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	<description>Magazin für Reportagen</description>
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	<title>Abenteuer &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Unterwegs in Nordkorea</title>
		<link>https://www.weltseher.de/unterwegs-in-nordkorea/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Sep 2020 20:28:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Nord Korea]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Korea]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Oliver Rühle]]></category>
		<category><![CDATA[Nordkorea]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Nachdem ihm das Regime doch noch ein Visum ausgestellt hat, reist unser Autor durch Nordkorea. Umgeben von kommunistischer Architektur und dem Personenkult der Kims versucht er, eine Frage zu beantworten: Wie sind die Menschen hier wirklich?<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/unterwegs-in-nordkorea/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Nachdem ihm das Regime doch noch ein Visum ausgestellt hat, reist unser Autor durch Nordkorea. Umgeben von kommunistischer Architektur und dem Personenkult der Kims versucht er, eine Frage zu beantworten: Wie sind die Menschen hier wirklich?</strong></p>



<p>Mehrere Anläufe hatte ich gebraucht, um diese Reisen nach Nordkorea überhaupt antreten zu können. Offenbar hatte mich das kommunistische Regime wegen meiner Artikel in deutschen Medien über die Kim-Dynastie auf eine schwarze Liste für Journalisten gesetzt. 2015 hatten mir die Nordkoreaner das Visum für die Begleitung einer deutschen Bundestagsdelegation noch verweigert. Drei Jahre später ging dann plötzlich alles ganz schnell. Es war es wie so oft im Leben: man muss die richtigen Leute kennenlernen.</p>



<p>Ich hatte Glück, dass ich die Fotografin Xiomara Bender für ein Interview zu ihrem Nordkorea-Bildband “The Power of Dreams” traf. Durch sie eröffnete sich mir ein ganz anderer Zugang zu meinem journalistischen Lieblingsthema – der nun schon 72 Jahre alten Diktatur. Xiomara fotografiert seit 2011 regelmäßig in Nordkorea, kennt das Land gut. Durch ihren Vater Andreas Bender, der weltweit als Reiseführer für eher ungewöhnliche Reiseziele operiert und als einer der ersten Deutschen eine Reiseleiterlizenz für Nordkorea seitens des kommunistischen Regimes erhielt, kann sich Xiomara auf ein seit über 30 Jahren quasi gegenseitiges Vertrauensverhältnis zwischen ihrer Familie und der nordkoreanischen Tourismusbehörde verlassen.</p>



<p>Die Behörde verfolgt die strikte Aufgabe, alle Ausländer im Land zu kontrollieren und während des Besuchs mit mindestens zwei sogenannten Reiseführern auf Schritt und Tritt zu begleiten. Dank Xiomaras Vater bekam ich nun ganz problemlos ein Visum für Nordkorea und begleitete Sie 2018 zwei Mal in das abgeschottete Land am Ende der Welt.</p>


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                                Der 170 Meter hohe Couch’e-Turm in Pjöngjang, benannt nach der Staatsideologie der Kim-Dynastie.
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<p>Sicher wusste die nordkoreanische Seite, dass ich als Journalist und weniger als Tourist agieren würde. Aber offenbar bekam ich das Prädikat „harmlos“ verliehen. Und ja, Nordkorea hat sich in den letzten Jahren etwas geöffnet, natürlich auch des Geldes wegen. Das von internationalen Handels-Sanktionen geplagte Land hat nicht viele Gelegenheiten, an harte Währungen heranzukommen. Und irgendwie muss Diktator Kim Jong-un ja seinen extravaganten Lebensstil mit Luxusautos, Privatjet, Palästen und Zuchtpferden finanzieren, während sein Volk in ärmlichen Verhältnissen lebt.</p>



<h2>Touristen als Devisen-Bringer fürs Unrechtsregime</h2>



<p>So bin auch ich letztlich nur ein Devisen-Bringer für das Unrechtsregime. Dessen muss sich jeder Nordkoreareisende bewusst sein. Schließlich brachte mein Aufenthalt pro Einreise dem nordkoreanischen Staat etwa 2.500 Euro ein. Ein teures Unterfangen also. Vom Abflug (von Peking oder Shanghai) an übernimmt die staatliche Tourismusbehörde die Kontrolle. Sie legt Hotels, Restaurants und Zeitpläne fest. Wirklich Ruhe vor den “Guides” hat man erst, wenn man von jenen im zentralen “Ausländerhotel” in der Hauptstadt Pjöngjang abgegeben wird und es hinter einem die Türen schließt. Der graue Wolkenkratzer am Ufer des Flusses Taedong ist ein Gefängnis light, denn auf eigene Faust darf man ihn nicht verlassen.</p>



<p>In die internationalen Schlagzeilen war das Hotel 2016 geraten: der junge Student und US-Amerikaner Otto Warmbier wurde verhaftet, weil er hier ein Propagandaplakat von der Wand gestohlen haben soll. Die Nordkoreaner verurteilten den Tourist dafür zu 15 Jahren Arbeitslager. Dort fiel er unter immer noch ungeklärten Umständen ins Koma und starb nach seiner Auslieferung 2017 in den USA.</p>



<p>Hier checke ich ein und beginne meine Nordkorea-Reise. Individuelle Wünsche für Route und Abläufe lassen die Hotel-Angestellten, immer in Abstimmung mit der Tourismusbehörde, bis zuletzt unbeantwortet oder im Vagen. Gleichzeitig versuchen sie aber Alles, um Gäste zufriedenzustellen. Das liegt in der Mentalität der Koreaner.</p>



<p>Für Touristen, die nicht wie ich journalistisch tätig sind, ist der Visa-Antrag heutzutage problemlos. So waren während meines ersten Aufenthalts anlässlich der Feierlichkeiten zu 70 Jahren Nordkorea im September 2018 so viele Ausländer im Land wie niemals zuvor. Der Großteil davon Chinesen, für die Nordkorea eine Art Kolonie ist. Und so führen sie sich vor Ort auch auf. Bald sollen rund eine Million chinesische Touristen pro Jahr kommen, vermelden Nordkorea-Analysten.</p>



<p>Wie das in der Praxis aussehen soll, bleibt mir ein Rätsel. Für viele Chinesen ist ein Nordkorea-Trip eine Reise in die eigene kommunistisch-maoistische Vergangenheit, inklusive Kontrolle und Gängelung. Viele sind nur bedingt an den Kulturreisen durchs Land interessiert, sondern wollen in die neu gebauten Spa-Hotels oder in die Skigebiete, die allesamt fernab großer Siedlungen liegen und gut zu kontrollieren sind. Aus nordkoreanischer Sicht bedeutet „perfekter Tourismus“, wenn Gäste kommen, die ihr Geld mitbringen – und ansonsten gut abgeschirmt von der Bevölkerung im Hotel oder einem isolierten Gebirge bleiben.</p>



<h2>Leer und sonderbar zart</h2>



<p>Hinter dem Fenster meines Hotelzimmers liegt Pjöngjang. Meine ersten Gedanken: diese große Leere, das Nichts zwischen den Gebäuden und Menschen. Das Leben muss sich hier zwischen breiten Straßen, Plattenbauten und weitläufigen Plätzen und Propaganda-Monumenten abspielen. Damit folgt die nordkoreanische Hauptstadt einer bei kommunistischen Diktaturen beliebten Architektur. Im sowjetischen Moskau – an der sich die &#8222;Demokratische Volksrepublik Nordkorea&#8220; bei der Gründung im Jahr 1948 zunächst orientierte – ließ Stalin historische, verwinkelte Nachbarschaften abreißen, um breite Boulevards und lange Sichtachsen anzulegen. So konnten sich die Bewohner nicht so gut verstecken, aber dafür die Partei und Armee besser aufmarschieren. Gewaltige Monumente mit den Symbolen des Staates und den Antlitzen seiner Führer sollten dem Regime Größe und einen Hauch von Ewigkeit verleihen.</p>


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<p>Die Sowjetunion gibt es nicht mehr, aber Nordkorea ist noch da. Dessen Propaganda-Apparat erscheint so effektiv, dass selbst Stalin neidisch geworden wäre. Der Personenkult mit Statuen und Plakaten begann mit dem Staatsgründer: Kims Großvater, Kim, der &#8222;Große Führer&#8220; und trotz seines Ablebens vor sechsundzwanzig Jahren heute immer noch der &#8222;ewige Präsident&#8220; Nordkoreas. Und Kims Vater, Kim, die &#8222;Sonne der Nation&#8220;, verstorben 2011, ist immer noch &#8222;ewiger Generalsekretär&#8220; der Kommunistischen Partei.</p>



<p>Seit fast zehn Jahren ist der dritte Kim an der Macht. Das Staatsfernsehen verkündet nur seine Erfolge, die Armut im Land oder die große Hungersnot in den 90er-Jahren werden nicht erwähnt. Für jeden Bürger wäre öffentliche Kritik Selbstmord. Der Staatskult geht sogar soweit, dass die Nordkoreaner ihre Kim-Führer für Halbgötter halten, die anders als Normalsterbliche nie auf Toilette müssen. So berichtete es jedenfalls der nordkoreanische Flüchtling Kang Chol-hwan im Buch &#8222;Die Aquarien von Pjöngjang&#8220;.</p>



<p>Mit diesen Gedanken blicke ich um mich. Kann es wirklich sein, dass die fünfundzwanzig Millionen Menschen in diesem Land an so einen Quatsch glauben? Wenn ich hier leben würde, täte ich sicher nur so, um zu überleben. Aber sicher sein, kann ich nicht. Wer weiß schon, was zwei Generationen Gehirnwäsche anrichten können. Zumal das Regime alles versucht, um Informationen von der Außenwelt fernzuhalten, ein offenes Internet gibt es nicht.</p>



<h2>Ferner Planet</h2>



<p>Bereits auf der Taxi-Fahrt vom Flughafen zum Hotel versuchte ich, einen Blick auf die Menschen in den Straßen zu erhaschen. Sie wirkten auf mich wie uniforme aber zarte, fast zerbrechliche Wesen. Ihre Erscheinung scheint aufrichtig und unbehelligt, und zieht mich sogleich in einen Bann. Sie kommen mir verwandt vor, aber gleichzeitig wie Außerirdische von einem fernen, unbekannten Planeten. Oder bin ich hier der Außerirdische, von einem klassenverfeindeten Himmelskörper?</p>



<p>Ich kann es bis heute nicht benennen, so skurril erscheinen die jeweiligen, gegensätzlichen Wahrheiten, wenn der Rest der Welt – wie ich – auf Nordkorea trifft. Und dann dieses Gefühl, wie in einem Bernstein eingeschlossen zu wandeln, Besucher einer konservierten Kultur zu sein. Zu Gast in einer Apparatur, in welcher Denunziation und strikte Überwachung herrschen, Deportationen und Machtmissbrauch zur Tagesordnung zählen und kaum Individualität möglich ist, bzw. als Entfaltungsform der eigenen Biografie völlig unbekannt sein muss.</p>



<p>Wie unter einer Glocke erscheint mir das Leben hier, draußen Unmengen Wasser, drinnen ein wenig Luft zum Atmen. Sie wissen es einfach nicht besser. Vielleicht ist Nordkorea die Tiefsee unter den Ländern der Erde. Kaum Licht dringt ein. Kein Internet, keine Mode, keine Popkultur, keine Pornografie, kein Hollywood, kein Ami auf dem Mond, keine Droge, keine Verheißung, keine Möglichkeit der freien Entscheidung.</p>



<p>Um so neugieriger stürze ich mich auf den ersten echten Nordkoreaner, mit dem ich sprechen darf. Und das auf fast perfektem Deutsch. Er ist einer meiner Reise-Aufpasser und nennt sich ausgerechnet &#8222;Bruce Lee&#8220;, wie die Hollywood-Kampfsport-Ikone. Ansonsten will er aber von westlicher Kultur noch nichts gehört haben – oder hat es wirklich nicht. &#8222;Die Beatles? Noch nie gehört!&#8220;, sagt er.</p>



<p>Doch dann geht es endlich los. Unsere Reisegruppe samt Aufpasser darf aus dem Hotel und ich sitze in einem Kleinbus-Taxi japanischer Fabrikation. Neben Xiomara, den beiden Aufpassern und mir besteht unsere Gruppe noch aus meinem besten Freund Felix. Auf einer der breiten, endlos wirkenden Straßen der Drei-Millionen-Metropole Pjöngjang, mit den weitläufigen Sichtachsen entlang der in Pastelltönen angemalten Prachtbauten. Viel Verkehr gibt es nicht. Es ist die Straßeninfrastruktur einer Großstadt mit dem Verkehrsaufkommen eines Dorfs. Am Straßenrand absolviert eine Gruppe von uniformierten Frauen einen Appell. So viel Raum und Platz.</p>



<h2>Seltsam bekannt</h2>



<p>Eine Hauptstadt mit der Atmosphäre einer Filmkulisse. Alles erscheint akkurat und künstlich. Nicht am Leben gewachsen, sondern inszeniert nach den Plänen der Kim-Dynastie. Unsere Reiseleiter verordnen Stops vor Gebäuden und Monumenten. &#8222;Bitte nicht mit den Menschen sprechen&#8220;, sagt Bruce Lee. In meiner Erinnerung verschwimmen die Eindrücke. Fast fühle ich mich heimgesucht durch eine seltene Welt – vielleicht die Letzte ihrer Art.</p>



<p>Trotzdem kenne ich die Symmetrien der Stadt bereits von irgendwoher. Manche Farben, auch Gerüche, vielleicht auch die Mode mit ihren strengen Schnitten, kommen mir bekannt vor. Ganz bestimmt aber die Pjöngjanger Straßenbahnen, denn die roten Tatra-Wagen aus der ehemaligen Tschechoslowakei, erinnern mich an meine eigene Kindheit in der DDR. Auf vielleicht denselben Sitzschalen saß ich in Dresden auf dem Weg in den Kindergarten, in welchem wir uns auf den gleichen Klettergerüsten die Knie und Köpfe aufschlugen. Meine eigene Vergangenheit wird lebendig. Die Idee von der sozialistischen Stadt, ich erkenne sie wieder.</p>



<p>Wenn ich jetzt während des Schreibens an Nordkorea zurückdenke, erinnere ich mich vor allem immer wieder an ein zärtliches Gefühl den Menschen gegenüber. Auslöser vor Ort war ein sonderbarer und berührender Moment zugleich – und das ausgerechnet während einer Militärparade.</p>



<p>Die große Parade soll den 70. Gründungstag von Nordkorea feiern. Die Reise-Aufpasser haben uns am Rande eines großen Prachtboulevards positioniert. Erwartet hatte ich Waffen. Stählerne Kanonen und bedrohliche Raketen. Feindselige Prahlerei und frenetisch zelebrierte Propaganda. Vor allem aber rechnete ich mit Aggression und Hysterie – gegen die USA, den Imperialismus, die westliche Welt. Wie sonst sollte die letzte stalinistische Diktatur ihren runden Geburtstag zelebrieren?</p>


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                                Militärparade zum 70. Gründungstag
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<p>Doch es ist der friedvollste, fröhlichste und bunteste Aufmarsch, den ich bisher erlebt habe. Und so stehe ich also da, neugierig und erstaunt, inmitten einer dieser typischen, ausladenden und ellenlang geraden Prachtstraßen Pjöngjangs. Währenddessen rollen die Lastwagenkonvois mit offener Ladefläche vorbei, auf der sehr junge, zierliche Soldaten und Soldatinnen jubeln. Sie halten Luftballons, statt Gewehren, und sie winken ungeniert und lachen fast kindlich zu der Menge an hübsch herausgeputzten Nordkoreanern am Straßenrand, welche ihrerseits je Konvoi ein herzliches &#8222;Danke!&#8220; ausrufen. Die Frauen in traditioneller, bonbonfarbener Tracht, die Männer mit schlichten Krawatten und in grautönigen Sakkos.</p>



<p>Für mich ist es ein Klischee-zerschmetterndes Bild, wie die aus Sowjetzeiten stammenden LKW auf mich zurollen und ausgelassene Freude, statt Zorn transportieren. Ich stehe allein auf weitem Asphalt, keiner der zahlreichen Polizisten, Ordnungshüter oder einer unserer beiden obligatorischen Aufpasser haben mich daran gehindert, die Menschenmenge zu durchbrechen und einfach auf die Fahrbahn zu treten. Ich glaube in diesem Moment war die Kontrolle über uns verlorengegangen, denn ein jeder aus unserer Gruppe verschwand für einige Augenblicke in der Menge der jubelnden Nordkoreaner. Und so recke ich meine Hand mal links mal rechts aus, zu den Händen der vielleicht jüngsten Garde der nordkoreanischen Armee. Die zierlichen Handflächen schlagen von oben auf die meine. Manche der gegenseitigen Berührungspunkte kann ich für Sekunden festhalten, indem sich mein Blickfeld mit dem jeweiligen Kopf auf dem Konvoi mitdreht.</p>



<h2>Formation und Gemeinschaft</h2>


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                                Eine junge Mutter mit Kind in der Siedlung einer Agrargenossenschaft im Nordosten Nordkoreas.
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<p>Und dann endlich verlassen wir Pjöngjang und das Ausländerhotel. Wir dürfen andere Teile Nordkoreas sehen, dessen Fläche etwa so groß ist wie Bayern und Niedersachsen zusammen. Wirkliche Reisefreiheit gibt es natürlich nicht. Die Tourismusbehörde hat die Route samt Unterkünften lange im voraus festgelegt und auch die beiden Aufpasser kommen mit. Trotzdem: besser als nichts. Die wohlhabende Hauptstadt ist für das normale Leben in Nordkorea nicht repräsentativ, die knapp drei Millionen Einwohner gehören vor allem zur gesellschaftlichen Elite und deren Dienstpersonal. Die restlichen zweiundzwanzig Millionen Nordkoreaner brauchen zum Betreten einen Passierschein. Und so rollen wir im Kleinbus mehrere hundert Kilometer Richtung Nordosten ans Japanische Meer, zu den Küstenstädten Hamhung und Wonsan.</p>



<p class="p3"><span class="s1">Wonsan ist ein harter Schnitt zur herausgeputzten Hauptstadt. Hier geht es nun ein paar Stufen abwärts: triste Plattenbauten, kaputte Straßen und Fensterscheiben, bedrückende Stimmung, jeder scheint von Arbeit oder Maßnahmen getrieben, alte LKW transportieren Menschen auf die Reis- und Sojafelder. Undefinierbare Gerüche liegen in der Luft. Spätestens hier wird überdeutlich, dass Nordkorea ein bitterarmes und immer noch vom Krieg geprägtes Land ist. Leben am Ende der Welt, so fühlt es sich an. Dabei wäre die Hafenstadt am Japanischen Meer wohl eine Touristenhochburg, wenn Nordkorea sich weiter öffnen würde. </span></p>



<p class="p3"><span class="s1">Strände mit feinstem Sand machen das Umland von Wonsan, mit den alten Kieferwäldern, nämlich zum Idyll. Stolz führen uns die Reise-Aufpasser an einen dieser Strände und lassen uns baden. Es fühlt sich absurd und beklemmend an. Ich denke an die vielen Menschen, die in diesem Wasser ihr Leben gelassen haben, weil sie der Freiheit am Horizont entgegen ruderten, in der Hoffnung, Japan zu erreichen. Viele Nussschalen verließen schon diese Küste. Mit dem Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können – dabei ist die Küste Japans viel zu weit weg, viele Boote kentern oder die verzweifelten Flüchtlinge verhungern auf offener See. Wer Nordkorea als Nordkoreaner verlässt, muss es für immer tun, tot oder lebendig.</span></p>


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<p>Unser Kleinbus folgt der Küste nach Norden. Nach etwa hundert Kilometern erreichen wir die zweitgrößte Stadt des Landes: Hamhung. An deren<span class="s1"> Wiederaufbau war acht Jahre lang die „Deutsche Arbeitsgruppe Hamhung“ maßgeblich beteiligt, eine Gruppe von Architekten und Ingenieuren aus der DDR. Tatsächlich erinnert es an Eisenhüttenstadt oder Hoyerswerda, mit den Arbeitersiedlungen und Plattenbauwohnungen in Reihe und Glied. Die Industriestadt scheint wie aus der Zeit gefallen, direkt aus den frühen Achtzigern.</span></p>



<p><span class="s1">Während die Hauptstadtbewohner Ausländer mittlerweile gewöhnt sind, fühlt man sich als solcher in Wonsan oder Hamhung wie ein Exot. Die Nordkoreaner reagieren grundsätzlich freundlich und respektvoll, fast zärtlich und naiv. Sie winken oder lachen, wenn man sie dazu animiert. Besonders in Hamhung. Während Wonsan auf mich einen trostlosen Eindruck macht, bleibt von Hamhung der Eindruck eines gewissen Eigenlebens. Menschen, die an der Straßenecke miteinander plaudern, Männer, die hockend Eis essen, Kinder, welche am Springbrunnenrand sitzen. Aber auch hier: Städtebau nach Prinzip. Die Allmacht des Systems in der Architektur. Breite Straßen, überdimensionale Kim-Monumente, weite Flächen und Flure. Hier kann sich niemand verstecken.</span></p>



<h2>Auf dem Land</h2>



<p>Zwischen den Städten passieren wir im Kleinbus das Land mit seinen Dörfern, Fabriken und landwirtschaftlichen Genossenschaften. Sie finden sich am Meer wie im Gebirge. Dazwischen Felder, Ebenen und Hügel. Alle Kraft für die genossenschaftliche Produktion. Ein Eindruck dominierte meine Wahrnehmung dabei immer wieder, egal ob Stadt oder Land: Das Auftreten der Menschen in Formationen und immerzu in Gemeinschaft. Ob bei der Maisernte, beim Tai Chi am Ufer des Flusses Taedong, bei gymnastischen Übungen oder Tanzeinlagen am Straßenrand der pseudo-modernistischen Hauptstadt. Niemand scheint allein, entscheidet selbstständig nach seinem eigenen Gefallen oder hegt auch nur irgendeine denkbare, vergleichbare Freiheit, wie wir sie kennen und um deren Verwirklichung wir uns ereifern. Dieses Wissen schwingt ständig in meinem Hinterkopf mit und trübt das romantische Erscheinungsbild, die sonst ursprüngliche Natürlichkeit des Anblicks.</p>


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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea.jpg" data-caption="Hügelfelder zwischen den Ballungszentren." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-2-1.jpg" data-caption="Irgendwo zwischen Pjöngjang und Wonsan." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-3.jpg" data-caption="Eine LPG in Zentralnordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-4.jpg" data-caption="Nordkoreanische Landschaft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-6-1.jpg" data-caption="Frauen auf dem Weg zur Feldarbeit." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-24.jpg" data-caption="Ein Transporter mit Erntehelfern." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-31.jpg" data-caption="Ein Dorf im Norden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-34.jpg" data-caption="Berglandschaften sind typisch für Nordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-33.jpg" data-caption="Mit dem Touristen-Bus einmal quer durch Nordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-32-1.jpg" data-caption="Transporter mit Arbeitern prägen den Verkehr." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Ländliches Nordkorea</p></div>


<p>Den absoluten Superlativ dieser Gruppendynamik stellt das Arirang-Festival dar, welches ich im &#8222;Stadion Erster Mai&#8220; in Pjöngjang zur Premiere anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten erleben kann. Eine akribisch perfektionierte Inszenierung der siebzigjährigen Geschichte Nordkoreas, eine gewaltige Choreografie abertausender Akrobaten, Tänzer, Athleten, Musiker und Kindergruppen. In einer Synchronität jenseits von etwas je Gesehenem, von welcher hiesige Choreografen nur träumen können. In einer Ästhetik und Epik welche man mit jener einer Leni Riefenstahl vergleichen kann – allerdings in Farbe. Die Organisation von Massen beherrscht wohl kaum ein anderes Land derartig optimiert und konditioniert, wie es die Ideologie der Kim-Dynastie seinen Untertanen durch Drill und Disziplinierung auferlegt hat.</p>



<p>Unsere Tribüne ist keine hundert Meter Luftlinie von der Herrscherloge entfernt, in welcher kein Geringerer als Kim Jong-un selbst Platz genommen hat. Ein sonores Raunen geht durch das größte Stadion der Welt, mit einem Fassungsvermögen für etwa 150.000 Menschen, als der oberste Führer höchstpersönlich in Erscheinung tritt. Gefeiert wie ein Messias, wie ein Gott. Doch was weiß ich schon, der eingebildete Freie? Das ist eine ganz andere Frage, bei welcher ich immer noch überlege, wie meine persönliche Antwort ausfällt.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1200x795.jpg" alt="" data-id="7389" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/nordkorea-11/" class="wp-image-7389" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1200x795.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-600x398.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-768x509.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1536x1018.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-150x99.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1320x875.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1250x828.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-400x265.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11.jpg 2000w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1200x794.jpg" alt="" data-id="7388" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/nordkorea-12-2/" class="wp-image-7388" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1200x794.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-600x397.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-768x508.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1536x1017.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-150x99.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1320x874.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1250x828.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-400x265.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1.jpg 2000w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li></ul><figcaption class="blocks-gallery-caption">„The Glorious Country“ – die Choreografie der Massen anlässlich des 70. Geburtstags der Diktatur.</figcaption></figure>



<h2>Der Reisende wird gespiegelt</h2>



<p>So oder so: Nordkorea hält uns Westlern den Spiegel vor. Das Land am Ende der Welt ist schlicht und einfach das ganze Gegenteil dessen, was wir aus Deutschland von unserem Leben im Überfluss kennen. Was an Eindrücken dominiert, fühlt sich absurd und auch befremdlich an. Aber ebenso bleibt eine unglaubliche, seltene Form der Schönheit jenseits der Uniformierung und Kollektivierung zurück.</p>



<p>Was nimmt man mit, zurück in die westliche Welt? Mein Ziel, das wahre Wesen der Menschen in Nordkorea zu erkunden, ist gescheitert. Die Sprachbarriere, das Kontaktverbot und die ständige Beobachtung durch die Reise-Aufpasser haben es unmöglich gemacht – allein durch Lächeln, Nicken und Winken lassen sich keine Lebenswelten austauschen. Ich sah gewissenhafte aber müde, schüchterne aber entschlossene, freundliche aber disziplinierte Menschen. Doch das ist nur mein subjektiver Eindruck.</p>



<p>Der Nordkoreaner, der mir am meisten ans Herz wuchs, war ausgerechnet mein Reise-Aufpasser &#8222;Bruce Lee&#8220;, ein Diener des Propaganda-Systems. Der Abschied am Flughafen ging mir ins Mark. Es ist seltsam, doch die Reiseführer werden automatisch zu Vertrauten, weil sie unsere Sprache sprechen und die einzige Anlaufstelle für Wünsche und Informationen sind. Bei gemeinsamen Mahlzeiten und einem Glas koreanischem Eichelschnaps ergeben sich automatisch Gespräche. Zwar hatte &#8222;Bruce Lee&#8220; behauptet noch nie von den Beatles gehört zu haben, dafür kannte er sich überraschend gut mit aktuellen Entwicklungen in Deutschland aus.&nbsp; </p>



<p>Vielleicht war es nur ein Spiel, doch ich hatte das Gefühl, das sich ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte. Je besser wir uns verstanden, desto freier durfte ich mich bewegen, fast wie zur Belohnung. <span class="s1">Es gab sogar Momente der Komplizenschaft, welche ich besser für mich behalte, damit ich niemanden nachhaltig in Gefahr bringe. Wer weiß, wer hier mitliest. Ich möchte glauben, dass Bruce Lee es ehrlich meinte. Die Reiseführer sind in der Regel ausgesprochen gut ausgebildete und wissbegierige Nordkoreaner und Nordkoreanerinnen, welchen normalerweise die Welt offen stehen würde. In einem anderen Land, in einem anderen Leben. Durch den regelmäßigen Kontakt mit Ausländern wächst auch ihre Neugier an der Welt da draußen.</span></p>



<p>Am Ende bleibt: Die Reise hat meine persönliche Verbindung zu Nordkorea verstärkt, vielleicht wegen der eigenen deutschen Teilungs- und Wiedervereinigungsgeschichte. Ich glaube fest daran, dass eine Wiedervereinigung Nord- und Südkoreas möglich ist. <span style="font-size: inherit;">Behutsam und sensibel müsste es dann allerdings vonstattengehen. So fragil scheinen die Seelen der Menschen durch ihr Unwissen, ihre Unschuld. Ein Moment bleibt mir in besonderer Erinnerung: Ich lief allein auf weiter Flur über ein paradiesisches Sandstück an der Ostküste Nordkoreas, die Sonne schien wie auf einer Urlaubspostkarte und ich blickte über das Japanische Meer, quasi in Richtung Freiheit. </span></p>


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                                Das Japanische Meer – die Ostküste Nordkoreas bei Wonsan
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<p><span style="font-size: inherit;">Zwei Tage später steige ich ganz selbstverständlich und privilegiert in den Flieger nach Peking. Keinen der Menschen, denen ich in Nordkorea begegnet bin, werde ich wahrscheinlich je wiedersehen.</span></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Mit dem Tod in der Cordillera</title>
		<link>https://www.weltseher.de/mit-dem-tod-in-der-cordillera/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 May 2020 08:22:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Peru]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Anden]]></category>
		<category><![CDATA[Berge]]></category>
		<category><![CDATA[Laura Anninger]]></category>
		<category><![CDATA[Reisen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.weltseher.de/?p=7289</guid>

					<description><![CDATA[Zu Fuss und mit Zelt wanderte unsere Autorin durch die peruanischen Anden. Trotz der beeindruckenden Naturkulisse in viertausend Metern Höhe ist es eine erschütternde Begegnung, die sie nicht mehr los lässt.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/mit-dem-tod-in-der-cordillera/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Zu Fuss und mit Zelt wanderte unsere Autorin durch die peruanischen Anden. Trotz der beeindruckenden Naturkulisse in viertausend Metern Höhe ist es eine erschütternde Begegnung, die sie nicht mehr los lässt.</strong></p>



<p>Die Zahl der Menschen, die uns seit dem ersten Tag begegnet waren, konnte ich an beiden Händen abzählen. Unser Fahrer Nazario war der erste. In seinem Kleinbus, auf dessen Rückbank wir uns die Glieder verrenkten, konnte der kurze Mann aufrecht stehen. Sein grober Wollpullover war viel zu groß für den zierlichen Körper. Sein Gesicht war von der Sonne gegerbt, der Blick klar. Mit der Rechten stützte Nazario sich an der unverkleideten Innenwand ab, während wir uns gemächlich, Steine und Ziegen umkurvend, die Anden hochschraubten. Keine noch so spitze Kurve konnte Nazario überraschen. Er kannte sie alle.</p>



<p>Seit 20 Jahren, sagte Nazario, fuhr er die knapp hundert Kilometer lange Route regelmäßig: Von Cajacay, einem kleinen Dorf in den peruanischen Anden, nach Llamac, ein noch kleineres Dorf und zugleich sein Geburtsort. In Cajacay lud er Touristen ein, und später noch ein paar Waren: etwa die drei Stellagen Inka-Cola und die sechs Packungen Klopapier, die bei jeder Wegbiegung quer durch den Bus rutschten. Unterwegs versilberte Nazario seine Waren wieder an zahlende Käufer. Nur mich und meinen Freund, die einzigen Touristen weit und breit, brachte er gegen ein kleines Trinkgeld weiter nach Cuartelhain. Dann deutete er seiner Rechten vage Richtung Bergkamm. &#8222;No les preocupen&#8220;, sagte Nazario, nur keine Sorge. Er war am Ziel – doch für uns ging die Reise jetzt erst richtig los.</p>



<p>Denn hier startete unser Trek. Nazarios beruhigenden Worten zum Trotz: ein bisschen Sorge hatte ich doch. Unser Weg sollte uns eine Woche durch den Gebirgszug <em>Cordillera Huayhuash</em> führen. Zwischen Kühen, Mulis und Lamas, vorbei an Gletschern und Seen, über Bergkämme auf 4.000 Metern Höhe. Eine wilde Welt. Wir waren Tageswanderungen entfernt von Arztpraxen, Supermärkten und sauberem Trinkwasser. Es war Ende Februar, die Zeit, in der die <em>Cordillera</em> den Einheimischen gehört. Die Zeit, die zu kalt ist, um Touristengruppen in die Berge zu führen. In hundert Kilometer Umkreis waren wir die einzigen Gringos.</p>


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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru.jpg" data-caption="Rechts unten ein Korral, in dem die Einheimischen Rinder zusammentreiben. Gebaut aus dem Material, das es hier im Übermaß gibt: Steine" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-7.jpg" data-caption="Die Cordillera Huayhuash ist 30 Kilometer lang und eine der höchsten Gebirgsketten der Anden" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-6.jpg" data-caption="Der Gletscher des Yerupajá Chico, des kleinen Yerupajá mit seinen 6.089 Metern Höhe" alt=""></div></div>


<p>Am ersten Tag der Wanderung sahen wir nicht viel außer Geröll. Erst am Abend, als die Wolken träge den Gipfel des <em>Rondoy</em>, diesem Koloss von einem Berg, umschwammen, fanden sie uns. Es waren Vater und Sohn. Beide trugen kniehohe Gummistiefel und Jogginghosen. Wir schnauften uns die Anstrengung aus den Gliedern. Als sie sich uns gegenüber setzten, fand ich kaum Luft in meinen Lungen. Doch, so schien es, brauchte man auf diesen Höhen ohnehin kaum Worte.</p>



<p>&#8222;Zum Huayhuash?&#8220;, fragte der Vater auf Spanisch.<br>&#8222;Sí.&#8220;<br>&#8222;Ihr wisst, das ist hin und zurück ein Fussmarsch von sieben Tagen?&#8220;<br>&#8222;Sí.&#8220;<br>&#8222;Ohne Führer?&#8220;<br>&#8222;Sí.&#8220;</p>



<p>Der Vater nickte wissend, während er an uns vorbeisah, den Blick zum Berggipfel gerichtet, hinter dem langsam die Sonne unterging. Er zog einen Block aus der Hosentasche, riss einen Zettel ab, schrieb etwas darauf. Eine Rechnung über 70 Sol Wegegeld, umgerechnet knapp 20 Euro. Die wenigen Einwohner der Communities, denen das Land gehört, verlangen von Besuchern einen Beitrag für die Übernachtung. Ein paar Scheine wechselten den Besitzer. Dann stapften zwei Paar Gummistiefel gemächlich von uns fort durch das feuchte Gras. Irgendwo außer Sichtweite musste ihre Hütte stehen. Jetzt im Herbst, wo kaum Touristen Geld über die Berge tragen, musste das Leben hier so rau sein wie der Wind, dachte ich mir, als ich mich im Zelt in den Schlafsack einmummelte.</p>



<p>Tag zwei führte mir vor Augen, was es heißt, Reisende zu sein. Wir genossen die Weite, die Abgeschiedenheit, die Wildheit der Anden. Bald würden wir in unser bequemes Leben in Österreich zurückkehren. Für die nächsten Menschen, die wir trafen, war diese Wildheit Alltag. Es waren ein Mann und eine Frau, die dieser Natur Tag für Tag ihre Lebensgrundlage abrangen. Er sah uns, als wir bis zu den Waden im warmen Wasser durch das Moor stapften. Die Lagune <em>Carhuacocha</em> war über die Ufer getreten und hatte das flache Talbecken mit einer Wasserschicht überzogen. Dutzende Pferde und Mulis grasten am Ufer, das Wasser störte sie nicht. Der Mann trug robuste Gummistiefel, einen Lederhut und Overall. Er war besser gerüstet als wir, in unseren Wanderstiefeln schmatze das Wasser bei jedem Schritt. Ob es einen trockenen Weg gab? Wir fanden ihn jedenfalls nicht. Der Mann winkte uns zu sich.</p>


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                                Ein Andenbewohner führt uns zu seiner Hütte.
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<p>&#8222;Wollt ihr Forelle?, rief er, &#8222;kommt!&#8220;<br>Forelle klang gut. Ein trockener Ort auch. Und so gingen wir mit.<br>Der Mann führte uns zu seinem Zuhause. Hier, eingebettet zwischen See und Gletscher, standen drei steinerne, reetbedeckte Hütten. Eine war verfallen. Eine war zum Schlafen. Aus ihr kam nun eine Frau mit klaren Augen, Gummistiefeln an den Füßen, der schlanke Körper umspielt von einem bodenlangen Rock. Sie trug vier kleine, schimmernde Forellen in der Hand. Die dritte Hütte war zum Kochen. In diese verschwand die Frau für einige Zeit. Dann kam sie mit zwei Tellern zurück, auf jedem zwei knusprig-braune Forellen und zwei grünlich-schimmernde Kartoffeln. Wir setzten uns auf Pferdedecken unter freiem Himmel. Die braunen, feinen Haare fühlten sich angenehm warm an.</p>



<p>Wir aßen, verscheuchten die kleinen, verfilzten Hunde, die sich die Lefzen leckten. Dabei beobachteten wir den Mann, wie er ein junges Muli einfing. Er band es an einem hölzernen Pflock an und versuchte behutsam, eine der groben Decken auf seinen Rücken zu legen. In ein paar Monaten würde er aus dem Jährling ein Reittier gemacht haben. Die Fische schmeckten herrlich. Die Kartoffeln waren mehlig und trocken. Sie wuchsen hier auf über viertausend Meter Höhe, am gegenüberliegenden Hang standen die Pflänzchen in akkurat angelegten Reihen.</p>



<p>Wir bezahlten unser Mahl mit ein paar Sol, bedankten uns, stapften weiter, durch das Moor, der eisigen Gletscherluft und unserem Lagerplatz entgegen. In der Nacht des zweiten Tages ließ uns der Gletscher keine Ruhe. Jedes Mal, wenn ein Stück Eis knarzte, dann in die Tiefe stürzte, und im Wasser der Lagune aufschlug, schien es mir, als passiere dies eine Handbreit von meinem Ohr entfernt. Der Mensch, so heißt es, gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Aber auch an die Gefahr, an die Naturgewalten, an die Wucht eines Gletschersturzes? Als ich da so lag, nur von der durchfeuchteten Zeltwand von den Naturgewalten abgeschirmt, kamen mir diese Überlegungen wie Wunschdenken vor.</p>



<p>Am Morgen des dritten Tages hallten die Gletscherstürze in meinen Hirnwindungen nach. Der Regen trommelte, vom Zeltdach tropfte Wasser auf unsere Schlafsäcke. Wir stiegen in unsere klamme Kleidung, packten das Zelt ein und machten uns auf den Weg. Am dritten Tag wartete der <em>Paso Siula</em>, mit seinen 4.890 Metern darauf, überwunden zu werden. Wir kämpften uns die Schottermassen hinauf. Jeder Meter eine kleine Überwindung, bei jedem Schritt das Schmatzen der nassen Socken in den feuchten Stiefeln. Kaum war das Zelt am Lagerplatz aufgestellt, verschanzten wir uns. Tag drei bestand nur aus dem Prasseln des Regens und uns im Zelt.</p>


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                                Tag drei verbringen wir im Zelt, nur ein Hund leistet uns Gesellschaft.
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<p>Heute ist Tag vier.<br>Die Berge um mich sind in unwirkliches Licht getaucht. Ein Zauber in dieser wilden, rauen Welt. Er schafft es nicht, meine Stimmung zu heben. Obwohl er prachtvoll begann, ist Tag vier ein Trauertag.</p>



<p>Als die Sonne auf zwölf Uhr stand, hatten wir schon den ersten Pass erklommen. Wir belohnten uns mit Nüssen und trockenen Müsliriegeln. Die Natur belohnte uns mit Sonne und der Unwirklichkeit der peruanischen Anden. Mir saß die Vorfreude im Bauch. Es war warm. Heute würden wir das Zelt neben heißen Quellen aufschlagen. Das erste Mal seit fünf Tagen würden wir uns waschen können. Diese Vorstellung allein war eine Verheißung.</p>



<p>Als wir die Plastikverpackungen der Müsliriegel in unsere Hosentaschen stopften, überholten sie uns. Eine Familie auf einem braunen, muskulösen Wallach. Am Rücken der Frau, in einem bunt gestreiften, groben Tragetuch, abgeschirmt vom Wind, hing ein vierjähriges Mädchen. Seine Backen rot, die Pupillen vor Neugierde geweitet. Die Mutter wendete ihren Blick schüchtern gegen Boden. Der Mann strahlte uns an.</p>


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                                Eine einsame Hütte am Wegesrand.
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<p>„Woher seid ihr?“, fragte der Vater gleich auf Spanisch.<br>„Austria.“<br>„Oh, Australia“, er nickte. Die Länder klingen auf Spanisch sehr ähnlich.<br>„No, Austria.“<br>„Ah, Austria!“ Er lächelte das höfliche Lächeln der Uneingeweihten.<br>„Al lado de Alemania“, half ich: neben Deutschland.<br>„Ah, Alemania!“<br>Er nickte zufrieden. Deutschland, schien es, kannte man auch hier.<br>„A las aguas calientes?“, fragte er, ob wir zu den heißen Quellen gingen.<br>„Sí.“</p>



<p>Der Mann lächelte. Sonntags, so schien es, hatten nicht nur wir, sondern auch die Einheimischen gute Laune. Sonntag war Waschtag. Die Familie ritt zu den heißen Quellen. Wir brauchten länger. Zu Fuss über sumpfige Inseln aus giftgrünem Moos wanderten wir dem <em>Lago Viconga</em> entgegen. Als der See am Horizont auftauchte, diese stechend blaue Fläche, mutete er fast wie eine Fata Morgana an. Hier aus dem Nirgendwo entsprang also das Wasser, das in der Millionenmetropole Lima in die Duschwannen fließt. Am flachen Ufer des Sees graste eine Lamaherde. Weiße flauschige Jungtiere lagen träge im Gras. Hinter ihnen wuchsen die Berge in den Himmel. Die Sonne erhellte das Gletschereis. Das Weiß stach in den Augen. Das war Peru, wie man es aus Reisekatalogen kennt. Eine Postkartenidylle.</p>


<div id="aesop-gallery-7304-5"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-7304" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-9.jpg" data-caption="Hier leben Lamas in der Umgebung, für die sie gezüchtet wurden" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-8.jpg" data-caption="Der Lago Viconga ist einer der Wasserreservoirs für die 9-Millionen-Metropole Lima." alt=""></div></div>


<p>Entzückt trottete ich den schmalen Pfad neben der Lagune entlang. Das Hundebellen in der Ferne war zu vernachlässigen. Das Huftrappfeln hinter uns, das unvermittelt lauter wurde, zwang uns zu handeln. Wir sprangen zur Seite, den Hang hinauf. Sekunden später trabten sie vorbei. Ein Junge, kaum zehn Jahre alt, saß ohne Sattel auf dem Rücken eines braunen Pferds. Das Tier schnaufte durch die Nüstern. Der Junge stieß das atemlose Schluchzen eines Kindes aus seiner Kehle. Mit den ledernen Zügelenden holte er aus, und ließ sie mit der Kraft eines Halbstarken auf sein Tier nieder. Ein Luftzug, ein Schluchzen, dann waren die beiden vorbei.</p>



<p>&#8222;Que pasó?&#8220;, rief ich hinterher, irgendwas schlimmes musste passiert sein.<br>&#8222;Muerto!&#8220;, presste der Junge hervor, ohne zu erklären, was er mit &#8222;tot&#8220; meinte. Dann verschwanden Pferd und Reiter im Stechtrab aus unserem Blickfeld. Minuten später, wir begannen den Abstieg ins Tal, sahen wir sie wieder. Das Pferd stand auf einem Felsvorsprung. Der Junge zusammengesunken auf seinem Rücken. Sein Schluchzen war lauter. Wir näherten uns langsam.<br>&#8222;Hola niño, que pasó?&#8220;, erkundigte ich mich erneut.<br>Geräuschvoll schluchzte der Junge auf.<br>&#8222;Te podemos ayudar?&#8220; Können wir dir helfen?<br>Der Junge atmete hektisch. Ich stellte mich an die Flanke des Pferdes und strich über das seidige Fell.<br>Schließlich sagte er: &#8222;Mi…papa…esta muerto&#8230;&#8220;,<br>presste er unter zwei kurzen Atemzügen hervor.</p>



<p>Seine Augen waren rot, die Backen noch röter. Da war viel Staub in seinem kleinen Gesicht. Die schweren Tränen hatten ihn zur Seite gespült und konturlose Flecken freigewaschen. Sie zogen sich von den Augenhöhlen bis unters Kinn. Bei jedem Atemzug vibrierte der zierliche Körper. Ich fühlte ein Zittern unter meiner Hand, als ich über seinen Rücken strich. Was sollte ich sonst tun?<br>Sein Vater sei tot, hatte er gesagt.<br>Auch die schwarze Trainingsjacke war von einer Schicht dünnen Staubes überzogen. Wie reagierte man auf das Leid eines anderen? Hilflos strich ich weiter. Den Hals des Pferdes, den Rücken des Jungen entlang. Das Schluchzen, es wurde kaum leiser.<br>&#8222;No pasa nada&#8220;, sagte ich hilflos. Es sei doch nichts passiert.<br>Was für eine leere, dumme Aussage. Die Worte einer Unwissenden. Dieses Kind fühlte das genaue Gegenteil. Hier in der Abgeschiedenheit der <em>Corriela Huayhuash</em>, in dieser rauen, unwegsamen Welt, hier wo man jedes seiner Tiere mit Argusaugen hüten und dem Boden ein bisschen Fruchtbarkeit abringen muss, war es gerade erst passiert. Hier war ein Vater gestorben. Ein Vorbild. Ein Ernährer. Einer, der unersetzlich ist.</p>



<p>&#8222;Wohin gehst du?&#8220;, fragte ich den Jungen.<br>&#8222;Zu meinem Onkel&#8220;, schluchzte er.<br>&#8222;Wir begleiten dich, in Ordnung? Wo ist dein Onkel?&#8220;<br>Mit aller Kraft zeigte der Junge ins Tal. Sein zitternder Finger deutet auf einen blauen Punkt. Wie versteinert standen wir neben dem Jungen und seinem Pferd und sahen dem Punkt zu, wie er größer wurde. Mit großen Schritten kämpfte sich da jemand den steinigen Hang hinauf. Dann stürzte ein schlanker Mann in Trainingshosen auf uns zu.<br>&#8222;Que pasó?&#8220;, brüllte der Onkel. &#8222;Esta muerto!&#8220;, schluchzte sein Neffe.<br>Das Pferd schien verstanden zu haben. Es machte keinen Schritt von der Stelle. Auch nicht, als der Onkel die Arme um den Jungen schlang und aus seiner Kehle pure Verzweiflung drang. Eine Tonne Schmerz komprimiert in einem Laut. Ich wandte den Blick ab. Tränen verschwammen vor meinen Augen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war nutzlos, ich war starr, ich war Geröll. Der Mann schwang sich auf den Pferderücken, den Jungen vor sich, in der Hand die Zügelenden, die er auf die Pferdeflanken niederließ. Dann waren sie fort.</p>



<p>Mechanisch setzte ich einen Schritt vor den anderen, stieg ins Tal ab. Mich überrollte das menschlichste, doch vielleicht das sinnloseste aller menschlichen Gefühle: Mitleid. Was sollten wir schon tun? Der Boden verschwamm vor meinem Blick. Die beiden Gestalten, die uns entgegen den Berg hinaufstürzten bemerke ich erst, als sie schon fast vor mir standen. Ich sah in das Gesicht einer stämmigen Frau mit schweren schwarzen Zöpfen. In ihren Augen standen Tränen. In meinen auch. Sie verstand. Dann rannte sie weiter. Zur Totenwache?</p>



<p>Tag vier ist bald vorbei. Unweit von hier, in einer spartanischen, steinernen Hütte wütet die Trauer und reißt der Tod Löcher in Existenzen. Ich bewege meine Füße durch das warme Thermalwasser. Algenpartikel spielen um meine Zehen. Das kitzelt, aber angenehm. Die Sonne verschwindet hinter dem Gletscher. Das ist schön. Es zu genießen fühlt sich zynisch an. Heute ist Tag vier. Wir sind hier bald wieder weg. Woran der Vater des Jungen gestorben ist, werde ich nicht erfahren. Zu fragen, schien mir pietätlos. Sicher ist nur: Das harte Leben in der <em>Cordiellra Huayhuash</em> geht weiter.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ranch der Leidenschaften</title>
		<link>https://www.weltseher.de/ranch-der-leidenschaften/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Mar 2020 12:47:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bulgarien]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<category><![CDATA[Pferde]]></category>
		<category><![CDATA[Pferderanch]]></category>
		<category><![CDATA[Ranch]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Tiersitter]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.weltseher.de/?p=7218</guid>

					<description><![CDATA[Unser Autor Markus Huth wollte auf einer Pferderanch in Bulgarien aushelfen und das Cowboy-Handwerk lernen. Am Ende war er froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ranch-der-leidenschaften/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Unser Autor Markus Huth wollte auf einer Pferderanch in Bulgarien aushelfen und das Cowboy-Handwerk lernen. Am Ende war er froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.</strong></p>



<p>Hallo« zum Beispiel.<br>Oder: »Hey, ich bin&nbsp;…«<br>Was halt so gesagt wird, wenn man jemanden zum ersten Mal trifft. Ich war eben auf einer Pferderanch in Bulgarien angekommen, wo ich nur diesen dürren, bleichen Mann angetroffen hatte, der auf einer rostigen Blechtonne seine Suppe schlürfte. Er sah aus wie ein Junkie, der seine zerlöcherte Kleidung in jener Tonne gefunden hatte.»Ich Pferd nicht gestohlen«, begrüßte mich der Unbekannte.<br>Das Englisch brüchig, der Akzent osteuropäisch: »Karol mir Pferd schon geschenkt. Warum ich stehlen eigenes Pferd? Wo ist Sinn?«<br>Neben ihm lag ein Gewehr.<br>Mit glasigen blauen Augen sah er mich an.<br>Sprach er mit mir?<br>»Äh&nbsp;… okay. Und wer bist du?«, fragte ich.<br>Erst jetzt stellte sich der kränkliche Dürre vor.<br>»Lika.«<br>Was für ein seltsamer Ort.</p>



<p>Ich war gekommen, um das Reiten und den Umgang mit Pferden zu lernen. Ein Kindheitstraum, seit ich Winnetou und Old Shatterhand durch die TV-Prärie galoppieren sah. Und günstiger als auf dieser Wild-West-Ranch in Bulgarien ging das kaum. Gefunden hatte ich das Angebot im Internet, auf der Volunteer-Webseite workaway.info: Im Tausch gegen Kost, Logis und Pferdewissen wollte ich einen Monat lang aushelfen.<br>Quasi als Cowboy in Ausbildung.</p>



<p>Doch jetzt saß ich hier neben dem Tonnen-Junkie verloren neben meinem Rucksack. Die Szenerie hatte was von Postapokalypse.<br>Weit und breit keine Zivilisation. Nur rundliche Berge, Gras, Matsch, Felder und Wälder, über allem der blaue Himmel.<br>Eigentlich auch ganz idyllisch, beruhigte ich mich innerlich.</p>



<h2>Hexenhaus und Nomaden-Lager</h2>



<p>Hinter uns stand ein Haus wie das der Märchenhexe Baba Jaga.<br>Ein aus Holzlatten gebauter Kasten, das Dach wie ein Pilz geformt mit einer weißen Plastikplane darüber. Es hätte mich nicht überrascht, wenn das Haus gleich auf langen Hühner-Beinen aufstehen und den Rest dieser Ranch mitnehmen würde.</p>


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                                Die Ranch samt Hexenhaus. Foto: Markus Huth
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<p>Denn auf dem fußballfeldgroßen Gelände war alles mobil.<br>Alte Campingwagen gilbten vor sich hin, dazwischen spinatgrüne Armeeanhänger und Pferdetransporter, Zelte, ein Mähdrescher, ein Traktor sowie allerhand Blechtonnen, Plastikplanen und Schrott.<br>Äxte steckten auf einem Baumstumpf.<br>Solarmodule auf Europaletten knirschten »Off-Grid« statt »Hightech«, und dicke schwarze Stromkabel hangelten sich von Anhänger zu Anhänger.<br>Kurzum: Hier sah es mehr nach fahrendem Volk als Pferderanch aus. Allein ein großer umzäunter Kreis in der Mitte von allem ließ erahnen, dass hier auch geritten wurde.</p>



<p>»Ist das dein Gewehr da?«, fragte ich den Nicht-Pferdedieb.<br>Verwirrt schaute er von seiner Suppe auf.<br>»Das? Nein, ist Karol. Er schießen auf Hühner.«<br>Aha.<br>Ich wusste nicht, ob mich diese Antwort beruhigte.<br>Und wer war überhaupt dieser Karol?<br>In diesem Moment öffnete sich die Tür im Hexenhaus.<br>Ins Freie trat eine junge Frau. Anfang dreißig, hochgewachsen, athletisch, die brünetten Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Mit ihren blauen Jeans, rot-weiß kariertem Hemd und braunen Lederstiefeln sah sie aus wie ein Cowgirl aus der Werbung.</p>



<p>»Wir hatten geschrieben. Ich bin Amelia. Hier, iss erst mal was«, sagte sie in gutem Englisch, der osteuropäische Akzent sehr weich.<br>Sie stellte mir eine Schale Kartoffelsuppe auf den Tisch und verschwand wieder im Hexenhaus. Während ich auslöffelte, erzählte mir Lika ungefragt von seinen schönsten Drogenerfahrungen (Ayahuasca-Sud bei einem Schamanen) und in welchen Ländern man am besten schwarz mit dem Zug fahren könne (Italien).<br>Irgendwann kam Amelia wieder raus.<br>»Komm mit, ich zeig dir dein Bett.«</p>



<p>Nach einem kurzen Spaziergang durch das Nomaden-Lager stoppten wir vor dem etwa zehn Meter langen, grünen Anhänger, der noch die kyrillische Beschriftung der bulgarischen Armee trug. Drinnen war es eng und finster. Sechs Pritschen lagen übereinander, darauf allerlei Krams. Messer, Sättel, Wolldecken, Kissen.<br>Ich zwängte mich hinter Amelia durch den engen Gang.<br>»Du kannst hier schlafen«, sagte sie schließlich.<br>Wir standen in einer kleinen Hinterkammer im Anhänger, mit nichts drin außer einer Matratze auf dem Boden.<br>»Du hast Glück«, fand das Cowgirl.<br>Denn ich könne meine Zelle durch eine Schiebetür schließen und hätte damit Privatsphäre. Und dank eines von der Decke baumelnden Kabels sogar Strom. Während ich auf dem Boden nach einer freien Ecke für den Rucksack suchte, hörte ich sie noch rufen: »Ruh dich aus, dann komm zum Haus.«<br>Erschöpft fiel ich auf die Matratze und zweifelte daran, dass das hier alles eine gute Idee war.</p>



<div class="wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile mit80viechern"><figure class="wp-block-media-text__media"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1.jpg" alt="" class="wp-image-7270" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1.jpg 350w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1-95x150.jpg 95w" sizes="(max-width: 350px) 100vw, 350px" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<h4 class="has-text-align-center">Diese Reportage stammt aus Markus&#8216; Buch <br><strong>&#8222;Mit 80 Viechern um die Welt&#8220;</strong></h4>



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<h2>Meet the Gang</h2>



<p>Als ich wieder aus meiner Zelle kroch, rollte bereits die Abenddämmerung über die bulgarischen Berge. Pferde und Kühe grasten auf weiten Koppeln.<br>Vor dem Hexenhaus, das nur die Ranchküche beherbergte, saßen vier Gestalten um einen Holztisch herum. Nur eine davon war weiblich.<br>»Das ist unser neuer Azubi-Cowboy«, verkündete Amelia in die Männerrunde.<br>Die Atmosphäre war seltsam angespannt.<br>Ein Typ in gefleckter Militärjacke grinste mehrdeutig und schwieg, den schwarzen Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen. Ich verbuchte seine Erscheinung unter »schweigsamer Soldaten-Cowboy«.<br>Dann knurrte jemand ein »Willkommen«, das eher nach »Verpiss dich« klang.</p>



<p>Es kam von einem bulligen Typen, ebenfalls mit Cowboyhut auf dem Kopf. Das war Karol, dem das Gewehr gehörte und der anscheinend gerne auf Hühner schoss. Anders als der Soldatencowboy zog er den Westernstil mit Lederweste und Fransenhose komplett durch.<br>Nur einer schien hier Manieren zu haben.<br>»Hey, nett dich kennenzulernen, ich bin Tony«, sagte der schmucke Mann neben Amelia. Dem Akzent nach ein Italiener. Tony war der Einzige hier, der keinem Western entsprungen schien. Er präsentierte seine muskulösen Arme in einem ärmellosen Shirt, trug Shorts und eine weiße Baseballmütze.<br>Als ich mich nach Lika erkundigte, knurrte Karol nur abfällig. Der habe ein Pferd gestohlen, außerdem sei ein Skoda aus dem Nachbardorf verschwunden.<br>»Der dumme Junkie braucht wieder Drogen«, bellte er.<br>Jedenfalls sei Lika zu einem Schamanen im Wald gegangen und brauche sich hier nicht mehr blicken lassen.</p>



<p>Amelia wechselte das Thema und beantwortete meine neugierigen Fragen.<br>Die Wild West Ranch gehörte ihr und dem bulligen Karol, mit dem sie verheiratet war. Das Ehepaar besaß vierzig Pferde, vorwiegend von den Westernrassen »American Quarter Horse« und »Paint Horse«, ebenso viele Kühe, dreißig Schafe, zweiundzwanzig Enten, siebzehn Truthähne, fünfzehn Hühner, zehn Schweine, acht Kaninchen, einen Raben, eine Ziege und ein Maultier.<br>Dann gab es noch die Hunde.<br>Schon bei meiner Ankunft wäre ich beinahe über einen der plüschigen Welpen gestolpert. Sechs Stück von der Rasse Kaukasischer Schäferhund, dazu zwei ausgewachsene Exemplare, die an Bernhardiner erinnerten. Vervollständigt wurde das Rudel mit zwei hyperaktiven Jack-Russel-Terriern.</p>


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                                Überall tollen plüschige Hunde herum. Foto: Markus Huth
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<p>»Und jetzt trink«, sagte Karol und schob mir ein gefülltes Glas Wodka über den Tisch.<br>Und noch eins. Und noch eins.<br>Als es bereits stockduster war, sagte Amelia: »Wir treffen uns morgen früh um sechs vor deinem Anhänger.«<br>Dann gab sie mir noch ein Buch über Pferdedressur in die Hand und schickte mich unter dem funkelnden Sternenhimmel in den Armeeanhänger.<br>»Gute Nacht.«</p>



<h2>»Der Platz zwischen den Ohren eines Pferdes ist begrenzt.«</h2>



<p>Doch an Schlaf war nicht zu denken, mir schwirrte der Kopf vom Wodka. Also nahm ich in meiner Zelle Taschenlampe und Pferdebuch in die Hand.<br>»Respekt und Kontrolle bei Westernpferden erreichen« stand auf dem Titel. Geschrieben vom australischen Modellcowboy Clinton Anderson, dessen perfekt rasiertes Gesicht mich von unzähligen Fotos angrinste.<br>Ich las: »Der Platz zwischen den Ohren eines Pferdes ist begrenzt.«<br>Was zur Hölle war das denn?<br>Hör mal zu, Clinton Anderson, tobte ich im Wodkarausch, der Platz zwischen DEINEN Ohren ist wohl begrenzt!<br>Wie konnte er es wagen! Schließlich wäre die Menschheit ohne Pferde heute nicht da, wo sie ist.<br>Das nur einmeterzwanzig hohe Urpferd war vor etwa zwölftausend Jahren in Zentralasien von Menschen gezähmt worden. Ohne Pferde hätte der Mensch die Welt nicht erobert.</p>



<p>Schließlich beruhigte ich mich wieder.<br>Genau genommen hatte Mustercowboy Anderson ja auch recht: Schließlich ist der Platz zwischen allen Ohren naturgemäß begrenzt, unabhängig vom Lebewesen. Er wollte auch einfach nur sagen, dass Pferde Beutetiere sind und instinktiv vor so ziemlich allem Angst haben. Es tat vor allem zwei Dinge: wegrennen oder fressen.<br>Der Mensch müsse dem Pferd das Denken beibringen. Es an unbekannte Situationen gewöhnen. Ihm die Angst nehmen. Ein typischer Fehler sei es, meinte das Buch, Pferde allein mit Belohnungen gefügig machen zu wollen. Etwa einer Karotte. Genauso falsch sei es aber, das Tier so hart zu bestrafen, dass es Angst vor einem hat.<br>Der richtige Weg liege in der Mitte. Quasi die Zuckerpeitsche.<br>So etwas Ähnliches steht wahrscheinlich in jedem Handbuch für menschliche Führungskräfte.</p>



<p>Ich erwachte vom Hämmern an meine Hängertür.<br>Mist, verschlafen, es war bereits nach sechs. Müde kletterte ich die Metallstufen hinunter ins kalte Freie. Farblose Berge blockierten die Dämmerung und hielten die Sonne auf Abstand. Vom Gras tropfte Tau und machte den Boden matschig.<br>»Zieh die an«, sagte Amelia und warf mir Gummistiefel vor die Füße.<br>Ffffft, Ffffft, Ffffft folgte ich ihr durch den braunen Matsch.<br>Einige Meter hinter meinem Anhänger verrotteten Kästen aus Europaletten und Maschendrahtzaun im Gras. Das waren Gehege für die Tiere.<br>Meine neue Chefin wies mir die Kaninchen und Truthähne zu, deren Fütterung ab sofort meine Aufgabe war.<br>Immer noch müde trug ich einen Eimer Körner zu den schwarz-grauen Vögeln mit den pinken Hautlappen am Hals. Siebzehn fast ausgewachsene Tiere drängten sich auf vier Quadratmetern und gurrten gierig.<br>Für die Kaninchen drückte mir Amelia eine Sichel in die Hand. Damit streifte ich über die angrenzende Wiese, schnitt hohe Grasbüschel ab und legte sie den pelzigen Löfflern ins Gehege.</p>



<p>Als ich fertig war, führte mich Amelia einen Wiesenhang hinunter, über einen kleinen Bach, durch ein kleines Wäldchen, auf eine Weide. Dort grasten schwarze und braune Kühe.<br>»Muuuuhhhh«, rief das Cowgirl laut.<br>Eine bauchige braune Kuh antwortete: »Muuuuhhhh«, und kam gemütlich auf uns zugelaufen.<br>»Siehst du das Seil um ihren Hals? Nimm es.«<br>Anschließend führten wir die Kuh zurück auf die Ranch. Dort zog Amelia eine mobile Melkmaschine unter einer Plane hervor, stöpselte das Euter an einen Schlauch und drückte den Startknopf. Schubweise pumpte die Maschine weiße Milch in einen Eimer. Als er voll war, brachten wir die Kuh wieder den Hang hinunter und ließen ihre beiden Kälber aus einem Gehege, damit die auch noch etwas Milch nippeln konnten.<br>»Das machst du jeden Morgen«, befahl Amelia.<br>Und so begann mein Ranchalltag.</p>



<h2>Zuckerbrot und Peitsche</h2>



<p>Und was war mit Pferden?<br>Schließlich war ich nicht zum Melken hergekommen.<br>Doch auch nach drei Tagen hatte ich Pferde nur aus der Ferne gesehen.<br>Ich vermutete, dass ich zunächst die Theorie aus dem Buch zu pauken hatte. Zuckerbrot und Peitsche und so weiter.<br>Zumindest eines hatte ich schon gelernt: Hier auf der Ranch war Amelia das Zuckerbrot. Sie hatte immer ein paar Karotten in der Hand, wenn sie zu den Pferden ging. Außerdem bekochte sie uns »Volunteers« und hatte ab und zu sogar mal gute Laune.</p>



<p>Karol war hingegen die Peitsche.<br>Erst gestern hatte er eine braune Stute so an einen Baum gebunden, dass sie weder grasen noch liegen konnte. Als Strafe, weil sie gebockt hatte. Einen ganzen Tag musste das Tier so ausharren.<br>»Erziehung muss sein. Was weißt du schon von Pferden?«, hatte er nur gezischt, als ich vorsichtig Mitleid für das Tier geäußert hatte.<br>Ich kümmerte mich derweil weiter um Kaninchen, Truthähne und die Kuh. Eines Morgens beim Melken erzählte mir Amelia ihre und Karols außergewöhnliche Lebensgeschichte.</p>



<p>Die beiden stammten nicht aus Bulgarien, sondern aus Polen.<br>Dort hatten sie ein Leben geführt, dass sich von ihrem aktuellen krass unterschied. Die Frau, die mich morgens um sechs mit schlammigen Gummistiefeln aus dem Armeeanhänger klopfte, hatte in Warschau als Model gearbeitet und hochhackige Schuhe zu delikaten Kleidchen getragen.<br>Und Karols bulliger Körper war nicht in fransigen Cowboyoutfits herumgelaufen, sondern in maßgeschneiderten Anzügen. Er hatte als Broker an der Börse Millionen verdient. In Warschau hatte das Paar in einer luxuriösen Eigentumswohnung residiert, in schicken Restaurants gegessen und in elitären Nachtclubs gefeiert.</p>



<h2>Nie hätte ich geahnt, wie die Wahrheit aussehen würde</h2>



<p>Hier auf der Ranch hausten sie in einem hölzernen Westernwohnwagen mit Bullenschädel über der Tür.<br>»Warum lebt ihr jetzt hier?«, fragte ich Amelia.<br>»Wir wollten ein anderes Leben, raus aus der Stadt. Und wir beide lieben Pferde«, antwortete sie.<br>Vor sieben Jahren hätten sie in Polen alles verkauft und dafür in Bulgarien Land für die Ranch erworben, dazu Pferde sowie Land- und Baumaschinen, Anhänger und Wohnwagen. Auch wenn hier alles nach Zigeunerlager aussah, hatte alles einen Wert jenseits von einer Million Euro.</p>



<p>Vom urbanen Luxusleben in die Pampa?<br>Ich spürte, dass Amelia mir nicht alles erzählte.<br>Und warum ausgerechnet nach Bulgarien?<br>Nie hätte ich geahnt, wie die Wahrheit aussehen würde.</p>



<p>Doch zunächst Pferde. Endlich.<br>Eines Morgens nach dem Kuhmelken galoppierte Tony auf einer grauen Stute an mir vorbei. Lässig saß er ohne Sattel auf ihrem Rücken und trug nichts außer Shorts. Sein muskulöser Arm ließ eine Peitsche knallen und trieb damit die Kühe von einer abgegrasten Wiese auf eine neue.<br>Tony sah aus wie eine Wirklichkeit gewordene Sexfantasie aus einem Frauen- oder Schwulenmagazin.<br>Amelia lächelte ihm hinterher.</p>



<p>»Ich würde auch gerne reiten«, störte ich.<br>»Dann ist heute dein Tag«, lachte sie.<br>Es war Wochenende, und die Ranchkunden kamen aus der Stadt, um zu reiten und sich im Wohnwagen vom Großstadtleben zu erholen.<br>Das bedeutete, dass zehn Pferde von der Koppel geholt, gesäubert und gesattelt werden mussten.<br>Tony kümmerte sich schon um alles. Aber ich durfte mit ausreiten. Voller Vorfreude tanzte ich mit den hyperaktiven Jack Russell Terriern im Gras herum.</p>



<h2>Wo ist Wesna?</h2>



<p>»Geh und hol Wesna, die ist gutmütig und perfekt für Anfänger«, sagte Amelia.<br>Kurz darauf befand ich mich voller Vorfreude auf dem Weg zu meinem Pferd. In den Händen ein Seil und drei Möhren. Ich lief den grünen Hang hinunter, über den Bach, durchs Wäldchen, vorbei an den Kühen, auf die weite Koppel. Ein zwanzigminütiger Fußmarsch durch hohes Gras.<br>Dunkelbraun mit einem weißen Fleck auf der Stirn, so hatte Amelia meine Stute Wesna beschrieben.</p>



<p>Bald sah ich eine Herde inklusive einiger Fohlen oben auf dem nächsten Hügel grasen. Als ich mich näherte, hoben die Rösser mit aufgestellten Ohren die Köpfe und starrten mich an.<br>Was hatte das Pferde-Buch noch gleich gesagt?<br>Ach ja, Pferde sind Beutetiere und werden bei jeder Lageänderung sofort nervös. Also blieb ich ein paar Meter vor ihnen stehen, sodass sie sich an mich gewöhnen konnten.<br>Erst als alle wieder entspannt grasten, rief ich: »Wesna!«</p>



<p>Was nicht im Buch stand: Pferde reagieren nicht auf Namen.<br>»Wesna!«<br>Fehlanzeige.<br>Dafür trabten nun gleich zwölf große Tiere auf die Möhre an meinem ausgestreckten Arm zu. Drei davon hatten einen weißen Fleck auf der Stirn, eins braun, eins dunkler und eins fast schwarz.<br>Mist, was genau verstand Amelia unter Dunkelbraun?<br>Während ich noch überlegte, sah ich auf dem nächsten Hügel eine weitere Gruppe Pferde.<br>Vielleicht war meine Stute dort?<br>Auf gut Glück und aus Faulheit entschied ich mich für eine der potenziellen Wesnas vor meiner Möhre, knotete das Seil an die Geschirrschlaufe unter ihrem Maul und marschierte mit dem Pferd den ganzen Weg zurück zur Ranch.</p>


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                                Wesna? Foto: Markus Huth
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<p>Dort schimpfte Amelia: »Das ist doch nicht Wesna!«<br>Die anderen Pferde warteten bereits fertig gesattelt an Holzbalken gebunden. Die gestressten Städter hatten ihre Wohnwagen bezogen und freuten sich in Jeans und Lederstiefeln auf den Ausritt.<br>Nur ich stand mit dem falschen Gaul da.<br>Na toll.<br>Ein neuer Wesna-Versuch würde wenigstens eine Dreiviertelstunde dauern.<br>»Kein Problem, ich hol sie dir«, rief der schöne Tony, schwang sich elegant auf sein graues Ross und galoppierte Richtung Koppel.<br>Fünf Minuten später kehrte er unter triumphierendem Hufgeklapper mit Wesna im Schlepptau zurück.<br>Mit geübten Handgriffen bürstete er der Stute den Rücken, warf eine Decke darüber und schnallte ihr einen Ledersattel um.<br>»Da, steig auf«, sagte er mit einem Lächeln.<br>Ich war zugleich dankbar, neidisch und blamiert.<br>Ein Aushilfscowboy, der nicht mal sein Pferd fand.</p>



<h2>Endlich Reiten</h2>



<p>Wenig später war aller Ärger vergessen.<br>Ich saß fest im Sattel und trabte Amelias blonder Stute hinterher. Den Wind um die Nase, auf dem Kopf einen Cowboyhut – zum Schutz vor der Sonne und weil es einfach cool aussah. Ich versuchte mich an dem guten Reitstil, den mir das Cowgirl erklärt hatte: rhythmisch das Becken im Takt des Trabes zu heben und zu senken. Allerdings war das auf die Dauer recht anstrengend. Bald lungerte ich träge im Sattel, was mit einem noch tagelang schmerzenden Hintern bestraft wurde.<br>Hinter mir in der Kolonne folgten Tony sowie drei reiterfahrene Städter auf braun-weiß gescheckten Paint Horses. Eine klassische Westernrasse aus Nordamerika, muskulös und schnell, bei der man sofort an Cowboys und Indianer denkt.</p>


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                                Reiten in Bulgarien. Foto: Markus Huth
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<p>An diesem sommerlichen Nachmittag roch es nach Freiheit.<br>Von der Ranch hatte uns ein Feldweg in die Berge geführt, einige Kilometer vorbei an goldenen Weizenfeldern, bis wir schließlich einen Wald erreichten. Verfolgt wurde unsere Kolonne von zwei furchtlosen Ponys,&nbsp; die aus ihrer Koppel ausgebüxt waren, um der Langeweile zu entgehen. Im Schatten hoher Eichen prallten die Hufe auf den steinigen Pfad.<br>Bald teilte sich die Reitgruppe.<br>Amelia führte unseren Trupp – und Karol den zweiten auf einer anderen Route. Einige Pferde verstanden sich nicht miteinander, begründete Amelia. Vor allem die Hengste in Karols Gruppe würden schnell Streit beginnen, was für die Reiter mit Tritten oder Abwurf enden konnte.</p>



<p>Oder waren es Amelia und Karol, die sich nicht verstanden?<br>Zwar war ihr Leben auf den ersten Blick ein filmreifer Naturtraum mit Pferden. Doch der Schein trog. Das Ehepaar stritt sich täglich, lautstark und auf Polnisch. Meist wegen etwas, was Amelia in seinen Augen falsch gemacht hatte.</p>



<p>Noch nie war mir ein Mann so jähzornig wie Karol begegnet.<br>Nach einem Streit war er oft besonders ruppig mit den Tieren.<br>Doch egal ob Streit oder nicht: Man sprach Karol besser nie an. Der stiernackige Kerl mit dem runden Panzerknackergesicht und der blonden Stoppelfrisur schien immer kurz vor der Explosion zu stehen. Entsprechend beunruhigend fand ich, dass auf der Ranch überall Äxte, Peitschen, Kettensägen und Gewehre herumlagen.</p>



<h2>Die Affäre</h2>



<p>Amelia hingegen schien stets niedergeschlagen.<br>Sie strahlte diese Traurigkeit aus, die man hat, wenn man sich in seinem Leben gefangen glaubt. Nur wenn sie neben einem Pferd stand, lächelte sie. Und neben Tony.<br>Eigentlich war es offensichtlich, dass die beiden eine Affäre hatten.<br>Tony kam aus einem kleinen Ort bei Palermo.<br>Er war sechsundzwanzig und hatte von Kindheit an nur einen Traum gehegt: professioneller Fußballspieler zu werden. Mit achtzehn hatte er es geschafft und spielte als Verteidiger in der italienischen Profiliga – bis eine Verletzung den Traum vorzeitig beendete.<br>Etwas anderes als Fußballspielen hatte Tony nie gelernt.<br>Seine Familie war arm. Was sollte er jetzt anstellen?<br>Tony packte seinen Rucksack und schaute nie mehr zurück.</p>



<p>Seit Jahren schon zog er als Volunteer um die Welt.<br>Er arbeitete als Cowboy in Montana, als Pflücker auf Plantagen in der Türkei oder als Rezeptionist im Hostel in Costa Rica.<br>Statt Fußballer war Tony professioneller Weltenbummler geworden.<br>Vor zwei Monaten schließlich hatte es ihn auf die bulgarische Wild-West-Ranch verschlagen. Tony hatte noch immer die kräftige Statur eines Innenverteidigers, dazu dunkles Brust- und Haupthaar, sanfte braune Augen und immer ein freundliches Lächeln im Gesicht. Er strahlte diese Leichtigkeit des Seins aus, die jemand hat, der nichts besitzt.<br>Anders als ich schlief der Italiener nicht im Armeeanhänger, sondern in einem kleinen Wohnwagen unten am Bach. Eines Morgens, als ich gerade Gras für die Kaninchen schnitt, sah ich Amelia verschlafen aus Tonys Wohnwagen steigen.</p>



<p>Ich wusste nicht, ob sie mich auch gesehen hatte. Jedenfalls sprachen wir nicht darüber. Ein paar Tage später war es Tony, der reden wollte.<br>Wir buddelten gerade ein tiefes Loch für einen Brunnen hinter dem Hexenhaus, da sagte er: »Du hast sicher gemerkt, dass ich mit Amelia zusammen bin.«<br>Die Geschichte klang unglaublich.</p>



<p>Tony zufolge waren die Ranchbesitzer zwar verheiratet. Sie lebten aber in einer Mischung aus offener Beziehung und innerer Scheidung.<br>Kurz nach seiner Ankunft, berichtete Tony, habe das schöne Cowgirl heftig mit ihm geflirtet, und schließlich seien sie im Bett gelandet.<br>Um Karol, habe sie ihm gesagt, brauche er sich keine Sorgen machen. Die beiden hätten eine Vereinbarung, dass Sex mit Volunteers erlaubt sei. Oft würden sie Neuankömmlingen sogar erzählen, sie seien Bruder und Schwester.</p>



<p>Welche Abmachung das Ehepaar auch getroffen haben mochte: Die ständigen Streits deuteten darauf hin, dass sie nicht funktionierte. Vielleicht auch, weil Amelia und Tony ihre Affäre immer offener auslebten. Als ich vor zwei Wochen auf der Ranch angekommen war, hatte ich jedenfalls noch nichts von ihrem Verhältnis bemerkt.</p>



<h2>Die Zeitbombe tickt</h2>



<p>Aber seit ein paar Tagen holten sie gemeinsam Pferde von der Koppel und übernahmen zusammen das tägliche Kuhmelken. Sie lachten sich an und tauschten Berührungen aus. Bald schlief Amelia jede Nacht in Tonys Wohnwagen und versuchte gar nicht erst, es zu verheimlichen.<br>Und Karols Wutausbrüche wurden häufiger.</p>



<p>Die Stimmung auf der Ranch war angespannt wie ein Seil, an dem zwei Pferde in entgegengesetzten Richtungen zogen. Jeden Abend saßen wir alle zum gemeinsamen Essen am Holztisch vor dem Hexenhaus. Karol, Amelia, Tony, der mysteriöse Soldatencowboy und ich. Meist war Karols Gesicht wie aus Eis. Er aß schweigend und trank ein Glas Wodka nach dem anderen.<br>Er schien mir wie eine Zeitbombe, die der Explosion entgegentickte.</p>



<p>Ich hatte jedenfalls keine Lust, in die stürmischen Wellen dieses Liebesdramas zu geraten. Stattdessen verbrachte ich mehr Zeit mit dem schweigsamen Soldatencowboy. Er hieß Jan und saß jeden Abend geheimnisvoll am Lagerfeuer, den Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass nur sein hämisches Lächeln im Licht des Feuers flackerte. Es war, als ob er sich über alles und jeden lustig machte. Sogar über diesen Ehestreit.</p>



<p>Jan kam wie die Ranchbesitzer aus Polen.<br>Er lebte schon über ein Jahr hier.<br>Gelangweilt vom Leben als Mechaniker in einem großen Autowerk, hatte er seinen gut bezahlten Job gekündigt und zog seitdem um die Welt.<br>Wie Tony war er ein optischer Mädchentraum: Mitte zwanzig, blondes Haar, glattes Gesicht mit kantigem Kinn und klaren Augen, der Körper schlank und kräftig.<br>Und, na klar, auch dieser junge Brad Pitt war in das schöne Cowgirl Amelia verliebt. Allerdings unglücklich.</p>


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                                Der schöne Jan ist unglücklich verliebt. Foto: Markus Huth 
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<p>Tony hatte mir erzählt, dass der Pole einmal ungefragt nackt zu ihr in die Freiluftdusche hinter dem Hexenhaus gestiegen war. Was immer Jan sich damit erhofft hatte, wurde durch Amelias wütendes Geschrei verhindert.<br>Seitdem mied der Verschmähte menschlichen Kontakt und verbrachte seine Zeit lieber mit den Schweinen sowie seinem besten Freund, einem kleinen Jack Russell Terrier.<br>Mir reichte es langsam.</p>



<h2>Von Ziegen, Mulis und Raben</h2>


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                                Der Rabe hat Käfigarrest. Foto: Markus Huth
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<p>Ich war wegen der Pferde auf die Ranch gekommen und nicht, um einem Beziehungsdrama à la Legenden der Leidenschaft beizuwohnen. Die Tiere schienen ihre Hormone besser im Griff zu haben als das Personal.<br>Ich beschloss, mich ganz auf meine tierischen Aufgaben zu konzentrieren. Jeden Morgen und Abend fütterte ich die Kaninchen, Truthähne und übernahm von Amelia auch noch die Enten und den Raben.<br>Ich hatte vorher noch nie einen gesehen, nur die vergleichsweise kleinen Krähen. Der schwarze Vogel im Maschendrahtkäfig war sogar ein Kolkrabe, die größte aller Rabenarten. Er hieß Oskar.<br>Tagsüber durfte er sich frei auf der Ranch bewegen. Der umtriebige Kerl mit den scharfen Klauen machte den Welpen das Futter streitig, verprügelte mit seinem scharfen Schnabel die Jack Russell Terrier, und einmal riss er ein Babykaninchen aus dem Gehege und fraß es.<br>Danach erteilte ich ihm zur Strafe Käfigarrest.</p>



<p>Besonders ans Herz wuchs mir die meckernde Ziege, die am Bachwäldchen an einen Baum gebunden graste. Sie war braun-schwarz-weiß gefleckt und hatte himmelblaue Augen. Immer wenn ich ihr einen Eimer Wasser zum Trinken brachte, schmiegte sie sich um meine Beine wie eine verschmuste Katze. Vielleicht aus Dankbarkeit, weil ich sie jedes Mal aus ihrer misslichen Verknotung befreite, in die sie sich beim Kreisen um den Baum gewickelt hatte. Die Ziege fand ich nie allein, sondern stets in Begleitung ihres besten Kumpels: einem blökenden braunen Schaf.</p>


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                                Auch Ziegen schmusen gerne. Foto: Markus Huth
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<p>Derweil blieb meine Beziehung zum Maultier kühl.<br>Die Mischung aus Pferd und Esel wartete stets misstrauisch direkt am Eingang zur Pferde-Koppel wie ein Türsteher. Einmal schnappte der Muli nach den Möhren, die ich zum Anlocken der Reitpferde mitgebracht hatte.<br>Und von der Milchkuh möchte ich gar nicht erst reden.<br>Das vierhundert Kilo schwere Tier war mir&nbsp;– und ich schwöre: mit voller Absicht&nbsp;– auf den Fuß getreten, als ich es eines Morgens von der Weide geholt hatte. Das Maultier hatte alles gesehen und sich köstlich amüsiert.</p>



<p>Dafür aber konnte ich mein Verhältnis zur Stute Wesna stetig verbessern. Nach drei Wochen auf der Ranch erkannte ich sie jetzt sogar am Gesicht. Auch das Satteln klappte inzwischen passabel. Auf der Koppel traute ich mich sogar ganz ohne Sattel auf Wesnas nackten Rücken und trabte im gemächlichen Tempo über die Hügel. Das war der große Vorteil an einer postapokalyptischen Ranch fernab jeder Zivilisation: Wenn mir danach war, konnte ich ungefragt ein Pferd nehmen und einfach losreiten. Das einstige Ostblockland Bulgarien fühlte sich nun tatsächlich an wie der Wilde Westen. Mehr Freiheit ging nicht.</p>



<p>Der Nachteil war: Sollte ich stürzen und halb tot im hohen Gras liegen, würde mich tagelang niemand finden. Falls mich die liebeskranken Rancher überhaupt suchen würden, woran ich meine Zweifel hatte.<br>Doch alles ging gut, und dank meiner tierischen Freunde war das Ranchleben trotz Liebesdrama wunderschön – bis zu jenem Morgen, als ein dunkles Auto den Feldweg hochgefahren kam. Und herausstiegen Amelias Eltern.</p>



<h2>Ruhe vor dem Sturm</h2>



<p>Sie waren extra aus Polen angereist, um den anstehenden Geburtstag der Tochter zu feiern. Aber vorher wollten sie noch mit ihr ein paar Tage zum Ausspannen ans Schwarze Meer. Der beliebteste bulgarische Strand lag nur ein paar Autostunden entfernt.<br>Tony hatte mir schon voller Vorfreude davon erzählt. Denn statt Amelias Ehemann Karol,&nbsp; würde er mitfahren. Die Tochter fuhr mit den Eltern in den Strandurlaub und nahm den Liebhaber mit, während der Ehemann auf der Ranch zurückblieb? Offenbar waren nicht alle Polen so katholisch, wie ich bis dahin gedacht hatte.<br>Es gab da nur ein Problem.<br>Zwar war Mama in Eheprobleme und Affäre eingeweiht.<br>Doch Papa wusste von nichts.<br>Eben noch schüttelte er Karol freudig die Hand. Im nächsten Moment warf Tony die Reisetasche in den Kofferraum und stieg mit Amelia hinten ins Auto.<br>»Fahr los«, raunte die Mutter.<br>Ob je ein Mensch derart verwirrt geschaut hat?</p>



<p>Als der Sandweg unter dem abfahrenden Auto knisterte, ließ sich Karols Gefühlswelt aus den kalten blauen Augen wie immer nur schwer ablesen. Er sah jedenfalls nicht unzufriedener aus als gewöhnlich.<br>Nachdem Amelia verschwunden war, setzte er sich an den Tisch vors Hexenhaus und trank ein Bier.<br>Ich war besorgt.<br>Denn normalerweise hatte ich mit Karol nicht viel zu tun. Amelia kümmerte sich um die Volunteers. Aber nun würden Jan und ich drei Tage mit ihm alleine sein. Kurz überlegte ich, das Gewehr, die Äxte, die Peitsche und alle anderen waffentauglichen Dinge, die hier frei herumlagen, zu verstecken.</p>



<p>Doch bald zeigte sich, dass meine Sorge völlig unbegründet war.<br>Die Atmosphäre auf der Ranch entspannte sich.<br>Ohne Amelia hatte Karol niemanden zum Streiten. Statt polnischer Flüche lagen auf einmal nur noch Pferdewiehern, Schweinegrunzen und Hundebellen in der Bergluft. Ich ging weiter meinen Tiersitteraufgaben nach und genoss die ländliche Idylle.<br>Und eines Tages hörte ich den finsteren Cowboy doch tatsächlich fröhlich lachen.</p>



<h2>Die Neue wider Willen</h2>



<p>Ich zertrümmerte gerade mit der Axt Rinderknochen zu Hundefutter (das war sonst Tonys Job), als Karols weißer Opel verfolgt von einer Staubwolke den Feldweg heraufgerast kam.<br>Mit ihm heraus stieg eine fremde Frau. Sie war kurz, blond und sehr jung.<br>So aufgekratzt hatte ich Karol noch nie erlebt. In seinem weißen Fransen-Cowboyoutfit sah der zwanzig Jahre ältere Mann aus wie ihr durchgeknallter Vater.</p>



<p>Die Fremde schien seine gute Laune allerdings nicht zu teilen. Eilig zog sie ihren rollenden Koffer in meinen Armeeanhänger. Dort fand ich meine neue Mitbewohnerin, wie sie eine der leeren Pritsche bezog. Sie hieß Sarah, kam aus Wales und wollte für einen Monat auf der Ranch aushelfen.<br>»Ich liebe Pferde, und die Landschaft ist ja fantastisch idyllisch hier«, schwärmte sie.</p>



<p>Sarah war achtzehn und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Und eigentlich konnte die Waliserin nichts schocken. Sie berichtete mir, wie sie im Krankenhaus mal einen Mann behandeln musste, der kurz zuvor seine Frau im Streit getötet und sich anschließend selbst die Kehle durchgeschnitten hatte. Wenn er auch gestorben wäre, hätte Sarah noch vor Ort routiniert das Fenster geöffnet.<br>»Damit seine Seele rausfliegen kann. Das ist Krankenhausvorschrift.«</p>



<p>Ich fragte sie, warum sie so verstört aus dem Auto gestiegen war. Daraufhin erzählte die Achtzehnjährige, wie ein bulliger Mann im weißen Cowboykostüm sie eben vom Flughafen in Sofia abgeholt hatte.<br>Statt direkt zur Ranch fuhr der Fremde mit ihr in eine Bar.<br>Dort habe er wortlos – Karol sprach kaum Englisch – ein großes Bier getrunken, während die knallharte Krankenschwester es mit der Angst zu tun bekam. Hatten ihre Eltern vielleicht doch recht gehabt?<br>»Volunteering ist nur was für Lebensmüde. Man sollte sich nie in die Obhut von Fremden begeben«, hatten sie die abenteuerlustige Tochter gewarnt. Erst nach dem Bier war der Cowboy mit ihr zur Ranch gefahren.<br>»Ist der immer so?«, fragte die Waliserin besorgt, und ich wusste gar nicht, wo ich bei der Antwort anfangen sollte.</p>



<p>Später saßen wir alle zum Abendessen vor dem Hexenhaus.<br>Karol hatte sogar gekocht: Pasta mit Wodka.<br>Der liebestolle Pole stellte der jungen Waliserin ein Glas nach dem anderen vor die Nase und befahl Sondaten-Cowboy Jan, seine Obszönitäten zu übersetzen.<br>»Ich kenne englische Frauen nur aus Pornos«, lachte Karol.<br>Dann wollte er wissen, ob Sarah noch Jungfrau war.<br>Sie schlang die Pasta herunter und flüchtete in den Armeeanhänger. Erst als Karol schlafen getorkelt war und ich mit Jan und seinem Jack Russell Terrier allein am Lagerfeuer saß, traute sie sich wieder raus.<br>Jan grinste wie immer geheimnisvoll unterm Cowboyhut. Dann packte er im Flackern des Feuers aus und erzählte Karols Geschichte.</p>



<p>Wie ich vermutet hatte, war der Umzug des polnischen Paares in die bulgarische Pampa vor sieben Jahren nicht ganz freiwillig erfolgt.<br>Zwar stimmte es, dass Karol an der Börse viel Geld verdient hatte – allerdings durch Wertpapierbetrug. Zudem war er laut Jan mit der Unterwelt vernetzt und besaß in Polen ein Bordell.<br>Nachdem der Ermittlungsrichter einen Haftbefehl ausgestellt und Karols geprellte Kunden ihr Geld wiederhaben wollten, tauchte der Banker mit seinem Model Amelia in Bulgarien unter.<br>Mehrere Jahre lebten sie unbehelligt ihr Westernleben mit Pferden.<br>Bis eines Tages ein bulgarischer Sheriff auf die Ranch kam und Karol Handschellen anlegte.<br>»Du machst Witze, er war im Gefängnis? Und ein Zuhälter?«, fragte Sarah schockiert.<br>Karol, fuhr Jan fort, musste für zwei Jahre hinter Gitter.<br>Derweil lebte seine Gangsterbraut alleine weiter auf der Ranch. Es war in dieser Zeit, dass Amelia begann, sich nach anderer männlicher Gesellschaft umzusehen. Als Karol aus dem Gefängnis kam, hatte sich seine Frau an ein Leben ohne ihn gewöhnt.</p>



<p>Jedes andere Paar hätte jetzt wohl an Scheidung gedacht.<br>Doch ihr gesamtes Vermögen steckte in der Ranch und den Pferden. Also arrangierten sie sich, hatten Affären mit ihren Volunteers, und Ex-Bordellbesitzer Karol bestellte sich ab und an Prostituierte in den Westernwagen.<br>Jan meinte, dass das lange gut funktioniert hätte.<br>Doch nun war Karol neidisch auf Amelias Glück mit Tony.<br>Deshalb gebe es gerade so viel Streit.<br>Alle Hoffnungen, sagte Jan und grinste gehässig zur jungen Waliserin, richteten sich daher auf sie.<br>»Wenn du was mit Karol anfängst, haben wir wieder etwas Ruhe.«<br>Der furchtlosen Krankenschwester stand die Angst im Gesicht.<br>Ein Pferd wäre jetzt panisch weggerannt.</p>


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                                Pferdearbeit findet auf der Ranch auch statt: Hufreinigung. Foto: Markus Huth
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<h2>Unterwegs als Outlaw</h2>



<p>Am nächsten Morgen wartete Karol mit dem größten Pferd, das ich je gesehen hatte, vor dem Hexenhaus. Ein graues »Shire Horse«, die größte Pferderasse der Welt.<br>Die Stute hieß Baronin und überragte mich um einen Kopf.<br>Das gewaltige Tier zog einen hölzernen Anhänger, auf dem Karol mit den Zügeln in der Hand saß. Neben ihm Jan, wie immer mit einem Grinsen im Gesicht.<br>»Steigt ein, wir machen einen Ausflug«, sagte der Ex-Häftling und zwinkerte Sarah zu. Wenig später fuhren wir wie in einem Boot auf stürmischer See den unebenen Feldweg entlang.</p>



<p>Vorbei ging es an Weizenfeldern, den Bach folgend, bis zu einem Wäldchen. Die Berge waren golden, der Himmel blau, mit ein paar aufgequollenen weißen Wolken darin. In einem Westernfilm hätten jetzt Indianer angegriffen.<br>»Nehmt die Kettensägen von hinten«, befahl Karol.<br>Wir brauchten Holz für Amelias Geburtstagsfeier am nächsten Tag. Zu dem Fest erwartete er über fünfzig Gäste, Kunden und Freunde der Ranch. Die ganze Nacht hindurch sollte ein großes Feuer lodern.<br>Das Knattern der Kettensägen schreckte ein paar Krähen auf, die vor mir im Baum saßen. Wenig später krachte eine hohe Kiefer ins Gras.</p>



<p>Jan war gerade dabei, einen noch gewaltigeren Baum zu fällen, da schrie Karol: »Runter! Fresse halten!«<br>Wie ein Sack plumpste ich in den Dreck und erblickte in der Ferne den Grund für die Aufregung.<br>Einsam patrouillierte ein Polizeiauto verloren auf der Landstraße herum.<br>Wir fällten hier gerade ohne Genehmigung Bäume, und das war garantiert nicht mal Karols Land. Die Kettensäge in der Hand würde es relativ schwer machen, meine Unschuld zu beteuern. Und mit Karols Vorstrafe würden sie ihn garantiert gleich mitnehmen.<br>Kollektives Aufatmen als das Polizeiauto immer kleiner wurde und schließlich hinter der nächsten Kurve verschwand. Keine halbe Stunde später zog die Baronin den Anhänger inklusive uns und zwei Kiefern zurück zur Ranch.</p>



<p>Die Nahknasterfahrung war noch nicht mal der größte Schock an jenem Tag. Denn für Amelias Geburtstag war nicht nur ein Feuer geplant.<br>Sondern auch ein saftiger Braten.<br>Den Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen, stand Jan in seiner Militärjacke vor mir. Das erste Mal sah ich ihn ohne Grinsen. In der Hand hielt er ein langes Bajonettmesser.<br>»Komm mit«, sagte Jan kalt.<br>Ich folgte ihm den Hang hinunter zu dem Wäldchen, wo die&nbsp;…<br>… nein, das durfte nicht sein.<br>Nicht die Schmuseziege!<br>»Meee-eee-eee-eee-e«, meckerte sie uns in Vorfreude auf Gesellschaft entgegen. Sie hatte sich mit dem Seil mal wieder ungeschickt um einen Baum gewickelt. Dumme, dumme Ziege. Als ich sie befreite, schmiegte sie dankbar die Hörner an meine Beine. »Meee-eee-eee-ee!«</p>



<h2>Blut im Gras</h2>



<p>Jan nahm das Seil, und wir führten die Ziege den Hang hinauf Richtung Hexenhaus, dem Schlachtplatz. Uns folgte aus freiem Willen ihr treuer Freund, das braune Schaf.<br>Oben angekommen, sagte Jan: »Drück sie auf den Boden und halt sie fest.«<br>Die blauen Ziegenaugen zwinkerten ahnungslos.<br>»Nein«, raunte ich, »das können wir nicht machen.«<br>»Spinnst du? Karol will einen Braten.«<br>Schweren Herzens erwiderte ich: »Nehmen wir das Schaf, da ist doch eh mehr dran.«<br>Jan überlegte kurz, zuckte mit den Schultern und meinte: »Okay, aber wenn Karol sauer ist, bist du schuld.«</p>



<p>Dann packte ich das überraschte Schaf an der braunen Wolle und drückte es seitlich zu Boden. Eine Hand am Kopf, die andere am Bauch, meine Knie auf seinen Beinen.<br>Der letzte Schaflaut war ein tiefes Blöken – dann schnitt der Soldaten-Cowboy ihm die Kehle durch. Das Tier zuckte, die offene Atemröhre röchelte, während tiefrotes Blut auf saftig-grünes Gras floss. Ein dunkles Schafauge blickte mich angsterfüllt an, bevor alles Leben aus ihm entwich.<br>Sarah musste kein Fenster öffnen, die Seele konnte in den weiten Himmel über uns entweichen. Vielleicht die Schafseele von oben noch, wie ihr früherer Körper auf dieser grünen Wiese zwischen den Bergen langsam ausblutete.<br>Und was tat die Ziege, während ihr bester Freund neben ihr starb? Sie fraß Gras, so als ob nichts wäre.<br>»Meeee-eeee-eee-eeee.«<br>An diesem Abend trank ich fast so viel Wodka wie Karol.</p>



<p>Dann kam der Tag des Festes.<br>An Amelias dreiunddreißigstem Geburtstag zogen graue Wolken von den Bergen herüber, deren Schatten dunkle Flecken auf die Ranch warfen.<br>Bald würden die Gäste eintreffen.<br>Wir Volunteers hatten zur Feier des Tages etwas Ordnung geschaffen, den Großteil des Metallschrotts unter Planen versteckt und die vergilbten Wohnwagen gewaschen. Als Dekoration standen ein paar Pferde herum, und auch die Ziege meckerte feierlich vor sich hin. Sarah schmückte das postapokalyptische Zigeunergelände mit Blumen, ich nahm mir eine der auf dem Gelände herumliegenden Äxte und zerhackte die Kiefern zu Feuerholz, und Jan drehte das gehäutete Schaf über den Flammen.</p>



<h2>Gefangen im Dramadreieck</h2>



<p>Nur das Wichtigste fehlte: das Geburtstagskind.<br>War Amelia vielleicht mit ihrem italienischen Liebhaber durchgebrannt? Doch dann kam der dunkle Kombi der Eltern den Feldweg hochgefahren. Das Cowgirl stieg aus und nahm Glückwünsche entgegen.<br>Als Tony mir beim Holzhacken half, fragte ich neugierig: »Und wie wars am Schwarzen Meer?«<br>»Besser als beim letzten Mal«, lachte der Italiener.<br>Vor ein paar Monaten seien sie zu viert mit Karol und einer jungen Volunteer-Gespielin aus Lettland ans Meer gefahren. Karol habe die Frauen gedrängt, sich zu küssen, und dann hatten alle gemeinsam Sex. Im Gegensatz dazu sei Amelias mürrischer Stiefvater das reinste Kinderspiel gewesen.<br>»Warum machst du das eigentlich mit?«, bohrte ich nach.<br>»Ich liebe sie so sehr«, hauchte Tony.<br>Er sei, reflektierte der Italiener, hoffnungslos in einem »Dramadreieck« gefangen, in dem Amelia das Opfer, Karol der böse Wolf und er selbst der strahlende Retter sei.</p>



<p>Pünktlich zum Eintreffen der Gäste brachen ein paar Sonnenstrahlen durch die dunkle Wolkendecke.<br>Es sah aus wie auf einer Western-Themenparty.<br>Die Männer trugen Cowboyhüte und die Frauen auch, dazu Jeans und Stiefel. Nur Amelia hatte sich in ein schwarzes Kleidchen gezwängt, das ihren athletischen Körper betonte, in den Händen hielt sie einen Strauß roter Rosen.<br>Vor dem Feuer mit dem gerösteten Schaf bildete sich eine lange Schlange. Karol stand mit einem großen Messer daneben und verteilte gönnerhaft saftiges Fleisch.<br>Jan, der die ganze Arbeit gemacht hatte, schmollte etwas abseits.<br>»Siehst du den Typen da?«, raunte er mir zu, als ein kräftiger Kerl sein Stück Schaf abholte und mit Karol tuschelte. Seine Oberarme waren dick wie Pferdeschenkel, um den Stiernacken hing eine silberne Militärmarke.<br>»Das ist der Polizist, der Karol festgenommen hat.«<br>Hä? Warum stießen ein Straftäter und dessen Einbuchter mit einem Bier an?<br>Kein Krimiautor hätte sich diese Geschichte ausdenken können.</p>



<p>Jan berichtete, dass die Tochter des Beamten an einer Hirnstörung litt. Das Einzige, was ihr half, waren Therapiestunden mit Pferden. Nun seien Karol und der Polizist beste Freunde.<br>Prost.<br>Bier, Wodka, Wein und Cocktails flossen in Strömen.<br>Die Stimmung war ausgelassen.<br>Bis tief in die Nacht tanzten, lachten und tranken die Gäste. Abwechselnd tauchte das große Feuer das Hexenhaus und die Wohnwagen in Gelb, Orange und Rot. Aus großen Lautsprechern hallte amerikanische Countrymusik durch die bulgarischen Berge.<br>Erst in den frühen Morgenstunden fielen die Ersten in ihre Wohnwagen oder fuhren nach Hause.</p>


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                                Die Party am Feuer dauert bis tief in die Nacht. Foto: Markus Huth
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<p>Aus den dunklen Wolken war inzwischen ein ernstes Gewitter geworden. Wütend grollte und blitzte es über den Bergen.<br>Betrunken drängte sich Karol dicht neben die Waliserin auf eine Holzbank, legte seine schwere Hand auf ihr Bein und lallte, dass sie sich nicht so zieren solle.<br>Verstört flüchtete sie zu Jan, Tony und mir ans Feuer.<br>Derweil tanzte Amelia um die Flammen wie eine sexy Hexe. Sie schwang die Hüften im Takt der Countrymusik und begann, ihr Kleidchen herunterzurollen.<br>Italiener Tony war außer sich vor Eifersucht.<br>Genau wie Karol, der sich außerdem von der Waliserin verschmäht fühlte.<br>Beide Männer starrten auf die halb nackte Amelia, als wäre sie ein saftiges Stück Schaf.<br>Schließlich sprang Tony von der Holzbank und marschierte wütend den Hang hinunter in Richtung seines Wohnwagens.<br>»Was hat er denn?«, fragte Sarah und stand auf, um ihm nachzugehen.<br>Genau in diesem Moment erwachte Amelia aus der Hexentrance und sah ihren Liebhaber und die Waliserin zusammen in die Nacht verschwinden.<br>»Was willst du von dieser Schlampe?«, brüllte sie und folgte ihnen in die Dunkelheit.</p>



<h2>Der Sturm</h2>



<p>Das Gewitter lag nun genau über der Ranch.<br>Für den Bruchteil einer Sekunde leuchtete ein gleißender Blitz auf, und ich sah die drei Gestalten vor Tonys Wohnwagen.<br>Ein krachendes Donnern folgte.<br>Dann wie Millionen Indianerpfeile der Regen.<br>Ich weiß nicht mehr, warum, aber ich wollte nach dem Rechten sehen und ging hinterher. Der Boden hatte sich in einen einzigen matschigen Sumpf verwandelt, mit nassen Füßen erreichte ich den Wohnwagen.<br>Davor stand Amelia, schrie unverständliche Worte in die Nacht und weinte. Dann riss sich die Betrunkene ihr durchnässtes Kleid vom Leib und hämmerte nackt an Tonys Wohnwagentür.<br>Seelenruhig sagte der Italiener ihr durch den Fensterspalt, dass er sauer sei und sie jetzt nicht sehen wolle.<br>Er brauche jetzt eine Freundin zum Reden. Sarah.</p>



<p>Das machte das nackte Cowgirl nur noch wütender.<br>Sie schrie auf Polnisch und hämmerte.<br>Bis sie wie ein Sack in den Matsch fiel und sanft zu schnarchen begann.<br>»Sie holt sich den Tod!«, rief die Krankenschwester, kam aus dem Wohnwagen und versuchte, die größere Amelia aufzuheben.<br>»Lass mich! Lasst mich alle!«, lallte die Betrunkene.<br>»Lasst sie dort schlafen, wenn sie unbedingt will!«, brüllte der aufgebrachte Tony.<br>Sarah und mir reichte es.<br>Sollte das Liebespaar seine Probleme doch selbst klären.<br>Im prasselnden Regen stapften wir zurück zu unserem Armeeanhänger.<br>Die Achtzehnjährige erklärte, sie wolle am nächsten Tag abreisen. Bevor Amelia sie aus Eifersucht umbringen oder Karol sie vergewaltigen könne.<br>Ich fand ihren Entschluss ziemlich nachvollziehbar.<br>Erschöpft fiel ich im abgetrennten Bereich des Armeehängers auf meine Matratze. Kurz vor dem Einschlafen war es mir, als ob ich Karols gedrungene Gestalt im Licht eines Blitzes auf den Wohnwagen des Italieners zugehen gesehen hatte. Auf dem Kopf seinen Cowboyhut. In der Hand ein langes Messer.<br>Dann wurde es dunkel vor meinen Augen.</p>



<p>Wir fanden Tonys Leiche am Bach.<br>Die Kehle durchgeschnitten, wie beim braunen Schaf. Das rote Blut floss aus seinem Hals aufs nasse Gras. Es regnete noch immer in Strömen.<br>Tonys tote Augen starrten mich vorwurfsvoll an.<br>»Schau, seine Seele fliegt in den Himmel«, kommentierte die Krankenschwester. Und während Tonys Seele über unsere Köpfe entschwebte, graste die Ziege, als ob nichts wäre.<br>Schweißgebadet wachte ich auf.<br>War es nur ein Traum?</p>



<p>Verwirrt kletterte ich aus meiner Schlafzelle ins Freie in den grauen Morgennebel. Draußen hockten Amelia und Sarah neben der Kuh, die Melkmaschine ratterte vor sich hin. Die Waliserin hatte ihre Meinung bereits wieder geändert. Nachdem sich Amelia bei ihr entschuldigt und versprochen hatte, dass sie in Sicherheit sei, wollte die Achtzehnjährige nun doch auf der Ranch bleiben.<br>Beschämt schaute mich das Cowgirl an.<br>»Sorry, ich hab gestern zu viel getrunken. Karol hat mich zurückgetragen.«<br>Ich rannte den Hang hinunter zu Tonys Wohnwagen und hämmerte an seine Tür, um sicherzugehen, dass er noch lebte.<br>»Was ist? Ich füttere die Enten später«, stotterte der Italiener verschlafen.<br>Das war der Moment, als ich entschied, noch am selben Tag abzureisen.</p>



<p>Zwar hatte ich eigentlich noch eine Woche. Doch das Dramadreieck wurde zu viel für meine Nerven. Ich hielt es für nicht ausgeschlossen, dass hier doch noch jemand aus Eifersucht erschlagen wurde.<br>Ich packte meinen Rucksack, und sagte schweren Herzens Lebewohl zu meinen tierischen Schützlingen – und leichteren Herzens zu den menschlichen Ranchern. Als ich den Feldweg hinunter zur Straße marschierte, wartete wie zum Abschied meine Stute Wesna unter einem Baum.<br>An der einsamen Landstraße hielt ich den Daumen raus und hoffte, dass mein nächster Tiersitterjob etwas weniger Drama bringen würde als diese Ranch der Leidenschaften.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kiruna auf Rädern</title>
		<link>https://www.weltseher.de/kiruna-auf-raedern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2020 10:24:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schweden]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Arktis]]></category>
		<category><![CDATA[Eis]]></category>
		<category><![CDATA[Ekaterina-Venkina]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kälte]]></category>
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					<description><![CDATA[Was passiert, wenn eine Stadt plötzlich auf Rädern landet? Und was, wenn sie dazu in der Arktis liegt? Unterwegs in einer „company town“ zwischen dem Fjell und der Mine.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/kiruna-auf-raedern/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Was passiert, wenn eine Stadt plötzlich auf Rädern landet? Und was, wenn sie dazu in der Arktis liegt? Unterwegs in einer „company town“ zwischen dem Fjell und der Mine.</strong></p>
<p>Es ist, als beobachte man ein groteskes Puppenstubenspiel der Jötunnen, der altnordischen Riesen. Fast geräuschlos verlässt das rund 100 Tonnen schwere Gebäude seinen Ort. Es wird auf einen Stahlbalken hochgehoben und auf einen Tieflader aufgesetzt. Das erste von mehreren denkmalgeschützten „Gelbe Reihe Häusern“ macht sich auf die Reise.</p>
<p>Mit einer Geschwindigkeit von fünf Kilometer pro Stunde rollt es durch die Gegend. Es zieht an erstaunten Zuschauern und an einigen verkrüppelten alten Birken vorbei. Seine wachsame Garde, uniformierte Transportarbeiter in neongrünen Schutzanzügen, geht dicht daneben und passt auf, dass das Gebäude nicht verrutscht. Es fängt an zu schneien. Dicke, unförmige Schneeflocken stöbern durch die Luft. Und das 119 Jahre alte Haus aus Kiruna rollt in sein neues Leben.</p>
<h2>Getrieben vom Nomadengeist</h2>
<p>Kiruna ist Schwedens nördlichste Stadt. Sie liegt gut 140 Kilometer oberhalb des Polarkreises: Ein Haufen zusammengewürfelter Häuser, altmodische Oldtimer auf den Straßen und das Ende-der-Welt-Gefühl in der Luft. Im Sommer geht die Sonne für etwa 50 Tage nicht unter, im Winter für fast drei Wochen nicht auf. Karge Landschaften rufen Zeiten in Erinnerung, als das Volk der Samen mit seinen Rentieren hier noch frei umher wanderten.</p>
<p>Wie von diesem Nomadengeist getrieben, gerät Kiruna jetzt selbst in Bewegung. Nach Nya Kiruna (Neu-Kiruna), rund vier Kilometer östlich, soll es gehen. Im Oktober waren drei „Gelbe Reihe Häuser“ mit den Nummern B555, B556 und B557 umgezogen. Bald folgen auch die anderen Gebäude.</p>
<p>Grund für den Umzug ist die größte unterirdische Eisenerzmine der Welt. Sie liegt unter dem westlichen Stadtrand und frisst sich immer weiter nach Osten. Deshalb müssen etwa 6.000 Einwohner ihre Heimat verlassen, einige haben es bereits gemacht.</p>
<p><div id="aesop-gallery-7112-6"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-7112" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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<h2>Im Angesicht der Stille</h2>
<p>Åke Jönsson, der 55-jährige Umweltinspektor aus Kiruna, hat sein altes Haus bereits geräumt.<br />
„Es war Samstagmorgen. Ich trank meinen Frühstückskaffee. Draußen war es komplett still. Kein Kindergeschrei, gar nichts“, Jönsson wirft einen langen Blick auf die Stelle, wo sein Haus früher stand. Ein mit grauen Steinen gefüllter Drahtkorb ist das einzige, was an dieser Stelle noch zu sehen ist. „Erst dann wurde mir schließlich klar, dass wir wirklich weg müssen“, sagt er. Das war Weihnachten 2014.</p>
<p><div id="attachment_7134" style="width: 210px" class="wp-caption alignleft"><img aria-describedby="caption-attachment-7134" class="size-medium wp-image-7134" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-375x600.jpg" alt="" width="200" data-id="7134" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-375x600.jpg 375w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-768x1228.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-750x1200.jpg 750w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-94x150.jpg 94w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-400x640.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4.jpg 1063w" sizes="(max-width: 375px) 100vw, 375px" /><p id="caption-attachment-7134" class="wp-caption-text">Ake Jönsson ist bereits umgezogen.</p></div></p>
<p>Der Drahtkorb, Gabione genannt, soll eigentlich ein Werk des Gedenkens sein. Doch mit ihrem dürren Käfig aus verzinktem Stahl sieht sie eher wie alte Haut aus, die das Haus nach dem Entpuppen abgelegt hat.</p>
<p>In Jönssons altem Viertel Ullspiran, nur ein paar Hundert Meter vom Zentrum entfernt, gab es mehrere dreistöckige Reihenhäuser mit insgesamt rund 200 Wohnungen. Sie waren in den 1960er Jahren von der staatlichen Bergbaugesellschaft Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag (LKAB) für Familien mit Kindern gebaut worden. Jönsson hat mit seiner Partnerin und seinen zwei Söhnen, Dennis und Robin, fast 25 Jahre dort gewohnt. Er erinnert sich noch gut daran, wie nach Robins Geburt ein Baum im Innenhof gepflanzt wurde. „Als Glückszeichen“, sagt er.</p>
<p>Ullspiran war eines der ersten Viertel in Kiruna, das komplett verschwand. Als Jönsson und seine Familie den Bezirk verliessen, war fast niemand von ihren Nachbarn mehr da. Stattdessen war der Bezirk komplett geräumt worden und dient für die Übergangszeit als Parkzone.</p>
<p>Für die Hausbesitzer, die in Kiruna vom Umzug betroffen sind, bieten sich drei Optionen an. Nummer Eins: Die Bergbaugesellschaft LKAB zahlt für die Häuser, die abgerissen werden. Ihre Bewohner bekommen den Marktpreis und zusätzlich 25 Prozent. Doch obwohl die Auszahlungen höher sind, als der marktübliche Verkaufspreis, reichen sie nicht, um einen gleichwertigen Neubau in der Stadt zu kaufen. Deswegen droht die Gefahr, dass viele Betroffene den Ort verlassen werden, um woanders ein Haus zu kaufen.</p>
<p>Die zweite Alternative ist die so genannte „Schlüssel gegen Schlüssel“ Lösung. Als Immobilienbesitzer kann man in Neu-Kiruna ein Ersatzhaus erhalten. Das Problem ist, dass die meisten davon aber noch nicht fertig sind.</p>
<p>Nur die dritte Möglichkeit verlegt ganze Häuser auf Räder. Sie betrifft aber hauptsächlich nur kulturell bedeutende Bauten: Insgesamt rund vier Dutzend werden auf diese Art nach Neu-Kiruna verlegt.</p>
<p>Jönssons Situation fiel allerdings in keine der oben genannten Kategorien. Seine Wohnung gehörte der Minengesellschaft: Genau wie Hunderte von anderen Einwohnern in Ullspiran, hatte er seine Unterkunft gemietet. Ihm hatte LKAB schließlich ein anderes Mietshaus angeboten. Der Ersatz liegt nur wenige Straßen von dem ursprünglichen Ort entfernt. Doch das Problem wurde nur aufgeschoben: 2023 soll auch hier alles abgerissen werden. Wie es dann für ihn weitergeht, weiß Jönsson noch nicht.</p>
<h2>Monstrum und Mutter</h2>
<p>Der 55-Jährige will jetzt noch nicht daran denken. Die Mine wird es schon richten, da ist er sich sicher. Die meisten Bewohner Kirunas haben ihr Leben schon immer nach ihr ausgerichtet. Einerseits ist die Mine ein riesiges Monstrum, dass die Heimat auffrisst. Andererseits ist sie seit über hundert Jahren der größte Arbeitgeber der Region und sorgt fast wie eine Mutter für die Bewohner.</p>
<p>Die Grube Kiruna existiert seit 1890. Eine gefühlte Ewigkeit. Sie gilt als das größte unterirdische Eisenerz-Bergwerk der Welt. Und Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag ist das älteste staatliche Bergbauunternehmen Schwedens. 365 Tage im Jahr wird in LKAB-Minen Eisenerz gefördert, die jährliche Menge an daraus gewonnenem Stahl entspricht ungefähr sechs Eiffeltürmen.</p>
<p>Es ist gerade Weihnachtszeit und Glühbirnenketten lassen die Grube fast schon festlich erscheinen, rund zwei Kilometer vom alten Stadtzentrum entfernt. Über dem schornsteinähnlichen Lüftungsschacht stehen Wolken, die an Rauchschwaden erinnern. Auf mehrere Stockwerke verteilen sich „Die Decks&#8220;, wie ein großes Schiff liegt die Mine zu Anker.</p>
<p>Jede Nacht, pünktlich um 01.20 Uhr, sprengen die Arbeiter untertage. Zurzeit fördert LKAB Eisenerz auf einem Niveau von 1.365 Metern unter dem früheren Gipfel, den die Samen „Berg des Schneehuhns“ nennen. Man hört das Grollen, spürt die Vibration. Es wird ausgerechnet mitten in der Nacht gesprengt, weil es zu diesem Zeitpunkt nur wenige Bergarbeiter untertage gibt. Falls die Sprengung schiefgeht, so das Kalkül, wird es weniger Opfer und Verletzte geben. Die nächtlichen Detonationen sind in Kiruna Teil des Alltags geworden. Es ist, als hätte man Jörmungandr, die Midgardschlange aus der Wikinger-Legende, gezähmt.</p>
<p>„Wir leben hier in einer Bergbaustadt. In einer company town,“ sagt Fredrik Björkenwall. Er arbeitet in der Kommunikationsabteilung von LKAB. Björkenwalls Großvater war sein Leben lang Bohrer. Ganz unten, im Bauch der Mine.</p>
<p>Rund 540 Meter unter dem Gipfel des Berges ist die Luft feucht und lauwarm. Björkenwall führt in einen großen unterirdischen Raum, den man nach einer 15-minütigen Autofahrt durch den Tunnel erreicht. Seltsame Schatten tanzen an den Wänden. Wie schimmernde Blauwale tauchen gigantische stillgelegte Bohrmaschinen aus der Dunkelheit auf. Die Techniker halten die Temperatur das ganze Jahr über konstant: angenehme 18 Grad Plus. Der Grund: So unzerstörbar die schweren Geräte auch aussehen mögen, arktische Kälte zwingt sie in die Knie.</p>
<p>Hier im Herzen der Mine offenbart sich eine unterirdische Parallelwelt. Es gibt eine Kantine, einen Werkzeugladen, sogar einen Konferenzraum. Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat sich hier wohl ein Mittagessen gegönnt, als er 2013 an der Tagung des Arktischen Rats in Kiruna teilnahm.<br />
In dieser Parallelwelt dreht sich fast alles ums Geld. Auch wenn das Geld sich in Form von Eisenerz (apatithaltigen Magnetit) manifestiert und schwarz ist. 2018 erzielte LKAB einen Gewinn von rund 628 Millionen Euro vor Abzug von Steuern. Dafür grub das Unternehmen 26,8 Millionen Tonnen Eisenerz aus der Erde.</p>
<p>LKAB-Sprecher Björkenwall sagt, es sei wirtschaftlich leider notwendig, auch jenes Erz zu fördern, das unter Kiruna liegt. Selbst wenn die Stadt dafür verlegt werden muss. Dafür wolle das Unternehmen bis zum Jahr 2035 fast zweieinhalb Milliarden Euro in die Gemeinde-Umwandlung investieren.</p>
<h2>Das Gefühl des Fjells</h2>
<p>Derweil breitet sich mehrere hundert Meter oberhalb des Förderschachts unter dem weiten Himmel Lapplands ein ganz anderes Universum aus. Hier herrscht die Landschaft namens Fjell. In den spätsommerlichen Tagen leuchtet sie in allen Schattierungen von smaragdgrün bis lila. Von Ende August bis Ende März tanzen die Polarlichter im Nachthimmel, spektakulär und bunt, als hätten sie ihrer Umgebung alle Farben geraubt. In großen Herden suchen Rentiere nach Futter.</p>
<p><div id="attachment_7148" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img aria-describedby="caption-attachment-7148" class="size-medium wp-image-7148" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-375x600.jpg" alt="" width="200" data-id="7148" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-375x600.jpg 375w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-768x1228.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-750x1200.jpg 750w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-94x150.jpg 94w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-400x640.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1.jpg 1063w" sizes="(max-width: 375px) 100vw, 375px" /><p id="caption-attachment-7148" class="wp-caption-text">Mathias Keinil ist Same.</p></div></p>
<p>Besuch bei einem echten Samen Kirunas, etwas mollig mit rötlichen Wangen, sitzt er in seiner Wohnung. „Wir sind schon immer mit der Rentierzucht beschäftigt gewesen – soweit wir zurückdenken können“, sagt Mathias Keinil. Der 41-jährige ist in einem kleinen Dorf rund zwanzig Kilometer nördlich aufgewachsen. Seit er elf Jahre alt ist, kennzeichnet er seine Rentiere mit der eigenen Ohrmarke, die ihm sein Großvater gegeben hat. Jeder Rentierbesitzer muss eine haben. Sie wird mit einem Messer in das Ohr des Kalbes geschnitten und kennzeichnet, wem es gehört.</p>
<p>In ganz Schweden leben rund 4.500 Rentierbesitzer. In der Gegend rund um Kiruna gab es 2009 mehr als 141.000 Rene. „Wir haben keinen Einfluss auf sie“, sagt Keinil. „Es sind die Rentiere, die entscheiden, wo sie hinwollen. Wir helfen nur.“ Jeden Sommer ziehen sie nach Westen und jeden Winter – unvermeidlich, wie der Herzschlag der Natur – nach Osten. Wenn eine Kuh mit einem Kalb trächtig ist, geht sie immer zu dem Ort zurück, an dem sie selbst geboren wurde.</p>
<p>Wenn Keinil über die Wanderrouten der Rene erzählt, leuchtet sein rundes Gesicht mit demselben milden Licht auf, das an einem Julitag über die skandinavischen Bergtundra strahlt wird. Für ihn ist das Leben einfach. Ende August wird geschlachtet. Im Mai werden die neuen Kälber geboren. Das ist der Kreislauf des Lebens.<br />
Doch dieser Kreislauf ist bedroht. Laut dem Rentierhalter gibt es drei Faktoren, die sich in den uralten Zyklus einmischen und bei ihm zum plötzlichen Herzrasen führen können: Abholzung, Windparks und der Bergbaubetrieb.</p>
<h2>Demokratie in Aktion?</h2>
<p>Doch zu heftigen Protesten wegen des Bergbaus ist es in Kiruna bislang nicht gekommen. Weder von den Samen, noch von den anderen Einwohnern. Die Loyalität zu der Mine ist einfach zu groß. Heutzutage arbeiten in der Grube rund 500 Kumpel, insgesamt sind 4.200 Menschen bei dem staatlichen Bergbauunternehmen tätig. Etwa zehn Prozent von Kirunas 18.000 Bewohner sind direkt bei LKAB angestellt. Und noch viel mehr arbeiten bei den zahlreichen Subunternehmen und Dienstleistern des Bergwerks.<br />
Nicht zuletzt dank der Mine ist das mittlere Einkommen in Kiruna sogar höher als in Stockholm. Selbst Ungelernte können bei LKAB einen Bruttolohn von fast 4.500 Euro im Monat verdienen. Es scheint, dass man sich hier an diese Sicherheit gewöhnt hat.</p>
<p>Im Laufe der Zeit ist der Umzug zum Status quo geworden. „Ursprünglich gab es sieben verschiedene Stellen, die als mögliche Destinationen genannt wurden“, sagt Dan Lundström. Seit Januar 2017 leitet er die Firma Kiruna Storytelling, die sich mit der urbanen Transformation beschäftigt. Früher war er auch Vorsitzender der lokalen Mietervereinigung. Laut Lundström gab es am Ende nur zwei Alternativen: Die Stadt nach Nordwesten zu verschieben oder rund vier Kilometer nach Osten.</p>
<p>Gunnar Selberg, Gemeinderat&nbsp;für die grünliberale Zentrumspartei, der zum Zeitpunkt der Debatte auch Teil der Gemeinderegierung war, erinnert sich sehr gut daran: „Eigentlich waren wir dafür, eine Volksabstimmung durchzuführen“. Wichtig wäre das nicht nur wegen der Einwohner gewesen, sondern hätte auch eine Möglichkeit sein können, verschiedene Alternativen zu diskutieren. Aus dieser Idee ist aber nichts geworden. „Wir wurden nicht gehört“, meint der Politiker. Die Ost-Alternative hat schließlich gewonnen, was laut Selberg eine Entscheidung der Regierung war. Man hat die Leute von Kiruna nie gefragt, ob sie damit einverstanden sind.</p>
<p>Und nun wird die Entscheidung eben umgesetzt. Zunächst wurden 19 kulturell bedeutende Gebäude verlegt, auch auf Rädern wie die &#8222;Gelbe Reihe Häuser&#8220;. Vor kurzem wurde die Liste auf 39 Bauten erweitert. Dazu gehören unter anderem die Rundfunkstation, das Krankenhaus, die alte Feuerwache, das Gebäude der Heilsarmee und der Stolz der Kiruaner, die Kirche. Ein schönes, rotes Holzbauwerk, das an ein Wikinger-Schloss erinnert.</p>
<p><div id="attachment_7150" style="width: 510px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-7150" class="size-medium wp-image-7150" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-600x375.jpg" alt="" width="500" data-id="7150" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-600x375.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-768x480.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-1200x750.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-150x94.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-1250x782.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-400x250.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1.jpg 1700w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /><p id="caption-attachment-7150" class="wp-caption-text">Die Kirche in Kiruna.</p></div></p>
<h2>„Die Toten müssen ja auch mit“</h2>
<p>„Sogar die Toten müssen mit“, sagt Rasmus Norling. Rasmus, 41 Jahre alt, arbeitet als stellvertretender Kommunaldenkmalpfleger bei der lokalen Gemeinde. Er trägt einen hellblonden Pferdeschwanz mit vereinzelten grauen Strähnen und eine Menge philosophischer Gedanken in sich.</p>
<p><div id="attachment_7152" style="width: 348px" class="wp-caption alignleft"><img aria-describedby="caption-attachment-7152" class="size-medium wp-image-7152" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-338x600.jpg" alt="" width="338" height="600" data-id="7152" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-338x600.jpg 338w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-768x1365.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-675x1200.jpg 675w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-84x150.jpg 84w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-400x711.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3.jpg 844w" sizes="(max-width: 338px) 100vw, 338px" /><p id="caption-attachment-7152" class="wp-caption-text">Das Grab des ersten Direktors der Mine.</p></div></p>
<p>Kurz vor der Kirche bleibt Rasmus abrupt stehen und zeigt einen kleinen, mit Buchen bewachsenen Gedenkhain. Dort thront ein großer grauer Gedenkstein samt Bild und Inschrift. Das Monument wäre einem nordischen Fürsten angemessen, ehrt aber den Gründer der Stadt, der auch der erste Direktor der Mine war: Hjalmar Lundbohm. Ohne ihn hätte die Stadt ihre heutige Identität wahrscheinlich nie entwickelt, schwärmt Rasmus. „Die Mine war sein Lebenswerk“. Dann schweigt er kurz. „Eine Weile war die Frage offen: Lassen wir ihn hier? Soll ihn seine geliebte Grube jetzt verschlucken?“</p>
<p>Laut Gesetz soll die Ruhe der Toten gewahrt, eine Vermischung der Asche unbedingt vermieden werden. Auch wurde Lundbohms Grab noch nie geöffnet. Dies ist nur in besonderen Ausnahmefällen möglich. Rasmus klingt resigniert: „Wie können wir das jemals schaffen?“.</p>
<p>Vielleicht, überlegt er, könnte man den Boden einfrieren und den als einen einzigen Eisklumpen verlegen. Oder den Ort exakt vermessen, alle Steine ausgraben, sie Stück für Stück verlegen und sie an der neuen Stelle exakt zusammensetzen. Schließlich gibt Rasmus auf und will sich weiter mit anderen beraten. „Schließlich, passiert es ja nicht alle Tage, dass man die Toten umbettet“. Sicher scheint ihm nur: Kiruna wird umziehen. <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/12.0.0-1/72x72/2666.png" alt="♦" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></p>
<hr>
<p><em>Mehr zum Thema erfahrt ihr in diesem Video unserer Autorin :</em></p>
<p><iframe title="Kiruna_Venkina" width="930" height="523" src="https://www.youtube.com/embed/22_aRrR9VQ4?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe></p>
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		<item>
		<title>Die letzten Deutschen</title>
		<link>https://www.weltseher.de/die-letzten-deutschen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Apr 2017 15:58:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kirgistan]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kirgisistan]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
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					<description><![CDATA[In Kirgisistan kämpft das letzte deutsche Dorf Zentralasiens gegen das Verschwinden. Markus Huth wollte es besuchen, stieß in der sektenartigen Gemeinde aber auf einige Schwierigkeiten.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-letzten-deutschen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In Kirgisistan kämpft das letzte deutsche Dorf Zentralasiens gegen das Verschwinden. Unser Autor Markus Huth wollte es besuchen, stieß in der sektenartigen Gemeinde aber auf einige Schwierigkeiten.</strong></p>
<p><a href="https://www.amazon.de/dp/B01NAG60VT/ref=dp-kindle-redirect?_encoding=UTF8&#038;btkr=1" target="_blank">        <div id="aesop-image-component-6715-17"              class="aesop-component aesop-image-component "
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        </a></p>
<p>Rot-was?<br />
Also Rot-Weiß auf Pommes war mir ein Begriff.<br />
Aber die Skulptur aus Blech-Buchstaben aus der Kategorie »die hässlichsten Ortseingangsschilder der Welt« formte: »Rot-Front«.</p>
<p>Ich lugte an dem rostigen Scheusal vorbei und erkannte eine lange, gerade Straße, an der sich zu beiden Seiten ein paar Häuschen wie beim Fahnenappell aufgestellt hatten. Der wolkenverhangene Himmel verbreitete Untergangsstimmung.</p>
<p>Wir waren etwa eine Autostunde östlich von der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Ein paar Kilometer im Norden begann Kasachstan, und im Süden lagen die Berge des Tian Shan. In dieses Kaff verirrte sich sicher kein Tourist. Mein Reisebgleiter Franz und ich waren auch nur aus einem Grund hier: Wir wollten sie mit eigenen Augen sehen. Die Deutschen.</p>
<p>Denn, warum auch immer, an dieser Stelle in Kirgisistan lebte seit Generationen eine deutsche Gemeinde. Die letzte Zentralasiens. Und so seltsam wie der Sachverhalt an sich, so seltsam war auch der Name dieses Ortes.</p>
<p>Zugegeben, »Rot-Front« klang zwar schon irgendwie deutsch.<br />
Aber gleichzeitig auch nicht.<br />
Jedenfalls sehr aus der Zeit gefallen. Das war auch nicht verwunderlich. Denn »Rotfront!« war damals in der Weimarer Republik der Gruß eines paramilitärischen Kampfverbands der Kommunistischen Partei Deutschlands gewesen.</p>
<p>Ich stellte mir also vor, wie ein Haufen uniformierter Kommunisten im Chor »Rotfront!« brüllte und dabei die geballten Fäuste nach oben streckte. Wohnten die jetzt etwa hier am Ende der Welt? Aus Frust, weil es mit dem Kommunismus nicht gut ausgegangen war?</p>
<p>Erwartungsvoll lugte ich noch mal am rostigen Ortseingangsschild vorbei. Doch martialische Schlachtrufe waren nicht zu hören. Stattdessen gackerten ein paar Hühner über die Betonstraße. Vögel zwitscherten. Obstgärten und Einfamilienhäuser ließen Bauernhofidylle statt Kommunismus-Nostalgie auf kommen. Der Klassenkampf fand gerade woanders statt.</p>
<p>»Ja, wo sind’s jetz, deine deutschen Freunde?«, fragte Franz, der Österreicher ist.<br />
Gute Frage.<br />
Dass ich keine Antwort wusste, war umso enttäuschender, da das der einzige Teil meiner planlosen Reise gewesen war, den ich hatte planen wollen. Schließlich konnte ich nicht einfach unangemeldet bei meinen deutschen &#8230; äh, was sagte man denn dafür heute?<br />
Volksgenossen?<br />
Das war Nazi-Sprech.<br />
Das Volk hatte sich aus dem modernen Sprachgebrauch irgendwie verabschiedet.<br />
Landsleute?<br />
Nun ja, wir kamen nicht aus demselben Land.<br />
Oha, das würde ein schwieriger Besuch werden. Allein mit der Wortwahl begab man sich schon auf ganz dünnes Eis.</p>
<p>Ich entschied mich schließlich für den politisch korrekten und gendergerechten Terminus »KulturpartizipantenInnen«.<br />
Also: Dass wir hier verloren und unangemeldet vor dem Dorf meiner KulturpartizipantenInnen standen, war wirklich nicht meine Schuld. Ich hatte alles versucht. Noch aus Deutschland eine Mail an die kirgisische Botschaft mit der Bitte um einen Kontakt geschrieben. Und sogar eine Antwort bekommen.<br />
Vom »Volksrat der Deutschen Kirgisistans«.<br />
(Das mit der sensiblen Wortwahl hatte man meinen KulturpartizipantenInnen am anderen Ende der Welt anscheinend noch nicht verraten.) Jedenfalls »begrüßte« der Volksrat meinen Besuch und sicherte mir »allseitige Unterstützung« zu, samt Delegation in Rot-Front. Als ich das las, ließ meine Fantasie schon eine Blaskapelle aufspielen. Der weit angereiste Reporter würde garantiert mit allen Ehren empfangen werden!</p>
<p>Es gab da nur ein Problem.<br />
Der Volksrat meldete sich nicht mehr.<br />
Auch nach mehreren Nachfragen inklusive eines letzten verzweifelten »Ich bin jetzt in Kirgisistan!«-Notrufs nicht. Was war da los? Egal. Sicher nur ein technisches Problem. Ich hatte beschlossen, einfach auf eigene Faust nach Rot-Front zu fahren. Und jetzt standen wir hier, wie nicht bestellt und schon gar nicht abgeholt.</p>
<p>»Suchen wir eben den Bürgermeister«, schlug ich vor.<br />
Leider hing an keinem der Häuser ein Bürgermeister-Schild.<br />
»Ich weiß, wo der Bürgermeister ist«, sagte plötzlich eine Stimme hinter mir.<br />
Unseren kirgisischen Taxifahrer hatte ich ganz vergessen. Er hatte uns bis zum »Rot-Front«-Schild gefahren, wo ich fälschlicherweise gehofft hatte, irgendwelche Deutsche zu sehen. Zum Glück war er noch da. Also wieder rein ins Auto. Nach einigen Feldern stoppten wir im Nachbardorf vor einem prächtigen Rathaus.</p>
<p>»Guten Tag, wir suchen die Deutschen«, grüßte ich die Empfangsdame, eine Kirgisin.<br />
Sie griff zum Hörer und wies uns in einen großen Raum, dessen Wände mit Landschafts- und Pferdebildern behangen waren. Dort saß hinter einem großen Schreibtisch eine weitere Kirgisin im Hosenanzug. Offenbar die Bürgermeisterin.<br />
Also noch mal: »Hallo, sehr erfreut, wir wollen zu den Deutschen.«<br />
»Ja, hier leben einige deutsche Familien. Aber wieso haben Sie sich nicht angemeldet?«<br />
Gkrtzkrtgrrr, Volksrat!<br />
Wollte ich motzen.</p>
<p>Aber wir brauchten jetzt eine schnelle Lösung. Vor allem für die Nacht. Denn ein Hotel hatte das rotfronte Häuserhäufchen sicher nicht zu bieten. Also fand ich einige entschuldigende Worte, woraufhin die Bürgermeisterin ebenfalls zum Telefon griff und schließlich zu Franz und mir sagte: »Kommen Sie mit, aber versprechen kann ich nichts.«<br />
Wenig später waren wir wieder am rostigen »Rot-Front«- Schild.<br />
Und hier hatte sich inzwischen etwas Entscheidendes verändert.</p>
<p>Da waren plötzlich Menschen auf der Straße!<br />
Immerhin eine Hand voll. Und das waren nicht irgendwelche Menschen. Denn wie Kirgisen sahen die nicht aus. Eine kräftige blonde Frau in Jogginghose und Schlabberpulli schob einen Kinderwagen vor sich her. Neben ihr stützte sich ein alter Mann vom Typ »Opa erzählt vom Krieg« auf einen Gehstock. Und hinter einem Lattenzaun standen zwei blonde Kinder. Ihre blauen Augen waren auf Franz und mich gerichtet, als wir aus dem Taxi stiegen.<br />
Es gab keinen Zweifel: Wir hatten die Kirgisistan-Deutschen gefunden.</p>
<p>Erstkontakt!<br />
Aber wo war die Blaskapelle?<br />
Wo das Empfangskomitee?<br />
Stattdessen starrten sie uns skeptisch und schweigend an. Herzlich willkommen sah anders aus. Ich versuchte, das Eis zu brechen.<br />
»Guten Tag«, sagte ich auf Deutsch zu der blonden Mutti. »Wir sind aus Deutschland angereist &#8230;«<br />
»&#8230; und Österreich«, warf Franz ein.<br />
»Jedenfalls interessieren wir uns für die deutsche Minderheit in Kirgisistan«, sagte ich und fügte wichtigtuerisch hinzu:<br />
»Ich bin Journalist.«</p>
<p>Da musterte die Walküre mich von oben bis unten. Und warf mir abschließend einen verächtlichen Blick zu.<br />
Jetzt bekam sogar die kirgisische Bürgermeisterin Mitleid.<br />
»Sie und Ihr Mann haben doch ein großes Haus«, sagte sie auf Russisch. »Könnten Sie den jungen Männern heute Nacht Ihr Gästezimmer vermieten? Oder wissen Sie, bei wem sie unterkommen könnten?«</p>
<p>Die Blonde glotzte, als hätte man sie gebeten, zwei verlauste Ratten in Pflege zu nehmen.<br />
»Also, das geht wirklich nicht«, empörte sie sich auf Russisch und fügte auf Deutsch hinzu: »Wir haben keinen Platz!«<br />
Der Opa lächelte altersmilde und begann eine Geschichte zu erzählen. »Damals neunzehnhundert &#8230;«<br />
»Schhhh!«, brachte ihn die Walküre zum Schweigen.  Dann zog sie zügig mit dem Kinderwagen weiter. Der Opa schleppte sich im Schneckentempo auf einen Hauseingang zu. Und auch die blonden Kinder rannten davon.  »Na, dann kommt mal mit, wir finden schon ein Bett für euch«, sagte die kirgisische Bürgermeisterin.</p>
<p>Einige Häuser weiter wummerte die kleine, energische Frau an ein Tor.<br />
Ein junger, drahtiger Kirgise im Muskelshirt öffnete und staunte, was ihm das Schicksal da vor sein Haus gespült hatte. Nach kurzem Palaver mit der Beamtin sagte er:<br />
»Entschuldigt, meine Frau ist verreist &#8230; Also kann sie euch nicht bewirten. Und ich habe nur zwei Matratzen, die ich euch ins Wohnzimmer legen kann. Aber wenn euch das nichts ausmacht, seid ihr herzlich willkommen.«<br />
Machte der Witze?<br />
Dieser Engel!</p>
<p>Und so begab es sich, dass ich im Dorf der Deutschen bei einem Kirgisen Zuflucht fand.<br />
Der Engel hieß Samat. Er war Anfang dreißig und wahrscheinlich der gutmütigste Mensch in diesem Dorf. Sein Haus mit dem idyllischen Garten kam mir vor wie eine Insel der Gastfreundschaft. An jenem Abend tranken wir zusammen Wodka und brachen Brot. In blumigen Geschichten erzählte uns Samat, was für großartige Menschen diese Deutschen im Dorf angeblich waren. Hervorragende Baumeister, mit den schönsten Häusern, fleißig, ehrlich, hilfsbereit und großzügig.<br />
Da klaffte gerade ein ziemlicher Abgrund zwischen seinen Beschreibungen und meiner eben gemachten Erfahrung.<br />
Das Ganze war mir ein Rätsel.</p>
<p>Schließlich führte uns Samat in sein Wohnzimmer, wo die versprochenen Matratzen samt frischem Bettzeug auf dem Boden lagen. In der Ecke stand ein Klavier und darauf das Bild eines toten Verwandten, der Pianist gewesen war. Als ich langsam unter den Augen des toten Pianisten einschlief, nahm ich mir vor, am kommenden Tag das Rätsel der schroffen Deutschen zu lösen.</p>
<p>Der nächste Tag begann mit Samats fröhlichem Lachen.<br />
»Guten Morgen, Jungs, Frühstück!«<br />
Ich konnte seine gute Stimmung nicht ganz teilen. Schließlich wollte ich mehr über die Deutschen hier erfahren, hatte aber keine Ahnung, wie.</p>
<p>Samat riet uns, einfach mal die Straße entlangzulaufen und an den Haustüren zu klingeln.<br />
Der Kirgise zeigte mit fuchtelnden Armen, in welchen Häusern seine deutschen Nachbarn wohnten. Das war die erste Überraschung: In dem Achthundert-Seelen-Dorf waren sie klar in der Unterzahl. Nur noch knapp hundert Deutsche lebten hier.<br />
Von wegen deutsches Dorf!<br />
Nach dem Frühstück machten Franz und ich uns auf.</p>
<p>Die Häuser der Deutschen lagen an der anderen Straße von Rot-Front, die schmaler war als die Hauptstraße und genauso schnurgerade parallel zu ihr verlief. Schlanke Pappeln ragten in den grauen Himmel und wankten im Wind. Ein ausgeschlachteter alter Lastwagen lag vor einem Haus, daneben ein uralter Krankenwagen und ein grasendes Pferd. Gespenstische Atmosphäre. Wie bei unserer Ankunft am Vortag war kein Mensch auf der Straße. Alle schienen sich vor uns in ihren Häusern zu verstecken.</p>
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                                Rot-Front sehen und sterben. Foto: Markus Huth
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<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Immerhin hatte Samat nicht gelogen.<br />
Die Häuser der Deutschen waren tatsächlich in besserem Zustand als die der Kirgisen. Sauberer und gepflegter. Vor allem die Gärten.</p>
<p>Ding-dong.</p>
<p>Klopf-klopf.</p>
<p>Bei Haus Nummer eins machte schon mal keiner auf.<br />
»Hallo? Hallo?«, rief ich. »Besuch aus Deutschland! Presse!«<br />
Als einzige Reaktion kläffte ein Hund und sprang scheppernd gegen die Innenseite des hohen Metalltors.</p>
<p>Bei Haus Nummer zwei passierte was.<br />
Nach minutenlangem Klopfen kam ein kräftiger Blonder ans Gatter. Noch ganz verschlafen.<br />
»Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?«<br />
»Vada is nich da. Kommt heut Abend widda.«<br />
Wumms. Gatter zu.<br />
Diese Deutschen wollten ganz klar nichts mit mir zu tun haben.<br />
Statt Blaskapelle wurde das Abblasen der Aktion immer wahrscheinlicher.</p>
<p>Da sah ich plötzlich vor Haus Nummer drei eine Gestalt stehen, die uns beobachtete.<br />
Ein Mann um die sechzig, mit grauer Jogginghose und weißem Shirt, das einen Bierbauch zusammendrückte. Ein gepflegter grauer Schnauzer und eine dicke Hornbrille verliehen dem Ruhrpott-Stil etwas Hipsterhaftes.<br />
»Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?«, versuchte ich es ein letztes Mal.<br />
Ich überlegte kurz, ob ich vielleicht mal »Rotfront!« rufen und die Faust heben sollte. Aber wie ein Kommunist sah der nicht aus.</p>
<p>»Mit den anderen habt ihr kein Glück, was?«, grinste der Fremde wissend.<br />
In seinen Worten schwang ein seltsam altertümlicher Dialekt mit. Klang irgendwie nach Plattdeutsch. Er schien etwas beleidigt, dass ich gefragt hatte, ob er Deutsch spreche.<br />
»Unsere Eltern haben uns beigebracht: Auf der Straße könnt ihr sprechen, was ihr wollt. Aber zu Hause wird Deutsch geredet!«<br />
Der Mann hieß Hermann.<br />
»Wenn die anderen mitkriegen, dass ich mit euch rede, gibt’s Ärger. Aber das ist mir egal. Ich bin sowieso der Sonderling«, sagte er rebellisch.</p>
<p>Ich stellte ihm die alles entscheidende Frage: Warum um Himmels willen waren hier alle so schroff zu uns?<br />
»Da seid ihr Journalisten doch selbst schuld. Warum berichtet ihr auch so einen Mist?«<br />
Erst jetzt erfuhr ich, was Sache war.</p>
<p>Die Rotfrontler hegten einen tiefen Groll gegen die Presse aus Deutschland.<br />
Im Dorf herrschte ein regelrechter Pakt, nicht mit Journalisten zu sprechen.  Anders, als ich gedacht hatte, war ich nicht der erste Reporter, der sich an dieses Ende der Welt verirrt hatte. Das ZDF und mehrere deutsche Zeitungen waren schon hier gewesen, es gab einen Dokumentarfilm, und sogar die New York Times hatte über das letzte deutsche Dorf in Kirgisistan geschrieben.<br />
Und ganz offensichtlich gefiel den Dorfbewohnern nicht, was man über sie berichtete.</p>
<p>Jetzt leuchtete mir auch ein, warum der in Bischkek sitzende »Volksrat« sich nicht mehr gemeldet hatte. Selbst der hatte wahrscheinlich nicht mit dem Unwillen der Rotfrontler gerechnet.<br />
Womit hatte ich das verdient?</p>
<p>»Immer werden wir als zurückgebliebene Hinterwäldler oder Sekte dargestellt«, erregte sich Hermann.<br />
Er war Rot und ich die Front.<br />
Ihn regte auf, dass die Reportagen, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Deutschland über Rot-Front erschienen waren, die Dorfbewohner lächerlich gemacht hätten. Dass die Journalisten sich meistens auf den altertümlichen und religiösen Lebensstil der Dorfbewohner stürzten. Und zwar immer nach dem Motto: Eine Welt wie vor hundert Jahren. Mit Viechern und Feldern. Frauen, die lange Röcke und geflochtene Haare trügen, früh heirateten und viele Kinder bekämen. Moderne Technologien gäbe es nicht, und alle redeten immerzu von Jesus.</p>
<p>»Fast alle von uns waren schon in Deutschland oder skypen mit ihren Verwandten«, insistierte Hermann. »Wir wissen, was in der Welt los ist.«<br />
Nachdem er seinem Ärger Luft gemacht hatte, wurde er etwas freundlicher.</p>
<p>Doch dann fragte ich:  »Was für eine Art Sekte sind Sie denn?«<br />
Sein Bauch begann nervös zu zucken.<br />
»Wir sind keine Sekte!«<br />
Immerhin erkannte Hermann nun seinen Bildungsauftrag und plauderte so ganz nebenbei die Geheimnisse von Rot-Front aus.</p>
<p>Die Geschichte dieser störrischen Dorf bewohner begann vor fast fünfhundert Jahren mit den Mennoniten. Eine evangelische Glaubensgemeinschaft außerhalb der Kirche. Von den Mainstream-Christen unterscheiden sie sich vor allem dadurch, dass sich ihre Mitglieder erst als Erwachsene taufen lassen. Der Name geht auf den friesischen Theologen Menno Simons zurück, der im 16. Jahrhundert als Reformator wirkte.</p>
<p>Das erklärte schon mal, warum Hermanns Dialekt an Plattdeutsch erinnerte.<br />
Denn viele Vorfahren der Rotfrontler kamen aus Friesland.  Die Mennoniten leben ein sehr traditionelles Leben. Moderne Technologien wie Fernsehen, Radio oder sogar Autos lehnen sie oft ab. Dahinter steht der Wunsch, den Einfluss der Außenwelt auf die Gemeindemitglieder sowie deren Bewegungsradius zu beschränken, um alle beisammenzuhalten.</p>
<p>Der Grad der Weltfremdheit variiert von Gemeinde zu Gemeinde.<br />
Die Rotfrontler, die ich bisher gesehen hatte, waren zumindest nicht durch besondere Kleidung aufgefallen. Zum Beispiel hatte die dicke Blonde mit dem Kinderwagen weder Rock noch geflochtene Haare getragen, sondern sah im Schlabberlook eher aus wie Cindy von Marzahn.<br />
Auch Hermann wirkte nicht gerade wie ein religiöser Fanatiker. In seinem Hof stand zudem ein dickes Auto. Nur eines fehlte. Anders als bei den kirgisischen Häusern hatten die Deutschen keine Antennen auf dem Dach. Fernsehen wurde hier offenbar nicht geschaut.</p>
<p>Derweil fuhr Hermann mit der Geschichte vom Mennoniten-Exodus fort.<br />
»Was hat unsere deutschen Vorfahren also Tausende von Kilometern nach Kirgisistan verschlagen?«<br />
Jedenfalls nicht die Lust auf ein Nomadenleben mit Pferden.<br />
Vielmehr war es die nackte Not.<br />
Denn die Mennoniten wurden von allen Seiten diskriminiert. Von den Katholiken und Lutheranern, weil sie keine Kinder taufen wollten. Und vom Staat, weil sie als strenge Pazifisten den Militärdienst verweigerten. Wegen ihres Glaubens verfolgt, waren die Gemeinden regelmäßig auf der Flucht. Immer auf der Suche nach einem Ort, wo man sie in Ruhe ließ.<br />
Von den heute weltweit zwei Millionen Mennoniten leben die meisten in Afrika und Amerika. Kein Wunder, dass die Rotfrontler lieber unter sich blieben und die Abgeschiedenheit bevorzugten.<br />
Und abgeschiedener als in Kirgisistan ging es kaum.<br />
Wie kamen die Rotfrontler nur auf diesen Ort am Ende der Welt?</p>
<p>Schuld war eine russische Zarin mit deutschen Wurzeln. Katharina die Große hatte im 18. Jahrhundert die Idee, ihr menschenarmes Riesenreich mit ausländischen Bauern zu besiedeln. Vor allem von den Deutschen, die Fleiß, gutes Vieh und fortgeschrittene Anbaumethoden mitbrachten, erhoffte sie sich viel.</p>
<p>Sie vergab Land, versprach Steuer- und Religionsfreiheit und auch Befreiung vom Militärdienst.  Ein Angebot wie gemacht für die Mennoniten.<br />
Viele waren daher unter den Hunderttausenden Deutschen, die sich an den Ufern der Wolga und des Schwarzen Meeres niederließen. Die Kolonisten gründeten zahlreiche Dörfer, in denen deutsche Kultur und Sprache fernab der Heimat bewahrt wurden.<br />
Leider liefen die von Katharina zugesicherten Privilegien irgendwann aus. Bald sollten auch die Deutschen Steuern zahlen und ihre Söhne zum Militär schicken. Ein No-Go für die friedliebenden Mennoniten.<br />
Eine neue Lösung musste her.<br />
Und die hieß Zentralasien.</p>
<p>Als die Krone Ende des 19. Jahrhunderts Siedler für frisch eroberte Gebiete in Zentralasien suchte, sahen die Mennoniten erneut ihre Chance gekommen. Wieder befreit vom Wehrdienst, gründeten etwa hundert Mennoniten-Familien vier Dörfer im Tal des Flusses Talas. Das liegt etwa vierhundert Kilometer östlich vom heutigen Rot-Front.<br />
Bald platzten diese Dörfer aus allen Nähten, und die vielen Landlosen wurden zum Problem.</p>
<p>1927 wies die kommunistische Regierung den Mennoniten deshalb einen weiteren Siedlungsort im Tal des Flusses Tschüi zu.<br />
»Rot-Front!«, rief ich ungeduldig.<br />
»Nein«, sagte Hermann. »Bergtal.«<br />
Wie jetzt Bergtal?<br />
Hermann öffnete seine Zauntür.<br />
Wir folgten ihm in den Garten und standen nun hinter dem Bauernhaus. Größer hätte der Kontrast zum rostigen »Rot-Front«-Schild am Ortseingang nicht ausfallen können.</p>
<p>Scheinbar endlose Felder, bedeckt mit locker aufgeworfenem Heu und gepressten Ballen, lagen vor mir und am Horizont die Berge des Tian Shan. Drei blonde Buben rannten spielend auf einen tuckernden Traktor zu. Ein Hund kläffte. Hohe Laubbäume raschelten im Wind.<br />
Ich fragte mich, warum jemand diesen idyllischen Ort ausgerechnet in »Rot-Front« umbenannt hatte.</p>
<p>Die Antwort trug Schnurrbart.<br />
Denn damals lag Bergtal im Sowjetreich. Und dessen Diktator Josef Stalin misstraute seinen deutschen Untertanen als angeblichen Agenten Hitler-Deutschlands. Quasi als Loyalitätszusicherung nannte man Bergtal, nachdem das Land der Bauern zwangskollektiviert worden war, in Rot-Front um.  Leider verfehlte der neue Name seinen Zweck. Denn der misstrauische Stalin wähnte unter den Russlanddeutschen weiterhin Verräter und Spione.<br />
Außerdem duldete er nur eine Religion, und die hieß Kommunismus.</p>
<p>Bis in die fünfziger Jahre hinein gab der Stalin-Staat daher sein Bestes, um die deutsche Kultur auch in Rot-Front auszurotten. Unterrichtsverbot für Deutsch an Schulen, Verbot religiöser Zusammenkünfte, Ausgangssperren, Verhaftungen, Hinrichtungen und sklavenähnliche Zwangsarbeit. Der einzige Vorteil der Rotfrontler war, dass sie nicht wie die meisten anderen Russlanddeutschen ihrer Heimat entrissen und nach Zentralasien deportiert wurden. Denn sie lebten ja schon hier.</p>
<p>Das war aber eine deprimierende Geschichte.<br />
Jetzt bekam ich sogar Mitleid mit den schroffen Deutschen.</p>
<p>»Wir haben den Kirgisen viel zu verdanken«, sagte Hermann plötzlich.<br />
Die hätten ihre deutschen Nachbarn während der sowjetischen Unterdrückung vor den Behörden geschützt. Bei sich zuhause versteckt, wenn Verhaftungen drohten. Oder die religiösen Treffen der Mennoniten vor der Polizei geheim gehalten.</p>
<p>Dann hatte Hermann noch eine These, wie die Kirgisen geholfen hätten, die deutsche Kultur im Dorf zu bewahren: Anders als bei den Russlanddeutschen, die mit Russen zusammenlebten, käme es mit den Kirgisen wegen der großen kulturellen und äußerlichen Unterschiede kaum zur »Vermischung«.<br />
»Aha«, sagte ich.<br />
Klang ziemlich Volksrat.<br />
Doch Hermann lachte nur.<br />
»Da seid ihr schockiert, was? Aber bei uns gibt’s kein Multikulti. Wir müssen überleben.«<br />
»Aha«, sagte Franz.</p>
<p>Und so standen wir mit Hermann und blickten auf die ländliche Idylle.<br />
Immer noch verfolgt von den blonden Buben, tuckerte der Traktor in Richtung Haus.<br />
»Ihr müsst jetzt gehen«, sagte Hermann besorgt. Er hätte ja gar nicht mit mir sprechen dürfen. Doch zum Abschied gab er uns noch einen Tipp:<br />
»Geht zum Bethaus, wenn ihr mehr wissen wollt.«</p>
<p>Bethaus?<br />
Was war das denn?<br />
Sicher so etwas wie eine Kirche.<br />
Das bedeutete, dass wir dort mit etwas Glück den wichtigsten Mann einer mennonitischen Gemeinde treffen würden, den Pastor. Beziehungsweise so eine Art Pastor. Denn die Mennoniten haben einen »Bruderrat«, der einen Bruder zum Sprecher bestimmt.<br />
Jedenfalls war das Bethaus, wie alles in einem Zwei-Straßen-Dorf, nicht schwer zu finden.<br />
Keine zehn Minuten später standen wir vor dem Gebäude.</p>
<p>Es reihte sich harmonisch ins Glied der an der schnurgeraden Straße angetretenen Häuschen. Mit einem wichtigen Unterschied. Das Bethaus war sehr viel größer. Schon der gepflegte und gerade Holzzaun unterschied sich deutlich von den windschiefen Artgenossen nebenan.<br />
Dahinter lag stolz wie ein Stück Käsekuchen ein Gebäude mit sauber verputzter, gelblicher Fassade. Der Grundriss hatte die Form eines länglichen Rechtecks, bedeckt von einem spitz zulaufenden Dach. Die schmucklosen Fenster waren mannshoch. Wir standen quasi vor einem Kirchenschiff, dem der Glockenturm fehlte.</p>
<p>Ich musste nun überlegt vorgehen.<br />
Sicher würde der Pastor Journalisten genauso grollen wie die anderen Deutschen, denen ich in Rot-Front bisher begegnet war.<br />
Was tun?</p>
<p>Da kamen wie ein Geschenk des Himmels zwei Autos angefahren und hielten direkt neben uns.<br />
Heraus stiegen Deutsche. Allerdings keine aus Rot-Front.<br />
Sondern aus Niedersachsen.<br />
»Guten Tag. Wollen Sie auch zur Führung?«, fragte eine Frau mit blondierter Frisur.<br />
Insgesamt standen nun drei Pärchen mittleren Alters plus ein kirgisischer Reiseleiter neben mir.<br />
»Äh. Guten Tag &#8230; ja«, sagte ich verdutzt.<br />
Dann hörte ich das Knattern eines Motorrads.<br />
Keine Minute später stieg ein Herr von einem weinroten Zweirad, nahm einen altmodischen Helm ab und sagte mit rollendem R:<br />
»Da sind sie ja. Herzlich willkommen in Bergtal!«</p>
<p>Das musste der Pastor sein.  Langsam begriff ich, was hier gerade passierte. Wir waren zufällig in eine angemeldete Touristengruppe aus Deutschland geraten. Und für den Pastor musste es so aussehen, als ob Franz und ich dazugehörten.</p>
<p>Das stürzte mich direkt in einen ethischen Konflikt.<br />
Denn die journalistische Berufsehre hätte jetzt verlangt, dass ich das Missverständnis sofort aufklärte und mich als Journalist zu erkennen gäbe.<br />
Allerdings hätte mich der Pastor dann garantiert zum Teufel gejagt.<br />
Und ich war doch nicht Tausende Kilometer zum letzten deutschen Dorf am Ende der Welt gereist, um mich jetzt davonjagen zu lassen. Ich musste doch erfahren, wie das Bethaus aussah.<br />
Eine Frage der Ehre.<br />
Nein, outen ging nicht.<br />
Also blieb nur eines: Undercover-Einsatz.<br />
Klappe halten. Mitspielen.</p>
<p>Der Pastor schüttelte mir, ich konnte es gar nicht fassen, freundlich die Hand.<br />
Er erzählte uns gleich, dass seine Vorfahren aus Ostpreußen stammten, was das rollende R erkläre. Seine Kleidung war nicht besonders auffällig: Der schlanke Mittfünfziger mit den strahlend blauen Augen hatte ein seriöses Kragenhemd in eine Jeans gesteckt und trug Anzugschuhe. Ein Mann, wie man ihn in jeder Sparkasse treffen konnte.<br />
Auffällig war dafür seine Kopf- und Bartfrisur.<br />
Oberlippenbärtchen und strenger Rechts-Scheitel waren in Deutschland seit Na-Sie-wissen-schon-wem aus der Mode gekommen. Hier anscheinend nicht. Doch das rollende Ostpreußen-R des Pastors hatte nichts Bedrohliches. Er sprach mit einer hellen, herzlichen Stimme, die die frohe Botschaft Jesu verkündete.</p>
<p>»Kommen Sie doch herein«, bat er ins Bethaus.<br />
Ich folgte ihm durch die große Eingangstür und staunte. Von Innen sah es aus wie eine echte Kirche. Honigfarbenes Holzbraun war die dominierende Farbe. Wir standen in einem großen Raum, in dem sich lange Bänke Lehne an Lehne reihten. Hier war Platz für wenigstens tausend Gläubige. In sechs Metern Höhe hing eine Holzkassettendecke. Es gab sogar eine erhöhte Galerie für noch mehr Betende. Und vorne eine Kanzel für den Prediger. Dort stand jetzt der Pastor, zeigte mit erhobenem Arm in eine Richtung und rief:<br />
»In dieser Richtung liegt Deutschland!«</p>
<p>Die Niedersachsen freuten sich.<br />
Ich schaute mich weiter um.<br />
An den Wänden standen in großen Buchstaben Bibelsprüche auf Deutsch und Russisch.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Sehet, ich komme bald!<br />
Offenbarung 22,7</p>
</blockquote>
<p>Hoffentlich sehr bald.<br />
Gott musste sich wirklich beeilen, wenn er hier noch Mennoniten antreffen wollte.<br />
Denn der Pastor berichtete nun vom Niedergang seiner Gemeinde. Sie hätte Ende der achtziger Jahre noch fast tausend Mitglieder gezählt. Das Bethaus sei stets gut gefüllt gewesen. Jetzt waren es nur noch rund hundert, von denen nur gut ein Dutzend regelmäßig auf ansonsten leeren Bänken saß.</p>
<p>Was war geschehen?<br />
Hatten die stalinistischen Repressionen gewirkt?<br />
Oder lag es an der »Vermischung« mit Kirgisen, vor der sich der dicke Hermann so fürchtete?<br />
Nein.<br />
Schuld, so der Pastor resigniert, war der »Deutschland-Virus«.<br />
Eine höhere Gewalt, die nichts mit Gott zu tun hatte.<br />
Und das kam so: Schon bald nachdem die Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre zerfallen war, hatte die meisten Deutschen nichts mehr in dem kleinen Dorf gehalten. Wie den anderen so genannten Spätaussiedlern aus dem postsowjetischen Raum versprach die Bundesrepublik auch ihnen die Staatsbürgerschaft und ein Erste-Welt-Leben in Deutschland.</p>
<p>In der Hoffnung auf ein bequemeres Dasein verkauften viele Mennoniten daher Haus und Hof an Kirgisen.  Die griffen gerne zu. Schließlich liegt das Dorf nicht weit von Bischkek. Und für das Gütesiegel »Gebaut von Deutschen« zahlten sie sogar höhere Preise als üblich. Schon bald war das deutsche Dorf mehrheitlich in kirgisischen Händen.</p>
<p>Derweil schrieben die Ausgewanderten an die Zurückgebliebenen in der kirgisischen Heimat.<br />
Viele waren in der nordrhein-westfälischen Stadt Detmold gelandet. Und berichteten von bemerkenswerten Dingen wie Krankenversicherung und Toiletten in der Wohnung statt Plumpsklo hinterm Haus.<br />
Fast jeder Brief enthielt eine klare Botschaft: Kommt nach.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Meine Zeit steht in deinen Händen.<br />
Psalm 31,16.</p>
</blockquote>
<p>Beim Anblick dieses Bibelspruchs an der Wand fragte ich mich, wie lange es die Deutschen hier noch aushalten würden.<br />
Es war nun fast genau neunzig Jahre her, dass sie Bergtal gegründet hatten. Noch mal neunzig würde mangels Nachwuchs schwierig werden.<br />
Doch der Pastor gab sich kämpferisch.<br />
»Ich gehe nicht.«<br />
Zwar sei er schon einige Male zu Besuch in Deutschland gewesen. Und seine Tochter lebe inzwischen dort. Doch er hatte für das Leben in Deutschland nur ein Wort, wobei er das R nun mahnend rollte:  »Abgerrrissen.«</p>
<p>Familien, die in Bergtal zusammen gewesen waren, sich umeinander gekümmert hätten, seien in Deutschland nun »abgerrrissen«.<br />
Der eine wohne hier, der andere da.<br />
Die Alten blieben oft alleine.<br />
Die Niedersachsen nickten nachdenklich.<br />
»Bei uns in Deutschland«, sagte ein Typ mit Sonnenbrille und schwarzem ACDC-Shirt, »dreht sich doch alles nur noch um Konsum.«<br />
Oha. Das artete hier langsam zur Systemkritik aus.<br />
Der Pastor warf nun ein, dass manche der Ausgewanderten inzwischen sogar zurückgekommen seien, weil sie vom Leben in Deutschland enttäuscht waren.</p>
<p>Ich war zwiegespalten.<br />
Als jemand aus einer Generation, die glaubt, Heimat ist überall da, wo sich der Computer automatisch mit dem Internet verbindet, verstand ich hier nur Volksrat. Soll doch jeder leben, wo und wie er möchte. Was der Pastor Gemeinschaft nannte, war für mich soziale Kontrolle.<br />
Andererseits konnte ich auch seine Frustration verstehen.<br />
Da hatten diese Mennoniten jahrhundertelang die Abgeschiedenheit gesucht. Endlich einen Platz am Ende der Welt gefunden. Technologien gemieden, die ihren Zusammenhalt bedrohten. Der staatlichen Repression getrotzt. Und am Ende reichte das Versprechen auf Absicherung und ein ordentliches Badezimmer, um die Gemeinschaft zu zerreißen.</p>
<p>Jetzt führte der Pastor die Touristengruppe in einen dunklen Keller.<br />
Wir standen vor einer Tafel mit historischen Fotos aus jenen Tagen, da Rot-Front noch ein gut bevölkertes deutsches Dorf war. Auf manchen waren lächelnde Männer, meist im Anzug, abgebildet, daneben lächelnde Frauen, mit Kopftuch oder geflochtenen Haaren. Oft hielten sie Instrumente in den Händen. Akkordeons, Lauten und Tuben. Musizieren wurde hier eindeutig wichtig genommen. Und dann war da noch ein anderes altes Schwarz-Weiß-Bild. Darauf lag einer der Gründer Bergtals als alter Greis aufgebahrt zwischen seinen Verwandten. Auf seinem Sarg in großen altdeutschen Buchstaben:<br />
»Ruhe in Frieden!«</p>
<p>Ob auch die deutsche Geschichte von Rot-Front demnächst in Frieden ruhen würde?<br />
Zumindest diese Führung ruhte jetzt in Frieden.<br />
Der Pastor führte uns aus dem Bethaus und schüttelte jedem zum Abschied die Hand.</p>
<p>Die Niedersachsen wollten ein Foto.<br />
»Aber nur für den Privatgebrauch«, insistierte der Geistliche. »Nicht, dass das in der Zeitung landet. Sie glauben gar nicht, was für ein Unsinn in Deutschland über uns geschrieben wird.«<br />
Nachdem die Niedersachsen mit ihren Autos abgedüst waren, standen Franz und ich immer noch neben dem Pastor.<br />
»Was machen Sie denn noch hier? Ich dachte, Sie gehören auch zu der Gruppe &#8230;«<br />
Meine Tarnung war nicht länger zu halten.<br />
»Also &#8230; na ja &#8230; das ist so«, begann ich zu erklären und stellte mich auf einen Zornesausbruch ein.<br />
Doch es kam schlimmer.<br />
Die stahlblauen Augen des Pastors füllten sich ob dieser fiesen Täuschung mit tiefster menschlicher Enttäuschung. Jetzt hätte er nur noch sagen müssen: Immer wenn jemand lügt, muss das Jesuskind weinen.<br />
Ich kam mir vor wie ein Stück Dreck.<br />
Dann erwiderte er nur:  »Schreiben Sie bitte keinen Unsinn. Wenn Sie möchten, können Sie heute Abend zur Gebetsstunde kommen.«<br />
Dann fuhr er mit seinem Motorrad davon.<br />
Verdammt. Dabei hatte ich mir doch vorgenommen, Unsinn zu schreiben. Jetzt ging das natürlich nicht mehr.</p>
<p>Es reichte langsam.<br />
Ich hatte von Rot-Front genug.<br />
Im Vergleich zu den kirgisischen Kirgisen waren die kirgisischen Deutschen eine echte Zumutung. Jesus hin, Jesus her, meinen Seelenfrieden würde ich hier sicher nicht finden.<br />
Ich freute mich jetzt schon auf Bischkek.</p>
<p>Erst mal aber spazierten wir zurück zu Samats Haus.<br />
Vorbei an abweisenden Pappeln und ausgeschlachteten Lastwagen.<br />
Das Abendessen stand bereits auf dem Tisch, der draußen im Hof aufgestellt war. Die zwei Köpfe der hauseigenen Hühner, die für dieses Mahl ihr Fleisch gegeben hatten, lagen nicht weit davon entfernt auf dem Boden und beobachteten mit gespannt-starrem Blick, ob uns ihre Gabe denn auch schmeckte.</p>
<p>Ungläubig hörten die toten Hühnerköpfe und unser kirgisischer Gastgeber zu, wie ich über die abweisenden Deutschen schimpfte.<br />
»Das ist sicher ein Missverständnis. Diese tollen Leute«, widersprach Samat.<br />
Nach einem weiteren Wodka sagte er:  »Die schönste Frau im Dorf ist eine Deutsche. Blond und groß. Eine Schönheit! Die Ärmste ist schon dreißig und findet hier keinen Mann. Weil die Mennoniten nur unter sich heiraten dürfen.«<br />
Jetzt wurde es interessant.<br />
»Sie ist bestimmt heute im Bethaus.«<br />
Richtig, die Gebetsstunde!</p>
<p>Also wieder rüber zum Bethaus.</p>
<p>Inzwischen war es dunkel und kalt geworden.<br />
Wie gigantische Augen leuchteten die großen Fenster des Käsekuchen-Gebäudes in der Finsternis. Davor stand ein Minibus, aus dem ein paar greise Gestalten stiegen. Die Gemeinde hatte einen Fahrdienst, um die Alten zu den Veranstaltungen zu bringen. Neugierig und schweigend starrten sie Franz und mir hinterher, als wir hineingingen. Dann setzte Getuschel ein. Drinnen war der Raum hell erleuchtet. Die Bibelsprüche strahlten mit aller Kraft.</p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde.<br />
1. Johannes 1,7</p>
</blockquote>
<p>Voller Sünde setzte ich mich auf eine der langen Bänke vor der Kanzel.<br />
Platz war genug. In der großen Halle versammelten sich außer uns und dem Pastor nur vierzehn weitere Menschen. Zwölf davon waren ältere bis ganz alte Frauen, sogar eine uralte Kirgisin war darunter.<br />
Die beiden anderen fielen sofort ins Auge.<br />
Ganz hinten saß eine hübsche junge Frau neben einer noch jüngeren. Offenbar Schwestern. Beide mit blonden Zöpfen und in keuschen langen Röcken. Ihre Blicke waren auf die Gesangsbücher gerichtet. Franz und mich würdigten sie keines Blickes.<br />
Diese Damen flirteten nur mit Jesus.</p>
<p>Derweil eröffnete der Pastor die Gebetsstunde.<br />
Überraschenderweise wurde hier nicht Deutsch, sondern Russisch geredet.<br />
So erreichte man wohl mehr Gläubige.<br />
»Wir singen nun Lied 68 aus dem Gesangsbuch.«<br />
Der Pastor stimmte an, die Frauen sangen kräftig mit:</p>
<p><em>»Oh, ich armer Sünder! Wahrlich, ein solcher bin ich; wenn Gott der Unsterbliche nicht voller Gaben wäre, nicht voller Liebe wäre und mich nicht retten würde, so wäre ich in dieser Welt schon längst gestorben.«</em></p>
<p>Franz und ich summten nur.<br />
Okay. Ich hatte alles gesehen, was ich sehen wollte.<br />
Es gab da nur ein Problem.<br />
Von der Gebetsstunde waren erst drei Minuten vergangen.</p>
<p>Die restlichen siebenundfünfzig bestanden zum Großteil ebenfalls aus Singen.<br />
Insgesamt sollten es an diesem Abend sieben Lieder werden, die Franz und ich nur peinlich textunsicher mitsummten. Die restliche Zeit standen einige der Alten auf und sprachen persönliche Gebete, dankten Jesus für die Ernte oder hofften auf den Seelenfrieden eines Verstorbenen.<br />
Irgendwann war es vorbei.</p>
<p>Der Pastor warf mir zum Abschied einen enttäuschten Blick zu.<br />
Ich war mir sicher, dass das Jesuskind weinte.<br />
Die Alten geisterten hinaus zu ihrem Minibus. Und die beiden jungen Blondinen eilten wortlos nach Hause.  Auch wir machten uns zum letzten Mal auf den Weg zu Samats Haus, dieser Insel der Gastfreundschaft in diesem ansonsten schroffen Dorf.</p>
<p>Ich erschrak, als mich in der kalten Dunkelheit vor dem Bethaus plötzlich eine Gestalt auf Deutsch ansprach.<br />
»Guten Abend, Sie sind doch der Journalist. Haben Sie bitte keinen schlechten Eindruck von uns. Gastfreundschaft ist uns normalerweise wichtig.«<br />
So lernten wir Agnes kennen.<br />
Eine kleine, kräftige Frau um die sechzig. Sie sah aus wie eine Mennonitin aus den deutschen Presseberichten: das ergraute Haar zu einem Kranz geflochten, langer schwarzer Rock und eine altertümliche rote Jacke mit Goldrand. Ihre Goldzähne glänzten im Mondlicht.<br />
»Ihr begleitet mich nach Hause, und wir können etwas reden«, sagte sie fast schon entschuldigend.</p>
<p>Auf dem Heimweg unter dunklen Pappeln klagte sie ihr Früher-war-alles-besser-Leid.<br />
»Als es noch mehr Deutsche gab, hatten wir eine große Bücherei, eine funktionierende Kolchose, Kultur, Arbeit und Geld. Heute ist das Dorfleben trist. Die Kirgisen machen nichts. Sie beschweren sich sogar, weil wir Deutschen zu viel arbeiten und sie schlecht aussehen lassen.«<br />
Ihre größte Sorge aber war ihre älteste Tochter, die Dorfschönheit.</p>
<p>Einen heiratsfähigen Mann gebe es für sie im Dorf nicht.<br />
Und in Kirgisistan habe sie keine berufliche Perspektive.<br />
»In Deutschland wird man für Bildung bezahlt, hier muss man für Bildung bezahlen. Aber wir haben das Geld nicht.«<br />
Und so müsse die Tochter putzen gehen. Für reiche Russen in Bischkek.<br />
Jeden Tag pendle das Aschenputtel per Marschrutka in die eine Stunde entfernte Hauptstadt. Ein möglicher Ausweg aus der Misere ist Deutschland. Die nötigen Dokumente für die Ausreise, erklärte Agnes, hätten sie schon in der Tasche.<br />
»Aber noch halten wir durch. Die Familie würde ja doch nur zerreißen.«</p>
<p>Wir standen nun vor ihrem Haus.<br />
Der Mond lugte hinter einer Wolke hervor und tauchte die Berge in silbernes Licht.<br />
Der Wind streichelte die Felder wie eine Katze.<br />
»Und diese Natur, ich würde sie so vermissen. Das ist meine Heimat«, war sich Agnes plötzlich sicher.</p>
<p>Sie entschuldigte sich nochmals für die schlechte Gastfreundschaft.<br />
Aber ich müsse das verstehen. Die Presse habe dem Dorf so schwer zugesetzt.<br />
Dünnhäutige Mennoniten, fluchte ich innerlich.<br />
Nun betonte Agnes noch, was für tollen selbst gemachten Kuchen sie ihren Gästen normalerweise anbiete.<br />
Hatte sie Kuchen gesagt?<br />
Würde sie uns vielleicht doch noch in ihr Haus bitten?<br />
Durften wir etwa mit der schönen Tochter sprechen?<br />
Erwartungsvolle Pause.</p>
<p>Zerstört von einem enttäuschenden:<br />
»Nun gut, ich muss nun ins Haus. Gute Nacht. Und schreiben Sie keinen Unsinn.«<br />
Das war’s.<br />
Agnes’ rundliche Silhouette verschwand im Haus.</p>
<p>Und für mich war klar: Nichts wie raus aus Rot-Front.<br />
Vor dem Einschlafen nahm ich mir noch vor, den maximal möglichen Unsinn zu schreiben.</p>
<p style="margin-top:60px;font-size:18px;color:#aaa;padding-top:40px;padding-bottom:40px;border-top:1px solid;margin-bottom:80px;border-bottom:1px solid;text-align:center">
Die Recherche zu dieser Reportage wurde von <a href="https://www.studiosus.com/" target="_blank">Studiosus Reisen</a> unterstützt.</p>
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		<title>Die letzten Trapper von Alaska</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Mar 2017 05:08:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Alaska]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Tilo Mahn]]></category>
		<category><![CDATA[Trapper]]></category>
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					<description><![CDATA[Mike und Nate Turner glauben an ein Leben im Einklang mit der Natur. In der Weite und Abgeschiedenheit Alaskas wollen Vater und Sohn das harte und ursprüngliche Leben der alten Trap­per und Jäger führen – im Kampf mit der Natur. Doch ihre Reise in die einsame Wildnis macht sie zu Entdeckern und  Lebensphilosophen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-letzten-trapper-von-alaska/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Mike und Nate Turner glauben an ein Leben im Einklang mit der Natur. In der Weite und Abgeschiedenheit Alaskas wollen Vater und Sohn das harte und ursprüngliche Leben der alten Trap­per und Jäger führen – im Kampf mit der Natur. Doch ihre Reise in die einsame Wildnis macht sie zu Entdeckern und  Lebensphilosophen.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Als er das knarzende Geräusch aus dem Lautsprecher hört, drückt Mike Turner sein Ohr fest gegen die Plastikoberfläche des Funkgeräts. Er lauscht, bis er die Wortfetzen der kratzigen Stimme seines Sohnes aus dem Lautsprecher deutlicher versteht. »Ich bin auf dem Weg zum Nowitna River, muss vor Sonnenuntergang noch da sein.« Zwischen den abgehackten Wortstücken dröhnt, langsam näher kommend, ein Flugzeugmotor über den Baumwipfeln. Mike hat die rote Cessna seines Sohnes schon lange vorher gehört. Sofort ist er vor die Tür gegangen und hat zum Funkgerät gegriffen. »Fran hat Abendessen gekocht. Willst du nicht kurz landen?« Sein Blick aus den tiefen blauen Augen, umzogen von Lachfalten und dunklen Rändern, bleibt am Horizont über dem Flussufer haften. Mike Turner hat gewartet: Auf seinen Sohn, auf Kontakt zur Außenwelt, Neuigkeiten aus der alaskischen Wildnis. »Sorry, Dad, das wird heute zu knapp, ich fliege gleich weiter«, antwortet die Stimme aus dem Funkgerät, gerade als das winzige Wasserflugzeug keine 50 Meter über dem Flussufer in einer Schleife über die Bäume hinweg zieht.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Niemand außer dir</h2>
<p style="text-align: justify;">In Mike Turners Blockhütte am Ufer des Kantishna River sind Besucher selten. Hier lebt er 120 Flugmeilen entfernt von der nächsten größeren Stadt Fairbanks mit seiner zweiten Frau Fran im Nirgendwo von Alaska. Der Funkspruch aus dem Flugzeug ist seit Tagen die erste Nachricht von Mikes Sohn Nate. Das Leben hier im Busch, wie die wenigen Bewohner den Ort hier nennen, fernab von Straßen, Städten und Stromleitungen, gibt einen anderen Rhythmus vor. Stille bestimmt den Tag. In ihrem ersten Winter haben Mike und Nate Turner vier Monate lang keinen anderen Menschen gesehen. Das war vor über 30 Jahren, als sich Vater und Sohn entschieden hatten, eine alte Trapperhütte mitten im alaskischen Busch zu kaufen und zu ihrem Zuhause zu machen.</p>
<p style="text-align: justify;">»Man kommt in dieses riesige Land, und außer dir ist im Umkreis von Meilen wirklich niemand. Das wird dir schlagartig klar. Damit muss man erstmal zurechtkommen«, erzählt Mike Turner in seinem einsamen Heim, umgeben von penibel aufgereihten Schneeschuhen, zerschlissenen Hosen, die zum Trocknen aufgehängt wurden, und blechernen Töpfen, die an der Wand lehnen. Er denkt lange nach, bevor er weiterspricht. Sein Schaukelstuhl knarrt und schabt auf dem Holzboden. Die Schlittenhunde Vern und Lissi tapsen durch die Küche gleich gegenüber. Sonst ist da nichts. Mike Turner versinkt in der Ruhe des Erzählens. »Wir Alaskaner brauchen Stille. Wir brauchen viel Platz, einen riesigen Garten und unsere Freiheit. Denn Alaskaner sind sehr spezielle Individuen. Sogar die, die in der Stadt leben.«</p>
<p style="text-align: justify;">Auf dem Grundstück der Turners steht zwischen Kartoffelacker, Salatbeeten, Gewächshaus und hochgestelzter Vorratskammer bis heute die ursprüngliche Hütte, in der alles begann. Man muss sich tief bücken, um durch den niedrigen Eingang der Holztür zu treten und einzutauchen in Mikes und Nates Geschichte. »Während der gesamten Fahrt hierher hat mir mein Vater eingetrichtert, dass wir etwas tun werden, von dem andere Leute behaupten, dass es gar nicht mehr getan werden kann«, erzählt Nate Turner, als er am nächsten Morgen die vergilbten Vorhänge aufzieht, um etwas Licht durch die winzigen Glasfenster einzulassen. »Viele der alten Trapper hatten damals ihr Glück in kleinen Städten, ihr Leben in Kasinos, im Tourismus oder im Alkohol gefunden. Die meisten Blockhütten an den Flussufern und den Hängen der Hügel waren verwahrlost und verlassen.«</p>
<p style="text-align: justify;">Zwischen einem Holzofen, drei Betten und einem Küchenbord mit Campinggeschirr verbrachten die Turners ihre ersten Jahre. Der heute 75-jährige Vater Mike wollte alles hinter sich lassen, vor allem die alte Farm, dann seine Scheidung, außerdem die harte Schufterei auf der Farm. Zusammen mit seiner ersten Frau hatte Turner im Bundesstaat New York die Milchfarm seines Vaters betrieben.</p>
<p style="text-align: justify;">Die gemeinsamen Söhne Mat und Nate sind wie ihr Vater an der Ostküste der USA geboren und hatten ihr Leben bis dahin auf dem Land, am Rande der Stadt Syracuse, verbracht. Als der Vater sich mit seinen Söhnen vor über 30 Jahren auf den Weg nach Alaska machte, kannten die drei niemanden. Nach tagelangem Suchen fanden sie den Verkäufer einer Trappline – der Route, an der entlang ein Trapper seine Fallen aufstellt. Sie sollte ihre Lebensgrundlage werden.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Verkäufer drückte ihnen zur Begrüßung eine Karte in die Hand. Ein Netz aus Strichen: Lauter verwachsene Trails, die sich über Meilen hinweg entlang der Baumnarben als Markierungen durch die Wildnis zogen. Fortan bestimmte Trappen im Winter den Alltag der Turners. Beim Schneisen schlagen durch das Dickicht der kahlen Bäume, deren Äste die alten Zugänge über den Sommer häufig komplett zu gewuchert hatten, durchtrennte sich Nate Turner beim Bäume fällen mehrere Muskelsehnen seines linken Oberarms. Ärztliche Versorgung? Fehlanzeige. »Hier sind wir auf uns gestellt.«</p>
<p><div id="aesop-gallery-6662-7"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6662" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-10.jpg" data-caption="Drei Trapper-Generationen: Mike Turner und sein Sohn Nate und dessen Sohn." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-31.jpg" data-caption="Mit dem Kanu fährt der Trapper zum Jagdcamp." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-5.jpg" data-caption="Die Trapperhütte im Winter." alt=""><img src="" data-caption="" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-17.jpg" data-caption="Mike Turners Blockhütte in der kurzen, warmen Jahreszeit." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-19.jpg" data-caption="Statt Menschen haben die Turners Wildtiere als Nachbarn, wie diesen Elch." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-20.jpg" data-caption="Der Mount Denali vom Fluss Kantishna aus gesehen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-23.jpg" data-caption="Die Cessna ist das wichtigste Transportmittel für die Turners." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-33.jpg" data-caption="Mike Turner und seine Frau Fran am Flugzeug." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska.jpg" data-caption="Mike Turner in seiner Trapperhütte." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-12.jpg" data-caption="Dank des Gewächshauses haben die Turners das ganze Jahr über Gemüse." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-14.jpg" data-caption="Der Denali Nationalpark in Alaska." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-4.jpg" data-caption="Ein Biber ist in Turners Falle getappt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-34.jpg" data-caption="Hier hat Turner den gefangenen Biber aufgehängt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/03/Alaska-29-1.jpg" data-caption="Alaska im Herbst." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Tilo Mahn</p></div></p>
<h2 style="text-align: justify;">Eine Chance</h2>
<p style="text-align: justify;">Einige Wochen Pause, warten, weiterarbeiten. Bei Minus dreißig Grad Celsius fuhren Mike und Nate Turner Winter für Winter mit dem Holzschlitten über die vereisten Flüsse, Hügel hinauf und hinab. Immer auf der Suche nach geeigneten Plätzen, um zu den Trails im verwilderten Busch vorzudringen. Zwischen Bäumen und Sträuchern spannten sie die mit Ködern bestückten eisernen Fallen aus Federn, Streben und Schlingen und versteckten sie im Schnee oder in Astgabeln. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Suchen, verstecken, warten – bis heute.</p>
<p style="text-align: justify;">Nate Turner bückt sich unterm niedrigen Türstock der ursprünglichen Hütte hindurch, wischt sich den Staub von der Jacke und deutet auf die kleinen Kerben an den Bäumen gegenüber. »Hier sind wir auf unseren ersten Trail gestartet. Auch wenn uns andere Buschbewohner gesagt haben: Kehrt lieber um, das wird nichts. Selbst die noch aktiven Trapper meinten, dass man davon nicht mehr leben könne.« Doch genau dieses Leben haben die Turners gesucht, um noch einmal neu zu beginnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Nur der jüngere Sohn Nate ist mit seinem Vater im Busch geblieben. Schon als Teenager und aufmüpfiger Schüler hatte er den Erzählungen seines Vaters zugehört und in dem vergessen geglaubten Leben eines Trappers eine Chance gesehen, der Schule und dem Alltagstrott zu entkommen. Mike und Nate Turner waren sich schon immer nah. Mittlerweile lebt Nate mit seiner Frau Cathy, einer gebürtigen Alaskanerin, und vier kleinen Kindern in seiner eigenen Trapperhütte. Den Winter verbringt er etwa zwanzig Minuten Flugzeit entfernt vom Grundstück seines Vaters am Kantishna River. Immer im Herbst, kurz vor dem ersten Frost, wechseln Vater und Sohn den Wohnort, verlassen die Sommerbehausung, um mehrere Monate gemeinsam mit ihren Familien abgeschieden in einer Hütte auf einer Anhöhe zu leben und sich um die Trails zu kümmern; erst im Frühjahr kehren sie in die Sommerhütten zurück.</p>
<p style="text-align: justify;">»Mein Vater sagte mir: Ich brauche deine Hilfe. Wir müssen das tun! Es erwartet uns ein reiches Leben. Er hatte so viel darüber gelesen und jetzt wollte er den Traum verwirklichen«, erzählt Nate Turner, als er abends seine Cessna am Flugplatz von Fairbanks an den Pollern festbindet. Wellblechhütten und hohes Gras säumen den Weg zum matschigen Parkplatz. Noch eingepackt in dicker Jacke, mit dem Gewehr in der Hand und hüfthohen Stiefeln an den Beinen schwingt Nate Turner sich hinter das Steuer seines roten Ford. »Wir sind hier nicht hergekommen, um Urlaub zu machen. Wir wollten unseren Traum in die Tat umsetzen, mitten in der Wildnis sein und von der Natur leben. Wir hatten eigentlich keine Ahnung, was das bedeutet. Aber wir wollten es tun, egal, was auf uns zukäme.«</p>
<h2 style="text-align: justify;">Allein verantwortlich</h2>
<p style="text-align: justify;">Auf dem Weg vom winzigen Flugplatz in die 30.000-Einwohner-Ansammlung Fairbanks biegt Nate Turner in eine der holprigen Nebenstraßen am Stadtrand ab. Versteckt hinter den Betonblöcken der Geschäfte steht ein blau gestrichenes Holzhaus. Der Pelzhändler Jo Mattie erwartet Nate Turner bereits. »Wird’s ein gutes Jahr?« Er streicht mit der Hand über Biberfelle, die er auf Holzbrettern sorgsam ausgebreitet hat. Auf dem Schreibtisch davor liegen Listen über Wareneingang und -ausgang: Biber, Schwarzbären, Vielfraß und sogar Eichhörnchen. »Wir werden sehen.« Nate Turner ist schon wieder auf dem Sprung, nachdem er sich die Listen und Formulare seines Händlers für die neue Trapping- Saison in die Jackentasche gesteckt hat.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Geschäft mit dem Pelz ist in Alaska bis heute verbreitet. Doch Konkurrenz, schwankende Nachfrage und gefälschte Produkte haben vielen den Mut genommen, einzusteigen. Es gibt bessere und schlechtere Jahre. Die Einkommen schwanken wie die Preise. Viele der wenigen noch verbliebenen Trapper fürchten um das Erbe, das in ihren Familien über Jahrzehnte weitergegeben worden ist. Ihr Beruf ist Teil nostalgischer Erinnerungen. Die alten Schneisen der Trails frei schlagen, Fallen spannen und verstecken, Tiere fangen – für die wenigen verbliebenen Trapper ist das Geschäft immer schwieriger geworden.</p>
<p style="text-align: justify;">Lizenzen sind ausschließlich an bestehende Trapperhütten und -gebiete gebunden. Tiere gibt es ausreichend, doch immer weniger Abnehmer für das Fell. Konkurrenten aus Russland oder China drücken die Preise. Selbst viele Alaskaner halten den Beruf für zu rückständig, zu altertümlich und zu wenig ertragreich. In dicken Baumwollhemden und mit pelzigen Fliegerkappen auf dem Kopf lehnen die Einheimischen von Fairbanks an ihren Pickups und Geländewagen – aufgereiht auf überdimensionalen Supermarktparkplätzen – und diskutieren über den bevorstehenden Winter und das Wetter.</p>
<p style="text-align: justify;">Nate Turner hat seinen roten Ford bis unter das Dach beladen. Die Vorräte, die von Wascheimern übers Bier bis hin zur Schokolade reichen, muss er ins Wintercamp fliegen, bevor die Flüsse zufrieren und er die Cessna umrüsten muss: Die Schwimmer abbauen, dafür Kufen ans Flugzeug schrauben. »Dieses Leben sucht man sich nur selbst aus. Du allein bist dafür verantwortlich«, sagt er, während er Kiste für Kiste auf die noch freie Rückbank hievt. »Das Feuerholz wird nicht geliefert, das Wasser fließt nicht einfach aus dem Hahn. Die Trails schlagen sich nicht von alleine frei. Ohne Eigeninitiative gibt es im Busch nichts zu holen.«</p>
<h2 style="text-align: justify;">Instinkte entwickeln</h2>
<p style="text-align: justify;">Die wenigen Laubbäume hinter dem Haus der Turners, die vom Flugzeug aus als winzige Farbtupfer erscheinen, sind bereits gelb gefärbt. Die Zwergbirken am Ufer des Kantishna River leuchten rot im Wasserspiegel, als das Flugzeug zum Stehen kommt. Es kündigt sich der kurze alaskische Herbst an, der bald das gesamte Waldgebiet um das Grundstück in einen Farbteppich der herbstlichen Tundra verwandeln wird. An das Ufer des mit Sand durchspülten Wassers dringen entferntes Wolfsheulen und gelegentliche Rufe von Jägern. Sie versuchen, Elchbullen näher ans Wasser zu locken. Die stark reglementierte Jagd in Alaska soll der Bevölkerung ermöglichen, ihr eigenes Fleisch für den Winter zu schießen. In den jeweils freigegebenen Zeiten für Elch, Schwarzbär oder Grizzly legen die staatlichen Behörden fest, wann und wie viel geschossen werden darf.</p>
<p style="text-align: justify;">Mike Turner hat seinen Schwarzbären schon in Einzelteile zerlegt. Sie liegen in der vom Generator betriebenen Tiefkühltruhe hinter dem Haus. Bald wird die Schneedecke das Kühlen übernehmen. Das Bärenfleisch soll für sechs Monate reichen. »Du musst hier draußen wie ein Tier denken, Instinkte entwickeln. Das kann der Mensch nur mit der Zeit langsam lernen«, sagt Nate Turner, während er in der offenen Tür seines Flugzeugs steht, um neues Benzin in den Tank zu füllen. »Man muss die Natur genau beobachten, sie verstehen lernen und darf auf keinen Fall versuchen, sich über sie zu erheben. Denn dann wird sie gnadenlos zurückschlagen.«</p>
<p style="text-align: justify;">Seit einiger Zeit ist er auch Pächter eines Jagdgebietes. Touristen zahlen viel Geld dafür, unter Anleitung angestellter einheimischer Jäger Tiere schießen zu dürfen. Nate Turner will seinen Gästen den nachhaltigen Umgang mit der Wildnis auch bei der Jagd näherbringen. Ihnen einen Hauch von authentischem Leben mit auf den Weg zurück in die Zivilisation geben. Wenn Jäger über mehrere Tage hinweg Zeit mit ihren einheimischen Guides verbringen, sollen die Touristen verstehen, dass sie keine Abschussgarantie gekauft haben, sondern sich mit der Natur messen müssen. Nate Turner hält seine Guides an, den Gästen aus aller Welt zu erklären, wie sich die Tiere in Alaska verhalten und dass der überwiegende Teil von ihnen noch nie in Kontakt mit Menschen war. »Die meisten Dinge hier geschehen außerhalb menschlichen Einflusses. Das sollten wir akzeptieren. Und beibehalten. Denn am Ende entscheidet genau diese Demut gegenüber der Natur darüber, ob es gelingt, hier in der Wildnis zu überleben.«</p>
<h2 style="text-align: justify;">Platz und Freiheit</h2>
<p style="text-align: justify;">Mike Turner und seine Frau Fran haben die letzten Wochen von morgens bis abends Vorräte für den Winter geerntet und getrocknet, Bären gehäutet und die Vorratskammer winterfest gezimmert, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Auf ihrem Grundstück haben sie sich mittlerweile ihr eigenes Reich geschaffen. Die Wildnis kennt keine Bauauflagen. Die einstige Trapperhütte am Rande des Waldes ist längst Teil eines durchdachten Sammelsuriums aus Möglichkeiten und Erfindungen. Mike Turner balanciert auf den Holzbalken zwischen den Parzellen in seinem Garten. »Hier, die Karotten! Fast doppelt so groß wie letztes Jahr.«</p>
<p style="text-align: justify;">Seine Frau Fran hat schon die Trockensiebe ausgelegt. Gemeinsam füllen die beiden das letzte Gemüse in riesige Plastikzuber. »Wir nutzen die Natur und bereichern uns an ihr, soweit es geht und solange sie die Lücken wieder schließen kann.« Fran Turner hievt Zuber für Zuber in die Vorratskammer. »Wir sind in unserem Land auch dafür verantwortlich, das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod, Säen und Ernten zu halten, ja es gewissenhaft mit zu steuern«, erzählt sie auf der Leitersprosse stehend. Das eigene kleine Sägewerk genau wie die Trockenkammer für Gemüse und Fleisch, das Fischrad, das die Hechte und Lachse des Kantishna River auf die Rutsche vor dem Grundstück der Turners treibt – all das hilft ihnen, so unabhängig wie möglich mitten in der Natur und mit ihrer Hilfe zu leben.</p>
<p style="text-align: justify;">Als die späte Sonne den Horizont vor den weit entfernten Bergen der Brooks Range rot färbt, läuft Mike Turner noch immer und immer wieder vom Fischrad am Ufer die Böschung hinauf und hinab. In der rechten Hand hält er einen Eimer voll mit Lachsen, in der linken das Messer zum Ausweiden der Tiere. »Jeden Tag wird jemand mit dem gleichen Ziel geboren, das auch ich habe: in der Wildnis alleine zu überleben. Davon bin ich fest überzeugt. Und auch diese Menschen brauchen Freiheit und Platz für ihr Dasein«, sagt Mike Turner, als er Fisch für Fisch mit einem Haken im Maul an die Stange zum Trocknen unter dem Holzdach hängt. »Deswegen muss Alaska ein wildes Land bleiben.«</p>
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		<title>Good Decisions never make Great Stories</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 08 Jan 2017 01:35:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Griechenland]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[adventure]]></category>
		<category><![CDATA[cyclist]]></category>
		<category><![CDATA[English]]></category>
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		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Rhys Schulze]]></category>
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					<description><![CDATA[I'm a 25-year-old bloke from Australia who grew up on a farm and has worked in electrical maintenance for the past few years. I'm just over one month into my 6-month bicycle tour across Europe from Greece to Scotland.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/good-decisions-never-make-great-stories/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>I&#8217;m a 25-year-old bloke from Australia who grew up on a farm and has worked in electrical maintenance for the past few years. I&#8217;m just over one month into my 6-month bicycle tour across Europe from Greece to Scotland. </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Back home I&#8217;m still living on the farm near Melbourne with my father. But I&#8217;d been thinking about traveling through Europe for over a year. But it is expensive and I&#8217;m broke. Also I wanted to explore it properly if I was going to do it. Then last December I got sick and was in bed for a week. As you do, I ended up watching YouTube videos most of the time and thinking about what I was doing with my life. Somehow I came across some videos of people riding their bikes around the world, and I couldn&#8217;t stop watching.</p>
<p style="text-align: justify;">Though you couldn&#8217;t tell now, I&#8217;ve been a serious gym junkie for the past 3 years and have a passion for deer hunting and mountain bike riding. So as soon as I heard about this bicycle touring, which combined parts of the three things I enjoy doing the most and also how cheap you can do it, I thought: “I have to do this!&#8220;. All week I watched how-to bicycle touring videos, then I immediately began to save money, plan my route, and equipment list. I told everyone my plans, bought all the gear, applied for a passport and before I knew it at the end of March I was on a 20-hour flight to Athens, Greece.</p>
<p><div style="width: 510px" class="wp-caption aligncenter"><img src="https://api.mapbox.com/styles/v1/weltseher/cixkbjjfq004i2snvxds74tqp/static/7.934921,48.916767,3.05,0.00,0.00/500x500?access_token=pk.eyJ1Ijoid2VsdHNlaGVyIiwiYSI6ImNpeDk3ZnlvNzAwMW0yem52MWljYXUyMGkifQ.wMePS4YvHbQjE0_YDaVMuw" alt="from Greece to Scotland: 6.000 km by bicycle" width="500" height="500" /><p class="wp-caption-text">From Greece to Scotland: 6.000 km by bicycle</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">I wanted to do this as a solo trip from the start because I was hoping it would make me grow as a person and force me to be more outgoing and sociable, which is something I&#8217;ve struggled with all my life.</p>
<p style="text-align: justify;">Considering what I was about to do, in the lead up to leaving I was very calm and just in the moment. Not excited or anxious. It wasn&#8217;t until I saw the mountains from the window of the airplane that I gave a massive grin from ear to ear. It was only then I realized that I was making my dream come true.</p>
<p style="text-align: justify;">And so the adventure began. I had with me my bike in a box pulled to pieces. When I arrived at the airport, my plan was to put the bike together there and ride the 30km into the city to my hotel. However, my duffel bag that contained my tools had not made it onto flight during the layover in Doha! After calling my brother and mother, we decided my best bet would be to get a taxi to the hotel and wait for my bag there. But none of the taxis were big enough to fit the bike box.</p>
<p style="text-align: justify;">After walking around the airport with this 20kg box and 7kg pannier for an hour, I found a tourist information desk where the bloke told me my best option would be the train. After asking a beautiful young lady which train I needed to take to get into the city I knew roughly where the hotel was from there. So I was walking 10m at a time then having to stop and change hands. I walked about half a kilometer the wrong way on the street the hotel was on because I couldn&#8217;t see any numbers. I entered the front door with a big smile of relief. The next day my duffel bag was delivered and my adventure could finally begin.</p>
<p style="text-align: justify;">I was ready to hit the road. It was a hot day but I was feeling good and excited to be starting the journey. I made it about 30km to the bottom of the mountains when I stopped for lunch in the shade on the side of the road. Then as soon as I hit the start of the climb both my thighs cramped badly. I had to pull off into the ditch and sit there, cursing while trying to stretch them out.</p>
<p style="text-align: justify;">I knew from training in the gym my body was going to suffer for the first 2 or 3 weeks until it adapted, and I had mentally prepared myself for that. I had not done any training on a 35kg touring bike before I&#8217;d left because I only got the last of my gear just before flying out. After 15 minutes or so I could walk again. So I pushed the bike to the top of the first little hill then rolled down the other side into a small town.</p>
<p style="text-align: justify;">On the flat ground I could pedal without problem. I pulled into the last restaurant at the edge of the town to fill up my water bottles then I was off down the hill feeling good again. Then it started again: Bang! Cramping again. Being the first day I was very determined to make it to the town another 70km away on the other side of the mountains. And I began to walk again up this mountain road. Then I heard a stray dog barking from a cliff above.</p>
<p>    <div id="aesop-quote-component-6531-1"          class="aesop-component aesop-quote-component    aesop-component-align-center  aesop-quote-type-block   quote-left-right " style="background-color:#ffffff;color:#ffffff;height:auto;width:700px;">

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                <span>Shit, what had I got myself into?</span>
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            </div>
            </p>
<p style="text-align: justify;">I&#8217;d been warned about them before I left but didn&#8217;t really know what to expect. Anyway, while I was watching the dog as I walked around the corner there were five more on the road in front of me! Shit, what had I got myself into? I can&#8217;t walk, I&#8217;m by myself, and surrounded by feral dogs in the mountains of Greece!</p>
<p style="text-align: justify;">Luckily the dogs weren&#8217;t that aggressive. I walked past keeping the bike between me and them. As I continued up the mountain the cramping began again until I couldn&#8217;t even walk. I remember being stuck up against the cut-away cliff on the inside corner of the road for 30 minutes unable to stand. I was so frustrated! I knew: all I had to do was move forward and I would make it eventually. But I couldn&#8217;t and that was the only thing that scared me.</p>
<p style="text-align: justify;">After I could stand again I made a plan slowly to walk five to ten minutes then stop and rest. I tried walking backwards, crab walking and putting all my weight on the bike to try and use different muscles. After a few hours I could start to walk a little faster. And when I felt my thighs start to tighten again I&#8217;d force myself to slow down. At least the mountain view was amazing.</p>
<p style="text-align: justify;">As I got closer to the top, I could see all the way to the sea. The road finally leveled out and I jumped back on the bike. When I got to the very top of the mountain I was so happy and I couldn&#8217;t help but let out a huge “Woohoo!”</p>
<p><div id="aesop-gallery-6540-8"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6540" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/12961365_10201366717888151_7508344982882320481_o.jpg" data-caption="Rhys after his arrival in Greece." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/12916807_10201354795270093_4374234280066148772_o.jpg" data-caption="His most important partner for the next six months." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13112898_10201465142508705_8448313684499400514_o.jpg" data-caption="Traffic in Romania. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/12976959_10201410472781996_183760406596254060_o.jpg" data-caption="This 66-year-old Russian man is cycling the world since many years." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13029722_10201421157329103_6323928357240401201_o.jpg" data-caption="Unusual for Australian eyes: Sowjet architecture in Europe. Here the Buzludzha monument in Bulgaria." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/12970997_10201395456046587_3434448423438590206_o.jpg" data-caption="Who wants to cycle the world must learn how to camp anywhere." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13510891_10201631770354297_4640145649932430210_n.jpg" data-caption="Camping spot in the Alps." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13055865_10201421151408955_774468036668883652_o.jpg" data-caption="Rhys just heard a bear in this forest." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/12916149_10201370697707644_5508480864126636521_o.jpg" data-caption="Unforgettable views: The monastery in Kalambaka, Greece." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13244625_10201532819240581_6654078156500253983_n.jpg" data-caption="Magic atmosphere at lake Bled in Slovenia. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13245349_10201532819040576_6947031019655171368_n.jpg" data-caption="The pilgrimage church dedicated to the Assumption of Mary on Bled Island in Slovenia. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13731521_10201720603615073_5163925454705244418_n.jpg" data-caption="In France cyclist Rhys visits the pros of the Tour de France ." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13692459_10201720599134961_2123849452468835621_n.jpg" data-caption="Selfie with French devil." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/13872781_10201786847911139_1421067544984423064_n.jpg" data-caption="Le Mont St. Michel in Normandie in France." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2016/12/14212652_10201929198549816_982920487802239716_n.jpg" data-caption="After six months cycling Rhys finally arrives in Scotland." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Photos: Rhys Schulze</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">I rolled down the other side of the mountains onto the open flats below. At this point I had gone 80 kilometers. Before that the furthest I&#8217;d gone on a bike in one day was 60 kilometers, with no pannier! So after another 30 and a total of 110, just in the darķ, I rode and headed straight for the first fast food place I could find. Nobody spoke any English there. I just gestured, “lots of food, biggest meal you&#8217;ve got.” After they brought out a big pizza for me, I sat down. I&#8217;d never been so exhausted in my life. I was so exhausted I could hardly eat.</p>
<p style="text-align: justify;">I sat there for an hour and a half only to force down half the pizza. It was about ten in the evening by then and I didn&#8217;t know where I was going to sleep. There were no hostels or campgrounds in this area. I put my bike lights on and rode in the direction I had to go the next day, looking for a place to put up my tent. As I was leaving the other side of town I came across a vacant overgrown industrial block with only a few retails stores around.</p>
<p style="text-align: justify;">There was a row of trees and a high fence running up the side of it. I was so exhausted that that will have to do. I waited until there were no cars in sight and quickly hid next to the fence. I opened my sleeping bag and camping mat, then put the alarm for 5:30am. I had to be out of there before daybreak. This was the first day of my journey.</p>
<p style="text-align: justify;">Later that week, I stopped at a cafe in central Greece to get some lunch. I met another lovely young lady there and a man from Athens that spoke English very well. After spending the afternoon talking with him, he organized for me to camp behind the cafe then bought me a beer before he left! I only had to ride 60km the next day, so I was in no hurry. I went for a ride up the mountain nearby, got some lunch and went back to the cafe to spend some time with this girl after she finished her shift.</p>
<h2 style="text-align: justify;">No time for love stories</h2>
<p style="text-align: justify;">After spending a few hours together talking and sharing our photos I ended up leaving for Thermopolis at about 4pm. Did you expect a love story now? This is an adventure and no rom com, you fools!</p>
<p style="text-align: justify;">My legs had come a long way already and I made it up and over the mountains to the coast without any problems. I got to the statue of Leonidas just before dark, which was another dream-come-true moment. If you have seen the movie &#8222;300&#8220; (or know greek history) then you know that Leonidas was a king of the ancient Sparta. He died fighting the Persians together with 300 of his best warriors.</p>
<p style="text-align: justify;">I sure felt hungry as a greek warrior. But where to find food? According to my GPS there were no restaurants in Thermopolis so I rode another 10 kilometers up the highway to a larger city. Before I reached it I came across a massive fast food restaurant. Perfect. It was dark and cold outside and as I ate my meal I thought about where I was going to sleep. Again it was after 10pm. By the time I left and I was not very keen on riding into the city at that time of night. So I looked at the GPS to see if I could find somewhere to camp.</p>
<p style="text-align: justify;">There was only open farmland between me and the city. I was on a smaller road running parallel with the freeway when I found a big dark tunnel running under the freeway. I stopped for a look. It was fairly new and clean with a gravel floor and a small canal running through it. This will do, I thought, I&#8217;m too exhausted to look for anything else. So I set up my camp and slept with my down jacket on for warmth. Although there were odd splashing sounds coming from the canal I slept quite well. I was up and out of there before daybreak. On the road again.</p>
<p style="text-align: justify;">After these and a few other experiences I quickly learned that I needed to find better camping spots. Another thing that I was learning: Greek people are incredible hospitable. One afternoon I stopped at an out-of-the-way petrol station in the farmland of north central Greece. When I sat down to eat my orange the owner appeared. The old man an didn&#8217;t speak much English. But he sat with me as I told him what I was up to, with the help of some pictures. When I showed him the map of where I was planning to ride, he went inside and came back with a shot of vodka for me. He laughed as I coughed from the strength of it as he went to serve a customer.</p>
<p>    <div id="aesop-quote-component-6531-2"          class="aesop-component aesop-quote-component    aesop-component-align-center  aesop-quote-type-block   quote-left-right " style="background-color:#ffffff;color:#ffffff;height:auto;width:700px;">

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                <span>Watch out for bears!</span>
                            </blockquote>

            
            </div>
            </p>
<p style="text-align: justify;">The local farmer he was serving spoke a little English and joined us. We drank frapee and ate nuts as we looked out at Mount Olympus in the distance. I asked if I could camp behind the petrol station and he was happy to have me there. As a cyclist is always hungry I then asked where I could find food. He sent me to the little village 5 kilomters up the road to a small restaurant where I got a Souvlaki for 1 euro! When I was leaving the next morning I tried to pay him for everything. But he insisted I didn&#8217;t, saying &#8222;souvenir souvenir&#8220;. That was just one of the times people have been so welcoming and hospitable on my journey.</p>
<p style="text-align: justify;">That was all in the first few week. Since then I&#8217;ve been riding for two and half days through the Rhodope mountains of Bulgaria with no money or food except three small bags of peanuts. One night the police came visit me in my tent while camping next to the road. I&#8217;ve been humbled and inspired by meeting a huge variety of fellow travelers on their own adventures that make mine seem like a walk in the park. I even had a dog joyfully follow me up one side of the Carpathian mountains in the pouring rain when I felt like giving up for the day. And I was scared to shit when a bear wandered past my tent while camped in the forest.</p>
<p style="text-align: justify;">Every four or five days I would stop at hostels in towns and cities that I want to see more of. Like in the Hikers Hostel in Plovdiv, the second biggest city in Bulgaria, that I had never heard of but which looks amazing. I usually stay for a couple of days, which allowed me to meet lots of others travelers from all over the world. When I meet other cyclists we share experiences and talk about our bikes like we are formula 1 drivers. But in Plovdiv a 70-year-old Russian guy put us in our place. He was riding around the world since many years, and I shit you not, on what looked like a 12-year-old girl&#8217;s bike from the 80s. All he was carrying was a small backpack, a sleeping bag and a thin foam sleeping mat. Not even a tent. This was the toughest guy I&#8217;ve ever met. He had joy in his eyes and a cheeky grin on his face like a 15-year-old boy that was up to no good.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Surprised by rivalries between European countries</h2>
<p style="text-align: justify;">Also, while in Plovdiv I made friends and partied (a little too hard) with a group of fellow adventurers that had either recently finished or were currently on big journies like myself. It was very difficult leaving the hostel after having had such a great time with people that shared a common bond. I&#8217;ve continued to meet and befriend many more cool and crazy characters since.</p>
<p style="text-align: justify;">Being my first time out of Australia it&#8217;s funny to notice all the differences compared to home. Besides the obvious things like the incredible architecture and history in all the cities, it&#8217;s things like the animals I have liked most. I&#8217;ve grown up watching tv shows and movies with skunks and squirrels. They&#8217;re in all the cartoons but I&#8217;d never seen them before. I guess most people not from Australia feel the same way about kangaroos.</p>
<p style="text-align: justify;">But probably the biggest thing I&#8217;ve learned is how different and interdependent all these tiny countries are, the vast cultures, languages and rivalries have really surprised me. I had thought that considering the countries were so small and close together the people would be similar and happy to move around freely. But there seems to be a lot of stigma about neighbouring countries and old grudges that divide them.</p>
<p style="text-align: justify;">Overall I&#8217;m just so grateful to have spent time with the awesome people I&#8217;ve meet and befriended so far. I have my health and the opportunity to do what I&#8217;m doing. My plan is simple: just keep being cheerful in the face of adversity and soak up every bit of this crazy adventure as it comes. Because good decisions never make great stories!</p>
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		<title>Der Hüter der zehn Gebote</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Nov 2015 08:11:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Äthiopien]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Aksum]]></category>
		<category><![CDATA[Bibel]]></category>
		<category><![CDATA[Philipp Hedemann]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Zehn Gebote]]></category>
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					<description><![CDATA[Wo ist die Bundeslade, in denen die biblischen zehn Gebote aufbewahrt werden? Die Äthiopier glauben: in ihrer heiligen Stadt Aksum. Dort darf sie nur ein Mann pro Generation zu Gesicht bekommen. Unser Autor Philipp Hedemann hat den Erben von Moses besucht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/der-hueter-der-zehn-gebote/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Wo ist die Bundeslade, in denen die biblischen zehn Gebote aufbewahrt werden? Die Äthiopier glauben: in ihrer heiligen Stadt Aksum. Dort darf sie nur ein Mann pro Generation zu Gesicht bekommen. Unser Autor Philipp Hedemann hat den Erben von Moses besucht.</strong></p>
<div class="titelbu">Josua führt die Israeliten mit der Bundeslade über den Jordan, Gemälde von Benjamin West, 1800</div>
<div class="buch">Diese Reportage stammt aus Philipp Hedemanns Buch: <a href="http://shop.dumontreise.de/dumont/dumont-reihen/der-mann-der-den-tod-auslacht-dumont-reiseabenteuer-dumont-reiseabenteuer_pid_906_50145.html" target="_blank">Der Mann, der den Tod auslacht</a> (DUMONT Reiseverlag)</div>
<p style="text-align: justify;">Indiana Jones suchte 1936 in einem Abenteuerfilm die sagenumwobene Bundeslade im Auftrag der amerikanischen Regierung in Ägypten. Die Truhe, in der die in zwei Steinplatten geschlagenen Zehn Gebote aufbewahrt werden, sollte nicht den Nazis in die Hände fallen, die mit ihrer Macht die Weltherrschaft erlangen wollten.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach vielen Explosionen und Schlägereien und ein paar mittelmäßigen Scherzen gelangte »Indy« in einem U-Boot der Nazischergen schließlich mit der heiligen Truhe auf eine kleine Insel, erlebte dort, wie die Steintafeln den fiesen Nazis zwischen den Fingern zu Staub zerfielen und die entweihte Truhe in einer gewaltigen Feuersbrunst ihre zerstörerische Gewalt entfaltete.</p>
<p style="text-align: justify;">Steven Spielbergs »Indiana Jones: Jäger des verlorenen Schatzes« gewann vier Oscars, war 1981 der erste der weltweit erfolgreichen Filme über den berühmtesten Archäologen Hollywoods. In Äthiopien war der Film hingegen kein Kassenschlager. Denn hier weiß jeder: Das ist alles Quatsch! Die Bundeslade mit den Zehn Geboten, die Moses von Gott empfangen hat, liegt in Aksum, der heiligen Stadt im Norden Äthiopiens. Dorthin bin ich mit einem Freund gerade im Geländewagen auf schlechten Straßen unterwegs.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Im Angesicht mit dem Hüter</h2>
<p style="text-align: justify;">In der heiligen Stadt hat nur ein einziger Priester Zugang zum Allerheiligsten. Und dieser Mann steht jetzt keine zehn Meter von uns entfernt. Gerade ist er aus der schlichten Kapelle herausgetreten, in der angeblich das wohl größte Mysterium des Christentums verwahrt wird. Kaiser Haile Selassie ließ die trutzige Kapelle der Kirche St. Maria von Zion erbauen, um die Truhe, um die so viel Tamtam gemacht wird, sicher zu verwahren. Doch mittlerweile regnet es durch die Decke. Notdürftig und nicht gerade standesgemäß haben die Hüter des Schatzes das Dach mit einer weißen Plastikplane abgedeckt. Es ist, wie so Vieles in Äthiopien, nur ein Provisorium.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5339-19"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                               title="Das ist die Kapelle, in der die Bundeslade aufbewahrt sein soll. Foto: Philipp Hedemann">
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                                Das ist die Kapelle, in der die Bundeslade aufbewahrt sein soll. Foto: Philipp Hedemann
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<p style="text-align: justify;">Direkt nebenan wird gerade die neue Kapelle errichtet, die den Schatz in Zukunft sicher beherbergen soll. Noch ragen die Baueisen aus dem Mauerwerk des grauen Rohbaus. Abba Gebre-Mesqel, der Hüter der Zehn Gebote, schaut vorbei, um den Baufortschritt an seinem zukünftigen Wirkungsort zu begutachten. Er ist der einzige Mensch seiner Generation, der die Bundeslade zu Gesicht bekommen darf.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich möchte unbedingt von ihm erfahren, wie sie denn nun aussieht, die Bundeslade. Kirchendiener Zemichael verschafft mir eine Audienz bei dem hageren, alten, bärtigen Mann. Das dachte ich zumindest. Doch als ich zu Abba Gebre-Mesqel vorgelassen werde, streckt er mir nur sein großes, hölzernes Kreuz entgegen, das ich küssen darf. Als ich nach der Macht der Bundeslade fragen möchte, wendet er sich ab und verschwindet wieder in der Kapelle, in der die mächtigste Kiste der Welt lagern soll. Fotografieren ist, na klar, auch verboten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">So sieht die Bundeslade aus</h2>
<p style="text-align: justify;">Der einzige lebende Mann, der die Bundeslade je mit eigenen Augen gesehen hat, spricht also nicht. Doch die Bibel verrät ziemlich genau, wie die Truhe aussehen soll. Im zweiten Buch Mose gibt Gott ihm klare Anweisungen, wie er die Truhe zu bauen habe. Im Alten Testament klingt die Bauanleitung so:</p>
<blockquote>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Macht eine Lade aus Akazienholz; dritthalb Ellen soll die Länge sein, anderthalb Ellen die Breite und anderthalb Ellen die Höhe. Du sollst sie mit feinem Gold überziehen inwendig und auswendig, und mache einen goldenen Kranz oben herum. Und gieße vier goldene Ringe und mache sie an ihre vier Ecken, also dass zwei Ringe auf einer Seite seien und zwei auf der anderen Seite. Und mache Stangen von Akazienholz und überziehe sie mit Gold und stecke sie in die Ringe an der Lade Seiten, dass man sie damit trage; sie sollen in den Ringen bleiben und nicht herausgetan werden. Und du sollst in die Lade das Zeugnis legen, das ich dir geben werde.&#8220;</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5339-20"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                               title="So hat sich der Künstler Julius Schnorr von Carolsfeld die Bundeslade im 19. Jahrhundert vorgestellt.">
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                                So hat sich der Künstler Julius Schnorr von Carolsfeld die Bundeslade im 19. Jahrhundert vorgestellt.
                            </figcaption>

                            

                        
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        </p>
<p>&nbsp;</p></blockquote>
<p style="text-align: justify;">So soll sie also aussehen, die Lade, die beim Auszug der Israeliten aus Ägypten unter Moses den Bund Gottes (daher der Name Bundeslade) mit dem Volk Israel symbolisieren sollte. Fragt sich nur, ob sie tatsächlich in der baufälligen Kapelle liegt, vor der wir stehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Denn dubiose Schatzsucher – von den Kreuzrittern bis zu Archäologen mit zweifelhaftem Ruf – wollen sie schon auf dem Tempelberg in Jerusalem, in einem Tempel in Unterägypten, in einer Höhle bei Qumran am Toten Meer, im Heiligtum Ngoma Lugundru in Simbabwe und in geheimen Gängen im Berg Neboin in Jordanien gefunden haben. Doch Kirchendiener Zemichael ist sich sicher: &#8222;Die Bundeslade ist hier. In Aksum.&#8220; Selbst gesehen hat er sie natürlich nicht, doch er dient als Diakon seit Jahren dem Hüter der Zehn Gebote.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Salomon lockt Saba ins Bett</h2>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Menilek, der Sohn der Königin von Saba und König Salomons brachte die Bundeslade von Jerusalem nach Aksum&#8220;, erklärt Zemichael uns. Laut dem &#8222;Kebra Negest&#8220; (Ruhm der Könige), einem im 13. Jahrhundert in Äthiopien verfassten Bericht, erfährt die im 10. Jahrhundert vor Christus in Aksum regierende, sagenhaft schöne Königin von Sabba vom sagenhaft weisen König Salomon und besucht ihn in Jerusalem. Mit einem perfiden Trick lockt der schlaue König die schöne Königin ins Bett.</p>
<p style="text-align: justify;">Das bleibt nicht ohne Folgen. Als die Monarchin nach Äthiopien zurückkehrt, wird Menilek geboren. Als dieser zweiundzwanzig Jahre alt ist, reist er nach Jerusalem. Der unverhofft zu Vaterehren gekommene Herrscher versucht, Menilek zum Bleiben zu überreden, bietet ihm die Thronfolge an. Doch Menilek will zurück zu seiner Mutter nach Äthiopien.</p>
<p style="text-align: justify;">Salomon lässt den Sohn schweren Herzens ziehen, allerdings nicht ohne eine große Gefolgschaft. Auf der Heimreise erfährt Menilek, dass die Männer, die sein Vater ihm mitgegeben hat, ohne sein Wissen die Bundeslade mit den Zehn Geboten aus dem Tempel in Jerusalem haben mitgehen lassen. Als Salomon vom Diebstahl Wind bekommt, möchte er die Verfolgung aufnehmen, doch da wird Menilek auf wundersame Weise mit der Bundeslade nach Hause geflogen. Soweit, so logisch!</p>
<h2 style="text-align: justify;">Siebenfache Kraft der Sonne</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenn die Bundeslade also nach Aksum geflogen ist, warum darf sie dann niemand außer Abba Gebre-Mesqel sehen, frage ich seinen Diener. &#8222;Wir beschützen euch vor der Bundeslade, nicht die Bundeslade vor euch&#8220;, sagt Zemichael geheimnisvoll. Laut dem Kirchendiener soll die Truhe die siebenfache Kraft der Sonne besitzen. Wer sie mit eigenen Augen sähe, würde sofort erblinden, erlahmen und schließlich sterben. Ein bisschen wie bei &#8222;Indiana Jones&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;">Nur der jeweils von seinem Vorgänger auf dem Totenbett auserwählte Priester ist immun gegen die Wundermacht der Truhe. Alle anderen Menschen kann sie zerstören. Da mit dem Raub der Bundeslade die göttliche Gegenwart und Gnade von Israel auf Äthiopien übergegangen und Aksum Jerusalem als geistliches Zentrum der Welt abgelöst haben soll, gibt es natürlich viele Neider. In Äthiopien erzählt man sich gerne die Geschichte, dass selbst der nicht gerade für Zimperlichkeit bekannte israelische Geheimdienst Mossad schon versucht haben soll, die Bundeslade zurück nach Jerusalem zu bringen. Natürlich ohne Erfolg.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-5339-21"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                                Weitere äthiopische Abenteuer gibt es in Philipp Hedemanns Buch
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        </p>
<p style="text-align: justify;">Um Geheimdienstler, neugierige Touristen und Hobbyarchäologen vor sich selbst zu schützen, würden die Hüter der Bundeslade offensichtlich ziemlich weit gehen. Rund um die Kapelle, in der die Truhe verwahrt wird, sitzen Polizisten in blauen Tarnfleckanzügen mit Kalaschnikows auf dem Schoss. &#8222;Wenn jemand versuchen würde, in die Kapelle einzudringen, würden sie notfalls schießen. Zunächst auf die Beine, wenn das nicht reicht, auch auf den Oberkörper&#8220;, sagt Zemichael.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Glaube als Gewissheit</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich frage ihn, ob er verstehen könne, dass viele Ferenji (so nennt man in Äthiopien weiße Ausländer)  Zweifel daran hegen würden, ob die Bundeslade überhaupt in der Kapelle in Aksum liege. &#8222;Ja&#8220;, antwortet der fromme Diener. &#8222;Aber das ist euer Problem, nicht unseres. Wir wissen ja, dass sie da ist.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist diese Gewissheit, die das oftmals nicht einfache Leben in Äthiopien manchmal einfacher macht. Ich kenne einen äthiopischen Ingenieur, der seinem Gebet mehr vertraut als seinen statischen Berechnungen. Ich kenne einen Äthiopier, der Biologie studiert hat und überzeugt ist, dass wir von Adam und Eva abstammen und nicht von Lucy, der rund 3,2 Millionen Jahre alten Äthiopierin, deren Skelettreplik wir uns gemeinsam im Museum in Addis angeschaut haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich habe Historiker getroffen, die eher mündlich überlieferten äthiopischen Mythen vertrauen als naturwissenschaftlichen archäologischen Untersuchungsmethoden. Ich kenne einen äthiopischen Arzt, der in Amerika studiert hat und auf die Heilkraft des heiligen Wassers schwört. Ich habe viele äthiopische Freunde, die Mitleid mit mir haben, weil mir ihre Gewissheiten fehlen. Manchmal beneide ich sie.</p>
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		<title>Polofanten-Transport</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 Feb 2015 01:00:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Thailand]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Litz]]></category>
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		<category><![CDATA[Marcus Vogel]]></category>
		<category><![CDATA[Polo]]></category>
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					<description><![CDATA[Der thai­län­di­sche König lädt regel­mä­ßig zum gro­ßen Polo-Turnier - mit Ele­fan­ten statt Pfer­den. Die Tiere werden extra dafür von weit her geholt. Unsere Autoren haben das High-Society-Event besucht und saßen anschließend zwei Tage mit Elefanten auf der Ladefläche eines LKW.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/elefanten-polo-thailand/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left; max-width: 700px !important;"><strong>Der thai­län­di­sche König lädt regel­mä­ßig zum gro­ßen Polo-Turnier &#8211; mit Ele­fan­ten statt Pfer­den. Die Tiere werden extra dafür von weit her geholt. Unsere Autoren haben das High-Society-Event besucht und saßen anschließend zwei Tage mit Elefanten auf der Ladefläche eines LKW.</strong></p>
<p>    <div id="chapter-unique-3900-1"          class="aesop-article-chapter-wrap default-cover  aesop-component has-chapter-image aesop-chapter-full "
                 data-title="Polo beim König"
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                        <span>Polo beim König</span>

                                                    <small>Kapitel 1</small>
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<div class="autor" style="margin-top:20px !important">Text von <a style="color:#A71818" href="http://weltseher.de/autoren/christian-litz_/" target="_blank">Cristian Litz</a> &#038; Fotos von <a style="color:#A71818" href="http://weltseher.de/autoren/marcus-vogel/" target="_blank">Marcus Vogel</a></div>
<p style="text-align: justify;">Einmal landet der Armeehelikopter, der wachend über der königlichen Residenz kreist, hundert Meter weit weg vom Spielfeld. Die Elefanten sammeln sich in der Mitte des Felds, stehen im Kreis, berühren sich gegenseitig mit den Rüsseln. Fürchten sich wohl, trösten sich, warten. Es ist der ergreifendste Moment beim Elefantenpolo-Turnier. Das Elefantengemeinschaftsgefühl wirkt auch bei den Menschen. Der Moment ist zum Weinen sentimental.</p>
<p style="text-align: justify;">Prasop Tipprasert, ein lustiger, runder, quirliger Thailänder, sorgt schnell dafür, dass das Spiel unterbrochen wird. Erst als der Hubschrauber wieder weg ist, sind die Elefanten bereit weiterzuspielen &#8211; zum Vergnügen der High Society. Es sind vor allem reiche Menschen aus dem Westen, die hier im thailändischen Hua Hin eine Woche lang Elefantenpolo spielen. Hauptsächlich Engländer &#8211; aber auch Australier, Deutsche, Franzosen sowie ein paar US-Amerikaner und einige Thailänder. Söhne oft, die ein exklusives Hobby brauchen, was ganz Skurriles, um zu zeigen, dass sie reich sind. Und besonders.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Elefanten-Polo zum Tierschutz</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Einnahmen sind für das Elefantencamp in Lampang, eine Stiftung im Norden. Dort haben sie gerettete Tiere untergebracht, die illegal zum Holztransport eingesetzt und misshandelt wurden. Jedes der sechzehn Dreimannteams spendet 10.000 Dollar. Und das Hotel gibt 40 Prozent seiner Einnahmen (die Nacht kostet 300 Dollar) dem Elefantenfond. Doch die Tiere, die hier spielen, haben davon nichts. Sie kommen aus dem 700 Kilometer entfernten Surin und gehören Farmern. Wie Mr. Lee, er besitzt den größten der 34 Elefanten hier: die knapp drei Tonnen schwere Suwanlau. Auf ihr sitzt der Schiedsrichter. Alle Tiere beim Polo sind Weibchen, Männchen wären zu aggressiv.</p>
<p style="text-align: justify;">Prasop Tipprasert, der eben noch das Spiel unterbrochen hat, ist der Obermahout. So nennt man in Südostasien die Führer von Elefanten. Er arbeitet für das Elefantencamp in Lampang. Prasop trägt die Verantwortung für die Tiere, heuert sie und ihre Mahouts an, erklärt denen die Spielregeln, begutachtet die Elefanten. Er macht das im fünften Jahr, schläft im Resort, nicht in den Zelten und bekommt die teuren Whiskys vom Sponsoren in die Hand gedrückt. Im Gegensatz zu den anderen Mahouts, die mit den weißen Männern und Frauen nichts, gar nichts zu tun haben. Außer, dass sie die Elefanten lenken, mit einem Polospieler hintendrauf.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die &#8222;Shitkeeper&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Elefantenführer, das ist hier Männersache. Doch auch Frauen sind am Spiel beteiligt &#8211; als &#8222;Shitkeeper&#8220;. Sie rennen während des Spiels zu zweit mit einem großen Bastkorb aufs Feld und sammeln den fußballgroßen Elefanten-Dung, der ständig irgendwo landet, auf. Dafür bekommen sie umgerechnet knapp zwei Euro am Tag. Und ab und zu ein Danke schön. John Claytor, ein Amerikaner, der nicht nur mitspielt, sondern auch gern am Mikro kommentiert, ruft einmal laut: &#8222;Applaus für die Shitkeeper. Die Ladies machen einen Klassejob.&#8220; Alle klatschen. Die Frauen, die gerade den schweren Bast-Korb vom Platz schleppen, freuen sich. Sie sind sich der Würdelosigkeit des Ganzen nicht bewusst. Nur Prasop Tipprasert verzieht das Gesicht &#8211; und ich. Wir sehen uns an und verstehen uns. Von dem Moment an, am Nachmittag des zweiten Tages, war er anders zu mir.</p>
<p><div id="aesop-gallery-3932-9"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-3932" class="fotorama" 	data-transition="slide"
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<p style="text-align: justify;">Nach der Siegerehrung reißt Prasop Tipprasert die Hände hoch, lacht anders als er sonst lacht. Er hat ja oft gelacht in dieser Woche. Nun ruft er: &#8222;I am free. I am free.&#8220; Ein fragender Blick, es bricht aus ihm raus: &#8222;Das hier ist Luxus-Leben, nur Spiel. Das wahre Leben ist woanders.&#8220; Wo? &#8222;Willst Du es kennenlernen?&#8220; Ja. &#8222;Ist gefährlich. Heute Nacht werden die Elefanten abgeholt. Nach Surin. Zwei Tage Fahrt im Truck. Der ist offen. Ihr müsst mit den Elefanten hinten rauf, im Regen. Sonst gibt es keinen Platz. Aber es wär wirklich.&#8220; Ok. &#8222;Seid um Mitternacht hier.&#8220; Er schaut zweifelnd. Für Prasop bin ich einer derer, die nur gespielt haben, Elefantenpolo. Dekadenter Luxus.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Turnier in Hua Hin am Golf von Siam, der Sommerresidenz des Königs von Thailand, war gut getimed. Während der Spiele hat es kaum geregnet. Aber ab jetzt ständig und viel. Wir, Marcus, Fotograf und ich, sind am Treffpunkt um Mitternacht. Es ist niemand da, mit dem wir reden können. Mr. Lee, und einige andere, lächeln, nicken, sonst keine Kommunikation. Eine seltsame Nacht. Die Sonne geht gerade auf, als wir endlich Prasop Tipprasert ans Mobiltelefon bekommen. Er ist auf dem Weg nach Lampang, die ganz andere Richtung, mit zwei Babyelefanten. Er sagt: „Ihr wolltet das wahre Leben kennenlernen. Ich kenn es schon. Ich fahr heim.“ Ohh? „Warte, die Trucks werden kommen.“ Wann? „Keine Ahnung, morgen, übermorgen. Geduld.“ Prasop kündigt an, Kollege Prakorb Chamnankit werde vorbeischauen. Wir warten drei Tage, bleiben bei den Mahouts in einem umfunktionierten Camp der Armee.</p>
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																			<div class="aesop-stacked-caption">Mr. Lee und ein Elefant warten im Camp auf die Trucks.</div>
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                 data-title="Abtransport"
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                                    <h2 class="aesop-cover-title" itemprop="title">
                        <span>Abtransport</span>

                                                    <small>Kapitel 2</small>
                                            </h2>
                
                
            </div>

            <div class="aesop-chapter-overlay-content">
                            </div>
            
            </div>
            <br />
</p>
<p style="text-align: justify;">Dann kommen sie endlich. „Truck! Truck!“ Aufregung, Hektik. Mr. Lee packt eilig Säcke voll, Frauen rollen Matten zusammen. Nur kurze Eindrücke gibt es bei dem wenigen Licht, dem hohen Tempo. Aber klar ist, einige Mahouts schlafen noch auf den von der Armee gestellten Feldbetten. Greife Mr. Lee an die Schulter, deute mit dem Blick auf die Schlafenden. Er sagt: „One Truck, one Truck.“ Hält ein Handy hoch. Da! Der Motor ist zu hören. Die Scheinwerfer zu sehen. Tatsächlich. Wir werden die Elefanten heimbringen.</p>
<p style="text-align: justify;">Es regnet brutal. Durch die Zeltplane tropft überall das Wasser. Die Mahouts sind Besitzer der Elefanten, manchmal aber nur die Führer, dann heißen sie offiziell Salalis, Diener. Aber jeder nennt sie Mahouts. Klingt ehrenvoller. Einen Elefanten zu führen, ist schwer, man braucht sein Vertrauen, muss quasi mit ihm alt werden, von klein auf dabei sein. Elefant und Mahout, das sei was Ähnliches wie eine Ehe, sagen sie hier oft.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kommunikation mit Elefanten</h2>
<p style="text-align: justify;">Mit sechs Männern und fünf Frauen waren wir im einem Zelt. Alle kommen aus der Provinz Surin im Nordosten des Landes, an der kambodschanischen Grenze. Mit den Elefanten klappt die Kommunikation besser als mit den Menschen. Die tiefen dunklen Augen. Die Blicke. Düster, traurig, wissend, passend zur Stimmung. Als würden sie alles verstehen. Weise. Vor allem enttäuscht. Als Mensch liest man viel hinein in die Blicke, ahnt Ironie, Neugier, Tiefsinn, wo nur große Augen sind.</p>
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																			<div class="aesop-stacked-caption">Die Ladefläche dieses Lkw wird für 48 Stunden die Behausung für zwei Elefanten und unsere Autoren.</div>
																	</div>
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<p style="text-align: justify;">Der Truck, eine alte, klapprige Karre, Marke Hino, Viertonner, ist da. Unser Zeltgenosse Mr. Mu sucht Suwanlau, die größte der Elefantinnen. Er findet sie schnell, hakt ihr den Takor, die gefährlich aussehende Eisenharke ans Ohr, mit der die Tiere angetrieben und gelenkt werden. Er zieht daran. Redet mit ihr. Alles problemlos, alles schnell. Suwanlau ahnt vielleicht: es geht heim. Sie zögert kurz, geht aber allein auf den Wagen, der vom Damm der Piste nach unten gefahren wurde, damit sein Heck fast auf Höhe des Weges ist.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Neon im Norden</h2>
<p style="text-align: justify;">Mit Suwanlau kommt noch Mulrat, etwas kleiner, auf den Truck, dann das blaue Moped von Mr. Lee. Dazu ein paar Taschen, ein Pappkarton mit Kleidern, der am Ende der Reise wegen der Feuchtigkeit zerfällt. Auch ich und noch einige andere Leute nehmen auf der Ladefläche Platz.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Elefantenladen im Dunkeln dauert keine zehn Minuten. Abfahrt. Zuerst nach Norden, nach Bangkok, auf der Schnellstraße, vorbei an Neon, Neon, Neon, im Regen, alle Farben, schrille Spiegelungen auf der nassen Fahrbahn, schnelle gelbe, rote, schrillblaue Eindrücke, Reflektionen, Huschen, Surreales, Schillern, ein Rausch. Wir fahren schätzungsweise 40 bis 60 Stundenkilometer, überholen viele. Durch die Lattenroste der Seitenverkleidung sind Dörfer zu sehen, Städte, wenige Autos, viele Mofas. Tempo. Prasop hat gesagt, es komme auf die Geschwindigkeit an. Elefanten mögen es nicht wirklich auf dem Truck. Nachts muss gefahren werden, weil die Sonne sie zum saufen zwingen würde. Gut, dass es regnet. „Schlecht für dich, gut für die Elefanten.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die lange Reise der Polofanten</h2>
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<p style="text-align: justify;">Suwanlau, die links steht, hat Durchfall. Mulrat dagegen lässt nur alle zwei, drei Stunden, drei, vier fußballgrosse Dungknödel plumpsen. Suwanlau aber ständig. Ihre sind giftig grün und matschig. Mulrats braun. Suwanlau ist unruhig, trippelt viel mehr, Mulrat steht oft ganz still. Ich sitze einen Meter hinter Suwanlaus faltigem Hintern. Wenn sie mit dem langen Schwanz wackelt, trifft sie mich manchmal mit den harten Borsten. Stört sie nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Immer wieder mal reiben sie sich den halbtrockenen Schlamm von den Schädeln und den vorderen Rücken mit den Rüsseln ab. Der Fahrwind schleudert die Brocken nach hinten. Sie stechen im Gesicht. Der Laster rattert, quietscht, hat schlechte Federungen, selbst die Schnellstraßen sind uneben, ab und zu tut es richtig weh. Stehen kann man nicht immer. Jeder fällt zwei-, dreimal hin. Es riecht anfangs nach Diesel, später nach Urin und Scheiße. Die Elefanten stehen mit dem Kopf zum Fahrerhaus. Wir Menschen sind hinter ihnen, hinter uns das blaue Moped.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Überall Dung</h2>
<p style="text-align: justify;">Je länger die Fahrt dauert, desto häufiger trippelt Suwanlau. Manchmal reiben sich die beiden Elefanten aneinander, der Truck schwankt dann leicht. Stark, wenn sie sich an den Seitenwänden reiben, was sie am zweiten Tag oft machen, aber immer nur, wenn der Truck steht. Jedes Mal wenn Suwanlau den Schwanz anhebt, schreit jemand eine Warnung. Alle werfen sich nach hinten. Die Waden tun mir weh vom Dauerkauern in der Hocke. Zweimal hab ich Krämpfe. Weil überall Dung ist, kann man nirgends sitzen. Hunger.</p>
<p style="text-align: justify;">Gegen Mittag halten wir, essen an der Straße, Schweinefleisch, eigentlich Schweinefett, nur zu ertragen, weil es stark gewürzt ist. Wringe mein Hemd aus, krahme die Geldscheine aus der Tasche, sie sind völlig durchnässt, nur noch Papiermatsch. Kein Zahlungsmittel mehr. Das Geld in meinem kleinen Rucksack ist feucht, aber noch Geld. Die Salalis und die Frauen kommen nicht zum Essen. Mr. Lee schüttelt den Kopf. Der Lastwagenfahrer sagt: No, no. Weiter. Hinten auf dem Laster will niemand die in Bananenblätter eingewickelten süßen Teigstückchen, die ich mitbringe, essen. Peinliche Situation. Wahres Leben.</p>
<p>    <div id="chapter-unique-3900-3"          class="aesop-article-chapter-wrap default-cover  aesop-component has-chapter-image aesop-chapter-full "
                 data-title="Endlich in den Wald"
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                                    <h2 class="aesop-cover-title" itemprop="title">
                        <span>Endlich in den Wald</span>

                                                    <small>Kapitel 3</small>
                                            </h2>
                
                
            </div>

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            </div>
            <br />
</p>
<p style="text-align: justify;">Die Fart geht weiter, unerbittlich: die Elefanten produzieren Dung. Der Mann neben mir, Wahid, macht daraus eine Barriere, damit der Elefantenurin nicht zu uns fließt. Es regnet stark, und nach neun Stunden steht das Urinwasser so hoch im Truck dass es über die wadenhohe Barriere spült. Wahid flucht nicht. Ich schon. Wir spannen eine Plastikplane über den hinteren Teil der Ladefläche. An den Rändern der Plane läuft Wasser herab. In ihrer Mitte sammelt sich Wasser, beult sie aus. Eine Stunde später ist es zu schwer, läuft vorne, nahe der Elefanten, runter. Die Schnur der Plane kann die Wassermasse nicht mehr halten. Mein Sitznachbar Sunga rammt mit dem Takor ein Loch in die Plane. Wir haben einen Wasserfall im Truck, in der Mitte des Menschenteils.</p>
<p>        <div id="aesop-image-component-3900-22"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                                Mitpassagier Wahid hat aus dem Elefantendung eine Barriere gebaut, um den Urin der Tiere fernzuhalten.
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        </div>
        </p>
<p>&nbsp;</p>
<p style="text-align: justify;">Einmal schlafe ich kurz, auf dem Moped sitzend, Sunga hinter mir, Rücken an Rücken. Wir halten. Durch die Lattenroste der linken Seite schimmert ein Tankstellenschild. Will runter, da fährt der Laster wieder an. Hänge draußen. Kann zurückschwingen über die Klappe. Pinkeln ist ein seltsamer Vorgang. Zwischen die Holzlatten der Lastwagenwand muss ich während der Fahrt den Penis raushängen. Wie die Frauen das hier machen? Keine Ahnung. Nach knapp 48 Stunden auf der Straße mit einer Pause und zwei Minutenstopps bin ich mir sicher, die müssen einfach nicht während der Fahrt. Stopp an der Grenze der Provinz Surin. Mr. Lee geht mit Papieren zur Bude des Veterinäramts an der Straße, holt die Stempel. Kurz hört es auf zu regnen. Die Elefanten reiben sich an den Seitenwänden, bei jeder roten Ampel, der Wagen wackelt. In einem Ort namens Kamoohindact schießen die Rüssel hoch und schnappen sich Äste von Bäumen am Straßenrand. Holz knackt, der Baum wackelt, ein Ast fällt auf die Plane, mehr Wasser.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Endlich da</h2>
<p style="text-align: justify;">Am späten Morgen sind wir endlich da: in Surin. Fahren über mehrere Brücken, Mr. Lee dreht vorne das Autoradio so laut auf, dass hinten der chinesische Song zu hören ist und Mr. Lees Klatschen. Er freut sich auf sein Dorf. Krapo Tatum hat vielleicht 200 Einwohner. Wir sind da. Die Elefanten springen fast vom Truck, trotten zu den Bäumen. Sie sind happy, machen Krach wie Diesellaster, lassen Äste knacken.</p>
<p style="text-align: justify;">Zuhause bei Mr. Lee, seiner Frau, dem Teenager-Sohn, der nicht ein Wort sagt, dem kleinen Sohn, der nicht lacht. Essen auf dem Boden, schlafen auf dem Boden. Mr. Lee genießt es. Alle Leute des Dorfes kommen vorbei, schauen uns an wie was Besonderes, fragen „back of truck, back of truck?“ Wir sind Helden. Am frühen Abend sammeln sich viele im Matsch auf den flachen Holzgerüsten, reden, trinken Bier. Selbst Mr. Lee nimmt ein paar Schluck. Wir sind Hollywood, Entertainment. Geduscht wird mit einer Schöpfkelle hinterm Haus. Am Abend ziehen Frauen mit Wasserbüffeln und Kühen durch die Matschwege des Dorfes. Wenn es dunkel wird, ist Schluss, dann geht man schlafen in Krapo Tatum oder aber, man versammelt sich vor Mr. Lees Haus im Dunkeln.</p>
<p style="text-align: justify;">Mr. Lee muss einer der Reichen hier sein, er hat einen Pick-up, den einzigen. Er setzt, sobald er daheim ist, seine schicke Sonnenbrille auf. Führt mich zum Markt, wo ich für zwei Euro eine Hose, ein T-Shirt und ein Paar Flip-Flops kaufe. Hose, Schuhe, T-Shirt aus dem Truck werfe ich weg. Ich hatte einfach keine Ausrüstung für diese Geschichte, für das wirkliche Leben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wald und Karaoke</h2>
<p style="text-align: justify;">Mehr Trucks kommen an, immer mit zwei Elefanten hinten drauf. Die hauen sofort ab in die Wälder. Haben sich schon in Hua Hin kaum für Menschen interessiert, hier, in der Heimat, gar nicht mehr. Wir werden Mr. Lees Vater vorgestellt in Ban Sala, einem Nachbarort. Besuchen orange gekleidete Mönche in Ban Kha Po. Mr. Lee führt uns ins Restaurant am Fluss. Fisch, scharf, Bier, Karaoke. Mr. Chen singt mit viel Gefühl, in der richtigen Stimmlage, im Takt. Mr. Jam eher nicht so. Mr. Lee, würdevoll, gar nicht. Mr. Jam kann ein bisschen Englisch, erklärt, dass ich dran bin. Im Katalog ist ein Lied mit englischem Titel, „Money, Money“. Das wird es. Ist aber leider nicht von Abba. Immerhin wird der Text auf englisch und thailändisch über den Fernsehschirm gejagt. Ich rappe den Song. Danach ist sofort Schluss mit Karaoke. Keiner sagt ein Wort.</p>
<p style="text-align: justify;">Von Mr. Chen lerne ich, dass man für einen alten Elefanten etwa 2.000 Euro zahlen muss, für ein Baby das Doppelte, es wird ja länger leben. Der Besitzer eines männlichen Elefanten bekommt 200 Euro, für einmal „Pam, Pam“, sagt Mr. Chen. Er klatscht mehrmals in die Hände. 200 Euro aber nur, wenn ein Baby geboren wird. Elefanten werden bis zu 80 Jahre alt, wenn ich die Finger und Hände richtig gezählt habe, ab 15 Jahren „Pam, Pam“. Mr. Chen will, dass Marcus Elefantenpampam fotografiert. Zwei Nächte muss er in den Wald. Vergeblich.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Das wahre Leben</h2>
<p style="text-align: justify;">Am letzten Abend suche ich Suwanlau und Mulrat. Die große Suwanlau erkenne ich, sie mich aber nicht. Oder aber ich langweile sie. Mulrat entdecke ich nicht, sie ist so groß wie einige andere, für mich nicht mehr definierbar. Ein paar kleine Elefanten schauen mich neugierig an. Ab und zu sehe ich auch älteren in die Augen. Wieder dieser wissende, traurige Blick. Nach einer Woche bringt uns Mr. Lee im Pick-up dreißig Kilometer nach Surin zum Bus nach Bangkok. Zu zwölf Stunden Fahrt, mit Klimaanlage, ohne Elefanten. Das Abschiedsessen auf dem Markt: gehackte Hühnerleber, roh. Als wir in den Bus steigen, umarmt uns Mr. Lee. Sieht traurig aus. Sagt: „Come back, come back.“</p>
<p style="text-align: justify;">In Bangkok: Telefonat nach Lampang. Obermahout Prasop sagt, er komme am Wochenende, wir sollen uns unbedingt treffen. Am Sonntag in einer Bar. So geschieht es. Er lacht viel, freut sich und fragt viel. Ich höre raus: er kennt Surin kaum, aber stamme selbst vom Land, das Leben dort ahnt er. Fragt nach Details wie Dusche, Essen, dem Markt, will wissen, ob wir während der Fahrt geschlafen haben. Einmal, ich hab ihm vom Dammbruch auf dem Truck erzählt, lächelt er, sagt “Shitkeeper”. Sagt, nein, er habe das nicht als Schock-Therapie gedacht, nichts bewirken wollen. Sagt aber mehrmals: “Das ist wahres Leben. Kein Spiel. Wahrheit.”</p>
<p><div class="su-spacer" style="height:40px"></div></p>
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</div>
<p></p>
<h5 style="text-align: center !important;">Wie Christian zum Elefantenpolo kam, erfährst Du im</h5>
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</a></p>
<p style="text-align: center !important; margin-top: -30px !important;"><a href="http://weltseher.de/autoreninterview-mit-christian-litz/"><img class="autoreninterview" src="http://weltseher.de/wp-content/uploads/2014/06/Siehdiewelt.png" alt="Autoren-Interview" width="200" height="50" data-id="1480" /></a></p>
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		<title>Nur nicht den Kopf verlieren</title>
		<link>https://www.weltseher.de/flucht-vor-dem-is-im-irak/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 08 Feb 2015 22:17:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Irak]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[IS]]></category>
		<category><![CDATA[Islamischer Staat]]></category>
		<category><![CDATA[Marcus Karl]]></category>
		<category><![CDATA[Mossul]]></category>
		<category><![CDATA[Türkei]]></category>
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					<description><![CDATA[Auf seinen Reisen durch den Nahen Osten und Zentralasien landete unser Autor Marcus Karl auch im Irak. Genau zu der Zeit, als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Juni 2014 dort ihre Großoffensive startete. Die Geschichte einer Flucht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/flucht-vor-dem-is-im-irak/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Auf seinen Reisen durch den Nahen Osten und Zentralasien besuchte unser Autor Marcus Karl auch den Irak. Genau zu der Zeit, als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Juni 2014 dort ihre Großoffensive startete. Die Geschichte einer Flucht.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Da! Eine aufgewühlte Traube von Menschen vor einem Schaufenster. Bestimmt steht dort ein Fernsehgerät. Ich klettere auf einen Mülleimer, um über die Köpfe hinweg die Aufnahmen aus Mossul zu sehen. Brennende Busse und verkohlte Häuser, weinende Menschen, die zwischen Schutt und Asche sitzen. Erschütternde Bilder, die mich für einen Moment sprachlos machen. Schnell habe ich genug gesehen, springe zurück auf die Straße. Juri, der am Rand auf mich gewartet hat, blickt mich fragend an. Ich schüttle nur den Kopf: &#8222;Lass uns abhauen!&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Seit einigen Monaten reisen mein Freund Juri und ich durch die Länder des mittleren Ostens und Zentralasiens. Eine Mischung aus Neugier auf die Welt und Abenteuerlust treibt uns an. Die letzten Tage verbrachten wir in dem syrischen Flüchtlingslager &#8222;Kawergosk&#8220; im kurdischen Teil des Iraks, nahe der Kurden-Hauptstadt Erbil. Unser nächstes Etappenziel sollte Mossul sein, bevor wir den Nordosten des Landes erkunden.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch am Morgen unseres Aufbruchs nimmt Khaled, der Besitzer unseres Hostels, uns zur Seite: &#8222;Bad news, boys! They started to fight again in Mossul. Please don‘t go there.&#8220; Ich erkenne ernste Sorgen in seinem Gesicht, aber der Appell perlt an mir ab. Warnungen vor Gefechten, Aufruhr und Bombenanschlägen nehmen wir nicht mehr wirklich ernst. Immer wird irgendwo gekämpft, immer haben sich Leute in den Haaren. Dabei ernsthafte Gefahr und Übertreibung auseinanderzuhalten, ist nicht immer ganz einfach. Wir schaffen es einfach nicht mehr, zwischen Fakten und Gerede eine klare Grenze zu ziehen. Abgestumpft? Vermutlich sind wir das ein bisschen. Leichtsinnig kommen wir uns aber nicht vor.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Desinteresse mischt sich mit leichter Panik</h2>
<p style="text-align: justify;">Wir wollen nach Mossul oder zumindest hindurch, auf einen zeitraubenden Umweg haben wir nicht die geringste Lust. Ob dort wirklich gekämpft wird, darüber gibt es hier im Flüchtlingslager keine einheitliche Meinung. Einige winken müde ab. Nie im Leben wagten es die Kämpfer des Islamischen Staates (IS), die Kurden anzugreifen, hören wir. Die kurdischen Gebiete seien sicher, sagt man uns.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1" style="max-width:1200px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1200:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="160000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_fluechtlingslager_karl-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In dem syrischen Flüchtlingslager „Kawergosk“ im kurdischen Teil des Iraks hielt sich Marcus Karl auf bevor er in das knapp 20 Kilometer entfernte Mosul fahren wollte.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_kurden_tee_karl-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Zwischen Mosul und der türkischen Grenze machten Marcus und sein Freund Juri eine Pause in Dohuk. Dort war alles ruhig. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_karl_tee_karl-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Beim gemeinsam Tee mit den älteren Kurden wurde deutlich, dass die Männer in Dohuk nicht vor den Kämpfern des Islamischen Staates weichen wollen. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_grenze_karten_karl-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Im Grenzgebiet zwischen dem Irak und der Türkei trafen Marcus und sein Freund auf hilfsbereite Menschen, die ihnen Limonade spendierten.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1200px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_fluechtlingslager_karl-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_kurden_tee_karl-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_karl_tee_karl-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_grenze_karten_karl-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<p style="text-align: justify;">Nach etwas Zögern und weiteren eindringlichen Warnungen und Bitten unserer Freunde lenken wir ein. Wenige Stunden später holpern wir durch eine karge Steinwüstenlandschaft in einem alten Mercedes-Benz zurück nach Erbil. Statt ängstlich bin ich eher genervt und gereizt. Ich blicke zu meinem Reisegefährten. Juri, mit seinen Anfang zwanzig, hat noch nicht den Hauch von Sorgenfalten in seinem Gesicht. Und wie immer lässt sich keine Stimmung bei ihm erahnen. Stoisch sitzt er neben mir. Nach ein paar Kilometern wechselt die Staubpiste zu Asphalt und kurze Zeit später sind wir in Erbil. Hier bringen die Nachrichten vom IS die Stimmung der Bevölkerung langsam zum brodeln. Während die einen noch völlig desinteressiert sind, geraten andere in leichte Panik.</p>
<p style="text-align: justify;">Die ersten Fernsehsender berichten über Kämpfe. Mein E-Mail-Postfach quillt über vor Anfragen aus der Heimat: &#8222;Geht es euch gut?&#8220; – ist die häufigste Frage. Unschlüssig beraten wir uns. Was sollen wir machen? Hier bleiben oder die Beine in die Hand nehmen. Wir könnten nach Mossul fahren und von ganz vorne berichten, wir könnten in Erbil bleiben und mit den Flüchtlingen sprechen. Oder wir könnten abhauen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Die schneiden euch die Köpfe ab&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Gemeinsam entscheiden wir uns, noch einen Tag in der kurdischen Hauptstadt auszuharren, die ganze Sache zu überschlafen und am nächsten Morgen mit frischen Informationen einen Plan zu schmieden. Mit dem nächsten Tag kommen auch die ersten Videoaufnahmen aus dem kaputtgeschossenen Mossul. Die Fernsehsender berichten von kilometerlangen Staus, von Flüchtlingen und den Kämpfen. Jetzt wird auch uns klar: Wir müssen weg.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Bilder aus Mossul im Schaufenster sind ziemlich eindeutig. Aber erst die E-Mail eines Freundes, der für den &#8222;Spiegel&#8220; arbeitet, überzeugt uns: &#8222;Lieber Marcus, hau da bloß ab. Diese Leute vom IS sind der Teufel. Die warten nur auf Jungs wie euch, um euch die Köpfe abzuschneiden. Weg da.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Meinen Kopf will ich behalten und Juri hat auch kein Interesse am Verlust seines Hauptes. Eines ist somit klar: Wir wollen einfach nur weg! Doch in welche Richtung sollen wir fliehen? Nach Osten in den Iran? Dafür bräuchten wir Visa und bis die ausgestellt sind, vergehen Wochen. Nach Westen Richtung Syrien geht auch nicht, denn dort herrscht seit Jahren ein blutiger Bürgerkrieg, außerdem kommen die IS-Kämpfer genau aus dieser Richtung. Im Süden gibt es nur mehr vom Irak und dort ist es auch nicht mehr sicher. Die Kämpfer des Islamischen Staates seien auch in dieser Region auf dem Vormarsch, heißt es. Also bleibt uns nur der Norden, in die Türkei. Dummerweise liegt Mossul direkt zwischen uns und der Grenze.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Eine Umgehungsstraße durch die Wüste</h2>
<p style="text-align: justify;">Einheimische lotsen uns zu einer Kreuzung, von der die Sammeltaxis in Richtung Norden starten. Dort erfahren wir, dass es wegen der Kämpfe bereits eine improvisierte Straße mitten durch die Wüste gebe und Mossul umgehe. Bei den Taxis ist die Hölle los. Viele Fahrer haben ihre Preise drastisch erhöht und diskutieren mit fuchtelnden Händen herum. Es gibt aber immer noch ein paar, die fair sind und zum üblichen Preis fahren. Es dauert eine ganze Weile bis wir eins finden, das uns in den Norden bringt.</p>
<p style="text-align: justify;">Immer wieder hören wir, dass wir lieber bleiben sollen. Erbil werde als letztes fallen, wenn überhaupt, so versichert man uns. Doch die Warnungen aus der Heimat haben uns mehr als alarmiert: Wenn die Kämpfe nach Erbil kommen, dann aber bitte ohne uns. Wir lassen die Stadt hinter uns und fahren über die Straße gen Norden. Wir haben Angst in einen Stau zu geraten, aber der ist nur auf der anderen Straßenseite &#8211; die Leute fliehen nach Erbil, wir fliehen aus Erbil.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach einer guten Stunde durch die Wüste haben wir Mossul ohne Zwischenfälle umfahren. Keine Spur von Kampfhandlungen. Am Abend erreichen wir Dohuk. Die Stadt liegt nördlich von Mossul. Hier ist alles ruhig. Die alten Männer sitzen Tee trinkend auf der Straße und tragen ihre farbenfrohen, traditionellen Kleider, die Bauchbinde und den Turban. Sie haben feste Blicke und wirken entschlossen – das sei ihr Land, niemand werde es ihnen nehmen können, sagen sie uns. In meiner Phantasie springen die betagten Herren gleich auf Pferde und reiten als wilde Horde mit Gewehren in den Händen dem Feind entgegen. Ich schäme mich für diese romantische Vorstellung.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Zigaretten, Schmuggler und keine Prise Mitleid</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Weiterfahrt nach Zahok und zur Grenze klappt ohne Probleme. Unser Fahrer lässt uns an einer Tankstelle wenige Kilometer vor der Grenze raus. Zu unserem Glück steht direkt vor unsere Nase ein weiteres Sammeltaxi mit noch zwei freien Plätzen. Der Fahrer bedrängt uns, bei ihnen mitzufahren. Nachdem wir den Preis passiv, also durch ignorieren, abgelehnt und ihn von 20 US-Dollar pro Kopf auf fünf für uns beide runtergehandelt haben, stimmen wir zu. Die Typen sind uns zwar weder geheuer noch sympathisch, aber bei dem Preis werden wir bequem und faul. Vor der Abreise kaufen wir noch schnell zwei Stangen Zigaretten.</p>
<p><div id="aesop-parallax-component-3957-1"  class="aesop-component aesop-parallax-component ">
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									var height 			= obj.height(),
										offset 			= obj.offset().top,
										scrollTop 		= $(window).scrollTop(),
										windowHeight 	= $(window).height(),
										floater 		= Math.round( (offset - scrollTop) * 0.1),
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									{
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																		   var dist = (obj.parent().height())*0.33;
																		
									
									if (direction =='right') {									
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										obj.css({'transform':'translate3d(0px, -'+ ratio*dist+'px, 0px)'});
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										obj.css({'transform':'translate3d(0px, '+ ratio*dist+'px, 0px)'});
									}
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								$(window).scroll(function() { scrollParallax3957_1(); });
							
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		</div>

		</p>
<p style="text-align: justify;">An der irakischen Grenze öffnet ein Beamter die Wagentür, fragt etwas, vermutlich nach zu verzollenden Gütern und flugs zeigen diverse Finger auf uns. Nun stellt der Grenzer uns freundlich Fragen. Wir antworten mit den Zigarettenstangen in unseren Händen. Damit verliert der Beamte sein Interesse an uns, doch die anderen Insassen haben sich in seinen Augen verdächtig gemacht. Wer Ausländer verpfeift, hat selber Dreck am Stecken.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Gefährt wird gründlich auseinandergenommen und nach einer halben Stunde purzeln aus der Dachverkleidung stangenweise Zigaretten. Großes Gejammer, unser Mitleid hält sich in Grenzen. Zu Fuß geht es über den Grenzfluss. Wir sind inzwischen müde und abgekämpft. Mit schweren Gliedern marschieren wir über die Brücke, ein fauliger Geruch liegt in der Luft. Es muffelt nach verrottetem Müll, der bei dem niedrigen Wasserstand das Tageslicht erblickt. Doch es wird noch einmal ernst. Die letzte Hürde liegt vor uns. Nach außen gebe ich mich gelassen, innerlich zittere ich aber.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Rache aus der Vergangenheit</h2>
<p style="text-align: justify;">Wir nähern uns dem türkischen Kontrollhäuschen, in meinem Geldbeutel schlummern knapp 150 Euro in kleinen Dollarscheinen. Eine gute Summe, um einen Grenzer bei Bedarf milde zu stimmen oder eben eine fällige Gebühr zu zahlen. Vor ein paar Jahren besuchte ich die Türkei und bekam wegen einer Überziehung meines Visums ein Einreiseverbot. Eigentlich nicht so schlimm, war ja das Einreiseverbot an ein Bußgeld geknüpft. Das hatte ich bislang nur noch nicht gezahlt. Ein Teil von mir spekuliert, während ich mich dem Grenzhäuschen nähere, dass die Datenpflege bei den türkischen Grenzern nicht ganz so ordentlich ist. Leider täusche ich mich.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein freundlicher Mann in Uniform begrüßt uns und stempelt die Pässe – auch meinen. Doch in dem Moment, in dem sein Stempel auf meine Papiere klopft, heftet sich sein Blick an den Bildschirm und seine Augen weiten sich. Der Stempel rumst auf die Unterlage und ein sorgenvoller Laut entweicht dem Grenzer. Um Missverständnisse auszuräumen, fragt er noch einmal nach: &#8222;War ich jemals zuvor in der Türkei? So ungefähr vor vier Jahren?&#8220; Als ich seine Fragen bejahe, schüttelt er mitleidig den Kopf. Eine Einreise ist leider nicht möglich. Juri dürfte rein, ich nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich wedele noch verzweifelt mit den Geldscheinen, aber da ist erst einmal nichts mehr zu machen. Ich kann es aber noch einmal bei der Grenzpolizeistation versuchen, ermutigt der Beamte mich, wünscht mir viel Glück und annulliert mit einem Kugelschreiber den Einreisestempel. Ich stehe noch kurz unentschlossen vor seinem Häuschen, wir tauschen letzte Blicke, seiner mitleidig, meiner wehleidig.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Sonne läuft zur Höchstform auf und die weitläufige Asphaltfläche glüht, während wir die 500 Meter zur Wache zurücklegen. Ein ungutes Gefühl steigt in mir auf. Nachdem wir das Büro der Polizei betreten haben, blickt ein Beamter kurz auf meinen Pass und danach in die Datenbank. Die ganze Prozedur wird mit einem Kopfschütteln beendet, das keinen Widerspruch duldet. Jetzt haben wir den Salat, und zwar beide, der Polizist und ich.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Ich bleibe hier!&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Es entsteht eine angespannte Situation: Wir haben uns beide fest vorgenommen, nicht klein beizugeben. Ich habe schließlich nichts zu verlieren, außer meinen Kopf und das am ehesten, wenn ich wieder zurückfahre. Ich will da jetzt rein. Ein irrwitziger Dialog beginnt:</p>
<p style="text-align: justify;">Polizist: &#8222;Nun ja, Sie haben die einjährige Frist verpasst, um sich wieder in die Türkei einzukaufen, jetzt müssen sie fünf Jahre warten … einen Moment … also Sie können im kommenden Frühling wieder einreisen.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Ich: &#8222;Wie, weil ich nicht nach einem Jahr bezahlt habe, sind Sie nun eingeschnappt? Aber Sie haben schon mitbekommen, dass im Nordirak ein Krieg begonnen hat und ich unmöglich da bleiben kann?&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Er: &#8222;Also in solchen Fällen müssten Sie zum Konsulat in Mossul …&#8220;<br />
Ich: &#8222;… das gestern überfallen wurde und wo man die komplette Belegschaft der türkischen Botschaft verschleppt hat?&#8220;<br />
Er: &#8222;Ja, richtig. Also dann müssten Sie am besten nach Bagdad und dort in die Botschaft.&#8220;<br />
Ich: &#8222;Bagdad? Dahin zielt doch die ganze IS-Offensive, das geht nicht! Soll ich da durch die Frontlinie spazieren? Ich bleibe hier!&#8220;<br />
Er: &#8222;Ne …&#8220;<br />
Ich: &#8222;Doch …&#8220;<br />
Er: &#8222;Ne!&#8220;<br />
Ich: &#8222;Doch! Ernsthaft!&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Der Polizist ist von meiner Hartnäckigkeit leicht verwirrt und drückt mir ein Telefon in die Hand. Ich solle mal mit jemandem von meiner Botschaft in Ankara sprechen. Die Botschaft &#8211; ich schöpfe Hoffnung, um gleich wieder enttäuscht zu werden. Eine freundliche Stimme will mich mit der Begründung abwimmeln, sie seien nicht für mich zuständig, da ich nicht eingereist sei. Ich bestehe jedoch darauf, da ich den Grenzfluss bereits überquert habe und die türkische Polizei inzwischen zur Vorsicht meinen Pass einkassiert hat.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wäre ich doch nur ein Amerikaner</h2>
<p style="text-align: justify;">Daraufhin lenkt der Mann von der Botschaft ein und möchte nun doch gerne helfen. Wenn ich wolle, könne er veranlassen, dass ein Antrag gestellt werde, das dauere aber erfahrungsgemäß zwei bis drei Monate. So lange wollte ich aber nicht an der Grenze warten. &#8222;Was gibt es für Alternativen?&#8220;, frage ich ihn. Antwort: keine. Und eigentlich sei die Botschaft auch erst richtig zuständig, wenn ich im Gefängnis säße. Ich seufze und lasse mir die Durchwahl für den Fall der Inhaftierung geben.</p>
<p style="text-align: justify;">Kemal, mein dolmetschender und nun zuständiger Polizist ist über meine lahme Botschaft entsetzt und hält mir ein Impulsreferat, wie vor einiger Zeit ein US-Amerikaner ähnliche Probleme hatte. Der sei aber bereits einen Tag später von seiner Botschaft zurück in die USA geflogen worden. Wir schütteln beide den Kopf über die Politik. Inzwischen scheint Kemal auch das Ausmaß des ganzen Problems bewusst zu sein.</p>
<p style="text-align: justify;">Obwohl Kemal zur Grenzpolizei gehört, die mich gerade nicht reinlassen will, scheint er auf meiner Seite zu sein. Wir gehen vor die Tür. Kemal ist hochgewachsen, die Haare liegen akkurat und seine Augen sind ehrlich. Wir mögen uns. Kemal verspricht, irgendeinen Eilantrag zu stellen, gibt mir eine Zigarette und malt mit seinem Finger unsichtbare Linien über das Areal. Hier und dort darf ich mich ab jetzt bewegen, der Rest ist strengstens verboten. Wenn ich da hinlaufe, kann er mir auch nicht mehr helfen. Selbstverständlich kann ich solange auf der Grenze leben, bis die Sache geklärt ist. Schlafen könnte ich vielleicht in dem Trucker-Restaurant, da gibt es auch Cola und Tee. Ich muss nur versprechen, nicht heimlich über die Grenze zu laufen oder mich in einem Truck zu verstecken.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Später, morgen oder in einem Vierteljahr</h2>
<p style="text-align: justify;">Mist, genau das spukt mir schon die ganze Zeit durch den Kopf. Sobald ich über die Grenze renne, muss man mich inhaftieren und in die EU abschieben. Aber das könnte teuer werden und wer weiß, wie lange ich dann im Gefängnis bleiben muss. Aber gut. Versprochen ist versprochen, wir werden sehen, was die nächsten Stunden bringen. Zudem hat Kemal herausgefunden, dass mein Bußgeld inklusive Säumnisgebühr 220 Euro beträgt. Und er ist sich sicher, dass es spätestens morgen früh Neuigkeiten geben wird. Es könne aber auch, schiebt er hinterher, zwei bis drei Monate dauern.</p>
<p style="text-align: justify;">Aha! Verstehe. Später, morgen oder in einem Vierteljahr. Das hatte ich befürchtet. Die Verantwortlichen haben mit dem ausufernden Krieg im Nachbarland und den entführten Konsulatsleuten sicherlich genug um die Ohren. Da wird so ein nerviger Deutscher selbstverständlich auf die lange Bank geschoben. Resignation und Hoffnung stehen nun im knallharten Konkurrenzkampf in mir. Die Angst ist mittlerweile verpufft. Hier bin ich sicher. Jetzt heißt es warten und genau das hasse ich. Wir schlendern ins Restaurant. Dort hängen mindestens zwanzig Trucker herum und warten auf die Zollabfertigung, erfahrungsgemäß können sie morgen Mittag weiterfahren.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Heile Welt zwischen den Grenzen</h2>
<p style="text-align: justify;">Eine gute Zeit zum Plaudern und Freundschaften schließen. Wir sitzen keine fünf Minuten alleine an einem Tisch, da stellt uns Trucker Ersan eine zwei Liter Flasche Pepsi auf den Tisch. Trucker Ahmed zieht nach und kauft uns Kekse. Mit meinen rudimentären Türkischkenntnissen erkläre ich optimistisch, dass auch wir hier bis morgen warten werden.</p>
<p style="text-align: justify;">Dass ich versuche, Türkisch zu sprechen, lässt den Rest aufhorchen und nach kurzer Zeit sind wir mit allen Truckern bekannt, das Personal wird ebenfalls neugierig. Gemeinsam spielen wir Schach und schauen die WM-Eröffnung im Fernseher an. Die Restaurantbelegschaft lädt uns zu ihrem Abendessen ein und mit den Truckern studieren wir die Landkarten für unsere Weiterreise.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Schrecken der letzten Tage sind an diesem Ort weit weg, in Gedanken düse ich bereits durch die Türkei. Wir singen ein paar Stücke, begleitet von meiner Gitarre, die Brummifahrer tanzen und kontern mit traditionellem Liedgut. Zum Sonnenuntergang versammeln wir uns auf der Terrasse und studieren gegenseitig Familienfotos.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Warten, warten und noch mehr warten</h2>
<p style="text-align: justify;">Spät am Abend besuchen wir noch einmal Kemal. Leider gibt es keine Neuigkeiten. Ich hatte aber auch mit nichts anderem gerechnet. Es wird Nacht und wir dürfen in der Kammer für die Angestellten des Restaurants schlafen. Am nächsten Morgen gibt es Frühstück. Danach beginnt das qualvolle Warten. Wir lesen unsere Bücher inzwischen zum zweiten Mal und schlürfen literweise Tee, wir spielen unzählige Runden Schach und in regelmäßigen Abständen spazieren wir zur Polizeistation und zurück &#8211; jedes Mal hängt unser Kopf etwas tiefer.</p>
<p style="text-align: justify;">Kemal klebt am Telefon, er bemüht sich und wird nicht müde zu erwähnen, dass es wirklich nichts Persönliches sei. Jeder Türke, ganz besonders er, wäre über meine Einreise erfreut. Aber diese Politiker, diese Bürokratie &#8230; Ich nicke bedeutungsschwer und werde verdrossen. Wütend trete ich vor dem Restaurant gegen eine Dose. Das erzeugt ungewollte Aufmerksamkeit. Langsam begreifen unsere Truckerfreunde, dass irgendetwas nicht stimmt.</p>
<p style="text-align: justify;">Mir fehlt das Vokabular den ganzen Sachverhalt entsprechend zu erklären, meine Mitschuld zu erläutern. Aber die Tatsache, dass man uns nicht passieren lässt, wird verstanden und erzeugt größten Unmut in unserer Restaurantgemeinde. Die Männer scharren sich zusammen und schaukeln die Stimmung hoch, die Luft brennt. Wir haben anscheinend den wunden Punkt der berühmten Gastfreundschaft berührt und nur schwer können wir den Mob davon abhalten, pöbelnd in die Wache zu rennen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Zurück Richtung IS</h2>
<p style="text-align: justify;">Dann geschieht etwas Unerwartetes: Ein Freund aus Deutschland schickt eine SMS, dass in knapp 20 Stunden ein Flug von Erbil nach Frankfurt zu haben sei. Der letzte freie Platz für 250 Euro. Das sind nur 30 Euro mehr als das Eintrittsgeld in die Türkei. Wir wägen ab und sprechen erneut mit Kemal. Keine Neuigkeiten. Wir beratschlagen uns zu dritt. Bis 14 Uhr könnte noch eine Nachricht vom zuständigen Büro kommen, danach ist Feierabend und Wochenende.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich habe die Wahl: Hier warten, ohne Erfolgsgarantie, oder eine riskante Rückreise. Denn zwischen uns und Erbil liegt immer noch das umkämpfte Mossul. Und wer weiß, wie es dort mittlerweile aussieht. Ob die Straßen noch frei sind? Wir beschließen vorerst zu warten, hoffen. Beim letzten Gang zur Polizeistation werden wir von Kemal bereits mit einem Kopfschütteln an der Tür erwartet.</p>
<p style="text-align: justify;">Juri nimmt den Landweg, ganz legal über die Türkei nach Europa. Ich trete den geordneten Rückzug an. Die irakischen Grenzer staunen nicht schlecht, als ich nach eineinhalb Tagen zurückkehre, schon wieder zu Fuß. Aber für lange Erklärungen ist nun keine Zeit. Ich bringe das obligatorische Begrüßungstee-Trinken schnell hinter mich und stoppe ein Sammeltaxi. Ich habe noch knapp 16 Stunden bis zum Abflug, der Weg dauert gute acht bis zehn Stunden, exklusive diversem Umsteigen. Jetzt darf nichts mehr schief gehen. Wenn ich den Flug verpasse, sitze ich bis zum Hals im Schlamassel. Sofern ich noch einen Hals habe.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Ein heiliger Krieger mit Gitarre, das passt nicht</h2>
<p style="text-align: justify;">Erst als mich die ersten Soldaten bei einem Checkpoint aus dem Wagen zerren, wird mir bewusst, wie verdächtig ich mich gerade verhalte. Man weiß inzwischen, dass viele europäische Extremisten bei der IS-Miliz mitmischen und ich befinde mich gerade auf direktem Weg Richtung Front. Ungünstig, dass ich mir für die Reise einen riesigen Bart habe stehen lassen. Wäre ich ein Polizist, hätte ich einen Typen wie mich in jedem Fall genauer untersucht und befragt, vielleicht über Nacht da behalten. Aber genau das darf jetzt nicht passieren.</p>
<p style="text-align: justify;">An dieser Stelle ist meine Gitarre der rettende Faktor. Bei jeder Kontrolle inspizieren die Beamten mein Gepäck. Jedes Mal muss ich die Instrumentenhülle öffnen. Es könnte schließlich auch eine Waffe darin sein. Drei Mal muss ich für die cleveren Soldaten ein paar Akkorde greifen, um zu beweisen, dass es sich bei dem Instrument nicht nur um eine geschickte Täuschung handelt. Belohnt wird meine Fingerfertigkeit mit Schokolade oder Limonade. Ein heiliger Krieger mit Gitarre, das passe nicht, erklärt mir ein Polizist. So passiere ich unzählige Kontrollen und komme nach vielen Stunden Autofahrt am Abend in Erbil an.</p>
<h2 style="text-align: justify;">In Erbil ist der Krieg noch nicht angekommen</h2>
<p style="text-align: justify;">Hier scheint die Welt, von dem was ich zu sehen bekomme, noch einigermaßen in Ordnung. Etwas mehr Militär kann ich in den Straßen sehen, etwas mehr Polizisten laufen durch die Viertel, sonst scheint alles wie immer. Trotz spätester Stunde öffnet der Wirt meiner Lieblingsteestube noch einmal seine Türe. Ich gönne mir auf den Stress eine Wasserpfeife und spiele ein paar Runden Backgammon mit dem Kellner. Er lacht über meine Geschichte und sagt, ich solle mir keine Sorgen machen. Ich entspanne mich. Ich fühle mich wieder sicher.</p>
<p style="text-align: justify;">Dann geht plötzlich alles ganz schnell: Nach einer kurzen Nachtruhe drücke ich mein letztes Geld einem uralten syrischen Flüchtling in die Hand und fahre zum Flughafen. Alles verläuft reibungslos. Keiner stellt Fragen, nur ein Polizist gibt mir auf den letzten Metern noch einen Tipp: Mit meinem Aussehen sollte ich hier besser verschwinden oder mich endlich rasieren. Vielen Dank!  Landung in Berlin, der Bundespolizist im Kontrollhäuschen schaut mir vom Pass ins bärtige Gesicht und sagt: &#8222;Guten Tag! Danke schön! Weitergehen!&#8220; Ich bin selbst überrascht, wie reibungslos es geht. Ein paar Stunden später sitze ich bei einem Freund auf der Couch und berichte von meiner Reise. Plötzlich fließen mir Tränen über das Gesicht. Die Gefahr, in der ich gesteckt hatte, wird mir erst jetzt, Tausende Kilometer entfernt, wirklich bewusst.</p>
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