von Annabel Trautwein

Der aktive Vulkan Gunung Ijen gehört zu den gefährlichsten auf der indonesischen Insel Java. Täglich steigen Minenarbeiter in den Krater herab, um Schwefel abzubauen. Unsere Autorin Annabel Trautwein hat sich in den Höllenschlund gewagt.

Der nächtliche javanische Wald hält den Atem an. Der Regen ist vorbei, die Malaria-Mücken haben ihr erstes Blutmahl schon hinter sich. Kein Hahn, keine Grillen, kein Mofageknatter im Dorf. Nur aus den Zimmern der Touristen strahlt Neonlicht. Victor, ein 24-Jähriger mit Topfhaarschnitt und Brille klopft an die Türen: „Are you ready? Can we go now?“ Heute Nacht ist er der Guide, nicht nur Touristikstudent aus der Provinzstadt Batu. Gleich soll er die Touristen auf den Gunung Ijen führen, einen der gefährlichsten Vulkane der indonesischen Insel. Victor selbst war noch nie dort. Aber er weiß: Touristen müssen zur Eile getrieben werden. „Are you ready?“ Wer das blaue Feuer von Gunung Ijen sucht, muss vor dem Tageslicht im Krater sein. Kurz darauf bremst Friendick, der Fahrer. Aus seinem Jeep fallen die Passagiere in die Finsternis.

Nach und nach klettern schlaftrunkene Gestalten aus Autos und trotten los. Es geht steil bergauf, immer weiter durch die Schwärze der Nacht. Der Urwald schluckt das Licht der Taschenlampen und behält seine Geheimnisse für sich. Nebel verhüllt das Himmelszelt. Selten reißt die Decke auf – dann lösen die Menschen ihren Blick vom Boden, heben die Köpfe und taumeln unter der Wucht des Sternenhimmels. Nur manche sind dabei, die nicht aufblicken. Sie nahen von hinten, ihre Schritte knirschen auf dem grindigen Pfad. Die Nacht verbirgt ihre Gesichter. Alle schweigen.

Der Weg streckt sich auf den Rücken des Kraterrands, in der Tiefe versinkt der Wald – keuchend erreichen die Wanderer den Grat. Die Lichtkegel ihrer Taschenlampen tasten sich einen Abhang hinab. Nichts als Fels und Geröll. Noch steiler als zuvor bergauf geht es nun in die Tiefe. Friendick klettert voran und beleuchtet den Weg. Er kennt ihn und seine Tücken. Schritt für Schritt tippelt das Grüppchen hinter seinem Lichtkegel her. Warnungen und Worte des Danks irren durchs Dunkel, die Felsen kippeln unter den Sohlen der Trekkingschuhe. Der Abstieg scheint Stunden zu dauern. Victor redet von dem „blue light“, einem einzigartigen Naturspektakel. Noch ist kein Schimmer davon zu sehen, nur Fels, Geröll, Finsternis.

Gunung Ijen - einer der gefährlichsten Vulkane der indonesischen Insel Java. ©Michael Ziehl
Der Vulkan ist aktiv, 1999 brach er zuletzt aus und bedeckte das Tal mit Asche und Schlamm. ©Michael Ziehl
Unablässig quillt der Schwefeldampf daraus hervor. Mitten in den beißenden Schwaden steht ein Bergarbeiter und bricht mit einer Eisenstange den Schwefelbelag von den Felsen. ©Michael Ziehl
Der Weg zum Vulkan führt über einen schmalen Bergrücken. Die Träger laufen diesen Weg auch in der Dunkelheit. ©Michael Ziehl
Der gelbe Atem von Gunung Ijen ist ein Rohstoff, der sich gut verkaufen lässt. Die Industrie verarbeitet ihn zu Streichhölzern oder verwendet ihn bei der Raffinade von Zucker. ©Michael Ziehl
Die Träger bringen ihre Ladung ins Dorf. Hier wird der Schwefel dann gewogen. ©Michael Ziehl
Die meisten Schwefelträger seien sogar schon mit 50 körperlich am Ende. In der Regel schafften sie auf einer Tour 80 bis 90 Kilo, manche auch 100. ©Michael Ziehl
Die Waage im Dorf. ©Michael Ziehl

Gestalt in den Schwaden

Plötzlich wabert hellgelber Dampf durch die Ödnis. Jeder Atemzug schöpft fauliges Gas in Hals und Lunge, die Luft brennt in den Augen. Menschen mit Rucksäcken wandern hustend auf die Quelle zu und stieren durch die Sucher ihrer Spiegelreflex-Kameras. Immer dichter quillt das gelbe Gas. Eine Gestalt erscheint in den Schwaden – den Kopf verhüllt eine Gasmaske, zerschlissene Kleider, Gummistiefel. Wortlos streckt der Minenarbeiter seine Hand vor. Zwei Figürchen liegen darauf: Ein Flugzeug und eine Schildkröte, gepresst aus leuchtend gelbem Schwefel. Der Mann schweigt und wartet. Für 120.000 Rupien, gut 16 Euro wechselt das Flugzeug schließlich in die Hand einer Touristin. Ein Souvenir zum Preis von etwa zwei Tageslöhnen.

Der gelbe Atem von Gunung Ijen ist ein Rohstoff, der sich gut verkaufen lässt, erklärt Friendick. Die Industrie verarbeitet ihn zu Streichhölzern oder verwendet ihn bei der Raffinade von Zucker, damit der schön weiß wird. Um den Bodenschatz zu bergen, trieb eine Firma ein Rohr in die Flanke des Vulkans. Unablässig quillt der Schwefeldampf daraus hervor. Mitten in den beißenden Schwaden steht ein Bergarbeiter und bricht mit einer Eisenstange den Schwefelbelag von den Felsen. Er trägt weder Handschuhe noch Gasmaske. Die Touristen zücken ihre Spiegelreflex-Kameras.

„Are you ready now? Can we go on?“ Victor treibt seine Gruppe zur Eile an. Das blaue Feuer, deshalb waren doch alle gekommen. Es sei nun nicht mehr weit. Die Fotografen klicken und drehen an ihren Geräten herum. Gleich kann es weitergehen, nur noch ein Versuch in einer anderen Einstellung, einem neuen Winkel…  Zu spät: Der Wind dreht, der Schwefeldampf presst sich in die Gesichter und brennt in den Bronchien. Hustend und in den Augen reibend flüchten die Nachzügler aus dem Höllendunst. Der Bergarbeiter schuftet weiter, während Victor das blaue Feuer präsentiert: Tief in den Klüften der Felswand flackert das brennende Gas, das rastlose Innere von Gunung Ijen.

Vulkan kann jederzeit ausbrechen

Der Vulkan ist aktiv, 1999 brach er zuletzt aus und bedeckte das Tal mit Asche und Schlamm. Es kann jederzeit wieder passieren, sagt Friendick. 1976 kamen 49 Minenarbeiter bei einer Eruption zu Tode. Ein junger Italiener will wissen, was denn heute zum Schutz der Männer unternommen werde. Friendick deutet auf ein Schild: „Danger“. Die Bergarbeiter tragen scherzend ihre Körbe mit Schwefel daran vorüber.

Älter als 60 werde hier keiner, meint Friendick. Die meisten Schwefelträger seien sogar schon mit 50 körperlich am Ende. In der Regel schafften sie auf einer Tour 80 bis 90 Kilo, manche auch 100. Sie schleppen die Bruchstücke aus dem Krater über den Rand des Vulkans zur Waage, wo der Preis für die Ladung bestimmt wird. Danach folgen vier Kilometer Abstieg ins Tal. Je nach Gewicht verdienten sie pro Tour etwa 60.000 Rupien – pro Tag rund 8 Euro. Wieso denn keine Seilbahn gebaut würde, will ein Ingenieur aus Deutschland wissen. Technisch sei das doch ganz einfach machbar. „But then they will all lose their jobs“, wendet Friendick ein. Schuften bis zum frühen Exitus oder Arbeitslosigkeit und Armut – andere Optionen hätten die Arbeiter nicht.

Die Morgendämmerung gibt dem Krater Minute für Minute seine Formen und Farben zurück: Rostrot leuchten die Kanten der Felsschichten, weiß-graue Schraffuren fluchten zum tiefsten Punkt, der sich nach und nach türkisblau färbt: Der opake Spiegel eines Sees, Kawah Ijen. Nur die schwefelgelbe Gasfontäne büßt im Tageslicht an Kraft ein. Die Träger mit den beladenen Korbgestellen auf der Schulter singen, während sie über die Felsen steigen. Grell leuchtet der Schwefel in ihren Körben auf dem Grat des Vulkanrands.

Mit 100 Kilo auf den Schultern

Beim Abstieg ins Tal glitzert der Tau auf den Böschungen. In kurzen, schnellen Schritten eilt ein Mann vorüber, das Korbgestell auf den nackten Schultern. Wie Beulen wölben sich seine Nackenmuskeln unter dem Bambusstab. Er grinst und setzt das Gestell ab: Ob einer der Europäer es mal versuchen wolle? Der Deutsche passt, er hat es im Rücken.

Der Italiener will es zumindest versuchen: Unter den ängstlichen Blicken seiner Freundin und dem Grinsen des Javaners klemmt er die Schulter unter den Bambusstab und hebt die Körbe prustend einige Zentimeter an. „How much?“ 100 Kilo, sagt der Schwefelträger und schwellt die Brust. Lächelnd nimmt er  einen Schluck Wasser und eine Zigarette in Empfang. Dann schultert er den Korb und setzt seinen Abstieg fort, durch die erwachende Berglandschaft Javas.

Warum jeder Mal einen Vulkan besteigen sollte, erzählt Annabel im

Autoren-Interview