Allein in der Wildnis

Die letzten Trapper von Alaska

Mike und Nate Turner glauben an ein Leben im Einklang mit der Natur. In der Weite und Abgeschiedenheit Alaskas wollen Vater und Sohn das harte und ursprüngliche Leben der alten Trap­per und Jäger führen – im Kampf mit der Natur. Doch ihre Reise in die einsame Wildnis macht sie zu Entdeckern und  Lebensphilosophen.

Als er das knarzende Geräusch aus dem Lautsprecher hört, drückt Mike Turner sein Ohr fest gegen die Plastikoberfläche des Funkgeräts. Er lauscht, bis er die Wortfetzen der kratzigen Stimme seines Sohnes aus dem Lautsprecher deutlicher versteht. »Ich bin auf dem Weg zum Nowitna River, muss vor Sonnenuntergang noch da sein.« Zwischen den abgehackten Wortstücken dröhnt, langsam näher kommend, ein Flugzeugmotor über den Baumwipfeln. Mike hat die rote Cessna seines Sohnes schon lange vorher gehört. Sofort ist er vor die Tür gegangen und hat zum Funkgerät gegriffen. »Fran hat Abendessen gekocht. Willst du nicht kurz landen?« Sein Blick aus den tiefen blauen Augen, umzogen von Lachfalten und dunklen Rändern, bleibt am Horizont über dem Flussufer haften. Mike Turner hat gewartet: Auf seinen Sohn, auf Kontakt zur Außenwelt, Neuigkeiten aus der alaskischen Wildnis. »Sorry, Dad, das wird heute zu knapp, ich fliege gleich weiter«, antwortet die Stimme aus dem Funkgerät, gerade als das winzige Wasserflugzeug keine 50 Meter über dem Flussufer in einer Schleife über die Bäume hinweg zieht.

Niemand außer dir

In Mike Turners Blockhütte am Ufer des Kantishna River sind Besucher selten. Hier lebt er 120 Flugmeilen entfernt von der nächsten größeren Stadt Fairbanks mit seiner zweiten Frau Fran im Nirgendwo von Alaska. Der Funkspruch aus dem Flugzeug ist seit Tagen die erste Nachricht von Mikes Sohn Nate. Das Leben hier im Busch, wie die wenigen Bewohner den Ort hier nennen, fernab von Straßen, Städten und Stromleitungen, gibt einen anderen Rhythmus vor. Stille bestimmt den Tag. In ihrem ersten Winter haben Mike und Nate Turner vier Monate lang keinen anderen Menschen gesehen. Das war vor über 30 Jahren, als sich Vater und Sohn entschieden hatten, eine alte Trapperhütte mitten im alaskischen Busch zu kaufen und zu ihrem Zuhause zu machen.

»Man kommt in dieses riesige Land, und außer dir ist im Umkreis von Meilen wirklich niemand. Das wird dir schlagartig klar. Damit muss man erstmal zurechtkommen«, erzählt Mike Turner in seinem einsamen Heim, umgeben von penibel aufgereihten Schneeschuhen, zerschlissenen Hosen, die zum Trocknen aufgehängt wurden, und blechernen Töpfen, die an der Wand lehnen. Er denkt lange nach, bevor er weiterspricht. Sein Schaukelstuhl knarrt und schabt auf dem Holzboden. Die Schlittenhunde Vern und Lissi tapsen durch die Küche gleich gegenüber. Sonst ist da nichts. Mike Turner versinkt in der Ruhe des Erzählens. »Wir Alaskaner brauchen Stille. Wir brauchen viel Platz, einen riesigen Garten und unsere Freiheit. Denn Alaskaner sind sehr spezielle Individuen. Sogar die, die in der Stadt leben.«

Auf dem Grundstück der Turners steht zwischen Kartoffelacker, Salatbeeten, Gewächshaus und hochgestelzter Vorratskammer bis heute die ursprüngliche Hütte, in der alles begann. Man muss sich tief bücken, um durch den niedrigen Eingang der Holztür zu treten und einzutauchen in Mikes und Nates Geschichte. »Während der gesamten Fahrt hierher hat mir mein Vater eingetrichtert, dass wir etwas tun werden, von dem andere Leute behaupten, dass es gar nicht mehr getan werden kann«, erzählt Nate Turner, als er am nächsten Morgen die vergilbten Vorhänge aufzieht, um etwas Licht durch die winzigen Glasfenster einzulassen. »Viele der alten Trapper hatten damals ihr Glück in kleinen Städten, ihr Leben in Kasinos, im Tourismus oder im Alkohol gefunden. Die meisten Blockhütten an den Flussufern und den Hängen der Hügel waren verwahrlost und verlassen.«

Zwischen einem Holzofen, drei Betten und einem Küchenbord mit Campinggeschirr verbrachten die Turners ihre ersten Jahre. Der heute 75-jährige Vater Mike wollte alles hinter sich lassen, vor allem die alte Farm, dann seine Scheidung, außerdem die harte Schufterei auf der Farm. Zusammen mit seiner ersten Frau hatte Turner im Bundesstaat New York die Milchfarm seines Vaters betrieben.

Die gemeinsamen Söhne Mat und Nate sind wie ihr Vater an der Ostküste der USA geboren und hatten ihr Leben bis dahin auf dem Land, am Rande der Stadt Syracuse, verbracht. Als der Vater sich mit seinen Söhnen vor über 30 Jahren auf den Weg nach Alaska machte, kannten die drei niemanden. Nach tagelangem Suchen fanden sie den Verkäufer einer Trappline – der Route, an der entlang ein Trapper seine Fallen aufstellt. Sie sollte ihre Lebensgrundlage werden.

Der Verkäufer drückte ihnen zur Begrüßung eine Karte in die Hand. Ein Netz aus Strichen: Lauter verwachsene Trails, die sich über Meilen hinweg entlang der Baumnarben als Markierungen durch die Wildnis zogen. Fortan bestimmte Trappen im Winter den Alltag der Turners. Beim Schneisen schlagen durch das Dickicht der kahlen Bäume, deren Äste die alten Zugänge über den Sommer häufig komplett zu gewuchert hatten, durchtrennte sich Nate Turner beim Bäume fällen mehrere Muskelsehnen seines linken Oberarms. Ärztliche Versorgung? Fehlanzeige. »Hier sind wir auf uns gestellt.«

Eine Chance

Einige Wochen Pause, warten, weiterarbeiten. Bei Minus dreißig Grad Celsius fuhren Mike und Nate Turner Winter für Winter mit dem Holzschlitten über die vereisten Flüsse, Hügel hinauf und hinab. Immer auf der Suche nach geeigneten Plätzen, um zu den Trails im verwilderten Busch vorzudringen. Zwischen Bäumen und Sträuchern spannten sie die mit Ködern bestückten eisernen Fallen aus Federn, Streben und Schlingen und versteckten sie im Schnee oder in Astgabeln. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Suchen, verstecken, warten – bis heute.

Nate Turner bückt sich unterm niedrigen Türstock der ursprünglichen Hütte hindurch, wischt sich den Staub von der Jacke und deutet auf die kleinen Kerben an den Bäumen gegenüber. »Hier sind wir auf unseren ersten Trail gestartet. Auch wenn uns andere Buschbewohner gesagt haben: Kehrt lieber um, das wird nichts. Selbst die noch aktiven Trapper meinten, dass man davon nicht mehr leben könne.« Doch genau dieses Leben haben die Turners gesucht, um noch einmal neu zu beginnen.

Nur der jüngere Sohn Nate ist mit seinem Vater im Busch geblieben. Schon als Teenager und aufmüpfiger Schüler hatte er den Erzählungen seines Vaters zugehört und in dem vergessen geglaubten Leben eines Trappers eine Chance gesehen, der Schule und dem Alltagstrott zu entkommen. Mike und Nate Turner waren sich schon immer nah. Mittlerweile lebt Nate mit seiner Frau Cathy, einer gebürtigen Alaskanerin, und vier kleinen Kindern in seiner eigenen Trapperhütte. Den Winter verbringt er etwa zwanzig Minuten Flugzeit entfernt vom Grundstück seines Vaters am Kantishna River. Immer im Herbst, kurz vor dem ersten Frost, wechseln Vater und Sohn den Wohnort, verlassen die Sommerbehausung, um mehrere Monate gemeinsam mit ihren Familien abgeschieden in einer Hütte auf einer Anhöhe zu leben und sich um die Trails zu kümmern; erst im Frühjahr kehren sie in die Sommerhütten zurück.

»Mein Vater sagte mir: Ich brauche deine Hilfe. Wir müssen das tun! Es erwartet uns ein reiches Leben. Er hatte so viel darüber gelesen und jetzt wollte er den Traum verwirklichen«, erzählt Nate Turner, als er abends seine Cessna am Flugplatz von Fairbanks an den Pollern festbindet. Wellblechhütten und hohes Gras säumen den Weg zum matschigen Parkplatz. Noch eingepackt in dicker Jacke, mit dem Gewehr in der Hand und hüfthohen Stiefeln an den Beinen schwingt Nate Turner sich hinter das Steuer seines roten Ford. »Wir sind hier nicht hergekommen, um Urlaub zu machen. Wir wollten unseren Traum in die Tat umsetzen, mitten in der Wildnis sein und von der Natur leben. Wir hatten eigentlich keine Ahnung, was das bedeutet. Aber wir wollten es tun, egal, was auf uns zukäme.«

Allein verantwortlich

Auf dem Weg vom winzigen Flugplatz in die 30.000-Einwohner-Ansammlung Fairbanks biegt Nate Turner in eine der holprigen Nebenstraßen am Stadtrand ab. Versteckt hinter den Betonblöcken der Geschäfte steht ein blau gestrichenes Holzhaus. Der Pelzhändler Jo Mattie erwartet Nate Turner bereits. »Wird’s ein gutes Jahr?« Er streicht mit der Hand über Biberfelle, die er auf Holzbrettern sorgsam ausgebreitet hat. Auf dem Schreibtisch davor liegen Listen über Wareneingang und -ausgang: Biber, Schwarzbären, Vielfraß und sogar Eichhörnchen. »Wir werden sehen.« Nate Turner ist schon wieder auf dem Sprung, nachdem er sich die Listen und Formulare seines Händlers für die neue Trapping- Saison in die Jackentasche gesteckt hat.

Das Geschäft mit dem Pelz ist in Alaska bis heute verbreitet. Doch Konkurrenz, schwankende Nachfrage und gefälschte Produkte haben vielen den Mut genommen, einzusteigen. Es gibt bessere und schlechtere Jahre. Die Einkommen schwanken wie die Preise. Viele der wenigen noch verbliebenen Trapper fürchten um das Erbe, das in ihren Familien über Jahrzehnte weitergegeben worden ist. Ihr Beruf ist Teil nostalgischer Erinnerungen. Die alten Schneisen der Trails frei schlagen, Fallen spannen und verstecken, Tiere fangen – für die wenigen verbliebenen Trapper ist das Geschäft immer schwieriger geworden.

Lizenzen sind ausschließlich an bestehende Trapperhütten und -gebiete gebunden. Tiere gibt es ausreichend, doch immer weniger Abnehmer für das Fell. Konkurrenten aus Russland oder China drücken die Preise. Selbst viele Alaskaner halten den Beruf für zu rückständig, zu altertümlich und zu wenig ertragreich. In dicken Baumwollhemden und mit pelzigen Fliegerkappen auf dem Kopf lehnen die Einheimischen von Fairbanks an ihren Pickups und Geländewagen – aufgereiht auf überdimensionalen Supermarktparkplätzen – und diskutieren über den bevorstehenden Winter und das Wetter.

Nate Turner hat seinen roten Ford bis unter das Dach beladen. Die Vorräte, die von Wascheimern übers Bier bis hin zur Schokolade reichen, muss er ins Wintercamp fliegen, bevor die Flüsse zufrieren und er die Cessna umrüsten muss: Die Schwimmer abbauen, dafür Kufen ans Flugzeug schrauben. »Dieses Leben sucht man sich nur selbst aus. Du allein bist dafür verantwortlich«, sagt er, während er Kiste für Kiste auf die noch freie Rückbank hievt. »Das Feuerholz wird nicht geliefert, das Wasser fließt nicht einfach aus dem Hahn. Die Trails schlagen sich nicht von alleine frei. Ohne Eigeninitiative gibt es im Busch nichts zu holen.«

Instinkte entwickeln

Die wenigen Laubbäume hinter dem Haus der Turners, die vom Flugzeug aus als winzige Farbtupfer erscheinen, sind bereits gelb gefärbt. Die Zwergbirken am Ufer des Kantishna River leuchten rot im Wasserspiegel, als das Flugzeug zum Stehen kommt. Es kündigt sich der kurze alaskische Herbst an, der bald das gesamte Waldgebiet um das Grundstück in einen Farbteppich der herbstlichen Tundra verwandeln wird. An das Ufer des mit Sand durchspülten Wassers dringen entferntes Wolfsheulen und gelegentliche Rufe von Jägern. Sie versuchen, Elchbullen näher ans Wasser zu locken. Die stark reglementierte Jagd in Alaska soll der Bevölkerung ermöglichen, ihr eigenes Fleisch für den Winter zu schießen. In den jeweils freigegebenen Zeiten für Elch, Schwarzbär oder Grizzly legen die staatlichen Behörden fest, wann und wie viel geschossen werden darf.

Mike Turner hat seinen Schwarzbären schon in Einzelteile zerlegt. Sie liegen in der vom Generator betriebenen Tiefkühltruhe hinter dem Haus. Bald wird die Schneedecke das Kühlen übernehmen. Das Bärenfleisch soll für sechs Monate reichen. »Du musst hier draußen wie ein Tier denken, Instinkte entwickeln. Das kann der Mensch nur mit der Zeit langsam lernen«, sagt Nate Turner, während er in der offenen Tür seines Flugzeugs steht, um neues Benzin in den Tank zu füllen. »Man muss die Natur genau beobachten, sie verstehen lernen und darf auf keinen Fall versuchen, sich über sie zu erheben. Denn dann wird sie gnadenlos zurückschlagen.«

Seit einiger Zeit ist er auch Pächter eines Jagdgebietes. Touristen zahlen viel Geld dafür, unter Anleitung angestellter einheimischer Jäger Tiere schießen zu dürfen. Nate Turner will seinen Gästen den nachhaltigen Umgang mit der Wildnis auch bei der Jagd näherbringen. Ihnen einen Hauch von authentischem Leben mit auf den Weg zurück in die Zivilisation geben. Wenn Jäger über mehrere Tage hinweg Zeit mit ihren einheimischen Guides verbringen, sollen die Touristen verstehen, dass sie keine Abschussgarantie gekauft haben, sondern sich mit der Natur messen müssen. Nate Turner hält seine Guides an, den Gästen aus aller Welt zu erklären, wie sich die Tiere in Alaska verhalten und dass der überwiegende Teil von ihnen noch nie in Kontakt mit Menschen war. »Die meisten Dinge hier geschehen außerhalb menschlichen Einflusses. Das sollten wir akzeptieren. Und beibehalten. Denn am Ende entscheidet genau diese Demut gegenüber der Natur darüber, ob es gelingt, hier in der Wildnis zu überleben.«

Platz und Freiheit

Mike Turner und seine Frau Fran haben die letzten Wochen von morgens bis abends Vorräte für den Winter geerntet und getrocknet, Bären gehäutet und die Vorratskammer winterfest gezimmert, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Auf ihrem Grundstück haben sie sich mittlerweile ihr eigenes Reich geschaffen. Die Wildnis kennt keine Bauauflagen. Die einstige Trapperhütte am Rande des Waldes ist längst Teil eines durchdachten Sammelsuriums aus Möglichkeiten und Erfindungen. Mike Turner balanciert auf den Holzbalken zwischen den Parzellen in seinem Garten. »Hier, die Karotten! Fast doppelt so groß wie letztes Jahr.«

Seine Frau Fran hat schon die Trockensiebe ausgelegt. Gemeinsam füllen die beiden das letzte Gemüse in riesige Plastikzuber. »Wir nutzen die Natur und bereichern uns an ihr, soweit es geht und solange sie die Lücken wieder schließen kann.« Fran Turner hievt Zuber für Zuber in die Vorratskammer. »Wir sind in unserem Land auch dafür verantwortlich, das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod, Säen und Ernten zu halten, ja es gewissenhaft mit zu steuern«, erzählt sie auf der Leitersprosse stehend. Das eigene kleine Sägewerk genau wie die Trockenkammer für Gemüse und Fleisch, das Fischrad, das die Hechte und Lachse des Kantishna River auf die Rutsche vor dem Grundstück der Turners treibt – all das hilft ihnen, so unabhängig wie möglich mitten in der Natur und mit ihrer Hilfe zu leben.

Als die späte Sonne den Horizont vor den weit entfernten Bergen der Brooks Range rot färbt, läuft Mike Turner noch immer und immer wieder vom Fischrad am Ufer die Böschung hinauf und hinab. In der rechten Hand hält er einen Eimer voll mit Lachsen, in der linken das Messer zum Ausweiden der Tiere. »Jeden Tag wird jemand mit dem gleichen Ziel geboren, das auch ich habe: in der Wildnis alleine zu überleben. Davon bin ich fest überzeugt. Und auch diese Menschen brauchen Freiheit und Platz für ihr Dasein«, sagt Mike Turner, als er Fisch für Fisch mit einem Haken im Maul an die Stange zum Trocknen unter dem Holzdach hängt. »Deswegen muss Alaska ein wildes Land bleiben.«

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