Im Märchenwald der Hisbollah

Wer diesen Ort besucht, muss mit weltweiter Verfolgung durch westliche Sicherheitsbehörden rechnen: Im Libanon hat sich die Hisbollah ein Museum errichtet. Wer den Eintritt bezahlt, unterstützt eine Organisation, die in Europa und den USA als Terrorgruppe gilt.

Je weiter es auf der engen Straße nach oben geht, umso dichter hängen die Plakate mit bärtigen Männern am Wegesrand und umso öfter wehen die gelb-grünen Fahnen der Hisbollah in den Dörfern. Die schiitische Widerstandsorganisation erinnert damit an die „Märtyrer“, die im Kampf gegen die israelischen Besatzer gefallen sind und demonstriert Stärke in der Region, in der sie die meiste Unterstützung erfährt. Checkpoints der regulären libanesischen Streitkräfte sind hier im Gegensatz zu den meisten anderen Orten im Land selten, Moscheen und schweigsame Männer dafür umso häufiger.

Seit 1982, als die Israelis die libanesische Hauptstadt Beirut besetzten, organisiert die in den USA und Europa als Terrororganisation eingestufte Hisbollah von hier aus den bewaffneten Kampf. Achtzehn Jahre später verließen die israelischen Truppen den Libanon, was die Hisbollah („Partei Gottes“) hier im Museum als „göttlichen Sieg“ feiert. Auch der Krieg, der 2006 zwischen der Israelischen Armee und der Hisbollah ausbrach, wird heroisiert. Und natürlich die unzähligen Scharmützel zwischendurch.

Im Museum zeigt die Hisbollah erbeutete israelische Waffen. Diesem Panzer hat sie das Rohr verknotet. Foto: Michael Stürzenhofecker
Trümmer und Stacheldraht schaffen Frontstimmung. Foto: Michael Stürzenhofecker
Aus Lautsprechern dröhnt Maschinengewehrfeuer. Foto: Michael Stürzenhofecker
So sieht eine Granatwerfer-Stellung der Hisbollah aus. Foto: Michael Stürzenhofecker
Idyllisch: Eine Waffe im Wald. Foto: Michael Stürzenhofecker
Hisbollah-Kämpfer werden als fromme, selbst an der Front betende Muslime dargestellt. Foto: Michael Stürzenhofecker
Ob die Schützengräben an der echten Front auch so schön sauber sind? Foto: Michael Stürzenhofecker

Einziges Terror-Museum weltweit

Dieses Museum ist das wohl einzige weltweit, das von einer terroristischen Untergrundorganisation betrieben wird. Eröffnet hat die Miliz es 2010 fast 30 Jahre nach ihrer Gründung. Zum Gedenken an ihren Kampf, sagt Ibrahim und insistiert: „Der dauert übrigens noch an.“ Er ist der Museumsführer, hat mit Anfang 20 schon einen langen dunklen Bart. Ibrahim führt Besucher durch das knapp 60.000 Quadratmeter große Areal in Mlita in den kargen Bergen rund 90 Kilometer südöstliche von Beirut.

Mit Anmeldung seien auch Führungen auf Deutsch möglich, sagt er. Ganz wichtig sei es aber, zunächst den 30-minütigen Informationsfilm zu gucken. Die Bilder zeigen israelische Militäraggression und heroische Hisbollah-Kämpfer, die sich wehren. Ganz bis zum Ende schaffe ich es nicht.

Trotzdem führt mich Ibrahim stolz in die Open-Air-Ausstellung „Wahrzeichen des Widerstands“. Wie Gartenzwerge in einem deutschen Vorgarten stehen dort Maschinengewehre zwischen Blumen, sind Granatwerfer unter lichten Bäumen drapiert. Hinter Büschen lugen menschengroße Puppen in Kampfanzügen hervor. Die Wege sind mit opulenten Nato-Draht-Rollen ausstaffiert, die sich über Grün, Felsen und das Unterholz wälzen. Besucher sollen auf den mehreren hundert Meter langen, fachmännisch angelegten Wegen wohl einen Eindruck von der Front bekommen.

Betende Puppen an der Front

Was die Kämpfer an der Front so treiben, das zeigen die Puppen. Einige beten, andere machen es sich in Tunneln bequem, wieder andere tragen verletzte Gefährten durch den Wald. Granaten werfen sie natürlich auch. Wie in einem Märchenwald werden die Kampfszenen nachgestellt, mancherorts dröhnen Funksprüche aus Lautsprechern oder das ohrenbetäubende RÄTTT, RÄTTT, RÄTTT eines Maschinengewehres.

Was direkt am Eingang des Themenparks steht, darauf ist die Hisbollah ganz besonders stolz: von den Israelis erbeutete Waffen. Hilflos sehen sie hier aus. Militärlastwagen stehen in Beton versunken zwischen Stahlhelmen, ein Panzer mit einem verknoteten Kanonenrohr neben einem Flak. Ein Kettenfahrzeug liegt wie eine Schildkröte auf dem Rücken. Davor Touristen, die die Daumen nach oben recken. Fürs Foto. Anschließend geht es in die Cafeteria.

Eine Plattform auf dem Rundweg gibt die kilometerweite Aussicht auf angrenzende Täler frei. Der Ort war und ist strategisch wichtig für die Hisbollah. Mit schwerem Gerät lässt sich die unwegsame Erhebung inmitten des Gebirges kaum erobern. Die umliegenden Dörfer sind größtenteils von Schiiten bewohnt, die der Organisation wohlgesonnen sind. Auf angrenzenden Gipfeln ragen Antennen und Radaranlagen der libanesischen Armee in die oft dichten Wolken.

Hisbollah inszeniert sich als Heilsarmee

Wie steht es um eine Untergrundorganisation, die ins Museum gewandert ist? Nie besser, sagt Ibrahim. Die Israelis seien fast vertrieben, die Hisbollah habe starken Zulauf und der politische Arm spiele eine wichtige Rolle in der libanesischen Politik. Die Hisbollah inszeniert sich als Heilsarmee. Sie kontrolliert weite Teile des Landes, unterhält Schulen und Krankenhäuser und bietet Armenspeisungen.

Eines nehmen die Libanesen ihr allerdings übel: Dass sie auf der Seite Assads in den syrischen Bürgerkrieg eingegriffen hat und der Krieg damit vom Nachbarland nach Libanon überzuschwappen drohte. Erst als die Gefechte die libanesische Grenze erreichten, vertrieb die Hisbollah syrische Kämpfer, die sich in den Libanon zurückgezogen hatten. Dafür erntete sie dann auch Beifall von innenpolitischen Gegnern.

Das Tourismusministerium stehe hinter dem Museum, sagt Ibrahim, immer mehr Besucher kämen den langen Weg herauf. In Wahrheit macht das libanesische Ministerium keine Werbung für das Museum. Man muss schon von seiner Existenz wissen, um es von Beirut aus zu finden. Gut besucht ist es nicht.

Das Museum schweigt

Von Krieg ist hier in Mlita, außer in der Hisbollah-Schau, keine Spur. Für libanesische Verhältnisse ist der Ort gepflegt. Liegt Müll herum, wird er sogleich von einem der zahlreichen jungen Männer weggeräumt. Andere harken die Grünanlagen oder weisen den Weg.

So sauber wie den Ort, so sauber will sich die Miliz hier im Märchenwald zeigen: als eine Art französische Résistance gegen eine böse Besatzungsmacht. Interessant ist aber vor allem, worüber das Museum schweigt. So erfahren Besucher nichts über die Selbstmordattentäter, die Flugzeugentführungen, den Hisbollah-Angriff auf Beirut 2008 oder ihre Beteiligung im syrischen Bürgerkrieg.

Den Touristen – oft Libanesen, aber auch Europäer – ist es egal. Sie fotografieren sich vor den Waffen, schmunzeln über den ungewöhnlichen Ort, diskutieren, ob man den Tag nicht doch besser am Meer verbracht hätte. Manch einer kauft im Souvenirgeschäft auf dem leeren aber opulenten Parkplatz ein. Das Geld fließt direkt an die Hisbollah. Jeder zahlende Besucher unterstützt also den Kampf gegen Israel. Mal sehen, denke ich, ob es bei meiner nächsten Einreise in die USA Probleme geben wird.

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