Die Intifada der Bilder

Im palästinensischen Dorf Bil’in im Westjordanland lieferten sich Demonstranten und israelische Soldaten Woche für Woche ein Katz-und-Maus-Spiel. Während die Soldaten den Bau einer Sperranlage schützen mussten, hatten die Aktivisten nur ein Ziel: heroische Bilder für die Weltöffentlichkeit. Die Geburt einer neuen Protestkultur.

Der Junge, nicht älter als zehn oder elf Jahre, wirft sich gegen die Mauer. Er kauert auf dem Boden und atmet schwer. Eben noch stand er mit einer Gruppe Gleichaltriger vor dem Olivenhain und schleuderte im Akkord Steine in Richtung der israelischen Soldaten. Dann ertönten drei Schüsse und der Rest der Gruppe rannte weg. Die Soldaten rücken jetzt schnell vor. Der Junge hinter der Mauer zittert am ganzen Körper. Ich stand nicht weit entfernt von diesem Jungen und obwohl es inzwischen zehn Jahre her ist, erinnere ich mich noch genau an die steinigen Hügel des Dorfes Bil’in im Westjordanland. Es war die Geburtsstunde einer neuen palästinensischen Protestkultur.

Es ist Anfang des Jahres 2005, seit Dekaden schwillt der Konflikt mit den israelischen Besatzern. Gerade verliert die zweite Intifada – so nennen die Palästinenser ihre Aufstände – an Schwung. Schmerzhaft haben sie eine wichtige Lektion gelernt: pure Gewalt bringt die schlecht bewaffneten Aufständischen gegen eine moderne israelische Armee nicht weiter. Ihrem Ziel, einen unabhängigen Staat zu gründen, sind sie kein Stück näher gekommen. Ihre Lösung lautet nun: Bilder. Bilder, mit denen sich die internationale Öffentlichkeit erreichen, vielleicht sogar beeinflussen lässt. Und die Proteste von Bil’in liefern diese Bilder. Woche für Woche.

Die Dorfbewohner protestieren gegen den Bau einer gewaltigen Sperranlage um ihr Dorf. Die Israelis nennen dieses Bauwerk „Terrorabwehrzaun“, der Internationale Gerichtshof hat es für völkerrechtswidrig erklärt. Am Anfang der Proteste kamen Palästinenser zusammen und warfen Steine, später schlossen sich auch internationale Aktivisten den Demonstrationen in Bil´in an. Weil das Werfen von Steinen wenig Erfolg zeigte, konzentrieren sich die Demonstranten seit Wochen auf das Produzieren möglichst dramatischer Szenen.

„Let the party begin“

Wie fast jeden Freitag fahre ich auch heute wieder mit einem Sammeltaxi zum Ort des Geschehens. Mit einem Kollegen arbeite ich an einem Fotoband über den Grenzkonflikt. Doch inzwischen ist es eher die Routine als die Hoffnung auf ein gutes Bild, die mich auch an diesem Morgen in das Taxi steigen lässt. Und wie schon so oft nach dem Freitagsgebet rollt auch heute der bunt geschmückte Lautsprecherwagen durch die leer gefegten Straßen von Bil´in und fordert die Bewohner auf, sich der Demonstration gegen den Bau der israelischen Grenzanlage anzuschließen. Nur Wenige folgen ihm. Es sind vor allem Kinder und ein oder zwei Dutzend ausländische Demonstranten – aus Israel, Kanada, Frankreich und den USA.

Israelische Soldaten bewachen die Bautätigkeiten an der Sperranlage.
Nur neue Fotografen legen sich bei den routinemäßigen Demonstrationen noch richtig ins Zeug.
Immer nach dem Freitagsgebet bildet sich im Dorf ein Protestzug zur Baustelle.
Nach Ende der Demonstration eskaliert die Gewalt.
Vom Versteck aus beschießen palästinensische Jugendliche israelische Soldaten mit Steinen.
Israelische Soldaten und Demonstranten sind erbitterte Gegner.
Meist schießen die Soldaten mit Gummigeschossen und fügen ihren Opfern blaue Flecken zu.
Gelegentlich wird auch scharf geschossen.
Auch Aktivisten aus dem westlichen Ausland engagieren sich in Bil'in für die palästinensische Sache.
Bil'in und die umliegenden Dörfer gelten als Hochburg der radikalen Partei Fatah.

Die Aktivisten geben den Dorfbewohnern ein paar Plakate mit englischen und hebräischen Parolen. Ein paar Journalisten sind nun auch da. Sobald einige Dutzend israelische Soldaten an der Grenzanlage in Sichtweite sind, brüllt ein älterer palästinensischer Mann in ein Mikrofon „Let the Party begin“. Ein Anderer rennt vor und schreit die Soldaten an, sie sollen ihn durchlassen. Als die Soldaten sich nicht regen, schmeißt er sich auf die Knie, die Hände reißt er theatralisch in die Luft. Nur zwei der anwesenden Fotografen werfen sich hin, um die Szene festzuhalten. Die Anderen drücken den Auslöser nicht. Vor drei Wochen, vor zwei Monaten oder gar einem Vierteljahr haben sie diese Szene schon einmal bei deutlich besseren Lichtverhältnissen fotografiert.

Erst Theatralik, dann Provokation

Auch das Bild, auf dem derselbe Mann den Olivenbaum umarmt, haben die meisten anwesenden Fotografen bereits im Kasten. Und auch das, auf dem er sich schützend zwischen die Soldaten und ein Kind stellt. Eine halbe Stunde lang arbeiten die palästinensischen Protagonisten jetzt eine Reihe einstudierter Posen vor den zwei, drei Fotografen ab, die heute offenbar das erste Mal die Proteste in Bil´in verfolgen.

Wie auch an den anderen Tagen folgt auf die Theatralik die Phase der Provokation: Die Aktivisten und Palästinenser stellen sich vor die Soldaten, fordern sie auf, das besetzte Land zurückzugeben. Sie fragen, ob sie sich nicht schämten, fragen, ob sie selber keine Familie hätten oder kein Herz. Die Soldaten, kaum einer älter als 20, geben sich sichtlich Mühe, möglichst gelangweilt auszusehen. Zu genau kennen sie die Abläufe.

Soldaten tun gelangweilt

Ab und zu rennt eine Gruppe Demonstranten los und probiert erfolglos, die Linie der Soldaten zu durchbrechen. Immer mal wieder ertönen Warnungen aus den Lautsprecherwagen der Armee. Ein israelischer Aktivist stellt nun seine vier Söhne direkt vor den Soldaten auf, erklärt ihnen etwas und fängt dann an, energisch auf die Soldaten einzureden. Diese versuchen ihn zu ignorieren, kauen gelangweilt Kaugummi oder spielen auf ihren Handys. Nur Hin und Wieder können sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, so als hätte der Aktivist gerade einen guten Witz erzählt. Das macht ihn rasend.

Irgendwann fangen auch die mit angereisten Kinder zu schimpfen an. Die Soldaten lachen jetzt immer häufiger. Bis die ersten Schüsse fallen. Scharf geschossen wird hier in der Regel nicht, jedenfalls solange die Ausländer noch anwesend sind. Es sind Gummigeschosse, mit denen die Soldaten den Palästinensern und Aktivisten große blaue Flecken zukommen lassen. Die Demonstranten rennen nach allen Seiten davon. Die Soldaten rücken langsam nach. Auch die Reihe, die eben noch über den israelischen Vater und seine Kinder lachte, ist jetzt in Gefechtstellung und rennt kurz darauf einer Gruppe palästinensischer Jugendlicher hinterher.

Auf Demonstrationen folgen Krawalle – Woche für Woche

So läuft das hier jede Woche ab, erst die Demonstration, dann die Krawalle. Das produziert die Bilder, die die pro-palästinensische Seite haben will: israelische Soldaten, die Aktivisten zu Boden drücken, Kinder, die wegen des Reizgases husten und junge Palästinenser, die sich nur mit Steinen in der Hand den anrückenden Panzerfahrzeugen der Israelis stellen.

Fotografen und Kamera-Teams haben ihre Bilder gemacht und am frühen Nachmittag zieht die Presse ab, um rechtzeitig vor Redaktionsschluss wieder in Ramallah zu sein. Die Aktivisten gehen ebenfalls. Sie müssen sich beeilen, das letzte Sammeltaxi zu erreichen. Auch die meisten Dorfbewohner gehen nach hause. Zurück bleiben einige palästinensische Jugendliche und die Soldaten.

Die Soldaten möchten jetzt auch gerne langsam abrücken und machen dies durch immer härteres Durchgreifen deutlich. Wer nicht schnell genug ist, wird verhaftet. Die Gummigeschosse treffen die Jugendlichen nun nicht mehr nur an den Beinen. Ein Dutzend Jugendlicher hat sich hinter einer alten Mauer versteckt. Aus ihren Schleudern zischen die Steine in Richtung zweier Militärtrucks unweit der Baustelle. Immer wieder ertönt metallenes Scheppern, wenn eines der Ziele getroffen wird, gefolgt von „Allahu Akbar“-Rufen.

Jetzt wird scharf geschossen

Plötzlich öffnen sich die Türen der Trucks, noch mehr Soldaten springen heraus, einer legt sein Gewehr an und gibt drei donnernde, scharfe Schüsse ab. Die Jugendlichen flüchten auseinander. Nur einer kommt nicht schnell genug weg und presst sich auf den roten steinigen Boden. Als die Soldaten über die Mauer steigen, ignorieren sie ihn zunächst und sprechen mich an, ob ich nicht auch langsam mal nach Hause wolle. Ich schüttele den Kopf und sie widmen sich dem Jungen.

Einer stupst ihn mit dem Gewehr an und fragt ihn auf Arabisch, ob er gerne verhaftet werden wolle. Der Junge reagiert nicht, guckt nicht einmal auf. Der Soldat will wissen, wo er wohnt. Der Junge schaut nun hoch. Sein Blick ist leer. Er starrt den Soldaten lange an, sagt aber nichts. „Du bist wohl ein bisschen verrückt“, sagt der Soldat schließlich etwas irritiert. Dann noch einmal zu seinen Kameraden: „Der ist verrückt“. Er blickt nochmal kurz zu mir, wendet sich ab und geht. Der Junge drückt sich wieder gegen die Mauer.

Aus dem Olivenhain sind vereinzelte Schreie und Schüsse zu hören. Im Dorf gehen derweil die ersten Lichter an. Die Schüsse sind bald nur noch in der Ferne zu hören. Ich frage den Jungen auf Arabisch, ob wir nicht auch jetzt mal ins Dorf gehen sollten. Zunächst rührt er sich nicht, dann dreht er sich aber um und schaut mich mit demselben Blick an, mit dem er den Soldaten angestarrt hat. Nach einer Weile steht er auf und sagt: „I don’t understand any Arabic, only Hebrew.“ Dann schlendert der junge Israeli in Richtung Grenzzaun davon.

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