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	<description>Magazin für Reportagen</description>
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		<title>Unterwegs in Nordkorea</title>
		<link>https://www.weltseher.de/unterwegs-in-nordkorea/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Sep 2020 20:28:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Nord Korea]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Korea]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Oliver Rühle]]></category>
		<category><![CDATA[Nordkorea]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Nachdem ihm das Regime doch noch ein Visum ausgestellt hat, reist unser Autor durch Nordkorea. Umgeben von kommunistischer Architektur und dem Personenkult der Kims versucht er, eine Frage zu beantworten: Wie sind die Menschen hier wirklich?<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/unterwegs-in-nordkorea/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Nachdem ihm das Regime doch noch ein Visum ausgestellt hat, reist unser Autor durch Nordkorea. Umgeben von kommunistischer Architektur und dem Personenkult der Kims versucht er, eine Frage zu beantworten: Wie sind die Menschen hier wirklich?</strong></p>



<p>Mehrere Anläufe hatte ich gebraucht, um diese Reisen nach Nordkorea überhaupt antreten zu können. Offenbar hatte mich das kommunistische Regime wegen meiner Artikel in deutschen Medien über die Kim-Dynastie auf eine schwarze Liste für Journalisten gesetzt. 2015 hatten mir die Nordkoreaner das Visum für die Begleitung einer deutschen Bundestagsdelegation noch verweigert. Drei Jahre später ging dann plötzlich alles ganz schnell. Es war es wie so oft im Leben: man muss die richtigen Leute kennenlernen.</p>



<p>Ich hatte Glück, dass ich die Fotografin Xiomara Bender für ein Interview zu ihrem Nordkorea-Bildband “The Power of Dreams” traf. Durch sie eröffnete sich mir ein ganz anderer Zugang zu meinem journalistischen Lieblingsthema – der nun schon 72 Jahre alten Diktatur. Xiomara fotografiert seit 2011 regelmäßig in Nordkorea, kennt das Land gut. Durch ihren Vater Andreas Bender, der weltweit als Reiseführer für eher ungewöhnliche Reiseziele operiert und als einer der ersten Deutschen eine Reiseleiterlizenz für Nordkorea seitens des kommunistischen Regimes erhielt, kann sich Xiomara auf ein seit über 30 Jahren quasi gegenseitiges Vertrauensverhältnis zwischen ihrer Familie und der nordkoreanischen Tourismusbehörde verlassen.</p>



<p>Die Behörde verfolgt die strikte Aufgabe, alle Ausländer im Land zu kontrollieren und während des Besuchs mit mindestens zwei sogenannten Reiseführern auf Schritt und Tritt zu begleiten. Dank Xiomaras Vater bekam ich nun ganz problemlos ein Visum für Nordkorea und begleitete Sie 2018 zwei Mal in das abgeschottete Land am Ende der Welt.</p>


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                                Der 170 Meter hohe Couch’e-Turm in Pjöngjang, benannt nach der Staatsideologie der Kim-Dynastie.
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<p>Sicher wusste die nordkoreanische Seite, dass ich als Journalist und weniger als Tourist agieren würde. Aber offenbar bekam ich das Prädikat „harmlos“ verliehen. Und ja, Nordkorea hat sich in den letzten Jahren etwas geöffnet, natürlich auch des Geldes wegen. Das von internationalen Handels-Sanktionen geplagte Land hat nicht viele Gelegenheiten, an harte Währungen heranzukommen. Und irgendwie muss Diktator Kim Jong-un ja seinen extravaganten Lebensstil mit Luxusautos, Privatjet, Palästen und Zuchtpferden finanzieren, während sein Volk in ärmlichen Verhältnissen lebt.</p>



<h2>Touristen als Devisen-Bringer fürs Unrechtsregime</h2>



<p>So bin auch ich letztlich nur ein Devisen-Bringer für das Unrechtsregime. Dessen muss sich jeder Nordkoreareisende bewusst sein. Schließlich brachte mein Aufenthalt pro Einreise dem nordkoreanischen Staat etwa 2.500 Euro ein. Ein teures Unterfangen also. Vom Abflug (von Peking oder Shanghai) an übernimmt die staatliche Tourismusbehörde die Kontrolle. Sie legt Hotels, Restaurants und Zeitpläne fest. Wirklich Ruhe vor den “Guides” hat man erst, wenn man von jenen im zentralen “Ausländerhotel” in der Hauptstadt Pjöngjang abgegeben wird und es hinter einem die Türen schließt. Der graue Wolkenkratzer am Ufer des Flusses Taedong ist ein Gefängnis light, denn auf eigene Faust darf man ihn nicht verlassen.</p>



<p>In die internationalen Schlagzeilen war das Hotel 2016 geraten: der junge Student und US-Amerikaner Otto Warmbier wurde verhaftet, weil er hier ein Propagandaplakat von der Wand gestohlen haben soll. Die Nordkoreaner verurteilten den Tourist dafür zu 15 Jahren Arbeitslager. Dort fiel er unter immer noch ungeklärten Umständen ins Koma und starb nach seiner Auslieferung 2017 in den USA.</p>



<p>Hier checke ich ein und beginne meine Nordkorea-Reise. Individuelle Wünsche für Route und Abläufe lassen die Hotel-Angestellten, immer in Abstimmung mit der Tourismusbehörde, bis zuletzt unbeantwortet oder im Vagen. Gleichzeitig versuchen sie aber Alles, um Gäste zufriedenzustellen. Das liegt in der Mentalität der Koreaner.</p>



<p>Für Touristen, die nicht wie ich journalistisch tätig sind, ist der Visa-Antrag heutzutage problemlos. So waren während meines ersten Aufenthalts anlässlich der Feierlichkeiten zu 70 Jahren Nordkorea im September 2018 so viele Ausländer im Land wie niemals zuvor. Der Großteil davon Chinesen, für die Nordkorea eine Art Kolonie ist. Und so führen sie sich vor Ort auch auf. Bald sollen rund eine Million chinesische Touristen pro Jahr kommen, vermelden Nordkorea-Analysten.</p>



<p>Wie das in der Praxis aussehen soll, bleibt mir ein Rätsel. Für viele Chinesen ist ein Nordkorea-Trip eine Reise in die eigene kommunistisch-maoistische Vergangenheit, inklusive Kontrolle und Gängelung. Viele sind nur bedingt an den Kulturreisen durchs Land interessiert, sondern wollen in die neu gebauten Spa-Hotels oder in die Skigebiete, die allesamt fernab großer Siedlungen liegen und gut zu kontrollieren sind. Aus nordkoreanischer Sicht bedeutet „perfekter Tourismus“, wenn Gäste kommen, die ihr Geld mitbringen – und ansonsten gut abgeschirmt von der Bevölkerung im Hotel oder einem isolierten Gebirge bleiben.</p>



<h2>Leer und sonderbar zart</h2>



<p>Hinter dem Fenster meines Hotelzimmers liegt Pjöngjang. Meine ersten Gedanken: diese große Leere, das Nichts zwischen den Gebäuden und Menschen. Das Leben muss sich hier zwischen breiten Straßen, Plattenbauten und weitläufigen Plätzen und Propaganda-Monumenten abspielen. Damit folgt die nordkoreanische Hauptstadt einer bei kommunistischen Diktaturen beliebten Architektur. Im sowjetischen Moskau – an der sich die &#8222;Demokratische Volksrepublik Nordkorea&#8220; bei der Gründung im Jahr 1948 zunächst orientierte – ließ Stalin historische, verwinkelte Nachbarschaften abreißen, um breite Boulevards und lange Sichtachsen anzulegen. So konnten sich die Bewohner nicht so gut verstecken, aber dafür die Partei und Armee besser aufmarschieren. Gewaltige Monumente mit den Symbolen des Staates und den Antlitzen seiner Führer sollten dem Regime Größe und einen Hauch von Ewigkeit verleihen.</p>


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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-1.jpg" data-caption="Tschechoslowakische Tatra-Straßenbahnen in Pjöngjang" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-35-1.jpg" data-caption="Das Denkmal für die Wiedervereinigung Koreas in Pjöngjang" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-14.jpg" data-caption="Heroische Arbeiter-Statuen wie sie überall in Nordkorea zu finden sind." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-17-1.jpg" data-caption="Am Kim Il-sung-Platz in Pjöngjang" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-7.jpg" data-caption="Großes gefliestes Wandfresko zu Ehren Kim Il-sung’s." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-3.jpg" data-caption="Im ganzen Land befinden sich überlebensgroße Bronzestatuen der Kim’s." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-28.jpg" data-caption="Schuluniform ist in nordkoreanischen Schulen Pflicht." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-2.jpg" data-caption="Fußballschule für Mädchen in Pjöngjang." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-18-1.jpg" data-caption="Auf dem Weg zur Arbeit." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-4.jpg" data-caption="Nordkoreanischer Landschaftsmaler." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-6.jpg" data-caption="Metro in Pjöngjang: Die ehemaligen U-Bahn-Wagen Berlins fahren ein." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-5.jpg" data-caption="Die U-Bahnhöfe in Pjöngjang sind mit Staatskunst bebildert." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-8.jpg" data-caption="Schüler auf dem Weg zu einer Massenveranstaltung." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-15.jpg" data-caption="Die Skyline von „Pjönghattan“." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-13.jpg" data-caption="Straßenszene in Pjöngjang." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Leben in Pjöngjang</p></div>


<p>Die Sowjetunion gibt es nicht mehr, aber Nordkorea ist noch da. Dessen Propaganda-Apparat erscheint so effektiv, dass selbst Stalin neidisch geworden wäre. Der Personenkult mit Statuen und Plakaten begann mit dem Staatsgründer: Kims Großvater, Kim, der &#8222;Große Führer&#8220; und trotz seines Ablebens vor sechsundzwanzig Jahren heute immer noch der &#8222;ewige Präsident&#8220; Nordkoreas. Und Kims Vater, Kim, die &#8222;Sonne der Nation&#8220;, verstorben 2011, ist immer noch &#8222;ewiger Generalsekretär&#8220; der Kommunistischen Partei.</p>



<p>Seit fast zehn Jahren ist der dritte Kim an der Macht. Das Staatsfernsehen verkündet nur seine Erfolge, die Armut im Land oder die große Hungersnot in den 90er-Jahren werden nicht erwähnt. Für jeden Bürger wäre öffentliche Kritik Selbstmord. Der Staatskult geht sogar soweit, dass die Nordkoreaner ihre Kim-Führer für Halbgötter halten, die anders als Normalsterbliche nie auf Toilette müssen. So berichtete es jedenfalls der nordkoreanische Flüchtling Kang Chol-hwan im Buch &#8222;Die Aquarien von Pjöngjang&#8220;.</p>



<p>Mit diesen Gedanken blicke ich um mich. Kann es wirklich sein, dass die fünfundzwanzig Millionen Menschen in diesem Land an so einen Quatsch glauben? Wenn ich hier leben würde, täte ich sicher nur so, um zu überleben. Aber sicher sein, kann ich nicht. Wer weiß schon, was zwei Generationen Gehirnwäsche anrichten können. Zumal das Regime alles versucht, um Informationen von der Außenwelt fernzuhalten, ein offenes Internet gibt es nicht.</p>



<h2>Ferner Planet</h2>



<p>Bereits auf der Taxi-Fahrt vom Flughafen zum Hotel versuchte ich, einen Blick auf die Menschen in den Straßen zu erhaschen. Sie wirkten auf mich wie uniforme aber zarte, fast zerbrechliche Wesen. Ihre Erscheinung scheint aufrichtig und unbehelligt, und zieht mich sogleich in einen Bann. Sie kommen mir verwandt vor, aber gleichzeitig wie Außerirdische von einem fernen, unbekannten Planeten. Oder bin ich hier der Außerirdische, von einem klassenverfeindeten Himmelskörper?</p>



<p>Ich kann es bis heute nicht benennen, so skurril erscheinen die jeweiligen, gegensätzlichen Wahrheiten, wenn der Rest der Welt – wie ich – auf Nordkorea trifft. Und dann dieses Gefühl, wie in einem Bernstein eingeschlossen zu wandeln, Besucher einer konservierten Kultur zu sein. Zu Gast in einer Apparatur, in welcher Denunziation und strikte Überwachung herrschen, Deportationen und Machtmissbrauch zur Tagesordnung zählen und kaum Individualität möglich ist, bzw. als Entfaltungsform der eigenen Biografie völlig unbekannt sein muss.</p>



<p>Wie unter einer Glocke erscheint mir das Leben hier, draußen Unmengen Wasser, drinnen ein wenig Luft zum Atmen. Sie wissen es einfach nicht besser. Vielleicht ist Nordkorea die Tiefsee unter den Ländern der Erde. Kaum Licht dringt ein. Kein Internet, keine Mode, keine Popkultur, keine Pornografie, kein Hollywood, kein Ami auf dem Mond, keine Droge, keine Verheißung, keine Möglichkeit der freien Entscheidung.</p>



<p>Um so neugieriger stürze ich mich auf den ersten echten Nordkoreaner, mit dem ich sprechen darf. Und das auf fast perfektem Deutsch. Er ist einer meiner Reise-Aufpasser und nennt sich ausgerechnet &#8222;Bruce Lee&#8220;, wie die Hollywood-Kampfsport-Ikone. Ansonsten will er aber von westlicher Kultur noch nichts gehört haben – oder hat es wirklich nicht. &#8222;Die Beatles? Noch nie gehört!&#8220;, sagt er.</p>



<p>Doch dann geht es endlich los. Unsere Reisegruppe samt Aufpasser darf aus dem Hotel und ich sitze in einem Kleinbus-Taxi japanischer Fabrikation. Neben Xiomara, den beiden Aufpassern und mir besteht unsere Gruppe noch aus meinem besten Freund Felix. Auf einer der breiten, endlos wirkenden Straßen der Drei-Millionen-Metropole Pjöngjang, mit den weitläufigen Sichtachsen entlang der in Pastelltönen angemalten Prachtbauten. Viel Verkehr gibt es nicht. Es ist die Straßeninfrastruktur einer Großstadt mit dem Verkehrsaufkommen eines Dorfs. Am Straßenrand absolviert eine Gruppe von uniformierten Frauen einen Appell. So viel Raum und Platz.</p>



<h2>Seltsam bekannt</h2>



<p>Eine Hauptstadt mit der Atmosphäre einer Filmkulisse. Alles erscheint akkurat und künstlich. Nicht am Leben gewachsen, sondern inszeniert nach den Plänen der Kim-Dynastie. Unsere Reiseleiter verordnen Stops vor Gebäuden und Monumenten. &#8222;Bitte nicht mit den Menschen sprechen&#8220;, sagt Bruce Lee. In meiner Erinnerung verschwimmen die Eindrücke. Fast fühle ich mich heimgesucht durch eine seltene Welt – vielleicht die Letzte ihrer Art.</p>



<p>Trotzdem kenne ich die Symmetrien der Stadt bereits von irgendwoher. Manche Farben, auch Gerüche, vielleicht auch die Mode mit ihren strengen Schnitten, kommen mir bekannt vor. Ganz bestimmt aber die Pjöngjanger Straßenbahnen, denn die roten Tatra-Wagen aus der ehemaligen Tschechoslowakei, erinnern mich an meine eigene Kindheit in der DDR. Auf vielleicht denselben Sitzschalen saß ich in Dresden auf dem Weg in den Kindergarten, in welchem wir uns auf den gleichen Klettergerüsten die Knie und Köpfe aufschlugen. Meine eigene Vergangenheit wird lebendig. Die Idee von der sozialistischen Stadt, ich erkenne sie wieder.</p>



<p>Wenn ich jetzt während des Schreibens an Nordkorea zurückdenke, erinnere ich mich vor allem immer wieder an ein zärtliches Gefühl den Menschen gegenüber. Auslöser vor Ort war ein sonderbarer und berührender Moment zugleich – und das ausgerechnet während einer Militärparade.</p>



<p>Die große Parade soll den 70. Gründungstag von Nordkorea feiern. Die Reise-Aufpasser haben uns am Rande eines großen Prachtboulevards positioniert. Erwartet hatte ich Waffen. Stählerne Kanonen und bedrohliche Raketen. Feindselige Prahlerei und frenetisch zelebrierte Propaganda. Vor allem aber rechnete ich mit Aggression und Hysterie – gegen die USA, den Imperialismus, die westliche Welt. Wie sonst sollte die letzte stalinistische Diktatur ihren runden Geburtstag zelebrieren?</p>


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                                Militärparade zum 70. Gründungstag
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<p>Doch es ist der friedvollste, fröhlichste und bunteste Aufmarsch, den ich bisher erlebt habe. Und so stehe ich also da, neugierig und erstaunt, inmitten einer dieser typischen, ausladenden und ellenlang geraden Prachtstraßen Pjöngjangs. Währenddessen rollen die Lastwagenkonvois mit offener Ladefläche vorbei, auf der sehr junge, zierliche Soldaten und Soldatinnen jubeln. Sie halten Luftballons, statt Gewehren, und sie winken ungeniert und lachen fast kindlich zu der Menge an hübsch herausgeputzten Nordkoreanern am Straßenrand, welche ihrerseits je Konvoi ein herzliches &#8222;Danke!&#8220; ausrufen. Die Frauen in traditioneller, bonbonfarbener Tracht, die Männer mit schlichten Krawatten und in grautönigen Sakkos.</p>



<p>Für mich ist es ein Klischee-zerschmetterndes Bild, wie die aus Sowjetzeiten stammenden LKW auf mich zurollen und ausgelassene Freude, statt Zorn transportieren. Ich stehe allein auf weitem Asphalt, keiner der zahlreichen Polizisten, Ordnungshüter oder einer unserer beiden obligatorischen Aufpasser haben mich daran gehindert, die Menschenmenge zu durchbrechen und einfach auf die Fahrbahn zu treten. Ich glaube in diesem Moment war die Kontrolle über uns verlorengegangen, denn ein jeder aus unserer Gruppe verschwand für einige Augenblicke in der Menge der jubelnden Nordkoreaner. Und so recke ich meine Hand mal links mal rechts aus, zu den Händen der vielleicht jüngsten Garde der nordkoreanischen Armee. Die zierlichen Handflächen schlagen von oben auf die meine. Manche der gegenseitigen Berührungspunkte kann ich für Sekunden festhalten, indem sich mein Blickfeld mit dem jeweiligen Kopf auf dem Konvoi mitdreht.</p>



<h2>Formation und Gemeinschaft</h2>


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                                Eine junge Mutter mit Kind in der Siedlung einer Agrargenossenschaft im Nordosten Nordkoreas.
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<p>Und dann endlich verlassen wir Pjöngjang und das Ausländerhotel. Wir dürfen andere Teile Nordkoreas sehen, dessen Fläche etwa so groß ist wie Bayern und Niedersachsen zusammen. Wirkliche Reisefreiheit gibt es natürlich nicht. Die Tourismusbehörde hat die Route samt Unterkünften lange im voraus festgelegt und auch die beiden Aufpasser kommen mit. Trotzdem: besser als nichts. Die wohlhabende Hauptstadt ist für das normale Leben in Nordkorea nicht repräsentativ, die knapp drei Millionen Einwohner gehören vor allem zur gesellschaftlichen Elite und deren Dienstpersonal. Die restlichen zweiundzwanzig Millionen Nordkoreaner brauchen zum Betreten einen Passierschein. Und so rollen wir im Kleinbus mehrere hundert Kilometer Richtung Nordosten ans Japanische Meer, zu den Küstenstädten Hamhung und Wonsan.</p>



<p class="p3"><span class="s1">Wonsan ist ein harter Schnitt zur herausgeputzten Hauptstadt. Hier geht es nun ein paar Stufen abwärts: triste Plattenbauten, kaputte Straßen und Fensterscheiben, bedrückende Stimmung, jeder scheint von Arbeit oder Maßnahmen getrieben, alte LKW transportieren Menschen auf die Reis- und Sojafelder. Undefinierbare Gerüche liegen in der Luft. Spätestens hier wird überdeutlich, dass Nordkorea ein bitterarmes und immer noch vom Krieg geprägtes Land ist. Leben am Ende der Welt, so fühlt es sich an. Dabei wäre die Hafenstadt am Japanischen Meer wohl eine Touristenhochburg, wenn Nordkorea sich weiter öffnen würde. </span></p>



<p class="p3"><span class="s1">Strände mit feinstem Sand machen das Umland von Wonsan, mit den alten Kieferwäldern, nämlich zum Idyll. Stolz führen uns die Reise-Aufpasser an einen dieser Strände und lassen uns baden. Es fühlt sich absurd und beklemmend an. Ich denke an die vielen Menschen, die in diesem Wasser ihr Leben gelassen haben, weil sie der Freiheit am Horizont entgegen ruderten, in der Hoffnung, Japan zu erreichen. Viele Nussschalen verließen schon diese Küste. Mit dem Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können – dabei ist die Küste Japans viel zu weit weg, viele Boote kentern oder die verzweifelten Flüchtlinge verhungern auf offener See. Wer Nordkorea als Nordkoreaner verlässt, muss es für immer tun, tot oder lebendig.</span></p>


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<p>Unser Kleinbus folgt der Küste nach Norden. Nach etwa hundert Kilometern erreichen wir die zweitgrößte Stadt des Landes: Hamhung. An deren<span class="s1"> Wiederaufbau war acht Jahre lang die „Deutsche Arbeitsgruppe Hamhung“ maßgeblich beteiligt, eine Gruppe von Architekten und Ingenieuren aus der DDR. Tatsächlich erinnert es an Eisenhüttenstadt oder Hoyerswerda, mit den Arbeitersiedlungen und Plattenbauwohnungen in Reihe und Glied. Die Industriestadt scheint wie aus der Zeit gefallen, direkt aus den frühen Achtzigern.</span></p>



<p><span class="s1">Während die Hauptstadtbewohner Ausländer mittlerweile gewöhnt sind, fühlt man sich als solcher in Wonsan oder Hamhung wie ein Exot. Die Nordkoreaner reagieren grundsätzlich freundlich und respektvoll, fast zärtlich und naiv. Sie winken oder lachen, wenn man sie dazu animiert. Besonders in Hamhung. Während Wonsan auf mich einen trostlosen Eindruck macht, bleibt von Hamhung der Eindruck eines gewissen Eigenlebens. Menschen, die an der Straßenecke miteinander plaudern, Männer, die hockend Eis essen, Kinder, welche am Springbrunnenrand sitzen. Aber auch hier: Städtebau nach Prinzip. Die Allmacht des Systems in der Architektur. Breite Straßen, überdimensionale Kim-Monumente, weite Flächen und Flure. Hier kann sich niemand verstecken.</span></p>



<h2>Auf dem Land</h2>



<p>Zwischen den Städten passieren wir im Kleinbus das Land mit seinen Dörfern, Fabriken und landwirtschaftlichen Genossenschaften. Sie finden sich am Meer wie im Gebirge. Dazwischen Felder, Ebenen und Hügel. Alle Kraft für die genossenschaftliche Produktion. Ein Eindruck dominierte meine Wahrnehmung dabei immer wieder, egal ob Stadt oder Land: Das Auftreten der Menschen in Formationen und immerzu in Gemeinschaft. Ob bei der Maisernte, beim Tai Chi am Ufer des Flusses Taedong, bei gymnastischen Übungen oder Tanzeinlagen am Straßenrand der pseudo-modernistischen Hauptstadt. Niemand scheint allein, entscheidet selbstständig nach seinem eigenen Gefallen oder hegt auch nur irgendeine denkbare, vergleichbare Freiheit, wie wir sie kennen und um deren Verwirklichung wir uns ereifern. Dieses Wissen schwingt ständig in meinem Hinterkopf mit und trübt das romantische Erscheinungsbild, die sonst ursprüngliche Natürlichkeit des Anblicks.</p>


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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea.jpg" data-caption="Hügelfelder zwischen den Ballungszentren." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-2-1.jpg" data-caption="Irgendwo zwischen Pjöngjang und Wonsan." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-3.jpg" data-caption="Eine LPG in Zentralnordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-4.jpg" data-caption="Nordkoreanische Landschaft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-6-1.jpg" data-caption="Frauen auf dem Weg zur Feldarbeit." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-24.jpg" data-caption="Ein Transporter mit Erntehelfern." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-31.jpg" data-caption="Ein Dorf im Norden." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-34.jpg" data-caption="Berglandschaften sind typisch für Nordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-33.jpg" data-caption="Mit dem Touristen-Bus einmal quer durch Nordkorea." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/zNordkorea-32-1.jpg" data-caption="Transporter mit Arbeitern prägen den Verkehr." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Ländliches Nordkorea</p></div>


<p>Den absoluten Superlativ dieser Gruppendynamik stellt das Arirang-Festival dar, welches ich im &#8222;Stadion Erster Mai&#8220; in Pjöngjang zur Premiere anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten erleben kann. Eine akribisch perfektionierte Inszenierung der siebzigjährigen Geschichte Nordkoreas, eine gewaltige Choreografie abertausender Akrobaten, Tänzer, Athleten, Musiker und Kindergruppen. In einer Synchronität jenseits von etwas je Gesehenem, von welcher hiesige Choreografen nur träumen können. In einer Ästhetik und Epik welche man mit jener einer Leni Riefenstahl vergleichen kann – allerdings in Farbe. Die Organisation von Massen beherrscht wohl kaum ein anderes Land derartig optimiert und konditioniert, wie es die Ideologie der Kim-Dynastie seinen Untertanen durch Drill und Disziplinierung auferlegt hat.</p>



<p>Unsere Tribüne ist keine hundert Meter Luftlinie von der Herrscherloge entfernt, in welcher kein Geringerer als Kim Jong-un selbst Platz genommen hat. Ein sonores Raunen geht durch das größte Stadion der Welt, mit einem Fassungsvermögen für etwa 150.000 Menschen, als der oberste Führer höchstpersönlich in Erscheinung tritt. Gefeiert wie ein Messias, wie ein Gott. Doch was weiß ich schon, der eingebildete Freie? Das ist eine ganz andere Frage, bei welcher ich immer noch überlege, wie meine persönliche Antwort ausfällt.</p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1200x795.jpg" alt="" data-id="7389" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/nordkorea-11/" class="wp-image-7389" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1200x795.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-600x398.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-768x509.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1536x1018.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-150x99.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1320x875.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-1250x828.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11-400x265.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-11.jpg 2000w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1200x794.jpg" alt="" data-id="7388" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/nordkorea-12-2/" class="wp-image-7388" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1200x794.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-600x397.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-768x508.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1536x1017.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-150x99.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1320x874.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-1250x828.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1-400x265.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/06/Nordkorea-12-1.jpg 2000w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li></ul><figcaption class="blocks-gallery-caption">„The Glorious Country“ – die Choreografie der Massen anlässlich des 70. Geburtstags der Diktatur.</figcaption></figure>



<h2>Der Reisende wird gespiegelt</h2>



<p>So oder so: Nordkorea hält uns Westlern den Spiegel vor. Das Land am Ende der Welt ist schlicht und einfach das ganze Gegenteil dessen, was wir aus Deutschland von unserem Leben im Überfluss kennen. Was an Eindrücken dominiert, fühlt sich absurd und auch befremdlich an. Aber ebenso bleibt eine unglaubliche, seltene Form der Schönheit jenseits der Uniformierung und Kollektivierung zurück.</p>



<p>Was nimmt man mit, zurück in die westliche Welt? Mein Ziel, das wahre Wesen der Menschen in Nordkorea zu erkunden, ist gescheitert. Die Sprachbarriere, das Kontaktverbot und die ständige Beobachtung durch die Reise-Aufpasser haben es unmöglich gemacht – allein durch Lächeln, Nicken und Winken lassen sich keine Lebenswelten austauschen. Ich sah gewissenhafte aber müde, schüchterne aber entschlossene, freundliche aber disziplinierte Menschen. Doch das ist nur mein subjektiver Eindruck.</p>



<p>Der Nordkoreaner, der mir am meisten ans Herz wuchs, war ausgerechnet mein Reise-Aufpasser &#8222;Bruce Lee&#8220;, ein Diener des Propaganda-Systems. Der Abschied am Flughafen ging mir ins Mark. Es ist seltsam, doch die Reiseführer werden automatisch zu Vertrauten, weil sie unsere Sprache sprechen und die einzige Anlaufstelle für Wünsche und Informationen sind. Bei gemeinsamen Mahlzeiten und einem Glas koreanischem Eichelschnaps ergeben sich automatisch Gespräche. Zwar hatte &#8222;Bruce Lee&#8220; behauptet noch nie von den Beatles gehört zu haben, dafür kannte er sich überraschend gut mit aktuellen Entwicklungen in Deutschland aus.&nbsp; </p>



<p>Vielleicht war es nur ein Spiel, doch ich hatte das Gefühl, das sich ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte. Je besser wir uns verstanden, desto freier durfte ich mich bewegen, fast wie zur Belohnung. <span class="s1">Es gab sogar Momente der Komplizenschaft, welche ich besser für mich behalte, damit ich niemanden nachhaltig in Gefahr bringe. Wer weiß, wer hier mitliest. Ich möchte glauben, dass Bruce Lee es ehrlich meinte. Die Reiseführer sind in der Regel ausgesprochen gut ausgebildete und wissbegierige Nordkoreaner und Nordkoreanerinnen, welchen normalerweise die Welt offen stehen würde. In einem anderen Land, in einem anderen Leben. Durch den regelmäßigen Kontakt mit Ausländern wächst auch ihre Neugier an der Welt da draußen.</span></p>



<p>Am Ende bleibt: Die Reise hat meine persönliche Verbindung zu Nordkorea verstärkt, vielleicht wegen der eigenen deutschen Teilungs- und Wiedervereinigungsgeschichte. Ich glaube fest daran, dass eine Wiedervereinigung Nord- und Südkoreas möglich ist. <span style="font-size: inherit;">Behutsam und sensibel müsste es dann allerdings vonstattengehen. So fragil scheinen die Seelen der Menschen durch ihr Unwissen, ihre Unschuld. Ein Moment bleibt mir in besonderer Erinnerung: Ich lief allein auf weiter Flur über ein paradiesisches Sandstück an der Ostküste Nordkoreas, die Sonne schien wie auf einer Urlaubspostkarte und ich blickte über das Japanische Meer, quasi in Richtung Freiheit. </span></p>


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                                Das Japanische Meer – die Ostküste Nordkoreas bei Wonsan
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<p><span style="font-size: inherit;">Zwei Tage später steige ich ganz selbstverständlich und privilegiert in den Flieger nach Peking. Keinen der Menschen, denen ich in Nordkorea begegnet bin, werde ich wahrscheinlich je wiedersehen.</span></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zusammen tanzen, zusammen kämpfen</title>
		<link>https://www.weltseher.de/zusammen-tanzen-zusammen-kaempfen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Jul 2020 08:06:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Georgien]]></category>
		<category><![CDATA[Anja Reiter]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexuell]]></category>
		<category><![CDATA[LGBT]]></category>
		<category><![CDATA[Transsexualität]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.weltseher.de/?p=7418</guid>

					<description><![CDATA[Georgien zählt zu den homophobsten Ländern der Welt. Die Hauptstadt Tbilissi hat sich dennoch zu einem queeren Hotspot im Kaukasus entwickelt. Eine Reise zu den Kampfzonen eines gespaltenen Landes.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/zusammen-tanzen-zusammen-kaempfen/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Georgien zählt zu den homophobsten Ländern der Welt. Die Hauptstadt Tbilissi hat sich dennoch zu einem queeren Hotspot im Kaukasus entwickelt. Eine Reise zu den Kampfzonen eines gespaltenen Landes.</strong></p>



<p>Es ist schon weit nach Mitternacht, als für Giorgi Rodionov (29) die Nacht erst beginnt. Fröstelnd steht er in der Schlange vor dem Techno-Club Bassiani im Norden Tbilissis. Um seinen zierlichen Körper schlabbert ein schwarz-weißer Adidas-Hoodie, die Augen sind mit schwarzem Eye-Liner umrandet, die Wimpern getuscht. Rodionov möchte die sogenannten Horoom Nights besuchen, eine monatlich stattfindende LGBT-Party (eine Abkürzung aus dem Englischen für &#8222;lesbisch, schwul, bisexuell und transgender&#8220;) im Bassiani, bei der sich die Szene aus der ganzen Stadt trifft.</p>



<p>Rodionov, homosexueller Künstler und Galerist aus Tbilissi, kramt nach seinem Smartphone. Wie alle hier musste er sich schon Tage im Voraus auf Facebook für die Party registrieren: Die Veranstalter durchleuchten vorab die Online-Profile aller Partybesucher auf homophobe Sprüche oder Mitgliedschaften in rechtsextremen Gruppen. Wer im Internet gegen Schwule und Lesben pöbelt, muss draußen bleiben. Nur wer LGBT-freundlich ist, bekommt ein Ticket.</p>


        <div id="aesop-image-component-7418-5"              class="aesop-component aesop-image-component "
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                                Giorgi Rodinov wird wegen seiner Homosexualität oft angefeindet. Foto: Anja Reiter
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<p>Rodionov darf durch, der Türsteher klebt vor dem Eintreten aber noch dessen Smartphone-Kamera ab, denn auch Fotos schießen ist in dieser Nacht verboten. So will der Techno-Club ein „Safe Space“ für die LGBT-Community bleiben – ohne gewaltbereite Eindringlinge, die Homosexuelle verprügeln, gegen ihren Willen outen oder bei ihren Familien oder Arbeitgebern anschwärzen.&nbsp;</p>



<h2><strong>Tanzende Nonne, wippende US-Flagge</strong></h2>



<p>Wir passieren den Eingang – und werden sogleich vom Bauch des Baus geschluckt. Der Club, in dem bis zu 1.200 Personen feiern können, ist unter einem riesigen Sportstadion untergebracht; getanzt wird in einem stillgelegten Schwimmbecken. Die Bässe dröhnen in den Ohren, nur langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Rodionov begrüßt ein paar Bekannte, Küsschen links, Küsschen rechts, danach verschwindet er im Dunkeln. In einer Ecke knutschen zwei Männer, es riecht nach Marihuana. Am Rand des Schwimmbeckens tanzt eine Nonne, daneben wippt eine USA-Flagge im Rhythmus der dumpfen Beats. Die meisten hier sind verkleidet, die Party steht im Zeichen von Halloween.&nbsp;</p>



<p>Im Vorraum des Clubs, wo die Bässe nur noch als dumpfer Hall zu hören sind, versammeln sich diejenigen, die sich bei einer Zigarette über das Leben und die Liebe austauschen wollen. Viele hier kommen fast jeden Monat zu den „Horoom Nights“. Als Homosexueller in Georgien habe man es schwer, sagt ein junger Mann in Frauenkleidung. „Besonders auf dem Land heißt es, solche wie ich seien böse, pädophil oder kriminell. Dabei bin ich ja nur ein netter Schwuler.“ Zwei Frauen sitzen neben ihm und halten Händchen. Auf der Straße würden sie sich nicht so offen als Paar zeigen, geben sie zu. „Nur hier können wir sein, wie wir wirklich sind.“ &nbsp;</p>



<h2><strong>Priester hetzen gegen LGBT-Community&nbsp;</strong></h2>



<p>Homosexuelle haben im erzkonservativen Georgien kein leichtes Leben. Laut der internationalen NGO &#8222;World Value Survey&#8220; rangiert Georgien auf Platz drei der homophobsten Länder der Welt; 93 Prozent der Georgier haben etwas dagegen, einen homosexuellen Nachbarn zu haben. Die orthodoxe Kirche genießt großen Einfluss auf Politik und Gesellschaft, fast 85 Prozent der Georgier gehören ihr an. Geistliche inszenieren sich im Fernsehen und auf Facebook als Hüter der nationalen Identität. In sozialen Medien hetzen ultra-orthodoxe Priester ihre Follower gegen sexuelle Minderheiten auf. Aber auch rechtsradikale und nationalistische Gruppen pöbeln im Netz und auf der Straße gegen die LGBT-Community.&nbsp;</p>



<p>Auf dem Papier jedoch gilt Georgien als eines der fortschrittlichsten Länder aus dem ehemals sowjetischen Raum. Die ehemalige Sowjetrepublik ist seit 1991 unabhängig und hat Homosexualität im Jahr 2000 entkriminalisiert. Seit 2006 gibt es gesetzliche Regelungen zum Schutz vor Diskriminierung in der Arbeitswelt, seit 2014 gelten die Anti-Diskriminierungsgesetze für alle Bereiche. Kritiker bemängeln jedoch, dass es in der Praxis eine hohe Anzahl an homo- und transphoben Gewalttaten gibt, die von den Behörden nicht verfolgt werden. „Wir haben die Gesetze, doch homophoben Taten folgen selten Strafen“, sagt der Künstler Rodionov.&nbsp;</p>



<p>Dann zählt er eine ganze Liste an Ereignissen auf, die das wahre Gesicht seiner Heimat zeigen sollen: 2013 ging bei der ersten georgischen &#8222;Pride Parade&#8220;, ein bunter Festzug der LGBT-Szene, ein wütender Mob aus Priestern und Nationalisten brutal gegen einen Bus mit friedlichen Aktivisten vor. Die für Mai 2019 geplante Pride Parade wurde von den Veranstaltern aus Sicherheitsgründen abgesagt; rechtsextreme Gruppen hatten gewarnt, erneut gegen die LGBT-Aktivisten zu pöbeln. Im November 2019 blockierten Rechtsextreme und Priester Kinos in Tbilissi, in denen die Premiere des Films „And then we danced stattfinden sollten“, die Geschichte über die Liebe zweier schwuler Tänzer in Georgien. Der Film sei eine Provokation, hieß es von Nationalisten.</p>



<h2><strong>Die Polizei tut nichts</strong></h2>



<p>Georgien scheint daher ein Land mit zwei Gesichtern: Wie passen die neugewonnen Weltoffenheit nach dem Fall des &#8222;Eisernen Vorhangs&#8220; mit den erzkonservativen Werten der georgischen Landsleute zusammen? </p>



<p>Die Suche nach Antworten führt mich zu der Organisation &#8222;Equality Movement&#8220;, die sich für die Rechte von Trans- und Homosexuellen einsetzt. Fast schon versteckt liegt deren Büro in der Altstadt von Tbilissi. Mehrmals schon habe man den Büroplatz wechseln müssen, weil LGBT-Feinde die Arbeit bedroht hätten, erzählt Aktivist und Mitarbeiter Mikheil Meparishvili. „Die Polizei hat nie etwas gegen die Angriffe unternommen.“ Nach vielen Umzügen sei man nun hier gelandet, in dieser Sackgasse.</p>


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                                Die Altstadt von Tbilissi. Foto: Anja Reiter
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<p>Meparishvili, 31 Jahre alt, weiß, wovon er spricht: Auch er ist homosexuell, auch er hat Zurückweisung erfahren. Seine Familie weiß über seine Sexualität Bescheid, doch seine Mutter möchte seinen Freund nicht kennenlernen. Meparishvili zuckt mit den Achseln. Als Lehrerin sei sie eben einem besonderen Druck ausgesetzt: „Ein schwuler Sohn ist problematisch, wenn man in Georgien im Bildungswesen arbeitet.“ Kollegen und Eltern würden negative Einflüsse auf die Schüler befürchten. Zu Hause versucht er das Thema zu vermeiden, und seinen Freund weitestgehend zu verschweigen.</p>



<h2>Nachbarn werfen Müll herüber</h2>



<p>Dann führt er durch die Räumlichkeiten: ein Vorzimmer mit kostenlosen Verhütungsmitteln, ein kleiner Hintergarten mit Tischtennisplatte. „Seitdem die Nachbarn wissen, wofür wir uns engagieren, werfen sie ihren Müll zu uns hinüber“, sagt er. Im ersten Stock: eine Arztpraxis, ein Anwaltsbüro, ein Raum für eine Sozialarbeiterin. &#8222;Equality Movement&#8220; versucht in allen Lebenslagen zu unterstützen. Juristen beraten bei Diskriminierung im Job oder kämpfen mit Transsexuellen für die Anpassung ihres Geschlechts in offiziellen Dokumenten. Ärzte bieten kostenlose HIV-Tests an, Sozialarbeiter vermitteln bei Familienfehden. </p>



<figure class="wp-block-gallery columns-2 is-cropped"><ul class="blocks-gallery-grid"><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1200x800.jpg" alt="" data-id="7422" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/georgien-4/" class="wp-image-7422" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1536x1024.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4-400x267.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-4.jpg 1700w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li><li class="blocks-gallery-item"><figure><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1200x800.jpg" alt="" data-id="7423" data-full-url="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5.jpg" data-link="https://www.weltseher.de/georgien-5/" class="wp-image-7423" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1200x800.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-600x400.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-768x512.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1536x1024.jpg 1536w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-150x100.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1320x880.jpg 1320w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-1250x833.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5-400x267.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/07/Georgien-5.jpg 1700w" sizes="(max-width: 1200px) 100vw, 1200px" /></figure></li></ul><figcaption class="blocks-gallery-caption">LGBT-Aktivist Mikheil Meparishvili im Büro von &#8222;Equality Movement&#8220; Fotos: Anja Reiter</figcaption></figure>



<p>Noch liege ein weiter Weg vor Georgien, sagt Meparishvili, nicht alle Betroffenen seien so geduldig und pragmatisch wie er. Er erzählt von homo- und transsexuellen Bekannten, denen die Situation in ihrer Heimat über den Kopf wuchs. Sie gingen mit einem Touristen-Visum nach Berlin, New York oder Brüssel oder suchten um Asyl an, um vor den Problemen in der Heimat zu flüchten und sich in einem toleranteren Land ein neues Leben aufzubauen. Für Meparishvili wäre das nichts: „Hier ist meine Heimat, hier habe ich einen Job, hier möchte ich etwas verändern.“</p>



<h2>Verteidigung der Tradition mit Worten und Fäusten</h2>



<p>Fünf Taximinuten von der NGO entfernt, in einem Café neben dem staatlichen Opernhaus, treffe ich einen der Antipoden des neuen Liberalismus: Ermile Nemsadze, 33 Jahre alt und grimmiger Blick. Er ist Mitglied von &#8222;Georgian March&#8220;, einer ultra-nationalistischen Gruppierung, die im Sommer 2017 gegründet wurde. Als Antwort auf die „ultra-linke“ Entwicklung des Landes, wie Nemsadze erklärt. Er und seine Kameraden, vor allem junge georgische Männer, wollen die georgische Tradition und Identität verteidigen – mit Worten und Fäusten.&nbsp;</p>


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                                Ermile Nemsadze findet Homosexualität nicht gut. Foto: Anja Reiter
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<p>Nemsadzes Profilbild auf Facebook zeigt ihn mit Sturmgewehr im militärischen Tarnanzug. Er habe im Irak und gegen Russland gekämpft, sagt er, aktuell sei er arbeitslos. Weil er kein Englisch spricht, hat er zum Interview eine Freundin mitgebracht. Die junge Frau, adrett gekleidet und freundlich lächelnd, übersetzt die aufgebrachten georgischen Antworten ihres Freundes. Homosexualität sei nicht angeboren, sondern anerzogen, wiederholt sie; Nemsadze sei daher auch nicht gegen Homosexualität an sich. „Ich bin nur gegen die Propaganda der Homosexualität.“</p>



<p>Die Vorstellung, Homosexualität sei eine ansteckende Viruserkrankung, hört man oft in Georgien. Es heißt, es seien vor allem Ausländer aus dem Westen oder pro-westliche Gruppen, die die vermeintlich schädliche Propaganda über die gleichgeschlechtliche Liebe in Georgien verbreiten würden. Laut einer Umfrage der &#8222;Women’s Initiative Supporting Group&#8220; stimmt mehr als jeder zweite Georgier der Aussage zu, dass Homosexuelle ihre sexuelle Orientierung allein aufgrund des Einflusses aus dem Westen geändert hätten.</p>



<h2>Gayropa, Fake News und Troll-Fabriken</h2>



<p>Die Männer von &#8222;Georgian March&#8220; wollen das nicht dulden. Sie kämpfen gegen Migration, Homosexuelle und die Annäherung Georgiens an den Westen. Sie tun das auf wechselnden Kanälen – und bilden dafür wechselnde Allianzen: Auf Facebook posieren sie mit dem Patriarchen der Georgischen Orthodoxen Kirche, Ilia II.,  und mit ihren stolzen Müttern. Auf Demonstrationen zünden sie Regenbogen-Flaggen an und marschieren mit geschulterten Kreuzen gegen die LGBT-Aktivisten. Im Netz und auf der Straße gewinnen sie immer mehr junge Leute für ihre Sache.</p>



<p>Vom Westen, oder „Gayropa“, wie Europa in diesen Kreisen genannt wird, hat Nemasadze kein gutes Bild, er spricht von Chaos und Werteverfall. Selbst war er noch nie in einem westeuropäischen Land. Seine Informationen bezieht er hauptsächlich aus dem Fernsehen und von Facebook – so wie die meisten Georgier, wie aktuelle Mediennutzungs-Umfragen zeigen. Doch auf vielen georgischen Kanälen geben Fake News und Troll-Fabriken den Ton an. Ihr Zweck: den Westen zu dämonisieren und den Liberalismus als Quelle für Chaos und Untergang darzustellen.</p>



<h2>Anti- und pro-westliche Propaganda</h2>



<p>„Anti-westliche Propaganda ist eine riesige Bedrohung für Georgien“, sagt Tamar Kintsurashvili, Geschäftsführerin der &#8222;Media Development Foundation&#8220; in Tbilissi. Ihre Stiftung versucht den Verschwörungstheorien ein Gegengewicht zu setzen. In mühseliger und kleinteiliger Recherchearbeit gehen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem kleinen Büro in der Vorstadt von Tbilissi den Ursprüngen der Fake News auf den Grund. Sie recherchieren, wann ein Bild zuerst veröffentlicht worden ist oder was dessen Metadaten über die Geolokation aussagen. Auf der Website „Myth Detector“ widerlegen sie sodann die populärsten Hirngespinste georgischer Websites. </p>


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                                Tamar Kintsurashvili will anti-westliche Fake News entlarven. Foto: Anja Reiter 
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<p>Umstimmen dürfte das die Nationalisten dennoch nicht: Die Stiftung wird von der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit finanziert und gilt ihnen damit als Teil der pro-westlichen Propaganda-Maschine. </p>



<p>Die Schlagzeilen, gegen die Kintsurashvilis Mitarbeiterinnen ankämpfen, richten sich oft gezielt gegen die LGBT-Community: In Griechenland hätten LGBT-Aktivisten randaliert und eine Kirche zerstört. In den Niederlanden würden Kinder homophober Eltern mit Bussen abgeholt und in Erziehungscamps gesteckt. Ausgemachter Blödsinn, auf Facebook jedoch tausendfach gelesen und geteilt.</p>



<p>Das Entschlüsseln von Fake-News sei ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit, sagt Kintsurashvili. Häufig würden sich spektakuläre Falsch-Meldungen viral verbreiten, bevor alle Lügen widerlegt worden sind. Ist die Meldung schon tausendfach geteilt worden, ist nur noch Schadensbegrenzung möglich. Um Georgier für das Thema zu sensibilisieren, veranstaltet die &#8222;Media Development Foundation&#8220; daher auch regelmäßige Workshops für Schüler und ihre Lehrer.</p>



<h2>Zwischen Russland und USA</h2>



<p>Wer sich die abstrusen Anekdoten ausgedacht hat, bleibt oft unklar. In dem oligarchischen und unterfinanzierten Mediensystem könnten einzelne Verleger die Themensetzung gezielt beeinflussen, häufig fehlt Transparenz darüber, wer ein Medienhaus besitzt. Und: Oft gelangen die erfundenen Nachrichten auch von russischen Nachrichtenportalen wie Russia Today oder Sputnik-Georgia.ru in georgische TV-Kanäle oder auf georgische Nachrichtenseiten, beobachtet Kintsurashvili. Einige Experten sprechen dabei sogar von &#8222;hybrider Kriegsführung&#8220;, mit der Russland seinen Einfluss in Georgien aufrechterhalten wolle.</p>



<p>Nach dem Zerfall der Sowjetunion waren die ersten Schritte Georgiens in die Unabhängigkeit im Land von viel Euphorie begleitet worden. Doch schnell bemerkten die Georgier, dass das sowjetisches Erbe sie nachhaltig verfolgte – durch wirtschaftliche, kulturelle und politische Verstrickungen. Die russisch-georgischen Beziehungen sind seither durch viele Aufs und Abs gekennzeichnet. Russlands autokratischer Präsident Wladimir Putin fürchtet den Einfluss der USA im eigenen &#8222;Hinterhof&#8220;, vor allem seit in Georgien mit der sogenannten Rosenrevolution 2003 eine pro-westliche Regierung an die Macht kam. Die Beziehungen eskalierten während des Kaukasuskriegs 2008, als russische Truppen auf georgischem Territorium einmarschierten. Die abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien kontrollieren die Russen heute immer noch militärisch. Viele Georgier haben das dem großen Nachbarn nicht verziehen.&nbsp;</p>



<p>Georgien muss nun einen Mittelweg zwischen Russland und dem Westen finden – bislang mäßig erfolgreich. Regierungspolitiker unterzeichneten Assoziierungsabkommen mit der EU und der Nato, zugleich sind viele Parteien und Wirtschaftstreibende aber vom Wohlwollen aus Moskau abhängig. Damit Georgien der russischen Einflusssphäre nicht entschwindet, setzt Russland auf Destabilisierung und Polarisierung der georgischen Gesellschaft – mit Panzern, Geld und Fake News. Putins Nachricht lautet: Wir haben euch vielleicht mit Panzern attackiert, aber der Westen will eure Seele zerstören.</p>



<h2><strong>„Es fehlt der politische Wille“</strong></h2>



<p>Ein symbolischer Schauplatz für diese Grabenkämpfe zwischen Nationalisten und Liberalen, westlichen und russischen Werten, ist der Platz vor dem Parlamentsgebäude in Tbilissi, ein mächtiger Bau am Rustaweli-Boulevard. Hier finden Demos und Gegendemos statt, hier wird protestiert, gefeiert und marschiert. Im Gebäude empfängt die Parlamentarierin Nino Goguadze von der Regierungspartei &#8222;Georgischer Traum&#8220;, eine energisch-bestimmte Frau. Westlichen Journalisten gegenüber äußert sie sich pro-europäisch: die Lage für sexuelle Minderheiten habe sich seit 2013 drastisch verbessert, betont sie. Dann zählt sie routiniert die vielen liberalen Gesetzesinitiativen ihrer Partei auf. Allerdings reagiert sie ausweichend auf die Frage, warum ihre Regierung LGBT-Demonstrierende nicht vor gewaltbereiten Gegendemonstranten schützen kann.</p>



<p>Das seien nur Lippenbekenntnisse, meint der Oppositionspolitiker Giga Bokeria im Büro nebenan. Die Regierung setze auf Worte, aber nicht auf Taten. Einhaltung der Diskriminierungsgesetze? Verfolgung von LGBT-feindlichen Straftätern? Mehr Transparenz bei den Besitzstrukturen von Medienunternehmen? „Es fehlt der politische Wille“, sagt Bokeria. Er glaubt, dass es den Regierungspolitikern vor allem um bloßen Machterhalt gehe. Durch wechselnde Allianzen versuche man sich alle relevanten Wählerschichten offen zu halten. Im Herbst 2020 wird ein neues Parlament gewählt. Bokerias größte Sorge ist, dass sich die Gesellschaft bis dahin weiter polarisieren könnte. „Hoffentlich bleiben wir von brutalen Ausschreitungen verschont.“</p>



<p>Zurück im Techno-Club Bassiani, es ist 4 Uhr, der Höhepunkt der Nacht: Ein singender Satan windet sich zu seinem eigenen Gesang, siamesische Zwillinge und Drag-Queens räkeln sich zu Popmusik und zeigen viel Haut. Das Schwimmbecken tobt. Die Partynacht wird hier erst am frühen Vormittag zu Ende gehen. Draußen, vor den Toren des Clubs, wird schon der Markt aufgebaut. Alte Mütterchen zerren Hühnerbeine vor ihre Stände, von den Dächern baumeln Tschurtschchela, Walnussstangen mit Traubensaft überzogen. Eine Katze schleicht um die Beine eines bärtigen Priesters.&nbsp;</p>



<p>Bald werden Künstler Giorgi Rodionov und die anderen aus dem Club taumeln. Sie werden den Traum der Nacht verlassen, sich die Augen in der Vormittagssonne reiben und zurückkehren in den Alltag ihrer Heimat. Der Slogan des Bassiani wird sie bis zur nächsten Party begleiten: „We dance together, we fight together.“</p>



<p>_______________________________</p>



<p><strong>Titelfoto (Symbolbild &#8222;Techno-Club&#8220;): Antoine Julien / <a href="https://unsplash.com/@antoinejulien/portfolio">antoine-julien.franceserv.com</a> / unsplash.com</strong></p>



<p><strong>Transparenz-Hinweis:</strong></p>



<p>Die Recherche-Reise nach Tbilissi wurde von der &#8222;Deutschen Gesellschaft e.V.&#8220; und von der US-finanzierten Stiftung &#8222;Media Development Foundation&#8220; organisiert sowie vom deutschen Auswärtigen Amt gefördert.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Mit dem Tod in der Cordillera</title>
		<link>https://www.weltseher.de/mit-dem-tod-in-der-cordillera/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 May 2020 08:22:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Peru]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Anden]]></category>
		<category><![CDATA[Berge]]></category>
		<category><![CDATA[Laura Anninger]]></category>
		<category><![CDATA[Reisen]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu Fuss und mit Zelt wanderte unsere Autorin durch die peruanischen Anden. Trotz der beeindruckenden Naturkulisse in viertausend Metern Höhe ist es eine erschütternde Begegnung, die sie nicht mehr los lässt.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/mit-dem-tod-in-der-cordillera/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
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<p><strong>Zu Fuss und mit Zelt wanderte unsere Autorin durch die peruanischen Anden. Trotz der beeindruckenden Naturkulisse in viertausend Metern Höhe ist es eine erschütternde Begegnung, die sie nicht mehr los lässt.</strong></p>



<p>Die Zahl der Menschen, die uns seit dem ersten Tag begegnet waren, konnte ich an beiden Händen abzählen. Unser Fahrer Nazario war der erste. In seinem Kleinbus, auf dessen Rückbank wir uns die Glieder verrenkten, konnte der kurze Mann aufrecht stehen. Sein grober Wollpullover war viel zu groß für den zierlichen Körper. Sein Gesicht war von der Sonne gegerbt, der Blick klar. Mit der Rechten stützte Nazario sich an der unverkleideten Innenwand ab, während wir uns gemächlich, Steine und Ziegen umkurvend, die Anden hochschraubten. Keine noch so spitze Kurve konnte Nazario überraschen. Er kannte sie alle.</p>



<p>Seit 20 Jahren, sagte Nazario, fuhr er die knapp hundert Kilometer lange Route regelmäßig: Von Cajacay, einem kleinen Dorf in den peruanischen Anden, nach Llamac, ein noch kleineres Dorf und zugleich sein Geburtsort. In Cajacay lud er Touristen ein, und später noch ein paar Waren: etwa die drei Stellagen Inka-Cola und die sechs Packungen Klopapier, die bei jeder Wegbiegung quer durch den Bus rutschten. Unterwegs versilberte Nazario seine Waren wieder an zahlende Käufer. Nur mich und meinen Freund, die einzigen Touristen weit und breit, brachte er gegen ein kleines Trinkgeld weiter nach Cuartelhain. Dann deutete er seiner Rechten vage Richtung Bergkamm. &#8222;No les preocupen&#8220;, sagte Nazario, nur keine Sorge. Er war am Ziel – doch für uns ging die Reise jetzt erst richtig los.</p>



<p>Denn hier startete unser Trek. Nazarios beruhigenden Worten zum Trotz: ein bisschen Sorge hatte ich doch. Unser Weg sollte uns eine Woche durch den Gebirgszug <em>Cordillera Huayhuash</em> führen. Zwischen Kühen, Mulis und Lamas, vorbei an Gletschern und Seen, über Bergkämme auf 4.000 Metern Höhe. Eine wilde Welt. Wir waren Tageswanderungen entfernt von Arztpraxen, Supermärkten und sauberem Trinkwasser. Es war Ende Februar, die Zeit, in der die <em>Cordillera</em> den Einheimischen gehört. Die Zeit, die zu kalt ist, um Touristengruppen in die Berge zu führen. In hundert Kilometer Umkreis waren wir die einzigen Gringos.</p>


<div id="aesop-gallery-7295-4"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-7295" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru.jpg" data-caption="Rechts unten ein Korral, in dem die Einheimischen Rinder zusammentreiben. Gebaut aus dem Material, das es hier im Übermaß gibt: Steine" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-7.jpg" data-caption="Die Cordillera Huayhuash ist 30 Kilometer lang und eine der höchsten Gebirgsketten der Anden" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/04/Peru-6.jpg" data-caption="Der Gletscher des Yerupajá Chico, des kleinen Yerupajá mit seinen 6.089 Metern Höhe" alt=""></div></div>


<p>Am ersten Tag der Wanderung sahen wir nicht viel außer Geröll. Erst am Abend, als die Wolken träge den Gipfel des <em>Rondoy</em>, diesem Koloss von einem Berg, umschwammen, fanden sie uns. Es waren Vater und Sohn. Beide trugen kniehohe Gummistiefel und Jogginghosen. Wir schnauften uns die Anstrengung aus den Gliedern. Als sie sich uns gegenüber setzten, fand ich kaum Luft in meinen Lungen. Doch, so schien es, brauchte man auf diesen Höhen ohnehin kaum Worte.</p>



<p>&#8222;Zum Huayhuash?&#8220;, fragte der Vater auf Spanisch.<br>&#8222;Sí.&#8220;<br>&#8222;Ihr wisst, das ist hin und zurück ein Fussmarsch von sieben Tagen?&#8220;<br>&#8222;Sí.&#8220;<br>&#8222;Ohne Führer?&#8220;<br>&#8222;Sí.&#8220;</p>



<p>Der Vater nickte wissend, während er an uns vorbeisah, den Blick zum Berggipfel gerichtet, hinter dem langsam die Sonne unterging. Er zog einen Block aus der Hosentasche, riss einen Zettel ab, schrieb etwas darauf. Eine Rechnung über 70 Sol Wegegeld, umgerechnet knapp 20 Euro. Die wenigen Einwohner der Communities, denen das Land gehört, verlangen von Besuchern einen Beitrag für die Übernachtung. Ein paar Scheine wechselten den Besitzer. Dann stapften zwei Paar Gummistiefel gemächlich von uns fort durch das feuchte Gras. Irgendwo außer Sichtweite musste ihre Hütte stehen. Jetzt im Herbst, wo kaum Touristen Geld über die Berge tragen, musste das Leben hier so rau sein wie der Wind, dachte ich mir, als ich mich im Zelt in den Schlafsack einmummelte.</p>



<p>Tag zwei führte mir vor Augen, was es heißt, Reisende zu sein. Wir genossen die Weite, die Abgeschiedenheit, die Wildheit der Anden. Bald würden wir in unser bequemes Leben in Österreich zurückkehren. Für die nächsten Menschen, die wir trafen, war diese Wildheit Alltag. Es waren ein Mann und eine Frau, die dieser Natur Tag für Tag ihre Lebensgrundlage abrangen. Er sah uns, als wir bis zu den Waden im warmen Wasser durch das Moor stapften. Die Lagune <em>Carhuacocha</em> war über die Ufer getreten und hatte das flache Talbecken mit einer Wasserschicht überzogen. Dutzende Pferde und Mulis grasten am Ufer, das Wasser störte sie nicht. Der Mann trug robuste Gummistiefel, einen Lederhut und Overall. Er war besser gerüstet als wir, in unseren Wanderstiefeln schmatze das Wasser bei jedem Schritt. Ob es einen trockenen Weg gab? Wir fanden ihn jedenfalls nicht. Der Mann winkte uns zu sich.</p>


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                                Ein Andenbewohner führt uns zu seiner Hütte.
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<p>&#8222;Wollt ihr Forelle?, rief er, &#8222;kommt!&#8220;<br>Forelle klang gut. Ein trockener Ort auch. Und so gingen wir mit.<br>Der Mann führte uns zu seinem Zuhause. Hier, eingebettet zwischen See und Gletscher, standen drei steinerne, reetbedeckte Hütten. Eine war verfallen. Eine war zum Schlafen. Aus ihr kam nun eine Frau mit klaren Augen, Gummistiefeln an den Füßen, der schlanke Körper umspielt von einem bodenlangen Rock. Sie trug vier kleine, schimmernde Forellen in der Hand. Die dritte Hütte war zum Kochen. In diese verschwand die Frau für einige Zeit. Dann kam sie mit zwei Tellern zurück, auf jedem zwei knusprig-braune Forellen und zwei grünlich-schimmernde Kartoffeln. Wir setzten uns auf Pferdedecken unter freiem Himmel. Die braunen, feinen Haare fühlten sich angenehm warm an.</p>



<p>Wir aßen, verscheuchten die kleinen, verfilzten Hunde, die sich die Lefzen leckten. Dabei beobachteten wir den Mann, wie er ein junges Muli einfing. Er band es an einem hölzernen Pflock an und versuchte behutsam, eine der groben Decken auf seinen Rücken zu legen. In ein paar Monaten würde er aus dem Jährling ein Reittier gemacht haben. Die Fische schmeckten herrlich. Die Kartoffeln waren mehlig und trocken. Sie wuchsen hier auf über viertausend Meter Höhe, am gegenüberliegenden Hang standen die Pflänzchen in akkurat angelegten Reihen.</p>



<p>Wir bezahlten unser Mahl mit ein paar Sol, bedankten uns, stapften weiter, durch das Moor, der eisigen Gletscherluft und unserem Lagerplatz entgegen. In der Nacht des zweiten Tages ließ uns der Gletscher keine Ruhe. Jedes Mal, wenn ein Stück Eis knarzte, dann in die Tiefe stürzte, und im Wasser der Lagune aufschlug, schien es mir, als passiere dies eine Handbreit von meinem Ohr entfernt. Der Mensch, so heißt es, gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Aber auch an die Gefahr, an die Naturgewalten, an die Wucht eines Gletschersturzes? Als ich da so lag, nur von der durchfeuchteten Zeltwand von den Naturgewalten abgeschirmt, kamen mir diese Überlegungen wie Wunschdenken vor.</p>



<p>Am Morgen des dritten Tages hallten die Gletscherstürze in meinen Hirnwindungen nach. Der Regen trommelte, vom Zeltdach tropfte Wasser auf unsere Schlafsäcke. Wir stiegen in unsere klamme Kleidung, packten das Zelt ein und machten uns auf den Weg. Am dritten Tag wartete der <em>Paso Siula</em>, mit seinen 4.890 Metern darauf, überwunden zu werden. Wir kämpften uns die Schottermassen hinauf. Jeder Meter eine kleine Überwindung, bei jedem Schritt das Schmatzen der nassen Socken in den feuchten Stiefeln. Kaum war das Zelt am Lagerplatz aufgestellt, verschanzten wir uns. Tag drei bestand nur aus dem Prasseln des Regens und uns im Zelt.</p>


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                                Tag drei verbringen wir im Zelt, nur ein Hund leistet uns Gesellschaft.
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<p>Heute ist Tag vier.<br>Die Berge um mich sind in unwirkliches Licht getaucht. Ein Zauber in dieser wilden, rauen Welt. Er schafft es nicht, meine Stimmung zu heben. Obwohl er prachtvoll begann, ist Tag vier ein Trauertag.</p>



<p>Als die Sonne auf zwölf Uhr stand, hatten wir schon den ersten Pass erklommen. Wir belohnten uns mit Nüssen und trockenen Müsliriegeln. Die Natur belohnte uns mit Sonne und der Unwirklichkeit der peruanischen Anden. Mir saß die Vorfreude im Bauch. Es war warm. Heute würden wir das Zelt neben heißen Quellen aufschlagen. Das erste Mal seit fünf Tagen würden wir uns waschen können. Diese Vorstellung allein war eine Verheißung.</p>



<p>Als wir die Plastikverpackungen der Müsliriegel in unsere Hosentaschen stopften, überholten sie uns. Eine Familie auf einem braunen, muskulösen Wallach. Am Rücken der Frau, in einem bunt gestreiften, groben Tragetuch, abgeschirmt vom Wind, hing ein vierjähriges Mädchen. Seine Backen rot, die Pupillen vor Neugierde geweitet. Die Mutter wendete ihren Blick schüchtern gegen Boden. Der Mann strahlte uns an.</p>


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                                Eine einsame Hütte am Wegesrand.
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<p>„Woher seid ihr?“, fragte der Vater gleich auf Spanisch.<br>„Austria.“<br>„Oh, Australia“, er nickte. Die Länder klingen auf Spanisch sehr ähnlich.<br>„No, Austria.“<br>„Ah, Austria!“ Er lächelte das höfliche Lächeln der Uneingeweihten.<br>„Al lado de Alemania“, half ich: neben Deutschland.<br>„Ah, Alemania!“<br>Er nickte zufrieden. Deutschland, schien es, kannte man auch hier.<br>„A las aguas calientes?“, fragte er, ob wir zu den heißen Quellen gingen.<br>„Sí.“</p>



<p>Der Mann lächelte. Sonntags, so schien es, hatten nicht nur wir, sondern auch die Einheimischen gute Laune. Sonntag war Waschtag. Die Familie ritt zu den heißen Quellen. Wir brauchten länger. Zu Fuss über sumpfige Inseln aus giftgrünem Moos wanderten wir dem <em>Lago Viconga</em> entgegen. Als der See am Horizont auftauchte, diese stechend blaue Fläche, mutete er fast wie eine Fata Morgana an. Hier aus dem Nirgendwo entsprang also das Wasser, das in der Millionenmetropole Lima in die Duschwannen fließt. Am flachen Ufer des Sees graste eine Lamaherde. Weiße flauschige Jungtiere lagen träge im Gras. Hinter ihnen wuchsen die Berge in den Himmel. Die Sonne erhellte das Gletschereis. Das Weiß stach in den Augen. Das war Peru, wie man es aus Reisekatalogen kennt. Eine Postkartenidylle.</p>


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<p>Entzückt trottete ich den schmalen Pfad neben der Lagune entlang. Das Hundebellen in der Ferne war zu vernachlässigen. Das Huftrappfeln hinter uns, das unvermittelt lauter wurde, zwang uns zu handeln. Wir sprangen zur Seite, den Hang hinauf. Sekunden später trabten sie vorbei. Ein Junge, kaum zehn Jahre alt, saß ohne Sattel auf dem Rücken eines braunen Pferds. Das Tier schnaufte durch die Nüstern. Der Junge stieß das atemlose Schluchzen eines Kindes aus seiner Kehle. Mit den ledernen Zügelenden holte er aus, und ließ sie mit der Kraft eines Halbstarken auf sein Tier nieder. Ein Luftzug, ein Schluchzen, dann waren die beiden vorbei.</p>



<p>&#8222;Que pasó?&#8220;, rief ich hinterher, irgendwas schlimmes musste passiert sein.<br>&#8222;Muerto!&#8220;, presste der Junge hervor, ohne zu erklären, was er mit &#8222;tot&#8220; meinte. Dann verschwanden Pferd und Reiter im Stechtrab aus unserem Blickfeld. Minuten später, wir begannen den Abstieg ins Tal, sahen wir sie wieder. Das Pferd stand auf einem Felsvorsprung. Der Junge zusammengesunken auf seinem Rücken. Sein Schluchzen war lauter. Wir näherten uns langsam.<br>&#8222;Hola niño, que pasó?&#8220;, erkundigte ich mich erneut.<br>Geräuschvoll schluchzte der Junge auf.<br>&#8222;Te podemos ayudar?&#8220; Können wir dir helfen?<br>Der Junge atmete hektisch. Ich stellte mich an die Flanke des Pferdes und strich über das seidige Fell.<br>Schließlich sagte er: &#8222;Mi…papa…esta muerto&#8230;&#8220;,<br>presste er unter zwei kurzen Atemzügen hervor.</p>



<p>Seine Augen waren rot, die Backen noch röter. Da war viel Staub in seinem kleinen Gesicht. Die schweren Tränen hatten ihn zur Seite gespült und konturlose Flecken freigewaschen. Sie zogen sich von den Augenhöhlen bis unters Kinn. Bei jedem Atemzug vibrierte der zierliche Körper. Ich fühlte ein Zittern unter meiner Hand, als ich über seinen Rücken strich. Was sollte ich sonst tun?<br>Sein Vater sei tot, hatte er gesagt.<br>Auch die schwarze Trainingsjacke war von einer Schicht dünnen Staubes überzogen. Wie reagierte man auf das Leid eines anderen? Hilflos strich ich weiter. Den Hals des Pferdes, den Rücken des Jungen entlang. Das Schluchzen, es wurde kaum leiser.<br>&#8222;No pasa nada&#8220;, sagte ich hilflos. Es sei doch nichts passiert.<br>Was für eine leere, dumme Aussage. Die Worte einer Unwissenden. Dieses Kind fühlte das genaue Gegenteil. Hier in der Abgeschiedenheit der <em>Corriela Huayhuash</em>, in dieser rauen, unwegsamen Welt, hier wo man jedes seiner Tiere mit Argusaugen hüten und dem Boden ein bisschen Fruchtbarkeit abringen muss, war es gerade erst passiert. Hier war ein Vater gestorben. Ein Vorbild. Ein Ernährer. Einer, der unersetzlich ist.</p>



<p>&#8222;Wohin gehst du?&#8220;, fragte ich den Jungen.<br>&#8222;Zu meinem Onkel&#8220;, schluchzte er.<br>&#8222;Wir begleiten dich, in Ordnung? Wo ist dein Onkel?&#8220;<br>Mit aller Kraft zeigte der Junge ins Tal. Sein zitternder Finger deutet auf einen blauen Punkt. Wie versteinert standen wir neben dem Jungen und seinem Pferd und sahen dem Punkt zu, wie er größer wurde. Mit großen Schritten kämpfte sich da jemand den steinigen Hang hinauf. Dann stürzte ein schlanker Mann in Trainingshosen auf uns zu.<br>&#8222;Que pasó?&#8220;, brüllte der Onkel. &#8222;Esta muerto!&#8220;, schluchzte sein Neffe.<br>Das Pferd schien verstanden zu haben. Es machte keinen Schritt von der Stelle. Auch nicht, als der Onkel die Arme um den Jungen schlang und aus seiner Kehle pure Verzweiflung drang. Eine Tonne Schmerz komprimiert in einem Laut. Ich wandte den Blick ab. Tränen verschwammen vor meinen Augen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war nutzlos, ich war starr, ich war Geröll. Der Mann schwang sich auf den Pferderücken, den Jungen vor sich, in der Hand die Zügelenden, die er auf die Pferdeflanken niederließ. Dann waren sie fort.</p>



<p>Mechanisch setzte ich einen Schritt vor den anderen, stieg ins Tal ab. Mich überrollte das menschlichste, doch vielleicht das sinnloseste aller menschlichen Gefühle: Mitleid. Was sollten wir schon tun? Der Boden verschwamm vor meinem Blick. Die beiden Gestalten, die uns entgegen den Berg hinaufstürzten bemerke ich erst, als sie schon fast vor mir standen. Ich sah in das Gesicht einer stämmigen Frau mit schweren schwarzen Zöpfen. In ihren Augen standen Tränen. In meinen auch. Sie verstand. Dann rannte sie weiter. Zur Totenwache?</p>



<p>Tag vier ist bald vorbei. Unweit von hier, in einer spartanischen, steinernen Hütte wütet die Trauer und reißt der Tod Löcher in Existenzen. Ich bewege meine Füße durch das warme Thermalwasser. Algenpartikel spielen um meine Zehen. Das kitzelt, aber angenehm. Die Sonne verschwindet hinter dem Gletscher. Das ist schön. Es zu genießen fühlt sich zynisch an. Heute ist Tag vier. Wir sind hier bald wieder weg. Woran der Vater des Jungen gestorben ist, werde ich nicht erfahren. Zu fragen, schien mir pietätlos. Sicher ist nur: Das harte Leben in der <em>Cordiellra Huayhuash</em> geht weiter.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Ranch der Leidenschaften</title>
		<link>https://www.weltseher.de/ranch-der-leidenschaften/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Mar 2020 12:47:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bulgarien]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Huth]]></category>
		<category><![CDATA[Pferde]]></category>
		<category><![CDATA[Pferderanch]]></category>
		<category><![CDATA[Ranch]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
		<category><![CDATA[Tiersitter]]></category>
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					<description><![CDATA[Unser Autor Markus Huth wollte auf einer Pferderanch in Bulgarien aushelfen und das Cowboy-Handwerk lernen. Am Ende war er froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/ranch-der-leidenschaften/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Unser Autor Markus Huth wollte auf einer Pferderanch in Bulgarien aushelfen und das Cowboy-Handwerk lernen. Am Ende war er froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.</strong></p>



<p>Hallo« zum Beispiel.<br>Oder: »Hey, ich bin&nbsp;…«<br>Was halt so gesagt wird, wenn man jemanden zum ersten Mal trifft. Ich war eben auf einer Pferderanch in Bulgarien angekommen, wo ich nur diesen dürren, bleichen Mann angetroffen hatte, der auf einer rostigen Blechtonne seine Suppe schlürfte. Er sah aus wie ein Junkie, der seine zerlöcherte Kleidung in jener Tonne gefunden hatte.»Ich Pferd nicht gestohlen«, begrüßte mich der Unbekannte.<br>Das Englisch brüchig, der Akzent osteuropäisch: »Karol mir Pferd schon geschenkt. Warum ich stehlen eigenes Pferd? Wo ist Sinn?«<br>Neben ihm lag ein Gewehr.<br>Mit glasigen blauen Augen sah er mich an.<br>Sprach er mit mir?<br>»Äh&nbsp;… okay. Und wer bist du?«, fragte ich.<br>Erst jetzt stellte sich der kränkliche Dürre vor.<br>»Lika.«<br>Was für ein seltsamer Ort.</p>



<p>Ich war gekommen, um das Reiten und den Umgang mit Pferden zu lernen. Ein Kindheitstraum, seit ich Winnetou und Old Shatterhand durch die TV-Prärie galoppieren sah. Und günstiger als auf dieser Wild-West-Ranch in Bulgarien ging das kaum. Gefunden hatte ich das Angebot im Internet, auf der Volunteer-Webseite workaway.info: Im Tausch gegen Kost, Logis und Pferdewissen wollte ich einen Monat lang aushelfen.<br>Quasi als Cowboy in Ausbildung.</p>



<p>Doch jetzt saß ich hier neben dem Tonnen-Junkie verloren neben meinem Rucksack. Die Szenerie hatte was von Postapokalypse.<br>Weit und breit keine Zivilisation. Nur rundliche Berge, Gras, Matsch, Felder und Wälder, über allem der blaue Himmel.<br>Eigentlich auch ganz idyllisch, beruhigte ich mich innerlich.</p>



<h2>Hexenhaus und Nomaden-Lager</h2>



<p>Hinter uns stand ein Haus wie das der Märchenhexe Baba Jaga.<br>Ein aus Holzlatten gebauter Kasten, das Dach wie ein Pilz geformt mit einer weißen Plastikplane darüber. Es hätte mich nicht überrascht, wenn das Haus gleich auf langen Hühner-Beinen aufstehen und den Rest dieser Ranch mitnehmen würde.</p>


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                                Die Ranch samt Hexenhaus. Foto: Markus Huth
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<p>Denn auf dem fußballfeldgroßen Gelände war alles mobil.<br>Alte Campingwagen gilbten vor sich hin, dazwischen spinatgrüne Armeeanhänger und Pferdetransporter, Zelte, ein Mähdrescher, ein Traktor sowie allerhand Blechtonnen, Plastikplanen und Schrott.<br>Äxte steckten auf einem Baumstumpf.<br>Solarmodule auf Europaletten knirschten »Off-Grid« statt »Hightech«, und dicke schwarze Stromkabel hangelten sich von Anhänger zu Anhänger.<br>Kurzum: Hier sah es mehr nach fahrendem Volk als Pferderanch aus. Allein ein großer umzäunter Kreis in der Mitte von allem ließ erahnen, dass hier auch geritten wurde.</p>



<p>»Ist das dein Gewehr da?«, fragte ich den Nicht-Pferdedieb.<br>Verwirrt schaute er von seiner Suppe auf.<br>»Das? Nein, ist Karol. Er schießen auf Hühner.«<br>Aha.<br>Ich wusste nicht, ob mich diese Antwort beruhigte.<br>Und wer war überhaupt dieser Karol?<br>In diesem Moment öffnete sich die Tür im Hexenhaus.<br>Ins Freie trat eine junge Frau. Anfang dreißig, hochgewachsen, athletisch, die brünetten Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Mit ihren blauen Jeans, rot-weiß kariertem Hemd und braunen Lederstiefeln sah sie aus wie ein Cowgirl aus der Werbung.</p>



<p>»Wir hatten geschrieben. Ich bin Amelia. Hier, iss erst mal was«, sagte sie in gutem Englisch, der osteuropäische Akzent sehr weich.<br>Sie stellte mir eine Schale Kartoffelsuppe auf den Tisch und verschwand wieder im Hexenhaus. Während ich auslöffelte, erzählte mir Lika ungefragt von seinen schönsten Drogenerfahrungen (Ayahuasca-Sud bei einem Schamanen) und in welchen Ländern man am besten schwarz mit dem Zug fahren könne (Italien).<br>Irgendwann kam Amelia wieder raus.<br>»Komm mit, ich zeig dir dein Bett.«</p>



<p>Nach einem kurzen Spaziergang durch das Nomaden-Lager stoppten wir vor dem etwa zehn Meter langen, grünen Anhänger, der noch die kyrillische Beschriftung der bulgarischen Armee trug. Drinnen war es eng und finster. Sechs Pritschen lagen übereinander, darauf allerlei Krams. Messer, Sättel, Wolldecken, Kissen.<br>Ich zwängte mich hinter Amelia durch den engen Gang.<br>»Du kannst hier schlafen«, sagte sie schließlich.<br>Wir standen in einer kleinen Hinterkammer im Anhänger, mit nichts drin außer einer Matratze auf dem Boden.<br>»Du hast Glück«, fand das Cowgirl.<br>Denn ich könne meine Zelle durch eine Schiebetür schließen und hätte damit Privatsphäre. Und dank eines von der Decke baumelnden Kabels sogar Strom. Während ich auf dem Boden nach einer freien Ecke für den Rucksack suchte, hörte ich sie noch rufen: »Ruh dich aus, dann komm zum Haus.«<br>Erschöpft fiel ich auf die Matratze und zweifelte daran, dass das hier alles eine gute Idee war.</p>



<div class="wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile mit80viechern"><figure class="wp-block-media-text__media"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1.jpg" alt="" class="wp-image-7270" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1.jpg 350w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/03/Cover-1-95x150.jpg 95w" sizes="(max-width: 350px) 100vw, 350px" /></figure><div class="wp-block-media-text__content">
<h4 class="has-text-align-center">Diese Reportage stammt aus Markus&#8216; Buch <br><strong>&#8222;Mit 80 Viechern um die Welt&#8220;</strong></h4>



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</div></div>



<h2>Meet the Gang</h2>



<p>Als ich wieder aus meiner Zelle kroch, rollte bereits die Abenddämmerung über die bulgarischen Berge. Pferde und Kühe grasten auf weiten Koppeln.<br>Vor dem Hexenhaus, das nur die Ranchküche beherbergte, saßen vier Gestalten um einen Holztisch herum. Nur eine davon war weiblich.<br>»Das ist unser neuer Azubi-Cowboy«, verkündete Amelia in die Männerrunde.<br>Die Atmosphäre war seltsam angespannt.<br>Ein Typ in gefleckter Militärjacke grinste mehrdeutig und schwieg, den schwarzen Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen. Ich verbuchte seine Erscheinung unter »schweigsamer Soldaten-Cowboy«.<br>Dann knurrte jemand ein »Willkommen«, das eher nach »Verpiss dich« klang.</p>



<p>Es kam von einem bulligen Typen, ebenfalls mit Cowboyhut auf dem Kopf. Das war Karol, dem das Gewehr gehörte und der anscheinend gerne auf Hühner schoss. Anders als der Soldatencowboy zog er den Westernstil mit Lederweste und Fransenhose komplett durch.<br>Nur einer schien hier Manieren zu haben.<br>»Hey, nett dich kennenzulernen, ich bin Tony«, sagte der schmucke Mann neben Amelia. Dem Akzent nach ein Italiener. Tony war der Einzige hier, der keinem Western entsprungen schien. Er präsentierte seine muskulösen Arme in einem ärmellosen Shirt, trug Shorts und eine weiße Baseballmütze.<br>Als ich mich nach Lika erkundigte, knurrte Karol nur abfällig. Der habe ein Pferd gestohlen, außerdem sei ein Skoda aus dem Nachbardorf verschwunden.<br>»Der dumme Junkie braucht wieder Drogen«, bellte er.<br>Jedenfalls sei Lika zu einem Schamanen im Wald gegangen und brauche sich hier nicht mehr blicken lassen.</p>



<p>Amelia wechselte das Thema und beantwortete meine neugierigen Fragen.<br>Die Wild West Ranch gehörte ihr und dem bulligen Karol, mit dem sie verheiratet war. Das Ehepaar besaß vierzig Pferde, vorwiegend von den Westernrassen »American Quarter Horse« und »Paint Horse«, ebenso viele Kühe, dreißig Schafe, zweiundzwanzig Enten, siebzehn Truthähne, fünfzehn Hühner, zehn Schweine, acht Kaninchen, einen Raben, eine Ziege und ein Maultier.<br>Dann gab es noch die Hunde.<br>Schon bei meiner Ankunft wäre ich beinahe über einen der plüschigen Welpen gestolpert. Sechs Stück von der Rasse Kaukasischer Schäferhund, dazu zwei ausgewachsene Exemplare, die an Bernhardiner erinnerten. Vervollständigt wurde das Rudel mit zwei hyperaktiven Jack-Russel-Terriern.</p>


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                                Überall tollen plüschige Hunde herum. Foto: Markus Huth
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<p>»Und jetzt trink«, sagte Karol und schob mir ein gefülltes Glas Wodka über den Tisch.<br>Und noch eins. Und noch eins.<br>Als es bereits stockduster war, sagte Amelia: »Wir treffen uns morgen früh um sechs vor deinem Anhänger.«<br>Dann gab sie mir noch ein Buch über Pferdedressur in die Hand und schickte mich unter dem funkelnden Sternenhimmel in den Armeeanhänger.<br>»Gute Nacht.«</p>



<h2>»Der Platz zwischen den Ohren eines Pferdes ist begrenzt.«</h2>



<p>Doch an Schlaf war nicht zu denken, mir schwirrte der Kopf vom Wodka. Also nahm ich in meiner Zelle Taschenlampe und Pferdebuch in die Hand.<br>»Respekt und Kontrolle bei Westernpferden erreichen« stand auf dem Titel. Geschrieben vom australischen Modellcowboy Clinton Anderson, dessen perfekt rasiertes Gesicht mich von unzähligen Fotos angrinste.<br>Ich las: »Der Platz zwischen den Ohren eines Pferdes ist begrenzt.«<br>Was zur Hölle war das denn?<br>Hör mal zu, Clinton Anderson, tobte ich im Wodkarausch, der Platz zwischen DEINEN Ohren ist wohl begrenzt!<br>Wie konnte er es wagen! Schließlich wäre die Menschheit ohne Pferde heute nicht da, wo sie ist.<br>Das nur einmeterzwanzig hohe Urpferd war vor etwa zwölftausend Jahren in Zentralasien von Menschen gezähmt worden. Ohne Pferde hätte der Mensch die Welt nicht erobert.</p>



<p>Schließlich beruhigte ich mich wieder.<br>Genau genommen hatte Mustercowboy Anderson ja auch recht: Schließlich ist der Platz zwischen allen Ohren naturgemäß begrenzt, unabhängig vom Lebewesen. Er wollte auch einfach nur sagen, dass Pferde Beutetiere sind und instinktiv vor so ziemlich allem Angst haben. Es tat vor allem zwei Dinge: wegrennen oder fressen.<br>Der Mensch müsse dem Pferd das Denken beibringen. Es an unbekannte Situationen gewöhnen. Ihm die Angst nehmen. Ein typischer Fehler sei es, meinte das Buch, Pferde allein mit Belohnungen gefügig machen zu wollen. Etwa einer Karotte. Genauso falsch sei es aber, das Tier so hart zu bestrafen, dass es Angst vor einem hat.<br>Der richtige Weg liege in der Mitte. Quasi die Zuckerpeitsche.<br>So etwas Ähnliches steht wahrscheinlich in jedem Handbuch für menschliche Führungskräfte.</p>



<p>Ich erwachte vom Hämmern an meine Hängertür.<br>Mist, verschlafen, es war bereits nach sechs. Müde kletterte ich die Metallstufen hinunter ins kalte Freie. Farblose Berge blockierten die Dämmerung und hielten die Sonne auf Abstand. Vom Gras tropfte Tau und machte den Boden matschig.<br>»Zieh die an«, sagte Amelia und warf mir Gummistiefel vor die Füße.<br>Ffffft, Ffffft, Ffffft folgte ich ihr durch den braunen Matsch.<br>Einige Meter hinter meinem Anhänger verrotteten Kästen aus Europaletten und Maschendrahtzaun im Gras. Das waren Gehege für die Tiere.<br>Meine neue Chefin wies mir die Kaninchen und Truthähne zu, deren Fütterung ab sofort meine Aufgabe war.<br>Immer noch müde trug ich einen Eimer Körner zu den schwarz-grauen Vögeln mit den pinken Hautlappen am Hals. Siebzehn fast ausgewachsene Tiere drängten sich auf vier Quadratmetern und gurrten gierig.<br>Für die Kaninchen drückte mir Amelia eine Sichel in die Hand. Damit streifte ich über die angrenzende Wiese, schnitt hohe Grasbüschel ab und legte sie den pelzigen Löfflern ins Gehege.</p>



<p>Als ich fertig war, führte mich Amelia einen Wiesenhang hinunter, über einen kleinen Bach, durch ein kleines Wäldchen, auf eine Weide. Dort grasten schwarze und braune Kühe.<br>»Muuuuhhhh«, rief das Cowgirl laut.<br>Eine bauchige braune Kuh antwortete: »Muuuuhhhh«, und kam gemütlich auf uns zugelaufen.<br>»Siehst du das Seil um ihren Hals? Nimm es.«<br>Anschließend führten wir die Kuh zurück auf die Ranch. Dort zog Amelia eine mobile Melkmaschine unter einer Plane hervor, stöpselte das Euter an einen Schlauch und drückte den Startknopf. Schubweise pumpte die Maschine weiße Milch in einen Eimer. Als er voll war, brachten wir die Kuh wieder den Hang hinunter und ließen ihre beiden Kälber aus einem Gehege, damit die auch noch etwas Milch nippeln konnten.<br>»Das machst du jeden Morgen«, befahl Amelia.<br>Und so begann mein Ranchalltag.</p>



<h2>Zuckerbrot und Peitsche</h2>



<p>Und was war mit Pferden?<br>Schließlich war ich nicht zum Melken hergekommen.<br>Doch auch nach drei Tagen hatte ich Pferde nur aus der Ferne gesehen.<br>Ich vermutete, dass ich zunächst die Theorie aus dem Buch zu pauken hatte. Zuckerbrot und Peitsche und so weiter.<br>Zumindest eines hatte ich schon gelernt: Hier auf der Ranch war Amelia das Zuckerbrot. Sie hatte immer ein paar Karotten in der Hand, wenn sie zu den Pferden ging. Außerdem bekochte sie uns »Volunteers« und hatte ab und zu sogar mal gute Laune.</p>



<p>Karol war hingegen die Peitsche.<br>Erst gestern hatte er eine braune Stute so an einen Baum gebunden, dass sie weder grasen noch liegen konnte. Als Strafe, weil sie gebockt hatte. Einen ganzen Tag musste das Tier so ausharren.<br>»Erziehung muss sein. Was weißt du schon von Pferden?«, hatte er nur gezischt, als ich vorsichtig Mitleid für das Tier geäußert hatte.<br>Ich kümmerte mich derweil weiter um Kaninchen, Truthähne und die Kuh. Eines Morgens beim Melken erzählte mir Amelia ihre und Karols außergewöhnliche Lebensgeschichte.</p>



<p>Die beiden stammten nicht aus Bulgarien, sondern aus Polen.<br>Dort hatten sie ein Leben geführt, dass sich von ihrem aktuellen krass unterschied. Die Frau, die mich morgens um sechs mit schlammigen Gummistiefeln aus dem Armeeanhänger klopfte, hatte in Warschau als Model gearbeitet und hochhackige Schuhe zu delikaten Kleidchen getragen.<br>Und Karols bulliger Körper war nicht in fransigen Cowboyoutfits herumgelaufen, sondern in maßgeschneiderten Anzügen. Er hatte als Broker an der Börse Millionen verdient. In Warschau hatte das Paar in einer luxuriösen Eigentumswohnung residiert, in schicken Restaurants gegessen und in elitären Nachtclubs gefeiert.</p>



<h2>Nie hätte ich geahnt, wie die Wahrheit aussehen würde</h2>



<p>Hier auf der Ranch hausten sie in einem hölzernen Westernwohnwagen mit Bullenschädel über der Tür.<br>»Warum lebt ihr jetzt hier?«, fragte ich Amelia.<br>»Wir wollten ein anderes Leben, raus aus der Stadt. Und wir beide lieben Pferde«, antwortete sie.<br>Vor sieben Jahren hätten sie in Polen alles verkauft und dafür in Bulgarien Land für die Ranch erworben, dazu Pferde sowie Land- und Baumaschinen, Anhänger und Wohnwagen. Auch wenn hier alles nach Zigeunerlager aussah, hatte alles einen Wert jenseits von einer Million Euro.</p>



<p>Vom urbanen Luxusleben in die Pampa?<br>Ich spürte, dass Amelia mir nicht alles erzählte.<br>Und warum ausgerechnet nach Bulgarien?<br>Nie hätte ich geahnt, wie die Wahrheit aussehen würde.</p>



<p>Doch zunächst Pferde. Endlich.<br>Eines Morgens nach dem Kuhmelken galoppierte Tony auf einer grauen Stute an mir vorbei. Lässig saß er ohne Sattel auf ihrem Rücken und trug nichts außer Shorts. Sein muskulöser Arm ließ eine Peitsche knallen und trieb damit die Kühe von einer abgegrasten Wiese auf eine neue.<br>Tony sah aus wie eine Wirklichkeit gewordene Sexfantasie aus einem Frauen- oder Schwulenmagazin.<br>Amelia lächelte ihm hinterher.</p>



<p>»Ich würde auch gerne reiten«, störte ich.<br>»Dann ist heute dein Tag«, lachte sie.<br>Es war Wochenende, und die Ranchkunden kamen aus der Stadt, um zu reiten und sich im Wohnwagen vom Großstadtleben zu erholen.<br>Das bedeutete, dass zehn Pferde von der Koppel geholt, gesäubert und gesattelt werden mussten.<br>Tony kümmerte sich schon um alles. Aber ich durfte mit ausreiten. Voller Vorfreude tanzte ich mit den hyperaktiven Jack Russell Terriern im Gras herum.</p>



<h2>Wo ist Wesna?</h2>



<p>»Geh und hol Wesna, die ist gutmütig und perfekt für Anfänger«, sagte Amelia.<br>Kurz darauf befand ich mich voller Vorfreude auf dem Weg zu meinem Pferd. In den Händen ein Seil und drei Möhren. Ich lief den grünen Hang hinunter, über den Bach, durchs Wäldchen, vorbei an den Kühen, auf die weite Koppel. Ein zwanzigminütiger Fußmarsch durch hohes Gras.<br>Dunkelbraun mit einem weißen Fleck auf der Stirn, so hatte Amelia meine Stute Wesna beschrieben.</p>



<p>Bald sah ich eine Herde inklusive einiger Fohlen oben auf dem nächsten Hügel grasen. Als ich mich näherte, hoben die Rösser mit aufgestellten Ohren die Köpfe und starrten mich an.<br>Was hatte das Pferde-Buch noch gleich gesagt?<br>Ach ja, Pferde sind Beutetiere und werden bei jeder Lageänderung sofort nervös. Also blieb ich ein paar Meter vor ihnen stehen, sodass sie sich an mich gewöhnen konnten.<br>Erst als alle wieder entspannt grasten, rief ich: »Wesna!«</p>



<p>Was nicht im Buch stand: Pferde reagieren nicht auf Namen.<br>»Wesna!«<br>Fehlanzeige.<br>Dafür trabten nun gleich zwölf große Tiere auf die Möhre an meinem ausgestreckten Arm zu. Drei davon hatten einen weißen Fleck auf der Stirn, eins braun, eins dunkler und eins fast schwarz.<br>Mist, was genau verstand Amelia unter Dunkelbraun?<br>Während ich noch überlegte, sah ich auf dem nächsten Hügel eine weitere Gruppe Pferde.<br>Vielleicht war meine Stute dort?<br>Auf gut Glück und aus Faulheit entschied ich mich für eine der potenziellen Wesnas vor meiner Möhre, knotete das Seil an die Geschirrschlaufe unter ihrem Maul und marschierte mit dem Pferd den ganzen Weg zurück zur Ranch.</p>


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                                Wesna? Foto: Markus Huth
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<p>Dort schimpfte Amelia: »Das ist doch nicht Wesna!«<br>Die anderen Pferde warteten bereits fertig gesattelt an Holzbalken gebunden. Die gestressten Städter hatten ihre Wohnwagen bezogen und freuten sich in Jeans und Lederstiefeln auf den Ausritt.<br>Nur ich stand mit dem falschen Gaul da.<br>Na toll.<br>Ein neuer Wesna-Versuch würde wenigstens eine Dreiviertelstunde dauern.<br>»Kein Problem, ich hol sie dir«, rief der schöne Tony, schwang sich elegant auf sein graues Ross und galoppierte Richtung Koppel.<br>Fünf Minuten später kehrte er unter triumphierendem Hufgeklapper mit Wesna im Schlepptau zurück.<br>Mit geübten Handgriffen bürstete er der Stute den Rücken, warf eine Decke darüber und schnallte ihr einen Ledersattel um.<br>»Da, steig auf«, sagte er mit einem Lächeln.<br>Ich war zugleich dankbar, neidisch und blamiert.<br>Ein Aushilfscowboy, der nicht mal sein Pferd fand.</p>



<h2>Endlich Reiten</h2>



<p>Wenig später war aller Ärger vergessen.<br>Ich saß fest im Sattel und trabte Amelias blonder Stute hinterher. Den Wind um die Nase, auf dem Kopf einen Cowboyhut – zum Schutz vor der Sonne und weil es einfach cool aussah. Ich versuchte mich an dem guten Reitstil, den mir das Cowgirl erklärt hatte: rhythmisch das Becken im Takt des Trabes zu heben und zu senken. Allerdings war das auf die Dauer recht anstrengend. Bald lungerte ich träge im Sattel, was mit einem noch tagelang schmerzenden Hintern bestraft wurde.<br>Hinter mir in der Kolonne folgten Tony sowie drei reiterfahrene Städter auf braun-weiß gescheckten Paint Horses. Eine klassische Westernrasse aus Nordamerika, muskulös und schnell, bei der man sofort an Cowboys und Indianer denkt.</p>


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                                Reiten in Bulgarien. Foto: Markus Huth
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<p>An diesem sommerlichen Nachmittag roch es nach Freiheit.<br>Von der Ranch hatte uns ein Feldweg in die Berge geführt, einige Kilometer vorbei an goldenen Weizenfeldern, bis wir schließlich einen Wald erreichten. Verfolgt wurde unsere Kolonne von zwei furchtlosen Ponys,&nbsp; die aus ihrer Koppel ausgebüxt waren, um der Langeweile zu entgehen. Im Schatten hoher Eichen prallten die Hufe auf den steinigen Pfad.<br>Bald teilte sich die Reitgruppe.<br>Amelia führte unseren Trupp – und Karol den zweiten auf einer anderen Route. Einige Pferde verstanden sich nicht miteinander, begründete Amelia. Vor allem die Hengste in Karols Gruppe würden schnell Streit beginnen, was für die Reiter mit Tritten oder Abwurf enden konnte.</p>



<p>Oder waren es Amelia und Karol, die sich nicht verstanden?<br>Zwar war ihr Leben auf den ersten Blick ein filmreifer Naturtraum mit Pferden. Doch der Schein trog. Das Ehepaar stritt sich täglich, lautstark und auf Polnisch. Meist wegen etwas, was Amelia in seinen Augen falsch gemacht hatte.</p>



<p>Noch nie war mir ein Mann so jähzornig wie Karol begegnet.<br>Nach einem Streit war er oft besonders ruppig mit den Tieren.<br>Doch egal ob Streit oder nicht: Man sprach Karol besser nie an. Der stiernackige Kerl mit dem runden Panzerknackergesicht und der blonden Stoppelfrisur schien immer kurz vor der Explosion zu stehen. Entsprechend beunruhigend fand ich, dass auf der Ranch überall Äxte, Peitschen, Kettensägen und Gewehre herumlagen.</p>



<h2>Die Affäre</h2>



<p>Amelia hingegen schien stets niedergeschlagen.<br>Sie strahlte diese Traurigkeit aus, die man hat, wenn man sich in seinem Leben gefangen glaubt. Nur wenn sie neben einem Pferd stand, lächelte sie. Und neben Tony.<br>Eigentlich war es offensichtlich, dass die beiden eine Affäre hatten.<br>Tony kam aus einem kleinen Ort bei Palermo.<br>Er war sechsundzwanzig und hatte von Kindheit an nur einen Traum gehegt: professioneller Fußballspieler zu werden. Mit achtzehn hatte er es geschafft und spielte als Verteidiger in der italienischen Profiliga – bis eine Verletzung den Traum vorzeitig beendete.<br>Etwas anderes als Fußballspielen hatte Tony nie gelernt.<br>Seine Familie war arm. Was sollte er jetzt anstellen?<br>Tony packte seinen Rucksack und schaute nie mehr zurück.</p>



<p>Seit Jahren schon zog er als Volunteer um die Welt.<br>Er arbeitete als Cowboy in Montana, als Pflücker auf Plantagen in der Türkei oder als Rezeptionist im Hostel in Costa Rica.<br>Statt Fußballer war Tony professioneller Weltenbummler geworden.<br>Vor zwei Monaten schließlich hatte es ihn auf die bulgarische Wild-West-Ranch verschlagen. Tony hatte noch immer die kräftige Statur eines Innenverteidigers, dazu dunkles Brust- und Haupthaar, sanfte braune Augen und immer ein freundliches Lächeln im Gesicht. Er strahlte diese Leichtigkeit des Seins aus, die jemand hat, der nichts besitzt.<br>Anders als ich schlief der Italiener nicht im Armeeanhänger, sondern in einem kleinen Wohnwagen unten am Bach. Eines Morgens, als ich gerade Gras für die Kaninchen schnitt, sah ich Amelia verschlafen aus Tonys Wohnwagen steigen.</p>



<p>Ich wusste nicht, ob sie mich auch gesehen hatte. Jedenfalls sprachen wir nicht darüber. Ein paar Tage später war es Tony, der reden wollte.<br>Wir buddelten gerade ein tiefes Loch für einen Brunnen hinter dem Hexenhaus, da sagte er: »Du hast sicher gemerkt, dass ich mit Amelia zusammen bin.«<br>Die Geschichte klang unglaublich.</p>



<p>Tony zufolge waren die Ranchbesitzer zwar verheiratet. Sie lebten aber in einer Mischung aus offener Beziehung und innerer Scheidung.<br>Kurz nach seiner Ankunft, berichtete Tony, habe das schöne Cowgirl heftig mit ihm geflirtet, und schließlich seien sie im Bett gelandet.<br>Um Karol, habe sie ihm gesagt, brauche er sich keine Sorgen machen. Die beiden hätten eine Vereinbarung, dass Sex mit Volunteers erlaubt sei. Oft würden sie Neuankömmlingen sogar erzählen, sie seien Bruder und Schwester.</p>



<p>Welche Abmachung das Ehepaar auch getroffen haben mochte: Die ständigen Streits deuteten darauf hin, dass sie nicht funktionierte. Vielleicht auch, weil Amelia und Tony ihre Affäre immer offener auslebten. Als ich vor zwei Wochen auf der Ranch angekommen war, hatte ich jedenfalls noch nichts von ihrem Verhältnis bemerkt.</p>



<h2>Die Zeitbombe tickt</h2>



<p>Aber seit ein paar Tagen holten sie gemeinsam Pferde von der Koppel und übernahmen zusammen das tägliche Kuhmelken. Sie lachten sich an und tauschten Berührungen aus. Bald schlief Amelia jede Nacht in Tonys Wohnwagen und versuchte gar nicht erst, es zu verheimlichen.<br>Und Karols Wutausbrüche wurden häufiger.</p>



<p>Die Stimmung auf der Ranch war angespannt wie ein Seil, an dem zwei Pferde in entgegengesetzten Richtungen zogen. Jeden Abend saßen wir alle zum gemeinsamen Essen am Holztisch vor dem Hexenhaus. Karol, Amelia, Tony, der mysteriöse Soldatencowboy und ich. Meist war Karols Gesicht wie aus Eis. Er aß schweigend und trank ein Glas Wodka nach dem anderen.<br>Er schien mir wie eine Zeitbombe, die der Explosion entgegentickte.</p>



<p>Ich hatte jedenfalls keine Lust, in die stürmischen Wellen dieses Liebesdramas zu geraten. Stattdessen verbrachte ich mehr Zeit mit dem schweigsamen Soldatencowboy. Er hieß Jan und saß jeden Abend geheimnisvoll am Lagerfeuer, den Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass nur sein hämisches Lächeln im Licht des Feuers flackerte. Es war, als ob er sich über alles und jeden lustig machte. Sogar über diesen Ehestreit.</p>



<p>Jan kam wie die Ranchbesitzer aus Polen.<br>Er lebte schon über ein Jahr hier.<br>Gelangweilt vom Leben als Mechaniker in einem großen Autowerk, hatte er seinen gut bezahlten Job gekündigt und zog seitdem um die Welt.<br>Wie Tony war er ein optischer Mädchentraum: Mitte zwanzig, blondes Haar, glattes Gesicht mit kantigem Kinn und klaren Augen, der Körper schlank und kräftig.<br>Und, na klar, auch dieser junge Brad Pitt war in das schöne Cowgirl Amelia verliebt. Allerdings unglücklich.</p>


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                                Der schöne Jan ist unglücklich verliebt. Foto: Markus Huth 
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<p>Tony hatte mir erzählt, dass der Pole einmal ungefragt nackt zu ihr in die Freiluftdusche hinter dem Hexenhaus gestiegen war. Was immer Jan sich damit erhofft hatte, wurde durch Amelias wütendes Geschrei verhindert.<br>Seitdem mied der Verschmähte menschlichen Kontakt und verbrachte seine Zeit lieber mit den Schweinen sowie seinem besten Freund, einem kleinen Jack Russell Terrier.<br>Mir reichte es langsam.</p>



<h2>Von Ziegen, Mulis und Raben</h2>


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                                Der Rabe hat Käfigarrest. Foto: Markus Huth
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<p>Ich war wegen der Pferde auf die Ranch gekommen und nicht, um einem Beziehungsdrama à la Legenden der Leidenschaft beizuwohnen. Die Tiere schienen ihre Hormone besser im Griff zu haben als das Personal.<br>Ich beschloss, mich ganz auf meine tierischen Aufgaben zu konzentrieren. Jeden Morgen und Abend fütterte ich die Kaninchen, Truthähne und übernahm von Amelia auch noch die Enten und den Raben.<br>Ich hatte vorher noch nie einen gesehen, nur die vergleichsweise kleinen Krähen. Der schwarze Vogel im Maschendrahtkäfig war sogar ein Kolkrabe, die größte aller Rabenarten. Er hieß Oskar.<br>Tagsüber durfte er sich frei auf der Ranch bewegen. Der umtriebige Kerl mit den scharfen Klauen machte den Welpen das Futter streitig, verprügelte mit seinem scharfen Schnabel die Jack Russell Terrier, und einmal riss er ein Babykaninchen aus dem Gehege und fraß es.<br>Danach erteilte ich ihm zur Strafe Käfigarrest.</p>



<p>Besonders ans Herz wuchs mir die meckernde Ziege, die am Bachwäldchen an einen Baum gebunden graste. Sie war braun-schwarz-weiß gefleckt und hatte himmelblaue Augen. Immer wenn ich ihr einen Eimer Wasser zum Trinken brachte, schmiegte sie sich um meine Beine wie eine verschmuste Katze. Vielleicht aus Dankbarkeit, weil ich sie jedes Mal aus ihrer misslichen Verknotung befreite, in die sie sich beim Kreisen um den Baum gewickelt hatte. Die Ziege fand ich nie allein, sondern stets in Begleitung ihres besten Kumpels: einem blökenden braunen Schaf.</p>


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                                Auch Ziegen schmusen gerne. Foto: Markus Huth
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<p>Derweil blieb meine Beziehung zum Maultier kühl.<br>Die Mischung aus Pferd und Esel wartete stets misstrauisch direkt am Eingang zur Pferde-Koppel wie ein Türsteher. Einmal schnappte der Muli nach den Möhren, die ich zum Anlocken der Reitpferde mitgebracht hatte.<br>Und von der Milchkuh möchte ich gar nicht erst reden.<br>Das vierhundert Kilo schwere Tier war mir&nbsp;– und ich schwöre: mit voller Absicht&nbsp;– auf den Fuß getreten, als ich es eines Morgens von der Weide geholt hatte. Das Maultier hatte alles gesehen und sich köstlich amüsiert.</p>



<p>Dafür aber konnte ich mein Verhältnis zur Stute Wesna stetig verbessern. Nach drei Wochen auf der Ranch erkannte ich sie jetzt sogar am Gesicht. Auch das Satteln klappte inzwischen passabel. Auf der Koppel traute ich mich sogar ganz ohne Sattel auf Wesnas nackten Rücken und trabte im gemächlichen Tempo über die Hügel. Das war der große Vorteil an einer postapokalyptischen Ranch fernab jeder Zivilisation: Wenn mir danach war, konnte ich ungefragt ein Pferd nehmen und einfach losreiten. Das einstige Ostblockland Bulgarien fühlte sich nun tatsächlich an wie der Wilde Westen. Mehr Freiheit ging nicht.</p>



<p>Der Nachteil war: Sollte ich stürzen und halb tot im hohen Gras liegen, würde mich tagelang niemand finden. Falls mich die liebeskranken Rancher überhaupt suchen würden, woran ich meine Zweifel hatte.<br>Doch alles ging gut, und dank meiner tierischen Freunde war das Ranchleben trotz Liebesdrama wunderschön – bis zu jenem Morgen, als ein dunkles Auto den Feldweg hochgefahren kam. Und herausstiegen Amelias Eltern.</p>



<h2>Ruhe vor dem Sturm</h2>



<p>Sie waren extra aus Polen angereist, um den anstehenden Geburtstag der Tochter zu feiern. Aber vorher wollten sie noch mit ihr ein paar Tage zum Ausspannen ans Schwarze Meer. Der beliebteste bulgarische Strand lag nur ein paar Autostunden entfernt.<br>Tony hatte mir schon voller Vorfreude davon erzählt. Denn statt Amelias Ehemann Karol,&nbsp; würde er mitfahren. Die Tochter fuhr mit den Eltern in den Strandurlaub und nahm den Liebhaber mit, während der Ehemann auf der Ranch zurückblieb? Offenbar waren nicht alle Polen so katholisch, wie ich bis dahin gedacht hatte.<br>Es gab da nur ein Problem.<br>Zwar war Mama in Eheprobleme und Affäre eingeweiht.<br>Doch Papa wusste von nichts.<br>Eben noch schüttelte er Karol freudig die Hand. Im nächsten Moment warf Tony die Reisetasche in den Kofferraum und stieg mit Amelia hinten ins Auto.<br>»Fahr los«, raunte die Mutter.<br>Ob je ein Mensch derart verwirrt geschaut hat?</p>



<p>Als der Sandweg unter dem abfahrenden Auto knisterte, ließ sich Karols Gefühlswelt aus den kalten blauen Augen wie immer nur schwer ablesen. Er sah jedenfalls nicht unzufriedener aus als gewöhnlich.<br>Nachdem Amelia verschwunden war, setzte er sich an den Tisch vors Hexenhaus und trank ein Bier.<br>Ich war besorgt.<br>Denn normalerweise hatte ich mit Karol nicht viel zu tun. Amelia kümmerte sich um die Volunteers. Aber nun würden Jan und ich drei Tage mit ihm alleine sein. Kurz überlegte ich, das Gewehr, die Äxte, die Peitsche und alle anderen waffentauglichen Dinge, die hier frei herumlagen, zu verstecken.</p>



<p>Doch bald zeigte sich, dass meine Sorge völlig unbegründet war.<br>Die Atmosphäre auf der Ranch entspannte sich.<br>Ohne Amelia hatte Karol niemanden zum Streiten. Statt polnischer Flüche lagen auf einmal nur noch Pferdewiehern, Schweinegrunzen und Hundebellen in der Bergluft. Ich ging weiter meinen Tiersitteraufgaben nach und genoss die ländliche Idylle.<br>Und eines Tages hörte ich den finsteren Cowboy doch tatsächlich fröhlich lachen.</p>



<h2>Die Neue wider Willen</h2>



<p>Ich zertrümmerte gerade mit der Axt Rinderknochen zu Hundefutter (das war sonst Tonys Job), als Karols weißer Opel verfolgt von einer Staubwolke den Feldweg heraufgerast kam.<br>Mit ihm heraus stieg eine fremde Frau. Sie war kurz, blond und sehr jung.<br>So aufgekratzt hatte ich Karol noch nie erlebt. In seinem weißen Fransen-Cowboyoutfit sah der zwanzig Jahre ältere Mann aus wie ihr durchgeknallter Vater.</p>



<p>Die Fremde schien seine gute Laune allerdings nicht zu teilen. Eilig zog sie ihren rollenden Koffer in meinen Armeeanhänger. Dort fand ich meine neue Mitbewohnerin, wie sie eine der leeren Pritsche bezog. Sie hieß Sarah, kam aus Wales und wollte für einen Monat auf der Ranch aushelfen.<br>»Ich liebe Pferde, und die Landschaft ist ja fantastisch idyllisch hier«, schwärmte sie.</p>



<p>Sarah war achtzehn und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. Und eigentlich konnte die Waliserin nichts schocken. Sie berichtete mir, wie sie im Krankenhaus mal einen Mann behandeln musste, der kurz zuvor seine Frau im Streit getötet und sich anschließend selbst die Kehle durchgeschnitten hatte. Wenn er auch gestorben wäre, hätte Sarah noch vor Ort routiniert das Fenster geöffnet.<br>»Damit seine Seele rausfliegen kann. Das ist Krankenhausvorschrift.«</p>



<p>Ich fragte sie, warum sie so verstört aus dem Auto gestiegen war. Daraufhin erzählte die Achtzehnjährige, wie ein bulliger Mann im weißen Cowboykostüm sie eben vom Flughafen in Sofia abgeholt hatte.<br>Statt direkt zur Ranch fuhr der Fremde mit ihr in eine Bar.<br>Dort habe er wortlos – Karol sprach kaum Englisch – ein großes Bier getrunken, während die knallharte Krankenschwester es mit der Angst zu tun bekam. Hatten ihre Eltern vielleicht doch recht gehabt?<br>»Volunteering ist nur was für Lebensmüde. Man sollte sich nie in die Obhut von Fremden begeben«, hatten sie die abenteuerlustige Tochter gewarnt. Erst nach dem Bier war der Cowboy mit ihr zur Ranch gefahren.<br>»Ist der immer so?«, fragte die Waliserin besorgt, und ich wusste gar nicht, wo ich bei der Antwort anfangen sollte.</p>



<p>Später saßen wir alle zum Abendessen vor dem Hexenhaus.<br>Karol hatte sogar gekocht: Pasta mit Wodka.<br>Der liebestolle Pole stellte der jungen Waliserin ein Glas nach dem anderen vor die Nase und befahl Sondaten-Cowboy Jan, seine Obszönitäten zu übersetzen.<br>»Ich kenne englische Frauen nur aus Pornos«, lachte Karol.<br>Dann wollte er wissen, ob Sarah noch Jungfrau war.<br>Sie schlang die Pasta herunter und flüchtete in den Armeeanhänger. Erst als Karol schlafen getorkelt war und ich mit Jan und seinem Jack Russell Terrier allein am Lagerfeuer saß, traute sie sich wieder raus.<br>Jan grinste wie immer geheimnisvoll unterm Cowboyhut. Dann packte er im Flackern des Feuers aus und erzählte Karols Geschichte.</p>



<p>Wie ich vermutet hatte, war der Umzug des polnischen Paares in die bulgarische Pampa vor sieben Jahren nicht ganz freiwillig erfolgt.<br>Zwar stimmte es, dass Karol an der Börse viel Geld verdient hatte – allerdings durch Wertpapierbetrug. Zudem war er laut Jan mit der Unterwelt vernetzt und besaß in Polen ein Bordell.<br>Nachdem der Ermittlungsrichter einen Haftbefehl ausgestellt und Karols geprellte Kunden ihr Geld wiederhaben wollten, tauchte der Banker mit seinem Model Amelia in Bulgarien unter.<br>Mehrere Jahre lebten sie unbehelligt ihr Westernleben mit Pferden.<br>Bis eines Tages ein bulgarischer Sheriff auf die Ranch kam und Karol Handschellen anlegte.<br>»Du machst Witze, er war im Gefängnis? Und ein Zuhälter?«, fragte Sarah schockiert.<br>Karol, fuhr Jan fort, musste für zwei Jahre hinter Gitter.<br>Derweil lebte seine Gangsterbraut alleine weiter auf der Ranch. Es war in dieser Zeit, dass Amelia begann, sich nach anderer männlicher Gesellschaft umzusehen. Als Karol aus dem Gefängnis kam, hatte sich seine Frau an ein Leben ohne ihn gewöhnt.</p>



<p>Jedes andere Paar hätte jetzt wohl an Scheidung gedacht.<br>Doch ihr gesamtes Vermögen steckte in der Ranch und den Pferden. Also arrangierten sie sich, hatten Affären mit ihren Volunteers, und Ex-Bordellbesitzer Karol bestellte sich ab und an Prostituierte in den Westernwagen.<br>Jan meinte, dass das lange gut funktioniert hätte.<br>Doch nun war Karol neidisch auf Amelias Glück mit Tony.<br>Deshalb gebe es gerade so viel Streit.<br>Alle Hoffnungen, sagte Jan und grinste gehässig zur jungen Waliserin, richteten sich daher auf sie.<br>»Wenn du was mit Karol anfängst, haben wir wieder etwas Ruhe.«<br>Der furchtlosen Krankenschwester stand die Angst im Gesicht.<br>Ein Pferd wäre jetzt panisch weggerannt.</p>


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                                Pferdearbeit findet auf der Ranch auch statt: Hufreinigung. Foto: Markus Huth
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<h2>Unterwegs als Outlaw</h2>



<p>Am nächsten Morgen wartete Karol mit dem größten Pferd, das ich je gesehen hatte, vor dem Hexenhaus. Ein graues »Shire Horse«, die größte Pferderasse der Welt.<br>Die Stute hieß Baronin und überragte mich um einen Kopf.<br>Das gewaltige Tier zog einen hölzernen Anhänger, auf dem Karol mit den Zügeln in der Hand saß. Neben ihm Jan, wie immer mit einem Grinsen im Gesicht.<br>»Steigt ein, wir machen einen Ausflug«, sagte der Ex-Häftling und zwinkerte Sarah zu. Wenig später fuhren wir wie in einem Boot auf stürmischer See den unebenen Feldweg entlang.</p>



<p>Vorbei ging es an Weizenfeldern, den Bach folgend, bis zu einem Wäldchen. Die Berge waren golden, der Himmel blau, mit ein paar aufgequollenen weißen Wolken darin. In einem Westernfilm hätten jetzt Indianer angegriffen.<br>»Nehmt die Kettensägen von hinten«, befahl Karol.<br>Wir brauchten Holz für Amelias Geburtstagsfeier am nächsten Tag. Zu dem Fest erwartete er über fünfzig Gäste, Kunden und Freunde der Ranch. Die ganze Nacht hindurch sollte ein großes Feuer lodern.<br>Das Knattern der Kettensägen schreckte ein paar Krähen auf, die vor mir im Baum saßen. Wenig später krachte eine hohe Kiefer ins Gras.</p>



<p>Jan war gerade dabei, einen noch gewaltigeren Baum zu fällen, da schrie Karol: »Runter! Fresse halten!«<br>Wie ein Sack plumpste ich in den Dreck und erblickte in der Ferne den Grund für die Aufregung.<br>Einsam patrouillierte ein Polizeiauto verloren auf der Landstraße herum.<br>Wir fällten hier gerade ohne Genehmigung Bäume, und das war garantiert nicht mal Karols Land. Die Kettensäge in der Hand würde es relativ schwer machen, meine Unschuld zu beteuern. Und mit Karols Vorstrafe würden sie ihn garantiert gleich mitnehmen.<br>Kollektives Aufatmen als das Polizeiauto immer kleiner wurde und schließlich hinter der nächsten Kurve verschwand. Keine halbe Stunde später zog die Baronin den Anhänger inklusive uns und zwei Kiefern zurück zur Ranch.</p>



<p>Die Nahknasterfahrung war noch nicht mal der größte Schock an jenem Tag. Denn für Amelias Geburtstag war nicht nur ein Feuer geplant.<br>Sondern auch ein saftiger Braten.<br>Den Cowboyhut tief ins Gesicht gezogen, stand Jan in seiner Militärjacke vor mir. Das erste Mal sah ich ihn ohne Grinsen. In der Hand hielt er ein langes Bajonettmesser.<br>»Komm mit«, sagte Jan kalt.<br>Ich folgte ihm den Hang hinunter zu dem Wäldchen, wo die&nbsp;…<br>… nein, das durfte nicht sein.<br>Nicht die Schmuseziege!<br>»Meee-eee-eee-eee-e«, meckerte sie uns in Vorfreude auf Gesellschaft entgegen. Sie hatte sich mit dem Seil mal wieder ungeschickt um einen Baum gewickelt. Dumme, dumme Ziege. Als ich sie befreite, schmiegte sie dankbar die Hörner an meine Beine. »Meee-eee-eee-ee!«</p>



<h2>Blut im Gras</h2>



<p>Jan nahm das Seil, und wir führten die Ziege den Hang hinauf Richtung Hexenhaus, dem Schlachtplatz. Uns folgte aus freiem Willen ihr treuer Freund, das braune Schaf.<br>Oben angekommen, sagte Jan: »Drück sie auf den Boden und halt sie fest.«<br>Die blauen Ziegenaugen zwinkerten ahnungslos.<br>»Nein«, raunte ich, »das können wir nicht machen.«<br>»Spinnst du? Karol will einen Braten.«<br>Schweren Herzens erwiderte ich: »Nehmen wir das Schaf, da ist doch eh mehr dran.«<br>Jan überlegte kurz, zuckte mit den Schultern und meinte: »Okay, aber wenn Karol sauer ist, bist du schuld.«</p>



<p>Dann packte ich das überraschte Schaf an der braunen Wolle und drückte es seitlich zu Boden. Eine Hand am Kopf, die andere am Bauch, meine Knie auf seinen Beinen.<br>Der letzte Schaflaut war ein tiefes Blöken – dann schnitt der Soldaten-Cowboy ihm die Kehle durch. Das Tier zuckte, die offene Atemröhre röchelte, während tiefrotes Blut auf saftig-grünes Gras floss. Ein dunkles Schafauge blickte mich angsterfüllt an, bevor alles Leben aus ihm entwich.<br>Sarah musste kein Fenster öffnen, die Seele konnte in den weiten Himmel über uns entweichen. Vielleicht die Schafseele von oben noch, wie ihr früherer Körper auf dieser grünen Wiese zwischen den Bergen langsam ausblutete.<br>Und was tat die Ziege, während ihr bester Freund neben ihr starb? Sie fraß Gras, so als ob nichts wäre.<br>»Meeee-eeee-eee-eeee.«<br>An diesem Abend trank ich fast so viel Wodka wie Karol.</p>



<p>Dann kam der Tag des Festes.<br>An Amelias dreiunddreißigstem Geburtstag zogen graue Wolken von den Bergen herüber, deren Schatten dunkle Flecken auf die Ranch warfen.<br>Bald würden die Gäste eintreffen.<br>Wir Volunteers hatten zur Feier des Tages etwas Ordnung geschaffen, den Großteil des Metallschrotts unter Planen versteckt und die vergilbten Wohnwagen gewaschen. Als Dekoration standen ein paar Pferde herum, und auch die Ziege meckerte feierlich vor sich hin. Sarah schmückte das postapokalyptische Zigeunergelände mit Blumen, ich nahm mir eine der auf dem Gelände herumliegenden Äxte und zerhackte die Kiefern zu Feuerholz, und Jan drehte das gehäutete Schaf über den Flammen.</p>



<h2>Gefangen im Dramadreieck</h2>



<p>Nur das Wichtigste fehlte: das Geburtstagskind.<br>War Amelia vielleicht mit ihrem italienischen Liebhaber durchgebrannt? Doch dann kam der dunkle Kombi der Eltern den Feldweg hochgefahren. Das Cowgirl stieg aus und nahm Glückwünsche entgegen.<br>Als Tony mir beim Holzhacken half, fragte ich neugierig: »Und wie wars am Schwarzen Meer?«<br>»Besser als beim letzten Mal«, lachte der Italiener.<br>Vor ein paar Monaten seien sie zu viert mit Karol und einer jungen Volunteer-Gespielin aus Lettland ans Meer gefahren. Karol habe die Frauen gedrängt, sich zu küssen, und dann hatten alle gemeinsam Sex. Im Gegensatz dazu sei Amelias mürrischer Stiefvater das reinste Kinderspiel gewesen.<br>»Warum machst du das eigentlich mit?«, bohrte ich nach.<br>»Ich liebe sie so sehr«, hauchte Tony.<br>Er sei, reflektierte der Italiener, hoffnungslos in einem »Dramadreieck« gefangen, in dem Amelia das Opfer, Karol der böse Wolf und er selbst der strahlende Retter sei.</p>



<p>Pünktlich zum Eintreffen der Gäste brachen ein paar Sonnenstrahlen durch die dunkle Wolkendecke.<br>Es sah aus wie auf einer Western-Themenparty.<br>Die Männer trugen Cowboyhüte und die Frauen auch, dazu Jeans und Stiefel. Nur Amelia hatte sich in ein schwarzes Kleidchen gezwängt, das ihren athletischen Körper betonte, in den Händen hielt sie einen Strauß roter Rosen.<br>Vor dem Feuer mit dem gerösteten Schaf bildete sich eine lange Schlange. Karol stand mit einem großen Messer daneben und verteilte gönnerhaft saftiges Fleisch.<br>Jan, der die ganze Arbeit gemacht hatte, schmollte etwas abseits.<br>»Siehst du den Typen da?«, raunte er mir zu, als ein kräftiger Kerl sein Stück Schaf abholte und mit Karol tuschelte. Seine Oberarme waren dick wie Pferdeschenkel, um den Stiernacken hing eine silberne Militärmarke.<br>»Das ist der Polizist, der Karol festgenommen hat.«<br>Hä? Warum stießen ein Straftäter und dessen Einbuchter mit einem Bier an?<br>Kein Krimiautor hätte sich diese Geschichte ausdenken können.</p>



<p>Jan berichtete, dass die Tochter des Beamten an einer Hirnstörung litt. Das Einzige, was ihr half, waren Therapiestunden mit Pferden. Nun seien Karol und der Polizist beste Freunde.<br>Prost.<br>Bier, Wodka, Wein und Cocktails flossen in Strömen.<br>Die Stimmung war ausgelassen.<br>Bis tief in die Nacht tanzten, lachten und tranken die Gäste. Abwechselnd tauchte das große Feuer das Hexenhaus und die Wohnwagen in Gelb, Orange und Rot. Aus großen Lautsprechern hallte amerikanische Countrymusik durch die bulgarischen Berge.<br>Erst in den frühen Morgenstunden fielen die Ersten in ihre Wohnwagen oder fuhren nach Hause.</p>


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                                Die Party am Feuer dauert bis tief in die Nacht. Foto: Markus Huth
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<p>Aus den dunklen Wolken war inzwischen ein ernstes Gewitter geworden. Wütend grollte und blitzte es über den Bergen.<br>Betrunken drängte sich Karol dicht neben die Waliserin auf eine Holzbank, legte seine schwere Hand auf ihr Bein und lallte, dass sie sich nicht so zieren solle.<br>Verstört flüchtete sie zu Jan, Tony und mir ans Feuer.<br>Derweil tanzte Amelia um die Flammen wie eine sexy Hexe. Sie schwang die Hüften im Takt der Countrymusik und begann, ihr Kleidchen herunterzurollen.<br>Italiener Tony war außer sich vor Eifersucht.<br>Genau wie Karol, der sich außerdem von der Waliserin verschmäht fühlte.<br>Beide Männer starrten auf die halb nackte Amelia, als wäre sie ein saftiges Stück Schaf.<br>Schließlich sprang Tony von der Holzbank und marschierte wütend den Hang hinunter in Richtung seines Wohnwagens.<br>»Was hat er denn?«, fragte Sarah und stand auf, um ihm nachzugehen.<br>Genau in diesem Moment erwachte Amelia aus der Hexentrance und sah ihren Liebhaber und die Waliserin zusammen in die Nacht verschwinden.<br>»Was willst du von dieser Schlampe?«, brüllte sie und folgte ihnen in die Dunkelheit.</p>



<h2>Der Sturm</h2>



<p>Das Gewitter lag nun genau über der Ranch.<br>Für den Bruchteil einer Sekunde leuchtete ein gleißender Blitz auf, und ich sah die drei Gestalten vor Tonys Wohnwagen.<br>Ein krachendes Donnern folgte.<br>Dann wie Millionen Indianerpfeile der Regen.<br>Ich weiß nicht mehr, warum, aber ich wollte nach dem Rechten sehen und ging hinterher. Der Boden hatte sich in einen einzigen matschigen Sumpf verwandelt, mit nassen Füßen erreichte ich den Wohnwagen.<br>Davor stand Amelia, schrie unverständliche Worte in die Nacht und weinte. Dann riss sich die Betrunkene ihr durchnässtes Kleid vom Leib und hämmerte nackt an Tonys Wohnwagentür.<br>Seelenruhig sagte der Italiener ihr durch den Fensterspalt, dass er sauer sei und sie jetzt nicht sehen wolle.<br>Er brauche jetzt eine Freundin zum Reden. Sarah.</p>



<p>Das machte das nackte Cowgirl nur noch wütender.<br>Sie schrie auf Polnisch und hämmerte.<br>Bis sie wie ein Sack in den Matsch fiel und sanft zu schnarchen begann.<br>»Sie holt sich den Tod!«, rief die Krankenschwester, kam aus dem Wohnwagen und versuchte, die größere Amelia aufzuheben.<br>»Lass mich! Lasst mich alle!«, lallte die Betrunkene.<br>»Lasst sie dort schlafen, wenn sie unbedingt will!«, brüllte der aufgebrachte Tony.<br>Sarah und mir reichte es.<br>Sollte das Liebespaar seine Probleme doch selbst klären.<br>Im prasselnden Regen stapften wir zurück zu unserem Armeeanhänger.<br>Die Achtzehnjährige erklärte, sie wolle am nächsten Tag abreisen. Bevor Amelia sie aus Eifersucht umbringen oder Karol sie vergewaltigen könne.<br>Ich fand ihren Entschluss ziemlich nachvollziehbar.<br>Erschöpft fiel ich im abgetrennten Bereich des Armeehängers auf meine Matratze. Kurz vor dem Einschlafen war es mir, als ob ich Karols gedrungene Gestalt im Licht eines Blitzes auf den Wohnwagen des Italieners zugehen gesehen hatte. Auf dem Kopf seinen Cowboyhut. In der Hand ein langes Messer.<br>Dann wurde es dunkel vor meinen Augen.</p>



<p>Wir fanden Tonys Leiche am Bach.<br>Die Kehle durchgeschnitten, wie beim braunen Schaf. Das rote Blut floss aus seinem Hals aufs nasse Gras. Es regnete noch immer in Strömen.<br>Tonys tote Augen starrten mich vorwurfsvoll an.<br>»Schau, seine Seele fliegt in den Himmel«, kommentierte die Krankenschwester. Und während Tonys Seele über unsere Köpfe entschwebte, graste die Ziege, als ob nichts wäre.<br>Schweißgebadet wachte ich auf.<br>War es nur ein Traum?</p>



<p>Verwirrt kletterte ich aus meiner Schlafzelle ins Freie in den grauen Morgennebel. Draußen hockten Amelia und Sarah neben der Kuh, die Melkmaschine ratterte vor sich hin. Die Waliserin hatte ihre Meinung bereits wieder geändert. Nachdem sich Amelia bei ihr entschuldigt und versprochen hatte, dass sie in Sicherheit sei, wollte die Achtzehnjährige nun doch auf der Ranch bleiben.<br>Beschämt schaute mich das Cowgirl an.<br>»Sorry, ich hab gestern zu viel getrunken. Karol hat mich zurückgetragen.«<br>Ich rannte den Hang hinunter zu Tonys Wohnwagen und hämmerte an seine Tür, um sicherzugehen, dass er noch lebte.<br>»Was ist? Ich füttere die Enten später«, stotterte der Italiener verschlafen.<br>Das war der Moment, als ich entschied, noch am selben Tag abzureisen.</p>



<p>Zwar hatte ich eigentlich noch eine Woche. Doch das Dramadreieck wurde zu viel für meine Nerven. Ich hielt es für nicht ausgeschlossen, dass hier doch noch jemand aus Eifersucht erschlagen wurde.<br>Ich packte meinen Rucksack, und sagte schweren Herzens Lebewohl zu meinen tierischen Schützlingen – und leichteren Herzens zu den menschlichen Ranchern. Als ich den Feldweg hinunter zur Straße marschierte, wartete wie zum Abschied meine Stute Wesna unter einem Baum.<br>An der einsamen Landstraße hielt ich den Daumen raus und hoffte, dass mein nächster Tiersitterjob etwas weniger Drama bringen würde als diese Ranch der Leidenschaften.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Slum mit Stil</title>
		<link>https://www.weltseher.de/slum-mit-stil/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Mar 2020 16:56:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kenia]]></category>
		<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Nairobi]]></category>
		<category><![CDATA[Tilo Mahn]]></category>
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					<description><![CDATA[In Kenias Hauptstadt Nairobi wohnt ein Drittel der Bevölkerung in Slums.  Eine Million Menschen organisieren ihr Leben zwischen Bretter-Hütten, Rohbauten und Müll. Doch anstatt darüber zu jammern, wollen einige das Beste daraus machen. <p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/slum-mit-stil/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>In Kenias Hauptstadt Nairobi wohnt ein Drittel der Bevölkerung in Slums. Eine Million Menschen organisieren ihr Leben zwischen Bretter-Hütten, Rohbauten und Müll. Doch anstatt darüber zu jammern, wollen einige das Beste daraus machen. </strong></p>



<p>Mit ausgestrecktem Arm deutet Nicholas Kimeu über Wellblechdächer und ausgewaschene Straßen. »So viele Menschen sind hier aufgewachsen. Und dann leben sie halt einfach hier. Und die nächste Generation führt wieder das gleiche Leben.« Er sitzt auf einem Plastikkanister zwischen Wäscheleinen und wackeligen Regalen. Seine Augen sind leicht zusammengekniffen vor heller Sonne und Staub in der Luft, wenn er erzählt. »So entsteht ein Kreislauf, der immer wieder neu anfängt. Dadurch ändert sich an der Situation hier im Slum aber rein gar nichts.« </p>



<p>Eine Gasse weiter ist er zusammen mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder aufgewachsen. Zu viert in einem Zimmer, auf knapp zehn Quadratmetern, zwischen Holzpritschen, Matratzen, Kanistern und vielen Töpfen. Die Hütte der Eltern haben die Kinder verlassen, als ihre Mutter 2012 starb. Der Bruder wohnt jetzt gegenüber. Von seiner Tür aus kann Nicholas Kimeu auf das Dach des Hauses blicken. Dahinter erscheinen im staubigen Dunst am Horizont die Hochhausfronten der Westlands. Etwas weiter hinten erheben sich die grünen Hügel Nairobis voller moderner Wohnanlagen und »gated communities«, umzäunte Nachbarschaften für wohlhabendere Bewohner.&nbsp;</p>



<h2>Aus dem Slum aufs Cover</h2>



<p>Die Bäume und Wege zum Spazieren dort kennt Nicholas Kimeu nur aus Erzählungen und von Bildern. Er hat die Ellbogen auf den Knien abgestützt, zwischen den Handﬂächen rollt er eine Zeitschrift hin und her. »Hier in Mathare leben wir wie in einem Tal zwischen zu hohen Bergen. Um uns herum ragen die schillernden Gegenden auf. Und wir sitzen hier mittendrin.« Das Titelbild der Zeitschrift in Nicholas Kimeus Händen zeigt eine junge Kenianerin, stark geschminkt in einem orangen Kleid. Das Mädchen, Njoki Muriithi, ist das aktuelle Cover-Model des »Zoom Magazins«. Wie Nicholas Kimeu stammt sie aus Mathare, einem der zahlreichen Slums in Kenias Hauptstadt Nairobi. Die Magazinredaktion hat Njoki Muriithi als Gewinnerin des Monats durch ein Selﬁe von ihr ausgewählt. Für das neue Jugendmagazin mit Themen aus Musik, Mode und Subkultur – über das Leben im Slum.&nbsp;</p>


<div id="aesop-gallery-7165-6"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-7165" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-6.jpg" data-caption="Von Mathare, einem der größten Slums in Nairobi, blickt man über Wellblechdächer hinweg bis zum Horizont mit den Hochhausfronten der Westlands." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-1.jpg" data-caption="In der Bibliothek lesen Freiwillige den Kindern vor. Viele der Bücher stammen aus Spenden." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-2.jpg" data-caption="Nicholas Kimeu vor seiner Holzhütte im Slum – „Empire“, sein eigenes Reich, steht an die Tür gemalt. " alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-3.jpg" data-caption="Michael Maina ist regelmäßig in Mathare unterwegs – als Sozialarbeiter und Projektmanager. Er ist selbst in einem Slum aufgewachsen." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-4.jpg" data-caption="Das Leben in den Slums spielt sich auf der Straße ab. Kleine Geschäfte und Stände bestimmen die Infrastruktur." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-5.jpg" data-caption="Fußball wird überall gespielt und geschaut – die meisten Jugendlichen sind Fans von Vereinen aus der englischen Premier League." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-8.jpg" data-caption="Michael Maina und Nicholas Kimeu kennen sich schon lange. Inzwischen arbeiten sie gemeinsam in Projekten, die den Slum Mathare in einem anderen Licht erscheinen lassen sollen." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-9.jpg" data-caption="Ziegenrippchen garen im Rauch von Grillrosten. Von den Ständen weht ein süßlich brennender Geruch, der in der Nase beißt. Staub auf den Straßen weht wirbelnd durch die Luft." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-10.jpg" data-caption="„Es herrscht hier nicht nur Chaos, wie viele Leute gerne behaupten.“ Hinter dem Gewusel auf der Straße herrscht Struktur und Organisation. " alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-11.jpg" data-caption="Kaufen kann man fast alles am Straßenrand. Einkäufe sind meist verbunden mit einem Gespräch über den Alltag oder Fußball." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-12.jpg" data-caption="Nairobis Slums sind mit Müll überschüttet. Besonders die jüngeren Leute versuchen, dies zu ändern und das Leben im Slum so zu zeigen, wie es tatsächlich ist. " alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-13.jpg" data-caption="An den Häusern hängen tropfende Kleidungsstücke über Wäscheleinen. Viele der wenigen Häuser sind selbst gebaut." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-14.jpg" data-caption="Man kommt überall schnell hin. Und viele Leute hier betreiben ihren eigenen kleinen Handel. Vor allem aber herrscht Leben!" alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-15.jpg" data-caption="Die meisten Menschen hier nehmen große Strapazen für einfachste Dinge wie Wasser, Essen und eine halbwegs ordentliche Bleibe auf sich. Aber sie wissen trotzdem zu schätzen, wenn sie auch andere Anregungen bekommen." alt=""></a><a href="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Nairobi-16.jpg" data-caption="In der MYSA Mathare Library können Kinder und Jugendliche lesen, zuhören und eigene Projekte planen und besprechen." alt=""></a></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Tilo Mahn</p></div>


<p>Nicholas Kimeu hat an der zweiten Ausgabe der Zeitschrift als Fotograf und Autor mitgearbeitet. »Ich habe mich irgendwann gefragt: Warum kommen ständig andere Leute hierher, um dann unsere Geschichten zu erzählen?«, sagt er. »Ich wollte die Gelegenheit nutzen, selbst zu erzählen. Ich wollte den Leuten meine Sicht auf die Kultur Nairobis und in Mathare näherbringen.« Nicholas Kimeu hat lange Zeit über seine Heimat nachgedacht. In Texten, Gedichten, in Filmen und auf Fotos hält er jetzt seine Gedanken, Ideen und Beschreibungen fest. An der Wand neben dem Spiegel hängt das erste Foto, das er gemacht hat: Zwei Kinder blicken hinter einer Ecke hervor in die Kameralinse. Dahinter verliert sich eine Gas se entlang winziger Rinnsale im rötlich lehmigen Bo den vor einem Teppich aus zerdrückten Plastikﬂaschen.&nbsp;</p>



<p>Wohl knapp eine Million von Nairobis geschätzten gut drei Millionen Einwohnern leben in einem der zahlreichen Slums der Stadt. Eingebettet zwischen Häuserblocks und Rohbauten aus Beton erstrecken sich auf riesigen Flächen und in Tälern die Hütten, Gassen und Stände derer, die sich anderen Wohnraum nicht leisten können. Unter ausgeblichenen Sonnenschirmen liegen auf Holztischen Plastikspielzeug und Bananenstauden aus. Ziegenrippchen garen im Rauch von Grillrosten. Kinder laufen Slalom um die Holzstangen der aufgespannten Planen und zwischen den geparkten Mofas. Alltägliches Treiben, wenn man in Mathare unterwegs ist.&nbsp;</p>



<h2>Sport und Bibliothek</h2>



<p>Vor den Füßen von Nicholas Kimeu rollt ein Ball über die Straße. Er kickt ihn in Richtung Straßenrand, hält kurz inne, wartet, was die Kinder machen. »Das hier ist die Wirklichkeit, die gelebte Wirklichkeit.« Als die Kinder dem Ball hinterhersausen, spricht er weiter. »Wir spüren die Trennung, die große Kluft zwischen Arm und Reich jeden Tag. Und der Grund dafür liegt auch in der Politik und im System.« Nicholas Kimeu ist auf dem Weg in die Bibliothek. Fast täglich geht er in die »MYSA Mathare Library«. Freunde hatten ihm vor Jahren beim Fußballspielen davon erzählt, dass sie sich dort regelmäßig treffen. Die Bibliothek ist eines der Projekte der Mathare Youth Sports Association, kurz MYSA. 1987 wurde MYSA als Hilfsorganisation gegründet und gehört mittlerweile zum Leben im Slum dazu – als Anlaufstelle für Beratung, als Ideengeber und als eine Art Kultur- und Sportzentrum. Über Fußball und andere Sportangebote kommen die Mitarbeiter mit Kindern und Jugendlichen auf der Straße und in Schulen in Kontakt. Sie wollen die Jugend stärken, ihnen Anregungen bieten. Das Ziel ist, soziale Kompetenzen und Selbstvertrauen zu vermitteln.&nbsp;</p>



<p>Bei den Treffen zeigen die Teilnehmer ihre Fotos, erzählen von ihren Projekten und Themen. Dann unterhalten sich die Mitarbeiter von MYSA mit den Jugendlichen über Drogen, Kriminalität und Bürgerrechte. Für diese Treffen fährt Michael Maina regelmäßig von seinem Büroplatz bei MYSA in Komarock im Osten Nairobis nach Mathare. Sein Weg führt ihn über die Juja Road, die oberhalb des Slums entlangführt. Als ehemaliger Teilnehmer von MYSA-Projekten kennt er die Bibliothek in Mathare noch aus den Anfängen. Inzwischen gibt es vier davon, verteilt über die Stadt. An der Straßenecke steigt Michael Maina aus einem der bunten Matatus, der typischen Kleinbusse in Nairobi. Zwischen lautem Motorknattern und dem Hupen der vorbeifahrenden Matatus muss er laut sprechen. »Die meisten Menschen hier nehmen große Strapazen für einfachste Dinge wie Wasser, Essen und eine halbwegs ordentliche Bleibe auf sich. Aber sie wissen trotzdem zu schätzen, wenn sie auch andere Anregungen bekommen.«&nbsp;</p>



<p>Mittlerweile ist er Programm-Manager für das Projekt »Shootback«. MYSA verleiht Kameras und andere Technik, damit die Teilnehmer wie Nicholas Kimeu auf eigene Faust ihr Viertel, ihre Freunde und ihre Umgebung fotograﬁeren, filmen und dokumentieren können. Michael Maina ist selbst in einem Slum groß geworden, etwas weiter entfernt vom Stadtzentrum. Mit der Arbeit bei MYSA will er auch gegen das trostlose Bild der Viertel ankämpfen. »Es herrscht hier nicht nur Chaos, wie viele Leute gerne behaupten. Die Straßen sind okay, auch wenn sie eben durch ein Slum führen«, sagt er, hebt seine Stimme noch mal an. »Man kommt überall schnell hin. Und viele Leute hier betreiben ihren eigenen kleinen Handel. Vor allem aber herrscht Leben!« Auf dem Weg durch Mathare bleibt Michael Maina alle paar Meter stehen, begrüßt Jugendliche und Kinder vor ihren Hütten mit Handschlag und Ghettofaust. Ein kurzer Spruch, ein schnelles Lächeln. Hammerschläge und Radiomusik begleiten die Gespräche über Alltag und Fußball. Ein süßlich brennender Geruch beißt in der Nase. Staub auf den Straßen weht wirbelnd durch die Luft.</p>



<h2>Kaum Platz zum Lesen</h2>



<p>Am Ende der Gasse bleibt Michael Maina vor einem dreistöckigen, bunt bemalten Haus stehen. Nicholas Kimeu steht hinter dem Blechzaun, auf dem in Grün gemalt steht: MYSA Mathare Library. Er unterhält sich mit anderen Jugendlichen. Michael Maina tippt ihm auf die Schulter. Ein verwunderter Blick, dann ein herzliches Umarmen. Die beiden bücken sich nacheinander durch den niedrigen Eingang der Bibliothek. </p>



<p>Drinnen hinter der Empfangstheke sitzen Kinder auf dem Boden und blättern in Bilderbüchern. Die Wände sind bunt bemalt mit Bäumen, Wiesen und spielenden Kindern. Im oberen Stockwerk stehen Regale voller Romane, Geschichtsbücher und Biograﬁen auf Englisch und Swahili. Michael Maina streift einige Buchrücken entlang. »Die meisten Hütten hier sind winzig. Zugang zu Bildung gibt es kaum. Das ist daheim nicht vorgesehen, und es gibt auch einfach keinen Rückzugsort zum Lesen«, erzählt er, während er Bücher in die Regale zurückschiebt. »Teilweise leben acht Familienmitglieder auf engstem Raum. Ein Zimmer dient häuﬁg als Wohnzimmer, Kinderzimmer und Schlafzimmer zugleich. Da gibt es einfach nicht genug Platz zum Lesen.«</p>



<p>Draußen vor den Fenster-Gitterstäben dreht sich rumpelnd eine Betonmischmaschine. Einige Schaulustige stehen herum. Ein älterer Mann stochert mit der Schaufel im Bauch der Betonmischmaschine. Dahinter stehen niedrige Mauern. Man erahnt den Grundriss für ein neues Haus. Dahinter hängen tropfende Kleidungsstücke über einer Wäscheleine. Nicholas Kimeu sitzt auf einem Stuhl am Fenster und verfolgt das Geschehen. »Wer weiß, vielleicht verlasse ich eines Tages diesen Ort. Aber vorher will ich hier etwas hinterlassen für die Zukunft. Nur vom bloßen Wunsch, hier wegzukommen, wird sich an diesem Ort nie et was ändern.«&nbsp;</p>



<p>Korruption und Konﬂikte zwischen Nationalitäten und Stammeszugehörigkeiten bestimmen seit Jahren das Leben in Kenia. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Nairobi deutlich sichtbar. Selbst Wohnraum im Umland oder an den Stadtgrenzen ist für viele Einwohner Nairobis kaum bezahlbar. Rund um die Bankentürme und Regierungsgebäude im Stadtzentrum entstehen neue Straßen und weitere Hochhäuser. Häuﬁg, bevor klar ist, wie ein Gebäude genutzt werden soll. Vorhaben, stattdessen Wohnungen in den ärmeren Vierteln zu bauen, sind immer wieder im Sand verlaufen. Nicholas Kimeu engagiert sich inzwischen dafür, in Mathare Bäume zwischen die Hütten zu pﬂanzen und die Straßen vor der Regenzeit besser zu befestigen. In einem seiner Texte schreibt er: »Wenn reiche Leute andere reiche Leute dafür bezahlen, da mit Handlanger dann die Ärmsten verantwortlich machen, ist das wie eine Nahrungskette, an deren Ende wir stehen.«&nbsp;</p>


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<p>MYSA will mehr Chancen schaffen, damit Jugendliche in Mathare nicht mehr nur am Ende stehen. Neben Spenden verdient die Organisation inzwischen auch eigenes Geld. Am Hauptsitz in Komarock bieten Mitarbeiter Fitnesskurse und Physiotherapie an. So können Projekte und Personal weiter ﬁnanziert werden. Teilnehmer können zu Mitarbeitern ausgebildet werden. Sie bekommen Punkte, wenn sie bei Fußballturnieren, bei Aufräumaktionen in Mathare oder AIDS-Präventionskursen mitmachen, wachsen lang sam in die Organisation rein. Michael Maina hat selbst diese Erfahrung gemacht. »Weil die Menschen merken, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, versuchen sie inzwischen auch viel mehr, etwas aus sich zu machen.« </p>



<p>Die beiden Freunde sind weitergezogen, um etwas zu essen. Mit einer Schale Kochbananen in der einen Hand und einem Programmheft in der anderen Hand steht Michael Maina im Innenhof eines improvisierten Kulturzentrums. Er unterhält sich mit Nicholas Kimeu über das bevorstehende Filmfest. Einmal im Jahr organisiert MYSA das Mathare Youth Film Festival. Nicholas Kimeu will dort seinen ersten Film vorführen. Michael Maina hofft, mit dem Festival noch mehr Aufmerksamkeit für die Projekte und die Teilnehmer zu bekommen. Er ist überzeugt: »Die meisten Leute, die wirklich etwas erreicht haben, stammen von dieser Seite der Stadt. Sie sind einfach kreativer aufgrund der Umstände, aus denen sie stammen. Manchmal erstaunt es die Slumbewohner selbst, zu was einige Leute im Stande sind.«&nbsp;</p>



<h2>Poesie aus dem Slum</h2>



<p>Michael Maina und die anderen Mitarbeiter gestalten Plakate, suchen weitere freiwillige Helfer. Zwischen den Filmen sollen auch Bands auftreten. Nicholas Kimeu stellt seine Schale zur Seite und räumt Teile einer Bühne aus dem improvisierten Büro vor die Graﬃti-Wand des Innenhofs. »Einige Menschen hier denken, sie sitzen für immer in diesem Loch fest, egal, was kommt. Aber ich sage: Nein!« Er zieht eine Leinwand zum Ausrollen unter dem Schreibtisch hervor, atmet tief. »Ich habe Dinge im Fernsehen gesehen, Bücher gelesen. Und ich habe eine Vorstellung für mich von einem besseren Leben.« Inzwischen hat Nicholas Kimeu so viele Gedichte geschrieben, dass er sie als Band veröffentlichen könnte. Noch sucht er nach einem Verlag, einem Abnehmer. »Das Schreiben über Mathare und mein Leben hat mir sehr geholfen, mit schweren Phasen meines Lebens umzugehen. Trotzdem versuche ich, das Persönliche in meinen Texten so klein wie möglich zu halten.«&nbsp;</p>



<p>Für den Rückweg zu seiner Hütte nimmt Nicholas Kimeu einen Umweg durch die steilen Gassen zwischen den Hütten. Nach dem Aufstieg auf festgetretenem Sandboden und Müllresten öffnet sich der Blick hinter einer Biegung. Auf der Anhöhe hinter einem Mauervorsprung bleibt Nicholas Kimeu stehen. Vor ihm liegt die riesige Fläche aus Brettern, Lehmwänden und Wellblechdächern der Hütten. Er dreht sich um und sagt: »Es geht hier nicht um mich. «</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kiruna auf Rädern</title>
		<link>https://www.weltseher.de/kiruna-auf-raedern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2020 10:24:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schweden]]></category>
		<category><![CDATA[Abenteuer]]></category>
		<category><![CDATA[Arktis]]></category>
		<category><![CDATA[Eis]]></category>
		<category><![CDATA[Ekaterina-Venkina]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Kälte]]></category>
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					<description><![CDATA[Was passiert, wenn eine Stadt plötzlich auf Rädern landet? Und was, wenn sie dazu in der Arktis liegt? Unterwegs in einer „company town“ zwischen dem Fjell und der Mine.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/kiruna-auf-raedern/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Was passiert, wenn eine Stadt plötzlich auf Rädern landet? Und was, wenn sie dazu in der Arktis liegt? Unterwegs in einer „company town“ zwischen dem Fjell und der Mine.</strong></p>
<p>Es ist, als beobachte man ein groteskes Puppenstubenspiel der Jötunnen, der altnordischen Riesen. Fast geräuschlos verlässt das rund 100 Tonnen schwere Gebäude seinen Ort. Es wird auf einen Stahlbalken hochgehoben und auf einen Tieflader aufgesetzt. Das erste von mehreren denkmalgeschützten „Gelbe Reihe Häusern“ macht sich auf die Reise.</p>
<p>Mit einer Geschwindigkeit von fünf Kilometer pro Stunde rollt es durch die Gegend. Es zieht an erstaunten Zuschauern und an einigen verkrüppelten alten Birken vorbei. Seine wachsame Garde, uniformierte Transportarbeiter in neongrünen Schutzanzügen, geht dicht daneben und passt auf, dass das Gebäude nicht verrutscht. Es fängt an zu schneien. Dicke, unförmige Schneeflocken stöbern durch die Luft. Und das 119 Jahre alte Haus aus Kiruna rollt in sein neues Leben.</p>
<h2>Getrieben vom Nomadengeist</h2>
<p>Kiruna ist Schwedens nördlichste Stadt. Sie liegt gut 140 Kilometer oberhalb des Polarkreises: Ein Haufen zusammengewürfelter Häuser, altmodische Oldtimer auf den Straßen und das Ende-der-Welt-Gefühl in der Luft. Im Sommer geht die Sonne für etwa 50 Tage nicht unter, im Winter für fast drei Wochen nicht auf. Karge Landschaften rufen Zeiten in Erinnerung, als das Volk der Samen mit seinen Rentieren hier noch frei umher wanderten.</p>
<p>Wie von diesem Nomadengeist getrieben, gerät Kiruna jetzt selbst in Bewegung. Nach Nya Kiruna (Neu-Kiruna), rund vier Kilometer östlich, soll es gehen. Im Oktober waren drei „Gelbe Reihe Häuser“ mit den Nummern B555, B556 und B557 umgezogen. Bald folgen auch die anderen Gebäude.</p>
<p>Grund für den Umzug ist die größte unterirdische Eisenerzmine der Welt. Sie liegt unter dem westlichen Stadtrand und frisst sich immer weiter nach Osten. Deshalb müssen etwa 6.000 Einwohner ihre Heimat verlassen, einige haben es bereits gemacht.</p>
<p><div id="aesop-gallery-7112-7"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-7112" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-9.jpg" data-caption="Das historische &quot;gelbe Haus&quot; zieht auf Rädern um. Foto: Åke Jönsson" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-2.jpg" data-caption="Diese &quot;Gabionen&quot; erinnern an Häuser, die nicht mehr stehen. Foto: Ekaterina Venkina" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-4.jpg" data-caption="Aussicht auf den Fjell. Foto: Ekaterina Venkina" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-8.jpg" data-caption="Die Rentier-Haltung gehört zum kulturellen Erbe Kirunas. Foto: Mattias Keinil" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5.jpg" data-caption="Rentier-Herde im Winter. Foto: Mattias Keinil" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-7.jpg" data-caption="Untertage in der Mine. Foto: LKAB" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-6.jpg" data-caption="Untertage in der Mine. Foto: LKAB" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-1.jpg" data-caption="Untertage in der Mine. Foto: LKAB" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-2.jpg" data-caption="Auch der Gedenkhain samt den Toten  soll verlegt werden. Foto: Ekaterina Venkina" alt=""></div></div></p>
<h2>Im Angesicht der Stille</h2>
<p>Åke Jönsson, der 55-jährige Umweltinspektor aus Kiruna, hat sein altes Haus bereits geräumt.<br />
„Es war Samstagmorgen. Ich trank meinen Frühstückskaffee. Draußen war es komplett still. Kein Kindergeschrei, gar nichts“, Jönsson wirft einen langen Blick auf die Stelle, wo sein Haus früher stand. Ein mit grauen Steinen gefüllter Drahtkorb ist das einzige, was an dieser Stelle noch zu sehen ist. „Erst dann wurde mir schließlich klar, dass wir wirklich weg müssen“, sagt er. Das war Weihnachten 2014.</p>
<p><div id="attachment_7134" style="width: 210px" class="wp-caption alignleft"><img aria-describedby="caption-attachment-7134" class="size-medium wp-image-7134" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-375x600.jpg" alt="" width="200" data-id="7134" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-375x600.jpg 375w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-768x1228.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-750x1200.jpg 750w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-94x150.jpg 94w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4-400x640.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-4.jpg 1063w" sizes="(max-width: 375px) 100vw, 375px" /><p id="caption-attachment-7134" class="wp-caption-text">Ake Jönsson ist bereits umgezogen.</p></div></p>
<p>Der Drahtkorb, Gabione genannt, soll eigentlich ein Werk des Gedenkens sein. Doch mit ihrem dürren Käfig aus verzinktem Stahl sieht sie eher wie alte Haut aus, die das Haus nach dem Entpuppen abgelegt hat.</p>
<p>In Jönssons altem Viertel Ullspiran, nur ein paar Hundert Meter vom Zentrum entfernt, gab es mehrere dreistöckige Reihenhäuser mit insgesamt rund 200 Wohnungen. Sie waren in den 1960er Jahren von der staatlichen Bergbaugesellschaft Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag (LKAB) für Familien mit Kindern gebaut worden. Jönsson hat mit seiner Partnerin und seinen zwei Söhnen, Dennis und Robin, fast 25 Jahre dort gewohnt. Er erinnert sich noch gut daran, wie nach Robins Geburt ein Baum im Innenhof gepflanzt wurde. „Als Glückszeichen“, sagt er.</p>
<p>Ullspiran war eines der ersten Viertel in Kiruna, das komplett verschwand. Als Jönsson und seine Familie den Bezirk verliessen, war fast niemand von ihren Nachbarn mehr da. Stattdessen war der Bezirk komplett geräumt worden und dient für die Übergangszeit als Parkzone.</p>
<p>Für die Hausbesitzer, die in Kiruna vom Umzug betroffen sind, bieten sich drei Optionen an. Nummer Eins: Die Bergbaugesellschaft LKAB zahlt für die Häuser, die abgerissen werden. Ihre Bewohner bekommen den Marktpreis und zusätzlich 25 Prozent. Doch obwohl die Auszahlungen höher sind, als der marktübliche Verkaufspreis, reichen sie nicht, um einen gleichwertigen Neubau in der Stadt zu kaufen. Deswegen droht die Gefahr, dass viele Betroffene den Ort verlassen werden, um woanders ein Haus zu kaufen.</p>
<p>Die zweite Alternative ist die so genannte „Schlüssel gegen Schlüssel“ Lösung. Als Immobilienbesitzer kann man in Neu-Kiruna ein Ersatzhaus erhalten. Das Problem ist, dass die meisten davon aber noch nicht fertig sind.</p>
<p>Nur die dritte Möglichkeit verlegt ganze Häuser auf Räder. Sie betrifft aber hauptsächlich nur kulturell bedeutende Bauten: Insgesamt rund vier Dutzend werden auf diese Art nach Neu-Kiruna verlegt.</p>
<p>Jönssons Situation fiel allerdings in keine der oben genannten Kategorien. Seine Wohnung gehörte der Minengesellschaft: Genau wie Hunderte von anderen Einwohnern in Ullspiran, hatte er seine Unterkunft gemietet. Ihm hatte LKAB schließlich ein anderes Mietshaus angeboten. Der Ersatz liegt nur wenige Straßen von dem ursprünglichen Ort entfernt. Doch das Problem wurde nur aufgeschoben: 2023 soll auch hier alles abgerissen werden. Wie es dann für ihn weitergeht, weiß Jönsson noch nicht.</p>
<h2>Monstrum und Mutter</h2>
<p>Der 55-Jährige will jetzt noch nicht daran denken. Die Mine wird es schon richten, da ist er sich sicher. Die meisten Bewohner Kirunas haben ihr Leben schon immer nach ihr ausgerichtet. Einerseits ist die Mine ein riesiges Monstrum, dass die Heimat auffrisst. Andererseits ist sie seit über hundert Jahren der größte Arbeitgeber der Region und sorgt fast wie eine Mutter für die Bewohner.</p>
<p>Die Grube Kiruna existiert seit 1890. Eine gefühlte Ewigkeit. Sie gilt als das größte unterirdische Eisenerz-Bergwerk der Welt. Und Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag ist das älteste staatliche Bergbauunternehmen Schwedens. 365 Tage im Jahr wird in LKAB-Minen Eisenerz gefördert, die jährliche Menge an daraus gewonnenem Stahl entspricht ungefähr sechs Eiffeltürmen.</p>
<p>Es ist gerade Weihnachtszeit und Glühbirnenketten lassen die Grube fast schon festlich erscheinen, rund zwei Kilometer vom alten Stadtzentrum entfernt. Über dem schornsteinähnlichen Lüftungsschacht stehen Wolken, die an Rauchschwaden erinnern. Auf mehrere Stockwerke verteilen sich „Die Decks&#8220;, wie ein großes Schiff liegt die Mine zu Anker.</p>
<p>Jede Nacht, pünktlich um 01.20 Uhr, sprengen die Arbeiter untertage. Zurzeit fördert LKAB Eisenerz auf einem Niveau von 1.365 Metern unter dem früheren Gipfel, den die Samen „Berg des Schneehuhns“ nennen. Man hört das Grollen, spürt die Vibration. Es wird ausgerechnet mitten in der Nacht gesprengt, weil es zu diesem Zeitpunkt nur wenige Bergarbeiter untertage gibt. Falls die Sprengung schiefgeht, so das Kalkül, wird es weniger Opfer und Verletzte geben. Die nächtlichen Detonationen sind in Kiruna Teil des Alltags geworden. Es ist, als hätte man Jörmungandr, die Midgardschlange aus der Wikinger-Legende, gezähmt.</p>
<p>„Wir leben hier in einer Bergbaustadt. In einer company town,“ sagt Fredrik Björkenwall. Er arbeitet in der Kommunikationsabteilung von LKAB. Björkenwalls Großvater war sein Leben lang Bohrer. Ganz unten, im Bauch der Mine.</p>
<p>Rund 540 Meter unter dem Gipfel des Berges ist die Luft feucht und lauwarm. Björkenwall führt in einen großen unterirdischen Raum, den man nach einer 15-minütigen Autofahrt durch den Tunnel erreicht. Seltsame Schatten tanzen an den Wänden. Wie schimmernde Blauwale tauchen gigantische stillgelegte Bohrmaschinen aus der Dunkelheit auf. Die Techniker halten die Temperatur das ganze Jahr über konstant: angenehme 18 Grad Plus. Der Grund: So unzerstörbar die schweren Geräte auch aussehen mögen, arktische Kälte zwingt sie in die Knie.</p>
<p>Hier im Herzen der Mine offenbart sich eine unterirdische Parallelwelt. Es gibt eine Kantine, einen Werkzeugladen, sogar einen Konferenzraum. Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat sich hier wohl ein Mittagessen gegönnt, als er 2013 an der Tagung des Arktischen Rats in Kiruna teilnahm.<br />
In dieser Parallelwelt dreht sich fast alles ums Geld. Auch wenn das Geld sich in Form von Eisenerz (apatithaltigen Magnetit) manifestiert und schwarz ist. 2018 erzielte LKAB einen Gewinn von rund 628 Millionen Euro vor Abzug von Steuern. Dafür grub das Unternehmen 26,8 Millionen Tonnen Eisenerz aus der Erde.</p>
<p>LKAB-Sprecher Björkenwall sagt, es sei wirtschaftlich leider notwendig, auch jenes Erz zu fördern, das unter Kiruna liegt. Selbst wenn die Stadt dafür verlegt werden muss. Dafür wolle das Unternehmen bis zum Jahr 2035 fast zweieinhalb Milliarden Euro in die Gemeinde-Umwandlung investieren.</p>
<h2>Das Gefühl des Fjells</h2>
<p>Derweil breitet sich mehrere hundert Meter oberhalb des Förderschachts unter dem weiten Himmel Lapplands ein ganz anderes Universum aus. Hier herrscht die Landschaft namens Fjell. In den spätsommerlichen Tagen leuchtet sie in allen Schattierungen von smaragdgrün bis lila. Von Ende August bis Ende März tanzen die Polarlichter im Nachthimmel, spektakulär und bunt, als hätten sie ihrer Umgebung alle Farben geraubt. In großen Herden suchen Rentiere nach Futter.</p>
<p><div id="attachment_7148" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img aria-describedby="caption-attachment-7148" class="size-medium wp-image-7148" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-375x600.jpg" alt="" width="200" data-id="7148" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-375x600.jpg 375w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-768x1228.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-750x1200.jpg 750w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-94x150.jpg 94w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1-400x640.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna-5-1.jpg 1063w" sizes="(max-width: 375px) 100vw, 375px" /><p id="caption-attachment-7148" class="wp-caption-text">Mathias Keinil ist Same.</p></div></p>
<p>Besuch bei einem echten Samen Kirunas, etwas mollig mit rötlichen Wangen, sitzt er in seiner Wohnung. „Wir sind schon immer mit der Rentierzucht beschäftigt gewesen – soweit wir zurückdenken können“, sagt Mathias Keinil. Der 41-jährige ist in einem kleinen Dorf rund zwanzig Kilometer nördlich aufgewachsen. Seit er elf Jahre alt ist, kennzeichnet er seine Rentiere mit der eigenen Ohrmarke, die ihm sein Großvater gegeben hat. Jeder Rentierbesitzer muss eine haben. Sie wird mit einem Messer in das Ohr des Kalbes geschnitten und kennzeichnet, wem es gehört.</p>
<p>In ganz Schweden leben rund 4.500 Rentierbesitzer. In der Gegend rund um Kiruna gab es 2009 mehr als 141.000 Rene. „Wir haben keinen Einfluss auf sie“, sagt Keinil. „Es sind die Rentiere, die entscheiden, wo sie hinwollen. Wir helfen nur.“ Jeden Sommer ziehen sie nach Westen und jeden Winter – unvermeidlich, wie der Herzschlag der Natur – nach Osten. Wenn eine Kuh mit einem Kalb trächtig ist, geht sie immer zu dem Ort zurück, an dem sie selbst geboren wurde.</p>
<p>Wenn Keinil über die Wanderrouten der Rene erzählt, leuchtet sein rundes Gesicht mit demselben milden Licht auf, das an einem Julitag über die skandinavischen Bergtundra strahlt wird. Für ihn ist das Leben einfach. Ende August wird geschlachtet. Im Mai werden die neuen Kälber geboren. Das ist der Kreislauf des Lebens.<br />
Doch dieser Kreislauf ist bedroht. Laut dem Rentierhalter gibt es drei Faktoren, die sich in den uralten Zyklus einmischen und bei ihm zum plötzlichen Herzrasen führen können: Abholzung, Windparks und der Bergbaubetrieb.</p>
<h2>Demokratie in Aktion?</h2>
<p>Doch zu heftigen Protesten wegen des Bergbaus ist es in Kiruna bislang nicht gekommen. Weder von den Samen, noch von den anderen Einwohnern. Die Loyalität zu der Mine ist einfach zu groß. Heutzutage arbeiten in der Grube rund 500 Kumpel, insgesamt sind 4.200 Menschen bei dem staatlichen Bergbauunternehmen tätig. Etwa zehn Prozent von Kirunas 18.000 Bewohner sind direkt bei LKAB angestellt. Und noch viel mehr arbeiten bei den zahlreichen Subunternehmen und Dienstleistern des Bergwerks.<br />
Nicht zuletzt dank der Mine ist das mittlere Einkommen in Kiruna sogar höher als in Stockholm. Selbst Ungelernte können bei LKAB einen Bruttolohn von fast 4.500 Euro im Monat verdienen. Es scheint, dass man sich hier an diese Sicherheit gewöhnt hat.</p>
<p>Im Laufe der Zeit ist der Umzug zum Status quo geworden. „Ursprünglich gab es sieben verschiedene Stellen, die als mögliche Destinationen genannt wurden“, sagt Dan Lundström. Seit Januar 2017 leitet er die Firma Kiruna Storytelling, die sich mit der urbanen Transformation beschäftigt. Früher war er auch Vorsitzender der lokalen Mietervereinigung. Laut Lundström gab es am Ende nur zwei Alternativen: Die Stadt nach Nordwesten zu verschieben oder rund vier Kilometer nach Osten.</p>
<p>Gunnar Selberg, Gemeinderat&nbsp;für die grünliberale Zentrumspartei, der zum Zeitpunkt der Debatte auch Teil der Gemeinderegierung war, erinnert sich sehr gut daran: „Eigentlich waren wir dafür, eine Volksabstimmung durchzuführen“. Wichtig wäre das nicht nur wegen der Einwohner gewesen, sondern hätte auch eine Möglichkeit sein können, verschiedene Alternativen zu diskutieren. Aus dieser Idee ist aber nichts geworden. „Wir wurden nicht gehört“, meint der Politiker. Die Ost-Alternative hat schließlich gewonnen, was laut Selberg eine Entscheidung der Regierung war. Man hat die Leute von Kiruna nie gefragt, ob sie damit einverstanden sind.</p>
<p>Und nun wird die Entscheidung eben umgesetzt. Zunächst wurden 19 kulturell bedeutende Gebäude verlegt, auch auf Rädern wie die &#8222;Gelbe Reihe Häuser&#8220;. Vor kurzem wurde die Liste auf 39 Bauten erweitert. Dazu gehören unter anderem die Rundfunkstation, das Krankenhaus, die alte Feuerwache, das Gebäude der Heilsarmee und der Stolz der Kiruaner, die Kirche. Ein schönes, rotes Holzbauwerk, das an ein Wikinger-Schloss erinnert.</p>
<p><div id="attachment_7150" style="width: 510px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-7150" class="size-medium wp-image-7150" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-600x375.jpg" alt="" width="500" data-id="7150" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-600x375.jpg 600w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-768x480.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-1200x750.jpg 1200w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-150x94.jpg 150w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-1250x782.jpg 1250w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1-400x250.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna2-1.jpg 1700w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /><p id="caption-attachment-7150" class="wp-caption-text">Die Kirche in Kiruna.</p></div></p>
<h2>„Die Toten müssen ja auch mit“</h2>
<p>„Sogar die Toten müssen mit“, sagt Rasmus Norling. Rasmus, 41 Jahre alt, arbeitet als stellvertretender Kommunaldenkmalpfleger bei der lokalen Gemeinde. Er trägt einen hellblonden Pferdeschwanz mit vereinzelten grauen Strähnen und eine Menge philosophischer Gedanken in sich.</p>
<p><div id="attachment_7152" style="width: 348px" class="wp-caption alignleft"><img aria-describedby="caption-attachment-7152" class="size-medium wp-image-7152" src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-338x600.jpg" alt="" width="338" height="600" data-id="7152" srcset="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-338x600.jpg 338w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-768x1365.jpg 768w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-675x1200.jpg 675w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-84x150.jpg 84w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3-400x711.jpg 400w, https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2020/01/Kiruna3.jpg 844w" sizes="(max-width: 338px) 100vw, 338px" /><p id="caption-attachment-7152" class="wp-caption-text">Das Grab des ersten Direktors der Mine.</p></div></p>
<p>Kurz vor der Kirche bleibt Rasmus abrupt stehen und zeigt einen kleinen, mit Buchen bewachsenen Gedenkhain. Dort thront ein großer grauer Gedenkstein samt Bild und Inschrift. Das Monument wäre einem nordischen Fürsten angemessen, ehrt aber den Gründer der Stadt, der auch der erste Direktor der Mine war: Hjalmar Lundbohm. Ohne ihn hätte die Stadt ihre heutige Identität wahrscheinlich nie entwickelt, schwärmt Rasmus. „Die Mine war sein Lebenswerk“. Dann schweigt er kurz. „Eine Weile war die Frage offen: Lassen wir ihn hier? Soll ihn seine geliebte Grube jetzt verschlucken?“</p>
<p>Laut Gesetz soll die Ruhe der Toten gewahrt, eine Vermischung der Asche unbedingt vermieden werden. Auch wurde Lundbohms Grab noch nie geöffnet. Dies ist nur in besonderen Ausnahmefällen möglich. Rasmus klingt resigniert: „Wie können wir das jemals schaffen?“.</p>
<p>Vielleicht, überlegt er, könnte man den Boden einfrieren und den als einen einzigen Eisklumpen verlegen. Oder den Ort exakt vermessen, alle Steine ausgraben, sie Stück für Stück verlegen und sie an der neuen Stelle exakt zusammensetzen. Schließlich gibt Rasmus auf und will sich weiter mit anderen beraten. „Schließlich, passiert es ja nicht alle Tage, dass man die Toten umbettet“. Sicher scheint ihm nur: Kiruna wird umziehen. <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/12.0.0-1/72x72/2666.png" alt="♦" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /></p>
<hr>
<p><em>Mehr zum Thema erfahrt ihr in diesem Video unserer Autorin :</em></p>
<p><iframe title="Kiruna_Venkina" width="930" height="523" src="https://www.youtube.com/embed/22_aRrR9VQ4?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture" allowfullscreen></iframe></p>
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		<title>Wo die Zeit still steht</title>
		<link>https://www.weltseher.de/wo-die-zeit-still-steht/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Mar 2018 11:38:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Algerien]]></category>
		<category><![CDATA[Algier]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[Marc Oliver Rühle]]></category>
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					<description><![CDATA[Wenn man ein Lineal auf eine Mittelmeerkarte legt, kann man fast eine Senkrechte im rechten Winkel von Barcelona nach Algier ziehen, der Hauptstadt Algeriens – des größten Landes Afrikas. Unser Autor hat sich auf die gegenüberliegende Seite begeben und ein unbeweglich wirkendes, starres Land vorgefunden, dessen ambitionierte Jugend die letzte Rettung sein könnte.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wo-die-zeit-still-steht/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Wenn man ein Lineal auf eine Mittelmeerkarte legt, kann man fast eine Senkrechte im rechten Winkel von Barcelona nach Algier ziehen, der Hauptstadt Algeriens – des größten Landes Afrikas. Unser Autor hat sich auf die gegenüberliegende Seite begeben und ein unbeweglich wirkendes, starres Land vorgefunden, dessen ambitionierte Jugend die letzte Rettung sein könnte.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Die Flugroute zieht gefühlt eine Gerade im rechten Winkel über die auf dem Bordmonitor angezeigte Landkarte. Zwischen Startpunkt und Landedestination klafft ein großer blauer Fleck, wie ein leeres Zentrum – das Mittelmeer. Die Maschine auf dem Weg zur anderen Seite, ans gegenüberliegende Ufer der katalanischen Metropole Barcelona, ist nur eine Stunde in der Luft und fast leer.</p>
<p style="text-align: left;">Nach der wie mit dem Lineal gezogenen Linie durch die Luft, dreht die Boeing 737 nach Westen ab und unter dem linken Flügel breitet sich die nordafrikanische Küste aus: Unerschlossene Strände, halbmondartige Buchten, Steilküstenabschnitte, Schilfinseln zwischen Feldern, Gewächshäusern, vereinzelt Rauch, dann wieder Feld an Feld, unverputzte Häuser, Betonruinen, Hütten, Minarette, erstaunlich viel grüne Farbe. Die Piloten sehen wahrscheinlich schon die weite Bucht von Algier, der Hauptstadt Algeriens, vor sich ausgebreitet. Die Landschaft erscheint mit jeder Sekunde detaillierter und mit jedem Meter Sinkflug wird mir die baldige Ankunft in Afrikas größtem Land bewusster.</p>
<p style="text-align: justify;"><iframe style="border: 0;" src="https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m14!1m12!1m3!1d2876704.6747811274!2d1.2317093876101932!3d38.99277412513215!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!5e1!3m2!1sde!2ses!4v1517151258154" width="100%" height="450" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></p>
<h2 style="text-align: justify;">Ich war voller Stereotype</h2>
<p style="text-align: justify;">Wenige Minuten später knallt der Stempel in den Pass. &#8222;Passen Sie auf sich auf&#8220;, hatte der Mitarbeiter der algerischen Botschaft in Berlin-Pankow nach der Visa-Vergabe noch gemahnt. Es klang nach einer Mischung aus Drohung und einem Bruchteil Fürsorge. Algerien zeigt sich skeptisch gegenüber jeder Form von Besuch. Nun verschwinden die Schiebetüren rechts und links in der Wand und die Empfangshalle des Flughafens von Algier eröffnet sich.</p>
<p style="text-align: justify;">Insaf steht unübersehbar links vor einer Säule. Sie ist zierlich, trägt offenes, lockiges Haar, das Größte an ihr ist das Lächeln, welches Sie uns unmittelbar entgegenwirft. Insaf winkt mich und meinen Reisegefährten sofort zu sich. Die Begrüßung ist südländisch, französisch, Küsschen rechts, links. Salut und Salam gleichermaßen. Während im Gebäude selbst fast Stille und vor allem kaum Betriebsamkeit herrscht, geschieht draußen davor das ganze Gegenteil und eine enorme Lebendigkeit umzingelt mich sofort, überwältigt mich gewissermaßen. Unmengen von Autos und kleinen Lieferwagen scheinen alle zur gleichen Zeit gestartet zu sein und wollen sich alle durch dasselbe Ausfahrtstor pressen.</p>
<p style="text-align: justify;">Abgase, Zigarettenrauch, eingedellte Taxis sind erste dominante Eindrücke. Insaf hupt energisch, schimpft vergnügt und schiebt sich kompromisslos und vor allem selbstbewusst mit ihrem kleinen Wagen Reifenlänge um Reifenlänge zum Ausgang vor. Ich sitze amüsiert und angenehm verwundert auf dem Beifahrersitz. Die Medizinstudentin Insaf wirkt beachtlich emanzipiert und freiheitlich, vor allem für ihr junges Alter von 23 Jahren. Beachtlich, weil ich andere Stereotype im Kopf hatte, für die ich mich eigentlich schämen muss: Kopftuch, tradiertes Auftreten, eine gewisse Rückständigkeit. Gegenteile zur westlich geprägten Moderne und weitere Vorurteile.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Insaf statt ISIS</h2>
<p style="text-align: justify;">Ich habe Insaf über Couchsurfing kennengelernt. Ich war auf der Suche nach Einheimischen vor Ort, die uns treffen, mit Empfehlungen helfen und vor allem mit uns offen sprechen würden. Ich wollte ein paar Dinge in Erfahrung bringen, denn ich weiß nicht viel über das abgeschottete, riesengroße Land, welches unter Europäern nicht unbedingt als Tourismusmagnet gilt und in Deutschland jüngst ausschließlich in den Debatten um sogenannte sichere Herkunftsländer eine Erwähnung findet. Oder aber wenn es um ISIS- oder al-Qaida-Ableger in den südlichen Grenzgebieten zu Libyen, Niger und Mali geht, sprich islamistischen Terrorismus. Insaf war die Erste, die mir auf der Couchsurfing-Seite geantwortet hatte. Und seitdem um unser Wohl besorgt war – bis zum Schluss.</p>
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            <blockquote class="aesop-component-align-center"
                        style="font-size:2em;color:#e26299;">
                <span>Meine Mutter weiß es, meine Schwester weiß es. Nur mein Vater nicht.</span>
                <cite class="aesop-quote-component-cite">Insaf, 23 Jahre, über ihre Entscheidung kein Kopftuch mehr zu tragen</cite>            </blockquote>

            
            </div>
            </p>
<p style="text-align: justify;">Stichwort „Sicheres Herkunftsland“: Kaum ein großer Verkehrsknotenpunkt ohne Polizeikontrolle auf dem Weg in die algerische Hauptstadt. Auch mitten auf den Autobahnen sind Checkpoints des Militärs. Auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum von Algier müssen wir gleich an zwei Sperren anhalten. Ein offenbar gängiges Prozedere, welches alle Beteiligten nüchtern und routiniert über sich ergehen lassen. Die schick Uniformierten stehen bei den Kontrollen entweder auf dem Mittelstreifen oder an der Straßenkreuzung, winken durch oder halten an. Bei Dunkelheit schaltet man besser das Licht im Innenraum des Wagens an und löscht die Scheinwerfer. So können die teilweise mit Maschinenpistolen bewaffneten Männer besser erkennen, wer im Auto sitzt.</p>
<p style="text-align: justify;">Wir müssen für die Militärs ein sonderbares Bild bieten: Die zarte Insaf mit zwei großgewachsenen, westlich aussehenden Männern in ihrem kleinen Auto. Doch nie werden die Uniformierten unhöflich oder harsch. Im Gegenteil: Die Polizisten und Soldaten gehen wie Gentlemen mit uns um, vor allem mit Insaf. Dabei repräsentiert sie eine Fraulichkeit, die in dem sehr religiösen, islamischen Staat selten zu sehen ist. Vielleicht nur in den Großstädten, wie hier in Algier. Das Kopftuch abzulegen, ist eine grundsätzliche Entscheidung, die einem Beben gleichkommt. Dem Ende eines bisherigen Lebens. Insaf hat sich im letzten Jahr dazu entschieden. Eine bewusste Entscheidung, die Sie keineswegs bereut.</p>
<p style="text-align: justify;">&#8222;Meine Mutter weiß es, meine Schwester weiß es. Nur mein Vater nicht. Wenn ich nach Hause zu meinen Eltern fahre, lege ich es wieder an. Es würde ihn zu sehr verletzen. Irgendwann werde ich es ihm verraten&#8220;, erklärt Insaf. Sie ist besorgt über den Zustand der Religion: „Ich glaube das Religionen allgemein die Menschen spirituell führen sollen, doch leider wird der Glauben als Werkzeug missbraucht, die Menschen zu dominieren.“</p>
<h2 style="text-align: justify;">Mondäne Melancholie</h2>
<p style="text-align: justify;">Algier, die weiße Millionen-Stadt am Meer, erstreckt sich die weite urbane Bucht entlang und die Hänge hinauf. Im ehrwürdigen Herzen, der Kasbah, verlieren sich die endlosen Gassen im Gewirr der ineinander geschachtelten Bauten aus überwiegend osmanischer Zeit. Eine bitterarme Gegend, in der es nach Kardamom, Couscous und Kohle riecht, nach Pisse stinkt. Kinder spielen neben in sich zusammensackenden Gebäuden Fußball, dürre Katzen folgen auf Schritt und Tritt. Müllberge häufen sich zu immensen Halden inmitten dieses altstädtischen Wohngebiets aus dem 16. Jahrhundert, eines von sieben UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten in Algerien.</p>
<p style="text-align: justify;">Dagegen breit angelegte Boulevards nach europäischem Vorbild, so wollte die Besatzungsmacht Frankreich einen besseren Überblick, größere Kontrolle über die Algerier erzielen, Meerpromenaden mit weißen, ehrlicherweise verblassenden, bröckelnden französischen Kolonialfassaden unterhalb der Kasbah. Weltstädtische, elegante Bürgerhäuser, gebaut für die einst vielen Franzosen der ehemaligen Kolonialmacht der Maghreb-Staaten Marokko, Algerien und Tunesien. Algiers Äußeres erinnert an sein südfranzösisches Hafengegenüber Marseille. Doch die Anmut Algiers ist eine andere. Mondän charmant auf der einen, orientalisch bescheiden auf der anderen Seite. Und mittendrin Melancholie.</p>
<p style="text-align: justify;">Zwar scheint die Zeit hier ein Stückweit stehen geblieben zu sein, doch gealtert wurde trotzdem. Der 80-jährige algerische Präsident Abdelaziz Bouteflika passt dazu ins Bild. Er gilt seit Längerem als gesundheitlich stark angeschlagen. Seit einem Schlaganfall im Jahr 2013 trat er kaum mehr öffentlich auf und verließ nur noch selten seine Residenz, in der er gelegentlich ausländische Staatsgäste empfängt. Meistens sitzt er im Rollstuhl. Bouteflika steht seit 1999 an der Spitze Algeriens – bald 20 Jahre. Seit dem Ende des Bürgerkriegs der 1990er-Jahre, als der Staat gegen die Islamisten kämpfte und es bis zu 150.000 Tote gab, galt das System Bouteflika als Garant für Stabilität. Seine Partei gewann auch jüngst wieder die Parlamentswahlen. Zwar mit deutlichen Verlusten, aber an den Machtverhältnissen wird sich zwangsläufig nichts ändern. Insaf möchte über ihren Präsidenten nichts Schlechtes sagen. Algerien habe Bouteflika viel zu verdanken, er habe dem Land Frieden gebracht. Und doch wirkt das riesige Land heute unbeweglich, steckt fest, ohnmächtig vor den gewaltigen Herausforderungen.</p>
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																			data-click="true"><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-10.jpg" data-caption="Insaf studiert Medizin und spricht gut Deutsch. Sie hofft, ihr Studium in Heidelberg beenden zu können und möchte 
danach gern eine Zeit ehrenamtlich arbeiten – zum Beispiel in den Palästinensergebieten." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-21.jpg" data-caption="Algier – die weiße Stadt. Vor allem die Wasserfront im Zentrum ist im französischen Kolonialstil erbaut, Prachtbauten
des sogenannten „Empire colonial“." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-25.jpg" data-caption="Insaf übersetzt ein Gespräch mit einem Anwohner." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-24.jpg" data-caption="West-Algier erzählt davon, dass die schlechte wirtschaftliche Situation dem Mittelstand stark zusetzt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-22.jpg" data-caption="Die weite Bucht von Algier mit der neuen Moschee im Osten, die wie ein gigantischer Leuchtturm in den Himmel ragt." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-17.jpg" data-caption="Im ganzen Land ist die Vielzahl an Moscheen auffällig und überall entstehen weitere, hier ein Gotteshaus eines Fischerdorfs im Osten von Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-7.jpg" data-caption="Viele Fassaden faulen im wahrsten Sinne vor sich hin." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-13.jpg" data-caption="Souhil (links) und Zakaria (rechts), Englisch-Studenten aus Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-3.jpg" data-caption="Das Zentrum von Algier mit der berühmten großen Post (links)." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-11.jpg" data-caption="Fußball ist enorm wichtig für Algerier, überall findet man einen Platz, wo gekickt werden kann. Ein Idol ist der Franzose Zinédine Zidane, früherer Weltfußballer und Sohn algerischer Einwanderer." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-5-1.jpg" data-caption="Kinder spielen mit einem kaputten Ball in der Kasbah, der Altstadt von Algier." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-9.jpg" data-caption="Die Menschen leben in der Hauptstadt teilweise in Häusern, die von einer prachtvollen, längst vergangenen Zeit erzählen…" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-12.jpg" data-caption="Med: „Nach mehr als zehn Jahren des Terrors ist Algerien jetzt auch ein sicheres Land. Wir Algerier sind zwar verhältnismäßig
arm, doch sehr sehr freundlich.“" alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-15.jpg" data-caption="Außerhalb der Stadt dominiert die Landwirtschaft." alt=""><img src="https://www.weltseher.de/wp-content/uploads/2018/03/Algerien-14.jpg" data-caption="Blick in den frühen Morgenstunden auf den Hafen von Algier." alt=""></div><p class="aesop-component-caption">Fotos: Marc Oliver Rühle</p></div></p>
<p style="text-align: justify;">Die Bevölkerung leidet vor allem unter enormer Arbeitslosigkeit, sowie Wohnungsnot, unzureichender Gesundheitsversorgung und steigenden Preisen. Zulange hat sich Algerien auf seine Ölexporte versteift, keine Innovationen angestoßen. Jetzt droht der Staatsbankrott. &#8222;Dabei gehört uns, der Jugend, das Land&#8220;, sagt Insaf. Etwa die Hälfte der rund 40 Millionen Einwohner Algeriens ist unter 30 Jahre alt. Ein Drittel der jungen Algerier hat keinen Job, keine Aufgabe – und ist somit leichte Beute für die Islamisten im Land. Andere wollen ihr Glück im europäischen Ausland versuchen. So auch Insaf.</p>
<p style="text-align: justify;">Wenn es um die algerische Zukunft geht, werden Vergleiche zu Libyen gezogen. Was wird nach Bouteflikas Tod mit Algerien geschehen? Der Zusammenbruch in Einzelteile? So lesen sich die Zeitungsartikel über Algerien, die infolge der sogenannten Flüchtlingskrise seit 2015 in Deutschland publiziert wurden. Die Menschen, die wir treffen, widersprechen dem.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Am liebsten nach Deutschland</h2>
<p style="text-align: justify;">Insaf liebt Algerien wie ihre eigenen Eltern. Sie sagt: „Man sucht sie sich nicht aus, aber lernt von ihren Werten. Und dafür bin ich meinem Land dankbar. Ich fühle mich hier auch sicher, kann nachts alleine nach Hause fahren und fürchte mich nicht. Und das auch, obwohl es ungewöhnlich für eine Frau in Algerien ist, allein zu wohnen, so wie ich. Da aber alle Nachbarn alles beobachten, behaupte ich, ich würde mit meiner Schwester wohnen – die ist oft genug zu Besuch, so dass es den Anschein hat.&#8220; Und dennoch will sie Algerien spätestens in zwei Jahren  verlassen, am liebsten nach Deutschland, um dort Ärztin zu werden.</p>
<p style="text-align: justify;">Algerien ist das flächenmäßig größte Land Afrikas (6,5 Mal die Fläche Deutschlands) – es ist fast unmöglich, sich in kurzer Zeit ein umfassendes Bild der Zustände des Maghreb-Staates zu verschaffen. Das lerne ich schon am ersten Tag nach unserer Ankunft. Ich sitze in einem Café am Nationaltheater von Algier. Hier sind ausschließlich Männer, lesen Zeitung, trinken Cola oder Tee. Ich habe mich mit einigen Kontakten von Couchsurfing verabredet, einer ist Souhil. Der 22 Jahre alte Englisch-Student ist voller Stolz auf sein Land. &#8222;Schreib&#8216; nicht&#8220;, sagt er, &#8222;du wärst in Algerien gewesen. Um das behaupten zu können, musst Du den Norden kennen, den Osten und Westen gesehen haben, die Berge und Wüsten bereisen. Überall verschiedene Mentalitäten, unterschiedliche Menschen, völlig andere Gegebenheiten – andere Probleme. Klar, wollen wir alle mal hier raus, aber nicht um jeden Preis. Das hier ist unser Land und hier gehören wir hin.&#8220; Schließlich sei das Leben in Algerien auch immer weiter gegangen und einen weiteren Krieg werde es nicht mehr geben, dafür sei das System zu stark, meint Souhil.</p>
<p style="text-align: justify;">Es ist mir nicht möglich, die Interviewpartner, welche sich mit mir in jenem Café verabredet haben, auf die gemeinsamen Getränke einzuladen. Sie versperren mir den Weg zur Bar, als ich den Anschein mache, die Rechnung zu begleichen. Die berühmte arabische Gastfreundschaft ist omnipräsent. Auf der Straße werden Selfies verlangt und am allersten Tag war es für Insaf alternativlos, mich zu allem und jedem einzuladen.</p>
<p style="text-align: justify;">An einem Nachmittag treffe ich den 67-jährigen Mohammed, der aber lieber Med genannt werden möchte. Wenn er sich nicht im Internet in Foren und auf Blogs politisch oder gesellschaftskritisch äußert, kümmert er sich um Straßenhunde. In einem Land, in dem Hunde als haram (verboten) gelten, ist das keine leichte Aufgabe.<br />
Aus Lautsprechern einer Moschee tönt das Gebet des Muezzin über die Uferpromenade Algiers. Med sagt, dass er mit dem Islam und Religion überhaupt nichts anfangen könne. &#8222;Religion ruft in mir nur schlechte Gedanken hervor. Religion trennt die Menschen voneinander&#8220;, findet er. Trotzdem würde er dem streng islamischen Algerien nie den Rücken kehren. „Algerien ist mein &#8218;home sweet home&#8216; und auch wenn ich beispielsweise in Frankreich gelebt habe, würde ich immer wieder hierher zurückkehren.&#8220;</p>
<p>    <div id="aesop-quote-component-7015-3"          class="aesop-component aesop-quote-component    aesop-component-align-center  aesop-quote-type-block   quote-left-right " style="background-color:#fffffe;color:#e26299;height:auto;width:100%;">

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                <span>Das System wird weitermachen wie bisher.</span>
                <cite class="aesop-quote-component-cite">Med (67), über die Zukunft Algeriens</cite>            </blockquote>

            
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<p style="text-align: justify;">Wir laufen durch seinen Stadtteil. Die Möwen schreien, über uns die weißgrauen Fassaden mit den blauen Fensterläden, französische Balkone, schmale Austritte, Palmen säumen den Platz. „Nach mehr als zehn Jahren des Terrors ist Algerien jetzt auch ein sicheres Land. Wir Algerier sind zwar verhältnismäßig arm, doch sehr sehr freundlich.“ Was passiert, wenn Präsident Bouteflika stirbt? „Überhaupt nichts. Das System wird weitermachen wie bisher“.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Stille in der Stadt</h2>
<p style="text-align: justify;">So viel Geld muss sein, trotz Finanzkrise und Inflation – ein 1,4 Milliarden Euro teures Prestige-Objekt soll die Bouteflika-Ära in Stein meißeln: In Algier entsteht seit 2011 die größte Moschee Afrikas und nach Mekka und Medina das drittgrößte muslimische Gotteshaus der Welt. Nach einem Entwurf des Frankfurter Architekturbüros &#8222;KSP Jürgen Engel Architekten&#8220;. Übrigens nicht der einzige ausländische Bestandteil des gigantischen Monuments. Denn was als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gedacht war, um die algerische Arbeitslosenquote zu drosseln, hat sich als Täuschung entpuppt. Deutsche Architekten, deutsche Statiker, italienischer und türkischer Kalkstein und vor allem ausschließlich chinesische Bauerbeiter, kaum ein Algerier legt hier Hand an.</p>
<p style="text-align: justify;">Das 265 Meter hohe, höchste Minarett der Welt sticht wie ein gigantischer Leuchtturm des Islam aus der Bucht von Algier heraus. Für diesen Giganten wurden zahlreiche Bewohner evakuiert, die den Baumaßnahmen weichen mussten. Nicht nur deshalb ist die Baustelle bei den Menschen Algiers eher unbeliebt und wird stark kritisiert, statt deren Fertigstellung ersehnt. Abgesehen davon hat Algerien bereits fast 15.000 Moscheen. Wir sehen das moderne Beton-Minarett vom Balkon unserer zentralen Unterkunft aus in den Himmel ragen. Es ist, als bewache das unfertige Gotteshaus den weiten algerischen Küstenstreifen und das Meer vor Eindringlingen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Europa oder Afrika?</h2>
<p style="text-align: justify;">Unter uns Algier eine Stunde nach dem fünften Tagesgebet: Wie ausgestorben, alle Läden geschlossen, kaum ein Auto auf den Straßen, kaum ein Mensch zu sehen. Stille, Trauermoment, Angst, Friedlichkeit, eine seltsame Mischung. Noch nie habe ich eine Metropole derart außer Betrieb erlebt. Fast unvorstellbar, dass vor unserer Haustür in den frühen Morgenstunden wieder der absolute Trubel immense Lautstärken erzeugt. Dattelverkäufer, Teemacher, Motorroller.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich bin zurück bei Insaf. Sie fährt mich durch die Nacht von Algier, mit der Selbstverständlichkeit eines ausgebufften Taxifahrers, der vor dem Einsteigen seiner Fahrgäste weiß, wohin sie wollen. Die Stadt ist schwach und gelblich beleuchtet, wie ein großer Parkplatz oder ein Kasernenhof. Oben vom militaristischen Freiheitsdenkmal aus sehen wir die große Stille von Algier ausgebreitet vor uns liegen. Ein dunkles Panorama, sonderbar für eine Hauptstadt. Einige Jungs stehen um eine Bank versammelt und rauchen. Nur der Alkohol fehlt und wir wären in einem osteuropäischen Klischeebild. Wo das Meer sein sollte, scheint ein großer schwarzer Vorhang auf der Stadt aufzuliegen und hinter diesem Vorhang, auf der gegenüberliegenden Seite, nur einen geraden Strich entfernt – Europa. So nah, dass ich begreife, dass das hier nicht Afrika ist.</p>
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		<title>Wirbeltanz im Wartesaal</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Dec 2017 11:06:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Türkei]]></category>
		<category><![CDATA[Bräuche]]></category>
		<category><![CDATA[Orient]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Sebastian Hesse]]></category>
		<category><![CDATA[Sufi]]></category>
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					<description><![CDATA[In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/wirbeltanz-im-wartesaal/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>In der Türkei ist der Sufismus als Religion verboten, und doch ist seine Mystik vielerorts präsent. Der Kult wird kommerziell vermarktet, ist zugleich aber Ausdruck eines toleranten Islam. Unser Autor hat sich auf die Suche nach den tanzenden Derwischen gemacht.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Jeder Schritt scheint mit Bedacht gewählt. Zeitlupenartig betreten die zehn Männer das hölzerne, achteckige Teehaus. Sie tragen bodenlange schwarze Überwürfe. Und zylinderförmige, konische Filzhüte, die noch höher sind als die Zipfelmasken der Semana-Santa-Büßer. Wie in Trance stellen sie sich im Halbrund auf. Sie nehmen auf weißen Schaffellen Platz. Etwas abseits sitzt der Vorbeter. Musik setzt ein, Gesang, Flötenklänge, später Percussion und Saiteninstrumente.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Männer stehen auf. Sie schreiten an ihrem Vorbeter, dem Chij, entlang, grüßen ihn, küssen ihn, legen die schwarzen Umhänge ab. Das Gewand darunter ist blütenweiß. Und mündet in einem bodenlangen Rock mit enormem Durchmesser. Ganz langsam beginnen sich die Männer um die eigene Achse zu drehen. Anfangs liegen ihre Arme über Kreuz auf ihrer Brust. Die linke Hand auf der rechten Schulter. Und umgekehrt. Das linke Bein bleibt stets wie eine Achse am Boden verhaftet. Das rechte stößt ab und löst die Drehbewegung aus. Immer schneller rotieren die Männer um die eigene Achse. Die Arme breiten sich nun aus. Die rechte Hand zum Himmel gerichtet. Die linke zur Erde. Im Kreis wirbelnd scheinen sie zu schweben. Wie Gestirne drehen sie sich um die eigene Achse und gleichzeitig in einem weiteren Kreis durch den Raum. Ihre aufgeblähten Röcke wirken wie die Ringe des Saturn. Sie sind Derwische. Mitglieder eines seit 1925 in der Türkei verbotenen Mystiker-Ordens.</p>
<p style="text-align: justify;">Ich erlebe die Sema, den Tanz der Derwische, im Mevlana-Kloster in Istanbul. Der Begriff Kloster, Tekke, hat sich gehalten, obwohl diese Oase der Ruhe im quirligen Stadtteil Galata seit dem Verbot unter Atatürk offiziell ein Museum ist und die Tanzzeremonie nicht mehr religiöser Ritus, sondern eine Art Folklore-Aufführung. &#8222;Galata Mevlevihane Müzesi&#8220;, so nennt sich das 1492 gegründete Kloster heute. Heerscharen von Touristen bestaunen alljährlich die Derwisch-Vorführungen. Und erleben einen Islam, der dem Zen ähnelt. Oder der inneren Versenkung mittelalterlicher Mystiker im Christentum. Wie viele Religionen hat auch der Islam eine mystische Seite, wo die Annäherung an das Göttliche durch die Überwindung des eigenen Ichs erfolgt.</p>
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<h2 style="text-align: justify;">Der Meister Eckhardt des Islam</h2>
<p style="text-align: justify;">Dem Sitzen im ZEN entspricht im Sufismus der Wirbeltanz. Die Methode geht auf Rumi zurück, den großen Dichter und Sufi-Meister des 13. Jahrhunderts. Den Meister Eckhardt des islamischen Kulturkreises. Das Mevlana-Kloster am Bosporus wurde zwei Jahrhunderte nach Rumis Tod gegründet. Wenn man das kleine Tor zum Klostergelände durchschreitet, fällt man aus Raum und Zeit. Der Hof strahlt eine Ruhe und Abgeschiedenheit aus, die nicht von dieser Welt scheint. Besonders wenn man gerade von der lauten, hektischen, überfüllten Einkaufsmeile Istiklal Caddesi kommt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Grabsteine im Klosterfriedhof wirken wie versteinerte Sufi-Tänzer. Die Stelen mit den arabischen Inschriften sind die Körper. Darauf thronen die zylindrischen Hüte, manchmal aufgestockt um einen steinernen Turban. Gottesacker und Tanzsaal sind Orte des Übergangs. Die Filzhüte der Derwische, Sikke, symbolisieren Grabstelen, denn das Ego soll ja tanzend zu Grabe getragen werden. Und die weißen Gewänder sind Grabtücher, um das überwundene Ich zu beerdigen. Sufismus ist wie Zen transpersonale Spiritualität. Der Derwisch wird eins mit einem größeren Ganzen, indem er seine Eigenständigkeit als Person aufgibt. Und das große Ganze ist der Kosmos, den der Tanz spiegelt. Die Tänzer werden in Trance zu Gestirnen, die sich sowohl um die eigene Achse drehen, als auch im harmonischen Zusammenspiel mit anderen den Mittelpunkt des Universums umkreisen. Gegen den Uhrzeigersinn, also gegenläufig zum natürlichen Fluss der Dinge, der stets im Tod mündet.</p>
<p style="text-align: justify;">Die Schönheit dieses Konzepts büßt ihre Wirkung verblüffend wenig dadurch ein, dass Touristen bei der Zeremonie zuschauen. In den Klosterräumen gibt es eine Dauerausstellung, die mit zahlreichen Exponaten über islamische Mystik, Sufi-Traditionen und die Geschichte des Ordens informiert. Das Mevlana-Kloster ist unbestreitbar ein Museum. Und der achteckige, holzgetäfelte Teeraum ist unverkennbar Bühne für ein Touristen-Spektakel. Aber so fühlte es sich nicht an. Da war noch etwas. Haben die Sufis schlitzohrig ihre Existenz gesichert, indem sie ihre Kultur für ein nicht-initiiertes Publikum öffneten?</p>
<h2 style="text-align: justify;">In der Millionenstadt am Bosporus</h2>
<p style="text-align: justify;">Als die Tanzzeremonie in dem Istanbuler Teehaus vorbei ist, komme ich ganz allmählich wieder an in der profanen Alltagswelt der Millionenstadt am Bosporus. Ich schlendere durch das Galata-Viertel und frage mich, wie viel authentischer Sufismus (benannt nach dem arabischen suf, Wolle, was auf das Wollgewand der Asketen anspielt) noch in dem steckt, was ich gerade erlebt habe. Ob mystische Erfahrung überhaupt möglich ist, wenn man eine Methode der Verinnerlichung vorgeblich auf ihre äußerliche Ästhetik reduziert? Die Oberfläche wirkte stimmig: Ambiente, Trachten, Choreographie. Was aber, wenn der Kloster-Rahmen als Kulisse wegfällt? Würde das einen Teil des Zaubers nehmen?</p>
<p style="text-align: justify;">In Istanbul gibt es noch andere Orte, an denen Derwisch-Tänze vorgeführt werden. Ich habe das Wirbeln der Sufis zum ersten Mal in eigentümlichem Ambiente erlebt. Im Wartesaal des Sirkeci-Bahnhofes, der Endhaltestelle des legendären Orientexpresses. Der holzgetäfelte Raum ist gewaltig hoch. Seine Rosettenfenster haben unverkennbar etwas Sakrales. Wie in Kathedralen des europäischen Mittelalters. Hier haben ein Jahrhundert lang Orientreisende auf den Luxuszug gewartet, der sie zurück nach Wien, München oder Paris bringen sollte. 1883 nahm die legendäre Bahnverbindung den Betrieb auf. Ab 1889 endete sie in der Sirkeci-Station, dieser kleinen Kathedrale des romantischen Reisens.</p>
<p style="text-align: justify;">Sufi-Mystik im Wartesaal – was zunächst als bizarre Kombination erscheint fühlt sich, wenn man sich darauf einlässt, durchaus stimmig an. Ich war mehrmals bei der Tanzzeremonie im Sirkeci-Bahnhof. Und dachte jedes Mal, dass die klassischen Orientreisenden von jeher wohl auch Pilger waren. Ihre Hoffnungen und Sehnsüchte ähnelten vermutlich denen von Erkenntnissuchenden an anderen mythischen Orten.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sufis im Bahnhof</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Derwisch-Tänze machen sich im Bahnhof besonders unverdächtig. Zeitvertreib und Zerstreuung für Reisende. Ablauf und Choreographie in dem leicht heruntergekommenen Wartesaal sind nicht nennenswert anders als im Mevlana-Kloster. Nur dass hier die Musiker im Saal sind &#8211; zum Anfassen nahe. Und die Besucher nicht durch eine hölzerne Balustrade abgetrennt sind von dem Raum, den die Derwische durchwirbeln. Sie hocken auf billigen Plastik-Stühlen, quasi auf der Tanzfläche. Anfangs denke ich, wie demütigend es sein muss, seine heiligen Traditionen an einem derart profanen Ort zu praktizieren. Aber erstaunlich schnell löst sich die Architektur als Kulisse der Zeremonie auf. Sobald die Sema in Gang kommt, ist das Ambiente vergessen. Die Wirbeltänze entfalten die gleiche hypnotische Wirkung wie im Teehaus des Klosters. Die Rotation scheint einen förmlich in die Tiefen des Universums zu ziehen.</p>
<p style="text-align: justify;">Derwisch-Rituale sind getanzte Kosmologie. Rumi initiierte eine Kosmologie des Tanzes. Das kosmische Ganze wird in einem strengen Ritual ertanzt. Zu dieser Gesamtheit gehört der Makrokosmos der Gestirne ebenso wie der Mikrokosmos von Protonen und Elektronen. Galaktische Weiten ebenso wie atomare Tiefen. Ein visionäres Konzept für einen Mystiker des 13. Jahrhunderts, lange vor Galileo. Obwohl Bewegungen und Choreographie der Sema dynamisch und im Fluss sind, sich in den Raum hineinbewegen, ihn ausfüllen, ziehen sich die Tanzenden spürbar in die innere Versenkung zurück. Der hypnotische Anblick und die Klänge der Sufi-Musik nehmen auch den unbeteiligten Betrachter mit auf eine Art spirituelle Reise. Das fünfköpfige Ensemble spielt auf mit einer Kamantsche (einer persischen Stachelgeige), der Baglama (einer Saz, die türkische Langhalslaute), der Oud (Kurzhalslaute) und natürlich der Rohrflöte Ney. Die Sufis glauben, beim Spielen der Ney wird der Atem Gottes zu Klang.</p>
<p style="text-align: justify;">Auch am Zielbahnhof des Orientexpresses ergreift mich die Schönheit der Sufi-Kontemplation. Hier scheint mir das Umschiffen des staatlichen Verbotes noch listenreicher. Aber das bleibt reines Bauchgefühl. Meine eigenen romantischen Projektionen. Wunschdenken. Denn kann ein uraltes Ritual gelebte Spiritualität und folkloristische Zerstreuung zugleich sein?</p>
<h2 style="text-align: justify;">An Rumis Grab</h2>
<p style="text-align: justify;">Um das herauszufinden, reise ich nach Anatolien, nach Konya, der Wirkungsstätte Rumis. Es ist der 17. Dezember, der Todestag des großen Mystikers, den seine Verehrer traditionell als Feiertag begehen. Nicht ein Hauch von Orient-Romantik umweht die Zugfahrt nach Konya. Der ultramoderne Hochgeschwindigkeitszug saust von Istanbul in wenigen Stunden durch gepflegte Kulturlandschaften ans Ziel. Genug Zeit, mir den Lebensweg des Mystikers in Erinnerung zu rufen.</p>
<p style="text-align: justify;">Rumi, der 1207 in Balkh, im heutigen Afghanistan, geboren wurde, hieß eigentlich Dschelaleddin. Der Vater war ein geachteter Rechtsgelehrter und Theologe. Daher fand er, nach der Flucht der Familie vor Dschingis Khans anrückenden Mongolen und einer Irrfahrt gen Westen, eine Anstellung im anatolischen Konya. Konya war Herrschaftssitz der oströmischen Seldschuken. So entstand Dschelaleddins Beiname: Rumi, der Römer. Bis zu einer Schlüsselbegegnung, die seinem Leben eine völlig neue Ausrichtung geben sollte, folgte Rumi zunächst in Konya den Fußstapfen seines Vaters, wurde Gelehrter und Familienvater.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Wendepunkt in Rumis Leben kam, als im Jahre 1244 der Derwisch und Wandermönch Shams-e-Tabrizi in Konya eintraf. Zwischen beiden Männern entspann sich etwas ganz und gar Unerhörtes. Eine Art intellektuelle amour fou. Rumi und Shams wurden einander geistige Sparringspartner, Seelenverwandte, Inspirationsquell. Sie verschmolzen zu einer symbiotischen Einheit. Inwieweit ihre Beziehung auch eine sexuelle Ebene hatte, wird entweder diskret übergangen oder ist tatsächlich nicht eindeutig überliefert. Seinerzeit war die Männerfreundschaft jedenfalls ein gesellschaftlicher Skandal. Rumi vernachlässigte Familie und Alltag. Woraufhin seine Angehörigen dafür sorgten, dass Shams Konya verließ. Der hatte vermutlich berechtigte Sorge um Leib und Leben. Als Rumi vor Kummer über den Verlust des Geliebten zu zerbrechen drohte, holten seine Söhne den Vertriebenen für kurze Zeit aus dem Exil in Damaskus zurück. Nur um ihn gleich darauf zu ermorden. Sie holten ihn eines Abends in Rumis Haus ab, führten ihn aus der Stadt. Das war im Jahre 1248. Shams ward nie mehr gesehen. Rumi lebte noch bis zum Jahr 1273.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Lehre der allumfassenden Liebe</h2>
<p style="text-align: justify;">Aus diesem Verlust heraus entwickelte Rumi seine Lehre von der allumfassenden Liebe, die der Seele auf den Pfad zur Vollkommenheit verhilft. Seinen Verlust beklagte er in Versen, die ihn bis heute zum meistgelesenen Dichter persischer Sprache machen. Vor allem aber wirkte Rumi als geistiger Gründer des Mevlevi-Ordens, des Ordens der Tanzenden Derwische. Eines Tages soll ihn der Rhythmus, den die Kesselmacher auf Konyas Markt mit ihren Schmiedehämmern schlugen, zu einem spontanen Wirbeltanz inspiriert haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Eine Schule machende Methodik war geboren. Mevlana, Rumis Beiname, bedeutet &#8222;unser Meister&#8220;. Und das persische Derwisch kann mit &#8222;streng asketisch lebender Mönch&#8220; übersetzt werden. Die Methode der inneren Versenkung im tranceartigen Wirbeltanz hat Rumi nach seiner spontanen Eingebung auf dem Markt verfeinert und ausdifferenziert. Das mystische Grundprinzip ist das gleiche wie in anderen Praktiken von &#8222;Entwerdung&#8220;, von Erkenntnis und Auflösung. Aber Rumis kosmischer Tanz berührt mich als Methodik von besonderer Schönheit und Originalität, die noch dazu den unbeteiligten Betrachter miteinzubeziehen vermag. Die formelle Bruderschaft jedoch, in die Rumis Erben seine Lehren überführten, hat die Säkularisierung der Türkei nicht überlebt. In seltsamem Kontrast zu der Verehrung des Mystikers, auf die ich an Rumis Wirkungsstätte stoße.</p>
<p style="text-align: justify;">Für viele Muslime kommt der Pilgerort Konya gleich nach Mekka. Doch ein spürbar spirituelles Flair ergreift mich nicht bei der Ankunft an Konyas eher schmucklosem Bahnhof. Von dort folgt man zu Fuß einer schnurgeraden Magistrale ins Zentrum. Der Stadtkern unterscheidet sich mit seinen zahllosen Läden, Boutiquen, Restaurants und Cafés nicht nennenswert von anderen türkischen Städten. Die Zwei-Millionen-Stadt ist wirklich seltsam unspektakulär, wie Reisende unisono beklagen &#8211; trotz der majestätischen Kulisse des Taurus-Gebirges. Angeblich hat Konya annähernd so viele Moscheen wie das siebenmal so große Istanbul. Ins Auge springt das nicht. Dafür wirkt die Millionenstadt zu europäisch, zu wenig orientalisch. Unübersehbar ist jedoch: Das Geschäft mit dem Sufi-Erbe blüht in Konya.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Die Vermarktung des Sufi-Erbes</h2>
<p style="text-align: justify;">An jeder Straßenecke findet sich ein &#8222;Mevlana Hotel&#8220;, ein &#8222;Sufi Kebab&#8220;, Stände des &#8222;Mevlana Taksi&#8220; &#8211; Fuhrunternehmens oder ein &#8222;Hotel Rumi&#8220;. Auch die Ampelmännchen an den Straßenlaternen sind einzigartig: Grell neonfarben leuchtende Derwischfiguren. Heckenpflanzen werden so zurechtgeschnitten, das sie wie Wirbeltänzer aussehen. Konya vermarktet sein Sufi-Erbe ebenso aggressiv wie die Altstadt von Jerusalem die Passionsgeschichte.</p>
<p style="text-align: justify;">Ziel der Rumi-Pilger ist das Grab des Mystikers, der Rumi-Schrein. Der Sarkophag, auf dem unübersehbar der Derwisch-Filzhut des Dichters liegt. Eine markante grüne Kuppel weist den Weg zu der Anlage, die auf der Mevlevi-Tekke gründet, die Rumis Sohn Sultan Veled einrichten ließ. Sie besteht aus dem Mausoleum, einer Moschee, einem Tanzhaus (Semahane), 17 Derwisch-Zellen, einer Küche und einem Reinigungsbrunnen. In der Küche mussten Novizen 1001 Tage Dienst tun, bis sie als Derwisch initiiert wurden. Heute ist das ehemalige Klostergelände ebenso streng gesichert wie der Topkapi-Palast in Istanbul. In einer Sicherheitsschleuse werden Bekleidung und Taschen der Besucher gescannt und durchleuchtet. Dann steht man auf dem Klosterhof, wo sich viele Pilger rituell Füße und Hände reinigen, bevor sie das Mausoleum betreten. Jeder Besucher muss die Schuhe ausziehen oder einen blauen Plastiküberzug darüber streifen.</p>
<p style="text-align: justify;">Ein großer, dunkler Raum, direkt unterhalb der markanten grünen Kuppel, ist Rumis letzte Ruhestätte. Sein mit einem goldbestickten Samtüberwurf bedeckter Sarg wird durch ein hohes Eisengitter vor allzu überschwänglichen Verehrern geschützt. So kann man den Sarkophag zwar nicht berühren, aber keinesfalls übersehen: Rumis Turban ist darauf drapiert. Die Menschen klammern sich an das Gitter. Manche sind emotional so überwältigt, dass sie in Tränen ausbrechen. Es gibt einen Gebetsraum für Männer und einen für Frauen. Der Rest des Klosterbaus und des Tempelbezirks ist ein Museum, wie in Istanbul. Überwiegend Frauen sitzen auf dem nackten Fußboden, wie Schülerinnen auf Klassenfahrt. Sie lehnen an den Schaukästen, die Kleidungsstücke Rumis und andere Sufi-Devotionalien zur Schau stellen. Mein Lieblingsexponat bleibt leider eine Behauptung. In einem mit Perlmutt-Rauten verzierten Holzkästchen soll sich angeblich ein Barthaar Mohammeds befinden. Die Floskel ‚beim Barte des Propheten‘ möchte ihren Ursprung in Konya haben.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Verehrt wie ein Volksheiliger</h2>
<p style="text-align: justify;">Hier im Rumi-Mausoleum wird der Dichterfürst wie ein Volksheiliger verehrt. Die Pilger, die jedes Jahr am 17. Dezember, dem Todestag Rumis, in Scharen aus allen Landesteilen nach Konya kommen, suchen nicht nur die innere Einkehr an der letzten Ruhestätte ihres Idols. Sie wollen auch Spektakel, Zeitvertreib, Zerstreuung. Von der zum Museum degradierten Mevlevi-Tekke aus dem 13. Jahrhundert laufe ich eine Magistrale stadtauswärts entlang trauriger Ruinen auf einem trostlosen Brachland. Und komme zu einem kolossalen Betonmonstrum, dem modernistischen Kultur- und Kongresszentrum von Konya. &#8222;Mevlana Kültür Merkezi&#8220; nennt sich der seelenlose, futuristische Gigantbau in Form einer Pyramide.</p>
<p style="text-align: justify;">Dessen Siebzigerjahre-Moderne steht in seltsamem Kontrast zu den Besuchern, die er zum Rumi-Gedenken anzieht. Busladung nach Busladung wird hier abgeladen, um einem Show-Programm mit Derwisch-Einlage beizuwohnen. Wohlgenährte, rustikale Damen mit Kopftüchern und groben Strickjacken dominieren die Besucherströme. Nervös, spürbar von der ungewohnten Situation überfordert, suchen sie ihre Plätze in der gewaltigen Arena auf. Und auch während der Vorstellung ebbt das Kommen und Gehen nicht ab. Ständig muss jemand zur Toilette oder sonst etwas erledigen. Ständig wird getuschelt, geschnattert. Mit Handys photographiert, Selfies gemacht. Um sich zu vergewissern, dass man nicht allein ist in dem Kulturpalast, der wie das Innere eines gewaltigen UFOs anmutet.</p>
<p style="text-align: justify;">Irgendwie will hier nichts zusammenpassen. Nicht nur die etwas derben, fülligen Landpomeranzen und die megamoderne Arena. Das knappe Doppeldutzend an Sufi-Musikern auf der Orchester-Empore ist zwar traditionell gekleidet &#8211; ebenso die rund 50 Derwisch-Tänzer -, aber die Inszenierung hat dennoch etwas von gepflegter Samstagsabendunterhaltung. Bis hin zu der knalligen, äußerst farbenfrohen Lightshow. Mystisch sieht anders aus. Stelle ich mir zumindest anders vor. Die Regie hat Wert darauf gelegt, dass ein kulturelles Unterhaltungsprogramm die eigentliche Sema umrahmt. So ist der Derwisch-Tanz ein Programmpunkt unter vielen in einer weltlichen Großveranstaltung.</p>
<p style="text-align: justify;">Erdogans Wähler stelle ich mir so vor wie die Besucher in Konyas Kulturpalast. Fraglos fromm, traditionell in Erscheinung und Weltbild, konservativ im Denken und Empfinden. Und wenig aufmüpfig, weil Teil eines unverrückbaren Systems, autoritär und hierarchisch. Sie tragen dieses System, sind seine Stützen. Und damit weit entfernt von der inneren Freiheit und Unabhängigkeit wahrer Mystiker. Tröstlich allein, dass die Zeremonie überlebt hat. Und ein klein wenig subversiv wirkt, wenn sie ihre zahlreichen Zuschauer trotz des unwürdigen Ambientes in ihren Bann schlägt. Sich von Konyas Popcorn-Sema mitreißen lassen, ihren Rhythmus aufnehmen, ihr gebannt folgen: Das ist Mystik light im Schnupperpaket. Und damit mehr als eine Bruderschaft im Verborgenen erreichen könnte, grinse ich in mich hinein.</p>
<p style="text-align: justify;">Und doch bin ich niedergeschlagen auf dem Rückweg vom Kulturzentrum. Wenn es das gewesen sein sollte mit dem Sufismus im 21. Jahrhundert, dann hätte Atatürk ganze Arbeit geleistet. Der Mevlevi-Orden mag einen subversiven Weg des Eigenerhalts gefunden haben und seine heiligen Zeremonien gerettet, indem sie scheinbar zum öffentlichen Spektakel wurden. Aber als gesellschaftliche Kraft von Belang, die die herrschende Kultur auf inspirierende Weise in Frage stellt, wirken die Ordensbrüder nicht. Mit großem Glück gelingt mir dann aber doch ein kurzer Einblick in eine Art Hinterhof-Sufismus, den kein Fremdenverkehrsbüro einem ans Herz legen würde.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Hintertreppen-Mystik, oder: Die unerwartete Dikhr</h2>
<p style="text-align: justify;">Das Ladengeschäft ‚Dervish Brothers Center‘ wirkt von außen wie ein weiterer der zahllosen Souvenirläden in Konya, die ein Stück vom Rumi-Kuchen abhaben wollen. Aber hinter dem Geschäftsnamen, der scheinbar auf ausländische Konsumtouristen abzielt, verbirgt sich tatsächlich eine Art Bruderschaft. Empfohlen hatten es mir zwei australische Backpacker, die ich bei der kommerziellen Derwisch-Vorführung am Nachmittag kennen gelernt hatte. &#8222;Dervish Brothers&#8220;, das sei “the real thing!“, wurde mir nahegelegt.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Laden ist sein eigener Kosmos. Hier Inventur zu machen, dürfte eine Lebensaufgabe sein. Bis zur Decke ist das Geschäft mit Kruscht und Krempel vollgestopft. Selbst das Wanddekor hat mehrere Schichten: Handgeknüpfte Teppiche als Grundierung. Darüber hängen Plakate, Wasserpfeifen, Fayencen, gerahmte Kalligraphie, Rumi-Portraits. Auf den kreuz und quer durcheinander stehenden Rattanregalen finden sich Sufi-Literatur, Töpferarbeiten, Musikinstrumente, Kopftücher und Ethno-Klamotten. In den Glasvitrinen lassen sich Steine, Kristalle, Talismane, Schmuckstücke, Handschmeichler, Gebetsketten und andere Kleinodien bestaunen. In der hinteren Ecke hocken Musiker rund um einen niedrigen Tisch. Sie trinken Tee, stimmen Saz und Oud, trommeln sich ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Als sie zu spielen beginnen, springen zwei Frauen spontan auf. Sie beginnen, sich langsam um die eigene Achse zu drehen. Ganz nach Derwisch-Art. Alle Anwesenden wirken wie eine verschworene Gemeinschaft, der es letztlich egal ist, ob sich Kunden in den Laden verirren oder nicht.</p>
<p style="text-align: justify;">Hier treffe ich Üzeyir Özyurt, der sich selber &#8222;Sufi-Professor&#8220; nennt. Tatsächlich ist er so eine Art Sufismus-Koryphäe. Die Expertise hat er sich selber draufgeschafft. Und gut vermarktet: Er ist gern gesehener Talkshow-Gast zum Thema Mystik. Özyurt gehört das &#8222;Dervish Brothers Center&#8220;. Ich frage ihn, ob der 17. Dezember heute noch mehr ist als der Stichtag für ein Touristenspektakel. &#8222;Oh, ja&#8220;, antwortet Özyurt. &#8222;Es ist die Hochzeitsnacht von Mevlana Dschellaledin Rumi. &#8222;Seb-i-Arus&#8220;, als er starb und in der Ewigkeit wiedergeboren wurde, auf dem Pfad Gottes. Er selbst nannte es seine Brautnacht, &#8222;Seb-i-Arus&#8220; (sprich: Schebbi Aruss).</p>
<p style="float: right; margin-left: 100px;"><a href="http://mediennerd.de/sieben-geschichten-vom-glauben/" target="_blank" rel="noopener"><span style="font-size: 12px; margin-bottom: 10px; text-align: center; text-transform: uppercase;">Diese Reportage stammt aus Sebastians Buch</span><img src="http://www.mitteldeutscherverlag.de/images/stories/virtuemart/product/9783954629190_w.jpg" width="350" /></a></p>
<h2 style="text-align: justify;">Liebe oder tot</h2>
<p style="text-align: justify;">Alle seien eingeladen mitzufeiern. Jede Nation, jede Religion sei willkommen. &#8222;Nur die Liebe im Herzen zählt&#8220;, sagt Özyurt, ganz wie Rumi es lehrte. &#8222;Wir verehren Gott und die Liebe. Rumi leitet uns dabei an!&#8220; Das Prinzip sei einfach und ungeheuer kompliziert zugleich: &#8222;Viele Leute leben auf dieser Welt, ohne je wahrhaftige Liebe zu erfahren&#8220;, klagt Üzeyir Özyurt. &#8222;Für uns sind das Tote! Wenn Du Dich verliebst, dann wirst Du wiedergeboren, für die Ewigkeit. Und Du spürst, dass Du am Leben bist. Allein die Liebe verleiht Dir Lebensenergie!&#8220; Immer wieder streut er ein langgezogenes &#8222;Huu!&#8220; ein, das er den Atem des Lebens nennt. Im Sufismus ist Hu ein Synonym für Gott. Wie das englische &#8222;He&#8220;, ER. Oder Hu ist ein verstärkendes Beiwort, wie in Allah Hu, das in so vielen Sufi-Liedern und Gedichten vorkommt. Allah Hu bedeutet so viel wie &#8222;Gott selbst&#8220;.</p>
<p style="text-align: justify;">Dem schwärmerischen Sufi-Professor verdanke ich dann auch den entscheidenden Hinweis. Leicht zögerlich empfiehlt er eine Sufi-Zeremonie, die irgendwann später am Abend stattfinden soll. Eine Dhikr, ein rituelles Gottgedenken, wie es Sufis und Derwische seit dem 8. Jahrhundert pflegen. Auf ein Papierchen kritzelt er eine Adresse, die in einer der dunklen Altstadtgassen liegt. Die Suche nach dem Ort der Dhikr entpuppt sich als gar nicht so einfach. Ich stehe in einem spärlich beleuchteten Sträßchen vor einem abgeranzten Haus. Und weiß zunächst nicht, wohin. Die Adresse stimmt. Aber nichts deutet darauf hin &#8211; kein Hinweis, kein Namensschild -, dass hier im Hinterhaus Dutzende von mystisch-angehauchten Gleichgesinnten zusammen gekommen sind, zu einem archaischen Ritual, zu Ehren Rumis, an dessen Todestag. Ich fasse mir ein Herz und trete ein.</p>
<p style="text-align: justify;">Das Licht in dem abgedunkelten Raum ist so schummerig, dass sich meine Augen erst daran gewöhnen müssen. Schon auf der Gasse, vor der Tür, war gedämpft der rhythmische Sprechgesang der Teilnehmer der Sufi-Zeremonie zu hören. Es war nicht ganz einfach, sich überhaupt in den Raum vorzukämpfen. Im Takt des Sprechgesangs werfen die Teilnehmer ihre Köpfe und Oberkörper vor und zurück, immer wieder vor und zurück, in einem monotonen Rhythmus, der sie in Trance versetzt. Ein Vorsänger, den ich erst ganz allmählich in den Tiefen des Raumes ausmachen kann, gibt Melodie und Verse vor.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Sich dem Rhythmus hingeben</h2>
<p style="text-align: justify;">Die Wände des langgestreckten Raumes sind mit Teppichen behängt. Am anderen Ende sitzen die Würdenträger oder Altvorderen. Sie hocken im Schneidersitz am Boden und spielen Saiteninstrumente oder Trommeln. Sie haben lange Bärte, tragen orangefarbene Turbane und weite Gewänder mit Westen darüber. Vielleicht sind sie moderne Sufi-Meister. Zwei jüngere, ganz ähnlich Gekleidete laufen in der schmalen Gasse auf und ab, die die Singenden und sich vor und zurück Wiegenden in der Mitte des Raumes gelassen haben. Diese jüngeren Sufis stacheln die Menge an, zu skandieren und sich dem Rhythmus hinzugeben.</p>
<p style="text-align: justify;">Mystik ist Trance. Gott nähert man sich in einem anderen Bewusstseinszustand. Eine Art kollektiver Rausch hat den Raum ergriffen. Einer der Anheizer ist ein baumlanger Kerl, etwas mondgesichtig mit schwarzumrandeter Hornbrille. Sein zottiger schwarzer Vollbart und sein halblanges, struppiges Haar quellen unter dem Turban hervor. Neben ihm dreht sich ein ähnlich Gekleideter in Derwisch-Manier, gegen den Uhrzeigersinn und in endlosen Kreisbewegungen. Dann stehen auch andere, europäisch gekleidete Teilnehmer auf und versuchen sich ebenfalls an einer improvisierten Eigenvariante des Wirbeltanzes. Kaum zu glauben, dass der heillos überfüllte Raum überhaupt noch Tanzfläche öffnen kann. Die Menge skandiert: ‚La-Ilaha-Ill-Allah, hu‘ – es gibt keinen Gott außer Gott.</p>
<p style="text-align: justify;">Anfänglich befremden mich der monotone Gesang und das ekstatische Wippen. Ich denke an einen satanistischen Kult, der sich in rasender Trance zu Dingen hinreißen lässt, die kein Einzelner je für sich für möglich gehalten hätte. Auffällig viele Westler sind mit dabei. Darunter das australische Traveller-Pärchen, das ich am Nachmittag bereits bei der Derwisch-Showeinlage kennengelernt hatte. Auch auf die beiden war der Funke der Ekstase übergesprungen und sie hatten sich dem archaischen Trance-Tanz hingegeben. Die Australierin war nicht die einzige Frau, im Gegenteil.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Frauen willkommen</h2>
<p style="text-align: justify;">Von der harschen Männerdominanz eines Steinzeit-Islam sind wir hier Welten entfernt. Die anwesenden Frauen sind so ziemlich das Gegenteil der Traditionalistinnen vom Kulturpalast mit ihren Kopftüchern und bodenlangen Röcken. Das Trance-Ritual hat so eine durchaus moderne Anmutung. Überraschend jung sind die Teilnehmer. Von der Kleidung und Aufmachung her wirken sie eher wie Hippies auf mich, die auf dem Weg nach Goa hier hängen geblieben sind.</p>
<p style="text-align: justify;">Atatürk und Erdogan wären sich sicher einig in ihrem Entsetzen über den Hinterhof-Sufismus von Konya. Atatürk, weil das Kultische überlebt hat. Und Erdogan, weil dies nichts mehr mit staatstragender AKP-Frömmigkeit zu tun hat. Auch der strenge Formalismus der Sema-Vorführungen, ihre klösterliche Ernsthaftigkeit und choreographische Disziplin, gehen der Trance-Séance von Konya völlig ab. Sie wirkt spontaner, impulsiver und damit subversiver auf mich. Auch nicht so elitär wie die Tanzspektakel der Initiierten. Demokratischer. Eine subkulturelle Nische, die im Halbdunkel überlebt. Diese Hintertreppen-Mystik ist mehr noch als die getarnten Sufi-Rituale in den Museen und Kulturzentren eine Provokation. Ein Infragestellen sowohl von Erdogans autoritärer Einheitskultur als auch der militanten Fundamentalisten.</p>
<p style="text-align: justify;">Islamistische Hardliner hassen Tanz und Musik, Vergnügen und Genuss. Toleranz, Pluralismus und Friedfertigkeit der Sufis waren ihnen von jeher ein Dorn im Auge. Auch politische Führer, die sich und ihre Herrschaft religiös begründen, eine Art göttlichen Auftrag reklamieren, haben in den Mystikern von jeher eine Bedrohung gesehen. Gehorsame Gläubige am Gängelband einer autoritären Priesterkaste sind berechenbarer. Und damit beherrschbarer. Mystiker jedoch, die den direkten, unvermittelten Zugang zu Gott suchen, die nur IHN als Autorität anerkennen und ihre eigenen Rituale und Zeremonien kreieren, sind ihnen suspekt. Mystiker gelten ihnen als Anarchisten, die sich nicht an weltliche Ordnung gebunden fühlen. Ein zarter Hauch dieses Geistes weht noch immer durch Istanbul und Konya.</p>
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		<title>Gott liebt die Alten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 10 Dec 2017 23:09:45 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Während die Industrieländer noch über das bedingungslose Grundeinkommen diskutieren, ist es in Uganda bereits Realität – zumindest bei den ärmsten Senioren. Unser Autor war bei der Auszahlung in einem kleinen Dorf dabei.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/gott-liebt-die-alten/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>Während die Industrieländer noch über das bedingungslose Grundeinkommen diskutieren, ist es in Uganda bereits Realität – zumindest bei den ärmsten Senioren. Unser Autor war bei der Auszahlung in einem kleinen Dorf dabei.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Gemächlich bewegen sich die letzten Nachzügler auf ihre Krücken gestützt zum haushohen Fikus-Baum vor den Gemeinderäumen von Otkwac. Im Schatten haben sich bereits die älteren Jahrgänge mehrerer Dörfer versammelt. Insgesamt etwa 400 Frauen und Männer lauschen dort so gut wie es noch geht dem Bezirksvorsteher. Es ist ein besonderer Tag im Distrik Kole im Norden Ugandas, es ist Zahltag. Alle Bewohner über 65 erhalten jeden zweiten Monat 50.000 Schilling, was etwa 15 Euro entspricht, und können damit machen was sie wollen. Eine Rente, ohne dass sie je etwas in ein Rentensystem eingezahlt haben.</p>
<p style="text-align: justify;">Der Betrag erscheint bedeutungslos, aber für viele ist es eine wichtige Unterstützung um zumindest den Grundbedarf des Lebens zu decken. Jeder Dritte Bewohner lebt von weniger als einem Dollar am Tag und die Zahlung deckt im Durchschnitt zwei Drittel der monatlichen Ausgaben eines ganzen Haushalts in der Region. Um nach Kole zu kommen, fährt man von der Hauptstadt Kampala Richtung Norden, überquert den Nil kurz nach dem Ursprung im Viktoriasee und landet nach insgesamt etwa 250 Kilometern in einem ländlichen Gebiet voller Menschen, aber ohne Stadt.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Das Armenhaus Ugandas</h2>
<p style="text-align: justify;">Von hier ist es nicht mehr weit bis zum Südsudan, im Westen liegt der Kongo, im Osten Kenia. Der Norden ist das Armenhaus Ugandas. Bis vor einigen Jahren war er Schauplatz des Bürgerkriegs mit der Lord&#8217;s Resistance Army, dessen Anführer Joseph Kony wegen seiner Kinderarmee und schlimmer Menschenrechtsverletzungen berüchtigt ist. Der Konflikt hat sich in den Kongo verlagert, viele Probleme sind geblieben.</p>
<p style="text-align: justify;">Aber Uganda ist mehr als das Trübsal, dass die internationalen Schlagzeilen über den Bürgerkrieg, den ewig herrschenden Präsidenten Museveni oder die Kriminalisierung von Homosexualität vermuten lassen. Uganda ist ein aufstrebendes Land mit starkem Wirtschaftswachstum und sinkenden Armutsraten.</p>
<p style="text-align: justify;">Vor fünf Jahren hat die Regierung das &#8222;Social Assistance Grants for Empowerment Programm&#8220; mit Hilfe von internationalen Partnern ins Leben gerufen. Eine Art bedingungsloses Grundeinkommen, dass armutsbedrohten Menschen helfen soll, ihren Lebensstandard zu verbessern. Die Idee dahinter ist einfach: Die meisten Menschen wissen selber am besten, was ihnen fehlt. Statt viel Geld in die Überwachung und Umsetzung spezifischer Programme zu investieren, bleibt es hier jedem selber überlassen, was er mit dem Geld anfängt.</p>
<p><div id="aesop-gallery-6984-10"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6984" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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<h2 style="text-align: justify;">Die Alten haben es besonders schwer</h2>
<p style="text-align: justify;">Andrew Newton Ogei ist der technische Direktor im Kole Distrikt. Mit seinen 35 Jahren wirkt er jugendhaft zwischen den Senioren. Er erklärt, dass es besonders die Alten schwer haben in einer Region, in der der Staat nur am Rande vorkommt. Sozialabgaben oder direkte Steuern gibt es nicht. Im Alter sind daher viele auf ihre Familie und die Hilfe ihrer Kinder angewiesen. Wie dieses Gerüst in sich zusammenfällt, wenn eine Generation wegbricht, hat die Aids-Epidemie vieler Orts auf tragische Weise deutlich gemacht.</p>
<p style="text-align: justify;">Wie zum Beispiel bei Rose, 74. Die Witwe lebt mit ihren drei Enkelkindern auf einem Hof aus drei kleinen Lehmhütten. Ihr Mann ist letztes Jahr von einem Auto tödlich angefahren worden. Ihre Tochter war mit einem Polizisten verheiratetet. Der Mann und seine zwei Ehefrauen – Polygamie wird in Uganda praktiziert – sind an Aids gestorben. Nun kümmert sich Rose alleine um ihre Enkelkinder, auch wenn man ihr die Jahrzehnte harter Arbeit in der Landwirtschaft anmerkt.</p>
<p style="text-align: justify;">Von dem Geld des Programms kann sie Essen besorgen, schickt die Kinder in die Schule und investiert in den Hof. Sie zeigt auf mehrere Hühner, die zwischen den Hütten umherlaufen sowie eine Ziege, die im Hintergrund weidet. Die Auszahlungen in Otkwac sind nach draußen verlegt worden, weil es in den kleinen Verwaltungsräumen der Gemeinde bei weitem nicht genug Platz für die Menschenmenge gibt. Es ist wie ein kleines Ehemaligentreffen der Jahrgänge 1950 und älter. Zu diesem Anlass wird Festtagskleidung getragen. Bunte Röcke, Schlips und ein paar ziemlich große Sonnenbrillen vermischen sich zu einer farbenfrohen Menschenmenge.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Auszahlung bei tropischen Temperaturen</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Bezirksvorsteher ruft den Wartenden zu, dass sie ihre Simkarten bereit halten müssen. Danach wird ein Ort aus dem Distrikt nach dem anderen abgearbeitet. Simkarte, Fingerabdruck und die Geldscheine wechseln über einen wackligen Holztisch die Seiten. Der Rest bleibt unbeeindruckt von den tropischen Temperaturen auf dem Rasen sitzen. Im Laufe des Vormittags ziehen tief dunkle Wolken am Horizont auf, aber mit Hektik ist nicht zu rechnen.</p>
<p style="text-align: justify;">Milton, 71, lebt wie fast alle von Subsitenzlandwirtschaft. Ein kurzer Blick in den Himmel reicht ihm, um zu sagen, dass es erst am Abend regnen wird. Sein Dorf Ocor liegt etwa zehn Kilometer die lehmig rote Straße hinunter. Er hat sich im Morgengrauen in die unendliche Ameisenstraße eingereiht, die sich von Sonnenauf- bis Untergang an den bunten Feldern und dem satten Grün des Moors entlangschlängelt. Die meisten gehen zu Fuß, in Gruppen, in einem Tempo, das nicht zu unterbieten ist. Dazu kommen die Boda-boda Fahrräder mit ausgebauten Gepäckträgern, auf denen unvorstellbare Mengen an Kisten, lebenden Tieren und Beifahren aufgeladen werden. Immer wieder reißen Motorräder Furchen in den Menschenstrom. Sobald Milton sein Geld erhalten hat, wird er sich wieder in den Strom einreihen. Ein guter Tag, sagt Milton.</p>
<p style="text-align: justify;">Neu ist die Idee des Grundeinkommens zur Armutsbekämpfung nicht. Anfang des Jahrtausends wurden so genannte &#8222;Conditional Cash Transfer&#8220; Programme in Lateinamerika getestet. Dabei wurden die Zahlungen an Bedingungen wie etwa den Schulbesuch der Kinder geknüpft. Die Ergebnisse waren vielversprechend und daraufhin wurden weltweit ähnliche Programme umgesetzt. Es zeigte sich aber, dass es sich meist nicht lohnt Bedingungen einzuführen, weil es nicht am Willen der Eltern fehlt, ihre Kinder in die Schule zu schicken, sondern an den finanziellen Mitteln dafür.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Grundeinkommen breitet sich unter den Armen aus</h2>
<p style="text-align: justify;">Auch ohne die Konditionierung haben die Programme ähnliche Auswirkungen, aber zu geringeren Kosten. Die Ausbreitung von &#8222;Cash Transfer&#8220; Programmen in Afrika ist beeindruckend. Allein bis zum Jahr 2009 zählte eine Weltbankstudie 120 ähnliche Interventionen. Das Programm in Uganda läuft bisher in 15 besonders armen Distrikten mit ungefähr 120.000 Empfängern. Es wurden zwei verschiedene Varianten des Programms getestet. Einmal für alle über 65 und die andere Variante für besonders armutsgefährdete Haushalte gemäß eines Index aus Anzahl an Waisenkindern und arbeitsunfähigen Personen im Haushalt.</p>
<p style="text-align: justify;">Um die Auswirkungen des Programms zu überprüfen, hat eine englische Beraterfirma eine sie untersucht. In der Studie sollten Programmempfänger mit ähnlichen Haushalten, die keine Zahlungen erhielten, verglichen werden. Der Nachweis positiver Effekte sollte auch helfen, das Programm vor politischen Konjunkturen zu schützen, da ein nachweisbar erfolgreiches Programm sich nur schwer zurücknehmen lässt. Allerdings gab es Probleme mit der Vergleichbarkeit der Kontroll- und Vergleichsgruppe, weshalb die Ergebnisse nicht so schlüssig sind, wie man das gerne hätte.</p>
<p style="text-align: justify;">Klar scheint aber, dass sich nur das Programm für die Senioren bewährt. Zu unverständlich waren die Kriterien für die Vergabe der Zahlungen an die besonders armutsbedrohten Familien. In der Evaluierung gaben einige Empfänger an, dass Gott entscheidet, wer das Geld bekommt. Ganz so ist es nicht, aber gerade in Gegenden mit hoher Armut, kann die Verteilung auch zu sozialen Spannungen führen. Wenn alle arm sind, wieso erhalten einige das Geld und andere nicht? Das Alter zu nehmen ist dagegen einfach zu verstehen und als legitimes Kriterium akzeptiert.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Kein Grundeinkommen für alle</h2>
<p style="text-align: justify;">Eine politische Dimension ist aber bei der Entscheidung nicht ausgeschlossen. Im Gegensatz zu den Kindern gehen gerade die Älteren treu zum Wählen. So wurde im Lauf des Wahlkampfs Anfang des Jahres verkündet, dass das Program in den nächsten fünf Jahren in 40 weiteren Distrikten eingeführt werden soll. Komplett bedingungslos sind die Zahlungen allerdings nicht. Der Sozialwissenschaftler Firminus Mugumya von der Makerere Universität in Kampala weist darauf hin, dass das Programm schnell eingestellt werden würde, wenn es nicht effektiv wäre. Wenn die Menschen anfangen würden das Geld in den Viktoriasee zu werfen, würden die Zahlungen sofort gestoppt werden, schiebt er hinterher, um seinen Punkt zu verdeutlichen.</p>
<p style="text-align: justify;">Mit dem Program soll die Armut reduziert werden, nur der Weg dorthin bleibt jedem selber überlassen. Auch wenn Firminus Mugumya das Programm als Erfolgsgeschichte bezeichnet, glaubt er nicht, dass es in Zukunft in ganz Uganda umgesetzt wird. Die finanziellen Möglichkeiten sind zu begrenzt und sollen erstmal dafür verwendet werden, den ärmsten Regionen zu helfen. Zu einem Grundeinkommen für alle wird es so schnell nicht kommen.</p>
<p>Bevor das Geld ausgezahlt wird, überweisen Mitarbeiter eines Telefonanbieters vor Ort mobiles Handygeld auf die Simkarten der Empfänger. Wer die Auszahlung verpasst, hat das Geld auf seiner Simkarte gespeichert und kann es sich beim nächsten Mal auszahlen lassen. Handygeld hat sich in Uganda etabliert. In jeden noch so kleinen Dorf gibt es Wechselstuben der Mobilfunkanbieter, in denen man die elektronische Währung in Bargeld tauschen kann. Aber häufig ist das gar nicht nötig. Man kann das Geld verschicken, damit bezahlen und es parallel zum Bargeld verwenden. Selbst ohne Handy kann die Simkarte als Sparkonto verwendet werden. Dazu kommt es aber eher selten, denn der Großteil wird gleich wieder investiert.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Gott liebt die Alten</h2>
<p style="text-align: justify;">Einige der Alten haben sich zu einem Netzwerk zusammengetan. Sie nennen sich „God loves the Elderly“. Gemeinsam bauen sie Zwiebeln an und in Notsituationen legen sie Geld zusammen, um einzelnen Mitgliedern zu helfen. Durch das Programm werden sie selbstständiger, können den Haushalt unterstützen und die Felder von jüngeren Hilfsarbeitern bestellen lassen. Aber nicht nur die Alten haben etwas von dem Programm. Mit dem Geld werden auch Schulkosten für Kinder beglichen und es fließt auch in die lokale Wirtschaft, wovon alle profitieren.</p>
<p style="text-align: justify;">Allerdings gibt es auch Probleme. Die Mittel für das Programms sind so knapp, dass in Zukunft nur die 50 Ältesten Bewohner eines Distrikts das Grundeinkommen erhalten können. Dabei lässt sich oft nicht feststellen, wer wie alt ist, weil gerade die Älteren nicht über Geburtsnachweis oder andere offizielle Dokumente verfügen. In solchen Fällen schätzen Beamte der Regionalverwaltung das Alter. Das mag funktionieren, wenn alle über 65 die Zahlungen bekommen, aber im Zweifel das genaue Geburtsjahr festzustellen, scheint sehr schwierig und viel Raum für Willkür zu bieten. Erst die nächsten Jahre werden zeigen, wie sich diese Probleme in der Praxis lösen lassen.</p>
<p>Am frühen Nachmittag ist auch das letzte Dorf ausgezahlt. Zum Abschluss hievt der Bezirksvorsteher die letzten Empfänger auf ein Motorradtaxi. In zwei Monaten werden sie wiederkommen, wenn die nächste Auszahlung die Alten hier versammeln wird.</p>
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		<title>Das Königreich der Schlange</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Huth]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Oct 2017 13:36:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mexiko]]></category>
		<category><![CDATA[Calakmul]]></category>
		<category><![CDATA[Danilo-Roessger]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Reise]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer sich für die Geschichte der Maya interessiert, aber Touristenhorden vermeiden möchte, sollte nach Calakmul reisen. Die Stadt gehörte seinerzeit zu den mächtigsten Königreichen der Mayawelt und wird gegenwärtig noch zum Großteil von dichtem Regenwald überwuchert.<p> <a class="continue-reading-link" href="https://www.weltseher.de/das-koenigreich-der-schlange/"><i class="icon-right-dir"></i></a></p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><strong>Wer sich für die Geschichte der Maya interessiert, aber Touristenhorden vermeiden möchte, sollte nach Calakmul reisen. Die Stadt gehörte seinerzeit zu den mächtigsten Königreichen der Mayawelt und wird gegenwärtig noch zum Großteil von dichtem Regenwald überwuchert.</strong></p>
<p style="text-align: justify;">Man mag es kaum glauben, wenn man auf die Landkarte schaut: Tief im Dschungel von Mexikos Osten liegt eine der ehemals größten und einflussreichsten Maya-Stätten aller Zeiten. Sie heißt Calakmul und kontrollierte über mehrere Jahrhunderte die gesamte Region.</p>
<p style="text-align: justify;">Nachdem die Mayakultur des zentralen Tieflands im zehnten Jahrhundert kollabierte, wurde das Gebiet immer weiter vom Dschungel verschlungen und geriet in Vergessenheit. Erst 1931 entdeckte der Botaniker Cyrus Lundell das Gelände eher zufällig, als er geeignete Bäume für die Produktion von Kaugummi suchte. Die Archäologen waren fasziniert von den gigantischen Tempeln mitten im Nirgendwo und begannen mit den Ausgrabungen, die jedoch jahrzehntelang nur schleppend vorangingen.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Auf eigene Faust</h2>
<p style="text-align: justify;">Mittlerweile gibt es findige Tourenveranstalter, die All-Inklusive-Pakete nach Calakmul anbieten – allerdings ist man dort schnell 60 Euro los. Etwas unangemessen, da der Eintritt zum Gelände umgerechnet weniger als vier Euro kostet. Ich mache mich deshalb auf eigene Faust auf den Weg.</p>
<p style="text-align: justify;">Die nächstgelegene Stadt ist Xpujil, ein 4000-Seelen-Örtchen entlang des Highways zwischen den beiden Urlaubsorten Campeche und Chetumal. Einzelne Hotels und Restaurants sind vorhanden, dennoch ist Xpujil eher ein Zwischenstopp für müde LKW-Fahrer als ein Traveller-Treff. Aufgrund der günstigen Lage ist es trotzdem keine schlechte Idee, hier zu übernachten.</p>
<p style="text-align: justify;">Um zur Zufahrtsstraße nach Calakmul zu gelangen, ist man zunächst auf den örtlichen Nahverkehr angewiesen. Nur zweimal täglich besteht die Gelegenheit, öffentliche Busse abzupassen: Fünf Uhr in der Frühe und vormittags um elf. Letzterer ist keine Option, wenn man später nicht in Zeitnot geraten möchte. Zudem kann die Mittagshitze in diesen Breitengraden gnadenlos sein, sodass sich zeitiges Erscheinen lohnt.</p>
<p><div id="aesop-gallery-6889-11"  class="aesop-component aesop-gallery-component aesop-thumbnail-gallery-wrap    " ><div id="aesop-thumb-gallery-6889" class="fotorama" 	data-transition="crossfade"
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<h2 style="text-align: justify;">&#8222;Viel Glück!&#8220;</h2>
<p style="text-align: justify;">Der Bus erscheint überraschend pünktlich. Während ich einsteige, stelle ich fest, dass ich der einzige Nicht-Mexikaner zu sein scheine. Keine Spur von weiteren Touristen. Nach knapp 40 Minuten Fahrt auf schnurgerader Straße hält der Fahrer entlang des Highways an und entlässt mich in die Morgendämmerung. „Hier ist der Zufahrtsweg nach Calakmul. Viel Glück!“</p>
<p style="text-align: justify;">Ich stehe vor einer alten Informationstafel, zwei baufälligen Hütten und einer Schranke, an der zwei Wächter stehen. „Dies hier ist der erste Kontrollpunkt, allerdings können wir dich noch nicht passieren lassen. Das Gelände öffnet erst in anderthalb Stunden“, geben sie mir zu verstehen. Ich frage, wie lange ein Fußmarsch dauern würde und bekomme verdutztes Grinsen entgegengebracht: „Nun, von hier aus sind es zwanzig Kilometer bis ins Biosphärenreservat – und vierzig weitere bis zur Ausgrabungsstätte.“</p>
<p style="text-align: justify;">Öffentlichen Transport zum Eingang der Anlage gäbe es keinen. Allerdings wissen die Schrankenwärter durchaus, dass nicht wenige Individualreisende den Weg nach Calakmul auf sich nehmen. „Bisher ist hier noch niemand hängen geblieben. Trampen ist kein Problem.“ So harre  ich in der Morgenkälte am Rande des Dschungels aus und hoffe auf baldige Erlösung.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Per Anhalter zur Ruine</h2>
<p style="text-align: justify;">Nach einiger Zeit erscheint das erste Auto. Die Insassen, ein amerikanisches Pärchen älteren Semesters, lassen mich nach kurzem Zögern in ihren Mietwagen einsteigen. Ich bezahle rund 20 Pesos – rund einen Euro – Wegzoll und befinde mich kurz darauf auf einer schmalen Straße, die immer weiter in den Dschungel hineinführt. Nach rund einer Stunde Fahrt entlang üppiger Vegetation ist das Eingangsschild von Calakmul zu erkennen. Der angrenzende Parkplatz ist weder groß noch belebt, lediglich zwei weitere Autos befinden sich hier. Endlich scheint die Morgensonne durch die Bäume.</p>
<p style="text-align: justify;">Drei verschiedene Routen führen über das Gelände: Kurz, mittel und lang, wobei letztere gut und gerne sieben Stunden in Anspruch nehmen kann. Ich entscheide mich für die mittlere Route. Sie deckt die wichtigsten Gebäude ab und führt vorbei an ehemaligen Palästen, Wohnsiedlungen und Zeremonialstätten. Trotz der enormen Ausmaße ist die Wegführung erstaunlich übersichtlich. Überall stehen Wegweiser, damit sich niemand in den Tiefen des Dschungels verirrt. Es ist beinahe wie in einem künstlich angelegten Park.</p>
<p style="text-align: justify;">Calakmul, gemäß dem historischen Namen „Chan“ auch als „Königreich der Schlange“ bezeichnet, lieferte sich mehrere erbitterte Kämpfe um die Vorherrschaft des Tieflandes. Der größte Rivale war dabei das hundert Kilometer entfernte Tikal im heutigen Guatemala, das Calakmul nach mehreren Kriegen schließlich in die Knie zwang. Zahlreiche Inschriften lassen darauf schließen, dass sowohl diese Kriege als auch interne Streitigkeiten den Einfluss des Imperiums nach dem siebenten Jahrhundert rapide verringerten. Bis zum Beginn des zehnten Jahrhunderts können Forscher die Geschichte der Stadt datieren, für die Jahre danach existieren keinerlei Belege mehr über deren Existenz.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Wichtige Stelen</h2>
<p style="text-align: justify;">Besonders wichtig für die Historiker sind die 117 Stelen, die sich überall auf dem Gelände befinden und Aufschluss über die Geschichte der Dynastien geben. Viele dieser Stelen sind jedoch kaum noch entzifferbar, sodass über manche Ereignisse nur Vermutungen angestellt werden können. Mexikanische Projekte wie das Nationalinstitut für Anthropologie und Geschichte sorgen seit den 1980er Jahren dafür, dass die Ausgrabungen andauern und immer mehr Informationen über Calakmul zum Vorschein kommen.</p>
<p style="text-align: justify;">Heute befindet sich neben einigen Archäologen kaum eine Seele auf dem Gelände – nicht einmal Souvenirhändler. So kann ich mich voll und ganz darauf konzentrieren, die steilen Stufen der Ruinen zu erklimmen. Von oben zeigen sich die wahren Ausmaße des ehemaligen Imperiums: Soweit das Auge reicht: keine Siedlung, kein Haus, kein Sendemast. Nur scheinbar endloser Dschungel, aus dem punktuell Pyramiden und Tempel emporragen. Das mächtigste Bauwerk und gleichzeitig eines der größten der gesamten Maya-Welt ist „Struktur II“, eine 45 Meter hohe Pyramide. Sie wurde nach ihrer Errichtung mehrmals vergrößert und diente den Herrschern als Palastgebäude. Bislang wurden im Inneren der Pyramide vier Gräber entdeckt, unter anderem vom König Yuknoom Yich&#8217;aak K&#8217;ahk&#8216;, der Calakmul in seiner Blütezeit regierte.</p>
<h2 style="text-align: justify;">Calakmul behält seine Geheimnisse</h2>
<p style="text-align: justify;">Das dichte Blätterdach lässt mich nur mutmaßen, wie viel von dieser riesigen Stätte noch freizulegen ist. Neben den rund 6.000 Bauwerken, die die Ausgrabungen bereits zu Tage gebracht haben, ist eine unbekannte Anzahl weiterer Strukturen noch immer von dichter Vegetation überwuchert. Wie viele es sein mögen, weiß niemand. Auch die tatsächliche Einwohnerzahl lässt die Forscher derzeit noch spekulieren. Man geht davon aus, dass 50.000 Menschen im Siedlungsgebiet lebten – und 100.000 weitere im unmittelbaren Umkreis. Aufgrund der schieren Größe des Geländes ist ein Vielfaches jedoch nicht unwahrscheinlich.</p>
<p style="text-align: justify;">Nach rund fünf Stunden erreiche ich erschöpft wieder den Eingang – im Bewusstsein, nur einen Teil des Geländes ausgekundschaftet zu haben. Für den Rückweg bietet mir ein Mitarbeiter eine Fahrt zurück an. Er bringt mich bis zum Ende der Zufahrtsstraße und verlangt bis Xpujil einen saftigen Aufpreis, den ich dankend ablehne. Glücklicherweise wird der Highway von vielen Pendlern frequentiert, sodass mich schon nach kurzer Zeit ein Einheimischer in seinem Sportwagen mitnimmt. Glück gehabt.</p>
<p style="text-align: justify;">Die teilweise von Ungewissheit geprägte An- und Abfahrt waren dieses Erlebnis definitiv wert. Auch wenn bislang nur ein Bruchteil von Calakmul erforscht wurde, herrscht eine einzigartige Atmosphäre auf dem Gelände. Die Zukunft wird zeigen, wie viel Informationen über die Geschichte des Schlangenkönigreichs noch zum Vorschein kommen – und wie viele Besucher es noch anziehen wird.</p>
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