Rettungseinsatz in Nepal

Suche in Trümmern

Im April und Mai erschütterte Nepal eine Serie von verheerenden Erdbeben. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben. Viele Nationen schickten Helfer in die Krisenregion im Himalaja. Doch nicht alle fanden jemanden zum helfen.

Mit angestrengtem Blick versucht Irakli West, etwas mit dem Fernglas aus dem kleinen ovalen Flugzeugfenster hinaus in der Dunkelheit zu erkennen. Der Airbus kreist seit einer gefühlten Ewigkeit im Luftraum über dem Flughafen Kathmandu – in der Hoffung, endlich eine Landegenehmigung zu erhalten. An Board der Air-India-Maschine sind nicht nur Nepalesen, die zurück in ihre Heimat wollen – auch drei Rettungsteams aus Deutschland und Großbritannien fliegen mit. Irakli West, 46 Jahre, ist Teamleader des sechsköpfigen Search-and- Rescue-Teams der deutschen Hilfsorganisation „@fire“, dem auch ich angehöre.

Drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben, das Ende April Nepal und Teile von China und Indien erschütterte, sind wir endlich in der Hauptstadt Kathmandu gelandet. Das Land befindet sich im Ausnahmezustand. Niemand interessiert sich ernsthaft für die Sicherheitskontrolle. Obwohl die Metalldetektoren wild piepen, können wir unbesehen den Passagierbereich verlassen. Der Eingang zur Abflughalle ist von Menschen belagert, im Ankunftsbereich warten unzählige Nepalesen auf Angehörige – zahlreiche Männer und Frauen liegen auf den Bürgersteigen eng an eng und schlafen.

Schlafen neben Flugzeugen

Unser Camp schlagen wir schließlich am späten Abend auf einer großen Wiese auf dem Flughafengelände auf. Soldaten patrouillieren am Zaun. Endlich, nach der 24-stündigen kräftezehrenden Reise, liege ich auf einem Feldbett und schließe die Augen. Durch einen ohrenbetäubenden Lärm schrecke ich wieder auf – es klingt, als würde gleich ein Flugzeug durch unser Zelt fliegen. Stattdessen landet es auf der Landebahn rund 200 Meter neben uns. In den kommenden Tage nehme ich die fünfminütlichen Starts und Landungen direkt neben unserem Basislager kaum noch wahr.

Am darauffolgenden Tag kann unsere Arbeit endlich beginnen. Viel zu viel Zeit ist seit dem Beben bereits vergangen – die Überlebenschancen in den Trümmern schwinden mit jeder Stunde. Gerade aufgrund der in Nepal vorherrschenden Ziegelbauweise gibt es in zusammengestürzten Häusern kaum Hohlräume, in denen Verschüttete länger überleben können. Mit unseren beiden Rettungshunden und technischem Ortungsgerät brechen wir am Morgen zusammen mit einem englischen Rettungsteam in das Naturschutzgebiet Sundarijal zehn Kilometer nordöstlich von Kathmandu auf. Wir haben den Auftrag, mehrere Gebäudekomplexe, darunter ein Hotel, ein Militärstützpunkt und eine Wasseraufbereitungsanlage, zu erkunden und nach Überlebenden abzusuchen.

Los gehts

Unsere Gerätschaften – eine Searchcam, ein Horchgerät und Werkzeuge – verstauen wir auf dem Dach eines Sprinters, den wir vor Ort mitsamt eines Fahrers organisiert haben. Bei der Fahrt durch die Straßen Kathmandus fällt auf: Obwohl die meisten Häuser unversehrt sind, schlafen viele Menschen im Freien. Auf allen Wiesen sind Zelte aufgeschlagen – sogar auf dem begrünten Mittelstreifen einer vierspurigen Straße. Angespannt beobachten meine Teammitglieder und ich die asiatische Fahrweise. Hupend und im Gegenverkehr überholend schlängeln wir uns wie unzählige andere Autos und Mopeds. Die Situation in der Hauptstadt scheint nicht so schlimm wie angenommen. Nur vereinzelt sind Gebäude beschädigt oder eingestürzt. Die meisten kleinen Garagengeschäfte am Straßenrand haben geöffnet, auf den Straßen, die am Rande der Stadt mehr Feldwegen gleichen, herrscht reger Verkehr.

Langsam nähern wir uns dem Ziel, die Straße wird schmaler, die Steigung extremer. In einer Ortschaft treffen wir etliche Menschen auf einem Platz, die unter Planen Schutz vor dem Regen suchen, Kinder nutzen herumstehende Busse zum Spielen. Wir halten, damit unser Teamleader nach dem weiteren Weg schauen kann. Sofort sind wir von einer Menschentraube umgeben, die Leute wollen wissen, wer wir sind und was wir machen. „What’s the name of the dog“, fragt mich ein kleiner Junge. „Pollux, ein belgischer Schäferhund“, antworte ich ihm.

Dann bitten uns auch schon Bewohner um Hilfe. In einem der Häuser könnten noch Verschüttete sein. In gebrochenem Englisch sagt einer: „Das war ein Hotel, zwei Personen kamen noch rechtzeitig heraus, zwei andere könnten noch drin sein.“ Mein Kollege Lars Prößler schickt Pollux ins Gebäude. Mehrmals klettert der Hund über die Trümmer der eingebrochenen Decke, doch er findet niemanden. Mit der Searchcam – einer Teleskopkamera – schaue ich noch durch ein Fenster in das zweite Obergeschoss. Auch hier ist nichts zu erkennen, das auf Überlebende hinweist.

Kaputt in den Feldbetten

Mittlerweile ist Nachmittag. Der Gebäudekomplex in Sundarijal, den wir eigentlich absuchen sollen, ist wegen der zerstörten Straßen nicht mehr mit dem Auto zu erreichen. Lediglich ein vierstündiger Fußmarsch führt noch in das Gebiet – ohne Helikopter macht das für ein Rettungsteam keinen Sinn. Nach Tüten-Fertiggerichten als Abendessen fallen wir müde und kaputt auf unsere Feldbetten.

Früh morgens geht es wieder weiter. Diesmal wird unser Team geteilt. Ich fahre mit der ersten Gruppe samt der beiden Hunde durch Kathmandu. Plötzlich hören wir eine Lautsprecherdurchsage. Unser Dolmetscher erklärt uns: „Das ist ein Sprecher, der von der Regierung bezahlt wird. Er sagt, dass alles sicher sei, sich niemand Sorgen machen müsse und das normale Leben weitergehe.“

Als wir nach einiger Fahrtzeit das Stadtzentrum verlassen, treffen wir auf unzählige der typischen, bunt bemalten nepalesisch-indischen Lastwagen. Wir halten am Straßenrand. Zwei Kameraden machen sich auf die Suche nach unserer Einsatzstelle – einer eingestürzten Schule. Mit einem Rettungshund und weiteren Kollegen kommen wir kurz darauf nach. Aber eingestürzt ist die Schule nicht, eher nach rechts weggeknickt und nun lehnt sie an einem Nachbarhaus. Wenn zum Zeitpunkt des Bebens Menschen im Schulgebäude waren, werden sie sich längst selbst gerettet haben – auch die Anwohner vermissen niemanden. Die Rettungshunde schlagen nicht an.

Was sollen wir eigentlich hier?

Klar, an dieser Stelle kann man sich fragen: Was sollen wir eigentlich hier? Braucht man unsere Hilfe überhaupt? Nichts als rumfahren. Vergeblich nach jemanden suchen, den wir aus den Trümmern retten können. Und vor allem: warten. Aber ich bin nicht frustriert. Denn so ist der Alltag von Katastrophenhelfern. Wir wollen nicht die Helden spielen, sondern sind Teil eines koordinierten Einsatzes der Vereinten Nationen. Nur so kann den Menschen in Nepal bei dieser unfassbaren Tragödie wenigstens etwas geholfen werden. Ich erfahre, dass andere Teams Überlebende aus eingestürzten Gebäuden retten können. Das klappt nur, weil sich alle Retter darauf verlassen können, dass jeder sich um seinen Sektor kümmert. Und mein Sektor heißt: J.

Der liegt im Nordosten Kathmandus. Mit unserem Sprinter und einem Minibus fahren wir am nächsten Morgen die Straßen ab. Vorbei an kleinen Garagengeschäften gelangen wir zu einem vollständig eingestürzten Gebäude. Menschenmassen stehen um die Trümmer herum, mit bloßen Händen graben Anwohner und Soldaten im Schutt. Im Gespräch mit den Anwohnern versuchen wir mehr herauszufinden. „Das war ein fünfstöckiges Haus“, erzählen uns zwei Männer. „Und hier war mal ein Spielplatz.“ Sie deuten auf den Trümmerhaufen vor ihnen. Vermisst werde aber niemand mehr.

Um sicherzugehen, dass sich tatsächlich niemand mehr unter dem Schuttberg befindet, kommen erneut unsere beiden Rettungshunde zum Einsatz. In einem Randbereich der Trümmer hält Loki inne. Der Hundeführer gibt allerdings schnell Entwarnung: Unter den Trümmern liegen nur Schweineköpfe aus einer Metzgerei.

Ein Klopfen

Die Hunde sind bereits zurück in den Fahr­zeu­gen, da ordern uns die eng­li­schen Kollegen, mit denen wir unterwegs sind, zurück. Sie möchten wei­ter­su­chen, jemand will ein Klop­fen gehört haben. Mit schril­len­den Tril­ler­pfei­fen ver­treibt die nepa­le­si­sche Poli­zei die Schau­lus­ti­gen. Doch wie­der schnüf­feln die Hunde ver­ge­bens. Das Klop­fen ist nicht mehr zu hören. So bre­chen wir schließ­lich end­gül­tig ab. Nach dem Besuch eines Klos­ters, das kaum zer­stört ist, machen wir uns wie­der auf den Rück­weg. Sektor J haben wir erkundet.

Im Basislager wartet schon unser Team­lei­ter Ira­kli West. „Für uns ist der Ein­satz vorbei“, sagt er. „Die Such- und Ret­tungs­phase wurde für been­det erklärt. Jetzt geht es um die Ber­gung von Lei­chen, das ist nicht unsere Auf­gabe.” Ich hatte mich vor diesem Einsatz natürlich mental auf den Anblick von Toten vorbereitet. Retter, die nach dem furchtbaren Erdbeben vor fünf Jahren in Haiti waren, hatten mir von ihren Erlebnissen damit erzählt. Am Ende wird einen aber nichts auf diese Erfahrungen vorbereiten können. Ich bin erleichtert, dass mir das erspart geblieben ist. Schon morgen soll es nach Hause gehen.

Freitagmorgen. In einem Lastwagen des saudi-arabischen Teams und einem nepalesischen Militär-Laster fahren wir zum „Tribhuvan International Airport“, dem Flughafen in Kathmandu. Nach 24 Stunden Wartezeit hebt der Airbus endlich ab – und damit fällt auch die Anspannung von mir.

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