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	<description>Magazin für Reportagen</description>
	<lastBuildDate>Mon, 27 Jul 2020 08:06:37 +0000</lastBuildDate>
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	<title>Vorderasien &#8211; WELTSEHER</title>
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		<title>Zusammen tanzen, zusammen kämpfen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Jul 2020 08:06:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Georgien]]></category>
		<category><![CDATA[Anja Reiter]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexuell]]></category>
		<category><![CDATA[LGBT]]></category>
		<category><![CDATA[Transsexualität]]></category>
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					<description><![CDATA[Georgien zählt zu den homophobsten Ländern der Welt. Die Hauptstadt Tbilissi hat sich dennoch zu einem queeren Hotspot im Kaukasus entwickelt. Eine Reise zu den Kampfzonen eines gespaltenen Landes.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/zusammen-tanzen-zusammen-kaempfen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Georgien zählt zu den homophobsten Ländern der Welt. Die Hauptstadt Tbilissi hat sich dennoch zu einem queeren Hotspot im Kaukasus entwickelt. Eine Reise zu den Kampfzonen eines gespaltenen Landes.</strong></p>



<p>Es ist schon weit nach Mitternacht, als für Giorgi Rodionov (29) die Nacht erst beginnt. Fröstelnd steht er in der Schlange vor dem Techno-Club Bassiani im Norden Tbilissis. Um seinen zierlichen Körper schlabbert ein schwarz-weißer Adidas-Hoodie, die Augen sind mit schwarzem Eye-Liner umrandet, die Wimpern getuscht. Rodionov möchte die sogenannten Horoom Nights besuchen, eine monatlich stattfindende LGBT-Party (eine Abkürzung aus dem Englischen für &#8222;lesbisch, schwul, bisexuell und transgender&#8220;) im Bassiani, bei der sich die Szene aus der ganzen Stadt trifft.</p>



<p>Rodionov, homosexueller Künstler und Galerist aus Tbilissi, kramt nach seinem Smartphone. Wie alle hier musste er sich schon Tage im Voraus auf Facebook für die Party registrieren: Die Veranstalter durchleuchten vorab die Online-Profile aller Partybesucher auf homophobe Sprüche oder Mitgliedschaften in rechtsextremen Gruppen. Wer im Internet gegen Schwule und Lesben pöbelt, muss draußen bleiben. Nur wer LGBT-freundlich ist, bekommt ein Ticket.</p>


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                                Giorgi Rodinov wird wegen seiner Homosexualität oft angefeindet. Foto: Anja Reiter
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<p>Rodionov darf durch, der Türsteher klebt vor dem Eintreten aber noch dessen Smartphone-Kamera ab, denn auch Fotos schießen ist in dieser Nacht verboten. So will der Techno-Club ein „Safe Space“ für die LGBT-Community bleiben – ohne gewaltbereite Eindringlinge, die Homosexuelle verprügeln, gegen ihren Willen outen oder bei ihren Familien oder Arbeitgebern anschwärzen.&nbsp;</p>



<h2><strong>Tanzende Nonne, wippende US-Flagge</strong></h2>



<p>Wir passieren den Eingang – und werden sogleich vom Bauch des Baus geschluckt. Der Club, in dem bis zu 1.200 Personen feiern können, ist unter einem riesigen Sportstadion untergebracht; getanzt wird in einem stillgelegten Schwimmbecken. Die Bässe dröhnen in den Ohren, nur langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Rodionov begrüßt ein paar Bekannte, Küsschen links, Küsschen rechts, danach verschwindet er im Dunkeln. In einer Ecke knutschen zwei Männer, es riecht nach Marihuana. Am Rand des Schwimmbeckens tanzt eine Nonne, daneben wippt eine USA-Flagge im Rhythmus der dumpfen Beats. Die meisten hier sind verkleidet, die Party steht im Zeichen von Halloween.&nbsp;</p>



<p>Im Vorraum des Clubs, wo die Bässe nur noch als dumpfer Hall zu hören sind, versammeln sich diejenigen, die sich bei einer Zigarette über das Leben und die Liebe austauschen wollen. Viele hier kommen fast jeden Monat zu den „Horoom Nights“. Als Homosexueller in Georgien habe man es schwer, sagt ein junger Mann in Frauenkleidung. „Besonders auf dem Land heißt es, solche wie ich seien böse, pädophil oder kriminell. Dabei bin ich ja nur ein netter Schwuler.“ Zwei Frauen sitzen neben ihm und halten Händchen. Auf der Straße würden sie sich nicht so offen als Paar zeigen, geben sie zu. „Nur hier können wir sein, wie wir wirklich sind.“ &nbsp;</p>



<h2><strong>Priester hetzen gegen LGBT-Community&nbsp;</strong></h2>



<p>Homosexuelle haben im erzkonservativen Georgien kein leichtes Leben. Laut der internationalen NGO &#8222;World Value Survey&#8220; rangiert Georgien auf Platz drei der homophobsten Länder der Welt; 93 Prozent der Georgier haben etwas dagegen, einen homosexuellen Nachbarn zu haben. Die orthodoxe Kirche genießt großen Einfluss auf Politik und Gesellschaft, fast 85 Prozent der Georgier gehören ihr an. Geistliche inszenieren sich im Fernsehen und auf Facebook als Hüter der nationalen Identität. In sozialen Medien hetzen ultra-orthodoxe Priester ihre Follower gegen sexuelle Minderheiten auf. Aber auch rechtsradikale und nationalistische Gruppen pöbeln im Netz und auf der Straße gegen die LGBT-Community.&nbsp;</p>



<p>Auf dem Papier jedoch gilt Georgien als eines der fortschrittlichsten Länder aus dem ehemals sowjetischen Raum. Die ehemalige Sowjetrepublik ist seit 1991 unabhängig und hat Homosexualität im Jahr 2000 entkriminalisiert. Seit 2006 gibt es gesetzliche Regelungen zum Schutz vor Diskriminierung in der Arbeitswelt, seit 2014 gelten die Anti-Diskriminierungsgesetze für alle Bereiche. Kritiker bemängeln jedoch, dass es in der Praxis eine hohe Anzahl an homo- und transphoben Gewalttaten gibt, die von den Behörden nicht verfolgt werden. „Wir haben die Gesetze, doch homophoben Taten folgen selten Strafen“, sagt der Künstler Rodionov.&nbsp;</p>



<p>Dann zählt er eine ganze Liste an Ereignissen auf, die das wahre Gesicht seiner Heimat zeigen sollen: 2013 ging bei der ersten georgischen &#8222;Pride Parade&#8220;, ein bunter Festzug der LGBT-Szene, ein wütender Mob aus Priestern und Nationalisten brutal gegen einen Bus mit friedlichen Aktivisten vor. Die für Mai 2019 geplante Pride Parade wurde von den Veranstaltern aus Sicherheitsgründen abgesagt; rechtsextreme Gruppen hatten gewarnt, erneut gegen die LGBT-Aktivisten zu pöbeln. Im November 2019 blockierten Rechtsextreme und Priester Kinos in Tbilissi, in denen die Premiere des Films „And then we danced stattfinden sollten“, die Geschichte über die Liebe zweier schwuler Tänzer in Georgien. Der Film sei eine Provokation, hieß es von Nationalisten.</p>



<h2><strong>Die Polizei tut nichts</strong></h2>



<p>Georgien scheint daher ein Land mit zwei Gesichtern: Wie passen die neugewonnen Weltoffenheit nach dem Fall des &#8222;Eisernen Vorhangs&#8220; mit den erzkonservativen Werten der georgischen Landsleute zusammen? </p>



<p>Die Suche nach Antworten führt mich zu der Organisation &#8222;Equality Movement&#8220;, die sich für die Rechte von Trans- und Homosexuellen einsetzt. Fast schon versteckt liegt deren Büro in der Altstadt von Tbilissi. Mehrmals schon habe man den Büroplatz wechseln müssen, weil LGBT-Feinde die Arbeit bedroht hätten, erzählt Aktivist und Mitarbeiter Mikheil Meparishvili. „Die Polizei hat nie etwas gegen die Angriffe unternommen.“ Nach vielen Umzügen sei man nun hier gelandet, in dieser Sackgasse.</p>


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                                Die Altstadt von Tbilissi. Foto: Anja Reiter
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<p>Meparishvili, 31 Jahre alt, weiß, wovon er spricht: Auch er ist homosexuell, auch er hat Zurückweisung erfahren. Seine Familie weiß über seine Sexualität Bescheid, doch seine Mutter möchte seinen Freund nicht kennenlernen. Meparishvili zuckt mit den Achseln. Als Lehrerin sei sie eben einem besonderen Druck ausgesetzt: „Ein schwuler Sohn ist problematisch, wenn man in Georgien im Bildungswesen arbeitet.“ Kollegen und Eltern würden negative Einflüsse auf die Schüler befürchten. Zu Hause versucht er das Thema zu vermeiden, und seinen Freund weitestgehend zu verschweigen.</p>



<h2>Nachbarn werfen Müll herüber</h2>



<p>Dann führt er durch die Räumlichkeiten: ein Vorzimmer mit kostenlosen Verhütungsmitteln, ein kleiner Hintergarten mit Tischtennisplatte. „Seitdem die Nachbarn wissen, wofür wir uns engagieren, werfen sie ihren Müll zu uns hinüber“, sagt er. Im ersten Stock: eine Arztpraxis, ein Anwaltsbüro, ein Raum für eine Sozialarbeiterin. &#8222;Equality Movement&#8220; versucht in allen Lebenslagen zu unterstützen. Juristen beraten bei Diskriminierung im Job oder kämpfen mit Transsexuellen für die Anpassung ihres Geschlechts in offiziellen Dokumenten. Ärzte bieten kostenlose HIV-Tests an, Sozialarbeiter vermitteln bei Familienfehden. </p>



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<p>Noch liege ein weiter Weg vor Georgien, sagt Meparishvili, nicht alle Betroffenen seien so geduldig und pragmatisch wie er. Er erzählt von homo- und transsexuellen Bekannten, denen die Situation in ihrer Heimat über den Kopf wuchs. Sie gingen mit einem Touristen-Visum nach Berlin, New York oder Brüssel oder suchten um Asyl an, um vor den Problemen in der Heimat zu flüchten und sich in einem toleranteren Land ein neues Leben aufzubauen. Für Meparishvili wäre das nichts: „Hier ist meine Heimat, hier habe ich einen Job, hier möchte ich etwas verändern.“</p>



<h2>Verteidigung der Tradition mit Worten und Fäusten</h2>



<p>Fünf Taximinuten von der NGO entfernt, in einem Café neben dem staatlichen Opernhaus, treffe ich einen der Antipoden des neuen Liberalismus: Ermile Nemsadze, 33 Jahre alt und grimmiger Blick. Er ist Mitglied von &#8222;Georgian March&#8220;, einer ultra-nationalistischen Gruppierung, die im Sommer 2017 gegründet wurde. Als Antwort auf die „ultra-linke“ Entwicklung des Landes, wie Nemsadze erklärt. Er und seine Kameraden, vor allem junge georgische Männer, wollen die georgische Tradition und Identität verteidigen – mit Worten und Fäusten.&nbsp;</p>


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                                Ermile Nemsadze findet Homosexualität nicht gut. Foto: Anja Reiter
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<p>Nemsadzes Profilbild auf Facebook zeigt ihn mit Sturmgewehr im militärischen Tarnanzug. Er habe im Irak und gegen Russland gekämpft, sagt er, aktuell sei er arbeitslos. Weil er kein Englisch spricht, hat er zum Interview eine Freundin mitgebracht. Die junge Frau, adrett gekleidet und freundlich lächelnd, übersetzt die aufgebrachten georgischen Antworten ihres Freundes. Homosexualität sei nicht angeboren, sondern anerzogen, wiederholt sie; Nemsadze sei daher auch nicht gegen Homosexualität an sich. „Ich bin nur gegen die Propaganda der Homosexualität.“</p>



<p>Die Vorstellung, Homosexualität sei eine ansteckende Viruserkrankung, hört man oft in Georgien. Es heißt, es seien vor allem Ausländer aus dem Westen oder pro-westliche Gruppen, die die vermeintlich schädliche Propaganda über die gleichgeschlechtliche Liebe in Georgien verbreiten würden. Laut einer Umfrage der &#8222;Women’s Initiative Supporting Group&#8220; stimmt mehr als jeder zweite Georgier der Aussage zu, dass Homosexuelle ihre sexuelle Orientierung allein aufgrund des Einflusses aus dem Westen geändert hätten.</p>



<h2>Gayropa, Fake News und Troll-Fabriken</h2>



<p>Die Männer von &#8222;Georgian March&#8220; wollen das nicht dulden. Sie kämpfen gegen Migration, Homosexuelle und die Annäherung Georgiens an den Westen. Sie tun das auf wechselnden Kanälen – und bilden dafür wechselnde Allianzen: Auf Facebook posieren sie mit dem Patriarchen der Georgischen Orthodoxen Kirche, Ilia II.,  und mit ihren stolzen Müttern. Auf Demonstrationen zünden sie Regenbogen-Flaggen an und marschieren mit geschulterten Kreuzen gegen die LGBT-Aktivisten. Im Netz und auf der Straße gewinnen sie immer mehr junge Leute für ihre Sache.</p>



<p>Vom Westen, oder „Gayropa“, wie Europa in diesen Kreisen genannt wird, hat Nemasadze kein gutes Bild, er spricht von Chaos und Werteverfall. Selbst war er noch nie in einem westeuropäischen Land. Seine Informationen bezieht er hauptsächlich aus dem Fernsehen und von Facebook – so wie die meisten Georgier, wie aktuelle Mediennutzungs-Umfragen zeigen. Doch auf vielen georgischen Kanälen geben Fake News und Troll-Fabriken den Ton an. Ihr Zweck: den Westen zu dämonisieren und den Liberalismus als Quelle für Chaos und Untergang darzustellen.</p>



<h2>Anti- und pro-westliche Propaganda</h2>



<p>„Anti-westliche Propaganda ist eine riesige Bedrohung für Georgien“, sagt Tamar Kintsurashvili, Geschäftsführerin der &#8222;Media Development Foundation&#8220; in Tbilissi. Ihre Stiftung versucht den Verschwörungstheorien ein Gegengewicht zu setzen. In mühseliger und kleinteiliger Recherchearbeit gehen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem kleinen Büro in der Vorstadt von Tbilissi den Ursprüngen der Fake News auf den Grund. Sie recherchieren, wann ein Bild zuerst veröffentlicht worden ist oder was dessen Metadaten über die Geolokation aussagen. Auf der Website „Myth Detector“ widerlegen sie sodann die populärsten Hirngespinste georgischer Websites. </p>


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                                Tamar Kintsurashvili will anti-westliche Fake News entlarven. Foto: Anja Reiter 
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<p>Umstimmen dürfte das die Nationalisten dennoch nicht: Die Stiftung wird von der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit finanziert und gilt ihnen damit als Teil der pro-westlichen Propaganda-Maschine. </p>



<p>Die Schlagzeilen, gegen die Kintsurashvilis Mitarbeiterinnen ankämpfen, richten sich oft gezielt gegen die LGBT-Community: In Griechenland hätten LGBT-Aktivisten randaliert und eine Kirche zerstört. In den Niederlanden würden Kinder homophober Eltern mit Bussen abgeholt und in Erziehungscamps gesteckt. Ausgemachter Blödsinn, auf Facebook jedoch tausendfach gelesen und geteilt.</p>



<p>Das Entschlüsseln von Fake-News sei ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit, sagt Kintsurashvili. Häufig würden sich spektakuläre Falsch-Meldungen viral verbreiten, bevor alle Lügen widerlegt worden sind. Ist die Meldung schon tausendfach geteilt worden, ist nur noch Schadensbegrenzung möglich. Um Georgier für das Thema zu sensibilisieren, veranstaltet die &#8222;Media Development Foundation&#8220; daher auch regelmäßige Workshops für Schüler und ihre Lehrer.</p>



<h2>Zwischen Russland und USA</h2>



<p>Wer sich die abstrusen Anekdoten ausgedacht hat, bleibt oft unklar. In dem oligarchischen und unterfinanzierten Mediensystem könnten einzelne Verleger die Themensetzung gezielt beeinflussen, häufig fehlt Transparenz darüber, wer ein Medienhaus besitzt. Und: Oft gelangen die erfundenen Nachrichten auch von russischen Nachrichtenportalen wie Russia Today oder Sputnik-Georgia.ru in georgische TV-Kanäle oder auf georgische Nachrichtenseiten, beobachtet Kintsurashvili. Einige Experten sprechen dabei sogar von &#8222;hybrider Kriegsführung&#8220;, mit der Russland seinen Einfluss in Georgien aufrechterhalten wolle.</p>



<p>Nach dem Zerfall der Sowjetunion waren die ersten Schritte Georgiens in die Unabhängigkeit im Land von viel Euphorie begleitet worden. Doch schnell bemerkten die Georgier, dass das sowjetisches Erbe sie nachhaltig verfolgte – durch wirtschaftliche, kulturelle und politische Verstrickungen. Die russisch-georgischen Beziehungen sind seither durch viele Aufs und Abs gekennzeichnet. Russlands autokratischer Präsident Wladimir Putin fürchtet den Einfluss der USA im eigenen &#8222;Hinterhof&#8220;, vor allem seit in Georgien mit der sogenannten Rosenrevolution 2003 eine pro-westliche Regierung an die Macht kam. Die Beziehungen eskalierten während des Kaukasuskriegs 2008, als russische Truppen auf georgischem Territorium einmarschierten. Die abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien kontrollieren die Russen heute immer noch militärisch. Viele Georgier haben das dem großen Nachbarn nicht verziehen.&nbsp;</p>



<p>Georgien muss nun einen Mittelweg zwischen Russland und dem Westen finden – bislang mäßig erfolgreich. Regierungspolitiker unterzeichneten Assoziierungsabkommen mit der EU und der Nato, zugleich sind viele Parteien und Wirtschaftstreibende aber vom Wohlwollen aus Moskau abhängig. Damit Georgien der russischen Einflusssphäre nicht entschwindet, setzt Russland auf Destabilisierung und Polarisierung der georgischen Gesellschaft – mit Panzern, Geld und Fake News. Putins Nachricht lautet: Wir haben euch vielleicht mit Panzern attackiert, aber der Westen will eure Seele zerstören.</p>



<h2><strong>„Es fehlt der politische Wille“</strong></h2>



<p>Ein symbolischer Schauplatz für diese Grabenkämpfe zwischen Nationalisten und Liberalen, westlichen und russischen Werten, ist der Platz vor dem Parlamentsgebäude in Tbilissi, ein mächtiger Bau am Rustaweli-Boulevard. Hier finden Demos und Gegendemos statt, hier wird protestiert, gefeiert und marschiert. Im Gebäude empfängt die Parlamentarierin Nino Goguadze von der Regierungspartei &#8222;Georgischer Traum&#8220;, eine energisch-bestimmte Frau. Westlichen Journalisten gegenüber äußert sie sich pro-europäisch: die Lage für sexuelle Minderheiten habe sich seit 2013 drastisch verbessert, betont sie. Dann zählt sie routiniert die vielen liberalen Gesetzesinitiativen ihrer Partei auf. Allerdings reagiert sie ausweichend auf die Frage, warum ihre Regierung LGBT-Demonstrierende nicht vor gewaltbereiten Gegendemonstranten schützen kann.</p>



<p>Das seien nur Lippenbekenntnisse, meint der Oppositionspolitiker Giga Bokeria im Büro nebenan. Die Regierung setze auf Worte, aber nicht auf Taten. Einhaltung der Diskriminierungsgesetze? Verfolgung von LGBT-feindlichen Straftätern? Mehr Transparenz bei den Besitzstrukturen von Medienunternehmen? „Es fehlt der politische Wille“, sagt Bokeria. Er glaubt, dass es den Regierungspolitikern vor allem um bloßen Machterhalt gehe. Durch wechselnde Allianzen versuche man sich alle relevanten Wählerschichten offen zu halten. Im Herbst 2020 wird ein neues Parlament gewählt. Bokerias größte Sorge ist, dass sich die Gesellschaft bis dahin weiter polarisieren könnte. „Hoffentlich bleiben wir von brutalen Ausschreitungen verschont.“</p>



<p>Zurück im Techno-Club Bassiani, es ist 4 Uhr, der Höhepunkt der Nacht: Ein singender Satan windet sich zu seinem eigenen Gesang, siamesische Zwillinge und Drag-Queens räkeln sich zu Popmusik und zeigen viel Haut. Das Schwimmbecken tobt. Die Partynacht wird hier erst am frühen Vormittag zu Ende gehen. Draußen, vor den Toren des Clubs, wird schon der Markt aufgebaut. Alte Mütterchen zerren Hühnerbeine vor ihre Stände, von den Dächern baumeln Tschurtschchela, Walnussstangen mit Traubensaft überzogen. Eine Katze schleicht um die Beine eines bärtigen Priesters.&nbsp;</p>



<p>Bald werden Künstler Giorgi Rodionov und die anderen aus dem Club taumeln. Sie werden den Traum der Nacht verlassen, sich die Augen in der Vormittagssonne reiben und zurückkehren in den Alltag ihrer Heimat. Der Slogan des Bassiani wird sie bis zur nächsten Party begleiten: „We dance together, we fight together.“</p>



<p>_______________________________</p>



<p><strong>Titelfoto (Symbolbild &#8222;Techno-Club&#8220;): Antoine Julien / <a href="https://unsplash.com/@antoinejulien/portfolio">antoine-julien.franceserv.com</a> / unsplash.com</strong></p>



<p><strong>Transparenz-Hinweis:</strong></p>



<p>Die Recherche-Reise nach Tbilissi wurde von der &#8222;Deutschen Gesellschaft e.V.&#8220; und von der US-finanzierten Stiftung &#8222;Media Development Foundation&#8220; organisiert sowie vom deutschen Auswärtigen Amt gefördert.</p>
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		<title>Wirbeltanz im Wartesaal</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Dec 2017 11:06:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Türkei]]></category>
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		<category><![CDATA[Sebastian Hesse]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wirbeltanz-im-wartesaal/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Jeder Schritt scheint mit Bedacht gewählt. Zeitlupenartig betreten die zehn Männer das hölzerne, achteckige Teehaus. Sie tragen bodenlange schwarze Überwürfe. Und zylinderförmige, konische Filzhüte, die noch höher sind als die Zipfelmasken der Semana-Santa-Büßer. Wie in Trance stellen sie sich im Halbrund auf. Sie nehmen auf weißen Schaffellen Platz. Etwas abseits sitzt der Vorbeter. Musik setzt ein, Gesang, Flötenklänge, später Percussion und Saiteninstrumente.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Männer stehen auf. Sie schreiten an ihrem Vorbeter, dem Chij, entlang, grüßen ihn, küssen ihn, legen die schwarzen Umhänge ab. Das Gewand darunter ist blütenweiß. Und mündet in einem bodenlangen Rock mit enormem Durchmesser. Ganz langsam beginnen sich die Männer um die eigene Achse zu drehen. Anfangs liegen ihre Arme über Kreuz auf ihrer Brust. Die linke Hand auf der rechten Schulter. Und umgekehrt. Das linke Bein bleibt stets wie eine Achse am Boden verhaftet. Das rechte stößt ab und löst die Drehbewegung aus. Immer schneller rotieren die Männer um die eigene Achse. Die Arme breiten sich nun aus. Die rechte Hand zum Himmel gerichtet. Die linke zur Erde. Im Kreis wirbelnd scheinen sie zu schweben. Wie Gestirne drehen sie sich um die eigene Achse und gleichzeitig in einem weiteren Kreis durch den Raum. Ihre aufgeblähten Röcke wirken wie die Ringe des Saturn. Sie sind Derwische. Mitglieder eines seit 1925 in der Türkei verbotenen Mystiker-Ordens.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich erlebe die Sema, den Tanz der Derwische, im Mevlana-Kloster in Istanbul. Der Begriff Kloster, Tekke, hat sich gehalten, obwohl diese Oase der Ruhe im quirligen Stadtteil Galata seit dem Verbot unter Atatürk offiziell ein Museum ist und die Tanzzeremonie nicht mehr religiöser Ritus, sondern eine Art Folklore-Aufführung. &#8222;Galata Mevlevihane Müzesi&#8220;, so nennt sich das 1492 gegründete Kloster heute. Heerscharen von Touristen bestaunen alljährlich die Derwisch-Vorführungen. Und erleben einen Islam, der dem Zen ähnelt. Oder der inneren Versenkung mittelalterlicher Mystiker im Christentum. Wie viele Religionen hat auch der Islam eine mystische Seite, wo die Annäherung an das Göttliche durch die Überwindung des eigenen Ichs erfolgt.</p>
<p><div id="aesop-gallery-6944-1"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6944" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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<h2 style="text-align: justify;">Der Meister Eckhardt des Islam</h2>
<p style="text-align: justify;">Dem Sitzen im ZEN entspricht im Sufismus der Wirbeltanz. Die Methode geht auf Rumi zurück, den großen Dichter und Sufi-Meister des 13. Jahrhunderts. Den Meister Eckhardt des islamischen Kulturkreises. Das Mevlana-Kloster am Bosporus wurde zwei Jahrhunderte nach Rumis Tod gegründet. Wenn man das kleine Tor zum Klostergelände durchschreitet, fällt man aus Raum und Zeit. Der Hof strahlt eine Ruhe und Abgeschiedenheit aus, die nicht von dieser Welt scheint. Besonders wenn man gerade von der lauten, hektischen, überfüllten Einkaufsmeile Istiklal Caddesi kommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Grabsteine im Klosterfriedhof wirken wie versteinerte Sufi-Tänzer. Die Stelen mit den arabischen Inschriften sind die Körper. Darauf thronen die zylindrischen Hüte, manchmal aufgestockt um einen steinernen Turban. Gottesacker und Tanzsaal sind Orte des Übergangs. Die Filzhüte der Derwische, Sikke, symbolisieren Grabstelen, denn das Ego soll ja tanzend zu Grabe getragen werden. Und die weißen Gewänder sind Grabtücher, um das überwundene Ich zu beerdigen. Sufismus ist wie Zen transpersonale Spiritualität. Der Derwisch wird eins mit einem größeren Ganzen, indem er seine Eigenständigkeit als Person aufgibt. Und das große Ganze ist der Kosmos, den der Tanz spiegelt. Die Tänzer werden in Trance zu Gestirnen, die sich sowohl um die eigene Achse drehen, als auch im harmonischen Zusammenspiel mit anderen den Mittelpunkt des Universums umkreisen. Gegen den Uhrzeigersinn, also gegenläufig zum natürlichen Fluss der Dinge, der stets im Tod mündet.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Schönheit dieses Konzepts büßt ihre Wirkung verblüffend wenig dadurch ein, dass Touristen bei der Zeremonie zuschauen. In den Klosterräumen gibt es eine Dauerausstellung, die mit zahlreichen Exponaten über islamische Mystik, Sufi-Traditionen und die Geschichte des Ordens informiert. Das Mevlana-Kloster ist unbestreitbar ein Museum. Und der achteckige, holzgetäfelte Teeraum ist unverkennbar Bühne für ein Touristen-Spektakel. Aber so fühlte es sich nicht an. Da war noch etwas. Haben die Sufis schlitzohrig ihre Existenz gesichert, indem sie ihre Kultur für ein nicht-initiiertes Publikum öffneten?</p>
<h2 style="text-align: justify;">In der Millionenstadt am Bosporus</h2>
<p style="text-align: justify;">Als die Tanzzeremonie in dem Istanbuler Teehaus vorbei ist, komme ich ganz allmählich wieder an in der profanen Alltagswelt der Millionenstadt am Bosporus. Ich schlendere durch das Galata-Viertel und frage mich, wie viel authentischer Sufismus (benannt nach dem arabischen suf, Wolle, was auf das Wollgewand der Asketen anspielt) noch in dem steckt, was ich gerade erlebt habe. Ob mystische Erfahrung überhaupt möglich ist, wenn man eine Methode der Verinnerlichung vorgeblich auf ihre äußerliche Ästhetik reduziert? Die Oberfläche wirkte stimmig: Ambiente, Trachten, Choreographie. Was aber, wenn der Kloster-Rahmen als Kulisse wegfällt? Würde das einen Teil des Zaubers nehmen?</p>
<p style="text-align: justify;">In Istanbul gibt es noch andere Orte, an denen Derwisch-Tänze vorgeführt werden. Ich habe das Wirbeln der Sufis zum ersten Mal in eigentümlichem Ambiente erlebt. Im Wartesaal des Sirkeci-Bahnhofes, der Endhaltestelle des legendären Orientexpresses. Der holzgetäfelte Raum ist gewaltig hoch. Seine Rosettenfenster haben unverkennbar etwas Sakrales. Wie in Kathedralen des europäischen Mittelalters. Hier haben ein Jahrhundert lang Orientreisende auf den Luxuszug gewartet, der sie zurück nach Wien, München oder Paris bringen sollte. 1883 nahm die legendäre Bahnverbindung den Betrieb auf. Ab 1889 endete sie in der Sirkeci-Station, dieser kleinen Kathedrale des romantischen Reisens.</p>
<p style="text-align: justify;">Sufi-Mystik im Wartesaal – was zunächst als bizarre Kombination erscheint fühlt sich, wenn man sich darauf einlässt, durchaus stimmig an. Ich war mehrmals bei der Tanzzeremonie im Sirkeci-Bahnhof. Und dachte jedes Mal, dass die klassischen Orientreisenden von jeher wohl auch Pilger waren. Ihre Hoffnungen und Sehnsüchte ähnelten vermutlich denen von Erkenntnissuchenden an anderen mythischen Orten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sufis im Bahnhof</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Derwisch-Tänze machen sich im Bahnhof besonders unverdächtig. Zeitvertreib und Zerstreuung für Reisende. Ablauf und Choreographie in dem leicht heruntergekommenen Wartesaal sind nicht nennenswert anders als im Mevlana-Kloster. Nur dass hier die Musiker im Saal sind &#8211; zum Anfassen nahe. Und die Besucher nicht durch eine hölzerne Balustrade abgetrennt sind von dem Raum, den die Derwische durchwirbeln. Sie hocken auf billigen Plastik-Stühlen, quasi auf der Tanzfläche. Anfangs denke ich, wie demütigend es sein muss, seine heiligen Traditionen an einem derart profanen Ort zu praktizieren. Aber erstaunlich schnell löst sich die Architektur als Kulisse der Zeremonie auf. Sobald die Sema in Gang kommt, ist das Ambiente vergessen. Die Wirbeltänze entfalten die gleiche hypnotische Wirkung wie im Teehaus des Klosters. Die Rotation scheint einen förmlich in die Tiefen des Universums zu ziehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Derwisch-Rituale sind getanzte Kosmologie. Rumi initiierte eine Kosmologie des Tanzes. Das kosmische Ganze wird in einem strengen Ritual ertanzt. Zu dieser Gesamtheit gehört der Makrokosmos der Gestirne ebenso wie der Mikrokosmos von Protonen und Elektronen. Galaktische Weiten ebenso wie atomare Tiefen. Ein visionäres Konzept für einen Mystiker des 13. Jahrhunderts, lange vor Galileo. Obwohl Bewegungen und Choreographie der Sema dynamisch und im Fluss sind, sich in den Raum hineinbewegen, ihn ausfüllen, ziehen sich die Tanzenden spürbar in die innere Versenkung zurück. Der hypnotische Anblick und die Klänge der Sufi-Musik nehmen auch den unbeteiligten Betrachter mit auf eine Art spirituelle Reise. Das fünfköpfige Ensemble spielt auf mit einer Kamantsche (einer persischen Stachelgeige), der Baglama (einer Saz, die türkische Langhalslaute), der Oud (Kurzhalslaute) und natürlich der Rohrflöte Ney. Die Sufis glauben, beim Spielen der Ney wird der Atem Gottes zu Klang.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch am Zielbahnhof des Orientexpresses ergreift mich die Schönheit der Sufi-Kontemplation. Hier scheint mir das Umschiffen des staatlichen Verbotes noch listenreicher. Aber das bleibt reines Bauchgefühl. Meine eigenen romantischen Projektionen. Wunschdenken. Denn kann ein uraltes Ritual gelebte Spiritualität und folkloristische Zerstreuung zugleich sein?</p>
<h2 style="text-align: justify;">An Rumis Grab</h2>
<p style="text-align: justify;">Um das herauszufinden, reise ich nach Anatolien, nach Konya, der Wirkungsstätte Rumis. Es ist der 17. Dezember, der Todestag des großen Mystikers, den seine Verehrer traditionell als Feiertag begehen. Nicht ein Hauch von Orient-Romantik umweht die Zugfahrt nach Konya. Der ultramoderne Hochgeschwindigkeitszug saust von Istanbul in wenigen Stunden durch gepflegte Kulturlandschaften ans Ziel. Genug Zeit, mir den Lebensweg des Mystikers in Erinnerung zu rufen.</p>
<p style="text-align: justify;">Rumi, der 1207 in Balkh, im heutigen Afghanistan, geboren wurde, hieß eigentlich Dschelaleddin. Der Vater war ein geachteter Rechtsgelehrter und Theologe. Daher fand er, nach der Flucht der Familie vor Dschingis Khans anrückenden Mongolen und einer Irrfahrt gen Westen, eine Anstellung im anatolischen Konya. Konya war Herrschaftssitz der oströmischen Seldschuken. So entstand Dschelaleddins Beiname: Rumi, der Römer. Bis zu einer Schlüsselbegegnung, die seinem Leben eine völlig neue Ausrichtung geben sollte, folgte Rumi zunächst in Konya den Fußstapfen seines Vaters, wurde Gelehrter und Familienvater.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Wendepunkt in Rumis Leben kam, als im Jahre 1244 der Derwisch und Wandermönch Shams-e-Tabrizi in Konya eintraf. Zwischen beiden Männern entspann sich etwas ganz und gar Unerhörtes. Eine Art intellektuelle amour fou. Rumi und Shams wurden einander geistige Sparringspartner, Seelenverwandte, Inspirationsquell. Sie verschmolzen zu einer symbiotischen Einheit. Inwieweit ihre Beziehung auch eine sexuelle Ebene hatte, wird entweder diskret übergangen oder ist tatsächlich nicht eindeutig überliefert. Seinerzeit war die Männerfreundschaft jedenfalls ein gesellschaftlicher Skandal. Rumi vernachlässigte Familie und Alltag. Woraufhin seine Angehörigen dafür sorgten, dass Shams Konya verließ. Der hatte vermutlich berechtigte Sorge um Leib und Leben. Als Rumi vor Kummer über den Verlust des Geliebten zu zerbrechen drohte, holten seine Söhne den Vertriebenen für kurze Zeit aus dem Exil in Damaskus zurück. Nur um ihn gleich darauf zu ermorden. Sie holten ihn eines Abends in Rumis Haus ab, führten ihn aus der Stadt. Das war im Jahre 1248. Shams ward nie mehr gesehen. Rumi lebte noch bis zum Jahr 1273.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Lehre der allumfassenden Liebe</h2>
<p style="text-align: justify;">Aus diesem Verlust heraus entwickelte Rumi seine Lehre von der allumfassenden Liebe, die der Seele auf den Pfad zur Vollkommenheit verhilft. Seinen Verlust beklagte er in Versen, die ihn bis heute zum meistgelesenen Dichter persischer Sprache machen. Vor allem aber wirkte Rumi als geistiger Gründer des Mevlevi-Ordens, des Ordens der Tanzenden Derwische. Eines Tages soll ihn der Rhythmus, den die Kesselmacher auf Konyas Markt mit ihren Schmiedehämmern schlugen, zu einem spontanen Wirbeltanz inspiriert haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Schule machende Methodik war geboren. Mevlana, Rumis Beiname, bedeutet &#8222;unser Meister&#8220;. Und das persische Derwisch kann mit &#8222;streng asketisch lebender Mönch&#8220; übersetzt werden. Die Methode der inneren Versenkung im tranceartigen Wirbeltanz hat Rumi nach seiner spontanen Eingebung auf dem Markt verfeinert und ausdifferenziert. Das mystische Grundprinzip ist das gleiche wie in anderen Praktiken von &#8222;Entwerdung&#8220;, von Erkenntnis und Auflösung. Aber Rumis kosmischer Tanz berührt mich als Methodik von besonderer Schönheit und Originalität, die noch dazu den unbeteiligten Betrachter miteinzubeziehen vermag. Die formelle Bruderschaft jedoch, in die Rumis Erben seine Lehren überführten, hat die Säkularisierung der Türkei nicht überlebt. In seltsamem Kontrast zu der Verehrung des Mystikers, auf die ich an Rumis Wirkungsstätte stoße.</p>
<p style="text-align: justify;">Für viele Muslime kommt der Pilgerort Konya gleich nach Mekka. Doch ein spürbar spirituelles Flair ergreift mich nicht bei der Ankunft an Konyas eher schmucklosem Bahnhof. Von dort folgt man zu Fuß einer schnurgeraden Magistrale ins Zentrum. Der Stadtkern unterscheidet sich mit seinen zahllosen Läden, Boutiquen, Restaurants und Cafés nicht nennenswert von anderen türkischen Städten. Die Zwei-Millionen-Stadt ist wirklich seltsam unspektakulär, wie Reisende unisono beklagen &#8211; trotz der majestätischen Kulisse des Taurus-Gebirges. Angeblich hat Konya annähernd so viele Moscheen wie das siebenmal so große Istanbul. Ins Auge springt das nicht. Dafür wirkt die Millionenstadt zu europäisch, zu wenig orientalisch. Unübersehbar ist jedoch: Das Geschäft mit dem Sufi-Erbe blüht in Konya.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Vermarktung des Sufi-Erbes</h2>
<p style="text-align: justify;">An jeder Straßenecke findet sich ein &#8222;Mevlana Hotel&#8220;, ein &#8222;Sufi Kebab&#8220;, Stände des &#8222;Mevlana Taksi&#8220; &#8211; Fuhrunternehmens oder ein &#8222;Hotel Rumi&#8220;. Auch die Ampelmännchen an den Straßenlaternen sind einzigartig: Grell neonfarben leuchtende Derwischfiguren. Heckenpflanzen werden so zurechtgeschnitten, das sie wie Wirbeltänzer aussehen. Konya vermarktet sein Sufi-Erbe ebenso aggressiv wie die Altstadt von Jerusalem die Passionsgeschichte.</p>
<p style="text-align: justify;">Ziel der Rumi-Pilger ist das Grab des Mystikers, der Rumi-Schrein. Der Sarkophag, auf dem unübersehbar der Derwisch-Filzhut des Dichters liegt. Eine markante grüne Kuppel weist den Weg zu der Anlage, die auf der Mevlevi-Tekke gründet, die Rumis Sohn Sultan Veled einrichten ließ. Sie besteht aus dem Mausoleum, einer Moschee, einem Tanzhaus (Semahane), 17 Derwisch-Zellen, einer Küche und einem Reinigungsbrunnen. In der Küche mussten Novizen 1001 Tage Dienst tun, bis sie als Derwisch initiiert wurden. Heute ist das ehemalige Klostergelände ebenso streng gesichert wie der Topkapi-Palast in Istanbul. In einer Sicherheitsschleuse werden Bekleidung und Taschen der Besucher gescannt und durchleuchtet. Dann steht man auf dem Klosterhof, wo sich viele Pilger rituell Füße und Hände reinigen, bevor sie das Mausoleum betreten. Jeder Besucher muss die Schuhe ausziehen oder einen blauen Plastiküberzug darüber streifen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein großer, dunkler Raum, direkt unterhalb der markanten grünen Kuppel, ist Rumis letzte Ruhestätte. Sein mit einem goldbestickten Samtüberwurf bedeckter Sarg wird durch ein hohes Eisengitter vor allzu überschwänglichen Verehrern geschützt. So kann man den Sarkophag zwar nicht berühren, aber keinesfalls übersehen: Rumis Turban ist darauf drapiert. Die Menschen klammern sich an das Gitter. Manche sind emotional so überwältigt, dass sie in Tränen ausbrechen. Es gibt einen Gebetsraum für Männer und einen für Frauen. Der Rest des Klosterbaus und des Tempelbezirks ist ein Museum, wie in Istanbul. Überwiegend Frauen sitzen auf dem nackten Fußboden, wie Schülerinnen auf Klassenfahrt. Sie lehnen an den Schaukästen, die Kleidungsstücke Rumis und andere Sufi-Devotionalien zur Schau stellen. Mein Lieblingsexponat bleibt leider eine Behauptung. In einem mit Perlmutt-Rauten verzierten Holzkästchen soll sich angeblich ein Barthaar Mohammeds befinden. Die Floskel ‚beim Barte des Propheten‘ möchte ihren Ursprung in Konya haben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Verehrt wie ein Volksheiliger</h2>
<p style="text-align: justify;">Hier im Rumi-Mausoleum wird der Dichterfürst wie ein Volksheiliger verehrt. Die Pilger, die jedes Jahr am 17. Dezember, dem Todestag Rumis, in Scharen aus allen Landesteilen nach Konya kommen, suchen nicht nur die innere Einkehr an der letzten Ruhestätte ihres Idols. Sie wollen auch Spektakel, Zeitvertreib, Zerstreuung. Von der zum Museum degradierten Mevlevi-Tekke aus dem 13. Jahrhundert laufe ich eine Magistrale stadtauswärts entlang trauriger Ruinen auf einem trostlosen Brachland. Und komme zu einem kolossalen Betonmonstrum, dem modernistischen Kultur- und Kongresszentrum von Konya. &#8222;Mevlana Kültür Merkezi&#8220; nennt sich der seelenlose, futuristische Gigantbau in Form einer Pyramide.</p>
<p style="text-align: justify;">Dessen Siebzigerjahre-Moderne steht in seltsamem Kontrast zu den Besuchern, die er zum Rumi-Gedenken anzieht. Busladung nach Busladung wird hier abgeladen, um einem Show-Programm mit Derwisch-Einlage beizuwohnen. Wohlgenährte, rustikale Damen mit Kopftüchern und groben Strickjacken dominieren die Besucherströme. Nervös, spürbar von der ungewohnten Situation überfordert, suchen sie ihre Plätze in der gewaltigen Arena auf. Und auch während der Vorstellung ebbt das Kommen und Gehen nicht ab. Ständig muss jemand zur Toilette oder sonst etwas erledigen. Ständig wird getuschelt, geschnattert. Mit Handys photographiert, Selfies gemacht. Um sich zu vergewissern, dass man nicht allein ist in dem Kulturpalast, der wie das Innere eines gewaltigen UFOs anmutet.</p>
<p style="text-align: justify;">Irgendwie will hier nichts zusammenpassen. Nicht nur die etwas derben, fülligen Landpomeranzen und die megamoderne Arena. Das knappe Doppeldutzend an Sufi-Musikern auf der Orchester-Empore ist zwar traditionell gekleidet &#8211; ebenso die rund 50 Derwisch-Tänzer -, aber die Inszenierung hat dennoch etwas von gepflegter Samstagsabendunterhaltung. Bis hin zu der knalligen, äußerst farbenfrohen Lightshow. Mystisch sieht anders aus. Stelle ich mir zumindest anders vor. Die Regie hat Wert darauf gelegt, dass ein kulturelles Unterhaltungsprogramm die eigentliche Sema umrahmt. So ist der Derwisch-Tanz ein Programmpunkt unter vielen in einer weltlichen Großveranstaltung.</p>
<p style="text-align: justify;">Erdogans Wähler stelle ich mir so vor wie die Besucher in Konyas Kulturpalast. Fraglos fromm, traditionell in Erscheinung und Weltbild, konservativ im Denken und Empfinden. Und wenig aufmüpfig, weil Teil eines unverrückbaren Systems, autoritär und hierarchisch. Sie tragen dieses System, sind seine Stützen. Und damit weit entfernt von der inneren Freiheit und Unabhängigkeit wahrer Mystiker. Tröstlich allein, dass die Zeremonie überlebt hat. Und ein klein wenig subversiv wirkt, wenn sie ihre zahlreichen Zuschauer trotz des unwürdigen Ambientes in ihren Bann schlägt. Sich von Konyas Popcorn-Sema mitreißen lassen, ihren Rhythmus aufnehmen, ihr gebannt folgen: Das ist Mystik light im Schnupperpaket. Und damit mehr als eine Bruderschaft im Verborgenen erreichen könnte, grinse ich in mich hinein.</p>
<p style="text-align: justify;">Und doch bin ich niedergeschlagen auf dem Rückweg vom Kulturzentrum. Wenn es das gewesen sein sollte mit dem Sufismus im 21. Jahrhundert, dann hätte Atatürk ganze Arbeit geleistet. Der Mevlevi-Orden mag einen subversiven Weg des Eigenerhalts gefunden haben und seine heiligen Zeremonien gerettet, indem sie scheinbar zum öffentlichen Spektakel wurden. Aber als gesellschaftliche Kraft von Belang, die die herrschende Kultur auf inspirierende Weise in Frage stellt, wirken die Ordensbrüder nicht. Mit großem Glück gelingt mir dann aber doch ein kurzer Einblick in eine Art Hinterhof-Sufismus, den kein Fremdenverkehrsbüro einem ans Herz legen würde.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Hintertreppen-Mystik, oder: Die unerwartete Dikhr</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Ladengeschäft ‚Dervish Brothers Center‘ wirkt von außen wie ein weiterer der zahllosen Souvenirläden in Konya, die ein Stück vom Rumi-Kuchen abhaben wollen. Aber hinter dem Geschäftsnamen, der scheinbar auf ausländische Konsumtouristen abzielt, verbirgt sich tatsächlich eine Art Bruderschaft. Empfohlen hatten es mir zwei australische Backpacker, die ich bei der kommerziellen Derwisch-Vorführung am Nachmittag kennen gelernt hatte. &#8222;Dervish Brothers&#8220;, das sei “the real thing!“, wurde mir nahegelegt.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Laden ist sein eigener Kosmos. Hier Inventur zu machen, dürfte eine Lebensaufgabe sein. Bis zur Decke ist das Geschäft mit Kruscht und Krempel vollgestopft. Selbst das Wanddekor hat mehrere Schichten: Handgeknüpfte Teppiche als Grundierung. Darüber hängen Plakate, Wasserpfeifen, Fayencen, gerahmte Kalligraphie, Rumi-Portraits. Auf den kreuz und quer durcheinander stehenden Rattanregalen finden sich Sufi-Literatur, Töpferarbeiten, Musikinstrumente, Kopftücher und Ethno-Klamotten. In den Glasvitrinen lassen sich Steine, Kristalle, Talismane, Schmuckstücke, Handschmeichler, Gebetsketten und andere Kleinodien bestaunen. In der hinteren Ecke hocken Musiker rund um einen niedrigen Tisch. Sie trinken Tee, stimmen Saz und Oud, trommeln sich ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Als sie zu spielen beginnen, springen zwei Frauen spontan auf. Sie beginnen, sich langsam um die eigene Achse zu drehen. Ganz nach Derwisch-Art. Alle Anwesenden wirken wie eine verschworene Gemeinschaft, der es letztlich egal ist, ob sich Kunden in den Laden verirren oder nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Hier treffe ich Üzeyir Özyurt, der sich selber &#8222;Sufi-Professor&#8220; nennt. Tatsächlich ist er so eine Art Sufismus-Koryphäe. Die Expertise hat er sich selber draufgeschafft. Und gut vermarktet: Er ist gern gesehener Talkshow-Gast zum Thema Mystik. Özyurt gehört das &#8222;Dervish Brothers Center&#8220;. Ich frage ihn, ob der 17. Dezember heute noch mehr ist als der Stichtag für ein Touristenspektakel. &#8222;Oh, ja&#8220;, antwortet Özyurt. &#8222;Es ist die Hochzeitsnacht von Mevlana Dschellaledin Rumi. &#8222;Seb-i-Arus&#8220;, als er starb und in der Ewigkeit wiedergeboren wurde, auf dem Pfad Gottes. Er selbst nannte es seine Brautnacht, &#8222;Seb-i-Arus&#8220; (sprich: Schebbi Aruss).</p>
<p style="float: right; margin-left: 100px;"><a href="http://mediennerd.de/sieben-geschichten-vom-glauben/" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-size: 12px; margin-bottom: 10px; text-align: center; text-transform: uppercase;">Diese Reportage stammt aus Sebastians Buch</span><img src="http://www.mitteldeutscherverlag.de/images/stories/virtuemart/product/9783954629190_w.jpg" width="350" /></a></p>
<h2 style="text-align: justify;">Liebe oder tot</h2>
<p style="text-align: justify;">Alle seien eingeladen mitzufeiern. Jede Nation, jede Religion sei willkommen. &#8222;Nur die Liebe im Herzen zählt&#8220;, sagt Özyurt, ganz wie Rumi es lehrte. &#8222;Wir verehren Gott und die Liebe. Rumi leitet uns dabei an!&#8220; Das Prinzip sei einfach und ungeheuer kompliziert zugleich: &#8222;Viele Leute leben auf dieser Welt, ohne je wahrhaftige Liebe zu erfahren&#8220;, klagt Üzeyir Özyurt. &#8222;Für uns sind das Tote! Wenn Du Dich verliebst, dann wirst Du wiedergeboren, für die Ewigkeit. Und Du spürst, dass Du am Leben bist. Allein die Liebe verleiht Dir Lebensenergie!&#8220; Immer wieder streut er ein langgezogenes &#8222;Huu!&#8220; ein, das er den Atem des Lebens nennt. Im Sufismus ist Hu ein Synonym für Gott. Wie das englische &#8222;He&#8220;, ER. Oder Hu ist ein verstärkendes Beiwort, wie in Allah Hu, das in so vielen Sufi-Liedern und Gedichten vorkommt. Allah Hu bedeutet so viel wie &#8222;Gott selbst&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;">Dem schwärmerischen Sufi-Professor verdanke ich dann auch den entscheidenden Hinweis. Leicht zögerlich empfiehlt er eine Sufi-Zeremonie, die irgendwann später am Abend stattfinden soll. Eine Dhikr, ein rituelles Gottgedenken, wie es Sufis und Derwische seit dem 8. Jahrhundert pflegen. Auf ein Papierchen kritzelt er eine Adresse, die in einer der dunklen Altstadtgassen liegt. Die Suche nach dem Ort der Dhikr entpuppt sich als gar nicht so einfach. Ich stehe in einem spärlich beleuchteten Sträßchen vor einem abgeranzten Haus. Und weiß zunächst nicht, wohin. Die Adresse stimmt. Aber nichts deutet darauf hin &#8211; kein Hinweis, kein Namensschild -, dass hier im Hinterhaus Dutzende von mystisch-angehauchten Gleichgesinnten zusammen gekommen sind, zu einem archaischen Ritual, zu Ehren Rumis, an dessen Todestag. Ich fasse mir ein Herz und trete ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Licht in dem abgedunkelten Raum ist so schummerig, dass sich meine Augen erst daran gewöhnen müssen. Schon auf der Gasse, vor der Tür, war gedämpft der rhythmische Sprechgesang der Teilnehmer der Sufi-Zeremonie zu hören. Es war nicht ganz einfach, sich überhaupt in den Raum vorzukämpfen. Im Takt des Sprechgesangs werfen die Teilnehmer ihre Köpfe und Oberkörper vor und zurück, immer wieder vor und zurück, in einem monotonen Rhythmus, der sie in Trance versetzt. Ein Vorsänger, den ich erst ganz allmählich in den Tiefen des Raumes ausmachen kann, gibt Melodie und Verse vor.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sich dem Rhythmus hingeben</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Wände des langgestreckten Raumes sind mit Teppichen behängt. Am anderen Ende sitzen die Würdenträger oder Altvorderen. Sie hocken im Schneidersitz am Boden und spielen Saiteninstrumente oder Trommeln. Sie haben lange Bärte, tragen orangefarbene Turbane und weite Gewänder mit Westen darüber. Vielleicht sind sie moderne Sufi-Meister. Zwei jüngere, ganz ähnlich Gekleidete laufen in der schmalen Gasse auf und ab, die die Singenden und sich vor und zurück Wiegenden in der Mitte des Raumes gelassen haben. Diese jüngeren Sufis stacheln die Menge an, zu skandieren und sich dem Rhythmus hinzugeben.</p>
<p style="text-align: justify;">Mystik ist Trance. Gott nähert man sich in einem anderen Bewusstseinszustand. Eine Art kollektiver Rausch hat den Raum ergriffen. Einer der Anheizer ist ein baumlanger Kerl, etwas mondgesichtig mit schwarzumrandeter Hornbrille. Sein zottiger schwarzer Vollbart und sein halblanges, struppiges Haar quellen unter dem Turban hervor. Neben ihm dreht sich ein ähnlich Gekleideter in Derwisch-Manier, gegen den Uhrzeigersinn und in endlosen Kreisbewegungen. Dann stehen auch andere, europäisch gekleidete Teilnehmer auf und versuchen sich ebenfalls an einer improvisierten Eigenvariante des Wirbeltanzes. Kaum zu glauben, dass der heillos überfüllte Raum überhaupt noch Tanzfläche öffnen kann. Die Menge skandiert: ‚La-Ilaha-Ill-Allah, hu‘ – es gibt keinen Gott außer Gott.</p>
<p style="text-align: justify;">Anfänglich befremden mich der monotone Gesang und das ekstatische Wippen. Ich denke an einen satanistischen Kult, der sich in rasender Trance zu Dingen hinreißen lässt, die kein Einzelner je für sich für möglich gehalten hätte. Auffällig viele Westler sind mit dabei. Darunter das australische Traveller-Pärchen, das ich am Nachmittag bereits bei der Derwisch-Showeinlage kennengelernt hatte. Auch auf die beiden war der Funke der Ekstase übergesprungen und sie hatten sich dem archaischen Trance-Tanz hingegeben. Die Australierin war nicht die einzige Frau, im Gegenteil.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Frauen willkommen</h2>
<p style="text-align: justify;">Von der harschen Männerdominanz eines Steinzeit-Islam sind wir hier Welten entfernt. Die anwesenden Frauen sind so ziemlich das Gegenteil der Traditionalistinnen vom Kulturpalast mit ihren Kopftüchern und bodenlangen Röcken. Das Trance-Ritual hat so eine durchaus moderne Anmutung. Überraschend jung sind die Teilnehmer. Von der Kleidung und Aufmachung her wirken sie eher wie Hippies auf mich, die auf dem Weg nach Goa hier hängen geblieben sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Atatürk und Erdogan wären sich sicher einig in ihrem Entsetzen über den Hinterhof-Sufismus von Konya. Atatürk, weil das Kultische überlebt hat. Und Erdogan, weil dies nichts mehr mit staatstragender AKP-Frömmigkeit zu tun hat. Auch der strenge Formalismus der Sema-Vorführungen, ihre klösterliche Ernsthaftigkeit und choreographische Disziplin, gehen der Trance-Séance von Konya völlig ab. Sie wirkt spontaner, impulsiver und damit subversiver auf mich. Auch nicht so elitär wie die Tanzspektakel der Initiierten. Demokratischer. Eine subkulturelle Nische, die im Halbdunkel überlebt. Diese Hintertreppen-Mystik ist mehr noch als die getarnten Sufi-Rituale in den Museen und Kulturzentren eine Provokation. Ein Infragestellen sowohl von Erdogans autoritärer Einheitskultur als auch der militanten Fundamentalisten.</p>
<p style="text-align: justify;">Islamistische Hardliner hassen Tanz und Musik, Vergnügen und Genuss. Toleranz, Pluralismus und Friedfertigkeit der Sufis waren ihnen von jeher ein Dorn im Auge. Auch politische Führer, die sich und ihre Herrschaft religiös begründen, eine Art göttlichen Auftrag reklamieren, haben in den Mystikern von jeher eine Bedrohung gesehen. Gehorsame Gläubige am Gängelband einer autoritären Priesterkaste sind berechenbarer. Und damit beherrschbarer. Mystiker jedoch, die den direkten, unvermittelten Zugang zu Gott suchen, die nur IHN als Autorität anerkennen und ihre eigenen Rituale und Zeremonien kreieren, sind ihnen suspekt. Mystiker gelten ihnen als Anarchisten, die sich nicht an weltliche Ordnung gebunden fühlen. Ein zarter Hauch dieses Geistes weht noch immer durch Istanbul und Konya.</p>
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		<title>Die Afro-Iraner</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Jul 2017 04:54:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<category><![CDATA[Afro-Iraner]]></category>
		<category><![CDATA[Delia-Friess]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[mahdi-ehsaei]]></category>
		<category><![CDATA[Minderheiten]]></category>
		<category><![CDATA[Sklaverei]]></category>
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					<description><![CDATA[In den südlichen Provinzen des Iran leben auch Menschen mit afrikanischen Wurzeln. Die afro-iranische Minderheit bewahrt bis heute afrikanische Traditionen. Der Fotograf Mahdi Ehsaei hat einige Iraner*innen mit afrikanischen Vorfahren getroffen. Unsere Autorin Delia Friess hat ihn zu seiner Arbeit befragt.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-afro-iraner/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>In den südlichen Provinzen des Iran leben auch Menschen mit afrikanischen Wurzeln. Die afro-iranische Minderheit bewahrt bis heute afrikanische Traditionen. Der Fotograf Mahdi Ehsaei hat einige Iraner*innen mit afrikanischen Vorfahren getroffen. Unsere Autorin Delia Friess hat ihn zu seiner Arbeit befragt.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Trommelrhytmen und Gesang: Auf den Zuschauertribünen eines Fußballspiels in der iranischen Stadt Shiraz herrscht eine ausgelassene Stimmung. Die Menschen feiern gemeinsam.</p>
<p style="text-align: justify;">Unter den Fans der Mannschaft aus Hormozgan fällt dem deutsch-iranischen Fotografen Mahdi Ehsaei ein Iraner auf, der das Spiel auf eine ihm neue Art und Weise anfeuert. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=OlR3bfJQrxI&amp;feature=youtu.be" target="_blank">Diesen Moment hielt Ehsaei mit seiner Kamera fest.</a></p>
<p style="text-align: justify;">Der 27-Jährige lebt in Deutschland und verbrachte den Sommer bei seinen iranischen Verwandten. Er hat sich dort weiter umgehört und so von der Geschichte der Afro-Iraner erfahren.</p>
<p style="text-align: justify;">Anschließend machte er sich auf in die südiranische Provinz Hormozgan am Persischen Golf, wo diese Bilder von Afro-Iranern entstanden. Sie erschienen als Fotoserie mit dem Titel <strong><a href="http://www.mahdi-ehsaei.com/afro-iran/" target="_blank">“Afro-Iran. The Unknown Minority&#8220;</a></strong> und wurden bisher in Kenia, Deutschland, Kolumbien und Italien ausgestellt.</p>
<p><div id="aesop-gallery-6783-2"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6783" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/06/1-2.jpg" data-caption="Der Khaje-Ata Beach in Bandar Abbas liegt am Persischen Golf.  Dieser Junge ist an diesem Nachmittag zum Spielen gekommen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/07/3.jpg" data-caption="Die farbenfrohe Kleidung der Frauen ist typisch für den südlichen Iran. Diese Mutter hat ihrem Kind ein grünes Gebetsband angesteckt, zum Schutz vor dem Bösen." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/07/4.jpg" data-caption="Diese zwei Jungs in der Nähe von Bandar Abbas sind Cousins. Sie zeigen die ethnische Vielfalt in der Bevölkerung." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/07/10.jpg" data-caption="Eine Gruppe von Kindern spielt in einer Gasse." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/06/2-1.jpg" data-caption="Dieser Autoverkäufer lehnt sich an seinen Verlaufsschlager Nummer Eins im Iran: ein Kia Pride. " alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/06/7-10.jpg" data-caption="Iranische Flaggen wehen an einem Straßenschild in der Stadt Minab. Auch hier leben viele Afro-Iraner, so wie dieser Mann." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/07/8.jpg" data-caption="Dieser Afro-Iraner mit Afro-Frisur arbeitet als Verkäufer in einem Laden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/07/5.jpg" data-caption="Ein Junge steht in einer Gasse, die wie viele andere zum Spenden von Schatten in der heißen Region angelegt wurde." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/06/9-8.jpg" data-caption="Frauen spazieren in einer Gasse. Sie tragen farbenfrohe &#039;Chador Bandaris&#039;, ein leichtes Kleidungsstück, das im Süden Irans oft zu sehen ist." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2017/07/6.jpg" data-caption="Eine junge afro-iranische Mutter hält ihr schlafendes Kind, Geldbörse, Handy und Schmuck. Sie trägt ein gemustertes „Chador Bandari“." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Mahdi Ehsaei</p></div></p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Weltseher: Wie haben Afrikaner die Kultur des Irans beeinflusst?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Mahdi Ehsaei: Afro-Iraner sind wie Azeri, Kurden, Araber, Belutschen oder Armenier Teil der multiethnischen Gesellschaft Irans. Gleichzeitig sind Traditionen aus der afrikanischen Kultur wie Tanz, Sprache, Kleidung und Musik erhalten geblieben, die teilweise auch typisch für den Süden des Irans geworden sind. Der Einfluss von afrikanischen Kulturen zeigt sich zum Beispiel in der Art des Tanzens, in den Rhythmen der regionalen Musikstile und in den für den Süden typischen bunten Kleidungsstil. Die Gesamtbevölkerung in den südlichen Provinzen Sistan, Baluchistan, Hormozgan und Khuzestanhat hat vieles aus der Kultur der Afro-Iraner übernommen. Etwa die Bandari-Musik, die überall im Iran sehr bekannt ist.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie selbstbewusst treten die Afro-Iraner im Iran auf?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Menschen, die ich getroffen habe, vor allem die Frauen, wollten sich erst nicht fotografieren lassen. Sie sehen sich als Iraner*innen und ihnen ist es unangenehm auf ihre Herkunft oder Hautfarbe angesprochen zu werden. Viele wussten noch nicht mal davon.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Sie haben also keine eigene Sprache und Religion?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Iraner mit afrikanischen Vorfahren sprechen die Sprachen, die üblicherweise im iranischen Süden gesprochen werden: hauptsächlich Persisch mit Banda ri-Dialekt und Arabisch. Ein Großteil der Afro-Iraner, die ich getroffen habe, ist auch muslimisch. Allerdings durfte ich an einem Ritual von Afro-Iranern teilnehmen, bei dem eine Kreolsprache gesprochen wurde: eine Kombination aus Persisch, Arabisch und Swahili.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Was für ein Ritual war das?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">In einem Dorf bei Bandar Abbas konnte ich an einer »Zar«-Zeremonie teilnehmen – einer Art Teufelsaustreibung, bei dem sich die Teilnehmer mit Hilfe von Musik und Tanz in Trance versetzen, um betroffene Personen von psychischen Krankheiten zu befreien.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie sind Afrikaner überhaupt in den Iran gelangt?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Geschichte der Iraner mit afrikanischen Vorfahren ist eng mit den Grausamkeiten der Sklaverei verknüpft. Die Hafenstadt Bandar Abbas, die Hauptstadt der Provinz Hormozgan am Persischen Golf, gehört zu einer der 31 Provinzen des Irans. Diese Stadt und die nahegelegenen Inseln Hormuz und Qeshm im Persischen Golf wurden seit Anfang des zehnten Jahrhunderts durch Portugiesen und Spanier nach und nach besetzt. Später wurden die Hafenstädte und Inseln am Persischen Golf auch von niederländischen, britischen und auch arabischen Besatzern eingenommen. Diese Besatzer betrieben zu dieser Zeit einen Sklavenmarkt, nahmen Menschen aus Ostafrika gefangen, kastrierten die Menschen zum Teil und verkauften sie als Sklaven auf Sklavenmärkten. Auf diesen Wegen wurden viele Menschen aus den heutigen Ländern wie Äthiopien, Eritrea,, Madagaskar, Kenia, Somalia, Mosambik und Sansibar in den Iran verschleppt. Knotenpunkte für den persischen Sklavenmarkt waren auch Shiraz und Bushehr. Erst 1928 wurde die Sklaverei im Iran offiziell abgeschafft. Allerdings stammten nicht alle Sklaven im Iran aus Afrika und nicht alle Afrikaner gelangten durch Sklaverei in den heutigen Iran. Zum Beispiel kamen auch Seeleute vom afrikanischen Kontinent in den Iran.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie sah das Leben der afrikanischen Sklaven im Iran aus?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Als der iranische Staat vor allem in der Safawiden-Dynastie im 17. Jahrhundert und der Qajar-Dynastie im 19. Jahrhundert wuchs, wurde die Stadt Bandar Abbas Großhandelsposten. Das führte zu einer größeren Nachfrage von bezahlter Arbeit, als auch von Sklavenarbeit. Die Menschen wurden über Qeshm und Hormoz nach Bandar Abbas gebracht und schließlich im ganzen Land verkauft. In der Qajar-Dynastie mussten diese Menschen als Wächter in Harems oder den Frauen dienen. Männliche Sklaven wurden oft als Diener, Soldaten oder Arbeiter in Haushalten eingesetzt. Sklaven galten im Iran als Zeichen des Wohlstandes. Viele Frauen wurden als Dienerinnen oder auch als Konkubinen und für Harems gehandelt.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Verbesserte die Islamisierung des Landes die Situation der Menschen, die als Sklaven gehalten wurden?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">In der islamischen Zeit wurden die Menschen konvertiert. Durch religiöse Gesetze wurden sie besser behandelt und ihre Freilassung gefördert. Dies steht im Widerspruch zur transatlantischen Sklaverei, bei der Sklaven als persönliches Eigentums ohne Rechte betrachtet wurden. Trotzdem ist Sklaverei in jeder Form grausam.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Wie gut ist die Geschichte der Afro-Iraner erforscht?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Weder in Deutschland noch im Iran gibt es viele Quellen oder verifizierte Zahlen. Einer der wenigen Experten war der iranisch-armenisch-georgische Fotograf Antoin Sevruguin (1830-1933). Er fotografierte schon damals die vielen verschiedenen ethnischen Gruppen des Landes. Es gibt außerdem zwei Dokumentarfilme über die Minderheit: &#8222;Afro-Iranian Lives&#8220; und &#8222;The African-Baluchi Trance Dance&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Herrscht ein Mangel an Aufarbeitung der Sklaverei im Iran? </strong></p>
<p style="text-align: justify;">Im Iran wird die Multiethnizität zwar im Geschichtsunterrichts vermittelt. Eine politische oder mediale Repräsentation der afro-iranischen Minderheit fehlt jedoch noch. Immerhin habe ich während meiner Reise keine Diskriminierungen von Afro-Iranern erlebt. Trotzdem kann ich natürlich nicht mit Sicherheit sagen, dass es keine gibt. Viele Iraner mit afrikanischen Vorfahren leben jedenfalls auch heute noch in ärmlichen und prekären Verhältnissen.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Was geschah mit den Afro-Iranern, nachdem die Sklaverei abgeschafft wurde?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Nach der Abschaffung der Sklaverei im Iran 1923 bildeten Afrikaner und ihre Nachkommen ihre eigenen Gemeinden und setzten ihre afrikanischen Traditionen in Musik, Tanz, Kleidung und oralen Überlieferungen fort. Die Menschen, die im 19. Jahrhundert in den Iran kamen, ließen sich hauptsächlich entlang der Golfküste nieder. Heute leben sie zum Teil immer noch dort, teils in ärmlichen Verhältnissen, und arbeiten als Seemänner, Fischer oder Landarbeiter auf Dattel- und Zuckerplantagen. Die Mehrheit der Afro-Iraner lebt in kleinen, ärmeren Vierteln der Stadt Bandar Abbas und in den benachbarten Städten und Dörfern wie Minab und Isin.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Gibt es auch überregional bekannte Persönlichkeiten mit afrikanischen Vorfahren?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Da dieser Bevölkerungsanteil an den Grenzen des Irans lebt, wo die Bevölkerung eher ärmer und weniger mobil ist, wird er wirtschaftlich, politisch und kulturell von vielen Medien nicht repräsentiert. Es gibt allerdings auch bekannte Persönlichkeiten wie die Musiker Saeid ShanBezadeh, Morteza Karimi und Carlos (Hosein Ghodsi Nezhad) oder Schauspieler wie Reza Daryaie. Auch Sportler wie Mehrab Shahrokhi und Abdol Reza Barzegari, Spieler der iranischen Fußballnationalmannschaft der Siebzigerjahre und Achtzigerjahre, oder der ehemalige iranische Sprinter Peyman Rajabi sind sehr bekannt.</p>
<p style="text-align: justify;"><strong>Sind die Afro-Iraner ein Beispiel der Unterdrückung einer Minderheit in der iranischen Gesellschaft?</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Nein, im Gegenteil. Für mich sind sie ein Beispiel für die Vielfalt und das friedliche Zusammenleben in der iranischen Gesellschaft heute. Und eben auch für einen Aspekt des Irans, der nur selten in westlichen Medien vermittelt wird.</p>
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		<title>Nur nicht den Kopf verlieren</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 08 Feb 2015 22:17:13 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Auf seinen Reisen durch den Nahen Osten und Zentralasien landete unser Autor Marcus Karl auch im Irak. Genau zu der Zeit, als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Juni 2014 dort ihre Großoffensive startete. Die Geschichte einer Flucht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/flucht-vor-dem-is-im-irak/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Auf seinen Reisen durch den Nahen Osten und Zentralasien besuchte unser Autor Marcus Karl auch den Irak. Genau zu der Zeit, als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Juni 2014 dort ihre Großoffensive startete. Die Geschichte einer Flucht.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Da! Eine aufgewühlte Traube von Menschen vor einem Schaufenster. Bestimmt steht dort ein Fernsehgerät. Ich klettere auf einen Mülleimer, um über die Köpfe hinweg die Aufnahmen aus Mossul zu sehen. Brennende Busse und verkohlte Häuser, weinende Menschen, die zwischen Schutt und Asche sitzen. Erschütternde Bilder, die mich für einen Moment sprachlos machen. Schnell habe ich genug gesehen, springe zurück auf die Straße. Juri, der am Rand auf mich gewartet hat, blickt mich fragend an. Ich schüttle nur den Kopf: &#8222;Lass uns abhauen!&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Seit einigen Monaten reisen mein Freund Juri und ich durch die Länder des mittleren Ostens und Zentralasiens. Eine Mischung aus Neugier auf die Welt und Abenteuerlust treibt uns an. Die letzten Tage verbrachten wir in dem syrischen Flüchtlingslager &#8222;Kawergosk&#8220; im kurdischen Teil des Iraks, nahe der Kurden-Hauptstadt Erbil. Unser nächstes Etappenziel sollte Mossul sein, bevor wir den Nordosten des Landes erkunden.</p>
<p style="text-align: justify;">Doch am Morgen unseres Aufbruchs nimmt Khaled, der Besitzer unseres Hostels, uns zur Seite: &#8222;Bad news, boys! They started to fight again in Mossul. Please don‘t go there.&#8220; Ich erkenne ernste Sorgen in seinem Gesicht, aber der Appell perlt an mir ab. Warnungen vor Gefechten, Aufruhr und Bombenanschlägen nehmen wir nicht mehr wirklich ernst. Immer wird irgendwo gekämpft, immer haben sich Leute in den Haaren. Dabei ernsthafte Gefahr und Übertreibung auseinanderzuhalten, ist nicht immer ganz einfach. Wir schaffen es einfach nicht mehr, zwischen Fakten und Gerede eine klare Grenze zu ziehen. Abgestumpft? Vermutlich sind wir das ein bisschen. Leichtsinnig kommen wir uns aber nicht vor.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Desinteresse mischt sich mit leichter Panik</h2>
<p style="text-align: justify;">Wir wollen nach Mossul oder zumindest hindurch, auf einen zeitraubenden Umweg haben wir nicht die geringste Lust. Ob dort wirklich gekämpft wird, darüber gibt es hier im Flüchtlingslager keine einheitliche Meinung. Einige winken müde ab. Nie im Leben wagten es die Kämpfer des Islamischen Staates (IS), die Kurden anzugreifen, hören wir. Die kurdischen Gebiete seien sicher, sagt man uns.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1" style="max-width:1200px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1200:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="160000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_fluechtlingslager_karl-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In dem syrischen Flüchtlingslager „Kawergosk“ im kurdischen Teil des Iraks hielt sich Marcus Karl auf bevor er in das knapp 20 Kilometer entfernte Mosul fahren wollte.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_kurden_tee_karl-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Zwischen Mosul und der türkischen Grenze machten Marcus und sein Freund Juri eine Pause in Dohuk. Dort war alles ruhig. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_karl_tee_karl-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Beim gemeinsam Tee mit den älteren Kurden wurde deutlich, dass die Männer in Dohuk nicht vor den Kämpfern des Islamischen Staates weichen wollen. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_grenze_karten_karl-1200x647.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Im Grenzgebiet zwischen dem Irak und der Türkei trafen Marcus und sein Freund auf hilfsbereite Menschen, die ihnen Limonade spendierten.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-flucht-aus-dem-irak-1-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1200px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_fluechtlingslager_karl-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_kurden_tee_karl-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_karl_tee_karl-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2015/02/irak_grenze_karten_karl-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<p style="text-align: justify;">Nach etwas Zögern und weiteren eindringlichen Warnungen und Bitten unserer Freunde lenken wir ein. Wenige Stunden später holpern wir durch eine karge Steinwüstenlandschaft in einem alten Mercedes-Benz zurück nach Erbil. Statt ängstlich bin ich eher genervt und gereizt. Ich blicke zu meinem Reisegefährten. Juri, mit seinen Anfang zwanzig, hat noch nicht den Hauch von Sorgenfalten in seinem Gesicht. Und wie immer lässt sich keine Stimmung bei ihm erahnen. Stoisch sitzt er neben mir. Nach ein paar Kilometern wechselt die Staubpiste zu Asphalt und kurze Zeit später sind wir in Erbil. Hier bringen die Nachrichten vom IS die Stimmung der Bevölkerung langsam zum brodeln. Während die einen noch völlig desinteressiert sind, geraten andere in leichte Panik.</p>
<p style="text-align: justify;">Die ersten Fernsehsender berichten über Kämpfe. Mein E-Mail-Postfach quillt über vor Anfragen aus der Heimat: &#8222;Geht es euch gut?&#8220; – ist die häufigste Frage. Unschlüssig beraten wir uns. Was sollen wir machen? Hier bleiben oder die Beine in die Hand nehmen. Wir könnten nach Mossul fahren und von ganz vorne berichten, wir könnten in Erbil bleiben und mit den Flüchtlingen sprechen. Oder wir könnten abhauen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Die schneiden euch die Köpfe ab&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Gemeinsam entscheiden wir uns, noch einen Tag in der kurdischen Hauptstadt auszuharren, die ganze Sache zu überschlafen und am nächsten Morgen mit frischen Informationen einen Plan zu schmieden. Mit dem nächsten Tag kommen auch die ersten Videoaufnahmen aus dem kaputtgeschossenen Mossul. Die Fernsehsender berichten von kilometerlangen Staus, von Flüchtlingen und den Kämpfen. Jetzt wird auch uns klar: Wir müssen weg.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Bilder aus Mossul im Schaufenster sind ziemlich eindeutig. Aber erst die E-Mail eines Freundes, der für den &#8222;Spiegel&#8220; arbeitet, überzeugt uns: &#8222;Lieber Marcus, hau da bloß ab. Diese Leute vom IS sind der Teufel. Die warten nur auf Jungs wie euch, um euch die Köpfe abzuschneiden. Weg da.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Meinen Kopf will ich behalten und Juri hat auch kein Interesse am Verlust seines Hauptes. Eines ist somit klar: Wir wollen einfach nur weg! Doch in welche Richtung sollen wir fliehen? Nach Osten in den Iran? Dafür bräuchten wir Visa und bis die ausgestellt sind, vergehen Wochen. Nach Westen Richtung Syrien geht auch nicht, denn dort herrscht seit Jahren ein blutiger Bürgerkrieg, außerdem kommen die IS-Kämpfer genau aus dieser Richtung. Im Süden gibt es nur mehr vom Irak und dort ist es auch nicht mehr sicher. Die Kämpfer des Islamischen Staates seien auch in dieser Region auf dem Vormarsch, heißt es. Also bleibt uns nur der Norden, in die Türkei. Dummerweise liegt Mossul direkt zwischen uns und der Grenze.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Eine Umgehungsstraße durch die Wüste</h2>
<p style="text-align: justify;">Einheimische lotsen uns zu einer Kreuzung, von der die Sammeltaxis in Richtung Norden starten. Dort erfahren wir, dass es wegen der Kämpfe bereits eine improvisierte Straße mitten durch die Wüste gebe und Mossul umgehe. Bei den Taxis ist die Hölle los. Viele Fahrer haben ihre Preise drastisch erhöht und diskutieren mit fuchtelnden Händen herum. Es gibt aber immer noch ein paar, die fair sind und zum üblichen Preis fahren. Es dauert eine ganze Weile bis wir eins finden, das uns in den Norden bringt.</p>
<p style="text-align: justify;">Immer wieder hören wir, dass wir lieber bleiben sollen. Erbil werde als letztes fallen, wenn überhaupt, so versichert man uns. Doch die Warnungen aus der Heimat haben uns mehr als alarmiert: Wenn die Kämpfe nach Erbil kommen, dann aber bitte ohne uns. Wir lassen die Stadt hinter uns und fahren über die Straße gen Norden. Wir haben Angst in einen Stau zu geraten, aber der ist nur auf der anderen Straßenseite &#8211; die Leute fliehen nach Erbil, wir fliehen aus Erbil.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach einer guten Stunde durch die Wüste haben wir Mossul ohne Zwischenfälle umfahren. Keine Spur von Kampfhandlungen. Am Abend erreichen wir Dohuk. Die Stadt liegt nördlich von Mossul. Hier ist alles ruhig. Die alten Männer sitzen Tee trinkend auf der Straße und tragen ihre farbenfrohen, traditionellen Kleider, die Bauchbinde und den Turban. Sie haben feste Blicke und wirken entschlossen – das sei ihr Land, niemand werde es ihnen nehmen können, sagen sie uns. In meiner Phantasie springen die betagten Herren gleich auf Pferde und reiten als wilde Horde mit Gewehren in den Händen dem Feind entgegen. Ich schäme mich für diese romantische Vorstellung.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Zigaretten, Schmuggler und keine Prise Mitleid</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Weiterfahrt nach Zahok und zur Grenze klappt ohne Probleme. Unser Fahrer lässt uns an einer Tankstelle wenige Kilometer vor der Grenze raus. Zu unserem Glück steht direkt vor unsere Nase ein weiteres Sammeltaxi mit noch zwei freien Plätzen. Der Fahrer bedrängt uns, bei ihnen mitzufahren. Nachdem wir den Preis passiv, also durch ignorieren, abgelehnt und ihn von 20 US-Dollar pro Kopf auf fünf für uns beide runtergehandelt haben, stimmen wir zu. Die Typen sind uns zwar weder geheuer noch sympathisch, aber bei dem Preis werden wir bequem und faul. Vor der Abreise kaufen wir noch schnell zwei Stangen Zigaretten.</p>
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		</div>

		</p>
<p style="text-align: justify;">An der irakischen Grenze öffnet ein Beamter die Wagentür, fragt etwas, vermutlich nach zu verzollenden Gütern und flugs zeigen diverse Finger auf uns. Nun stellt der Grenzer uns freundlich Fragen. Wir antworten mit den Zigarettenstangen in unseren Händen. Damit verliert der Beamte sein Interesse an uns, doch die anderen Insassen haben sich in seinen Augen verdächtig gemacht. Wer Ausländer verpfeift, hat selber Dreck am Stecken.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Gefährt wird gründlich auseinandergenommen und nach einer halben Stunde purzeln aus der Dachverkleidung stangenweise Zigaretten. Großes Gejammer, unser Mitleid hält sich in Grenzen. Zu Fuß geht es über den Grenzfluss. Wir sind inzwischen müde und abgekämpft. Mit schweren Gliedern marschieren wir über die Brücke, ein fauliger Geruch liegt in der Luft. Es muffelt nach verrottetem Müll, der bei dem niedrigen Wasserstand das Tageslicht erblickt. Doch es wird noch einmal ernst. Die letzte Hürde liegt vor uns. Nach außen gebe ich mich gelassen, innerlich zittere ich aber.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Rache aus der Vergangenheit</h2>
<p style="text-align: justify;">Wir nähern uns dem türkischen Kontrollhäuschen, in meinem Geldbeutel schlummern knapp 150 Euro in kleinen Dollarscheinen. Eine gute Summe, um einen Grenzer bei Bedarf milde zu stimmen oder eben eine fällige Gebühr zu zahlen. Vor ein paar Jahren besuchte ich die Türkei und bekam wegen einer Überziehung meines Visums ein Einreiseverbot. Eigentlich nicht so schlimm, war ja das Einreiseverbot an ein Bußgeld geknüpft. Das hatte ich bislang nur noch nicht gezahlt. Ein Teil von mir spekuliert, während ich mich dem Grenzhäuschen nähere, dass die Datenpflege bei den türkischen Grenzern nicht ganz so ordentlich ist. Leider täusche ich mich.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein freundlicher Mann in Uniform begrüßt uns und stempelt die Pässe – auch meinen. Doch in dem Moment, in dem sein Stempel auf meine Papiere klopft, heftet sich sein Blick an den Bildschirm und seine Augen weiten sich. Der Stempel rumst auf die Unterlage und ein sorgenvoller Laut entweicht dem Grenzer. Um Missverständnisse auszuräumen, fragt er noch einmal nach: &#8222;War ich jemals zuvor in der Türkei? So ungefähr vor vier Jahren?&#8220; Als ich seine Fragen bejahe, schüttelt er mitleidig den Kopf. Eine Einreise ist leider nicht möglich. Juri dürfte rein, ich nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich wedele noch verzweifelt mit den Geldscheinen, aber da ist erst einmal nichts mehr zu machen. Ich kann es aber noch einmal bei der Grenzpolizeistation versuchen, ermutigt der Beamte mich, wünscht mir viel Glück und annulliert mit einem Kugelschreiber den Einreisestempel. Ich stehe noch kurz unentschlossen vor seinem Häuschen, wir tauschen letzte Blicke, seiner mitleidig, meiner wehleidig.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Sonne läuft zur Höchstform auf und die weitläufige Asphaltfläche glüht, während wir die 500 Meter zur Wache zurücklegen. Ein ungutes Gefühl steigt in mir auf. Nachdem wir das Büro der Polizei betreten haben, blickt ein Beamter kurz auf meinen Pass und danach in die Datenbank. Die ganze Prozedur wird mit einem Kopfschütteln beendet, das keinen Widerspruch duldet. Jetzt haben wir den Salat, und zwar beide, der Polizist und ich.</p>
<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Ich bleibe hier!&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Es entsteht eine angespannte Situation: Wir haben uns beide fest vorgenommen, nicht klein beizugeben. Ich habe schließlich nichts zu verlieren, außer meinen Kopf und das am ehesten, wenn ich wieder zurückfahre. Ich will da jetzt rein. Ein irrwitziger Dialog beginnt:</p>
<p style="text-align: justify;">Polizist: &#8222;Nun ja, Sie haben die einjährige Frist verpasst, um sich wieder in die Türkei einzukaufen, jetzt müssen sie fünf Jahre warten … einen Moment … also Sie können im kommenden Frühling wieder einreisen.&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Ich: &#8222;Wie, weil ich nicht nach einem Jahr bezahlt habe, sind Sie nun eingeschnappt? Aber Sie haben schon mitbekommen, dass im Nordirak ein Krieg begonnen hat und ich unmöglich da bleiben kann?&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Er: &#8222;Also in solchen Fällen müssten Sie zum Konsulat in Mossul …&#8220;<br />
Ich: &#8222;… das gestern überfallen wurde und wo man die komplette Belegschaft der türkischen Botschaft verschleppt hat?&#8220;<br />
Er: &#8222;Ja, richtig. Also dann müssten Sie am besten nach Bagdad und dort in die Botschaft.&#8220;<br />
Ich: &#8222;Bagdad? Dahin zielt doch die ganze IS-Offensive, das geht nicht! Soll ich da durch die Frontlinie spazieren? Ich bleibe hier!&#8220;<br />
Er: &#8222;Ne …&#8220;<br />
Ich: &#8222;Doch …&#8220;<br />
Er: &#8222;Ne!&#8220;<br />
Ich: &#8222;Doch! Ernsthaft!&#8220;</p>
<p style="text-align: justify;">Der Polizist ist von meiner Hartnäckigkeit leicht verwirrt und drückt mir ein Telefon in die Hand. Ich solle mal mit jemandem von meiner Botschaft in Ankara sprechen. Die Botschaft &#8211; ich schöpfe Hoffnung, um gleich wieder enttäuscht zu werden. Eine freundliche Stimme will mich mit der Begründung abwimmeln, sie seien nicht für mich zuständig, da ich nicht eingereist sei. Ich bestehe jedoch darauf, da ich den Grenzfluss bereits überquert habe und die türkische Polizei inzwischen zur Vorsicht meinen Pass einkassiert hat.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wäre ich doch nur ein Amerikaner</h2>
<p style="text-align: justify;">Daraufhin lenkt der Mann von der Botschaft ein und möchte nun doch gerne helfen. Wenn ich wolle, könne er veranlassen, dass ein Antrag gestellt werde, das dauere aber erfahrungsgemäß zwei bis drei Monate. So lange wollte ich aber nicht an der Grenze warten. &#8222;Was gibt es für Alternativen?&#8220;, frage ich ihn. Antwort: keine. Und eigentlich sei die Botschaft auch erst richtig zuständig, wenn ich im Gefängnis säße. Ich seufze und lasse mir die Durchwahl für den Fall der Inhaftierung geben.</p>
<p style="text-align: justify;">Kemal, mein dolmetschender und nun zuständiger Polizist ist über meine lahme Botschaft entsetzt und hält mir ein Impulsreferat, wie vor einiger Zeit ein US-Amerikaner ähnliche Probleme hatte. Der sei aber bereits einen Tag später von seiner Botschaft zurück in die USA geflogen worden. Wir schütteln beide den Kopf über die Politik. Inzwischen scheint Kemal auch das Ausmaß des ganzen Problems bewusst zu sein.</p>
<p style="text-align: justify;">Obwohl Kemal zur Grenzpolizei gehört, die mich gerade nicht reinlassen will, scheint er auf meiner Seite zu sein. Wir gehen vor die Tür. Kemal ist hochgewachsen, die Haare liegen akkurat und seine Augen sind ehrlich. Wir mögen uns. Kemal verspricht, irgendeinen Eilantrag zu stellen, gibt mir eine Zigarette und malt mit seinem Finger unsichtbare Linien über das Areal. Hier und dort darf ich mich ab jetzt bewegen, der Rest ist strengstens verboten. Wenn ich da hinlaufe, kann er mir auch nicht mehr helfen. Selbstverständlich kann ich solange auf der Grenze leben, bis die Sache geklärt ist. Schlafen könnte ich vielleicht in dem Trucker-Restaurant, da gibt es auch Cola und Tee. Ich muss nur versprechen, nicht heimlich über die Grenze zu laufen oder mich in einem Truck zu verstecken.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Später, morgen oder in einem Vierteljahr</h2>
<p style="text-align: justify;">Mist, genau das spukt mir schon die ganze Zeit durch den Kopf. Sobald ich über die Grenze renne, muss man mich inhaftieren und in die EU abschieben. Aber das könnte teuer werden und wer weiß, wie lange ich dann im Gefängnis bleiben muss. Aber gut. Versprochen ist versprochen, wir werden sehen, was die nächsten Stunden bringen. Zudem hat Kemal herausgefunden, dass mein Bußgeld inklusive Säumnisgebühr 220 Euro beträgt. Und er ist sich sicher, dass es spätestens morgen früh Neuigkeiten geben wird. Es könne aber auch, schiebt er hinterher, zwei bis drei Monate dauern.</p>
<p style="text-align: justify;">Aha! Verstehe. Später, morgen oder in einem Vierteljahr. Das hatte ich befürchtet. Die Verantwortlichen haben mit dem ausufernden Krieg im Nachbarland und den entführten Konsulatsleuten sicherlich genug um die Ohren. Da wird so ein nerviger Deutscher selbstverständlich auf die lange Bank geschoben. Resignation und Hoffnung stehen nun im knallharten Konkurrenzkampf in mir. Die Angst ist mittlerweile verpufft. Hier bin ich sicher. Jetzt heißt es warten und genau das hasse ich. Wir schlendern ins Restaurant. Dort hängen mindestens zwanzig Trucker herum und warten auf die Zollabfertigung, erfahrungsgemäß können sie morgen Mittag weiterfahren.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Heile Welt zwischen den Grenzen</h2>
<p style="text-align: justify;">Eine gute Zeit zum Plaudern und Freundschaften schließen. Wir sitzen keine fünf Minuten alleine an einem Tisch, da stellt uns Trucker Ersan eine zwei Liter Flasche Pepsi auf den Tisch. Trucker Ahmed zieht nach und kauft uns Kekse. Mit meinen rudimentären Türkischkenntnissen erkläre ich optimistisch, dass auch wir hier bis morgen warten werden.</p>
<p style="text-align: justify;">Dass ich versuche, Türkisch zu sprechen, lässt den Rest aufhorchen und nach kurzer Zeit sind wir mit allen Truckern bekannt, das Personal wird ebenfalls neugierig. Gemeinsam spielen wir Schach und schauen die WM-Eröffnung im Fernseher an. Die Restaurantbelegschaft lädt uns zu ihrem Abendessen ein und mit den Truckern studieren wir die Landkarten für unsere Weiterreise.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Schrecken der letzten Tage sind an diesem Ort weit weg, in Gedanken düse ich bereits durch die Türkei. Wir singen ein paar Stücke, begleitet von meiner Gitarre, die Brummifahrer tanzen und kontern mit traditionellem Liedgut. Zum Sonnenuntergang versammeln wir uns auf der Terrasse und studieren gegenseitig Familienfotos.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Warten, warten und noch mehr warten</h2>
<p style="text-align: justify;">Spät am Abend besuchen wir noch einmal Kemal. Leider gibt es keine Neuigkeiten. Ich hatte aber auch mit nichts anderem gerechnet. Es wird Nacht und wir dürfen in der Kammer für die Angestellten des Restaurants schlafen. Am nächsten Morgen gibt es Frühstück. Danach beginnt das qualvolle Warten. Wir lesen unsere Bücher inzwischen zum zweiten Mal und schlürfen literweise Tee, wir spielen unzählige Runden Schach und in regelmäßigen Abständen spazieren wir zur Polizeistation und zurück &#8211; jedes Mal hängt unser Kopf etwas tiefer.</p>
<p style="text-align: justify;">Kemal klebt am Telefon, er bemüht sich und wird nicht müde zu erwähnen, dass es wirklich nichts Persönliches sei. Jeder Türke, ganz besonders er, wäre über meine Einreise erfreut. Aber diese Politiker, diese Bürokratie &#8230; Ich nicke bedeutungsschwer und werde verdrossen. Wütend trete ich vor dem Restaurant gegen eine Dose. Das erzeugt ungewollte Aufmerksamkeit. Langsam begreifen unsere Truckerfreunde, dass irgendetwas nicht stimmt.</p>
<p style="text-align: justify;">Mir fehlt das Vokabular den ganzen Sachverhalt entsprechend zu erklären, meine Mitschuld zu erläutern. Aber die Tatsache, dass man uns nicht passieren lässt, wird verstanden und erzeugt größten Unmut in unserer Restaurantgemeinde. Die Männer scharren sich zusammen und schaukeln die Stimmung hoch, die Luft brennt. Wir haben anscheinend den wunden Punkt der berühmten Gastfreundschaft berührt und nur schwer können wir den Mob davon abhalten, pöbelnd in die Wache zu rennen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Zurück Richtung IS</h2>
<p style="text-align: justify;">Dann geschieht etwas Unerwartetes: Ein Freund aus Deutschland schickt eine SMS, dass in knapp 20 Stunden ein Flug von Erbil nach Frankfurt zu haben sei. Der letzte freie Platz für 250 Euro. Das sind nur 30 Euro mehr als das Eintrittsgeld in die Türkei. Wir wägen ab und sprechen erneut mit Kemal. Keine Neuigkeiten. Wir beratschlagen uns zu dritt. Bis 14 Uhr könnte noch eine Nachricht vom zuständigen Büro kommen, danach ist Feierabend und Wochenende.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich habe die Wahl: Hier warten, ohne Erfolgsgarantie, oder eine riskante Rückreise. Denn zwischen uns und Erbil liegt immer noch das umkämpfte Mossul. Und wer weiß, wie es dort mittlerweile aussieht. Ob die Straßen noch frei sind? Wir beschließen vorerst zu warten, hoffen. Beim letzten Gang zur Polizeistation werden wir von Kemal bereits mit einem Kopfschütteln an der Tür erwartet.</p>
<p style="text-align: justify;">Juri nimmt den Landweg, ganz legal über die Türkei nach Europa. Ich trete den geordneten Rückzug an. Die irakischen Grenzer staunen nicht schlecht, als ich nach eineinhalb Tagen zurückkehre, schon wieder zu Fuß. Aber für lange Erklärungen ist nun keine Zeit. Ich bringe das obligatorische Begrüßungstee-Trinken schnell hinter mich und stoppe ein Sammeltaxi. Ich habe noch knapp 16 Stunden bis zum Abflug, der Weg dauert gute acht bis zehn Stunden, exklusive diversem Umsteigen. Jetzt darf nichts mehr schief gehen. Wenn ich den Flug verpasse, sitze ich bis zum Hals im Schlamassel. Sofern ich noch einen Hals habe.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Ein heiliger Krieger mit Gitarre, das passt nicht</h2>
<p style="text-align: justify;">Erst als mich die ersten Soldaten bei einem Checkpoint aus dem Wagen zerren, wird mir bewusst, wie verdächtig ich mich gerade verhalte. Man weiß inzwischen, dass viele europäische Extremisten bei der IS-Miliz mitmischen und ich befinde mich gerade auf direktem Weg Richtung Front. Ungünstig, dass ich mir für die Reise einen riesigen Bart habe stehen lassen. Wäre ich ein Polizist, hätte ich einen Typen wie mich in jedem Fall genauer untersucht und befragt, vielleicht über Nacht da behalten. Aber genau das darf jetzt nicht passieren.</p>
<p style="text-align: justify;">An dieser Stelle ist meine Gitarre der rettende Faktor. Bei jeder Kontrolle inspizieren die Beamten mein Gepäck. Jedes Mal muss ich die Instrumentenhülle öffnen. Es könnte schließlich auch eine Waffe darin sein. Drei Mal muss ich für die cleveren Soldaten ein paar Akkorde greifen, um zu beweisen, dass es sich bei dem Instrument nicht nur um eine geschickte Täuschung handelt. Belohnt wird meine Fingerfertigkeit mit Schokolade oder Limonade. Ein heiliger Krieger mit Gitarre, das passe nicht, erklärt mir ein Polizist. So passiere ich unzählige Kontrollen und komme nach vielen Stunden Autofahrt am Abend in Erbil an.</p>
<h2 style="text-align: justify;">In Erbil ist der Krieg noch nicht angekommen</h2>
<p style="text-align: justify;">Hier scheint die Welt, von dem was ich zu sehen bekomme, noch einigermaßen in Ordnung. Etwas mehr Militär kann ich in den Straßen sehen, etwas mehr Polizisten laufen durch die Viertel, sonst scheint alles wie immer. Trotz spätester Stunde öffnet der Wirt meiner Lieblingsteestube noch einmal seine Türe. Ich gönne mir auf den Stress eine Wasserpfeife und spiele ein paar Runden Backgammon mit dem Kellner. Er lacht über meine Geschichte und sagt, ich solle mir keine Sorgen machen. Ich entspanne mich. Ich fühle mich wieder sicher.</p>
<p style="text-align: justify;">Dann geht plötzlich alles ganz schnell: Nach einer kurzen Nachtruhe drücke ich mein letztes Geld einem uralten syrischen Flüchtling in die Hand und fahre zum Flughafen. Alles verläuft reibungslos. Keiner stellt Fragen, nur ein Polizist gibt mir auf den letzten Metern noch einen Tipp: Mit meinem Aussehen sollte ich hier besser verschwinden oder mich endlich rasieren. Vielen Dank!  Landung in Berlin, der Bundespolizist im Kontrollhäuschen schaut mir vom Pass ins bärtige Gesicht und sagt: &#8222;Guten Tag! Danke schön! Weitergehen!&#8220; Ich bin selbst überrascht, wie reibungslos es geht. Ein paar Stunden später sitze ich bei einem Freund auf der Couch und berichte von meiner Reise. Plötzlich fließen mir Tränen über das Gesicht. Die Gefahr, in der ich gesteckt hatte, wird mir erst jetzt, Tausende Kilometer entfernt, wirklich bewusst.</p>
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		<title>Ein Wurm oder keiner</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Alegiani]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Dec 2014 00:25:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Georgien]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Jann Wilken]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Tschiatura]]></category>
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					<description><![CDATA[Tschiatura ist eine kleine Bergarbeiterstadt in Georgien. Zu sowjetischen Zeiten bauten Tausende hier Mangaerz ab. Doch mittlerweile sind die Minen erschöpft und die meisten Menschen sind fort. Geblieben sind abenteuerliche Seilbahnkonstruktionen, die über der Stadt thronen.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ein-wurm-und-viele-legosteine/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Tschiatura ist eine kleine Bergarbeiterstadt in Georgien. Zu sowjetischen Zeiten bauten Tausende hier Manganerz ab. Doch mittlerweile sind die Minen erschöpft und die meisten Menschen sind fort. Geblieben sind abenteuerliche Seilbahnkonstruktionen, die über der Stadt thronen.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Der kleine Georgi hüpft wie ein Flummi hin und her. Drüben am Himmel drohen schwere Wolken. Ein Gewitter zieht auf, die ersten Windboen errreichen unser bescheidenes Gefährt &#8211; es wackelt, ich fühle mich wohl und unwohl gleichzeitig. Wir befinden uns in einer Seilbahngondel, etwa 60 Meter über der Erde schwebend, etwa 60 Jahre hat das Metallkonstrukt auf den Streben und technisch sowie optisch ist es seit Jahrzehnten nicht überholt worden. Unter uns liegt die georgische Stadt Tschiatura, 3 Minibusstunden nordwestlich der Hauptstadt Tiflis entfernt.</p>
<p style="text-align: justify;">Zu sowjetischen Zeiten war die Stadt da unter uns eine reiche Bergbaustadt für Manganerz und ein Zuhause für mehr als 30.000 Menschen. Heute sind die Berge so gut wie ausgeschöpft. Viele Menschen sind arbeitslos, beinahe die Hälfte von ihnen hat die Stadt verlassen.</p>
<p style="text-align: justify;">Dodo, Mitte 40, Gondoliere, ist geblieben. Tag für Tag trägt sie eine farbenfröhliche Bluse und eine Weste mit grossen Taschen, die groß genug sind für ihr Portemonnaie. 20 Tetri pro Fahrt, das sind etwa 8 Cent. Sie kennt jeden, hält ihre Fahrgäste auf neuem Stand, zum Beispiel darüber, dass der Fremde mit der grossen Kamera, das bin ich, aus „Hamburgi“ gereist kommt. Und dass er Chacha trinken war bei den Bergarbeitern, gerade eben, da oben auf dem Berg.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-transnistrien-2" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-transnistrien-2 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-transnistrien-2 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-transnistrien-2 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="3600000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/i.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">In Tschiatura bewegen sich die Bewohner viel mit den Seilbahnen fort.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_seilbahn_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Seilbahn-Konstruktionen sind schon seit vielen Jahren nicht mehr wirklich gewartet worden. Rost und bröckeliger Beton sind überall zu sehen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_seilbahn_gondel_frau_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Dodo ist eine Gondoliere. Sie kassiert den Fahrpreis von den Reisenden. Umgerechnet kostet eine Fahrt etwa acht Cent.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/k.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Aber nicht in allen Gondeln muss ein Fahrtgeld entrichtet werden.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_domino_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Nachdem der Bergbau in Tschiatura zum Erliegen kam, verließen viele Menschen die Stadt. Die wenigen, die blieben, verbringen ihre Zeit zum Teil mit Domino spielen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_frau_auto_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Die Seilbahn-Gondel-Station im Zentrum von Tschiatura.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_paar_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Shalva und Maria vor dem Haus, in welchen sie wohnen. Vorher hatten Shalva und zwei Freunde mir bei strömenden Regen unter einem Baum eine Supra bereitet, eine nach traditionellen Regeln moderierte Mahlzeit.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_seilbahnplattform_online.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Warteraum einer Gondelstation in (bzw. über) Tschiatura in Georgien. Im Hintergrund vom Bergbau gezeichnete Hügel.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/l.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ein Junge in der Musikschule spielt unter Aufsicht ein Stück von Beethoven.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-transnistrien-2-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/i-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_seilbahn_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_seilbahn_gondel_frau_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/k-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_domino_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_frau_auto_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_paar_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/transnistrien_wilken_seilbahnplattform_online-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/l-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Ein Wurm oder keiner</h2>
<p style="text-align: justify;">Da oben auf dem Berg war ich Tariel begegnet. Seine Hände waren schwarz vom Schrauben an einer rätselhaften Maschine auf Rädern. Dazu traf ich zwei seiner Kollegen und zwei Polizisten, die mir in sicherem Abstand folgend das Fotografieren untersagt hatten. Werksspionage. Tariel hatte mir jenen Selbstgebrannten gereicht und eine Scheibe Brot sowie sein Armgelenk und wir hatten Brüderschaft getrunken auf die deutsch-georgische Freundschaft. Draussen vorm Eingang seiner Bergwerkstatt: Kabel mit Starkstrom 1,50m über der Erde, ein Schwein, ein Hund. Weiter hinten Domino spielende Männer unter Bäumen. „Angela Merkel“ hatten sie von weitem in meine Richtung gerufen &#8211; man wusste Bescheid, Dodo tat ihr Bestes.</p>
<p style="text-align: justify;">Tschiatura bedeutet übersetzt „ein Wurm oder keiner“. Ausgedacht hat sich das Akaki Zereteli, Dichter und Politiker, als er einmal von oben auf die sich schlängelnden Strassen der Stadt blickte. Das ist lange her, heute denkt man auch an sorgfältig herumliegende Legosteine &#8211; es gibt viele Plattenbauten. In der Mitte der Stadt steht ein älteres Kulturzentrum, daneben Miniaturversionen städtischer Architektur auf einem Spielplatz.</p>
<p style="text-align: justify;">Dafür, dass so viele Menschen die Stadt verlassen haben, gibt es erstaunlich viele Kinder. Am Sonntag im Kulturzentrum höre ich einige singen, stehe vorm Gebäude, gehe hinein. Eine schwere Tür öffnet sich leicht, hinter ihr ein riesiger dunkler Raum. Vollbesetzt mit Eltern, Großeltern, Kindern und Enkeln, vorn eine Bühne. Zuerst ein Chor, dann eine Tanzchoreographie, später ein Kind allein am Klavier, darüber hängen Luftballons. Die Kinder machen das alles nicht zum ersten Mal &#8211; das sieht man und das hört man.</p>
<h2 style="text-align: left;">Überall Gondeln, Seile und Masten</h2>
<p style="text-align: justify;">Einem der jungen Pianisten werde ich einen Tag später noch einmal in einer Kinder-Musikschule unten am Fluss begegnen &#8211; ein altes Haus, in welchem Bauarbeiter Zementsäcke umhertragen und Wände klangstark erneuern. Dazwischen Kinder an Klavieren und zwei Lehrerinnen, die sich musikalisch streng und gleichzeitig mütterlich sorgsam um ihre 10 Schülerinnen und den Schüler kümmern. Der Junge spielt Beethoven, ich mache ein Foto: „klick“ im Rhythmus, um sein Spiel nicht zu stören.</p>
<p style="text-align: justify;">Wieder draussen, oben über der Erde: Überall Gondeln, Seile, Masten. Die Menschen in Tschiatura bewegen sich mit Seilbahnen fort. Manche sind gratis, in meiner steht Dodo, woanders eine Kollegin.</p>
<p style="text-align: justify;">Die abenteuerliche Fahrt beginnt bereits beim Begehen der Haltestelle. In Stahlbeton gehaltene Stege, die nach Jahren städtischer Armut eher aus Stahlstreben als aus Beton bestehen, führen zum Ausgangspunkt der Reise. Vorbei an zum Teil herumliegenden Starkstromkabeln, welche, vorsichtig gesagt, eher halb-fachgerecht zusammenmontiert sind, sich verheddern, einen Salat ergeben, um dann doch irgendwo einen Stromkasten zu finden, welcher die Anlage mit Strom versorgt. Sofern dieser nicht gerade ausgefallen ist, was etwa einmal am Tag vorkommt. Danach besteigt man eine Blechgondel, die Farbe nach Jahrzehnten wechselnder Witterung kaum noch sichtbar, während häufig der Boden durch kleinere und grössere Löcher die Betrachtung auf die Stadt freigibt.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="su-spacer" style="height:20px"></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Trinksprüche zu selbstgebranntem Chacha</h2>
<p style="text-align: justify;">Metallene Masten halten das Stahlseil, an welchem die Gondel hängt, auf Höhe. Weil sie vor allem aus Rost bestehen, strahlen sie eine gewisse Ästhetik aus. Da während der Fahrt das Leben an ihnen hängt, auch gar schon eine Romantik. Die Luft ist frisch, weil oben in den Bergen häufig ein Wind weht. Das knarzende Geräusch des Metalls erinnert ein wenig an den Hamburger Hafen, dort, wo Stege und Schiffe durch Wellenschlag aneinanderreiben und &#8211; stossen. Vor Jahren gab es eine kleine Ungereimtheit, eine Gondel steckte fest, Arbeiter kamen aus Tiflis und befreiten die Eingeschlossenen.</p>
<p style="text-align: justify;">Am Ende der Fahrt verlasse ich die Gondel. Der kleine Georgi rennt die Rampe hinauf, ich flüchte mich unter eine kleine Baumgruppe, geselle mich zu Hühnern, welche Gleiches taten. Das Gewitter hat uns erreicht, Regen prasselt. Nach wenigen Minuten kommen Bichiko, Maiko und Shalva zu mir. Sie hatten mich, den Fremden, schon von Weitem gesehen. Es gibt eine Supra, also, eine Mahlzeit, die hier unterm Baum ausnahmsweise klein ausfällt.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Supra wird durch einen Tamada moderiert. Bichiko übernimmt diese Aufgabe, Trinksprüche, welche in Art und Reihenfolge einer traditionellen Regel folgen, werden gesprochen, es gibt Brot, Tomaten und, logisch, selbstgebrannten Chacha. Auch diesmal wird Dodo Bescheid wissen, woher auch immer &#8211; der Informationsfluss funktioniert. Wie so einiges in Tschiatura.</p>
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		<title>Die Intifada der Bilder</title>
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		<dc:creator><![CDATA[admin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 30 Nov 2014 17:57:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Palästina]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Intifada]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Johann Tischewski]]></category>
		<category><![CDATA[Konflikte]]></category>
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					<description><![CDATA[Im palästinensischen Dorf Bil'in im Westjordanland lieferten sich Demonstranten und israelische Soldaten Woche für Woche ein Katz-und-Maus-Spiel. Während die Soldaten den Bau einer Sperranlage schützen mussten, hatten die Aktivisten nur ein Ziel: heroische Bilder für die Weltöffentlichkeit. Die Geburt einer neuen Protestkultur.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/die-intifada-der-bilder/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Im palästinensischen Dorf Bil&#8217;in im Westjordanland lieferten sich Demonstranten und israelische Soldaten Woche für Woche ein Katz-und-Maus-Spiel. Während die Soldaten den Bau einer Sperranlage schützen mussten, hatten die Aktivisten nur ein Ziel: heroische Bilder für die Weltöffentlichkeit. Die Geburt einer neuen Protestkultur.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Der Junge, nicht älter als zehn oder elf Jahre, wirft sich gegen die Mauer. Er kauert auf dem Boden und atmet schwer. Eben noch stand er mit einer Gruppe Gleichaltriger vor dem Olivenhain und schleuderte im Akkord Steine in Richtung der israelischen Soldaten. Dann ertönten drei Schüsse und der Rest der Gruppe rannte weg. Die Soldaten rücken jetzt schnell vor. Der Junge hinter der Mauer zittert am ganzen Körper. Ich stand nicht weit entfernt von diesem Jungen und obwohl es inzwischen zehn Jahre her ist, erinnere ich mich noch genau an die steinigen Hügel des Dorfes Bil&#8217;in im Westjordanland. Es war die Geburtsstunde einer neuen palästinensischen Protestkultur.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist Anfang des Jahres 2005, seit Dekaden schwillt der Konflikt mit den israelischen Besatzern. Gerade verliert die zweite Intifada &#8211; so nennen die Palästinenser ihre Aufstände &#8211; an Schwung. Schmerzhaft haben sie eine wichtige Lektion gelernt: pure Gewalt bringt die schlecht bewaffneten Aufständischen gegen eine moderne israelische Armee nicht weiter. Ihrem Ziel, einen unabhängigen Staat zu gründen, sind sie kein Stück näher gekommen. Ihre Lösung lautet nun: Bilder. Bilder, mit denen sich die internationale Öffentlichkeit erreichen, vielleicht sogar beeinflussen lässt. Und die Proteste von Bil’in liefern diese Bilder. Woche für Woche.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Dorfbewohner protestieren gegen den Bau einer gewaltigen Sperranlage um ihr Dorf. Die Israelis nennen dieses Bauwerk &#8222;Terrorabwehrzaun&#8220;, der Internationale Gerichtshof hat es für völkerrechtswidrig erklärt. Am Anfang der Proteste kamen Palästinenser zusammen und warfen Steine, später schlossen sich auch internationale Aktivisten den Demonstrationen in Bil´in an. Weil das Werfen von Steinen wenig Erfolg zeigte, konzentrieren sich die Demonstranten seit Wochen auf das Produzieren möglichst dramatischer Szenen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">„Let the party begin“</h2>
<p style="text-align: justify;">Wie fast jeden Freitag fahre ich auch heute wieder mit einem Sammeltaxi zum Ort des Geschehens. Mit einem Kollegen arbeite ich an einem Fotoband über den Grenzkonflikt. Doch inzwischen ist es eher die Routine als die Hoffnung auf ein gutes Bild, die mich auch an diesem Morgen in das Taxi steigen lässt. Und wie schon so oft nach dem Freitagsgebet rollt auch heute der bunt geschmückte Lautsprecherwagen durch die leer gefegten Straßen von Bil´in und fordert die Bewohner auf, sich der Demonstration gegen den Bau der israelischen Grenzanlage anzuschließen. Nur Wenige folgen ihm. Es sind vor allem Kinder und ein oder zwei Dutzend ausländische Demonstranten – aus Israel, Kanada, Frankreich und den USA.</p>
<p style="text-align: center;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-intifada-palaestina-3" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-intifada-palaestina-3 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-intifada-palaestina-3 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-intifada-palaestina-3 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="8000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/3.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Israelische Soldaten bewachen die Bautätigkeiten an der Sperranlage.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/3b.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Nur neue Fotografen legen sich bei den routinemäßigen Demonstrationen noch richtig ins Zeug.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/4.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Immer nach dem Freitagsgebet bildet sich im Dorf ein Protestzug zur Baustelle.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/9.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Nach Ende der Demonstration eskaliert die Gewalt. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/7.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Vom Versteck aus beschießen palästinensische Jugendliche israelische Soldaten mit Steinen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/5.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Israelische Soldaten und Demonstranten sind erbitterte Gegner. </div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/10b.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Meist schießen die Soldaten mit Gummigeschossen und fügen ihren Opfern blaue Flecken zu.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/12.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Gelegentlich wird auch scharf geschossen.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/6.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Auch Aktivisten aus dem westlichen Ausland engagieren sich in Bil'in für die palästinensische Sache.</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/8.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Bil'in und die umliegenden Dörfer gelten als Hochburg der radikalen Partei Fatah.</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-intifada-palaestina-3-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/3-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/3b-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/4-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/9-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/7-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/5-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/10b-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/12-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/6-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/11/8-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<p style="text-align: justify;">Die Aktivisten geben den Dorfbewohnern ein paar Plakate mit englischen und hebräischen Parolen. Ein paar Journalisten sind nun auch da. Sobald einige Dutzend israelische Soldaten an der Grenzanlage in Sichtweite sind, brüllt ein älterer palästinensischer Mann in ein Mikrofon &#8222;Let the Party begin&#8220;. Ein Anderer rennt vor und schreit die Soldaten an, sie sollen ihn durchlassen. Als die Soldaten sich nicht regen, schmeißt er sich auf die Knie, die Hände reißt er theatralisch in die Luft. Nur zwei der anwesenden Fotografen werfen sich hin, um die Szene festzuhalten. Die Anderen drücken den Auslöser nicht. Vor drei Wochen, vor zwei Monaten oder gar einem Vierteljahr haben sie diese Szene schon einmal bei deutlich besseren Lichtverhältnissen fotografiert.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Erst Theatralik, dann Provokation</h2>
<p style="text-align: justify;">Auch das Bild, auf dem derselbe Mann den Olivenbaum umarmt, haben die meisten anwesenden Fotografen bereits im Kasten. Und auch das, auf dem er sich schützend zwischen die Soldaten und ein Kind stellt. Eine halbe Stunde lang arbeiten die palästinensischen Protagonisten jetzt eine Reihe einstudierter Posen vor den zwei, drei Fotografen ab, die heute offenbar das erste Mal die Proteste in Bil´in verfolgen.</p>
<p style="text-align: justify;">Wie auch an den anderen Tagen folgt auf die Theatralik die Phase der Provokation: Die Aktivisten und Palästinenser stellen sich vor die Soldaten, fordern sie auf, das besetzte Land zurückzugeben. Sie fragen, ob sie sich nicht schämten, fragen, ob sie selber keine Familie hätten oder kein Herz. Die Soldaten, kaum einer älter als 20, geben sich sichtlich Mühe, möglichst gelangweilt auszusehen. Zu genau kennen sie die Abläufe.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Soldaten tun gelangweilt</h2>
<p style="text-align: justify;">Ab und zu rennt eine Gruppe Demonstranten los und probiert erfolglos, die Linie der Soldaten zu durchbrechen. Immer mal wieder ertönen Warnungen aus den Lautsprecherwagen der Armee. Ein israelischer Aktivist stellt nun seine vier Söhne direkt vor den Soldaten auf, erklärt ihnen etwas und fängt dann an, energisch auf die Soldaten einzureden. Diese versuchen ihn zu ignorieren, kauen gelangweilt Kaugummi oder spielen auf ihren Handys. Nur Hin und Wieder können sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, so als hätte der Aktivist gerade einen guten Witz erzählt. Das macht ihn rasend.</p>
<p style="text-align: justify;">Irgendwann fangen auch die mit angereisten Kinder zu schimpfen an. Die Soldaten lachen jetzt immer häufiger. Bis die ersten Schüsse fallen. Scharf geschossen wird hier in der Regel nicht, jedenfalls solange die Ausländer noch anwesend sind. Es sind Gummigeschosse, mit denen die Soldaten den Palästinensern und Aktivisten große blaue Flecken zukommen lassen. Die Demonstranten rennen nach allen Seiten davon. Die Soldaten rücken langsam nach. Auch die Reihe, die eben noch über den israelischen Vater und seine Kinder lachte, ist jetzt in Gefechtstellung und rennt kurz darauf einer Gruppe palästinensischer Jugendlicher hinterher.</p>
<h2 style="text-align: left;">Auf Demonstrationen folgen Krawalle – Woche für Woche</h2>
<p style="text-align: justify;">So läuft das hier jede Woche ab, erst die Demonstration, dann die Krawalle. Das produziert die Bilder, die die pro-palästinensische Seite haben will: israelische Soldaten, die Aktivisten zu Boden drücken, Kinder, die wegen des Reizgases husten und junge Palästinenser, die sich nur mit Steinen in der Hand den anrückenden Panzerfahrzeugen der Israelis stellen.</p>
<p style="text-align: justify;">Fotografen und Kamera-Teams haben ihre Bilder gemacht und am frühen Nachmittag zieht die Presse ab, um rechtzeitig vor Redaktionsschluss wieder in Ramallah zu sein. Die Aktivisten gehen ebenfalls. Sie müssen sich beeilen, das letzte Sammeltaxi zu erreichen. Auch die meisten Dorfbewohner gehen nach hause. Zurück bleiben einige palästinensische Jugendliche und die Soldaten.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Soldaten möchten jetzt auch gerne langsam abrücken und machen dies durch immer härteres Durchgreifen deutlich. Wer nicht schnell genug ist, wird verhaftet. Die Gummigeschosse treffen die Jugendlichen nun nicht mehr nur an den Beinen. Ein Dutzend Jugendlicher hat sich hinter einer alten Mauer versteckt. Aus ihren Schleudern zischen die Steine in Richtung zweier Militärtrucks unweit der Baustelle. Immer wieder ertönt metallenes Scheppern, wenn eines der Ziele getroffen wird, gefolgt von „Allahu Akbar“-Rufen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Jetzt wird scharf geschossen</h2>
<p style="text-align: justify;">Plötzlich öffnen sich die Türen der Trucks, noch mehr Soldaten springen heraus, einer legt sein Gewehr an und gibt drei donnernde, scharfe Schüsse ab. Die Jugendlichen flüchten auseinander. Nur einer kommt nicht schnell genug weg und presst sich auf den roten steinigen Boden. Als die Soldaten über die Mauer steigen, ignorieren sie ihn zunächst und sprechen mich an, ob ich nicht auch langsam mal nach Hause wolle. Ich schüttele den Kopf und sie widmen sich dem Jungen.</p>
<p style="text-align: justify;">Einer stupst ihn mit dem Gewehr an und fragt ihn auf Arabisch, ob er gerne verhaftet werden wolle. Der Junge reagiert nicht, guckt nicht einmal auf. Der Soldat will wissen, wo er wohnt. Der Junge schaut nun hoch. Sein Blick ist leer. Er starrt den Soldaten lange an, sagt aber nichts. „Du bist wohl ein bisschen verrückt“, sagt der Soldat schließlich etwas irritiert. Dann noch einmal zu seinen Kameraden: „Der ist verrückt“. Er blickt nochmal kurz zu mir, wendet sich ab und geht. Der Junge drückt sich wieder gegen die Mauer.</p>
<p style="text-align: justify;">Aus dem Olivenhain sind vereinzelte Schreie und Schüsse zu hören. Im Dorf gehen derweil die ersten Lichter an. Die Schüsse sind bald nur noch in der Ferne zu hören. Ich frage den Jungen auf Arabisch, ob wir nicht auch jetzt mal ins Dorf gehen sollten. Zunächst rührt er sich nicht, dann dreht er sich aber um und schaut mich mit demselben Blick an, mit dem er den Soldaten angestarrt hat. Nach einer Weile steht er auf und sagt: „I don’t understand any Arabic, only Hebrew.“ Dann schlendert der junge Israeli in Richtung Grenzzaun davon.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-palaestina-zusatz-4" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-palaestina-zusatz-4 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-palaestina-zusatz-4 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-palaestina-zusatz-4 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="4000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/12/10.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/12/11b.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/12/2.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/12/3a-.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/12/13.jpg" alt="" title="" /> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/12/14.jpg" alt="" title="" /> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-palaestina-zusatz-4-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/12/10-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/12/11b-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/12/2-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/12/3a--40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/12/13-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/12/14-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
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		<title>Im Märchenwald der Hisbollah</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 Aug 2014 09:39:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Libanon]]></category>
		<category><![CDATA[Hisbollah]]></category>
		<category><![CDATA[Konflikte]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Stürzenhofecker]]></category>
		<category><![CDATA[Terrorismus]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer diesen Ort besucht, muss mit weltweiter Verfolgung durch westliche Sicherheitsbehörden rechnen: Im Libanon hat sich die Hisbollah ein Museum errichtet. Wer den Eintritt bezahlt, unterstützt eine Organisation, die in Europa und den USA als Terrorgruppe gilt.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/im-maerchenwald-hisbollah/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Wer diesen Ort besucht, muss mit weltweiter Verfolgung durch westliche Sicherheitsbehörden rechnen: Im Libanon hat sich die Hisbollah ein Museum errichtet. Wer den Eintritt bezahlt, unterstützt eine Organisation, die in Europa und den USA als Terrorgruppe gilt.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Je weiter es auf der engen Straße nach oben geht, umso dichter hängen die Plakate mit bärtigen Männern am Wegesrand und umso öfter wehen die gelb-grünen Fahnen der Hisbollah in den Dörfern. Die schiitische Widerstandsorganisation erinnert damit an die „Märtyrer“, die im Kampf gegen die israelischen Besatzer gefallen sind und demonstriert Stärke in der Region, in der sie die meiste Unterstützung erfährt. Checkpoints der regulären libanesischen Streitkräfte sind hier im Gegensatz zu den meisten anderen Orten im Land selten, Moscheen und schweigsame Männer dafür umso häufiger.</p>
<p style="text-align: justify;">Seit 1982, als die Israelis die libanesische Hauptstadt Beirut besetzten, organisiert die in den USA und Europa als Terrororganisation eingestufte Hisbollah von hier aus den bewaffneten Kampf. Achtzehn Jahre später verließen die israelischen Truppen den Libanon, was die Hisbollah („Partei Gottes“) hier im Museum als „göttlichen Sieg“ feiert. Auch der Krieg, der 2006 zwischen der Israelischen Armee und der Hisbollah ausbrach, wird heroisiert. Und natürlich die unzähligen Scharmützel zwischendurch.</p>
<p style="text-align: justify;"><div class="cycloneslider cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-width-responsive" id="cycloneslider-hisbollah-museum-5" style="max-width:1150px" ><div class="cycloneslider-slides cycle-slideshow"	data-cycle-allow-wrap="true" data-cycle-dynamic-height="off" data-cycle-auto-height="1150:647" data-cycle-auto-height-easing="null" data-cycle-auto-height-speed="250" data-cycle-delay="0" data-cycle-easing="" data-cycle-fx="fade" data-cycle-hide-non-active="true" data-cycle-log="false" data-cycle-next="#cycloneslider-hisbollah-museum-5 .cycloneslider-next" data-cycle-pager="#cycloneslider-hisbollah-museum-5 .cycloneslider-pager" data-cycle-pause-on-hover="true" data-cycle-prev="#cycloneslider-hisbollah-museum-5 .cycloneslider-prev" data-cycle-slides="&gt; div" data-cycle-speed="1000" data-cycle-swipe="false" data-cycle-tile-count="7" data-cycle-tile-delay="100" data-cycle-tile-vertical="true" data-cycle-timeout="90000"	> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7901.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Im Museum zeigt die Hisbollah erbeutete israelische Waffen. Diesem Panzer hat sie das Rohr verknotet. Foto: Michael Stürzenhofecker</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7907.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Trümmer und Stacheldraht schaffen Frontstimmung. Foto: Michael Stürzenhofecker</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7935.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Aus Lautsprechern dröhnt Maschinengewehrfeuer. Foto: Michael Stürzenhofecker</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7930.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">So sieht eine Granatwerfer-Stellung der Hisbollah aus. Foto: Michael Stürzenhofecker</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7938.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Idyllisch: Eine Waffe im Wald. Foto: Michael Stürzenhofecker</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7915.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Hisbollah-Kämpfer werden als fromme, selbst an der Front betende Muslime dargestellt. Foto: Michael Stürzenhofecker</div> </div> </div> <div class="cycloneslider-slide cycloneslider-slide-image" > <img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7914.jpg" alt="" title="" /> <div class="cycloneslider-caption"> <div class="cycloneslider-caption-title"></div> <div class="cycloneslider-caption-description">Ob die Schützengräben an der echten Front auch so schön sauber sind? Foto: Michael Stürzenhofecker</div> </div> </div> </div><div class="cycloneslider-prev"></div><div class="cycloneslider-next"></div></div><div id="cycloneslider-hisbollah-museum-5-pager" class="cycloneslider-template-thumbnails cycloneslider-thumbnails"	style="max-width:1150px" ><ul class="clearfix"> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7901-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7907-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7935-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7930-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7938-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7915-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> <li><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2014/08/hisbollah-7914-40x40.jpg" width="40" height="40" alt="" title="" /></li> </ul></div></p>
<h2 style="text-align: left;">Einziges Terror-Museum weltweit</h2>
<p style="text-align: justify;">Dieses Museum ist das wohl einzige weltweit, das von einer terroristischen Untergrundorganisation betrieben wird. Eröffnet hat die Miliz es 2010 fast 30 Jahre nach ihrer Gründung. Zum Gedenken an ihren Kampf, sagt Ibrahim und insistiert: „Der dauert übrigens noch an.“ Er ist der Museumsführer, hat mit Anfang 20 schon einen langen dunklen Bart. Ibrahim führt Besucher durch das knapp 60.000 Quadratmeter große Areal in Mlita in den kargen Bergen rund 90 Kilometer südöstliche von Beirut.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit Anmeldung seien auch Führungen auf Deutsch möglich, sagt er. Ganz wichtig sei es aber, zunächst den 30-minütigen Informationsfilm zu gucken. Die Bilder zeigen israelische Militäraggression und heroische Hisbollah-Kämpfer, die sich wehren. Ganz bis zum Ende schaffe ich es nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Trotzdem führt mich Ibrahim stolz in die Open-Air-Ausstellung „Wahrzeichen des Widerstands“. Wie Gartenzwerge in einem deutschen Vorgarten stehen dort Maschinengewehre zwischen Blumen, sind Granatwerfer unter lichten Bäumen drapiert. Hinter Büschen lugen menschengroße Puppen in Kampfanzügen hervor. Die Wege sind mit opulenten Nato-Draht-Rollen ausstaffiert, die sich über Grün, Felsen und das Unterholz wälzen. Besucher sollen auf den mehreren hundert Meter langen, fachmännisch angelegten Wegen wohl einen Eindruck von der Front bekommen.</p>
<h2 style="text-align: left;">Betende Puppen an der Front</h2>
<p style="text-align: justify;">Was die Kämpfer an der Front so treiben, das zeigen die Puppen. Einige beten, andere machen es sich in Tunneln bequem, wieder andere tragen verletzte Gefährten durch den Wald. Granaten werfen sie natürlich auch. Wie in einem Märchenwald werden die Kampfszenen nachgestellt, mancherorts dröhnen Funksprüche aus Lautsprechern oder das ohrenbetäubende RÄTTT, RÄTTT, RÄTTT eines Maschinengewehres.</p>
<p style="text-align: justify;">Was direkt am Eingang des Themenparks steht, darauf ist die Hisbollah ganz besonders stolz: von den Israelis erbeutete Waffen. Hilflos sehen sie hier aus. Militärlastwagen stehen in Beton versunken zwischen Stahlhelmen, ein Panzer mit einem verknoteten Kanonenrohr neben einem Flak. Ein Kettenfahrzeug liegt wie eine Schildkröte auf dem Rücken. Davor Touristen, die die Daumen nach oben recken. Fürs Foto. Anschließend geht es in die Cafeteria.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Plattform auf dem Rundweg gibt die kilometerweite Aussicht auf angrenzende Täler frei. Der Ort war und ist strategisch wichtig für die Hisbollah. Mit schwerem Gerät lässt sich die unwegsame Erhebung inmitten des Gebirges kaum erobern. Die umliegenden Dörfer sind größtenteils von Schiiten bewohnt, die der Organisation wohlgesonnen sind. Auf angrenzenden Gipfeln ragen Antennen und Radaranlagen der libanesischen Armee in die oft dichten Wolken.</p>
<h2 style="text-align: left;">Hisbollah inszeniert sich als Heilsarmee</h2>
<p style="text-align: justify;">Wie steht es um eine Untergrundorganisation, die ins Museum gewandert ist? Nie besser, sagt Ibrahim. Die Israelis seien fast vertrieben, die Hisbollah habe starken Zulauf und der politische Arm spiele eine wichtige Rolle in der libanesischen Politik. Die Hisbollah inszeniert sich als Heilsarmee. Sie kontrolliert weite Teile des Landes, unterhält Schulen und Krankenhäuser und bietet Armenspeisungen.</p>
<p style="text-align: justify;">Eines nehmen die Libanesen ihr allerdings übel: Dass sie auf der Seite Assads in den syrischen Bürgerkrieg eingegriffen hat und der Krieg damit vom Nachbarland nach Libanon überzuschwappen drohte. Erst als die Gefechte die libanesische Grenze erreichten, vertrieb die Hisbollah syrische Kämpfer, die sich in den Libanon zurückgezogen hatten. Dafür erntete sie dann auch Beifall von innenpolitischen Gegnern.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Tourismusministerium stehe hinter dem Museum, sagt Ibrahim, immer mehr Besucher kämen den langen Weg herauf. In Wahrheit macht das libanesische Ministerium keine Werbung für das Museum. Man muss schon von seiner Existenz wissen, um es von Beirut aus zu finden. Gut besucht ist es nicht.</p>
<h2 style="text-align: left;">Das Museum schweigt</h2>
<p style="text-align: justify;">Von Krieg ist hier in Mlita, außer in der Hisbollah-Schau, keine Spur. Für libanesische Verhältnisse ist der Ort gepflegt. Liegt Müll herum, wird er sogleich von einem der zahlreichen jungen Männer weggeräumt. Andere harken die Grünanlagen oder weisen den Weg.</p>
<p style="text-align: justify;">So sauber wie den Ort, so sauber will sich die Miliz hier im Märchenwald zeigen: als eine Art französische Résistance gegen eine böse Besatzungsmacht. Interessant ist aber vor allem, worüber das Museum schweigt. So erfahren Besucher nichts über die Selbstmordattentäter, die Flugzeugentführungen, den Hisbollah-Angriff auf Beirut 2008 oder ihre Beteiligung im syrischen Bürgerkrieg.</p>
<p style="text-align: justify;">Den Touristen – oft Libanesen, aber auch Europäer – ist es egal. Sie fotografieren sich vor den Waffen, schmunzeln über den ungewöhnlichen Ort, diskutieren, ob man den Tag nicht doch besser am Meer verbracht hätte. Manch einer kauft im Souvenirgeschäft auf dem leeren aber opulenten Parkplatz ein. Das Geld fließt direkt an die Hisbollah. Jeder zahlende Besucher unterstützt also den Kampf gegen Israel. Mal sehen, denke ich, ob es bei meiner nächsten Einreise in die USA Probleme geben wird.</p>
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