auf einem Hof aus drei kleinen Lehmhütten. Ihr Mann ist letztes Jahr von einem Auto tödlich angefahren worden. Ihre Tochter war mit einem Polizisten verheiratetet. Der Mann und seine zwei Ehefrauen – Polygamie wird in Uganda praktiziert – sind an Aids gestorben. Nun kümmert sich Rose alleine um ihre Enkelkinder, auch wenn man ihr die Jahrzehnte harter Arbeit in der Landwirtschaft anmerkt.</p>
<p style="text-align: justify;">Von dem Geld des Programms kann sie Essen besorgen, schickt die Kinder in die Schule und investiert in den Hof. Sie zeigt auf mehrere Hühner, die zwischen den Hütten umherlaufen sowie eine Ziege, die im Hintergrund weidet. Die Auszahlungen in Otkwac sind nach draußen verlegt worden, weil es in den kleinen Verwaltungsräumen der Gemeinde bei weitem nicht genug Platz für die Menschenmenge gibt. Es ist wie ein kleines Ehemaligentreffen der Jahrgänge 1950 und älter. Zu diesem Anlass wird Festtagskleidung getragen. Bunte Röcke, Schlips und ein paar ziemlich große Sonnenbrillen vermischen sich zu einer farbenfrohen Menschenmenge.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Auszahlung bei tropischen Temperaturen</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Bezirksvorsteher ruft den Wartenden zu, dass sie ihre Simkarten bereit halten müssen. Danach wird ein Ort aus dem Distrikt nach dem anderen abgearbeitet. Simkarte, Fingerabdruck und die Geldscheine wechseln über einen wackligen Holztisch die Seiten. Der Rest bleibt unbeeindruckt von den tropischen Temperaturen auf dem Rasen sitzen. Im Laufe des Vormittags ziehen tief dunkle Wolken am Horizont auf, aber mit Hektik ist nicht zu rechnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Milton, 71, lebt wie fast alle von Subsitenzlandwirtschaft. Ein kurzer Blick in den Himmel reicht ihm, um zu sagen, dass es erst am Abend regnen wird. Sein Dorf Ocor liegt etwa zehn Kilometer die lehmig rote Straße hinunter. Er hat sich im Morgengrauen in die unendliche Ameisenstraße eingereiht, die sich von Sonnenauf- bis Untergang an den bunten Feldern und dem satten Grün des Moors entlangschlängelt. Die meisten gehen zu Fuß, in Gruppen, in einem Tempo, das nicht zu unterbieten ist. Dazu kommen die Boda-boda Fahrräder mit ausgebauten Gepäckträgern, auf denen unvorstellbare Mengen an Kisten, lebenden Tieren und Beifahren aufgeladen werden. Immer wieder reißen Motorräder Furchen in den Menschenstrom. Sobald Milton sein Geld erhalten hat, wird er sich wieder in den Strom einreihen. Ein guter Tag, sagt Milton.</p>
<p style="text-align: justify;">Neu ist die Idee des Grundeinkommens zur Armutsbekämpfung nicht. Anfang des Jahrtausends wurden so genannte &#8222;Conditional Cash Transfer&#8220; Programme in Lateinamerika getestet. Dabei wurden die Zahlungen an Bedingungen wie etwa den Schulbesuch der Kinder geknüpft. Die Ergebnisse waren vielversprechend und daraufhin wurden weltweit ähnliche Programme umgesetzt. Es zeigte sich aber, dass es sich meist nicht lohnt Bedingungen einzuführen, weil es nicht am Willen der Eltern fehlt, ihre Kinder in die Schule zu schicken, sondern an den finanziellen Mitteln dafür.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Grundeinkommen breitet sich unter den Armen aus</h2>
<p style="text-align: justify;">Auch ohne die Konditionierung haben die Programme ähnliche Auswirkungen, aber zu geringeren Kosten. Die Ausbreitung von &#8222;Cash Transfer&#8220; Programmen in Afrika ist beeindruckend. Allein bis zum Jahr 2009 zählte eine Weltbankstudie 120 ähnliche Interventionen. Das Programm in Uganda läuft bisher in 15 besonders armen Distrikten mit ungefähr 120.000 Empfängern. Es wurden zwei verschiedene Varianten des Programms getestet. Einmal für alle über 65 und die andere Variante für besonders armutsgefährdete Haushalte gemäß eines Index aus Anzahl an Waisenkindern und arbeitsunfähigen Personen im Haushalt.</p>
<p style="text-align: justify;">Um die Auswirkungen des Programms zu überprüfen, hat eine englische Beraterfirma eine sie untersucht. In der Studie sollten Programmempfänger mit ähnlichen Haushalten, die keine Zahlungen erhielten, verglichen werden. Der Nachweis positiver Effekte sollte auch helfen, das Programm vor politischen Konjunkturen zu schützen, da ein nachweisbar erfolgreiches Programm sich nur schwer zurücknehmen lässt. Allerdings gab es Probleme mit der Vergleichbarkeit der Kontroll- und Vergleichsgruppe, weshalb die Ergebnisse nicht so schlüssig sind, wie man das gerne hätte.</p>
<p style="text-align: justify;">Klar scheint aber, dass sich nur das Programm für die Senioren bewährt. Zu unverständlich waren die Kriterien für die Vergabe der Zahlungen an die besonders armutsbedrohten Familien. In der Evaluierung gaben einige Empfänger an, dass Gott entscheidet, wer das Geld bekommt. Ganz so ist es nicht, aber gerade in Gegenden mit hoher Armut, kann die Verteilung auch zu sozialen Spannungen führen. Wenn alle arm sind, wieso erhalten einige das Geld und andere nicht? Das Alter zu nehmen ist dagegen einfach zu verstehen und als legitimes Kriterium akzeptiert.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kein Grundeinkommen für alle</h2>
<p style="text-align: justify;">Eine politische Dimension ist aber bei der Entscheidung nicht ausgeschlossen. Im Gegensatz zu den Kindern gehen gerade die Älteren treu zum Wählen. So wurde im Lauf des Wahlkampfs Anfang des Jahres verkündet, dass das Program in den nächsten fünf Jahren in 40 weiteren Distrikten eingeführt werden soll. Komplett bedingungslos sind die Zahlungen allerdings nicht. Der Sozialwissenschaftler Firminus Mugumya von der Makerere Universität in Kampala weist darauf hin, dass das Programm schnell eingestellt werden würde, wenn es nicht effektiv wäre. Wenn die Menschen anfangen würden das Geld in den Viktoriasee zu werfen, würden die Zahlungen sofort gestoppt werden, schiebt er hinterher, um seinen Punkt zu verdeutlichen.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit dem Program soll die Armut reduziert werden, nur der Weg dorthin bleibt jedem selber überlassen. Auch wenn Firminus Mugumya das Programm als Erfolgsgeschichte bezeichnet, glaubt er nicht, dass es in Zukunft in ganz Uganda umgesetzt wird. Die finanziellen Möglichkeiten sind zu begrenzt und sollen erstmal dafür verwendet werden, den ärmsten Regionen zu helfen. Zu einem Grundeinkommen für alle wird es so schnell nicht kommen.</p>
<p>Bevor das Geld ausgezahlt wird, überweisen Mitarbeiter eines Telefonanbieters vor Ort mobiles Handygeld auf die Simkarten der Empfänger. Wer die Auszahlung verpasst, hat das Geld auf seiner Simkarte gespeichert und kann es sich beim nächsten Mal auszahlen lassen. Handygeld hat sich in Uganda etabliert. In jeden noch so kleinen Dorf gibt es Wechselstuben der Mobilfunkanbieter, in denen man die elektronische Währung in Bargeld tauschen kann. Aber häufig ist das gar nicht nötig. Man kann das Geld verschicken, damit bezahlen und es parallel zum Bargeld verwenden. Selbst ohne Handy kann die Simkarte als Sparkonto verwendet werden. Dazu kommt es aber eher selten, denn der Großteil wird gleich wieder investiert.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Gott liebt die Alten</h2>
<p style="text-align: justify;">Einige der Alten haben sich zu einem Netzwerk zusammengetan. Sie nennen sich „God loves the Elderly“. Gemeinsam bauen sie Zwiebeln an und in Notsituationen legen sie Geld zusammen, um einzelnen Mitgliedern zu helfen. Durch das Programm werden sie selbstständiger, können den Haushalt unterstützen und die Felder von jüngeren Hilfsarbeitern bestellen lassen. Aber nicht nur die Alten haben etwas von dem Programm. Mit dem Geld werden auch Schulkosten für Kinder beglichen und es fließt auch in die lokale Wirtschaft, wovon alle profitieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Allerdings gibt es auch Probleme. Die Mittel für das Programms sind so knapp, dass in Zukunft nur die 50 Ältesten Bewohner eines Distrikts das Grundeinkommen erhalten können. Dabei lässt sich oft nicht feststellen, wer wie alt ist, weil gerade die Älteren nicht über Geburtsnachweis oder andere offizielle Dokumente verfügen. In solchen Fällen schätzen Beamte der Regionalverwaltung das Alter. Das mag funktionieren, wenn alle über 65 die Zahlungen bekommen, aber im Zweifel das genaue Geburtsjahr festzustellen, scheint sehr schwierig und viel Raum für Willkür zu bieten. Erst die nächsten Jahre werden zeigen, wie sich diese Probleme in der Praxis lösen lassen.</p>
<p>Am frühen Nachmittag ist auch das letzte Dorf ausgezahlt. Zum Abschluss hievt der Bezirksvorsteher die letzten Empfänger auf ein Motorradtaxi. In zwei Monaten werden sie wiederkommen, wenn die nächste Auszahlung die Alten hier versammeln wird.</p>
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		<title>Ruhe jetzt!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 02 Sep 2017 20:52:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Steve Przybilla]]></category>
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					<description><![CDATA[Kein Internet, kein Radio, keine Handys: In West Virginia befindet sich das größte Funkloch der USA. Die staatlich verordnete „stille Zone“ entwickelt sich zu einem Zufluchtsort für alle, die abschalten wollen. Oder müssen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ruhe-jetzt/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Kein Internet, kein Radio, keine Handys: In West Virginia befindet sich das größte Funkloch der USA. Die staatlich verordnete „stille Zone“ entwickelt sich zu einem Zufluchtsort für alle, die abschalten wollen. Oder müssen. </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Irgendwo im Wald, auf der State Route 28, endet die Zivilisation. Das Handy-Display blinkt warnend auf, weil kein Netz mehr verfügbar ist. Im Radio nur noch Rauschen. Im Tal thront eine mächtige Ranch: zwei Korbsessel auf der Veranda, daneben die Hollywoodschaukel. Auf Rasenmähern, die so groß wie Traktoren sind, sitzen Männer im Rentenalter. Sie tragen Schirmmützen, Holzfällerhemden, Jeans und Turnschuhe. Die Bärte lang, die Haut ledern vom rauen Klima. Hillbillies nennen sie solche Menschen in Amerika. Hinterwäldler. Landeier.</p>
<p style="text-align: justify;">In den Hügeln von West Virginia leben besonders viele Hillbillies. Schon ihre Väter haben versucht, die Natur zu bezwingen. Und vor ihnen ihre Großväter. Die Wälder, die heute so urzeitlich wirken, wurden im 19. Jahrhundert fast komplett abgeholzt. Später kam der Bergbau hinzu, dann die Eisenbahn. Doch die Natur ist stark, sie kämpft sich schnell an die Oberfläche zurück. Wie bei den Autowracks, die am Straßenrand stehen, rostig und überwuchert von Enzian. Bedeckt mit Laub, das im gleichen Gelb schimmert wie der Mittelstreifen des Highways.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Zeit scheint still zu stehen in diesem einsamen Landstrich. West Virginia, einst der Stolz der amerikanischen Kohleindustrie, ist heute einer der ärmsten Bundesstaaten des Landes. Vor allem junge Leute hält hier nichts. Wer es sich leisten kann, geht aufs College. Die anderen suchen sich Jobs an der Ostküste. So droht eine ganze Gegend auszubluten. Straßen bröckeln, Fabriken schließen, Häuser vergammeln. Diejenigen, die bleiben, sind oft frustriert, kochen Crystal Meth oder moonshine (selbst gebrannten Schnaps) in ihren Waldhütten. „Keine Lust mehr, Fünfzigster zu sein?“, fragt ein Wahlplakat am Straßenrand. Eine Anspielung auf West Virginias Rang unter den 50 Bundesstaaten. Im Gras daneben steckt ein Schild mit nur zwei Worten: Vote Trump. Wählt Trump.</p>
<p style="text-align: justify;">Dabei wäre das touristische Potenzial eigentlich riesig. Eigentlich, weil die markanteste Attraktion bislang gar nicht beworben wird. Eine Attraktion, die in der westlichen, von Reizüberflutung geprägten Welt wirklich einmalig ist: Stille. Und das per Gesetz. Die Rede ist von der „National Radio Quiet Zone“, ein staatlich verordnetes Funkloch von der Größe Nordrhein-Westfalens. Wer die Quiet Zone betritt, schaltet das Handy am besten aus. Es funktioniert sowieso nicht. Auch drahtloses Internet ist tabu. Im Radio empfängt man, wenn überhaupt, nur einen einzigen Sender: WVMR, der Sound der Berge.</p>
<p style="text-align: justify;">Verantwortlich für das Funkloch ist das Green Bank Telescope (GBT) im gleichnamigen Örtchen. Es ist das größte bewegliche Teleskop der Welt: 148 Meter hoch, fast doppelt so groß wie die Freiheitsstatue. Zwischen Farmhäusern und Kuhwiesen ragt die Satellitenschüssel in den Himmel. Das GBT ist eine staatliche Einrichtung, die sich mit dem Urknall befasst, mit der Geburt von Sternen, mit schwarzen Löchern, Photonen und der Möglichkeit außerirdischen Lebens. Um ins All zu horchen, braucht das GBT vor allem eines: Ruhe. Funkwellen von Handymasten, Radiosendern oder drahtlosen Netzwerken würden die Messungen empfindlich stören oder ganz unmöglich machen. Daher das Funkloch.</p>
<p><div id="attachment_6873" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-6873" data-id="6873"  src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-600x400.jpg" alt="Das Teleskop in Green Bank würde durch Funkwellen gestört werden. (Foto: Steve Przybilla)" width="600" height="400" class="size-medium wp-image-6873" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-1200x798.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2-400x267.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-2.jpg 1700w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /><p id="caption-attachment-6873" class="wp-caption-text">Das Teleskop in Green Bank würde durch Funkwellen gestört werden.<br />(Foto: Steve Przybilla)</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">Die stille Zone existiert schon seit 1958. Als Reiseziel gewinnt sie aber erst seit wenigen Jahren an Bedeutung, weil es immer mehr Menschen gibt, die dem Online-Wahn entfliehen möchten. Endlich mal kein Facebook, kein Whatsapp, kein Snapchat. Und erst recht kein Selfie-Stick. Was für viele wie der blanke Horror klingen mag, war für Diane Schou die Rettung. Die Rentnerin – Brille, Buntfaltenhose, lange graue Haare – zog vor neun Jahren nach Green Bank. „Ich wollte dem Elektrosmog entfliehen“, sagt sie. „In meiner Heimat Iowa hatte ich Kopfschmerzen, Bluthochdruck und Stiche in der Brust. Alles Symptome, die in meinem Alter gefährlich werden können.“ Wie alt sie ist, verrät Schou nicht, wahrscheinlich Mitte 60. Einen Satz wiederholt sie dafür gleich mehrfach: „Ich bin nicht verrückt. Und es gibt immer mehr von uns.“</p>
<p><div id="attachment_6861" style="width: 431px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-6861" class="size-medium wp-image-6861" src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-421x600.jpg" alt="Diane Schou ist nach Green Bank gezogen, um elektromagnetischer Strahlung zu entfliehen (Foto: Steve Przybilla)" width="421" height="600" data-id="6861" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-421x600.jpg 421w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-768x1093.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-843x1200.jpg 843w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-600x854.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-105x150.jpg 105w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6-400x570.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-6.jpg 1194w" sizes="(max-width: 421px) 100vw, 421px" /><p id="caption-attachment-6861" class="wp-caption-text">Diane Schou ist nach Green Bank gezogen, um elektromagnetischer Strahlung zu entfliehen (Foto: Steve Przybilla)</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">Uns – gemeint sind Menschen, die unter Elektrosmog leiden. Schou hat für sie eine „Rettungsstation“ (wie sie sagt) aufgebaut: einen Campingplatz am Rande von Green Bank, ausgestattet mit Holzhütten, Grillstelle und Dixi-Klo. Fließendes Wasser gibt es nicht, auch keinen Strom. „Für viele ist die Umstellung erst mal ein Schock“, erzählt Schou. Die meisten „Flüchtlinge“ kämen direkt aus den Metropolen, aus New York, Washington oder Miami. Manchmal sogar aus Europa. Doch es ist nicht einfach, das Zusammentreffen von linksliberalen Smartphone-Junkies und kauzigen Hillbillies. Die meisten „Flüchtlinge“ bleiben nicht lange. Sie gönnen sich eine kurze Auszeit in Green Bank und fahren wieder nach Hause, um ihre E-Mails zu checken.</p>
<p style="text-align: justify;">Diane Schou aber möchte nie wieder weg. „Das ist der einzige Ort, an dem meine Krankheit besser wird“, sagt Schou, während sie verträumt in die Herbstsonne schaut. Sie selbst habe jahrelang in einem Faraday’schen Käfig gelebt, um sich vor elektromagnetischer Strahlung zu schützen. „Manche Leute denken, wir seien verrückt“, meint Schou. „Aber dachte man früher nicht auch, Rauchen sei unbedenklich? Und warum werden bei uns so viele Menschen von der Polizei erschossen? Weil der Stress zunimmt. Immer mehr.“</p>
<p style="text-align: justify;">Im Dorf reagieren die Einwohner gemischt auf die ältere Dame und ihre Besucher. Die einen mögen sie, weil sie frischen Wind in die 150-Seelen-Gemeinde bringen. Die anderen verdrehen genervt die Augen, wenn sie an Begegnungen mit den Neubürgern denken. Weil sie in der Kirche aufstehen und den Pfarrer bitten, das Funk-Mikrofon auszuschalten. Oder den Tankwart beknien, die schädlichen Neonröhren doch endlich mal wegzuwerfen. Und die elektrische Heizung am besten gleich mit. All das verursache schließlich Strahlung.</p>
<p style="text-align: justify;">„Manche von denen sind schon ein wenig durchgeknallt“, sagt Sherry Chestnut. Die 53-Jährige arbeitet bei „Trent’s General Store“, einer Mischung aus Tante-Emma-Laden, Tankstelle und Mini-Baumarkt. In letzter Zeit hat sie viele Besucher kommen und gehen sehen. „Die meisten halten es hier nicht lange aus“, sagt sie. „Die hängen zu sehr an ihren Geräten.“ Und die Einheimischen? „Mich stört das Funkloch überhaupt nicht“, antwortet Chestnut ohne zu zögern.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch ihre junge Kollegin Debbie vermisst nichts. „Ich bin in Washington aufgewachsen und vor fünf Jahren hergekommen“, sagt die 25-Jährige. „Wenn ich mit Freunden rede, sind die erst mal schockiert. Kein WLAN, kein Smartphone – wie soll das denn gehen?“ Ein Facebook-Profil hat sie trotzdem. „Aber das checke ich einmal am Tag – abends, am PC.“</p>
<p style="text-align: justify;">Das Leben in der Quiet Zone verläuft ruhiger, ursprünglicher. Das ist nicht das Amerika, das über geschlechtsneutrale Toiletten und beleuchtete Radwege diskutiert. In diesem Amerika regiert der Pick-up-Truck. Eine Gegend, in der (mit Ausnahme von Schulbussen) erst gar kein öffentlicher Nahverkehr existiert. Eine Gegend, in der man Shoppingmalls und Multiplex-Kinos bestenfalls aus dem Fernsehen kennt. Vor den Kneipen hängen Banner, die Jäger willkommen heißen. In diesem Hinterland, wo der Sheriff eine halbe Stunde zum Einsatzort braucht, besitzt sowieso jeder eine Waffe.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit solchen Mitbürgern wollen es sich die Wissenschaftler am GBT nicht verderben. Jonah Bauserman (37) sitzt in einem mit Technik vollgestopften Geländewagen. Wo sich normalerweise der Beifahrersitz befindet, stapeln sich Radioempfänger, GPS-Peilgeräte und Laptops. Bausermans Aufgabe ist es, illegale Funkquellen in Green Bank aufzuspüren. „Radio Police“ nennen das die Einheimischen scherzhaft, aber nicht zu Unrecht. Denn er weiß genau, in welchem Haus sich ein drahtloser Drucker, ein schnurloses Telefon oder ein Router befindet. Momentan gebe es 100 illegale WLAN-Netze in Green Bank, sagt Bauserman – in einem Ort mit 150 Einwohnern. „Ich melde das meinen Vorgesetzen“, erklärt der Techniker. „Aber das war’s dann auch. Es klopft niemand von uns an die Haustür und ruft: ,Mach mal dein Internet aus.‘“</p>
<p><div id="attachment_6869" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-6869" class="size-medium wp-image-6869" src="http://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-600x391.jpg" alt="Jonah Bauserman sucht illegale Wlan-Netze (Foto: Steve Przybilla)" width="600" height="391" data-id="6869" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-600x391.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-768x501.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-1200x783.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-150x98.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-1250x815.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3-400x261.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/09/USA-3.jpg 1700w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /><p id="caption-attachment-6869" class="wp-caption-text">Jonah Bauserman sucht illegale Wlan-Netze (Foto: Steve Przybilla)</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">Existiert die Quiet Zone also nur auf dem Papier? „Überhaupt nicht“, betont Bauserman. „Rein rechtlich könnten wir den Bezirksstaatsanwalt damit beauftragten, die Netze stillzulegen. Aber ich habe keine Lust, mit einer kugelsicheren Weste durch den Ort zu laufen.“ Ein schmales Lächeln zeichnet sich auf den Lippen des Technikers ab, aber es bleibt offen, wie ernst er den Satz meint. Dann könne er sich auch gleich selbst anzeigen, meint Bauserman. „Ich habe zu Hause eine Nintendo Wii. Und die ist schließlich auch internetfähig.“</p>
<p style="text-align: justify;">Verglichen mit anderen Gegenden ist die Quiet Zone trotzdem eine Insel der Ruhe. Selbst Urlauber müssen sich auf die besonderen Gegebenheiten einstellen. Im „Inn at Snowshoe“, einem Motel für Wintersportler, gibt es kein Internet in den Zimmern – normalerweise ein Reklamationsgrund, hier einfach ein Teil des Lebens. Ganz loslassen können oder wollen die meisten aber dann doch nicht. Im Frühstücksraum sitzen selbst am späten Abend noch Gäste, die Smartphones liebevoll in der Hand. Ihre Hoffnung: Vielleicht reicht das WLAN, das es zumindest an der Rezeption gibt, ja doch ein paar Meter weiter.</p>
<p style="text-align: justify;">Selbst die NSA würde sich an der stillen Zone die Zähne ausbeißen. In der Krimiserie „Person of Interest“ flieht eine ehemalige Regierungsmitarbeiterin nach Green Bank, um der staatlichen Überwachung zu entkommen. Verräterische Handy-Signale, angezapfte Webcams, Fitnessarmbänder mit GPS-Sensor – all das gibt es in der Zone schließlich nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Frage ist nur: Was bringt dem Bundesstaat die kostenlose Werbung im Fernsehen? Lockt sie eine neue Zielgruppe an oder vergrault sie alle anderen? Die Tourismusbehörde hadert noch, wie sie mit dem Ruhe-Potenzial umgehen soll. Was, wenn die Menschen ihr Handy eben doch nicht zur Seite legen wollen, sei es auch nur für einen Tag? Oder das Land überrannt wird von Menschen wie Diane Schou, die am liebsten sogar die Elektroheizung abschalten würden?</p>
<p style="text-align: justify;">Am Nachmittag bricht ein heftiges Unwetter über West Virginia herein. Das Wasser rauscht die Berge hinunter, mehrere Straßen werden überflutet. Nach einem Blitzschlag ist auch noch der Fernseher tot, der letzte Draht zur Außenwelt. Ein Grund zum Verzweifeln? Anderswo vielleicht, aber nicht in der Quiet Zone. Kaum bricht die Dunkelheit an, versammelt sich das gesamte Dorf im „Fiddlehead“, einer Musikkneipe, in der deftige Steaks und noch deftigere Anmachsprüche serviert werden. Nachdem die ersten Biergläser leer sind, versuchen sich die Einheimischen im Karaoke. Der Gesang ist scheußlich, doch das stört an diesem Abend niemanden. Wieso auch? Im Internet wird das Spektakel ja so schnell nicht landen.</p>
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		<title>Die Afro-Iraner</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Jul 2017 04:54:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Afro-Iraner]]></category>
		<category><![CDATA[Delia-Friess]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[mahdi-ehsaei]]></category>
		<category><![CDATA[Minderheiten]]></category>
		<category><![CDATA[Sklaverei]]></category>
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					<description><![CDATA[In den südlichen Provinzen des Iran leben auch Menschen mit afrikanischen Wurzeln. Die afro-iranische Minderheit bewahrt bis heute afrikanische Traditionen. Der Fotograf Mahdi Ehsaei hat einige Iraner*innen mit afrikanischen Vorfahren getroffen. Unsere Autorin Delia Friess hat ihn zu seiner Arbeit befragt.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-afro-iraner/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>In den südlichen Provinzen des Iran leben auch Menschen mit afrikanischen Wurzeln. Die afro-iranische Minderheit bewahrt bis heute afrikanische Traditionen. Der Fotograf Mahdi Ehsaei hat einige Iraner*innen mit afrikanischen Vorfahren getroffen. Unsere Autorin Delia Friess hat ihn zu seiner Arbeit befragt.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Trommelrhytmen und Gesang: Auf den Zuschauertribünen eines Fußballspiels in der iranischen Stadt Shiraz herrscht eine ausgelassene Stimmung. Die Menschen feiern gemeinsam.</p>
<p style="text-align: justify;">Unter den Fans der Mannschaft aus Hormozgan fällt dem deutsch-iranischen Fotografen Mahdi Ehsaei ein Iraner auf, der das Spiel auf eine ihm neue Art und Weise anfeuert. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=OlR3bfJQrxI&amp;feature=youtu.be" target="_blank">Diesen Moment hielt Ehsaei mit seiner Kamera fest.</a></p>
<p style="text-align: justify;">Der 27-Jährige lebt in Deutschland und verbrachte den Sommer bei seinen iranischen Verwandten. Er hat sich dort weiter umgehört und so von der Geschichte der Afro-Iraner erfahren.</p>
<p style="text-align: justify;">Anschließend machte er sich auf in die südiranische Provinz Hormozgan am Persischen Golf, wo diese Bilder von Afro-Iranern entstanden. Sie erschienen als Fotoserie mit dem Titel <strong><a href="http://www.mahdi-ehsaei.com/afro-iran/" target="_blank">“Afro-Iran. The Unknown Minority&#8220;</a></strong> und wurden bisher in Kenia, Deutschland, Kolumbien und Italien ausgestellt.</p>
<p><div id="aesop-gallery-6783-8"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6783" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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<p style="text-align: justify;"><strong>Weltseher: Wie haben Afrikaner die Kultur des Irans beeinflusst?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Mahdi Ehsaei: Afro-Iraner sind wie Azeri, Kurden, Araber, Belutschen oder Armenier Teil der multiethnischen Gesellschaft Irans. Gleichzeitig sind Traditionen aus der afrikanischen Kultur wie Tanz, Sprache, Kleidung und Musik erhalten geblieben, die teilweise auch typisch für den Süden des Irans geworden sind. Der Einfluss von afrikanischen Kulturen zeigt sich zum Beispiel in der Art des Tanzens, in den Rhythmen der regionalen Musikstile und in den für den Süden typischen bunten Kleidungsstil. Die Gesamtbevölkerung in den südlichen Provinzen Sistan, Baluchistan, Hormozgan und Khuzestanhat hat vieles aus der Kultur der Afro-Iraner übernommen. Etwa die Bandari-Musik, die überall im Iran sehr bekannt ist.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie selbstbewusst treten die Afro-Iraner im Iran auf?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Menschen, die ich getroffen habe, vor allem die Frauen, wollten sich erst nicht fotografieren lassen. Sie sehen sich als Iraner*innen und ihnen ist es unangenehm auf ihre Herkunft oder Hautfarbe angesprochen zu werden. Viele wussten noch nicht mal davon.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Sie haben also keine eigene Sprache und Religion?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Iraner mit afrikanischen Vorfahren sprechen die Sprachen, die üblicherweise im iranischen Süden gesprochen werden: hauptsächlich Persisch mit Banda ri-Dialekt und Arabisch. Ein Großteil der Afro-Iraner, die ich getroffen habe, ist auch muslimisch. Allerdings durfte ich an einem Ritual von Afro-Iranern teilnehmen, bei dem eine Kreolsprache gesprochen wurde: eine Kombination aus Persisch, Arabisch und Swahili.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Was für ein Ritual war das?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">In einem Dorf bei Bandar Abbas konnte ich an einer »Zar«-Zeremonie teilnehmen – einer Art Teufelsaustreibung, bei dem sich die Teilnehmer mit Hilfe von Musik und Tanz in Trance versetzen, um betroffene Personen von psychischen Krankheiten zu befreien.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie sind Afrikaner überhaupt in den Iran gelangt?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Geschichte der Iraner mit afrikanischen Vorfahren ist eng mit den Grausamkeiten der Sklaverei verknüpft. Die Hafenstadt Bandar Abbas, die Hauptstadt der Provinz Hormozgan am Persischen Golf, gehört zu einer der 31 Provinzen des Irans. Diese Stadt und die nahegelegenen Inseln Hormuz und Qeshm im Persischen Golf wurden seit Anfang des zehnten Jahrhunderts durch Portugiesen und Spanier nach und nach besetzt. Später wurden die Hafenstädte und Inseln am Persischen Golf auch von niederländischen, britischen und auch arabischen Besatzern eingenommen. Diese Besatzer betrieben zu dieser Zeit einen Sklavenmarkt, nahmen Menschen aus Ostafrika gefangen, kastrierten die Menschen zum Teil und verkauften sie als Sklaven auf Sklavenmärkten. Auf diesen Wegen wurden viele Menschen aus den heutigen Ländern wie Äthiopien, Eritrea,, Madagaskar, Kenia, Somalia, Mosambik und Sansibar in den Iran verschleppt. Knotenpunkte für den persischen Sklavenmarkt waren auch Shiraz und Bushehr. Erst 1928 wurde die Sklaverei im Iran offiziell abgeschafft. Allerdings stammten nicht alle Sklaven im Iran aus Afrika und nicht alle Afrikaner gelangten durch Sklaverei in den heutigen Iran. Zum Beispiel kamen auch Seeleute vom afrikanischen Kontinent in den Iran.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie sah das Leben der afrikanischen Sklaven im Iran aus?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Als der iranische Staat vor allem in der Safawiden-Dynastie im 17. Jahrhundert und der Qajar-Dynastie im 19. Jahrhundert wuchs, wurde die Stadt Bandar Abbas Großhandelsposten. Das führte zu einer größeren Nachfrage von bezahlter Arbeit, als auch von Sklavenarbeit. Die Menschen wurden über Qeshm und Hormoz nach Bandar Abbas gebracht und schließlich im ganzen Land verkauft. In der Qajar-Dynastie mussten diese Menschen als Wächter in Harems oder den Frauen dienen. Männliche Sklaven wurden oft als Diener, Soldaten oder Arbeiter in Haushalten eingesetzt. Sklaven galten im Iran als Zeichen des Wohlstandes. Viele Frauen wurden als Dienerinnen oder auch als Konkubinen und für Harems gehandelt.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Verbesserte die Islamisierung des Landes die Situation der Menschen, die als Sklaven gehalten wurden?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">In der islamischen Zeit wurden die Menschen konvertiert. Durch religiöse Gesetze wurden sie besser behandelt und ihre Freilassung gefördert. Dies steht im Widerspruch zur transatlantischen Sklaverei, bei der Sklaven als persönliches Eigentums ohne Rechte betrachtet wurden. Trotzdem ist Sklaverei in jeder Form grausam.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie gut ist die Geschichte der Afro-Iraner erforscht?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Weder in Deutschland noch im Iran gibt es viele Quellen oder verifizierte Zahlen. Einer der wenigen Experten war der iranisch-armenisch-georgische Fotograf Antoin Sevruguin (1830-1933). Er fotografierte schon damals die vielen verschiedenen ethnischen Gruppen des Landes. Es gibt außerdem zwei Dokumentarfilme über die Minderheit: &#8222;Afro-Iranian Lives&#8220; und &#8222;The African-Baluchi Trance Dance&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Herrscht ein Mangel an Aufarbeitung der Sklaverei im Iran? </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Im Iran wird die Multiethnizität zwar im Geschichtsunterrichts vermittelt. Eine politische oder mediale Repräsentation der afro-iranischen Minderheit fehlt jedoch noch. Immerhin habe ich während meiner Reise keine Diskriminierungen von Afro-Iranern erlebt. Trotzdem kann ich natürlich nicht mit Sicherheit sagen, dass es keine gibt. Viele Iraner mit afrikanischen Vorfahren leben jedenfalls auch heute noch in ärmlichen und prekären Verhältnissen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Was geschah mit den Afro-Iranern, nachdem die Sklaverei abgeschafft wurde?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Nach der Abschaffung der Sklaverei im Iran 1923 bildeten Afrikaner und ihre Nachkommen ihre eigenen Gemeinden und setzten ihre afrikanischen Traditionen in Musik, Tanz, Kleidung und oralen Überlieferungen fort. Die Menschen, die im 19. Jahrhundert in den Iran kamen, ließen sich hauptsächlich entlang der Golfküste nieder. Heute leben sie zum Teil immer noch dort, teils in ärmlichen Verhältnissen, und arbeiten als Seemänner, Fischer oder Landarbeiter auf Dattel- und Zuckerplantagen. Die Mehrheit der Afro-Iraner lebt in kleinen, ärmeren Vierteln der Stadt Bandar Abbas und in den benachbarten Städten und Dörfern wie Minab und Isin.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Gibt es auch überregional bekannte Persönlichkeiten mit afrikanischen Vorfahren?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Da dieser Bevölkerungsanteil an den Grenzen des Irans lebt, wo die Bevölkerung eher ärmer und weniger mobil ist, wird er wirtschaftlich, politisch und kulturell von vielen Medien nicht repräsentiert. Es gibt allerdings auch bekannte Persönlichkeiten wie die Musiker Saeid ShanBezadeh, Morteza Karimi und Carlos (Hosein Ghodsi Nezhad) oder Schauspieler wie Reza Daryaie. Auch Sportler wie Mehrab Shahrokhi und Abdol Reza Barzegari, Spieler der iranischen Fußballnationalmannschaft der Siebzigerjahre und Achtzigerjahre, oder der ehemalige iranische Sprinter Peyman Rajabi sind sehr bekannt.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Sind die Afro-Iraner ein Beispiel der Unterdrückung einer Minderheit in der iranischen Gesellschaft?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Nein, im Gegenteil. Für mich sind sie ein Beispiel für die Vielfalt und das friedliche Zusammenleben in der iranischen Gesellschaft heute. Und eben auch für einen Aspekt des Irans, der nur selten in westlichen Medien vermittelt wird.</p>
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		<title>Die letzten Deutschen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Apr 2017 15:58:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgisistan]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
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					<description><![CDATA[In Kirgisistan kämpft das letzte deutsche Dorf Zentralasiens gegen das Verschwinden. Markus Huth wollte es besuchen, stieß in der sektenartigen Gemeinde aber auf einige Schwierigkeiten.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-letzten-deutschen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In Kirgisistan kämpft das letzte deutsche Dorf Zentralasiens gegen das Verschwinden. Unser Autor Markus Huth wollte es besuchen, stieß in der sektenartigen Gemeinde aber auf einige Schwierigkeiten.</strong></p>
<p><a href="https://www.amazon.de/dp/B01NAG60VT/ref=dp-kindle-redirect?_encoding=UTF8&#038;btkr=1" target="_blank">        <div id="aesop-image-component-6715-9"              class="aesop-component aesop-image-component "
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<p>Rot-was?<br />
Also Rot-Weiß auf Pommes war mir ein Begriff.<br />
Aber die Skulptur aus Blech-Buchstaben aus der Kategorie »die hässlichsten Ortseingangsschilder der Welt« formte: »Rot-Front«.</p>
<p>Ich lugte an dem rostigen Scheusal vorbei und erkannte eine lange, gerade Straße, an der sich zu beiden Seiten ein paar Häuschen wie beim Fahnenappell aufgestellt hatten. Der wolkenverhangene Himmel verbreitete Untergangsstimmung.</p>
<p>Wir waren etwa eine Autostunde östlich von der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Ein paar Kilometer im Norden begann Kasachstan, und im Süden lagen die Berge des Tian Shan. In dieses Kaff verirrte sich sicher kein Tourist. Mein Reisebgleiter Franz und ich waren auch nur aus einem Grund hier: Wir wollten sie mit eigenen Augen sehen. Die Deutschen.</p>
<p>Denn, warum auch immer, an dieser Stelle in Kirgisistan lebte seit Generationen eine deutsche Gemeinde. Die letzte Zentralasiens. Und so seltsam wie der Sachverhalt an sich, so seltsam war auch der Name dieses Ortes.</p>
<p>Zugegeben, »Rot-Front« klang zwar schon irgendwie deutsch.<br />
Aber gleichzeitig auch nicht.<br />
Jedenfalls sehr aus der Zeit gefallen. Das war auch nicht verwunderlich. Denn »Rotfront!« war damals in der Weimarer Republik der Gruß eines paramilitärischen Kampfverbands der Kommunistischen Partei Deutschlands gewesen.</p>
<p>Ich stellte mir also vor, wie ein Haufen uniformierter Kommunisten im Chor »Rotfront!« brüllte und dabei die geballten Fäuste nach oben streckte. Wohnten die jetzt etwa hier am Ende der Welt? Aus Frust, weil es mit dem Kommunismus nicht gut ausgegangen war?</p>
<p>Erwartungsvoll lugte ich noch mal am rostigen Ortseingangsschild vorbei. Doch martialische Schlachtrufe waren nicht zu hören. Stattdessen gackerten ein paar Hühner über die Betonstraße. Vögel zwitscherten. Obstgärten und Einfamilienhäuser ließen Bauernhofidylle statt Kommunismus-Nostalgie auf kommen. Der Klassenkampf fand gerade woanders statt.</p>
<p>»Ja, wo sind’s jetz, deine deutschen Freunde?«, fragte Franz, der Österreicher ist.<br />
Gute Frage.<br />
Dass ich keine Antwort wusste, war umso enttäuschender, da das der einzige Teil meiner planlosen Reise gewesen war, den ich hatte planen wollen. Schließlich konnte ich nicht einfach unangemeldet bei meinen deutschen &#8230; äh, was sagte man denn dafür heute?<br />
Volksgenossen?<br />
Das war Nazi-Sprech.<br />
Das Volk hatte sich aus dem modernen Sprachgebrauch irgendwie verabschiedet.<br />
Landsleute?<br />
Nun ja, wir kamen nicht aus demselben Land.<br />
Oha, das würde ein schwieriger Besuch werden. Allein mit der Wortwahl begab man sich schon auf ganz dünnes Eis.</p>
<p>Ich entschied mich schließlich für den politisch korrekten und gendergerechten Terminus »KulturpartizipantenInnen«.<br />
Also: Dass wir hier verloren und unangemeldet vor dem Dorf meiner KulturpartizipantenInnen standen, war wirklich nicht meine Schuld. Ich hatte alles versucht. Noch aus Deutschland eine Mail an die kirgisische Botschaft mit der Bitte um einen Kontakt geschrieben. Und sogar eine Antwort bekommen.<br />
Vom »Volksrat der Deutschen Kirgisistans«.<br />
(Das mit der sensiblen Wortwahl hatte man meinen KulturpartizipantenInnen am anderen Ende der Welt anscheinend noch nicht verraten.) Jedenfalls »begrüßte« der Volksrat meinen Besuch und sicherte mir »allseitige Unterstützung« zu, samt Delegation in Rot-Front. Als ich das las, ließ meine Fantasie schon eine Blaskapelle aufspielen. Der weit angereiste Reporter würde garantiert mit allen Ehren empfangen werden!</p>
<p>Es gab da nur ein Problem.<br />
Der Volksrat meldete sich nicht mehr.<br />
Auch nach mehreren Nachfragen inklusive eines letzten verzweifelten »Ich bin jetzt in Kirgisistan!«-Notrufs nicht. Was war da los? Egal. Sicher nur ein technisches Problem. Ich hatte beschlossen, einfach auf eigene Faust nach Rot-Front zu fahren. Und jetzt standen wir hier, wie nicht bestellt und schon gar nicht abgeholt.</p>
<p>»Suchen wir eben den Bürgermeister«, schlug ich vor.<br />
Leider hing an keinem der Häuser ein Bürgermeister-Schild.<br />
»Ich weiß, wo der Bürgermeister ist«, sagte plötzlich eine Stimme hinter mir.<br />
Unseren kirgisischen Taxifahrer hatte ich ganz vergessen. Er hatte uns bis zum »Rot-Front«-Schild gefahren, wo ich fälschlicherweise gehofft hatte, irgendwelche Deutsche zu sehen. Zum Glück war er noch da. Also wieder rein ins Auto. Nach einigen Feldern stoppten wir im Nachbardorf vor einem prächtigen Rathaus.</p>
<p>»Guten Tag, wir suchen die Deutschen«, grüßte ich die Empfangsdame, eine Kirgisin.<br />
Sie griff zum Hörer und wies uns in einen großen Raum, dessen Wände mit Landschafts- und Pferdebildern behangen waren. Dort saß hinter einem großen Schreibtisch eine weitere Kirgisin im Hosenanzug. Offenbar die Bürgermeisterin.<br />
Also noch mal: »Hallo, sehr erfreut, wir wollen zu den Deutschen.«<br />
»Ja, hier leben einige deutsche Familien. Aber wieso haben Sie sich nicht angemeldet?«<br />
Gkrtzkrtgrrr, Volksrat!<br />
Wollte ich motzen.</p>
<p>Aber wir brauchten jetzt eine schnelle Lösung. Vor allem für die Nacht. Denn ein Hotel hatte das rotfronte Häuserhäufchen sicher nicht zu bieten. Also fand ich einige entschuldigende Worte, woraufhin die Bürgermeisterin ebenfalls zum Telefon griff und schließlich zu Franz und mir sagte: »Kommen Sie mit, aber versprechen kann ich nichts.«<br />
Wenig später waren wir wieder am rostigen »Rot-Front«- Schild.<br />
Und hier hatte sich inzwischen etwas Entscheidendes verändert.</p>
<p>Da waren plötzlich Menschen auf der Straße!<br />
Immerhin eine Hand voll. Und das waren nicht irgendwelche Menschen. Denn wie Kirgisen sahen die nicht aus. Eine kräftige blonde Frau in Jogginghose und Schlabberpulli schob einen Kinderwagen vor sich her. Neben ihr stützte sich ein alter Mann vom Typ »Opa erzählt vom Krieg« auf einen Gehstock. Und hinter einem Lattenzaun standen zwei blonde Kinder. Ihre blauen Augen waren auf Franz und mich gerichtet, als wir aus dem Taxi stiegen.<br />
Es gab keinen Zweifel: Wir hatten die Kirgisistan-Deutschen gefunden.</p>
<p>Erstkontakt!<br />
Aber wo war die Blaskapelle?<br />
Wo das Empfangskomitee?<br />
Stattdessen starrten sie uns skeptisch und schweigend an. Herzlich willkommen sah anders aus. Ich versuchte, das Eis zu brechen.<br />
»Guten Tag«, sagte ich auf Deutsch zu der blonden Mutti. »Wir sind aus Deutschland angereist &#8230;«<br />
»&#8230; und Österreich«, warf Franz ein.<br />
»Jedenfalls interessieren wir uns für die deutsche Minderheit in Kirgisistan«, sagte ich und fügte wichtigtuerisch hinzu:<br />
»Ich bin Journalist.«</p>
<p>Da musterte die Walküre mich von oben bis unten. Und warf mir abschließend einen verächtlichen Blick zu.<br />
Jetzt bekam sogar die kirgisische Bürgermeisterin Mitleid.<br />
»Sie und Ihr Mann haben doch ein großes Haus«, sagte sie auf Russisch. »Könnten Sie den jungen Männern heute Nacht Ihr Gästezimmer vermieten? Oder wissen Sie, bei wem sie unterkommen könnten?«</p>
<p>Die Blonde glotzte, als hätte man sie gebeten, zwei verlauste Ratten in Pflege zu nehmen.<br />
»Also, das geht wirklich nicht«, empörte sie sich auf Russisch und fügte auf Deutsch hinzu: »Wir haben keinen Platz!«<br />
Der Opa lächelte altersmilde und begann eine Geschichte zu erzählen. »Damals neunzehnhundert &#8230;«<br />
»Schhhh!«, brachte ihn die Walküre zum Schweigen.  Dann zog sie zügig mit dem Kinderwagen weiter. Der Opa schleppte sich im Schneckentempo auf einen Hauseingang zu. Und auch die blonden Kinder rannten davon.  »Na, dann kommt mal mit, wir finden schon ein Bett für euch«, sagte die kirgisische Bürgermeisterin.</p>
<p>Einige Häuser weiter wummerte die kleine, energische Frau an ein Tor.<br />
Ein junger, drahtiger Kirgise im Muskelshirt öffnete und staunte, was ihm das Schicksal da vor sein Haus gespült hatte. Nach kurzem Palaver mit der Beamtin sagte er:<br />
»Entschuldigt, meine Frau ist verreist &#8230; Also kann sie euch nicht bewirten. Und ich habe nur zwei Matratzen, die ich euch ins Wohnzimmer legen kann. Aber wenn euch das nichts ausmacht, seid ihr herzlich willkommen.«<br />
Machte der Witze?<br />
Dieser Engel!</p>
<p>Und so begab es sich, dass ich im Dorf der Deutschen bei einem Kirgisen Zuflucht fand.<br />
Der Engel hieß Samat. Er war Anfang dreißig und wahrscheinlich der gutmütigste Mensch in diesem Dorf. Sein Haus mit dem idyllischen Garten kam mir vor wie eine Insel der Gastfreundschaft. An jenem Abend tranken wir zusammen Wodka und brachen Brot. In blumigen Geschichten erzählte uns Samat, was für großartige Menschen diese Deutschen im Dorf angeblich waren. Hervorragende Baumeister, mit den schönsten Häusern, fleißig, ehrlich, hilfsbereit und großzügig.<br />
Da klaffte gerade ein ziemlicher Abgrund zwischen seinen Beschreibungen und meiner eben gemachten Erfahrung.<br />
Das Ganze war mir ein Rätsel.</p>
<p>Schließlich führte uns Samat in sein Wohnzimmer, wo die versprochenen Matratzen samt frischem Bettzeug auf dem Boden lagen. In der Ecke stand ein Klavier und darauf das Bild eines toten Verwandten, der Pianist gewesen war. Als ich langsam unter den Augen des toten Pianisten einschlief, nahm ich mir vor, am kommenden Tag das Rätsel der schroffen Deutschen zu lösen.</p>
<p>Der nächste Tag begann mit Samats fröhlichem Lachen.<br />
»Guten Morgen, Jungs, Frühstück!«<br />
Ich konnte seine gute Stimmung nicht ganz teilen. Schließlich wollte ich mehr über die Deutschen hier erfahren, hatte aber keine Ahnung, wie.</p>
<p>Samat riet uns, einfach mal die Straße entlangzulaufen und an den Haustüren zu klingeln.<br />
Der Kirgise zeigte mit fuchtelnden Armen, in welchen Häusern seine deutschen Nachbarn wohnten. Das war die erste Überraschung: In dem Achthundert-Seelen-Dorf waren sie klar in der Unterzahl. Nur noch knapp hundert Deutsche lebten hier.<br />
Von wegen deutsches Dorf!<br />
Nach dem Frühstück machten Franz und ich uns auf.</p>
<p>Die Häuser der Deutschen lagen an der anderen Straße von Rot-Front, die schmaler war als die Hauptstraße und genauso schnurgerade parallel zu ihr verlief. Schlanke Pappeln ragten in den grauen Himmel und wankten im Wind. Ein ausgeschlachteter alter Lastwagen lag vor einem Haus, daneben ein uralter Krankenwagen und ein grasendes Pferd. Gespenstische Atmosphäre. Wie bei unserer Ankunft am Vortag war kein Mensch auf der Straße. Alle schienen sich vor uns in ihren Häusern zu verstecken.</p>
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                                Rot-Front sehen und sterben. Foto: Markus Huth
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        </p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immerhin hatte Samat nicht gelogen.<br />
Die Häuser der Deutschen waren tatsächlich in besserem Zustand als die der Kirgisen. Sauberer und gepflegter. Vor allem die Gärten.</p>
<p>Ding-dong.</p>
<p>Klopf-klopf.</p>
<p>Bei Haus Nummer eins machte schon mal keiner auf.<br />
»Hallo? Hallo?«, rief ich. »Besuch aus Deutschland! Presse!«<br />
Als einzige Reaktion kläffte ein Hund und sprang scheppernd gegen die Innenseite des hohen Metalltors.</p>
<p>Bei Haus Nummer zwei passierte was.<br />
Nach minutenlangem Klopfen kam ein kräftiger Blonder ans Gatter. Noch ganz verschlafen.<br />
»Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?«<br />
»Vada is nich da. Kommt heut Abend widda.«<br />
Wumms. Gatter zu.<br />
Diese Deutschen wollten ganz klar nichts mit mir zu tun haben.<br />
Statt Blaskapelle wurde das Abblasen der Aktion immer wahrscheinlicher.</p>
<p>Da sah ich plötzlich vor Haus Nummer drei eine Gestalt stehen, die uns beobachtete.<br />
Ein Mann um die sechzig, mit grauer Jogginghose und weißem Shirt, das einen Bierbauch zusammendrückte. Ein gepflegter grauer Schnauzer und eine dicke Hornbrille verliehen dem Ruhrpott-Stil etwas Hipsterhaftes.<br />
»Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?«, versuchte ich es ein letztes Mal.<br />
Ich überlegte kurz, ob ich vielleicht mal »Rotfront!« rufen und die Faust heben sollte. Aber wie ein Kommunist sah der nicht aus.</p>
<p>»Mit den anderen habt ihr kein Glück, was?«, grinste der Fremde wissend.<br />
In seinen Worten schwang ein seltsam altertümlicher Dialekt mit. Klang irgendwie nach Plattdeutsch. Er schien etwas beleidigt, dass ich gefragt hatte, ob er Deutsch spreche.<br />
»Unsere Eltern haben uns beigebracht: Auf der Straße könnt ihr sprechen, was ihr wollt. Aber zu Hause wird Deutsch geredet!«<br />
Der Mann hieß Hermann.<br />
»Wenn die anderen mitkriegen, dass ich mit euch rede, gibt’s Ärger. Aber das ist mir egal. Ich bin sowieso der Sonderling«, sagte er rebellisch.</p>
<p>Ich stellte ihm die alles entscheidende Frage: Warum um Himmels willen waren hier alle so schroff zu uns?<br />
»Da seid ihr Journalisten doch selbst schuld. Warum berichtet ihr auch so einen Mist?«<br />
Erst jetzt erfuhr ich, was Sache war.</p>
<p>Die Rotfrontler hegten einen tiefen Groll gegen die Presse aus Deutschland.<br />
Im Dorf herrschte ein regelrechter Pakt, nicht mit Journalisten zu sprechen.  Anders, als ich gedacht hatte, war ich nicht der erste Reporter, der sich an dieses Ende der Welt verirrt hatte. Das ZDF und mehrere deutsche Zeitungen waren schon hier gewesen, es gab einen Dokumentarfilm, und sogar die New York Times hatte über das letzte deutsche Dorf in Kirgisistan geschrieben.<br />
Und ganz offensichtlich gefiel den Dorfbewohnern nicht, was man über sie berichtete.</p>
<p>Jetzt leuchtete mir auch ein, warum der in Bischkek sitzende »Volksrat« sich nicht mehr gemeldet hatte. Selbst der hatte wahrscheinlich nicht mit dem Unwillen der Rotfrontler gerechnet.<br />
Womit hatte ich das verdient?</p>
<p>»Immer werden wir als zurückgebliebene Hinterwäldler oder Sekte dargestellt«, erregte sich Hermann.<br />
Er war Rot und ich die Front.<br />
Ihn regte auf, dass die Reportagen, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Deutschland über Rot-Front erschienen waren, die Dorfbewohner lächerlich gemacht hätten. Dass die Journalisten sich meistens auf den altertümlichen und religiösen Lebensstil der Dorfbewohner stürzten. Und zwar immer nach dem Motto: Eine Welt wie vor hundert Jahren. Mit Viechern und Feldern. Frauen, die lange Röcke und geflochtene Haare trügen, früh heirateten und viele Kinder bekämen. Moderne Technologien gäbe es nicht, und alle redeten immerzu von Jesus.</p>
<p>»Fast alle von uns waren schon in Deutschland oder skypen mit ihren Verwandten«, insistierte Hermann. »Wir wissen, was in der Welt los ist.«<br />
Nachdem er seinem Ärger Luft gemacht hatte, wurde er etwas freundlicher.</p>
<p>Doch dann fragte ich:  »Was für eine Art Sekte sind Sie denn?«<br />
Sein Bauch begann nervös zu zucken.<br />
»Wir sind keine Sekte!«<br />
Immerhin erkannte Hermann nun seinen Bildungsauftrag und plauderte so ganz nebenbei die Geheimnisse von Rot-Front aus.</p>
<p>Die Geschichte dieser störrischen Dorf bewohner begann vor fast fünfhundert Jahren mit den Mennoniten. Eine evangelische Glaubensgemeinschaft außerhalb der Kirche. Von den Mainstream-Christen unterscheiden sie sich vor allem dadurch, dass sich ihre Mitglieder erst als Erwachsene taufen lassen. Der Name geht auf den friesischen Theologen Menno Simons zurück, der im 16. Jahrhundert als Reformator wirkte.</p>
<p>Das erklärte schon mal, warum Hermanns Dialekt an Plattdeutsch erinnerte.<br />
Denn viele Vorfahren der Rotfrontler kamen aus Friesland.  Die Mennoniten leben ein sehr traditionelles Leben. Moderne Technologien wie Fernsehen, Radio oder sogar Autos lehnen sie oft ab. Dahinter steht der Wunsch, den Einfluss der Außenwelt auf die Gemeindemitglieder sowie deren Bewegungsradius zu beschränken, um alle beisammenzuhalten.</p>
<p>Der Grad der Weltfremdheit variiert von Gemeinde zu Gemeinde.<br />
Die Rotfrontler, die ich bisher gesehen hatte, waren zumindest nicht durch besondere Kleidung aufgefallen. Zum Beispiel hatte die dicke Blonde mit dem Kinderwagen weder Rock noch geflochtene Haare getragen, sondern sah im Schlabberlook eher aus wie Cindy von Marzahn.<br />
Auch Hermann wirkte nicht gerade wie ein religiöser Fanatiker. In seinem Hof stand zudem ein dickes Auto. Nur eines fehlte. Anders als bei den kirgisischen Häusern hatten die Deutschen keine Antennen auf dem Dach. Fernsehen wurde hier offenbar nicht geschaut.</p>
<p>Derweil fuhr Hermann mit der Geschichte vom Mennoniten-Exodus fort.<br />
»Was hat unsere deutschen Vorfahren also Tausende von Kilometern nach Kirgisistan verschlagen?«<br />
Jedenfalls nicht die Lust auf ein Nomadenleben mit Pferden.<br />
Vielmehr war es die nackte Not.<br />
Denn die Mennoniten wurden von allen Seiten diskriminiert. Von den Katholiken und Lutheranern, weil sie keine Kinder taufen wollten. Und vom Staat, weil sie als strenge Pazifisten den Militärdienst verweigerten. Wegen ihres Glaubens verfolgt, waren die Gemeinden regelmäßig auf der Flucht. Immer auf der Suche nach einem Ort, wo man sie in Ruhe ließ.<br />
Von den heute weltweit zwei Millionen Mennoniten leben die meisten in Afrika und Amerika. Kein Wunder, dass die Rotfrontler lieber unter sich blieben und die Abgeschiedenheit bevorzugten.<br />
Und abgeschiedener als in Kirgisistan ging es kaum.<br />
Wie kamen die Rotfrontler nur auf diesen Ort am Ende der Welt?</p>
<p>Schuld war eine russische Zarin mit deutschen Wurzeln. Katharina die Große hatte im 18. Jahrhundert die Idee, ihr menschenarmes Riesenreich mit ausländischen Bauern zu besiedeln. Vor allem von den Deutschen, die Fleiß, gutes Vieh und fortgeschrittene Anbaumethoden mitbrachten, erhoffte sie sich viel.</p>
<p>Sie vergab Land, versprach Steuer- und Religionsfreiheit und auch Befreiung vom Militärdienst.  Ein Angebot wie gemacht für die Mennoniten.<br />
Viele waren daher unter den Hunderttausenden Deutschen, die sich an den Ufern der Wolga und des Schwarzen Meeres niederließen. Die Kolonisten gründeten zahlreiche Dörfer, in denen deutsche Kultur und Sprache fernab der Heimat bewahrt wurden.<br />
Leider liefen die von Katharina zugesicherten Privilegien irgendwann aus. Bald sollten auch die Deutschen Steuern zahlen und ihre Söhne zum Militär schicken. Ein No-Go für die friedliebenden Mennoniten.<br />
Eine neue Lösung musste her.<br />
Und die hieß Zentralasien.</p>
<p>Als die Krone Ende des 19. Jahrhunderts Siedler für frisch eroberte Gebiete in Zentralasien suchte, sahen die Mennoniten erneut ihre Chance gekommen. Wieder befreit vom Wehrdienst, gründeten etwa hundert Mennoniten-Familien vier Dörfer im Tal des Flusses Talas. Das liegt etwa vierhundert Kilometer östlich vom heutigen Rot-Front.<br />
Bald platzten diese Dörfer aus allen Nähten, und die vielen Landlosen wurden zum Problem.</p>
<p>1927 wies die kommunistische Regierung den Mennoniten deshalb einen weiteren Siedlungsort im Tal des Flusses Tschüi zu.<br />
»Rot-Front!«, rief ich ungeduldig.<br />
»Nein«, sagte Hermann. »Bergtal.«<br />
Wie jetzt Bergtal?<br />
Hermann öffnete seine Zauntür.<br />
Wir folgten ihm in den Garten und standen nun hinter dem Bauernhaus. Größer hätte der Kontrast zum rostigen »Rot-Front«-Schild am Ortseingang nicht ausfallen können.</p>
<p>Scheinbar endlose Felder, bedeckt mit locker aufgeworfenem Heu und gepressten Ballen, lagen vor mir und am Horizont die Berge des Tian Shan. Drei blonde Buben rannten spielend auf einen tuckernden Traktor zu. Ein Hund kläffte. Hohe Laubbäume raschelten im Wind.<br />
Ich fragte mich, warum jemand diesen idyllischen Ort ausgerechnet in »Rot-Front« umbenannt hatte.</p>
<p>Die Antwort trug Schnurrbart.<br />
Denn damals lag Bergtal im Sowjetreich. Und dessen Diktator Josef Stalin misstraute seinen deutschen Untertanen als angeblichen Agenten Hitler-Deutschlands. Quasi als Loyalitätszusicherung nannte man Bergtal, nachdem das Land der Bauern zwangskollektiviert worden war, in Rot-Front um.  Leider verfehlte der neue Name seinen Zweck. Denn der misstrauische Stalin wähnte unter den Russlanddeutschen weiterhin Verräter und Spione.<br />
Außerdem duldete er nur eine Religion, und die hieß Kommunismus.</p>
<p>Bis in die fünfziger Jahre hinein gab der Stalin-Staat daher sein Bestes, um die deutsche Kultur auch in Rot-Front auszurotten. Unterrichtsverbot für Deutsch an Schulen, Verbot religiöser Zusammenkünfte, Ausgangssperren, Verhaftungen, Hinrichtungen und sklavenähnliche Zwangsarbeit. Der einzige Vorteil der Rotfrontler war, dass sie nicht wie die meisten anderen Russlanddeutschen ihrer Heimat entrissen und nach Zentralasien deportiert wurden. Denn sie lebten ja schon hier.</p>
<p>Das war aber eine deprimierende Geschichte.<br />
Jetzt bekam ich sogar Mitleid mit den schroffen Deutschen.</p>
<p>»Wir haben den Kirgisen viel zu verdanken«, sagte Hermann plötzlich.<br />
Die hätten ihre deutschen Nachbarn während der sowjetischen Unterdrückung vor den Behörden geschützt. Bei sich zuhause versteckt, wenn Verhaftungen drohten. Oder die religiösen Treffen der Mennoniten vor der Polizei geheim gehalten.</p>
<p>Dann hatte Hermann noch eine These, wie die Kirgisen geholfen hätten, die deutsche Kultur im Dorf zu bewahren: Anders als bei den Russlanddeutschen, die mit Russen zusammenlebten, käme es mit den Kirgisen wegen der großen kulturellen und äußerlichen Unterschiede kaum zur »Vermischung«.<br />
»Aha«, sagte ich.<br />
Klang ziemlich Volksrat.<br />
Doch Hermann lachte nur.<br />
»Da seid ihr schockiert, was? Aber bei uns gibt’s kein Multikulti. Wir müssen überleben.«<br />
»Aha«, sagte Franz.</p>
<p>Und so standen wir mit Hermann und blickten auf die ländliche Idylle.<br />
Immer noch verfolgt von den blonden Buben, tuckerte der Traktor in Richtung Haus.<br />
»Ihr müsst jetzt gehen«, sagte Hermann besorgt. Er hätte ja gar nicht mit mir sprechen dürfen. Doch zum Abschied gab er uns noch einen Tipp:<br />
»Geht zum Bethaus, wenn ihr mehr wissen wollt.«</p>
<p>Bethaus?<br />
Was war das denn?<br />
Sicher so etwas wie eine Kirche.<br />
Das bedeutete, dass wir dort mit etwas Glück den wichtigsten Mann einer mennonitischen Gemeinde treffen würden, den Pastor. Beziehungsweise so eine Art Pastor. Denn die Mennoniten haben einen »Bruderrat«, der einen Bruder zum Sprecher bestimmt.<br />
Jedenfalls war das Bethaus, wie alles in einem Zwei-Straßen-Dorf, nicht schwer zu finden.<br />
Keine zehn Minuten später standen wir vor dem Gebäude.</p>
<p>Es reihte sich harmonisch ins Glied der an der schnurgeraden Straße angetretenen Häuschen. Mit einem wichtigen Unterschied. Das Bethaus war sehr viel größer. Schon der gepflegte und gerade Holzzaun unterschied sich deutlich von den windschiefen Artgenossen nebenan.<br />
Dahinter lag stolz wie ein Stück Käsekuchen ein Gebäude mit sauber verputzter, gelblicher Fassade. Der Grundriss hatte die Form eines länglichen Rechtecks, bedeckt von einem spitz zulaufenden Dach. Die schmucklosen Fenster waren mannshoch. Wir standen quasi vor einem Kirchenschiff, dem der Glockenturm fehlte.</p>
<p>Ich musste nun überlegt vorgehen.<br />
Sicher würde der Pastor Journalisten genauso grollen wie die anderen Deutschen, denen ich in Rot-Front bisher begegnet war.<br />
Was tun?</p>
<p>Da kamen wie ein Geschenk des Himmels zwei Autos angefahren und hielten direkt neben uns.<br />
Heraus stiegen Deutsche. Allerdings keine aus Rot-Front.<br />
Sondern aus Niedersachsen.<br />
»Guten Tag. Wollen Sie auch zur Führung?«, fragte eine Frau mit blondierter Frisur.<br />
Insgesamt standen nun drei Pärchen mittleren Alters plus ein kirgisischer Reiseleiter neben mir.<br />
»Äh. Guten Tag &#8230; ja«, sagte ich verdutzt.<br />
Dann hörte ich das Knattern eines Motorrads.<br />
Keine Minute später stieg ein Herr von einem weinroten Zweirad, nahm einen altmodischen Helm ab und sagte mit rollendem R:<br />
»Da sind sie ja. Herzlich willkommen in Bergtal!«</p>
<p>Das musste der Pastor sein.  Langsam begriff ich, was hier gerade passierte. Wir waren zufällig in eine angemeldete Touristengruppe aus Deutschland geraten. Und für den Pastor musste es so aussehen, als ob Franz und ich dazugehörten.</p>
<p>Das stürzte mich direkt in einen ethischen Konflikt.<br />
Denn die journalistische Berufsehre hätte jetzt verlangt, dass ich das Missverständnis sofort aufklärte und mich als Journalist zu erkennen gäbe.<br />
Allerdings hätte mich der Pastor dann garantiert zum Teufel gejagt.<br />
Und ich war doch nicht Tausende Kilometer zum letzten deutschen Dorf am Ende der Welt gereist, um mich jetzt davonjagen zu lassen. Ich musste doch erfahren, wie das Bethaus aussah.<br />
Eine Frage der Ehre.<br />
Nein, outen ging nicht.<br />
Also blieb nur eines: Undercover-Einsatz.<br />
Klappe halten. Mitspielen.</p>
<p>Der Pastor schüttelte mir, ich konnte es gar nicht fassen, freundlich die Hand.<br />
Er erzählte uns gleich, dass seine Vorfahren aus Ostpreußen stammten, was das rollende R erkläre. Seine Kleidung war nicht besonders auffällig: Der schlanke Mittfünfziger mit den strahlend blauen Augen hatte ein seriöses Kragenhemd in eine Jeans gesteckt und trug Anzugschuhe. Ein Mann, wie man ihn in jeder Sparkasse treffen konnte.<br />
Auffällig war dafür seine Kopf- und Bartfrisur.<br />
Oberlippenbärtchen und strenger Rechts-Scheitel waren in Deutschland seit Na-Sie-wissen-schon-wem aus der Mode gekommen. Hier anscheinend nicht. Doch das rollende Ostpreußen-R des Pastors hatte nichts Bedrohliches. Er sprach mit einer hellen, herzlichen Stimme, die die frohe Botschaft Jesu verkündete.</p>
<p>»Kommen Sie doch herein«, bat er ins Bethaus.<br />
Ich folgte ihm durch die große Eingangstür und staunte. Von Innen sah es aus wie eine echte Kirche. Honigfarbenes Holzbraun war die dominierende Farbe. Wir standen in einem großen Raum, in dem sich lange Bänke Lehne an Lehne reihten. Hier war Platz für wenigstens tausend Gläubige. In sechs Metern Höhe hing eine Holzkassettendecke. Es gab sogar eine erhöhte Galerie für noch mehr Betende. Und vorne eine Kanzel für den Prediger. Dort stand jetzt der Pastor, zeigte mit erhobenem Arm in eine Richtung und rief:<br />
»In dieser Richtung liegt Deutschland!«</p>
<p>Die Niedersachsen freuten sich.<br />
Ich schaute mich weiter um.<br />
An den Wänden standen in großen Buchstaben Bibelsprüche auf Deutsch und Russisch.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Sehet, ich komme bald!<br />
Offenbarung 22,7</p>
</blockquote>
<p>Hoffentlich sehr bald.<br />
Gott musste sich wirklich beeilen, wenn er hier noch Mennoniten antreffen wollte.<br />
Denn der Pastor berichtete nun vom Niedergang seiner Gemeinde. Sie hätte Ende der achtziger Jahre noch fast tausend Mitglieder gezählt. Das Bethaus sei stets gut gefüllt gewesen. Jetzt waren es nur noch rund hundert, von denen nur gut ein Dutzend regelmäßig auf ansonsten leeren Bänken saß.</p>
<p>Was war geschehen?<br />
Hatten die stalinistischen Repressionen gewirkt?<br />
Oder lag es an der »Vermischung« mit Kirgisen, vor der sich der dicke Hermann so fürchtete?<br />
Nein.<br />
Schuld, so der Pastor resigniert, war der »Deutschland-Virus«.<br />
Eine höhere Gewalt, die nichts mit Gott zu tun hatte.<br />
Und das kam so: Schon bald nachdem die Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre zerfallen war, hatte die meisten Deutschen nichts mehr in dem kleinen Dorf gehalten. Wie den anderen so genannten Spätaussiedlern aus dem postsowjetischen Raum versprach die Bundesrepublik auch ihnen die Staatsbürgerschaft und ein Erste-Welt-Leben in Deutschland.</p>
<p>In der Hoffnung auf ein bequemeres Dasein verkauften viele Mennoniten daher Haus und Hof an Kirgisen.  Die griffen gerne zu. Schließlich liegt das Dorf nicht weit von Bischkek. Und für das Gütesiegel »Gebaut von Deutschen« zahlten sie sogar höhere Preise als üblich. Schon bald war das deutsche Dorf mehrheitlich in kirgisischen Händen.</p>
<p>Derweil schrieben die Ausgewanderten an die Zurückgebliebenen in der kirgisischen Heimat.<br />
Viele waren in der nordrhein-westfälischen Stadt Detmold gelandet. Und berichteten von bemerkenswerten Dingen wie Krankenversicherung und Toiletten in der Wohnung statt Plumpsklo hinterm Haus.<br />
Fast jeder Brief enthielt eine klare Botschaft: Kommt nach.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Meine Zeit steht in deinen Händen.<br />
Psalm 31,16.</p>
</blockquote>
<p>Beim Anblick dieses Bibelspruchs an der Wand fragte ich mich, wie lange es die Deutschen hier noch aushalten würden.<br />
Es war nun fast genau neunzig Jahre her, dass sie Bergtal gegründet hatten. Noch mal neunzig würde mangels Nachwuchs schwierig werden.<br />
Doch der Pastor gab sich kämpferisch.<br />
»Ich gehe nicht.«<br />
Zwar sei er schon einige Male zu Besuch in Deutschland gewesen. Und seine Tochter lebe inzwischen dort. Doch er hatte für das Leben in Deutschland nur ein Wort, wobei er das R nun mahnend rollte:  »Abgerrrissen.«</p>
<p>Familien, die in Bergtal zusammen gewesen waren, sich umeinander gekümmert hätten, seien in Deutschland nun »abgerrrissen«.<br />
Der eine wohne hier, der andere da.<br />
Die Alten blieben oft alleine.<br />
Die Niedersachsen nickten nachdenklich.<br />
»Bei uns in Deutschland«, sagte ein Typ mit Sonnenbrille und schwarzem ACDC-Shirt, »dreht sich doch alles nur noch um Konsum.«<br />
Oha. Das artete hier langsam zur Systemkritik aus.<br />
Der Pastor warf nun ein, dass manche der Ausgewanderten inzwischen sogar zurückgekommen seien, weil sie vom Leben in Deutschland enttäuscht waren.</p>
<p>Ich war zwiegespalten.<br />
Als jemand aus einer Generation, die glaubt, Heimat ist überall da, wo sich der Computer automatisch mit dem Internet verbindet, verstand ich hier nur Volksrat. Soll doch jeder leben, wo und wie er möchte. Was der Pastor Gemeinschaft nannte, war für mich soziale Kontrolle.<br />
Andererseits konnte ich auch seine Frustration verstehen.<br />
Da hatten diese Mennoniten jahrhundertelang die Abgeschiedenheit gesucht. Endlich einen Platz am Ende der Welt gefunden. Technologien gemieden, die ihren Zusammenhalt bedrohten. Der staatlichen Repression getrotzt. Und am Ende reichte das Versprechen auf Absicherung und ein ordentliches Badezimmer, um die Gemeinschaft zu zerreißen.</p>
<p>Jetzt führte der Pastor die Touristengruppe in einen dunklen Keller.<br />
Wir standen vor einer Tafel mit historischen Fotos aus jenen Tagen, da Rot-Front noch ein gut bevölkertes deutsches Dorf war. Auf manchen waren lächelnde Männer, meist im Anzug, abgebildet, daneben lächelnde Frauen, mit Kopftuch oder geflochtenen Haaren. Oft hielten sie Instrumente in den Händen. Akkordeons, Lauten und Tuben. Musizieren wurde hier eindeutig wichtig genommen. Und dann war da noch ein anderes altes Schwarz-Weiß-Bild. Darauf lag einer der Gründer Bergtals als alter Greis aufgebahrt zwischen seinen Verwandten. Auf seinem Sarg in großen altdeutschen Buchstaben:<br />
»Ruhe in Frieden!«</p>
<p>Ob auch die deutsche Geschichte von Rot-Front demnächst in Frieden ruhen würde?<br />
Zumindest diese Führung ruhte jetzt in Frieden.<br />
Der Pastor führte uns aus dem Bethaus und schüttelte jedem zum Abschied die Hand.</p>
<p>Die Niedersachsen wollten ein Foto.<br />
»Aber nur für den Privatgebrauch«, insistierte der Geistliche. »Nicht, dass das in der Zeitung landet. Sie glauben gar nicht, was für ein Unsinn in Deutschland über uns geschrieben wird.«<br />
Nachdem die Niedersachsen mit ihren Autos abgedüst waren, standen Franz und ich immer noch neben dem Pastor.<br />
»Was machen Sie denn noch hier? Ich dachte, Sie gehören auch zu der Gruppe &#8230;«<br />
Meine Tarnung war nicht länger zu halten.<br />
»Also &#8230; na ja &#8230; das ist so«, begann ich zu erklären und stellte mich auf einen Zornesausbruch ein.<br />
Doch es kam schlimmer.<br />
Die stahlblauen Augen des Pastors füllten sich ob dieser fiesen Täuschung mit tiefster menschlicher Enttäuschung. Jetzt hätte er nur noch sagen müssen: Immer wenn jemand lügt, muss das Jesuskind weinen.<br />
Ich kam mir vor wie ein Stück Dreck.<br />
Dann erwiderte er nur:  »Schreiben Sie bitte keinen Unsinn. Wenn Sie möchten, können Sie heute Abend zur Gebetsstunde kommen.«<br />
Dann fuhr er mit seinem Motorrad davon.<br />
Verdammt. Dabei hatte ich mir doch vorgenommen, Unsinn zu schreiben. Jetzt ging das natürlich nicht mehr.</p>
<p>Es reichte langsam.<br />
Ich hatte von Rot-Front genug.<br />
Im Vergleich zu den kirgisischen Kirgisen waren die kirgisischen Deutschen eine echte Zumutung. Jesus hin, Jesus her, meinen Seelenfrieden würde ich hier sicher nicht finden.<br />
Ich freute mich jetzt schon auf Bischkek.</p>
<p>Erst mal aber spazierten wir zurück zu Samats Haus.<br />
Vorbei an abweisenden Pappeln und ausgeschlachteten Lastwagen.<br />
Das Abendessen stand bereits auf dem Tisch, der draußen im Hof aufgestellt war. Die zwei Köpfe der hauseigenen Hühner, die für dieses Mahl ihr Fleisch gegeben hatten, lagen nicht weit davon entfernt auf dem Boden und beobachteten mit gespannt-starrem Blick, ob uns ihre Gabe denn auch schmeckte.</p>
<p>Ungläubig hörten die toten Hühnerköpfe und unser kirgisischer Gastgeber zu, wie ich über die abweisenden Deutschen schimpfte.<br />
»Das ist sicher ein Missverständnis. Diese tollen Leute«, widersprach Samat.<br />
Nach einem weiteren Wodka sagte er:  »Die schönste Frau im Dorf ist eine Deutsche. Blond und groß. Eine Schönheit! Die Ärmste ist schon dreißig und findet hier keinen Mann. Weil die Mennoniten nur unter sich heiraten dürfen.«<br />
Jetzt wurde es interessant.<br />
»Sie ist bestimmt heute im Bethaus.«<br />
Richtig, die Gebetsstunde!</p>
<p>Also wieder rüber zum Bethaus.</p>
<p>Inzwischen war es dunkel und kalt geworden.<br />
Wie gigantische Augen leuchteten die großen Fenster des Käsekuchen-Gebäudes in der Finsternis. Davor stand ein Minibus, aus dem ein paar greise Gestalten stiegen. Die Gemeinde hatte einen Fahrdienst, um die Alten zu den Veranstaltungen zu bringen. Neugierig und schweigend starrten sie Franz und mir hinterher, als wir hineingingen. Dann setzte Getuschel ein. Drinnen war der Raum hell erleuchtet. Die Bibelsprüche strahlten mit aller Kraft.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde.<br />
1. Johannes 1,7</p>
</blockquote>
<p>Voller Sünde setzte ich mich auf eine der langen Bänke vor der Kanzel.<br />
Platz war genug. In der großen Halle versammelten sich außer uns und dem Pastor nur vierzehn weitere Menschen. Zwölf davon waren ältere bis ganz alte Frauen, sogar eine uralte Kirgisin war darunter.<br />
Die beiden anderen fielen sofort ins Auge.<br />
Ganz hinten saß eine hübsche junge Frau neben einer noch jüngeren. Offenbar Schwestern. Beide mit blonden Zöpfen und in keuschen langen Röcken. Ihre Blicke waren auf die Gesangsbücher gerichtet. Franz und mich würdigten sie keines Blickes.<br />
Diese Damen flirteten nur mit Jesus.</p>
<p>Derweil eröffnete der Pastor die Gebetsstunde.<br />
Überraschenderweise wurde hier nicht Deutsch, sondern Russisch geredet.<br />
So erreichte man wohl mehr Gläubige.<br />
»Wir singen nun Lied 68 aus dem Gesangsbuch.«<br />
Der Pastor stimmte an, die Frauen sangen kräftig mit:</p>
<p><em>»Oh, ich armer Sünder! Wahrlich, ein solcher bin ich; wenn Gott der Unsterbliche nicht voller Gaben wäre, nicht voller Liebe wäre und mich nicht retten würde, so wäre ich in dieser Welt schon längst gestorben.«</em></p>
<p>Franz und ich summten nur.<br />
Okay. Ich hatte alles gesehen, was ich sehen wollte.<br />
Es gab da nur ein Problem.<br />
Von der Gebetsstunde waren erst drei Minuten vergangen.</p>
<p>Die restlichen siebenundfünfzig bestanden zum Großteil ebenfalls aus Singen.<br />
Insgesamt sollten es an diesem Abend sieben Lieder werden, die Franz und ich nur peinlich textunsicher mitsummten. Die restliche Zeit standen einige der Alten auf und sprachen persönliche Gebete, dankten Jesus für die Ernte oder hofften auf den Seelenfrieden eines Verstorbenen.<br />
Irgendwann war es vorbei.</p>
<p>Der Pastor warf mir zum Abschied einen enttäuschten Blick zu.<br />
Ich war mir sicher, dass das Jesuskind weinte.<br />
Die Alten geisterten hinaus zu ihrem Minibus. Und die beiden jungen Blondinen eilten wortlos nach Hause.  Auch wir machten uns zum letzten Mal auf den Weg zu Samats Haus, dieser Insel der Gastfreundschaft in diesem ansonsten schroffen Dorf.</p>
<p>Ich erschrak, als mich in der kalten Dunkelheit vor dem Bethaus plötzlich eine Gestalt auf Deutsch ansprach.<br />
»Guten Abend, Sie sind doch der Journalist. Haben Sie bitte keinen schlechten Eindruck von uns. Gastfreundschaft ist uns normalerweise wichtig.«<br />
So lernten wir Agnes kennen.<br />
Eine kleine, kräftige Frau um die sechzig. Sie sah aus wie eine Mennonitin aus den deutschen Presseberichten: das ergraute Haar zu einem Kranz geflochten, langer schwarzer Rock und eine altertümliche rote Jacke mit Goldrand. Ihre Goldzähne glänzten im Mondlicht.<br />
»Ihr begleitet mich nach Hause, und wir können etwas reden«, sagte sie fast schon entschuldigend.</p>
<p>Auf dem Heimweg unter dunklen Pappeln klagte sie ihr Früher-war-alles-besser-Leid.<br />
»Als es noch mehr Deutsche gab, hatten wir eine große Bücherei, eine funktionierende Kolchose, Kultur, Arbeit und Geld. Heute ist das Dorfleben trist. Die Kirgisen machen nichts. Sie beschweren sich sogar, weil wir Deutschen zu viel arbeiten und sie schlecht aussehen lassen.«<br />
Ihre größte Sorge aber war ihre älteste Tochter, die Dorfschönheit.</p>
<p>Einen heiratsfähigen Mann gebe es für sie im Dorf nicht.<br />
Und in Kirgisistan habe sie keine berufliche Perspektive.<br />
»In Deutschland wird man für Bildung bezahlt, hier muss man für Bildung bezahlen. Aber wir haben das Geld nicht.«<br />
Und so müsse die Tochter putzen gehen. Für reiche Russen in Bischkek.<br />
Jeden Tag pendle das Aschenputtel per Marschrutka in die eine Stunde entfernte Hauptstadt. Ein möglicher Ausweg aus der Misere ist Deutschland. Die nötigen Dokumente für die Ausreise, erklärte Agnes, hätten sie schon in der Tasche.<br />
»Aber noch halten wir durch. Die Familie würde ja doch nur zerreißen.«</p>
<p>Wir standen nun vor ihrem Haus.<br />
Der Mond lugte hinter einer Wolke hervor und tauchte die Berge in silbernes Licht.<br />
Der Wind streichelte die Felder wie eine Katze.<br />
»Und diese Natur, ich würde sie so vermissen. Das ist meine Heimat«, war sich Agnes plötzlich sicher.</p>
<p>Sie entschuldigte sich nochmals für die schlechte Gastfreundschaft.<br />
Aber ich müsse das verstehen. Die Presse habe dem Dorf so schwer zugesetzt.<br />
Dünnhäutige Mennoniten, fluchte ich innerlich.<br />
Nun betonte Agnes noch, was für tollen selbst gemachten Kuchen sie ihren Gästen normalerweise anbiete.<br />
Hatte sie Kuchen gesagt?<br />
Würde sie uns vielleicht doch noch in ihr Haus bitten?<br />
Durften wir etwa mit der schönen Tochter sprechen?<br />
Erwartungsvolle Pause.</p>
<p>Zerstört von einem enttäuschenden:<br />
»Nun gut, ich muss nun ins Haus. Gute Nacht. Und schreiben Sie keinen Unsinn.«<br />
Das war’s.<br />
Agnes’ rundliche Silhouette verschwand im Haus.</p>
<p>Und für mich war klar: Nichts wie raus aus Rot-Front.<br />
Vor dem Einschlafen nahm ich mir noch vor, den maximal möglichen Unsinn zu schreiben.</p>
<p style="margin-top:60px;font-size:18px;color:#aaa;padding-top:40px;padding-bottom:40px;border-top:1px solid;margin-bottom:80px;border-bottom:1px solid;text-align:center">
Die Recherche zu dieser Reportage wurde von <a href="https://www.studiosus.com/" target="_blank">Studiosus Reisen</a> unterstützt.</p>
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		<title>Highle Welt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Apr 2017 13:11:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Denver]]></category>
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					<description><![CDATA[Seit im US-Bundesstaat Colorado das Kiffen erlaubt ist, boomt der Cannabis-Tourismus. Besonders beliebt: Organisierte Rundfahrten, inklusive Joint und Bierdose.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/highle-welt/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Seit im US-Bundesstaat Colorado das Kiffen erlaubt ist, boomt der Cannabis-Tourismus. Besonders beliebt: Organisierte Rundfahrten, inklusive Joint und Bierdose.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Fahrt im Cadillac startet mit einem kräftigen Zug – nicht am Bong (das kommt später), sondern an der Schublade mit den Wasserflaschen. „Vergesst nicht, zwischendurch immer etwas zu trinken“, sagt Timothy Vee, ein groß gewachsener Mittvierziger, der früher als Restaurant-Manager gearbeitet hat. Heute betreibt Vee ein anderes Geschäft. Als Inhaber von „Colorado Highlife Tours“ kutschiert er Marihuana-liebende Touristen in einer Luxuslimousine durch Denver. Wobei kutschieren das falsche Wort ist. Vee lässt fahren. Er selbst fläzt sich auf die gepolsterten Ledersitze, dreht die Musik auf und steckt sich den ersten Joint an. Die Kaffeefahrt für Kiffer hat begonnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist eng im Cadillac. Obwohl das Gefährt zwölf Meter lang ist, stoßen die Insassen mit dem Kopf gegen die Decke. Die Mitfahrer – fünf Männer und eine Frau – sitzen sich Knie an Knie gegenüber. Doch das stört an diesem Nachmittag niemanden. Schon fünf Minuten nach der Abfahrt wabert dichter Rauch durch den Innenraum, ein Joint macht die Runde. Im Sektkühler liegt eine Wasserpfeife; die Champagnergläser dienen als Aschenbecher. Durch die Lautsprecher dröhnt Bob Marley. Als der Cadillac durch ein Schlagloch rumpelt, muss der erste Mitfahrer rülpsen. „Dass ihr mir ja nicht ins Auto kotzt“, sagt Tourguide Vee mit gespielt ernster Miene. „Das habe ich schließlich auch nur geliehen. Oder meint ihr etwa, ich könnte mir so eine Karre leisten?“</p>
<h2 style="text-align: justify;">USA öffnen sich für Marihuana</h2>
<p style="text-align: justify;">Noch vor wenigen Jahren wären Ausflüge wie dieser undenkbar gewesen. Eine Kontrolle durch die Polizei, und schon hätten die Teilnehmer nicht nur ihren Joint, sondern auch jede Menge Geld verloren – wenn nicht sogar ihre Freiheit. Doch seit einiger Zeit dreht sich in den USA der Wind, was den Umgang mit Marihuana angeht. Immer mehr Bundesstaaten wenden sich vom Totalverbot ab und erlauben zumindest in kleinen Mengen den privaten Konsum.</p>
<p style="text-align: justify;">Am liberalsten geht es in Colorado zu, wo seit 2012 nicht nur zu medizinischen Zwecken, sondern auch zum privaten Vergnügen gekifft werden darf. Einheimische wie Touristen können sich in offiziellen Abgabestellen, den sogenannten Dispensaries, mit allem eindecken, was das Kifferherz begehrt. Zumindest solange die Menge von 28 Gramm nicht überschritten wird. Der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit, agiert also gewissermaßen als Dealer. Allein 2015 hat die Cannabis-Industrie in Colorado fast eine Milliarde Dollar Umsatz gemacht.</p>
<p style="text-align: justify;">Für viele Amerikaner ist der Bundesstaat daher das gelobte Land. Längst klagen die Nachbarstaaten Nebraska und Oklahoma darüber, dass massenhaft „Gras“ über die innerstaatlichen Grenzen geschmuggelt wird. Bisher ohne Erfolg: Der Oberste Gerichtshof verwarf erst Ende März 2016 eine Beschwerde, die gegen Colorados Marihuana-Gesetz eingereicht worden war.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-11.jpg" data-caption="Don&#039;t kiff and drive:  Timothy Vee verdient sein Geld mit Kiffer-Fahrten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-7.jpg" data-caption="Das winterliche Kifferparadies Denver im US-Staat Colorado." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-12.jpg" data-caption="Das Symbol der Hanfpflanze sieht man im US-Staat Colorado immer öfter. Anders als im großen Rest der USA ist Cannabis hier legal und der Tourismus boomt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-2.jpg" data-caption="Wie das duftet! Cannabis-Touristin Stacy schnüffelt am guten Stoff." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-3.jpg" data-caption="Warp 9, Energie. Die Kiffer-Limousine bringt ihre Passagiere zu neuen Bewusstseins-Erfahrungen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-6.jpg" data-caption="Rauchmelder offline: Unterwegs in der Kiffer-Limousine." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-8.jpg" data-caption="Hier gibt&#039;s Gras." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-4.jpg" data-caption="Schusswaffen verboten: Der Hintereingang zu einem Cannabis-Laden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-9.jpg" data-caption="Justin Hinderson verkauft Cannabis-Produkte. Im US-Staat Colorado darf er das, doch auf Bundesebene ist das illegal. Seine Steuern muss er deswegen in bar zum örtlichen Finanzamt tragen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-10.jpg" data-caption="Haschkekse enthalten besonders viel THC." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt-5.jpg" data-caption="Ein Cannabis-Tourist bewundert den Entstehungsprozess seiner Droge." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/04/HighleWelt.jpg" data-caption="Cannabis gehört in vielen US-Metropolen zum Lifestyle. Selbst Kochbücher sind nichts ungewöhnliches." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Steve Przybilla</p></div></p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Liebe meines Lebens: der Joint</h2>
<p style="text-align: justify;">Während die Luft im Cadillac immer dicker wird, erzählen sich die Mitfahrer ihre Leidensgeschichten. „Zu Hause kann man höchstens in einer stillen Ecke rauchen“, meint die 21-jährige Stacey, die aus Wisconsin kommt und ihren Nachnamen lieber nicht nennen möchte. Aus „Angst vor Stigmatisierung“, wie sie sagt. Ihr Freund Ken (23) berichtet, er sei in der Highschool das erste Mal high gewesen: „Der Joint wurde die Liebe meines Lebens. Das war ein wahnsinniges Gefühl.“ Michael Rosales, ein 35-jähriger Reisegruppenleiter aus Hawaii, steht zu seinem Drogenkonsum. „Ich kiffe einfach überall: am Strand, an der Bushaltestelle, auf dem Bürgersteig. Und wisst ihr was? Mich hat noch niemand angehalten. Sie können uns schließlich nicht alle verhaften!“</p>
<p style="text-align: justify;">Als die Limousine ihren ersten Stopp einlegt, fällt das Aussteigen schwer. „Ich bin so was von zugedröhnt“, kichert ein junger Mann mit Jamaika-Mütze, der sich selbst Angel nennt. Auch Tourguide Vee spricht nun etwas langsamer, auch wenn er sich Mühe gibt, die Contenance zu wahren. Schließlich waren die Tütchen im Auto nur ein erster Vorgeschmack.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Staat freut sich über Kiffer-Steuer</h2>
<p style="text-align: justify;">Bei „3D“, einer der vielen offiziellen Cannabis-Plantagen in Denver, können die Tourteilnehmer den Entstehungsprozess ihrer Droge beobachten. Ein Anblick wie aus einem Polizeibericht, nur dass er hier legal ist. Hinter dickem Glas sind Hunderte von Pflanzen zu sehen, die unter gelblichem Licht gedeihen. „Unglaublich, wie viel Geld dem Staat früher entgangen ist“, meint Derrick Davis (32), der als Botaniker in der Plantage arbeitet. „Gekifft haben die Leute schon immer, aber jetzt kann das Geld sinnvoll eingesetzt werden.“ Allein im Jahre 2015 hat Colorado rund 135 Millionen Dollar an Marihuana-Steuern eingenommen. Ein Großteil des Geldes fließt in Schulen, aber auch in Kampagnen gegen Drogenmissbrauch – und in Entzugskliniken.</p>
<p style="text-align: justify;">Zurück im Cadillac setzt Timothy Vee seine Brille auf. „Wenn ihr kifft wie ich, ist das Sehvermögen nicht mehr so gut“, sagt der Tourguide und lacht über seinen eigenen Witz. Dann dreht er das Gebläse hoch, um den Kopf wieder freizubekommen. Der eingebaute Disco-Laser und das Bob-Marley-Gedudel sind ihm nun nicht mehr geheuer. Doch ein Joint geht immer. Schnell unterhalten sich wieder alle über ihre Lieblingsprodukte. Die Gespräche drehen sich um Haschkekse, Schmerzlinderung durchs Kiffen und Cannabis-Farmer, die ihre Pflanzen mit verbotenen Pestiziden besprühen. Den Tipp mit den Wasserflaschen beherzigt kaum jemand. Stattdessen zischen die Bierdosen, die in den Kühlfächern der Stretch-Limousine lagern.</p>
<p style="text-align: justify;">In einem Außenbezirk von Denver kommt der Cadillac erneut zum Stehen. Ein Mann mit Krawatte und weißem Hemd öffnet die Tür. Er stellt sich als Chauffeur vor. Für solche Details haben die Fahrgäste freilich keine Augen. Sie wollen lieber die 10.000-Dollar-Bongs sehen, die in der Glasbläserei „Illuzions“ dargeboten werden – alles Anfertigungen lokaler Künstler, wie die Verkäufer betonen. Gleich nebenan liegt „Peak“, eine Abgabestelle, in der am Eingang erst mal die Ausweise kontrolliert werden. Genau wie Alkohol ist Marihuana unter 21 Jahren nämlich tabu, Legalisierung hin oder her.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kiffen als Ventil</h2>
<p style="text-align: justify;">Innen wirkt die Dispensary wie eine Mischung aus Tante-Emma-Laden und Apotheke. Im Regal reihen sich Glasbehälter mit Cannabis-Produkten in allen Formen und Farben; ein unverkennbarer Geruch liegt in der Luft. Hinter der Ladentheke plaudert Eigentümer Justin Hinderson persönlich mit seinen Kunden. „Das Arbeitsleben in den USA ist so hart, da braucht man ab und zu ein Ventil“, sagt er und klagt über bürokratische Hürden, die seine Branche immer noch ausstehen müsse. „Weil Cannabis auf Bundesebene illegal ist, dürfen wir kein Konto eröffnen“, erzählt der Geschäftsmann. Einmal im Jahr müsse er deshalb bis zu 60.000 Dollar an Steuern zum Finanzamt bringen. Und zwar in bar.</p>
<p style="text-align: justify;">Längst toben die Diskussionen darüber, wie weit man die Legalisierung noch treiben darf. In einer Umfrage, die das Gesundheitsministerium von Colorado im Sommer 2015 veröffentlichte, gaben fast 13,6 Prozent aller Befragten an, regelmäßig zu kiffen. Das ist fast doppelt so hoch wie der amerikanische Durchschnittswert, der zuletzt 2013 erhoben wurde. Während religiöse Gruppen und Ärzte eher zur Zurückhaltung mahnen, prescht vor allem die Tourismus-Industrie weiter vor. Hotels bieten Kiffer-freundliche Räume an, in Denver steigt ein jährliches „Highlife-Festival“, und Timothy Vee ist längst nicht der Einzige, der rauchige Rundfahrten anbietet.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Vergessen verboten</h2>
<p style="text-align: justify;">Nach drei Stunden hält die Limousine wieder in der Innenstadt von Denver. „Das ist fast wie Amsterdam“, jauchzt Angel, als er im Zeitlupentempo aussteigt. „Am besten, ihr raucht das Zeug ziemlich schnell auf“, rät Tourguide Vee, denn jenseits von Colorado ist Marihuana nach wie vor verboten. Wobei es für vergessliche Kiffer eine Notlösung gebe. „Am Flughafen stehen Amnestie-Boxen“, erklärt Vee. „Wenn ihr euer Zeug bis dahin immer noch bei euch habt, ist das eure letzte Chance.“</p>
<p style="text-align: justify;">Mit einem Winken schlägt der Profi-Kiffer die Tür des Cadillacs hinter sich zu. Dann ist er so schnell wieder weg, wie er gekommen war. Nur die Abgaswolke hängt noch einige Zeit zwischen den Häusern.</p>
<p style="text-align: justify;"><a href="https://www.startnext.com/unitedstatesoffood"><em>Wer mehr USA-Reportagen von Steve lesen möchte, kann ihn hier bei seiner Crowdfunding-Kampagne unterstützen!</em></a></p>
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