Textilindustrie in Bangladesch

Für ein paar Dollar am Tag

Bangladesch gilt als der zweitgrößte Textilhersteller der Welt. Im April 2013 stürzte eine der vielen Fabriken des Landes in sich zusammen. Über 1.100 Menschen starben bei dem Unglück in Dhaka. Seitdem hat sich einiges geändert.

Es klappert und rattert. Tausende Hände ziehen flink Stoffteile über die Stichplatten. Hier ein Ärmel, dort eine Knopfleiste. Das Tempo ist schwindelerregend. Die Köpfe über die Nähmaschinen gebeugt sind die Arbeiter in der Textilfabrik in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka in ihre Aufgabe vertieft. Hunderte Frauen und Männer arbeiten an schmalen Arbeitsplätzen in einer weitläufigen Halle, manche barfuß im traditionellen Kamiz, andere tragen weiße Kittel und Häubchen, manche auch einen Mundschutz. Viele blicken kurz auf, als der Junior Managing Direktor durch die Reihen geht.

Raiyan ist ein sympathischer junger Mann, er lächelt viel, tritt bescheiden auf. Sein Vater hat die Firma in Dhaka vor mehr als 30 Jahren aufgebaut. Nach Abschluss seines Studiums in den USA sei sein Vater 1975 als Chemieingenieur in sein Heimatland zurückgekehrt, erzählt Raiyan. Bangladesch hatte erst wenige Jahre zuvor, 1971, in einem blutigen Krieg mit Pakistan seine Unabhängigkeit errungen und war von Ostpakistan zum „Land der Bengalen“ geworden. Das kriegserschütterte Land habe vor allem neue Arbeitsplätze gebraucht, sagt Raiyan. Die Fabrik war nach eigenen Angaben die siebte in Bangladesch, heute gibt es laut Raiyan mehr als 5.000 Fabriken.

Nach dem Einsturz des Rana Plaza im April 2013 wurden gut ein Dutzend Fabriken aus Sicherheitsbedenken geschlossen. Das neunstöckige Fabrik- und Bürogebäude war wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Mehr als 1.100 Menschen, vor allem Frauen, starben bei dem Unglück. Am Tag vor der Katastrophe hatte die Polizei an den Mauern Risse festgestellt und das Gebäude gesperrt. Dennoch erschienen vor allem Näherinnen zur Arbeit, offenbar da die Fabrikleitung darauf gedrungen hatte. Der Fabrikbesitzer wurde festgenommen.  Nach Angaben des Untersuchungsberichts war grobe Fahrlässigkeit Schuld für das Unglück. Zudem sei das Baumaterial minderwertig und nicht für die Größe und Höhe des Gebäudes geeignet gewesen.

Für 2,80 Dollar am Tag

Raiyan weiß, dass Arbeitsbedingungen in Textil-Fabriken in Bangladesch ein viel diskutiertes Thema sind. Er sei mehrfach vor allem in Sozialen Netzwerken mit Vorwürfen konfrontiert worden, vor allem unmittelbar nach dem Einsturz. Umso wichtiger sei es, dass endlich die Regierung, die Produzenten und die Kunden ihre soziale Verantwortung ernst nähmen, betont Raiyan. „Der Mindestlohn in Bangladesch liegt mittlerweile bei 68 Dollar im Monat, rund 80 Prozent mehr als vor dem Einsturz“, erzählt er. Das sind  gut 2,80 Dollar pro Werktag. In der Firma der Familie werde den Arbeitern nach eigenen Angaben etwa 20 Prozent mehr gezahlt. Nach einem ersten Auftragseinbruch und Einbußen aufgrund des gestiegenen Mindestlohns laufe das Geschäft  wieder.

Doch der Druck durch die Auftraggeber sei hoch. An den Wänden im Treppenhaus hängen Zertifikate unterschiedlicher Unternehmen, mit denen die Familienfabrik kooperiert oder ehemals zusammengearbeitet hat. Neben Thommy Hilfiger und Van Heusen gehört zum Beispiel auch die britische Kette Marks & Spencer zum Kundenstamm. Insgesamt sind es nach Angaben der Firma rund 400 Auftraggeber, vor allem aus dem höheren und gehobenen Segment. Mit einem bekannten schwedischen Kunden habe die Firma die Zusammenarbeit abgebrochen, erzählt Raiyan. Die hätten die Preise für ihre Bestellungen zu sehr nach unten drücken wollen. Das sei für sie auch im Sinne der Arbeitnehmer nicht vertretbar gewesen. Zahlen nennt Raiyan keine. Die Filialen der weltweit agierenden Ladenkette sprießen indes weiter wie Pilze aus dem Boden.

Mittlerweile ist der junge Bengale in viele Geschäftsbereiche des Familienbetriebs involviert, vor allem in den internationalen Vertrieb. Raiyan arbeitet von London aus. Dort hat er am London College of Fashion und an der Cass Business School studiert; in der Stadt an der Themse lebt er die meiste Zeit des Jahres. „Wenn mein Vater sich zur Ruhe setzt, plane ich nach Bangladesch zurückzuziehen “, sagt Raiyan. Die Familie wohnt in Dhaka in einer hübschen Villa.

Sechs Tage Arbeit in der Woche ist normal

Heute führt der Junior durch das Herz des Unternehmens: die 1983 mit Hilfe von koreanischen und deutschen Technikern gegründete Produktionsstätte in Dhakas „Gewerbegebiet“ Mirpur. Eine weitere Fabrik befindet sich im Aufbau – Anfang kommenden Jahres soll ihr Produktionsvolumen voll ausgelastet sein.

Die Schuhe sind noch staubbedeckt beim Betreten des Gebäudes. Die Straße vor dem Eingang ist wie viele in Dhaka nicht geteert. Unzählige Menschen wuseln von einer Straßenseite zur gegenüberliegenden – Bangladesch ist das am dichtesten besiedelte Land der Welt, mehr als 1.000 Menschen leben auf einem Quadratkilometer, allein in Dhaka sind es offiziell etwa 15 Millionen, im ganze Land mehr als 155. Rikschas und Autos brettern über den Lehmboden; es ist laut, warm und in der Luft liegt der Geruch von gebratenem Fleisch.

Der schmale blaugetünchte Eingangsbereich der Fabrik lässt kaum erahnen, dass in den vier Stockwerken darüber 1.850 Menschen arbeiten, sechs Tage die Woche, wie das in Bangladesch üblich ist. Dabei arbeiten augenscheinlich mehr Frauen als Männer an den 700 Nähmaschinen und bei der Vorbereitung der Stoffe und Schnitte. Jeder Mitarbeiter ist hier für einen Mini-Produktionsschritt verantwortlich; das reicht vom Annähen des rechten Knopfes an der rechten Manschette, dem Glätten eines Ärmels, bis hin zum Durchstechen der Knopflöcher. Die Produktion soll durch viele Einzelschritte möglichst reibungslos ablaufen, erklärt Raiyan. Im Monat produziert die Fabrik bis zu 500.000 Kleidungsstücke.

Männer bügeln besser

Eine Etage tiefer ist das Bild ein anderes: Kaum eine Frau zu sehen, dafür dutzende Männer. Sie stehen in einer Reihe an großen Bügelbrettern. Die Arbeiter tragen wie viele Näherinnen weiße Kittel, die ein wenig an Arztpraxis oder Fleischerei erinnern. „Die Männer können besser mit den Bügeleisen umgehen“, erklärt Raiyan. Die Geräte sind keine weißen Plastikeisen nach europäischen Standards, sondern schwere, gusseiserne. Sie hängen an langen Stromkabeln und werden in Präzision von den Männern über die bunt-karierten Hemden geschwungen.

Gerade drapiert ein Mitarbeiter ein fertig gebügeltes Hemd auf einem Bügel und hängt es an einen Kleiderständer. Dort sammeln sich bereits Hunderte Herrenhemden in allen Farben und Mustern. Unzählige davon sind in Größe XXL oder XXXL. „Wir arbeiten für viele Firmen, die vorrangig in den USA verkaufen“, erzählt Raiyan. Thommy Hilfiger oder Van Heusen verlangen im Laden stattliche Preise für ihre Hemde. Der Mitarbeiter selbst würde in dem Hemd wohl gänzlich verschwinden, falls sie es sich leisten könnten.

Das Treppenhaus wirkt stabil, oben befindet sich ein Gemeinschaftsplatz für die Mitarbeiter. „Wer möchte, kann seine Mittagspause hier verbringen“, erzählt Raiyan. Die Sicherheitsstandards in der Fabrik werden nach eigenen Angaben regelmäßig von verschiedenen Instanzen, etwa dem Zertifizierungsprogramm „Worldwide Accredited Responsible Production“, kurz WRAP, überprüft. “Es ist sehr traurig, dass weiterhin so viele Firmen nicht ausreichend für die Sicherheit der Mitarbeiter sorgen”, sagt er.

Enormer Konkurrenzdruck

Dennoch sieht er die Debatte über die Arbeitsbedingungen mit gemischten Gefühlen. Seines Erachtens schwingen darin auch Vorbehalte gegenüber dem vorrangig muslimischen Land mit. Er hoffe sehr, dass sich das pauschale Bild über die Textilindustrie in Bangladesch wieder wandelt. Bangladesch sei der zweitgrößte Textilhersteller der Welt – gleich nach China – und der Konkurrenzkampf sei groß. Zu den 5.000 Fabriken im Land kämen Produktionsstätten in China, Taiwan, Indien und der Türkei.

Einen Raum weiter werden die frischgenähten Hemden noch einmal „durchgepustet“, um eventuelle Fadenreste oder andere Überbleibsel der Produktion zu beseitigen. Dann wird Hemd oder Bluse, feinsäuberlich gebügelt und ordentlich zusammengefaltet, in Plastikfolie verpackt. Das Produkt ist fertig für die Reise in die westliche Welt. Raiyan greift in den Stapel und holt eine schicke rosafarbene Damenbluse hervor. „Für dich, ein Andenken.“ Im Hintergrund ist noch das laute Klappern und Rattern zu hören.

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